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-Teil 2-

Sean erwachte erschrocken, als jemand gleichmäßig und ruhig durch seine Haare strich. Alarmiert öffnete er die Augen. Er sah Nikarlaij, fühlte, dass sie gemeinsam auf der großen Couch lagen. Der Assasin hatte einen Arm um ihn gelegt.
Sean setzte sich erschrocken auf und rückte unbewusst etwas von ihm fort. Er sah, dass Nikarlaij schluckte und fragte sich, was geschehen war.
Der Vampir spürte wie das Herz seines Freundes einen Satz machte und witterte Angst und Sorge.
„Deinem Freund geht es gut!“ Der Assasin versuchte so ruhig wie möglich zu klingen.
„Es tut mir leid, dass ich so schnell geflüchtet bin, aber wenn ich noch länger…,“ Nikarlaijs Stimme brach. Er war sich durchaus im Klaren darüber, dass er während des Streitgespräches vor dem Aufzug mehr als einmal darüber nachgedacht hatte, Seans Leben zu beenden und sich an dessen Blut zu laben.
Niemals hätte er sich das verziehen, niemals.
„Beinahe hätte ich Dir etwas angetan. Ich wollte nur noch raus zur Jagd!“ Nikarlaij atmete tief durch. „Es tut mir wirklich leid!“
Sean schloss die Augen. Er fühlte, wie ihm ein Stein vom Herzen viel. Als er wieder zu seinem Gefährten blickte, liefen heiße Tränen über seine Wangen. „Wirst du Jesse in Frieden lassen?“ Seine Worte klangen immer noch leise und voller Angst.
Nikarlaij nickte.
„Ich möchte dein Wort!“ Sean schniefte leise.
Der Vampir setzte sich auf, griff nach dem Oberarm seines Freundes und zog ihn zurück in seine Arme. Er legte Seans Kopf an seine Brust und flüsterte ihm leise ins Ohr: „Ich verspreche dir, dass ich Deinen Freund Jesse nicht anrühre. Egal wie viel man mir für ihn bietet. OK.!“
Sean nickte, vergrub sein Gesicht in Nikarlaijs Hemd und schluchzte hemmungslos „Es tut mir leid, ich wollte dich nicht reizen.“
„Schhh!“ Nikarlaij strich durch die kurzen strubbeligen Haare und legte die Arme fest um seinen Freund.
„Mir tut es leid. Ich hätte mich vor Dir nicht derart gehen lassen sollen!“ Er legte seine Wange auf den Kopf des Sterblichen und lauschte, wie dieser sich langsam beruhigte. Der Assasin schloss die Augen und konnte nicht fassen, was er seinem jungen Freund zugemutet hatte. Während Sean auf seine Rückkehr gewartet hatte, musste er wegen der nagenden Ungewissheit durch die Hölle gegangen sein.
Doch Nikarlaij hatte die kurze und heftige Jagt in den Straßen gebraucht, war durch die Kanalisation gestreift, hatte sich um Ruhe bemüht und hierbei versucht, sich wieder zusammeln. Er liebte Sean wie seinen eigenen kleinen Bruder, wollte ihn nicht verletzen und konnte sich nicht vorstellen, den jungen Mann nicht mehr in seinem Leben zu haben. Der Gedanke an seine Homosexualität brachte ihn allerdings ein wenig aus der Fassung.
Lange war Nikarlaij durch die dunkle Kanalisation gegangen und hatte über Sean nachgedacht. Er fragte sich, wie er damit umgehen sollte, dass dieser jetzt einen Freund hatte und ob es ihn störte. Doch er war für sich zu dem Ergebnis gekommen, dass niemand alleine bleiben sollte. Wenn Sean mit diesem Mann glücklich war, würde er sich nicht dagegenstellen. Einem Fremden seinen Gefährten anzuvertrauen würde ihm zunächst schwer fallen. Darüber war er sich völlig im Klaren. Die Gewöhnung an den Gedanken, Sean teilen zu müssen, würde eine Zeit lang dauern. Wieder gemeinsam mit seinem Gefährten in einem Bett zu liegen würde ihm Schwierigkeiten bereiten. Der Assasin fragte sich, ob er jetzt immer ein eigenartiges Gefühl im Bauch haben würde.
Aber er nahm sich vor, den Menschen nicht anders als vorher zu behandeln, denn er würde es sich nicht verzeihen, wenn durch seine Unsicherheit ihre Freundschaft leiden würde. Vielleicht hätte ihm auch schon vorher auffallen müssen, dass Sean anders war. Vielleicht war er zu festgefahren in seiner Welt und sah neben Mord und Todschlag nicht mehr die Kleinen und wichtigen Dinge des Lebens.
Verliebt zu sein gönnte er Sean von ganzem Herzen. Dennoch konnte er einen leichten Stich von Eifersucht nicht unterdrücken. Wie lange sehnte er sich schon nach einer Frau, die bereit war, mit ihm alles durchzustehen. Ewigkeiten sehnte er sich schon nach Liebe, Zweisamkeit, Vertrauen und der Geborgenheit einer Beziehung.
Er genoss sein Dasein als Assasin, konnte sich nicht vorstellen, ein einfacher Vampir zu sein, dessen ganzes Bestreben darauf abzielte menschlich zu sein und nur nicht aufzufallen.
Er war gerne ein Killer. Er war ein Vampir, ein Kind der Ahnen, und genau dies wollte er auch ausleben. Jedoch war dies ein einsamer Weg.
Nikarlaij strich durch Seans Haare, war dankbar dass der Jüngere ihn nicht von sich wies und er keine Spur von Angst und Unsicherheit an seinem Gefährten witterte.
Sean war ein mutiger Sterblicher und der Assasin schätzte seine Loyalität und sein schier unerschöpfliches Vertrauen. Niemals wollte er ihn enttäuschen.


In der folgenden Nacht schlich Nikarlaij lautlos wie eine Raubkatze auf der Jagd durch die düsteren Hintergassen. Er kam an Mikes Bar vorbei, in der das rege Treiben langsam abebbte. Es trieb ihn weiter zwischen Wohnblocks hindurch, in denen die Lichter schon lange erloschen waren. Nur wenige helle Fenster boten hier einen leuchtenden Kontrast und es war nur schwer vorstellbar, dass auch diese schwarzen Gassen Teil der hell erleuchteten Metropole New York waren.
Der Assasin witterte den Sonnenaufgang und wusste, dass es nur noch zwei Stunden dunkel sein würde. Aber es war nun einmal die perfekte Zeit, um seinen Auftrag zu erledigen. Die meisten Unsterblichen zogen sich zurück, bereiteten sich auf den Tag vor oder legten sich zur Ruhe. Doch Nikarlaij mochte diese Zeit der Nacht, in der es noch dunkel war und ihm seine Opfer in der Erwartung des Tages hilflos ausgeliefert waren.
Als Vampir war Nikarlaij so gut an die Nacht angepasst, wie wahrscheinlich kein anderes Wesen auf dieser Welt. Ausgenommen von dieser Regel waren die wenigen Dämonen, die noch auf diesem Planeten existierten. Meistens mieden sie jedoch die Erdoberfläche und die Sterblichen darauf.
Der Assasin war fasziniert von den Ahnen, die in den tiefen Schatten dieser Welt lauerten. Kein Wesen war so mächtig, so voller Magie und so ursprünglich, wie die Dämonen.
Viele Vampire bevorzugten Orte an denen sich Sterbliche befanden, und dies nicht nur wegen ihres Blutes. Sie lebten in großen Gruppen zusammen oder trafen sich an bestimmten Orten, wie zum Beispiel Mikes Bar.
In der wirklichen Dunkelheit, den Schatten, verbargen sich die Ahnen und jeder Unsterbliche wusste von ihnen. Dieses Wissen ließ die Vampire die absolute Dunkelheit meiden, doch Nikarlaij fürchtete sie nicht. Er hatte die Schatten gesehen. Er hatte ihre Augen auf sich gespürt und ihre wispernden Stimmen vernommen. Schließlich war der Assasin als Vampir geboren worden. In seinem Blut war der dämonische Anteil so hoch, dass er sie fühlen konnte. Er hatte sie schon immer spüren können, auch schon im frühen Kindesalter. Sie waren seine ständigen Begleiter und gaben ihm die Gewissheit, nicht alleine zu sein. Allein dieses Gefühl hatte ihn seine Kindheit überdauern lassen. Aufgrund dessen war der Assasin in der Finsternis zuhause wie kaum ein anderer.
Doch vereinigte Nikarlaij vieles, was ihn sich sicher in der Dunkelheit fühlen ließ - der Vampir, der lautlose Assasin und die Gene seines Vaters. In seinem Vater floss das Blut der Ahnen, welches er an seinen Sohn weitergereicht hatte. Doch im Gegensatz zu Nikarlaij war Sze`dan als sterblicher geboren. Als junger Mann wurde er zum Vampir, dann zum Assasinen und im Laufe seines Daseins führte ihn sein Weg zu Ezra, dem Herrn der Hölle.
Sze`dan wurde zum Gefährten des mächtigen Ahnen, gab ihm von seinem Blut und erhielt als Gegenleistung das des Dämons.
Das Blut des Ahnen hatte den Vampir auf ewig verändert und neben seinen im Grunde schon ausreichenden teuflischen Genen vererbte er auch noch etwas von diesem magischen, pulsierend Blut an seinen Sohn. Blut, welches Geschichten aus längst vergangenen Nächten erzählen konnte, in denen Menschen nicht einmal ein düsteres Gerücht gewesen waren.
Nikarlaij war im Vergleich zu vielen Assasinen noch sehr jung, doch aufgrund seiner besonderen Persönlichkeit und der Skrupellosigkeit seiner Instinkte war er zu einem der besten Killer auf diesem Planeten geworden. Jeder in der Welt der Unsterblichen kannte und fürchtete seinen Namen.
Nikarlaij liebte New York City, das pulsierende Leben und die damit verbundene Anonymität, die ihm seine Arbeit so erleichterte.
In einer riesigen Stadt wie dieser verschwanden häufig Leute ohne erklärbaren Grund. Auch waren Unfälle in diesem Trubel leicht zu inszenieren.
Der Assasin schätzte Großstädte im Allgemeinen, doch Manhattan hatte für ihn ein besonderes Flair. Dies lag insbesondere an den düsteren Geheimnissen, die hinter der Fassade steckten.
Der Vampir schätzte es, dass hier der Puls der Unsterblichen Welt lag. Hier in dieser modernen Stadt voller Widersprüche, verborgen vor den Augen der Sterblichen, befand sich die uralte Heimat der Ahnen, tief verborgen unter sterblichen Füßen.
Nur hier in New York City konnte er seinem Vater nah sein, denn als Gefährte Ezras lebte Sze`dan thaz´Arak unter der Stadt. In der alten Heimat, die von allen Unsterblichen mit Furcht und Achtung vor den Wesen die dort lebten Hölle genannt wurde.
Es gab keinen anderen Ort auf dieser Welt, der Nikarlaij so magisch anzog wie die Hölle und so erledigte er mit Vorliebe Aufträge, die ihn nach New York führten.
Der Auftrag dieser Nacht würde ihm weder viel Mühe noch viel Arbeit bereiten.
Ein reicher Geschäftsmann wollte seine Scheidung beschleunigen. Vier Opfer, vier Kugeln und vier präzise Schüsse würden den neureichen Vampir Brad Simons wieder zum heiß begehrten Single werden lassen.
Nikarlaij grinste in sich hinein. Die Vampire waren so bestrebt menschlich zu sein und in der Welt der Sterblichen nicht aufzufallen, dass sie ihre eigene Natur vergessen hatten. Außer in Sachen Nahrungsaufnahme unterschieden sich manche Vampire nicht im Geringsten von den Sterblichen. Sie heirateten, ließen sich scheiden, führten ihre Geschäfte und nicht selten kam es vor, dass einer von ihnen seine Identität regelrecht vergaß.
Diese Art von Vampiren oder Lykanthropen würden dafür sorgen, dass seine Art niemals aussterben würde. Sie sorgten immer für neue Vampire, für Menschen die zu viel wussten, oder sie hielten sich selber nicht an die Regeln der Ahnen. Früher oder später bekam dann ein Assasin einen Auftrag und so behielt die Welt immer ihr Gleichgewicht.
Sein jetziger Auftrag war ein Leichtes für Nikarlaij. Er würde der Frau mit ihren drei Kindern im Schlaf eine Kugel zwischen die Augen setzen, damit sie ruhig blieben. Danach würde er den Kopf vom Körper trennen und damit verhindern, dass ihr vampirisches Blut ihre Körper heilen konnte.
Der Assasin verlangsamte seinen Schritt, blickte durch die dunkle Gasse und betrachtete das ruhige, fast schwarze Haus. Er vergewisserte sich, dass in der Wohnung, in der seine Opfer lebten, die Tagesruhe eingekehrt war. Nikarlaij zog die Leiter zur Feuertreppe lautlos hinunter und ohne auch nur ein Geräusch zu verursachen stieg er nach oben.
Die Finsternis hüllte ihn ein wie einen Freund, verbarg ihn vor den Augen, die ihn vielleicht von der Straße hätten entdecken können. Wie der Tod höchstpersönlich schlich er weiter bis er den Balkon erreichte, über den der Assasin in die Wohnung seines Opfers eindringen wollte.
Leise öffnete er das kleine metallische Tor, trat auf den Balkon und betrachtete eingehend die Tür, die ihn von der warmen und freundlichen Wohnung trennte. Nur wenige Handgriffe waren von Nöten, um die schlichte Tür aufzubrechen.
Die Balkontür gab lediglich ein leises Klicken von sich, als sie aufsprang und den Killer ins Innere ließ. Der Assasin schlich durch die gemütliche Wohnung, in der alles von Familie und glücklicher Eintracht sprach. Nikarlaij konnte spüren, wie dieser Ort durch seine kalte Anwesenheit entweiht wurde.
Er wusste, dass wenn er diese Wohnung verließ, würde nur noch Tod, Kälte und eine grausame Endgültigkeit zurück bleiben. Der Assasin erschauderte leicht. Sein professioneller Blick fiel auf das unordentlich herumliegende Spielzeug am Boden und er achtete darauf, nicht zu stolpern und hierdurch womöglich ein verräterisches Geräusch zu verursachen.
Alles war ruhig, jeder schlief und niemand ahnte von der Gefahr, die sich in der Dunkelheit verbarg und ihre Existenz für immer auslöschen wollte.
Nikarlaij zog seine Pistole aus dem Hosenbund. Seine hellen Hände schraubten schnell und ruhig den Schalldämpfer auf den Lauf. Anschließend betrat er zügig das erste Schlafzimmer.
Sein Auftraggeber hatte ihm einen Grundriss der Wohnung gegeben und der geübte Killer kannte die genaue Lage jedes Raumes und die sich darin befindlichen Personen.
Nikarlaij schritt von Raum zu Raum. Ein einfacher Schuss zwischen die Augen beförderte zunächst die Mutter, dann die beiden Söhne und zuletzt die kleine Tochter ins Jenseits.
Der Russe ging zurück ins Wohnzimmer, nun nicht mehr auf Lautlosigkeit bedacht. Er schraubte den Schalldämpfer ab, legte die Waffe auf den Tisch und warf einen kurzen Blick auf ein Blatt Papier, auf dem eines der Kinder ein Kunstwerk verewigt hatte.
Der Assasin schluckte kurz. Zwar war er bekannt dafür, Aufträge jeder Art zu erledigen, doch waren Kinder für ihn immer ein Ausnahmefall. Er wünschte sich, sie vor der artigen Schicksalen bewahren zu können, doch einer musste den Job ja machen. Auch wenn er sich weigern würde, würde sich eben jemand anderes finden, der die Aufgaben gerne erledigen würde. Auch war er nicht bereit, seinen Ruf wegen ein paar ihm fremden Kindern zu riskieren.
In einer geschmeidigen Bewegung zog er ein langes scharfes Messer aus seinem Stiefel, womit er die Köpfe seiner Opfer von ihren Körpern trennen konnte.

