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Leseprobe

 

 

 

Verrückt nach Mr. Wrong

Liebesroman

 

 

Karin Lindberg

 

Über das Buch:

ER ist sicher nicht der Richtige!

Das weiß Liv sofort, als sie Nate West kennenlernt. Während sie sich völlig unvorbereitet durch ihr Meeting stottert, ist der attraktive Unternehmer eloquent, lässig und einfach unglaublich anziehend. Obwohl sie sich niemals verlieben wollte, kann sie nichts gegen ihre Gefühle ausrichten. Nate zeigt ihr eine ganz neue Welt voller Spontanität, Abenteuer und Leidenschaft. 

Als Liv herausfindet, was Nate ihr um jeden Preis verheimlichen wollte, erkennt sie, dass weitaus mehr gegen eine Beziehung mit ihm spricht als nur ihre Gegensätzlichkeit. Sie muss sich die Frage stellen, ob sich die alte Floskel bewahrheitet:

Macht Liebe blind?

 

Lektorat: Dorothea Kenneweg

Korrektorat: SKS Heinen

Covergestaltung: Casandra Krammer

Herz: Pixabay

Copyright © Karin Lindberg 2019

www.karinlindberg.info

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Alle Rechte vorbehalten.

Jede Verwertung oder Vervielfältigung dieses Buches – auch auszugsweise – sowie die Übersetzung dieses Werkes ist nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet. Handlungen und Personen im Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

Weitere Informationen unter www.karinlindberg.info.

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Inhaltsverzeichnis

 

Über das Buch:

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Epilog

Danksagung

Livs Cheesecake

 

Prolog

 

 

Nate West sehnte den Tag herbei, an dem er mit der Vergangenheit abschließen konnte. Er wusste, das würde erst der Fall sein, wenn er den neu ernannten Generalstaatsanwalt von Georgia ruiniert hatte, so wie dieser sein Leben vor langer Zeit ruiniert hatte. »Machen wir es kurz«, sagte Nate zu seinem Freund. »Du kennst mich lange genug, ich will nicht mehr warten. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt. Ein Mann wie er darf nicht dieses Amt bekleiden, da sind wir uns doch wohl einig?«

Nate verschwieg Brandon, dass seit dieser Neuigkeit auch die Albträume zurückgekehrt waren. Er lehnte sich im Stuhl zurück und schlug die Beine übereinander. Sonnenstrahlen fielen durch die bodentiefen Fenster seines Eckbüros, ein zarter Geruch von Leder und Sandelholz erfüllte den Raum.

Brandon trank einen Schluck Kaffee und hielt Nates Blick stand. Sein Freund trug wie immer einen gut sitzenden Anzug, der Kragen des weißen Hemdes war gestärkt, an den Ärmeln blitzten Manschetten hervor. Sicher waren die seit Generationen in Familienbesitz. Brandon hatte alles, was ein erfolgreicher Mann aus gutem Hause haben sollte. Seltsam eigentlich, dass die drei sich so gut verstanden, da weder Nate noch sein Geschäftspartner Elijah eine lange Liste an Ahnen vorweisen konnte. Trotzdem hatten sie sich vom ersten Augenblick an gemocht und wenn man Brandon näher kennenlernte, dann stellte man schnell fest, dass er der loyalste Freund war, den man sich wünschen konnte. Er würde für ihn durchs Feuer gehen, so wie Nate für ihn.

»Na schön«, erwiderte der Anwalt schließlich und räusperte sich. Er war zu gut erzogen, ein bisschen zu zurückhaltend, um genau das auszusprechen, was er von der Sache hielt. Aber Nate kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass Brandon nicht begeistert davon war, dass er sich an seinem Erzeuger rächen wollte.

»Was genau hast du vor?«, sagte Brandon und hob eine Augenbraue.

»Ich will ihn zerstören, so wie er mein Leben zerstört hat. Henry M. Bowers soll alles verlieren, was ihm etwas bedeutet.«

»Und wie hast du dir das vorgestellt? Willst du vielleicht einen Auftragskiller engagieren?« Die Ironie in Brandons Stimme war deutlich zu hören.

Nate lachte bitter. »Zu gerne, aber nein, auch wenn er meine Mutter auf dem Gewissen hat, möchte ich meine Finger nicht mit dem Blut meines leiblichen Vaters besudeln. Ich möchte, dass sein auf Lügen aufgebautes Ansehen zerstört wird, so wie er mein Leben zerstört hat.«

»Das verstehe ich. Aber was genau willst du von mir? Ich bin Anwalt, kein Zauberer.«

Nate zuckte die Schultern. »Finde was, das wir gegen ihn verwenden können. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wozu der Mann fähig ist. Ich bin mir sicher, es gibt mehr als das, was ich selbst miterlebt habe. Und sei es nur ein Sex-Tape mit einer Nutte, das wir an die Öffentlichkeit bringen können, irgendwas. Es wäre ein Anfang, und sein Amt als Generalstaatsanwalt könnte er sich damit abschminken.«

»Das dürfte nicht genügen, um ihn fertigzumachen. Zumindest nicht so, wie es dir vorschwebt.«

»Stimmt. Ein netter Korruptionsskandal on top wäre auch schön. Vielleicht kann ich da ja nachhelfen.«

»Persönlich? Dir ist klar, dass ich dir als dein Anwalt davon abraten muss.«

Nate hob eine Augenbraue. »Ich habe Mittelsmänner. Und wenn es mich Millionen kostet, ihn am Boden zu sehen, dann zahle ich die gern.«

»Sei vorsichtig, Nate.« Brandon runzelte die Stirn. »Oder willst du alles verlieren, was du dir aufgebaut hast?«

»Hast du vergessen, wo ich herkomme? Glaub mir, ich kenne mehr zwielichtige Gestalten, als du dir vorstellen kannst. Und wir leben nicht in einem Märchen, in dem immer das Gute siegt. Im wahren Leben ist es nicht so, das wissen wir beide.«

»Ist es das wirklich wert?« Brandon fixierte ihn mit seinem Blick.

Nate ballte seine Hände zu Fäusten. »Finde Leute, die von ihm betrogen wurden. Treibe Frauen auf, die mit ihm im Bett waren, und wenn du nichts ausgraben kannst, dann organisier etwas.«

»Du meinst, wir sollen ihm eine Falle stellen?«

»Nenn es, wie du willst. Dabei, ich bin mir sicher, wird es gar nicht nötig sein. So wie ich das Schwein kenne, gibt es sicher seine ganz persönliche Monica Lewinsky irgendwo, die für ein Taschengeld bereit sein wird, darüber in der Öffentlichkeit zu reden.«

Brandon seufzte schwer. »Weißt du eigentlich, in welche Position du mich damit bringst? Etwas Illegales kann ich nicht lostreten.«

Nate schaute seinen Freund grimmig an. »Ich vertraue dir, aber wenn du dich der Sache nicht gewachsen siehst, will ich dich nicht überfordern.«

»Stopp.« Brandon hob eine Hand. »Ist schon in Ordnung. Ich fürchte nur, dass ich für gewisse Dinge jemanden … buchen muss. Ich kann ja schlecht selbst dem Generalstaatsanwalt in Atlanta hinterherschnüffeln.«

»Natürlich, fürs Erste wird ein Privatdetektiv genügen, der Dreck ausgräbt, dann sehen wir weiter. Aber ich will Ergebnisse, und zwar bald.«

»Verstanden.«

Nate lächelte düster. »Gut.«

»In Ordnung, ich muss los.« Brandon stand auf. »Ich habe gleich noch einen Termin. Die Kundin wäre sicher nicht erfreut, wenn sie die 650 Dollar Stundenlohn zahlen soll, obwohl ich gar nicht anwesend bin.«

»Anwalt müsste man sein«, scherzte Nate.

