Cover

Leseprobe

 

 

 

 

Doctor Naughty

Verboten verliebt

 

 

KATE SIMMONS

 

 

Alle Rechte vorbehalten.

Jede Verwertung oder Vervielfältigung dieses Buches – auch auszugsweise – sowie die Übersetzung dieses Werkes ist nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet. Handlungen und Personen im Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Korrektorat: www.benisa-werbung.de

 

Dr. Naughty" Kate Simmons

Covergestaltung: ©authors-assistant (Britt Toth)

http://authors-assistant.com unter Verwendung von einem Bild von

https://www.shutterstock.com (Volodymyr Tverdokhlib)

 

 

 

Copyright © Kate Simmons 2018

Erstausgabe September 2018

Bild: Pixabay

 

Prolog

 

 

Drei Jahre zuvor

Logan

»Dieser Tag wird die Menschheit verändern.« Die Worte meines Kollegen Dr. Frances Baker hingen geflüstert im Raum. Neonröhren tauchten das Labor in ein unwirkliches Licht.

Unwirklich, das war das, was ich in diesem Moment fühlte.

Alles, worauf ich mein ganzes Leben hingearbeitet hatte, schien nun in Erfüllung zu gehen.

»Bist du sicher?« Ich stellte diese dämliche Frage, nicht, weil ich es nicht selbst wusste, aber weil ich es tatsächlich nicht glauben konnte, dass wir es geschafft hatten.

Frances trat neben mich und umarmte mich kameradschaftlich. »Natürlich bin ich das und du auch. Du hast es selbst gesehen.«

»Ja, das habe ich. Ich kann es nur noch nicht fassen.«

»Ich auch nicht. Aber die Ergebnisse stehen hier schwarz auf weiß.«

»Sollten wir uns jetzt nicht sofort um die nächsten Schritte kümmern?«

»Vertrau mir, Logan. Ich werde alles in die Wege leiten.«

Ich nickte. »Sicher, hoffentlich geht alles seinen Gang.«

»Das wird es. Solange ich hier das Sagen habe, wird dieses Projekt an erster Stelle stehen.«

 


Kapitel 1

 

 

Drei Jahre später

Megan

Mit klopfendem Herzen betrat ich das Restaurant Sky City im höchsten Gebäude Seattles. Aus der Space Needle, die tatsächlich wie eine überdimensionierte, in den Himmel ragende Nadel aussah, hatte man einen atemberaubenden Ausblick über die Stadt und die Elliott Bay. Der Abendhimmel war rot gefärbt, die Wolken sahen aus wie rosa Zuckerwatte. Ich ließ meinen Blick durch das Lokal gleiten und entdeckte meinen Freund Sam an einem Tisch am Fenster. Er tippte sehr konzentriert auf seinem Smartphone. Ein Lächeln schlich sich auf meine Lippen, und mein Herz machte einen Satz. Heute war nicht nur mein siebenundzwanzigster Geburtstag, den wir feiern wollten, ich vermutete zudem, dass Sam vorhatte, um meine Hand anzuhalten. Seit einigen Wochen verhielt er sich seltsam geheimniskrämerisch, und solch ein Aufheben hatte er in den letzten neun Jahren, in denen wir zusammen waren, nicht um einen einzigen meiner Geburtstage gemacht.

Eine Bedienung begleitete mich zu unserem Tisch.

Als Sam mich entdeckte, lächelte er verkrampft. Er wirkte nervös, was ich irgendwie süß fand, denn sonst war er absolut nicht der Typ für Romantik.

»Hallo Schatz«, sagte ich und gab ihm einen Kuss.

Er räusperte sich. »Hey, Megan. Setz dich doch.«

Ich verkniff mir ein Stirnrunzeln. Ja, okay, er hatte mir heute Morgen kurz gratuliert, ehe er zur Arbeit gefahren war, aber ein wenig herzlicher hätte die Begrüßung an meinem Ehrentag schon ausfallen können.

Egal, sagte ich mir. Sicher nur die Aufregung.

»Darf ich Ihnen schon etwas zu trinken bringen?«, fragte mich die Kellnerin.

Ich sah, dass Sam einen Whiskey vor sich stehen hatte. Keinen Champagner, okay, der kam wahrscheinlich später. Trotzdem, ich war ein klitzekleines bisschen enttäuscht.

»Ich, ähm, nehme bitte ein Glas Chardonnay.«

»Sehr gern.« Sie überreichte uns die Speisekarten und verschwand dann mit unserer Getränkeorder.

Ich überflog das Menü, dabei war ich definitiv viel zu aufgeregt, um etwas essen zu können. »Wie war dein Tag?«, fragte ich beiläufig und schaute ihn durch halb gesenkte Lider an.

Sein Gesicht war gerötet und er schwitzte. Wow, die Sache schien ihm schwerer zu fallen, als ich erwartet hatte. Immerhin waren wir seit Ewigkeiten zusammen und eine Hochzeit der einzig logische Schritt. Wir hatten längst und mehrfach über alles gesprochen. Es sollte eine Feier im kleinen Kreis werden, damit es nicht zu teuer würde. Er wünschte sich Kinder, ebenso wie ich. Wir waren im richtigen Alter, hatten beide gute – naja das war relativ – Jobs und … es war an der Zeit. Das hatte er selbst schon häufig gesagt. Es fehlte nur noch der offizielle Antrag.

