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Leseprobe

 

 

 

 

Herzklopfen inklusive – Kaffee von Jake

Liebesroman

 

Karin Lindberg

 

 

Take chances and go live life. Tell the ones you love, that you love them everyday. Don’t take any moment for granted. Life is worth living.

Liam Neeson

 

Dieses Buch ist allen Pflegern und Krankenschwestern gewidmet.

Ihr leistet Großartiges!


Lektorat: Katrin Engstfeld
Korrektorat: Martina König

Covergestaltung: Casandra Krammer

Copyright © Karin Lindberg 2017

Erstausgabe August 2017

 

www.karinlindberg.info

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Alle Rechte vorbehalten.

Jede Verwertung oder Vervielfältigung dieses Buches – auch auszugsweise – sowie die Übersetzung dieses Werkes ist nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet. Handlungen und Personen im Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

 

Prolog

Der Grösste Fehler, den man begehen konnte und am Ende vielleicht als einzigen bereute, war: die Jahre zu verschenken, ohne gelebt zu haben. Wenn man sich dessen endlich bewusst wurde, war es unter Umständen schon zu spät.

Madeleine hielt vor dem nächsten Bild inne und trat einen Schritt zurück, um das großformatige Werk ganzheitlich zu betrachten. Sie selbst hatte lange gebraucht, um zu begreifen, worum es wirklich ging. Und jetzt hatte sie es verdammt eilig, all das nachzuholen, was sie in vergangenen Jahrzehnten bewusst beiseitegeschoben oder schlichtweg verpasst hatte. Dennoch war sie kein Mensch, der kopflos handelte, und die Agentur Langham war ihr heilig. Schließlich war sie bis vor Kurzem ihr ganzer Lebensinhalt gewesen. Aber das sollte sich nun ändern.

Glücklicherweise hatte sie mit Viktoria eine fähige Mitarbeitern in ihren Reihen, die ihr Lebenswerk weiterführen würde, wenn sie den Chefsessel in naher Zukunft räumen würde. Viktoria hatte in den letzten Jahren bewiesen, dass sie in der Lage war, Madeleines Posten zu übernehmen. Sie war jung, ambitioniert und äußerst fokussiert. Darin lag allerdings auch ihre größte Schwäche – Viktoria begriff nicht, dass es eine Sache war, in ihrer Arbeit aufzugehen, eine gänzlich andere jedoch, die Arbeit als Schutzschild zu benutzen. Die ehrgeizige junge Frau tat nämlich Letzteres und das bereitete Madeleine zunehmend Kopfzerbrechen.

Sie nippte an ihrem Champagner und vertiefte sich in das Kunstwerk vor ihr. Es hieß: Seelenqual. Wie passend. Ein einzelnes Wort im richtigen Moment konnte die Dinge treffend auf den Punkt bringen. Lag nicht darin sogar die Antwort auf ihre Frage? Madeleine war sich nicht sicher und hier war weder die richtige Zeit noch der richtige Ort, dem auf den Grund zu gehen.

Sie versuchte erneut, sich auf das Gemälde zu konzentrieren. Die Pinselstriche waren kräftig und die Farben schrill. Die junge Künstlerin hatte sicher eine große Zukunft vor sich, aber bis ihre Werke reif für den Durchbruch wären, würden noch Jahre vergehen. Manche Dinge brauchten einfach Zeit. Talent musste reifen, wie ein guter Wein. Aber Potenzial war da, das ließ sich nicht bestreiten.

»Was denken Sie über das Werk?«, unterbrach eine durchdringende männliche Stimme ihre Gedanken.

Madeleine blickte in ein markantes, durchaus attraktives Gesicht.

»Ich weiß nicht so recht. Ein wenig zu laut, würde ich sagen.« Sie lachte.

»Das sehe ich genauso.«

»Aber es ist auch nicht schlecht«, fügte sie hinzu.

»Nein, ganz und gar nicht.«

»Werden Sie es kaufen?« Madeleines Lächeln wurde breiter.

»Ich überlege noch.« Ihr Gesprächspartner zuckte mit den Schultern und vergrub eine Hand lässig in der Hosentasche.

»Schlagen Sie zu. In ein paar Jahren wird die Künstlerin berühmt sein«, ermutigte Madeleine den Neuankömmling.

»Sie sind eine gute Verkäuferin.« Er grinste spitzbübisch, was ihn jünger wirken ließ, als er wahrscheinlich war.

»Und das, obwohl ich nicht mal hier arbeite«, scherzte sie.

»Das weiß ich doch. Darf ich mich vorstellen? Jake. Jake Carter.«

Der junge Mann reichte ihr die Hand. Sein Händedruck war fest und selbstsicher.

Gott sei Dank. Es gab wirklich nichts Schlimmeres als einen wabbeligen, feuchten Handschlag. Diese erste nonverbale Kommunikation sagte häufig mehr über eine Person aus als ein ganzer Lebenslauf.

Sein Name kam ihr irgendwie bekannt vor.

»Freut mich. Madeleine Langham. Sind Sie …?«

»Ja, genau. Ein Sprössling aus dem Hause Carter«, bestätigte er ihre unvollendete Frage nickend.

Ihr gefiel seine Aufgewecktheit. Er war gut und gern fünfundzwanzig Jahre jünger als sie, schätzte Madeleine. Deutlich zu jung für sie also.

»Sehr schön. Freut mich, Mr Carter. Wie laufen die Geschäfte? Ach, nennen Sie mich bitte Madeleine. So viel Förmlichkeit haben wir doch gar nicht nötig.«

Natürlich kannte sie seine Familie. Sie war zwar nicht mit seinen Eltern befreundet, aber hin und wieder lief man sich bei gesellschaftlichen Anlässen über den Weg.

»Gern, Madeleine. Soviel ich weiß, läuft es sogar ganz ausgezeichnet. Ich habe meinen aktiven Posten aufgegeben. Mein Bruder Ryder macht das auch ohne mich sehr gut. Ich sehe mich gerade nach einem neuen Betätigungsfeld um.«

Madeleine hob eine Augenbraue. »Tatsächlich? Das ist ja interessant. Was schwebt Ihnen vor? Es imponiert mir, wenn jemand den Mut hat, neue Wege zu gehen. Ich hoffe, die Frage ist nicht zu indiskret?«

Wenn er überrascht war, ließ er sich nichts anmerken.

»Überhaupt nicht. Ich habe mich noch nicht festgelegt.«

»Ein Mann Ihres Kalibers wird sich ja quasi aussuchen können, wo er einsteigt.«

Oder wo er sich einkauft, ergänzte sie im Stillen. Geld war für einen Sohn aus dem Hause Carter sicherlich kein Thema. Wenn es ihn nach einer neuen Herausforderung gelüstete, konnte er ein bestehendes Unternehmen kaufen und sich selbst als CEO einsetzen.

Noch ehe sie den Gedanken zu Ende gedacht hatte, schoss ihr eine ganz andere Idee durch den Kopf …

»Darf ich Ihnen noch ein Glas Champagner bringen?«, unterbrach er ihre Überlegungen.

»Natürlich, Jake. Sehr aufmerksam. Vielen Dank. Ich warte hier auf Sie.«

Der Gedanke reifte weiter in ihr, während sie auf Jake wartete.


Kapitel 1

Der Triumph war zum Greifen nah. Viktoria musste nur noch die Früchte ihrer Arbeit ernten. Und genau das würde sie heute tun.

Endlich, dachte sie, als sie ihren begehbaren Kleiderschrank betrat, um sich das passende Kostüm für ihren großen Tag auszusuchen. Barfuß schritt sie über den flauschigen Teppich und ging an den nach Farben sortierten Kleidungsstücken vorbei. Dabei fuhr sie mit den Fingerspitzen über die verschiedenen Stoffe.

Am Ende entschied sie sich für ein wenig spektakuläres Business-Kostüm in einem dezenten Grauton, dazu eine klassische weiße Bluse. Glänzende schwarze High Heels rundeten ihre Auswahl ab. Markennamen interessierten sie nicht besonders, trotzdem waren nur die besten und damit auch teuersten Designerstücke in ihrem Schrank zu finden. Qualität kostete nun mal.

Viktoria ging es auch bei ihrem Streben nach Erfolg nicht primär um Geld, sondern darum, ihr berufliches Ziel zu erreichen. Dass ihr Privatleben dabei zum größten Teil auf der Strecke blieb, interessierte sie nicht. Im Gegenteil: Je weniger Zeit zum Nachdenken übrig blieb, desto besser.

Auch wenn es ihr niemand anmerken würde, schlug ihr Herz höher, als sie eine Stunde später aus dem Aufzug stieg. Sie grüßte Lucy, die Empfangssekretärin der Agentur Langham, mit einem höflichen Kopfnicken. Viktoria war morgens meist eine der Ersten und abends eine der Letzten, die das Stockwerk verließen. Zu Hause wartete nichts und niemand auf sie – nur die Leere, die auch in ihrem Herzen wohnte. Aber heute war ein freudiger Tag und sie schüttelte die trüben Gedanken ab, bevor sie ihr das Glücksgefühl verderben konnten.

Schon in weniger als einer Stunde würde Madeleine Langham in der großen Managementrunde verkünden, dass sie, Viktoria, in Kürze die Agenturleitung übernehmen würde. Viktoria hatte lange und hart auf dieses Ziel hingearbeitet und sich diesen Posten redlich verdient. Sie hatte sich ihren Traum, Geschäftsführerin einer der größten und einflussreichsten Werbeagenturen des Landes zu werden, endlich erfüllt.

Die Absätze ihrer High Heels klapperten auf dem dunklen Parkett, als sie über den Flur zu ihrem Büro ging. Die Alltagsroutine half ihr, die Nervosität auf ein Minimum zu reduzieren. Wie üblich hängte sie als Erstes ihren cremefarbenen Trench an den Garderobenständer, klappte dann ihr Notebook auf und setzte sich an ihren Schreibtisch, um ihr Mailprogramm zu starten.