»Manchmal gehen mir die Rosenkriege dieser Stadt dermaßen auf die Nerven, dass ich meine Putzfrau um ihren Job beneide.«

Nate schlug seinem Kumpel auf die Schulter. »Dann sei doch froh, dass ich dir zu etwas Abwechslung verhelfe.«

Brandon stieß zischend die Luft aus. »Es wird sich noch zeigen, ob das wirklich so eine gute Idee ist.«

»Gut oder nicht. Es muss getan werden.« Nate drehte sich zur Fensterfront und schaute gedankenverloren über den Charles River und die Dächer Bostons.

 

 

 

Kapitel 1

 

 

Es war ein sonniger Dienstag Anfang Mai. Die Vögel zwitscherten, vor dem Fenster flatterte ein Zitronenfalter. Leider konnte Liv es nicht genießen, denn das, was ihre Chefin von ihr wollte, trieb ihr den Schweiß auf die Stirn. Sie war gut in ihrem Job, sie liebte die Arbeit mit den Mädchen und Frauen im Shelter. Dass sie für Penelope einen Geschäftstermin mit einem der angesehensten Unternehmer der Stadt wahrnehmen sollte, überforderte sie, das war nicht ihre Welt, und sie hatte Angst zu versagen. Sie wusste nur zu gut, was auf dem Spiel stand. Es kam selten bis nie vor, dass das Women’s Shelter eine solch großzügige Spende in Aussicht gestellt bekam, die sie so dringend brauchten. Der Druck hinter ihren Schläfen nahm zu. »Nein, das geht nicht«, stieß Liv hervor. Obwohl sie das Gefühl hatte, die Zeit stünde still, sah sie, wie sich der Sekundenzeiger auf der Uhr an der gegenüberliegenden Wand langsam weiterbewegte.

Verdammter Mist, das konnte Penelope ihr nicht wirklich abverlangen.

»Liv? Bist du noch dran?«, fragte ihre Chefin jetzt. »Hallo?«

»J-ja, ich bin noch da. Entschuldige.«

»Es tut mir ja auch leid, glaub mir. Ich habe es mir nicht ausgesucht, im Stau festzusitzen. Mir wäre es lieber, ich könnte den Termin selbst wahrnehmen. Pass auf, mein Akku ist gleich leer, und ich habe blöderweise kein Ladekabel mit. Du gehst zu dem Termin und wirst das Kind schon schaukeln. Du schaffst das, ich habe keine Bedenken, also solltest du auch keine haben.«

Liv atmete hörbar aus und presste ihre Lippen aufeinander. Sie verstand Penelopes Bitte, für sie einzuspringen, was aber noch lange nicht hieß, dass es die richtige Entscheidung war, sie an ihrer statt zu so einem wichtigen Meeting zu schicken. »Bist du dir sicher, dass du das Treffen nicht verschieben möchtest? Ich meine, das ist doch höhere Gewalt, das muss doch jeder verstehen.«

»Liv.« Der strenge Tonfall ihrer Chefin sagte alles. »Weißt du, wie lange ich versucht habe, einen Termin mit Nathaniel West persönlich zu bekommen? Es ist überhaupt ein Wunder, dass er es in Erwägung zieht, unser Projekt zu unterstützen. Da werde ich doch nicht so blöd sein und diese eine Gelegenheit ungenutzt verstreichen lassen. Wenn wir heute nicht dort aufkreuzen und unser Anliegen vorstellen, ist der Zug abgefahren. Das ist dir doch klar, oder? Wir haben nur diese eine Chance.«

Nur diese eine Chance.

»Ja, das habe ich verstanden. Nur, meine Schicht ist noch nicht zu Ende, ich bin nicht angemessen gekleidet«, wandte sie vorsichtig ein.

»Vielleicht kann Brooke ja etwas früher anfangen, dann kannst du dich noch umziehen. Aber mach dir keine Sorgen, niemand erwartet, dass du im Businesskostüm dort auftauchst. Wir sind eine wohltätige Einrichtung, keine Manager. Und ich gehe mal davon aus, dass du nicht in zerrissenen Jeans unterwegs bist.«

Liv sah an sich herunter. Nein, keine zerrissenen Jeans. Sie trug ein blaues Kleid mit hellem Blütenprint und ausgetretene Ballerinas. Das war wirklich nicht der richtige Look für ein seriöses Meeting. »Hm, ich ruf Brooke gleich an. Wenn sie nicht früher kann, muss ich so gehen, aber …«

»Was auch immer«, unterbrach Penelope sie. »Konzentrier dich lieber auf die Inhalte, das zählt. Und die kennst du gut genug, immerhin sind ziemlich viele Ideen für den Modernisierungsplan von dir.«

»Wo liegen die Unterlagen? Ich muss es mir zumindest noch einmal ansehen.« Sie merkte selbst, dass ihre Stimme schrill klang.

»Auf meinem Schreibtisch findest du die Präsentationsmappe. Und, Liv«, Penelope atmete hörbar ein.

»Ja?«

»Es ist doch alles in deinem Köpfchen. Du kannst das.« Penelopes vertraute Stimme beruhigte sie ein wenig.

Liv schloss für einen Augenblick die Lider und atmete tief durch. Sie hatte keine Wahl, das Projekt war zu wichtig, als dass sie kneifen konnte. Sie würde sich anstrengen, die Erwartungen an sie nicht zu enttäuschen. »Ja, klar. Ich werde das hinkriegen, die Mädchen brauchen die Unterstützung. Für sie und die Kinder werde ich mich ins Zeug legen.« Das Gespräch wurde unterbrochen. Penelopes Akku hatte endgültig den Geist aufgegeben. Super! Liv verdrehte die Augen und rieb sich die Stirn. Jetzt war sie also auf sich gestellt.

 

 

Zwei Stunden später war Liv sich nicht mehr so sicher, ob sie es tatsächlich schaffen würde, ihre Chefin würdig zu vertreten. Brooke hatte natürlich nicht früher anfangen können. Zu spontan, hatte sie gesagt, sie hätte vorher noch einen Zahnarzttermin, den sie nicht verschieben konnte. Pech gehabt.

Liv stand nun also im Blümchenkleid anstatt in Rock und Bluse vor dem Gebäude der WestMoore Holding und sah sich um. Die Sonne glänzte im Wasser des Charles River, einige Segel- und Ruderboote waren unterwegs. Das Wetter war traumhaft, leider konnte sie es nicht genießen, denn ihr war flau im Magen. Ihre Hände waren eiskalt und ihr Herz schlug viel zu schnell. Sie umklammerte die Präsentationsmappe noch fester.

Hoffentlich versaue ich es nicht, dachte sie und schluckte. Sie blickte auf ihre Armbanduhr. Zehn vor fünf, sie war zu früh. Aber besser so, als völlig abgehetzt und verschwitzt aufzutauchen.

Verspiegelte Glasfronten und Stahl dominierten das Gebäude, der Wolkenkratzer vor ihr wirkte furchteinflößend auf sie. Aber es nützte nichts, sie musste da rein. Langsam ging sie auf die Drehtür zu und betrat die Lobby. Im klimatisierten Haus war es einige Grad kühler als draußen. Sie fröstelte, als sie über den blank polierten Marmor zum Empfang ging, wo ein Mann hinter dem Tresen etwas in einen PC eingab. Daneben befanden sich zwei Drehkreuze mit elektronischer Zugangskontrolle, schick gekleidete Männer und Frauen kamen und gingen. Sie benutzten ein modernes Personalsystem, mit einem Chip loggte man sich ein, jede Minute, die ein Mitarbeiter im Gebäude war, wurde elektronisch registriert. Vermutlich brauchte man technische Spielereien wie diese bei einem Bürokomplex der Größe auch. Von solchen Dingen waren sie bei ihrer Arbeit im Women’s Shelter weit entfernt. Bei ihnen ging es um Menschlichkeit und Fürsorge, nicht um exakte Datenerhebung.

