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Der Junge, der sich in der Tür irrt

Das gleichmäßige Piepen des EKGs gehört zu meinem Zimmer wie das Ticken einer alten Standuhr. Ich habe mir das Betthaupt aufstellen lassen, sodass ich sitzend in meinem Lieblingsbuch lesen kann. Nur der Schlauch zu der Braunüle in der Hand stört beim Umblättern. 

Ein Fenster muss immer gekippt bleiben, egal wie kalt es wird, das habe ich bei den Schwestern durchgesetzt. Momentan regnet es draußen, es regnet schon die ganzen sechs Wochen, seit ich hier eingeliefert wurde. An Tagen, wo es mir gut geht, habe ich mich mal aus dem Fenster gebeugt, um sicher zu gehen, dass es nicht eine Sprinkleranlage ist, die außen an der Fassade befestigt für die unaufhörliche Beregnung sorgt. Auf solche Gedanken kommt man eben, wenn man hier rumliegt. 

 

Meine Mutter besucht mich fast täglich, und immer ist ihr Mascara von Tränen verschmiert. Ich tue so, als sähe ich es nicht, und sie tut so, als läge ich hier, um eine Blinddarm-OP auszukurieren. Ich bin jetzt fünfzehn und sie könnte mit mir wie mit einem erwachsenen Menschen umgehen, aber sie sieht in mir immer noch das Kind, als ob mich dies vor meinem Schicksal bewahren könnte. Mutterlogik eben. Meine Mitschüler kommen nicht mehr, weil gerade Sommerferien sind. Dort, wo auch immer sie jetzt chillen. Bei mir: Regen-Flat und dunkle Wolken im Gratis-Abo. Und bald wieder eine OP.

 

Ich schaue gar nicht mehr auf, als es aus Höflichkeit klopft und im gleichen Moment die Tür aufgeht.

»Oh, Entschuldigung. Ich dachte, du wärst meine Mutter.«

Ich blättere bewusst langsam um, aber die Tür wird nicht geschlossen. Ich fixiere trotzig die Buchstaben vor mir. Es ist eine Jungenstimme gewesen. Dunkler als die meiner Klassenkameraden. Ich stelle mir vor, dass es der Frontsänger meiner abgeliebten Boygroup ist. Man darf sich ja auch mal etwas wünschen, so kurz vor dem Abkratzen.

Kein Geräusch. Er scheint genauso hartnäckig zu sein wie ich. Endlich gebe ich auf und drehe genervt den Kopf.

 

Er ist mindestens einen Kopf größer als ich und dick. Seine Haare sind ein Totalschaden. Und auch noch Brille.

»Was?«, platzt es aus mir heraus. »Seh’ ich so aus wie deine Mutter?«

»Nein.«

»Dankeschön auf Wiedersehn!«

Ich ziehe die Bettdecke etwas höher über meinen Schlafanzug und stecke meinen Kopf wieder ins Buch. Er macht keine Anstalten, zu gehen. Ein Räuspern: »Hast du heute noch Zeit?« Seine Stimme tastet. Ich linse wieder zu ihm hinüber. Er trägt ein schickes blaues Hemd mit Hummerkragen, stone washed Jeans und gutes Schuhwerk.

»Bin heute lei - der schon ausgebucht.« Ich ziehe den Satz in die Länge, um ihm noch mehr Sarkasmus einzuhauchen. »Na gut, dann geh’ ich mal meine Mutter suchen. Wenn du möchtest, können wir nachher noch spazieren gehen, ich bin heute den ganzen Tag da.«

Er muss komplett wahnsinnig sein. Da bin ich mir jetzt sicher. Ich mache eine Geste zum Fenster. »Das ist zu liebenswürdig … bei diesem … herrlichen … Wetter!«

»Unten an der Anmeldung kann man Schirme leihen.«

»Du scheinst dich hier gut auszukennen.«

»Ich versuche nur, an Alles zu denken.«

»Schlauer Bursche!«

Er räuspert sich. »Hübsches Mädchen.« Dann geht er einfach und schließt hinter sich die Tür.

 

Ich starre zum Fenster und sehe vor den dunklen Wolken mein blasses, transparentes Spiegelbild. Leicht rötlich schimmernde Augenringe, Schnittlauch-Haare und Pickel am Kinn. Ich lache dreckig in mich hinein. Er kann ja wohl nicht wirklich mich gemeint haben. 

Seine Worte ärgern mich jetzt mächtig. Ich pfeffere das Buch auf den Beistelltisch, reiße mir die Elektroden ab und angele nach meinem Infusionsständer. Die Wut lässt meinen Kreislauf nach oben schnellen, ich platze fast vor Energie. Mein Entschluss steht schnell fest: Ich werde mit dem Aufzug ins Foyer hinunterfahren und den dicken eingebildeten Jungen suchen. Ihn zur Rede stellen. Was er mit seinem Spruch gemeint hat. Von wegen hübsch und so! Ich bin jetzt richtig auf hundertachtzig. Mein Morgenmantel ist von meiner Mutter geliehen. Weinrot. Warum stört mich das auf einmal? Ich schnüre ihn fest zu, schlüpfe in die Hausschuhe und schiebe mich vorwärts.

 

Unten im Foyer ist nichts los. Noch nicht einmal die obligatorischen Raucher. Ich will gerade wieder kehrtmachen, als ich sein blaues Hemd leuchten sehe. Er hat sich lässig an den Schalter der Information gelehnt und scheint die Frau dort sehr sympathisch zu finden. Auch das stört mich. Ich steuere auf ihn zu, er hört die kleinen Räder des Ständers auf den Fliesen klackern und lächelt mir zu.

»Na, war ja ein kurzer Besuch bei deiner Mutter!«, werfe ich ihm entgegen.

»Meine Mutter hat eine Not-OP.«

Mein dummer Infusionsständer verkantet sich und ich komme ins Straucheln. »Sorry, konnt’ ich ja nicht wissen«, stottere ich. Er stützt meinen Arm. Sein Parfum ist angenehm frisch, nicht zu aufdringlich.

»Also? Die Einladung steht noch. Möchtest du spazieren?«

»Wenn ich jetzt sowieso schon unten bin«, maule ich und nicke.

