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Leseprobe

 

 

 

 

Frühling auf Schottisch

 

Liebesroman

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Karin Lindberg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lektorat: Dorothea Kenneweg

Korrektorat: Dr. Andreas Fischer

2. Korrektorat Ruth Pöß

Covergestaltung: Casandra Krammer - www.casandrakrammer.de

Covermotiv: © Shutterstock.com

Copyright © Karin Lindberg 2021

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Alle Rechte vorbehalten.

Jede Verwertung oder Vervielfältigung dieses Buches – auch auszugsweise – sowie die Übersetzung dieses Werkes ist nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet. Handlungen und Personen im Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

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Prolog

 

Kiltarff, Schottland

 

 

Der Bildschirm spiegelte das flackernde Kaminfeuer wider, irgendwie passte das zu seiner Stimmung. Alejandro Alvarez saß im Salon von Kiltarff Castle in einem hohen Lehnstuhl und starrte auf sein Handy, das auf einem Glastisch neben ihm lag. Dunkel und bedrohlich wirkte sein Telefon im dämmrigen Licht auf ihn. Dennoch war er froh, dass es nicht grell blinkte. Das war auch gar nicht möglich, denn er hatte es ausgeschaltet, weil er es nicht mehr ertrug, von allen mit Nachrichten bombardiert zu werden.

»Möchtest du noch einen Drink?«, fragte sein langjähriger Freund und Gastgeber Kenneth McGregor, dessen Anwesenheit er für einen Augenblick völlig vergessen hatte.

»Nein danke, es ist besser, wenn ich einen klaren Kopf behalte«, meinte Alejandro. Er hatte seinem ehemaligen Spielerkollegen nicht bis ins letzte Detail berichtet, warum er endlich seiner Einladung nach Schottland gefolgt war. Aber selbst hier im entlegenen Norden mussten die Schlagzeilen angekommen sein, jedenfalls bei Menschen, die dem Polosport mit Interesse folgten.

Alejandro war froh, dass er diese Reise angetreten hatte, um Kenneth zu besuchen. Bisher war immer zu viel los gewesen, er hatte in seinem stressigen Leben einfach kein Zeitfenster freimachen können. Nun war die Lage anders, und alles, wonach Alejandro sich heute noch sehnte, war etwas Ruhe und Frieden. Vor allem das.

Er schloss für einen Augenblick die Lider und erschauerte, während er an die letzten Tage zurückdachte, die sich zu einem absoluten Albtraum entwickelt hatten. Sein Karriereende hatte er sich anders vorgestellt. Ganz anders.

Alejandro schluckte, dann straffte er sich. Er spürte den Blick seines Freundes auf sich, er war besorgt, aber weder bedrängte er ihn, noch bohrte er nach Informationen. Sicher hatte auch Kenneth die Medienberichte gelesen, die wie so oft die Wahrheit verzerrten, um den Skandal noch zu vergrößern. Mehrheitlich waren sie natürlich auf Spanisch verfasst, aber sicher hatte es auch die eine oder andere Headline auf die einschlägigen Poloseiten geschafft. Kenneth hatte sich damit zufriedengegeben, als Alejandro ihm kurz erklärt hatte, dass diese Art von Berichterstattung einzig und allein dazu da war, ihn in den Dreck zu ziehen und fertigzumachen. Dass kein Wort davon stimmte. Alejandro atmete hörbar aus. Seinen bis dahin tadellosen Ruf zu ruinieren, war den Schweinen gelungen. Sehr gründlich sogar.

Alejandro hatte sich dennoch dagegen entschieden, eine Pressekonferenz abzuhalten oder Interviews und sonstige Statements abzugeben. Er hatte lediglich über seinen Manager verlauten lassen, dass nichts an der Geschichte der Wahrheit entsprach. Dass die Regenbogenpresse jedoch nie an der echten Story interessiert war, war leider Fakt. Deshalb war es sinnlos, zu versuchen, die Lügen richtigzustellen.

Irgendwann würde der Shitstorm abebben, er würde verpuffen. Oder auch nicht. Wenn jemand mit Dreck warf, blieb immer etwas kleben – egal ob es berechtigt war oder nicht.

In seinem Fall konnte Alejandro nicht einmal genau sagen, was er falsch gemacht hatte. Und er wollte jetzt auch nicht länger daran denken. Er hatte jedoch keine Ahnung, wie es für ihn weitergehen sollte. Dieser Skandal kam zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt.

»Am liebsten würde ich einfach für ein paar Monate völlig abtauchen«, erklärte Alejandro schließlich und atmete leise aus.

»Das kann ich gut verstehen, hast du ein konkretes Ziel?«

»Ich bin mir nicht sicher. Nein, eigentlich nicht. Es sollte auf jeden Fall ein Ort sein, an dem mich niemand kennt und wo ich meine Ruhe habe.«

Kenneth lächelte breit. »Da hätte ich eine Idee…«

»Du meinst doch nicht etwa hier? Bei euch? Nein, ich kann eure Gastfreundschaft unmöglich so lange in Anspruch nehmen.« Obwohl er Kenneth und seine Freundin Ellie, die er kürzlich erst kennengelernt hatte, sehr gernhatte, so schwebte ihm etwas anderes vor, als bei Freunden zu wohnen.

Kenneth rieb sich das Kinn. »Das kann ich gut nachvollziehen, aber ich kann dir aus eigener Erfahrung sagen, dass sich in den Highlands kein Schwein für Polo und die Welt der Reichen und Schönen interessiert.«

»Ja, und es ist auch ziemlich kalt hier.« Alejandro verzog seine Lippen zu einem schiefen Grinsen.

Kenneth lachte lauthals. »Dass dein hübscher argentinischer Hintern friert, kann ich verstehen, aber auch du kannst dich dran gewöhnen. Es gibt auf jeden Fall kaum einen Platz auf der Erde, an dem man besser nachdenken kann als hier. Und der Winter ist ja auch bald vorbei.«

Alejandro stand auf und ging mit langsamen Schritten zu den bodentiefen Fenstern des Salons, um nachzudenken. Er schaute auf den dunkel schimmernden Loch Ness, in dem sich der silberne Mond und die Sterne spiegelten. Es hatte immer etwas ungemein Beruhigendes, aufs Wasser zu schauen, egal, ob es das Meer war, ein Fluss oder ein schottischer Loch. »Ja, vielleicht«, murmelte er vor sich hin. »Hier sucht garantiert niemand nach mir.«

 

 

 

 

Kapitel 1

 

 

 

 

»Bist du völlig verrückt geworden?«, stieß Ava fassungslos hervor.

Kendra schaute in das Gesicht ihrer Freundin, die mit den Händen in den Hüften vor ihr stand und den Kopf schüttelte.

»Verrückt, wieso?«, wollte Kendra wissen, obwohl sie sehr wohl begriff, was Ava meinte. Sie hatte nur keine Lust, darauf einzugehen.

»Hast du mal aufs Thermometer geschaut? Draußen ist es eiskalt! Wir haben immer noch Winter«, fuhr Ava unbeirrt fort.

Kendra schmunzelte. Natürlich hatte sie recht, auf ihre Weise. Obwohl der Schnee in den letzten Tagen weitestgehend geschmolzen war, waren die Nächte in den Highlands noch immer eisig und vor allem sehr lang. Genau das war auch der Grund, warum Kendra allein wegfahren wollte. Es war vielleicht die letzte Chance, diesen Winter die seltenen Nordlichter zu sehen. Der Himmel war wolkenlos, und die Sterne leuchteten bereits hell auf sie herab. Ihr Atem hinterließ kleine, weiße Wölkchen in der Abendluft.

»Ich bin nicht aus Zucker«, meinte sie nur und zuckte die Schultern. Dann schlug sie den Kofferraum des Transporters zu, den sie sich von Avas Freund ausgeliehen hatte. Colins Lieferwagen mit seiner breiten Ladefläche, auf der man sich gut ausstrecken konnte, war perfekt für einen solchen Ausflug.

»Zucker wäre besser, der übersteht Frost nämlich ganz gut, im Gegensatz zu einem menschlichen Körper.« Einerseits war es süß, dass Ava sich Sorgen um sie machte, obwohl sie sich erst kurz kannten, andererseits wollte Kendra einfach ihre Ruhe haben. Sie gönnte jedem ihrer Freunde das neu gefundene Liebesglück von Herzen, aber es machte ihr dennoch immer wieder schmerzlich bewusst, was ihr selbst fehlte. Sie würde es sich nicht eingestehen, wenn man sie darauf ansprach, aber sie war einsam. Und das, obwohl sie ständig von vielen Menschen umgeben war.

