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Leseprobe

Winter auf Schottisch

Karin Lindberg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Alle Rechte vorbehalten.

Jede Verwertung oder Vervielfältigung dieses Buches – auch auszugsweise – sowie die Übersetzung dieses Werkes ist nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet. Handlungen und Personen im Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

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1

 

 

Dicke Regentropfen prasselten gegen die Fensterscheiben, der Himmel über London sah genauso düster aus wie Avas Stimmung – und die rührte nicht nur vom Wetter her. Der Blick in ihre Finanzen trieb ihr jedes Mal aufs Neue die Tränen in die Augen. Ava blinzelte, dann zwang sie sich, weiter zu atmen. Ganz langsam ließ sie die Luft aus ihren Lungen entweichen, drückte die Schultern nach unten und schloss die Augen. Innehalten. Positiv denken. Irgendwann würde sich die Lage wieder bessern. Dieses Mantra sagte sie sich nun schon seit einer so langen Zeit vor, dass sie wirklich daran glaubte. Nur wann das eintreten würde, wusste sie nicht.

Sie hatte in den letzten Monaten alles in die Waagschale geworfen: Meditation, Visualisierung, und sie hatte konkrete Wünsche an das Universum geschickt. Aber die Realität sah leider noch immer so aus, dass sie außer ihrer persönlichen Assistentin keinen weiteren Mitarbeiter hatte halten können. Ihr einst florierendes kleines Unternehmen war zu einer Zwei-Woman-Show geschrumpft, die sich mehr schlecht als recht über Wasser hielt. Aber es ging nicht nur ihr so, alle hofften auf bessere Zeiten.

Ava legte ihre Hände flach auf den Tisch, dann schüttelte sie sich leicht wie ein Hund, der aus dem Wasser kam. Wenn es nur so einfach wäre, dachte sie und schob den Ordner mit ihren Buchhaltungsunterlagen beiseite. Sie brauchte etwas Positives, etwas, das ihr Spaß machte, also öffnete sie ihren Internetbrowser und arbeitete ein wenig an ihrer Online-Präsenz. Hier stimmte alles, sie hatte Top-Referenzen, aber das Geld saß momentan bei den meisten leider nicht so locker – auch nicht bei der Upperclass. Die hockten zwar fast alle noch auf ihren teuren Immobilien, aber an Liquidität mangelte es fast überall. Dennoch, Ava wollte sich nicht beschweren, immerhin hatte sie noch ein Unternehmen, und ihre berufliche Durststrecke würde irgendwann ein Ende nehmen.

Sie dachte an ihren Freund Will, und sofort fühlte sie sich ein wenig besser. Ohne ihn hätte sie aufgeben müssen, aber er hatte ihr beigestanden und finanziell ausgeholfen. Sie schenkte dem Foto von ihm, das auf ihrem Schreibtisch stand, ein Lächeln, dann arbeitete sie weiter.

Es war schon kurz nach neunzehn Uhr, ihre Assistentin hatte sich längst in den Feierabend verabschiedet, als das Telefon bimmelte. Ava runzelte die Stirn, das Klingeln wirkte in der Stille ihres Büros beinahe unheimlich. »Vermutlich verwählt«, stieß sie ironisch hervor und schnitt eine Grimasse. Dann hob sie ab. »Architektur- und Designbüro Ava Scott, was kann ich für Sie tun?«

»Guten Abend, mein Name ist Kenneth McGregor, könnte ich mit Miss Scott sprechen?«

Ava schluckte. Kenneth McGregor, der Name sagte ihr was, vor allem im Zusammenhang mit seinem schottischen Akzent, der mit dem rollenden ›R‹ so wunderbar rau und ursprünglich klang. »Ich bin dran, was kann ich für Sie tun?«

»O, Ava, wie schön, dass ich Sie erwische.«

Sie rieb sich die Stirn, dann machte es Klick, und sie erinnerte sich, wo sie sich schon mal begegnet waren. Ava hatte Kenneth McGregor vor einer ganzen Weile bei einem Poloturnier kennengelernt. Will war verrückt nach diesem Sport, und sie mochte es, schöne Hüte auszuführen, also hatte sie ihren Freund häufiger begleitet. Kenneth war ein begnadeter Polospieler, aber soweit sie wusste, hatte er den Sport aufgegeben.

»Kenneth, wie geht es Ihnen?«, erkundigte sie sich und lächelte, obwohl ihr klar war, dass er es nicht sehen konnte.

»Mir geht es ganz wunderbar, ich hoffe Ihnen auch?«

»Ja, aber natürlich. Sehr gut, sehr gut.« Niemand wollte am Telefon hören, wie einem wirklich zumute war. Ava hoffte, sie hatte das glaubwürdig rübergebracht. Nichts war erbärmlicher, als auch noch zu zeigen, wie schlecht die Geschäfte liefen.

»Ich habe eine Bitte an Sie«, fuhr Kenneth fort.

»Ja?« Sie kniff die Augen zusammen, nahm einen Kugelschreiber in die Hand und fing an, die Karos auf ihrem Block auszumalen, während sie überlegte, was er von ihr wollen könnte. Soweit sie informiert war, lebte er jetzt zurückgezogen auf seinem Schloss am Loch Ness in den Highlands.

»Ich würde gerne einen Termin mit Ihnen vereinbaren.«

Sie riss die Augen auf. »Einen Termin?« Ihre Stimme klang ein wenig schrill, was albern war, denn das hier war schließlich ihre Büroleitung. Weshalb sonst sollte er anrufen? Beinahe hätte sie selbst gelacht. Dass sie nicht auf die Idee gekommen war, dass er einen beruflichen Rat von ihr wollte, zeigte nur, wie prekär ihre Lage war. Und Kenneth hatte zum Glück keine Ahnung, dass ihre Auftragsbücher gähnend leer waren. Seit Monaten.

»Ja, und es wäre großartig, wenn Sie dafür nach Kiltarff reisen könnten. Wir erstatten Ihnen die Kosten natürlich«, sprach er weiter.

Wir?, dachte sie überrascht. Sie hatte keine Ahnung, dass er eine Frau an seiner Seite hatte, andererseits kannten sie sich auch nur flüchtig.

»Äh, ja, klar. Sehr gerne sogar. An wann hatten Sie gedacht?«

»Von unserer Seite aus so bald wie möglich.«

»Warten Sie, ich sehe kurz nach, wann ich es einrichten könnte.« Ava kam sich ein wenig blöd dabei vor, als sie ihren Terminkalender öffnete. Außer einem Eintrag wegen Kosmetik und Pediküre und einer kurzen Nachbesprechung mit einem ehemaligen Kunden nächste Woche war alles frei. »So bald wie möglich, sagten Sie?« Dann verdrehte sie die Augen, sie konnte nur hoffen, Kenneth ahnte nicht, dass sie ihm hier vorspielte, sehr beschäftigt zu sein.

»Ja, genau. Aber bringen Sie bitte ein wenig Zeit mit, das, was wir uns vorstellen, ist recht umfangreich.«

›Recht umfangreich‹ klang in ihren Ohren wie die Beschreibung einer Oase nach einer langen Wanderung durch die Sahara. Sie lächelte, diesmal war es echt.

»Sehr gern. Wie wäre es mit Freitag? Ich könnte mir einen Flug buchen. Die weite Strecke nach Schottland dauert sonst Ewigkeiten«, dachte sie laut.

»Das wäre großartig. Vielen Dank, dass Sie das so kurzfristig einrichten können.«

»Für Sie immer, Kenneth.« Sie schmunzelte, und ihr Herz machte einen kleinen, aber sehr freudigen Hüpfer.

»Wunderbar, wir freuen uns, Ava. Ich maile Ihnen die Adresse von Kiltarff Castle. Ihre Webpräsenz ist im Übrigen ausgezeichnet, meine Partnerin Ellie war ganz begeistert von Ihrer Arbeit, und sie ist Feuer und Flamme, Sie kennenzulernen.«

Ava reckte eine Faust in die Luft. Sie hatte es immer gewusst, irgendwann würde so etwas passieren, und so hätten sich die Stunden, die sie in den Aufbau ihrer Internetseite gesteckt hatte, ausgezahlt. Vielleicht war jetzt genau dieser Augenblick gekommen. Ein Kunde in Schottland mit einem Schloss! »Vielen Dank.«

Sie plauderten noch einen kurzen Moment, dann legte sie auf und sprang so schnell von ihrem Stuhl, dass er mit Schwung an die Wand rollte.