Er geht kurz zum Schalter und kommt mit einem riesigen Schirm zurück.

»Es ist ein herrlicher Sommertag!«, sagt er ernst und hakt sich bei mir ein.

»Das ist Ansichtssache.«

»Genau das ist der Trick!«

 

Wir schlurfen gemeinsam durch die Glasschiebetür in den kleinen Park, der innerhalb des Klinikums angelegt ist. Lieblos gepflasterte Wege führen an wuchernden Hecken und verkrüppelten Bäumen vorbei. Dazwischen sind alle zehn Schritte Sitzbänke mit dreckigen Abfalleimern. Trotzdem fühle ich mich wohl. Ich atme tief ein und rieche den Regen. Alles ist besser als der eklige chemische Krankenhaus-Duft.

»Wollen wir gleich zur Strandbar gehen?«, wendet er sich zu mir.

Ich schaue ihn wortlos an. Ein trockenes Kichern entfährt mir.

»Ja, klaro. Wieso eigentlich nicht? Mensch, ich hab’ ja meinen Bikini vergessen!«

Er legt den Kopf in den Nacken. »Beschreib ihn mir.«

»Was?«

Er nimmt mich etwas fester beim Arm und steuert mich tiefer in den Park. »Deinen Bikini. Beschreib ihn mir.«

 

Der gleichmäßige Rhythmus des Laufens und der tröpfelnde Regen tragen mich weit weg in meinen Gedanken. Und plötzlich sehe ich mich wirklich in der warmen Sonne an einem unendlich weiten Sandstrand. »Er ist grün. Hellgrün. Mit kleinen gelben Tupfen. Ein Neckholder. Und auch das Unterteil hat seitlich kleine Bändel, die zu hübschen Schleifen geschnürt sind.«

»Du siehst bestimmt bezaubernd darin aus.«

»Nicht wirklich, oder?« Ich blicke schräg zu ihm hoch.

»Ich schaue dir nach, wie du ins Meer läufst. Sehe die Gischt, die um deine nackten Beine schäumt.«

»Hör auf mit dem Blödsinn!«, lache ich. Aber ich kann fast das kalte Wasser um meine Knöchel spüren.
 

Er führt mich zu einem kleinen Rondell, in dessen Mitte ein verwitterter Tisch steht, auf dem das Krankenhauspersonal Wasserflaschen und Gläser gestapelt hat. Es ist das mit leichter Kohlensäure, das schon frisch wie abgestanden schmeckt.

Er fischt eine Flasche und zwei Gläser und bugsiert sein Gepäck, den Schirm und mich zu einer Bank. Bevor ich mich setzen darf, holt er ein großes Taschentuch hervor. Ich staune nicht schlecht, als ich ein eingesticktes Monogramm darauf sehe. Er wischt meinen Platz ganz trocken, dann lassen wir uns gemeinsam nieder. Den Schirm hält er ganz tief über unsere Köpfe, dass ich mich wie in einer kleinen Höhle fühle.
 

»Gefällt dir unser Strandkorb? Ich habe ihn für heute gemietet. Du weißt schon, wegen dem herrlichen Wetter.« Seine Stimme klingt so nah viel sanfter, sie lullt mich ein. Alles um uns ist grau und in Regen getaucht. Aber unter dem großen Schirm und an seinem Arm kann ich die Brise in meinen Haaren fühlen, schmecke ich Salzwasser auf der Zunge.

»Was ist mit der Strandbar?«, kichere ich.

»Schon längst erledigt.« Er gießt die Gläser voll und garniert sie mit einem eingerissenen Blatt. »Ein Tropical Sunrise, cheers!« Ich nippe verzückt an meinem Getränk. Die Stimmung ist so wunderbar absurd und komisch. Das Wasser schmeckt süß und füllt meinen Bauch mit bunten Luftballons. Ich habe keine Schmerzen mehr.

Mein Kopf sinkt an seine breite Schulter. Ich lausche seinen Worten, die mir von weiß leuchtendem Sand, von kitzelnden Sonnenstrahlen und träge sich im Wind wiegenden Palmen erzählen. Ich träume und fühle mich doch so wach wie nie.

 

Wir gehen noch ein wenig spazieren. Der Regen lässt langsam nach, und so schlurfen wir die Wege entlang und plappern uns gegenseitig zu. Dabei vermeiden wir alles Persönliche. Es ist, als würde eine falsche Frage den Zauber brechen. Wir sind einfach nur zwei Menschen, die sich getroffen haben. Mehr nicht. Aber gerade das macht mich glücklich.

Als ich müde werde, bringt er mich zurück auf mein Zimmer und verabschiedet sich.

»Wirst du mich wieder besuchen?«, frage ich ihn leise.

»Wenn du möchtest …«

»Wieso bist du heute in meinem Zimmer geblieben? Du hattest dich doch nur in der Tür geirrt!«

»Ich musste. Ich konnte nichts dagegen tun.«
 

Er dreht sich zur Tür. Er kann doch jetzt nicht einfach gehen! Ich muss Zeit gewinnen: »Wie heißt du eigentlich?«

»Janus.«

Ich nestele an meinem Infusionsschlauch. »Also, du schaust die Tage wieder bei mir rein und ich mix dir dafür noch mal diesen Blättercocktail? Deal?«

»Deal.«

Ich spüre, wie meine Wangen glühen. Dafür bin ich anfällig. »Wirklich? Versprochen?«

Er lächelt. Und nickt. Ich grinse über beide Backen.

Mit der Hand an der Türklinke schaut er noch mal zurück. »Tschüss, Mika!«

Dann bin ich allein.

Besuch zur später Stunde

Ich schaue wieder aus meinem Fenster. Er hat meinen Namen rausbekommen. Eine Leichtigkeit für Einen wie ihn. Es klang so, als ob er ihn schon immer gewusst hätte. Der Junge ist für mich ein einziges Rätsel. Voll schräg, aber auch irgendwie cool. Der Regen ist anders geworden, das bilde ich mir jedenfalls ein. Er hat an Hässlichkeit verloren, er ist irgendwie … schön. Ich muss schon wieder grinsen, als ich an Janus denke. Eigentlich ist er gar nicht so dick. Vielleicht etwas füllig. Und die Brille passt zu ihm.