Der Londoner Skyline in ihrem Rücken schenkte sie an diesem Tag keine Beachtung. Dabei hatte sie eine Aussicht, für die andere morden würden. Aber Viktoria hatte sie oft genug genossen; mittlerweile rief das Panorama nur noch mäßige Begeisterung in ihr hervor, ihren Herzschlag trieb es schon lange nicht mehr in die Höhe.

Das Einzige, womit man sie in diesem Moment glücklich machen konnte, war Kaffee. Da Sarah, ihre Assistentin, sich heute freigenommen hatte, blieb ihr leider keine andere Wahl, als sich selbst darum zu kümmern.

Sie machte sich auf den Weg in die kleine Küche der Agentur, denn ohne den Muntermacher konnte sie nicht existieren. Mein beinahe einziges Laster, dachte sie, als sie die Kanne aus der Maschine zog und sich Kaffee eingoss. Koffein brauchte sie wie andere die Luft zum Atmen. Kein Wunder, üblicherweise schlief sie maximal fünf Stunden, um ihre gut gefüllten Tage noch effizienter zu gestalten.

Neben ihrem Job in der Agentur ging sie nur einem Hobby nach: Fitnesstraining. Dafür gönnte sie sich den Luxus einer Personal Trainerin. Als Ausgleich zu ihrer Tätigkeit am Schreibtisch brauchte sie etwas, bei dem sie sich hemmungslos auspowern und die angestaute Energie abbauen konnte. Nur wenn sie am Ende des Tages völlig erschöpft und ausgeglichen war, konnte sie einigermaßen sicher sein, dass die Albträume sie nicht heimsuchten.

Aus dem Augenwinkel nahm Viktoria wahr, wie jemand die Küche betrat. Sie drehte sich mit dem Kaffee in der Hand um und sah in ein markantes, sehr männliches Gesicht. Sie kannte ihn nicht, sie hatte ihn noch nie zuvor in der Agentur gesehen. Dass er sich verlaufen hatte, schloss sie aus. Er wirkte nicht wie jemand, der etwas suchte.

Der hochgewachsene Mann ließ seinen Blick unverhohlen über ihren Körper wandern, bis er schließlich bei ihren Augen angekommen war und sie anlächelte. Er wirkte ein bisschen steif. Typisch britisch, dachte sie, verzog aber keine Miene.

Sie nickte leicht und nahm die unverfrorene Musterung kommentarlos hin. Gleichzeitig nutzte sie die Zeit, um ihr Gegenüber einzuordnen.

Maßgeschneiderter Anzug, weißes Hemd, bei dem die oberen zwei Knöpfe nicht geschlossen waren. Er hatte zu seinem kurzen dunkelbraunen Haar einen leicht gebräunten Teint und war glatt rasiert. Auffällig waren seine breiten Schultern, die im Kontrast zu den schmalen Hüften standen. Er war gut gebaut, schlank, aber alles andere als hager. Wahrscheinlich trieb er wie sie selbst regelmäßig Sport, um sich fit zu halten.

Seine blaugrauen Augen ruhten nach wie vor auf ihr und feine Lachfältchen zeichneten sich um sie ab, während er nun grinste, ganz so, als wäre er immer für ein Späßchen zu haben.

»Oh, guten Morgen! Sind Sie so gut und bringen mir auch einen Kaffee? Mein Büro ist am Ende des Flurs«, unterbrach er schließlich das Schweigen mit seinem kräftigen Bariton.

Beinahe wäre Viktorias Kiefer nach unten geklappt. Gerade noch rechtzeitig fand sie ihre Fassung wieder und schluckte diesen Tiefschlag kommentarlos. Er hielt sie für eine der Sekretärinnen? Unglaublich.

Bevor sie etwas antworten konnte, war der arrogante Kerl wieder aus der Küche verschwunden. Als für sie einzig logische Reaktion knallte Viktoria die Schranktür zu. Er würde früh genug mitbekommen, wer sie war, und dann würde es ihm leidtun, sie zum Kaffeeholen degradiert zu haben. Garantiert.

Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Heute würde gar nichts, absolut nichts, ihre Stimmung trüben. Den Kaffee konnte er sich allerdings selbst holen. So weit würde es noch kommen!

Aber wieso hatte Madeleine ihr nichts von einem neuen Kollegen erzählt? Gestern Abend waren sie noch gemeinsam essen gewesen, da hätte sie die Gelegenheit gehabt, Viktoria über ein neues Teammitglied zu informieren. Schließlich hatten sie den Großteil der Zeit über die Agentur gesprochen. Oder hatte sie nicht richtig zugehört?

Sie ließ den Abend noch einmal Revue passieren. Einige seltsame Bemerkungen hatte Madeleine tatsächlich fallen gelassen, von wegen, sie müsse sich ein Leben neben der Agentur aufbauen und dürfe nicht all ihre Energie ausschließlich in ihre Arbeit stecken. Aber Viktoria hatte es als unwichtigen Small Talk abgetan, schließlich machte ihre Chefin ihr selbst etwas ganz anderes vor. Madeleine lebte für die Agentur Langham, seit ihr Mann verstorben war.

Nein, das konnte sie also nicht gemeint haben. Und außerdem – mit einem neuen Kollegen hatte das nichts zu tun. Viktoria und Madeleine unterhielten ein ausgesprochen gutes, beinahe freundschaftliches Verhältnis. Normalerweise würde die Chefin ihre Nachfolgerin informieren, wenn sie jemand Neuen für das Team einstellte. Es sei denn natürlich, derjenige füllte nur eine unwichtige Position aus. Aber so hatte der Brite nicht auf sie gewirkt, ganz und gar nicht. Die selbstsichere Ausstrahlung, die Kleidung, der Kaffeeauftrag … Und sein Büro, das direkt neben ihrem lag, war nicht gerade ein Sekretärinnenzimmer. Das passte irgendwie nicht zusammen und zum ersten Mal an diesem Morgen keimten leise Zweifel in ihr auf.

Es musste sein erster Tag sein – er trug vielleicht einfach ein bisschen dick auf und würde ein anderes Büro bekommen, schlussfolgerte sie und zuckte gleichgültig mit den Schultern. Sicher hatte er eine Position auf der Executive-Ebene bekommen, war also nur ein mittelgroßes Licht in der Agentur.

Viktoria fuhr unbewusst mit dem Zeigefinger über den Tassenrand, während sie überlegte, wo ein neuer Kollege sinnvoll eingesetzt werden könnte. Im Kreativ-Team brauchten sie dringend Unterstützung, derzeit gab es zu häufig Stau bei der Umsetzung ihrer Ideen. Das war plausibel, das Thema hatten sie mehrmals in Madeleines Büro diskutiert. Sicherlich hatte sie einfach vergessen, ihr den Neuzugang anzukündigen, und für den Moment war es Viktoria auch egal, wofür er eingestellt worden war. Nach der großen Verkündigung blieb genug Zeit, herauszufinden, in welchem Bereich er für die Agentur Langham tätig sein würde.

Viktoria atmete tief durch, verließ mit gestrafftem Rücken die Küche und machte sich auf den Weg zum Besprechungszimmer. Sie war eine der Ersten, aber das war nicht ungewöhnlich. Viktoria hasste Unpünktlichkeit, da es in ihren Augen ein Zeichen von Unprofessionalität war, Menschen, mit denen man verabredet war, warten zu lassen. Egal ob beruflich oder privat. Außerdem verurteilte die Chefin Zuspätkommen bei ihren Mitarbeitern aufs Schärfste. Allein deswegen waren eigentlich so gut wie immer alle zur rechten Zeit versammelt, denn ihren Zorn wollte niemand zu spüren bekommen.

Madeleine Langham verlangte mehr als andere. Einen Job bei ihrer Agentur zu haben, bedeutete aber auch, dass man in der Premier League der Werbung angekommen war. Und dafür zahlte man gern den Preis in Form von häufigen Überstunden, manchmal nahezu übermenschlichem Engagement und bedingungsloser Loyalität. Madeleine fackelte nicht lange, wenn sie der Meinung war, jemand passte nicht ins Team. Dann saßen die Betroffenen schneller auf der Straße, als sie sich umsehen konnten. Ihren Mitarbeitern war bewusst, dass ihre Chefin nichts über ihre Autorität gehen ließ, und sie verhielten sich dementsprechend.

Um die Wartezeit zu verkürzen, wechselte Viktoria ein paar Worte mit Jeff, dem Kreativdirektor der Agentur, bevor sie sich auf ihrem Stammplatz niederließ und noch einige Mails auf dem Smartphone bearbeitete. Er hatte nichts von einem neuen Kollegen gesagt, also hatte er kein neues Mitglied in seinem Team zu verzeichnen. Sehr merkwürdig. Aber ihr großer Moment rückte immer näher und sie wollte sich jetzt nicht über etwas Gedanken machen, das sie nicht unmittelbar betraf.

Nach und nach trudelten immer mehr Kollegen des Management-Teams im Besprechungsraum ein. Madeleine kam wie üblich als Letzte in den Raum. Dieses Verhalten unterstrich ihren autoritären Führungsstil. Sie konnte es sich erlauben, zu kommen, wenn alle bereits versammelt waren. Sie nutzte ihren Auftritt, um klarzumachen, wer hier das Sagen hatte.

Man sah ihr nicht an, dass sie die sechzig überschritten hatte, was wahrscheinlich auch an den regelmäßigen Botoxbehandlungen lag. Zudem hatte sie kein Gramm Fett zu viel auf den Rippen und verkörperte Stil und Eleganz. Diese Ausstrahlung konnte man nicht erwerben. Entweder man hatte sie – oder nicht.

Heute trug Madeleine eine cremefarbene Schluppenbluse und einen fliederfarbenen Pencil Skirt, der sich ihren zarten Rundungen perfekt anpasste. Ihr kastanienbraunes Haar fiel in sanften Wellen über ihre schmalen Schultern.

