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Leseprobe

 

Winterdünenglück

Karin Lindberg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lektorat: Dorothea Kenneweg

Korrektorat: Ruth Pöß - www.das-kleine-korrektorat.de

Covergestaltung: Casandra Krammer - www.casandrakrammer.de

Covermotiv: © Shutterstock.com

Copyright © Karin Lindberg 2021

 

 

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Alle Rechte vorbehalten.

Jede Verwertung oder Vervielfältigung dieses Buches – auch auszugsweise – sowie die Übersetzung dieses Werkes ist nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet. Handlungen und Personen im Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

Prolog

 

 

Lara hasste es, dass sie nicht Nein sagen konnte. Gleichzeitig spürte sie, wie sich ihr Magen verknotete. Wie jedes Jahr, wenn das Thema Dienstplan um den Jahreswechsel zur Sprache kam, ließ man ihr keine Wahl. Sie saß mit ihrer Vorgesetzten Maria im Aufenthaltsraum der Physiopraxis des Münchner Krankenhauses, in dem sie seit sechs Jahren angestellt war. Lara schluckte und blinzelte, während sie versuchte, nicht allzu sauertöpfisch dreinzuschauen.

»Ich verstehe, dass du nicht begeistert bist, Lara«, Maria hatte ihre verständnisvolle Miene aufgesetzt. »Aber du bist nun mal die Einzige im Team, die Single ist und keine Kinder hat.«

Lara seufzte. Obwohl das, was ihre Chefin gesagt hatte, nicht ganz korrekt war, konnte sie doch nicht widersprechen, denn ihr Freund war Laras schmutziges Geheimnis. In ihrem Magen bildete sich ein großer Knoten. »Ja, ich weiß«, erwiderte sie daher nur.

»Mir ist klar, dass es nicht gerade toll ist, an Weihnachten und Silvester Dienst zu schieben.«

»Nicht toll?«, wiederholte Lara pikiert und hob eine Augenbraue. Ihre Hände ruhten in ihrem Schoß.

Maria wedelte mit ihrem Kugelschreiber. »Dann kann ich dich also eintragen?«

»Steht mein Name nicht sowieso schon im Dienstplan?«

»Noch nicht.«

Lara atmete aus und winkte ab. »Dann mach halt, ich habe ja nicht wirklich eine Wahl. Natürlich möchte ich den Kollegen mit Familien nicht das Fest verderben.«

»Danke, das ist echt lieb von dir.«

»Ja, ja«, sie winkte ab. »War sonst noch was, sonst würde ich jetzt mit meiner Runde anfangen.« Lara mochte ihren Job als Physiotherapeutin, die Arbeit mit Menschen, ihnen zu helfen, war das, was ihr Freude bereitete. Auch, wenn ihre Patienten häufig von Schmerzen geplagt waren, weil sie gerade frisch operiert waren oder chronische Leiden hatten. Es war der positive Teil ihres Jobs zu wissen, dass sie diejenige war, die den Kranken dabei half, wieder mobil zu werden und zurück ins normale Leben zu finden. Unfälle machten leider auch vor den Weihnachtsfeiertagen keinen Halt, und somit musste ebenfalls die Physio-Abteilung zu jeder Zeit des Jahres besetzt werden. Dass ausgerechnet Lara mal wieder den schwarzen Peter ziehen musste, fand sie zwar nicht schön, aber sie konnte keine Einwände dagegen vorbringen. Vielleicht wollte sie das auch gar nicht, weil sie sonst sowieso nur allein zuhause mit einer Tiefkühlpizza vor der Glotze sitzen würde. Nicht gerade verlockend, also biss sie in diesem Jahr wieder in den sauren Apfel.

»Du könntest dafür vor Weihnachten ein paar Tage freinehmen«, bot Maria an. »Ich habe eben gesehen, dass du noch eine ganze Menge Resturlaub hast. Das sieht die Verwaltung nicht gern, wenn wir den mit ins neue Jahr nehmen.«

Lara stand auf und griff sich ihr Klemmbrett mit dem heutigen Behandlungsplan. Es war traurig, aber außer ihrem Job hatte ihr Leben nicht viel zu bieten. Auf sie wartete zu Hause nicht mal eine Katze oder ein Wellensittichpärchen. Sie straffte sich und rang sich ein Lächeln ab. »Ich denke drüber nach.« Für eine Sekunde flammte der Impuls in ihr auf, alles hinzuschmeißen und auf Weltreise zu gehen. Aber sofort verwarf sie den Gedanken. Sie war nicht die geborene Abenteurerin, und obwohl sie gute Freunde hatte, wäre keiner von ihnen dazu in der Lage, den Job für Wochen oder Monate aufzugeben, um sie zu begleiten.

»In Ordnung«, Maria beugte sich wieder über ihren Plan. Sie wirkte auf einmal sehr beschäftigt, und Lara machte sich auf ihre Runde.

Sie verließ den Raum und trat auf den Flur. Die Neonröhren an der Decke spendeten ein künstliches, helles Licht, das jeden blass aussehen ließ. Tageslicht gab es in diesem Bereich des Krankenhauses keines. Ihre Schuhe hinterließen ein quietschendes Geräusch auf dem grauen Linoleumboden. Es roch, wie in jedem Klinikum, nach Desinfektionsmitteln und Schwermut. Lara wusste nicht, warum sie heute selbst so bedrückt war. Vermutlich die Jahreszeit, sagte sie sich, als sie um die Ecke in Richtung Aufzüge bog. Sie stieß mit jemandem zusammen.

»’Tschuldigung«, brummte sie, bis sie merkte, dass es Philip war.

»Hey, du hast es ja eilig«, gab er mit einem breiten Grinsen zurück. Er trug einen langen, weißen Kittel. Sein Name war mit einem Plastikschild daran befestigt. Dr. Philip Patzelt, Oberarzt der orthopädischen Chirurgie. In seiner Brusttasche steckten ein paar Kugelschreiber und seine Lesebrille. Er trug sein dunkelblondes Haar leicht zurückgegelt und war, wie immer, ordentlich rasiert. Der Hauch seines intensiven Aftershaves stieg ihr in die Nase.

»Muss auf meine Runde«, erklärte sie und rührte sich nicht.

Philip guckte sich um, und als er niemanden entdecken konnte, griff er ihre Hand und zog sie mit sich in einen kleinen Nebenraum der Wäscherei. Er schloss die Tür hinter ihnen und nahm sie dann in seine Arme. »Ich hab’ dich vermisst, Schnucki«, raunte er an ihrem Hals und begann, sie zu küssen. Seine Finger wanderten zu ihren Pobacken, wo er herzhaft zupackte und sie an sich drückte. »Wann können wir uns sehen?«, brummte er, während er sich eifrig zu ihrem Dekolleté vorarbeitete.

Lara hielt die Augen geschlossen und genoss seine Liebkosungen. »Ich habe übermorgen frei«, raunte sie.

»Geht nicht, da habe ich Nachtdienst.«

Sie schwieg, ehe sie eine weitere Frage stellte, die ihr schon länger auf der Seele brannte. Oder immer wieder. Das Thema war nicht neu. »Hast du es ihr schon gesagt?«, platzte es doch aus ihr hervor.

Philip erstarrte. »Was?«, fragte er unnötigerweise, obwohl klar war, worum es ging.

Lara öffnete die Lider und schob ihn ein Stück von sich. Das konnte er nicht ernst meinen. »Wann verlässt du sie?«, brachte sie es direkt auf den Punkt. Sie hatte genug davon. Ihr Geduldsfaden war heute dünn, so resolut war sie sonst nicht. Aber das Gespräch mit Maria hatte ihr sehr deutlich vor Augen geführt, was sie nicht mehr wollte: Die Single-Frau sein, die keine war, es aber niemandem sagen konnte, weil ihr Freund noch verheiratet war und man den Schein wahren musste. Lara wollte Weihnachten nicht allein feiern, sondern mit einem Partner und einem richtigen Baum. Mit Geschenken und Kerzen. Sie hatte es satt, die geheime Nummer zwei zu sein. Das dreckige Geheimnis des Oberarztes. Philip wusste das. Seit drei Jahren kam das Thema immer wieder auf. Stets hatte er eine andere Begründung, warum er noch mit der Trennung warten musste. Lara war gespannt, was er zu sagen hatte.