»Meine Güte, Ava, jetzt entspann dich mal. Ich habe einen Thermoschlafsack und wirklich gute Kleidung mit, außerdem noch eine Heizdecke, die mit Akku betrieben ist. Ich kann gar nicht erfrieren, davon mal abgesehen – so kalt wird es wirklich nicht werden. Ich mache das nicht zum ersten Mal und weiß, worauf ich mich einlasse.«

Ava atmete hörbar aus und schob sich eine Strähne hinters Ohr. »Ich habe Angst um dich. Es ist doch bestimmt irre gefährlich, so alleine da draußen. Ihr Highlander-Frauen seid ganz schön hart.«

Kendra gluckste. »Ich finde es ja wirklich süß, dass du dir Gedanken machst, aber ich fürchte mich nicht vor der Dunkelheit, und Wölfe und Bären gibts hier auch nicht mehr. Schon seit Ewigkeiten nicht.«

»Tiere sind nicht das Schlimmste, was da im Dunkeln rumkreucht.« Avas Stirn war gerunzelt.

Kendra umarmte ihre Freundin, um sich zu verabschieden. Sie wollte nicht mehr hören. »Keine Sorge, meine Liebe. Ich pass schon auf mich auf, und, wie gesagt, ich mache das nicht zum ersten Mal.«

»Soll ich mitkommen?«, bot Ava an.

Kendra holte tief Luft. »Das ist lieb gemeint, aber ich brauche echt ein bisschen Zeit für mich allein. Zum Nachdenken.«

»Stimmt was nicht?«, wollte Ava wissen. »Ist was passiert?«

»Nein, nein. Es ist wirklich alles okay«, betonte Kendra und verzog ihre Lippen. Dass sie das Gefühl hatte, erdrückt zu werden, wenn sie hierblieb, behielt sie für sich. Auch, dass sie mal wieder mit ihren Eltern über die üblichen Themen gestritten hatte, verschwieg sie, weil sie endlich loswollte. Mit ein bisschen Abstand würde sich bestimmt wieder alles einrenken, so wie immer.

Ava nickte schließlich und gab ihren Widerstand auf. »Dann sieh aber zu, dass du dein Handy dabeihast und dass der Akku aufgeladen ist. Nur für alle Fälle, falls du Hilfe brauchst.«

Kendra grinste. »Ja, Mutti.«

»Im Ernst, Liebes. Und wenn du zurück bist, meldest du dich auch, ja?«

»Ich schau morgen früh bei dir im Büro vorbei, wenn du darauf bestehst. Wie läuft es eigentlich mit dem Umbau?«

Ava war Ende des letzten Jahres nach Kiltarff gekommen, um einen Flügel des hiesigen Schlosses in ein Hotel umzugestalten. Kendra war schon lange mit den Besitzern befreundet, und auch Ava gehörte jetzt zu ihrem Freundeskreis. Sie hatte ihr altes Leben in London hinter sich gelassen und sich in Colin verliebt, der hier im Ort einen Gemischtwarenhandel betrieb. Die beiden waren nach einigem Hin und Her ein ganz zauberhaftes Paar geworden.

»Es läuft im Prinzip gut, aber der Zeitplan war ja ohnehin sehr eng. Die Handwerker arbeiten quasi Tag und Nacht, aber ich weiß nicht, ob wir den geplanten Eröffnungstermin halten können. Das nervt Kenneth und Ellie natürlich total, weil sie noch nicht gezielt mit der Werbung beginnen können, obwohl schon einige Zimmer fertig sind. Aber eben nicht alle. Niemand will auf einer Baustelle Urlaub machen. Da müssen wir uns noch was überlegen, vielleicht eine größere Aktion mit geladenen Gästen oder so was.«

»Verstehe.« Kendra nickte. »Ihr schafft das schon, da bin ich mir sicher.«

»Dein Wort in Gottes Ohr.« Ava stieß zischend die Luft aus.

»So, ich muss dann«, erklärte Kendra schließlich. »Sag Colin noch mal danke, dass ich mir den Transporter bis morgen ausleihen kann.«

»Ich wünschte, er hätte ihn dir nicht gegeben.«

»Du bist süß, Ava. Es ist garantiert tausendmal ungefährlicher, eine Nacht allein in den Highlands zu verbringen, als in London mit der Tube zu fahren.«

Ava schüttelte resigniert den Kopf. »Mach doch, was du willst. Bis morgen, Sweetheart.«

Sie drückte sie noch mal, dann stieg Kendra ein und ließ den Motor an.

 

Kurz darauf rumpelte der Lieferwagen vom Hof, Kendra bog links ab, fuhr am Schloss vorbei, die alte Landstraße hinauf am Loch Ness entlang und spürte mit jedem Meter, den sie hinter sich ließ, ein Stück von ihrer Anspannung abfallen. Es war eine klare Nacht, die Sterne leuchteten hell. Sie konnte es kaum erwarten, ihr Lager aufzuschlagen. Nach einer guten Stunde war sie an ihrem Ziel angelangt. Dieser magische Ort war ein Geheimtipp, den man nur kannte, wenn man aus der Gegend kam. Glücklicherweise bewahrten die Bewohner diesen Schatz und schützten ihn vor einem möglichen Touristenansturm.

Sie parkte den Transporter rückwärts, sodass sie, wenn sie sich in ihren Schlafsack gekuschelt hatte, in den Sternenhimmel und auf den Loch Ness blicken konnte. Die Wettervorhersage war gut, und mit ein bisschen Glück würde sie tatsächlich ein paar Nordlichter sehen können. Kendra stieg aus und saugte die eiskalte, klare Luft in ihre Lungen. Sie schloss die Augen. Für einige Atemzüge verharrte sie regungslos und genoss das Gefühl der Freiheit und Abgeschiedenheit. Das hier war genau das, was sie jetzt brauchte. Alleinsein bedeutete nicht gleich Einsamkeit, im Gegenteil. Hier konnte sie Kraft tanken und nachdenken, einfach mal die Seele baumeln lassen. Ihr Alltag war hektisch, die Arbeit im familieneigenen Pub war immer mit langen Schichten und Stress verbunden. Obwohl sie das Lantern liebte, war es doch ebenso eine immense Verantwortung und war nicht mit einem Nine-to-five-Job zu vergleichen. Sie konnte nicht, wie andere, das Büro hinter sich lassen und erst am nächsten Tag wieder an den Job denken. Im Lantern gab es immer und jederzeit etwas zu tun oder zu organisieren. Vor allem nach der wirtschaftlichen Krise, die hinter ihnen lag, ging es nur schleppend wieder bergauf. Im Gegensatz dazu hatten sie einige teure Reparaturen, die anstanden, auf der Liste.

Nicht jetzt, sagte sie sich und öffnete die Augen. Als Nächstes umrundete sie den Transporter, holte einen Klappstuhl aus dem Laderaum, einen kleinen Tisch, einen Gaskocher und das Zubehör. Sie packte alles aus, öffnete sich eine Dose Bier und erwärmte einen Eintopf. Licht benötigte sie keines, die Nacht war hell genug. Während sie immer wieder mit einem Löffel in dem Blechtopf rührte, bereitete sie alles Weitere vor. Sie zog sich ihren Schlafsack über, ließ nur die Füße, die noch immer in festen Boots steckten, herausschauen und ließ sich in den Gartenstuhl sinken.

Dann nahm sie einen tiefen Zug von ihrem Bier und seufzte genüsslich. Kendra spürte, wie sich ihre Lippen nach oben bogen und gleichzeitig ihre völlig verspannten Schultern ein wenig herabsanken. Sie hätte das schon längst tun sollen, aber irgendwie war stets etwas anderes los gewesen. Nicht zuletzt hatte sie auch für ihren Kumpel Colin da sein müssen. Bevor er mit Ava zusammengekommen war, hatte er immer mal wieder Zuspruch gebraucht und auch tatkräftige Hilfe mit seinem Dad und der senilen Grandma. Aber jetzt war bei ihm zum Glück alles paletti. Sie freute sich für ihn, Colin war ein prima Kerl, der es verdient hatte, endlich seine große Liebe gefunden zu haben. Und das, wo er sich so vehement dagegen gewehrt hatte.