»Guten Tag«, sagte sie. »Ich, äh, werde erwartet.«

Der Mann hinter dem Tresen hob seinen Kopf und schaute sie erwartungsvoll an. Er trug einen dunklen Anzug und eine Krawatte. Das Namensschild sagte ihr, dass er Mike Fisher hieß. »Ja?«

»Nathaniel West. Ich habe einen Termin bei ihm.«

Er runzelte die Stirn. »Sagen Sie mir bitte Ihren Namen, dann kann ich im System nachsehen.«

Liv spürte, dass sie rot wurde. »Ja, natürlich. Man erwartet Penelope Jones.«

Der Mitarbeiter tippte etwas in seinen Computer ein. Dann nickte er kaum merklich. »In Ordnung. Ich lasse Sie gleich durch. Augenblick bitte.«

Er stand auf und ging zum Drehkreuz, legte eine Karte mit einem Barcode auf den Scanner und winkte ihr zu. »Bitte schön, kommen Sie. Fahren Sie in den fünfunddreißigsten Stock und melden sich dann dort noch einmal am Empfang.«

»Danke«, brachte sie gerade noch so hervor, ehe sie mit zitternden Knien durchging und zu den Aufzügen wackelte.

Außer ihr stiegen noch zwei weitere Personen ein, eine junge Frau in High Heels und grauem Bleistiftrock und ein Mann in dunklem Anzug. Liv fühlte sich unwohl und absolut fehl am Platz, obwohl niemand übermäßig Notiz von ihr nahm oder sie schräg anschaute. Zum Glück. Trotzdem war sie sich ihres unpassenden Aufzugs deutlich bewusst. Mit einer Verkleidung – weißes Blüschen, schwarzem Rock und Pumps – wäre sie wenigstens äußerlich den Menschen hier ähnlicher gewesen. Tja, hätte, hätte … nun musste sie so klarkommen.

Liv beobachtete, wie die Zahlen auf der digitalen Anzeige umsprangen, während sich der Lift in rasantem Tempo nach oben bewegte. Die beiden Geschäftsleute stiegen im siebenundzwanzigsten Stockwerk aus.

Noch einmal atmete Liv tief durch, dann war sie auch schon angekommen. Unsicher trat sie auf den Flur. Der Boden in der Chefetage bestand, wie schon in der Lobby, aus blank poliertem Marmor, allerdings war dieser hier dunkler, was alles noch edler und gleichzeitig beeindruckender wirken ließ. Die Wände waren cremeweiß, hier und da hingen abstrakte Gemälde in kräftigen Farben. LED-Spots spendeten warmes Licht, was an einem Tag wie heute eigentlich gar nicht nötig war. Da die Büros durch Glaswände abgetrennt waren, verbreitete das Tageslicht eine ansprechende Atmosphäre. Es roch schwach nach Orangen, sie schaute sich um, aber konnte nirgendwo welche entdecken. Vielleicht kam der Geruch ja aus der Klimaanlage. Sie hatte keine Ahnung, konnte sich aber vorstellen, dass in Gebäuden wie diesen mit Aromen gearbeitet wurde, um das Raumklima angenehm zu gestalten.

Vor ihr saßen zwei Damen mit Headsets an einem Empfangstresen aus naturbelassenem Eichenholz, eine von ihnen telefonierte, die andere schaute sie freundlich an. Sie hatte einen kinnlangen, blonden Bob, die Lippen waren in einem dezenten Roséton geschminkt. Sie trug eine hellblaue Bluse und wirkte völlig entspannt. Und überhaupt nicht zickig.

Liv unterdrückte ein Schmunzeln. Sie schaute definitiv zu viele romantische Komödien, in den Filmen waren die sexy Empfangsdamen immer böse Blondinen.

»Guten Tag«, brachte Liv hervor und räusperte sich. »Ich werde erwartet. Penelope Jones hat einen Termin mit Nathaniel West.«

Liv hörte selbst, wie komisch dieser Satz klang, aber sie hatte keine Lust zu erklären, dass sie nicht Penelope war, und warum ihre Chefin nicht hier sein konnte.

Die Dame nickte und stand auf. »Selbstverständlich, kommen Sie bitte mit, ich bringe Sie zu seinem Büro.«

»Danke.«

Jetzt wurde es ernst. Liv versuchte, ruhig zu atmen, während sie der adrett gekleideten Mitarbeiterin folgte und sich unauffällig umsah. Die Atmosphäre war geschäftig, aber gleichzeitig auch irgendwie entspannt. In den einzelnen Büros standen hier und da ein paar Grünpflanzen, die Menschen telefonierten, tippten oder diskutierten miteinander. Niemand wirkte schweißgebadet oder gestresst, wie sie es erwartet hatte. In ihrer Vorstellung saßen die Angestellten immer in gruseligen Großraumbüros und hatten Arschlöcher als Chefs. Entweder waren diese Klischees total überzogen, oder das hier war eine angenehme Ausnahme.

Am Ende des Gangs erreichten sie ein offenes Vorzimmer, von dort aus gingen zwei weitere Türen ab, die geschlossen waren.

»Hallo Whitney, hier ist der Siebzehn-Uhr-Termin für Mr. West«, sagte die Empfangsmitarbeiterin.

Nathaniel Wests Sekretärin saß an einem überdimensionierten Schreibtisch, der aussah, als wäre eine Bombe darauf explodiert. Papiere über Papiere, Briefumschläge, Stifte, Akten. Das Telefon, ein Bildschirm und eine kleine weiße Tastatur mit einer Maus wirkten verloren in diesem Chaos.

Whitney hob ihren Blick und legte ihren Kugelschreiber beiseite. Ihre wachsamen grünen Augen scannten Liv, ohne dass der Blick abwertend wirkte. Sie war überrascht, dass die Chefsekretärin keine sexy Blondine in eng anliegenden Klamotten war.

Schon wieder ein Klischee, das hier nicht erfüllt wurde. Statt des besucherfressenden Vamps hatte Liv eine rundliche Brünette mit rot geschminkten Lippen vor sich. Sie wirkte total normal und herrlich unperfekt in dieser Welt aus Stahl und glänzendem Marmor. Wenn Liv Whitney bei Wholefoods in der Gemüseabteilung begegnet wäre, würde sie nicht vermuten, dass die Sekretärin für einen der bedeutendsten Männer Bostons arbeitete. Aber was wusste Liv schon. Gar nichts, deswegen sollte sie einfach ihre Klappe halten und nur über das Projekt sprechen und sonst nichts.

Ein wenig von der Nervosität fiel von ihr ab, als sie begriff, dass ihre Angst womöglich unbegründet war. Wenn Whitney so nett und normal war, konnte der Chef sicher auch nicht so schrecklich sein, wie sie sich den ganzen Weg über in den schillerndsten Farben ausgemalt hatte. Sie hoffte inständig, dass sie ihn für das Projekt gewinnen konnte. Für das Shelter stand so viel auf dem Spiel. Sie brauchten das Geld, um wichtige Reparaturen und bauliche Veränderungen vorzunehmen, für die sie keine staatlichen Mittel bekamen. Deswegen riss sie sich zusammen, sie musste jetzt stark sein, es ging nicht um sie, sondern um ihre Schützlinge.