»Nein, habe ich nicht«, erwiderte er. »Du weißt doch, ihr geht es gerade emotional nicht gut.«

Seine Finger glitten unter ihr Shirt. Lara hielt seine Hand fest, schob sie zurück und trat von ihm weg. »Ich kann es nicht mehr hören.« Sie unterdrückte den Impuls, Philip anzuschreien.

»Es ist schwer, du verstehst das nicht.«

Lara platzte endgültig der Kragen. »Ja, das stimmt. Ich verstehe es nicht. Es sei denn, du hast gar nicht vor, sie zu verlassen.« Die Wahrheit lag auf einmal offen und deutlich vor ihr. So klar hatte sie es nie gesehen, oder nicht sehen wollen. Lara wusste nicht, wieso gerade jetzt, aber der Schleier hatte sich gelüftet, und sie begriff endlich, dass Philip seine Frau niemals verlassen würde. Es war die alte Leier, die sich stets zu wiederholen schien. Lara hatte gedacht, dass es mit ihm anders sein würde, aber sie musste sich eingestehen, dass Fehler sich offenbar über Generationen fortsetzten. Aber sie würde es besser machen. Lara wollte nicht so enden wie ihre Mutter. Sie straffte sich. »Ich habe keine Lust, mir das noch länger anzuhören, außerdem muss ich arbeiten.«

Philip guckte, als hätte ihn ein Bus gerammt. »Schnucki …«

Sie hob abwehrend ihre Hand, ihre Kehle wurde eng. Sie hatte so viele Hoffnungen gehabt, so viele Träume. Leider musste sie sich eingestehen, dass sie niemals wahr werden würden. Jedenfalls nicht mit ihm. »Ich will das nicht mehr.«

Philip schwieg, er blinzelte, als ob er nicht kapierte, was sie meinte. Aber so begriffsstutzig konnte er nicht sein. Er war schließlich nicht dumm, sondern sehr geschickt darin zu bekommen, was er wollte. Noch mal würde sie nicht auf ihn und seine Beteuerungen hereinfallen. Sie war es leid, nur die gestohlenen Momente zu bekommen. Ein, zwei Stunden an einem Abend oder Vormittag. Eine schnelle Nummer zwischen zwei Patienten. Lara war von sich selbst angewidert, dass sie seit Jahren mit einem verheirateten Mann schlief. Sie hatte sich immer eingeredet, dass Philips Frau schrecklich sein müsste, dass er es schwer in der Ehe hätte. Sie hatte sich nie die Mühe gemacht herauszufinden, ob es stimmte, weil sie nicht erfahren wollte, dass es womöglich lediglich eine Ausrede war. Dass Philip einfach ein Arschloch war, der seine Frau betrog, und Lara diejenige, die ihre eigenen Werte über Bord warf, weil sie zu dumm war, Lügen als das zu entlarven, was sie waren: nur ein Mittel, um seine Lust zu befriedigen.

»Ruf mich nicht mehr an. Schreib mir keine Nachrichten und komm nie wieder bei mir vorbei!« Auf einmal war sie ganz ruhig, obwohl der Schmerz sie innerlich zerriss.

»Schnucki, das meinst du doch nicht so, ich werde bald mit Manuela reden, ehrlich. Sie muss nur durch diese Phase…«

»Hör auf, Philip. Ich kann es nicht mehr hören und will es auch gar nicht. Lass mich einfach in Ruhe. Ein für alle Mal. Es ist aus.« Damit stürmte sie aus der Wäschekammer. Sie schaute sich nicht um, ob sie jemand beobachtet hatte, es war ihr egal. Einige Kollegen vermuteten sowieso längst etwas, sie sah es an ihren Blicken, bekam mit, wie Gespräche unterbrochen wurden und verstummten, wenn sie den Raum betrat. Lara schämte sich, dass sie erst jetzt kapiert hatte, wie schrecklich ihr Verhalten war. Mit hochrotem Kopf hastete sie durch den Krankenhausflur und trat ihre Schicht an. Ihre Arbeit würde sie hoffentlich vom Desaster ihres Lebens ablenken.

 

Es war spät, als Lara das Krankenhaus verließ. Sie zog sich die Kapuze ihres Anoraks über den Kopf, weil sie keine Mütze dabei hatte. Die S-Bahn ließ mal wieder auf sich warten. Ihr Atem hinterließ kleine, weiße Wölkchen in der Luft. Verdammt kalt für Anfang Oktober, schoss es ihr durch den Kopf, und sie zog die Schultern hoch. Das Handy in ihrer Jackentasche vibrierte, sie ahnte, wer das war. Lara guckte aufs Display und drückte Philip weg, dann warf sie aus Gewohnheit einen Blick in ihr E-Mail-Postfach.

Sehr geehrte Frau Herziger, las sie die letzte Nachricht, die eingegangen war.

Wir haben versucht, Sie telefonisch zu erreichen, es geht um das Guthaben auf Ihrem Bankkonto. Bitte melden Sie sich, um einen Termin zu vereinbaren. Es ist uns ein Anliegen, Ihr Vermögen gewinnbringend für Sie anzulegen. Gerne beraten wir Sie hierzu in einem persönlichen Gespräch.

Mit freundlichen Grüßen

Ihre Hausbank

Lara verzog das Gesicht, dann traf die S-Bahn ein und sie stieg ein. Die Banken wollten immer was von einem, war das Konto im Minus, war es nicht recht, hatte man einen gewissen Betrag auf dem Girokonto geparkt, wurde das als Anlass gesehen, einem irgendeine dämliche Investition vorzuschlagen. Lara wollte das alles nicht. Sie hatte auch nicht das Geld gewollt. Ihr Erzeuger hatte sich zu Lebzeiten nicht um sie gekümmert, warum dann das Erbe? Sie war nicht einmal zu seiner Beerdigung im letzten Sommer aufgetaucht, denn sie war nicht eingeladen und schon gar nicht erwünscht gewesen. Sie, das uneheliche Kind, der schwarze Fleck, der den großartigen Politiker vor achtundzwanzig Jahren beinahe seine Spitzenposition in der christlich demokratischen Partei gekostet hatte, sollte bitte schön im Verborgenen bleiben. Lara hätte die großzügige Summe, die ihr Vater ihr hinterlassen hatte, ablehnen können, aber so blöd war sie nun auch wieder nicht. Sie betrachtete es als Schmerzensgeld, denn das Gefühl, nicht geliebt zu werden, tat weh. Auch heute noch.

Während der Fahrt nach Hause starrte Lara blicklos aus dem Fenster der Tram und dachte über die Misere ihres Lebens nach. Ihre Stimmung war mies, so mies, dass sie sich gerade mit Genugtuung vorstellte, wie sie ihre Kündigung einreichte, ihre Koffer auf Nimmer-Wiedersehen packte, und so weit wie möglich aus München fortging. Aus den Augen aus dem Sinn. Sie wollte Philip und die drei Jahre, in denen sie sich als Geliebte lächerlich gemacht hatte, vergessen. Diese Zeit aus ihrem Gedächtnis löschen. Da hatte sie sich fast ihr ganzes Leben über ihre Mutter aufgeregt, und dann machte sie doch genau die gleichen Fehler. Nun nicht alle, denn sie war nicht schwanger. Ein Glück. Das hätte noch gefehlt.

