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Vorwort

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 WALKER

Zeit zu sterben

by

B. Terlau

 

 

 

 

Namen und Personen sowie die Handlung sind frei erfunden.

1

 

 

 

 

 

Clover Tower, Nähe Kowloon Park in Tsim Sha Tsui, Süd Kowloon, Hongkong

 

 

Ron Stewart, Boss und Gründer von Jetstone, maß nur 1,45 cm. Sein glattrasierter Kopf mit den tiefliegenden, blaßgrauen und wimperlosen Augen unter dünnen, kaum sichtbaren Augenbrauen erinnerte mit nur wenig Phantasie an den eines Totenschädels. Seine hohlwangigen Gesichtszüge unterstrichen diesen optischen Eindruck noch. Wie überdimensionale Spinnenbeine glichen seine langen, fleischlosen und knotigen Finger. Sie waren ständig in Bewegung. Aus Bequemlichkeit saß dieser schmächtige, hässliche Gnom mit seinem mageren, unterentwickelten Körper die meiste Zeit in seinem vollelektronischen Schreibtischstuhl. Er glich eher einem fahrbaren Rollstuhl für Behinderte als einem Büromöbel.

 

Stewart war ohne Freunde: hässlich, reich und einsam, aber keineswegs unglücklich. Er liebte sein einsames, luxuriöses Leben und seine Unabhängigkeit. Geld bedeutete ihm alles. Sexuell war er ein Neutrino, hatte er keine Bedürfnisse. Seine einzige Leidenschaft war Jetstone, eine sehr gut florierende Firma, die Männer und Frauen mit besonderen Fähigkeiten beschäftigte und den bestellten Tod auf vielfältige Weise lieferte.

 

Wie gewöhnlich saß Stewart hinter seinem wuchtigen Schreibtisch, knapp drei Meter vor einer die ganze Seite seines Büros einnehmenden Fensterscheibe. Durch diese hatte er einen ungehinderten Blick auf das Meer der Hochhäuser Tsim Sha Tsuis und die dahinterliegenden Berge. Der Clover Tower war ein 28-stöckiges Hochhaus nahe dem Kowloon Park in Tsim Sha Tsui, einem Stadtteil Süd Kowloons, Hongkong. Oberhalb des ersten Stockwerkes bestand das Gebäude nur aus Glas und Stahlträgern. Über seinen Geschäftsräumen in der 27. Etage des Towers bewohnte Stewart eine luxuriös ausgestattete Penthousewohnung, die über einen Privataufzug mit seiner Bürosuite verbunden war. Still und in sich versunken genoß er die Aussicht, hing seinen Gedanken und Träumereien nach.

 

 

Die verschiedenen Überwachungskameras im Entrée des Towers nahmen einen dunkelblonden, sehr gut gekleideten und offensichtlich wohlhabenden Geschäftsmann mittleren Alters mit modischer, verspiegelter Sonnenbrille, der sich von einem teuren Mietwagenservice vorfahren ließ, auf.

 

Walker trug einen leichten, beigefarbenen Straßenanzug mit passender Weste, dazu ein leicht getöntes, cremefarbenes Hemd von Boss, eine dunkelbraune Strickkrawatte sowie bequeme, hellbraune Lederschuhe von Floris van Bommel. Den Anzug hatte er zwecks besserer Bewegungsfreiheit bei Domino Fashions in Tsim Sha Tsui eine halbe Nummer größer anfertigen lassen. So ließ sich bequem eine FN Five-Seven MK2 in einem zur Waffe passenden Schnellzugschulterhalfter verbergen, ohne sein Jackett verräterisch auszubeulen oder ihn in seiner Bewegungsfreiheit einzuschränken. Allerdings trug er seine Waffe bevorzugt ohne Holster hinten im Gürtel. Walker war Linkshänder. In der rechten Hand hielt er einen schwarzen Aktenkoffer aus Krokodilleder, über seiner rechten Schulter hing eine mäßig gefüllte, großvolumige Umhängetasche. Gelassen ging er zielstrebig auf einen der vielen Aufzüge zu, drückte beim Einsteigen den 27. Knopf. Oben angekommen, nahm er die Sonnenbrille ab und betrat den nach den Gesetzen des Feng Shui sparsam, aber geschmackvoll eingerichteten Flur. Mit wenigen, geräuschlosen Schritten auf dem schalldämmenden Teppichboden näherte Walker sich den geräumigen, lichtdurchfluteten und großzügig in kostbarer Wenge gestalteten Büroräumen von Jetstone, blieb im offenen Türrahmen stehen. Die zwei anderen Büros auf der Etage standen zur Zeit leer.

 

Aus den Augenwinkeln nahm Stewart eine Bewegung wahr. Mit einer schnellen Drehung wandte er sich seinem Besucher zu, musterte ihn mißtrauisch aus zusammengekniffenen Augen mit abschätzendem Blick. Er konnte sich nicht erinnern, für diesen Vormittag einen Termin vereinbart zu haben. Im Stillen schalt er sich für seine Nachlässigkeit, die Tür nicht geschlossen zu haben.

 

Der große, breitschulterige Fremde war ihm unangenehm, geradezu unheimlich. Tief in seinem Innern spürte Stewart eine unerklärbare Furcht, griff eine eiskalte Hand nach seinem Herz. Das kräftige Kinn, der kantige Schädel mit der schmalen Nase, die hochstehenden Wangenknochen und nicht zuletzt die Stirnfalte über zusammengekniffenen, wachsam und konzentriert beobachtenden Augen verliehen dem Fremden eine Aura von Unnahbarkeit. Das braungebrannte Gesicht wirkte wie aus Beton gegossen, strahlte eine kompromisslose Härte aus. Er fürchtete sich vor allem, was dieser Fremde verkörperte, besonders aber vor diesen gletscherblauen Augen, von denen eine seltsam kalte, hypnotische Kraft ausging. Schweiß bildete sich zwischen seinen Schulterblättern, rann schmerzhaft juckend im Zeitlupentempo den Rücken hinab. Trotzdem gab er sich nach außen hin den Anschein entgegenkommender, jovialer Gelassenheit.

 

„Wer sind Sie und was kann ich für Sie tun?“ Mit einer stummen, einladenden Geste bot er seinem unbekannten Gast einen Sitzplatz vor seinem Schreibtisch an.

 

Schweigsam sah Walker Stewart an, bewegte sich mit katzenhafter Geschmeidigkeit geräuschlos auf den Schreibtisch zu, stellte seinen Aktenkoffer auf den Tisch und ließ die Umhängetasche auf die angebotene Sitzfläche gleiten.

 

„Mein Name ist Walker. Ich komme in Vertretung eines gemeinsamen Freundes. Wir beide haben noch eine offene Rechnung zu begleichen bevor wir unsere Geschäftsbeziehung beenden.“

 

Stewart wurde kreidebleich, schluckte vor Entsetzen. Sein Gesicht wurde wächsern. Schlagartig setzte die Erinnerung ein, wusste er plötzlich, wer vor ihm stand und warum. Stewart war schockiert. Verdammt, damit hatte er nicht gerechnet. Walker, sein bester Mann mit der höchsten Erfolgsquote, den er, wie viele andere, nur unter dem Decknamen Walker kannte, stellte sich gegen ihn, war sein Richter und Henker. Wenn ihm nicht sofort ein sinnvoller und erfolgreicher Ausweg einfiel, war er verloren. Dieses Betongesicht kannte keine Gnade, das wusste er. Sein gehetzter Blick flog verzweifelt zu seiner .44 Magnum Casull, die unter dem Schreibtisch in einer Spezialhalfterung ruhte. Eine knappe Armlänge zu weit. Fieberhaft dachte er nach. Er musste an die Casull herankommen. Vielleicht konnte er sie mit einem Sprung aus seinem Stuhl erreichen und sich fallenlassen, um unter dem Tisch seinem Gegner das Bein wegzuschießen. Die Casull riß faustgroße Löcher und würde Walker auf dieser kurzen Distanz das Bein völlig zerschmettern. Anschließend konnte er seinen Gegenüber mit einem zweiten Schuß erledigen. Der massive Schreibtisch würde ihm eine gute Deckung gegen einen Angriff von Walker bieten. Mit ein wenig Glück konnte es gelingen. Entsetzt sah er, wie Walker nach hinten in den Hosenbund griff und mit einer geschmeidigen Bewegung seine Five-Seven aus dem Gürtel zog. Aus der rechten Tasche seines Sakkos holte er gleichzeitig einen Schalldämpfer hervor.

 

Gestenreich und verzweifelt versuchte der gnomenhafte Mensch sich zu rehabilitieren, bettelte und feilschte um sein Leben während er sich langsam, im Zeitlupentempo in Richtung Schreibtisch bewegte. Nur noch zwanzig Zentimeter. Seine Muskulatur spannte sich zu dem alles rettenden Sprung während sein Körper Adrenalin durch seine Venen pumpte.

 

Walker schraubte indessen, Stewart mit schief geneigtem Kopf und ausdruckslosem Gesicht beobachtend, schweigsam und routiniert den Schalldämpfer mit wenigen, schnellen Drehbewegungen auf die MK 2. Mit einem blitzschnellen Schwenker seiner Linken richtete er die kleinkalibrige Unterschallwaffe auf den Zwerg aus und erschoß Stewart im gleichen Augenblick, als dieser zum Sprung ansetzte. Das Geschoß warf ihn mit Wucht in seinen Stuhl zurück, zerfetzte Stewarts Kehlkopf und zerriß dabei seine rechte Halsschlagader, aus der eine rote, meterhohe Fontäne schoß. Stewart starb einen langsamen, qualvollen Tod, während das Blut in einem allmählich dünner werdenden Rinnsal aus seinem Körper sickerte und unter dem Stuhl eine sich stetig vergrößernde, glänzende Lache bildete. Gleichzeitig verursachte das neben der Halswirbelsäule ausgetretene Projektil feine Haarrisse in der Fensterscheibe, welche sich, kaum hörbar knackend, im Zeitlupentempo vergrößerten.

 

Walker musste sich beeilen. Er wusste nicht, wie lange die Fensterscheibe noch in ihrer Gänze bestehen würde. Die Waffe mit dem Schalldämpfer warf er einfach in den Raum. Seine silikonpräparierten Hände hinterließen ohnehin keine Spuren. Aus seiner Umhängetasche entnahm er einige vorbereitete Sprengsätze, verteilte sie schnell und geschickt innerhalb der Bürosuite an strategisch wichtigen Punkten. Mit einem kurzen Druck auf den jeweiligen Taster und die Sprengsätze waren scharf. Ein Druck auf den Sender in seiner linken Jacketttasche und die Sprengsätze würden sich bei ihrer gemeinsamen Detonation sinnvoll gegenseitig unterstützen, für eine große Druckwelle und eine alles zerstörende Hitze sorgen und die beiden anderen Büros auf der Etage ebenfalls zerstören.

 

„Hier, für dich, aber verbrauch’ nicht alles auf einmal, du Ratte. Maßlosigkeit bekommt dir nicht.“

 

Walker riß Stewart das Hemd auf und drückte ihm eine 250 Gramm-Packung Semtex auf den Oberkörper. Ein Druck auf den Taster und der Sprengsatz war scharf. Der ausgemergelte Körper sackte in seiner grotesken Stellung mit leerem Blick auf seinen offenen Safe weiter in sich zusammen. Dessen Inhalt bestand aus sehr viel Bargeld in verschiedenen, gängigen Währungen, einem Notizbuch mit Paßwörtern sowie Kassetten mit verschlüsselten USB-Sticks und einigen dicken Notizbüchern. Walker räumte den kompletten Safe aus. Sein Inhalt ließ sich auf seinen eigenen und einen neben dem Schreibtisch stehenden Aktenkoffer verteilen. Den Rest sowie den Laptop auf Stewarts Schreibtisch stopfte er in seine Umhängetasche.