»Ich fasse es nicht«, jubelte sie und hüpfte durch ihr Büro. Vermutlich sah ihr Gehampel vollkommen irre aus, denn sie trug noch immer ihre Acht-Zentimeter-Heels an den Füßen, aber das war ihr egal. Wenn sie sich in den letzten Monaten eins nicht hatte nehmen lassen, dann auf ihr Äußeres zu achten, auch wenn die Wahrscheinlichkeit, dass Kunden in der derzeitigen Wirtschaftslage durch die Tür kamen, gering gewesen war.

Vielleicht aber war das Ende der Durststrecke jetzt erreicht. Sie hoffte es inständig.

 

Eine Stunde später trat sie aus dem Aufzug und ging durch die Lobby des Bürogebäudes, ihre Absätze hallten in der stillen Halle wider. Sie verließ sie durch die Drehtür, am Straßenrand stand schon Wills Flitzer. Er hatte den Warnblinker gesetzt, und soweit sie es erkennen konnte, telefonierte er. Sie öffnete die Beifahrertür und ließ sich auf den Sitz gleiten. Es roch nach Leder und seinem herben Aftershave – und nach Thai Food. Sie gab ihm einen Kuss auf die glatt rasierte Wange, er nahm ihre Hand und drückte sie, während er weiter über die Freisprechanlage telefonierte. Wie immer ging es um Aktienkurse und Investitionsmodelle. Sie hörte gar nicht hin, sie hatte sich noch nie für seine Finanztransaktionen interessiert. Will fädelte den Aston Martin in den ruhig dahinfließenden Londoner Abendverkehr ein, während Ava die Tüte von hinten hervorfischte und hineinspitzte. Sie hatte wahnsinnigen Hunger, und der verführerische Duft ließ ihren Magen knurren. Sie öffnete die oberste Packung und entdeckte Frühlingsrollen.

»Großartig«, murmelte sie und nahm sich eine heraus.

Will hatte sich gerade verabschiedet und das Gespräch beendet, dann nahm er ihr das Röllchen aus der Hand. »Sweetheart«, sagte er mit einem Lächeln auf den Lippen. »Du magst doch so fettiges Zeug gar nicht. Für dich habe ich die Low Carb und Low Fat Thai-Curry-Tofu-Gemüsepfanne besorgt.«

Dann biss er herzhaft in die Frühlingsrolle, und Ava hatte das Nachsehen. Sie schluckte trocken, ihr Magen knurrte.

»Ja, stimmt, vielen Dank. Ich mag das fettige Zeug gar nicht.« Sie seufzte und presste sich die Hand auf den leeren Bauch.

»Komm, mach die Tüte wieder zu. Du weißt doch, wie sehr ich es hasse, wenn in meinem Auto gegessen wird«, fügte Will noch an.

»Aber klar, Liebling.« Sie stellte die Tüte wieder hinter den Sitz und fragte ihn nach seinem Tag. Den restlichen Weg nach Kensington, wo sie gemeinsam in seinem Haus lebten, verbrachten sie damit, über seinen Job zu sprechen, der in den letzten Monaten auch sehr hart gewesen war. Der Kursrutsch an den Finanzmärkten, die Pleiten, die … Nein, sie wollte jetzt nicht daran denken. Sie wollte nur einen schönen Abend mit dem Mann verbringen, den sie liebte.

Nachdem Will seinen Wagen in der Garage geparkt hatte, schloss er die Fahrertür so sanft und zärtlich, dass sie für eine Sekunde überlegte, ob sie eifersüchtig auf sein Auto sein sollte. Dann verwarf sie den Gedanken, das war lächerlich. Jeder hatte eben seine kleinen Macken – und Wills Schwäche war eindeutig die Liebe zu seinem Aston Martin.

Sie schlenderten gemeinsam ins Haus, Ava schlüpfte aus ihren Heels, während Will in die Küche ging und die Tüte auf den Tresen stellte. Als sie in die offene, helle Küche eintrat, saß er bereits auf einem der Hocker und hatte seinen Laptop aufgeklappt. Er las die Schlagzeilen einer Online-Zeitung oder E-Mails, sie konnte es nicht genau erkennen. Seine Krawatte hatte er gelockert, die Ärmel des Hemdes nach oben gekrempelt.

»Sweetheart, wie wäre es mit einem Glas Wein?«, schlug er vor, ohne sie dabei anzusehen. Dass sein Vorschlag eher eine Aufforderung war, nahm sie nicht persönlich. Er war nun mal so, und sie störte es nicht.

»Das ist eine gute Idee.« Ava nahm einen Weißwein aus dem Kühlschrank. »Chablis Premier Cru?«

»Ja, das klingt ausgezeichnet.«

Sie öffnete die Flasche und goss in zwei Gläser ein, dann richtete sie das Essen auf zwei Tellern an. Die Frühlingsrollen sahen jetzt auch gar nicht mehr so lecker und verführerisch aus wie noch vor zwanzig Minuten. Sie war ihm dankbar, dass er sie erinnert hatte, dass sie das fettige Zeug nicht essen sollte. Sonst hätte sie wieder eine halbe Stunde länger auf dem Laufband verbringen müssen. Es kostete sie so schon größte Mühe, ihre Kurven einigermaßen im Griff zu halten – auch ohne Frittiertes. Ava war leider keine von den Frauen, denen ein schlanker Körper mit ausgeprägten Muskeln von Gott gegeben war. Sie musste für ihre Figur, deren Hüften sie immer noch zu rund fand, hart arbeiten.

»Guten Appetit«, wünschte sie und setzte sich dann neben ihn. Während er noch immer in die Lektüre von irgendwas vertieft war, fingen sie an zu essen. Ava nippte hin und wieder von ihrem Wein. Sie spürte, dass sich ein wenig von der Freude über den Anruf verflüchtigt hatte. Sie hatte auf den richtigen Moment gewartet, um Will davon zu berichten, aber der schien mit seinen Gedanken weit weg zu sein – wie so oft. Sonst störte sie sein Verhalten nicht, sie wusste, dass er viel arbeiten musste – auch er hatte viel verloren. Aber William Alexander Bryce III. stammte aus einer Familie mit altem Geld. Sie hatten noch immer genügend davon – viel mehr, als sie jemals ausgeben würden. Als Ava hingegen im Frühjahr die Geschäfte weggebrochen waren, hatte sie ihre Miete und die Löhne nicht mehr zahlen können. Also hatte Will sie gefragt, ob sie bei ihm einziehen wollte und ihr eine kleine Finanzspritze für ihr Büro ermöglicht. Indirekt hatte diese Krise dazu geführt, dass ihre Beziehung die nächste Stufe erreicht hatte, und das Zusammenleben funktionierte seitdem sehr gut. Natürlich musste man einige Kompromisse eingehen, das gehörte doch in jeder Beziehung dazu. Ava hatte ihre Möbel in ein Lagerhaus gebracht, denn Wills Haus war bereits komplett eingerichtet gewesen. Während des Auftrags hatten sie sich verliebt, er war zunächst ihr Kunde gewesen, ehe sie ein Paar geworden waren. Eine Geschichte wie im Märchen. Sie lächelte bei der Erinnerung, als sie ihm vor drei Jahren in einer Bar begegnet war. Aus einem Gespräch war erst eine Geschäftsbeziehung und dann Liebe geworden.

»Du errätst nie, wer mich heute angerufen hat«, plauderte sie irgendwann drauflos, als sie noch einmal Wein in die Gläser füllte.

Er hob seinen Blick, dabei war er nicht wirklich bei der Sache. »Wer?«

»Kenneth McGregor.« Ihr Herz schlug schneller. Es war so aufregend, dass endlich mal wieder etwas passierte, das sie einem Auftrag näherbringen könnte.

»Oh. Schön. Und?« Will hatte seinen Blick schon wieder auf den Laptop gerichtet und wirkte alles andere als ernsthaft interessiert.

