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Der geheimnisvolle Auftrag


Noah war wie immer früh zu Bett gegangen. Morgen würde er wieder um 5 Uhr aufstehen müssen, um noch sein Morgengebet sprechen zu können, bevor er mit der Arbeit begann. Seine Frau lag neben ihm und schlief bereits. Liebevoll sah er in ihr entspanntes Gesicht. Drei Söhne hatte sie ihm geboren- Sem, Ham und Japhet. Jetzt waren sie alle schon erwachsen und verheiratet, aber wenn er selbst einmal alt werden würde, dass wusste er, würden sie für ihn und ihre Mutter Sorgen. In Gedanken versunken glitt er in eine Art Dämmerzustand hinüber als ihn eine laute Stimme wieder wach schrecken lies. "Noah! Ich habe einen Auftrag für dich." Erschrocken setzte er sich im Bett auf. Einen Auftrag um diese Zeit! Warum konnten ihn die Leute nicht einfach schlafen lassen? Er tapste aus der Schlafkoje hinüber in seine Werkstatt. Es dauerte einige Zeit, bis ihm klar wurde, das kein Licht brannte. Normalerweise kamen die Leute einfach in die Werkstatt und er hatte die Stimme schließlich klar und deutlich gehört. Aber niemand ging nachts ohne Lampe auf die Strasse, zu groß war die Gefahr auf Gesindel zu treffen und überfallen zu werden. Es sei den...ihm dämmerte langsam, wer da gesprochen hatte.

"Noah!" "Mein Herr!", Noah warf sich in Ehrerbietung auf den Fussboden. "Steh auf Noah. Du hast eine Aufgabe. Die Menschen sind der Sünde ganz und gar verfallen. Niemand kümmert sich mehr um seine Mitmenschen. In den nächtlichen Strassen herrscht Chaos und Gewalt und tagsüber ist es kaum besser. Sie beten Götzen an und treiben Unzucht." Noah erschauderte. Ihm war bewusst, wie es in den Gassen zuging und es hatte ihn schon immer abgestossen, wie die Menschen ihr Leben führten, aber es aus dem Mund des großen Herrschers zu hören machte ihm erneut bewusst, das auch er selbst kaum besser war. Er betete vielleicht keine Götzen an, aber hatte er nicht neulich erst seine Frau angelogen, als ihm ihr Lieblingsteller heruntergefallen war? Sünde war Sünde ob im Großen oder Kleinen. Scham und Reue überkam ihn, doch sein Herr redete bereits weiter. "Noah, auch du machst Fehler, aber du opferst regelmäßig und betest um Vergebung,deshalb verzeihe ich dir. Du hast mich noch nicht vergessen, wie alle anderen Menschen. Deshalb bekommst du eine spezielle Aufgabe." Was nun folgte lies Noahs Augen groß und rund werden. In all den Jahren die er jetzt schon auf der Erde lebte, hatte er noch nie so einen Plan gehört. Es schien ihm erst vollkommen verrückt. Doch je länger er darüber nachdachte, desto klarer wurde ihm, dass der Plan vollkommen war, nicht verrückt. Schon am nächsten Tag legte er los.

Das Schiff


Bereits zum fünften Mal an diesem Tag schlug sich Sem mit dem Hammer auf den Daumen. Noah konnte nur noch den Kopf schütteln. Sein Sohn war zum Nägel einschlagen einfach nicht begabt. Dafür schlugen sich die beiden anderen sehr gut. Sie bauten jetzt schon seit drei Jahren an dem unförmigen Gebilde, das einmal ein großes Schiff werden sollte. Ein Schiff, mit Platz für alle Tierarten! Solch einen Plan konnte sich nur der allmächtige Gott höchstpersönlich ausdenken. Die Menschen wollte er vernichten und nur seine Familie sollte überleben. Noah hatte diesen Gedanken noch immer nicht ganz verstanden. Warum ausgerechnet er, der kleine, fehlerhafte Noah? Aber der Herr würde schon seine Gründe haben.

Drei lange Jahre schon und noch immer war kein Ende in Sicht. Anfangs konnten sie noch im Verborgenen arbeiten, Holz heranschaffen war ja nichts Ungewöhnliches für einen Tischler, die Bretter bearbeiten auch nicht, aber dieses Schiff hatte Ausmaße, die sich Noah noch immer nur ungefähr vorstellen konnte. Er hatte eine Wiese gekauft, damit sie Platz hatten für dieses gigantische Bauwerk und so war es kaum zu vermeiden, das zufällig vorübergehende Passanten sie bei der Arbeit beobachteten. Seinen eigentlichen Beruf hatte Noah aufgeben müssen, er opferte seine Zeit voll und ganz für Gottes Bauplan. Woher das Geld kam, mit dem er seine Familie versorgte wusste er selbst nicht, aber sie hatten in den drei Jahren niemals Hunger leiden müssen, auch nicht in schweren Zeiten.