Der Assasin sah auf die blitzende Klinge und war für einen Augenblick in Gedanken versunken. Doch dann erinnerte er sich plötzlich wieder daran, dass er noch andere Dinge zu erledigen hatte.
Der Killer straffte seine Schultern und vollendete den blutigen Teil seines Auftrages.

Während er sein Messer vom Blut befreite und den edlen Stahl wieder zum Blitzen brachte, drang der markerschütternde Schrei eines Babys an sein Ohr.
Nikarlaij zuckte zusammen und wollte glauben, dass dieser Laut aus der benachbarten Wohnung kam. Seine Ohren waren fein und sie verrieten ihm untrüglich, dass der Säugling sich in seiner unmittelbaren Nähe befinden musste.
Er schob die Klinge zurück in seinen Stiefel, ignorierte das Blut an seinen Händen, welches langsam zu trocknen begann, und folgte dem energischen Schrei des Kindes. Der Killer stieß die Tür zu einem weiteren Zimmer auf, trat leise ein und blickte sich langsam um.
Der Säugling verstummte in dem Augenblick, als die Tür sich bewegte.
Vorsichtig schritt Nikarlaij auf ein Gitterbett auf der gegenüberliegenden Wand zu und spähte zögernd hinein.
Dort lag ein kleines Baby in einem flauschigen gelben Strampler unter einer dicken Decke. Die Augen waren braun und auf dem kleinen Kopf wuchsen schon dicke schwarze Haare. Der Assasin schluckte und schweigend sahen sich der Säugling und der abgebrühte Killer in die Augen. Keiner von beiden verursachte einen Laut.
Nikarlaij beobachtete fasziniert wie sich die kleine Brust des Babys hob und senkte, wie sich die kleinen Ärmchen bewegten und mit welcher Aufmerksamkeit es ihn mit diesen großen, vertrauensvollen Augen betrachtete.
Der Assasin war fassungslos. Eigentlich dürfte dieses Kind nicht hier sein. Sein Auftraggeber hatte ihn nicht für ein weiteres Kind bezahlt. Doch was, wenn der Säugling nicht rechtzeitig gefunden werden konnte?
In einer Stadt wie New York kümmerten sich die meisten Leute nur um ihre eigenen Dinge. Nur wenige würden sich dafür interessieren, wenn in einer Wohnung ein Baby permanent schrie.
Sollte dieses Kind vampirisches Blut in den Adern haben, dürfte er nicht zulassen, dass es in die Hände von Menschen fiel
Die dunklen Augen des Säuglings betrachteten ihn eingehend. Plötzlich lachte es glucksend und warf die Ärmchen in die Höhe. Der Vampir musste lächeln, beugte sich über das Bett und fragte sich, ob er in der Lage war, diesem Kind etwas anzutun, wenn Brad Simons es von ihm verlangen würde.
Nikarlaij strich vorsichtig über die samtene Wange des Babys. Sein Auftraggeber hatte das Kind nicht angegeben. Wollte er Geld zu sparen? Oder hatte er einfach nicht damit gerechnet, dass es anwesend war?
Der Assasin entschied, dass Brad Simons damit all seine Rechte an diesem Kind verwirkt hatte und beschloss, den Säugling mitzunehmen, um ihm das gleiche Schicksal, welches den Rest seiner Familie befallen hatte, zu ersparen.
Er wusste vom sehnlichen Kinderwunsch eines vampirischen Paares, welches zu dünnes Blut hatte, um eigene Kinder zu zeugen.
Sie würden gut zu dem Kind sein und würden ihn hervorragend dafür bezahlen.
Schmunzelnd schob Nikarlaij seine große Hand unter den Kopf des Kindes und hob es vorsichtig hinaus.
Das kleine Wesen lachte, was den Assasinen sehr berührte. Eine kalte Hand schien sich um sein Herz zu legen.
„Legen sie auf der Stelle mein Kind zurück!“ Die zitternde Stimmer knallte unvermittelt durch die Stille der Wohnung. Nikarlaij, der sich mit dem Kind alleine gefühlt hatte, erschrak unerwartet. Überrascht wirbelte er herum und blickte in die dunklen, grünen Augen einer jungen Frau.
Ihre Haut hatte die Farbe von Milchkaffee. Ihre schwarzen Haare fielen in wirren Locken bis über ihre Schultern und sie trug ein helles, viel zu großes T-Shirt, das weitestgehend ihre wohlgeformten Beine freiließ.
In ihren Händen hielt sie einen hölzernen Baseballschläger. Sie wirkte entschlossen und zu allem bereit.
Dem geübten Jäger entging dennoch nicht, wie sie den Schläger umklammerte und wie ihre Arme dabei zitterten.
Über das Gesicht des Assasinen huschte ein Lächeln, denn unwillkürlich musste er an eine Amazone denken.
Sein Lächeln spornte den Säugling in seinen Armen dazu an, erneut vor Lachen zu quietschen.
Der Baseballschläger in den Armen der jungen Frau zitterte heftiger. „Legen Sie die Kleine sofort zurück!“ Sie versuchte Autorität in ihre Stimme zu legen.
„Sonst passiert was?“ Nikarlaijs Worte klangen spöttisch, doch die Kälte des Assasinen fügte die gewisse Schärfe hinzu.
Nikarlaij hörte ihren menschlichen Herzschlag, hörte wie er zu rasen begann, schneller, panischer und beobachtete, wie sie den Schläger noch fester umklammerte. Ihre Knöchel hoben sich hell von der restlichen Haut ab und der Vampir witterte ihren Angstschweiß mit köstlichem Adrenalin.
Sie schluckte, ihr Atem beschleunigte sich stetig und sie konnte nicht die Augen von ihrer Tochter wenden, die klein und zerbrechlich in den Armen dieses düsteren Fremden lag.
Sie registrierte die kalten, dunklen Augen und das neutrale, nicht lesbare Gesicht. All ihre Instinkte warnten sie vor der unterschwelligen Gefahr die von ihm und seiner Bekleidung aus Leder ausging.
Nikarlaij lächelte eisig und beobachtete, wie sie erschauderte. Sanft legte er das Kind zurück, jedoch ohne die Augen von ihr abzuwenden.
Doch in dem Moment, in dem sie ihre Tochter in Sicherheit glaubte, schwang sie den Baseballschläger mit all der ihr zur Verfügung stehenden Kraft.
Der Vampir sah den Schläger kommen, aber diesen einfach abzufangen kostete ihn nicht die geringste Mühe.
Im Gegenzug hierzu traf sie der Aufprall des Schlägers hart, erschütterte jeden Muskel in ihren Armen und ihr eigener Schwung beförderte sie in seine Richtung.
Ihre Füße, die in dicken, warmen Socken steckten, rutschten über den glatten Boden. Nikarlaij packte sie mit der freien Hand am Oberarm und nur durch seine schnelle Reaktion konnte er verhindern, dass sie hinfiel.
Ihre Hand rutschte kraftlos vom Baseballschläger und Nikarlaij schleuderte ihn etwas gereizt in die nächste Ecke, wo er laut auf den Boden aufschlug. Der Assasin packte sie an beiden Schultern, um sicherzugehen das sie wieder das Gleichgewicht zurückgefunden hatte.
Ihre Augen trafen sich und sie sog hörbar die Luft ein, als sie in diese dunkelbraunen, fast schwarzen Augen blickte, die sie in ihren Bann zu schlagen schienen.
„An ihrer Stelle würde ich nie wieder versuchen mich anzugreifen!“ Nikarlaij flüsterte: „Sie könnten das Echo eventuell nicht überleben!“ Seine Worte zischten leise und er konnte sehen, wie sich die kleinen Härchen auf ihrer Haut aufstellten.
„Was… was wollen sie hier?“ Ihre Stimme klang eingeschüchtert und bebte leicht.
Der Vampir löste die Hände von ihren Schultern, blickte mit einem kurzen Lächeln ins Gitterbett. Die Kleine lachte über einen etwas zerrupften Kuschelesel. Der Assasin wandte sich mit einigen Schritten von der jungen Frau und dem Bett ab.
In diesem Moment stürmte sie nach vorne, griff hektisch hinein und zog ihre Tochter hinaus, um sie an ihre Brust zu drücken. Die Kleine erschrak heftig und antwortete ihrer Mutter mit kraftvollem Gebrüll.
Nikarlaij warf ihr einen gereizten Blick zu, wartete bis sich das Kind wieder einigermaßen beruhigte hatte und richtete wieder das Wort an sie.
„Wie heißen Sie?“ seine Worte waren kühl und knapp. Sie zögerte, aber sein ernster Gesichtsausdruck ließ sie schnell antworten „Kiara Sambela!“ Ihre Stimme war leise und nur ein Wispern drang an seine empfindlichen Ohren.
„Also, Kiara“, seine Worte waren autoritär „Wer sind sie und was machen sie hier?“ Er schien keinen Widerspruch zu dulden, doch genau dieser Befehlston weckte in Kiara wieder die Lebensgeister.
Sie blickte mit funkelnden Augen von ihrer kleinen Tochter auf „Eigentlich sollte die Frage doch umgekehrt lauten. Wer sind Sie und was machen Sie in Sarah Simons Wohnung?“
Mut hatte sie, das musste Nikarlaij ihr lassen.
„Ich bin ein Assasin!“ Er hielt seine Stimme gesengt, doch sie zuckte trotzdem zusammen. Sie wusste um die Assasinen und die junge Frau war sich bewusst, dass sie sich in der Wohnung einer Vampirfamilie befanden.
Sein Blick fiel auf ihre rechte Hand, doch keine Tätowierung zeichnete sie als Eingeweihte aus. Für Nikarlaij bedeutete dies, dass sie zu viel wusste.
Er hielt sich an die ungeschriebenen Gesetze der Ahnen. Alleine mit ihrem Wissen um die Assasinen hatte Kiara Sambela ihr Leben verwirkt.
Ihn beschäftigte jedoch noch immer die Frage, warum sie sich hier aufhielt und ob sein Auftraggeber versucht hatte, ihn zu hintergehen. Vielleicht hatte Brad Simons gehofft, er könnte sechs Tote für den Preis von vieren bekommen. In dem Assasinen kroch Wut hoch Solange er nicht genau wusste, was hier gespielt wurde, würde er die junge Frau mit ihrer Tochter zu sich nehmen.
Das Kind würde ihm im Zweifelsfall gutes Geld einbringen. Sollte Brad Simons ihn betrogen haben, würde dieser es bitter bereuen.