Lara seufzte und war froh, als sie ihre Station erreichte. Von der Haltestelle waren es noch gut fünf Minuten zu Fuß. Es war dunkel, die Straßenlaternen verbreiteten ein schummriges Licht. Hier und da rollte ein Auto vorbei, hin und wieder begegnete ihr jemand, der seinen Hund vor dem Zu-Bett-Gehen noch mal Gassi führen musste. Hinter den meisten Fenstern war es bereits dunkel. Als Lara in ihre kleine Wohnung trat, knipste sie das Licht an und kickte die Schuhe von ihren Füßen. Sie war zwar hundemüde, aber die Ereignisse des Tages würden sie nicht sofort schlafen lassen, das wusste sie, also setzte sie sich mit einem Glas Saft ins Wohnzimmer und schmiss ihren Computer an. Nur mal kurz gucken, sagte sie sich. Die kurze Idee, einfach zu verschwinden, hatte sich während des restlichen Nachhausewegs in ihr Hirn gebrannt. Sie schaute sich eine Deutschlandkarte an und überlegte, wo sie sich einen Neuanfang vorstellen könnte. Hauptsache weit weg, schien ihr als Kriterium nicht ausreichend und konkret genug zu sein. Sie grinste schief und vergrößerte die Karte ein wenig. »Am Meer wäre schön«, murmelte Lara, dann googelte sie nach Immobilien. Kurze Zeit später stellte sie fest, dass sie sich ein hübsches und großzügiges Objekt an der See trotz des unverhofft auf ihrem Konto eingetrudelten Betrages nicht leisten konnte. Sie erinnerte sich, dass ihre Freundin Mina ihr mal erzählt hatte, dass ihre Eltern das Haus günstig über ein anderes Portal gefunden hatten, in dem leer stehende Immobilien nach dem Ebay-Prinzip versteigert wurden. Vielleicht hatte sie ja damit Glück.

Kapitel 1

 

 

Einige Wochen später.

Janne hing unter Oles Spüle und drehte gerade die Mutter fest. Eine Schweißperle lief ihm über die Stirn in die Augen. Er wischte sie mit dem Handrücken weg und beendete seine kleine Reparatur, dann kroch er rückwärts heraus. Seine Knie rutschten über den Fliesenboden. Er verzog seine Lippen, vielleicht hätte er was unterlegen sollen. Fast hätte er über sich selbst gelacht, sonst war er auch nicht so eine Memme, aber es hatte länger gedauert, und seine Kniescheiben beschwerten sich jetzt mit einem dumpfen Schmerz. Janne richtete sich auf und wandte sich Ole zu. Der Rentner saß am kleinen Küchentisch am Fenster und leistete ihm Gesellschaft. »So, nun komm man rüber, min Jung, und setz dich zu mir. Ich hab’ uns schon ein Schnäpschen geholt.«

Jannes Mundwinkel zuckten. »Gleich, ich packe eben noch mein Werkzeug ein.«

Kurz darauf saß Janne mit dem älteren Herrn am Küchentisch. Ole schenkte großzügig in zwei Gläschen ein. »Prost«, der ehemalige Seemann hob seinen Klaren. »Was bin ich dir schuldig?«

Janne schlug sein Glas leicht gegen das von Ole. »Prost. Gar nichts, Ole. Das war ein Nachbarschaftsdienst.«

Ole furchte seine Stirn. »Das mag ich aber gar nicht.«

Janne verstand, worauf er hinauswollte. Aber die Rente des ehemaligen Fischers war mager, und er musste jeden Euro mehrfach umdrehen. Man sah das am Haus in allen Ecken. Wenn Janne es richtig einschätzte, dann musste Ole am Ende des Monats häufiger Verzicht üben. Der Kühlschrank war bei ihm nicht immer gut gefüllt. Der freundliche Rentner war bedauerlicherweise keine Ausnahme, hier ging es vielen Älteren so, und Janne brauchte das Geld nicht wirklich. Trotzdem verstand er, dass Ole ein stolzer Mann war, der für seinen Lebensunterhalt und die anfallenden Rechnungen selbst aufkommen wollte. »Wie wäre es, wenn ich mir deinen Kutter hin und wieder ausleihen kann?«

Ole kippte sich den Schnaps hinter die Binde, verzog kurz das Gesicht und stieß einen zischenden Laut aus, ehe er antwortete. »Klar doch, min Jung. Das ist Ehrensache.«

Janne lächelte verschmitzt und trank seinen Hochprozentigen. Er brannte in der Kehle und dann im Magen. Er schüttelte sich leicht. »So«, stieß er dann hervor, legte die Handflächen auf den Tisch und drückte sich nach oben. »Wenn noch was ist, meldest du dich. Bleib bitte sitzen«, sagte er zu Ole, der sich mit einem Ächzen erheben wollte.

»Nu, ich werde doch meinen Gast noch zur Tür bringen dürfen.« Ole ließ sich da nicht reinreden. Seine Füße steckten in ausgetretenen Puschen, die Hosen schlackerten an seinen Beinen. »Dein Opa würde sich freuen zu sehen, was für ein guter Kerl aus dir geworden ist«, erklärte Ole jetzt und klopfte Janne auf die Schulter.

»Danke«, gab Janne zurück. Leider waren seine Großeltern schon länger verstorben, er wohnte seit drei Jahren in deren Haus. Er hatte kaum etwas darin verändert, auch wenn einige Modernisierungen fällig wären, aber ihm fehlte die Lust dazu. Für ihn reichte es so. Seine Familie sah das nicht so, wie vieles andere ebenso, aber das war Janne egal.

Er verabschiedete sich bei Ole mit einem kräftigen Händedruck, dann verließ er das verwinkelte alte Haus. Es wehte ein kühler Nordwind. Obwohl es erst kurz vor sieben war, war es bereits stockfinster. Man konnte einige Sterne am Himmel entdecken. Janne atmete tief ein, er liebte den Geruch von Meersalz und Seegras, der vom Strand ins Dorf geweht wurde. Mit langen Schritten ging er zu seinem kleinen Lieferwagen, schmiss die Werkzeugkiste hinein und setzte sich hinters Steuer. Sein Magen knurrte lautstark, was ihn daran erinnerte, dass er dringend einkaufen musste, wenn er heute noch etwas zwischen die Zähne bekommen wollte. Janne startete gerade den Motor, als sein Telefon bimmelte. Er schaute nicht, wer es war, sondern beantwortete direkt: »Hallo?«

»Janne?«

Er lächelte leise, wer sollte sonst an sein Telefon gehen? »Hallo Mama.«

»Na, wie geht es dir?«

Was sollte er darauf schon antworten? »Gut«, war alles, was er erwiderte.

»Du, sag mal, ich bin gerade dabei, etwas für Weihnachten zu planen.«

Er verdrehte die Augen. Er hasste das Fest der Liebe und wünschte, es wäre schon vorbei. Die Feiertage führten ihm immer wieder vor Augen, was er verloren hatte. Jedes Jahr aufs Neue. »Ja, und?«, gab er ein wenig zu schroff zurück.

»Was soll ich kochen?«

Er atmete tief durch. »Ist mir egal.«

»Mensch Janne. Sei doch nicht so! Wie wäre es mit Rehrücken für den ersten Feiertag und die Gans dann am zweiten?«

Was erwartete sie von ihm? Dass er jubelte? »Klingt sehr gut. Mach das doch.« Er behielt für sich, dass das bei seiner Schwester und seinem Vater nicht gut ankommen würde, denn die Familientradition schrieb ihnen Karpfen vor. Früher war ihm so was wichtig gewesen, heute interessierte es ihn nicht. Nicht mehr.

»Wann kommst du?«, bohrte sie weiter.