»Ah, schön. Sie sind da. Guten Tag, Mrs. Jones«, sagte Whitney in diesem Moment und stand auf. Sie bedankte sich bei der Kollegin, die Liv zu ihr geführt hatte, daraufhin verschwand die Empfangsdame mit einem höflichen Nicken.

»Äh«, stieß Liv hervor. Nun war es vermutlich an der Zeit, dass sie die Sekretärin aufklärte, wer sie war, und warum nicht ihre Chefin wie vereinbart zum Termin erschienen war.

»Kommen Sie, ich sehe mal, ob Mr. West schon so weit ist«, fuhr Whitney unbeirrt fort.

Sie ging zur linken Tür und lugte vorsichtig hinein, dann drehte sie sich zu Liv, die immer noch wie angewurzelt dastand und um die richtigen Worte rang. »Er telefoniert, aber er hat mir signalisiert, dass Sie schon reingehen können. Möchten Sie vielleicht etwas trinken? Einen Kaffee? Tee? Den würde ich Ihnen dann gleich noch bringen.«

Jetzt, wo sie es sagte, spürte Liv, dass sich ihre Kehle wie ausgedörrt anfühlte. »Ein Wasser vielleicht?«

Whitney legte ihr eine Hand auf den Oberarm und zwinkerte aufmunternd. »Keine Sorge, der Boss beißt nur manchmal. Das wird schon.«

Ihre Nervosität kehrte mit einem Schlag zurück, aber sie nickte und rang sich ein Lächeln ab.

»Hey, das war ein Scherz«, beeilte sich Whitney zu sagen, als sie ihre bestürzte Reaktion bemerkte.

Liv blinzelte. »Ja, natürlich.«

»Ich habe ein bisschen über das Projekt gelesen«, plapperte Whitney. »Es ist wundervoll, was Sie im Women’s Shelter leisten. Mr. West war sehr beeindruckt, Sie können also ganz entspannt von Ihren Ideen erzählen. So, nun gehen Sie hinein, ich bringe Ihnen gleich ein Wasser, ehe ich Sie noch länger vollquatsche.«

Und eine Valium, bat Liv still. »Danke«, sagte sie nur.

»Keine Ursache.«

Whitney schob sie buchstäblich in Nathaniel Wests Büro und schloss dann die Tür hinter ihr. Es roch ganz dezent nach einem männlich herben Aftershave, und es war kühler als in seinem Vorzimmer. Definitiv kein Schöner-Wohnen-Orangen-Aroma. Alles in diesem Raum wirkte maskulin und klar strukturiert.

Verdammt, Liv, reiß dich endlich zusammen. Sie straffte sich und ging drei Schritte nach vorne. Glänzender Marmor, wie überall auf der Etage, gepaart mit hellen Farben und ein paar Gemälden schufen eine Atmosphäre von Macht und Vermögen. An der linken Wand stand eine Designer-Sitzgruppe aus dunklem Leder. Vor der langen Glasfront befand sich ein überdimensionierter Schreibtisch aus Mahagoni, auf dem nichts weiter als zwei Bildschirme, eine Tastatur mit Maus und ein teuer aussehendes Notizbuch mit schwarzem Füller lagen.

Und dann sah sie ihn. Nathaniel West stand mit dem Handy am Ohr am Fenster. Er sprach leise, aber sie konnte seine dunkle, etwas raue Stimme gut hören. Ein angenehmer Tonfall, dachte sie. Sie könnte ihm stundenlang lauschen. Eine Gänsehaut breitete sich auf ihrem Körper aus, und sie erschauderte. Liv konnte sich nicht rühren, sie starrte ihn einfach nur an.

Nate West trug eine dunkle Hose, mit passender Weste und einem weißen Hemd, dessen Ärmel nach oben gekrempelt waren. Er war ein Mann mit breiten Schultern und schmalen Hüften. Die Anzugjacke hing über dem Chefsessel. Jetzt fuhr er sich mit der freien Hand durch die dunklen, etwas zu langen Haare. Er hatte sehnige Unterarme, seine Haut war leicht gebräunt, anders als man es von einem Mann erwartete, der viel Zeit in geschlossenen Räumen verbrachte.

Dann drehte er sich um, und der Sauerstoff um sie herum schien sich zu verflüchtigen. Liv öffnete ihre Lippen, um besser atmen zu können.

Nathaniel Wests markante Gesichtszüge wirkten wie aus Stein gemeißelt. Er hatte eine ausgeprägte Wangenpartie und ein energisches Kinn. Er war unrasiert, die dunklen Bartstoppeln verliehen seinem Aussehen dazu noch etwas Verwegenes. Und seine Lippen, oh Gott, seine Lippen! Hastig riss sie ihren Blick von diesem perfekt geschwungenen Mund los. Erst jetzt bemerkte sie, dass er die Zeit selbst ausgiebig nutzte, um sie zu beobachten. Seine graublauen Augen verrieten nicht, was er dachte. Er wirkte völlig unerreichbar. Beherrscht. Mächtig. Kompromisslos.

Sie hatte alles vergessen, was sie sich auf dem Weg zu dem Termin zurechtgelegt hatte. Ihr Kopf war wie leer gefegt, gleichzeitig schlug ihr Herz bis zum Hals, ihre Beine fühlten sich schwach an. Keine gute Kombination. Sie musste sich setzen, ehe sie hier vor ihm in sich zusammensank.

Obwohl er noch immer das Telefon am Ohr hatte, war sich Liv deutlich bewusst, dass er ihr doch längst seine volle Aufmerksamkeit schenkte. Er musterte sie noch einmal eingehend in aller Seelenruhe von oben bis unten, ohne dass sie eine Ahnung hatte, was in ihm vorging. Dann blitzte etwas in seinem Blick auf, das sie überraschte. Noch nie hatte sie Augen gesehen, die so voller Schmerz und Leid erfüllt waren. Er blinzelte kurz, und im nächsten Moment wirkte er wieder souverän. Vielleicht hatte sie sich getäuscht. Ja, wahrscheinlich, das machte sie noch unruhiger. Liv fühlte sich unsicher und ausgeliefert, fasste sich aber so weit, dass sie einigermaßen sicher stand.

Liv zog ihre Präsentationsmappe noch ein wenig enger an ihren Körper und atmete tief ein. Dabei war der Impuls, sich umzudrehen und aus dem Büro zu flüchten, riesengroß.

In dieser Sekunde beendete er das Telefonat, steckte das Handy in die Hosentasche und kam auf sie zu. »Entschuldigen Sie bitte«, sagte er. »Das war sehr unhöflich von mir.«

Ohne genauer auszuführen, was von beidem er meinte – das Telefonieren oder das Starren.

Liv schluckte. »Kein Problem«, gab sie höflich zurück und war froh, dass ihre Stimme fest klang, ganz anders, als sie sich fühlte. Noch immer raste ihr Puls, und ihr war ein bisschen schwindelig in seiner Nähe.

»Freut mich, Sie endlich persönlich kennenzulernen, Mrs. Jones.«

»Ja, äh«, stammelte sie nun doch. Verflucht, sie hätte gleich als Erstes sagen sollen, dass Penelope verhindert war.

»Nate West«, stellte er sich vor. Er streckte ihr die Hand hin und Liv ergriff sie. Sein Händedruck war angenehm, sie spürte die Kraft, die von ihm ausging. Wärme breitete sich in ihr aus, während seine graublauen Augen sie weiter fixierten.