»Er hat einen Termin mit mir vereinbart, er will wohl was umgestalten in seinem Zuhause.« So konkret hatte Kenneth das nicht gesagt, aber was sollte es sonst sein? Ava strich sich eine Strähne hinters Ohr.

Will tätschelte ihren Oberschenkel, nachdem sie sich wieder neben ihn an den Tresen gesetzt hatte. »Das ist großartig, Ava-Darling.«

Sie trank einen Schluck, dann schob sie ihren Teller von sich. Sie hätte Will vermutlich auch erzählen können, dass sie sich ein Tattoo hatte stechen lassen, und er hätte genauso reagiert – obwohl er Tätowierungen hasste. Die kleine Narbe an ihrem Fußgelenk war Beweis genug. Sie hatte nicht nur ihren unpassenden Akzent, sondern auch alles andere abgelegt, was ihr früheres Leben ausgemacht hatte. Ava stammte nicht aus einer wohlhabenden Familie – stattdessen aus einem sozialen Brennpunkt Nordenglands. Will hatte nie eine große Nummer daraus gemacht; wo andere seiner Kumpels die ›richtigen‹ Frauen heirateten, scherte er sich nicht darum, dass Ava nicht die teuersten und besten Schulen besucht hatte. Er liebte sie um ihretwillen, und dafür war sie ihm dankbar. Also akzeptierte sie wiederum auch seine kleinen Schwächen. Als er sie gebeten hatte, den zierlichen Schmetterling am Fußgelenk per Laser entfernen zu lassen, hatte sie es zwar schade gefunden, aber sie hatte es ihm auch rechtmachen wollen. Heute fand sie es in Ordnung, vermutlich hätte ihr das Tattoo irgendwann sowieso nicht mehr gefallen.

Ansonsten stellte Will nicht viele Forderungen an sie, im Gegenteil, es war sehr angenehm, mit ihm zu leben, sie hatte sich wunderbar in seine Welt eingefügt. Anfangs hatte sie ein paarmal versucht zu kochen, aber ihre Geschmäcker waren einfach zu unterschiedlich, also waren sie dazu übergegangen, so gut wie jeden Tag etwas zu bestellen oder auf dem Nachhauseweg mitzunehmen, wenn sie gemeinsam aßen. Die Küche war zwar voll ausgestattet, wurde aber nicht benutzt, jedenfalls nicht zum Kochen. Ava zuckte mit den Schultern, stand auf und kippte ihr restliches Essen in den Müll.

»Ich nehme ein Bad«, sagte sie dann zu Will.

Er hob seinen Blick, dann grinste er und klappte den Laptop zu. »Das klingt großartig.« Er umrundete den Tresen und zog sie in seine Arme. »Da komme ich mit.«

Ava schmiegte sich an ihn und unterdrückte das aufsteigende Gefühl, dass sie nach dem verkorksten Gespräch lieber einen Augenblick für sich gehabt hätte.

 

2

 

 

Der Herbst hatte die Blätter golden gefärbt. Sonnenstrahlen bahnten sich ihren Weg durch die dicht beieinanderstehenden Bäume, während sich der Nebel an den Bergspitzen lichtete. Der Himmel strahlte in einem so hellen, reinen Blau, dass es Ava den Atem verschlug. Hätte sie ein wenig mehr Zeit, würde sie ihren kleinen Mietwagen an den Straßenrand fahren und anhalten, um ein paar Bilder zu schießen, aber sie war spät dran, was auch daran lag, dass sie sich ein paarmal verfahren hatte. Um Kosten zu sparen, hatte Ava einen Kleinwagen ohne Navi gebucht, und ihr Handy hatte versagt – oder vielmehr hatte sie keinen Empfang gehabt. Jetzt ergab sich gleich noch ein zweites Problem, der Akku war so gut wie leer, und sie hatte das Ladekabel zuhause vergessen.

»Typisch«, schimpfte sie und bog rechts auf eine Tankstelle ab. Ava stieg aus dem Wagen und fröstelte sofort, aber sie blieb dennoch einen Augenblick stehen und sah sich um. Sie konnte den Loch Ness hinter einigen Bäumen ausmachen, die Sonne spiegelte sich im glatten Wasser. Es schimmerte dunkel und verheißungsvoll, und schon nach ein paar Atemzügen verstand sie, warum sich so viele Sagen und Geschichten um dieses Gewässer rankten. Es war nicht nur wunderschön, sondern gleichzeitig auch irgendwie magisch. Ava war zuvor noch nie in Schottland gewesen, obwohl sie in Nordengland, in Hull, geboren war. Aber es war ewig her, dass sie dort gewesen war, beinahe ein ganzes Leben.

Sie schüttelte die Gedanken ab und stöckelte in die Tankstelle. Vielleicht hätte sie statt des Businesskostüms doch etwas Praktischeres für diese Reise wählen sollen, aber zu ihrem beruflichen Image gehörte nun mal, dass sie sich elegant kleidete. Immerhin wollte sie heute einen Kunden an Land ziehen, also sollte sie sich nicht so zieren wegen ein bisschen Unbequemlichkeit.

In der Tankstelle fiel ihr auf, dass diese gleichzeitig so eine Art Supermarkt beinhaltete – hier gab es alles, was das Herz begehrte, von Getränken, Lebensmitteln bis hin zu einem kleinen Post- und Bankschalter. Aber Ladekabel konnte sie nirgends entdecken. Sie hastete durch die schmalen Gänge, widerstand dem Impuls, sich einen Schokoriegel zu kaufen, und gab ihre Suche schließlich auf. Hinter der Kasse stand eine alte Dame, sie hatte dichtes graues Haar und wässrige Augen. Die Brille steckte in ihrer Frisur.

»Was kann ich für dich tun, Mädchen?«, erkundigte sie sich mit einem breiten, zahnlosen Lächeln und starkem Akzent. Sie wirkte, als hätte sie alle Zeit der Welt – was auf jemanden wie Ava, die gerade aus London kam, wo es immer hektisch und laut zuging, seltsam wirkte. Beinahe so, als liefen die Uhren hier anders.

»Ich, äh, haben Sie Ladekabel?«, stammelte Ava jetzt, als sie merkte, dass sie die alte Dame angestarrt hatte, als wäre sie ein seltenes Tier im Zoo, dabei war wohl eher Ava diejenige, die nicht in diese Umgebung passte.

Die Kassiererin überlegte einen Augenblick, als ob sie das Wort nicht verstanden hätte. »Ladekabel? Wofür?«

Ava runzelte die Stirn. Von Handys mussten die Highlander doch wohl schon gehört haben? Innerlich schmunzelte sie. Das war ja noch besser als in einem Film. »Für mein Telefon.«

Die Dame nickte. »Aye, nee. Haben wir nicht.«

Ava atmete gepresst. »Nicht?«

»Versuchen Sie es mal bei Girvan’s Hardware. Dort gibt’s eigentlich alles.«

Ava warf einen hektischen Blick auf ihre Armbanduhr von Cartier. Die war ein Geschenk von Will zum Geburtstag gewesen – sie war sicher, dass sie ein kleines Vermögen gekostet hatte. Was ihr diese Uhr jetzt aber vor allem klarmachte, war, dass sie wirklich zu spät dran war, woraus Ava folgern konnte, dass die Uhren hier genauso schnell tickten wie anderswo. Sie war auf ihr Telefon angewiesen, ihre Bordkarte war darauf gespeichert, und die brauchte sie für den Rückflug heute Abend. Ava war nicht mehr kalt, im Gegenteil, ihr war mit einem Mal schrecklich heiß. Nun tat sie es doch, sie nahm einen Schokoriegel und legte ihn zum Bezahlen auf den Tresen. Ihre Nerven lagen schon jetzt blank, dabei hatte sie den Termin noch vor sich. Das konnte ja heiter werden.

»Wo finde ich diesen Laden? Wie sagten Sie noch, Gilbert’s Hardware

»Girvan’s Hardware. Den kann man gar nicht verfehlen, einfach die Straße runter, über die Brücke und dann weiter der Straße folgen, die schlängelt sich dann rechts rum, der Laden ist auch auf der rechten Seite, in der Nähe des Campingplatzes. Darf es sonst noch was sein?«, wollte die Dame wissen.