Mein Wein wurde gebracht, ich nickte und bedankte mich höflich.

»Ach ja, mein Tag. Alles wie immer. Es läuft gut, ich schätze, dass ich bald befördert werde.« Er strich sich durch das dünner werdende dunkelblonde Haar, und sein Adamsapfel hüpfte.

»O-kay«, gab ich langgezogen zurück. Langsam wurde ich ungeduldig. Eigentlich hatte ich die Frage nur aus Höflichkeit gestellt und nicht vor, mich den ganzen Abend über seinen Job bei der Versicherung bequatschen zu lassen.

Plötzlich veränderte sich etwas, Sam straffte sich. Dann stürzte er seinen Drink in einem Zug herunter und schaute mich direkt an. »Hör zu, Megan. Wir müssen reden.«

Ich setzte mich aufrecht im Stuhl hin. Ja, das klang nun nicht gerade sehr … romantisch, aber das würde ich ihm nicht weiter übel nehmen. Er hatte ja keine Übung darin, Heiratsanträge zu machen …

»Ja?«, erwiderte ich hoffnungsvoll und lächelte.

»Ich weiß, das ist jetzt vielleicht ein blödes Timing«, fuhr er fort.

Ich kniff meine Augen zusammen, sagte jedoch nichts. Ich wollte ihn ausreden lassen, ihm die Gelegenheit geben, mir seine Liebe zu gestehen, ehe ich ihm mit Tränen in den Augen um den Hals fallen konnte.

»Also … es tut mir leid. Ich sehe keine Perspektive mehr in unserer Beziehung. Wir sollten uns trennen.«

Mein Mund wurde trocken, ich beugte mich ein Stück weiter nach vorne. Ich musste mich verhört haben. »Wie bitte?«, stieß ich hervor.

Sam seufzte und wich meinem Blick aus. »Es tut mir leid, aber …«

Langsam kam seine Botschaft bei mir an. Er hatte nicht vor, den Rest seines Lebens mit mir zu verbringen, er hatte keinen Ring in der Tasche. Mein Magen rebellierte.

»Du machst nach neun Jahren an meinem Geburtstag mit mir Schluss?« meine Stimme klang unnatürlich schrill.

Seine Gesichtsfarbe ähnelte mittlerweile der eines gekochten Hummers. »Ich …«, stammelte er.

In meinem Kopf wirbelten die verschiedensten Gedanken umher, bis ich zu dem einzig logischen Ergebnis kam: »Du hast eine andere!«

Er riss die Augen weit auf.

Erwischt, las ich darin. Mein Magen drehte sich um. Ich trank zwei große Schlucke von meinem Wein, während ich versuchte, die letzten Minuten irgendwie in meinem Hirn zu sortieren. »Scheiße, ich bin so blöd«, murmelte ich schließlich und leerte auch noch den Rest.

Die Kellnerin trat wieder an unseren Tisch. »Sind Sie bereit für Ihre Bestellung?«

Ich lachte humorlos auf und erntete dafür einen irritierten Blick von ihr. »Ich denke, das können wir uns sparen. Ich nehme noch ein Glas Chardonnay, der Herr hier möchte die Rechnung.«

Sie schaute mich an, als wäre ich eine Verrückte und nicht mein Freund derjenige, der hier der Arsch ist. Exfreund, korrigierte ich mich still.

»Na los«, trieb ich sie zornig an. »Machen Sie schon.«

»Ja, äh, natürlich. Entschuldigung.« Endlich trollte sie sich, und Sam und ich blieben alleine zurück. Unter seinen Armen hatten sich dunkle Flecken gebildet. Hätte er mal lieber ein weißes Hemd angezogen, überlegte ich. Es war absurd, ich fühlte nichts. In mir herrschte eine seltsame Leere. So ganz war die Bedeutung seiner Worte offenbar noch nicht zu mir vorgedrungen.

»Ich werde ein paar Tage weg sein, du hast also genügend Zeit, deine Sachen aus der Wohnung zu holen.«

Ich schnappte nach Luft, wie ein Fisch auf dem Trockenen. Der hatte vielleicht Nerven. »Das ist jetzt nicht dein Ernst«, zischte ich.

»Wir sollten die Trennung nicht unnötig in die Länge ziehen.«

»Sag mal, hast du sie nicht mehr alle? Wo soll ich denn hin?«

Er straffte sich, seine Gesichtszüge verhärteten sich. »Du wirst bestimmt schnell was Neues finden.«

Ich hob meine Augenbrauen und atmete durch. Unglaublich. Was Neues in dieser Stadt? Bezahlbare Wohnungen waren derzeit in etwa so häufig zu finden, wie Gold im Klondike River. Erst trennte Sam sich von mir und setzte mich dann auch noch direkt auf die Straße. Ich konnte es kaum glauben, aber es war natürlich mein Fehler. Nun rächte es sich, dass alle Verträge auf seinen Namen liefen.

»Wie viel Zeit habe ich?« Ich straffte mich, denn ich hatte nicht vor, mir vor ihm irgendeine Blöße zu geben.

»Ich fahre, wie gesagt, übers Wochenende weg. Es wäre gut, wenn …«

»Keine Sorge«, schnitt ich ihm das Wort ab. Ich registrierte, wie die Kellnerin mir den Weißwein und ihm die Rechnung servierte. »Danke«, ich lächelte sie höflich an. Dann wandte ich mich wieder Sam zu. »Ich bin Sonntagabend raus. Und du? Kleinen Trip mit deiner Neuen geplant?«

Er wurde blass.

