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Leseprobe

Loose Moose – Liebe und anderer Wahnsinn

MIRA MORTON

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Als sie die klapprige Tür kraftvoll nach draußen drückte, strömte ihr eisig kalte Luft entgegen. Hannah sah sich um und wusste, dass sie einen verdammt großen Fehler gemacht hatte.

Was um alles in der Welt wollte sie hier? In Alaska? Außer einem schwimmenden Steg, an dem das Wasserflugzeug quasi angelegt hatte, war hier rein gar nichts. Nun ja, eine kleine, halb verfallene Hütte und verschneite Bäume schon. Aber keine Häuser, kein Ort, nicht einmal dunkelgrauer Rauch über den Baumkronen war zu sehen, der zumindest die Vermutung nahelegte, dass hier irgendwo Menschen lebten, die bereits entdeckt hatten, wie man Feuer machte.

»Wollen Sie ewig die Landschaft bewundern?«, fragte Steve, der Pilot, Hannah recht unwirsch.

»Äh, nein. Aber vielleicht können Sie mir sagen, wie ich auf den Steg komme?« Selbsterklärend war das nämlich nicht. Den Schwimmer der Maschine und den Steg trennte gut ein Meter. Es war anzunehmen, dass sie einen Sturz in den Fluss nicht überleben würde. Also hatte sie keine Ahnung, wie sie sicher – und ohne ins dunkle Wasser abzurutschen – auf den Schwimmer gelangen sollte.

»Wie wärs mit Springen?«

»Klar. Super Idee. Ich stehe auf ein tödliches Bad im Eiswasser. Kommt für mich noch vor einer heißen Badewanne mit Föhn.«

»Das liegt an dir. Mit Winterstiefeln wäre das kein Problem, aber mit denen natürlich schon.« Süffisant grinsend deutete Steve auf Hannahs hohe Stiefel. »Ich kann dir garantieren, mit denen kommst du hier nicht weit.«

»Das sind Winterstiefel, und sie sind sogar mit Fell gefüttert. Aber lassen wir das. Helfen Sie mir jetzt oder nicht?«

Leider musste Steve noch zurück nach Anchorage fliegen, um später einen anderen Kunden in die Nachbarstadt Almonds zu bringen. Daher konnte er sich das Spektakel, wie die für Alaska völlig unpassend gekleidete Blonde direkt im Meer laden würde, aus zeitlichen Gründen nicht gönnen. Obwohl der Gedanke, wie sie mit ihren hohen Hacken auf seinen Schwimmer springen, abrutschen und schreiend abtauchen würde, sehr verlockend war. Aber die Pflicht rief. »Okay.«

Er stieg vom Flugzeug aus direkt auf den Schwimmer und hielt ihr die Hand hin. »Jetzt aber schnell, bevor ich es mir anders überlege.«

Sein Goldzahn blitzte in der Nachmittagssonne, und Hannah hatte keine Alternative, als ihm zu vertrauen. Daher ergriff sie seine Hand.

»Geschafft.« Er hatte sie auf den Steg gehoben und abgestellt.

»Vielen Dank«, sagte Hannah erleichtert. Sie hatte nicht nur den Tiefflug, sondern auch das hier überlebt, was ein Wunder war.

Dann verschwand Steve – schneller als sie schauen konnte – mit einem kleinen Päckchen in der Hand in Richtung einer winzigen Hütte.

Aber zum Glück tauchte er ebenso schnell wieder auf.

»Äh, bekomme ich noch meinen Koffer?«

»Hast du den Prinzessinnen-Service gebucht?«

Hannah wusste nicht genau, was Steve damit meinte. »Klar.«

Und schon sprang er wieder auf den Schwimmer. »Dumm. Dann hätte ich dich erst gar nicht hierherfliegen sollen, denn so etwas gibts bei Steve´s Alaska Air nämlich nicht.«

Steve´s Alaska Air nannte er seine Airline, die aus genau diesem einen etwas heruntergekommenen Flieger bestand. Aber er liebte Lilly. Und Lilly hatte ihn noch nie im Stich gelassen. Ganz im Gegensatz zu Frauen.

Hannah war außer sich. Nicht nur, dass hier weit und breit niemand zu sehen war, aber nun wollte er ihr in dieser gottverlassenen Gegend auch noch ihren Koffer stehlen und vielleicht über den Bergen aus der Maschine werfen?

»Okay, okay. Vergiss das mit dem Prinzessinnen-Service wieder, aber ich brauch meinen Koffer. Bitte!« Und meinen rosafarbenen Rucksack und auch noch die schwarze Sporttasche. Aber Hannah wollte Steve nicht überfordern. Lieber eines nach dem anderen.