Ava schüttelte den Kopf, bedankte sich und zahlte mit ihrer Kreditkarte. Noch beim Hinausgehen riss sie die Packung auf und biss in den Schokoriegel, bevor sie in den Wagen einstieg. Viel zu schnell raste sie dann durch den kleinen Ort; sie wünschte, sie hätte mehr Zeit gehabt, sich die wunderhübschen Häuschen mit den Schindeldächern und den niedlichen Kaminen anzusehen, aber das Ladekabel war erst einmal wichtiger.

Ein Lichtblick, sie fand Girvan’s Hardware tatsächlich ganz leicht – Kiltarff war definitiv ein Nest. Ein schönes zwar, aber ein winziges Dorf, in dem jeder jeden kennen musste. Sie würde hier niemals klarkommen, bereits jetzt fehlten ihr der Lärm und die Geschäftigkeit Londons. Sie parkte den Wagen direkt vor der Tür und stieg aus. Auf dem Weg zum Eingang warf Ava das Papier des Schokoriegels in einen Mülleimer, dann stöckelte sie in den Laden. Klack, klack, klack. Sie eilte durch die Gänge und stellte fest, dass man hier offenbar wirklich alles kaufen konnte, vom Dosenöffner über Campingkocher bis hin zur Wandfarbe oder der passenden Outdoorkleidung. Aber ein Ladekabel hatte sie noch nicht entdecken können. Sie atmete tief ein und suchte weiter. Im dritten Gang rannte sie beinahe gegen einen Mann, der wohl zum Geschäft gehörte.

»Sorry«, murmelte sie und stolperte zurück.

Der Mann hockte vor einem Regal und sortierte Glühbirnen ein, eilig hatte er es dabei ganz augenscheinlich nicht. Er trug ein rot-schwarz-kariertes Holzfällerhemd und eine Jeans zu schweren Lederboots. Seine Haare waren dunkel und ein wenig zu lang, um sie noch als Frisur bezeichnen zu können. Rasiert war er auch nicht. Dafür hatte er eindrucksvolle Augen – und spöttisch hochgezogene Mundwinkel. Eine dunkle Braue wanderte leicht in die Höhe.

Mein Gott, dachte sie und japste nach Luft. Dieses durchdringende Blau erinnerte sie an den Himmel über Schottland, den sie auf der Fahrt von Inverness hierher unzählige Male bewundert hatte. Avas Mund war plötzlich so trocken wie nach einem Sandsturm in der Wüste. Sie räusperte sich. »Ähm, können Sie mir sagen, wo ich hier Ladekabel finde?«

Vielleicht wäre ›ob‹ das bessere Fragewort gewesen, schoss es ihr durch den Kopf, dann verwarf sie den Gedanken und presste die Lippen erwartungsvoll aufeinander.

Er richtete sich auf und klopfte sich die Hände an seiner ausgebeulten Jeans ab. Wow, obwohl sie hohe Absätze trug, überragte er sie ein ganzes Stück – und Ava war mit ihren eins zweiundsiebzig gewiss nicht klein.

»Ladekabel«, wiederholte auch er, wie die Dame aus der Tankstelle zuvor. Seine Stimme klang rau und ein wenig heiser. Irgendwie verteufelt sexy. Zu ihrer eigenen Irritation merkte sie, dass sich eine Gänsehaut auf ihrem Körper ausbreitete. »Wofür?«, fügte er noch hinzu.

Obwohl er nur zwei Worte gesagt hatte, genügte das, um festzustellen, dass auch sein Akzent sehr ausgeprägt war. Sie wusste noch nicht so recht, was sie davon halten sollte. Für gewöhnlich mochte sie es nicht, wenn man die Herkunft so deutlich heraushören konnte. Vielleicht lag das aber auch an ihrer eigenen Vergangenheit, mit der sie am liebsten nie mehr konfrontiert werden wollte. Ärmliche Verhältnisse, Eltern, die sich einen Scheiß um die Kinder gekümmert hatten, Alkohol, Arbeitslosigkeit und keinerlei Perspektiven. Sie schob die Erinnerungen an ihre Kindheit beiseite und merkte, wie albern es war, gerade hier einen Vergleich ziehen zu wollen. Der Mann mochte vielleicht ein Einheimischer sein, der mit Akzent sprach, aber er war weit davon entfernt, in die Schublade White Trash gesteckt werden zu müssen – wie sie. Nun, nicht mehr, korrigierte sie sich. Ava hatte den Absprung geschafft, sie hatte sich ihren heutigen sozialen Status hart erarbeitet.

Sie schluckte und erinnerte sich, dass sie genau deswegen keine Zeit hatte, hier weitere wertvolle Sekunden zu verplempern, wenn sie nicht zu spät zu ihrem Termin kommen wollte. Sie war ohnehin spät dran.

Ava zog ihr Handy aus dem kleinen Prada-Täschchen, das sie aus dem Auto mitgenommen hatte. »Hierfür. Das ist ein iPhone.«

Der Typ nickte langsam und bedächtig. Einen Moment fragte Ava sich, ob er begriff, was sie wollte – oder ob er womöglich ein wenig zurückgeblieben war. In der nächsten Sekunde kräuselten sich seine Mundwinkel spöttisch, während er seinen Blick über ihren Körper gleiten ließ. Beinahe schon obszön.

»Hab ich schon mal gesehen. Ein Telefon, meine ich«, gab er nun amüsiert zurück.

Sie spürte, dass sie rot wurde. Okay, er hatte mitbekommen, was sie gedacht hatte, und jetzt machte er sich lustig über sie. Das hatte sie irgendwie verdient.

Ava straffte sich und versuchte das Kribbeln zu ignorieren, das sich bis in ihre Haarspitzen ausbreitete. Sie blinzelte irritiert, denn ihr Körper reagierte völlig unangemessen auf ihn. Auch wenn es sich nur um einen Blick handelte. Aber die konnten ja bekanntlich mehr sagen als Worte. Dieser Highlander war das beste Beispiel dafür.

»Also können Sie mir weiterhelfen?«, fragte sie ein wenig spitz, straffte sich und schob das Handy zurück in ihre Tasche.

»Klar, kommen Sie.« Er wandte sich um und ging mit langen Schritten voraus. Vor der Kasse befand sich eine ganze Batterie an Handyzubehör. Er packte zielsicher zu und reichte ihr das Passende. »Bitte, für die neuste Generation der Apfel-Familie. Sonst noch was?« Er schenkte ihr einen belustigten Augenaufschlag.

Ava griff danach, dabei berührten sich ihre Fingerspitzen, und sie zuckte leicht zusammen. Gott, dieser blöde Billigfußboden vertrug sich offenbar nicht mit ihren Schuhen. Dabei war sie sonst nicht so anfällig für elektrostatische Aufladung. Was anderes konnte es ja wohl nicht gewesen sein.

»Nein, danke«, erwiderte sie, dabei musste sie leider feststellen, dass ihre Stimme einem Krächzen glich. Das Verlangen nach einem zweiten Schokoriegel regte sich. Ihre größte Schwäche – wenn sie Stress hatte, brauchte sie Zucker. Am besten viel davon. Jetzt war so ein Moment.

Nachdem sie bezahlt hatte, rannte sie zum Wagen. Sie spürte den Blick des Mannes im Rücken, vermutlich dachte er, sie musste verrückt sein. Aber sie hatte ihm auch nicht auf die Nase binden wollen, dass sie einen dringenden Termin hatte, den sie unter keinen Umständen verpassen wollte. Wieso auch? Sie würde diesen attraktiven Kerl höchstwahrscheinlich nie wiedersehen. Ava ignorierte das Gefühl des Bedauerns und trat aufs Gas.