Am liebsten würde er sagen: gar nicht. Aber das konnte er natürlich nicht tun, seine Eltern konnten am wenigsten etwas dafür, dass er sich so einsam fühlte. »Weiß ich noch nicht.«

Kurzes Schweigen, dann ein leises Seufzen. Janne tat es leid, seine Mutter sollte sich nicht seinetwegen schlecht fühlen. Und dann schlug er etwas vor, das er noch nicht einmal in seinem Kopf zu Ende gedacht hatte. »Wie wäre es denn, wenn ihr alle zu mir kommt? Das wäre mal was anderes.«

»Zu dir? An Weihnachten? Ja, wieso eigentlich nicht. Ich spreche mit Papa und mit deiner Schwester. Hast du denn genug Platz, und ist dir das auch wirklich recht? Oder wir könnten uns irgendwie ein Zimmer nehmen, aber das wäre dann nicht das Gleiche, wenn wir nicht unter einem Dach sind.«

»Das Haus ist groß genug«, brummte er und realisierte, dass er sich mit dieser Einladung womöglich ein Eigentor geschossen hatte. Seine Mutter würde, sollten sie tatsächlich in Erwägung ziehen herzukommen, seine vier Wände auf den Kopf stellen. Er ahnte, dass er blinkende Lichterketten nicht nur im Garten hängen haben würde.

Scheiße. Er verdrehte die Augen.

»Das ist eine so großartige Idee, Janne! Weihnachten am Meer hatten wir schon lange nicht mehr. Ich melde mich, mach’s gut, Schatz.« Dann legte sie auf und ließ einen konsternierten Janne zurück. Er ließ seine Stirn mit geschlossenen Augen gegen das Lenkrad sinken und seufzte schwer.

 

***

 

Ich muss verrückt geworden sein, dachte Lara, während sie an der nächsten Ampel rechts abbog. Sie war völlig fertig, aber zum Glück bald am Ziel. Rund achthundertfünfzig Kilometer hatte sie bereits hinter sich gelassen. Es war gleichzeitig viel mehr als nur eine räumliche Distanz, ein ganzes Leben sollte es sein. Aus dem Radio dudelte leise Werbung für Möbel, in denen Weihnachtsrabatte angepriesen wurden. Ein bisschen früh für Ende Oktober, fand sie. Aber beschweren wollte sie sich auch nicht, sie gehörte leider zu den Menschen, die im Supermarkt sofort zugriffen, wenn Lebkuchen angeboten wurden. Man sah es ihr nicht an, zumindest was das betraf, hatte sie gute Gene abbekommen. Lara lächelte in sich hinein, während sie sich weiter auf die Straße konzentrierte.

Die Navigationsapp ihres Handys zeigte an, dass es nur noch wenige Kilometer bis zu ihrem neuen Zuhause an der Ostsee im Fischland Zingst-Darß waren. Als sie das Schild eines Supermarktes entdeckte, fuhr sie auf den Parkplatz. Sie wollte schnell noch etwas einkaufen, damit sie ihren Einzug auch gebührend feiern konnte. Gleichzeitig wuchs ihre Spannung, denn sie hatte das Haus bisher nur auf Bildern gesehen.

Ihrer spontanen Entscheidung, aus München wegzugehen, hatte sie direkt Taten folgen lassen. Sie konnte ihr Glück einfach nicht fassen, dass sie tatsächlich diese alte, mit Reet gedeckte Kate ersteigert hatte. Sie hatte die Beschreibung noch immer im Kopf, so oft, wie sie sie gelesen hatte: Zweihundert Jahre alte gemütliche Reetdachkate mit großem Eigentumsgrundstück von fünfhundert Quadratmetern und schönem Garten mit Blumen und Bäumen zum Entspannen.

Außerdem gab es einen Stellplatz und einen Schuppen, das Beste daran war aber, dass das Haus direkt hinter Düne und Deich im heutigen Naturschutzgebiet lag. Lara hoffte so sehr, dass sie das Meeresrauschen aus ihrem Schlafzimmerfenster hören konnte. Im Gebäude gab es zwei Wohnungen, die an Feriengäste vermietet werden konnten. Lara freute sich darauf, den Gästen einen schönen Urlaub zu bereiten, ihren Job als Physiotherapeutin hatte sie dafür gern an den Nagel gehängt. Nicht, weil sie ihn nicht mehr mochte, aber sie brauchte eine wirkliche Veränderung. Ihre Bleibe in München hatte sie quasi über Nacht an einen Nachmieter vermitteln können, Wohnungsnot sei Dank. Der junge Akademiker hatte sogar ihre Möbel übernommen. Sie war froh, dass sie den alten Kram los war, mit dem sie ohnehin fast nur schlechte Erinnerungen verband. Die Transportkosten hätten ihren Wert außerdem bei Weitem überstiegen.

Lara atmete tief ein und aus, als sie auf dem Parkplatz des Supermarktes aus ihrem Wagen stieg. Herrlich frisch roch es hier so nah an der See. Es wehte ein raues Lüftchen, schnell holte sie ihre Winterjacke von der Rückbank, wo sich viele ihrer Habseligkeiten türmten, und schlüpfte hinein. Dann besorgte sie sich einen Einkaufswagen und schob ihn beschwingt in den hell erleuchteten Laden. Es war nicht viel los, Touristen gab es in dieser Jahreszeit kaum noch welche im Ort. Sie war froh, dass sie ein wenig Zeit hatte, um sich einzugewöhnen, ehe sie ständig wechselnde Gäste in ihren Ferienwohnungen umsorgen würde.

Sicher musste an der ein oder anderen Stelle auch etwas repariert oder aufgehübscht werden. Der Immobilienbeschreibung hatte sie entnommen, dass die Vorbesitzerin verstorben war und keine Erben gehabt hatte. Deswegen war das Haus auch noch voll möbliert. Ein Entrümpelungsdienst hatte lediglich die persönlichen Gegenstände entfernt sowie auf Laras Bitte neue Matratzen für die Betten besorgt.

Das, was Lara auf den Bildern gesehen hatte, hatte sie als annehmbar eingestuft. Gespannt war sie trotzdem. Aber erst einmal einkaufen. Sie schob den Wagen mit energischen Schritten an den Regalen entlang. In der Obstabteilung warf sie ein paar Bananen und Äpfel hinein, dann ging sie weiter. Erst mal nur das Nötigste. Butter, Eier, Milch, Brot, etwas Käse und Joghurt. Und Kaffee natürlich. Sie stand vor dem Sortiment und überlegte. Pulver oder ganze Bohnen? Oder doch lieber Instantkaffee? Lara hatte keine Ahnung, ob eine Maschine vorhanden war und wenn ja, welche. Sie wollte es nicht zu kompliziert machen und nahm eine Packung Cappuccinopulver mit.

Sie konnte ja morgen noch mal einkaufen gehen, wenn etwas fehlte. Ein Lächeln schlich sich in ihr Gesicht, es kam ihr vor, als hätte jemand eine tonnenschwere Last von ihren Schultern genommen. Ihre Freunde hatten sie zwar allesamt für verrückt erklärt und angekündigt, dass sie es bitter bereuen würde, ihr gesamtes Geld in dieses alte Haus zu investieren und auch noch ihren Job zu kündigen. Aber Lara war das egal gewesen, niemand steckte in ihren Schuhen, und sie fand, dass der Neuanfang an der See sich womöglich als die bisher beste Entscheidung ihres Lebens erweisen würde. Hoffentlich.

Sie schob den Wagen weiter zum Regal mit den Süßigkeiten und überlegte, was sie sich zur Feier des Tages gönnen sollte. Da sie keinen Alkohol trank und auch nicht rauchte, blieb Süßkram ihr beinahe einziges Laster. Sie grinste in sich hinein, als sie die teuerste Schokoladentafel in den Wagen legte, die sie entdecken konnte. Die musste einfach gut schmecken!

Erst jetzt bemerkte sie, dass jemand etwa zwei Meter von ihr entfernt stand und sie musterte. Lara hob ihren Blick. Der dunkelhaarige Mann war ein ganzes Stück größer als sie, und das wollte was heißen, mit ihren eins zweiundsiebzig war sie alles andere als klein. Er trug eine dunkle Jeans, grobe Schuhe und einen Rollkragenpullover mit Norwegermuster. Das Beeindruckendste an ihm aber waren seine Augen, sie waren von einem so reinen und klaren Blau, dass ihr Atem stockte. Seine vollen Lippen waren zu einem sinnlichen Lächeln verzogen.

