Cover

Leseprobe

 

 

 

 

Sommer auf Schottisch

 

Liebesroman

 

 

Karin Lindberg

 

 

Lektorat: Dorothea Kenneweg

Korrektorat: SKS Heinen

Covergestaltung: Casandra Krammer - www.casandrakrammer.de

Covermotiv: © Shutterstock.com

Copyright © Karin Lindberg 2019

www.karinlindberg.info

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Alle Rechte vorbehalten.

Jede Verwertung oder Vervielfältigung dieses Buches – auch auszugsweise – sowie die Übersetzung dieses Werkes ist nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet. Handlungen und Personen im Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

Weitere Informationen unter www.karinlindberg.info.

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Über das Buch

 

Job auf der Kippe, frisch getrennt und mit einem Zelt im Kofferraum in Schottland gestrandet – Ellie ist am Tiefpunkt angelangt. Als sie ein altes Bootshaus vor der traumhaften Kulisse der Highlands entdeckt, weiß die Hamburgerin, wie es für sie weitergeht: Sie pachtet den baufälligen Kasten und erfüllt sich damit ihren Traum vom eigenen Restaurant! Das einzige Problem ist der Besitzer, der sich als alles andere als kooperativ erweist. Sie beschließt, sich als Hausmädchen bei ihm einzuschleusen und den unsympathischen Schlossherrn heimlich von ihren Kochkünsten zu überzeugen.

 

Kenneth muss nach Schottland zurückkehren, um sein ungewolltes Erbe loszuwerden. Das ist schwieriger als gedacht, als er entdeckt, dass sein Vater ihm nicht nur ein Schloss, einen Adelstitel und einen unerzogenen Irischen Wolfshund vererbt hat, sondern auch Briefe seiner verstorbenen Mutter. Für Kenneth beginnt eine schmerzhafte Reise in die Vergangenheit. Sein einziger Lichtblick ist die attraktive, aber penetrante Touristin Ellie, die auffällig oft seinen Weg kreuzt und ständig an Orten auftaucht, an denen sie eigentlich nichts zu suchen hat …

 

 

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Epilog

Rezept

Danksagung

 

Kapitel 1

»Großer Gott«, stieß Ellie aus und schnaufte schwer. Sie umklammerte das Lenkrad fester, während sie mit ihrem alten Golf die schmale … tja, Straße konnte man das kaum nennen, eine gnadenlose Untertreibung! – entlangschlich. Sie blinzelte in die Dunkelheit, die Scheibenwischer schabten quietschend über die Frontscheibe. Es war erst acht Uhr, aber es war bereits stockfinster. Man konnte nicht einmal den Himmel erkennen, denn die Bäume standen so dicht und hoch auf beiden Seiten des Weges, dass sie die Dunkelheit noch verstärkten. Eine Straßenbeleuchtung hielt man in dieser Region anscheinend für unnötig, kein Wunder, wenn man die Straßen nicht mal so breit baute, dass zwei Fahrzeuge nebeneinander Platz hatten. Immer wieder sagte sie sich im Geiste vor: »Links bleiben, links bleiben.« Wenn man so selten Gegenverkehr bekam, konnte das tödlich enden, falls man sich, ohne nachzudenken, auf die gewohnte rechte Seite einordnete. Gerade bog sie wieder um eine messerscharfe Kurve, als das Heck ihres Wagens ausbrach und über den rutschigen Asphalt schlingerte.

»Verdammt«, schimpfte Ellie und schob gleich noch ein paar weitere derbe Flüche hinterher, bis sie endlich wieder Kontrolle über den Golf hatte. Sie verringerte das Tempo, obwohl sie längst mehr kroch als fuhr. Egal, Hauptsache, sie kam irgendwann an und konnte ihr Lager aufschlagen.

Lager! Es war ein Witz. Welcher Idiot kam auf die Idee, im Mai in Schottland zu zelten?

Ach ja, richtig, es war Alexander gewesen.

Gewesen, das Stichwort. Er war nicht mitgekommen, sie würde das Zelt allein aufbauen müssen. Im strömenden Regen. Schlimmer ging es nun wirklich nicht mehr. Sie wollte gerade zu einem weiteren Fluch ansetzen, als der Motor rumpelte und der Wagen langsamer wurde. Ellie trat das Gaspedal durch, aber es tat sich nichts. Sie blieb stehen. Mitten auf der Straße. Im Dunkeln. Allein.

Sie konnte die Worte, die ihr auf den Lippen lagen, gar nicht alle herausschreien, so sehr regte es sie auf, dass ihr Auto gerade jetzt den Geist aufgeben musste.

»Das ist doch nicht wahr«, murmelte sie und schlug auf das Lenkrad. »Okay, keine Panik«, sprach sie sich selbst Mut zu, drehte den Schlüssel im Zündschloss und wollte den Motor neu starten. Manche Probleme lösten sich ja einfach von selbst. Sicher nur eine Fehlzündung oder so was. Der Wagen war regelmäßig gewartet worden, gerade vor der großen Reise hatte sie extra in der Werkstatt noch einmal alles checken lassen. Es war unmöglich, dass sie jetzt eine Panne hatte. Es konnte einfach nicht sein.

Sie hielt den Atem an, aber nichts passierte.

Ellie schrie das F-Wort in die Dunkelheit und nahm ihr Smartphone zur Hand, um nachzusehen, wo sie laut Google-Maps war – ein Navigationsgerät hatte sie nicht.

»Kein Empfang. Super.« Sie stöhnte und verharrte regungslos hinter dem Steuer.

Jetzt bloß nicht heulen, dachte sie, aber sie spürte das Brennen in den Augen bereits.

Dass sie jetzt auch noch liegen blieb, war die Krönung, dabei hatte sie geglaubt, es könnte unmöglich noch schlimmer kommen.

Tja, falsch gedacht.

Ellie schluckte und versuchte, die Tränen wegzublinzeln. Sie konnte ohne Telefonempfang nicht einmal Hilfe rufen, sie würde hier warten müssen, bis jemand vorbeikam – und im Falle auch anhielt.

Wie hatte sie auch nur auf die dumme Idee kommen können, alleine in den Urlaub zu fahren?

Du weißt warum, sagte ein Stimmchen in ihrem Kopf.

»Ja, schon gut«, grummelte sie und erinnerte sich an das Drama, das sich vor ihrer Abreise abgespielt hatte und auch noch von Alexanders Offenbarung getoppt worden war.

Ellie war gerade dabei gewesen, mit ihrer Kollegin Sabine den Menüplan für die nächsten Wochen durchzugehen, als die Türen aufgeflogen und eine Razzia im Restaurant und den Büroräumen durchgeführt worden war. Sie hatte sich gefühlt wie in einem schlechten Krimi, als uniformierte Beamte – bewaffnete Beamte – in die Küche und die Gasträume gestürmt waren. Geldwäsche lautete die Anschuldigung, ihr Chef war »gebeten« worden, mitzukommen, niemand durfte auch nur eine Gabel anrühren, geschweige denn Firmenunterlagen beiseiteschaffen. Alles war beschlagnahmt, das Restaurant bis auf Weiteres geschlossen worden.

Nachdem die Beamten überwacht hatten, dass jeder wirklich nur sein eigenes Hab und Gut an sich gebracht hatte, wurden sie nach draußen begleitet, und das »Kopernikus« war abgeriegelt worden. Damals hatte sie gedacht, dass alles nur ein schlechter Scherz sei, dass gleich dieser blonde Typ um die Ecke kommen und »Verstehen Sie Spaß?!« schreien würde. Leider war es die Realität und alles andere als ein Witz gewesen.

»Was machen wir denn jetzt?«, hatte sie Sabine gefragt, als sie sich schließlich auf dem Gehweg wiederfanden.

»Du gehst natürlich wie geplant in den Urlaub, bis du wieder da bist, wird sich dieser Mist sicher aufklären«, gab ihre Freundin und Kollegin nicht sehr überzeugend zurück.