Sie konnte Kiltarff Castle schon erkennen, als sie auf die Straße abbog, die spitzen Türme tauchten über den Baumwipfeln auf. Dahinter schimmerte die Sonne im Loch Ness, der Nebel über den Bergen hatte sich im Morgenlicht aufgelöst, während der Himmel in einem reinen Blau erstrahlte. Ava stockte der Atem, der Anblick war so majestätisch, dass sie schlucken musste. Ihr Herz puckerte schnell in ihrem Brustkorb, als ihr noch einmal bewusst wurde, dass das Projekt, von dem die Rede war, von einem winzigen Auftrag bis hin zu einer größeren Sache alles sein konnte. Sie hoffte zudem inständig, dass Kenneths Partnerin nett war – häufig scheiterte ein Geschäftsabschluss nämlich daran, dass die Chemie zwischen den Klienten nicht stimmte. Ava hatte in ihren acht Jahren, seit sie selbstständig war, viel erlebt. Nicht zu viel, aber doch eine Menge. Nicht alles waren schöne Erfahrungen, vor allem nicht im vorigen Jahr. Egal, sie schob die Vergangenheit beiseite. Als sie vor dem hohen Einfahrtstor stehen blieb, ihr Fenster herunterließ und auf den Klingelknopf drückte, atmete sie durch. Es knackte, kurz darauf ertönte eine weibliche Stimme. »Aye, bitte?«

»Guten Tag, mein Name ist Ava Scott, ich habe einen Termin.«

»Sehr gern, ich lasse Sie rein. Fahren Sie die Auffahrt rauf: Sie können Ihren Wagen vor dem Brunnen parken.«

Ava nickte. »Sehr gut, vielen Dank.«

In diesem Moment musste jemand den elektrischen Öffner bedient haben, die eisernen Türen mit den dunklen Spitzen öffneten sich in der Mitte und schwangen auf. Ava trat langsam aufs Gas, der Kies knirschte unter ihren Reifen. Sie fuhr die Auffahrt hinauf, die rechts und links von alten Eichen gesäumt war, deren Blätter golden und blutrot schimmerten. Hier und da hoppelten Kaninchen über den gepflegten, kurzen Rasen. Am Rand des parkähnlichen Grundstücks entdeckte sie Gärtner, die dabei waren, das Laub zusammenzurechen. Vermutlich waren sie tagelang damit beschäftigt, sie war noch nie gut im Schätzen gewesen, aber dieses Anwesen war schlicht und ergreifend riesengroß. Und dann sah sie das Schloss.

»Wow«, stieß sie hervor.

Imposant ragten die Schlossmauern dem Himmel entgegen. Die Sonne glitzerte in den hohen Fenstern, hier und da rankte sich Efeu an den altehrwürdigen Wänden empor. Sie hielt den Wagen vor dem Springbrunnen, warf noch einen Blick in den Spiegel – alles okay, keine Schokokrümel am Kinn, keine Strähnen hatten sich aus ihrer Frisur gelöst. Der Lippenstift hielt noch. Sie fasste sich ein Herz, schnappte sich ihre Handtasche und ihr Notizbuch und stieg aus. Es war noch immer frisch, aber die Herbstsonne strahlte und verbreitete eine angenehme Wärme. Hoffentlich ist das ein gutes Omen, dachte sie und lief los. Ihre Sohlen versanken im Kies, vermutlich sah sie beim Gehen aus wie ein Storch im Salat, aber sie konnte es nicht ändern. Solange ihr nur kein Absatz abbrach, konnte sie mit allem umgehen. Ava strich sich noch einmal den Rock glatt, dann blieb sie vor dem Eingang stehen. Hohe, dunkle Eichentüren, die mit Eisennieten beschlagen waren. Ava suchte nach einer Klingel – die es nicht gab, also visierte sie den Türklopfer an. In dem Moment wurde geöffnet.

Das Gesicht ihres Kunden tauchte auf. Kenneth lächelte und wirkte völlig entspannt, gleichzeitig irgendwie erhaben, in sich ruhend. Er war ein echter, schottischer Adeliger, der so viel Würde und Eleganz ausstrahlte, dass Ava noch nervöser wurde. Kenneth war lässig gekleidet, eine cremefarbene Chino zu Mokassins und einem Cashmere-Pullover mit V-Ausschnitt, unter dem er ein weißes Shirt trug. Sein Teint war leicht gebräunt, er war frisch rasiert, und sein Aftershave verströmte eine würzige, holzige Note.

»Guten Tag, Ava, wie schön, Sie zu sehen.« Er trat näher und gab ihr ein Küsschen rechts und links.

»Freut mich sehr«, erwiderte sie.

Er bedeutete ihr mitzukommen. »Ellie wird gleich da sein, sie musste noch etwas im Restaurant abstimmen.«

»Restaurant?« Ava runzelte die Stirn, natürlich verstand sie die Zusammenhänge nicht, aber sie wollte auch nicht mit zu vielen Fragen aufdringlich wirken.

»Ja, sie hat das alte Bootshaus hinten am See umgebaut, ich zeige Ihnen nachher alles. Also wir natürlich.« Er grinste breit und nahm Ava damit ein wenig von ihrer Nervosität.

Sie war außerdem sehr gespannt auf diese Ellie. Wenn sie dieses Bootshaus – das Ava nicht kannte – wirklich selbst umgebaut hatte, war sie eine Frau, die eine eigene Meinung und vor allem Umsetzungskraft hatte. Diese Selbstständigkeit würde sich auch in einem potenziellen Projekt widerspiegeln. Das konnte beides bedeuten, einen Vorteil für Ava oder eine Katastrophe. Ihre Ungeduld wuchs von Sekunde zu Sekunde. Nur am Rande nahm sie ihre Umgebung wahr. Kenneth führte sie durch einen langen Flur, auf dem Boden lagen dicke Läufer, die Wände waren mit dunkler Eiche vertäfelt. Hier und da hing ein Ölgemälde, frische Blumen verströmten einen angenehmen Duft.

»So«, sagte er, während sie den Salon betraten. Im Kamin prasselte ein Feuer. Das Parkett glänzte, als wäre es kürzlich gewienert worden. Die dicken Sofakissen luden förmlich zum Hineinsetzen ein. Die Einrichtung war ein wenig altertümlich, aber es war dem Schloss angemessen. Sie sah hier in diesem Raum zumindest keinen direkten Handlungsbedarf und war umso gespannter, was Kenneth und seine Partnerin Ellie im Sinn hatten. Und dann fiel ihr Blick auf die bodentiefen Fenster und den Loch Ness, der sich dahinter erstreckte.

»Mein Gott, ist das schön«, stieß Ava hervor und trat einen Schritt weiter in den Raum. Die Wasseroberfläche glitzerte wie tausende funkelnde Diamanten, ein Boot tuckerte quer über den langgestreckten schottischen Loch. Goldene Blätter strahlten in einem hellen Licht, die Heide auf den Berghängen blühte hier und da noch immer. Einige Gänse flogen in einer Formation über den Horizont.

»Hallo, da bin ich«, erklang eine helle Stimme mit einem leichten Akzent, den Ava nicht ganz zuordnen konnte. Ava wandte sich um und atmete tief ein. Hoffentlich ist Ellie nett, betete sie und rang sich ein Lächeln ab. Für Ava ging es um viel – nicht direkt ums Überleben, aber beruflich gesehen schon auf eine gewisse Weise. Sie brauchte diesen Auftrag. Dringend. Und sei es nur für einen neuen Teppich oder ein paar Möbel.

»Ava, darf ich dir Ellie vorstellen? Ellie, das ist Ava, ich habe sie vor einer Weile bei einem Poloturnier kennengelernt.«

Ellie lächelte, aber Ava erkannte, dass Ellie sich fragte, wie nah sie und Kenneth sich dabei gekommen waren. Zum Glück schien er das auch zu bemerken und ergänzte: »Avas Freund Will ist poloverrückt, wie geht es ihm denn?«

Ava atmete aus. Während sie auf Ellie zutrat und ihr die Hand reichte, sagte sie: »Will geht es ganz hervorragend, er hat viel zu tun, aber auch das ist normal. Freut mich sehr, Sie kennenzulernen, Ellie.«

Kenneths Freundin trug eine Jeans und eine hellblaue Leinenbluse, ihr kastanienbraunes Haar hatte sie im Nacken zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst. Sie trug kaum Make-up, nicht mal ihre Nägel waren lackiert. Sie war ganz anders, als Ava erwartet hatte. Sie hatte mit einer typischen Society-Lady gerechnet. Vermutlich hatte Ellie nicht mal Botox in der Stirn, was Ava sehr angenehm empfand und für Londoner Verhältnisse ungewöhnlich war, vor allem in diesen Kreisen. Sie selbst hatte sich im Kleidungsstil zwar angepasst, das gehörte nun mal dazu, aber von kosmetischen Eingriffen jeglicher Art hielt sie sich fern – nicht nur, weil sie Angst vor Nadeln hatte, sie mochte ihr Gesicht so, wie es war.

