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Leseprobe

Cornwall für immer

Küstensehnsucht 2

Karin Lindberg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine romantische Komödie über zweite Chancen vor der wunderbaren Kulisse der felsigen Küste Cornwalls.

 

Grace lebt dort, wo andere Urlaub machen: im idyllischen Küstenort St Agnes in Cornwall. Sie liebt das türkisblaue Meer und das ewige Rauschen der Wellen in ihrem verträumten Städtchen. Aber etwas fehlt ihr zum Glücklichsein - oder vielmehr jemand: Preston, den sie nie vergessen konnte.

Eine einzige fatale Entscheidung hat Grace vor Jahren ihre Jugendliebe gekostet. Nun ist ihr Ex in seinen Heimatort zurückgekehrt, und mit ihm die Chance, ihren größten Fehler wiedergutzumachen. Preston ist noch immer ihr absoluter Traummann, die Anziehung zwischen ihnen ungebrochen. Nur kann ihm Grace auch nach all dieser Zeit unmöglich den wahren Grund ihrer Trennung verraten. Doch Preston scheint auch jetzt nicht bereit zu sein, ihr zu verzeihen.

Prestons Familie kann sich das Elend nicht länger mitansehen und beschließt, die beiden zu einer Aussprache zu zwingen. Und wie geht das besser, als die Streithähne kurzerhand im Keller einzusperren?

 

 

 

 

Prolog

 

St. Agnes, Cornwall 2005

 

Als ihr Herz brach, erklang kein Geräusch. Es zersplitterte in tausend Teile, und niemand ahnte etwas davon. Alles um sie herum war still, während sie am Fenster stand und beobachtete, wie er ins Auto stieg, um St. Agnes zu verlassen. Für immer vielleicht.

Schon in dieser Sekunde wollte sie ihn aufhalten, und doch rührte sie sich keinen Millimeter. Es war zu spät, denn er hasste sie jetzt, und das war gut so. Er sollte die Welt sehen, so wie sie es geplant hatten – nur war sie nun nicht mehr an seiner Seite. Das Schicksal hatte es nicht gut gemeint, zuerst hatte ihr Vater die Familie verlassen, und nun war auch noch die Diagnose ihrer Mutter dazugekommen. Es war keine Frage, dass sie ihr beistehen würde. Aber mit diesem Päckchen, das sie fortan zu tragen hatte, wäre sie nur Ballast für ihn. Sie würde ihn nur aufhalten.

Niemand konnte ahnen, dass ihr Innerstes einem emotionalen Trümmerfeld glich, denn sie lächelte. Aber der Schmerz war so alles umfassend, dass sie glaubte, ihn nicht ertragen zu können. Aber sie musste, weil sie ihn liebte. Es war die einzige Möglichkeit gewesen, ihn glauben zu machen, dass er ihr nichts bedeutete, denn sonst wäre ihre Liebe in kleinen Schritten gestorben. Irgendwann, vielleicht erst in ein paar Jahren, würde auch er begriffen haben, dass sie der Grund war, warum er seine Träume nicht verwirklicht hatte.

Diesen Gedanken konnte sie noch weniger ertragen, als ihn gehen zu lassen. Er würde sich neu verlieben, und sie würde für ihn irgendwann nur noch eine Erinnerung an die erste Liebe sein.

Es war die richtige Entscheidung, dessen war sie sich sicher. Warum fühlte sie sich dann, als ginge mit ihm ein Teil von ihr?

 

 

1

 

 

 

Es gab keinen besseren Ort als diesen, um die Kehrseite einer Frau zu betrachten. Im Grunde hatte Preston nicht wirklich viel für Yoga übrig, obwohl es für den Rücken und die Haltung tatsächlich nicht schlecht war. Der eigentliche Grund für seine regelmäßige Teilnahme an den Kursen war jedoch ein anderer. Er hatte eine Methode entwickelt, die überraschend oft funktionierte.

»Ja, macht eure Wirbelsäule lang, gut so«, flötete die Yoga-Meisterin und korrigierte die Position des einen oder anderen Teilnehmers, während sie durch den Raum schwebte. Aus den Lautsprechern klang leise Entspannungsmusik. Auf den Fensterbrettern flackerten ein paar Duftkerzen.

Wie Preston also seinen eigenen Hintern bei der Hund-Figur in die Luft reckte und seinen Kopf nach unten streckte, während er sich dabei auf die Hände stützte und die Waden dehnte, drehte er sein Gesicht nach links und zwinkerte seiner Mattennachbarin zu. Dann ließ er seinen Kopf wieder sinken und machte weiter.

Nach der Stunde rollte er seine Matte zusammen und schlang sich das Handtuch um den Hals, dann schraubte er seine Wasserflasche auf und nahm einen tiefen Schluck. Sein Nacken fühlte sich tatsächlich ein wenig besser an nach dem langen Tag im Büro.

»Hey«, sprach ihn die hübsche Brünette an, die neben ihm geturnt hatte. »Du bist öfter hier, oder?«

Preston setzte sein Siegerlächeln auf. »Hin und wieder, ja.«

Tatsächlich wechselte er die Kurszeiten, so oft wie möglich, es gab mittlerweile einige Damen, die nicht so gut auf ihn zu sprechen waren. Eine davon ging gerade an ihnen vorbei, ließ ein abfälliges Schnauben hören und setzte ihren Weg fort.

Er tat so, als hätte er nichts mitbekommen, und widmete sich wieder der Brünetten. »Ich bin übrigens Preston.«

»Hi.« Sie strahlte ihn an, und er musste zugeben, dass sie sehr attraktiv war in ihrem Yoga-Outfit, unter dem sich deutlich abzeichnete, was sie zu bieten hatte – und das war einiges. »Ich heiße Celeste.«

»Hi Celeste, schön, dich kennenzulernen.«

Langsam schlenderten sie aus dem Kursraum, während die Teilnehmer der nächsten Stunde eintrafen. »Ich finde es ziemlich sexy, wenn Männer Yoga nicht als Weiberkram abtun.«

Er hob eine Augenbraue und grinste. »Es ist gut für Körper und Seele«, erwiderte er. »Es macht mich nicht unmännlicher, wenn ich das zugeben kann.«

Celestes Wangen röteten sich, während sie kokett blinzelte. »Wow, wo warst du in den letzten achtundzwanzig Jahren meines Lebens?«

Er schmunzelte. »Jetzt bin ich ja da.«

»Ich habe heute leider noch was vor, aber wie wäre es, wenn du mich mal anrufst?« Sie standen vor den Umkleiden, dort hing ein schwarzes Brett an der Wand, davor befand sich ein Tisch mit Notizblock und Stift. Sie schnappte sich einen Zettel und kritzelte ihre Nummer darauf. Dann riss sie ihn ab und reichte ihn Preston mit einem breiten Lächeln, das ihre geraden weißen Zähne zeigte.