»Meinst du?«

Sie legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Absolut. Du bist so oder so urlaubsreif, was willst du denn hier machen? Geh und erhol dich wie geplant, ich halte dich auf dem Laufenden.« Sie kam ein Stück näher und sprach leiser. »Wenn du mich fragst, du vergeudest hier sowieso deine Talente.«

Ellie hob eine Hand an die Stirn, hinter der sich hämmernde Kopfschmerzen ausbreiteten. »Fang jetzt nicht wieder damit an.«

»Gut, dann tu ich es nicht … Du weißt sowieso, was ich sagen will.« Sabine sah sie eindringlich an, sogar sie, die Unerschütterliche, war nach der Razzia blass geworden.

»Ich weiß«, Ellie winkte ab. »Ich brauche erst mal Abstand und Ruhe, um nachzudenken. Dann schau ich mir mal die Stellenanzeigen an … Vielleicht muss ich das ja jetzt sowieso … Was ist, wenn …?«

Sabine hob die Hand und unterbrach sie. »Hör auf mit diesem ›Was wäre wenn‹-Spielchen, das führt jetzt zu nichts. Ehrlich, ich rufe dich an und informiere dich über Neuigkeiten, wenn es welche gibt.«

»Meinst du wirklich?«

»Ja, natürlich. Ihr habt doch alles gebucht und bezahlt. Du brauchst jedes bisschen Erholung, das du kriegen kannst, es ist ein Knochenjob, und ehrlich gesagt, du siehst auch wirklich urlaubsreif aus.«

»Das kannst du laut sagen. Ich geh momentan echt auf dem Zahnfleisch, ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal länger als viereinhalb Stunden am Stück geschlafen habe.«

»Tja, das ist offensichtlich.«

Ellie tat das, was in so einer Situation am besten war. Sie lachte. Sie lachte laut und so lange, bis ihr die Tränen kamen. »Es ist einfach so absurd«, brachte sie irgendwann hervor.

»Das ist es. Sollen wir noch was trinken gehen?«, schlug Sabine vor. »Jetzt, wo wir schon mal frei haben?«

»Ich glaube nicht, dass Alkohol die Lösung ist.«

»Sicher nicht, aber ein Drink machte es auch nicht schlechter.«

»Da hast du auch wieder recht. Trotzdem, ich denke, ich geh besser einfach nach Hause, dann kann ich schon mal in Ruhe packen und wirklich ein paar Stunden schlafen, dann bin ich ausgeruht für die Reise. Du weißt doch, ich werde so leicht seekrank. Mir graust es jetzt schon vor der Überfahrt mit der Fähre.«

»Warum fliegt ihr dann nicht? Das ist doch sicher günstiger, oder?«

»Das schon, aber dann haben wir kein Auto, Mietwagen sind teuer, und wir wollen uns auch ein bisschen was ansehen. Und bis in das Dorf in den Highlands würden wir sonst nie kommen.«

»Wieso unbedingt die Highlands? Bist du doch irgendwie romantisch veranlagt, und ich habe es nicht mitbekommen?«

Ellie grunzte. »So in etwa. Nein. Alexander hat mich schon seit Ewigkeiten bearbeitet, dass er ein paar Destillerien besuchen möchte, um mehr über guten Whisky zu lernen. Mir wäre ein Strandurlaub eigentlich lieber gewesen. Einfach in der Sonne braten und das Nichtstun genießen.«

»Ach nö«, stöhnte Sabine. »Jetzt musst du also für ihn das Taxi spielen? Du magst doch gar keinen Whisky.«

Ellie hob die Schultern. »So was machen wir ja nicht jeden Tag«, hatte sie geantwortet und noch nicht geahnt, dass Alexander die Reise gar nicht mit ihr antreten würde.

Ellie seufzte und erinnerte sich an das auf die Razzia gefolgte Desaster. Wie immer, wenn sie in den letzten vierundzwanzig Stunden an Alexander dachte, blieb ihr vor Schmerz über seinen Verrat die Luft weg. Ihre Lungen brannten – oder war es ihr Herz?

Sie schüttelte den Kopf über die Absurdität ihres Lebens. Job weg. Freund weg. Autopanne.

Was kam als Nächstes? Fiel vielleicht ein Baum um und begrub sie unter dem Blech?

Sie lachte hysterisch, dann bemerkte sie, dass Tränen über ihre Wangen liefen.

»Scheiße.«

Manchen Menschen fiel es leichter, loszulassen und neu anzufangen, als anderen. Ellie hatte noch nie gut mit Abschieden umgehen können. Sie schnaufte ein paar Mal tief durch und versuchte, Herrin über ihre emotionale Lage zu werden, als plötzlich Scheinwerfer im Rückspiegel aufblitzten.

Sofort sprang sie aus dem Wagen, stellte sich mitten auf die Straße und winkte mit beiden Armen. Derjenige musste verstehen, dass sie Hilfe brauchte. Fehlte nur noch, dass der Fahrer sie für eine Verrückte hielt, einen Bogen um sie machte, durch eine tiefe Pfütze fuhr und sie von oben bis unten mit Matschwasser angespritzt wurde. Die Sorge war berechtigt, wenn man bedachte, welche Pechsträhne sie momentan hatte. Glücklicherweise verringerte der Land Rover die Geschwindigkeit und blieb vor ihr stehen. Die Scheinwerfer blendeten sie, sie konnte nicht ausmachen, ob Männlein oder Weiblein hinter dem Steuer saß.

Hoffentlich kein perverser Serienmörder, dachte sie und stellte fest, dass sie schon nach den paar Sekunden vom Regen komplett durchnässt war. Ihre Bluse klebte an ihrem Oberkörper und die Haare im Gesicht, es war eiskalt. Aber das war jetzt egal, sie würde wieder trocknen, schließlich war sie nicht aus Zucker.

Die Fahrertür öffnete sich, aus dem Inneren hörte sie in tiefes, grollendes Bellen.

»Sind Sie verrückt geworden?«, dröhnte beinahe gleichzeitig eine dunkle Stimme zu ihr herüber. Er sprach mit einem rollenden R, sein Tonfall war rau. Er musste also aus der Gegend stammen. »Haben Sie Todessehnsucht, oder warum stehen Sie nachts mitten auf der Straße herum?«

Ellie schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen – auch wenn ihr Zustand alles andere als trocken war. »Na, hören Sie mal. Ich brauche Hilfe!«, brachte sie schließlich hervor. »Mein Auto … Ich habe eine Panne.«

Der unfreundliche Kerl kam auf sie zu – sein Wagen lief noch, die Scheinwerfer blendeten nach wie vor fürchterlich, sodass sie außer seinen Umrissen nichts erkennen konnte. Die Silhouette sagte jedoch genug, er war groß, sehr groß, an die eins neunzig, hatte breite Schultern – was auch an der Jacke liegen konnte, das glaubte sie aber nicht – und er bewegte sich mit langen, dynamischen Schritten auf sie zu. Alt konnte er noch nicht sein, das war gut, er war also sicher in der Lage, ihr zu helfen. Ellie schluckte, ihr Herz klopfte ihr bis zum Hals hinauf. Seine harschen Worte hatten ihre Wirkung nicht verfehlt, sie fühlte sich buchstäblich wie ein Reh im Scheinwerferlicht, das dem bösen Wolf begegnete.

»Was ist denn los?«, bellte er sie an und blieb vor ihr stehen. In diesen schwierigen Lichtverhältnissen wirkten seine Augen beinahe schwarz, seine Haare waren dunkel, schon nach wenigen Sekunden ebenso nass wie ihre und hingen ihm platt am Kopf herunter. Ellie blinzelte und atmete ein. »Ich weiß es nicht, das Auto ist auf einmal stehen geblieben. Und Netz habe ich mit meinem Handy auch nicht, sodass ich keine Hilfe holen konnte.«

»Und was wollen Sie jetzt von mir?«

Was sie von ihm wollte? Der Typ war ja unmöglich! Der Klumpen in ihrem Magen wurde noch größer.

Sie runzelte die Stirn und schob sich eine nasse Strähne aus dem Gesicht. »Vielleicht könnten Sie mich bis zum nächsten Ort mitnehmen und mich irgendwo absetzen, wo ich telefonieren und den Pannendienst rufen kann.«

»Ich soll Sie mitnehmen?«

Gott, war der Kerl zurückgeblieben oder einfach nur schwer von Begriff? »Ja, das wäre wirklich nett, wenn es Ihnen keine Umstände bereitet«, schaffte sie sogar noch, mit einem freundlichen Lächeln hinzuzufügen.