Aha, ich hatte also den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich wollte schreien, toben, ihm die Augen auskratzen, stattdessen presste ich nur meine Lippen aufeinander und schwieg.

»Wow«, murmelte ich irgendwann kopfschüttelnd, als mir klarwurde, dass auch Sam kein Wort mehr darüber verlieren würde. Wer hätte das gedacht, der stille Versicherungsmakler hinterging mich und das offenbar schon seit einer Weile.

Ich hätte mir das nicht träumen lassen, aber man durfte also auch nach neun Jahren Beziehung noch mit Überraschungen rechnen. Mit unliebsamen Überraschungen wohlgemerkt. Man lernt eben doch nie aus.

Meine anfängliche Verwirrung wandelte sich sehr schnell in Wut. Was dachte sich dieser Kerl eigentlich? So eine Behandlung hatte ich nicht verdient. Da es in meinen Augen keinen großen Sinn machte, ihm eine Szene zu machen, riss ich mich zusammen.

»Gut«, sagte ich kühl und stand auf. »Bis Sonntag bist du mich los.«

Sehr langsam nahm ich meinen Wein, trat neben ihn und atmete tief durch. »Du bist es nicht wert, dir auch nur eine Träne nachzuweinen.« Und dann kippte ich den Inhalt des Glases im Zeitlupentempo über seinen Kopf. Mir entging nicht, dass die wenigen Gäste an den anderen Tischen mich anstarrten, als wäre ich dabei eine Bombe zu zünden, aber das war mir egal.

Ich stellte das leere Glas sanft zurück, zog meinen Bauch ein, straffte mich und hob mein Kinn, ehe ich mich wortlos umdrehte und mit meiner Handtasche zur Bar schlenderte. Ich spürte, dass sich die Blicke der übrigen Gäste wie Pfeilspitzen in meinen Rücken bohrten. Seltsamerweise war mir auch das schnurz.

»Ein Glas Champagner bitte«, sagte ich zum Barkeeper und kletterte so würdevoll wie möglich auf einen der Barhocker.

»Natürlich, kommt sofort.«

Ich beobachtete, wie der junge Mann eine Flasche Pommery aus einem Kübel mit Eis nahm, sie entkorkte und ein Glas für mich füllte.

»Bitte schön.«

Sein Blick sprach Bände. Was gibt’s zu feiern? Aber das Restaurant war zu vornehm, als dass sich Angestellte indiskrete Fragen wie diese erlauben würden. Wenigstens einer, der die Szene eben nicht mitbekommen hatte, allen anderen dürfte auch ohne größere Erklärung klargeworden sein, dass ich verlassen worden war.

»Happy Birthday to me«, sagte ich und prostete in seine Richtung.

Innerhalb von nur fünfzehn Minuten hatte sich mein Status von fast verlobt auf obdachlos und Single verändert. Meine anfängliche Fassungslosigkeit war einer seltsamen Stimmung gewichen, die ich noch nicht genauer definieren konnte. Ich bewegte mich irgendwo zwischen Schock und Nervenzusammenbruch, alles in allem kein gutes Gefühl.

Der Champagner perlte im Glas, ich betrachtete die durchsichtige Flüssigkeit und war fasziniert davon, wie sich dann und wann ein Bläschen nach oben löste und an der Oberfläche verschwand. Ich ließ mir Zeit, genoss jeden einzelnen Schluck. Normalerweise würde ich keine zwanzig Dollar für ein Getränk ausgeben, aber hey, heute war ein besonderer Tag. Ich verzog mein Gesicht zu einer Grimasse.

Nach einer Weile kamen mir doch die Tränen. Ich hatte es zunächst nicht registriert, aber da die Tropfen vor mir auf dem Tresen kaum Regen sein konnten, kapierte ich endlich, was das alles für mich bedeutete.

Ich schluckte, zog meine Kreditkarte aus der Tasche und wedelte damit, um dem Barkeeper klarzumachen, dass ich zahlen wollte. Ich musste raus hier, ehe ich komplett die Nerven verlor und doch noch eine Szene machte, wobei Sam vermutlich längst weg war.

Der nette Typ hinter dem Tresen schaute mich mitleidig an. »Der geht aufs Haus, weil Sie doch heute Geburtstag haben.«

Ich atmete tief durch, wischte mir mit der Hand über die Augen. »Danke«, meine Stimme war kaum mehr als ein Krächzen. Ich verkrümelte mich mit hängenden Schultern auf die Damentoilette, schloss mich in eine Kabine ein und heulte. Ich schluchzte so lange, bis keine Tränen mehr kamen. Vermutlich war das eine ganze Weile, denn die Spülung in der Toilettenkabine neben mir rauschte in regelmäßigen Abständen. Irgendwann hatte ich mich so weit beruhigt, dass ich mich wieder aus dem Klo traute. Ich wackelte auf meinen High Heels zum Waschbecken und schaufelte mir kaltes Wasser ins Gesicht, ehe ich mich im Spiegel betrachtete.

»Shit«, stieß ich leise hervor.