Halleluja. Der Typ war echt attraktiv. Und warum grinste er eigentlich so breit?

»Ähm«, machte Lara und runzelte die Stirn. »Steh ich im Weg? Bin gleich soweit.«

»Keineswegs«, antwortete der Fremde, und seine Stimme war beinahe noch betörender als sein Aussehen – und das sollte was heißen. Dunkel und ein bisschen rau. Lara spürte, dass sie eine Gänsehaut bekam. In der nächsten Sekunde war sie irritiert, dass sie wie ein hormongesteuertes Huhn reagierte. Ja, er war gut aussehend, aber den Effekt, den er damit auf sie hatte, fand sie selbst schräg.

Er neigte seinen Kopf ein wenig, so minimal, dass es kaum zu sehen war, während er sie weiter so durchdringend ansah, dass ihre Knie weich wurden. »Lass dir ruhig Zeit«, fuhr er fort, als hätte er es überhaupt nicht eilig, im Gegenteil, er wirkte, als genösse er es, hier zu stehen.

Lara schob sich eine Strähne hinters Ohr, sie spürte Hitze in ihren Wangen. Sie musste nach der langen Fahrt mitgenommen aussehen, sie trug eine ausgeleierte Jeans und einen grauen Pullover unter ihrem grünen Parka. Andererseits, sie wusste, dass sie nach gängigen Idealen hübsch war. Ihr blondes Haar glänzte und ging bis zur Mitte ihres Rückens, sie war schlank und hatte lange Beine. In ihrem Alltag blieb oft keine Zeit zum Essen und alleine Zuhause machte es ihr auch keinen Spaß zu schlemmen. Sport hingegen war nicht so ihr Ding. Meine Güte, dachte sie. Was mache ich hier eigentlich? Ich sollte verschwinden, ehe ich noch vor ihm zu einer Pfütze Hormonsuppe zusammenschmelze.

Ohne weiter hinzusehen, schnappte sie sich eine zweite Tafel Schokolade und warf sie in ihren Wagen. Sie warf einen Blick in seinen. Es lag nicht viel darin. Abgepacktes Brot, Wurst, Butter, ein Sixpack Bier und ein Glas Spreewaldgurken.

Definitiv Single, schloss sie daraus. Komisch, dass sie die Erkenntnis irgendwie heiter stimmte. Hoffnungsvoll.

Irritiert über diese Gedanken griff sie ihren eigenen Einkaufswagen und wollte gerade weitergehen, als er sie noch mal ansprach. »Wäre schön, wenn wir uns noch mal wiedersehen«, meinte er mit einem Augenzwinkern. »Ich bin Janne. Janne Carstensen. Schönen Urlaub.«

Lara machte große Augen. Hatte er sie eben angebaggert, oder war das einfach die freundliche Art der Küstenbewohner? Dabei waren die nordischen Leute ja eher als wortkarg und verschlossen bekannt. Sie hatte keine Ahnung, was es war, aber es war glasklar, dass er annahm, dass sie vermutlich nur zum Urlauben hier war. Natürlich, es stand ihr ja nicht auf die Stirn geschrieben, dass sie sich ein Haus gekauft hatte und ab heute hier leben würde. »Servus«, war alles, was sie erwiderte, ehe sie davonhastete. Noch während sie die Waren an der Kasse aufs Band lud, dachte sie über diese merkwürdige Begegnung nach. Ja, je länger und öfter sie die Szene in ihrem Kopf durchleuchtete, desto klarer wurde ihr, dass er tatsächlich versucht hatte mit ihr zu flirten. War er so eine Art Dorf-Gigolo?

Sie verzog ihre Lippen und reichte der Verkäuferin ihre EC-Karte. Ja, vermutlich. Ihm war garantiert bewusst, wie attraktiv er war. Sicher gab es viele Touristinnen, die sich gern auf einen Flirt einließen. Nun, Lara gehörte nicht dazu. Sie war weder im Urlaub, noch hatte sie Interesse an einer belanglosen Affäre. Genaugenommen hatte sie sich striktes Männerverbot verordnet. Nach dem Desaster mit Philip musste sie sich um jeden Preis von zu viel Testosteron fernhalten. Sie würde ganz sicher nicht schon am ersten Abend ihres neuen Lebens eine Liebelei mit einem Frauenhelden in Erwägung ziehen.

Auf gar keinen Fall.

 

Kapitel 2

 

 

Der Himmel war schwarz, und die Straßenlaternen beleuchteten den Weg nur spärlich. Mehr als spärlich. Auf der Straße lag viel Laub, das nach dem Regen zu einem matschartigen Brei geworden war. Sie konnte ansonsten kaum etwas erkennen, während sie mit ihrem Wagen die letzten Kilometer zu ihrem neuen Zuhause zurücklegte. Es kam Lara so vor, als wäre es mitten in der Nacht, dabei zeigte die Uhr im Auto erst kurz nach sieben an. Ihr Handy mit der Navigationsapp hatte auch keinen Empfang, gut, dass sie sich ungefähr eingeprägt hatte, wo sie hinmusste, sonst wäre sie völlig verloren. Ihr Herz schlug schneller, ihre Hände wurden feucht, so gespannt war sie. Bald würde sie da sein. Häuser gab es hier draußen, direkt hinter der Düne und so dicht am Naturschutzgebiet kaum noch, sie hatte das Ortsschild schon vor ein paar Minuten passiert. Zweifel, ob das, was sie tat, das Richtige war, ließ sie gar nicht erst aufkommen. Das hier war ein Neuanfang, natürlich war sie aufgeregt. Das war völlig normal. Nur keine Panik.

Lara drosselte die Geschwindigkeit, als sie ein großes Reetdachhaus erreichte. Das Grundstück war von hohen Bäumen gesäumt, es sah nach Eichen, Buchen und Birken aus, soweit sie das in der Schwärze erkennen konnte. Das Anwesen lag völlig im Dunkeln. »Das muss es sein«, murmelte sie. Hinter der Düne 7 lautete die Adresse, auf der richtigen Straße war sie, das wusste sie. Lara fragte sich, wo die anderen Häuser mit den Nummern von eins bis sechs wohl standen. Das würde sie später herausfinden, wenn es wieder hell war. Sie freute sich darauf, die Gegend zu erkunden, aber erst mal würde sie die eigenen vier Wände sichten. Das klang sogar in ihrem Kopf merkwürdig, bisher hatte sie immer nur zur Miete in winzigen Wohnungen gelebt und nie etwas Eigenes besessen. Mehr als eine kleine Bude hatten sie und ihre Mutter sich nicht leisten können. Und jetzt war ihr Erzeuger verstorben und hatte sie mit einem dicken Batzen Geld überrascht. Obwohl Lara lange mit sich gehadert hatte, ob sie das Erbe annehmen und was sie damit anstellen sollte, war sie froh, dass ihr Vater ihr wenigstens das ermöglichte: ein neues Leben fernab ihrer Vergangenheit schuldenfrei führen zu können.

Wenn sie es heute betrachtete, dann war sie ihm zumindest dafür dankbar, auch wenn er ihr nie ein wirklicher Vater gewesen war. Vielleicht hatte er sich am Ende seines Lebens mit dem Geld ein reines Gewissen erkaufen wollen. Was auch immer es war, sie würde etwas daraus machen. Selbst wenn es nicht die fehlende Liebe ersetzte, die sie sich von Kindesbeinen an gewünscht hatte.