 

Wenige Minuten später, Walker hatte gerade den Clover Tower verlassen und sich unter die träge vorwärts schiebende Menschenmenge gemischt, erzitterte der gesamte Gebäudekomplex kurzfristig. Im 27. Stock verging Stewarts Welt in einer donnernden Explosion. Jetstone hatte endgültig aufgehört zu existieren. Ron Stewart wurde durch Walkers Giveaway in viele winzig kleine Teile zerrissen und aus dem 27. Stock geblasen. Die detonierenden Sprengsätze zerrissen die gesamte Büroetage, zertrümmerten die Glaswände in unzählige, tödlich umher fliegende Splitter, knickten die Stahlträger wie Streichhölzer und beschädigten nebenbei auch die darunter liegende Etage, legten Versorgungsrohre und Starkstromleitungen frei.

 

Stewarts gläserne Penthousewohnung wurde durch die Druckwelle kurz angehoben und stürzte in sich zusammensackend unter einem klirrenden Glasregen nach unten in die nicht mehr vorhandene Bürosuite. Was durch die enorme Druckwelle nicht zerfetzt und aus den nicht mehr existierenden Stockwerken geschleudert worden war, fiel dem durch die Thermitladungen verursachten, extrem heißen Feuer zum Opfer, verschmolz miteinander bis zur Unkenntlichkeit.

 

Obwohl sich die Explosion viele Meter über den nahe gelegenen Häusern ereignete und die Druckwelle sich ungehindert in alle Richtungen ausbreiten konnte, zerbrachen Fensterscheiben, wurden Häuser in ihren Grundfesten erschüttert, stürzten hier und da Leichtbauwände ein. Es regnete viele winzige Glasteilchen und kleine, verkohlte Teile Stewards auf die träge dahinfließende Menschenmenge herab. Einige wenige brennende Einrichtungsgegenstände suchten sich ihren Weg nach unten, rammten sich in den Asphalt der Straßen oder durchbrachen die dünnen Dächer der einzelnen, bunt zusammengewürfelten Shops in den lichtarmen Gassen, zerstörten manche Existenzgrundlage einheimischer Händler für Tage oder Wochen. Die unmittelbare Umgebung des Clover Towers geriet plötzlich in wilde Aufruhr. Irgendjemand rief mit kreischender Stimme hysterisch „Neun Elf“. Der Ruf wurde weitergetragen und verbreitete sich wie ein Lauffeuer, ließ die Menschenmenge in wilder Panik, sich gegenseitig behindernd, durcheinander rennen. Der ohnehin dichte und zeitweilig die Straßen verstopfende Verkehr kam völlig zum Erliegen.

 

Walker indessen verschwand im Wirrwarr der kleinen und verwinkelten, halbdunklen Gassen. In der Nathan Road pfiff er sich ein Taxi und ließ sich zum rund dreißig Kilometer entfernten „City Plaza“ nach Tung Chung, keine fünf Minuten vom Hongkong International Airport auf Lantau Island entfernt, bringen. Das moderne, gehobene Designhotel bot neben 440 Betten und einigen luxuriösen Extras einen in kurzen Zeitintervallen durchgeführten, kostenlosen Service mit dem Flughafen-Shuttle.

 

Bei dem hektischen Kommen und Gehen in diesem Hotel fiel Walker nicht weiter auf. Er wartete im 7. Stock, bis er sich im toten Winkel der beiden hin- und herschwenkenden Überwachungskameras befand, bevor er sein Zimmer betrat. Die Demaskierung sowie die Verteilung des Inhalts seiner beiden Aktenkoffer und der Umhängetasche auf das vorgepackte Reisegepäck dauerte nur wenige Minuten. Als Priester, frisch geduscht und ganz in schwarz gekleidet, checkte Walker wenig später gelassen mit einem zweiteiligen Kofferset und einem Aktenkoffer aus, ließ sich vom Flughafen-Shuttle zum Hongkong International Airport bringen. Dreißig Minuten später hob das Kurzstreckenflugzeug der Xiamen Airline ab und Walker verließ die Stadt in Richtung Macao. Von dort ging sein Anschlussflug weiter nach Singapur. Zu Hause wollte er dann auf seiner hochseetüchtigen Yacht, der “schwarzen Libelle”, eine Weile ausspannen. Roy Stanford, sein neuer Makler, würde mit der Auswertung von Stewards Computerdaten eine Menge Arbeit haben.

 

Vom Fensterplatz seiner startenden Maschine konnte er das ganze Ausmaß der Zerstörung beobachten. Die hilflosen Feuerwehreinheiten, klein wie Ameisen, bahnten sich mühsam einen Weg durch den ohnehin chaotischen und am Explosionsort zum Stillstand gekommenen Verkehr. Sie würden zu spät kommen und letztendlich völlig hilflos die beiden oberen Stockwerke ausbrennen lassen, darauf achten, daß sich das Feuer nicht nach unten in andere, teilweise bewohnte Stockwerke fraß. Hinzugezogene Polizeikräfte versuchten unterdessen verzweifelt, das Chaos aufzulösen, während unzählige Rettungseinheiten sich mühsam einen Weg durch das Durcheinander aus Autos, Trümmern und neugierigen Menschenmassen bahnten, um verletzte Passanten medizinisch zu versorgen.

 

Entspannt und mit sich zufrieden lehnte er sich in seinem Sitz zurück, öffnete seine Reisebibel und schlug das Buch Salomo auf. „Für jedes Ereignis unter dem Himmelszelt hat Gott eine Zeit vorgesehen. So hat Geboren werden seine Stunde, und auch das Sterben hat seine Zeit.“ Sinnend sah er aus dem Fenster, seinen Blick in weite Ferne gerichtet.

 

Stewarts dramatisches und völlig unerwartetes Ableben brachte diverse Kreise in Aufruhr. Als sich etwa eine Woche später die Nachricht, der Safeinhalt und der Laptop Stewarts seien doch nicht durch das Feuer zerstört worden, wie ein Lauffeuer in der Szene verbreitete, gerieten Stewarts ehemalige Geschäftspartner in Panik. Eine fieberhafte, wenn auch erfolglose Suche nach einem Phantom nahm ihren Anfang.

 

*

 

 


 

2

 

 

 

 

 

Flughafen Köln-Bonn: Freitag, 02. September

 

Pünktlich um 14:10 Uhr setzte die Boeing 737 auf, rollte vor dem vom Tower per Funk zugewiesenen Gate aus. Ungeduldig warteten die Passagiere auf das Andocken der beiden Finger und hetzten, als das Boardpersonal die Kabinentüren öffnete und die Ausgänge freigab, fast im Laufschritt in Richtung Gepäckausgabe. Grüblerisch und mit sich selbst beschäftigt blieb John Winston sitzen, versuchte, Klarheit in sein vernebeltes Hirn zu bekommen. Wieder einmal hatte ihn dieser tranceähnliche Tiefschlaf überrascht, ihn einfach abgeschaltet und wie so oft brach der Traum an der gleichen Stelle ab, katapultierte ihn zurück in die Realität. Wie immer fand er sich nur mühsam zurecht, nahm sein hektisches Umfeld wie durch einen Filter wahr. Was wollte diese Frauenstimme, die in einer unbekannten Sprache scheinbar immer die gleichen Worte wiederholte, ihm sagen? Welche Botschaft hatte sie für ihn? Welche Botschaft hatte dieser immer häufiger wiederkehrende Traum, der sich langsam zu einem Albtraum entwickelte?

 

John Winston alias Walker fühlte sich wie gerädert und gab das Grübeln auf, wusste instinktiv, daß er von seinem Unterbewusstsein keine Antwort erhalten würde. Geistesabwesend schluckte er eine Coffeintablette und spülte mit einem Rest Mineralwasser nach. Sie würde seinen physischen Zusammenbruch noch um einige Stunden hinauszögern und ihn wach halten.

 

Die 737 hatte sich bis auf wenige Flugpassagiere geleert. Mit müden Bewegungen fuhr Winston sich mit beiden Händen durch sein dichtes, kurz geschnittenes, an den Schläfen schon leicht ergrautes Haar. Er klappte die Reisebibel zu und verstaute sie in seinem Aktenkoffer. Schwerfällig stand er auf, legte sich den schwarzen Ledermantel über die Schulter.

 

Es war Anfang September und draußen herrschten, anders als in Moskau, noch immer ungewöhnlich hochsommerliche Temperaturen. Winston griff nach seinem Aktenkoffer und verließ die ihn bedrückende Enge der Boeing. Er hasste enge, vollgestopfte Maschinen, aber diese Boeing war die einzige, die er in Moskau noch kurzfristig hatte buchen können.

 

Geistig träge suchte er die Herrentoilette auf, demaskierte sich, wusch sich das Gesicht und spülte die wenigen Relikte seiner Maske in die Toilette hinab. Nach einem langen, prüfenden Blick in den Spiegel schlenderte er übermüdet zur Gepäckausgabe, betrachtete das hektische Treiben der Menschentraube. Die Hände in den Hosentaschen vergraben, stand er gegen ein Transparent gelehnt und hing, auf das Gepäck wartend, seinen Gedanken nach …

 

*

 

Fünf Jahre war es her, daß er Deutschland und Europa hinter sich gelassen hatte. Während dieser Zeit hatte er in in den verschiedensten Erdteilen seine Jobs erledigt. Niemand wusste, wer er wirklich war, wer sich hinter seinem Decknamen Walker verbarg. Diejenigen, die jemals sein Gesicht in seiner Person als Walker gesehen hatten, konnten nicht mehr reden. Es gab keine Zeugen und niemals Beweise, nichts, was in irgendeiner Weise einen Bezug zu ihm, John Winston alias Walker herstellen konnte.

 

Obwohl John Winston nicht sein wirklicher Taufname war, verwendete er ihn als solchen. Er trug ihn, seit er damals im Mai 1998 in die Fremdenlegion eingetreten war. John Winston hatte ihn spontan nach einer Zigarettenmarke gewählt, da er hinsichtlich seiner wahren Identität an einer dauerhaften Amnesie litt. Seine Erinnerung setzte bruchstückhaft etwa ein halbes Jahr vor Eintritt in die Legion ein. Auch wenn er in dieser Zeit immer wieder den einen oder anderen kurzen Flashback durchlebte; hilfreich waren diese Traumfragmente nie. Er fand keinen Bezug zu ihnen, konnte sie nicht einordnen. Da war nichts bis auf diesen quälenden Traum.

 

John verfügte über sehr viele außergewöhnliche Fähigkeiten, sprach viele Sprachen akzentfrei, beherrschte die verschiedensten Nahkampfstile, kannte sich mit Waffen und Sprengstoffen aus und hatte noch viele anderen Talente. Woher, warum und wer ihm sein profundes Wissen auf diesen und vielen weiteren Wissensgebieten vermittelt hatte, konnte er nicht sagen. Er wusste nichts über die Zeit vor seinem Eintritt in die Fremdenlegion. Winston fürchtete den Moment, wo ihn eine solche Tiefschlafphase in einem ungeeigneten Augenblick erwischte, dann, wenn er bei vollem Bewußtsein und im Vollbesitz seiner Reflexe sein musste. Eine solche Albtraumphase bedeutete unter Umständen seinen sofortigen Tod, die Folter oder lebenslange Gefangenschaft in irgendeinem obskuren Gefängnis oder alles zusammen - und das Scheitern des angenommenen Auftrags, ein nicht zu akzeptierender Umstand.

 

*

 

Das erste Gepäckstück kam auf dem Laufband bei ihm an und Walker nahm es an sich, besah es sich kurz von allen Seiten. Während er weiter geduldig auf sein zweites Gepäckstück wartete, beschäftigten sich seine Gedanken mit dem Hintergrund zu seinem Auftrag.