Rot geränderte Augen, verschmierte Wimperntusche, strähnige Haare. Super! Ganz toll. Wenigstens hatte ich erste Hilfe in meiner Handtasche griffbereit. Normalerweise schleppte ich keine Schminke mit mir herum, aber da ich heute direkt von der Arbeit zum Essen gekommen war, hatte ich heute Morgen alles eingepackt, was ich gebraucht hatte. Schließlich hatte ich am Tag meines Heiratsantrages gut aussehen wollen.

Ich lachte humorlos und schüttelte meinen Kopf. Gott, ich war so blöd. Vielleicht hätte ich die Zeichen der letzten Wochen deuten können, wenn ich nicht so hoffnungslos naiv gewesen wäre. Die Überstunden, das ständige tippen auf dem Smartphone, das er danach schnellstens hatte verschwinden lassen. Und Sex hatten wir wann zuletzt gehabt? Keine Ahnung, es war jedenfalls ewig her. Aber hey, ich hatte gedacht, dass man in einer neunjährigen Beziehung nicht mehr täglich vögeln müsste, dass es normal sei, wenn die Leidenschaft irgendwann nachließ.

Leidenschaft, ich verdrehte die Augen. Der Sex mit Sam war nie so gewesen, wie ich es aus Liebesromanen kannte, die ich gerne las, wenn es meine Zeit zuließ. Aber da ich keine Vergleichsmöglichkeiten hatte, hatte ich angenommen, dass es normal war, wie Sam und ich ... Egal. Seufzend kramte ich Kompakt-Make-up, Puder, Mascara und Eyeliner aus meiner Handtasche. So wie ich im Moment aussah, würde ich dieses Restaurant nämlich keinesfalls verlassen. Das Ende meiner Beziehung hatte ich genug betrauert, beschloss ich. Ich wollte und würde keinen einzigen Gedanken mehr an diesen Idioten verschwenden. Im Gegenteil, gleich morgen würde ich auf die Pirsch gehen und mir was Neues anlachen. Was er konnte, konnte ich schon lange!

Apropos anlachen. Ich tippte eine SMS an meine beste Freundin Nelly: SOS, kann ich bei dir übernachten?, und drückte auf Senden. Ich würde den Teufel tun und heute zu Hause schlafen. In seiner Wohnung, korrigierte ich mich, denn Sam hatte mich ja vorhin rausgeworfen. Unglaublich, was für ein Arschloch.

Glücklicherweise traf ihre Antwort wenige Sekunden später ein: Ja, klar. Bin zu Hause.

Ich atmete erleichtert auf. Auf sie war immer Verlass, Gott sei Dank. Und Nelly stellte erfreulicherweise auch nie blöden Fragen. Fragen, die ich ihr ohnehin nicht beantworten konnte. Ich würde ihr garantiert alles erzählen, aber nicht mehr heute, ich war total erledigt und wollte mich nur noch verkriechen und schlafen.

Nachdem ich mein Make-up erneuert hatte, fühlte ich mich etwas besser. Meine Augen waren zwar immer noch ein wenig gerötet, aber das würde im Vorbeigehen sicher niemandem auffallen. Meine blonden Haare steckte ich mit ein paar Haarnadeln hoch, die ich in den Untiefen meiner Tasche gefunden hatte. Ein schwaches Lächeln umspielte meine Lippen. Ich hatte immer gewusst, dass ich all den Kram, den ich tagtäglich mit mir herumschleppte, irgendwann mal brauchen würde.

Die Absätze meiner High Heels klapperten auf dem Holzboden des Restaurants, als ich zu den Aufzügen ging. Auf dem Weg flackerte das Licht ein paarmal. Draußen tobte ein Gewitter, Regen prasselte gegen die Scheiben. Krass, dachte ich. In der Toilette gab es keine Fenster, mir war völlig entgangen, dass in der Zwischenzeit ein Unwetter aufgezogen war.

»Na super«, murmelte ich, während ich auf den Knopf drückte. Es dauerte einen Moment, bis der Lift kam. Wahrscheinlich würde ich auf der Suche nach einem Taxi gleich auch noch bis auf die Knochen durchnässt werden. Der Tag konnte nicht mehr schlimmer werden.

Die Türen öffneten sich mit einem leisen Zischen, ich trat hinein und wollte gerade das Erdgeschoss anwählen, als noch jemand hineinsprang. Dieser Jemand war groß und breitschultrig. Er trug ein schwarzes Hemd und eine dunkelblaue Jeans mit Turnschuhen. Seine dunklen Locken waren viel zu lang, er hatte die Art von Frisur, die keine war, aber trotzdem perfekt unperfekt aussah. Es machte sicher Spaß, darin zu wühlen.

Nicht, dass ich das vorhatte.

»Wollen Sie drücken?«, vernahm ich seine tiefe Stimme, die einen angenehmen, beinahe schon rauchigen Klang hatte. Der amüsierte Unterton darin entging mir ebenfalls nicht. Eine wohlige Gänsehaut breitete sich auf meinen Unterarmen aus.

»Natürlich«, erwiderte ich, doch er war schneller. Unsere Finger berührten sich, als wir gleichzeitig auf den Knopf drückten. Ich spürte einen elektrischen Schlag und zuckte zurück. Er musste es auch bemerkt haben, denn er starrte mich überrascht an. Und intensiv.