Er nahm das Papier und berührte dabei ihre Finger leicht, während er ihr Lächeln erwiderte. »Sehr gern, Celeste. Ich würde mich freuen, wenn wir unser … Gespräch über Yoga fortsetzen würden.«

Es war nicht unwahrscheinlich, dass aus dem Gespräch Übungen für zwei wurden, die in einem Sinnesrausch endeten. Preston hatte festgestellt, dass Sex mit sportlichen Frauen durchaus Vorteile hatte, auch wenn keine von ihnen in den letzten dreizehn Jahren je sein Herz berührt hatte.

Sie hob ihre Hand und winkte. »Dann also … bis bald, Preston.«

»Schönen Abend, Celeste.«

Sie verschwand durch die Tür, und er erhaschte noch einen Blick auf ihren knackigen Hintern. Mit einem leisen Seufzen wandte er sich ab und schlenderte zu einem der freien Laufbänder. Leider musste er seine verbliebene Energie heute beim Joggen abbauen und nicht in der Horizontalen. Zu schade.

Nicht, dass er ein Aufreißer wäre, der jeden Abend eine andere ins Bett zerrte, aber er hatte doch sexuelle Bedürfnisse. Allerdings war er auch jemand, der an einer festen Beziehung nicht interessiert war. Das war der einzige Haken bei dieser Yoga-Sache. Das war das vierte Fitness-Studio in drei Jahren, bei dem er Mitglied geworden war. Gut, dass es in Truro einiges an Auswahl gab. Preston stellte die Geschwindigkeit ein und joggte los. Eine gute Stunde und viele Schweißperlen später öffnete er die Tür des Spinds und zückte sein Handy. Er war überrascht, als er einen verpassten Anruf seiner Mutter auf dem Display entdeckte. Sofort rief er zurück, vielleicht war ihr etwas passiert. Es war noch gar nicht lange her, dass sie sich nach einem Sturz die Hüfte gebrochen hatte.

»Hallo mein Schatz«, antwortete sie nach dem dritten Klingeln.

»Hallo Mum, alles okay bei dir?«

»Ja, ja, alles bestens. Aber ich hätte da eine Bitte an dich.«

»Natürlich. Was denn? Brauchst du etwas?« Er trank einen Schluck Wasser, trat mit dem Fuß auf die Ferse und schlüpfte aus dem ersten Turnschuh.

»Es wäre ganz großartig, wenn du am Wochenende mal vorbeischauen würdest, um den Rasen zu mähen.«

Er verschluckte sich und hustete. »Äh, ja, klar.«

Preston mied sein Heimatdorf St. Agnes wie der Teufel das Weihwasser, allerdings konnte er seiner Mutter diese Bitte nicht abschlagen.

»Ist Anne verreist?«, fragte er dennoch. Seine Cousine war im Frühling nach Cornwall gekommen, hatte sich Hals über Kopf in einen alten Bekannten aus der Nachbarschaft verliebt und war direkt bei ihm eingezogen. Im Normalfall würde seine Mum sich bei ihr melden, wenn es nur eine Kleinigkeit war, da Anne sich auch um den Souvenirladen seiner Mum kümmerte. Anne hatte ihn kürzlich renoviert und ziemlich viele Neuerungen eingeführt, die das Geschäft um einiges attraktiver und lukrativer machten.

»Nein, aber die hat mir schon genug geholfen, das weißt du auch. Ich möchte sie nicht dauernd belästigen. Aber ich kann selbst noch nicht so gut mit dem Rasenmäher hantieren, sonst würde ich ja nicht fragen. Es ist in Ordnung, mein Lieber, wenn du keine Zeit hast. Ich finde eine Lösung. Nur, mein Garten sieht aus wie ein Naturschutzgebiet, das geht so nicht weiter. Vor allem nicht, weil ja bald meine Geburtstagsparty stattfindet. Ich muss langsam mal wieder Grund in mein Anwesen bringen. Diese dämliche Sache mit meiner Hüfte war wirklich nicht hilfreich …«

Preston holte tief Luft und verdrehte die Augen. Seine Mutter konnte ohne Punkt und Komma sprechen, gleichzeitig nagte das schlechte Gewissen an ihm. Er konnte sie nicht hängen lassen, und es war schließlich keine große Sache, ihren Rasen zu mähen – und doch. In der letzten Zeit war er für seinen Geschmack viel zu häufig in St. Agnes gewesen.

»Ich komme gerne vorbei, Mum«, log er. »Du musst niemanden fragen.« Er unterdrückte ein Stöhnen.

»Ach, wie schön«, flötete sie, und er konnte ihr verzücktes Lächeln förmlich sehen. »Dann kommst du wann? Morgen? Bleibst du übers Wochenende?«

»Äh, Mum … Ich melde mich. Da klopft gerade noch jemand an«, flunkerte er weiter. »Tschüss.« Er legte auf.

»Gott«, murmelte er. Ehe er freiwillig das ganze Wochenende im Haus seiner Mum verbrachte, fror die Hölle zu.

Er war gerade aus dem zweiten Schuh und dem T-Shirt geschlüpft, als sein Handy schon wieder bimmelte. Er seufzte, vermutlich seine Mum, die was vergessen hatte. Er war erstaunt, als er ›Anne‹ auf dem Display las.

»Hey Cousinchen«, beantwortete er.

»Hallo Lieblingscousin, wie geht’s?«

»Großartig, und selbst?«

»Könnte nicht besser sein«, erwiderte sie fröhlich. »Sag mal, hast du Lust, am Freitag bei uns zu essen? Vincent und ich haben ein paar Ideen für das Haus, und da dachten wir, holen wir doch lieber gleich ’nen Fachmann.«

Preston nagte an der Innenseite seiner Wange und überlegte. »Äh, klar. Trifft sich gut, ich bin sowieso in der Gegend, weil ich bei Mum den Rasen mähen will.«

Für einen kurzen Moment fragte er sich, ob die beiden sich eventuell abgesprochen hatten, verwarf den Gedanken aber sofort. So schnell war nicht mal seine Mutter, immerhin hatte er eben erst aufgelegt.

»Großartig. Passt es dir gegen sieben, oder ist das zu früh?«

»Das schaffe ich.« Hoffte er zumindest. Momentan war im Büro die Hölle los. Wobei das natürlich gelogen war, es war immer die Hölle los. Es gab zu viel Arbeit für zu wenige Architekten, und dafür wurde er auch noch zu schlecht bezahlt. Aber kurz nach dem Studium hatte er gleich dieses Angebot angenommen. Eine eigene Firma aufzubauen war damals noch undenkbar gewesen. Man brauchte einen Kundenstamm, oder zumindest einen guten Leumund und Referenzen – er hatte nichts davon vorweisen können und es als das Beste angesehen, erst einmal als angestellter Architekt und Bauingenieur in einem etablierten Büro zu arbeiten, ehe er sich irgendwann selbstständig machte. Mittlerweile fand er es sogar ganz bequem, angestellt zu sein.

»Preston?«, hörte er Annes klare Stimme am anderen Ende.

»Sorry, was hast du gesagt?« Er nahm das Duschgel aus seiner Tasche.