Beim Gedanken an die Frau verengten sich seine Augen zu Schlitzen. Sie war eine Todgeweihte und es sprach nichts dagegen, nicht noch etwas Spaß mit ihr zu haben.
Sein Mund verzog sich zu einem leichten Grinsen. „Sie werden mich begleiten!“ Wieder grollten seine Worte, duldeten keinen Einspruch, doch ihre Lippen öffneten sich, um etwas zu entgegnen.
Ohne dass sie seine Bewegungen mit ihren menschlichen Augen nachvollziehen konnte, stand er direkt vor ihr und legte einen kühlen Finger auf ihre vollen Lippen.
„Sie entgegnen jetzt besser nichts, Mrs. Sambela!“ Er blicke ihr eindringlich in die Augen. „Ich bin ein Mann der Absagen nur schwer hinnimmt.“ Nikarlaij beugte sich nach vorne und flüsterte in ihr Ohr: „Und mich zu enttäuschen könnte schwerwiegende Folgen für Sie haben!“ Mit seiner hellen Hand strich er sanft über den Kopf des Säuglings.
Kiara schluckte, blickte auf ihre Tochter und wieder zu ihm, dann nickte sie zügig.
„Ausgezeichnet!“ Sein warmer Atem streifte über ihre Wange, und während er ihr so nah war drang der Duft seines Aftershaves in ihre Nase. Obwohl sie es hassen wollte, empfand sie den Duft dieses Fremden als äußerst angenehm.
In diesem Moment trat Nikarlaij einen Schritt zurück. „Ziehen sie sich etwas Warmes über!“ Wieder dieser Befehlston. Doch diesmal folgte sie ihm ohne zu zögern.
Nikarlaij hielt sich währenddessen im zentralen Wohnzimmer auf, um sicher zu gehen, dass sie in keines der Zimmer trat, in dem eines der Opfer in seinem Blut lag.
Er war der Meinung, dass es Bilder gab, die menschlichen Augen verborgen bleiben sollten. Auch wenn er diese Meinung nicht im Bezug auf Sean vertreten konnte, so versuchte er in Situationen wie diesen, die Menschen vor derartigem zu schützen. Er selber hatte auf schmerzliche Weise erfahren müssen, wie tief sich grausame Bilder in eine Seele eingraben konnten und über wie viele Jahre sie einem keine Ruhe ließen.
Wie nicht anders zu erwarten, versuchte sie die Tür zum Elternschlafzimmer zu erreichen, um Hilfe zu finden. Doch Nikarlaij hatte die Türe schon vor ihr erreicht.
Seine Hand legte sich auf den Türknauf. Kaum merklich schüttelte er den Kopf „Da gehen sie besser nicht hinein.“ Er machte eine kurze Pause. „Niemand auf der anderen Seite kann ihnen Hilfe angedeihen lassen, denn sie sind alle tot!“
Kiara sog scharf die Luft ein, legte erschrocken eine Hand auf ihren Mund und unterdrückte einen Schrei.
Die junge Frau hatte sich angekleidet und eine warme Decke um das Baby gehüllt. Der Vampir griff nach ihrem Handgelenk und zog sie hinaus auf die Feuertreppe.
Mit Horror in den Augen blickte Kiara in die Tiefe und drückte ihr Baby fester an sich. Die junge Frau zitterte, ihr Puls raste, und ängstlich blickte sie hinunter.
Sie wollte nicht glauben, dass dieser Killer alle umgebracht hatte. Jetzt war er auch noch kurz davor, sie zu entführen.
In diesem Moment hob Nikarlaij sie auf seinen Arm, hielt sie sicher und eilte mit ihnen die Stufen hinunter. Kiara hielt ihre Tochter und konnte nicht fassen, mit welcher Leichtigkeit er sie trug.
Sie lauschte auf die Treppe, die normalerweise bei jedem Schritt knarrte und ächzte, aber diesmal schwieg sie.
Die junge Frau konnte nur an Flucht denken. Sie wollte ihre Tochter diesem Mann entziehen, aber seine kräftigen Arme zeigten ihr, dass dies ein schwieriges Unterfangen sein würde.
Unten in der Gasse angekommen, stellte Nikarlaij die junge Frau wieder auf ihre Füße und erhaschte einen Blick auf das Gesicht des Kindes. Er stellte erstaunt fest, dass der Säugling friedlich schlief.
Sie hingegen blickte unsicher durch die dunklen Seitenstraßen. Er konnte sehen, wie sie mit dem Gedanken spielte zu fliehen, wusste aber auch, wie beängstigend die finsteren Gassen auf die Menschen wirkten. Er konnte allerdings kein Risiko eingehen.
Mit sanfter Gewalt nahm er ihr das schlafende Baby aus den Armen.
Sie wollte protestieren und ihr Kind festhalten, doch er legte ihr einen Finger auf die Lippen.
„Schhhh! Sie möchten sie doch nicht wecken!“ Nikarlaijs Augen blitzen teuflisch, weshalb sie ihre Gedanken zur Flucht augenblicklich verwarf. Sie konnte lediglich zu ihrer Tochter blicken und war von unglaublicher Angst erfüllt.
In seinen Armen wirkte ihr Kind noch winziger, noch zerbrechlicher. Ihre Kehle schien wie zugeschnürt.
Mit einer überheblichen Geste reichte er ihr die Hand, und sie hätte am liebsten nach ihm geschlagen. Sie sah die Belustigung in seinen Augen, die verriet, dass er sich seiner Überlegenheit absolut bewusst war.
Die junge Frau starrte auf die ihr dargebotene Hand. Sie schloss hilflos die Augen und legte ihre Hand in die Seine. Leise lachend verschränkte er seine Finger mit den ihren und führte sie durch die Nacht.
Sein Händedruck war kräftig, aber nicht unangenehm. Seine Hand war kühl, und seine weiße Haut stand in einem harten Kontrast zu ihrer weichen braunen Haut.
Nikarlaij eilte mit ihr durch verschiedene Straßen. Er ging nicht gerade langsam, doch ohne sich zu beklagen hielt sie schweigend mit ihm Schritt. Er musste sich eine gewisse Bewunderung für diese Frau eingestehen - nicht alleine in Bezug auf ihre Schönheit. Die meisten menschlichen Frauen zeterten, wurden hysterisch oder brachen in Tränen aus.
Vampirinen waren überheblich und vertraten oft die Meinung, niemand könne ihnen etwas antun. Wurden sie eines Besseren belehrt, brachen sie meistens hilflos zusammen.
Aber diese Frau schritt aufrecht neben ihm her, und alles an ihr erinnerte ihn eine wilde nubische Amazone.
Als sie an jenem Hochhaus ankamen, in dem sich sein Apartment befand, verlangsamte er den Schritt und bemerkte schmunzelnd ihren beschleunigten Atem.
Gemeinsam betraten sie das Gebäude. Sie durchquerten die große kühle Eingangshalle aus Glas und Stahl, gingen an einigen Aufzügen vorbei, bis er schließlich mit ihr vor einem kleinen, abseits gelegenen Aufzug stehen blieb.
Der Assasin zog eine Karte aus seiner Hosentasche und schob sie in einen Schlitz neben der Tür. Diese öffnete sich kurz danach, und er trat mit den zwei Menschen ein.
Im Inneren sog die junge Frau leise die Luft ein, als die Türen sich direkt hinter ihnen schlossen. Dem Vampir entging der Duft des Adrenalins nicht, das plötzlich durch ihren Körper schoss, und er war verwirrt über die Tatsache, dass ein einfacher Aufzug sie derart aus der Fassung brachte. Kiara musste unwillkürlich zu ihm hoch blicken. Es war ihr peinlich, und sie hoffte, er würde ihr Unbehagen nicht bemerken. Heiß stieg ihr die Röte ins Gesicht. Sie schämte sich für ihre Platzangst. Auch wenn sie versuchte sich einzureden, er habe nichts bemerkt, glaubte sie dennoch, der Vampir wusste es.
Kiara schloss die Augen und versuchte zu verdrängen, dass sie sich in einem Aufzug befanden. Ihre Ängste ließen sich jedoch nicht belügen.
Sie spürte die Vibration unter ihren Füßen, und als sie ihre Augen wieder erschrocken öffnete, hatte sie den furchtbaren Eindruck, die Wände des Aufzuges würden näher rücken. Der Assasin könnte ihre Unsicherheit spüren. Er legte langsam den Arm um ihr Schultern und zog sie vorsichtig zu sich heran.
Zunächst erschrak die junge Frau, dann war sie empört. Als sie ihn ansah, erschienen ihr seine Augen sanft und nicht mehr ganz so schwarz wie vorher.
Das grelle Aufzugslicht musste ihr einen Streich gespielt haben, es konnte nicht anders sein. Der Vampir erschien ihr nun weniger bedrohlich, beinahe mitfühlend. Als sich die Türen summend öffneten, wurde Kiara aus ihren Gedanken gerissen. Erleichtert atmete sie auf und eilte aus dem Aufzug hinaus in die Wohnung des Assasinen.
Der Vampir nahm ihr die Jacke ab und reichte ihr den Säugling, den sie erleichtert wieder in die Arme schloss.
Immer noch hatte sie große Angst, jedoch wirkte alles jetzt, da sie ihre Tochter wieder im Arm halten konnte, nur noch halb so bedrohlich.
Nikarlaij legte ihr die Hand auf den Rücken und führte sie in sein Wohnzimmer. Der schwarz-rote Raum wirkte düster, aber dennoch edel.
Der Boden bestand aus mattem, schwarzen Marmor der von roten Adern durchzogen war. Der untere Teil der Wände war schwarz gestrichen, und nach oben wurde die dunkle Farbe von einem Blutrot verdrängt. Die Möbel in diesem Zimmer waren überwiegend schwarz und mit rotem Glas abgesetzt.
Sie schluckte. Es war ein ungewöhnlicher Raum, da er kalt und warm zugleich wirkte. Der Vampir führte sie zur schwarzen Ledercouch und schaute sich dann nach Sean um.
Es wunderte ihn, dass die Wohnung nahezu rauchfrei war. Des Weiteren war es viel zu ruhig. Normalerweise hatte sein Gefährte eine nicht zu überhörende Vorliebe für sehr laute Musik. Im ersten Moment empfand er die Stille als Erleichterung, denn so würde er sich zumindest nicht deshalb mit Sean auseinandersetzen müssen. Anderseits war es jedoch nicht normal, dass Sean um diese Uhrzeit nicht zu Hause war.
Nikarlaij verließ das Wohnzimmer, um die Küche zu betreten. Dort stand auf dem Tisch eine Flasche mit einem Zettel. Etwas ungehalten riss er den Zettel herunter und las die kurze Notiz, die in Seans furchtbarer Handschrift verfasst worden war.