Häufiger hielten Kunden Viktoria für Madeleines Tochter, denn sie hatten nicht nur ein ähnliches Gespür fürs Geschäft, sondern glichen sich auch äußerlich mit ihren langen Haaren und der schlanken Silhouette. Zusätzlich waren beide absolute Karrierejunkies, die ihren Job allem anderen voranstellten. Dass sie darüber hinaus eine Gemeinsamkeit hatten, wusste nur Viktoria. Beide wussten, wie schwer ein Verlust wog. Madeleine hatte die Agentur nach dem frühen Krebstod ihres Ehemannes vor fünfundzwanzig Jahren allein weitergeführt, und das sehr erfolgreich. Aber egal, wie viel Ähnlichkeit sie hatten, Viktoria war nicht Madeleines Abziehbild. Manchmal fühlte es sich dennoch so an, als wäre sie zumindest eine Ziehtochter, auch weil Madeleine ihr mit dem Job in der Agentur wieder einen Sinn im Leben gegeben hatte, als ihr alles leer und unwirklich erschienen war. Sie hatte diese Chance genutzt und jahrelang hart geackert, um die Position zu erreichen, die sie heute innehatte.

»Guten Morgen«, lächelte Madeleine erhaben, blieb vor dem ovalen Besprechungstisch stehen und legte ihre Hände flach auf die Tischplatte. Sie sah sich um, runzelte die Stirn und fuhr dann fort. »Wir sind beinahe komplett.«

Viktoria hob eine Augenbraue und überblickte die Runde. Sie vermisste niemanden. Da ging die Tür auf und der Neue kam – mit einer Tasse Kaffee in der Hand – eilig in den Besprechungsraum.

»Entschuldigen Sie bitte«, nickte er mit einem Augenzwinkern in die Runde, »ich kenne mich hier noch nicht ganz aus.«

In diesem Moment wuchsen Viktorias Zweifel meterhoch. Irgendwas stimmte nicht.

Sie nippte an ihrem mittlerweile nur noch lauwarmen Kaffee und lehnte sich mit überschlagenen Beinen zurück, um sich ihr Befremden nicht anmerken zu lassen.

»Ah, da sind Sie ja endlich, Jake«, fuhr Madeleine etwas ungeduldig fort.

Jake hieß der Schnösel also. Viktorias Kopfhaut kribbelte.

»Kommen Sie an meine Seite, Junge.« Madeleine legte ihm eine Hand auf den Arm und strahlte Jake an.

Diese Vertraulichkeit war nicht gut. Gar nicht gut. Eine dunkle Vorahnung beschlich Viktoria.

Während sie noch mit sich rang, richtete Madeleine sich wieder ans Management: »Da wir nun endlich vollzählig sind, möchte ich die Gelegenheit als Erstes nutzen, um Ihnen Jake Carter vorzustellen. Dieser ehrgeizige Mann hier an meiner Seite wird die Position des Senior Vice President ausfüllen und Hand in Hand mit mir und Viktoria arbeiten.«

Einige Kollegen tauschten verstohlene Blicke, die alte Ziege aus der Buchhaltung grinste Viktoria sogar ganz unverhohlen an. Damit hatte anscheinend niemand gerechnet, am wenigsten Viktoria selbst. Ihr Mund fühlte sich trocken an und ihr Magen war ein einziger Knoten.

Das konnte doch nicht Madeleines Ernst sein! Was war hier los?

Nur am Rande nahm sie die kurze Vorstellung ihres neuen Kollegen wahr. Er strahlte in die Runde und erzählte über seinen bisherigen Werdegang. Außer »Cambridge« und »London School of Economics« hörte sie kaum etwas von dem, was er sagte. Zu tief saß der Schock. Viktorias Traum, die Agenturleitung am heutigen Tag übertragen zu bekommen, war nicht nur zerplatzt, schlimmer noch: Madeleine hatte ihr einen gleichgestellten Typen an die Seite geholt, der ihre bisherige Position sogar noch schwächte.

Übelkeit wallte erneut in ihr auf, aber sie hielt die Fassade aufrecht. Sie war zu geübt darin, ihre Empfindungen zu verbergen, als dass man ihr angesehen hätte, was sie dachte.

 

Bis zum Ende der Management-Runde hatte sie vergeblich gehofft, dass Madeleine sie doch noch wie ursprünglich abgesprochen zu ihrer Nachfolgerin ernennen würde, aber nichts dergleichen war geschehen. Viktoria fragte sich, was passiert war, dass Madeleine sie derart vor allen degradiert hatte. Als nichts anderes konnte man diese Aktion bezeichnen. Warum hatte sie sie vor vollendete Tatsachen gestellt? War ihre Chefin nicht mehr zufrieden mit ihrer Arbeit? Das war unmöglich, aber die einzig logische Erklärung für diese Wendung. Aber nein, erst gestern hatte sie sie überschwänglich gelobt.

Egal wie sie es drehte und wendete, es war einfach nicht logisch zu erklären und Viktoria verstand die Welt nicht mehr. Sie hatte dringenden Gesprächsbedarf.

Nach dem Meeting – Viktoria hatte den Sitzungsraum als Erste verlassen – stapfte sie schnurstracks zu Madeleines Büro und trat ein. Sie lief unruhig auf und ab, bis ihre Chefin endlich eintraf.

»Viktoria«, tat Madeleine ganz erstaunt, obwohl sie damit gerechnet haben musste, dass Viktoria das Gespräch suchen würde, um eine Erklärung zu fordern. »Was kann ich für dich tun?«, fuhr sie mit nichtssagender Miene fort.

»Madeleine – was für eine Neuigkeit. Hättest du vielleicht die Freundlichkeit, mir zu erklären, aus welchem Grund du mich vor versammelter Mannschaft entgegen aller Abmachungen so mit dem neuen Kollegen … überrascht hast?«

Madeleine schritt auf ihren Zehn-Zentimeter-Absätzen um den Designerschreibtisch herum und setzte sich mit einer eleganten Bewegung in ihren dunklen Chefsessel. Dabei ließ sie Viktoria keine Sekunde aus den Augen.

»Meine Liebe …«, fing sie an, als es kurz klopfte und Jake, ohne eine Antwort abzuwarten, ins Büro trat.

Der Mann hatte vielleicht ein Timing!

Viktoria atmete tief durch und zählte innerlich bis fünf. Obwohl sie vor Wut kochte, ließ sie sich nichts anmerken. Sie kannte Jake gerade mal ein paar Minuten und er lag auf ihrer Popularitätsskala bereits weit unter ihrem Ex-Prof. Und das wollte was heißen.

»Jake«, kommentierte Madeleine sein unaufgefordertes Eintreten, »wie gut, dass ihr beide hier seid. Ich muss euch noch etwas mitteilen, das ich nicht in der Management-Runde zur Sprache bringen wollte …«

Aha. Madeleine hat also doch Hintergedanken. Sie hat es tatsächlich schon länger geplant, schoss es Viktoria durch den Kopf.

Gleichzeitig musterte sie Jake. Er stand lässig und selbstsicher, mit einer Hand in der Hosentasche, neben ihr. Wäre er ihr in einer Bar begegnet und nicht in ihrem Revier, hätte sie ihn sogar als attraktiv bezeichnet. Aber in diesem Fall war er ihr Konkurrent und alles andere zählte nicht. Er war der Feind und den galt es, zu eliminieren.

»In den kommenden Wochen sehe ich mir an, wie ihr arbeitet, und anschließend entscheide ich, wer die Leitung der Agentur übernimmt. Wie ihr beide wisst, habe ich vor, mich zur Ruhe zu setzen, und brauche einen Nachfolger – oder eine Nachfolgerin.«

Viktoria verstand die Worte, aber nicht den Sinn dieser Aktion. Woher der plötzliche Sinneswandel?

Schön, sie musste also einen Konkurrenten ausschalten, um an ihr Ziel zu kommen. Es war absurd und irgendwie fühlte Viktoria sich von Madeleine hintergangen. Sicher, es war ihre Firma, aber nach all den Jahren hatte sie doch etwas mehr Offenheit verdient. Oder hatte sie beim gestrigen Dinner doch etwas nicht gehört – oder hören wollen? Es sah ganz danach aus, anders konnte sie sich die Überraschung des heutigen Tages nicht erklären.

Viktoria sah Jake direkt an, dabei gab sie sich dieses mal keine Mühe, zu verbergen, dass sie von der Situation alles andere als begeistert war. Natürlich konnte sie den Kerl locker in die Tasche stecken, redete sie sich innerlich Mut nach diesem derben Tiefschlag zu.

In genau diesem Moment wandte er sich ihr zu, Viktoria fühlte sich ertappt und ihr Gesicht brannte. Seine klaren Augen ruhten weiterhin auf ihr und es fühlte sich beinahe so an, als könnte er direkt in ihre Seele blicken. Selten hatte sie sich so durchschaubar und damit angreifbar gefühlt. Das brachte sie aus dem Gleichgewicht und sie sah weg, bevor er womöglich etwas in ihr lesen konnte, was ihn absolut nichts anging.

Jake hatte etwas an sich, das ihr ganz und gar nicht behagte. Er strahlte diese unbändige Kraft und Stärke aus, wie man es von Alphas gewohnt war. Bisher war sie, nach Madeleine, die unangefochtene Nummer zwei in der Agentur Langham gewesen und nun stand er plötzlich neben ihr. Er hatte hier nichts zu suchen, ihr gebührte der Geschäftsführungsposten und sonst niemandem.

Sie spürte, wie Hass in ihr aufwallte.

»Was soll das, Madeleine?«, fragte Viktoria. Ihre Stimme klang glücklicherweise kühl und beherrscht und verriet nichts von dem Aufruhr in ihrem Inneren.

Madeleine zögerte einen Moment, schaute zuerst Jake und dann Viktoria mit nichtssagender Miene an, bevor sie antwortete: »Meine Agentur. Meine Entscheidung.«

Unfucking fassbar, schoss es Viktoria durch den Kopf.