»Ich sagte, dass wir uns sehr auf dich freuen und ob du Hühnchen magst.«

»Ich esse alles«, erwiderte er. »Ich freu mich auch. Soll ich was mitbringen?«

»Nur dich selbst, mein Lieber.«

»Großartig, dann bis morgen. Grüße an deine bessere Hälfte.«

»Klar, richte ich aus. Mach’s gut.«

Anschließend steckte er das Handy zurück in die Tasche und sah zu, dass er unter die Dusche kam, nicht, dass noch mehr Anrufe seiner Verwandtschaft eingingen.

 

 

Nachdem Preston am nächsten Morgen zunächst seinen Wecker überhört und dann keinen Parkplatz gefunden hatte, stieg er viel zu spät in den Aufzug zum Architekturbüro. Er war schweißgebadet und völlig entnervt, als er mit langen Schritten in sein Büro eilte, den Laptoprucksack auf seinen Stuhl warf und versuchte, das Chaos von Papieren, Akten und Entwürfen nicht zu beachten. Dann rannte er in die Küche, goss sich eine Tasse Kaffee ein und begab sich auf den Weg zum Besprechungsraum.

Leider bemerkte er seine Kollegin Alisha viel zu spät, und eine Kollision war nicht mehr zu verhindern.

Noch während der Kaffee sich auf Hemd und Anzug ausbreitete und ihn ein heißer Schmerz durchzuckte, stieß er derbe Flüche aus.

»Tut mir leid, ich habe dich gar nicht gesehen«, brachte sie hervor und machte einen Satz zurück, was in ihrem engen Bleistiftrock auf den hohen Absätzen halsbrecherisch wirkte.

Preston hielt den Henkel der Tasse noch immer umklammert, als er das volle Ausmaß des Desasters begriff. Auf dem Boden hatte sich überall Kaffee verteilt, sogar die cremefarbenen Wände waren leicht gesprenkelt. »Was für eine Scheiße«, fluchte er noch einmal. »Mir tut es leid, Alisha, ich hab einfach nicht aufgepasst. Hast du was abbekommen?«

Sie schüttelte den Kopf, wie durch ein Wunder war ihre zitronengelbe Bluse makellos geblieben. »Nein, alles gut.«

Sie schob sich eine Strähne ihres kupferroten Haares hinter das Ohr. Für eine Sekunde schauten sie sich an.

»Äh, ja, ich …«, stammelte sie.

»Das Meeting hat sicher schon angefangen«, brummte er. »Ganz großartig. Ich kümmere mich mal um den Mist hier.«

»Ich kann auch …«, bot sie an.

Preston war vielleicht ein Kerl, der gewisse Tricks benutzte, um Frauen ins Bett zu zerren, aber er war kein komplettes Arschloch, das andere seinen Scheiß aufputzen ließ. Und er war auch kein Lügner. »Nein, du gehst jetzt in den Besprechungsraum, ich komme dann gleich nach. Reicht ja, wenn einer von uns eins von David auf den Deckel kriegt.«

David Seymore war sein Chef und Inhaber des Architekturbüros. Er war mindestens so erfolgreich wie arrogant, aber nicht nur das, er schien es sogar zu genießen, seine Mitarbeiter unterzubuttern. Als Preston damals die Stelle angetreten hatte, war ihm bewusst gewesen, dass es kein Zuckerschlecken würde, aber David Seymores Name galt viel in der Branche, und davon hatte er profitieren wollen. An manchen Tagen fragte er sich, ob allein der Ruf des Büros all das wert war. Aber jetzt hatte er keine Zeit, mit vergangenen Entscheidungen zu hadern. Nachdem er das Gröbste mit Küchenrolle aufgewischt hatte, eilte er zum Empfang.

»Hey Brenda. Kannst du mein Leben retten?«, fragte er und ließ all seinen Charme spielen. Ein Maler musste sich die ganze Sache anschauen und ausbessern, ein Architektenbüro konnte sich nicht leisten, heruntergekommen und schmuddelig zu wirken, aber er hatte beim besten Willen gerade keine Zeit, sich auch noch darum zu kümmern.

Die Blondine tippte gerade etwas mit ihren langen, falschen Fingernägeln auf der Computertastatur. Sie lächelte ihn aus ihren vollen, rot geschminkten Lippen an. »Kommt drauf an«, gab sie zurück und zwinkerte. »Was ist los?«

»Kaffeeunfall hinten auf dem Flur. Bitteee! Ich habe das meiste schon beseitigt, aber … für mehr fehlt mir die Zeit, und sogar die Wände haben was abbekommen … Ich weiß nicht, ob man da nicht gleich einen Maler bestellen muss.« Er probierte es noch mit dem Hundeblick, der bei der weiblichen Welt sonst nie versagte.

»Na schön. Aber dann habe ich was gut bei dir. Ich werde mal bei unserem Reinigungsdienst anrufen und nachfragen, vielleicht haben die ja ein Wundermittel, ohne dass wir gleich den ganzen Flur streichen lassen müssen.«

»O mein Gott, danke! Du kriegst alles, was du willst. Okay, fast alles.« Er klopfte dankend mit der flachen Hand auf den Tresen. »Dann geh ich jetzt ins Meeting. Danke dir.«

Ohne sich noch umzublicken, eilte er ins Besprechungszimmer. Er atmete schwer, sah vermutlich aus, als wäre er von einem Bus angefahren worden, und hatte nicht einmal einen Notizblock dabei. Fuck, dachte er, aber rang sich trotzdem ein Lächeln ab. Keine Blöße zeigen im Wolfsrudel war die Devise, was angesichts seines kaffeebefleckten Anzugs ein hoffnungsloses Unterfangen war.

Rund um den ovalen Tisch saßen fünf der acht angestellten Architekten und sein Boss David. Er war Mitte fünfzig, sehr schlank, trug nur maßgeschneiderte Klamotten und eine schwarze Designerbrille. Preston würde einiges darum wetten, dass David sich einer Haartransplantation unterzogen hatte, noch vor zwei Jahren hatte er ausgeprägte Geheimratsecken gehabt. In diesem Job ging es eben nicht nur um das Design ihrer Arbeit – man war selbst Teil des Styles.

Aber heute ging es nicht um den Boss. Bei der Besprechung wurde unter anderem über ein Großprojekt in Bath berichtet, für das sie sich beworben hatten. Preston hatte viel Arbeit in die Entwürfe gesteckt und hoffte sehr, dass sie den Zuschlag bekamen. Er hatte mächtig Lust, sich in diesem Projekt zu beweisen, und gegen ein paar Monate in Bath hatte er auch nichts einzuwenden.

»Oh, dass du uns auch beehrst, Preston«, durchschnitt Davids Stimme die angespannte Stille, kaum dass Preston den Raum betreten hatte.

Er hob abwehrend die Hände. »Sorry.« Dann setzte er sich auf einen der Stühle und tat so, als wäre alles in bester Ordnung.

Einige Kollegen warfen ihm einen genervten Blick zu, andere einen boshaften, nur Alisha lächelte freundlich, was auch nicht gut war. Er hatte schon länger das Gefühl, dass sie mehr von ihm wollte als nur ein funktionierendes Arbeitsverhältnis.