Sie würde sich nicht von so einem Hinterwäldler aus der Fassung bringen lassen. Nicht schon wieder.

»Lassen Sie mich mal sehen, vielleicht ist es nur eine Kleinigkeit.« Er schob sich an ihr vorbei und setzte sich auf den Fahrersitz.

Ellies Mund öffnete und schloss sich wieder, dann folgte sie ihm. Er drehte den Schlüssel, und nichts passierte.

Super, das hätte sie dem Kerl gleich sagen können.

»Und?«, fragte sie und verschränkte die Arme vor ihrer Brust, sich ein schnippisches Grinsen verkneifend.

»Sie sind ein ganz schönes Früchtchen.«

»Wie bitte?«

»Sie haben einfach kein Benzin mehr. Von wegen Panne … Dass ich nicht lache!«

Ellies Knie wurden weich. »Ach du Schande.«

Der Mann zog die Schlüssel ab, stieg aus und reichte sie ihr. »Nicht sehr schlau, würde ich sagen.«

»Na, hören Sie mal, das kann doch wohl jedem passieren.« Unfassbar, wie unverschämt er war. Sie setzte zu ihrer Verteidigung an, wollte vorbringen, dass sie erst ihren Job und dann ihren Freund verloren hatte, aber er stapfte schon wieder zu seinem Geländewagen.

»Hey, wollen Sie mich etwa hier stehen lassen?«

Für eine Sekunde zögerte er, dann wandte er sich wieder um. »Mein Hund mag Fremde nicht besonders.«

Und Sie wohl auch nicht, wollte sie hinzufügen, war aber zu perplex, um etwas hervorzubringen.

Als sie sich nicht rührte, rief er ihr zu: »Nun machen Sie schon, oder soll ich bis auf die Unterhose durchnässt werden, bis Sie endlich in die Gänge kommen?«

»Wow«, murmelte sie. Hoffentlich waren die anderen Leute in der Gegend ein bisschen netter als er.

»Ja, bin gleich da, muss noch was aus dem Kofferraum holen. Sagen Sie, Sie haben nicht zufällig eine Taschenlampe im Wagen?«

Er antwortete mit einem leisen Grunzen, verschwand kurz und kam dann mit einer schwarzen LED-Leuchte zurück.

»Wofür brauchen Sie die?«

»Können Sie mir mal kurz helfen?«

»Ich fürchte, ein Nein wird von Ihnen wohl nicht akzeptiert.« Sein Tonfall klang so trocken, dass Ellie gegen ihren Willen schmunzeln musste. Vielleicht hatten diese Schotten einfach nur eine seltsame Art von Humor. Ja, das musste es sein. Sicher hatte er all das, was er ihr entgegengeschleudert hatte, gar nicht so gemeint. Sie hatte es in ihrer emotionalen Verfassung vermutlich nur in den falschen Hals bekommen – wer würde ihr das verdenken!

»Kriegen Sie es heute noch hin?«, ertönte seine dunkle Stimme hinter ihr, während sie sich an der Heckklappe zu schaffen machte.

»’Tschuldigung, die klemmt manchmal ein bisschen.«

»M-mh«, machte er und leuchtete brav weiter. Endlich ging der Kofferraum auf, und sie suchte nach ihrem Rucksack mit Laptop und Geldbörse, die Wertsachen würde sie nicht hier der Dunkelheit und Einsamkeit überlassen.

»Sind das Messer?«, fragte er plötzlich.

»Ja.«

»Meine Güte, sind Sie vielleicht eine Serienmörderin auf der Suche nach einem neuen Opfer?«

Ellie konnte nicht anders, sie prustete los. »Komisch, das Gleiche habe ich kurz über Sie gedacht.« Sie schnappte sich den Rucksack, schlug den Kofferraum zu und verriegelte ihren Wagen. Sicher war sicher. Und sie behielt ihre Erklärung für sich, warum die Messer im Kofferraum lagen – kein Koch, der was auf sich hielt, würde ohne das eigene Messerset irgendwo kochen und da sie im »Kopernikus« momentan nicht mehr gebraucht wurde …

»Ich wär dann so weit«, fügte sie hinzu und schob die Gedanken an das Desaster ihres Lebens beiseite.

Er – wie auch immer er hieß – atmete hörbar in die Dunkelheit, dann stapfte er zur Fahrerseite und stieg ein.

»Sehr nett«, brummte sie und folgte ihm, dankbar, dass sie wenigstens dem Regen entkam und sich um Hilfe – oder Benzin – kümmern konnte. Das nächste Dorf würde doch hoffentlich eine Tankstelle haben.

»Wo sind wir überhaupt?«, fragte sie über das ohrenbetäubende Gebell hinweg.

»Das ist nicht Ihr Ernst, oder?«

»Um ehrlich zu sein, mein Handy hat mich schon vor einer Weile im Stich gelassen, aber so viele Straßen gibt es hier ja nicht.«

»Wo wollen Sie denn hin?«

»Kiltarff«, gab sie zurück und bibberte am ganzen Körper. Ob sie die Heizung etwas hochdrehen konnte? Blöderweise hatte sie zwar an ihren Rucksack, aber nicht an ihre Jacke gedacht. Selbst schuld, wenn sie sich jetzt erkältete oder den Tod holte.

Den Tod vielleicht nicht gleich … ja, sie neigte zu Übertreibungen.

»Da haben Sie Glück, ich dachte schon, Sie wären eventuell auf dem Weg nach Rom gewesen.«

»Ha ha, sehr lustig.«

»Ich scherze nicht.« Seine Antwort kam so trocken, dass sie innehielt. Sogar der Hund gab endlich Ruhe.

Komischer Vogel, dachte sie, und während der nächsten Kurven schwiegen sie beide, nicht einmal das Radio lief. Allerdings entging ihr nicht, dass ihr Retter gut roch. Sehr gut roch. Sein herbes Aftershave stieg ihr in die Nase, und Wehmut überfiel sie. Sie hatte keine starke Schulter mehr, an die sie sich anlehnen konnte.

An Alexander wollte sie sich auch nicht mehr anlehnen. Der konnte ihr gestohlen bleiben. So ein Arschloch!

»Stimmt was nicht?«, drang eine dunkle Stimme zu ihr durch.

»Was?«

»Na, Sie haben eben so theatralisch geseufzt, da dachte ich, frage ich lieber mal nach, ehe Sie hier gleich einen Nervenzusammenbruch erleiden. So ein bisschen Benzin zu besorgen, ist doch wohl kein großes Ding.«

»Wenn das alles wäre …«

»Sie haben Ihr Ziel doch fast erreicht, vielleicht gehen Sie einfach gleich in Ihre Pension und erledigen das mit Ihrem Auto morgen.«

»Schön wär’s.« Er hatte ja keine Ahnung, dass ihre Pension ein Zweimann-Zelt war.

»So, da sind wir.« Sie bogen links ab und er hielt den Wagen vor einer Tankstelle. Anstalten auszusteigen, machte er keine. Natürlich nicht.

»Ja, äh. Danke. Wie kann ich mich bei Ihnen bedanken?« Sie kramte im Rucksack nach ihrer Geldbörse.

»Lassen Sie mal stecken, schon in Ordnung.«

»Kann ich Sie wenigstens auf einen Kaffee einladen? Ich werde ein paar Tage in der Gegend sein.«

»Nein.«

Sie stutzte. Als er nichts mehr hinzufügte, stotterte sie: »Ja, äh, dann also danke und … schönen Abend noch.«

»M-mh«, brummte er nur und trommelte ungeduldig auf sein Lenkrad.

Bibbernd verließ sie den Wagen, hastete in den Laden und schaute sich nach Kanistern um. Das hier war nicht nur eine Tankstelle, das war ganz offenbar ein Alles-in-einem-Treffpunkt: Supermarkt, Post, Souvenirgeschäft und Tankstelle. Das Zentrum ihres Urlaubsorts. Halleluja. Hinter der Kasse saß eine grauhaarige Lady, die ihre Brille ins Haar geschoben hatte und sie aus ihren wässrigen Augen anblickte.

»Kann ich was für Sie tun, junge Dame?« Ihr Akzent war sehr ausgeprägt, daran musste Ellie sich erst noch gewöhnen.