Lara würde sich eine Zukunft aufbauen, neu anfangen, nachdem ihr Leben bisher eher trostlos und einsam gewesen war. Sie hatte zwei ernsthafte Beziehungen geführt, auch wenn das Desaster mit Philip am Ende vielleicht nicht wirklich als solche durchging. Sie war nur die Geliebte gewesen, die er neben seiner Gattin gevögelt hatte, während er ihr etwas ganz anderes vorgegaukelt hatte. Heute wusste Lara es besser. Nicht jetzt, sagte sie sich. Philip war Geschichte, und ab heute ging es um ihre Zukunft, ein neues Leben, in dem sie glücklich werden würde. Außerdem hatte sie noch immer daran zu knabbern, dass sie ihre moralischen Grundsätze für den Oberarzt über Bord geworfen hatte. Sie hätte Nein sagen können zu der Affäre, aber sie hatte in Kauf genommen, eine andere Frau unglücklich zu machen. Das nagte an ihr und sie bereute es zutiefst. Nicht jetzt, sagte sie sich. Sie wollte das alles hinter sich lassen und neu anfangen.

Lara parkte ihren Wagen in der Auffahrt, sie glaubte zumindest, dass es eine war. Genau erkennen konnte sie es nicht, sie zog die Handbremse an und stellte den Motor ab. »Dann wollen wir mal«, sprach sie sich Mut zu, griff sich ihr Handy und die Hausschlüssel. Sie merkte, wie erschöpft sie nach der Aufregung und vor allem der langen Fahrt von München bis an die Küste war. Heute hatte sie zum Glück nicht mehr viel zu tun, außer ihre Sachen aus dem Auto auszuräumen, die alte Kate zu durchstreifen und ihr neues Heim ein wenig kennenzulernen.

Sie war schrecklich nervös, als sie ihre Jacke überzog und ausstieg. Eisiger Wind fegte über die Straße und peitschte ihr einzelne Strähnen ins Gesicht, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatten. Sie fröstelte augenblicklich. Lara stellte die Taschenlampenfunktion an ihrem Telefon an und beleuchtete den Weg zur Haustür.

Die Steine waren glitschig und teils mit Moos überwachsen. Es war offensichtlich, dass hier schon seit langer Zeit kaum noch jemand ein und aus ging. Neben dem Eingang befanden sich zwei Lichter, aber sie funktionierten anscheinend nicht, oder man hatte sie abgestellt, um Strom zu sparen. Lara kramte den Schlüssel hervor und wollte ihn ins Schloss der massiven Holztür stecken, um sie zu öffnen.

Die musste auf jeden Fall gestrichen werden, das erkannte Lara auch im dünnen Schein der Taschenlampe. Er hakte, sie bekam den Schlüssel nicht ganz in den Schlitz. Lara ruckelte und versuchte es immer wieder, aber mehr als bis zur Hälfte kam sie nicht. War es möglich, dass er nicht passte?

»Scheiße«, stieß sie hervor, und es kam von Herzen. Nicht auch das noch, sie war total erledigt und wollte sich einfach nur in ihr neues Bett legen und schlafen. »Das gibts doch nicht.«

Nein, es war der Schlüssel, den die Immobilienverwaltungsfirma ihr zugeschickt hatte. Er musste passen. Sie versuchte es noch einmal, aber es gelang ihr nicht.

Konsterniert ließ sie Schlüssel und Handy sinken, während ihr Herz wie wild klopfte. »Was soll ich denn jetzt machen?«, murmelte sie und spürte, dass Tränen in ihr aufstiegen. Es konnte nicht sein, es durfte nicht sein, dass sie jetzt so kurz vorm Ziel scheiterte! Und dann kam ihr eine ganz andere Idee. War es womöglich doch nicht das richtige Haus? Mit Reet gedeckt waren hier draußen viele. Hoffnung machte sich in ihr breit, als sie die Außenmauer beleuchtete, um nach einer Nummer zu suchen. Eine Verwechselung wäre vielleicht ein bisschen peinlich, aber kein Weltuntergang.

Gesehen hatte sie niemand, dafür war es hier viel zu abgeschieden. Links neben der Haustür entdeckte Lara ein ovales Messingschild, das angelaufen und schmutzig war. Das Licht der Handylampe wurde schwach reflektiert, Lara musste einen Schritt nähertreten, um erkennen zu können, was darauf stand. Sieben, las sie still. Und dann noch ganz klein: Hinter der Düne.

Sie biss sich auf die Innenseite ihrer Wange und überlegte. Also war sie hier richtig, warum passte dann dieser vermaledeite Schlüssel nicht? Das konnte ja wohl bloß ein dämlicher Scherz sein.

Lara entsperrte den Bildschirm und suchte die Nummer der Immobilienfirma, sie wählte, aber nichts passierte. »Kein Empfang«, stellte sie fassungslos fest.

»Himmel, Arsch und Zwirn«, schrie sie und stampfte mit dem Fuß auf wie ein kleines Kind. Zu allem Übel hatte es auch noch angefangen zu nieseln. Es war eiskalt, stockfinster, und sie stand im Dunkeln vor ihrem neuen Haus und kam nicht rein. Anrufen konnte sie auch niemanden, weil es hier draußen kein Netz gab. Was für ein Mist. So hatte sie sich ihre Ankunft nicht vorgestellt, ganz sicher nicht. Lara atmete tief ein und aus, während sie überlegte, was sie tun konnte. Eine Scheibe einschlagen und einbrechen?

Nein, das wäre nur die absolute Notlösung. Sie wollte doch nicht wie eine Diebin durch ein Fenster in ihr eigenes Heim klettern müssen, außerdem brauchte sie das, was vom Erbe übrig war, für die letzten kleinen Schönheitsreparaturen. Sie hatte einen Puffer, aber der war dünn. Wenn es sich irgendwie vermeiden ließ, wollte sie kein neues Fenster kaufen müssen und Versicherungsbetrug lag ihr nicht, zumal sie nicht mal eine Ahnung hatte, ob für die alte Kate eine Glasversicherung bestand. Oder handelte es sich vielleicht um einen Schlüssel, der für eine der Ferienwohnungen passte? Sie wusste von den Bildern und der Beschreibung, dass es eigene Eingänge dazu gab. Erleichtert, dass sie womöglich eine Lösung gefunden hatte – hoffentlich – ging sie vorsichtig ums Haus herum, dabei leuchtete ihr Handy den Weg spärlich aus. Es war ganz schön finster hier draußen.

Fünf Minuten später stand Lara wieder vor ihrem Auto und rieb sich die Stirn. Die Kapuze hatte sie sich über den Kopf gezogen, damit sie nicht auch noch komplett nassgeregnet wurde. Der verdammte Schlüssel passte nirgends. Irgendwas stimmte nicht, ganz und gar nicht. War sie einem Betrug aufgesessen? Nein, das war alles seriös gewesen. Sie hatte einen gültigen Notarvertrag, und immerhin stand sie genau vor dem Haus »Hinter der Düne 7«, also musste etwas anderes das Problem sein, vielleicht doch eine Verwechselung der Immobilienverwaltung, und sie hatten ihr den falschen Schlüssel geschickt, so was konnte ja wohl mal vorkommen. Schade, dass es gerade ihr passiert war, jedoch würde Lara den Kopf jetzt nicht in den Sand stecken. Aber sie war erschöpft und so schrecklich müde, hungrig war sie auch. Nach allem, was sie durchgemacht hatte, was sie aufgegeben hatte, wollte sie jetzt nur noch eines: sich in ein weiches Bett legen und schlafen. Die Decke über den Kopf ziehen und am nächsten Morgen am Strand Muscheln sammeln und den Blick aufs Meer genießen. Der Gedanke war ein wenig tröstlich, es roch nach Salz und Tang, und wenn sie sich anstrengte, glaubte sie tatsächlich die Brandung zu hören.

Das konnte auch Einbildung sein, denn der Wind und das Rascheln der Blätter waren ziemlich laut. Lara wollte nicht aufgeben und schon gar keinen Nervenzusammenbruch zulassen, es musste ein Missverständnis vorliegen. Nur wie sollte sie das klären, wenn sie nicht telefonieren konnte? »Ich versuch’ es mal auf dem Deich.«

In der nächsten Sekunde schüttelte sie den Kopf, wurde sie jetzt schon verrückt, dass sie die ganze Zeit mit sich selbst redete? Das konnte ja noch heiter werden. Nein, sie war nur überspannt und hundemüde nach der langen Fahrt. Lara überquerte die schmale Straße und kletterte über den Rasen auf den Deich. Tatsächlich, hier oben hatte sie genau einen Balken Empfang. Immerhin. Hoffentlich genügte das für ein Telefonat.