»Beruhige dich.« Steve verschwand für ein paar Sekunden im Inneren der Maschine, und schon warf er ihr als Erstes den Rucksack zu. Es folgte die Sporttasche.

Gemeinsam mit dem Koffer fiel Hannah dann hart nach hinten, während Steve kurz auf seine dunkelbraune Fliegerkappe tippte. »Bis in zwei Wochen, Prinzessin, und sieh zu, dass dich nicht die Bären erwischen.«

Hannah rappelte sich unter dem Koffer auf und warf ihm einen stinkwütenden Blick zu. »Danke auch, und keine Sorge, hier gibts keine Bären.«

Lachend stieg Steve ins Cockpit und schaute noch einmal zu Hannah. Göttlich, der Anblick. Innerlich wettete er auf einen Anruf von ihr in spätestens drei Tagen. Natürlich würde er sie auch früher wieder nach Anchorage zurückfliegen, aber zum doppelten Preis. Er freute sich schon jetzt darauf.

Als er seine Lilly startete und den Motor aufheulen ließ, sah Steve, wie sie sich abmühte, ihren Koffer über den alten Holzsteg zu ziehen, was im Grunde unmöglich war. Jede der dicken verwitterten Holzplanken war unterschiedlich hoch und zudem verbogen. Der Anruf kommt spätestens morgen, korrigierte er seine Überlegungen von vorhin. Die überlebt hier keine vierundzwanzig Stunden.

Irgendwie schaffte Hannah es, ihr gesamtes Gepäck auf die alte Bank vor der Hütte zu stellen, damit weder Koffer noch Tasche im Schnee liegen mussten. Dafür musste jedoch sie selbst stehen.

Bei der Buchung hatte ihr die Inhaberin des Bed and Breakfast zugesichert, sie hier vom Flugzeug abzuholen. Bloß war von der Frau weit und breit keine Spur. Ich hasse mich! Wie hab ich nur auf diese saublöde Idee kommen können?

In der nächsten Sekunde wusste Hannah, wem sie die Schuld geben musste: Patrick. Ihr bester Freund besaß ein Reisebüro, und zu ihm war sie nach dem Desaster mit der Bitte gelaufen: ›Such mir einen Urlaub. So weit weg wie irgendwie möglich und so billig wie irgendwie möglich.‹ Tja, und hier war sie in dieser Einöde, die auf Hannah ganz und gar nicht vertrauenswürdig wirkte.

Rund um die Hütte war ein kleiner Bereich, der als Parkplatz genutzt wurde, schließlich sah man frische Reifenspuren im Schnee. Und keine Spuren von Tatzen, wie Hannah sofort erleichtert feststellte. Das bedeutete auch, hier gab es Menschen. Und ziemlich viele Bäume. Außerdem führte nur eine einzige schmale Straße von hier weg direkt durch den Wald. Wohin, wusste sie nicht. Aber damit war klar, welchen Weg sie nehmen musste.

Okay, dann ruf ich mir eben ein Taxi, beschloss Hannah, nur um sofort festzustellen, dass ihr Akku leer war.

»Großartig! Ich hasse das!«, schrie sie den hohen Nadelbäumen zu und kickte gegen die Bank, was zur Folge hatte, dass sie unter dem kurzen, aber intensiven Schmerz in ihrem Fuß auf einem Bein im plattgedrückten Schnee herumhopste. Natürlich rutschte sie aus und fiel hin.

Nachdem ihr Repertoire an Schimpfwörtern erschöpft war und der brennende Schmerz nachgelassen hatte, stand sie wieder auf. Okay. Dann gehe ich eben. Mir ist sowieso saukalt, das wird helfen, redete Hannah sich ein.

Doch noch bevor sie ein System gefunden hatte, all ihr Gepäck auf einmal zu tragen oder zu schultern, bog ein Truck um die Ecke und blieb direkt vor ihr stehen.

Ein Mann stieg aus, sie konnte nicht einmal richtig erkennen, wie er aussah, denn er trug einen dicken schwarzen Anorak, eine Mütze und eine Sonnenbrille.

Eine Sonnenbrille! Sie stand hier im Schatten, und es war tiefster Winter. Aber gut. Sie stürzte sofort auf ihn zu.

»Gut, dass Sie endlich da sind! Aber ich dachte, ich werde von einer Dana abgeholt?«

Er musterte sie von oben bis unten und erwiderte erst einmal nichts. Dann grinste der Typ. »Nun, wenn Dana gesagt hat, sie kommt dich abholen, dann wird sie es wohl tun.«

Er war nicht hier, um sie ins Golden Moose zu bringen? Hannah checkte kurz ihre Möglichkeiten: Eins war auf Dana zu warten und zu erfrieren, zwei war sich auf den Weg in die Pension zu machen und dabei zu erfrieren, drei war von ihm entführt und vergewaltigt zu werden.