 

Das Abendessen steht an. Im Krankenhaus kommt das immer so früh, damit die Schwestern danach noch genug Zeit haben, ihre Tour gebacken zu kriegen. Mir ist sowieso ständig übel wegen den komischen Medikamenten, die sie mir einflößen. Außer Pudding und Grießbrei behalte ich nichts im Magen.

Die Schwester, die mir das zugedeckte Tablett bringt, mag ich besonders. Sie ist noch jung, hat dunkle wilde Locken und große Augen wie ein Koboldmaki. Und einen riesigen Busen, auf den ich richtig neidisch bin. Sie heißt Djula und kommt aus Bosnien oder so.

»Mikalein, hast du neue Besuch bekoomen?«

Sie stellt mein Essen auf den Gästeplatz, dreht den Beistelltisch und kippt das Klappbrett nach oben. Sie ist neugierig wie ein Kiebitz.

»War dein Freund, der hübsche Jun ge?«

»Nee, der hat sich nur in der Tür geirrt.«

»Aaah.« Aber ihre großen Augen strahlen, als meine Wangen wieder zu Tomaten werden. Sie setzt mir den Pudding vor die Nase und zwinkert mir zu.

»Tut gut für dich, wenn Jun ge da ist.«

Es ist zwecklos, ihr etwas vorzuflunkern. »Mal sehen, ob er wiederkommt«, verbünde ich mich mit ihr.

»Wird koomen! Und jetzt gut essen, damit noch hübscher bist!«

Sie streichelt meine Wange und entfliegt durch die Tür. Der Pudding muss ein neues Rezept haben. Er schmeckt köstlich. Ich werde wie immer schnell müde und schlafe glücklich ein.

 

In der Nacht habe ich einen wundersamen Traum. Ich bin an einem Südseestrand. In meinem Bikini. Ich klettere übermütig auf einen niedergebogenen Palmenstamm. Er ist glatt, aber ich bin mutig und balanciere gekonnt immer weiter vor und sehe unter mir das türkis leuchtende Wasser.

Ich bin übermütig vor Freude, ich drehe mich und hebe sogar ein Bein in die Luft. Dann passiert es: Ich falle. Das Wasser ist eiskalt, das habe ich nicht erwartet. Und tief. Viel zu tief so nah am Strand. Ich strampele mit den Beinen, aber ich sinke weiter hinab. Immer kälter wird es um mich herum. Ich sinke und sinke – bis auf den Grund.

Da steht Janus. In Hemd, Hose und Schuhen, so als könnte ihm das Wasser nichts anhaben. Er lacht mir zu. Ich kann atmen, so tief am Meeresgrund. Er nimmt meine Hand und zeigt mir die Unterwasserwelt. Überall sind plötzlich kleine Fische und bunt leuchtende Korallen. Ich schmiege mich an ihn und zerspringe fast vor Glück. Er beugt seinen Kopf zu mir, ganz nah. So nah …

 

Die kommenden Tage sind vollgepackt mit Voruntersuchungen für meine anstehende OP. Immer nach dem Frühstück werde ich mit einem Rollstuhl abgeholt, auch wenn ich eigentlich laufen kann. Dann geht es ab in den Aufzug und runter zu den Folterzimmern.

Heutiger Tagespunkt: Magnet-Resonanz-Tomographie. Ich hasse diese Röhre. Man muss ganz still liegenbleiben, während es um einen herum brummt, als würde man neben einem Turbinentriebwerk Picknick machen. ›Etwas unangenehm‹ bezeichnet es die Assistentin des Radiologen. Ich stelle mir vor, dass Janus in meinem Krankenzimmer auf mich wartet. Dadurch halte ich durch. Das Ergebnis würde mir von den Ärzten mitgeteilt – wie immer.

 

Als ich wieder zurück aufs Zimmer komme, staune ich nicht schlecht. Jemand hat sich einen Scherz erlaubt und einen Sonnenhut über meinen Bettgalgen gehängt. Draußen schüttet es in Strömen. Ich kann mir schon denken, wer es war. Sobald ich allein bin, klaube ich mir das geflochtene Kopfteil und untersuche es genau. Ein kleiner Zettel klebt drinnen, auf dem etwas steht. Damit du keinen Sonnenstich bekommst! 

Sehr witzig. Ich probiere ihn an. Er sitzt perfekt! Woher weiß er meinen Kopfumfang? Ich ärgere mich, dass wir uns verpasst haben. So kann ich ihm gar keine bissige Antwort servieren. Zu dumm aber auch. Zur Freude der Schwestern trage ich meinen Sonnenschutz den ganzen Tag.

 

Am nächsten Morgen muss ich wieder nach dem Frühstück zu Untersuchungen. Man sagt mir keine Ergebnisse, nur, dass die OP mit Sicherheit ansteht. Als ich erschöpft zurückgerollt werde, blinkt mir etwas von meinem Beistelltisch entgegen. Ich verdrehe die Augen: Es ist eine riesige Retro-Sonnenbrille, mit Insektenaugen-Gläsern und schlohweißem Rand. Am Bügel hängt wieder ein Zettelchen. Nie direkt in die Sonne schauen! 

Sonne? Was für eine Sonne? Hier gibt es nur vermatschte Wolken, die wie eine graue Decke am Himmel kleben und diffuses Restlicht abgeben. Haben wir uns schon wieder verfehlt, oder ist das seine Masche? Mich mit kleinen Gemeinheiten ärgern? Ich werde langsam sauer.

Noch zwei Tage vergehen bis zur OP. Ich erhalte zwei weitere fürsorgliche Gaben von meinem unsichtbaren Verehrer: eine Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 50 (Auch auf dem Rücken vollflächig auftragen!) und eine aufgeblasene Badeente, die unter meiner Decke versteckt war (Nichtschwimmer nie außer Sichtweite schwimmen!). Warum kommt er nicht selbst vorbei? Ich weiß, dass Janus jeden Tag seine Mutter besucht. Bestimmt stellt er sich mein Gesicht vor und lacht sich jedes Mal halb tot!