»Männer«, murmelte sie, vor sich hin grinsend. Dann nahm sie den Pott vom Kocher und packte ihn auf ein schmales Brett, das sie über ihrer Stuhllehne abstellte und festhielt. Es duftete herrlich nach ihrem Lieblingsgericht, Cullen Skink, einem Eintopf mit geräuchertem Schellfisch und Kartoffeln, den es im Lantern gab. Sie blies auf den Löffel, dann fing sie an zu essen. Die Sterne leuchteten über dem dunkel schimmernden Loch Ness, der Mond verbreitete ein silbernes Licht. In der Ferne schrie ein Kauz, während eine leichte Brise über sie hinwegstrich. Es war herrlich.

Mit der warmen Mahlzeit und dem Bier im Bauch machte sich eine willkommene Mattigkeit in ihr breit. Kendra gähnte und streckte sich. Sie würde ein paar Stunden schlafen und nachher noch einmal sehen, ob sich ein paar Nordlichter am Himmel zeigten. Zufrieden kletterte sie mit dem schmutzigen Geschirr – sie wollte weder Ungeziefer noch andere Tiere damit anlocken – in den Laderaum, der heute Nacht als ihr Schlafzimmer herhalten würde. Kurz darauf lag sie auf ihrer Isomatte im Transporter, kuschelte sich in ihren Schlafsack und dämmerte hinüber in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Ein wiederkehrendes Pochen ließ Kendra blinzeln. Sie war noch immer eingemummelt, durch die Vorderscheiben fiel spärliches Dämmerlicht in den Laderaum. Mist, sie hatte die Nacht verschlafen, sie hatte nicht mal gehört, wie die Klappe von einem Windstoß zugefallen sein musste. Eine sanfte Morgenröte zeichnete sich am Himmel ab, ein winziger Streifen am dunklen Horizont. Jetzt klopfte es wieder. Sie runzelte die Stirn, das war nicht normal. Mit einem Schlag war sie vollständig wach.

»Hallo? Ist da wer drin?«, hörte sie jemanden von draußen rufen. Es war eine tiefe männliche Stimme, und dieser Mann sprach mit starkem ausländischem Akzent.

Shit, schoss es ihr durch den Kopf. Gestern hatte sie noch über Ava gelacht, jetzt pochte ihr Herz wie verrückt, während sie sich fragte, ob das womöglich ein Meuchelmörder war, der nach einem Opfer suchte. In der nächsten Sekunde schüttelte sie amüsiert den Kopf. Es war doch äußerst unwahrscheinlich. Aber nicht komplett abwegig, das musste sie sich auch eingestehen, wobei ein Serienkiller vermutlich nicht bis zum frühen Morgen warten würde, ehe er zuschlug, aber vielleicht hatte er einfach erst jetzt jemanden gefunden. Sie!

Kendra schnappte nach Luft und wunderte sich über ihre konfusen Gedankengänge.

»Hallo?«, drang die dunkle Stimme noch einmal ins Innere.

Sie verdrehte die Augen über ihre bescheuerte Reaktion. Natürlich war der Typ da draußen, wer auch immer es war, kein Meuchelmörder. Sie krabbelte zur Laderaumtür und öffnete. Sie stieg in ihre Stiefel und kletterte, noch im Schlafsack, aus dem nur die Füße rausguckten, hinaus. Es war eiskalt draußen, Raureif hatte sich auf den Bäumen und dem Gras gebildet. Ihr Atem hinterließ viele kleine, weiße Wölkchen – ein deutliches Zeichen dafür, wie aufgeregt sie war.

Und dann entdeckte sie den Mann. Er trug eine schwarze Wollmütze, darunter lugten einige genauso schwarze Haarsträhnen hervor. Seiner Kleidung nach zu urteilen, war er kein Landstreicher, er trug eine teure, dunkelblaue Daunenjacke. Sein Teint war gebräunt. Ihr Herz stolperte, als sie in seine braunen Augen schaute, die sich gerade vor Erstaunen weiteten. Vermutlich hatte der Mann nicht damit gerechnet, dass eine Frau aus dem Lieferwagen stieg.

Endlich fand Kendra ihre Sprache wieder. »Was wollen Sie von mir?«

Sie war noch immer ein wenig durch den Wind – und die Nordlichter, wenn denn welche zu sehen gewesen waren – hatte sie auch verpasst. Sich darüber ärgern konnte sie auch später noch, jetzt brauchte sie ihre volle Aufmerksamkeit, um die Fassung zu bewahren. Der Typ war irgendwie heiß, sie konnte nicht genau sagen, wieso, aber er ließ sie nicht kalt. Überhaupt nicht.

Er trat in diesem Augenblick einen Schritt näher, und Kendras Puls schnellte erneut in die Höhe. Vielleicht war es doch ein Fehler gewesen, einfach so herauszukommen; auch wenn er in teuren Klamotten herumstiefelte, konnte er immer noch ein Verbrecher sein. Sie atmete tief ein und rührte sich nicht, bei Männern war es wie mit Wildtieren, man durfte ihnen nicht zeigen, wenn sie einem Angst machten. Es war auch lächerlich, anscheinend hatten Avas Kommentare ihr mehr zugesetzt, als ihr lieb war. Dabei war sie sonst nicht so. Und als Furcht konnte man ihre Reaktion auch nicht bezeichnen, es war mehr eine gespannte Erregung, die sie sich nicht erklären konnte. Normal war es jedenfalls nicht. Sie brach sonst nicht wie ein hormongesteuertes Etwas in Verzückung aus, nur weil sie einem gut aussehenden Mann begegnete.

»Entschuldigen Sie«, er räusperte sich. »Ich … Ich muss mich irgendwie verfahren haben.«

Sie atmete aus.

»Verfahren?«, wiederholte sie lakonisch, während sie die Worte nicht vollständig einordnen konnte, weil sie noch immer mit Starren beschäftigt war.

Er zuckte die Schultern. »Ja, ich, äh, konnte nicht schlafen und bin ein wenig durch die Gegend gefahren.«

Kendra schaute sich nach einem Auto um. Tatsächlich, etwas weiter drüben stand ein Geländewagen.

»Und Sie haben kein Navi?« Sie runzelte die Stirn, das wäre ungewöhnlich.

»Hm. Nein, leider nicht. Diese Mietwagenfirma hat mir zwar so ein portables Ding mitgegeben, aber das funktioniert nicht. Ist kaputt.«

Kendra hob eine Augenbraue. Sein Akzent war sexy. Er sprach zwar perfekt Englisch, aber benutzte ungebräuchliche Worte. »Verstehe. Wo wollen Sie denn hin?«

Er gähnte ausgiebig, dann schüttelte er sich leicht. »Tut mir leid, war eine kurze Nacht. Ich möchte zurück nach Kiltarff.«

Sie horchte auf.

»Ich würde Ihnen ja einen Kaffee anbieten, aber ich habe nur eine Tasse«, erklärte Kendra, die sich endlich wieder gefangen hatte. Er war also wirklich nur ein harmloser Tourist. Dennoch fragte sie sich, warum er genau hier gelandet war, und das so früh am Morgen. Er sah auch aus, als wäre er schon länger unterwegs. Das zeigten die dunklen Augenringe und sein Gähnen.

Er trat näher und lugte in den Transporter.

»Sie sind ja gut ausgerüstet«, stellte er anerkennend und ein wenig verwundert fest.

Kendra zuckte die Schultern, sie wollte ihm nicht erklären, warum sie hier allein campierte und dass sie geübt darin war. »Um nach Kiltarff zu kommen, müssen Sie nur hier entlangfahren. Einfach der Straße folgen. Schauen Sie mal, kommen Sie, ich zeige Ihnen was.«

Sie ging ein paar Schritte zu einem Felsvorsprung und hielt ihren Schlafsack dabei fest. Hier draußen war es doch recht frisch, und obwohl sie vermutlich wie eine Raupe ausschaute, hatte sie nicht vor, das Ding auszuziehen, denn darunter trug sie eine ausgebeulte Jogginghose, die alles andere als sexy war. Er trat neben sie, und ein Hauch seines Aftershaves stieg ihr in die Nase. Er roch gut. Sehr gut sogar. Würzig und frisch. Sie blickte von der Seite zu ihm auf. Seine Wangen waren kantig und unrasiert. Ein dunkler Bartschatten zeichnete sich deutlich darauf ab. Er hatte volle, sinnliche Lippen, und Kendra beobachtete, wie sie sich öffneten und wieder schlossen. O Gott. Hatte er etwa gerade etwas gesagt? Sie hatte gar nicht zugehört, sondern nur geglotzt.