»Freut mich sehr.« Ellie lächelte, es war ein offenes und ehrlich anmutendes Lächeln, das ihre strahlenden Augen erreichte und Ava einen sehr sympathischen Eindruck vermittelte.

Sie entspannte sich ein wenig und lächelte zurück. Elli trat schließlich neben Kenneth und blickte zu ihm auf. Die beiden schienen sehr vertraut, auf eine positive Weise.

»Hast du Ava schon etwas angeboten?«, fragte Ellie.

Kenneth wirkte zerknirscht, was Ava sehr süß fand. Man konnte sofort merken, wie verliebt die beiden waren. Jetzt hatte Ava auch endlich begriffen, dass Ellie mit einem leichten deutschen Akzent sprach. »Tut mir leid, Liebling«, sagte Kenneth, dann wandte er sich an Ava. »Möchten Sie etwas trinken? Kaffee? Wasser?«

»Wie wäre es mit beidem?«, schlug Ellie lachend vor. »Ich gehe eben Molly Bescheid sagen.«

»Nein, nein, ich mache das«, unterbrach Kenneth seine Freundin und eilte mit langen Schritten aus dem Salon.

Ellie kicherte und winkte ab. »Das mit dem Gastgeberspielen lernen wir noch«, scherzte sie. »Setzen Sie sich doch.«

Sie wies auf eines der beiden mit geblümtem Stoff überzogenen Landhaussofas, die sich vor dem Kamin gegenüberstanden.

»Sehr gern, vielen Dank.« Ava nahm Platz, Ellie setzte sich ihr gegenüber. Aus dem Augenwinkel sah sie etwas sehr Großes, Graues, sehr Felliges auf sich zukommen. Sie hielt den Atem an. Mein Gott, was war das?

Und in der nächsten Sekunde hatte sie eine kalte Nase im Gesicht. Ava schrie leise auf.

»Dougie!«, schimpfte Ellie, das zottelige Riesentier zog sich zurück und tapste zu Ellie hinüber. »Entschuldigen Sie bitte, ich hoffe, er hat Sie nicht erschreckt?«

Ava sah mit großen Augen zu, wie sich der Hund zu Ellies Füßen legte, oder eher auf ihre Füße. Ihr Herz raste noch immer.

»Äh, nein, schon okay.«

Ellie kicherte. »Ja, ich weiß. Er ist riesig. Als ich Dougie kennenlernte, hat er mich regelmäßig umgeworfen und mir dann über das ganze Gesicht gesabbert. Sie haben also noch Glück.«

Nun musste auch Ava lachen. »Sieht so aus.«

»Sie haben doch keine Angst vor Hunden?«

»Also, normalerweise nicht …«

»Dougie ist ein Schaf im Wolfshundpelz, ehrlich. Wenn man einmal sein Vertrauen gewonnen hat – Sie hat er anscheinend gleich ins Herz geschlossen –, dann wird man ihn nicht mehr los. Dabei hat mir Kenneth am Anfang erzählt, dass Dougie keine Menschen mag, aber wissen Sie was? Ich glaube eher, es war andersherum.« Sie zwinkerte Ava zu. Die war ein wenig irritiert, oder nein, eher überrascht, wie offen Ellie über ihren Partner sprach – immerhin war Kenneth McGregor ein adeliger, sehr wohlhabender Mann. Andererseits wirkte er nicht so, als legte er großen Wert darauf, wie ein Earl behandelt zu werden. Ava erinnerte sich an ihr erstes Treffen. Natürlich war es bei einem Poloturnier anders, dort tummelten sich nur die Reichen und die Schönen, und als erfolgreicher Spieler war Kenneth damals von allen hofiert worden. Vielleicht hatte sie ihn auch falsch eingeschätzt – oder er hatte sich verändert. Sie war sich nicht ganz sicher.

In dieser Sekunde kehrte Kenneth mit einem Tablett zurück, dahinter kam eine Hausangestellte, die leise schimpfte. »Ich sollte das übernehmen …«

Ava machte noch größere Augen. Ein Earl, der die Erfrischungen selbst in den Salon brachte? Verkehrte Welt.

Ellie lachte nur. »Das ist Molly. Sie denkt, sie müsste uns die ganze Zeit bedienen, dabei soll sie uns nur ein wenig im Haushalt unterstützen. Dieses Schloss ist riesengroß – viel zu groß, als dass ich das alles allein schaffen würde«, erklärte Ellie. »Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich spreche, ich habe nämlich auch mal hier gearbeitet.«

Kenneth setzte das Tablett ab, dann gab er Ellie einen Kuss auf den Scheitel. »O ja«, er gluckste, »Ellie hat sich in mein Herz geputzt.«

Seine Freundin verpasste ihm einen Klaps auf den Oberschenkel. »Na, wohl eher in dein Herz gekocht, oder?«

Er lachte. »Ja, das stimmt.«

Molly goss aus einer silbernen Kanne Kaffee in drei Tassen, daneben stellte sie drei Gläser mit Wasser.

»Milch?«, fragte sie.

Ellie nickte freundlich. »Das schaffen wir schon, danke, Molly.«

Das Hausmädchen knickste und verschwand dann leise.

Ava kam sich vor wie im Kino, sie konnte nur von einem zum anderen schauen. Sie war schon in unzähligen reichen Haushalten gewesen, die Londoner Gesellschaft hielt viel von sich, aber sowas wie das hier hatte sie noch nie erlebt – und sie war gerade mal ein paar Minuten im Schloss. Das könnte ein äußerst spannender – oder chaotischer Auftrag werden. Ihre Neugierde wurde immer größer.

Nachdem sie etwas Milch in den Kaffee gegossen hatte, räusperte sich Kenneth. »Ja, liebe Ava, wir freuen uns, dass Sie so kurzfristig herkommen konnten.«

»Ich freue mich, dass Sie an mich gedacht haben.« Sie lächelte und stellte die Untertasse auf ihrem Oberschenkel ab, so, wie sie es gelernt hatte. Benimmregeln der Upperclass.

Ellie schien nicht viel davon zu halten, sie hatte die Untertasse gar nicht angerührt, sondern hielt die Kaffeetasse mit beiden Händen umklammert.

»Ja, also, es geht hier um ein recht umfangreiches Projekt«, erklärte nun Ellie, und in Avas Ohren klingelte es, sie hörte wieder nur das Wort ›umfangreich‹.

»Ja?« Sie blinzelte und hoffte, man sah ihr die Nervosität nicht an. Aber ihre Handflächen waren feucht.

»Dieses Schloss ist viel zu groß für uns«, fuhr Ellie fort. »Ich habe vor Kurzem ein Restaurant eröffnet, aber der letzte Sommer war schwierig, für alle im Dorf, für alle im Land. Der Tourismus liegt am Boden. Trotz allem haben wir uns entschieden, dass wir hier einige Umbauten durchführen wollen. Kenneth, magst du vielleicht?«, wandte sie sich an ihren Freund.

Er nippte an seinem Kaffee. »Ja, sehr gern. Also«, er stellte die Tasse ab und fing an, mit großen Handbewegungen zu erklären, »wir befinden uns hier in einem der Flügel, den wir hauptsächlich bewohnen. Es gibt aber noch mehr Räumlichkeiten, die seit Jahren, ach was, seit Jahrzehnten quasi leer stehen oder nicht mehr genutzt werden. Obwohl die wirtschaftliche Lage schlecht ist, glauben wir fest daran, dass sich der Tourismus hier schnell erholen wird. Wir sehen es sogar als echte Chance, denn die Natur und die Ruhe in Schottland sind ein entscheidendes Plus.«

Ava nickte, sie hielt es noch nicht für angebracht, sich Notizen zu machen. Erst einmal war Zuhören angesagt.

Kenneth fuhr fort. »Wir möchten das Schloss aufteilen – ein Bereich soll für uns privat ein wenig umgestaltet werden, und der andere Teil soll zu einem exklusiven Hotel umgebaut werden.«

Avas Augen wurden groß. »Das klingt sehr spannend.« Sie meinte jedes Wort genau so, wie sie es sagte. »Haben Sie schon konkrete Vorstellungen?«

Sie richtete ihren Blick an Ellie. Die nickte und lächelte freundlich.