»Wie kommt man denn am schnellsten von hier ins Golden Moose

»Oh, das Golden Moose? Das kennt hier jeder.«

Idiot! Das war nicht meine Frage. »Super, wenn das jeder kennt. Aber ich will wissen, wie ich von hier aus dorthin komme.«

Er rieb kurz sein Kinn. »Also, wenn ich du wäre, dann würde ich mal definitiv nicht von hier starten.«

Ich hau ihm eine!

»Ach, und wenn ich es aus irgendwelchen Gründen muss? Wie komme ich in so einem Fall in die Pension?«

Lachend verschränkte er seine Arme vor der Brust. »Nun. Hier den Weg entlang, dann durch den Wald. Dann biegst du etwa zwei Meilen vor dem kleinen See rechts ab. Du kannst aber auch der Straße folgen und ungefähr sieben Meilen vor dem großen See rechts abbiegen. Auf jeden Fall, kurz bevor du am Bison-Rock-Schild vorbeikommst, das es schon lange nicht mehr gibt, siehst du gleich rechts hinter der Baumreihe das Golden Moose. Nicht zu verfehlen.«

Schon während seiner Beschreibung waren Hannahs Augen immer größer geworden. Und es hatte ihr die Sprache verschlagen. Aber jetzt war sie stinkwütend. »Sie verarschen mich doch! Finden Sie das lustig?«

Der Mann nahm die Sonnenbrille ab und steckte sie in den Anorak. Unschuldig sah er sie aus stechend braunen Augen an. »Wieso?«

»Vergessen Sie es. Könnten Sie mich vielleicht ins Golden Moose bringen? Ich bezahle die Fahrt selbstverständlich.« Vielleicht hatte Dana sie schlichtweg vergessen? Sich im Datum geirrt? Oder war auf dem langen Weg erfroren? Hannah jedenfalls bibberte vor Kälte, während er sie seelenruhig noch einmal ausführlich von oben bis unten musterte. Mit diesen Stiefeln schafft sie es nicht einmal bis zum Wald.

»Klar, kann ich machen.«

Innerlich jubelte Hannah auf, aber nach außen hin blieb sie cool. »Danke! Das ist sehr nett von Ihnen.«

Sie wollte die Distanz zwischen ihnen unbedingt aufrechterhalten und blieb konsequent per Sie. Vielleicht entführte er sie dann ja doch nicht?

Doch statt Hannahs Gepäck zu nehmen und auf den Pick-up zu laden, ging er an ihr vorbei, direkt durch die schiefe Holztür, und verschwand in der Hütte. Sie hatte das Häuschen bereits inspiziert. Da drinnen war nichts, außer einem Tisch und vier Sesseln, einem Kühlschrank, den sie sich bei diesen Temperaturen hätten sparen können, und einer Mini-Küchenzeile. Da überall Anglerzeug herumlag, diente sie wohl als Angelhütte.

Mit einem kleinen Päckchen in der Hand kam er zurück, und Hannahs Herzschlag setzte für einen Moment aus. Das war exakt das braune Päckchen, das Steve in die Hütte getragen und auf den Tisch gelegt hatte. Meine Güte, die schmuggeln hier Drogen, schoss es Hannah durch den Kopf.

»Okay, es kann losgehen. Wirf deine Sachen einfach hinten auf die Ladefläche.«

Das war nicht mehr nötig, Hannah hatte sich fürs Erfrieren entschieden.

»Danke, aber ich habs mir anders überlegt.«

»Wie du willst. Aber wenn Dana bis jetzt nicht aufgetaucht ist, dann wird sie dich vermutlich vergessen haben.«

Das ist mir egal, dachte Hannah. »Das glaube ich nicht. Sie hat mir ja eine E-Mail geschickt, dass sie mich hier abholen wird.«

Nun öffnete er seinen Anorak ein Stück am Hals, und Hannah konnte das erste Mal sein Gesicht mustern. Er war braungebrannt, was verwunderlich war, hatte tiefbraune Augen, die sie auslachten, und wenn der Bart nicht wäre, würde er ziemlich gut aussehen. Blödsinn. Er sieht toll aus.

Plötzlich streckte er seine Hand aus: »Jack.«

Verdutzt schüttelte Hannah ihm die Hand. »Freut mich.«

»Mich auch, aber wie heißt du?«

»Hannah.«

»Aha. Nun, dann grüß die Stachelschweine von mir, wenn du an den Stika-Fichten vorbeigehst.«

Während das bei Hannah erst sickern musste, stieg er bereits in den Truck.