»Wie bitte?«, fragte sie und schaute auf den Loch Ness, um sich von ihm abzulenken – was gar nicht so einfach war. Der Mann hatte eine sehr einnehmende Präsenz, deren Wirkung sie sich nicht so leicht entziehen konnte. Sie wollte es auch gar nicht, obwohl ihr klar war, dass ihre hormongesteuerte Reaktion schlicht und ergreifend verrückt war.

»Ich habe nur gesagt, dass es sehr, sehr schön hier ist. Kommen Sie vielleicht aus der Gegend?«

»Äh, ja. Beides.« Plötzlich war ihr sehr heiß geworden, sie war versucht, sich Luft zuzufächeln, aber hielt sich gerade noch zurück. Er würde sonst wirklich glauben, sie wäre eine durchgeknallte Einsiedlerin. Andererseits … Die Wahrscheinlichkeit, dass sie diesen Touristen noch einmal wiedersah, war gering. In Kiltarff legte er mit ziemlicher Sicherheit nur einen kurzen Zwischenstopp ein, dann ging es weiter auf seiner Route, die garantiert noch Orte wie Fort William und Inverness beinhaltete. Leute wie er hatten meist verschiedene Fixpunkte im Voraus geplant, die sie auf ihrer Liste abklapperten. Seinen Akzent würde sie in Richtung Spanisch einordnen, dazu würde auch sein Aussehen passen. Sie fragte sich, ob er allein auf Reisen war. Einen Ring hatte sie jedenfalls nicht am Finger entdeckt, aber das hieß ja nichts mehr heutzutage.

Und dann erinnerte sie sich, was sie ihm hier am Rande der Felsen hatte zeigen wollen. Sie streckte einen Arm aus und wies über den in der schwachen Morgensonne glitzernden Loch Ness. »Sehen Sie das? Da am Ende? Das ist der Ort Kiltarff, ganz vorne am Ufer sehen Sie auch Kiltarff Castle, das alte Schloss.«

Er war ihr so nah, dass sein Oberarm sie beinahe berührte. Ihr fiel wieder auf, dass er ein ganzes Stück größer war als sie. Zudem wirkte er sehr athletisch. Das konnte sie auch trotz der Daunenjacke allein an seiner Haltung erkennen. Obszöne Bilder von ihm und ihr tauchten in ihrem Kopf auf, die nicht dort hingehörten. Es war völlig absurd, bewies jedoch deutlich, wie nötig sie es hatte, sich endlich mal wieder auf einen Mann einzulassen. Vermutlich würden dann auch diese Fantasien verschwinden. Aber woher nehmen und nicht stehlen, dachte sie halb amüsiert, halb schockiert über ihre eindeutigen Impulse. Sie war sonst nicht so hormongesteuert, wirklich nicht. Vermutlich lag es nur daran, dass sie nervlich total überspannt war. Daran hatte eine Nacht in Ruhe und Abgeschiedenheit leider auch nicht viel geändert.

»Sehr schön, also dann muss ich nur diese Straße hier entlang?«, unterbrach er die Stille zwischen ihnen. Seine samtige Stimme jagte kleine Schauer an ihrer Wirbelsäule auf und ab.

Kendra nickte. Ihre Kehle war staubtrocken. »So ist es. Sie können es quasi gar nicht verfehlen.«

Er grinste breit. »Sie haben keine Ahnung, wie lange ich schon durch die Gegend gefahren bin. Also, Ihr Wort in Gottes Ohr.«

Sie runzelte die Stirn, er wirkte gar nicht verpeilt oder orientierungslos auf sie, aber sie konnte sich auch täuschen.

»Dabei gibt es hier gar nicht so viele Straßen«, murmelte sie abwesend. Im Geiste war sie immer noch bei der Vorstellung, wie er wohl ohne diese Daunenjacke ausschaute … ob seine Brust glatt oder behaart war? Sie mochte es lieber glatt …

»Tja, das zeigt nur, dass ich völlig unfähig bin. Ich hoffe, ich habe Ihnen nicht allzu viel von Ihrem Schlaf geraubt.« Er betrachtete sie mit einer Mischung aus Erstaunen und Interesse. Kendra wich seinem Blick aus; nicht, dass er noch kapierte, was da wirklich in ihr vorging. Das wäre einfach zu peinlich.

Die aufgehende Sonne tauchte den Himmel in ein zartes bonbonrosa, ein Entenpärchen flog über den Loch Ness. Es war herrlich, für eine Sekunde wünschte sich Kendra, dass dieser Mann ihr Partner wäre, seinen Arm um sie legen würde und sie gemeinsam diesen perfekten Moment genossen – als Liebespaar. Aber er gehörte nicht zu ihr. Und in Kürze würde er genauso schnell aus ihrem Leben verschwunden sein, wie er aufgetaucht war. Sie seufzte leise.

Sie musste damit aufhören, sich einen Traumprinzen an ihre Seite zu wünschen. Niemals passierte so etwas Frauen wie ihr, verrückte Romanzen gab es nur im Film oder im Märchen. Aber Kendra lebte in der Realität. In Augenblicken wie diesen bedauerte sie das.

»Ich liebe es zu sehen, wie der Tag beginnt«, murmelte sie. Sie atmete leise aus und schaute geradeaus, während sie erwartete, dass er mit langen Schritten davonmarschierte, jetzt, wo er wusste, wo es langging. Aber er rührte sich nicht. Niemand sprach. Sie sah, wie sich sein Atem mit ihrem in der eisigen Luft vermischte. Ihre Haut kribbelte, sie fühlte sich sehr lebendig. Geradezu elektrisiert.

Nach einer Weile, es mussten Minuten verstrichen sein, räusperte er sich und trat einen Schritt zur Seite. In Kendra machte sich ein Verlustgefühl breit, das völlig absurd und unangebracht war. Sie kannte den Mann überhaupt nicht. Nicht mal seinen Namen.

Der tat auch nichts zur Sache. Während sie schon wieder davon träumte, wie es wäre, in seinen Armen zu liegen, und sich eine romantische Geschichte ausmalte, in der sie beide die Hauptrollen spielten, dachte er vermutlich nur daran, so schnell wie möglich wegzukommen.

»Dann sind Sie eine Frühaufsteherin?«, wollte er wissen.

»Aye, wenn es sich lohnt.« Kendra lächelte.

»Nun, das hier lohnt sich definitiv. Einen schönen Platz haben Sie sich ausgesucht. Vielen Dank, dass Sie mir weitergeholfen haben. Leben Sie wohl.«

Er ging ein paar Schritte, sie schaute ihm sehnsuchtsvoll hinterher. Er wandte sich noch einmal um, hob seine Hand und winkte ihr zu, dann war er verschwunden. Wie eine Fata Morgana in der Wüste.

Kendra ging seufzend zurück zum Transporter, baute ihren Tisch samt Stuhl und Kocher auf und bereitete sich erst einmal einen kräftigen Kaffee zu. Den brauchte sie eigentlich nicht mehr, sie war definitiv wach, aber ein warmes Getränk im Bauch war dennoch willkommen. Sie hatte einen Haferriegel dabei, den sie dazu knabberte. Eine seltsame Melancholie ergriff sie, während sie mit beiden Händen die Tasse umfasste und über die vertraute Landschaft blickte. Mittlerweile war es vollständig hell, die Morgensonne war jedoch noch nicht stark genug, um ausreichend Wärme zu spenden. Über den Loch Ness schipperte ein Boot. Es war zum Weinen schön, sie wurde nie müde, hier zu sitzen.

Und doch, glücklich war sie nicht. Diese Nacht hatte ihr nicht die erhoffte Erleichterung verschafft. Gleichzeitig musste sie sich eingestehen, dass dieser Mann sie völlig aus der Fassung gebracht hatte. Natürlich wusste sie nichts über ihn; er könnte ein Kerl sein, der seine Frau verprügelte und sein Leben nicht im Griff hatte. Aber in ihrer Vorstellung war er der perfekte Partner, zuvorkommend, liebevoll – und leidenschaftlich. Aus eigener Erfahrung wusste sie, dass die Mischung nett und heiß selten bis nie vorkam. Jedenfalls nicht in ihrem Kosmos. Kendra seufzte theatralisch und schnitt eine Grimasse.