Sie bemerkte, dass Jakes Mundwinkel zuckten, während er die Arme vor seiner breiten Brust verschränkte.

»Er ist nicht mal aus der Branche!«, protestierte Viktoria kleinlaut.

Zum einen hatte sie noch nie was von ihm gehört, zum anderen hatte sie ihn während der Sitzung gegoogelt. Ein Sprössling aus gutem Hause, keine nennenswerten Skandale oder Erfolge. Ein Niemand.

Ein millionenschwerer Niemand, korrigierte sie sich im Stillen. Wahrscheinlich bot er Madeleine Geld für die Agentur, dabei hatte sie immer wieder beteuert, dass es ihr genau darum nicht gehe. Elende Lügnerin!

»Genug davon«, sagte Madeleine gelangweilt und wedelte ungeduldig mit ihren manikürten Fingern. »Er hat großes Potenzial, Viktoria. Ihr habt beide eine faire Chance. Ich will mir absolut sicher sein, in wessen Hände ich meine Firma gebe.«

Viktoria holte gerade Luft für eine Antwort, aber Jake war schneller.

»Wenn ich sowieso keine Ahnung habe, brauchst du dir ja keine Sorgen zu machen, Viktoria.«

Seine Stimme klang amüsiert. Er machte sich auch noch lustig über sie? Das war ja wohl die Höhe.

Viktoria presste ihre Kiefer aufeinander und straffte sich.

»Schluss jetzt!«, mischte Madeleine sich jetzt deutlich energischer ein. »Sobald ihr so weit seid, präsentiert ihr mir euer Konzept für unseren – hoffentlich – zukünftigen Kunden Wilken. Und … lasst euch nicht zu lange Zeit. Der Bessere von euch bekommt den Zuschlag. Und jetzt raus aus meinem Büro. Alle beide!«

Es war immer noch schwer für Viktoria, zu glauben, was in den letzten Stunden passiert war. Aber eines war klar: Sie befand sich im Krieg! Und mit Madeleine hatte sie auch noch ein Hühnchen zu rupfen, wenn sie diesen Blödmann Jake Carter losgeworden war.

Mit zusammengepressten Zähnen rauschte Viktoria aus dem Büro ihrer Chefin und unterdrückte den Fluch, der ihr auf den Lippen lag. Laut hallten ihre Absätze über den Boden des Gangs, während sie innerlich noch einmal langsam bis zehn zählte, um sich zu beruhigen. Die Methode wirkte normalerweise zuverlässig, nur heute wollte es ihr nicht so recht gelingen.

Auch für den Rest des Tages schaffte sie es kaum, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren.

Madeleine hatte ihr mit ihrer heutigen Aktion schlichtweg den Boden unter den Füßen weggerissen. Ihre Zukunft war perfekt geplant gewesen. Sie hatte sich jahrelang buchstäblich den Arsch für die Agentur Langham aufgerissen. Tag und Nacht. Am Wochenende, im Urlaub. Zu jeder Zeit. Und dann kam so ein dahergelaufenes Söhnchen, der ihr die Position streitig machen wollte?

Niemals! Dafür würde sie sorgen. Der Kerl würde nicht der Erste sein, der sich an ihr die Zähne ausbiss. Dafür hatte Viktoria schon zu viel erlebt, zu viel gesehen und zu viel mitgemacht, als dass sie sich so kurz vor dem Ziel die Butter vom Brot nehmen lassen würde.

Mit diesem Gedanken fühlte sie sich besser. Zuversichtlich öffnete sie den Browser ihres Laptops und atmete erneut tief ein und aus, bevor sie mit ihrer Arbeit fortfuhr.

 


Kapitel 2

Jake lehnte sich zufrieden an das kühle Leder seines Drehstuhls und genoss den Ausblick auf Londons City. Sein neues Büro hatte was. Definitiv.

Er kaute auf seinem Kugelschreiber, während er nachdachte. Natürlich hätte er es nicht nötig gehabt, in der Agentur Langham anzuheuern. Kohle hatte er weiß Gott genug. Das Imperium seiner Familie war weitverzweigt und er hätte ganz einfach seine Position im Carter-Konzern festigen können. Aber nach dem letzten Streit mit seinem Vater, der ihm zum wiederholten Male unter die Nase gerieben hatte, dass er seinen Sohn gern mal der freien Wildbahn überlassen würde, um ihn fit für das echte Wirtschaftsleben zu machen, hatte Jake nun das Bedürfnis, zu beweisen, dass er es draufhatte. Sein Leben war in dieser Hinsicht bis dato sehr bequem gewesen, man konnte fast sagen: langweilig. Und dann war er in einer Bierlaune auf die dumme Idee gekommen, mit seinem besten Freund Mike zu wetten. Wobei man fairerweise dazusagen musste, dass Mike ihn provoziert hatte und Jake so was grundsätzlich nie auf sich sitzen ließ. Mikes Sticheleien waren der Tropfen gewesen, der das Vater-Sohn-Fass zum Überlaufen gebracht hatte.

Dabei hatte der Abend ganz gechillt angefangen. Sie waren, wie so oft an einem Samstag, unterwegs gewesen. Aus heiterem Himmel hatte sein Kumpel, als sie bei der Garderobe ihres Stammclubs hatten warten müssen, damit angefangen, dass Jake als Kind aus reichem Hause es allein nie zu etwas bringen würde. Ohne Papas Geld würde er ein Niemand sein und es nie ganz nach oben auf der Karriereleiter schaffen. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Jake zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden können: Mike die Fresse zu polieren und ihn die längste Zeit als Freund bezeichnet zu haben oder die Herausforderung anzunehmen und ein für alle Mal klarzustellen, dass er es ebenso in einem externen Arbeitsverhältnis schaffen würde.

Die Freundschaft war ihm wichtiger gewesen.

Tja, und die Werbebranche hatte ihn eigentlich schon immer gereizt. Außerdem ging es um einen Sportwagen, den der Sieger bekommen würde.

Jake mochte Autos. Vor allem die flachen und besonders schnellen, sei es ein Lamborghini, Ferrari oder Maserati.

Für den Gewinner bedeutete der Sieg, dass er einen nigelnagelneuen Maserati GranTurismo unter dem Hintern haben würde. Und das würde Jake sein.

Deswegen saß er nun in einer der einflussreichsten Agenturen Londons und strebte nach der Leitung. Für ihn hatte festgestanden, dass er nicht komplett bei null anfangen wollte, schließlich sollte ihn sein kleines Erfolgsprojekt nicht über mehrere Jahre von Gründung bis Börsengang beschäftigen. Er würde diese Firma übernehmen, expandieren und dann möglicherweise an den Meistbietenden verkaufen, wenn er fertig damit war.

Die Kleine von nebenan würde ihm dabei nicht im Weg stehen, dafür würde er sorgen. Er kannte karrieregeile Tussen wie diese zur Genüge, und sie nervten ihn. Gewaltig.

Elena, seine Ex, war eine vom selben Schlag wie Viktoria. Er war froh, dass er sie losgeworden war, noch bevor er Unsummen in eine Scheidung hatte investieren müssen. Denn diese Sorte Frau änderte sich nie. Wobei genau genommen sie ihn verlassen hatte, nachdem sie ihn betrogen hatte.

Egal. Elena war Geschichte und von jetzt an würde er die Finger von karrierebesessenen Frauen lassen. Einmal verbrannt, für immer gebannt.

Schnell schüttelte er die Gedanken an seine Ex ab. Er hatte keine Zeit zu verschwenden, sondern musste sich schnellstmöglich ein Bild über die Gesamtsituation des Pitches machen und dann den Auftrag an Land ziehen. Ihm blieb wenig Zeit, sich gründlich einzuarbeiten, denn die hübsche Viktoria war ein durchaus ernst zu nehmender Gegner und sie sollte keinen allzu großen Vorsprung bekommen.

Jenseits ihres Sexappeals hatte sie sicher auch was auf dem Kasten, sonst wäre sie nicht als Madeleines Vize in der Agentur tätig. Jake hatte seine Hausaufgaben gemacht und über seine Rivalin geforscht, auch wenn es diesbezüglich kaum Informationen im Netz gab. Aber ihr beruflicher Track-Record, seit sie für Langham tätig war, war beachtlich.

Entschlossen machte er sich an die Arbeit, um am Ende nicht doch noch den Kürzeren zu ziehen.

 

Jake war vertieft in seine Recherche, als sein Handy piepte. Er nahm es zur Hand und sah, dass er eine Snapchat-Nachricht bekommen hatte. Von Viktoria.

Sie war schnell. Sogar verdammt schnell. Es imponierte ihm ein bisschen, dass sie sich innerhalb kürzester Zeit seine Kontaktinformationen besorgt hatte und direkt loslegte. Er war gespannt, was sie ihm über diese App mitteilen wollte.

Eine Videobotschaft.

Sieh mal einer an, was will die Kleine von mir?

Ein Lächeln umspielte seine Lippen, als er sich ihre Nachricht ansah.

In dem kurzen Filmchen sah er Viktoria in ihrem Büro sitzen, das hübsche herzförmige Gesicht im Zentrum des Screens lächelnd.

»Verpiss dich aus meinem Revier, sonst wird es ungemütlich für dich!«

Jake lachte laut auf. Diese Schlange. Es gab keine Möglichkeit, die Nachricht zu speichern. Ein Screenshot brachte in dem Fall auch nichts, da sie freundlich ihre geraden weißen Zähne zeigte. Oder eher: fletschte. Deswegen also über Snapchat.

Aber was sie konnte, konnte er schon lange. Kurzerhand sandte er ihr eine Videobotschaft zurück.

»Der Bessere möge gewinnen.«

Jake legte sein Smartphone zur Seite. Vielleicht würde die Sache doch noch ganz amüsant werden. Wenigstens spielte sie mit offenen Karten. Dazu gehörte eine ordentliche Portion Rückgrat, und die hatte sie anscheinend – neben ganz netten Kurven. Die waren ihm natürlich auch nicht entgangen.