Stachelschweine? Hannah hatte irgendwo einmal gelesen, wie gefährlich Wildschweine waren.

Sein Motor heulte auf, und sie lief ihm nach.

»Halt! Bleib stehen! Ich habs mir anders überlegt«, schrie sie im nach, doch er rollte davon.

»Ich hasse dich und alles hier«, rief Hannah in Richtung des Wagens, bei dem jedoch plötzlich die Bremslichter aufleuchteten.

Wild und verzweifelt winkte sie und beruhigte sich langsam wieder, denn er kam schon im Rückwärtsgang auf sie zu. Als der Wagen anhielt, ließ er die Scheibe herunter.

»Bist du jetzt sicher, was du willst, oder überlegst du es dir wieder anders?«, ätzte Jack.

»Nein. Völlig sicher.« Hannah schnaufte und warf auch schon ihre Sporttasche auf die Ladefläche. Mit dem Koffer versuchte sie es ebenfalls, aber ohne Erfolg. Er war einfach zu schwer, und sie konnte ihn nicht höher als einen halben Meter heben.

»Gib ihn mir.« Beinahe mühelos wuchtete Jack ihren schwarzen Koffer in den Wagen.

»Danke.« Schnell stieg Hannah ein und hoffte inbrünstig, dass der Kerl so nett war, wie er aussah. Denn das tat er. Also irgendwie. Wenn man das Rustikale schätzte. Vollbart, Holzfällerhemd und so.

Natürlich hatte Hannah keine Ahnung, was Jack sich dachte, als er sie mit einem Schmunzeln von der Seite musterte. Hübsch war sie. Außergewöhnlich hübsch sogar. Besonders ihre grünen Augen.

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Montag

Mit der Überzeugung ›Ich bring ihn um!‹ warf Hannah keine drei Minuten später ihren Koffer von der Ladefläche nach unten in den Schnee, nachdem sie einfach hinaufgeklettert war. Aber das »Tolle Wegbeschreibung! Du hättest gleich sagen können, wie nahe die Pension ist« konnte sie sich nicht verkneifen.

»Wieso? Meine Wegbeschreibung war perfekt. Du hast mich ja nicht gefragt, wie weit entfernt sie ist.«

»Klar. Danke.« Hannah war stocksauer.

»Gerne. Wir Schotten sind eben sehr zuvorkommend.«

»Natürlich. Du hast dunkelbraune Augen und schwarzes Haar und willst mir jetzt erklären, dass du Schotte bist?«

»Schottischer Abstammung. Frag Dana. Aber jetzt muss ich. Wir sehen uns.« Und weg war er.

Hannah atmete tief durch und betrachtete das Haus. Links vor der Pension stand ein lebensgroßer Elch mitten im Schnee, der mit Goldfarbe bestrichen war, und daneben ein Schild, auf dem bezeichnenderweise Golden Moose stand. Das Haus selbst war entzückend. Weiß gestrichen, einen Stock hoch mit einem Vordach, unter dem die Eingangstür aus Holz mit einem grünen Kranz geschmückt war. Das gesamte Gebäude war von einer Veranda eingefasst und sah genauso einladend aus wie auf den Fotos im Internet.

Okay. Wenigstens ist es keine Bruchbude. Hannah schnappte ihren Koffer, stellte ihre Sporttasche darauf und versuchte, das Ganze über den plattgetretenen Schnee zu rollen.

»Hannah!« Eine rundliche Frau in blassrosa Anorak, grüner Mütze und dicken Winterboots stand plötzlich in der offenen Tür. »Ich wollte dich eben abholen kommen.«

Hannah blieb stehen. Jetzt? »Das ist nett, aber ich bin vor etwa einer halben Stunde gelandet.«

Dana stürzte ihr entgegen, zog Hannah einfach an ihre Brust und nahm ihr die Sporttasche ab. »Und wie bist du hergekommen?«

»Mit Jack.«

Ihre kleinen, hellblauen Augen leuchteten auf. »Oh, das ist gut. Dann habt ihr euch schon kennengelernt.«

»Äh, ja. Ist das wichtig?«

»Natürlich, denn was auch immer hier schiefgeht oder gelöst werden muss, checkt Jack. Das musst du dir merken.«

Hannah grinste. Klar, das passte perfekt zu ihm. Und die Drogen lieferte er gleich dazu. »Das ist toll, aber ich werde ihn sicher nicht brauchen, denn ich habe vor, einen absolut geruhsamen Urlaub zu verbringen.«

Schmunzelnd nickte Dana. »Und das wirst du, ganz bestimmt. Ich habe mich schon so auf deine Ankunft gefreut. Wir hatten noch nie einen Gast aus Österreich.«

Noch nicht mal einen von irgendwo anders als Kanada. Aber das sollte sich nun ändern, seit ihre beste Freundin die Pension auf alle möglichen Online-Buchungsseiten gestellt hatte. Dana war zuerst völlig dagegen gewesen, aber jetzt, da diese junge Frau mit dem lustigen Akzent vor ihr stand, entpuppte sich die Sache doch als gute Idee. Abwechslung konnte nie schaden.