 

Vor gut einem Jahr fand eine Polizeistreife in den Slums von Paramaribo/Surinam die entsetzlich entstellte Leiche einer jungen, etwa dreißigjährigen, weißen Frau. Zusätzlich zu den Anzeichen einer beginnenden Lepraerkrankung wies sie Spuren furchtbarer Mißhandlungen und Verstümmelungen auf. Nur einem glücklichen Umstand war es zu verdanken, daß Elvira Ramirez, Journalistin und militante Frauenrechtlerin zufällig anwesend war und die richtigen Schlüsse zog. Sie durchsuchte ihren Fahndungskatalog nach vermißten weißen Frauen und ihr Verdacht bestätigte sich. Es war die jahrelang vergeblich gesuchte Russin Ksusha Svyatoslavоv. Ihre Eltern hatten damals erfolglos eine Prämie von eine Million US-Dollars für Hinweise zu ihrem Verbleib ausgesetzt. Ihr Anruf in Moskau sorgte für hektische Betriebsamkeit. In einer rücksichtslosen Blitzaktion überführten zwei russische Söldnereinheiten ihren Leichnam nach Moskau.

 

Ksusha stammte aus einer sehr reichen Oligarchenfamilie aus Moskau, die während Gorbatschows Periode der Marktliberalisierung zu enormen Reichtum gekommen war. Sergej Svyatoslavоv und seine Frau Smolina hatten mit Svyatoslavov Enterprises sowohl in der Rüstungsindustrie und dem Elektroniksektor als auch mit Waffengeschäften, hin und wieder jenseits der Legalität, das große Geld gemacht. Unter Svyatoslavovs Führung blühte und gedieh der Waffenhandel. Er kontrollierte den gesamten Osten. Sergej Svyatoslavov war die unangefochtene Nummer Eins. Hart, skrupellos – und unermeßlich reich. Man respektierte ihn nicht nur, man fürchtete ihn auch. Smolina war mit Öl- und Gasspekulationen nicht nur an der Börse sehr erfolgreich.

 

Beide Elternteile hatten aber auch ihre Achillesferse. Sie hingen mit abgöttischer Liebe an ihrer einzigen Tochter und kamen nicht über das ungewisse Schicksal ihrer geliebten Ksusha hinweg. Die Moskauer Forensiker bestätigten die Identität der Toten während andere, auf Betreiben Svyatoslavovs hinzugezogene Spezialisten der Kriminalwissenschaft, quasi als Abfallprodukt ihrer forensischen Untersuchungen auch einen langen und grauenvollen Leidensweg rekonstruierten.

 

Sergej Svyatoslavov hatte sich sowohl durch das Leid und die tiefe Trauer in den Augen seiner Frau als auch durch das ungewisse Schicksal seiner Tochter verändert. Er war schweigsamer und verschlossener geworden, fraß seinen Kummer in sich hinein. Tiefe Falten ließen ihn um Jahre älter aussehen. Smolina, ebenfalls vorzeitig gealtert, kränkelte vor sich hin, erholte sich nur sehr langsam von ihren diversen, psychosomatischen Krankheiten als Folge ihres seelischen Kummers. Beide waren erst Anfang der Fünfzig, sahen aber um Jahre älter aus. Ksusha war ihr einziges Kind und ihr ganzes Glück gewesen - bis zu jenem Tag, an dem sie spurlos verschwand. Jetzt konnten sie endlich von ihr Abschied nehmen und hatten nur noch sich und ihre Rache, ihren Schrei nach Vergeltung.

 

Es dauerte fast ein Jahr intensivster Recherchearbeiten, Auswertung und Abgleich aller Daten, bis sich der Kreis der Verdächtigen schloß und die Svyatoslavovs Giovanni Frascati auf die Abschußliste setzten.

 

 Heute war er nach Köln gekommen, um Frascati und seine Familie in den nächsten Tagen zu eliminieren und, wenn sich die Möglichkeit ergab, gleichzeitig dessen ganze Organisation zu zerstören. Im Allgemeinen erledigte Walker seine Jobs still und leise, unauffällig. Hin und wieder aber musste der Tod seines Opfers eine deutliche Message enthalten, so wie im Fall Frascati. Der ganze Clan sollte so spektakulär wie möglich ausgelöscht werden. Ein für ihn sehr riskantes Unternehmen, bei dem er ein paar zusätzliche Sicherungen für sich selbst einbauen musste. Als endlich das zweite Gepäckstück auf dem Transportband vor ihm erschien, hob er auch dieses vom Band.

 

Auch diesem Gepäckstück widmete er eine kurze, genaue Untersuchung und entdeckte eine unscheinbar kleine Stecknadel. Offensichtlich war sie eilig in die lederne Scharnierabdeckung seines Koffers gedrückt worden. Kopfschüttelnd und mit einem Schmunzeln betrachtete er den winzigen Miniaturpeilsender modernster Bauart. Die Nadel diente als Sendeantenne während die gesamte Sendeelektronik in einem winzigen Gehäuse von knapp 8 x 2 x 4 mm ihren Platz fand. Vorsichtig schob er den Sender wieder an seinen Platz. Man wusste also schon, daß er in Deutschland war. Wer hatte diesen Peilsender angebracht und beobachtete ihn? Daß es Frascati war, schien ihm eher unwahrscheinlich. Wer hatte noch ein Interesse daran, seine Schritte zu überwachen?

 

Winston lud den zweiteiligen Kofferset, seinen Aktenkoffer sowie den Ledermantel auf einen Kofferkuli und wandte sich dem Ausgang zu. Nach den kurzen, oberflächlichen Zollformalitäten ließ er den gesperrten Bereich des Gates hinter sich und war wenige Schritte später außerhalb des Flughafengebäudes. Argwöhnisch beobachtete er sein Umfeld. Der angenommene Auftrag wurde komplizierter als er erwartet hatte. Irgendwo musste sich sein Beobachter aufhalten. Weder konnte er unter den das Flughafengebäude verlassenden Reisegästen noch unter den parkenden Fahrzeugen etwas Verdächtiges erkennen. Sein Schatten wusste sich gut zu tarnen. In Frankfurt wusste man bereits ebenfalls, daß er in seiner Person als Walker schon in Deutschland war.

 

 *

 

 

 

3

 

 

 

 

 

Frankfurt: Freitag, 02. September, 15:00 Uhr

 

Giovanni Frascati schwitzte und war blaß geworden.

 

Kreidebleich und völlig konsterniert starrten seine Augen unter zusammengekniffenen Brauen auf den Telefonhörer in seiner Rechten. In seinem Kopf rauschte und dröhnte es. Vor wenigen Minuten hatte er sich noch sicher gefühlt, hatte sich hemmungslos seinen hochfahrenden und selbstgefälligen Tagträumen unbegrenzter Macht über Frankfurts Unterwelt hingegeben.

 

Frascati, 55 Jahre alt, 1,80 m groß und von kräftiger Statur wohnte eigentlich in Köln. Dort, in den Augen der Kölner Öffentlichkeit war er sowohl ein erfolgreicher, internationaler Bestattungsunternehmer als auch ein ebenso erfolgreicher Immobilienmakler mit angeschlossenem Hausverwalterservice. Diese offiziellen Kölner Geschäftsbereiche wurden jedoch sehr erfolgreich von Tommaso Bosco, einem großen und schlanken, aalglatten Sizilianer, geführt. Bosco war in Köln nicht nur sein offizieller Geschäftsführer, er war auch Frascatis Mädchen für alles, kümmerte sich um Frascatis illegalen Geschäfte, bei denen er ebenso rücksichtslos über Leichen ging wie sein Chef.

 

Er betrieb in Frankfurt unter dem Namen Frascati Enterprises offiziell ein Importgeschäft für Särge aus Asien. In Wahrheit aber ging er in der Mainmetropole seinen kriminellen Geschäften nach, hatte sich einen sehr gut florierenden Drogen- und Menschenhandel mit Kindern und jungen Frauen aufgebaut. Zusätzlich besaß er in Frankfurt drei und in Köln zwei Nachtclubs und bediente nicht nur seine eigenen Etablissements mit Frischfleisch für die Prostitution, sondern auch andere Großstädte Deutschlands. Er war auch international aktiv, verkaufte seine Kinder im Internet wie Stückvieh auf einem südländischen Wochenmarkt meistbietend an reiche und lüsterne Pädophile. Skrupellos wie er war belieferte er jeden, der bezahlen konnte. Bisher konnten die Gerichte ihm nie etwas nachweisen. Die offiziellen Geschäftsunterlagen, gleichgültig ob in Frankfurt oder Köln, waren immer sauber.

 

Das gerade geführte Telefonat ließ alle Träume zerplatzen, sich in Luft auflösen. Sein vertrauenswürdiger Informant am anderen Ende der Leitung in Moskau hatte ihm mit seiner leidenschaftslosen, flüsternden Stimme mitgeteilt, daß er nicht mehr lange zu leben habe. Frascati und seine Familie würden für das, was er den Svyatoslavovs angetan hatte, gnadenlos und grausam hingerichtet werden. Sein Henker sei bereits in Deutschland. Auf die nüchterne Frage, wer ihm und seiner Familie nach dem Leben trachtete, gab die Stimme nach einer kurzen, unheilvollen Pause nur eine knappe Antwort. Es fiel nur ein Wort, bevor es in der Leitung Klick machte. "Walker!"

 

Die Nachricht war ein tiefer Schock für ihn. Ihm schwindelte für einen Moment und ächzend sackte er in seinem protzigen Schreibtischsessel zusammen, rang asthmatisch nach Luft, suchte verzweifelt nach einem Ausweg.

 

'Aus! Alles zu Ende!', zuckte es in seinem Hirn und ein Anflug von Panik breitete sich in ihm aus.

 

Walker, der Geist, das Phantom, ein Auftragskiller, den niemand kannte und von dem niemand wusste, wie er aussah machte Jagd auf ihn. Frascati ließ seine Sekretärin alle Termine für den restlichen Nachmittag absagen. Er musste allein sein und nachdenken, nach einem Ausweg aus dieser tödlichen Falle suchen. Nach Stunden intensiven Nachdenkens griff er mit einer schwerfälligen Bewegung zum Telefon und wählte eine Nummer.

 

„Dauh Long…“, klang es leise am anderen Ende der Leitung. Frascati meldete sich.

 

„Ich brauche zwanzig deiner besten Männer für vielleicht drei oder vier Wochen als Verstärkung meiner eigenen Leute.“

 

„Was ist passiert?“

 

„Keine Ahnung. Noch weiß ich es nicht, aber ich stehe auf Walker’s Abschußliste.“

 

„OK! Ist machbar, aber was bekomme ich dafür…?“, kam die lauernde Frage.

 

„Was willst du?“

 

„Ich weiß, daß du am Montag in den Abendstunden eine große Lieferung Heroin von feinster Qualität erwartest. Ich will die Hälfte des Stoffs als Gegenleistung – sofort nach ihrem Eintreffen. Danach bekommst du zwanzig meiner besten Männer, verteilt auf drei große Vans.“

 

„Einverstanden. Sei um 19:00 Uhr da. Du weißt schon, wo. Um 19:30 Uhr kommt der Stoff, dann können wir umladen. Bring deine Männer mit. Ich brauche sie sofort und hoffe, sie sind zuverlässig und gut! Sie werden einen schweren Stand haben und vielleicht wird der eine oder andere dabei drauf gehen.“

 

„Ich verbürge mich für sie, Frascati! Ich werde sie mitbringen – und was das Sterben angeht, na ja, für jeden kommt irgendwann der Tag, an dem es zu Ende geht. Was soll’s, ich hab genug Leute“, versicherte ihm Dauh Long in lockerem Ton, während er nachdenklich das Gespräch beendete.