»Dann können wir jetzt vielleicht mit dem Meeting fortfahren«, sagte David und wandte sich an einen der Kollegen, Phil. »Wärst du so nett und machst mit deiner Zusammenfassung weiter?«

Preston wischte sich unauffällig den Schweiß von der Stirn und hörte zu. Leider wurde der Morgen nicht besser, als Phil seine Notizen aufschlug und eine E-Mail mittels Beamer auf die Wand projizierte. »Hier sehen wir bedauerlicherweise keine guten Neuigkeiten aus Bath.«

… da Sie mit Ihren Berechnungen und Kostenvoranschlägen weit über der Kalkulation Ihrer Mitbewerber liegen, müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass Sie somit aus unserer Ausschreibung herausfallen. Mit freundlichen Grüßen …

Verfluchte Scheiße, schoss es Preston durch den Kopf. Ein genervtes Stöhnen schlich sich aus seinem Mund.

David hob eine Augenbraue und warf ihm einen Blick zu, der Preston sofort zum Schweigen brachte. Gott, dieser Kerl kannte keine Gnade.

Preston hatte Wochen in die Erstellung der Unterlagen, Zeichnungen und Modelle gesteckt. Wochen! Und mit dieser einen Mail waren alle seine Hoffnungen in Rauch aufgegangen. Da durfte man wohl einmal lauter atmen. Und warum zur Hölle hatte Phil ihm diese Mail noch nicht weitergeleitet, sodass er es jetzt vor allen anderen erfahren musste? Sie hatten zu dritt an verschiedenen Teilen des Konzepts gearbeitet, und Phil war für die Kommunikation zuständig gewesen. Preston gab sich die Antwort selbst: Phil konnte ihn nicht leiden, er sah in ihm einen Konkurrenten und genoss jede Möglichkeit, ihn dumm dastehen zu lassen. Bedauerlicherweise war das in dieser Firma – sowie in der Branche – völlig an der Tagesordnung. Es ging immer nur um den eigenen Arsch.

Alisha guckte mitleidig, das konnte er auch nicht gebrauchen. Warum war er heute überhaupt aufgestanden, fragte er sich schlecht gelaunt. Das restliche Meeting ließ er mit vor der Brust verschränkten Armen über sich ergehen. Das zweite Konzept, eine Wohnanlage mit einer Ladenzeile in Gloucester, war in die nächste Runde gekommen. Dieses Team hudelte sich gegenseitig Lob zu – vor den anderen. Intern, das wusste Preston, ging es bei denen auch nicht besser zu. An Tagen wie diesen hasste er seinen Job.

»Na gut«, schloss David. »Man kann nicht immer gewinnen.« Er warf Phil, Alisha und ihm einen arroganten Blick zu. Dann lächelte er. »Zum Glück arbeiten andere in dieser Firma ein wenig zielführender.«

Preston war versucht, mit den Augen zu rollen, nahm sich aber zusammen. Für heute hatte er genug. Sein Hemd klebte immer noch nass an seinem Oberkörper, der Anzug war vermutlich nicht mehr zu retten.

Er atmete erleichtert auf, als er kurz darauf in sein Büro trat, den Rucksack auf den Boden stellte und sich in seinen Stuhl fallen ließ. Er schloss die Augen und lehnte sich zurück.

»Was für ein beschissener Tag«, murmelte er.

Im nächsten Moment hörte er, wie das Schloss zu seiner Tür schnappte. Bitte nicht, dachte er und öffnete die Lider.

Leider doch.

Er sah David, der mit gefurchter Stirn auf ihn zukam. Täuschte es, oder wirkte seine Mimik seit Neustem weniger ausdrucksstark? Dass Frauen in fortgeschrittenem Alter öfter mal zu Botox griffen, war Preston natürlich geläufig. Dass David auch diesem Jugendwahn verfallen war, fand er einfach nur lächerlich.

»Preston«, stieß David leise hervor, beinahe schon resigniert, als ob Preston ein kleiner Junge wäre, der sich gerade die neue Hose zerrissen hatte.

»David«, erwiderte Preston und stand auf. Er wollte seinem Boss lieber auf Augenhöhe begegnen, was auch immer er zu sagen hatte.

»Ich finde, dass du in letzter Zeit äußerst unkonzentriert bist.«

Preston vermied es gerade noch, empört nach Luft zu schnappen, und schluckte stattdessen.

»Wie kommst du darauf?«, fragte er höflich, obwohl er David lieber an die Gurgel gegangen wäre. Von wegen unkonzentriert, er hatte so viele Überstunden auf dem Konto, dass man die gar nicht mehr zählen konnte.

»Guck dich doch an.« David ließ seinen abschätzenden Blick an ihm auf- und abgleiten. Preston wusste, wie er aussah – aber das hatte nichts mit seinen Leistungen zu tun.

Seine Kehle wurde eng, er kämpfte um Beherrschung.

»Es gab ein kleines Malheur heute Morgen«, erwiderte er ruhig.

»Ach ja? Nun. Dann sieh zu, dass diese Probleme nicht zur Gewohnheit werden.« Er hob zwei Finger an seine Augen und ließ sie anschließend zu Preston wandern. »Ich habe dich im Blick.«

Daraufhin verließ David das Büro. Er war schon fast draußen, als er sich auf halbem Weg noch einmal umdrehte. Er sagte mit einem Lächeln, das seine Augen nicht erreichte: »Und es wäre gut, wenn du dir mal die Ausschreibung für die klimaneutrale Wohnanlage in London anschauen könntest, aber bitte dieses Mal ein wenig gründlicher arbeiten. Schönes Wochenende.«

»Gleichfalls.« Preston starrte ihm fassungslos hinterher. Es war einfach unglaublich.

Unfuckingfassbar, wie dieser Kerl ihn behandelte. Kopfschüttelnd drehte Preston sich zum Fenster und sah auf die neugotische Kathedrale, auf die er von seinem Innenstadtbüro einen guten Blick hatte. Touristen schlängelten sich durch die Stadt, fotografierten, posierten, lachten oder küssten sich. Dann kehrte er in seine Welt zurück, sein Büro, das unaufgeräumt und viel zu klein war.

Preston fragte sich, was in seinem Leben schiefgelaufen war, dass er sich das hier jeden Tag aufs Neue antat.

Nein. Er hielt inne. Er kannte die Antwort, aber er wollte jetzt nicht auch noch darüber nachdenken.

Den übrigen Tag verbrachte er damit, Ordnung in seinen Kram zu bringen, was beinhaltete, dass er seinen E-Mail-Eingang endlich einmal aufräumte, ebenso seinen Desktop, auf dem er wichtige Dokumente in Ordnern verknüpfte, sowie seinen Schreibtisch und die Ablagekörbe. Leider hatte er in den letzten Monaten verpasst, hin und wieder ans Ausmisten zu denken.

»Ich sollte eine Sekretärin haben«, brummte er vor sich hin, er kam mit seinem Arbeitspensum so schon nicht klar. Stattdessen schuftete er für zwei und kümmerte sich auch noch selbst um den lästigen Papier- und Korrespondenzkram. In letzter Zeit fragte er sich immer wieder, ob es das wert war. Denn gut bezahlt wurde er für den ganzen Stress und die Extra-Arbeit nicht. Ja, natürlich, auf seinem Konto landete mehr als bei einem Sachbearbeiter – während er sich manchmal einfach nur fühlte, als wäre er ein Käfer, der unter den Schuhen des Chefs zerquetscht wurde. Vor einem Jahr hatte er sich eine hübsche Eigentumswohnung gekauft, der größte Teil seines Gehalts ging für die Rate drauf, viel blieb ihm am Ende des Monats nicht.