Umgekehrt dachte sich auch Hannah so einiges über diese Pension. Die Frage, die Hannah sich etwas später stellte, war, ob Dana überhaupt einen anderen Gast außer ihr hatte. Zumindest ließ nichts darauf schließen, als sie vor der Rezeption, mitten in einem kleinen Vorraum stand.

Die Einrichtung erinnerte an alte Filme, war dunkel, sehr holzlastig, und das Thema Elch war nicht zu übersehen. Überall hingen Elchbilder oder posierten kleine Elchfiguren. Am Schlüsselbord waren fünf Zimmer ausgewiesen, vier Schlüssel mit der goldenen Silhouette eines Elchs hingen noch dort, und einen davon gab ihr gerade Dana.

»Danke. Ich werde mal meinen Koffer ins Zimmer stellen.«

Wie zu erwarten war, zeigte Dana ihr nicht nur das Zimmer, das echt süß und sehr gemütlich in hellem Holz und mit viel Weiß und Gelb eingerichtet war – es gab sogar eine kuschelige Sitzgruppe –, sondern gleich das ganze Haus. Dana führte sie in einen Frühstücksraum, von dem aus man auf einen kleinen See hinter dem Haus blickte. Gleich daneben war eine geräumige Wohnküche mit einem Tisch und drei Stühlen, und es gab auch so etwas wie ein Wohnzimmer mit einem offenen Kamin, einer einladenden Sitzgruppe aus dunklem Leder und mit bunten Zierkissen. Daneben standen zwei Regale voll mit Büchern. Einfach perfekt, dachte Hannah.

»So, und jetzt kommst du mit in die Küche, und ich richte dir einen späten Lunch. Du wirst von der langen Reise doch sicher sehr hungrig sein.«

Jetzt, da Dana Essen erwähnte, knurrte tatsächlich Hannahs Magen. »Gerne. Das ist echt nett von Ihnen.«

»Ich bin einfach nur Dana. Okay? Hier spricht sich niemand mit dem Nachnamen an. Nur der Doc heißt Doc.«

»Verstehe.«

 

Drei Stunden später war Hannah noch immer pappsatt und hatte sich auch schon in ihrem kleinen Reich für die kommenden zwei Wochen eingerichtet. Ihre Kleidung hatte sie fein säuberlich in den großen Schrank geschlichtet oder gehängt, ihr E-Reader lag auf dem Nachtkästchen, und sie hatte noch eine Tasse Tee mit Dana getrunken, zu der es Schokoladenkuchen gegeben hatte.

Überhaupt war Dana ihr kaum fünf Minuten von der Seite gewichen. Hannah wusste nun mehr über den Ort und seine Bewohner, als sie jemals hatte wissen wollen. Die meisten Infos über die Bürgermeisterin, den Vater irgendeines Einheimischen, der der beste Bärenfänger war, und über den Jungen, der ein Händchen für Huskys hatte, eine Gabe, wie Dana es beschrieb, vergaß sie gleich wieder. Genauso wie die Tatsache, dass Dana den Chor leitete, der aus fünf Personen bestand, die Vorsitzende des Weihnachtskomitees und damit verantwortlich für die große Weihnachtsmeile war, die im Endeffekt nur etwa zweihundert Meter lang war.

In bunten Farben hatte Dana ihr geschildert, wie aufwendig das Dorf zu Weihnachten dekoriert wurde, welche Lichtspiele und welches Unterhaltungsprogramm es gab. Typisch Alaska, hatte Hannah gedacht, als Dana erzählt hatte, dass das Highlight das Schnitzen von Krippenfiguren mit der Motorsäge war und sie mit ihrer besten Freundin ganz gerne auf die Jagd ging.

So aufmerksam und lieb Dana auch war, Hannah brauchte ein wenig Abstand und wollte zu sich kommen. Hier ankommen, ohne der älteren Dame ständig zuhören oder auf ihre Fragen antworten zu müssen.

Da ihr nach dem Tee wohlig warm war, beschloss Hannah, eine kurze Runde durchs kleine Dorf zu machen, an dessen äußerstem Rand die Pension gelegen war. So entkam sie Dana und lernte gleich ihren Urlaubsort kennen.