So intensiv, dass mir heißkalte Schauer über den Rücken jagten und ich Atemnot bekam. Er hatte blaue Augen, die Farbe war außergewöhnlich und erinnerte mich an den Himmel über Seattle an einem sonnigen Tag. Ich schluckte und senkte meinen Blick. Mein Herz schlug Kapriolen. Wie lange konnte so eine blöde Fahrt in einem Aufzug eigentlich dauern, dachte ich irritiert, verfolgte die Zahlen der Stockwerke auf dem Display und versuchte, mir meine innere Aufregung nicht anmerken zu lassen. Als wir auf Höhe der siebten Etage angekommen waren, gab es einen großen Ruck. Ich taumelte einen Schritt und landete an seiner Brust.

Verdammt. Starke Arme legten sich um meine Schultern und gaben mir Halt. Mir stockte der Atem, als ich sein herbes Aftershave roch.

»Entschuldigung«, brabbelte ich und versuchte mich zusammenzureißen.

Dann ging das Licht aus.

Okay, dieser Tag konnte definitiv noch schlimmer werden.

Stromausfall. Nun saß ich alleine mit einem Halbgott in einem Aufzug ohne Licht fest.

Hm. Vielleicht war es doch nicht so schlimm. Er roch jedenfalls gut, würzig und männlich.

»Scheiße«, fluchte er, während er mich noch immer festhielt. Ich machte keine Anstalten mich zu rühren, mich überforderte die Situation. Eindeutig.

Die Notbeleuchtung tauchte den Aufzug nach endlosen Sekunden der Dunkelheit in ein gedämpftes Licht. Ich räusperte mich und trat endlich einen Schritt zurück.

Sofort bereute ich es, denn seine Körperwärme hatte mir bis eben das Gefühl von Sicherheit gegeben. Jetzt fühlte ich mich schwach und verletzlich.

Absurd. Völlig absurd. Ich kannte den Mann nicht mal.

»Sieht so aus, als säßen wir hier fest«, murmelte dieser Unbekannte jetzt und fuhr sich genervt durch die Haare. »Verdammt.« Dann schlug er mit einer Faust an die Wand des Lifts. Nicht brutal, aber doch kräftig genug, dass ich zusammenzuckte. Seine Frustration war so roh und ungespielt, dass ich mir unwillkürlich die Frage stellte, ob er in jeder Situation so authentisch reagierte. Vielleicht hatte er auch einfach einen sehr schlechten Tag gehabt und sein Frust war deshalb so groß. Super, da wären wir dann ja schon zu zweit.

Irgendwie half mir seine miese Laune, mich selbst ein bisschen weniger elend zu fühlen, was total bescheuert war. Ganz offensichtlich war ich nach den Ereignissen des Tages ein Fall für den Psychiater.

»Es dauert sicher nicht lange«, versuchte ich ihn aufzuheitern und durchbrach das angespannte Schweigen.

»Ja, klar.« Er klang wenig überzeugt. Verständlicherweise. Stromausfälle wegen Unwettern konnten sich manchmal Stunden hinziehen.

Nach einem Augenblick fragte er: »Geht’s dir wieder besser? Keine schöne Szene da vorhin.«

Ich riss meine Augen auf. Oh nein. Natürlich. Er war offensichtlich einer der Gäste gewesen, die mein Elend direkt miterlebt hatten. Ich spürte, wie Hitze an meinem Hals nach oben kroch. Es war mir unangenehm.

»Ich bin ohne ihn besser dran«, gab ich betont lässig zurück. Dabei sah es in mir drin ganz anders aus. Ich bemerkte, wie er mich schon wieder musterte. Sehr eindringlich musterte. Der Blick des Fremden zog mich förmlich aus. Meine Kehle war auf einmal trocken wie die Sahara. Mein Puls raste.

Entweder war ich komplett durchgeknallt, oder zwischen uns lag etwas in der Luft. Etwas eindeutig Sexuelles. Ich vergaß, warum ich eben noch verlegen gewesen war. In meinem Körper übernahmen andere chemische Prozesse das Kommando. Meine Hormone meldeten sich und sandten Impulse in meine Nervenenden und direkt in meinen Unterleib.

Himmel. Derartig heftige Empfindungen hatte ich Sam gegenüber nie gehabt. Aber jetzt stand ich hier mit einem wildfremden Mann, und in meinem Bauch kribbelte es wie verrückt.

Vermutlich alles nur Einbildung. Kein Wunder nach dem Tag, versuchte ich mich selbst zu beruhigen. Aber ich wusste, dass ich mich selbst belog. Ich reagierte eindeutig auf diesen Unbekannten, zwischen meinen Beinen pochte es, ein lustvolles Ziehen in meiner Mitte, das nach mehr verlangte.

»Ich wüsste, wie wir uns die Zeit vertreiben könnten«, schlug er vor, als könnte er meine Gedanken lesen. Seine dunkle Stimme klang rauchig und verführerisch. Unglaublich, ich wusste nicht, was ich sagen oder tun sollte. Es fühlte sich irreal an – aber schön. Ich befeuchtete meine Lippen, während ich versuchte, meine körperlichen Reaktionen auf seine Nähe wieder in den Griff zu bekommen. Gleichzeitig war mir ein wenig schwindelig. Sein Angebot brachte mich dazu, mir Dinge vorzustellen, mir Sachen zu wünschen, von denen ich bisher nicht mal zu träumen gewagt hatte.