Bin heute Nacht bei Jesse.
Sei mir nicht böse, hab’ dir auch was zu Essen da gelassen.
Sean

Nikarlaij knüllte den Zettel in seiner Hand zusammen, griff nach der Flasche und öffnete sie etwas zögernd. Sofort hüllte ihn der Duft und das Aroma von Seans Blut ein. Zwar wurde er von seinem Verstand gewarnte, doch sein Hunger ließ ihn einen gierigen Schluck nehmen. Sein Gesicht verzog sich zu einer Fratze, als sich sein Mund langsam mit dem kalten, bereits leicht geronnenen Blut füllte. Der Vampir wischte sich mit dem Handrücken über die Lippen, doch konnte selbst dies den schlechten Geschmack in seinem Mund nicht vertreiben.
Er war froh, dass er einen Menschen bei sich hatte und für diesen Abend auf Seans Blut verzichten konnte. Er wollte sich gar nicht vorstellen wie widerlich es für ihn war, aus purer Not von diesem erkalteten Blut trinken zu müssen. Der Assasin stellte die Flasche zurück auf den Tisch, dachte an Sean und fragte sich, ob es seinem Freund und Gefährten gut ging. Er fragte sich, ob er bei diesem, ihm unbekannten Lykanthropen, sicher war. Nikarlaij schloss die Augen und versuchte, mit seinen Fähigkeiten Sean und den Gestaltwandler in seiner Nähe zu erfühlen.
Er wollte wissen, was in diesem Lykanthropen vorging. Verfolgte dieser ehrliche Absichten, oder war sein junger Freund im Begriff sich in tödliche Gefahr zu bringen?
Die große Entfernung machte die Suche nach Sean ausgesprochen schwierig, doch verband Sean und ihn sehr viel. Nach längerem Suchen konnte er das Bewusstsein seines Gefährten ausmachen. Er war nicht in der Lage menschliche Gedanken zu fühlen, jedoch konnte Seans Bewusstsein ihn zu Jesse Blue führen. Lykanthropische Gedanken konnte er im Gegensatz hierzu lesen wie ein Buch.
Sollte dieser Wolf Übles im Schilde führen, würde er es sicher herausfinden.
Nikarlaij durchforstete alles, was Jesse Blue darstellte. Kein noch so kleiner Gedanken blieb ihm verborgen. Zu seiner enormen Erleichterung stellte er immerhin fest, dass Sean ein besonders seltenes Exemplar von einem Lykanthropen kennen gelernt hatte.
Im Gegensatz zu Mike, der bei dem bloßen Gedanken an Nikarlaijs Gabe zitterte, schien Jesse vollkommen zu akzeptieren, dass Nikarlaij Komanitsz der Gefährte seines Freundes war. Jesse interessierte sich nicht für den Assasinen. Sein einziges Interesse galt Sean, und das war alles, was der Vampir wissen wollte. Er war beruhigt und würde seinen Gefährten gewähren lassen, um ihm eine Nacht in den Armen seines Freundes zu gönnen.
Er blickte auf die dunkle Flasche und schüttelte den Kopf. Manchmal konnte er Seans Gedankengänge schlichtweg nicht nachvollziehen. Der Sterbliche sollte doch wissen, dass sich Blut in einer Flasche nicht wirklich lange halten konnte. Kopfschüttelnd erhob er sich und trat lautlos in das Wohnzimmer. Was er hier erblickte ließ ihn innehalten. Wie erstarrt und ohne zu atmen blickte er auf das große Ledersofa, auf dem sich Kiara mit ihrer Tochter niedergelassen hatte. Die junge Frau hatte die Knöpfe an ihrem Shirt geöffnet und es auf einer Seite herunter gezogen. Nikarlaij blickte auf eine wohlgeformte Brust und auf das kleine Mädchen, welches gierig ihren Hunger stillte.
Der Vampir konnte nicht fassen, was er da gerade sah. Es schien Ewigkeiten her zu sein, seit er das letzte Mal eine Frau gesehen hatte, welche ihr Kind stillte.
Trotz der Furcht, die er immer noch an ihr wittern konnte, hatte Kiara nun einen ruhigen und seligen Gesichtsausdruck. Der Assasin konnte in diesen grünen Augen Liebe sehen und spürte die Wärme, welche die junge Mutter ausstrahlte.
Alles in ihm zog sich zusammen, als er auf die Szene blickte, die sich vor ihm darbot. Es erschien ihm so ruhig und friedlich wie bisher nichts anderes in seinem Leben. Er fühlte sich wie ein Eindringling in seinen eigenen vier Wänden.
Der Assasin fühlte die Schwärze, die ihn umgab, und auch wenn er sich nie für das was er war geschämt hatte, so verspürte er doch den dringenden Wunsch, diese Finsternis von den beiden Menschen fern zu halten.
Nikarlaij trat einen lautlosen Schritt zurück. Sein Magen zog sich zusammen, denn er verspürte Hunger. Ihren weiblichen Duft konnte er sehr deutlich wahrnehmen. Er wollte sich zu ihr gesellen, wollte sie für sich.
Aber sein Verstand weigerte sich strikt. Er konnte einfach nicht wie ein Monster auf sie zu treten. Der Vampir wand sich um, floh in die Küche, griff nach der Flasche und öffnete sie. Wieder hüllte das bereits fast verflogene Aroma seines Gefährten ihn ein, verdrängte ihren Duft, und er hoffte, dass er auf diese Weise wenigsten für einen Augenblick die Gedanken an ihr warmes Blut verdrängen konnte.
Nikarlaij setzte die Flasche an die Lippen, schloss die Augen und kippte das widerliche, kalte Blut hinunter. Er schüttete, spürte kaum wie es über seine Zunge rann, versuchte die Bröckchen zu ignorieren und hoffte, dass sich möglichst schnell ein leichtes Sättigungsgefühl einstellen würde. Er war so bedacht darauf, seine Gedanken möglichst völlig abzuschalten, dass er ihr Eintreten zu spät bemerkte.
„Kann ich meine Tochter irgendwo schlafen legen?“ Ihre Stimme war sanft und vorsichtig.
Der Vampir öffnete erschrocken die Augen, denn es war schon sehr lange her seit ihn jemand überrascht hatte. Er war verblüfft und verwirrt.
Es dauerte allerdings nur den Bruchteil einer Sekunde bis er sich wieder ganz im Griff hatte. Ernst sah er zu ihr hinunter. Ihre Angst um die Kleine und sich selber schwappte über ihn wie eine Welle. Das Zusammensein mit einem ängstlichen Menschen bedeutete für ihn eine große Anstrengung. Das Adrenalin wirkte auf ihn wie ein Aphrodisiakum, und er musste sich sehr zusammennehmen, wenn er vermeiden wollte, sie einfach an sich zu reißen.
Der Vampir trat schweigend an ihr vorbei, durchquerte das Wohnzimmer in eiserner assasinischer Ruhe und betrat sein Schlafzimmer. Er wusste dass sie ihm folgten würde.
Er öffnete die mittlere Schublade seiner Kommode, räumte sie aus und vergewisserte sich, dass sie tief und stabil genug war, um dem Säugling als behelfsmäßiges Bett zu dienen. Nikarlaij legte die Schublade mit einem großen Kissen aus und holte eine Decke aus seinem Schrank.
Er brauchte nichts zu sagen, denn die junge Frau legte ihre Tochter ohne Gegenwehr in die Schublade und streckte ihre Hand aus, um die Decke entgegen nehmen zu können.
Selber hatte sie ihr Kind schon schlechter gebettet, aber das musste er nicht wissen.
Sanft deckte sie das Baby zu und hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn. Ihr war nicht entgangen wie gründlich er die Schublade überprüft hatte. Als er das Licht löschte, ließ er die Tür einen Spalt offen, um das Licht aus dem Flur in das Schlafzimmer zu lassen. Mit so viel aufmerksamer Fürsorge hatte sie nun wirklich nicht gerechnet.
Kiara folgte ihm zunächst nur zögerlich, doch dann warf sie noch einmal einen Blick durch den schmalen Spalt und sah ihre kleine Tochter ruhig und selig schlafen.
Die junge Frau wünschte sich die gleiche Ruhe, doch sie war aufgewühlt, traurig und wütend zu gleich.
Sie spürte die Präsenz des Killers hinter ihr, wusste dass seine wachsamen Augen jeder ihrer Bewegungen folgten.
Kiara war bewusst, dass ihm keine Handlung oder Geste entging. Er war der Räuber und sie das Opfer. Sie wünschte sich, sie hätte niemals irgendwelche grausamen Geschichten über Assasinen gehört.
Wie in Zeitlupe wand sich die junge Frau zu ihm hin, sah auf seine breite Brust und ließ ihren Blick zu seinen verstörenden, dunklen Augen hinauf wandern.
Kiara atmete tief durch „Was haben Sie mit uns vor?“ Sie hatte sich vorgenommen, mit ernster und stolzer Stimme zu sprechen, doch hinaus kam nur ein heiseres, wisperndes Flüstern.
Ihre Unsicherheit machte sie wütend auf sich selber, denn sie wollte ihm ihre Angst nicht zeigen, wollte ihm nicht ermöglichen, seine Macht über sie und ihre Tochter nicht noch mehr ausweiten zu können.
Nikarlaij trat einen Schritt auf sie zu, baute sich vor ihr auf und witterte die erneute Angst, die ihren Körper durchflutete. „Sie können sich doch denken, wohin Ihr Weg Sie führt!“ Seine Stimme war rau, ein kaltes Flüstern und Kiaras Kampfgeist kehrte zurück.
„Und warum haben sie uns dann noch nicht getötet?“ Sie stemmte die Arme in die Hüften, doch das leichte Zittern welches ihren Körper durchlief, minderte den stolzen Ausdruck.
Der Assasin lachte heiser, beugte sich zu ihr hinunter und flüsterte in ihr Ohr: „Ich bin kein Verschwender!“ „Und das heißt?“ Ihre Worte zitterten leicht, und es schwang etwas Panik in ihrer Stimme. „Sie sind eine attraktive Frau Mrs. Sambela!“ Seine Worte waren ausgesprochen ruhig. „Ich denke mehr muss ich nicht sagen!“ Ein kühles Lächeln verzog für einen Augenblick seine Lippen. Um seinen Worten Ausdruck zu verleihen, ließ er seine Augen anzüglich über ihren Körper gleiten.
Kiara schluckte, sie hatte das Gefühl, er würde sie mit seinen Blicken ausziehen, und ohne ein weiteres Wort stürmte sie an ihm vorbei in das Wohnzimmer.
Zu schrecklich waren die Geschichten, welche sie in ihrem Leben gehört hatte. Sie erzählten von Assasinen, die sich an ihren sterbenden Opfern vergingen und von Haustieren, die nur solange in der Gesellschaft eines Assasinen überlebten, wie sie noch reizvoll und neu für ihre brutalen Besitzer waren.