Mit ihren hohen Stiefeln ging Hannah am frühen Nachmittag die Straße entlang, was kein Problem war, denn der Schnee war festgetreten und griffig. Die Privathäuschen, an denen sie vorbeikam, sahen alle einander ähnlich und waren mit Holz verkleidet. Manche waren dunkelrot gestrichen, andere in verschiedenen Naturtönen. Vor den meisten parkte ein etwas in die Jahre gekommener Pick-up.

Auf der linken Straßenseite sah sie das Schild des Arztes, den Dana erwähnt hatte, und gleich daneben war eine Art Mini-Lebensmittelgeschäft, das, wie sie durch die Auslagenscheibe sehen konnte, auch von der Zahnpasta bis zum WC-Papier alles für den täglichen Bedarf anbot. Und dieses armselig aussehende Elch-Plüschtier, das vermutlich schon seit Jahren in der Auslage sein Dasein fristete.

Dennoch gefiel Hannah, was sie sah. Dieser kleine Ort war wirklich entzückend. Irgendwie aus der Zeit gefallen, und insofern hatte Patrick recht gehabt: ›Alaska ist zwar nicht das, was du üblicherweise für einen Urlaub gewählt hättest, aber du wirst sehen, es wird dir gefallen.‹

Gleich nach dem Laden folgte das vermutlich einzige Lokal des Villages, die Loose-Moose-Bar. Hannah musste kurz wegen des Namens schmunzeln und beschloss, ihren Urlaub mit einem Kaffee oder vielleicht einem Drink zu beginnen, je nachdem was die Bar zu bieten hatte. Sie trat durch die massive Holztür nach drinnen, wo es wohlig warm war. Sofort drehten sich alle Gäste, die an den schweren Holztischen saßen, zu ihr um. Es waren jedoch nur fünf Personen, die sie auf die Schnelle zählte.

Jedes Gespräch erstarb, und jeder sah sie an. Meine Güte, dachte Hannah. Was soll denn das jetzt?

Mit einem »Hallo« ging sie an Tischen vorbei, direkt auf die Bar zu, und setzte sich auf einen der gepolsterten, weinroten Hocker mit Lehne. Hannah wunderte sich, dass niemand hinter dem Tresen stand.

Doch dann kam eine brünette Frau aus der Küche geschossen, etwa in ihrem Alter. So um die dreißig. In ihren Jeans, dem T-Shirt, auf dem unübersehbar ›Don’t touch‹ prangte, und den extrem großen stahlgrauen Augen sah sie nicht nur hübsch, sondern sehr sympathisch aus. Überhaupt hatte Hannah noch nie jemanden mit so ausgefallenen und interessanten Augen getroffen. Und diese Frau hatte Oberarmmuskeln, um die Hannah sie beneidete. Mühelose trug sie zwei Tabletts gleichzeitig, auf denen Teller mit Burgern und Pommes Frites standen, sowie jeweils zwei Pitcher Bier. Sie nickte Hannah kurz zu. »Bin gleich bei dir.«

»Danke.«

Hannah beobachtete die junge Frau, wie sie die Menüs einem Ehepaar servierte, das ganz hinten saß, sich dann über die lange dunkelrote Schürze über den Jeans wischte und sich neben Hannah stellte. »Hi, ich bin Angel. Danas Tochter. Und du bist sicher Hannah, oder?«

War das hier wirklich so wie in den Filmen und Serien rund um Alaska? Jeder kannte jeden, jede Neuigkeit verbreitete sich wie ein Buschfeuer, und außerdem war jeder mit jedem verwandt? »Ja, schön, dich kennenzulernen.«

»Ebenfalls. Meine Mutter hat sich schon so auf deine Ankunft gefreut.«

Hannah schmunzelte. Ja, es war so wie in den Filmen. Allerdings … »Sie scheint sich aber nicht so sehr gefreut zu haben, dass sie mich rechtzeitig vom Flugzeug abgeholt hätte. Ich musste mit einem gewissen Jack zur Pension fahren.«

Hannah hatte sich diese Bemerkung einfach nicht verkneifen können, wollte sie jedoch gleich wieder abschwächen. »Aber deine Mutter ist superlieb und die Pension und ihr Essen ein Traum.«

Angel grinste. »Ja, ist sie. Mit meiner Mutter zu wohnen ist allerdings schlecht für die Figur, und sie hört auch nicht auf zu reden. Du bist wohl gleich geflüchtet, was?«