»Du bist noch hier?« Alishas Kopf tauchte im Türrahmen auf. Sie war offenbar im Begriff, Feierabend zu machen.

Preston schaute auf und nickte, dabei versuchte er ein freundliches Lächeln aufzusetzen, was angesichts seiner aktuellen Stimmung nicht ganz leicht war. Aber Alisha konnte nichts dafür, dass er sich wie ein Hamster im Rad fühlte. »Ja, ich hatte ein paar Sachen zu erledigen, die ich schon lange aufgeschoben hatte.«

Sie grinste, als sie den überquellenden Papierkorb entdeckte. »Das sieht mir ganz danach aus.«

»Es war fällig, aber du weißt ja, wie es ist. Nachdem man schon die eigentliche Arbeit erledigt hat, hat man keine Lust mehr, noch groß aufzuräumen und zu organisieren.«

»Da hast du recht. War ganz schön hart heute Morgen, hm?«

Er rieb sich die Stirn. »Absolut. Ich könnte kotzen. Ich habe so viel Arbeit da reingesteckt, du ja auch. Seit Wochen habe ich bis spät in die Nacht da dran gesessen.«

Nicht nur im Büro, sondern auch zu Hause, in seiner Freizeit, am Wochenende, in jeder freien Minute. Er war so davon überzeugt gewesen, dass dies das Projekt sein würde, das ihm endlich den begehrten Aufstieg in der Firmenhierarchie bringen würde. Tja. Wohl doch nicht.

»Es ist Mist.«

»Das kannst du laut sagen. Egal – das ist jetzt irgendwie Schnee von gestern.«

»Ich ärgere mich auch«, versuchte sie ihn aufzumuntern. Dann räusperte sie sich und trat von einem Fuß auf den anderen. »Ähm, hast du schon Pläne am Wochenende? Ich gebe eine kleine Party, vielleicht hast du ja Lust, zu kommen?« Sie blinzelte ein paarmal nervös. »Nichts Großes, nur einige Freunde.«

Preston wurde heiß, er mochte Alisha. Aber nicht so. »Ich würde sehr gerne vorbeikommen, aber ich muss leider passen. Meine Mum …« Er lachte künstlich. »Sie braucht meine Hilfe. Du weißt doch, sie hat sich kürzlich die Hüfte gebrochen, und ich muss ihr ein bisschen zur Hand gehen.«

Ein enttäuschter Ausdruck huschte über ihr Gesicht. »Kein Ding, war ja nur so ein Gedanke.«

»Ein andermal gern«, log er. Er würde alles daransetzen, dass er ihr privat aus dem Weg ging. Er mochte hübsche Frauen, er liebte ihre weichen Kurven, aber mit Gefühlen wollte er nichts mehr zu tun haben. Und schon gar nicht mit Kolleginnen. Ein Techtelmechtel auf dieser Ebene konnte nur Ärger bringen. Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr und stieß einen Fluch aus. »So eine Scheiße, ich bin schon wieder zu spät.« Preston seufzte. »Heute ist nicht mein Tag.«

Alisha lächelte. »Du solltest Feierabend machen. Es sind ohnehin schon alle weg.«

»Das kann ich mir vorstellen. Dann hab eine schöne Party.« Er sprang auf, stopfte ein paar Unterlagen in seinen Rucksack und begleitete Alisha nach unten. Es herrschte ein befangenes Schweigen im Aufzug, das er nicht mit etwas Sinnvollem zu füllen wusste. Ihr schien es nicht anders zu gehen.

Er war froh, als er sich kurz darauf von ihr verabschiedete und in sein Elektroauto stieg. Er prüfte, wie der Akku stand, aber nach St. Agnes war es zum Glück nicht weit. Sein Äußeres entsprach seiner Stimmung, er musste völlig ramponiert aussehen, aber er hatte keine Zeit, noch nach Hause zu fahren, um sich frischzumachen. Vermutlich hatte Anne das Essen längst auf dem Tisch stehen, er war viel zu spät dran. Eigentlich nicht seine Art, doch irgendwie hatte er heute die Zeit vergessen.

 

 

2

 

 

 

Es war ein wunderschöner, sommerlicher Juliabend. Die untergehende Sonne zauberte zarte Rosé- und Orangetöne an den wolkenlosen Himmel über St. Agnes. Das sanfte Rauschen der Brandung vermischte sich mit den Schreien einiger hungriger Möwen, die über der Bucht kreisten. Grace hatte ein Glas Wein in der Hand, stand auf der Terrasse und schaute aufs Meer. Obwohl sie hier geboren war, konnte sie nie genug davon bekommen, hinaus auf die keltische See zu blicken. Sie liebte den salzigen, frischen Geruch, die zarte Brise, die an ihren Haaren zupfte, und das Gefühl unendlicher Weite. Anne und Vincent werkelten in der Küche, sie hatte ihre Hilfe angeboten, aber die beiden hatten darauf bestanden, dass sie es sich einfach gutgehen lassen sollte.

Grace schmunzelte, als sie ihren Blick über den Garten schweifen ließ. Es lag noch immer alles brach, Unkraut wucherte überall. Die Veranda war nicht mit einem Geländer gesichert, es gab auch keine Stufen hinunter zu den Beeten – oder dem, was davon übrig war. Anne hatte ihr erzählt, dass sie gern einen Kräutergarten anlegen wollte. Seit sie den Souvenirshop ihrer Tante kürzlich umgestaltet und viele der angebotenen Produkte selbst hergestellt hatte, war sie total begeistert von der Idee, den Laden genauso weiterzuführen.

»Alles okay?«, hörte sie Annes Stimme hinter sich.

Grace wandte sich um. »Aber ja doch. Es ist so schön hier. Die Aussicht ist einfach großartig.«

Anne lächelte und kam mit ihrem Glas und einer Flasche Weißwein im Kühler auf die Veranda. Sie trug ein bodenlanges Sommerkleid, das ihre Schultern und Arme freiließ. Die Haare hatte sie locker hochgesteckt, und einige Strähnen umrahmten ihr hübsches Gesicht. Die Wangen waren gerötet, die Augen funkelten glücklich. Grace war froh, dass sie und Vincent ihre Differenzen überwunden und schließlich nach einigem Hin und Her zusammengefunden hatten. Es war natürlich noch alles ganz frisch, aber Grace war überzeugt davon, dass die beiden das absolute Traumpaar waren und es sicher nicht lange dauern würde, bis die Hochzeitsglocken läuteten. Sie hatte bei solchen Dingen oft den richtigen Riecher. Außer was ihr eigenes Liebesleben betraf, das lag seit Jahren brach.

Es gab gute Gründe dafür, die Grace natürlich bewusst waren – aber ändern konnte sie daran nichts. Sie konnte ihre einzige und große Jugendliebe einfach nicht vergessen, und nur mit jemandem zusammen zu sein, um nicht alleine zu bleiben, kam für sie nicht infrage.