»Ja, danke. Haben Sie zufällig Kanister? Mein Auto ist liegen geblieben.«

»Kanister, weiß ich nicht.«

»Ähm, okay.«

»Brauchen Sie einen Abschleppdienst?«

»Eigentlich brauche ich nur Benzin.«

»Warten Sie, ich rufe mal Stuart an, der hat so einen großen Laster, damit kriegt er sogar Lieferwagen transportiert.«

»Vielen Dank, aber ich brauche wirklich nur einen Ka…«, weiter kam sie nicht mehr, da hatte die Dame schon den Hörer am Ohr und telefonierte. Ellie verstand kein Wort, aber wagte auch nicht, sich weiter einzumischen. Einen Atemzug später schaute die Frau sie mit einem Lächeln an, bei dem mehrere Zähne fehlten. »Stuart ist gleich da.«

Ellie atmete aus. »Danke.«

Anscheinend waren die Schotten im Allgemeinen eher … kompliziert. Sie hätte den Urlaub sausen lassen und sich einen Last-Minute-Trip auf die Balearen buchen sollen, nachdem sie Alexander aus dem Auto geworfen hatte.

Alexander. Alleine der Gedanke an ihn wärmte sie von innen und ließ sie die Kälte vergessen. Vor Wut – leider nicht aus Wohlbehagen.

Ihre Beziehung hatte schon eine Weile gekriselt, ja, sie war in den letzten Monaten schwierig gewesen, die viele Arbeit hatte mindestens genauso an ihren Nerven gezerrt. Nein! Sie war ganz sicher nicht schuld daran, dass er sich im Bett einer anderen hatte wärmen lassen.

Gestern Morgen waren sie noch fröhlich ins Auto gestiegen – so fröhlich man eben sein konnte, wenn der Arbeitgeber gerade wegen Geldwäsche vorübergehend das Geschäft schließen musste – und hatten sich auf den Weg in ihren lang ersehnten Urlaub gemacht. Camping, weil es eben günstiger war und man mehr von der Natur erlebte. So hatte Alexander versucht, es ihr schmackhaft zu machen, und weil sie keine Lust auf Diskussionen gehabt hatte, hatte sie zugestimmt.

Ellie war gefahren, Alexander hatte es sich auf dem Beifahrersitz gemütlich gemacht. Irgendwo zwischen Osnabrück und Amsterdam hatte er dann angefangen herumzudrucksen. »Du, Ellie, ich muss dir was sagen.«

Sie hatte geglaubt, dass er vielleicht bei der letzten Wäsche versehentlich ihren Lieblings-Wollpullover ruiniert hatte – den konnte sie nämlich seit Wochen nicht mehr finden –, stattdessen hatte er eine ganz andere Bombe hochgehen lassen.

»Was ist denn?«, hatte sie gefragt und ihn kurz angesehen.

»Ich …«, er rieb sich über das Gesicht. »Ich … hatte was mit einer Kollegin.«

Ellie hatte so abrupt auf die Bremse getreten, dass sie beide nach vorne geschleudert wurden. »Was?«

»Pass doch auf! Siehst du nicht, dass wir fast einen Unfall gebaut hätten?«

Sie atmete scharf ein, dann setzte sie den Blinker und fuhr auf den nächsten Parkplatz.

Sie bremste mit quietschenden Reifen und wandte sich ihm zu, nachdem der Wagen zum Stehen gekommen war. »Sag das noch mal«, forderte sie ihn auf.

»Es war ein Fehler, ehrlich.«

Sie glaubte, ihren Ohren nicht zu trauen. »Ernsthaft?«

»Ja, wirklich. Ich liebe sie nicht, ich liebe nur dich.«

»Und wie lange geht das schon so?«

»Ging, Ellie. Ging. Es ist vorbei, Claudia ist nach Frankfurt versetzt worden, und ich wollte es dir jetzt sagen, damit wir das hinter uns lassen können.«

»Ach, das ist ja nett von dir.« Sie war fassungslos. Diese Information servierte er ihr, als wäre es ein Frühstück in einem netten Bistro um die Ecke.

Alexander schaute sie seltsam an, der Kerl hatte noch nie was von Sarkasmus verstanden. »Ich fand einfach, dass du es wissen solltest, die letzten Monate warst du ja eher schwierig.«

»Ich?«, quietschte sie.

»Siehst du, da tust du es schon wieder.«

»Jetzt mach aber mal halblang, mein Lieber. Du bist hier derjenige, der mich betrogen hat. Wie lange ging das hinter meinem Rücken, ich nehme an, es war nicht nur ein Ausrutscher?«

Alexander knirschte mit den Zähnen. »Ein paar Wochen.« Er blickte auf seine Hände, die er im Schoß gefaltet hatte. »Zu Hause hat es immerzu gekriselt, und du wolltest auch keinen Sex, und …«

»Ich fasse es nicht«, stieß sie hervor und schüttelte den Kopf. »Und das sagst du mir jetzt, auf dem Weg in den Urlaub. Hättest du damit nicht warten können?«

»Ich wollte endlich reinen Tisch machen.«

»Ja, so hast du dir das vorgestellt. Sagen wir der Alten mal, dass der Macker sich die Brötchen woanders geschmiert hat, dann isses wieder gut. Nee, mein Lieber, so einfach ist das nicht.«

»Aber Ellie.«

»Hör mir auf, mit aber Ellie«, blaffte sie.

»Ich hab es dir erzählt, weil ich fair sein wollte.«

Sie lachte bitter. »Weil du fair sein wolltest, sehr lustig. Fair wäre gewesen, dich zu beherrschen und dich nicht woanders auszutoben. Fair wäre gewesen, es mir gleich zu erzählen und dich nicht munter mehrere Wochen zwischen fremden Laken zu wälzen.«

Sie sah rot. Das war nicht gut. Gleich würde sie einen Tobsuchtsanfall bekommen. Sie spürte die Wut in sich aufsteigen wie das Überdruckventil in einem Schnellkochtopf.

»Raus«, sagte sie leise und blickte nach vorn. Ein Trucker sprang aus seinem Fahrerhaus und pisste direkt an den Straßenrand. »Na toll, als ob ich sein kleines Würstchen jetzt noch sehen will«, murmelte sie und wunderte sich über die Absurdität des Moments.

»Ellie, bitte. Lass uns drüber reden.«

»Ich hab gesagt: raus! Verpiss dich! Nimm deine Sachen aus dem Kofferraum und hau ab.«

»Das meinst du doch nicht ernst, Ellie. Wir sind auf dem Weg in den Urlaub!«

»Du hast sie wohl nicht mehr alle. Als ob ich mit dir noch in den Urlaub oder überhaupt irgendwohin fahren würde!«

Alexander legte ihr eine Hand auf den Oberarm, sie schüttelte sie ab und schrie: »Fass mich nicht an! Nie wieder.«

»Das meinst du doch nicht so. Ich verstehe, dass du sauer bist. Vielleicht bist du ja einfach nur unterzuckert, hier schau, ich habe ein Mars dabei.« Er kramte einen Schokoriegel aus der Jackentasche.

»Sag mal, spinnst du? Außerdem isst die Diva in dem Werbespot ein Snickers, du Idiot!«

»Also dann keine Schokolade?«

»Nein. Und jetzt raus aus meinem Auto. Sofort.«

»Ellie?«

»Ich schwöre, wenn du noch einmal meinen Namen sagst und nicht bei fünf weg bist, kann ich für nichts garantieren.«

Sie funkelte ihn wütend an, der Herzschlag dröhnte in ihren Ohren, so laut, dass sie außer dem rauschenden Blut nichts mehr sonst wahrnahm.

Das hier passierte gerade nicht wirklich!

Erst die Sache mit der Geldwäsche.

Jetzt Alexander, der ihr quasi in einem Nebensatz gestand, dass er fremdgegangen war.

Es war, als hätte ein Elefant seinen Fuß auf ihrer Brust geparkt. Sie bekam keine Luft mehr.

»Ellie …!«

Und dann explodierte sie. Ellie schrie die wildesten Flüche, trommelte auf ihn ein – nicht so, dass sie ihn verletzen könnte, aber doch genug, dass er die Flucht ergriff –, er stieg endlich aus.