Hannah fühlte sich auf unangenehme Weise ertappt. »Äh, nein. Ich wollte bloß –«

In diesem Moment legte Angel den Arm auf ihren und unterbrach sie. »Schon gut. Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Jeder hier weiß, wie anstrengend meine Mutter sein kann, gerade weil sie ein verdammt großes Herz hat. Und auch, dass sie gerne redet. Dabei wird sie nur von Sarah geschlagen.« Hannah musste lächeln, das war echt eine liebe Geste von Angel. »Hannah, hier in der Bar sitzt niemand, der nicht auch schon mal vor ihr geflüchtet ist. Mich eingeschlossen. Deshalb wohne ich jetzt über der Bar.«

Die beiden Frauen sahen einander schmunzelnd an, Angel zwinkerte kurz, und Hannah hoffte im Stillen, hier auf Anhieb so etwas wie eine Freundin gefunden zu haben. Wenn auch nur für den Urlaub. »Okay. Ich gebs zu. Nach den Ausführungen zur Schlitten-Parade und dem Weihnachtskugelbemalen wollte ich mal kurz an die frische Luft.«

Angel lachte hell auf. »Wusste ich es doch. So … Was kann ich dir nun bringen?«

»Essen kann ich nichts mehr, aber vielleicht einen Kaffee?«

»Gerne, aber du bist doch im Urlaub. Wie wäre es mit einem Kodiak Coffee?«

Hannah hätte nachfragen können, woraus der bestand, wollte sich jedoch überraschen lassen. »Klingt toll, den nehme ich, bitte.«

Während Angel an der Kaffeemaschine hantierte, strömte ein kalter Luftzug um Hannahs Beine. Sie drehte sich um. Klar! Wer sonst?

Jack kam direkt auf sie zu und setzte sich mit einer Selbstverständlichkeit, die an Arroganz grenzte, direkt neben Hannah. »Wie ich sehe, hast du den besten Platz der Stadt bereits entdeckt.«

»›Stadt‹ ist wohl etwas übertrieben für rund dreißig Häuser, meinst du nicht?« Hannah dachte schon darüber nach, wie sie ihm freundlich aber bestimmt erklären sollte, dass sie ihren Kaffee hier allein trinken wollte, da schlüpfte Jack aus seiner Jacke und legte sie, wie auch die Mütze, auf den freien Barhocker neben sich. Wow. Was für ein Muskelpaket!

»Da irrst du dich. Wir haben Doc, einen Laden, die Bar, eine Werkstatt, wie du ja weißt, ein Hotel, und wir haben auch ein Rathaus und eine Baufirma. Also, für uns hier ist das eine Stadt«, erklärte er ihr völlig ernst. Doch dann grinste er sie schelmisch aus seinen dunklen Augen an. »Und wenn du hier eine schöne Zeit haben willst, dann rate ich dir, denke nicht einmal dran, Moose Creek jemals nicht als Stadt zu bezeichnen.«

»Hier!« Angel servierte ihr ein hohes Glas. Offensichtlich war dieser Kodiak Coffee einfach ein Kaffee mit einer Haube aus Schlagobers. In Wien nannte man ihn Einspänner, bloß wurde der nicht in einem Häferl mit einer riesigen Bärentatze darauf serviert.

»Danke. Das sieht toll aus.« Und zu Jack gewandt ergänzte sie: »Und dir, Jack, danke für den Tipp. Wenn du dich besser fühlst, nenne ich Moose Creek auch gerne das New York und dich den George Clooney des Nordens.«

Statt beleidigt aufzustehen, lachte Jack schallend. »Du lernst schnell. Wenn du dir jetzt noch ordentliche Stiefel und eine fellgefütterte Mütze kaufst, könnte es sein, dass wir nach einer Woche vergessen, dass du nicht von hier bist.«

Damit war Jack beim Thema, denn es interessierte ihn brennend, was diese unglaublich hübsche Frau von Europa nach Alaska geführt hatte. Noch dazu alleine.

Sie sah weder nach Heliskiing aus, das ohnehin nur über siebenhundert Meilen entfernt im Süden möglich war, noch nach Angeln oder Jagen. Er tippte auf Selbstfindungstrip. Schien bei unterbeschäftigten Europäerinnen genauso in zu sein wie bei gelangweilten Amerikanerinnen.

»Nett von dir, Jack, aber ich steh dazu, Touristin zu sein.« So, genug gequatscht, dachte Hannah und probierte den Kodiak, der ölig nach hinten rann und nicht nur ihre Speiseröhre wärmte. Hannah stellte die Tasse ab und hustete kurz.