Mir wird die Sache zu bunt. Ich werfe die ganzen Strandutensilien geballt auf den Gästetisch. Dann schreibe ich einen großen Zettel. Wenn du nicht selbst kommen kannst, dann lass mich in Ruhe! 

 

Am Abend erscheint meine Mutter. Als sie die Strandsachen sieht, erzähle ich ihr, dass es Geschenke von meinen Mitschülern wären. Damit ist sie zufrieden. Sie kommt an mein Bett und setzt ihren Das-stehen-wir-gemeinsam-durch-Blick auf. Eigentlich muss ich sie trösten, aber das würde Mama nie zugeben. Sie erzählt mir noch etwas von ihrem stressigen Arbeitstag und verspricht, nach dem Eingriff bei mir zu sein. Noch ein Kuss und sie geht. Ich ärgere mich über Janus. Das lenkt mich wenigstens ab. Irgendwann schlafe ich ein.

 

Die Tür meines Zimmers wird aufgestoßen. Es ist früher Morgen. Eine Trage schiebt sich herein, darauf liegt mein OP-Leibchen. Dahinter stapft ein bärtiger Pfleger und grinst mich aufmunternd an. »Gut geschlafen? Bitte fertigmachen für die Schlacht. Sind Sie nüchtern? Haben sie die Tablette schon genommen?« Wie ich das hasse. »Ich komme Sie gleich abholen.«

Dann geht alles routinemäßig: Ich werde liegend durch die Korridore gerollt, fahre in dem großen Aufzug nach oben und blicke Gesichtern hinter grünem Mundschutz entgegen. Die schießen mich ohne Vorwarnung in die Narkose.

 Als ich wieder die verklebten Augen öffne, sitzt meine Mutter neben mir auf meinem Bett. Sie lächelt mit Zombie-Mascara. Das Übliche. Ich versuche auch zu lächeln, aber die Schmerzen bombardieren mein Gehirn. Keine Chance. In meinem Kopf dreht sich der Horizont und ich bin wieder weg.

 

»Frau Sennemann?«
Etwas rüttelt meinen Arm. »Frau Sennemann, bitte wachen Sie auf.« Licht. Viel zu helles Licht. Ich will meine Augen eigentlich nicht öffnen, aber ich weiß gleichzeitig, dass ich keine Ruhe bekommen werde.

»Frau Sennemann?« Keine Gnade. Ist mir schon klar. Ich öffne vorsichtig ein Auge. Der Chefarzt. Ich bin schlagartig wach. Er streichelt mir über den Arm und guckt lieb.

»Frau Sennemann, die OP war erfolgreich. Wir müssen zwar noch auf die endgültigen Laborwerte warten, aber es sieht bisher gut aus. Wenn alles nach Plan läuft, bleiben Sie nur einen Tag hier auf der Intensiv. Reine Vorsichtsmaßnahme.« Ich schaue benebelt die Berge von piepsenden und leuchtenden Apparaten an. Dann nicke ich wieder ein.

 

Der Tag des Umzugs ist da! Früh morgens beziehe ich wieder mein altes Zimmer. Mein Blick gleitet durch den Raum. Der Besuchertisch ist leer geräumt. Also hat Janus meine Botschaft erhalten und wird jetzt gar nicht mehr kommen. Obwohl er es versprochen hat.

Zum Abendessen öffnet sich die Tür. Es ist Djula, die mir mit strahlenden Augen und wippendem Busen entgegenschreitet. Sie trägt das Tablett wie eine Siegestrophäe zu mir herein. »Mikalein. Habe gehört schon aales. Gut ist verlaufen.« Sie richtet das Essen für mich an und streichelt mir wieder über die Wange. »Ist Janus schon zu Besuch gewesen?«

Sie weiß also auch seinen Namen. Krankenschwestern sind solche Tratschen! Ich schüttele nur den Kopf und lasse mir nicht anmerken, wie enttäuscht ich bin. Da ist ein neuer Schmerz in meiner Brust. Neben dem Wundschmerz. Ein ganz zarter, feinfühliger Schmerz, den ich überhaupt nicht ausstehen kann. »Hat bestimmt Wichtigeres zu tun!«, maule ich. Ich bekomme die Blutdruckschärpe um und ein Einmalstäbchen zum Fiebermessen in den Mund. »Vielleicht was dazwischen gekoomen. Morgen er wird dich besuchen. Bestimmt!« Aber Djulas Augen sind matt, als sie mir Mut zulächelt.

 

Der widerliche feine Schmerz glüht wieder auf. Er sammelt sich in meiner Brust und steigt brennend in meinen Hals. Gott sei Dank muss Djula weiter und scheppert mit dem Essenswagen im Gang herum. ›Wie blöd bist du eigentlich?‹, denke ich. ›Hast du wirklich daran geglaubt, dass er etwas für dich empfindet?‹ 

Mittlerweile ist es dunkel geworden. Ich nehme meine Fernbedienung und mache das Nachtlicht an. Dann löffele ich den Grießbrei in mich hinein. Nicht aus Hunger, sondern, um den Weinkrampf zu lösen. ›Vielleicht hat er das schon bei vielen Mädchen gemacht! Vielleicht geht er ja jeden Tag mit einer anderen spazieren! Vielleicht sitzt er gerade bei seinen Kumpels und erzählt, wen er wieder rumgekriegt hat!‹ Meine Gedanken sind wie Atilleriegeschosse. Bevor man sich von einem erholen kann, schlägt das nächste ein. Mir wird heiß und kalt und dann furchtbar übel. 

Ich drücke die Klingel und angele nach der Pappschale für den Mageninhalt. Der Grießbrei legt den Rückwärtsgang ein. Warum kommt denn keine Schwester? Ich muss weinen. Weinen und gleichzeitig kotzen, das muss mir erst einmal jemand nachmachen! Mika für das Guiness Buch! Ich werde mich sofort morgen anmelden. Wenn es doch nicht so weh täte! Als nur noch weißer Schleim herauskommt, höre ich, wie die Tür sich öffnet. Na das wird aber auch Zeit!