Sie wählte erneut die Nummer und sie stieß ein erleichtertes Quietschen aus, als das Freizeichen ertönte. Einmal. Zweimal. Dreimal.

Ach du Schande. Jetzt sag bloß, dass niemand mehr im Büro ist?, schoss es ihr durch den Kopf. Das wäre ja mal wieder typisch. Ein Glückspilz war sie noch nie gewesen, warum sollte sich das gerade heute ändern?

Nein, nein, nein, das durfte nicht sein. Lara ließ es weiter bimmeln, nach dem gefühlt hundertsten Mal wurde endlich abgehoben. Die weibliche Stimme am anderen Ende klang abgehetzt, als wäre sie gerade aus dem Keller ins Dachgeschoss gesprintet.

»Hallo?«, rief Lara ins Telefon, der Wind hatte aufgefrischt, und das Rascheln der Blätter war noch lauter geworden. Zog jetzt auch noch ein Sturm auf? Bitte nicht!

»Ja, wer ist denn da?«, fragte die Dame.

»Mein Name ist Lara Herziger, ich habe das Haus Hinter der Düne 7 gekauft und bin jetzt da.«

»Ach, hallo Frau Herziger, wir hatten schriftlichen Kontakt, ich bin Frau Beeck. Wie gehts Ihnen?«

Lara hob eine Braue, die Frau war, abgesehen von ihrer Kurzatmigkeit, tiefenentspannt. Das klang nicht so, als hätte sie irgendeine Form von schlechtem Gewissen. »Ähm, na ja, also: Ich stehe hier vor der Tür und komme nicht rein.«

»Was? Wieso das denn?« Frau Beeck wirkte ehrlich überrascht.

»Ja, das würde ich auch gern wissen. Der Schlüssel scheint nicht zu passen.«

»Das kann gar nicht sein!«

Lara holte tief Luft, sie merkte, dass ihr Geduldsfaden zu reißen drohte. »Hören Sie, ich habe es versucht, an allen Schlössern an der Kate. Er passt nicht. Ist es möglich, dass Sie mir einen falschen geschickt haben?«

»Nein, das ist nicht möglich.« Der Tonfall war ein wenig schärfer geworden, dann ein leises Seufzen. »Vielleicht klemmt das Schloss, aber ich war letzte Woche selbst im Haus, da ging es nahezu einwandfrei. Sie hatten doch neue Matratzen gewünscht, die habe ich persönlich angeliefert.«

Okay, das klang so, als ob sie Lara für komplett unfähig hielte. Lara wollte es sich auch nicht mit ihr verscherzen, immerhin war sie die einzige Person, die sie hier ansprechen konnte. Es würde sich in diesem kleinen Dörfchen bestimmt herumsprechen, wenn »die Neue« jetzt einen auf zickig machte. Sie hörte Frau Beeck förmlich mit den Leuten aus dem Dorf beim Bäcker plaudern. ,Habt ihr gehört, die Münchnerin ist echt eine Ziege. Immer nur am Meckern, und dann macht sie andere für ihre eigenen Fehler verantwortlich.‘

Selbstzweifel überfielen Lara. War es möglich, dass sie wirklich zu doof war, diese dumme Tür zu öffnen? Gab es einen Trick, den sie als Bayerin hier an der Küste nicht kannte? Nein, bestimmt nicht. Sie straffte sich. »Es tut mir leid, wenn ich Ihnen jetzt Scherereien mache, Frau Beeck, aber ich bin fast neunhundert Kilometer gefahren, es regnet, und es ist saukalt hier draußen. Der Schlüssel passt nicht, da bin ich ganz sicher.«

Einen Augenblick herrschte Schweigen, dann hörte sie ein erneutes Seufzen. »Na schön, ich rufe jemanden an, der kommt gleich zu Ihnen rüber. Vielleicht klemmt das alte Schloss ja wirklich. Sie sind am Haus?«

»Ähm, ja, sozusagen. Ich musste auf den Deich klettern, um Empfang zu haben.«

»Ja, gut. Dann gehen Sie mal wieder zurück und warten an der Tür. Wir regeln das schon, Frau Herziger.« Frau Beeck legte auf, und Lara atmete leise aus. Sie schluckte und merkte, wie ihre Kehle immer enger wurde. Sie fühlte sich dämlich und allein. Mutterseelenallein.

Wenn es ihr noch nicht einmal gelang, eine blöde Tür zu öffnen, wie sollte sie dann ein Haus in Schuss bringen, um eine gut gehende Pension daraus zu machen?

Sie setzte einen Fuß vor den anderen, darauf bedacht, nicht auch noch zu stürzen. Das fehlte gerade noch, dass sie sich den Knöchel verknackste. Der Rasen war glitschig, aber sie kam sicher unten auf der Straße an. Sie ging die paar Schritte zu ihrem Haus und blieb dann vor der Tür im Dunkeln stehen. Die Taschenlampe stellte sie ab, nicht, dass es doch noch länger dauerte und ihr Akku schlappmachte. Wobei sich ein Handy hier draußen schon jetzt als relativ nutzlos erwies.

Sie spürte ein Brennen hinter ihren Lidern. Irgendwie hatte sie sich ihre Ankunft nicht so vorgestellt. Lara riss sich zusammen, sie musste jetzt stark sein. Zeit für einen Nervenzusammenbruch hatte sie auch später noch. Oder morgen. Oder niemals, was die beste Variante wäre.

Natürlich verlief so ein Neuanfang nicht reibungslos, sprach sie sich stumm Mut zu, während sie die Minuten zählte, bis endlich Hilfe eintraf. Diese Immobilienfirma musste so eine Art Hausmeister haben, der in Notfällen einsprang, oder rief die Frau gleich einen Schlüsseldienst? Hoffentlich nicht, die waren bekanntlich irre teuer, und Lara brauchte jeden Euro, da sie bald keine monatlichen Einkünfte mehr hatte. Bis zum Jahresende bekam sie noch ihr Gehalt aus dem Krankenhaus, sie hatte so viele Überstunden und Resturlaub gehabt, dass sie nach der Kündigung gleich zuhause bleiben konnte. In der Zeit musste sie den alten Kasten soweit herrichten, dass die Wohnungen vermietbar waren. Ab Januar war sie darauf angewiesen, dass Gäste kamen und Geld in ihre leere Kasse brachten. Aber die Bilder hatten okay ausgeschaut, die Einrichtung war urig und zeitlos. Das würde schon klappen.

Lara trat von einem Bein auf das andere, mittlerweile waren ihr Füße zu Eisklumpen geworden. Zum Glück war sie unter dem Reetdach einigermaßen vor dem Regen geschützt. Aber die Luft war so nasskalt und feucht, dass sie das Gefühl hatte, trotzdem komplett klamm zu sein. Ekelhafter Herbst.

Endlich tat sich was, in einiger Entfernung konnte sie Scheinwerfer ausmachen, die in ihre Richtung fuhren. Das musste die Hilfe sein, ansonsten war hier draußen ja wirklich nicht viel los. Fast schon unheimlich wenig.

Lara hätte beinahe gejubelt, als das Fahrzeug, das sich als kleiner Lieferwagen herausstellte, tatsächlich zu ihrem Haus abbog und hinter ihrem Auto parkte. Sie konnte nicht erkennen, wer am Steuer saß, aber sie war ziemlich sicher, dass das der Mensch sein musste, von dem Frau Beeck am Telefon gesprochen hatte.