»Olivia Fields. Meine Freunde nennen mich Liv.«

Verdammt, sehr professionell, du Idiotin, schoss es ihr durch den Kopf. Gleichzeitig spürte sie, wie sich Hitze auf ihren Wangen ausbreitete.

»Liv«, wiederholte er, dabei spielte ein leises Lächeln um seine Mundwinkel. Es machte den Eindruck, als versuche er, ein Grinsen zu unterdrücken. »Irgendwie hatte ich mit Penelope Jones gerechnet.« Seine dunkle Stimme jagte kleine Schauer an ihrer Wirbelsäule entlang.

Heiß. Kalt. Sie wusste nicht, was mit ihr los war.

»T…tut mir leid«, stotterte sie. »Ich, äh, Penelope war verhindert.«

»Verhindert?« Eine Augenbraue schnellte in die Höhe.

Mist. Mist. Mist. Natürlich fühlt er sich jetzt verarscht. Reiß dich endlich zusammen, Liv! Für die Frauen im Shelter!

»Sie, äh, steckt im Stau fest. Ich bin ihre Vertretung.« Sie straffte sich.

»Vertretung«, wiederholte er auch dieses Wort, als ob er das noch weniger glauben könnte. Seine Augen drückten Erstaunen aus. »Dann kommen Sie, setzen Sie sich, Miss Fields.«

Er war attraktiv, sehr attraktiv sogar. Gleichzeitig schüchterte sie sein selbstbewusstes Auftreten ein. Mit dem Mann konnte man keine Pferde stehlen, denn er war einer von denen, die die Zügel in der Hand hielten, immer und zu jeder Zeit.

Ohne auf ihre Antwort zu warten, ging er hinüber zur Sitzgruppe und bot Liv einen Ledersessel gegenüber an.

Mit wachsweichen Knien folgte sie ihm, die Aussicht, sich gleich setzen zu können, entspannte sie ein wenig.

»Bitte schön«, sagte er und setzte sich erst, nachdem sie Platz genommen hatte. Das Leder fühlte sich durch den Stoff ihres dünnen Kleides kühl an. Sie gab dem Impuls, die Augen zu schließen und sich kurz zu sammeln, nicht nach. Gleichzeitig bemerkte sie schon wieder seinen eindringlichen Blick. Es war, als würde er sie mit jeder Sekunde mehr durchschauen.

Es war albern, aber sie fühlte sich hilflos und gleichzeitig wie elektrisiert. Absurde, widersprüchliche Gefühle wallten in ihr auf. Gefühle, die allesamt nichts mit dem eigentlichen Grund des Meetings zu tun hatten. Das Schweigen machte sie noch kribbeliger. Er schien darauf zu warten, dass sie etwas sagte, woraufhin sie wieder halbwegs zur Besinnung kam. Natürlich! Sie musste endlich erklären, warum sie hier war.

Liv räusperte sich, dann legte sie die Präsentationsmappe auf den Tisch zwischen ihnen. Sie war dankbar für das Designerstück, er stellte einen kleinen Schutzwall dar.

Nate West machte sie nervös, er verströmte Macht und Dominanz mit jeder Pore. Wie zur Hölle sollte sie einen Mann wie ihn für das Projekt Hope begeistern? Sie hatte keine Ahnung, aber sie wusste, dass sie es versuchen musste. Der Gedanke an ihre Aufgabe half ihr, einigermaßen klar denken zu können.

»Entschuldigen Sie bitte. Penelope Jones steckt seit Stunden im Stau fest. Es war absolut nicht geplant, aber unvorhergesehene familiäre Verpflichtungen haben sie dazu gezwungen.«

»Und sie hatte keine Gelegenheit, mir persönlich zu sagen, dass Sie nicht selbst auftreten würde?«

»Ihr Akku ist leer.«

Super, auch nicht besonders professionell, dachte Liv. Hätte mir nicht was Besseres einfallen können?

»Natürlich«, sagte er mit spöttischem Unterton in der Stimme und lehnte sich zurück. Dann legte er eine Hand an sein Kinn und strich sich nachdenklich darüber, während er ganz offenkundig auf eine vernünftigere Erklärung wartete als die, dass Penelopes Telefon keinen Saft mehr gehabt hatte.

Livs Puls beschleunigte sich erneut, obwohl er sich gerade erst einigermaßen beruhigt hatte. Wieso brachte Nathaniel West sie so dermaßen aus der Ruhe? Wieso konnte sie nicht einfach über den Dingen stehen und professionell ihr Anliegen vorbringen? Es lag nicht nur an seiner Attraktivität, da war sie sich sicher. Es war viel mehr als nur das. Nate West hatte etwas an sich, dem sie sich nicht entziehen konnte.

»So, Miss Fields. Vielleicht erklären Sie mir einfach, wer Sie sind, da Mrs. Jones ja nun verhindert ist?«

»Entschuldigung«, sagte sie und straffte sich. »Ich arbeite für das Women’s Shelter, Penelope und ich haben das neue Konzept für das Projekt Hope gemeinsam ausgearbeitet. Es liegt uns sehr am Herzen und ist äußerst wichtig für uns, ich bin hier, um sie zu vertreten und Ihnen alles genau zu erklären, wenn ich darf.«

»Dann arbeiten Sie also selbst in der Einrichtung?«

Sie nickte und rückte ein Stück weiter an die Stuhlkante vor. »Ja, seit drei Jahren. Ich liebe die Arbeit mit den Mädchen, es ist wirklich wichtig, dass sich jemand um diese verletzten Seelen kümmert. Kennen Sie unser Haus?«

Er neigte den Kopf leicht zur Seite und bedachte sie mit einem seltsamen Blick. In seinen Augen schimmerte etwas Dunkles. »Ich habe viel darüber gehört, ich bewundere Sie für Ihren Einsatz.«

Liv wurde rot. Schon wieder. »Danke.«

Er richtete sich auf. »Bekommen Sie nicht oft Komplimente, Miss Fields?«

Seine Frage traf sie völlig unvorbereitet. »Was?«

»Für Ihre Arbeit, meine ich.«

»Oh.« Sie atmete zischend aus. Wie dumm von ihr. Natürlich meinte er nicht sie persönlich!

Plötzlich grinste er, dabei kamen weiße, ebenmäßige Zähne zum Vorschein. Es verschlug ihr den Atem.

»Warum sind Sie so nervös, Miss Fields?«

Dafür würde ihr spontan eine ganze Reihe von Gründen einfallen. »Es tut mir leid, auf Sie muss das alles ganz schrecklich unprofessionell wirken.« Sie schaute auf ihre Hände, dann blickte sie wieder zu ihm auf. »Aber ich kann Ihnen versichern, dass es wirklich nur eine Verkettung einiger unglücklicher Umstände ist, dass ich hier sitze und nicht meine Chefin.«

Ein süffisantes Lächeln spielte um seine Mundwinkel. »Ach, unglücklich würde ich nicht sagen. Wäre es Ihnen lieber, wir würden woanders miteinander sprechen? Fühlen Sie sich nicht wohl in meinem Büro?«

Sie machte große Augen. War das wirklich so offenkundig? Ja, natürlich, sie war eine miese Schauspielerin. Verdammt, sie musste ihre Nerven endlich in den Griff bekommen. »Nein, das ist wirklich nicht nötig.«

»Sicher?«, fragte er und schaute sie noch einmal auf diese eindringliche Weise an, die ihr die Hitze in die Wangen trieb. Glücklicherweise ging zur gleichen Zeit die Tür auf, und Whitney kam mit einer Karaffe Wasser und einem Tablett mit Gläsern zu ihnen.

»Darf ich sonst noch was bringen?«, fragte sie ihren Chef.