Ellie auch. Sie ging zum Kofferraum, kramte seinen Backpack-Rucksack heraus und warf ihn zusammen mit einem kleinen Reiseköfferchen in eine Pfütze auf den leeren Parkplatz neben ihrem Wagen.

»Das kannst du nicht machen«, stammelte er.

Sie atmete tief ein und kam langsam zur Besinnung. »O doch. Ich kann. Und ich werde. Sieh doch selbst zu, wie du hier weg kommst. Ruf dir ein Taxi. Mir doch egal.«

»Aber was ist mit dem Urlaub?«

»Mit dir fahre ich nirgendwo mehr hin.« Das waren ihre letzten Worte in seine Richtung gewesen, dann war sie eingestiegen und davongebraust. Eigentlich war sie eine eher defensive Fahrerin, aber solche Angewohnheiten wurden anscheinend durch Nervenzusammenbrüche außer Kraft gesetzt.

Gemessen an den Vorfällen der vorausgegangenen achtundvierzig Stunden war so eine Nacht auf einer unbefahrenen – beinahe jedenfalls – schottischen Hochlandstraße, auf der einem das Benzin ausging, doch fast schon angenehm. Was sie wieder in die Realität zurückbrachte.

»Herzchen, Sie zittern ja. Soll ich Ihnen einen Kaffee machen?«

Ach du meine Güte. Was war hier los? Jemand bot ihr Hilfe an? »Kaffee?«, fragte sie irritiert. Die Freundlichkeit kam nach dem Ärger der letzten Zeit so unerwartet, dass sie überhaupt nicht darauf vorbereitet war.

Die alte Dame stand auf und wurde nicht viel höher, sie konnte kaum größer als eins fünfzig sein. Mit kleinen, trippelnden Schritten ging sie zu einer Kaffeemaschine neben einem Regal mit Backwaren und schenkte in einen Pappbecher ein.

»Der geht aufs Haus. Sieht aus, als hätten Sie ihn nötig.«

»Danke.« Ellie blinzelte ungläubig. »Ich kann den gerne bezahlen.«

Die alte Frau legte ihr die faltige Hand auf den Oberarm. »Lass mal, Schätzchen. Wir Frauen müssen doch zusammenhalten.« Sie schnalzte mit der Zunge, dann ging die Tür auf und ein stattlicher Typ kam herein.

»Ah, da bist du ja, Stuart. Hier ist die junge Dame.«

Stuart machte seinem Namen alle Ehre, er war breitschultrig, blauäugig und hatte ein kantiges Gesicht. »Hey, was gibt’s?«, fragte er, ebenfalls mit breitem Akzent.

»Mir ist das Benzin ausgegangen, wirklich, keine große Sache, ich wollte einen Kanister kaufen, aber die Dame hier hat darauf bestanden, Sie anzurufen.«

Stuart hob eine Augenbraue und schaute die grauhaarige Frau an. »Grandma!«

Oh. Ellie verstand und verschluckte sich beinahe am Kaffee. Wollte die Oma ihren Enkel etwa … verkuppeln? Irgendwie süß, sie hatte ja keine Ahnung, dass sie gestern erst fast einen Mord an ihrem Jetzt-Ex begangen hatte.

»Nun mach schon, Junge. Die Lady ist durchnässt und müde. Wo steht denn Ihr Auto, Miss?«

»Gar nicht weit von hier, vielleicht zehn Minuten mit dem Wagen.« Sie wandte sich an Stuart. »Machen Sie sich bitte keine Umstände, wenn ich einen Kanister ausleihen könnte, würde ich prima zurechtkommen.«

Omas böser Blick machte ihm anscheinend klar, dass sie das ganz anders sah, also beeilte er sich zu sagen: »Nicht doch, ich kümmere mich gerne darum.« Und dann zog er tatsächlich seine Jacke aus und bot sie ihr an.

»Die kann ich nicht annehmen.«

Er wollte sie gerade wieder anziehen, als seine Oma sie ihm aus den Händen riss und Ellie um die Schultern legte. »Ich bin übrigens Shona, Liebes. Und du?«

»Ellie, ich wollte hier ein paar Tage Urlaub machen, kein guter Start, fürchte ich.«

Shona tätschelte ihre Wange. »Aye, das kann ja alles noch werden, nicht?«

Ellie wollte es nicht, aber die Wärme der Jacke und die Freundlichkeit trieben ihr die Tränen in die Augen. Sie schluckte. »Danke.«

»So, Stuart, dann sieh mal zu, dass wir Ellies Wagen flott bekommen. Was tankst du?«

»Benzin.«

Zehn Minuten später saß sie neben Stuart auf dem Beifahrersitz und wurde in einem alten Pick-up mit einem Kanister auf der Ladefläche zu ihrem Golf gebracht. »Tut mir wirklich leid, dass deine Grandma dich ausgetrickst hat.«

»Kein Problem, wirklich.«

»Macht sie so was öfter?«

Er lachte und entblößte eine ganze Reihe weißer Zähne. »Manchmal hat sie seltsame Ideen. Ich bin der einzige Enkel, der noch nicht verheiratet ist.«

»Verstehe.«

»Sie meint es nur gut. Aber es ist trotzdem peinlich.«

Jetzt musste Ellie auch lachen. »Und mir erst. Ich bin wirklich sehr dankbar, dass du mir hilfst. Ich hatte jemanden getroffen, der mich zur Tankstelle mitgenommen hat, der war froh, als er mich los war.«

»Ach, wirklich?«

»Ich hatte echt Angst, dass alle Highlander so grummelig wären.« Sie kicherte und spürte, wie endlich ein wenig von der Anspannung von ihr abfiel.

»Was, bist du etwa eine von denen, die ihre Nasen in Liebesromane steckt und Geschichten über breitschultrige Schotten mit Kilt und Schwert liest?«

»Nein, normalerweise nicht. Eigentlich wollte ich auch nach Spanien fahren und nicht nach Schottland.«

»Oh. Wieso das denn? Magst du Schottland etwa nicht?«

»Es ist nichts Persönliches. Mein Freund wollte wandern, Destillerien besuchen und Nessie finden.« Sie gluckste. »Ich habe aber einen sehr anstrengenden Job, und ich mag es im Urlaub dann einfach gerne, faul in der Sonne zu liegen.«

»Tja, dann bist du hier echt falsch. Wir haben fast täglich Regen.«

»O Gott.«

»Keine Sorge, man gewöhnt sich daran. Und wo ist dein Freund?«

Mist, sie hatte von Alexander im Präsens gesprochen.

»Der hat es sich anders überlegt. Jetzt ist er mein Ex. Na ja, wird schon ein guter Urlaub werden, ich bleibe auch nur für zwei Wochen.« Sehr überzeugend klang sie nicht.

»Wo hast du denn gebucht?«, erkundigte sich Stuart, der so taktvoll war, nicht auf die Situation mit ihrem Freund oder Neu-Exfreund einzugehen.

»Auf dem Campingplatz.«

»Ach, dein Wohnmobil ist stehen geblieben?«

Ellie spürte, wie die Hitze über den Hals in ihre Wangen kroch. Zum Glück war es dunkel. »Nein, ich wollte zelten.«

»Halleluja. Eine so hübsche Frau alleine, und dann auch noch im Zelt? Es kann schon ziemlich kalt werden in den Mainächten. Hoffentlich hast du einen guten Schlafsack dabei.«

Ellie atmete tief ein. »Ich werde schon klarkommen.«

Hoffentlich.

»Die meisten Pensionen haben um die Jahreszeit auch noch was frei – wenn es dir doch zu kalt wird, meine ich.«

»Genau, das wäre auch eine Lösung. Aber eigentlich freue ich mich, ein bisschen für mich zu sein.« Das stimmte sogar, ihr fiel jetzt erst auf, dass der Gedanke an Ruhe und Frieden nach dem ganzen Ärger sehr verlockend klang. Sie war ohnehin nicht der Typ Mensch, der ständig Aufmerksamkeit oder Leute um sich herum brauchte. Nicht in der Freizeit jedenfalls, im Job trat man sich in der Küche ständig auf die Füße.