»Ja, die haben wir durchaus.« Sie legte Kenneth eine Hand auf den Oberschenkel. Liebevoll. Vertraut. Ehrlich.

Avas Herz wurde ein wenig schwer. Will war keiner dieser Menschen, der seine Zuneigung in Umarmungen oder Zärtlichkeiten vor anderen zeigte. Sie schüttelte den Gedanken ab und konzentrierte sich auf das Hier und Jetzt.

»Der Knackpunkt ist – unser Budget ist begrenzt.« Ellie schaute sie geradeheraus an.

Ava nickte aufmunternd. »Wessen Budget ist das nicht? Es ist gut, wenn man das von vornherein festlegt.«

Ava spürte, dass es noch ein zweites Aber gab.

»Und dann wäre noch der zeitliche Faktor. Wir haben zwar die Zusage unserer Bank für einen Kredit, aber wir müssen den Cashflow so schnell wie möglich in Gang bringen«, erklärte Kenneth. »Das heißt, im Frühjahr müsste das Hotel für die ersten Gäste geöffnet werden.«

Ava überlegte. Jetzt war Ende Oktober, im November konnte man, wenn sie sich einigten, loslegen, im Dezember passierte meist nicht viel wegen der Feiertage um den Jahreswechsel.

»Das ist sportlich«, wagte sie sich zu äußern. Sofort bereute sie es, manchmal war es besser, erst mal die Klappe zu halten. Sie atmete erleichtert aus, als sie sah, dass die beiden nicht pikiert dreinschauten, sondern nickten.

»Das ist uns klar, deswegen sagen wir es gleich. Es ist ein ambitioniertes Unterfangen und ein noch ambitionierterer Zeitplan. Was uns aber genauso wichtig ist«, fuhr Ellie fort, »ist, dass der ursprüngliche Charakter des Schlosses erhalten bleibt. Wir wollen keinen modernen Hochglanz-Schuppen, aber auch kein verstaubtes Museum.«

Ava fand, dass es wahnsinnig interessant klang, eine echte Herausforderung. Allerdings hatte sie noch nie ein derart umfangreiches Projekt betreut. »Das verstehe ich, und bis jetzt klingt die Idee ganz großartig für mich. Worin sehen Sie meine Aufgabe?«

Kenneth trank einen Schluck Wasser. »Vielleicht machen wir erst einmal einen kleinen Rundgang, dann erklärt sich vieles von selbst.«

Ellie nickte. »Ja, das wäre eine gute Idee. Ehe wir konkreter werden, sollte Ava alles gesehen haben. Das Gute ist, dass wir sehr viele Möbel im Schloss haben, die man vielleicht ein wenig restaurieren muss, die aber weiter genutzt werden könnten. Das Schloss ist in einem guten Zustand, wir haben kürzlich das Dach reparieren lassen und auch was an der Elektrik erneuert – aber um ein Hotel daraus zu machen, muss natürlich hier und da was verändert werden. Sehr viel sogar.«

Ava mochte Ellie immer mehr, sie wirkte patent und überaus klug. Praktisch veranlagt noch dazu. Sie war sich sicher, mit ihr würde sie gut zurechtkommen. Ein Punkt, den sie von ihrer Bedenkenliste streichen konnte. Allerdings war dafür gerade ein weiterer hinzugekommen. Für ein derartiges Projekt würde sie sehr viel Zeit in Schottland verbringen müssen – sie hatte keine Ahnung, wie Will das finden würde. Nicht jetzt, sagte sie sich. Erst einmal zuhören, sich alles ansehen, und am Ende konnte sie sich über ihre Beziehung Gedanken machen.

 

 

 

3

 

 

Colin hatte den Laden heute schon eine halbe Stunde früher geschlossen. Dabei musste er nicht einmal ein schlechtes Gewissen haben, denn mit Kundschaft war ohnehin nicht mehr zu rechnen. Es war schon seltsam, wie sehr sich sein Leben verändert hatte, seit er seinen Job in London aufgegeben hatte, um seine familiären Pflichten hier in Kiltarff zu erfüllen. Anfangs hatte es wehgetan, seine Karriere, die in einer Sackgasse gelandet war, ad acta zu legen. Erstaunlicherweise weinte er seinem alten Beruf heute keine Träne mehr nach. Er hatte begriffen, dass ein gut gefülltes Konto einen nicht glücklich machte. Eher umgekehrt – nach einer Weile hatte er verstanden, dass genau das Gegenteil der Fall war, obwohl er finanziell immer noch sehr gut dastand, aber das war ihm nicht mehr wichtig. Komisch, dass er gerade jetzt daran denken musste.

Er knöpfte seine Jacke zu und schlug den Kragen nach oben, dann ging er in Richtung Great Glen Trading Centre. Er musste dringend einige Lebensmittel einkaufen. Die Sonne war schon längst untergegangen, der Nebel kroch langsam über die Berghänge hinunter ins Tal. Der Himmel war wolkenlos, die Dämmerung hatte eingesetzt und tauchte alles in ein diffuses, gräuliches Licht. Der Winter rückte unaufhaltsam näher, und mit der kalten Jahreszeit würde es noch ruhiger im kleinen Örtchen werden. Colin atmete tief durch und füllte seine Lungen mit der frischen, klaren Luft der Highlands. Obwohl er hier geboren und aufgewachsen war, schätzte er die Natur jeden Tag aufs Neue.

Er vergrub seine Hände in den Taschen seiner Jeans und ging über die Brücke am Caledonian-Kanal. Hier und da standen ein paar Touristen und schossen Fotos, dennoch war das Bild auch heute noch ungewohnt. Wo sonst Busse und Massen an Durchreisenden unterwegs waren, herrschte nun Ruhe und Abgeschiedenheit. Im Grunde fand er es schöner so, aber für viele Läden war es eine Katastrophe – seinen eingeschlossen. Dennoch hatte er Glück, denn auch die Einwohner kauften bei ihm die Dinge des Heimwerkerbedarfs ein. In diesen Zeiten wurde viel selbst repariert, gebaut oder gestaltet. Im Grunde krisensicher, aber dennoch fehlten mehr Kunden wie diese Frau heute Morgen – obwohl sie in ihrem Püppchen-Outfit nicht wirklich als typische Touristin durchging. Es mangelte an Menschen, die im Urlaub waren und etwas vergessen hatten oder feststellten, dass sie doch eine Angel, einen Gaskocher, einen Klappstuhl oder was auch immer brauchten. Das waren üblicherweise die Spontankäufer, die nicht zu sehr auf den Preis schauten. Die fehlten dem familieneigenen Geschäft, um gut über die Runden zu kommen. Das war damals nicht abzusehen gewesen, als er sich entschieden hatte, den Laden zu übernehmen. Nicht zu ändern, sagte er sich und verdrängte die Gedanken. Irgendwann würde es sicher wieder besser werden. Es musste.

Er erreichte die Tankstelle, die außerdem noch als Supermarkt, Post und Bank im Ort fungierte, und trat durch die Eingangstür. Gladys saß, wie fast immer, hinter der Kasse und grüßte ihn fröhlich. Er plauderte ein paar Sätze mit ihr, dann schnappte er sich einen Einkaufswagen und wählte als Erstes ein wenig Obst und Gemüse aus, Bananen, Äpfel, Möhren und eine Gurke. Dann setzte er seine Besorgungen fort. Gedankenverloren griff er hier und da ins Regal, meist kaufte er ohnehin die gleichen Dinge. Er war nicht besonders gut darin, Exotisches auszuprobieren – und die Münder, die er fütterte, wollten auch nichts verändern. Vielleicht war das der eigentliche Punkt.