»Ach ja?«, gab ich nervös zurück. »Was denn zum Beispiel?«

Keine Ahnung woher ich den Mut nahm. Schätze, das war es, was mit einem passierte, wenn man gerade den Boden unter den Füßen weggezogen bekommen hatte.

Er trat einen Schritt näher, sein heißer Atem streifte mein Ohr. »Oh ja. Ich könnte dich mit einem Schlag vergessen lassen, warum du vorhin so unglücklich warst. Ich könnte dich ihn vergessen lassen.«

Ich schloss meine Augen und legte meinen Kopf in den Nacken. Es klang so verlockend, mein ganzes Leben lang war ich vernünftig gewesen. Immer. Ich hatte alles richtig gemacht, war mit einem guten Jungen in der High-School zusammengekommen und mit ihm nach Seattle gezogen, als er hier ein Jobangebot bekommen hatte. Ich war immer für ihn dagewesen, hatte mir Spiele seines Teams angesehen, obwohl ich Baseball eigentlich hasste. Aber in einer Beziehung tat man doch manchmal Dinge, um dem Anderen etwas Gutes zu tun. Und wohin hatte mich das gebracht?

Genau. In einen Lift mit einem wildfremden Mann, der mir anbot, mich die letzten neun Jahre mit Sam vergessen zu lassen. Zumindest für den Moment, da machte ich mir nichts vor. Aber es war verlockend. Elektrisierend. Ich wollte ihn.

Also, warum zögerte ich? Die Antwort war klar, weil ich ein braves Mädchen war. Ich war nicht der Typ für One-Night-Stands. Außer mit Sam hatte ich mit noch keinem Mann Sex gehabt. Aber mein Körper reagierte auf diesen Fremden, wie nie zuvor. Wieso also nicht?

Das kannst du nicht machen, Megan. Sagte ein Stimmchen in meinem Kopf. Du kennst ihn nicht, er könnte ein Axtmörder sein.

Ich verdrehte die Augen. Das war so typisch ich. Alles zweimal überdenken.

Nein, sagte ich mir. Nicht dieses Mal.

Er trat zurück und lehnte sich lässig mit der Schulter gegen die Wand des Aufzugs. »Sieht so aus, als würde der Stromausfall doch länger dauern. Mein Angebot steht.« Ein süffisantes Grinsen hatte sich über seine markanten Züge gelegt. Leider wirkte es an ihm verdammt sexy. Wie alles an ihm. »Keine Verpflichtungen. Keine Namen. Sobald wir hier raus sind, trennen sich unsere Wege«, fuhr er fort und löste damit einen wahren Tsunami in meinem Inneren aus, der alle Bedenken wegspülte.

Mein Atem ging schneller, seine Worte machte mich absurderweise an. Ich erkannte mich selbst nicht wieder. »Okay«, hörte ich mich zu meinem eigenen Erstaunen mit fester Stimme sagen.

»Okay?«, wiederholte er. Offenbar hatte er auch nicht mit meiner Zustimmung gerechnet. Oder er war einfach ein guter Pokerspieler. Vermutlich ein bisschen von beidem.

Ich nickte. »Ja, also … wie machen wir es?«

Ein dunkles Lachen schlich sich aus einer Kehle. Er stieß sich von der Wand ab und kam näher. Er umfasste mein Kinn mit einer Hand und zwang mich ihn anzusehen. »Zuerst werde ich dich küssen«, murmelte er, seinen Blick auf meine Lippen gerichtet. »Und dann werde ich dich gegen die Wand hier drücken, deinen süßen Rock über deinen sexy Arsch hochschieben und …«

Ich schluckte trocken. »Und dann …?«

»Dann hoffe ich, dass du deine Lust hemmungslos herausschreien wirst.«

Ich schloss meine Augen für eine Sekunde und unterdrückte ein Stöhnen. Mein Körper vibrierte längst vor unerfüllter Lust.

»Du bist wunderschön, vor allem, wenn sich deine Brust so schnell hebt und senkt wie jetzt. Ich bin längst hart, nur beim Gedanken daran, was wir gleich miteinander anstellen werden.«

Er griff nach meiner Hand und legte sie auf seinen Schritt. Ich stieß zischend die Luft aus.

Definitiv, ja. Riesig, war alles, was mir dazu einfiel.

Hitze breitete sich zwischen meinen Beinen aus. Und dann legte er seine Lippen auf meine. Der Kuss war überraschend zart, beinahe vorsichtig liebkoste er meinen Mund. Er zog mich eng an seinen durchtrainierten Körper. Wo ich weich war, war er muskulös. Als seine Zunge gegen meine stieß, konnte ich ein Stöhnen nicht länger unterdrücken. Ich hielt mich an ihm fest, als wäre er meine Rettungsleine – vielleicht war er das in diesem Moment sogar. Meine Knie waren weich, wie zu lang gekochte Spaghetti. Ich war froh, dass ich mich gegen ihn lehnen konnte. Seine Hände strichen an meine Wirbelsäule auf und ab, während seine Küsse immer fordernder und intensiver wurden.

Besitzergreifend und hungrig, dabei war ich längst sein. Unser Atem kam stoßweise, als ich spürte, wie ich mit dem Rücken gegen die Wand des Aufzugs gedrückt wurde. Er machte sein Versprechen wahr, schob meinen Rock nach oben und fuhr mit dem Finger unter den Saum meines Slips.