 

Die Schwester sagt keinen Ton. Will sie sich an meinem Anblick ergötzen? Ich wische mir den Mund ab und schaue zur Tür. Meine Augen sind geladen, die Blitze werden tödlich sein. Es ist nicht die Schwester. Es ist Janus.

 

Er ist doch gekommen! Mein Blick muss wenig geistreich sein, bestimmt hängt mir im Mundwinkel noch Kotze rum. All mein Ärger auf ihn ist sofort verflogen. Im Gegenteil: Ich zerplatze gerade vor Glück. Er trägt ein neues Hemd, bordeaux rot, schwarz eingelegt auf der Innenseite des Kragens, mit mattsilbernen Knöpfen. Er lässt es lässig über die Jeans hängen. Und seine Haare sind zurechtgestylt. Er hat sich eindeutig herausgeputzt. O Janus! Für mich?

Er räuspert sich. »Anscheinend lässt die Qualität der Krankenhaus-Küche zu wünschen übrig.« Janus schmunzelt und kommt langsam näher. Ich schaue wie ein Bahnhof, in meinem Kopf ist alles aus dem Regal gekippt. »Darf ich das kurz entsorgen?« Er nimmt mir das Schälchen weg, packt die benutzten Tücher drauf und schüttelt den Kopf. 

»Ich werde mit dem Koch ein ernstes Wort reden müssen.«

»Mmjm«, kommt es aus meinem Mund.

Als er beim Waschbecken nach einem Müllbeutel sucht, wische ich mit hektischen Bewegungen mein Gesicht sauber. Ich muss ja nicht beschissen aussehen, schlecht reicht ja schon. Mein abgestandenes Wasser trinke ich auf ex, dann ziehe ich die Decke glatt und setzte mich im Bett zurecht.

Janus kommt nicht zu mir. Er bleibt am Fußende meines Bettes stehen und stützt sich auf die verchromte Haltestange. Er hält Abstand. Ich kann es ihm nicht verdenken. Ich sehe aus wie eine lebendige Leiche – in hässlich. Vielleicht rieche ich auch unangenehm. Meine Medikamente nehmen mir zeitweise den Geruchssinn.

 

Wie habe ich ihn seit unserem Spaziergang vermisst! Noch kurz vor der Narkose habe ich die Angst weggedrückt und an diesen Jungen gedacht. Und jetzt das. Pflichtbesuch, weil er es versprochen hat. Wahrscheinlich geht er danach noch schick mit seiner Freundin essen. Die sieht bestimmt aus wie geleckt und riecht nach Jil Sanders. Mein Körper fällt richtig zusammen. Ich kneife meine Augen zu Schlitzen und linse zu ihm rüber; ich warte auf den Tiefschlag.

»Ich wollte dir eigentlich Pizza vom Italiener mitbringen …«, beginnt er.

Ich stutze. Er versucht, meine Gedanken zu lesen, seine intelligenten Augen blitzen hinter den kleinen Gläsern.

»… und einen toskanischen Chianti.«

Ich gluckse trocken. »An sich gute Idee, aber ich steh eher auf Spaghetti.«

Er schlägt sich gespielt an die Stirn. »Ich wusste doch, dass ich eine Frage an die Schwestern vergessen hatte. Wird sofort gespeichert! Mikas Lieblingsessen: Spaghetti.« 

Ich kann es nicht mehr aushalten, ich muss jetzt wissen, was Sache ist: »Hast du noch ’was vor heute Abend? Du bist ein wenig overdressed für dieses …«, ich suche nach Worten, »… Ambiente!«

»Ich habe eigentlich noch ein Date.« Janus’ Blick weicht mir aus.

Bam! Wusste ich’s doch! Mika, du verträumtes Dummchen!

»Aber es ist noch gar nicht sicher, ob die Dame einwilligt.«

»Hättest sie halt fragen müssen!«, belle ich.

»Ich habe Angst vor einem Korb. Vielleicht ist sie ja schon vergeben.«

Jetzt kocht es in mir hoch. Meine Augen suchen fiebrig nach etwas, das ich ihm gleich ins Gesicht werfen kann.

»Dann hättest du deinen Mut eben zusammennehmen müssen. Fragen hilft!«

»Ich habe nicht gerade einen Vorzeigekörper …«

»Ich find, du siehst heute hammermäßig aus!«

»Du meinst, sie könnte mich mögen?«

»Ja klar, du bist nett, du bist schlau und du hast eine durchgeknallte Fantasie, wenn sie das nicht mag!«, werfe ich ihm entgegen.

»Dann findest du, dass ich Chancen bei ihr hätte?« Er schaut mir direkt in die Augen. Ganz tief.

»Ja … klar … wieso fragst du?«

Sein Blick kriecht in meinen. Seine Finger spielen nervös an dem polierten Chrom. Er räuspert sich. »Dann … ist das jetzt ein Date?«

»Wa … ähm. Meinst du das … jetzt zu mir?« Ich sitze einfach nur da und er steht mir gegenüber. Er nickt ganz langsam. Irgendetwas ganz Filigranes zerspringt in mir und löst sich in eine goldene, warme Masse auf. Es ist mein Herz. Ich merke, wie meine Wangen zu Heizkissen werden. Er grinst mich erleichtert an. Sein Lächeln ist ansteckend.  

»Darf ich mich jetzt zu dir setzen?«

»Mmh-hm.« Ich nicke heftig.

 

Janus macht sich vorsichtig neben mir Platz. Meine Geruchsknospen sind doch intakt. Er duftet herrlich. Leicht nach Minze und Moschus. Es ist ein Geruch, den ich in meinem Langzeitgedächtnis ablege. Für immer. Plötzlich schwingt die Zimmertür auf und Djula platzt herein. »Oh, Tschuldigung, Mika! Musste noch Zimmer 612 Braunüle machen neu!« Ihr Blick gleitet einmal zu mir, dann zu Janus, dann wieder zurück. »Jun ge Mann! Haben schon Uhr gesehen? Da geht nicht mehr Besuch!«

»Dju-la.« Ich setze meinen Kleines-Mädchen-kriegt-Alles-Blick auf.