 

‚Wer zum Teufel sorgte für Unruhe in der Szene und was hatte Frascati angestellt, daß ihm der Geist auf den Hals gehetzt wurde? Wenn er nicht aufpasste, konnte er sehr schnell ebenfalls Opfer dieses unheimlichen Killers werden‘, grübelte er während Frascati sich fragte, wer von seinen wenigen Angestellten bei ihm für Dauh Long spionierte. Frascati wählte die Nummer von Bosco. Der Anrufbeantworter war aktiviert. Wie immer, wenn es dringend war.

 

„Bosco ich brauch dich heute Abend. Warte bei mir zu Hause auf mich. Du kannst vorerst alle Aktivitäten einstellen, deine Leute zusammenziehen und dir überlegen, wie viele Wohnshelter wir für 20 Chinesen benötigen. Beschaffe sie, richte sie ein und sage Rosie Bescheid. Sie muß in den nächsten Wochen für zwanzig Chinesen und unsere Leute kochen. Wir haben ein sehr ernstes Problem. Es steht sehr viel, wenn nicht alles auf dem Spiel. Mehr erfährst du später“, hinterließ er mit kalter, befehlsgewohnter Stimme auf dem Anrufbeantworter des Sizilianers.

 

*

 

 

 

4

 

 

 

 

 

Zur gleichen Zeit am Flughafen Köln-Bonn: Freitag, 02. September

 

Winstons suchender Blick fand schnell die Filiale der Autovermietung. Sofort fielen ihm die zwei Überwachungskameras neuester Generation, kabellose HD-Kamerasysteme mit integriertem Miniaturrekorder, auf. Weitwinkelkameras und leistungsfähige Rekorder bildeten eine Einheit, wurden mit der notwendigen Energie über das Stromnetz, welches auch zum Transport der Daten genutzt wurde, versorgt. Winston stoppte und durchsuchte sein Handgepäck nach zwei Laserpointern. Er hatte zwar keine Chance, der Videoregistrierung zu entgehen, wollte aber wenigstens eine mögliche Fahndung erschweren, im besten Fall unmöglich machen. Winston hielt den Kopf ein wenig gesenkt, wandte sein Gesicht so gut er konnte von den Kameras ab und blendete mit seinen beiden Laserpointern die optischen Aufnahmesysteme. Daß sie so schnell wie möglich zerstört werden mussten, stand für ihn außer Frage.

 

„John Winston“, stellte er sich in der Mietwagenzentrale der attraktiven, brünetten Angestellten mit ruhiger sonorer Stimme vor. „Ich habe ein marineblaues BMW M4 Coupé mit geschlossenem Dach reservieren lassen.“

 

Dunkelbraune Augen in einem feingeschnittenen Gesicht sahen zu ihm auf, lächelten ihn an. Sie nickte ihm freundlich zu. „Ich brauche Ihre Flugnummer und Ihren Paß, Monsieur Winston“, antwortete sie mit weicher Stimme und einem leichten, französischen Akzent.

 

„DP 819 aus Moskau-Wnukovo“, gab er ihr zur Antwort während er ihr seinen australischen Reisepaß über die Theke schob. Sein Blick fiel auf das dezent gehaltene Namensschild. Monique Bourguignon registrierte er.

 

„Einen Augenblick, bitte. Ich rufe Ihre Daten auf.“ Mit einem flüchtigen Blick kontrollierte sie die Datenanzeige.

 

Die eingenommene Pille zeigte endlich ihre Wirkung, ließ seine geistige Trägheit für die nächsten Stunden verfliegen. Ein warnendes Gefühl alarmierte ihn. Stillschweigend und nach außen hin gelangweilt kontrollierte er sein Umfeld. Da war nichts bis auf die voluminösen Zierpalmen und das restliche Grünzeug, welches hier und da eine freie Sicht in die Tiefe der Räumlichkeiten versperrte. Niemand. Offensichtlich waren sie beide allein in dieser Niederlassung. Trotzdem, sein Gefühl sagte etwas anderes, warnte ihn. Irgendwo lauerte ein Feind. Er hätte schwören können, daß da noch eine dritte Person im Raum gewesen war, vielleicht hinter den wuchtigen Zierpalmen auf der linken Seite, nahe den großen Fenstern. Auf seinen in vielen Einsätzen entwickelten Spürsinn für Gefahr konnte er sich bisher immer verlassen.

 

 „Alles okay.“ Monique Bourguignon kassierte die Fahrzeugmiete für vier Wochen zuzüglich der üblichen Kaution und ließ das Geld achtlos, ohne nachzuzählen, auf den Schreibtisch fallen.

 

 „Kommen Sie, Monsieur. Ich bringe Sie zum Fahrzeug. Es ist das Coupé vor der Tür.“ Während sie aufstand und um den Tresen herum kam, musterte sie ihn lächelnd mit einem tiefen Blick. Ein kurzer Schatten des Bedauerns huschte über ihr Gesicht, als sie des Kollars gewahr wurde; Zeichen eines Priesters.

 

Winston entging diese Reaktion nicht. Die junge, sehr gepflegte und in einem teuren, dunkelblauen Kostüm gekleidete Frau gefiel ihm sehr gut - und das nicht nur aufgrund ihrer körperlichen Reize. Auf Anhieb verband sie ein unsichtbares Band tiefer Sympathie. Winston jedoch schob jeden Gedanken an eine mögliche, heißblütige oder gar dauerhafte Liaison mit dieser jungen und attraktiven Französin beiseite. Er musste sich auf andere Dinge konzentrieren, hatte einen häßlichen und sehr gefährlichen Job zu erledigen.

 

Sein Outfit als Priester diente ihm auf seinen Reisen als Tarnung und das Lesen in der Reisebibel verstärkte sein Täuschungsmanöver. Er war zwar nicht religiös, besaß keine Konfession und war ebenso wenig Mitglied einer Kirchengemeinde, dennoch faszinierte ihn die Bibel seit vielen Jahren, war sie seit seinem Eintritt in die Legion sein ständiger Begleiter. Es verging fast kein Tag, an dem er nicht in diesem Weisheitsbuch der christlichen Religion las, was ihm bei der Legion den Spitznamen „Der Prediger“ einbrachte. Viel zu oft war letztendlich er immer derjenige gewesen, der für einen im Feld gefallenen Kameraden in Ermangelung eines echten Seelsorgers das letzte Gebet sprach.

 

Mit einem stillen, kaum wahrnehmbaren Lächeln wandte er sich seinem Kofferkuli zu. Durch einen kurzen Blick über ihre rechte Schulter vergewisserte sie sich, ob er ihr folgte. Moniques natürlicher, aufreizender Gang faszinierte ihn. Ihre geschmeidigen Bewegungen glichen dem Gang einer großen, exotischen Katze: voller Eleganz und Kraft, natürlichem Stolz und Selbstbewußtsein. Ihr Gang war für ihn eine Symphonie der Bewegungen. Der Duft eines teuren, dezent aufgetragenen Parfums begleitete sie wie eine zarte Wolke. Winston liebte und bewunderte schöne, stolze Frauen. Er liebte sie einfach um ihrer selbst willen - weil die Natur sie geschaffen hatte, fühlte sich in ihrer Nähe wohl und genoß ihre Gegenwart.

 

Mit wenigen raumgreifenden Schritten schloß er zu ihr auf und gemeinsam gingen sie auf den BMW zu. Walker kontrollierte aufmerksam und konzentriert sein Umfeld. Leider konnte er in ihrer Gegenwart nicht mehr die optischen Systeme der Überwachungskameras durch seine Laserpointer blenden, auch wenn er sich so bewegte, daß er sich überwiegend im Schatten seiner Begleiterin befand, ihr sein Gesicht zuwandte und von ihr verdeckt wurde.

 

„Ich glaube nicht, daß ich Sie belehren muß, wie Sie sich im Falle eines Unfalls oder eines Schadens verhalten sollten“, wandte sie sich an ihn, während sie beiläufig mit einem Knopfdruck die Fahrzeugtüren und den Kofferraum entriegelte.

 

Winston quittierte ihren Hinweis mit einem kurzen Kopfschütteln. „Wenn ich Probleme mit dem Fahrzeug habe, werde ich Sie voller Gottvertrauen anrufen und Ihre Hilfe erflehen“, bestätigte er ihr salbungsvoll mit einem schmalen Lächeln und zum Himmel gewandten Blick. Sie sah ihn von der Seite an und konnte sich einen leisen und kurzen, amüsierten Lacher nicht verkneifen.

 

John verstaute sein Gepäck und seinen Ledermantel im Kofferraum, fragte sie wie beiläufig nach dem Weg zu seinem gebuchten Hotel, während er den leeren Kofferkuli wie einen Einkaufswagen in die Halterung vor der Filiale schob. Bereitwillig gab sie ihm Auskunft. Unterdessen nahm er ihr die Autoschlüssel aus der Hand, quittierte deren Empfang und unterschrieb die Quittung für das Fahrzeug. Den teuren, schlanken Kugelschreiber steckte er wie selbstverständlich ein. Walker bestieg das Fahrzeug und prägte sich genau ein, wo er seine Fingerabdrücke hinterlassen hatte, während er den BMW startete.

 

"Danke für alles", verabschiedete er sich freundlich durch das elektrisch heruntergelassene Fenster, wobei ihre Augen für einen kurzen Augenblick tief ineinander versanken. Hintergründig und verstehend sah Monique ihm mit einem sinnenden, festen Blick in seine gletscherblauen Augen. „Auf Wiedersehen, Monsieur Winston.“

 

Sie würden sich wiedersehen – ganz bestimmt sogar, dessen waren sich beide sicher.

 

Während er auf eine Lücke in dem träge fließenden Verkehr wartete, legte er sich in Gedanken einen ersten, groben Plan zurecht. John Winston musste unbedingt in Paris anrufen und Monique Bourguignon überprüfen lassen, gleich, wenn er im Hotel angekommen war. Gleichzeitig konnte Garnot nebenbei die Filiale ebenfalls überprüfen. Nach diesem Telefonat wollte er etwas essen und nur noch ausschlafen, am nächsten Morgen ausgiebig in Ruhe frühstücken und sich für das Wochenende und die kommende Woche seinen Tagesablauf zurechtlegen, der unter anderem einen dringenden Besuch beim „Whistler“, vorsah. Bei ihm wollte er sich seine Ausrüstung beschaffen, benötigte er unter anderem dringend eine leistungsfähige Überwachungselektronik kleinster Bauart und Waffen. Ohne eine Five-Seven fühlte er sich nackt. Winston hoffte, daß der „Whistler“ noch im Geschäft war. Außerdem freute er sich darauf, seinen alten und treuen Kameraden aus gemeinsamen Zeiten bei der Fremdenlegion wiederzusehen. Gleichzeitig würde er ein zweites, sehr verschwiegenes Hotel als Ausweichquartier und Operationsbasis buchen. Sicher war sicher. Offiziell würde er im HERMES wohnen. Den Rest der Woche verplante er mit Fitneßtraining, der Auswertung der eingehenden Überwachungsdaten sowie mit den umfangreichen Planungen und Vorbereitungen. Routiniert fädelte er sich in den fließenden Verkehr ein.

 

*

 

Ein paar mandelförmige Augen beobachteten Walker mit stoischem Gleichmut. Wie ein Raubtier saß der schwarz gekleidete Mann hinter dem Lenkrad des dunkelblauen Ford-Tansit mit seinen abgedunkelten und einseitig verspiegelten Scheiben. Seit Verlassen des Flughafens hatte Li Cheng Walker scheinbar unter Kontrolle des Minipeilsenders, den er, sich unter das Bodenpersonal des Flughafens mischend, schnell in der Gepäckabfertigung unbemerkt angebracht hatte. Li Cheng hatte aus seinem Transit heraus Walker mit einer hochwertigen Kamera und einem gekoppelten Richtmikrophon seit Verlassen des Flughafens in Bild und Ton aufgenommen. Geduldig wartete er, bis Walker sich in den Verkehr einfädelte. Erst dann startete er seinen Ford-Transit, ließ Walker einen genau berechneten Vorsprung, bevor er sich an seine Fersen heftete. Rhythmisch piepsend wanderte ein kleiner Punkt über eine 6 Zoll große Mattscheibe. Er ahnte nicht, daß Walker seine kleine Wanze bereits im Flughafengebäude entdeckt hatte und einfach nur mitspielte.