"Hey, Noah! Was baust'n da? 'nen Käfig für Riesen?" Eine ihm sehr bekannte Stimme schreckte Noah aus seinen Gedanken auf. Sein alter Kumpel Jaap schlenderte zu ihm rüber. "Ehrlich gesagt bin ich hier weil die Leute sagen du seist schwachsinnig geworden. Also, was soll das da", er zeigte auf das was sie bereits geschafft hatten, "werden, hä?"
"Ich baue ein Schiff." , antwortete Noah gelassen und wahrheitsgemäß. Jaap fing an zu lachen und brauchte fast fünf Minuten um sich wieder zu beruhigen. "Ein Schiff!", japste er, nach Luft ringend, "Er baut ein Schiff. Junge, das ist einer deiner besten Scherze gewesen." "Es ist die Wahrheit!", antwortete Noah ruhig, aber innerlich kochte er. Jaap las in seinen Augen, das er davon tatsächlich überzeugt war. Angst flammte in ihm auf. "Die Leute haben Recht. Du bist wirklich verrückt geworden. Lass dich bloss nicht mehr in meiner Nähe blicken!" Schnell rannte er davon. Noah wendete sich wieder seiner Arbeit zu. Wütend klopfte er den Nächsten Nagel ins Holz. Jaap war bereits der vierte heute, der ihn auf seine Arbeit ansprach. Alle reagierten sie gleich. Es war traurig, mitanzusehen wie ein Freund nach dem anderen vor dem vermeintlichen Wahnsinn die Flucht ergriff.

Die Tiere kommen und der Regen fällt


Stolz setzte Noah den letzten Hammerschlag. Das Unmögliche war geschafft. Das Schiff mit den gigantischsten Ausmassen der Weltgeschichte war vollendet. Nur er und seine Söhne hatten ein Schiff gebaut, das alles schlug was die Menschheit je zu Gesicht bekommen hatte. Fehlte nur noch das Wasser. Die Leute hatten längst aufgegeben Noah auf sein seltsames Gebahren anzusprechen, aber hinter seinem Rücken redeten sie weiter. Noah wunderte sich nicht. Es gab Tage, da zweifelte auch er, das dieses Schiff jemals auch nur einen Tropfen Wasser abbekommen würde. Jetzt aber, im Angesicht dessen, was er mit Gottes Hilfe geschaffen hatte war er voller Gewissheit. Er wies seine Söhne an, ihr Gepäck in die Kabinen zu schaffen und ging um seine Frau und seine Schwiegertöchter zu holen. Als sie alle vor dem Eingang des riesigen Schiffes standen spürte Noah auf einmal ein leichtes Kratzen an seinen Füssen. Irritiert sah er nach unten. Ein Mäusepaar blickte zurück und lief dann leichtfüssig ins Innere des Bootes.
"Ich denke es ist Zeit für uns." Sagte Noah. Seine Frau nickte. Dann betraten sie den Aufstieg, im Wissen das sie all das, was hinter ihnen lag, nie wieder sehen würden. Trotz allem was sie geschafft hatten, war ihnen beiden das Herz schwer.

Die Tiere kamen immer zu zweit. Manchmal mehrere Paare gleichzeitig, manchmal nur ein einziges Paar. Zu jeder Tages und Nachtzeit konnte es passieren, dass vor dem Aufgang Tiere warteten. Noah musste noch immer grinsen, bei der Erinnerung an das Löwenpärchen und die zwei Schafe die eines Nachts Einlass verlangt hatten. Friedlich nebeneinander stehend und sich gegenseitig wärmend. Da sah man es mal wieder: für Gott ist nichts unmöglich. Aber langsam war das Schiff voll und...

Irritiert sah Noah nach Oben. Mitten in seinen Gedanken war ihm ein Regentropfen genau auf der Nase zerplatzt. Es donnerte und der Regen wurde dichter. Es ging los. Der Regen fiel auf die Erde und tränkte sie bis sie gesättigt war. Dann stieg das Wasser und mit ihr das Schiff. Erwartungsvoll sah Noah auf das Land hinaus. Wohin Gott ihn wohl führen würde?

Die Taube


Er hatte aufgehört die Tage zu zählen seit denen sie unterwegs waren. Das Wasser stieg unaufhörlich. Wasser. Nichts als Wasser, wohin man auch sah. Noah wurde es ein bisschen flau im Magen, wenn er daran dachte. Doch heute morgen hatte der Regen aufgehört und Noah begann wieder Hoffnung zu schöpfen. Langsam gingen auch ihre Vorräte zu Neige. Ein stetiger Wind wehte und Noah glaubte förmlich zu sehen, wie das Wasser langsam wieder sank. Er rief einen der Vögel zu sich, um ihn nach Land suchen zu lassen. Doch der Vogel kehrte nach einigen Tagen wieder zurück. Er hatte keinen Landeplatz gefunden. Nach einigen Tagen versuchte Noah es erneut, doch noch immer gab es kein Hoffnungszeichen. Wieder vergingen einige Tage, dann schöpfte Noah endlich wieder Mut und sandte ein drittes Mal einen Vogel, eine Taube aus.

Das Wasser war tatsächlich gesunken. Bald würdeer Gewissheit haben. Noch während er das dachte klopfte ihm etwas sanft an die Schulter. Die Taube war wieder da und mit ihr ein kleiner grüner Zweig. Die Pflanzen wuchsen wieder, das Wasser ging zurück. Bald würden sie wieder festen Boden unter den Füßen haben. Als er die Taube erneut fliegen lies, kehrte sie nicht zurück. Sie hatte einen trockenen Platz zum Landen gefunden. Glücklich rief er seine Familie zu sich ans Deck. Sie vielen sich in die Arme. In diesem Moment ging ein Ruck durch den Schiffsboden und sie fielen fast hin. Sie waren auf festen Grund aufgelaufen. Eine Bergspitze ragte am Horizont aus dem Wasser. Sie dankten ihrem Herrn voll Freude für die Rettung. Vielstimmig fielen die Tiere mit ein.

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Tag der Veröffentlichung: 21.11.2012

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