Angel kam von einem Tisch zurück. »Und? Schmeckt er?«

»Ja, aber hallo! Das Zeug ist ziemlich stark.«

Angel kicherte. »Stimmt, hab dir die Urlaubsversion gemixt.«

»Super Idee, Angel. Aber ich muss noch rüber nach Silver Creek. Also, wenn du Hannah abfüllst, musst du selbst sehen, wie du sie zu deiner Mutter bekommst.«

Nun fühlte Hannah sich doch ein wenig angegriffen. Was dachte der denn von ihr? Dass sie ein Weichei war? »Hör mal, ich kann ganz gut auf mich selbst aufpassen. Also keine Sorge.«

»Wenn du sagst«, erwiderte Jack gelassen, trank sein Bier leer und legte ein paar Dollarscheine auf den Tresen. »Ich muss jetzt los. Schönen Abend euch beiden.«

»Danke.« Angel strahlte ihn an. »Und pass auf dich auf. Wir sehen uns sicher später, ja?« Verdutzt schaute Hannah von ihr zu Jack. Konnte es sein, dass da etwas zwischen den beiden lief?

»Heute vermutlich nicht mehr. Hab einen VIP-Kunden, du weißt schon wen. Die Nervensäge. Aber wer weiß?« Jack zog sich die Jacke über, nahm die Mütze in die Hand und winkte den anderen Gästen auf Wiedersehen.

Das Wort ›VIP-Kunde‹ erinnerte Hannah sofort schmerzlich daran, warum sie überhaupt hier gelandet war. Sie konnte nur hoffen, dass sich die Leute hier lieber miteinander in der Bar trafen oder anstrengende Jobs hatten und nicht ihre Zeit mit YouTube-Memes verschwendeten. Das hatte ihr Patrick vor der Buchung zumindest versprochen.

Unwillkürlich wurde sie rot und hoffte, dass Angel, die ihr gegenüber an der Theke stand und Gläser trockenwischte, es nicht bemerkte. Die Sache war einfach zu peinlich.

»Ist er nicht heiß«, stellte Angel fest, obwohl sie es wie eine Frage formulierte.

Na ja. Gut, Jack sieht fantastisch aus, vorausgesetzt, man steht auf diesen herben Look. Igitt! Der rasiert sich sicher nicht einmal unter den Achseln, geschweige denn sein Brusthaar, schoss es Hannah durch den Kopf. Aber sie wollte ihre neue Freundin nicht gleich vor den Kopf stoßen. »Irgendwie schon.«

Angel beugte sich mit einem verschwörerischen Blick über die Bar. »Ich weiß ja nicht, wie das bei dir in Wien ist, aber für hier ist Jack ein Royal Flush, falls du weißt, was ich meine.«

»Nicht ganz, klingt aber nach Volltreffer.«

»Jap. Das ist das höchste Blatt beim Poker.«

»Aha.« Hannah hatte noch nie Poker gespielt.

Falsch. Sie hatte, aber bei Strippoker auf einer Exkursion in ihrer Schulzeit. Sie waren alle jung und dumm gewesen, daher war es weniger darum gegangen, dass man sich wirklich bei dem Spiel auskannte. Doch was sagte sie nun zu Angel? ›Hände weg, der dealt sehr wahrscheinlich mit Drogen, und dieser Pilot, Steve, der steckt mit Jack unter einer Decke?‹

Keine gute Idee.

»Dann spielt ihr hier Poker?« Das war gut. Unauffällig und unverfänglich.

»Ich nicht, aber die Männer. Jeden Freitagabend. Also, wenn sie Zeit haben.«

»Ich dachte, Glücksspiel ist in Alaska verboten.«

»Ist es auch bis auf Bingo und Pull-Tabs.«

»Und sie spielen es trotzdem?«

»Ja, im Hinterzimmer. Hannah, wir sind hier in Alaska, was denkst du denn, wie wir uns hier die Zeit vertreiben? In schicke Clubs gehen wir jedenfalls nicht. Und Tinder-Dates tauchen hier auch keine auf.«

Hannah musste mit Angel mitlachen. »Sorry, ich wollte dich oder euch alle hier ganz sicher nicht beleidigen, Angel.«

»Weiß ich doch.« Sie nahm das nächste Glas in die Hand und trocknete es ab, ohne hinzusehen.

»Puh, dein Kaffee hat mich geschafft«, meinte Hannah, hatte ihn aber bis zum letzten Tropfen ausgetrunken. »Ich bin

Impressum

Verlag: Zeilenfluss

Texte: Mira Morton
Bildmaterialien: www.buerosued.de
Cover: bürosüd
Korrektorat: Dr. Andreas Fischer
Satz: Zeilenfluss
Tag der Veröffentlichung: 09.11.2021
ISBN: 978-3-96714-175-7

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