Nikarlaij folgte ihr schmunzelnd. Er sah ihre verkrampfte und wütende Körperhaltung, doch ihn faszinierten nur die langen schwarzen Haare, die in wilden Locken bis zu ihrem Gesäß fielen. Er fühlte ein Ziehen in seinem Magen, was nur eines bedeuten konnte: Er hatte Hunger. Seans kaltes Blut hatte nicht lange genug vorgehalten, und er sehnte sich danach, seine Zähne in diese schöne braune Haut zu senken.
Kiara blieb in der Mitte des Wohnzimmers stehen, kämpfte gegen ihre Wut und bemühte sich wieder besonnen und ruhig zu werden. Unüberlegtes Handeln würde ihr in ihrer jetzigen Lage kaum weiter helfen können. Der Assasin beobachtete etwas amüsiert wie Kiara versuchte, wieder Herr über sich selber zu werden.
Unvermittelt trat er von hinten an sie heran, schlang die Arme um ihre Hüften und vergrub das Gesicht an ihrem Hals. Wie wunderbar sie duftete. Alles in ihm zog sich zusammen, und er musste wieder daran denken, wie sie auf seiner Couch gesessen und ihr Baby gestillt hatte. Als sich seine Arme um sie legten, fuhr Kiara erschrocken zusammen. Sie war bemüht, seine Arme zu lösen, kratzte mit ihren Nägeln über seine Hände, aber er schien es nicht einmal zu bemerken.
Seine Lippen wanderten heiß über ihren Hals und entsetzt beobachtete Kiara, wie die Kratzer auf seinen Händen, die sie ihm gerade erst zu gefügt hatte, im gleichen Augenblick wieder verschwanden. Die junge Frau erstarrte, denn schließlich musste der Assasin hinter ihr bereits ein beträchtliches Alter erreicht haben, um so schnell heilen zu können.
Sie hatte in ihm einen einfachen Killer gesehen, doch nun sah sie einiges in einem anderen, noch erschreckenderem Licht. Hinter ihr stand ein Assasin von mindestens eintausend Jahren.
Sie zog leise die Luft ein. Einen Atemzug lang nahm sie seinen kräftigen Körper kaum noch wahr, spürte kaum noch seinen heißen Atem auf ihrem Hals. In Gedanken spulte sie alle Vampire ab, von denen sie annahm, dass sie für Brad arbeiten würden.
Sie wusste ganz genau, dass Brad niemals einen Stümper anheuern würde. Dies wiederum ließ den Schluss zu, dass es sich hier um einen sehr guten Assasinen handeln musste.
Sie wagte den Gedanken kaum zu Ende zu denken. Stimmen in ihrem Kopf wisperten immer lauter einen Namen, doch sie kämpfte gegen die zunehmende Gewissheit an. Als das Raunen eine fast unerträgliche Lautstärke angenommen hatte, ließen ihre Instinkte sich von ihren Wünschen nicht mehr täuschen.
Sie hatte zwei Assasinen im Verdacht, jedoch fiel einer der beiden nicht in Betracht. Brad war zwar in jedem fall größenwahnsinnig, aber eigentlich nicht dumm.
Nein, es konnte nur einer sein, und sie flehte innerlich, dass es nicht so war. Die Stimmen in ihrem Kopf wurden lauter und langsam brach Panik in ihr aus.
Sie fühlte seinen harten Körper plötzlich umso deutlicher, spürte seine kräftigen Arme, die um ihren Körper geschlungen waren und sie unnachgiebig festhielten. Das Wispern wurde eindringlicher und unwillkürlich presste sie zwischen aufeinander gebissenen Zähnen seinen Namen hervor: „Komanitsz!“
Nikarlaij fuhr erschrocken zusammen, als er seinen Namen aus ihrem Mund hörte. Unvermittelt ließ er von ihr ab und drehte sie schwungvoll zu sich herum, sodass sie leicht strauchelte. Mit sanfter Gewalt konnte er sie jedoch halten.
Nikarlaij blickte mit seinen finsteren Augen auf sie herab und fragte sich, wie es sein konnte, dass ein Mensch seinen Namen kannte.
Ihr Atem ging schnell und er sah die Erkenntnis in ihrem Blick. Er beobachtete, wie Kiara ihn musterte, wie ihre Augen einen Moment auf seinen Waffen ruhten und dann seinen Blick erwiderten.
„Sind Sie Nikarlaij Komanitsz?“ Ihre Stimme schien leicht zu brechen, aber er konnte wieder einmal nicht umhin, ihren Mut zu bewundern. Er nickte leicht und bemerkte in ihren Augen zu gleichen Teilen Erleichterung und Angst.
„Was wissen Sie?“ Er machte eine Pause. „Und woher wissen Sie es?“
Sie blickte kurz auf den Boden und eine Sekunde lang glaubte er, Scham zu erkennen. Sie schüttelte es aber rasch ab und sah wieder zu ihm auf. Kiara Sambela dachte einen Augenblick nach.
„Ich bin das Haustier ihres Auftraggebers!“ Sie versuchte das Wort Haustier normal und nicht abwertend auszusprechen, doch er fühlte die mitschwingende Bitterkeit. Er konnte spüren, dass sie ihn nicht anlog, doch war ihre Hand makellos, und das Zeichen der Gefährten war nicht in ihrer Haut verewigt worden. Der Assasin wirkte skeptisch, und sie konnte die Zweifel in seinen Augen lesen.
„Ich bin schon mein ganzes Leben ein Haustier!“ Wieder zitterte Kiaras Stimme.
„Sie sind keine Eingeweihte!“ Er sprach kalt und schneidend. Verlegen schaute sie auf den Boden, denn sie wusste genau, wovon er sprach.
Ihre Eltern würden sich im Grab umdrehen, wenn sie wüssten, dass ihre Tochter kein angesehener Gefährte in der Welt der Unsterblichen war. Kiara löste ein breites Lederarmband von ihrer linken Hand und hielt ihm ihr Handgelenk entgegen, welches mit vielen, feinen Narben überzogen war, die eindeutig von Messerschnitten stammten.
Nikarlaij konnte nicht verstehen was er sah. Wie konnte jemand Blut aus einem Glas entgegennehmen, wenn es doch direkt aus der Vene so viel köstlicher war. Er nahm ihre Hand in seine und strich mit den Fingerspitzen seiner freien Hand sanft über die hauchzarten Narben, die sich hell von ihrer dunklen Haut abhoben. Der Assasin blickte wieder direkt in ihre Augen und sah die Scham darin.
Ihr Puls klopfte eindringlich gegen seine Fingerkuppe. Kiara erwiderte seinen durchdringenden Blick, und wieder hatte sie den Bruchteil einer Sekunde lang das Gefühl, sich bei ihm in Sicherheit zu befinden.
Nikarlaij spürte den Hunger nur all zu deutlich. Das kalte Blut seines Gefährten hatte ihn nicht wirklich gesättigt, und nur der bloße Gedanke an ihr warmes, lebendiges Blut ließ ihn erschaudern. Erschrocken erkannte sie, wie seine Augen sich veränderten und Hunger und Verlangen darin zu erkennen waren. Kiara konnte sehen, dass er sie brauchte, konnte den Hunger förmlich selber spüren. Es war schon lange her, dass sie einem Vampir begegnet war, der sie derart anblickte.
Einerseits erfüllte es sie mit Angst, andererseits mit einer Vorfreude und alten Erinnerungen, die auf sie einprasselten. Früher hatte sie es genossen, in den Armen eines Vampirs zu liegen, zu spüren wie ihr Herz zu rasen begann, dieses Gefühl zu empfinden, zwischen Schmerz und Lust.
Der Assasin fragte sich ob sie ihm freiwillig ihr Blut gab, oder ob er es sich nehmen musste.
Beides hatte sicherlich seine Reize, denn eines war süß und rein, wohingegen das andere von Adrenalin durchzogen war, wodurch sein Herz noch mehr zum rasen gebracht wurde. Er legte die Hand um ihr Handgelenk und zog Kiara mit sanfter Gewalt näher zu sich.
Die junge Frau erschrak und stemmte die Hände gegen seine Brust. Der Vampir beugte sich nach vorne, vergrub sein Gesicht in ihren Haaren und atmete tief ihren Duft ein.
„Darf ich?“ Die Frage war ein leises Wispern an ihrem Ohr, und sie erschauderte.
Er legte einen Arm um ihre Hüften und zog sie eng an sich. Kiara schnappte nach Luft, und als er in ihre Augen blickte, konnte sie das brennende Verlangen in seinen lesen.
Es war schon so lange her, dass ein Vampir sich nach ihrem Blut sehnte und unwillkürlich frage sie sich, ob sein Biss grob sein würde, wie es jeder bei einem Assasinen vermuten würde, oder aber... sie zitterte leicht.
Kiara konnte sich noch gut daran erinnern, wie aufregend der Biss eines Vampirs war. Ihr Magen zog sich zusammen, und sie wusste mit einmal, dass sie es wollte. Noch einmal einen Vampir spüren, etwas zu fühlen und zu wissen, das normale Menschen nicht kannten.
Nikarlaij spürte ihre Aufregung und überrascht entdeckte er die Sehnsucht in ihren Augen. Ihre Nervosität sprang zu ihm über, und er ertappte sich dabei, wie er selber zitterte. Der Assasin biss seine Zähne zusammen, um wieder Herr über seinen Köper werden zu können.
Kiara blickte verlegen zu ihm hoch, unbewusst benetzte sie ihre Lippen mit der Zunge und nickte ihm kaum merklich zu.
Seine Kehle wurde trocken als er beobachtete, wie sie ihm scheu ihr Einverständnis gab, und seine Augen hingen an ihren vollen Lippen.
Verlegen blickte sie nach unten, doch er legte ihr sanft eine Hand unter das Kinn und zwang sie, zu ihm auf zu blicken. Mit dem Daumen fuhr er ihre Lippen nach, die leicht zu zittern begannen. Dann strich er über ihre Wange, um anschließend seine Hand in ihre Locken zu vergraben. Vorsichtig zog er ihren Kopf nach hinten und entblößte ihren Hals. Mit dem anderen Arm zog er sie fest an sich.
Nikarlaij beugte sich über ihren Hals und beobachtete den wild pochenden Puls. Kiara spürte seinen harten, kraftvollen Körper gegen ihren und genoss das Gefühl in den Armen eines Mannes zu liegen, der in der Lage war, sie ohne Mühe zu halten. Die Luft schien aufgeladen, sie knisterte, und ihr Blut rauschte in ihren Ohren.
Seine Augen waren dunkel, verhangen vor Verlangen und seine Lippen bebten leicht, bevor er sie auf ihren Hals presste. Sie seufzte leise und erschauderte in seinen Armen, als seine Zunge über ihren Puls glitt. Nikarlaij atmete heftig und eine wohlige Gänsehaut breitete sich auf seinem Körper aus, als er ihr leises Seufzen wahrnahm.
Er öffnete seine Lippen und fuhr mit den scharfen Zähen über ihre Haut, was sie erneut zum Seufzen brachte und sie in seinen Armen beben ließ.
Um ihr nicht unnötig weh zu tun, senkte er schnell seine Zähne in ihre feste Haut. Kiara spürte den brennenden Schmerz, als seine Zähne durch ihre Haut drangen. Sie stöhnte auf und krallte sich in den Stoff seines Shirts. Immer tiefer trieb er seine Reißzähne in ihr Fleisch. Kiara schossen Tränen in die Augen, und sie konnte ein leises Wimmern einfach nicht unterdrücken.
Er nahm sie fester in den Arm und strich beruhigend durch ihre Haare. Seine Zähne drangen durch die Hauptschlagader und frisches Blut pulsierte in seinem Mund.
Vorsichtig zog er seine Zähne zurück und begann gierig an der Wunde zu saugen. Seine Zunge wanderte über ihre Haut, und sie stieß erleichtert Luft aus. Kiara lehnte sich gegen ihn und genoss das Gefühl seiner Lippen auf ihrer Haut. Die Mischung aus Schmerzen und wieder aufkommender Lust war verwirrend. Sie strich über Nikarlaijs Brust und fühlte den durchtrainierten Körper unter dem schwarzen Shirt. Der Vampir vertiefte seinen Kuss an ihrem Hals und sein leises Seufzen ließ sie erschauern. Seine Hände strichen fordernd über ihren Rücken und ihren Po.
Kiara konnte ihren eigenen Herzschlag spüren und ihr eigenes Blut in ihren Ohren rauschen hören. Er stöhnte leise, sein Herz schlug wild, und sie vergrub ihre Hände in seinen weichen Haaren.
Nikarlaij seufzte, Kiara erregte ihn mehr als er es zulassen wollte. Ihre kleinen Hände spielten mit seinen Haaren, er zitterte leicht, leckte das Blut von ihrem Hals und schloss mit seinen Gedanken die Wunden.
Wie gerne würde er sich mehr nehmen. Er strich mit seiner Wange über die ihre.
Sie spürte die feinen Stoppeln, roch sein angenehmes Aftershave. Seine Lippen glitten über die ihren, verweilten kurz, um das leise Beben zu spüren. Dann teilte er sanft mit seiner Zunge ihre Lippen und erforschte ihren Mund.
Scheu berührte sie seine Zungenspitze mit der ihren, und in ihrem Magen begann es zu kribbeln. Er vertiefte den Kuss und rieb seine Zunge an ihre. Sie schmeckte den metallartigen Geschmack ihres eigenen Blutes auf seinen Lippen.
Kiara ließ mutig ihre Zunge um seine scharfen Zähne gleiten und spürte, wie sie sich leicht schnitt. Sie zuckte kurz zusammen, aber der darauf folgende leidenschaftliche Kuss ließ sie taumeln. Noch nie in ihrem Leben hatte sie einen aufregenderen Kuss erfahren.
Aber dann kam das Bewusstsein zurück, wen sie da in ihren Armen hielt und was dieser Mann mit ihr tun konnte. Die Angst kroch zurück in ihren Körper und fand den Weg zu ihrem Herzen, auch wenn sie dies nicht wollte.
Der Vampir spürte die Stimmungsschwankung, die Angst, die in ihr explodierte, sich mit ihrer Lust mischte und diese dann gänzlich vertrieb.
Widerstrebt löste er seine Lippen von den ihren und blickte eingehend in ihre matten Augen, die langsam wieder klar wurden. Ihre Lippen waren von seinem Kuss leicht geschwollen. Sie stand mit geschlossenen Augen da und atmete heftig. Schließlich lehnte Kiara sich gegen ihn, und er schloss die Arme fester um sie.
Ohne dass sie etwas sagen musste, hatte er ihr Unbehagen gespürt. Obwohl sie sein Verlangen spüren konnte, hatte er den Kuss beendet.
Die junge Frau fühlte sich eigenartig, das Gemisch von Faszination und Angst brachte sie durcheinander. Kiara spürte die kräftigen Arme, die sie fest umschlossen hielten, doch hatte er sie nicht einmal zu etwas gezwungen, zu dem sie nicht bereit gewesen war, oder gar Gewalt angewandt.
Sie erschauderte, da dieser Mann ihr ein sicheres Gefühl vermittelte und sie in keiner Weise den Eindruck hatte, in den Armen eines assasinischen Killers zu liegen.
Sie war in der Welt der Unsterblichen aufgewachsen, hatte in einem alten Herrenhaus in England gelebt, in dem neben einfachen Unsterblichen, auch Assasinen ein- und ausgegangen wahren. Der Gefährte ihrer Eltern war ein sehr einflussreicher Lykanthrop gewesen, dessen Frau eine alte und mächtige Vampirin.
Beide hatten viele Freunde, aber auch Feinde in der Welt der Unsterblichen, und so war es für sie nicht unüblich, ihren Dreck von Assasinen beseitigen zu lassen.
Kiara kannte viele Geschichten über Nikarlaij Komanitsz, wusste von seinen Aufträgen und kannte seine Skrupellosigkeit.
Sie hatte von den Gerüchten gehört, die über sein Blut kursierten. Unter anderem wurde gemunkelte, er würde direkt von einem Ahnen abstammen.
Sie erschauderte, richtete ihren Blick nach oben und hatte den Eindruck, in diesen dunklen Augen versinken zu können. In gleichem Maße wie zuvor von seiner Sanftheit, war Kiara erstaunt, keine Kälte oder Härte in seinen Augen oder Zügen erkennen zu konnte. Nikarlaij wirkte auf sie wie ein einfacher, aber etwas verschlossener Mann.
Kiara ließ ihre Stirn gegen seine Brust sinken, atmete den angenehmen Duft seines Rasierwassers ein und spürte, wie seine Arme sich fester um ihre Schultern und Hüften legten. Die junge Frau lauschte auf das gleichmäßige schlagen seines Herzens, es war ein Geräusch, welches sie schon lange nicht mehr vernommen hatte.
Zuviel Zeit hatte sie unter Untoten verbracht, dass sogar sein Herzschlag auf sie eine beruhigende und zugleich seltsam vertraute Wirkung hatte. Es bestätigte ihr, dass die Gerüchte über ihn wenigstens teilweise der Wahrheit entsprachen.
Sie dachte über das nach, was er zuvor zu ihr gesagt hatte. Allein der Gedanken, dass er wirklich vorgehabt hatte sie und ihre Tochter zu töten bereitete ihr Unbehagen.
Doch immerhin er war ein Assasin - wie konnte sie da
überhaupt etwas anderes erwarten?
Kiara schluckte, sie fühlte sich so wohl in seinen Armen. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass er gerade eben jemanden getötet hatte, und dass sie tatsächlich im Begriff war, ihren eigenen Mörder willkommen zu heißen.
Ruckartig löste sie sich von ihm, und wieder war sie überrascht, dass er sie gewähren ließ.
Kiara trat einen hektischen Schritt zurück, straffte ihre Schultern und blickte ihm direkt in die Augen.
„Sollten Sie meiner Tochter etwas antun, schwöre ich Ihnen, dass ich alles versuchen werde, sie zu töten!“
Nikarlaij nickte ihr zu. Er wusste, dass ihre Drohung ernst war, und er war nicht so dumm, sie zu unterschätzen.
Kiara war eine Mutter, und wie jede gute Mutter war sie zu allem bereit, um ihre Tochter zu schützen.
Erneut kam Kälte über ihn. Kiara konnte förmlich sehen, wie sich seine Züge verhärteten. Der einfache Mann, der gerade noch vor ihr gestanden hatte, wurde vom Assasinen verdrängt. Sie blickte hoch zu dem Mann, der sie gerade noch alles andere als brutal im Arm gehalten hatte. Kiara fragte sich, ob sie ihr Schicksal und das ihrer Tochter abwenden konnte, wenn sie versuchen würde ihn zu verstehen. Vielleicht würde es genügen, wenn er sie besser kennen würde, vielleicht würde er ihnen dann helfen, anstatt sie zu verdammen.
Er war ein sehr attraktiver Mann, und es könnte sich durchaus als angenehm herausstellen, wenn sie ihn besser kennen lernen könnte. Lediglich um ihr Leben zu betteln würde sicher nicht ausreichen, ihn zu überzeugen.
Wenn sie jedoch versuchen würde, an ihn heran zu kommen, durften ihre Gefühle nicht gespielt sein. Sie war sich völlig sicher, dass er dies sofort bemerken würde.
Vampire hatten ein sehr feines Gespür, mit dem sie Lüge von Wahrheit unterscheiden konnten, und ein Assasin war noch viel aufmerksamer und feinfühliger.
Kiara beobachtete den Mann, den sie vor sich hatte. Momentan waren seine Augen ausdruckslos und kalt, aber noch vor wenigen Minuten hatten sie vor Verlangen gebrannt, und nichts hatte an die Maske des Killers erinnert, die er jetzt wieder trug.
Der Vampir wand sich von ihr ab, um in Richtung Badezimmer zu gehen. Hierbei zog er in einer fließenden Bewegung sein T-Shirt aus.
Kiara musste auf seinen Rücken starren. Sie hatte Geschichten gehört, welche besagten, dass Assasinen, das dämonischen Wort für Killer, auf den Rücken gebrannt hatten. Niemals hätte sie es sich jedoch so groß vorgestellt.
Sie wünschte, sie hätte ihrer Mutter genauer zugehört und die alte Sprache der Unsterblichen gelernt. Aber mit ihrem Wissen konnte sie die feine Schrift nur betrachten, die Bedeutung des Wortes in dieser fremden Sprache, blieb ihr allerdings verborgen.
Das Branding reichte von einer Schulter zur anderen und bedeckte die obere Hälfte seines Rückens. Ihre Mutter hatte erzählt, dass mit Ausnahme von Feuer und den Krallen eines Dämonen, nichts einen Vampir dauerhaften Schaden zufügen konnte. Es musste sehr schmerzhaft gewesen sein.