»Du meinst die Aussicht auf unser Unkraut?«, fragte Anne jetzt.

Grace lachte. »Das kann ich gut ausblenden. Es ist ja nicht mein Garten.«

»Wir müssen da unbedingt was machen, zum nächsten Frühjahr hin hätte ich gern alles fertig. Und bei der Veranda besteht auch Bedarf – na ja, du kennst das Thema ja.«

Sie stellte Glas und Weinkühler ab. »Ich hole mal den Salat. Essen ist gleich fertig.«

»Soll ich mitkommen?«

»Nein, danke. Entspann dich, Sweetheart. Setz dich und genieße den Abend.«

In diesem Moment kam Vincent mit dem Salat und aufgeschnittenem Baguette zu ihnen.

»Setzt euch doch«, sagte er.

»Gut, wenn ihr mich beide dazu auffordert, mache ich das mal lieber. Wie läuft es mit dem Schreiben?«, wandte sie sich an Vincent. Er hatte vor einiger Zeit begonnen, Kindergeschichten über Moorgeister und eine Fee aufzuschreiben.

Er lächelte. »Es wird und macht mir großen Spaß. Ich bin selbst überrascht, wie leicht es mir fällt.«

»Das freut mich sehr, und auch wenn ich erwachsen bin, werde ich es bestimmt lesen, wenn es veröffentlicht ist.« Grace fiel auf, dass der Tisch für vier gedeckt war. Das hatte sie bis jetzt gar nicht registriert. »Erwartet ihr noch jemanden?«

Anne und Vincent warfen sich einen komischen Blick zu, den Grace nicht zu deuten wusste, dann lief Anne mit wehenden Röcken in die Küche.

»Ich geh mal den Rest holen«, flötete sie über die Schulter und ignorierte Grace’ Frage geflissentlich.

Grace hob eine Augenbraue und nippte von ihrem Wein, dann setzte sie sich. Vincent goss aus einer blauen Karaffe Wasser in die passenden Gläser. Es dauerte nicht lange, bis Anne mit einer Auflaufform zurückkehrte. Sie trug Handschuhe und stellte sie in die Mitte des Tisches.

»Was gibt es denn?«

»Lachs in Dill-Sahne. Magst du doch, oder?«, wollte Anne wissen.

Grace lief das Wasser im Mund zusammen. Sie hatte seit dem Frühstück nichts gegessen, heute war ein stressiger Tag im Sea & Salt gewesen – wie fast an allen Sommertagen. Es wurde erst nach der Saison im Herbst wieder ruhiger in dem kleinen Kosmetik-Salon. »Ob ich es mag? Ich liebe es. Großartig! Du kannst dir nicht vorstellen, was ich für einen Kohldampf schiebe.«

Anne grinste. »Du kannst es jedenfalls vertragen. So, dann würde ich sagen, dass wir anfangen. Guten Appetit.«

Grace runzelte die Stirn und wunderte sich, dass man nicht auf den vierten Gast warten wollte, fragte aber nicht nach. Vincent servierte ihr ein Stück Lachs und schaufelte ordentlich Soße hinterher.

»Salat?«, wollte er wissen und hielt ihr die Schüssel mit einem unschuldigen Lächeln hin.

»Vielen Dank.« Sie nahm sich eine gute Portion mit dem Salatbesteck. In dieser Sekunde drang das Bimmeln der Klingel aus dem Haus zu ihnen.

Anne sprang wie von der Tarantel gestochen auf.

»Ich geh’ schon«, rief sie auch noch unnötigerweise.

Vincents Lächeln wirkte mit einem Mal angespannt. Grace dachte sich nichts weiter dabei. Allerdings hoffte sie, dass die beiden nicht jemanden eingeladen hatten, mit dem sie sie verkuppeln wollten. Anne hatte in der letzten Zeit häufiger das Thema angeschnitten, und obwohl sie ihrer Freundin mehrfach erklärt hatte, dass sie keinen Bedarf hatte, wollte diese das nie gelten lassen. Grace nahm die Serviette, faltete sie über ihrem Schoß und atmete leise aus.

Gut, wer auch immer es war, ein Abendessen würde sie wohl aushalten, und es konnte sie ja schließlich niemand zwingen, sich danach mit wem-auch-immer zu verabreden. Ihre Gedanken schweiften in die Vergangenheit, und der altbekannte Schmerz pochte in ihrer Brust.

Es war ja nicht so, dass Grace sich nicht bemüht hätte, über ihre Jugendliebe hinwegzukommen. Sie hatte es wirklich versucht. Aber egal mit wem sie sich getroffen hatte, niemand hatte auch nur ansatzweise diese Gefühle in ihr hervorgerufen, die sie in Prestons Armen gespürt hatte. Niemand.

Grace seufzte und trank einen Schluck Wein. In diesem Augenblick kam Anne aus der Küchentür, und Grace warf einen Blick auf den Neuankömmling. Er hatte breite Schultern und war hochgewachsen. Auf dem Hemd hatte er einen großen braunen Fleck, der nach getrocknetem Kaffee aussah.

Und dann erkannte sie, wen Anne da mitgebracht hatte.

Grace verschluckte sich und fing an zu husten. Es dauerte einen Moment, bis sie sich wieder gefangen hatte. Preston stand regungslos auf der Veranda und wirkte mindestens so überrascht, wie sie sich fühlte. Er hatte anscheinend auch nicht gewusst, dass sie zugegen sein würde. Grace’ Magen zog sich zusammen, ihr Herz fing an zu rasen. Sie war machtlos dagegen – das Einzige, was sie tun konnte, war, ihm aus dem Weg zu gehen. Was normalerweise kein Problem darstellte, denn er kehrte nur äußerst selten nach St. Agnes zurück. Das Schlimmste daran war, dass er sie noch immer hasste. Aus gutem Grund, das wusste Grace, das machte es jedoch nicht leichter für sie.

Der Moment, in dem sie sich einfach nur anstarrten, schien endlos, dabei konnten kaum mehr als ein paar Sekunden vergangen sein, seit Anne mit ihm auf die Veranda getreten war. Preston stand noch immer wie zur Salzsäule erstarrt vor ihr, und Grace konnte nichts anderes tun, als ihn anzuglotzen. Sein dunkelblondes Haar war, wie immer, nicht mit Gel zu bändigen gewesen. Obwohl er ein Schreibtischtäter war, hatte seine Haut eine goldene Färbung angenommen, die durch die Farbe seines Oberhemdes sehr vorteilhaft betont wurde. Er sah unverschämt gut aus. Seine Schultern waren im Lauf der Jahre breiter geworden, seine Züge maskuliner. Er war ein kerniger Mann. Erfolgreich noch dazu. Und wie Grace von Lisbeth, seiner Mutter und ihrer Nachbarin, wusste, auch ein Mann, der Frauen liebte. Viele Frauen. Sehr zum Leidwesen seiner Mum, denn die hätte ihn gern verheiratet und mit einigen Kindern am Hemdzipfel gesehen.