 

*

 

Versonnen sah Monique Bourguignon ihm noch einen Weile nach. Ihr Unterbewusstsein registrierte, daß fast zur gleichen Zeit ein dunkelblauer Ford-Transit startete und Walkers Fahrzeug folgte. Nachdenklich und tief in Gedanken versunken wandte sie sich wieder mit verschränkten und an sich gepressten Armen, so, als ob sie trotz der herrschenden sommerlichen Temperaturen frieren würde, der Filiale zu.

 

"Wow, was für ein kantiges Kerlchen. Alter um die 40. Geschätzt 1,90 m groß und zirka 90 Kilo schwer. Kein Gramm Fett, kurzer Haarschnitt mit leichtem Grau an der Seite und diese gletscherblauen Augen… - ups, da wird einem heiß und kalt. Unglaublich diese Ausstrahlung. Wenn du, John Winston, wirklich ein Priester bist, was ich dir nicht abkaufe, dann bin ich eine Nonne. Wen versteckst du hinter dieser Maske? Wer bist du wirklich, Schwarzer?" fragte sie sich. Sichtlich beeindruckt kehrte sie an ihren Arbeitsplatz zurück, ganz in Gedanken an Winston gefangen. Sie fühlte sich zu diesem großen, nicht wirklich attraktiv aussehenden Mann hingezogen. Ein Gefühl des Vertrauens bemächtigte sich ihrer, verbreitete eine wohlige Wärme in ihr, was sie überraschte und irritierte.

 

„Auch das noch.“ Ausgerechnet jetzt, wo sie sich auf andere Dinge konzentrieren musste, fing sie an, sich in einen Unbekannten zu verlieben – und ausgerechnet in einen Priester, wenn er denn wider Erwarten wirklich einer war. Wie verrückt war das nur?

 

Ihr Plan, von langer Hand vorbereitet, hatte sie bisher ein Drittel ihres Barvermögens gekostet. Sie wollte und musste diesen Plan endlich durchziehen und erst danach konnte sie weitersehen. Sie würde ihre Rache bekommen und Vergeltung für das üben, was ihr und ihrer Familie angetan worden war. John Winston allerdings ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Den Ford-Transit hatte sie schon wieder vergessen.

 

*

 

Ähnlich erging es John. Die schöne unbekannte Französin hatte es ihm angetan. Gegen seine innere Überzeugung und wider jeder Logik hatte er sich dazu hinreißen lassen, ihr eine Spur zu legen. Allerdings würde er die Entwicklung der Dinge in Ruhe abwarten und versuchen, sie aus seinem Auftrag herauszuhalten.

 

Spontan stoppte er seinen BMW auf einem abgelegenen Parkplatz, stieg aus, zog ein paar dünne, schwarze Lederhandschuhe an und rieb mit dem Rest alkoholisierter Feuchtigkeitstücher aus seinem Reisegepäck großzügig und gründlich alle Stellen am und im Fahrzeug, welches er mit bloßen Händen berührt hatte, ab. Er ließ sich Zeit, rauchte zwischendurch gelassen eines seiner schwarzen Zigarillos mit Filterstück und achtete sehr genau auf eventuelle Beschatter. Nichts. Niemand. Er war allein auf dem Parkplatz. Einzig ein dunkelblauer Ford-Transit eines Blumenhändlers fuhr gemächlich am Parkplatz vorbei. Die Tücher entsorgte er in einem in der Nähe abgestellten und überfüllten Müllcontainer. Danach setzte er zufrieden seinen Weg fort. Um alle Fingerabdrücke beseitigen zu lassen, musste er das Fahrzeug zur Sicherheit noch einmal gründlich vom Hotelpersonal durch den hoteleigenen Service reinigen lassen - oder es irgendwo heiß entsorgen.

 

*

 

Das HERMES PARK HOTEL lag verkehrsgünstig an der B 9 mit Anschluß an die rechtsrheinisch geführte Autobahn. Es war ein 4 Sterne-Hotel mit viel Glas, 850 Betten, einigem, luxuriösen Komfort und vielen Ausgängen. Winston checkte sich ein und bezahlte für dreißig Tage im Voraus. Von seinem Zimmer rief John Jean Pierre Garnot in Paris an. In einem Pariser Vorort klingelte das Telefon.

 

„Garnot…!“

 

„Salut, mon ami. Comment alles-vouz? C’est moi, John!“

 

„Très bien, merci, John. Merci. Was kann ich für dich tun?“

 

Detailliert beschrieb er ihm die Schöne und die Filiale. John Winston bat Garnot, sowohl die Filiale als auch die Frau, die er als Monique Bourguignon kannte, zu überprüfen. Jean Pierre Garnot sicherte ihm seine Hilfe zu, während sie sich entspannt noch einige Zeit auf französisch über die Vor- und Nachteile verschiedener Scharfschützengewehre, Frauen und die französische Küche austauschten.

 

„Du bekommst alle Informationen wie immer an die gleiche Adresse. Paßwort: Jean Reno. Salut, John. Es muß eine sehr schöne Frau sein und sie muß es dir sehr angetan haben. Junge, du bist verliebt! Paß gut auf dich auf, mein Freund“, beendete Garnot mit einem verstehenden Lachen in der Stimme das fast einstündige Ferngespräch.

 

Wenn es irgendwelche Hinweise gab, würde Jean Pierre sie finden und ihm die Informationen verschlüsselt an seine Emailadresse in Singapur schicken. Das Paßwort zur Öffnung der verschlüsselten Email hatte er. Zufrieden beschloß er den Abend mit einem großzügigen Abendessen, welches er sich über den Zimmerservice bestellte.

 

*

 

Im Schutz der Platanen war seine Ankunft im HERMES aus einem dunkelblauen Ford-Transit beobachtet worden. Geduldig wartete der Fahrer, bis einer der Hotelangestellten den dunkelblauen BMW in die Tiefgarage fuhr. Nach allen Seiten sichernd verließ er sein eigenes Fahrzeug und ging auf die noch, nur durch eine Schranke versperrte Einfahrt, zu. Erst in den späten Abendstunden würde man das Rolltor hinablassen. Wie ein Schatten glitt er an den abgestellten Fahrzeugen entlang, die toten Winkel der Überwachungskameras ausnutzend bis er vor dem blauen BMW Winstons stand. Der Mann bückte sich und mit einer schnellen Handbewegung hatte er den winzig kleinen, leistungsfähigen Peilsender in der hinteren Stoßstangenfalte unterhalb der Karosserie mittels eines kräftigen Magneten und eines gut haftenden Klebebandes zur Sicherung des Senders angebracht. Innerhalb eines Aktionsradius’ von 25 Km würde Walker seinem unsichtbaren Beschatter nicht mehr entkommen können. Ein Klick und der Sender war in Betrieb. Schattengleich verschwand er ungesehen, wieder die toten Winkel der Überwachungskameras ausnutzend. Zufrieden nahm er seinen Platz hinter dem Lenkrad wieder ein. Sein Fahrzeug würde für lange Zeit sein vorerst einziger Lebensraum sein.

 

*

 

 

5

 

 

 

 

 

Zur gleichen Zeit in der Mietwagenzentrale: Freitag, 02. September, 15:00 Uhr

 

 

In Gedanken versunken saß Monique an ihrem Schreibtisch. Noch immer unter dem Eindruck Walkers stehend prüfte sie die eingegangenen Beträge. Sie war so unkonzentriert, daß sie die Tageseinnahmen dreimal nachzählen und ebenso oft nachrechnen musste. Zu sehr beschäftigte sich ihr Unterbewusstsein mit diesem Fremden. Beim dritten Versuch hatte sie endlich die korrekte Summe ermittelt, die Beträge registriert und die Abrechnungsfahne des Taschenrechners mit einer Büroklammer an die nach ihrer Größe sortierten Banknoten geklammert und in den Safe gelegt.

 

Monique drehte sich um und wollte zu ihrem Platz am Schreibtisch gehen, als wie aus dem Nichts Tommaso Bosco plötzlich vor ihrem Schreibtisch stand und ihr den Weg versperrte. Er hatte sich die ganze Zeit hinter den Zierpalmen versteckt und alles beobachtet, auch Walkers kurze Reaktion auf seine versteckte Anwesenheit. Wie ein lauerndes Raubtier hatte dieser Fremde in alle Richtungen gewittert. Eine dunkle Vorahnung ließ Bosco für einen Augenblick frösteln und ein Schauer jagte ihm dabei über den Rücken. Instinktiv wusste er, daß dieser Mann gefährlich war und den Tod brachte. Er musste herauszufinden, wer dieser Fremde in Wirklichkeit war, was er hier wollte und wo er wohnte. Die Rolle des Priesters kaufte er Winston nicht ab. Wie nahe er an der Wahrheit war, würde er allerdings niemals erfahren. Ihn trieb aber noch ein weiteres Motiv an. Ihm waren nicht die Blicke entgangen, mit denen sich die beiden angesehen hatten. Bosco kochte und raste vor Eifersucht. Monique gehörte ihm - nur ihm.

 

Ein maliziöses Lächeln spielte um seine schmalen, blutleeren Lippen. Seine Rechte griff wie selbstverständlich nach ihrem rechten Oberarm.

 

„Hast du dir mein Angebot überlegt, Monique?“

 

Mit einem Ruck machte sich Monique frei, trat mit vor Wut funkelnden Augen einen Schritt zur Seite und zurück.

 

„Was unterstehen Sie sich? Niemals!“ fauchte sie Bosco an. Beherrschter und für Bosco mit einer ungewohnten Kälte in der Stimme setzte sie hinzu: „Ich verbitte mir von Ihnen solche Vertraulichkeiten.“

 

Bosco schwieg, sah sie nur an, während sie zu ihrem Schreibtisch ging, gewohnheitsmäßig die Schlüssel in die Tasche legte, diese verschloß und an sich nahm. Sie wollte an ihm vorbeigehen, jedoch verstellte ihr Bosco erneut den Weg, wollte sie aufhalten.

 

Gekränkte Eitelkeit und eine tiefe, unkontrollierbare Eifersucht ließen ihn für einen kurzen Augenblick seine Kontrolle über sich verlieren. Seine Kiefer mahlten während seine Augen mörderische Blitze schleuderten. Bevor er zu Wort kam zischte sie ihn leise an: „Bosco, Sie sind ein pubertierender Träumer, eine Karikatur von einem Mann und jetzt lassen Sie mich gehen, sonst werden Sie diesen Fehler bitter bereuen und sehr teuer bezahlen. Ich verspreche es Ihnen.“

 

Durch ihr Auftreten eingeschüchtert ließ er sie widerwillig passieren. Monique ging ruhigen Schrittes auf den Ausgang zu. „Nebenbei, ich habe gerade fristlos gekündigt. “ Mit einem Klicken fiel die Tür ins Schloß.

 

Ohnmächtige Wut über die eben erlittene Abfuhr erfasste ihn. Mit zitternden Fingern griff er nach seinem Handy, wählte eine Telefonnummer und befahl Ramon und Alessio zu sich in die Filiale. Bosco verlor jeglichen Skrupel. Wenn er mit ihr fertig war, würde er sie verkaufen, wie viele andere vor ihr. Eine halbe Stunde später standen zwei große und kompakte, vierschrötige Männer vor ihm.