Es sollte ihn nicht interessieren, ob sie hübsch oder hässlich war. Er würde sich nicht ablenken lassen und ihr einfach keine weitere Beachtung schenken.

»Mr Carter?«, hörte er seine Sekretärin.

Er unterdrückte ein Grinsen, als er daran dachte, dass er am Morgen Viktoria irrtümlich für eine der Assistentinnen in der Agentur gehalten hatte. Kein gelungener Einstieg, aber er war auch nicht auf der Suche nach einer neuen besten Freundin, von dem her war es egal. Im Gegenteil, er konnte sich jetzt vorstellen, wie sehr er Viktoria mit seiner Bitte um eine Tasse Kaffee beleidigt hatte. Jetzt realisierte er auch, warum sie ihn in der Küche so merkwürdig angesehen hatte.

Göttlich. Einfach göttlich.

»Ja bitte?«, erwiderte er gut gelaunt.

»Ich habe einige Informationen für Sie zusammengestellt. Wenn Sie Zeit hätten, könnte ich sie mit Ihnen durchgehen?«

»Sicher, kommen Sie.« Er stand kurz auf und deutete auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch.

Bereits nach zehn Minuten war ihm klar, dass die blonde Miss Dashwood nicht die hellste Kerze auf der Torte war. Wie hatte sie den Job nur bekommen? Ihr einziger Vorteil, neben ihrem Aussehen, war, dass sie die Vorgänge in der Agentur kannte und ihm erklären konnte, wie der Hase hier lief. Er würde ihr also eine Chance geben. So schlimm würde es schon nicht werden, schließlich sollte sie für ihn nicht die Relativitätstheorie neu erfinden. Ein paar Emails schreiben, telefonieren und Unterlagen zusammenstellen, das würde sie sicher hinbekommen.

»Gut, dann recherchieren Sie bitte noch weiter zu dem Thema und geben mir morgen früh Ihre Zusammenfassung, ja?«, beendete er das Gespräch und seufzte leise auf, als sie sein Büro wieder verlassen hatte. Hoffentlich beging er damit keinen Fehler. Er hatte jede Hilfe nötig, da er, wie Viktoria ihm direkt vor Madeleine aufs Brot geschmiert hatte, keine Ahnung von dieser Branche und außerdem nicht die Zeit hatte, sich um alles selbst zu kümmern.

Während er sich in den letzten Tagen auf seine neue Position vorbereitet hatte, war ihm mit jeder analysierten Kampagne klarer geworden, dass es bei der Agentur Langham nicht nur um spektakuläre Auftritte ging. Werbung zu machen, war keine atemberaubende Abfolge brillanter Transaktionen. Die Arbeit in einer Agentur wie dieser beinhaltete vor allem den behutsamen Aufbau und die akribische Pflege von Kundenbeziehungen, worauf ihn Madeleine beim Einstellungsgespräch mehrfach eindringlich hingewiesen hatte. Vertrauen war die Grundlage für die ganz großen Mandate und dafür brauchte es präzise Arbeit als Voraussetzung und Katalysator der Zusammenarbeit. Das wiederum war vertrautes Terrain – darum ging es auch in dem Business, aus dem er kam. Glücklicherweise hatte er gern mit Menschen zu tun, das war sogar eines der wenigen Komplimente, die sein Vater ihm gemacht hatte: dass kaum einer besser auf Managementebene mit Mitarbeitern und Geschäftspartnern umgehen könne als Jake. Seine Stärken würde er sich nun in der Agentur zunutze machen.

Zufrieden lächelnd zog er seinen Laptop ein Stück näher zu sich heran und öffnete den Internetbrowser. Als Erstes musste er eine Menge über Mineralwasser lernen. Damit wäre er sicher für den Rest des Tages beschäftigt.

 

Viktoria rieb sich die Nasenwurzel. Es war bereits kurz vor acht, aber sie hatte bei Weitem nicht das geschafft, was sie sich vorgenommen hatte. Sie seufzte resigniert, drehte sich mit ihrem Bürostuhl und legte die Füße auf das Fensterbrett. In ihren Händen spielte sie mit einem Rubik’s Cube, dem berühmten Zauberwürfel der Achtziger. Das beruhigte üblicherweise ihre Nerven, heute jedoch blieb die erwünschte Wirkung aus. Leider.

»Scheiße«, stöhnte sie leise und schwang ihre schlanken Beine auf den Boden. »Es hat einfach keinen Sinn.«

Kurzerhand packte sie ihre Unterlagen und das Notebook zusammen, schaltete die kleine Stehlampe auf ihrem Schreibtisch aus und verließ ihr Büro.

Ihre Laune besserte sich nicht, als sie noch Licht in Jakes Büro brennen sah. Natürlich saß dieser kleine Arschkriecher an seinem Schreibtisch und arbeitete an ihrem Niedergang.

Heute würde sie nichts mehr unternehmen, um das zu verhindern. Sie musste als Erstes einen klaren Kopf bekommen, außerdem war sie mit ihrer Personal Trainerin Samantha zum Squash verabredet – und die Bewegung brauchte sie nach diesem Tag ganz besonders.

 

»Was ist heute nur los mit dir?«, fragte Samantha, nachdem sie auch den zweiten Satz beinahe zu null gewonnen hatte.

»Ich weiß auch nicht, ich gebe mir jetzt mehr Mühe«, gab Viktoria mürrisch zurück. »Lass uns weiterspielen.«

»Soll ich dir noch mal den Arsch versohlen, Schätzchen?«, witzelte Samantha.

»Wir werden gleich sehen, wer hier wem den Arsch versohlt. Ich muss mich dringend abreagieren!«

Samantha hob eine Augenbraue, nahm den kleinen Gummiball vom Boden und drückte ihn Viktoria in die Hand. »Gut, dann konzentrier dich, sonst können wir uns das hier sparen.«

»Ja, Mama.« Viktoria begab sich in Position und tippte ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden.

Samantha lächelte schief, nahm sich ihr Handtuch aus der Ecke und wischte sich damit den Schweiß aus ihrem hübschen Gesicht. »Du bezahlst mich dafür, dass ich dich antreibe, schon vergessen?«
»Wie könnte ich! Bei den Stundenpreisen!«, lachte Viktoria jetzt.

Dabei konnten sie sich vertrauensvoll anzicken, weil sie mehr als das Gehalt verband. Bei Samantha musste Viktoria sich nicht verstellen, weil es nicht ums Geschäft ging. Mit ihr konnte sie beim Joggen, Hiken, CrossFit, egal wann, über alles reden. Sie verbrachten mehr Zeit zusammen als mit ihrer Familie, was aber auch daran lag, dass Viktoria selten nach Hamburg reiste. Sie pflegte zu ihrem Bruder Elias ein durchaus inniges Verhältnis, aber weil sie beide beruflich sehr eingespannt waren, trafen sie sich nur selten. Und wenn Elias nicht gerade mit einem Deal beschäftigt war, tobte er mit einer hübschen Frau durch die Betten dieser Erde. Sehr zum Leidwesen ihrer Mutter, die sich für ihren Sohn wünschte, dass er endlich etwas ruhiger wurde und sich eine feste Partnerin suchte. Bei Viktoria hatte sie es aufgegeben. Ihr war klar, dass sie dafür noch nicht wieder bereit war. Es vielleicht niemals sein würde.

»Dann fang endlich an, oder soll ich Spinnweben ansetzen?«, holte Samantha sie zurück in die Realität.

»Bitte schön, es geht los!« Viktoria positionierte sich für ihren Aufschlag. Dieses Mal würde sie sich nicht wieder von Samantha in die Ecke treiben lassen.

Reiß dich endlich zusammen, Viktoria, ermahnte sie sich noch einmal selbst und warf den Ball in die Luft. Aber es hatte keinen Sinn. Sie war einfach nicht bei der Sache. Auch den dritten Satz gab sie beinahe punktfrei ab.

»Ich glaub, das war’s für heute, Sam. Sorry!«, entschuldigte sie sich. Es war schon seit Ewigkeiten nicht mehr vorgekommen, dass sie derart unterlegen war.

»Hm. Was ist los mit dir?« Ihre Trainerin sah sie kritisch an.

»Ich habe einen neuen Kollegen bekommen«, erwiderte Viktoria genervt.

»Das interessiert dich doch sonst nicht die Bohne«, erwiderte Samantha belustigt. »Ich habe schon gedacht, es wäre was Schlimmes.«

»Tja, schlimm ist es schon. Dieser Kollege sägt nämlich an meinem Stuhl … mit einer Kettensäge!«, stieß Viktoria wütend hervor.

Samantha hielt in ihrer Bewegung inne. »Was? Erklär mal – ich dachte, du und Madeleine versteht euch so gut?«

Viktoria presste die Lippen aufeinander, bevor sie antwortete. »Ich verstehe es leider selbst nicht. Eigentlich dachte ich, dass mit meiner Geschäftsführungsposition alles klar wäre. Zwischen mir und Madeleine hat alles gepasst, das habe ich zumindest angenommen – bis heute. Mann! Ich habe so oft eingesteckt, weil ich nur so lernen konnte. Aber anscheinend hat sie es sich anders überlegt. Komm!«

Viktoria schüttelte den Kopf, nahm ihre Sachen und hielt die Glastür für ihre Begleiterin auf. Gemeinsam verließen sie den Squashraum und gingen in Richtung Umkleiden.

»Schräg – irgendwas muss doch vorgefallen sein. Ihr wart ja fast wie Topf und Deckel, du und deine Chefin«, meinte Samantha stirnrunzelnd.