Colin bog in den nächsten Gang ab und hielt inne. Einige Meter entfernt von ihm stand die Kundin vom Morgen vor einem Süßigkeitenregal und wirkte völlig abwesend. Ihr Gesichtsausdruck bestand aus einer Mischung an Emotionen, als fragte sie sich: ›Soll ich es kaufen oder doch lieber eine Diätpille einwerfen?‹ Sie wirkte verkniffen oder auch nur verloren. Er war sich nicht sicher. Diese Frau gehörte nicht hierher, sie sah mit ihren hohen Absätzen, dem knappen Kostüm und ihrem Handtäschchen wie ein roter Luftballon in einem goldenen Kornfeld aus. Colin musste schmunzeln, während er eine Packung Cadburys in seinen Wagen fallen ließ. Sie zuckte zusammen, sprang wie ein aufgescheuchtes Reh einen Meter zur Seite und starrte ihn an.

»Brauchen Sie Hilfe?«, fragte Colin amüsiert.

Sie hatte ihre, zugegeben hübschen, grünblauen Augen weit aufgerissen, als hätte sie jemand auf frischer Tat bei einem Juwelenklau ertappt. Ihre Lippen waren rot geschminkt, und aus ihrer Frisur hatte sich eine Strähne gelöst.

»W-was?«, stammelte sie. Ihre Wangen färbten sich rosa.

Er machte eine Handbewegung und deutete auf das Regal.

»Sie sehen so aus, als ob Sie etwas Besonderes suchen, vielleicht kann ich Ihnen helfen«, erklärte er geduldig, im nächsten Moment ärgerte er sich über sich selbst. Warum hatte er sie überhaupt angesprochen? Er wusste es nicht, bereute es aber sofort.

»Ach, das meinen Sie.« Sie schob sich die Strähne aus dem Gesicht. »Arbeiten Sie auch hier?«

Die Frau schaute in seinen Wagen, dann zu ihm auf. »Nein«, gab er knapp zurück. »Ich wollte nur höflich sein. Dann viel Spaß noch.«

Er hatte weder Zeit noch Interesse, sich länger mit ihr zu befassen. Normalerweise hielt er sich von dieser Sorte des weiblichen Geschlechts fern. Gebranntes Kind … Vielleicht hatte er das für eine Sekunde vergessen, weil sie ihm tatsächlich einsam und verloren vorgekommen war. Colin fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Er sollte sich nicht dafür interessieren, was Modepüppchen wie sie in Kiltarff zu suchen oder nicht zu suchen hatten. Sie war zudem garantiert so schnell wieder verschwunden, wie sie aufgetaucht war.

Während er ein paar Konserven mit Bohnen in den Wagen schmiss, Lachs und Würstchen aus dem Kühlregal nahm, bekam er aus dem Augenwinkel mit, wie die Blondine bezahlte, dann in ihren Kleinwagen stieg und Richtung Inverness davonbrauste.

Eben, dachte er, schon wieder weg. Zuletzt legte er noch zwei Packungen Saft dazu und Inkontinenzunterlagen für Grannys Bett.

Als er kurz darauf die Haustür aufschloss, schlug ihm ein strenger Geruch entgegen. Blacky, der Pudel seiner Großmama, kam schwanzwedelnd auf ihn zugelaufen. Colin stellte die Einkaufstüten ab und schlüpfte aus seinen Stiefeln, dann verdrehte er die Augen, als er die Quelle des Geruchs entdeckte. Blacky hatte einen Haufen auf dem Steinfußboden hinterlassen.

»Dad!«, rief Colin und zog seine Schuhe wieder an. Er stöhnte, weil er die Antwort auf seine Frage, ob sein Vater vergessen hatte, mit dem Hund rauszugehen, bereits kannte.

Genervt brachte er die Tüten in die Küche, dann sah er nach seinem Vater und Granny, die im Wohnzimmer saßen und auf den Fernseher starrten. Sie schauten gemeinsam eine Quizsendung an, es war warm im Zimmer, die abgestandene Luft roch nach Einsamkeit.

»Hey Baby«, grüßte seine Grandma und winkte ihm fröhlich zu. Colin öffnete das Fenster, dann gab er seiner Grandma einen Kuss auf die Wange und wandte sich an seinen Vater. »Dad. Wieso bist du nicht mit Blacky rausgegangen?«

Sein Vater hob den Kopf. »Vergessen.«

Colin seufzte. »Super. Schönen Dank auch. Du hast nicht viele Aufgaben im Haus, ist es zu viel verlangt, dass du wenigstens das übernimmst?«

Sein Tonfall klang mehr als nur gereizt, er war wirklich wütend. So konnte es nicht mehr länger weitergehen.

Sein Vater reagierte nicht, woraufhin Colin sich schnaubend abwandte und das kleine Wohnzimmer mit langen Schritten verließ. Dies war einer der wenigen Augenblicke, in denen er an sein Leben in London zurückdachte und sich fragte, ob es richtig gewesen war, in Kiltarff zu bleiben. Er hatte damals, als seine Mum krank geworden war, keinen Moment gezögert und seine Karriere aufgegeben – ein schmerzhafter Prozess, denn er hatte Jahre investiert, zunächst für das Studium und dann für den Aufstieg. Heute wusste er, dass er richtig gehandelt hatte, er war mit sich im Reinen und vermisste den Stress und den Leistungsdruck überhaupt nicht. Der permanente Druck, immer und überall präsent zu sein, hatte ihn kalt und oberflächlich werden lassen. Er war froh, dass er heute ein anderer war. Und irgendwann hatte er sich in den Highlands sehr viel wohler gefühlt als in der Großstadt, und so war er geblieben. Seine Beziehung war vorher schon angeknackst gewesen, aber diese weitreichende Entscheidung hatte sie nicht überlebt. Und obwohl seine Familie ihn auch heute noch brauchte, kotzten ihn Ereignisse wie diese dermaßen an, dass er seinem Vater zu gern mal die Leviten lesen würde – was er natürlich nicht tat, weil Colin wusste, wieso er so nachlässig mit allem geworden war.

Mit einem derben Fluch auf den Lippen beseitigte Colin Blackys Geschäft, während der Pudel schwanzwedelnd neben ihm stand und ihn mit unschuldigen Augen anguckte.

»Ja, ich weiß, du kannst nichts dafür«, murmelte Colin. Als der Flur wieder in Ordnung war, öffnete er die Haustür. »Komm«, sagte er zu dem Tier und ging mit ihm raus. Eine Leine brauchte er nicht, der Kleine war nicht nur lammfromm, er war auch der größte Angsthase vor dem Herrn. Der treue Pudel lief niemals weg und legte sich schon gar nicht mit anderen Hunden an. Colin kapierte überhaupt nicht, wieso sein Vater sich weigerte, auch nur etwas zum gemeinsamen Leben beizutragen. Nein, das stimmte so nicht ganz. Natürlich wusste er, warum sein Dad noch immer in seiner Trauer gefangen war. Colin fand es dennoch nicht fair, dass es für seinen Dad völlig okay war, alles, aber auch wirklich alles ihm zu überlassen.

Colin drehte eine kleine Runde mit Blacky, der dankbar hier und da schnüffelte, hin und wieder sein Beinchen hob. Als sie nach Hause kamen, öffnete Colin eine Dose mit einem Eintopf und wärmte ihn auf. Blacky bekam ein wenig Trockenfutter in seinen Napf. Colin hatte vorgehabt, etwas zu kochen – Lachs mit Kartoffelpüree –, aber ihm war die Lust vergangen. Und der Appetit. Er setzte Granny und seinem Vater eine Portion aufgewärmten Eintopf vor, zur gleichen Zeit bimmelte sein Handy.

»Hallo?«, beantwortete er und entfernte sich ein paar Schritte.

»Hi, ich bin’s, Ellie.«

»Hey, wie geht’s?«

»Sehr gut, und dir?«

»Ja, alles bestens«, log er. Ellie wusste Bescheid, sie kam hin und wieder vorbei und half ihm ein wenig mit dem Haushalt. Wie viele andere im Ort, dafür war er dankbar. Wenn man eins über die Bewohner Kiltarffs sagen konnte, dann, dass sie zusammenhielten, wenn es nötig war.

Impressum

Verlag: Zeilenfluss

Texte: Karin Lindberg
Cover: Casandra Krammer
Lektorat/Korrektorat: Dorothea Kenneweg / Dr. Andreas Fischer, Ruth Pöß
Satz: Zeilenfluss
Tag der Veröffentlichung: 28.09.2020
ISBN: 978-3-96714-084-2

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