»Da vorne steht ein Auto. Ist das deins?«

»Ja, genau. Super, das ging ja schnell.«

Im Handumdrehen hatte Stuart das Benzin aufgefüllt, der Regen hatte nachgelassen, es nieselte nur noch leicht. »So, jetzt solltest du wieder fahren können«, meinte er und warf den leeren Kanister auf seine Ladefläche.

»Vielen, vielen Dank. Wie kann ich mich erkenntlich zeigen?« Sie gab ihm seine Jacke zurück.

Er winkte ab. »Kein Problem, komm doch die Tage mal in meiner Werkstatt vorbei, dann gebe ich dir einen Kaffee aus.«

»Den Kaffee gebe ich dann natürlich aus.«

Er lächelte. »Gern.«

»Wo finde ich denn deine Werkstatt?«

»Wir sind vorhin dran vorbeigefahren. Liegt gleich hinter Girvan’s Hardware-Laden, das ist übrigens ’ne gute Adresse, wenn dir was fehlt. Dort gibt’s alles von Angelruten bis Camping-Zubehör.«

»Ein Zelt habe ich ja schon«, erwiderte sie mit einem Augenzwinkern.

»Klar doch, aber er hat auch Petroleumkocher, Mausefallen, dicke Socken – im Prinzip alles, was man sich eben so vorstellen kann.«

»Klingt spannend, schau ich mir unbedingt an.«

»Du kannst dir dort sogar Fahrräder ausleihen. Ein Fahrrad, meine ich.«

»Das ist eine gute Idee, vielleicht mache ich das sogar. Ja, dann«, sie streckte ihm die Hand hin. »Vielen Dank, Stuart. Kannst du mir sagen, wo der Campingplatz liegt?«

»Sind wir auch dran vorbeigefahren, direkt gegenüber von Girvan’s.«

»Der Laden scheint das Zentrum zu sein, hm?«, scherzte sie.

Stuart zuckte die Schultern. »Wie man es nimmt. Groß ist Kiltarff mit seinen fünfhundert Einwohnern nicht. Aber wir haben alles, was man braucht. Gute Nacht, Ellie.«

»Hat mich sehr gefreut.«

»Dann bis die Tage! Und du bist sicher, dass du keine Hilfe mit dem Zelt brauchst?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, das ist so ein ganz einfacher Mechanismus, man muss das im Prinzip nur aufklappen.«

»Oh! Dann rate ich dir, versenk ein paar Heringe im Boden. Der Wind. Du weißt schon.«

»Ja, sicher.«

Damit verabschiedeten sie sich und Ellie fuhr mit neuer Zuversicht in ihrem Golf zum Campingplatz. Natürlich war dort niemand mehr im Büro anzutreffen, das würde sie alles morgen regeln. Außer ihr war auch sonst kaum jemand dort, nur noch zwei Wohnmobile, in denen alles dunkel war.

»Auch gut«, murmelte sie und machte sich daran, ihr Zelt aufzubauen und sich so gut es ging häuslich einzurichten.

 

 

Kenneth MacGregors Unterarm lag auf dem Kaminsims, er blickte nachdenklich ins Feuer. Ein Holzscheit fiel in sich zusammen, Funken stoben auf, es knisterte und knackte, aber er nahm es nur am Rande wahr. Morgen würde das Testament verlesen werden, und er konnte sich nicht vorstellen, dass ihm irgendeine der möglichen Varianten gefallen würde. Kenneth seufzte und ging zur gegenüberliegenden Wand, an dem sich ein Servierwagen befand. Er goss sich Whisky in einen Tumbler und setzte sich in einen der Sessel, ehe er die bernsteinfarbene Flüssigkeit im Glas schwenkte. Der Hund hob nicht einmal seinen Kopf, er schaute ihn nur mit tadelndem Blick an, als ob Kenneth etwas dafür könnte, dass sein Herrchen nicht mehr da war, um sich um ihn zu kümmern. Dougie war kein netter Vierbeiner, dazu war er riesengroß. Seltsamerweise trottete er ihm ständig hinterher, folgte ihm geradezu auf Schritt und Tritt, alle anderen knurrte er an. Sogar die Köchin hatte Respekt vor ihm, obwohl sie ihm ab und an ein Würstchen vor die riesigen Pfoten warf. Kenneth hatte keine Ahnung, was er mit dem Vieh anfangen sollte. Wer würde so einen Irischen Wolfshund nehmen? Das Tier war so groß wie ein Kalb!

Heute würde er das Problem auch nicht mehr lösen, vielleicht fiel ihm morgen etwas sein. Seine Schulter machte ihm heute zudem wieder besonders zu schaffen, kein Wunder, er war in den letzten Tagen nicht dazu gekommen, seinen Physiotherapeuten aufzusuchen. Der hatte überhaupt keine Lust, von London in die Highlands zu reisen, um sich exklusiv um ihn zu kümmern. Kenneth konnte es verstehen, er wäre auch lieber an einem anderen Ort.

Die Tür ging mit einem Knarren auf. »Sir, wo soll ich Ihnen die Post hinlegen?«

Kenneth atmete aus. Er wollte sich nicht um die Briefe seines Vaters kümmern, er wollte überhaupt nichts mit alldem zu tun haben. »Bringen Sie sie ins Arbeitszimmer.«

»Sehr wohl, Sir.«

Donald verzog keine Miene, aber Kenneth konnte seine Gedanken förmlich hören: Dort warten schon mehrere ungeöffnete Stapel, warum kümmerst du dich nicht endlich darum, Junge? Natürlich war der treue Butler zu fein, um sich herabzulassen, seine Meinung kundzutun. Er war schon so lange im Dienst des Hauses, dass Kenneth sich nicht an ein Leben ohne ihn erinnern konnte. »Wie alt sind Sie?«, fragte er und hob seinen Blick.

»Sir?«

»Wie alt sind Sie, Donald.«

»Ich bin jetzt achtundsechzig Jahre alt, Sir.«

»Und wie lange arbeiten Sie«, er stockte, er hatte sagen wollen »für meinen Vater«, stattdessen fuhr er mit »…in unserem Hause« fort.

»Seit fünfunddreißig Jahren, Sir. Ich hatte meinen ersten Arbeitstag, als Sie gerade acht Wochen alt waren, Sir.«

»Danke, Donald. Das war alles. Sie können schlafen gehen. Ich brauche Sie heute nicht mehr.«

»Soll ich Isla sagen, dass Sie Ihnen das Abendessen hier servieren soll?«

»Ich habe keinen Appetit, vielen Dank.«

Er sah, dass die Lippen des alten Mannes sich bewegten, dann änderte er offenbar seine Meinung und entschloss sich, seine Antwort für sich zu behalten. »Gute Nacht, Sir.«

»Gute Nacht, Donald. Schlafen Sie gut.«

Donald hob eine Braue, dann drehte er sich mit erhobenem Kinn um und verließ den Raum beinahe geräuschlos. Das musste man erst mal können. Donald wäre bei der Queen vermutlich besser aufgehoben als hier – was gab es schon noch zu tun? Kenneth fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, dann nahm er einen Schluck. Was sollte aus dem alten Kasten hier werden? Generationen von MacGregors hatten hier gelebt und waren hier gestorben. Er erschauderte, nein, er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Das hatte er nie gewollt, und auch sein Tod würde die Mauer, die zwischen ihnen stand – gestanden hatte –, nicht überwinden. Vielleicht hatte er Glück, und Shirley würde alles erben. Hoffentlich.

 

 

Kapitel 2

Ellie saß vor ihrem Zelt auf einem Klappstuhl und schaute in die Berge. Dichter Nebel hing über dem Tal, und die Gipfel verschwanden im Weiß. Ihre Glieder schmerzten, sie hatte Hunger und es nieselte leicht. Immer noch. Das Handy hatte über Nacht den Geist aufgegeben – der Akku zumindest – und einen Stromanschluss hatte sie hier draußen natürlich nicht. Andererseits, es war verlockend, für ein paar Tage ohne lästige Anrufe zu verbringen, denn Alexander ging ihr gehörig auf den Wecker. Er hatte in der Nacht mehrfach angerufen und ihr den letzten Nerv geraubt, weil sie zu dämlich gewesen war, es auf lautlos zu stellen. An Schlaf war so nicht zu denken gewesen.