Grace schluckte. Ihr Mund fühlte sich so trocken wie die Sahara an. Wieso war er hier? Und wie sollte sie diesen Abend überleben?

»Grace, Preston, ihr kennt euch ja«, flötete Anne mit einem breiten Lächeln. Vincent stand auf, begrüßte Preston mit einer männlich kurzen Umarmung und einem Schulterklopfen. Grace hatte keine Ahnung, wie sie sich verhalten sollte, sie klammerte sich noch immer an ihrem Weinglas fest, als ob das etwas nützen würde.

In diesem Moment trafen sich ihre Blicke erneut, und Grace schnappte nach Luft. Das Blau seiner Augen schien sie zu durchleuchten und bis auf den Grund ihrer Seele zu schauen. Er betrachtete sie mit einer Mischung aus Erstaunen und Schmerz. Im nächsten Moment waren seine Züge wieder verschlossen, und sein Ausdruck war bestenfalls als desinteressiert zu beschreiben.

»Grace«, sagte er. Seine sonore Stimme klang kühl, fast schon gelangweilt. Ihr Herz krampfte sich zusammen.

Dann atmete sie ein und straffte sich. Sie fühlte sich fehl am Platz, unbehaglich. Und verletzlich. Dass er nach all den Jahren noch immer so eine starke Wirkung auf sie hatte, machte sie fertig. Sie würde Anne umbringen. Langsam und qualvoll. Aber nicht sofort.

Zuerst musste sie dieses verdammte Essen hinter sich bringen. Grace konnte nicht einfach aufstehen und davonlaufen, was ihr erster Impuls gewesen war.

»Preston«, erwiderte sie höflich und nickte. Sie versuchte zu lächeln, aber es fühlte sich wie eine hässliche Fratze an. Ihr Körper schien ihr nicht mehr zu gehorchen.

»Setz dich doch«, forderte Vincent Preston auf und verteilte noch mehr von dem Lachs, während Anne etwas Weißwein in sein Glas eingoss.

»Oder möchtest du was anderes?«, wollte Anne von ihm wissen.

»Hast du Gin?«, fragte Preston mit einem zuckenden Muskel am Kinn.

Anne wollte gerade wieder aufstehen, aber Vincent legte ihr eine Hand auf den Arm. »Ich geh schon. Mit Tonic und Eis?«

»Nur Eis bitte.«

Anne hob eine Augenbraue, sagte aber nichts dazu. Sie ließ die Serviette flattern und breitete sie dann lässig auf ihrem Schoß aus. »Preston hat mir eben erzählt, dass er einen stressigen Tag im Büro hatte, was auch den Kaffeefleck auf seinem Hemd erklärt. Erzähl doch mal, woran du gerade arbeitest?«, versuchte Anne das Gespräch in Gang zu bringen. Sie reichte ihm den Korb. »Brot?«

Er griff mechanisch nach einer Scheibe Ciabatta, während Vincent mit einem Longdrink-Glas und einer Flasche Gin zurückkehrte. Äußerlich wirkte Preston völlig gelassen, aber dass er den Hochprozentigen kurz darauf in einem Zug herunterstürzte, zeigte etwas anderes.

»War ein echt beschissener Tag heute«, erklärte er und wich Grace’ Blick aus. Er goss sich direkt noch einmal nach.

»Guten Appetit«, wünschte Anne, und die anderen stimmten mit ein.

Die Konversation zog sich schleppend dahin. Nachdem alles von Wetter über Tourismus abgeklappert worden war, kam Anne noch mal auf ihr Verandaprojekt zu sprechen. »Ja, Preston, ich hatte dir ja am Telefon schon gesagt, dass wir gern ein paar Sachen in und am Haus verändern würden.«

Er nickte und schob sich eine Gabel mit Lachs in den Mund. Grace hatte, seit Preston eingetroffen war, kaum ein Wort herausgebracht. Immer wieder musste sie ihn ansehen, obwohl es ihr schier das Herz zerriss, ihm so nahe zu sein.

»Schieß mal los«, sagte er.

»Anne meint, dass die Veranda gesichert werden müsste, und vor allem, dass wir auch den Weg zum Garten und die Beete selbst natürlich irgendwie gestalten sollten. Und ich stimme ihr zu. Außerdem finde ich, dass wir eine größere Küche brauchen. Wenn Anne weiter Seife siedet und Kräuteröl und all das geniale Zeug selbst herstellt, müssen wir hier etwas funktionaler werden«, erklärte Vincent.

Preston nickte. »Ja, verstehe, wobei Interior-Design nicht wirklich mein Fachgebiet ist.«

Er hob seinen Blick in ihre Richtung, und Grace verlor sich im Blau seiner Augen. Es waren unausgesprochene Worte, aber sie standen so deutlich zwischen ihnen, als könnte sie seine Gedanken hören. Innendesign war dein Traum, Grace. Was ist daraus geworden?

War sie deswegen hier? Grace wusste nicht, was sie denken sollte. Hastig griff sie nach ihrem Glas Wasser, dabei war sie so ungeschickt, dass sie ihr Weinglas umstieß.

»O nein«, schrie sie auf, als der Wein über den Tisch kippte und zwischen den Rillen auf den Boden tropfte. Sie sprang auf, versuchte etwas mit ihrer Serviette zu retten und hätte dabei um ein Haar noch mehr Gläser umgeworfen.

Anne stand auf und hielt ihre Hand fest. Sanft, aber bestimmt. »Setz dich wieder, Sweetheart. Ist doch nichts passiert, das bisschen Wein. Wir wischen das nachher …«

Grace’ Wangen brannten, sie fuhr sich nervös durch die Haare und ließ sich wieder zurücksinken.

»Mehr Wein?«, bot Vincent mit einem verständnisvollen Lächeln an. Sie nickte dankbar, fast war sie versucht auch nach Gin zu fragen, aber hielt sich zurück. Vincent musste ahnen, wie sie sich fühlte. Er kannte zwar nicht die ganze Geschichte, aber er wusste genug. Grace hatte Anne von Preston erzählt, jedoch das Weshalb und Wieso nicht näher erläutert – sie sprach niemals davon. Sie hatte es nie jemandem erklärt, sie konnte nicht aussprechen, was sie getan hatte, um Preston glauben zu machen, dass er besser ohne sie dran war. Immerhin, es hatte funktioniert. Und wie.

Er hasste sie, und auch jetzt glomm in seinem Blick noch immer diese lodernde Wut, die sie versengte. Früher hatten diese Augen voller Liebe auf sie geschaut, jetzt war nichts mehr davon übrig. Es war gut so. Besser für ihn. Aus ihm war etwas geworden, er hatte die Welt bereist und seine Träume realisiert. Es war die richtige Entscheidung gewesen, die sie damals getroffen hatte. Sie wusste es, aber es machte die Tatsache nicht einfacher, dass sie ihn noch immer liebte – und dass er sie verabscheute.

»Grace?«, riss Annes Stimme sie aus ihren Gedanken.

»Äh, ja?« Grace blinzelte. Sie war so in Erinnerungen versunken gewesen, dass sie gar nichts um sich herum wahrgenommen hatte.