»Ich habe ja vollkommen den Verstand verloren«, stieß sie kopfschüttelnd hervor. Sie konnte sich ihre Reaktion selbst nicht erklären, aber sie hatte eine so immense Anziehung gespürt, dass sie noch immer innerlich bebte. Sie bildete sich das bestimmt nur ein. Sie musste endlich damit aufhören, von der großen Liebe zu träumen, die plötzlich in ihrem Leben auftauchte. Dieser Mann war bestimmt nicht der Mensch, der diese Position ausfüllen konnte. Ihre Fantasie war einfach mit ihr durchgegangen.

Zudem war er längst fort. Sie würde ihn nicht wiedersehen, und selbst wenn – er würde Kiltarff so schnell verlassen, wie er gekommen war. Außerdem – und das war wirklich ernüchternd und holte sie endgültig auf den Boden der Tatsachen zurück – war sie mit ihrer blassen Haut, den Sommersprossen und den roten Haaren vermutlich nicht sein Typ. Ganz sicher sogar. Ein Mann wie er hatte garantiert eine ebenso rassige Frau an seiner Seite, mit üppigen Kurven, vollen Lippen und glänzenden schwarzen Locken.

»Tja, Pech.« Sie seufzte und widmete sich wieder ihrem Kaffee. Zeit, in ihr Leben zurückzukehren, in dem sie Rechnungen zu bezahlen und Vorbereitungen für das Tagesgeschäft zu treffen hatte.

 

 

 

 

Kapitel 2

 

 

 

 

Alejandro ging langsam über den blau gemusterten Teppichboden von Keating Manor. Die Dielen darunter knarzten bei jedem Schritt. An den Wänden hingen Gemälde aus verschiedenen Epochen. Einige waren vermutlich noch nicht alt, sie zeigten das schottische Hochland, wohingegen andere wie skurrile Relikte einer vergangenen Zeit wirkten. Sollte er hier einziehen, würde er diese Ahnengalerie entfernen lassen. Er fand es grauenhaft, ständig diese Augenpaare der in Öl gebannten Gesichter auf sich zu spüren. Ansonsten war das Herrenhaus allerdings geschmackvoll eingerichtet und überraschend wohnlich. Gedämpftes Licht verbreitete eine angenehme Atmosphäre.

Neben ihm plapperte Flora Henderson unablässig über die Vorzüge dieses Herrenhauses. Sie war die Maklerin, die Kenneth und Ellie ihm vermittelt hatten. Er schätzte sie auf Ende fünfzig, sie war recht klein, und ihr graues, kurzes Haar hatte einen leichten Stich ins Violette. Insgesamt wirkte sie sehr lebhaft, redete auf jeden Fall gern und wusste anscheinend auch über alles und jeden Bescheid. Sie lebte in Kiltarff und hatte sofort auf Kenneths Anfrage reagiert und ihm Keating Manor angeboten. Alejandro hatte nicht lange gezögert – ansehen kostete ja nichts. »Sie könnten es möbliert, mit allem, was sich darin befindet, übernehmen.«

Alejandro war überrascht. »Mit allem?«

Flora nickte eifrig. »Ja, es sei denn natürlich, Sie möchten es komplett neu einrichten? Das geht selbstverständlich auch. Ich hatte es nur so verstanden, dass Sie eine kurzfristige Lösung suchen, um möglichst bald einziehen zu können.«

Alejandro wollte gar nicht wissen, was Kenneth ihr genau erzählt hatte, die Botschaft war aber im Grunde korrekt übermittelt worden. Er hatte weder Muße noch Zeit, ein so großes Haus neu einrichten zu lassen – er wusste ja nicht mal, wie lange er bleiben würde.

»Ich kann es also mit allem mieten?« Er unterdrückte ein Gähnen, die Nacht war zu kurz gewesen. Nachdem er sich schlaflos im Bett gewälzt hatte, war er kurzerhand in seinen Mietwagen gestiegen und planlos durch die Gegend gefahren – leider hatte er dann den Nachhauseweg nicht mehr gefunden. Dummerweise hatte er sein Handy im Schloss liegen gelassen. Das Navi hatte sich auch noch als nutzlos erwiesen, da es den Geist aufgegeben hatte. Es war beinahe eine göttliche Fügung gewesen, als er diese Frau gefunden hatte, die, wie es aussah, in ihrem Transporter lebte. Die Ärmste. Was trieb einen dazu, so ein Leben zu führen?, überlegte er und dachte an ihre bezaubernden smaragdfarbenen Augen, die ihn nicht mehr losließen.

»Mieten?« Flora Hendersons Stimme war eine Oktave höher geworden und riss Alejandro aus seinen Erinnerungen. Sie schritten gerade die große, geschwungene Eichentreppe nach unten, Flora hielt sich am reichlich verzierten Geländer fest.

»Äh, ja?« Er war ein wenig irritiert. »Mieten, das wäre mein Wunsch.«

»Tut mir leid, da muss wohl ein Missverständnis vorliegen. Das Herrenhaus steht zum Verkauf, es ist keine Ferienwohnung, die man kurzfristig buchen kann.«

Er fluchte innerlich, versuchte aber, sich nichts anmerken zu lassen. So ein Mist, er wollte sich keinen Klotz ans Bein binden, schon gar nicht im entlegenen Schottland.

»Na schön, was soll es kosten?«, fragte er dennoch, in seiner Situation war er beinahe schon zu allem bereit, wenn er sich damit eine Ruhepause von dem unerfreulichen Presserummel erkaufen konnte.

»Kommen Sie doch erst einmal mit, Sie haben noch gar nicht alles gesehen. Im Obergeschoss sind wir allerdings durch. Ich hatte Ihnen zuerst zeigen wollen, wie hübsch der Ausblick aus der Master Suite über den Loch Ness ist. Atemberaubend, oder?«

Die Aussicht war in der Tat fantastisch gewesen, von dort aus hatte er sogar Kiltarff Castle sehen können, wie es mit seinen hohen Bäumen und spitzen Dächern am Ufer des Loch Ness thronte. Der Blick auf den See war wirklich beruhigend gewesen, auch das Raumklima insgesamt war angenehm. Gleichzeitig kam ihm das Haus seltsam leblos vor, er hatte nicht mal im Ankleidezimmer einen Fetzen Stoff des Besitzers entdecken können. Insgesamt war diese Immobilie völlig anders, als er es gewohnt war zu leben. ›Anders‹ bedeutete in diesem Fall eigentlich gut. Sehr gut sogar, wenn er länger darüber nachdachte. Aber gleich kaufen? Er atmete tief durch. So etwas musste gut überlegt sein, auch wenn Geld nicht unbedingt das Problem war.

Als sie schließlich unten in der Halle angekommen waren, blickte er noch einmal zurück nach oben. Die Galerie war ansprechend eingerichtet, die hohen Fenster ließen außerdem zu, dass die Atmosphäre hell und angenehm war – nicht wie in vielen alten Häusern, die er von innen gesehen hatte. In der Mitte funkelte ein kristallener Leuchter über dem edlen schwarz-weiß gefliesten Boden. »Das Haus ist siebzehnhundertsechsundachtzig von einem Engländer erbaut worden; er hat eine Schottin geheiratet, und die wollte ihre Heimat nicht verlassen. Nachdem die Schlacht siebzehnhundertsechsundvierzig bei Culloden verloren war, kamen ja immer mehr Engländer her …«

Alejandro hatte wenig Ahnung von der hiesigen Geschichte, aber er fand es gleichzeitig irgendwie spannend und würde gern mehr darüber erfahren. Allerdings hatte er momentan keine Geduld, sich diesen Vortrag von Flora anzuhören. Er könnte später in Ruhe nachlesen, was sich in Schottland zugetragen hatte, vielleicht bei einem Glas Wein in der Bibliothek. Der Gedanke gefiel ihm, sogleich entspannte sich sein Nacken ein wenig.

»Was gibt es noch zu sehen?«, fragte er dennoch ein wenig ungeduldig, weil er befürchtete, dass Flora sonst womöglich einen stundenlangen Monolog halten würde, anstatt mit der Besichtigung fortzufahren.