Der Assasin trat in die Dusche, und als das kalte Wasser auf ihn niederprasselte, ließ die Anspannung in seinen Lenden nach. Er seufzte erleichtert.
Während er genoss wie das kühle Wasser über seinen Körper ran, fragte sich Kiara Sambela wie er wohl nackt aussehen würde. Sie schüttelte diese Gedanken wieder ab. Wie konnte sie nur über ihn nachdenken? Wie konnte sie nur so dumm sein?
Kiara atmete tief durch. Sie wollte nach vorne blicken, wollte eine sichere Zukunft für sich und ihre Tochter sehen. Doch zwischen ihr und ihrem Glück stand Nikarlaij Komanitsz, und der Assasin war ein nahezu unüberwindliches Hindernis.
Sie durchquerte das Wohnzimmer, eilte durch den Raum und versuchte Nikarlaij aus ihrem Kopf zu verbannen sowie seinen Geschmack auf ihren Lippen zu verdrängen.
Die junge Mutter war sich der Aussichtslosigkeit ihrer Situation durchaus bewusst, als sie leise durch das dunkle Schlafzimmer ging und auf ihre Tochter hinunter blickte.
Im leichten Schein des Flures konnte sie die feinen Züge ihres Babys deutlich erkennen. Wie friedlich sie in ihrer Unwissenheit doch schlief. Was würde sie dafür geben, die gleiche Sorglosigkeit zu besitzen, die einfache Gewissheit darüber zu haben, dass sich jemand um einen sorgte. Ihre Tochter brauchte sie.
Kiara hätte schreien können. Sie wollte alles richtig machen, ihr Kind all vor den Monstern in dieser Welt beschützen, aber sie wusste nicht wie. Wie sollte sie nur gegen einen Assasinen bestehen können? Was für eine Person war sie eigentlich, dass sie an Nikarlaijs Lippen denken musste.
Sie schämte sich, war wütend, und wenn sie könnte, würde sie Nikarlaij töten, bevor er einen Schritt gegen sie unternehmen könnte. Ihre eigene Hilflosigkeit erschlug sie förmlich, und alles schien sie nach unten zu drücken. Die junge Frau spürte wie ihre Beine nachgaben und wie sie neben ihrer Tochter auf den Boden sank. Sie hatte sich bei Kimberlys Geburt geschworen, dass sie niemals aufgeben würde. Sie wollte sich mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln gegen Brad wehren und ihrer Tochter zuliebe stark sein.
Aber sogar in ihren schlimmsten Albträumen hätte sie nie darüber nachgedacht, es mit einem Nikarlaij Komanitsz aufnehmen zu müssen. Kiara fühlte den Kloß in ihrem Hals und die Tränen, die sie nun nicht mehr zurück halten konnte. Sie schlug die Hände vor ihr Gesicht und weinte bitterlich. Brad Simons würde dafür bezahlen müssen - das hoffte sie inständig - aber womöglich würde es dann für sie und die Kleine zu spät sein. Sie zitterte, ließ ihre Tränen freien Lauf. Seit der Geburt ihrer Tochter konnte sie zum ersten Mal ihre Trauer offen zeigen.
Seit Kimberly Teil ihres Lebens war, gönnte sie sich keinen Moment der Schwäche. Sie hatte ihre Tochter gegen die Vampire in ihrem Umfeld geschützt, hatte gekämpft wie eine Löwin, doch in diesem Moment, wollte sie einmal schwach sein, nur ein einziges Mal.

Nikarlaij trat aus der Dusche und hielt in der Bewegung inne. Das verzweifelte Schluchzen drang an sein Ohr und normalerweise hätte ihn dies kalt gelassen. Allerdings war es Kiaras einziges Pech, zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein. Konnte er sie und ihre Tochter dafür verdammen?
Er wusste, dass sein Vater ihn für diesen schwachen Gedanken tadeln würde. Es galt als ungeschriebenes Gesetzt unter den Unsterblichen, niemanden zu verschonen, der von ihrer Existenz wusste. In Momenten wie diesen hasste er es, er selber zu sein. Wäre er jemand anderes, würde er sich diesen kleinen Gesetzesbruch erlauben, aber wie bei seinem Vater waren die Augen der Ahnen immer auf ihn gerichtet, weshalb er sich einen Fehltritt einfach nicht erlauben konnte.
Vielleicht fand er einen Vampir, der sich ihrer als Gefährte annehmen würde. Ob sie diesen Aufwand allerdings überhaupt wert war, und ob er auf das Geld für ihre Tochter verzichten wollte, wusste er noch nicht.

Nikarlaij wickelte sich ein Handtuch um die Hüften und betrat leise das Schlafzimmer. Kiara saß zusammen gesunken auf den Fußboden und wirkte so hilflos und verletzlich. Nikarlaij kniete sich vor sie und als Kiara eine leichte Berührung an ihrer Schulter spürte, blickte sie erschrocken hoch.
Sie beachtete die Tränen, die immer noch über ihre Wangen strömten, nicht weiter, denn sie konnte nur ihn ansehen, wie er mit seinen nassen Haaren und den traurigen, verständnisvollen Augen vor ihr saß. Den Ausdruck in seinen dunklen Augen konnte sie kaum fassen, und sein Gesicht wirkte sanft und hatte jegliche Härte verloren.
Nikarlaij war betrübt und gleichzeitig fasziniert von den glitzernden Tränen, die in ihren langen dunklen Wimpern hingen. Instinktiv zog er sie zu sich heran, legte die Arme schützend um sie und bettete ihren Kopf an seine Schulter.
Zunächst stemmte sie erschrocken und abwehrend ihre Hände gegen ihn, aber als sie fühlte, dass er sie lediglich im Arm hielt, entspannte sie sich langsam.
Seltsam geborgen kuschelte sie sich in seine kräftigen Arme, und erneut quollen Tränen über ihre Wangen. Leise schluchzend versuchte sie Trost in seiner Umarmung zu finden. Nikarlaij lauschte auf ihr leises Schluchzen, fühlte ihr klopfendes Herz und dachte an die Drohung die sie zuvor ausgestoßen hatte. Er wäre nicht so alt geworden wenn er nicht gelernt hätte, auch Sterbliche als Gegner ernst zu nehmen. Kiara war eine impulsive Frau, und wie alle liebenden Mütter, würde sie in der Lage sein, über sich selber hinauszuwachsen, um ihr Kind zu schützen.

Plötzlich waren sie da, all seine schlechten Erinnerungen, und schmetterten peinigend gegen ihn. Seine Mutter war nie für ihn da gewesen, wenn er sie gebraucht hatte, und für ihn gekämpft hätte sie schon gar nicht.
Wie sehr hatte er sich nach einer Mutter mit Kampfgeist gesehnt. Stattdessen hatte ihn ein verstörtes und gebrochenes Wesen auf die Welt gebracht.
Nikarlaij war in einer Zeit der kleinen Kriege und sinnlosen Auseinandersetzungen groß geworden. Seine Mutter war eine dieser Frauen, die für das Wohl der Krieger mit dem Heer reisten.
Selbst heute noch schmerzte ihn das Wissen, dass seine Mutter für jeden räudigen Köter die Beine geöffnet hatte, und er zur damaligen Zeit nicht einmal wusste, wer ihn gezeugt hatte.
Er war immer bemüht gewesen Verständnis aufzubringen, aber sie hatte nie versucht ihr Schicksal zu ändern und sich ein bisschen Würde zu bewahren, wie es manch andere Frau sicherlich getan hätte.
Nie hatte sie ihr Leben in die eigene Hand genommen, sie hatte nicht einmal den Versuch unternommen. Auch das Leben ihrer Kinder hatte sie nie schützen können.
Genauso wenig wie sie um ihr eigenes erbärmliches Dasein gekämpft hatte, hatte sie auch ihre Kinder im Stich gelassen, indem sie sie der Gewalt der Krieger überließ.
Wenn Männer, die auf der Suche nach einem jungen Knaben waren, ihn oder seinen kleinen Bruder auf ihr Lager zerrten, galt ihr einziges Interesse dem Profit, den sie für diese Dienstleistung ihrer Kinder bekommen würde. Oft hatte er geweint, aber noch viel öfter hatte er seinen Bruder im Arm gehalten, wie er auch jetzt Kiara im Arm hielt, und hatte auf sein Schluchzen gelauscht.
Aber für ihn, den Erstgeborenen, gab es damals keine Zeit zu trauern und das schändliche Verhalten seiner Mutter zu beweinen.
Er musste arbeiten. Krieger wollten essen, sie brauchten Feuerholz und Wasser. Er musste helfen Verletzte zu versorgen, oder er diente einfach nur als Prügelknabe für einen etwas älteren Jungen, der zum Krieger ausgebildet wurde.
Keine Zeit für Träume.
Keine Zeit für eine Kindheit.
Wie sehr hatte er sich eine starke Person gewünscht, die sich seiner hätte annehmen können. Er hatte sich jemanden für seinen Bruder gewünscht. Selbst heute, nach all den Jahrhunderten, konnte er deutlich das Gesicht seines kleinen Bruders erkennen, wie sein gebrochener Körper in all dem Dreck und Blut gelegen hatte.
Nikarlaij öffnete seine Augen und versuchte die Gespenster der Vergangenheit zu vertreiben und sich einfach nur auf die Frau in seinen Armen zu konzentrieren.
Nachdem ihre Tränen versiegt waren, lag sie schweigend in seinen Armen und dachte über die Widersprüchlichkeit dieses Mannes nach. Frisch geduscht, vom Duft eines angenehmen Duschgels eingehüllt, saß der Vampir bei ihr, und seine Berührung war alles andere als unangenehm.
Auch wenn seine nackte Brust und das Handtuch, welches er um seine Hüften geschlungen hatte - geschweige denn das, was sich darunter verbarg - sie beunruhigen sollte, fühlte sie sich wohl.
Kiara musste schmunzeln. Ihn nannte sie widersprüchlich, doch sie selber war um keinen Deut besser. Sie verfluchte sich für ihre Schwäche und ihre Wankelmütigkeit und wünschte sich mehr Stärke gegen diesen Mann.
Doch in den letzten Jahren hatte sie zwischen Vampiren gelebt, für die Sterbliche keinen Wert besaßen und nichts weiter als ein Gegenstand waren.
Auch wenn sie sich schlecht fühlen müsste, so war ihr doch schmerzlich bewusst, dass dieser Assasin sie besser behandelte, als der Mann, in den sie sich unsterblich verliebt hatte.