 

„Beschattet sie, aber krümmt ihr kein Haar. Habt ihr das kapiert? Ihr sollt sie nur beobachten und mir abschließend berichten, wo sich diese Schlampe und ihr Hurensohn von einem Priester verkrochen hat. Ich will beide lebend haben. Ich werden ihr zeigen, was es heißt, mich abzulehnen. Nehmt zwei Fahrzeuge und zwei Funksprechgeräte. Hier habt ihr ihre Adresse.“

 

Ramon und Alessio nickten nur gehorsam und machten sich für eine lange Nacht und eine lange Zeit im Auto bereit.

 

*

 

 

6

 

 

 

 

 

HERMES PARK HOTEL – Köln: Samstag, 3. September

 

Winston hatte sich durch sein Fitneßprogramm gequält und anschließend, noch bevor das hoteleigene Bistro um 09:00 Uhr öffnete, seine Runde durchs Hotel gedreht. In einer auf den Zimmern üblicherweise ausliegenden Informationskladde für den Fall einer Katastrophe fand er ein paar vorgegebene Fluchtrouten. Er überprüfte sie auf ihre Aktualität und legte sich zusätzlich, da sein Zimmer im ersten Stock des Hotels lag, ein paar eigene, unorthodoxe Fluchtwege zurecht. Sie würden ihm seine Flucht aus dem Hotel, sollte sie nötig sein, auf jeden Fall garantieren.

 

Während des ausgiebigen Frühstücks studierte John von seinem überdachten Terrassenplatz sein gesamtes Umfeld. Nebenbei hielt er verstohlen nach seinem unbekannten Beschatter Ausschau. Nichts. Kein Verdächtiger. Gegenüber dem Hotel befand sich eine Straßenbahnhaltestelle, die in viertelstündigem Rhythmus von einer dicht am Hotel über den Rhein führenden Linie angefahren wurde. Zwei andere Linien fuhren nach Bad Godesberg, einem im Bonner Süden gelegenen Stadtteil. Er nahm alles in sich auf, merkte und notierte sich jedes noch so kleine Detail mit akribischer Sorgfalt. Unter Umständen hing sein Überleben von diesen Kleinigkeiten ab.

 

Walker hatte seinen schwarzen Anzug gegen eine legere Kleidung aus Jeans, Freizeithemd, leichtem Schuhwerk und einer leichten Sommerjacke mit vielen Taschen getauscht; der vom langen Transfer geknitterte Anzug befand sich zur Reinigung und Aufbereitung im Hotel. Eine Stunde später brachte ihn sein BMW in rund zwanzig Minuten über die B 555 in den Kölner Süden. Walker genoß es, als die Tachonadel zitternd die 200 km/h-Marke überschritt und zeitweilig sämtliche Geschwindigkeitsbegrenzungen aufhob.

 

Köln-Marienburg, das Nobelviertel zwischen Bayenthalgürtel und Militärringstraße zeichnete sich durch besonders hochpreisige Immobilien aus. Hier wohnte eine Menge Geld – und natürlich auch Giovanni Frascati. So, als suche er als verirrter Ortsunkundiger eine Adresse, fuhr er das Viertel zweimal langsam ab. Dabei schoß er mit der hochwertigen Kamera seines Handys sowohl Fotos von Frascatis Anwesen in der Marcus-Aurelius-Straße, als auch Bilder aus der das Grundstück auf der Rückseite begrenzenden Roncallisraße. Später würde er diese Aufnahmen mit denen in Svyatoslavovs Dossier abgleichen und aktualisieren.

 

Giovanni Frascati bewohnte diese architektonische Glanzleistung aus hochmodernen Baumaterialien und sehr viel Glas inmitten alter Villen mit seiner Frau Maria Antonia, geborene Albo, seinen Söhnen Mario und Giuseppe, der spanischen Köchin Rosita Mendez, dem Chauffeur Innocenzo Albo, Frascatis Schwager und den beiden serbischen Leibwächtern Rijad und Besim Berganovic. Mindestens acht Personen, auf die der Tod lauerte, Frascati eingeschlossen. Ein paar Tote mehr kümmerten ihn nicht, gingen bei acht Millionen Euro aufs Haus.

 

Haushälterin, Chauffeur und die beiden Leibwächter teilten sich einen kleinen, seitlich nach hinten versetzten, unterkellerten Anbau. Eine überdachte Pergola vor diesem kleinen Wohnkomplex schloß mit der Hausfront ab. Bei Bedarf konnte man die als Sonnenschutz genutzte Überdachung zurückfahren. Es war das von Frascati großzügig überlassene Refugium der Angestellten.

 

Im hinteren Bereich des Grundstücks schloß sich eine geräumige Doppelgarage vor einer fast das gesamte Areal einfassenden Hecke an. Regelmäßige Rückschnitte hatten die Berberitze mit ihren Blattdornen zu einer blickdichten, über zwei Meter dreißig hohen und achtzig Zentimeter breiten, undurchdringlichen Kastenhecke wachsen lassen. In ihrer Mitte, verborgen und zugewachsen, befand sich ein stabiler ein Meter achtzig hoher Zaun mit aufgesetztem, fünfundvierzig Zentimeter durchmessendem NATO-Draht. Diese verfilzte Hecke würde jedem Eindringling erst einmal massive Probleme verschaffen.

 

Eine Garagenwand bildete die Rückwand zum Anbau des Personals. Durch eine feuerfeste Tür konnte man diesen betreten und in das Haupthaus gelangen. Die Hauptzufahrt zur Garage führte um den Pool herum auf die Marcus-Aurelius-Straße, während ein geschickt getarnter, beweglicher Teil der Kastenhecke einen zweiten Ausgang auf den Wendehammer in der Roncallisraße freigab.

 

Winston hatte einen Fuchsbau mit zwei Ausgängen vor sich. Möglicherweise hatte Giovanni in seiner Paranoia auch die Kellerräume abgesichert und verstärkt, unter Umständen verborgene Schutzräume eingerichtet. Vielleicht hatte er auch noch einen dritten, geheimen Fluchtweg angelegt. Die Kopien der Baupläne, die er von seinen Auftraggebern erhalten hatte, gaben über eventuelle bauliche Veränderungen keine Auskunft. Unterirdische, bauliche Umgestaltungen konnte man noch immer in Eigenregie durchführen.

 

Zur Marcus-Aurelius-Straße hin wurde das Haus an seiner gesamten Vorderfront durch eine zwei Meter hohe Mauer abgesichert, nur von einem drei Meter breiten, soliden Rolltor unterbrochen. Scharfkantige Glasscherben auf der Mauer sorgten demonstrativ für Sicherheit. Zwei Weitwinkelkameras an den Mauerecken kontrollierten die Straßenfront im Torbereich. An strategisch wichtigen Stellen sicherten weitere Kameras das Gelände. Das ganze Wohnobjekt, zirka fünf Meter von der Straßenfront zurückliegend erweckte den Eindruck einer videoüberwachten Festung.

 

In unregelmäßigen Abständen war die Marcus-Aurelius-Straße beidseitig mit alten Kastanien bepflanzt, deren ausladende, Schatten spendende Kronen teilweise über die Grundstücksgrenzen einzelner Wohnobjekte ragten. Sie führte nach einem Knick am oberen Ende in den Fußgängerbereich eines kleinen Einkaufszentrums, welches überwiegend sowohl von Bewohnern naheliegender Seniorenheime als auch den wohlhabenden Anwohnern frequentiert wurde. Es war ein von altem Geldadel bewohntes Viertel im Kölner Süden. Das untere Ende mündete in die Militärringstraße.

 

Schräg gegenüber auf dem Militärring befand sich ein zu einem Museum umgebautes Relikt preußischer Baukunst. Im vierzehntägigen Rhythmus wurden hier jeweils am ersten Samstag und am dritten Sonntag im Monat Führungen durch die Reste dieser ehemalige Festungsanlage, die sich in grauer Vorzeit entlang der Militärringstraße erstreckt hatte und die Stadt Köln zwischen 1873 und 1918 vor feindlichen Angriffen schützen sollte, durchgeführt. Von der Kuppe dieses Geländes hatte man einen sehr guten, wenn auch nicht vollkommenen Einblick auf Frascatis Grundstück. Für Plan B und ein paar Stinger im Notfall würde es aber reichen. Ein postierter Scharfschütze konnte von hier ebenfalls beträchtlichen Schaden anrichten, insbesondere dann, wenn der dem Militärring zugewandte Teil der Hecke nicht mehr stand.

 

Die in beide Richtungen doppelspurig befahrene Militärringstraße führte am unteren Ende zum Rhein und entlang des Oberländer Ufers in die City von Köln, während das obere Ende nach rund 800 Meter in den Kölner Verteilerkreis mündete. Auf dem Gelände der dortigen Tankstelle sollte sein Fluchtfahrzeug stehen. In Winston reifte ein Plan und er beschloß, Benjamin Mirkovitc zu besuchen.

 

*

 

Li Cheng hatte in der Zwischenzeit umdisponiert und sich in einer schlichten, nahe dem Hotel gelegen Pension eingemietet. Wasservorräte und ein paar lange haltbare Lebensmittel aus dem Supermarkt ergänzten seinen Nahrungsvorrat im Ford.

 

Im Abstand von 2 Kilometern war er am späten Vormittag dem Peilton seines Minisenders an Walkers BMW gefolgt. Walker wurde auf seinen Beschatter erst bei seiner 2. Umrundung von Frascatis Wohnobjekt aufmerksam. Walker erinnerte sich des dunklen Fords, den er am Flughafen und in einer Nebenstraße des HERMES flüchtig gesehen, ihm aber bisher keine Bedeutung beigemessen hatte. Das Katz- und Mausspiel hatte begonnen. Bevor er „The Whistler“ besuchen konnte, musste er seinen Schatten abhängen.

 

*

 

Walker fuhr gemütlich, die Straßenverkehrsordnung beachtend zum HERMES zurück, stellte den BMW auf seinen gebuchten Parkplatz in der Tiefgarage ab und untersuchte ihn im Schein einer kleinen Taschenlampe. In einer Falte der rückwärtigen Stoßstange wurden seine tastenden Finger fündig. Vorsichtig löste er den Minisender ab. Unschlüssig betrachtete er ihn, sann über seine weitere Verwendung nach.

 

*

 

Sein Blick glitt über den BMW und blieb an der Wand hängen. Mit einem Schmunzeln legte er ihn auf den massiven Stahlträger, welcher sich über den Fahrzeugen befand. An ihm wurden unter anderem die Überwachungskameras installiert. Er startete und verließ die Tiefgarage durch eine weitere, weniger häufig genutzte Ausfahrt, während er darüber nachdachte, wie er seinen Schatten in eine Falle locken und sich seiner entledigen konnte. Li Cheng verbrachte geduldig und in stoischem Gleichmut wartend die nächsten Stunden vor der Tiefgarage, nicht ahnend, daß Walker ihn vorerst einmal kaltgestellt hatte.

 

*

 

 

 

7

 

 

 

 

 

Bonn-Dottendorf: Samstag, 3. September, gegen 13:00 Uhr

 

Benjamin Mirkovitcs Werkstatt lag in Bonn-Dottendorf. In den letzten fünf Jahren war sie schnell zu einer modernen und regional bekannten Tuningwerkstatt mit reichhaltigem Autozubehör, einer preiswerten, markenfreien Tankstelle und dem Verkauf von hochwertig getunten Fahrzeugen expandiert. Nebenbei vertrieb Mirkovitc, ehemaliger Waffenexperte und Bombenspezialist der Fremdenlegion die neuesten und zuverlässigsten Waffen, die gängigsten Sprengstoffe sowie die modernste Elektronik. Ben handelte mit fast allem, was man zur Ausrüstung einer kleinen Privatarmee, für einen Ein-Mann-Krieg oder für eine neue Identität benötigte. Es war ein mehr als einträgliches Geschäft. Benjamin verkaufte grundsätzlich nur an Stammkunden, in sehr seltenen Fällen auch an empfohlene Kunden, die er im allgemeinen selbst noch einmal überprüfte.