Flora lächelte, sie hatte offenbar ein feines Gespür für ihre Kunden, was sie durchaus sympathisch machte. »Kommen Sie, hier entlang.«

Sie führte ihn zuerst in einen lichtdurchfluteten Salon mit glänzendem Fischgrätenparkett. In der Mitte des Raums stand ein weißer Flügel, über dem Kamin hing ein Gemälde, das düster wirkte und Alejandro überhaupt nicht gefiel. Davon abgesehen sprach ihn das Landhaus-Ambiente durchaus an. Er fand das englische Rosenmuster auf den Sofas und Sesseln irgendwie gemütlich. Alles war ganz anders als das moderne Flair, in dem er in Buenos Aires lebte – dort bestach die Architektur durch klare Linien und minimalistisches Design. Dennoch … Für eine Weile könnte er sich hier vielleicht wohlfühlen, gerade weil es ihn von seinem alten Leben ablenkte.

»Gut«, sagte er nur, und sie setzten ihren Weg fort.

Die Bibliothek war ein Traum. Deckenhohe Regale, vollgestopft mit in Leder gebundenen Büchern. Er hatte keine Ahnung, was sie beinhalteten, aber es roch auf eine angenehme Weise nach Staub und alten Geschichten. Ein dunkelbraunes Chesterfieldsofa und zwei Stühle standen vor einem weiteren Kamin, in dem noch Asche lag. Der Sims war leer. In einer Ecke befand sich ein antiker Schreibtisch aus dunklen Tropenhölzern, auf dem nicht mal ein Fitzelchen Papier herumlag.

»Der aktuelle Besitzer ist wohl nicht oft hier?«, erkundigte sich Alejandro.

»Um ehrlich zu sein, nein. Kiltarff ist nicht für jeden was. Viele Kinder verlassen das Nest und kehren nicht zurück. Heute drängt es ja so viele in die Großstädte, wobei ich das gar nicht verstehen kann. Was will man in London oder Edinburgh, wenn man das hier haben kann?« Mit einer ausschweifenden Geste zeigte sie auf die üppige Einrichtung und die bodentiefen Fenster, die in den etwas verwilderten Garten führten. Sollte er das Haus übernehmen, würde er da definitiv etwas machen lassen müssen. Aber das war alles zu regeln und kein Hexenwerk.

»Wird die Familie nicht traurig sein, wenn sie das Haus verlieren?«, hakte er nach. Wenn er eines vermeiden wollte, dann Ärger, weil womöglich andere Familienmitglieder nicht einverstanden mit einem Verkauf waren.

Flora zuckte die Schultern. »Wissen Sie, auch das ist heute anders. Der Landadel ist nicht mehr das, was er mal war. Ich habe bereits erwähnt, der Erbauer war Engländer – da ist die Verbindung zu Schottland nicht so stark.«

Alejandro hob eine Augenbraue, beinahe hätte er gelacht. Erst hatte er gedacht, dass Flora Witze machte, aber sie meinte es anscheinend tatsächlich so, das zeigte jedenfalls ihr bierernster Gesichtsausdruck.

»Das ist doch schon vor über zweihundert Jahren gewesen, wie viele Generationen kamen danach?« Er legte seine Stirn in Falten.

Flora zuckte die Schultern, als ob es dazu nicht mehr zu sagen gäbe. Nun schmunzelte er doch. Alejandro fand es irrsinnig komisch, dass selbst nach Jahrhunderten noch von Fremden geredet wurde. Sicher meinte sie es nicht so – oder vielleicht doch, er war nicht sicher. Spannend klang es in jedem Fall, von den Jakobitenkriegen wusste er nur wenig – das würde er nachholen. Vielleicht erklärten sich danach die anscheinend noch immer unterschwellig vorhandenen Vorurteile gegen Engländer.

»Es gibt auch Stallungen und einige Weiden, die derzeit verpachtet sind«, erklärte sie nach einem Moment des Schweigens. »Falls Sie daran interessiert wären?«

Er horchte auf. »Stallungen?«

»Natürlich, der ein oder andere Schatz könnte sich da noch auftun.« Flora lächelte geschäftig.

Er hatte keine Ahnung, was sie meinte, aber es interessierte ihn. Nicht die wie auch immer gearteten Schätze, sondern die Möglichkeiten der Pferdehaltung. An seine eigenen Tiere hatte er in den letzten Tagen nicht bewusst gedacht, aber sie dennoch schmerzlich vermisst. Mit seinem Karriereende hatte er vorgehabt, etwas Neues zu beginnen, was wusste er noch nicht. Wie es momentan ausschaute, musste er etwaige Pläne vorerst auf Eis legen. Aber die Möglichkeit zu haben, zumindest einige seiner Polo Argentinos, der Rasse, die für den Pferdesport gezüchtet wurde, hierherzuholen, war auf eine Weise erfreulich, die ihm zum ersten Mal seit Tagen ein wenig Hoffnung gab.

Wenig später zerschlug sich diese Hoffnung. Die Wirtschaftsanlagen waren völlig vernachlässigt. Obwohl die Boxen noch vorhanden waren, klafften im Dach unzählige Löcher, der Stall war dreckig und glich mehr einer Ruine als einem Gebäude, in dem man teure Sportpferde halten konnte. Es war eiskalt und zugig. Nie und nimmer konnte er seine Tiere aus Argentinien hier unterbringen, schon gar nicht zu dieser Jahreszeit. Sie würden allesamt krank werden.

»Ein bisschen Farbe hier und da«, plapperte Flora ungebremst. »Und das Ding ist wie neu.«

Er biss die Zähne aufeinander und ging wieder hinaus. Dicke Wolken hatten sich vor die Sonne geschoben, es sah aus, als würde es bald anfangen zu regnen oder zu schneien. Hier und da lagen auf dem Grundstück an schattigen Fleckchen noch kleine Schneehaufen. Er fröstelte und zog den Reißverschluss seiner Daunenjacke ein wenig höher.

»Schauen Sie hier, unter der alten Remise stehen sogar noch zwei Kutschen.«

Er bedachte sie mit keinem Blick. »Das ist nicht von Interesse für mich.«

Er ging über den gekiesten Weg zurück zum Haupteingang des Herrenhauses und betrachtete es von außen. Flora kam hinter ihm her, aber er war schneller. Die alten Mauern wirkten jetzt ohne den Sonnenschein nicht mehr besonders einladend. Die Fenster starrten ihn blicklos an. Da die Eingangstür offen stand, ging er noch einmal durch die Halle in den Salon. Für einen langen Schnaufer schloss er die Augen und horchte in sich hinein, aber da war nichts. Nichts, außer einer eiskalten Leere, die ihm den Atem raubte. Vielleicht war es doch nicht so einfach, wie er gedacht hatte, seine Probleme von sich zu schieben. Es war vermutlich eine dämliche Idee gewesen, überhaupt einen Gedanken daran zu verschwenden, hierher zu flüchten. Er holte tief Luft, dann ging er wieder hinaus und zog die Tür hinter sich zu. Das Krachen klang irgendwie endgültig.

Die freundliche Maklerin schien gemerkt zu haben, dass er einige Minuten für sich gebraucht hatte. Vielleicht verhielten sich ja alle Kunden so, dass sie vor der Kaufentscheidung noch einmal alleine ins Haus schnuppern mussten.

Sie blickte auf und lächelte. »Na, was sagen Sie?«

Alejandro wollte nicht unhöflich sein, immerhin hatte sie sich kurzfristig Zeit für ihn und die Besichtigung genommen.

»Ich muss darüber nachdenken. Wissen Sie was? Warum schicken Sie mir das Exposé nicht einfach per E-Mail, und wir klären alles Weitere danach?«, schlug er vor. Er hatte noch nicht mal den Preis von ihr genannt bekommen, es erschien ihm auch sinnlos, sich darüber zu unterhalten.

Flora wirkte nicht enttäuscht oder genervt. »Natürlich, das verstehe ich doch. So eine Entscheidung bricht man nicht übers Knie.«

Sie tauschten ihre Kontaktdaten aus, dann verabschiedeten sie sich. »Falls noch was ist, Sie finden mich im Laden.«

»Laden?«

»Ja, ich betreibe ein Friseurgeschäft, die Immobilienvermittlung ist nur meine Nebentätigkeit, aber wissen Sie, das passt gut zusammen. Wo erfährt man Neuigkeiten schneller als beim Haareschneiden? So kann ich gezielt vorgehen.« Sie lächelte breit und schien das wirklich ernst zu meinen. Schotten waren doch ein Völkchen für sich, irgendwie amüsant, dachte er und verkniff sich ein Lachen.