»Nein, gar nichts ist vorgefallen. Das ist es ja. Ich kapier es einfach nicht. Erst wollte ich Madeleine zur Rede stellen. Das bringt aber nichts, wie ich jetzt eingesehen habe. Wenn sie einmal eine Meinung hat, weicht sie nicht davon ab. Zu insistieren, würde meine Position momentan nur noch mehr schwächen. Ich habe maximal einen Monat, um den Kunden an Land zu ziehen. Danach fallen die Würfel.«

Samantha nickte und legte sich das Handtuch über die Schultern, sodass einige ihrer bunten Tattoos nun verdeckt waren.

»Puh, das klingt dramatisch. Ich drücke dir die Daumen. Versteh einer die Welt!«, stöhnte Samantha und schüttelte den Kopf. Sie hielt Viktoria die Tür zu den Umkleiden auf und sie verabschiedeten sich mit einem flüchtigen Winken.

 

Erschöpft und schlecht gelaunt stocherte Viktoria in ihrem Caesar Salat. Sie war direkt nach Hause in die Harley Gardens im Stadtteil Chelsea gefahren und hatte sich Abendessen gemacht, obwohl sie keinen Appetit gehabt hatte. Zum Salat hatte sie sich einen grünen Smoothie gemixt, aber selbst dieser Vitamincocktail schmeckte heute schal.

Vor ihr flammte das Feuer im Gaskamin hoch und leise Klaviermusik tönte aus den verdeckt eingebauten Lautsprechern.

Genervt schob sie den Salat beiseite und zog das Laptop auf ihre Oberschenkel. Sie blickte auf den weißen Bildschirm, ihre leere PowerPoint-Präsentation. Ihr fehlte weiterhin eine zündende Idee für die Kampagne.

Leise fluchend gab sie einige Suchwörter in den Browser ein und scrollte durch die Ergebnisse. Nichts davon brachte sie weiter.

Skype poppte auf. Ihre Mutter versuchte, sie zu erreichen. Normalerweise ging sie nicht dran, wenn sie arbeiten wollte, aber da ihr sowieso nichts einfiel, konnte sie auch ein Schwätzchen mit ihrer Mutter halten.

»Hi, Mama«, beantwortete sie den Anruf. »Wie geht’s?«

»Hallo, Viktoria, dasselbe wollte ich dich fragen.« Ihre Mutter lächelte sie durch die Kamera an. Sie saß im elterlichen Wohnzimmer und hatte das iPad ganz offensichtlich auf ihren Oberschenkeln aufgestützt, da die obere Hälfte von ihrem Kopf nicht zu sehen war. Aber Viktoria fand es schon erstaunlich, dass ihre so konservative Mutter überhaupt neue Medien wie Skype benutzte. Vor ein paar Jahren wäre das noch undenkbar gewesen. Aber hatten sich nicht alle ein bisschen verändert, nach dem, was geschehen war? Alles erinnerte sie daran. Obwohl die Angst vor dem Tag sie in diesem Jahr weniger lähmte als die Jahre zuvor.

»Ach, viel Arbeit. Du weißt, wie das ist«, antwortete sie ausweichend.

Ihre Mutter seufzte. »Ja, ich kann es mir vorstellen. Ich hatte gehofft, du würdest mal etwas kürzertreten.«

Viktoria verzog den Mund. Das war einfach unmöglich und lächerlich zugleich. Ihre Mutter wusste doch, dass es für sie außer ihrem Job nichts mehr gab, wofür sie leben wollte. Die Arbeit half ihr dabei, klarzukommen. Ihr Leben im Griff zu haben. Momentan hegte sie sogar eher Befürchtungen, dass sie anfing, zu vergessen. Zu dieser Jahreszeit war sie in den vergangenen Jahren nie so ausgeglichen gewesen. War weniger an Katie zu denken das erste Anzeichen dafür, dass die Erinnerungen verblassten? Und wenn sie schließlich ganz im Grau verschwanden …? Die bloße Vorstellung entsetzte Viktoria zutiefst.

»Viktoria, Schatz? Hörst du mich?«, fragte ihre Mutter in die Stille.

Viktoria zuckte zusammen. »Entschuldige. Aber nein, Mama, momentan kann ich ganz sicher nicht kürzertreten. Ich habe hier noch ein Projekt, das muss ich zum Laufen bringen, und dann wird es besser.«

Viktoria wusste nicht, wie oft sie ihrer Mutter diese Antwort schon gegeben hatte, wie oft sie dieses Gespräch schon geführt hatten. Natürlich hatte sie nicht vor, weniger zu arbeiten. Im Gegenteil. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte man die Wochenenden abschaffen können. Verdrängen. Das hatte ihr in den letzten Jahren geholfen, um nicht durchzudrehen. Mittlerweile war es zum Automatismus geworden.

»Ja, natürlich – aber wenn du mich fragst, mein Kind, bist du arbeitssüchtig«, teilte ihre Mutter ihr mit und schüttelte sanft den Kopf. Gertrud Denkhaus begriff nach wie vor nicht, wieso ihre Tochter die Arbeit zwingend brauchte. Dass die Arbeit Viktoria geholfen hatte, wieder Fuß im Leben zu fassen, verstand sie, aber nicht, dass sie nun zu ihrem Lebensinhalt geworden war und sie Sinn und Erfüllung darin fand.

»Ach Mama. Wie geht es Papa und meinem Lieblingsbruder?«, erwiderte sie mit einem kleinen Seufzer.

Elias hingegen verstand ganz genau, warum sie für ihre Arbeit lebte. Ihn hatte der Verlust seiner Nichte auch sehr mitgenommen. So sehr, dass er gelegentlich geäußert hatte, dass er selbst niemals Kinder haben wollte. Mit der Zeit würde er seine Meinung vielleicht ändern, wenn er die richtige Frau gefunden hatte. Das hoffte sie zumindest für ihn.

»Die haben das gleiche Problem wie du. Sie sind immer nur am Arbeiten! Elias kriege ich nicht mal ans Telefon und er kommt so selten bei uns vorbei. Aber nach allem, was man hört und in der Klatschpresse liest, hat er auch privat genug zu tun. Meistens sind sie hübsch. Aber das ist dir ja nicht neu, dass dein Bruder einen in meinen Augen unanständigen Frauenverschleiß hat.« Gertrud Denkhaus’ Gesicht rötete sich.

Viktoria hatte Verständnis für die leichte Beschämung ihrer Mutter. Elias war ein Womanizer, wie er im Buche stand.

»Das hört bestimmt irgendwann auf!«, meinte Viktoria tröstend, aber in Gedanken war sie schon wieder ganz woanders. Außerdem hatte sie wirklich keine Lust, über Elias’ Liebesleben zu diskutieren. Er war schließlich alt genug, um für sich selbst entscheiden zu können …

»Mein Schatz, ich wollte nur mal hören, wie es dir geht. Weißt du schon, wann du nach Hamburg kommst?«

Viktoria sah auf ihr Handgelenk und die kleine Tätowierung, die sonst unter der Armbanduhr versteckt war. Dann schluckte sie. »Nein«, gab sie leise zurück, »aber ich werde mich in den nächsten Tagen darum kümmern. Ich muss jetzt Schluss machen, noch arbeiten …«

Ihre Mutter runzelte die Stirn. Es war kein Hexenwerk, zwischen den Zeilen herauszuhören, dass Viktoria nicht in der Stimmung für einen Schwatz war.

»Ja, ist schon okay. Aber melde dich mal, wenn du Zeit hast, ja? Du fehlst uns hier.«

Viktoria musste schlucken. Ihre Eltern fehlten ihr auch. Gleichzeitig fürchtete sie sich aber davor, zurückzukommen und sich ihrer Trauer erneut stellen zu müssen.

»Danke, Mama. Mach ich. Grüß mir die beiden schön!«

»Klar. Bis bald, Schatz. Lass uns diese Woche noch mal telefonieren, ja?«

In Viktoria breitete sich dieses ambivalente Gefühl aus, das sie allzu gut kannte, als sie sich von ihrer Mutter verabschiedete.

»Ciao, Mama.«

Sie klickte auf den roten Hörer und warf sich kurz auf das Sofa, bevor sie nach einer kurzen Pause zu ihren Recherchen zurückkehrte. Die Arbeit erledigte sich nicht von allein und sie hatte jetzt nicht die Zeit, in Erinnerungen zu versinken.

 

Viktoria stieg früher als üblich aus dem Aufzug in der vierzehnten Etage. Lucy, die Empfangssekretärin, war noch nicht an ihrem Platz. Der Nachtportier wachte auf seinem Stuhl, da jedes Stockwerk aus Sicherheitsgründen rund um die Uhr besetzt war.

»Guten Morgen, George«, grüßte sie im Vorbeigehen.

In zwei Stunden würde hier emsiges Treiben herrschen, momentan lag der Gang noch im Dämmerlicht und einzig und allein das Klackern ihrer High Heels durchbrach die Stille in der Agentur. Sie genoss die Ruhe am Morgen. Zu dieser Tageszeit hatte sie oft die besten Ideen.

Ihr Büro lag am Ende des Ganges und schon aus einiger Entfernung sah sie, dass nebenan Licht brannte. Vermutlich hatte jemand vergessen, es auszuschalten. So viel zum Thema Energiesparen.

Oder – aber das war doch nicht möglich – hatte der Kerl hier übernachtet?

Sie unterdrückte einen Fluch und verlangsamte ihre Schritte. Tatsächlich, diese kleine Ratte saß schon am Schreibtisch und grinste sie kackfrech an, während er seinen Kopf hob.

»Guten Morgen, endlich ausgeschlafen?«, rief er ihr zu.

Es war gerade mal kurz nach sieben und er tat so, als hätte sie den halben Tag im Bett verbracht. Keine Frage, der Mann wusste, wie man jemanden provozierte. Aber sie ging nicht darauf ein. Auf sein Niveau würde sie sich keinesfalls herablassen.

»Guten Morgen, und selbst?«, gab sie lächelnd zurück und setzte ihren Weg fort.

Jake konnte sie mal kreuzweise. Einzig und allein das leichte Zittern ihrer Finger, als sie ihre Unterlagen auf dem Schreibtisch ausbreitete, verriet, dass sie ein Problem mit der neuen Situation hatte.