Sie hörte wie er scharf die Luft einsaugte und aufschreckte. Mit verklärten und gehetzten Augen blickte er zu ihr hinunter. Kiara erschrak über den so plötzlich eingetretenen verletzten und gepeinigten Gesichtsausdruck. Wie konnten diese Augen so eine Einsamkeit widerspiegeln, wenn sie sonst so kalt blitzten?
Er könnte in ihren Augen versinken, fühlte ihren warmen, lebendigen Körper an seinem und spürte ihren Atem auf seiner nackten Haut. Mit einem Mal konnte er wieder über nichts anderes nachdenken, als seinen Körpern an ihrem zu spüren.
In was für eine Misere hatte er sich jetzt schon wieder gebracht? Sein Vater war der Meinung, dass er hierfür ein ganz spezielles Talent hatte. Er sah das Bild seines Vaters vor seinem inneren Auge, und schmerzlich bedrückte ihn der Gedanke, dass er ihn damals benötigt hätte.
Nikarlaijs Magen zog sich zusammen, und wieder sah er die grünen Augen seines Bruders. Er hätte ihn damals gebraucht. Nikarlaij sprang auf und zog sie mit sich auf die Füße.
Er musste alleine sein.
Kiara beobachtete, wie von einer Sekunde zur anderen der kalte Hauch auf seine Züge zurückkehrte. Sie fragte sich, was in diesem Mann vor sich ging.
Nikarlaij zog das Handtuch fester um seine Hüften und schritt zu seinem Kleiderschrank. Nach einem kurzen Moment beförderte er ein schwarzes T-Shirt und eine Boxershorts zutage und legte beide sorgsam auf sein großes Bett. Dann ging er in Richtung Tür.
„Sie schlafen hier! Guten Tag!“ Mit diesen knappen Worten verließ er den Raum und ließ eine verwirrte Kiara zurück.
Sie brauchte einige Zeit um ihre Gefühle zu sortieren. Sie musste sicher gehen können, dass er nicht zurückkehrte, bevor sie es wagte, sich um zu ziehen.
Das Bett war herrlich weich und - wie sie begeistert feststellte - wohlig vortemperiert.

Nikarlaij schritt durch die dunkle Wohnung. Nie hätte er gedacht, dass er die Gesellschaft seines Gefährten so vermissen würde. Er fühlte sich leer, einsam und hatte ein unbeschreibliches Verlangen nach mehr.
Wieder blitzten die Augen seines Bruders durch sein Bewusstsein. Der Assasin stolperte in sein dunkles Gästezimmer und ließ sich auf das Bett sinken. Er dachte an seinen Vater und verfluchte die Ahnen für sein Dasein, verfluchte sie für ihre Intrigen und dafür, dass sie seinen Vater von ihm ferngehalten hatten.
Ich hasse euch!
Seine Gedanken waren von Traurigkeit und Wut erfüllt. Er schickte sie in die Schatten und hoffte, sie würden den Richtigen treffen.
Wieso war er immer noch in der Vergangenheit gefangen.
Er wollte doch nur endlich seinen Frieden!
Aufgrund von Kiaras Anwesenheit hatte er den Fehler begangen, über seine eigene Mutter nachzudenken. Dies brachte ihm jedoch nur Hass, Wut und Hilflosigkeit, die er heute nicht mehr empfinden wollte. Wie sehr hatte er sich nach einem Vater gesehnt, für sich und für seinen Bruder.
Ihr hätten ihn zu mir kommen lassen müssen!
Er ballte die Hände zu Fäusten, als er ein Wispern aus den Schatten vernahm.
*Kzu kza liamira tark*- Wir erklären uns nicht.


Nikarlaij blickte durch das dunkle Zimmer, er kannte diese Stimme.
*Verschwinde Szkelos, du bist hier nicht willkommen.*


*Du hast mich doch Gerufen eam Chzuchza.-mein Freund*


Nikarlaij hörte sein Lachen aus der Dunkelheit, ein Lachen das ihn schon sein Leben lang begleitete.
*Verschwinde!*


Er legte seine ganze Wut in diesen Gedanken und hoffte der Ahn würde ihn nicht weiter beobachten.
Der Assasin hatte sich an die Augen der Nacht gewöhnt, sie waren zu seinem ständigen Begleiter geworden. Doch Szkelos arak`Les war der Ahn, den er am meisten verabscheute. Seine Stimme hatte ihn auf allen Schlachten begleitet, und sein Lachen hatte ihn verfolgt.
Er war bei ihm, als er blutend im Dreck lag. Er war bei ihm, wenn Krieger ihre schmutzigen Hände an ihn legten. Er kannte seinen Vater, hätte ihn rufen können. Dieser hätte schlichtweg alles beenden können. In Szkelos Klauen hatte alles gelegen. Er hätte alles ändern können.
Sie vieles hätte anders sein können.

Wieder blickte er in die Vergangenheit, sah die grünen Augen seines Bruders, erst geweitet vor Schreck, dann dunkel vor Angst. Er wünschte sich, dass er zu denken aufhören könne, doch viel zu klar waren jene Bilder, die ihn aus der Vergangenheit heimsuchten.
Die große Faust des Kriegers traf das kleine Gesicht seines Bruders. Nikarlaij sah ihn schwanken. Er fiel, und der Aufprall des abgemagerten Körpers schien viel zu laut. Er hörte den knirschen Laut noch deutlich, als der Kopf auf den Stein traf. Das Grün der Augen erschien mit einem Mal leer, matt, stumpf und gebrochen vom viel zu frühen Tot.
Noch immer spürte er die Erstarrung, sah das leuchtende Rot des Blutes, wie es sich mit dem Schlamm und Dreck vermischte, in dem sie gemeinsam aufgewachsen waren.
Sein wütender Schrei hallte durch seine Erinnerung. Er war auf den Krieger zugestürmt und konnte fühlen, wie die Schläge seiner Fäuste am Körper des Mannes zu verpuffen schienen. Immer wieder trommelte er auf ihn ein, spürte die Schmerzen in seinen Händen und hörte ein grausames Lachen im Wind.
Die große Hand des Kriegers umschloss sein Handgelenk wie ein Schraubstock. Der Krieger zog Nikarlaij hinter sich her, bis sie sein schäbiges Lager aus Fellen und dreckigen Tüchern erreicht hatten. Sein zehnjähriges Ich war zu Gegenwehr nicht in der Lage, und seine verquollenen Augen suchten verzweifelt seine Mutter zwischen all den Fremden.
Das einzige, was er jedoch vernehmen konnte, war eine seltsame Stimme, die Worte einer fremden Sprache in sein Ohr wisperte, die er nicht verstehen konnte. Hilflos und voller Angst musste er sich auf den Boden drücken lassen. Das Gewicht des Mannes, der sich über ihn rollte, nahm ihm die Luft zu atmen, und der Gestank nach Schweiß, Blut und Dreck ließ ihn würgen.
Er wollte schreien, erhoffte sich irgendeine Hilfe, doch kratzige, aufgeplatzte Lippen pressten sich stinkend auf seine. Kräftige Finger fummelten an seiner Hose, um ihm die wenigen Lumpen, die er trug, auch noch zu nehmen.
Er hatte Angst, sein Bruder war fort.