Djula grunzt protestierend. Hektisch stellt sie die Klingel ab und seufzt besonders laut. Die Tür knallt wieder ins Schloss. Wir schauen uns an und müssen beide lachen. Dann wird Janus’ Blick wieder ganz tief und mein Herz beginnt nervös zu pochen. Erst jetzt nehme ich seine Nähe so richtig wahr. Und ich werde mir heißkalt bewusst, dass ich immer noch das Leibchen von der Intensivstation trage. Ein flattriges, klein gemustertes Stoffteil, das hinten offen ist. Untendrunter bin ich nackt. 

Janus studiert meinen nervösen Blick. Er scheint mein Unbehagen zu spüren. »Willst du dich eigentlich noch umziehen?«, fragt er höflich.

 

Panik ergreift mich, als mir einfällt, dass meine Mutter vor der OP die schönen Schlafanzüge zum Waschen mitgenommen hat. Ich habe nur noch den hässlichen mit den gelben Blümchen, in dem ich wie eine Zwölfjährige aussehe. Meine Mutter hat ihn mir als Notschlafanzug dagelassen, weil er sie an meine Kindheit erinnert. Ich verfluche sie lautlos.  

»Ich würde gerne das OP-Hemd ausziehen.«

»Dann werde ich mal die grandiose Innenarchitektur des Krankenhaus-Flures genießen.«

In meinem Kopf arbeitet es fieberhaft. Wenn Janus jetzt rausgeht und einer der Schwestern über den Weg läuft, wird er gnadenlos rausgeschmissen. Mein Bauch zieht sich bei diesem Gedanken zusammen.

»Bitte, bleib!«, platzt es aus mir heraus.

Er zieht die Augenbrauen hoch.

»Du gehst jetzt einfach zum Besuchertisch.«

»Okay …« Er erhebt sich langsam wie ein Roboter, der auf weitere Anweisungen wartet.

Ich muss grinsen. Er sieht süß aus, wenn er das macht. »Setz dich auf einen Stuhl.« Er setzt sich brav. Ich schenke ihm einen lieben Blick. »Auf mein Kommando machst du die Augen zu. Wirklich zu!«, sage ich streng. Er nickt mechanisch. »Aber vorher musst du dir klar sein«, ich krame im unteren Fach des Beistelltisches, »dass ich nur dieses Kleidungsstück …«, ich halte den traurigen Schlafanzug in die Höhe, »… zum Wechseln habe!«

»Gelbe Blümchen-Schlafanzüge sind momentan sehr in Mode«, sagt er, ohne eine Miene zu verziehen.

»Du bist gemein!«, lache ich.

»Ich meine es ernst: Welcher Junge darf das Mädchen schon beim ersten Date in Schlafsachen sehen?«

Ich überlege. »So habe ich das noch gar nicht betrachtet«, gluckse ich.

Dann hebe ich resolut den Finger: »Bist du bereit? Und Blinzeln ist bei Todesstrafe verboten!«

 

Janus schließt die Augen. Ich blicke ihn eine ganze Weile nur an, wie er so still und ergeben vor meinem Bett sitzt. Dann greife ich hinter mich und löse die Schleife. Es ist irgendwie ein komisches Gefühl, mich vor einem Jungen auszuziehen, aber irgendwie auch schön. Gerade weil ich ihm vertraue, ist es für mich aufregend.

Vorsichtig ziehe ich das Oberteil über den Kopf. Die Braunüle ist Gott sei Dank verschlossen. Der abendliche Beutel mit Antibiotika ist schon längst durchgelaufen. Die Hose ziehe ich umständlich unter der Decke an. Sicher ist sicher. »Du kannst jetzt wieder gucken«, erlöse ich meinen edlen Ritter.

Er schaut mich an und grinst. Ich mag nicht, dass er mich so genau betrachtet. Ich drehe mich zum Bettrand und strecke die Beine hinaus. Keine gute Idee. Sofort ist mir schwindelig. »Und? Was machen wir jetzt?«, frage ich schnell.

»Wir gehen natürlich ins Kino. Was macht man sonst beim ersten Date?«, sagt er ganz selbstverständlich. Ich verdrehe die Augen und lasse mich lachend aufs Bett sinken. Janus eben!

Nächtliche Entführung

»Du weißt schon, dass ich erst vor wenigen Tagen operiert wurde?« Janus hilft mir in den Bademantel und hängt den Drainagebeutel vorsichtig an meinen Gürtel. »Ich werde nur das machen, was dir guttut. Und aus diesem Krankenhaus kurz auszubrechen, tut dir bestimmt gut!«

Ich schlurfe vorsichtig in meinen Hausschuhen vorwärts. Janus hat sich in meinen rechten Arm eingehakt. Soweit kenne ich das ja vom letzten Spaziergang. Aber er hat mir immer noch nicht erklärt, was er genau vorhat. Er nennt es romantisch nächtliche Entführung. Ich nenne es: Kamikaze mit Ansage. Trotzdem hüpfen bunte Bälle in meinem Bauch. Ich will bei diesem Jungen sein, egal, wohin er mich verschleppt.

Janus hat sich als Vorhut auf den Gang geschlichen. Ich warte direkt hinter der Tür. Als die Luft rein scheint, zieht er mich sanft nach draußen.

 

Der Krankenhaus-Flur ist gespenstisch leer. Die Neonleuchten tauchen alles in fahles Licht. Wie in einem Horrorfilm hört man irgendwo in der Ferne eine Tür schlagen. 

Wir setzen uns in Bewegung. Der Knackpunkt ist die Stationsaufsicht. Kurz vor den Aufzügen gibt es einen großen Tresen, der eigentlich immer besetzt ist. Und Nachtschwestern sind generell nicht zum Scherzen aufgelegt. Mir ist nicht bange, aber ich will nicht, dass Janus Hausverbot bekommt. Er ist mein Leuchtturm in diesem blanken, grausam glatten Meer aus Angst und Hoffnungslosigkeit.  

Der Flur scheint sich heimtückisch auszudehnen, als ob er uns nicht entkommen lassen wollte. Als wir am Tresen vorübertippeln, sitzt auch wirklich jemand mit gesenktem Kopf dahinter und macht Schreibarbeiten. Wir sind fast vorbei, als eine Stimme ertönt.