Ellie schloss die Augen und legte ihren Kopf in den Nacken, die kühlen Regentropfen belebten ihren Geist und die Sinne, aber satt wurde sie davon auch nicht.

»Also gut, dann wollen wir mal«, brabbelte sie vor sich hin, während sie aufstand, sich streckte und ihren Rucksack samt Wertsachen aus dem Zelt holte und den Reißverschluss zuzog. Vielleicht blieben ihre Sachen so trocken, obwohl sie wenig Hoffnung hatte. Es war einfach zu feucht und kalt, aber eventuell besserte sich das Wetter bald – wenn sie Stuart allerdings glauben konnte, dann durfte sie während ihres Urlaubs mit viel Nass von oben rechnen.

Ellie machte sich auf den Weg zu den Sanitärräumen des Campingplatzes, die zu ihrer Überraschung neu, beheizt und sehr sauber waren. Sie duschte ausgiebig und föhnte sich dann die Haare mit einem der fest installierten Haartrockner. Als sie das Gebäude verließ, sah sie einen athletischen Typen, der an einem Feuerwehrauto herumschraubte. Wow, zwei von zwei Männern, die sie in Kiltarff getroffen hatte, waren echte Sahneschnitten. Eigentlich schade, dass sie nicht auf der Suche war. Sie verzog ihr Gesicht und nickte dem jungen Mann zu, der sie nun ansah und »Guten Morgen« rief.

»Guten Morgen«, grüßte sie. Ellie ging zum Büro des Campingplatzes und registrierte sich. Da sie aus Deutschland schon eine Anzahlung geleistet hatten, hatte sie nur noch eine kleine Summe zu entrichten. Immerhin, das war doch schon mal positiv.

Ellie schätzte die Dame im Büro auf Mitte fünfzig, sie trug ihre kupferroten Haare, die mit einigen grauen Strähnen durchzogen waren, zu einem Pferdeschwanz, sie hatte viele Sommersprossen und leuchtend grüne Augen. »Ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt. Hatten Sie nicht für zwei gebucht?«, fragte sie am Ende, als sie noch mal auf die ausgedruckte Bestätigung schaute.

»Planänderung«, erklärte Ellie knapp.

»Ich finde das ja mutig, so als Frau, allein.«

»Wieso, ist es hier gefährlich?«

Die Dame lachte. »Nein, ich denke nicht. Eigentlich passiert hier nie etwas. Trotzdem würde ich mich nachts alleine im Zelt irgendwie unwohl fühlen. Aber was rede ich.« Sie winkte ab und lächelte verlegen. »Ich guck einfach zu viel CSI.«

»Wilde Tiere gibt’s hier ja wohl nicht?«

»Wenn Sie Angst vor Häschen haben?«

Ellie lachte. »Nein, mit denen komme ich klar.« Sie fragte sich, ob es hier Bären oder Wölfe gab, leider hatte sie keine Ahnung.

»Kann ich sonst noch was für Sie tun? Ach ja, die Sanitärräume sind jeweils von sieben bis zwanzig Uhr geöffnet, das haben Sie schon gesehen, oder?«

Ja, das hatte sie. Gestern Nacht hatte sie ins Gebüsch Pipi machen müssen. »Äh, ja, danke. Sagen Sie, Bären oder Wölfe gibt’s hier keine?«, fragte sie nun doch und schämte sich ein bisschen, wie unwissend sie nach Schottland gereist war.

Die Frau runzelte die Stirn, als ob sie sich fragte, ob sie gerade auf den Arm genommen würde.

Also nicht, dachte Ellie und spürte, dass sie rot wurde.

»Wenn Sie keine Zeitreise unternehmen und ein paar hundert Jahre zurückflattern, dann nein, hier gibt’s keine Bären und Wölfe. Die sind längst ausgerottet. Wir könnten vielleicht mit einem Fuchs aufwarten, aber das war es dann auch schon.«

Ellie atmete aus. »Tut mir leid, ich war noch nie in Schottland, und ich muss ehrlich sagen, die Gegend ist ja wirklich eher einsam und … die Bäume, überall Bäume … ich dachte, das wäre wohl der perfekte Lebensraum für Raubtiere.«

»Da haben Sie recht, aber Wölfe und Bären gibt es hier schon seit Jahrhunderten nicht mehr. Allerdings«, sie sah sich um, als ob sie fürchtete, belauscht zu werden. »Etwa eine Stunde von hier hat ein stinkreicher Typ Unmengen von Land gekauft, dort hat er an die hunderttausend Bäume in die Heidelandschaft gepflanzt und will dort wieder Bären, Luchse und Wölfe ansiedeln … So ein Unsinn.«

»Unsinn, wieso?«

»Erst wird alles gerodet, abgeschlachtet, und hinterher tut es den Leuten dann leid. Die sollten mal vorher nachdenken.«

»Ja, da stimme ich Ihnen vollkommen zu. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.«

»Ihnen auch. Das Büro hier ist immer von neun bis zwölf besetzt«, erklärte sie noch, und es klang ein bisschen so, als ob sie sich über Gesellschaft freuen würde.

»Auf Wiedersehen.« Ellie hob die Hand zum Gruß und ging nach draußen.

Der Nebel lichtete sich langsam und die dicken Wolken, die vom Wind über das Land getrieben wurden, schienen sich allmählich aufzulösen. Vielleicht kam doch noch ein wenig die Sonne durch. Sie schlenderte in Richtung Zentrum, sah auf der anderen Straßenseite Girvan’s Laden und dahinter das Schild von Stuarts Werkstatt. Sie würde in den kommenden Tagen dort vorbeigehen und einen Kaffee mit ihm trinken. Wenn sie gleich auftauchte, bekam er vielleicht einen falschen Eindruck. Außerdem wusste sie nicht, ob er ihr den Kaffee nicht nur aus Höflichkeit angeboten hatte.

Nachdem sie ein paar Hundert Meter hinter sich gelassen hatte, offenbarte sich ihr ein ganz großartiger Ausblick auf den berühmten Loch Ness. Sie blieb stehen und atmete tief ein. »Wahnsinn«, stieß sie hervor und wollte ihr Handy zücken, um ein paar Bilder zu machen, bis ihr wieder einfiel, dass der Akku leer war. Umrahmt von Laub und Nadelbäumen zog sich der See durch das Tal, dessen Wasser so dunkel wie geheimnisvoll schimmerte. Wolken spiegelten sich auf der Oberfläche, ein Ausflugsboot schipperte gerade hinaus. Kein Wunder, dass sich darum so viele Sagen rankten, die Landschaft wirkte wie von einer anderen Welt. Hinter einem Hügel zeichneten sich die Umrisse eines alten Herrenhauses ab. Nein, das stimmte nicht ganz. Es war ein imposantes Schloss mit einer großen, sehr gepflegt wirkenden Parkanlage und einer Kapelle. Auf dem sattgrünen Rasen entdeckte sie viele kleine Punkte. Es waren Kaninchen. Unmengen von Kaninchen. »Wow«, stieß sie hervor. So was hatte sie noch nicht gesehen. Später würde sie einen Spaziergang am Ufer unternehmen, aber erst wollte sie etwas essen. Ihr Magen hing ihr bis in die Kniekehle, zumindest fühlte es sich so an. Sie setzte ihren Weg fort und bog dann links in den Ortskern ab. Es gab einige Pensionen, einen Souvenirladen, vor dem ein Schotte im Schottenrock stand und auf Kunden wartete. Kiltarff wurde von einem Kanal durchschnitten, über den eine schwenkbare Brücke führte. In der Schleuse lagen drei Motorboote, die darauf warteten, dass sie Zugang zum Loch Ness bekamen. Die Häuschen wirkten urig und sehr alt, graue Steine, schwarze Schieferdächer mit mehrschichtigen Kaminen reihten sich aneinander. Eine Entenfamilie watschelte über einen schmalen Grünstreifen zwischen Weg und Kanal. Sie kam an einer Eisdiele vorbei, deren Fensterrahmen in Pink gestrichen waren. Ein Farbtupfer inmitten grauer, dunkler Steine und altertümlichen Häuschen. Irgendwie süß. »Bridget’s Ice Cream«, stand auf dem Fenster. Natürlich war der Laden noch geschlossen, aber durch die Scheiben konnte sie entdecken, dass der Boden mit schwarzen und weißen Fliesen ausgelegt war, in der Vitrine gab es eine breite Auswahl verschiedener hausgemachter Eissorten. Hier würde sie sich irgendwann auch eine Kugel holen. Neben der Eisdiele war eine Metzgerei, das schwarze Schild baumelte an einem eisernen Gestell über der Tür. »Butcher Fraser, since 1819«, stand darauf. So alt war dann wohl auch das Gebäude. Ellie spürte, wie ein wenig der Anspannung der letzten Tage von ihr abfiel, als sie die kühle Morgenluft der Highlands tief in ihre Lungen saugte. Der Himmel über ihr war tiefblau, sogar die Wolken schienen etwas davon abbekommen zu haben und sahen aus, als wären sie eingefärbt. Sie ging weiter, bis sie ein Pub erreichte. Das Haus war im gleichen Stil erbaut wie die anderen hier und hieß »The Lantern«. Schon der Blick durch die kleinen Sprossenfenster genügte, damit sich Ellie fühlte, als wäre sie aus einer Zeitmaschine ausgestiegen und in ein anderes Jahrhundert versetzt worden. Alleine die Tatsache, dass ein Schild neben der Tür prangte, auf dem die Betreiber darauf hinwiesen, dass man hier kostenlosen Internetzugang als Gast bekam, machte ihr klar, dass sogar hier, tief in den Highlands die Digitalisierung auf dem Vormarsch war. Sie zog am schweren Messinggriff der dunklen Eichenholztür und trat in den Gastraum. Alte Holzdielen knarzten unter dem Druck ihrer Stiefel. Es roch nach Speck, gebratenen Eiern und frischem Kaffee. Sofort machte sich ihr Magen bemerkbar und knurrte laut. Hinter dem Tresen stand eine junge Frau und polierte Gläser. »Morgen«, grüßte sie und nickte Ellie freundlich zu. Sie konnte kaum älter als Mitte zwanzig sein, und sie hatte die gleichen rötlichen Haare wie die Büromitarbeiterin des Campingplatzes.