 

Mirkovitc war gerade auf dem Weg in die Küche um sich einen Kaffee zu holen, als er auf den großen, sportlich leger gekleideten Mann aufmerksam wurde. Der große, breitschulterige Fremde stand gut gedeckt im Halbschatten des Eingangstores seiner Werkhalle, hatte die Sonne im Rücken und beobachtete ihn schweigsam und regungslos. Neben seinem rechten Fuß stand ein schmaler Aktenkoffer.

 

Abrupt blieb er stehen und sah ihn aus grauen und wachen, zusammengekniffenen Augen an. Struppige Augenbrauen und sein bis auf die Schulter fallendes, von grauen Strähnen durchwirktes Haar sowie der leichte Bauchansatz zeigten, daß auch er in die Jahre kam.

 

"Nö, das glaube ich jetzt nicht", kam es leise und heiser flüsternd aus der Kehle dieses 120 kg schweren und 1,90 m großen Mannes, während er ein ehemals rotes Küchenhandtuch aus der rechten Gesäßtasche seiner Latzhose hervorzog und an ihm seine ölverschmierten Hände abputzte.

 

Eine lange, mittlerweile verblasste Narbe zog sich unterhalb seines linken Kiefers bis zu seinem Halsansatz hinunter, der Grund seiner Heiserkeit, die ihm den Spitznamen "The Whistler" eingebracht hatte. Die vernarbte Wunde war ein Andenken an einen Einsatz in Französisch-Guayana, einem aus 90 % mit tropischen Regenwäldern bedeckten und zwischen Brasilien und Surinam an der Atlantikküste gelegenen Departement Frankreichs.

 

John Winston und Benjamin „Ben“ Mirkovitc waren seinerzeit als Angehörige der Fremdenlegion nicht nur zur Sicherung des Weltraumbahnhofs in Kourou stationiert. Seit den 80er Jahren unterhielt die Legion nahe dem Dorf Régina eine legendäre Dschungelkampfschule, in der nicht nur die Legionäre, sondern auch Streitkräfteeinheiten befreundeter Staaten Frankreichs trainierten und bis an die Grenzen ihrer physischen und psychischen Leistungsfähigkeit herangeführt wurden. Ebenso gehörte die Absolvierung dieser Ausbildung zum Pflichtprogramm eines jeden Offiziersanwärters von Saint Cyr, der wohl renommiertesten französischen Offiziersschule. Grenzsichernde Maßnahmen an den Staatsgrenzen zu Brasilien im Osten sowie Surinam im Westen waren ebenfalls Teil ihrer Aufgaben. Die Ausbildung wurde von sehr erfahrenen Offizieren und Unteroffizieren geleitet, welche wiederum zur Vertiefung ihrer Kenntnisse häufig die Dschungelkampfschule der brasilianischen Armee in Manaos besuchten. Winston und Mirkovitc waren in Régina und Manaos gern gesehene Gäste. Oftmals nahmen sie, inoffiziell, an der einen oder anderen Exkursion als Ersatz kranker oder verletzter Kameraden teil.

 

Winston und Mirkovitc gehörten einem Aufklärungs- und Sicherungszug an, der in der Lage war, innerhalb kürzester Zeit per Hubschrauber im Dschungel abgesetzt zu werden um zum Beispiel illegale Goldgräbercamps auszuheben oder militante Schmuggler, die auch vor Terror und Mord nicht zurückschreckten, zu eliminieren. Mitunter gehörte auch eine Geiselbefreiung zu ihren Jobs. Sie waren junge Hasardeure, die das Abenteuer liebten und denen keine Gefahr für Leib und Leben zu groß war.

 

Wäre Winston nicht gewesen, hätte man Mirkovitc im Dschungel beerdigt und John hätte seine Grabrede halten müssen. Winston hatte ihn im Alleingang, eine Spur tödlicher Vernichtung hinter sich lassend, aus den Händen einer mit brutalen Mitteln arbeitender Schmugglerbande herausgehauen. Die Klinge einer Machete, von einem sterbenden Mestizen geworfen, kostete Ben fast das Leben. Sie traf ihn am Hals und verletzte nur die Stimmbänder. Benjamin Mirkovitc hatte unglaubliches Glück und seither nannten ihn alle „The Whistler“. Er verdankte Winston sein Leben. Mit einem breiten Grinsen walzte er auf Winston zu und schloß ihn in seine muskulösen Arme.

 

"John Winston…- wow! Och Mann, wie schön, dich zu sehen! Ich fasse es nicht! Was treibt dich nach Deutschland? Bist du schon lange hier oder gerade erst angekommen? Wie kann ich dir helfen? Was brauchst du?" überschüttete er ihn mit einem heiseren Wortschwall. Winstons Quittung war ein schmales, aber herzliches Lächeln.

 

"Ich bin gestern angekommen und wohne offiziell im HERMES PARK HOTEL als Priester und Teilnehmer des Ökumenischen Konzils in Köln unter dem Namen John Winston. Leider sind die Zimmer im Kölner HERMES alle ausgebucht. Die Tarnung wäre so perfekt gewesen. Komm, laß uns reingehen. Es ist lange her, daß wir uns gesehen haben. Nebenbei können wir über meinen Bedarf reden. Nebenbei - du hast dir hier etwas Schönes aufgebaut und ich freue mich sehr, dich wohlbehalten und gesund wiederzusehen", antwortete Walker, sonst eher mundfaul und schweigsam mit einem leichten Klaps auf Bens kleinen Bauchansatz. Bei Ben war er die berühmte Ausnahme. Lächelnd quittierte dieser dankbar das Kompliment und lud den Freund in sein Büro ein, wobei er die Tür hinter sich verschloß, die Überwachungskameras sowie die zugehörigen Monitore mit ein paar Handgriffen einschaltete.

 

"Sicher ist sicher", meinte er vergnügt, ging kurz nach vorn in den durch einen Perlenvorhang abgetrennten Verkaufsraum, sperrte die beiden Zapfsäulen und hing ein großformatiges, von der Straße gut lesbares Schild mit der Aufschrift "Vorrübergehend geschlossen" in die gepanzerte Glastür, während er auch diese verschloß. Vom Büro aus hatte er den Shopbereich im Auge, ohne direkt gesehen zu werden, während installierte Außenkameras ihm eine Übersicht über das Gelände gaben. Auf dem Rückweg in das geräumige Büro schloß er noch per Knopfdruck das elektrische Tor zum Gelände der Werkstatt.

 

„Jetzt sind wir ungestört. Diese Räumlichkeiten sind sogar abhörsicher. Setz dich doch, bitte“, sagte er zu Winston, indem er ihm mit dem Fuß einen bequemen Rollstuhl zuschob und gleichzeitig nach zwei Gläsern griff. Mit der anderen Hand angelte er nach einer verstaubten Flasche Whiskey im Bücherbord. Während er von dem hochprozentigen Alkohol zwei Fingerbreit in die Gläser füllte, plauderte er weiter. Winston schob ihm einen Zettel mit einer kurzen Notiz zu. Mit einem verstehenden Nicken stand er auf und schaltete zusätzlich den unscheinbaren Störsender neben der Stereoanlage ein. Sie machte jeden Abhörversuch zunichte.

 

"Du wirst also schon beschattet. Interessant. Weißt du schon, von wem?“

 

„Nein. bis jetzt noch nicht, aber ich bekomme es noch heraus! Ich brauche für heute Abend nur ein anderes Fahrzeug!“

 

Ein zustimmendes Kopfnicken von Mirkovitc war die Antwort, während er weiterplauderte.

 

„Es ist so schön, daß du wieder da bist. Ich freue mich sehr, dich zu sehen, John. Kim wird es ebenso ergehen. Du mußt heute Abend unbedingt zu uns kommen. Kim wird aus dem Häuschen sein. Wir sprechen sehr oft über dich, das heißt, Kim spricht oft von dir. Na ja, und John und Jos wollen dich sicher auch kennenlernen."

 

Walker sah ihn überrascht an. "Du und Kim? Ihr seid zusammen? Ihr habt Kinder?"

 

"Ja, seit ungefähr vier Jahren oder so. Du hast sie ja damals bei mir mehr tot als lebendig abgeliefert und gesagt, ich solle gut auf sie aufpassen. Na ja, das habe ich gemacht. Mittlerweile sind wir verheiratet und die beiden Zwerge sind mein ganzer Stolz. Der dritte Wichtel kommt irgendwann Ende Dezember oder Anfang Januar. Ein Mädchen!"

 

Über Winstons Gesicht huschte ein flüchtiges, versonnenes Lächeln, machte für einen kurzen Augenblick dieses harte und unnahbare, kantige Gesicht weich und sympathisch, zeigte unverhohlene Freude.

 

"Kaum zu glauben! Ich freue mich sehr für dich. War eine gute Entscheidung, dich aus dem Söldnerleben zurückzuziehen. Bist du noch im Geschäft?" kam er ohne Umschweife zur Sache.

 

"Ja, ich kann nicht klagen. Die Werkstatt läuft sehr gut - und im Geschäft bin ich auch noch. Auch das läuft mehr als zufriedenstellend. Mein Auftragsbuch ist voll und ich könnte noch eine Hilfe brauchen, aber da ich auch noch ein anderes Geschäft betreibe, kann ich mir leider keine Angestellten leisten. Aber - wie geht es dir? Was treibt dich ausgrechnet hier nach Bonn? Womit kann ich dir helfen?"

 

Winston wurde schlagartig ernst. Seine Gesichtszüge verhärteten sich für den Bruchteil einer Sekunde.

 

"Ich bin hier, um jemand ausnahmsweise spektakulär aus dem Verkehr zu ziehen. Mehr solltest du besser nicht wissen wollen. Du mußt mich nur beliefern. Danach hast du mich nicht gesehen, kennst mich nicht, weißt nicht, wer ich bin."

 

Mirkovitc registrierte im Stillen die plötzliche Veränderung seines Freundes. Er freute sich sehr über den Besuch seines einzelgängerischen, meist schweigsamen und verschlossenen Freundes aus längst vergangener, gemeinsamer Militärzeit. Ihm war es ein persönliches Anliegen, seinem Freund zu helfen. Nachdenklich und beunruhigt schwieg er.

 

Rund acht Jahre war es her, daß Winston und Mirkovitc nach langen, gefahrvollen und entbehrungsreichen Jahren bei der Fremdenlegion den Dienst quittiert hatten. Nach ihrem Ausscheiden aus der Legion arbeiteten sie noch einige Zeit gemeinsam als Söldnerduo für "Desert Force", einem sehr gut zahlenden, privaten Sicherheits- und Militärunternehmen mit weltweiten Vertretungen. Irgendwann hatte Ben endgültig vom Söldneralltag die Nase voll. Er zog sich zurück und baute sich mit seinem Ersparten seine Werkstatt auf, die ihm nebenbei auch als Tarnung und Geldwäscherei für seine illegalen Waffengeschäfte diente. Nebenbei finanzierte dieses Waffengeschäft auch noch ein innovatives und kostspieliges Hobby.

 

Winston selbst bewarb sich zur gleichen Zeit bei "Jetstone", bot diese Firma doch in bestimmten Kreisen Problemlösungen der besonderen Art an. Nebenbei zahlte sie auch sehr gut. Es gab viele solcher Organisationen, die auf Bestellung den Tod lieferten. Die Konkurrenz war groß. Sie alle setzten Männer und Frauen mit besonderen Fähigkeiten ein. Daß Winston als Auftragskiller und Scharfschütze arbeitete, störte Ben nicht. Benjamin war einer der ganz wenigen Lebenden, die wussten, welchem Job John Winston im Allgemeinen nachging. Daß Winston aber auch gleichzeitig Walker, der Geist, war, ahnte selbst „The Whistler“ nicht.