»Klingt logisch«, gab er nur zurück.

Sie verabschiedeten sich, und er stieg in seinen Mietwagen, während Flora zu Fuß durch das schmiedeeiserne Tor marschierte und um die Ecke verschwand. Alejandro legte die Hände ans Steuer und starrte konsterniert durch die Windschutzscheibe. Er hatte keine Ahnung, was er in der nächsten Zeit mit sich und seinem Leben anfangen sollte.

 

Im Kamin des Lantern prasselte ein Feuer, aus dem Radio dudelte leise Musik. Nur zwei Tische waren besetzt. Ein Pärchen aus Deutschland studierte seinen Reiseführer und hatte sich zweimal das Tagesgericht, eine Spezialität des Hauses, Steak-Pie, zu ihrem Cask Ale bestellt. Am anderen Tisch saß eine britische Familie und futterte Pommes mit Burgern, sie waren auf der Durchreise nach Inverness. Kendra hatte den Ordner mit den Buchhaltungsunterlagen vor sich liegen und versuchte Herrin über das Chaos zu werden. Sie hasste den Papierkram, aber auch der musste gemacht werden. Sie rieb sich über die Stirn und trank einen Schluck von ihrem Ingwertee, während ihre Gedanken – mal wieder – zu der Begegnung mit dem Fremden am Morgen wanderten. Leider war sie ein hoffnungsloser Fall; schon oft hatte sie hier gesessen und sich ausgemalt, wie eines Tages ihr Traummann durch die Tür kommen würde, sie sich in die Augen schauten und dann für den Rest ihres Lebens zusammen wären. Natürlich war das bisher nie passiert, und die Chancen waren in der letzten Zeit auch nicht gerade gestiegen, dass es jemals geschah. Es kamen weniger Touristen als früher, und jetzt im Winter war sowieso nichts los. Oder so gut wie nichts.

Sie nippte noch einmal am Tee, während sie sich innerlich ermahnte, sich endlich zusammenzureißen. So würde sie nie mit der verdammten Buchhaltung fertig, auf die die Steuerberaterin dringend wartete, sie war auch so schon im Verzug. Doch alles, was sie vor sich sah, waren karamellfarbene Augen und sinnliche, volle Männerlippen. Sie seufzte leise und stellte die Tasse neben sich ab. In diesem Moment ging die Tür auf. Mit einem eisigen Windhauch trat ein Mann mit blauer Daunenjacke und schwarzer Wollmütze in den Gastraum.

Kendra hätte fast ihren Tee im hohen Bogen ausgespuckt, sie schaffte es gerade noch zu schlucken, musste allerdings husten. Mein Gott, das gibts doch nicht, dachte sie. Der überaus attraktive Unbekannte vom Morgen schaute sich im Pub um, er suchte wohl nach einem ansprechenden Sitzplatz. Als sein Blick auf ihren traf, weiteten sich seine Augen, dann lächelte er und trat ein paar Schritte näher zu ihr an den Tresen.

»Guten Tag«, grüßte er mit seinem herrlichen Akzent. Kendra würde einiges bezahlen, nur um seiner Stimme lauschen zu können. Samtig, ein wenig rau und so wundervoll dunkel. Einfach zum Dahinschmelzen.

Sie blinzelte und wäre beinahe vom Barhocker gefallen. Gott, sie musste sich endlich zusammenreißen. Der Typ dachte sonst, sie wäre völlig unfähig.

»O hi«, stieß sie atemlos hervor und stand auf. Vermutlich war sie sicherer auf zwei Beinen als auf dem wackeligen Sitzmöbel. Leider hatte sie nicht damit gerechnet, dass ihre Knie so weich wie Butter sein würden. Vorsichtshalber hielt sie sich am Tresen fest, nicht dass sie doch noch wegknickte. »Was kann ich für Sie tun? Haben Sie sich mal wieder verfahren?«, fragte sie und lächelte. Gleichzeitig war sie froh, dass ihre Stimme einigermaßen fest klang und sie es vielleicht sogar geschafft hatte, ein bisschen witzig zu sein.

Leider schien er eine andere Art von Humor zu bevorzugen, denn zwischen seinen dunklen Brauen hatte sich eine steile Falte gebildet. »Nein, ich wollte eigentlich etwas zu essen und trinken bestellen.«

Von Belustigung war auf seinen Zügen nichts zu erkennen, im Gegenteil. Er sah aus, als hätte sie ihm eine Ohrfeige verpasst. Was war dem denn für eine Laus über die Leber gelaufen? Kendra betrachtete ihn einen Augenblick. Obwohl er noch immer verteufelt attraktiv war, gestand sie sich ein, dass sie sich alles andere nur eingebildet hatte. Vielleicht war es ganz gut, dass sie ihm noch einmal begegnet war, ehe sie für den Rest des Lebens einer Illusion nachgeweint hätte. Dieser Mann hatte jedenfalls nicht viel mit dem Traumkerl ihrer Fantasie gemeinsam – menschlich gesehen. In ihrer Vorstellung wäre es so gewesen, dass er gelacht und sie darum gebeten hätte, in Zukunft immer an seiner Seite zu sein, damit er sich erst gar nicht mehr verfahren konnte.

Dass er so vollkommen humorlos auf ihren kleinen Scherz reagierte, zeigte nur, dass ihre Menschenkenntnis – und ihr Männergeschmack – lausig waren. Er war bestimmt ein Idiot. Ein gutaussehender zwar, aber nicht das, was sie sich ersehnte.

»Bitte, setzen Sie sich doch an einen der freien Tische«, erwiderte sie, während sie sich straffte. »Ich bringe Ihnen dann gleich eine Karte.«

Er nickte knapp, dann begab er sich zu einem Tisch am Fenster. Kendra schnappte sich eine Karte und folgte ihm. Nachdem er seine Daunenjacke und Mütze abgelegt hatte, reichte sie ihm das Angebot.

»Darf es schon etwas zu trinken sein?«, fragte sie höflich.

Er hob seinen Blick, und die Traurigkeit und Einsamkeit in seinen Augen rührten etwas in Kendra an, das sie in diesem Moment nicht gebrauchen konnte. Ihre Kehle war trocken, sie schluckte. Vielleicht hatte er gar nicht wegen ihr so seltsam auf ihren Scherz reagiert.

»Eine Cola bitte«, antwortete er.

»Cola, geht klar.« Sie blinzelte. »Bin gleich zurück, um Ihre weitere Bestellung aufzunehmen.« Wie betäubt watschelte sie zurück hinter ihren Tresen. Sie musste unbedingt damit aufhören, Menschen zu bewerten und zu kategorisieren, die sie nicht mal ansatzweise kannte. Natürlich gehörte es einerseits zu ihrem Job, normalerweise war sie auch gut darin, die Leute richtig einzuschätzen. Aber sobald alle Schaltjahre mal ›partnertaugliches Material‹ zur Tür hereinkam, setzte etwas in ihr aus, das ihr selbst mittlerweile so sehr auf die Nerven ging, dass sie es gar nicht ausdrücken konnte. Damit war ab sofort Schluss. Niemals würde sie das Märchen erleben, von dem sie seit Jahren fantasierte. Mit der Träumerei war es ab jetzt jedenfalls vorbei, sie würde nur noch den Tatsachen ins Auge blicken. Das konnte sie in Kürze unter Beweis stellen, wenn sie den attraktiven Herrn am Fenster bediente. Kendra griff sich ein Glas und füllte es mit der bestellten Cola, die sie ihrem Kunden im Anschluss brachte. »Haben Sie etwas gefunden?«

Die Speisekarte lag zugeschlagen vor ihm. Er hob sein Kinn, und ihr Herz machte, gegen ihren Willen, einen kleinen Hüpfer, als sie in seine Augen schaute. So viel Attraktivität sollte verboten gehören, überlegte sie, während sie sich ein geschäftiges Lächeln abrang. Hoffentlich bemerkte er nicht, wie nervös sie war. Ihr Herz pochte leider schon wieder schneller.