»Frau Sennemann, Sie dürfen eigentlich noch gar nicht aufstehen!«

Ich werde ganz steif. Janus dreht den Kopf: »Wir gehen nur zur Toilette.«

Wie peinlich! Und außerdem liegen die Flur-Toiletten am anderen Ende des Ganges!

»Frau Sennemann, Sie haben doch ein Zimmer mit Bad!«

Mist! Jetzt sind wir geliefert. Ich wusste, dass wir es nicht schaffen. Janus lächelt selbstbewusst zur Schwester. »Es ist ja auch meine Blase, die ruft. Mika begleitet mich nur …, damit ich mich nicht im Klo verirre.«

Es ist wie ein Showdown im Western auf der Mainstreet. Janus hat den Blick fest in die Augen der Schwester gesenkt. Diese schaut empört zurück. Keiner zuckt. Die Schwester zieht zuerst: »Zu den Toiletten geht’s aber in die andere Richtung.«

»Ich bevorzuge die offiziellen Besucher-Toiletten im Erdgeschoss.«

Eisige Stille.

»Aber nur kurz, Frau Sennemann darf eigentlich das Bett nicht verlassen!«

Gewonnen! La-Ola-Welle in meinem Kopf. Wir setzen uns wieder in Bewegung. Der Aufzug ist schon da. Janus schiebt mich hinein und drückt die Taste ›E‹.

 

Während der Fahrt nach unten stehen wir uns gegenüber und schauen uns nur an. Ich kriege einfach nicht genug von seinem warmen, leicht ironischen Lächeln. Irgendwie schafft er alles, was er sich in den Kopf setzt. Inklusive, mich zu verzaubern.

Unten im Foyer hängt der Nachtportier gelangweilt an der Information ab. Wir gleiten ohne weitere Schwierigkeiten hinaus in die klare Nacht. Ich atme tief ein. Es ist, wie wenn man aus einem U-Boot in den Ausguck darf. Janus hat recht gehabt: Es tut mir verdammt gut, aus diesem Krankheits-Container zeitweise zu entkommen.  

»Mika?«

Ich hänge sofort an seinen Lippen und schenke ihm Strahle-Augen.

Er kräuselt die Stirn. »Ich muss dir vielleicht noch etwas sagen …«

Trauriger Unterton. Meine Selbstschutz-Sensoren schlagen sofort Alarm. »Was?«

»Ich bin … schon etwas älter, als du vielleicht denkst.«

»Dann hast du dich gut gehalten.«

»Ich bin schon achtzehn und …«

»…du stehst auf ältere Mädchen!«, falle ich ihm ins Wort. »War mir schon klar, ich meine, einer wie du, der hängt jetzt nicht gerade mit einer Fünfzehnjährigen ab, schon gar nicht, wenn sie wie ein Knäckebrot aussieht und …«

»Mika!«

Ich stocke. Er berührt meinen Arm. »Ich wollte eigentlich sagen, dass ich mein Auto vorne im Parkhaus abgestellt habe. Möchtest du hier am Haupteingang warten?« Ich merke richtig, wie meine Wangen in der Dunkelheit leuchten. 2000 Watt Rotlicht. Ich möchte irgendwo versinken. Er lässt mich stehen wie ein kleines Mädchen. Das hast du sauber hingekriegt, Mika! Den letzten Rest an Glaubwürdigkeit einfach in den Müll getreten! Bestimmt gibt’s einen Kinderfilm für mich.

 

Die kühle Nachtluft lässt mich frösteln. Ich kann jetzt nur rumstehen und warten. Endlich höre ich ein Grollen, wie von einem Raubtier. Ein Automotor. Irgendetwas schwarzes Schnittiges schiebt sich die Auffahrt hoch zum Eingangsportal. Wann kommt endlich Janus? Mir wird langsam wirklich kalt. Der Sportwagen hält vor mir, die getönten Scheiben fahren herunter. Ich höre leise Rockmusik mit sattem Bass. 

»Kannst du alleine einsteigen?« Janus lächelt mir aus dem Inneren entgegen, beleuchtet von einem neongrünen Cockpit. Das glaub’ ich jetzt nicht.

»Mika?« Er beugt sich nach vorne und öffnet die geschwungene Beifahrertür.

»Was ist das? Ein Batmobil? Hast du dein Fledermaus-Kostüm im Kofferraum?«

»Das ist ein Dodge Viper GTS.«

Ich sehe, wie er wieder versucht, meine Gedanken zu lesen.

»Mika, das Auto hat mir mein Vater zum Achtzehnten geschenkt. Ich hab es nicht geklaut. Bitte steig jetzt ein, sonst kommen wir zu spät zum Film.«

 

Ich klettere zu ihm in den Wagen. Er schnallt mich mit komischen Doppelgurten an. Dann grinst er und wir schießen vorwärts in die Nacht. Eins ist sicher: So etwas wie diesen Abend werde ich nie mehr erleben.

Ich komme mir vor wie in einer Mondrakete. Jedenfalls glaube ich, dass man sich als Astronaut genauso hilflos fühlt. Jedes Mal, wenn der Motor aufheult, werde ich in den Schalensitz gepresst. Das Ding ist, dass Janus für den starken Motor viel zu langsam fährt. Aus Rücksicht. Dadurch muss er aber ständig runter schalten und ich werde vor und zurück geschaukelt. Mir wird schon wieder übel.

»Kannst du endlich schneller fahren, sonst kotze ich die Sitze voll.«

»Ich werde mir Mühe geben«, lacht er. Der Wagen zieht an und der Motor fühlt sich sofort hörbar wohler. Ich schaue zu Janus hinüber. In diesem High-Tech-Ambiente und mit den Händen am Lenkrad wirkt er jetzt wirklich viel älter. Irgendwie auch ein wenig fremd. Ich bereue schon, mich auf diesen Wahnsinn eingelassen zu haben. Die Stille macht mich ganz nervös. Also mache ich das, was ich immer mache, wenn mir mulmig wird: Ich fange zu quatschen an.