»Morgen«, erwiderte Ellie. »Ist es okay, wenn ich mich hier am Fenster hinsetze?«

»Klar doch.« Sie ließ das Glas und Geschirrtuch sinken, schnappte sich eine Speisekarte und kam auf Ellie zu, die gerade ihren Rucksack absetzte, die Jacke auszog und sich dann auf einem der urigen Holzstühle niederließ. Die Tischplatte war von der jahrelangen Benutzung glatt geschliffen, an der langen Wand brannte ein Feuer im Kamin. Ellie wurde klar, dass es nicht nur zur Zierde und Stimmung loderte, sondern wirklich seinen ursprünglichen Zweck erfüllte. Gab es hier etwa noch immer keine Zentralheizung? Irgendwie gefiel ihr der Gedanke. »War das hier schon immer ein Pub?«

»Tatsache, wenn du willst, schau mal da hinten. Wir haben die Geschichte von ›The Lantern‹ zusammengefasst. Einmal Pub, immer Pub.«

»Cool. Es ist echt toll hier.«

»Vielen Dank.« Die junge Frau grinste Ellie an und klappte die Speisekarte für sie auf, ehe sie sie vor ihr ablegte. »Kann ich dir schon was bringen?«

»O ja. Ich brauche dringend Kaffee.«

»Klar doch.«

»Hast du eine Empfehlung für mich?«

»Unser Hausfrühstück ist sehr beliebt.«

»Ach ja? Was ist das denn?«

»Schau mal hier«, sie tippte auf die Karte. »Bacon, Eier, Speck, gebratene Champignons und gegrillte Tomaten.«

Ellie lief das Wasser im Mund zusammen. »Herrlich, das nehme ich. Ich sterbe vor Hunger.«

Die Frau kicherte, während Ellie ihr die Speisekarte zurückgab. »Brauchst du den Wifi-Code?«

Sie überlegte, zuerst bräuchte sie eigentlich Strom. »Mein Akku ist leer, ihr habt nicht zufällig eine Steckdose?«

»Die haben wir. Hast du ein Ladekabel mit?«

Ellie kramte Smartphone und Kabel hervor und reichte es ihr. »Ich bin übrigens Ellie.« Sie wusste selbst nicht, warum sie sich vorstellte, aber irgendwie hatte sie das Bedürfnis.

»Schöner Name, ich bin Kendra.«

»Gehört dir das Pub?«

»Es ist ein Familienbetrieb, aber ja, irgendwann werde ich es vielleicht ganz übernehmen.« Sie betrachtete das Ladekabel. »Hast du einen Adapter? Diese Stecker funktionieren bei uns nicht.«

Ellie seufzte. »Mist.« Den hatte Alexander im Gepäck gehabt.

»Ach, das macht nichts. Ich hab auch ein iPhone, ich häng es einfach an meins, wenn das in Ordnung für dich ist.«

»Klar, danke schön.«

»Super, dann gebe ich mal die Bestellung in die Küche, damit du nicht länger hungern musst.«

»Äh, sag mal, wo bekomme ich denn einen Adapter her?«

Kendra wandte sich noch einmal zu ihr um. »Bei Girvan’s Hardware, du musst hier die Straße runter und dann rechts, du kannst den Laden gar nicht verfehlen.«

Da hätte sie natürlich auch selbst drauf kommen können, hatte Stuart nicht gesagt, dass es bei Girvan alles gab? Sie konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, irgendwie gefiel ihr das Dörfchen immer besser – egal, ob es hier andauernd regnete oder nicht.

 

Kenneth saß mit seiner Schwester Shirley im Büro des Notars Jefferson in Inverness. Der Raum war mit antiken Möbeln ausgestattet, die auf dicken Perserteppichen standen. Sonnenstrahlen fielen durch das Fenster auf das gebohnerte Parkett, das einen Geruch nach Wachs und Staub im Raum verbreitete. Das Testament seines Vaters lag vor dem grauhaarigen Herrn auf der dunklen Mahagoniplatte, eine Tischlampe warf einen sanften Schein darauf, der trügerisch war, denn nichts an den letzten Worten seines Vaters war hell und warm. Wie es auch zu Lebzeiten schon seiner Art entsprochen hatte, handelte er seinen letzten Willen knapp und in herrischem Tonfall ab. Die Welt um Kenneth herum verschwamm vor seinen Augen, als er das eben Gehörte langsam begriff.

»… meiner Tochter Shirley vermache ich das Landhaus in Yorkshire mit fünfundzwanzig Hektar Land«, hörte Kenneth die Stimme des Notars wie durch Watte, der in einem monotonen Tonfall weiterlas. Es interessierte ihn nicht, was dieser noch zu sagen hatte.

Es war also passiert. Hast du was anderes erwartet?, schoss es ihm durch den Kopf.

Nein, das hatte er nicht. Nicht wirklich. Der Titel und das Schloss gingen von jeher an den ältesten Sohn. Da es in dieser Generation der MacGregors nur einen Sohn gab, war klar, dass ihm diese zweifelhafte Ehre zuteilwerden würde.

Er könnte das Erbe immer noch ausschlagen.

Was wird dann aus den Angestellten? Dem Titel? Dem Anwesen?

Am liebsten würde er aufschreien: Scheiß auf die Tradition, es kümmerte ihn überhaupt nicht, aber es stimmte nicht. Nicht ganz. Das Problem lag woanders: Er wollte dieses Leben nicht, er hatte ein ganz anderes, und das hatte sein Vater auch gewusst, nicht umsonst waren sie vor Ewigkeiten genau deshalb im Streit auseinandergegangen. Er war in seinem Element, wenn er auf dem Pferderücken einem kleinen Bambus, oder manchmal auch einem kleinen Lederball, nachjagte. Ein scharfer Schmerz durchzuckte seine Schulter, als ob ihn jemand daran erinnern müsste, dass er derzeit nicht in der Lage war, seinen Beruf auszuüben. Er hatte sich nach der schweren

Impressum

Verlag: Elaria

Texte: Karin Lindberg
Cover: Casandra Krammer
Lektorat/Korrektorat: Dorothea Kenneweg / SKS Heinen
Tag der Veröffentlichung: 24.06.2019
ISBN: 978-3-96465-150-1

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