»Können Sie mir etwas empfehlen?«, bat er sie, dabei wirkte er weder verzweifelt noch genervt. Allerdings umgab ihn eine verletzliche Aura, und Kendra fragte sich, was ihn beschäftigte.

Und dann erst diese Stimme.

Seufz.

»Ähm, kommt drauf an, was Sie mögen. Die Fish and Chips sind immer gut, aber natürlich auch unser Steak Pie. Wenn Sie es lieber vegetarisch mögen–«

»Vegetarisch?«, unterbrach er sie mit einem Lachen, als hätte sie einen Scherz gemacht. Anscheinend waren sie, was Humor anging, absolut inkompatibel.

Was alles andere betraf, natürlich auch.

Eventuell glaubte sie es ja, wenn sie es sich oft genug vorsagte.

So viel zu ihrem vorhin gefassten Vorsatz. Sie war wohl ein hoffnungsloser Fall, vielleicht lag es auch an der Jahreszeit. Dieser ewige Winter ging ihr langsam auf die Nerven; in den dunklen, endlosen Nächten war es noch schlimmer, Single zu sein.

»Also dann lieber was mit Fleisch?«, schlussfolgerte sie.

»Ich nehme die Fish and Chips. Danke.« Er nickte ihr freundlich zu, dabei hoben sich seine Mundwinkel kaum merklich.

»Gute Wahl.«

Für einen Moment blieb sie stehen, normalerweise stellte sie ihren Gästen einige Fragen, wo sie herkamen, wo sie noch hinwollten, ob ihnen Schottland gefiel. Die Leute mochten das und plauderten gern. Hier bei ihm schien es ihr irgendwie unangebracht, sie wusste selbst nicht, wieso, aber er strahlte eine gewisse Unnahbarkeit aus, die am Morgen noch nicht da gewesen war.

Dann setz dich in Bewegung, Kendra!, trieb sie sich selbst an, aber ihre Füße rührten sich nicht. Sie räusperte sich, denn auch er schien irgendwie erstarrt. Sein durchdringender Blick ruhte auf ihr, sodass sie sich schon fragte, ob sie irgendwo im Gesicht etwas kleben hatte. Vorsichtig hob sie ihre Hand und fuhr sich mit den Fingerspitzen über ihre Lippen. Es war eine langsame, sehr bedächtige Bewegung, und seine Pupillen weiteten sich, während er sie dabei beobachtete.

Okay, das war so nicht geplant gewesen. Es lag etwas in der Luft, das eine Saite in ihr zum Schwingen brachte. Nicht nur eine Saite, ihr ganzes Nervenkostüm hatte gezündet wie ein Feuerwerk. Es war albern, absoluter Unsinn. Aber es stimmte. Zwischen ihnen knisterte es. Ob er es auch spürte, konnte sie nicht sagen, aber dass er seine Lippen leicht geöffnet hatte und immer noch ihren Mund anstarrte, könnte sie jedenfalls so interpretieren.

Wollte sie aber nicht. Er war ein Gast, vermutlich nur auf der Durchreise. Jetzt tat sie es schon wieder, überlegte sie, genervt von sich selbst. Sie bildete sich etwas ein, das da nicht war.

Bevor sie sich vollkommen lächerlich machte, wandte sie sich hastig ab und ging in die Küche, um ihrem Dad die Bestellung durchzugeben. Er saß auf einem Küchenstuhl und löste gerade ein Kreuzworträtsel. Es tat ihr leid, dass nicht mehr zu tun war, andererseits war ihr Vater schon länger nicht mehr wirklich motiviert, im Lantern zu arbeiten. Eigentlich wollte er in Rente gehen, aber Kendra hatte noch keinen Koch oder Köchin einstellen können – einerseits, weil das Angebot an Bewerbern nicht gerade breit gesät war in der Gegend, andererseits konnte sie kaum angemessen bezahlen …

»Einmal Fish and Chips, Dad?«

Er blickte auf. Seine Brille war auf der Nase nach vorn gerutscht, sein graues Haar unter einem Haarnetz verborgen. Seine Kochjacke war blütenweiß und spannte ein wenig über dem Bauch.

»Das ist alles?«, erwiderte er mit hochgezogener Augenbraue.

Mit einem Bedauern nickte sie. »Für den Moment, ja.«

»Kendra, wir sollten mal über die Öffnungszeiten sprechen, so macht das alles gar keinen Sinn.« Er schob das Kreuzworträtsel beiseite und stand auf.

Sie holte tief Luft. »Nicht jetzt Dad.«

»Wann dann Kendra?«

Sie hob eine Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen. Sie war momentan wirklich nicht in der Verfassung, ihr meistgehasstes Thema zu diskutieren. Zum gefühlt hunderttausendsten Mal. Um das Gespräch zu beenden, flüchtete sie aus der Küche.

Sie schnaufte aus. Gott, dieser Tag war wirklich anstrengend. Sie wollte nicht zu ihrem dunkelhaarigen Gast blicken, aber ihr Körper schien ihr nicht mehr ganz zu gehorchen. Er saß mit überschlagenen Beinen am Tisch, hielt mit der einen Hand seine Cola fest, mit der anderen rieb er sich eine Schläfe, als hätte er eine furchtbare Migräne oder eine Lebenskrise. Sie wandte den Blick ab, ihr Typ war an anderer Stelle gefragt. Die vierköpfige Familie wollte zahlen.

 

 

 

Kapitel 3

 

Buenos Aires

 

 

Schweiß tropfte von Alejandros Stirn auf das Laufband, er nahm kaum Notiz davon. Im Fernseher, der an der Wand vor ihm befestigt war, liefen die Nachrichten. Immerhin, sein Name war bis jetzt nicht gefallen. Das war schon mal ein Fortschritt. Irgendwann waren die Neuigkeiten eben genau das nicht mehr, neu. Derzeit gab es anscheinend spannendere Themen, er war froh darüber. Was jedoch nicht hieß, dass seine Probleme verschwunden wären. Im Gegenteil, es war gut möglich, dass das nur die Ruhe vor dem nächsten Sturm war. Alejandro stellte die Geschwindigkeit etwas schneller, und obwohl sein linker Oberschenkel brannte, machte er weiter. Das vernarbte Gewebe um eine alte Reitverletzung war völlig verhärtet. Der Schmerz würde vergehen, gleichzeitig war er willkommen, denn er lenkte von dem dumpfen Pochen in seinem Inneren ab. Als er die Zwanzigkilometermarke überschritten hatte, drehte er die Geschwindigkeit nach unten und ging noch ein paar Minuten im Schritttempo, bis sich sein Puls reguliert hatte. Dabei nahm er immer wieder einen tiefen Schluck aus seiner Trinkflasche. Irgendwann stellte er das Laufband ganz ab und trat auf den Holzboden seines Fitnessraums. Er griff sich ein Handtuch und wischte sich damit Gesicht, Nacken und Unterarme ab, ehe er in die Küche trottete, um sich eine weitere Flasche kaltes Wasser aus dem Kühlschrank zu schnappen.

Kurz darauf begab er sich auf die Terrasse seines Penthouses und lehnte sich ans Geländer. Es wehte eine kühle Brise, die angenehm und willkommen war, über den Himmel trieben dunkle Wolken. Merkwürdige Geräusche von der Straße weckten seine Aufmerksamkeit. Ein Blick nach unten genügte, um auch vom fünfzehnten Stock aus zu erkennen, dass der Menschenauflauf ihm galt.

»Scheiße«, murmelte er, als er die Plakate entdeckte, die die Meute schreiend in die Luft reckte.

Anscheinend war es doch noch nicht vorbei.

Er stieß einen derben Fluch aus, ging zurück ins Wohnzimmer, schloss die Glastür mit einem lauten Klirren und rieb sich über das Gesicht. Im gleichen Augenblick klingelte es, er schreckte zusammen. Meine Güte, war die Meute jetzt sogar ins Haus vorgedrungen?

Mit langen Schritten durchmaß er sein Apartment und schaute durch den Türspion. Er atmete erleichtert aus

Impressum

Verlag: Zeilenfluss

Texte: Karin Lindberg; 2021
Bildmaterialien: © Shutterstock.com
Cover: Casandra Krammer - www.casandrakrammer.de
Lektorat: Dorothea Kenneweg
Korrektorat: Dr. Andreas Fischer; Ruth Pöß
Satz: Zeilenfluss
Tag der Veröffentlichung: 04.12.2020
ISBN: 978-3-96714-112-2

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