Als Erstes brauchte sie auf jeden Fall und ganz dringend einen starken Kaffee. Ohne Koffein in der Blutbahn konnte sie um die Uhrzeit einfach nicht denken.

Missmutig stapfte sie in die Küche und bereitete sich einen doppelten Espresso zu. Heute benötigte sie definitiv etwas Stärkeres als einfachen Kaffee, denn sie musste Jake sicher den ganzen Tag im Büro gegenüber ertragen.

Nach dem ersten Schluck fühlte sie sich gleich viel besser. Sie schloss die Augen für einen Moment und genoss den zartbitteren Geschmack in ihrem Mund.

»Träumst du?«, hörte sie eine weibliche Stimme.

»Guten Morgen, Sarah!«, erwiderte Viktoria freundlich und öffnete ihre Lider. »Du bist früh dran.«

Ihre Sekretärin machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ich hatte so im Gefühl, dass du mich brauchen würdest. Wer ist der Hottie im Nachbarbüro?« Sarah warf ihre rotblonden Haare über die Schultern und sah sie mit ihren großen meergrünen Augen an.

Viktoria zog eine Grimasse. »Hottie?«

»Sieht er nicht toll aus?«, schwärmte Sarah verträumt.

»Ist mir nicht aufgefallen. Er ist jedenfalls ein Idiot, den wir loswerden müssen«, informierte Viktoria sie trocken.

Sarah verschränkte die Arme vor ihrem üppigen Dekolleté. Ihre treue Assistentin war sich ihrer Reize durchaus bewusst. Sie setzte sie von Zeit zu Zeit schamlos gegenüber der Männerwelt ein, wenn es ihrem Zweck dienlich war. Was die Herren der Schöpfung jedoch selten bemerkten, war, dass sie nicht nur aus einer schönen Hülle bestand. Sarah versteckte sich hinter einer sexy Fassade, was Viktoria längst durchschaut hatte. Ihr Herz saß am rechten Fleck und in den gemeinsamen Arbeitsjahren hatte sich zwischen ihnen beinahe ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt. Allerdings überschritten sie selten die Grenze zum Privaten. Trotzdem, sie vertraute Sarah wie niemand anderem sonst in ihrem Umfeld. Mit Samantha konnte sie sich auspowern und Alltagsprobleme besprechen, mit Sarah wäre sie Pferde stehlen gegangen.

»Ich hoffe doch, nicht so bald. Also, ihn loswerden, meine ich. Schon lange her, dass wir mal einen so netten Anblick in Büronachbarschaft hatten«, lachte Sarah und wackelte anzüglich mit den Augenbrauen.

Viktoria trat einen Schritt auf ihre Assistentin zu. »Madeleine hat mich gestern in der Management-Runde vor allen brüskiert, indem sie verkündete, dass er neben mir ein gleichberechtigter Anwärter auf den Posten ist. Also, wenn er bleibt, hast du bald keinen Job mehr«, warnte Viktoria ihre Assistentin.

Sarah kniff die Augen zusammen, dann grinste sie. »Als ob ich diese Motivation brauchen würde. Du weißt, dass du auf mich zählen kannst. Komische Nummer, die Madeleine da abzieht.«

»In der Tat. Ich weiß noch nicht, wie, aber ich will meinen alten Status zurück. Wir müssen uns was einfallen lassen.« Viktoria stellte ihre Tasse geräuschvoll ab.

Sarah spielte nachdenklich mit einer Strähne ihrer rotblonden Haare und hielt dann mit einer schnellen Geste Viktoria am Arm fest. »Pass auf, Viktoria: Für ihn arbeitet unsere reizende Miss Dashwood. Die ist dumm wie Bohnenstroh. Keine Ahnung, wie die so lange hier überlebt hat.«

»Das kann ich dir sagen. Sie hat unserem Personalchef sicher mehrmals einen geblasen«, erwiderte Viktoria gelangweilt.

Sarah gab gespielt entrüstet zurück: »Ach herrje. Das ist natürlich ein stichhaltiges Argument. Na gut, ich meine nur, wir können sie sicher benutzen, um ihn zu manipulieren. Außerdem kann das Dummchen kein Geheimnis für sich behalten, wenn ich sie nur nett frage.«

Viktoria nickte. »Sehr gut. Sounds like a plan.«

»In spätestens vier Wochen ist der Kerl Geschichte.«

Viktoria und Sarah gaben sich High five und gingen dann gemeinsam den Flur entlang, zu ihren Schreibtischen.

Obwohl Sarah anscheinend zuversichtlich war, dass es kein Problem werden würde, Jake loszuwerden, war sich Viktoria vollständig im Klaren darüber, dass er sicher nicht kampflos das Feld räumen würde. Sie musste auf jeden Fall mehr über ihn herausfinden, um genau zu wissen, mit wem sie es zu tun hatte.

Fürs Erste gab sie sich jedoch damit zufrieden, was Google über ihn ausspuckte. Es war nicht so schwer, Informationen über die Person Jake Carter zu finden. Er lebte nicht weit von ihr entfernt, in der Nähe des Hyde Parks, das hatte sie schon gestern aus der Personalakte erfahren. Beste Wohngegend also, aber sie hatte auch nichts anderes erwartet. Dass er ein reicher Erbe war, wusste sie ja bereits. Aber was verdammt noch mal, wollte er hier in ihrer Agentur?

Auf einer anderen Website entdeckte sie Bilder von ihm mit einer hübschen Blondine. Aha, er führte also eine Beziehung mit Elena Hayman. Die Dame bewegte sich in der Londoner Upperclass wie in ihrem Wohnzimmer. Beruflich war sie im Investmentbanking zu Hause, und das ziemlich erfolgreich. Die beiden schienen schon mehrere Jahre zusammen zu sein.

Aber Moment mal, in einem Artikel der Regenbogenpresse war vor einem guten halben Jahr die Trennung breitgetreten worden. Na ja, murmelte sie vor sich hin, wahrscheinlich hatte die Gute herausgefunden, dass er ein chauvinistischer Arsch war, und ihn dann verlassen.

Viktorias Mundwinkel bogen sich nach oben, während sie sich über ihre Schlussfolgerung amüsierte.

Carters Eltern lebten in Südfrankreich, die Konzernleitung hatte der ältere Bruder Ryder inne. Jake war also der Kleine in der Familie, der sich seine Sporen woanders verdienen musste? Das erschien ihr die einzig logische Erklärung. Wobei er alles andere als klein war, mit Anfang dreißig und einer Körpergröße von mindestens eins fünfundachtzig.

Trotz oder gerade wegen seiner Attraktivität fand sie ihn noch bescheuerter, wie er mit der Blondine kleidungstechnisch perfekt aufeinander abgestimmt im Smoking auf dem roten Teppich abgelichtet war.

Viktoria schüttelte unwillig den Kopf. Außen hui, innen pfui, oder so ähnlich. Hinter Jakes strahlender Fassade steckte etwas ganz anderes. Dieser Kerl wollte ihr die Geschäftsführung streitig machen und das kam nicht infrage.

Viktoria schloss ein Internetfenster nach dem anderen und fuhr mit der Recherche über den Wilken-Konzern fort. Sie konnte ihre Zeit sinnvoller nutzen, als sich stundenlang mit Jake Carter aufzuhalten.

Sie prüfte die Vorgaben für die Kampagne noch einmal und suchte nach Informationen über die Wasserquelle in Island und die dazugehörige Fabrik. Sie hatte vor, Jakes stumpfer Sekretärin über Sarah ein gefälschtes Infopaket zukommen zu lassen. Sie würde es garantiert nicht merken, weil sie Sarah vertraute, und damit Jake mit ihrer Dummheit ganz schön in die Bredouille bringen. Madeleine hasste stümperhafte Arbeit und das konnte Viktoria den entscheidenden Vorteil in der Kampagne bringen. Damit dürfte er in der nächsten Management-Runde wie ein Depp aussehen. Genau das, was ein Kerl wie er verdient hatte. Viktoria klatschte gut gelaunt in die Hände.

 

Ihr Magen hing ihr längst bis zu den Knien, als sie schließlich auf dem Weg zu einem späten Lunch war. Die Aufzugtüren waren gerade dabei, sich zu schließen, als jemand seine Hand dazwischenschob, worauf sie sich wieder öffneten.

Jake Carter. Wer sonst!

Viktoria unterdrückte ein Augenrollen, gab sich stattdessen gelassen. »Wie läuft’s?«, fragte sie lächelnd. »Schon eingearbeitet?«

Jake warf ihr einen seitlichen Blick zu. Auch heute trug er wieder einen perfekt sitzenden Anzug, darunter ein strahlend weißes Hemd, bei dem die obersten Knöpfe nicht geschlossen waren. Seine Haare waren perfekt unfrisiert und die linke Hand steckte lässig in der Hosentasche.

Er zuckte mit den Schultern. »Ja, es läuft ganz gut. Danke der Nachfrage.«

Im siebten Stock stiegen drei weitere Anzugträger in den Lift und peinliches Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus. Viktoria war froh, dass sie im Erdgeschoss getrennter Wege gingen. Der Kerl war ein rotes Tuch für sie und sie wollte ihn nicht öfter sehen als unbedingt notwendig.

Sie setzte ihren Weg zu ihrem Lieblings-Coffeeshop fort und orderte einen Lachsbagel und einen Karamell-Macchiato. Sie schnappte sich die Tageszeitung und genoss ihren Lunch in aller Ruhe im Laden.