»Du bist so bereit für mich, Baby«, brummte er zwischen zwei Küssen. »Ich kann es kaum erwarten, meine Zunge in deine Nässe zu tauchen.«

Ich stieß einen Laut aus, der einem Wimmern glich, während er über meine Vulva strich. Ich hatte keine Ahnung, dass man so starkes Verlangen empfinden konnte. Ich spürte eine alles versengende Glut zwischen meinen Beinen, die einerseits süß und zugleich lustvoll quälend war. Und dann war da dieses drängende Pochen, das unbedingt gestillt werden musste. Ich wollte mehr, ich wollte ihn. Oh Gott, ich wollte ihn so sehr, dass ich es kaum noch aushalten konnte.

Er löste seine Lippen von meinen und ging vor mir auf die Knie.

»Was …?«, stieß ich schwer atmend hervor. Er lachte heiser und riss mir das Höschen von den Hüften. Und dann begann er mich zu küssen. Dort unten.

Oh. Mein. Gott.

Ich sah Sternchen, schrie auf, als er seine Zunge um meine Knospe kreisen ließ. Ich vergrub meine Hände in seinen Haaren, krallte mich darin fest. Ihn schien es nicht zu stören, also hörte ich nicht damit auf. Ich legte meinen Kopf in den Nacken und genoss die Wellen der Erregung, die durch meinen Körper jagten. Mein Atem kam immer abgehackter, das Ziehen war mittlerweile unerträglich, jede Zelle in mir brannte lichterloh. Ich hatte nie zuvor etwas annähernd Ähnliches gespürt. Immer öfter stieß ich spitze Schreie aus, warf meinen Kopf hin und her. Ihm schien es zu gefallen, denn er stöhnte auf meine Klitoris, was mich vollends um den Verstand brachte.

Es ging so schnell, dass ich kaum wusste, wie mir geschah. Der Orgasmus kündigte sich nicht lange an, er fegte über mich hinweg wie ein tosender Sturm. Ich ließ mich fallen, stürzte in einen tiefen Abgrund und zersprang in tausend Teile. Er fing mich auf und wusste genau, was er tun musste, um meine Lust zu verlängern. Seine Liebkosungen wurden sanfter, bis ich schwer atmend zusammensackte. Er kniete vor mir, ich saß mit gespreizten Beinen vor ihm. Ich schämte mich nicht, wie ich es eigentlich von mir erwartet hätte. Immerhin kannten wir uns nicht. Vielleicht war das auch der Grund, warum ich mich gehen ließ. Ich wusste es nicht.

Im Gegenzug genoss ich es sehr, die Begierde in seinem Blick zu erkennen, seine feucht glitzernden Lippen anzusehen, die leicht geöffnet waren. Es war atemberaubend, sein leises Keuchen zu hören, obwohl er es gewesen war, der mir den besten Höhepunkt meines bisherigen Lebens geschenkt hatte. Es hatte ihn erregt, was mich einerseits erstaunte, andererseits glücklich machte. Das war mir alles fremd, und doch genoss ich jede Sekunde.

»Wie geht’s dir, Baby?« Er neigte seinen Kopf und küsste mich. Ich konnte mich schmecken, es war eigenartig, aber schön.

Ich ließ meine Finger über seinen Schritt gleiten und fühlte seine Erregung durch den Stoff. Er brummte, zog mich auf die Beine und küsste mich fordernd. Obwohl ich eben erst gekommen war, spürte ich erneut Verlangen in mir aufflammen. Ich nestelte an den Knöpfen seiner Jeans und befreite seinen harten Schwanz. Gott, er war imposant. Ich konnte die dicken Adern an seinem Schaft spüren. Ein paar Mal ließ ich meine Hände auf und abgleiten, bis er sie festhielt und stöhnte. »Du hast mich so heiß gemacht … warte …«

Er zog ein Kondom aus einem Portemonnaie, riss die Packung auf und war dabei, es sich überzustreifen, als plötzlich die volle Beleuchtung ansprang und sich der Lift mit einem Ruck in Bewegung setzte.

»Fuck«, stieß er schwer atmend hervor. »Wir sollten uns besser wieder anziehen.«

Ich blinzelte verwirrt, musste mich erst sortieren, bis ich begriff, dass der Stromausfall Geschichte war. Während er seine Erektion zurück in die Jeans drängte, nestelte ich an meinem Rock. Wir waren noch nicht ganz angezogen, als die Türen auch schon leise im Erdgeschoss aufglitten. Ich nahm meine Handtasche und folgte ihm in die Lobby der Space Needle. Meine Lippen waren von seinen Küssen geschwollen, ich durfte gar nicht an die anderen Teile meines Körpers denken, die er eben noch mit seiner Zunge liebkost hatte.

Meine Güte, ich hatte es wirklich fast mit einem Fremden getan. Ich war noch immer ganz wackelig auf den Beinen, was mich mit jedem Schritt daran erinnerte, dass ich nun zu den bösen Mädchen gehörte. Es fühlte sich verdammt gut an, und ich war zu allem bereit. Auf der Straße blieben wir stehen.

Ich sah zu ihm auf, das Bedauern in seinem Blick verpasste meinem Hochgefühl einen ersten Dämpfer. »Ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal sagen würde, aber ich wünschte, dieser verdammte Aufzug hätte ein wenig länger festgesteckt.« Ein trauriges Lächeln umspielte seine sinnlichen Lippen.