Er war voller Panik, als eine schwere Hand sich von hinten auf seine Schulter legte. Nikarlaij schreckte hoch und blickte in die Finsternis hinter sich. Er erwartete niemanden zu sehen, nur Szkelos hämische Stimme zu hören. Doch es war sein Vater, der sanft zu ihm sprach.
“Lileez jiar, eam Tza`din“ - Was ist los, mein Sohn?
Sze`dan war in voller Lederkleidung und komplett Bewaffnet erschienen. Er ließ sich neben seinem Sohn auf das Bett sinken und zog ihn bestimmt in seine Arme.
Nikarlaij seufzte leise und ließ sich gegen seinen Vater sinken. Sze`dan thaz´Arak, hatte die gleichen rabenschwarzen Haare wie sein Sohn, aber seine Augen hatten ein tiefes Blau - wie der mitternächtliche Himmel. Seine Haut war wesentlich heller als die seines Sohnes, und er war kleiner und nicht von ganz so kräftiger Statur wie Nikarlaij.
Nikarlaij war über die Fähigkeiten seines Vaters, auch über große Entfernungen seinen Gemütszustand erfühlen zu können, noch nie in seinem Leben dankbarer gewesen. Durch das Blut des Ahnen war Sze`dan in der Lage, sich an jeden beliebigen Ort seiner Wahl zu denken – und dies nur durch bloße Willenskraft. Als mächtiger Assasin, Diener und Gefährte eines sehr alten Dämons hatte Sze`dan viele Fähigkeiten, von denen andere Vampire nur träumten. Der mächtige Mann liebte Nikarlaij über alles, doch es betrübte den Vater sehr, dass der Sohn mit ihm niemals über seine Vergangenheit sprach. Er würde ihm sicher vieles erklären können, denn er kannte die Ahnen und ihre Denkweise.
Er kannte Nikarlaijs Vergangenheit, war durch seine Gedanken geschritten und hatte alles gesehen.
Sze`dan wusste also auch, was die Dämonen seinem Sohn angetan hatten. Im Gegensatz zu Nikarlaij, kannte er aber ihre Beweggründe, und da er auch das große Ganze kannte, konnte er verzeihen.
Seinem Sohn würde er allerdings nicht helfen können, wenn dieser weiterhin nicht darüber sprach. Er würde Nikarlaij nicht sagen, dass er seine Vergangenheit kannte. Er musste seinen Sohn dazu bringen, ihm diese Dinge von sich aus preiszugeben. .
„Eam Tza`din…möchtest du darüber reden?“
Nikarlaij schüttelte den Kopf, und schmiegte seine Wange an die Schulter des Älteren. Er sog den vertrauten Geruch aus Leder, Blut, Adrenalin und eines sehr teuren Aftershaves tief ein.
Niemand konnte wirklich nachvollziehen, wie tief die Gefühle für seinen Vater wirklich waren. Nikarlaij genoss das Gefühl, gehalten zu werden. In diesem Moment hatte er das seltene Gefühl, dass nichts und niemand ihm etwas anhaben könne.
So lange schon hatte er sich gefragt, wer sein Vater war, dass er nun, da er ihn endlich bei sich hatte, keine Minute davon missen wollte.
Sze`dan strich durch Nikarlaijs Haare.
Genau wie damals, als sein Sohn das erste Mal vor seiner Tür gestanden hatte, verwunderte es ihn noch heute, wie leicht es Nikarlaij immer gelang, ihm als Vater ein Gefühl vollkommener Akzeptanz zu vermitteln. Wie gerne würde er ihm helfen und ihn von den Schatten der Vergangenheit befreien, aber am meisten bedauerte er, dass er ihn nicht schon in seiner Kindheit gefunden hatte. Wie sehr wünschte er sich, dass er ein richtiger Vater hätte sein können. Allerdings hatte er lernen müssen, bestimmte Dinge einfach hinzunehmen.
Die Ahnen hatten ihre Gründe, und der große Rat entschied nicht willkürlich. Sein Gefährte Ezra war mächtig. Er kannte die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Er hätte Sze`dans Sohn nicht all das durchleiden lassen können, wenn er nicht die absolute Gewissheit gehabt hätte, dass dies auch zwingend erforderlich gewesen war.
Vielleicht würde Nikarlaij ihn heute nicht so schätzen, hätten sie sich schon immer gekannt. Vielleicht hätte sein Sohn die Identität seines Vaters als schwarzen Tod und die Tatsache, dass er einem Ahnen diente, einfach nur gehasst.
Sze`dan zog in Erwägung, dass es so besser war und setzte sein ganzes Vertrauen in seinen Gefährten.
Vielleicht würde er seinen Sohn auch heute nicht so wertschätzen, hätte er ihn neben den Diensten für seinen Gefährten aufziehen müssen. Heute wusste er seinen Sohn zu schätzen, und sah ihn als Bereicherung für sein Leben.
Bevor dieser all seinen Mut zusammen genommen und an seine Tür geklopft hatte, gab es in Sze`dans Leben nur wenige Freuden außerhalb der Arbeit.
Als blutjunger Assasin hatte dieser um Arbeit bei Ezra, dem mächtigsten aller Dämonen, gebeten.
Er musste schmunzeln, denn selber hatte er schlichtweg, anstatt um diese Stelle zu bitten, diese einfach eingefordert. Sein Selbstbewusstsein hatte ihm diese Courage erlaubt, denn schließlich hatte er eine hohe Meinung von sich und seinen Fähigkeiten.
Der Dämon hatte ihn jedoch auf schmerzhafte Weise in seine Schranken verwiesen. Nach sehr langer Zeit und vielen Kämpfen hatte Sze`dan seinen Platz dennoch gefunden und empfand eine tiefe Befriedigung in seiner Arbeit. Das blutige Handwerk für einen Dämonen zu erledigen erforderte absolute Kontrolle über sich selber und seinen Köper.
Kein Assasin vor ihm hatte es jemals gewagt, sich mit einem Dämon zu messen. Seine Arbeit hatte ihn immer mit Stolz erfüllt und bedeutete ihm sein ganzes Leben.
Doch dann kam Nikarlaij. Zunächst hatte er den vorlauten jungen Assasinen brutal auf seinen Platz verweisen müssen. Keiner von beiden hatte auch nur eine leise Ahnung von ihrer Verwandtschaft, denn ihnen waren die vielen Ähnlichkeiten niemals aufgefallen.
Sze`dan erinnerte sich noch gut an das erste Zusammentreffen mit seinem Sohn, was auf dem Gang vor der großen Halle stattfand. Damals war er übellaunig gewesen, denn er hatte in einer Diskussion mit Ezra den Kürzeren gezogen. Sze`dan brauchte nun jemanden, an dem er seinen angestauten Frust auslassen konnte.
In dieser Verfassung kam ihn Nikarlaij gerade gelegen. Der wesentlich jüngere Assasin hatte nicht den Hauch einer Ahnung, wodurch er die Wut des schwarzen Todes auf sich gezogen haben konnte. Es war lediglich ein bloßer Zufall, dass sich ihre Wege in der Hölle gekreuzt hatten, denn schließlich hatte er sich nur auf dem Weg zu seinem Bruder Nikolarii befunden.
Er hatte respektvoll den Blick gesenkt und erwartet, dass der mächtige Assasin an ihm vorüber gehen würde, doch als dieser innehielt und Nikarlaij seinen Blick auf sich spürte, erstarrte er.
Sze`dan thaz´Arak fixierte den Jüngeren, und die Sehnsucht nach Blut und Tod wuchs in ihm. Zwar wusste er, dass der junge Assasin nichts für seine Wut konnte und auch nicht in der Lage sein konnte, sich gegen ihn zu behaupten, doch dies war dem Henker einfach nur egal.
Sze`dan tötete zwar im Auftrag Ezras, doch bereitete es ihm auch ein großes Vergnügen. Den jungen Russen zu demütigen und zu töten würde hier keine Ausnahme machen.
Alles passierte viel zu schnell, als dass Nikarlaij es hätte begreifen können. Alle seine Instinkte waren in Alarmbereitschaft und er versuchte mit all seiner Kraft und seinem Können sich bestmöglich zu verteidigen.
Aber Sze`dan thaz´Arak kannte keine Gegner unter Seinesgleichen. Der mächtige Mann würde nie vergessen, was er gefühlt hatte, als er seine messerscharfen Zähne in den Hals seines Sohnes gegraben hatte. Das warme und starke Blut pulsierte in seinen Mund und der Henker wusste sofort, wer Nikarlaij war.
Fassungslos ließ er von ihm ab. Er schob ihn von sich, und starrte verwirrt und hilflos in Nikarlaijs Augen.
Sze`dan spürte ein Kribbeln auf der Haut, welches durch einen leicht auffrischenden Wind verursacht worden war, doch er kannte dieses Gefühl. Es deutete auf die Präsenz eines Ahnen hin.
Er hörte das leise Wispern, doch die Worte waren nicht für ihn bestimmt. Der Henker sah, wie sich die Augen des jungen Assasinen weiteten und wusste, dass dies nur eines bedeuten konnte: Ihm war die Wahrheit mitgeteilt worden.
Sze`dan wollte das Wort an ihn richten, doch die Panik im Gesicht des anderen hielt ihn zunächst davon ab
Beide erkannten mit einem Mal die Ähnlichkeiten.
Nikarlaij war wie erstarrt, als er sah, wie sich die Lippen des Älteren bewegten. Er wusste, dass dieser etwas sagen wollte, doch der Schreck hielt ihn hiervon ab. Nikarlaij atmete schneller und alles in ihm wollte fliehen. Nur fort aus der Hölle! Nur fort von diesem Mann!
Für einen Moment wollten seine Beine ihm nicht gehorchen. Sein Blick bohrte sich in den Sze`dans, und er zitterte.
Das Wispern aus den Schatten riss Nikarlaij plötzlich aus seiner Erstarrung. Als er wieder Herr seiner Sinne war, floh er aus diesem Teil der Hölle. Er floh vor diesem Mann und dem, was nicht wahr sein konnte und durfte.
Sze`dan hatte ihm hinterher geblickt, noch immer fassungslos und voller verwirrter Gefühle.
*Warum hast du es mir nicht gesagt, Zhurrakim?*

Er schickte seine Gedanken zu Ezra, fühlte sich betrogen von seinem Freund und Gefährten.
*Er war noch nicht soweit. Er war zu jung Dich zu verstehen. Auch für Dich war Unwissenheit leichter zu ertragen.*
*Werde ich ihn wieder sehen?*
*Gib ihm Zeit eam Chzuchza.* - mein Freund
*Du hättest es mir sagen müssen!*

Sze`dan war tief getroffen und konnte nicht fassen, dass Ezra ihm seinen Sohn vorenthalten hatte.
*Es war besser für Dich und wichtig für ihn eam Chzuchza.*


Mit diesen Worten beendete Ezra ihre geistige Verbindung und ließ einen Sze`dan zurück, der immer noch auf den Punkt starrte, an dem sein Sohn verschwunden war.
Doch zur Überraschung des alten Assasinen kehrte Nikarlaij zurück. Langsam schritt der junge Russe auf ihn zu, richtete seinen Blick starr auf Sze`dan und trat dem Henker mit allem Stolz eines guten Assasinen entgegen. Niemals zuvor hatte Sze`dan Stolz in so einer Form empfunden. Das war sein Sohn, ein Assasin, ganz ohne sein Dazutun. Der junge Mann hatte sich zu einem Killer entwickelt, wie er selber einer war, und Sze`dan konnte nicht fassen, mit wie viel Disziplin Nikarlaij zu ihm zurückkehrte. Schließlich wusste der Henker um seine Ausstrahlung und seinen Ruf. Jeder schien ihn zu fürchten.
Doch Nikarlaij war zurückgekommen. Er stellte sich seiner Angst und ließ sich nicht von ihr kontrollieren.
Sze`dan thaz´Arak war auch heute noch stolz. Gleichzeitig empfand er aber auch eine tiefe Trauer beim Gedanken daran, wie sehr der junge Assasin von der Vergangenheit heimgesucht wurde. Der Vater hätte seinen Sohn gerne hiervor bewahrt.

Der alte Assasin strich Nikarlaij durch die Haare und sah auf ihn hinunter. An seinen geschlossenen Augen erkannte er, dass sein Sohn eingeschlafen war. Sze`dan schmunzelte. Nikarlaij war die einzige Person in seinem Umfeld, die je in seinen Armen in den Schlaf gefallen war. Gestorben waren hier zwar schon viele, aber niemand hatte ihm jemals so vertrauen können.
Sanft legte er Nikarlaij zurück und zog die Decke über ihn.
Sze`dan betrachtete seinen Sohn und schmunzelte über die vielen Ähnlichkeiten, welche sie verbanden. Doch wusste er auch, wie viel Nikarlaij von seinem Ziehvater an sich hatte.
Die Miene des Henkers verdüsterte sich beim Gedanken an Ivan Komanitsz, der seinen Sohn großgezogen hatte. Sein Magen zog sich immer wieder zusammen, wenn er hörte, wie Nikarlaij den Russen mit Vater ansprach. Gerne wäre er an Ivans Stelle gewesen, um seinem Sohn eine helfende Hand reichen zu können. Er wünschte sich, er hätte für Nikarlaij ein Vater sein können.
Doch wie alles in seinem Leben wurde auch dies von Ezra gelenkt. Der Henker hatte gelernt, einfach zu akzeptieren und versuchte zu genießen, was immer Ezra zuließ.
Er sollte Ivan Komanitsz dankbar für die Tatsache sein, dass Nikarlaij eine Familie kennen lernen durfte. Er musste versuchen, seine eigenen Belange hinten anzustellen. Sze`dan war sich im Klaren darüber, dass er Nikarlaij nicht das Gleiche hätte bieten können, was Ivan ihm gegeben hatte. Er beugte sich hinunter, hauchte seinem Sohn einen Kuss auf die Stirn und verbannte alle düsteren Gedanken. Diese führten ohnehin zu nichts.
Der schwarze Tod verließ das Gästezimmer und schritt lautlos durch die dunkle Wohnung. Wie der Tod persönlich durchstreifte er die dunklen Zimmer und suchte nach dem Grund für die Verwirrung seines Sohnes. Verwundert registrierte er das Fehlen des Zigarettenrauches, fragte sich, ob Sean und Nikarlaij gestritten hatte.
Auch wenn die Sorge für Menschen für ihn unüblich war, so fragte er sich doch, wo Sean nur sein konnte.
Sze`dan wollte wissen, warum sein Sohn sein eigenes Schlafzimmer mied, und ob Sean etwas damit zu tun hatte.
Ein amüsiertes Lächeln huschte über seine Züge. Sean hatte ein Talent dafür, seinen Sohn auf Trab zu halten, doch er wusste, dass der junge Mensch gut für Nikarlaij war. Er selber hatte den vorlauten Jungen auch in sein Herz geschlossen. Er hoffte, Nikarlaij würde nicht die Geduld mit dem Sterblichen verlieren. Sze`dan würde das Ableben Seans als wirklichen Verlust empfinden.
Noch verwirrter war er allerdings, als er das geräumige Schlafzimmer betrat. Sein Blick fiel zuerst auf die Schublade mit der friedlich darin schlafenden Kimberly. Anschließend entdeckte er die junge Frau im Bett seines Sohnes. Ihre wilden dunklen Locken breiteten sich über Nikarlaijs rote Kissen aus, und ihre weiblichen Formen waren unter der leichten Decke zu erahnen.
Sze`dan verstand nicht, warum sein Sohn dem Gästezimmer den Vorzug gegeben hatte, wenn er neben dieser Frau hätte schlafen können. Er selber wäre sicher nicht gegangen.
Sie war ein Mensch und darüber hinaus noch sehr attraktiv. Er hingegen war viel zu skrupellos, um wie ein Kavalier im Nebenzimmer zu schlafen. Vielleicht war sie aber auch eine Freundin von Sean.
Sze`dan war nach wie vor verwirrt über die Abwesenheit des Gefährten seines Sohnes. Ihm wurde allerdings auch wieder einmal bewusst, wie sehr er immer noch ein Fremder im Leben seines Sohnes war. Er atmete tief durch, denn irgendwann einmal würde sein Sohn ihn mehr an seinem Dasein teilhaben lassen. So lange musste er sich aber noch in Geduld üben, was ihm jedoch sehr schwer fiel.
Er war daran gewohnt zu bekommen was er wollte, doch Vertrauen und Gefühle konnte er nun einmal nicht erzwingen. Darüber hinaus hatte er auch sehr wenige Erfahrungen in Sachen Gefühl machen können.
Der alte Assasin warf noch einmal einen Blick in das Gästezimmer, um sicher zu gehen, dass sein Sohn wirklich ruhig schlief.
Einen Moment lang hielt er inne, denn hier war er ein Eindringling und fremd.
Sze`dan dachte sich mit den Fähigkeiten seines dämonischen Gefährten zurück an einen Ort, der für uneingeweihte Menschen nicht einmal vorstellbar war. Viele nannten es die Hölle, doch für ihn war es sein Zuhause.

Impressum

Texte: ©Viola Artos
Tag der Veröffentlichung: 10.07.2009

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