»Möchtest du mehr Lachs?«, wiederholte Anne ihre Frage.

O Gott, bloß nicht. Ihr war auch so schon übel. »Nein, danke, ich bin wirklich satt. Es war sehr lecker.«

Sie hätte nicht mal gemerkt, wenn sie Sand gegessen hätte.

Anne sah auf ihren Teller, Grace hatte nur ein wenig im Essen herumgepickt. Ein Hauch von Sorge huschte über das Gesicht ihrer Freundin, im nächsten Moment lächelte sie wieder und klatschte in die Hände. »Wenn ihr alle fertig seid, können wir ja bald den Nachtisch servieren.«

Prestons Antwort folgte in Form der Ginflasche, die er noch einmal großzügig an sein Glas ansetzte. Anders konnte er diesen Abend offenbar nicht ertragen. Grace bedauerte diese Tatsache, aber sie konnte nichts daran ändern.

»Ich hole mal den Nachtisch«, verkündete Anne und schob ihren Stuhl zurück. Und schon war sie verschwunden. Grace überlegte, ob sie ihr folgen sollte, aber Vincent kam ihr zuvor.

»Ich schau mal, ob ich ihr helfen kann«, erklärte er und machte sich ebenfalls vom Acker. Grace wollte etwas sagen, ihr Mund öffnete sich, aber nichts kam heraus.

Preston führte das Glas zu seinen Lippen und hielt inne. Er betrachtete sie mit seiner vollen Aufmerksamkeit, aber sie konnte nicht erkennen, was hinter seiner Stirn vor sich ging. Leider spürte sie genau, was er mit seinem Starren bei ihr bewirkte. Ihr war schwindelig, ihr Herzschlag raste, und ihr Magen zog sich sehnsuchtsvoll zusammen. Sie räusperte sich und schlug die Augen nieder. Er musste nicht wissen, dass er noch immer diese Gefühle in ihr wachrüttelte. Was sollte es auch ändern. Sie hatte damals dafür gesorgt, dass er ihr nie wieder vertrauen würde, dass er froh war, sie los zu sein.

Als Grace aufschaute, waren seine Augen noch immer auf sie gerichtet, sein Glas war leer.

»Wie geht es dir?«, fragte er, für sie völlig unerwartet. Seine Stimme klang ein wenig rau.

In all den Jahren war das das erste Mal, dass er sie direkt ansprach. Ansonsten waren sie sich aus dem Weg gegangen. Immer. Nicht, dass es oft nötig gewesen wäre, aber doch hin und wieder, vor allem an den Feiertagen. Immerhin war seine Mum ihre Nachbarin. Grace wusste deshalb mehr über sein Leben, als ihr lieb war. Von Preston zu hören, war wie auf Diät zu sein und ständig die Nase in Kochbücher zu stecken.

»Sehr gut«, erwiderte sie und lächelte. Sie war eine Meisterin darin geworden, die Menschen anzulügen, was das Thema betraf zumindest. Sie hatte nie Mitleid gewollt, aber das war ganz automatisch passiert, als es ihrer Mum immer schlechter gegangen war. Grace war jung gewesen, aber nicht zu jung. Sie hatte ihre Mum bis zum Ende ihrer fortgeschrittenen Krebserkrankung gepflegt, und das war schlimm gewesen. Aber auch das war lange her.

Prestons Augenbrauen zogen sich ein wenig zusammen, er sah aus, als ob ihm noch eine Frage auf der Zunge läge, aber er schwieg.

»Und du? Wie geht’s dir?«, erkundigte sie sich schließlich. Sie betrachtete sein hübsches Gesicht, das jetzt, in der Abenddämmerung noch schöner aussah. Um seine blauen Augen konnte sie ganz feine Linien erkennen. Die Jahre waren an keinem von ihnen spurlos vorübergegangen, wobei er sogar noch attraktiver wirkte als früher. Männlicher und souveräner. Wie ein Mensch, der mit sich zufrieden war. Sie war froh, dass aus ihm so ein wunderbarer Architekt geworden war. Die Frauen standen Schlange, das wusste sie aus sicherer Quelle. Und auch, wenn es immer noch schmerzte, war sie froh, dass wenigstens er über sie hinweggekommen war. Er hatte es verdient, glücklich zu sein. Mit welchem Lebenskonzept auch immer, das musste er selbst entscheiden. Sie hatte damit nichts mehr zu tun.

Er seufzte leise, schaute in sein leeres Glas, dann wieder zu ihr. Preston neigte seinen Kopf ganz sachte zu einer Seite, und das Blau seiner Augen wirkte noch intensiver. In Grace tobte ein Sturm. Sie hatte keine Ahnung, was in ihm vorging. Nicht mehr. Früher hatten sie sich blind verstanden – und auch vor ein paar Minuten hatte sie für einen kurzen Moment das Gefühl gehabt, seine Gedanken lesen zu können. Aber jetzt? Nichts. Da war nichts mehr, außer dieser brennenden Sehnsucht tief in ihr. Ein Teil von ihr wünschte sich, dass er manchmal auch noch an sie dachte. Dass er sie hin und wieder vermisste. Was natürlich albern war. Und doch …

»Ach, Grace«, stieß er jetzt mit einem Seufzen hervor.

Das war alles. Mehr nicht.

Ach, Grace.

Was sollte das bedeuten? ›Lass mich in Ruhe?‹ ›Lass es gut sein?‹ ›Ich bin über dich hinweg?‹ ›Ich will nichts von dir hören?‹

Oder etwas, das nicht sein konnte?

Es klang jedenfalls nicht nach ›Ich hasse dich‹.

Das war vielleicht das, was sie am meisten überraschte. Letztendlich war sie ihm vermutlich einfach egal. Es konnte schließlich nicht sein, dass er noch so an ihr hing wie sie an ihm. Das war unmöglich, sie wusste es.

Ach, Grace.

Sie hörte es noch immer in ihrem Kopf widerhallen. Ach Grace, warum hast du das getan? Oder: Ach, Grace, ich wünschte, es wäre anders.

Sie wollte sich nicht an den Gedanken klammern, dass er ihr vielleicht irgendwann vergeben würde, aber sie konnte es leider nicht verhindern. Sie war einfach ein hoffnungsloser Fall. Komplett hoffnungslos.

Das Blut rauschte in ihren Ohren, ihre Hände waren feucht und zitterten leicht. Sie hatte sie auf ihre Schenkel gelegt, damit er nichts von ihrer inneren Zerrissenheit mitbekam.

Eine Schwalbe flog dicht über ihren Köpfen hinweg. Der Wind hatte aufgefrischt, Grace schlang sich die Arme um ihren Körper. Die Spannung zwischen

Impressum

Verlag: Zeilenfluss

Texte: Karin Lindberg
Bildmaterialien: © Shutterstock.com
Cover: Casandra Krammer - www.casandrakrammer.de
Lektorat/Korrektorat: Lektorat: Dorothea Kenneweg; Korrektorat: Dr. Andreas Fischer; 2. Korrektorat: Ruth Pöß
Satz: Zeilenfluss
Tag der Veröffentlichung: 10.07.2020
ISBN: 978-3-96714-077-4

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