Sie spürte, wie sich ihre Mundwinkel nach oben bogen, als der Motor abgestellt wurde und jemand ausstieg. »Hallo, hier bin ich«, machte sie auf sich aufmerksam, weil sie im Dunkeln dicht an der Hauswand stand und so leicht zu übersehen wäre.

Eine Taschenlampe wurde angeknipst, das Licht blendete sie so plötzlich, dass sie eine Hand vors Gesicht riss und irritiert blinzelte. »Ist das Ihr Haus?«, sprach sie jemand mit tiefer Stimme an.

Lara kam es so vor, als hätte sie sie schon mal irgendwo gehört, aber das konnte ja nicht sein, und sie musste es sich einbilden. »Ja, ist es. Ich bin Lara Herziger. Hat Frau Beeck Sie geschickt?«

Gott, wie dämlich war sie eigentlich? Wäre das ein Meuchelmörder, hätte sie ihm eine Vorlage geliefert, weil sie ihm alle Infos auf dem Silbertablett präsentierte. In der nächsten Sekunde musste sie über sich im Stillen lachen. Sie war hier in einem winzigen Dorf an der Ostsee, wo sich Katz und Maus am Abend Gute Nacht sagten, sie konnte wohl darauf vertrauen, dass er hier war, um ihr Schloss zu knacken und nicht um sie zu entführen.

»Jap«, war alles, was er erwiderte. Irritiert nahm sie zur Kenntnis, dass er sich nicht vorgestellt hatte.

Der Schein der Lampe wanderte zur Haustür und zum Schloss. »Wo ist denn der Schlüssel?«, brummte er jetzt.

Lara spürte, dass er wenig bis gar keine Lust hatte, hier zu sein, was sie ihm nicht mal verübeln konnte. Das Wetter war ungemütlich. Im schwachen Schein der Lampe konnte sie seine Umrisse ausmachen, er war groß und hatte breite Schultern. Es konnte aber auch die Kleidung sein, die ihn so dynamisch wirken ließ. Sie war sich nicht sicher. Aber er roch ganz gut, so, als wäre er eben aus der Dusche gesprungen. Vielleicht stimmte das sogar, und er war deshalb so kurz angebunden, weil sein wohlverdienter Feierabend gestört worden war. Das könnte sie gut verstehen, aber lange würde das hier nicht dauern, und sie würde sich bei ihm revanchieren, oder was auch immer. Erst mal musste die verdammte Tür geöffnet werden.

»Hier«, erwiderte sie und trat neben ihn und reichte ihm ihren Schlüssel. »Ich habe es tausendmal versucht, aber ich bekomme ihn nicht mal in Schloss, Herr, äh...?«

»Carstensen, Janne Carstensen. Und Sie sind sicher, dass er der richtige für diese Tür ist, ja?«

Bei diesem Namen klingelte was, aber sie kam nicht darauf, warum. Sie konnte ihn auch nicht richtig erkennen, weil es so düster war.

Sie verdrehte die Augen, was er zum Glück nicht sah. »Ja, Frau Beeck hat ihn mir selbst geschickt.« Damit dürfte klar sein, dass – wenn hier ein Fehler vorlag – er nicht von ihr begangen worden war. Warum ihr das so wichtig war, konnte sie nicht sagen, vielleicht weil von ihm eine gewisse Schroffheit ausging, die sie auf sich bezog und das Gefühl hatte, sich verteidigen zu müssen. Es war ja nicht ungewöhnlich, dass Leute im Dienstleistungsbereich gerne mal unfreundlich waren. Leider. Der Begriff Servicewüste Deutschland kam schließlich nicht von ungefähr. Vielleicht überlegte sie sich das mit dem Revanchieren auch noch mal, wenn er nicht ein bisschen zugänglicher und freundlicher wurde. Immerhin war es nicht ihr Fehler, dass das verdammte Schloss nicht funktionierte, sie war ja noch nie hier gewesen. Der Gedanke verlieh ihr eine gewisse Selbstsicherheit, die sie bis eben an sich vermisst hatte. Lara atmete langsam ein und aus, während sie beobachtete, wie er ihr den Schlüssel gelassen aus der Hand nahm. Seine Fingerspitzen berührten ihre Handfläche und Lara zuckte kaum merklich zusammen. Diese verdammte elektrostatische Aufladung.

Falls er auch etwas bemerkt hatte, so ließ er sich nichts anmerken.

Ohne ein weiteres Wort führt er den Schlüssel zielsicher ins Schloss. Er glitt nicht sanft hinein, aber mit Kraft schien es zu gehen. Lara hoffte, dass er wusste, was er da tat. Nicht, dass er gleich abbrach und sie auch noch das Schloss wechseln lassen musste. Dann käme sie heute garantiert nicht mehr in ihr eigenes Haus, sondern musste irgendwo übernachten.

Positiv denken, sagte sie sich, während sie beobachtete, wie Janne Carstensen kurz am Schloss ruckelte, sich mit der Schulter gegen das Holz stemmte und dann den Schlüssel drehte. Es ertönte ein lautes Klacken, und dann ging die Haustür mit einem schrillen Quietschen auf.

Laras Mund klappte auf. Hätte sie gewusst, dass es einen Trick gab, wäre es ihr vermutlich auch selbst gelungen. Sie fühlte sich deppert und rührte sich nicht. Der Mann sagte auch nichts, aber sie sah, dass er einen Schritt hinein machte, dann gingen die beiden Lichter an der Hauswand an. Da er den Schalter dafür gleich gefunden und betätigt hatte, kannte er das Haus wohl, was ihre Theorie bestätigte, dass er eine Art Hausmeister sein musste. Sie blinzelte, weil sie das plötzliche, relativ helle Licht blendete.

Als er aus dem Inneren herauskam, stieß sie ein leises Zischen aus. Sie kannte den Typen.

Janne Carstensen, jetzt erinnerte sie sich, das war ja der Kerl aus dem Supermarkt!

Ach du Grüne Neune.

Sie klappte ihren Mund wieder zu. Deswegen war ihr die Stimme und Name bekannt vorgekommen. Allerdings war er im Laden vorhin sehr viel freundlicher gewesen, als er noch gedacht hatte, dass sie eine Touristin wäre, die er abschleppen konnte. Lara presste ihre Lippen aufeinander.

Auf diese Art von Bekanntschaften konnte sie gerne verzichten. Egal, wie gut er ausschaute. Das war leider auch jetzt nicht zu leugnen. Sein dunkles Haar sah aus, als wäre es noch feucht. Seine Augen wirkten im schwachen Licht vollkommen schwarz, obwohl sie wusste, dass sie strahlend blau waren. In dieser Sekunde schien auch er zu realisieren, dass sie ihm schon mal begegnet war, denn sein Gesichtsausdruck verfinsterte sich.

Aha, sie hatte also recht. Beinahe hätte sie gelacht, stattdessen rührte sie sich nicht. »Sie haben die Kate gekauft?«, stellte er fest, und seine Mimik sagte ihr, dass er das für eine äußert bescheuerte Idee hielt. Zum Glück kümmerte es sie nicht, was jemand wie er von ihr dachte, und sie würde ihm ganz sicher nicht ihre Gründe erklären, warum sie München und ihr altes Leben hinter sich gelassen hatte.

»Was dagegen?«, erwiderte sie süßlich und setzte ein falsches Lächeln auf, das sie sonst nur Patienten schenkte, die ihr blöd kamen. Bedauerlicherweise konnte sie ihn keine Übungen vorturnen lassen, die er nicht leiden konnte. Ja, sie konnte durchaus fies sein, alles

Impressum

Verlag: Zeilenfluss

Texte: Karin Lindberg
Bildmaterialien: © Shutterstock.com
Cover: Casandra Krammer - www.casandrakrammer.de
Lektorat: Dorothea Kenneweg
Korrektorat: Ruth Pöß - www.das-kleine-korrektorat.de
Satz: Zeilenfluss
Tag der Veröffentlichung: 20.10.2021
ISBN: 978-3-96714-174-0

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