»Also, dann?«, erwiderte ich unsicher. Wenn er mich jetzt bat mitzukommen, ich würde es tun.

»Ein Jammer«, sagte er. »Ich wünsche dir alles Gute, aber ich muss jetzt los.« Dann drehte er sich um und ging im Regen davon.

Ich schaute ihm hinterher, bis ich ihn nicht mehr sehen konnte.

Mir war klar, dass wir im Aufzug eine Abmachung getroffen hatten: keine Namen, keine Verpflichtungen. Ich war trotzdem enttäuscht. Obwohl ich ihn nicht kannte, fühlte es sich so an, als hätte ich etwas Wichtiges verloren, was ich gerade erst gefunden hatte.

 


Kapitel 2

 

 

Megan

Ich saß bei meiner Freundin Nelly auf einem durchgesessenen Sofa, das das Zentrum des winzigen Wohnzimmers bildete. Ihre Wohnung war kaum größer als ein Pappkarton, aber hatte wenigstens ein separates Schlafzimmer, ein Bad mit Dusche und eine Kochzeile mit Kühlschrank in der Ecke des Raums. Das zusammen war weitaus mehr, als ich mein Eigen nennen konnte. Obwohl sie bei ihrem Arbeitgeber nicht schlecht verdiente, war diese Zwei-Zimmer-Wohnung alles, was sie sich in Seattle leisten konnte.

Ich konnte für ein paar Tage hierbleiben, längerfristig würde das nicht mit uns auf so engem Raum funktionieren. Für für eine begrenzte Zeit würde es sicher gehen. »Du hast was?« Die Stimme meiner Freundin Nelly klang unnatürlich hoch. Ihre Augen hatte sie weit aufgerissen.

Ich vergrub mein Gesicht zwischen den Händen. »Ich habe … naja, mit ihm rumgemacht.«

Nelly ließ sich im Sofa zurückplumpsen. »Wow, ist das wirklich die Megan Phelps, die ich kenne?«

Vorsichtig linste ich durch meine Finger und kicherte. »Ich kann es ja selbst kaum glauben.«

»Und, wirst du ihn wiedersehen?«

Ich ließ meine Hände sinken, ein seltsames Gefühl machte sich in meinem Bauch breit. »Ich glaube nicht.«

»Wieso nicht?«

»Weil ich keine Ahnung habe, wie er heißt.«

»Ihr habt keine Nummern ausgetauscht?«

Ich warf Nelly einen düsteren Blick zu. »Sorry, da bot sich jetzt nicht die passende Gelegenheit.«

»Okay«, meinte sie und machte eine abfällige Handbewegung. »Ist heute doch alles kein Problem mehr. Such ihn auf Facebook, oder in einem von diesen Business-Netzwerken, LinkedIn, oder wie heißt dieses andere? AngelList?«

»Hm«, machte ich. »Da werde ich kaum erfolgreich sein.«

»Hä? Google weiß doch alles.«

»Auch, wie sein vollständiger Name lautet?«

Der Gesichtsausdruck meiner Freundin war zum Totlachen, so sprachlos hatte ich sie bislang noch nie erlebt. »Nicht dein Ernst. Eben dachte ich noch, du machst Witze«, presste sie hervor.

Ich nickte. »Fürchte nicht.«

Sie fing sich schnell wieder und winkte ab. »Na gut, dann muss er eben dich finden.«

»Wohl kaum, ich hab ihm meinen Namen ja auch nicht gesagt.«

Nelly verdrehte die Augen und schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. »Ernsthaft? Der Kerl verschafft dir den besten O deines Lebens, und du lässt ihn laufen?«

»Wenn du es so sagst, klingt es irgendwie fies«, warf ich kleinlaut ein. »Sei nett zu mir, ich wurde eben verlassen.«

»Ja«, sie schaute böse. »Darauf kommen wir gleich noch zu sprechen.«

Ich hob eine Augenbraue. »Äh … ja?«

»Sollen wir deinen Kram gleich holen, oder doch lieber erst morgen?«

Unschlüssig nagte ich an meiner Unterlippe. »Ich weiß ja, dass er nicht zuhause ist, aber vielleicht doch lieber morgen?«

Nelly schnaubte. »Klar, das dachte ich mir schon. Das heißt, wir fahren jetzt.«

»Es ist schon nach elf«, warf ich kleinlaut ein.

»Und das macht einen Unterschied, weil?« Sie war schon aufgesprungen und dabei, in ihre Schuhe zu schlüpfen. Ich seufzte und stand ebenfalls auf, auch wenn ich lieber hiergeblieben wäre … aber ich hatte natürlich weder Pyjama noch Zahnbürste oder sonst was bei mir. Es würde also durchaus Sinn machen, meine Habseligkeiten einzusammeln, damit ich das Kapitel Sam tatsächlich heute noch abschließen konnte.

»Na, schön«,

Impressum

Verlag: Elaria

Texte: © Kate Simmons 2018
Bildmaterialien: https://www.shutterstock.com (Volodymyr Tverdokhlib)
Cover: ©authors-assistant (Britt Toth)
Lektorat/Korrektorat: Korrektorat: www.benisa-werbung.de
Tag der Veröffentlichung: 08.01.2019
ISBN: 978-3-96465-103-7

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