»Dein Vater heißt also Bill Gates und wollte dir eine Kleinigkeit zum Geburtstag schenken.«

Er legt wieder sein warmes Janus-Lächeln auf. Sofort fühle ich mich wohler.

»Mein Vater ist Stararchitekt und lebt in Dubai. Er setzt dort irgendwelche Hochhäuser in die Wüste. Ich sehe ihn nur einmal im Jahr.«

»Und sein schlechtes Gewissen beruhigt er, indem er seinem Sohn Geschenke macht«, sage ich bissig.

»Er hat meine Mutter verlassen, als sie krank wurde. Er schickt uns Geld, aber mehr konnte er nicht mit seinem Job vereinbaren.«

»Ein netter Charakterzug!«

»Meine Mutter liegt auf deiner Station. Ich hatte mit ihr ein langes Gespräch darüber. Sie will, dass ich den Wagen behalte. Ich musste es ihr versprechen.«

»Geht es deiner Mutter wieder besser?«, frage ich vorsichtig. Ich will nicht noch mal in ein Fettnäpfchen treten.

»Sie lebt. Das ist das Entscheidende für mich.«

 

Der Klang seiner Worte verbietet mir, weiter zu fragen. Janus tritt in die Eisen und der Wagen springt fast nach vorne, direkt auf eine Schnellstraße. Ich sehe, wie seine Hände sich um das Lenkrad krallen. »Ich hasse meinen Vater.« Seine Stimme ist ganz leise, so als spräche er nur mit sich selbst.

»Ich mag meinen Vater auch nicht. Aber er schenkt mir trotzdem keinen Sportwagen.« Er lacht und entspannt sich etwas.

Der Tacho erreicht die Zweihundert. Das Auto zittert noch nicht einmal. Janus schaut kurz zu mir.

»Was ist mit deinem Vater?«

»Als ich zehn war, haben sich meine Eltern getrennt. Er lebt jetzt in einer anderen Stadt. Zahlt keinen Unterhalt. Meine Mutter schuftet deshalb umso härter. Ich hab’ Angst, dass sie ihren Job verliert, weil sie sich so oft freinimmt, um mich im Krankenhaus zu besuchen.«

»Das Leben ist irgendwie ein Arschloch.«

»Nein … manchmal hat das Leben auch nette Momente parat.« Ich schenke ihm mein schönstes Lächeln. Er wirft einen innigen Blick zurück.

»Ja, manchmal passiert es, dass man durch einen Zufall zum glücklichsten Menschen der Welt wird.«

Mein Herz sprudelt über. Ich wünsche mir, dass die Fahrt durch die Nacht niemals endet. Solange ich im Auto bei Janus bin, steht die Zeit still und mir kann nichts passieren. Ich lehne mich in den Sitz zurück und schließe die Augen. Jetzt bin ich wirklich in einer Mondrakete. Mein Körper wird ganz leicht. Ich merke, wie das Auto abhebt. Ich fliege. In meinen Ohren beginnt es zu summen. Um mich herum flirrt ein Kaleidoskop aus Tausenden von Glühwürmchen. Es ist so schön, so wundersam schön …

 

***

 

Meine Mutter kommt in mein Kinderzimmer. Sie schaut mich prüfend an. »Meine kleine Lady, wenn du schon wieder die Schule schwänzen willst, dann …« Ihr Blick wird plötzlich ernst. »Wie siehst du eigentlich aus? Total blass und fast blaue Lippen! Die Erkältung war doch längst vorbei!«

Mama fängt an zu wanken. Auch die Zimmerdecke scheint plötzlich beweglich zu sein. Irgendwann kapiere ich, dass ich es bin, bei dem sich alles dreht. In meinen Ohren geht ein Staubsauger an. Vor lauter Rauschen kann ich sie nicht mehr verstehen. Aber ich sehe ihre großen Augen, ihr Gesicht ist vor Panik ganz starr. Dann zieht jemand den Boden weg und ich falle in dunkles Schwarz.

 

Als ich aufwache, bin ich im Krankenhaus. Ich liege auf einer Untersuchungsliege mit Armschienen, fast wie aus einem Raumschiff. Neben mir ist ein großer Monitor, der in mehreren Farben irgendwelche Werte kontrolliert. Voll spacig.

»Wir vermuten eine Aorten-Anomalie. Ich würde das gerne differenzialdiagnostisch abklären. Ihre Tochter würde dafür stationär aufgenommen werden. Sie müssten einer Coronar-Analyse zustimmen.« Der Arzt steht außerhalb des Behandlungszimmers, aber da es sehr still ist, verstehe ich jedes Wort.

»Was bedeutet das? Ist das nicht gefährlich?« Die wackelnde Stimme gehört meiner Mutter. »Das ist ein Herzkatheter, er wird von der Leiste aus eingeführt. Der Zustand ihrer Tochter macht dies notwendig. Ihr Blutdruck ist bei 220. Das kann jederzeit zum Gehirnschlag führen.«

»Wird sie ... sterben?«

»Wir sollten keine Zeit verlieren ...«

 

***

 

»Mika?« Ganz weit entfernt höre ich Janus’ besorgte Stimme. »Mika! Wach auf!«

Ich bin wieder in dem harten Schalensitz. Wir fahren nicht mehr. Janus hat das Auto am Bordstein geparkt. »Geht es dir gut? Soll ich dich ins Krankenhaus zurückbringen?« Diese Aussicht lässt mich sofort hellwach werden.

»Ich bin in Ordnung, wirklich. Nur etwas schwindelig.«

Janus beäugt mich misstrauisch von der Seite. Ich mag aber nicht von der Seite angeschaut werden. »Was ist jetzt mit Kino? Und kannst du mich aus diesem Sitzgefängnis befreien?« 

Er schnallt mich ab und zeigt mit dem Finger durch die Windschutzscheibe. Vor uns endet eine Häuserzeile. Von der Straße

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG Sonnenstraße 23 80331 München Deutschland

Copyright Texte: Katharina Klimt
Copyright Bildmaterialien: Covergestaltung: Katharina Klimt, Bildquelle Adobe Fotolia #70048375
Tag der Veröffentlichung: 04.12.2016
ISBN: 978-3-7396-8653-0

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