»Nein, danke. Aber sag bitte meinen Sechs-Uhr-Termin ab.«

Die Tatsache, dass Whitney für eine Sekunde regungslos verharrte, sagte Liv, dass seine Mitarbeiterin überrascht war. Sie begriff, dass Nate West kein Mann war, der leichtfertig Pläne änderte. Warum dann jetzt?

»Gut, soll ich einen neuen vereinbaren?«, erkundigte sich Whitney freundlich.

»Ja, sicher. Am besten gleich für morgen.«

»Da werde ich ein wenig hin und her schieben müssen.«

»Ich bin mir sicher, du schaffst das.«

Whitney lächelte verschlagen. »Natürlich. Das bekomme ich doch immer hin.« Danach verließ sie das Büro ohne ein weiteres Wort.

So langsam bekam Liv eine Vorstellung davon, warum es auf ihrem Schreibtisch so unordentlich aussah. Ihr Verhältnis zu ihrem Chef schien sehr vertraut, ohne dabei zu intim zu sein. Nate West schätzte die Arbeit seiner Assistentin, sie war nicht nur eine Tippse für ihn, sondern sie organisierte vermutlich mehr als nur ein paar Termine für ihn. Liv war schon immer eine gute Beobachterin gewesen, sie glaubte auch jetzt, die Situation richtig interpretiert zu haben.

Warum interessierte es sie überhaupt, ob Mr. West mit seiner Sekretärin intim vertraut sein könnte?

»Kommen Sie, Miss Fields«, hörte Liv ihn sagen. Er riss sie damit aus ihren Spekulationen. Dann stand er auf.

Liv wusste nicht, was sie erwidern oder tun sollte, also erhob sie sich ebenfalls.

»Ich würde Ihnen wirklich gerne erklären, was wir Ihnen vorschlagen wollen«, sagte sie und biss sich sofort auf die Lippe.

Für einen kurzen Augenblick hielt Nate West inne und schaute Liv mit einem Funkeln in den Augen an, das seltsame Dinge mit ihrem Körper anstellte.

Im nächsten Augenblick war der Ausdruck verschwunden. Er wirkte wieder ganz geschäftig und professionell. Ja, beinahe ein wenig unterkühlt. »Wir suchen uns einen Ort, an dem wir uns in Ruhe unterhalten können. Ich habe den Eindruck, dass Sie sich hier gehemmt fühlen. Außerdem habe ich Lust auf etwas frische Luft.«

Livs Hoffnungen sanken. Ich habe es verbockt. Sie hatte es geschafft, Nate West innerhalb kürzester Zeit zu langweilen. Immerhin, er hatte sie nicht des Büros verwiesen, aber warum wollte er dann woandershin gehen? Mit ihr? Sie war völlig verwirrt. »Tut mir leid«, murmelte sie.

»Warum entschuldigen Sie sich?« Er legte seine Stirn in Falten.

»Ich habe keine Ahnung.« Sie hob die Schultern.

Er wandte ihr den Rücken zu, ging zu seinem Schreibtisch, zog sich die Anzugjacke über und kam wieder zu ihr. Nate griff nach der Präsentationsmappe und legte ihr eine Hand auf den unteren Rücken. »Lassen Sie uns gehen.«

Liv ließ sich von ihm führen wie eine Marionette an unsichtbaren Fäden. Aber sie musste zugeben, dass es sich gut anfühlte. Er strahlte eine Sicherheit aus, die ihr absurderweise Halt gab.

»Gut, dann entschuldigen Sie sich nie wieder für etwas, das Ihnen nicht leidtun muss.«

Ihr fehlten die Worte. Nervös schob sie sich eine Haarsträhne hinters Ohr. »Wo sollen wir uns unterhalten?«, fragte er jetzt.

Sie schwieg, weil ihr nach wie vor nicht klar war, was er vorhatte.

 

Nate drückte den Aufzugsknopf, und sie warteten einen Augenblick. Ihm entgingen die Blicke aus den umliegenden Büros nicht, aber es interessierte ihn nicht, was sich seine Mitarbeiter zusammenreimten. Er erlaubte sich die Frage, was zur Hölle er sich dabei dachte, mit dieser jungen Frau aus einem Business-Meeting einen Ausflug zu machen, nicht mal selbst. Denn die Antwort darauf würde ihm nicht gefallen.

Er ließ Miss Fields den Vortritt, dabei erhaschte er einen Blick auf ihre Kehrseite. Sie hatte schlanke Fesseln und straffe Waden. Ihre Oberschenkel konnte man unter dem geblümten Kleid nur erahnen, dafür zeichneten sich ihre runden Hüften verführerisch darunter ab.

Hör auf, sie anzuglotzen!

Irritiert über sein unangemessenes Verhalten folgte er ihr in den Lift, wählte das Erdgeschoss an und sagte kein Wort. Miss Fields’ blumiger Geruch stieg ihm in die Nase, als ob es nicht genug wäre, dass sie ein geblümtes Kleid trug.

»Würden Sie mit mir essen gehen?«, hörte er sich zu seiner eigenen Überraschung fragen.

Es dauerte einige Sekunden, bis sie antwortete. »Ich weiß nicht.«

Damit hatte er nicht gerechnet, er hatte erwartet, dass sie aus Höflichkeit mit einem einfachen Ja antworten würde. Immerhin wollte sie etwas von ihm, oder von seiner Firma, wie auch immer. Er war ein Arschloch, wenn er seine Position ausnutzte, und dennoch tat er es. Mit Vergnügen sogar.

Mit ihm stimmte etwas nicht.

»Wieso nicht?«

Er hörte, wie sie leise zischend die Luft ausstieß. »Ist das eine Bedingung für unser Projekt?«

Nate wandte ihr sein Gesicht zu und merkte, wie sich sein Mund zu einem süffisanten Grinsen verzog. »Nein. Also, was sagen Sie?«

Ihre sinnlichen Lippen öffneten und schlossen sich dann wieder. Sie blinzelte ein paar Mal verwirrt. »Ein Essen wäre in Ordnung, denke ich.«

Er nickte, gleichzeitig ließ er sich nicht anmerken, wie erleichtert er war, dass sie Ja gesagt hatte. Allerdings würde er dieses Abendessen nicht gleich heute bei ihr einlösen, zuerst würde er sich noch um ihr Projekt kümmern.

Absurd.

Komplett irre.

So unprofessionell hatte er sich in seinem ganzen Berufsleben noch nicht verhalten. Üblicherweise trennte er Sex und Geschäft. Nate vergrub die Hände in seinen Hosentaschen und schwieg.

Vor dem Gebäude winkte er ein Taxi an den Straßenrand. »Bitte«, sagte er und ließ ihr den Vortritt, dann setzte er sich neben sie auf die Rückbank. »Die Adresse?«

Liv schaute ihn mit einem Stirnrunzeln an. »Was meinen Sie?«

»Die Adresse des Women’s Shelter.«

Sie machte große Augen. »Wollen Sie dort hinfahren? Ich dachte, wir gehen essen?«

»Keine Sorge, ich habe Ihr ›Ja‹ nicht vergessen. Das Essen kommt noch, schließlich haben Sie zugestimmt.«

Das Aber stand ihr förmlich ins Gesicht geschrieben, dennoch wandte sie sich dem Fahrer zu und gab ihm die Adresse durch. Wenige Sekunden später fädelte er den Wagen in den Feierabendverkehr ein.

Für einige Minuten saßen sie schweigend nebeneinander. Nate konnte ihr Unbehagen förmlich spüren, sie fragte sich bestimmt, was hier los war. Er selbst fragte sich das auch.

»Erzählen Sie mir ein bisschen was«, bat er sie irgendwann.