 

Der restliche Arbeitstag verflog nach dem Mittagessen schneller, als ihr lieb war. Nachdem sie das Informationspaket für Miss Dashwood fertig und an Sarah weitergemailt hatte, kümmerte sie sich endlich um ihre eigentliche Arbeit. Sie verbrachte mehrere Stunden mit der Recherche der Marktbedingungen, analysierte Wettbewerber, telefonierte unzählige Male mit Kontaktpersonen, von denen sie meinte, sie könnten ihr weiterhelfen. Daneben hatte sie damit begonnen, das Konzept auszuarbeiten. Es mussten verschiedene Layouts und Texte entworfen werden, da sie die ersten Entwürfe sobald wie möglich an die Kreativköpfe der Agentur mailen wollte, die das Ganze grafisch umsetzen sollten. Hier war sie völlig in ihrem Element.

Irgendwann verabschiedete sich Sarah in den Feierabend. Es wurde nach und nach leiser auf der Etage, bis Viktoria – wahrscheinlich als Einzige – noch am Arbeiten war. Also alles wie immer eigentlich.

Als sie das nächste Mal einen Blick auf ihre Armbanduhr warf, war es bereits nach elf. Sie hatte seit dem Mittag nichts mehr gegessen und ihr Magen meldete sich wie auf Bestellung mit einem lauten Knurren.

»Wahrscheinlich sollte ich für heute Schluss machen«, murmelte sie leise vor sich hin, während sie die Papiere vor sich sortierte und in eine dunkelblaue Mappe steckte, die sie mit nach Hause nehmen wollte. Sie knipste die Lampe in ihrem Büro aus und trat auf den spärlich beleuchteten Flur. In Jakes Büro brannte ebenfalls noch Licht.

Na wunderbar.

Sie verzog das Gesicht. Carter war noch hier? Ärger kochte in ihr auf wie überschäumende Milch. Hatte der Kerl kein Zuhause?

Sie warf einen Blick in sein Büro, aber er saß nicht an seinem Schreibtisch. Na also, er hatte nur vergessen, das Licht auszumachen. Zufrieden drehte sie sich um und prallte beinahe mit ihm zusammen.

Warum zur Hölle hatte sie ihn nicht kommen gehört?

Er sah sie mit seinen durchdringenden graublauen Augen an und seine Mundwinkel zuckten verräterisch. Sie stand so dicht vor ihm, dass sie auch die Mischung aus Testosteron und Aftershave riechen konnte, die ihn umgab. Seine Aura war elektrisierend und es erschütterte sie, dass sie völlig unerwartet eindeutig sexuell auf ihn reagierte.

»Ist was?«, fragte er mit einem Funkeln in den Augen, das ihr klarmachte, dass er an ihr interessiert war und ihm, ganz zu ihrem Leidwesen, ihre Reaktion auf ihn ganz und gar nicht entgangen war.

»Nein, nichts«, gab sie atemlos zurück. Sie ärgerte sich nur noch mehr über ihr Unvermögen, sich zu besser zu beherrschen. »Guten Abend, Jake«, brachte sie mit fester Stimme heraus, dann schlug sie einen Bogen um ihn und stöckelte im Eiltempo zum Aufzug.

Als sich die Türen hinter ihr geschlossen hatten, atmete sie erst tief durch.

Viktoria Denkhaus, reiß dich zusammen!, ermahnte sie sich und schüttelte den Kopf über ihren schwachen Auftritt. So würde sie Jake Carter garantiert nicht kleinkriegen!

 


Kapitel 3

Jake hatte in den letzten Tagen hart gearbeitet. Härter als jemals zuvor. Aber es machte ihm auch immens viel Spaß, sich mit dem Marketingkonzept für den Wilken-Konzern auseinanderzusetzen. Mineralwasser war eben nicht gleich Mineralwasser. Er hatte schon einige Headlines entworfen, Logos gezeichnet, Kommunikationsideen entwickelt, Produkttexte erstellt und diverse Slogans kreiert. Das Wichtigste allerdings war, dass er bereits ein potenzielles Portfolio zusammengestellt hatte. Die dazugehörigen Kalkulationen waren in Arbeit und der Wettbewerb analysiert. Er war so gut vorbereitet wie selten in seinem Leben. Die Management-Runde würde ein kleiner Triumphzug werden, dort sollte er seine Ideen und Findings heute vorstellen.

Überraschenderweise war seine hübsche Büronachbarin zuletzt äußerst zahm gewesen. Vielleicht hatte sie ja tatsächlich akzeptiert, dass er ihr überlegen war und sie keine Chance hatte. So ganz wollte er das jedoch nicht glauben, dafür war sie zu schlau. Er würde sich allerdings nicht von ihrem sexy Aussehen blenden lassen, den Fehler beging er nicht zweimal. Sie konnte was und hatte Erfahrung, das durfte er nicht außer Acht lassen.

Auf dem Weg zur Küche blieb er einen Moment an dem Schreibtisch von Viktorias hübscher Assistentin stehen. Vielleicht bekam er ja aus ihr was heraus.

»Miss Morgan, wie geht es Ihnen?«, fing er an und setzte sein freundlichstes Lächeln auf, das üblicherweise Frauenherzen zum Schmelzen brachte.

Sie schaute überrascht von ihrem Bildschirm auf und neigte den Kopf zur Seite, bevor sie antwortete. »Warum so förmlich? Nennen Sie mich doch bitte Sarah.«

Sie war also in Flirtlaune. Gut. Das war sehr gut.

»Natürlich, Sarah. Sehr gern. Ich bin Jake.« Er streckte ihr seine Hand über den kleinen Tresen hin und sie erwiderte seinen Händedruck erstaunlich fest und energisch.

»Was kann ich für Sie tun, Jake?«, fragte sie und ihre meergrünen Augen blickten ihn durchdringend an.

Er war sich sicher, die Kleine hatte es faustdick hinter den Ohren und wickelte Männer reihenweise um den Finger – wenn es ihr gefiel. Wie gut sie sich im Team ergänzten: die karrieregeile Schlange und ihre männermanipulierende Assistentin.

»Ich bin ja noch recht neu hier und habe mich gefragt, ob Sie mir vielleicht etwas mehr über Viktoria verraten könnten?«

Wenn es sie überraschte, dass er diese Frage stellte, ließ sie sich nichts davon anmerken.
»Kommt drauf an – was wollen Sie wissen?«

Das war ja fast zu einfach. Er bemühte sich, sich seine Freude nicht anmerken zu lassen.

»Ich bin eigentlich ein ganz netter Kerl, Sarah, aber schon das erste Zusammentreffen mit Viktoria und mir ist irgendwie schiefgelaufen. Sieht man mal davon ab, dass sie mich natürlich als Konkurrenten um den Chefsessel wahrnimmt. Vielleicht hätten Sie ein paar Tipps für den Umgang mit ihr? Mir liegt viel an einer entspannten Arbeitsatmosphäre.«

Wenn er den höflichen Idioten spielte, würde er sicherlich am ehesten erreichen, dass sie ihn als ungefährlich einstufte und er in Ruhe an seinem Konzept arbeiten konnte, ohne ständig mit Viktoria Kleinkriege führen zu müssen.

»Das ist aber nett von Ihnen, Jake. Es dürfte ja kein Geheimnis sein, dass Viktoria Kaffee über alles liebt. Wenn Sie ihr also eine Freude machen wollen, bringen Sie ihr ab und an einen Karamell-Macchiato von ihrem Lieblings-Coffeeshop hier um die Ecke mit. Ich verspreche Ihnen, sie wird Sie dafür lieben.«

Gott, dachte er, so weit sollte das Verhältnis dann doch nicht gehen.

»Woher kommt Viktorias Akzent?«, fragte er weiter.

»Das haben Sie noch nicht herausgefunden? Das enttäuscht mich jetzt ein bisschen.« Sarah hob amüsiert eine Augenbraue. »Viktoria hat in den USA studiert, ist aber eine Deutsche.«

»Ach, das wusste ich in der Tat nicht«, gab er zurück. Natürlich hatte er gelesen, dass sie in Stanford studiert hatte und ursprünglich aus Hamburg stammte. Er hatte gehofft, Sarah würde ihm etwas Neues, Zusätzliches, erzählen.

»Na ja, da habe ich Ihnen aber kein Staatsgeheimnis anvertraut«, lachte sie.

»Wunderbar, ich bedanke mich trotzdem. Das ist sehr nett von Ihnen. Und womit kann man Ihr Herz erreichen?«, erkundigte sich Jake schließlich noch und strahlte sie dabei an, als hätte er soeben den Hauptpreis gewonnen. Für das erste Gespräch wollte er nicht zu viel bohren, sonst würde sie vielleicht misstrauisch werden und ihm gar nichts mehr erzählen. Morgen war auch noch ein Tag für weitere Feldforschung bezüglich Viktoria Denkhaus.

Sarah beugte sich ein Stück weiter nach vorn, sodass er gezwungenermaßen einen tiefen Einblick in ihr Dekolleté bekam. Sie setzte ihre Reize gezielt ein, das war Jake durchaus bewusst, dennoch kostete es ihn einige Mühe, seinen Blick auf Höhe ihrer Augen zu halten. Er war schließlich auch nur ein Mann.

»Jake, mein Lieber, ich bin eine einfache Frau.« Sie lehnte sich wieder zurück und zog eine Nagelfeile aus der Schublade. »Und trotzdem … mich kann man nicht kaufen.«

Sie wandte ihm den Blick wieder zu, ließ die Nagelfeile und Hände in ihren Schoß sinken. Das war eindeutig. Aber auch zu erwarten gewesen.

»Hatte ich auch nicht vor, Sarah. Das wissen Sie doch. Ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Tag«, sagte er mit einem Kopfnicken und schlenderte zurück in sein Büro, um sich für die Management-Runde vorzubereiten. Dass er sich eigentlich einen Kaffee hatte holen wollen, war vergessen.

Wenn er seinen Instinkten und den Informationen der Sekretärin Glauben schenken konnte, und er hatte selbst schon einen Vorgeschmack von Viktorias Arbeitsweise bekommen, dann

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: Karin Lindberg
Cover: Casandra Krammer
Lektorat/Korrektorat: Martina Koenig / Katrin Engstfeld
Tag der Veröffentlichung: 05.02.2018
ISBN: 978-3-7438-5487-1

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