Liv rutschte unruhig auf der durchgesessenen Bank hin und her. »Wo soll ich anfangen?«

»Vielleicht damit, wie Sie dazu gekommen sind, als Sozialarbeiterin tätig zu werden«, schlug er vor.

Eine zarte Röte überzog ihre ebenmäßigen Wangen. »Ich wusste schon früh, dass ich nie in einem stickigen Büro sitzen wollte«, gab sie zurück.

Er ahnte, dass das nicht alles war, denn er erkannte, wenn Menschen versuchten, etwas Persönliches zu verbergen, denn er selbst war ein Meister darin. Was ihn mehr irritierte, war, dass ihn ihre Geschichte interessierte. »Wirklich?«, fragte er daher. »Warum?«

Sie drehte ihm ihr Gesicht zu und schaute ihn aus großen Augen heraus an. Sie hatte lange dunkle Wimpern, die kleine Schatten auf ihre seidige Haut warfen. Sie sah bezaubernd aus. Und ein bisschen traurig, Nate fragte sich, ob sie aus persönlichen Gründen in dem Job gelandet war.

»Ich bin kein Typ für Akten und Computer. Ich wollte schon immer mit Menschen arbeiten und mich am Ende des Tages gut fühlen, weil ich jemandem helfen konnte, und nicht, weil ich eine Tabelle ausgefüllt habe.«

»Verstehe«, gab er zurück und wandte seinen Blick nach vorne. »Das gefällt mir. Sagen Sie mir, wieso sollte gerade ich in das Projekt Hope investieren?«

Er hörte sie leise nach Luft schnappen, wie er es schon einige Male zuvor wahrgenommen hatte. Ihm war klar, dass er sie aus der Fassung brachte. Dass sie es nicht gewohnt war, mit Männern wie ihm, die unbequem und fordernd waren, umgehen zu müssen. Aus einem unerklärlichen Grund freute es ihn, dass sie so authentisch reagierte. Er fand es anziehend. Er fand sie anziehend.

»Soll ich Ihnen die Präsentation hier im Taxi zeigen, ehe wir beim Women’s Shelter ankommen? Das dürfte unsere Beweggründe ausreichend darlegen.«

Sie nestelte an der Mappe herum und wollte sie öffnen. Nate legte seine Hand sanft über ihre. Liv hielt mitten in der Bewegung inne, dann drehte sie ihren Kopf ganz langsam in seine Richtung und fand seinen Blick. Sie schauten sich schweigend an, und er bemerkte zum ersten Mal, dass ihre Augen nicht nur einfach braun waren. Sie hatten einen warmen Karamellton mit goldenen Sprenkeln. Er war fasziniert.

Ihre Haut fühlte sich weich und seidig unter seinen Fingern an. Nate fragte sich unwillkürlich, wie es wäre, sie zu küssen.

Verdammt.

»Nicht«, sagte er, obwohl er keine Ahnung hatte, was genau er eigentlich damit meinte. Jedenfalls ging es längst nicht mehr nur um die Präsentation, so viel war klar.

Er musste verrückt geworden sein.

»Was denn nun?«, fragte sie leicht irritiert.

Nate ließ sie los, fuhr sich mit der Hand durch die Haare und atmete tief ein. Er hatte keine Ahnung, was mit ihm los war, und es gefiel ihm nicht, was diese hübsche Person mit ihm anstellte. Ganz und gar nicht.

»Miss Fields, entschuldigen Sie bitte.« Wie hatte er sich nur dazu hinreißen lassen können, ihr so nahe zu kommen? Das war gegen jede Regel des Anstands, er war doch kein notgeiler alter Sack, der es nötig hatte, attraktive Praktikantinnen anzugrabbeln. Er nahm ihr die Mappe aus den Händen, sorgsam darauf bedacht, sie nicht noch einmal zu berühren. »Ich werfe lieber selbst einen kurzen Blick auf die Unterlagen, aber ich glaube, Ihre Chefin hat mich schon bestens informiert.«

Das Meeting war eigentlich nur noch eine Formsache gewesen, er hatte sich längst entschieden, dass er das Projekt Hope finanziell unterstützen wollte, auch wenn er fand, dass der Zeitplan reichlich unrealistisch war, deswegen wollte er das Haus selbst sehen. Gleichzeitig hatten die Damen der Einrichtung nicht bedacht, was während der Zeit des Umbaus mit den Bewohnern passieren sollte. Er hütete sich jedoch davor, das der süßen Miss Fields auf die Nase zu binden. Dann hätte er keinen Grund mehr, sie zu überreden, mehr Zeit mit ihm zu verbringen. Gerade gefiel ihm der Gedanke sehr, sich etwas intensiver in die Planung einzumischen.

Es war völlig übertrieben, seine kostbare Zeit in ein Wohltätigkeitsprojekt zu stecken. Er war durchgeknallt.

»Sind Sie sicher?«, fragte sie leise.

Oh ja. Er war absolut überzeugt davon, dass etwas mit ihm ganz und gar nicht stimmte. Gleichzeitig konnte er nicht verhindern, dass er jede Sekunde in diesem verdammten Taxi genoss.

Ohne zu antworten, blätterte er die Unterlagen durch. Er registrierte, dass sie angespannt neben ihm saß und sich offenbar nicht traute, etwas zu sagen.

Die Informationen waren anschaulich dargestellt, es fehlten allerdings einige Details, die nicht unwichtig waren. »Wie viele Sponsoren brauchen Sie?«

»Das kommt darauf an«, erwiderte sie.

Nate registrierte, dass das Taxi anhielt. Er klappte die Mappe wieder zu, bezahlte, stieg aus und hielt Miss Fields die Tür auf. »Danke«, sagte sie und schaute ihn mit einem zaghaften Lächeln an.

Verdammte Scheiße.

Er lechzte nach ihren süßen Lippen wie ein Junkie auf Entzug. »Das ist es also«, sagte er, schlug die Tür des Wagens zu und drehte sich dem Haus zu. Das Grundstück war von einem weißen Lattenzaun umrandet. Das Haus war grün gestrichen, sieben Stufen führten zur roten Haustür. Neben dem Geländer hingen zwei Blumentöpfe mit pinkfarbenen Primeln. Unter der Dachrinne baumelte eine Lichterkette. Weihnachten lag einige Monate zurück, entweder hatte hier jemand einen sehr seltsamen Sinn für jahreszeitliche Dekoration, oder die Lichter sollten ein Gefühl von Wärme und Heimeligkeit vermitteln. Vermutlich Letzteres.

Er hatte einfach keine Ahnung von solchen Dingen, das war nicht seine Welt.

»Ja, das ist es«, gab sie mit Stolz in der Stimme zurück.

Wenn er nicht schon längst seine Entscheidung getroffen hätte, hätte sie ihn spätestens jetzt überzeugt. Er mochte es, wenn Leute ihrem Job mit Leidenschaft nachgingen. »Wie viele Frauen und Mädchen leben momentan hier?«

»Aktuell sind es sechs, drei davon haben Kinder, zwei sind schwanger. Wir versuchen alles, um sie zu unterstützen, helfen bei der Betreuung, bei der Arbeitssuche oder bei der Schule. Einige haben noch keinen Abschluss.«

»Haben Sie Privatlehrer, die Sie dabei unterstützen?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, das ist leider nicht im Budget.«

Er kniff die Augen zusammen. »Ausbildung ist wichtig.«

»Ich weiß, aber unsere Mittel sind begrenzt.«

Nate nickte. »Verstehe.« Im Geiste machte er sich eine kleine Notiz.

»Möchten Sie, dass ich Ihnen die Gemeinschaftsräume zeige? Die einzelnen Zimmer kann ich Ihnen natürlich nicht …«

»Nein, schon in Ordnung. Ich wollte mir nur einen kurzen Eindruck verschaffen.«

»Oh.« Sie trat von einem Fuß auf den anderen.

Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus, bis Nate sich räusperte. »Darf ich mir die ausleihen?«

»Die Mappe?«

»Ja, wenn es Ihnen nichts ausmacht?«

Er konnte in ihrem Gesicht lesen wie in einem offenen Buch. Sie fragte sich, was er damit vorhatte, wo sie doch vor ihm stand und ihm jede seiner Fragen beantworten konnte.

»Bitte«, sagte sie höflich, dann reichte sie sie ihm.

»Ich schaue es mir in Ruhe an und melde mich. Ich muss jetzt leider los.«

Eigentlich hatte er etwas mehr Zeit mit ihr verbringen wollen, aber sein persönliches Interesse an ihr schien mit jeder Sekunde zu wachsen. Er war überrascht, irritiert, und er wusste, dass es falsch war, dem nachzugeben. Vielleicht kam er ja zur Vernunft, wenn er erst einmal Abstand zwischen sich und Miss Fields brachte. Es war klar, dass ein Techtelmechtel jegliche Zusammenarbeit erschweren würde.

»Was, aber wir sind doch eben erst …?«, sie stockte. »Wenn ich etwas falsch gemacht oder was Falsches gesagt habe, dann tut es mir schrecklich leid, Mr. West.«

»Nate«, unterbrach er sie. »Nennen Sie mich Nate.«

Liv blinzelte. »Okay, sagen Sie nur, was … Ich … Das Projekt ist mir, uns, es ist einfach so wahnsinnig wichtig.«

Er legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Das weiß ich. Keine Sorge, Liv. Darf ich Liv sagen?«

Sie nickte.

»Gut, Liv. Ich sehe es mir in Ruhe an, dann melde ich mich. Apropos. Haben Sie eine Telefonnummer?«

Sein Gewissen regte sich, schließlich könnte er genauso gut auch Mrs. Jones anrufen, das wusste er. Ihr Akku war garantiert nicht für immer entladen. Aber er wollte nun mal Livs Nummer haben.

Dieser innere Drang, mehr über sie zu erfahren, war stärker als die Vernunft. Nate zog sein Handy aus der Hosentasche, entsperrte es und reichte es ihr. »Wären Sie so nett?«

»Klar.« Sie zuckte mit den Schultern. »Es ist allerdings meine Privatnummer.«

»Keine Angst, ich werde Sie nicht stalken«, scherzte er.

Liv lachte. »Ich hatte nicht befürchtet, dass ein Mann wie Sie mir nachstellen würde.«

Sie hatte wohl keine Ahnung, wie verführerisch sie auf ihn wirkte. Er fand sie hinreißend.

»Hier, bitte«, sie gab ihm sein Smartphone zurück. »Sie können mich wirklich jederzeit anrufen, wenn Sie Fragen haben: Penelope sollte aber morgen auch wieder erreichbar sein. Tagelang kann dieser dämliche Stau ja nicht andauern.«

Leider.

»Natürlich. Darf ich Sie trotzdem belästigen?« Er hob eine Augenbraue und lächelte schief. »Mit Fragen meine ich.«

Gott, ihm wurde beinahe selbst schlecht von dem Gesülze, das er von sich gab.

Sie lächelte freundlich. »Natürlich.«

»Gut, dann bedanke ich mich für Ihre Zeit.«

»Oh! Sie wollen tatsächlich schon gehen?«

Er verzog seine Lippen zu einem spöttischen Grinsen. Er wollte nicht, aber er musste, sonst würde er sie womöglich an Ort und Stelle küssen. Er war sicher, dass Liv damit nicht einverstanden wäre, deswegen sagte er: »Ja, aber vergessen Sie nicht: Sie haben zugesagt, mit mir essen zu gehen, daran werde ich Sie bei Gelegenheit erinnern.«

Livs Lippen öffneten und schlossen sich dann wieder, als ob sie protestieren wollte, sich dann aber dagegen entschied.

»Auf Wiedersehen, Liv.«

Und dann drehte er sich um und schlenderte mit der Präsentationsmappe im Arm davon.

Ungläubig schüttelte er den Kopf. Olivia Fields war ganz anders als alle anderen Frauen, für die kühlen Schönheiten, für die er sich bisher interessiert hatte. Liv besaß eine natürliche Anmut, die man für kein Geld der Welt kaufen konnte. Sie war unschuldig, wo er verdorben war. Sie war schüchtern, wo er keine Skrupel hatte. Sie war ehrlich, wo er versuchte, seine Gedanken zu verstecken.

Und doch konnte er es kaum abwarten, sie wiederzusehen.

 

 

Kapitel 2

 

 

Liv saß mit ihrer Chefin in deren winzigem Büro. Weil es nur ein kleines Fenster hatte, war es eigentlich zu jeder Tageszeit so düster, dass sie immer eine Schreibtischlampe mit grünem Schirm und goldenem Standfuß angeknipst hatte. Es war stickig und roch nach altem Papier, weil dies der einzige Raum war, in dem sie alle Akten der Einrichtung aufbewahren konnten. Einen Keller hatte das Haus nicht, und die anderen Räume brauchten sie für die Bewohner.

»Wie seid ihr denn verblieben?«, löcherte Penelope sie nun schon zum wiederholten Mal. Aber Liv konnte immer nur das Gleiche antworten. »Er wollte sich melden«, gab sie ausweichend zurück.

Nate hatte sie beim Abschied an das Essen erinnert, nachdem er sich ihre Telefonnummer hatte geben lassen. Wenn Liv es nicht besser wüsste, würde sie glauben, dass er Interesse an ihr hätte. Aber das wäre doch absurd, oder?

Er, der attraktive Geschäftsmann, und sie, eine durchschnittlich aussehende Sozialarbeiterin. Nein, er hatte es vermutlich wirklich auf das Projekt bezogen, zumal sie seitdem auch nicht noch einmal von ihm gehört hatte.

Sie hatte keine Ahnung, was sie von all dem halten sollte. Das war definitiv das seltsamste Treffen ihres Lebens gewesen. Allerdings hatte sie vorher auch nicht wirklich viele Business-Meetings gehabt. Keins, um genau zu sein. Vielleicht war so was ja normal.

Nein, das sagte alleine schon ihr Bauchgefühl, auf das sie sich bislang immer hatte verlassen können. Nichts an Nathaniel West war normal. Nate, erinnerte sie sich.

»Ich hoffe, du hast ihn nicht verärgert?«, fragte Penelope und guckte streng. Sie saß hinter ihrem Schreibtisch und verschränkte die Finger ineinander.

»Nein, ich denke nicht.«

»Gut.« Sie seufzte. »Ich möchte auch nicht anrufen und fragen, was er denkt. Das Ganze ist mir unfassbar unangenehm. Es ist mir so peinlich, dass ich erst im Verkehr stecken bleibe und dann noch nicht mal telefonisch erreichbar bin. Dir könnte ich keinen Vorwurf machen …«

»Penelope«, versuchte Liv, sie zu beruhigen. »Es ist anders gekommen, als geplant, aber es konnte ja auch niemand ahnen,

Impressum

Verlag: Elaria

Texte: Karin Lindberg
Cover: Casandra Krammer
Lektorat/Korrektorat: Dorothea Kenneweg / SKS Heinen
Satz: Pirandot Lektorat
Tag der Veröffentlichung: 24.04.2019
ISBN: 978-3-96465-141-9

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