 

*

 

 

"Arbeitest du noch für Jetstone?" fragte Benjamin. Walker schüttelte den Kopf.

 

"Jetstone existiert nicht mehr."

 

"Es kursieren seit kurzer Zeit einige Gerüchte in der Szene…"

 

"Es sind keine Gerüchte, Ben. Stewart hatte versucht, mich zu linken. Phil sollte von mir eliminiert werden, weil er angeblich viele meiner Kolleginnen und Kollegen enttarnt haben soll. Dummes Zeug und von Stewart selbst inszeniert. Phil ist ihm wohl auf die Schliche gekommen, daß Stewart selbst einige Leute, die er loswerden wollte, unter Phil’s Identität verkauft hat - auch ihn und ich bekam den Auftrag, Phil zu liquidieren. Nun, unser guter Phil ist nicht tot, er hat mich von seiner Unschuld überzeugt und daß Stewart ein mieses Spiel mit uns beiden trieb. Dafür ist Stewart jetzt tot. Phil lebt unter einer neuen Identität mit ausreichend finanziellen Mitteln aus Stewarts Barvermögen an einem Ort seiner Wahl. Wo, weiß ich nicht, will ich aus Sicherheitsgründen für Phil auch gar nicht wissen. Er arbeitet nebenbei für mich unter seinem neuen Decknamen Roy Stanford als mein neuer Makler."

 

"So war das also", ahnungsvoll und verstehend nickte Mirkovitc mit dem Kopf. Ben bedachte ihn mit einem langen und nachdenklichen Blick. Irgendwie hatte sich sein Freund stark verändert: etwas Grausames lag in seinem Gesicht und langsam beschlich ihn eine dunkle Ahnung, zog er, ohne es zu wissen, unbewußt einige richtigen Schlüsse. Ihm fröstelte es plötzlich und für einen kurzen Moment überkam ihn eine Gänsehaut.

 

"Wie kann ich dir helfen?", wechselte er, seine düsteren Gedanken verdrängend, das Thema.

 

*

 

John zündete sich ein schwarzes Zigarillo an und listete seine Wünsche auf.

 

"Ich brauche einen schnellen Fluchtwagen und einen dunklen Range Rover oder Jeep als Einsatzfahrzeug, kleinste Abhörelektronik vom Feinsten, einen Sendeverstärker und natürlich auch einen Empfänger mit USB-Anschlüssen für meinen Laptop sowie eine Action-Kamera mit entsprechender Videobearbeitungssoftware für Windows 10.

 

Eine sehr große Menge C 4 oder Semtex inklusive verschiedener Zünder, ein paar Rollen Sprengschnur, einige F1-Handgranaten und einiges an Waffen: Pistolen, Messer, Langwaffen. Ohne meine MK 2 fühle ich mich nackt. Lieferzeit am besten alles sofort. Die Überwachungselektronik muß ich unbedingt noch heute Abend installieren.

 

Dann brauche ich noch ein paar elektrische Garotten, eine Machete oder ein Wakizashi, eine verschwiegene Zoohandlung und ein ebenso verschwiegenes, ruhiges Ausweichquartier als Operationsbasis.

 

Zeig mir doch mal, was du an Schönem aus deinem Arsenal zu bieten hast", bat er Ben, der sich ausdruckslos die knappen Ausführungen anhörte und blaß wurde, als er Walkers Wunsch nach einer Tierhandlung vernahm. Wieder überkam Ben eine Gänsehaut, nur stärker. Innerlich schüttelte er sich.

 

Lächelnd drückte er gleichzeitig drei Knöpfe an der Fernbedienung seines TV-Gerätes und lautlos wich ein Teil der Bürowand mit dem Bücherbord zurück, gab Walker den Blick auf einen Raum frei, der das beste Waffenangebot enthielt, welches dieser in letzter Zeit gesehen hatte.

 

"Schau dich um. Du kennst ja meinen Qualitätsanspruch. Diverse Extras kann ich dir vielleicht bis morgen, spätestens bis Montag besorgen!" bemerkte er mit einem breiten Grinsen. "Was den Fuhrpark angeht, hast du großes Glück. Ich zeige ihn dir nachher", setzte er hinzu.

 

Walker entschied sich für vier "FN Five-Seven MK 2" mit je vier 30er Reservemagazinen und einem Standardmagazin, welches 20 Schuß beinhaltete. Dazu wählte er ein passendes Schnellzugschulterholster sowie ein Pistolenbeinholster aus. Alle Holster waren für Linkshänder gearbeitet. Zu jeder Schußwaffe bekam er 500 Schuß panzerbrechende Munition und je einen Schalldämpfer.

 

Hinzu kamen dreißig russische F1-Handgranaten. Die F1 wurden offiziell zwar nicht mehr gebaut, waren aber immer noch in großen Mengen käuflich zu haben. Der gußeiserne Körper dieser Granate war durch tiefe Rillen perforiert, die bei der Detonation in bis zu 300 Splitter zerfielen. Der effektive tödliche Splitterradius betrug etwa 20 m, einzelne Teile der Granate konnten jedoch noch in bis zu 200 m tödlich wirken. Bei Mirkovitc konnte Walker sicher sein, daß sie nicht hoffnungslos überlagert waren. Ein Kampfmesser und ein Satz Wurfmesser folgten, ebenso einhundert Päckchen Semtex in 100 Gramm-Konfektionierung sowie verschiedenste Zünder in ausreichender Anzahl. Drei Rollen mit jeweils einhundert Meter Sprengschnur rundeten seinen Einkauf ab.

 

Bei den Langwaffen machte sein Herz einen Freudensprung. Da er nur innerhalb eines wenige hundert Meter messenden Umfeldes operierte, entschied er sich für das As „Wal“, einem russischen Sturmgewehr, welches über einen integrierten Schalldämpfer verfügte und bei den Speznas, dem FSB und anderen Spezialeinheiten der russischen Armee eine sehr beliebte Waffe für Entfernungen bis ungefähr tausend Meter war. Aufgrund des Gewichts und der Größe des Geschosses flog das Geschoß mit Unterschallgeschwindigkeit. Dadurch trat nur der reduzierte Mündungsknall, nicht aber der Überschallknall des Geschosses auf. Auch die von ihm bevorzugte MK 2 war eine Unterschallwaffe, die nach dem gleichen Prinzip arbeitete. Ein hochleistungsfähiges Nachtzielfernrohr war bereits montiert.

 

Die alt bewährte FIM-92 Stinger rundete mit 4 Raketen seinen Einkauf ab. Er glaubte zwar nicht, daß er die Stinger einsetzen würde, aber für einen eventuellen Plan B mochten sie herhalten, ebenso ein Teil des Sprengstoffs.

 

"Das sollte reichen", murmelte er zufrieden vor sich hin. "Oder habe ich doch noch etwas vergessen?"

 

Schwarze Tarnkleidung, eine Schutzweste modernster Fertigungstechnik, die auch Hochgeschwindigkeitsgeschossen widerstand, Handschuhe, Stiefel und Tarnfarbe vervollständigten seinen Einkauf, wobei Benjamin das eine oder andere notwendige Utensil stillschweigend dazu legte, seine Ausrüstung um aus seiner Sicht sinnvolle Details ergänzte.

 

*

 

"Gegen wen ziehst du in den Krieg?" fragte Mirkovitc, als sie gewohnheitsmäßig und routiniert alle Teile auf ihre ordnungsgemäße Funktion überprüften, mit ernstem Gesicht. Aus seinen Augen war jeglicher Humor verschwunden. Ben machte sich große Sorgen und diesmal ließ er nicht locker.

 

"Das willst du nicht wissen. Ich brauche noch einen Tactical Pen mit integriertem Messer", antwortete Winston mit leiser Stimme.

 

"Was hast du an meiner Frage nicht verstanden? Ich frage jetzt also noch einmal für dich zum Mitschreiben. Wenn ich dir schon eine Ausrüstung für einen Ein-Mann-Krieg oder ein offensichtlich sehr riskantes Attentat, wahrscheinlich hier in der Nähe, verkaufen soll, will ich wissen, worauf du dich eingelassen hast und wie, wo und ob ich dir helfen kann. Ich denke, wir sind Freunde, die zueinander stehen – oder denkst du mittlerweile anders? Nimm den hier, der ist schön stabil." Ben warf ihm einen Tactical Pen mit integrierter Taschenlampe, einem konischen Glasbrecher und einer ebenfalls intgegrierten, kurzen Klinge zu. Geschickt fing John den Kubotan auf, steckte ihn in seine Jackentasche.

 

Winston schüttelte kurz und verneinend den Kopf. Er dachte nach. ‘Der Große hatte ja irgendwie Recht. Er könnte schon jemand brauchen, der ihm den Rücken frei hielt. Ihm gefiel nur nicht, daß er ihn in diesen Auftrag hineinzog und dadurch zwangsläufig Kim und die Kids gefährdete. Bens kleine Familie zu gefährden kam für ihn nicht in Frage - niemals und unter keinen Umständen.’ Winston nannte Ben seine Bedenken. Der wischte seinen Einwand jedoch mit einer Handbewegung weg.

 

"Glaub mir. Kim wird es sehr gut verstehen und sie wird wollen, daß ich dir helfe. Sie hat nicht vergessen, was du für sie damals getan hast."

 

„Das mag ja sein, aber Kim, das Ungeborene und die beiden Jungs sind, wenn du mir hilfst, durch dich gefährdet und das lasse ich nicht zu - niemals! Du könntest vielleicht mitmachen, wenn du Kim und die beiden Wichtel für 30 Tage außer Landes in Sicherheit gebracht hast! Und du sollst mir aus sicherer Deckung nur den Rücken decken. Deine Kinder sollen ihren Vater behalten und deine Frau ihren Ehemann.“

 

'Vielleicht aber handelte er auch mit wichtigen, verwertbaren Informationen', überlegte Walker weiter. Er haderte innerlich noch immer mit sich, Ben vollständig ins Vertrauen zu ziehen.

 

"Kennst du einen Giovanni Frascati aus Köln?"

 

"Sprichst du von einem 1,80 m großen, bullig wirkenden Italiener aus Kalabrien?"

 

"Ja."

 

"Klar kenne ich ihn. Frascati tritt zwar hier als Italiener auf, ist aber ein im Großraum Bosnien-Herzegowina gesuchter Massenmörder und Kriegsverbrecher. Er heißt in Wirklichkeit Vildan Djuric. Seine beiden Bodyguards stammen aus Serbien. Die beiden sind Brüder, Rijad und Besim Berganovic, zwei zu Mensch gewordene Tiere. Gewalttätig und verschlagen. Sie kümmern sich um Frascati’s Anwesen im Kölner Süden und dann ist da noch Rosita Mendez, „Der Fleischer“.

 

Frascati alias Djuric ist in der Kölner Unterwelt ein brutaler Emporkömmling, der seine Finger sowohl im Kölner als auch im Frankfurter Drogengeschäft, in der Prostitution und im Glücksspiel hat. Seit kurzer Zeit versucht er, ins Waffengeschäft einzusteigen. Er tauchte vor zirka neunzehn Jahren plötzlich als Giovanni Frascati in Köln auf und stieg durch seine rücksichtslosen und gewalttätigen Machenschaften schnell in der Kölner Unterwelt auf.

 

Gerüchte dichteten ihm aufgrund seines kometenhaften Aufstiegs in Köln Verbindungen zur Mafia an, die es jedoch nicht gab, niemals gegeben hatte – und auch niemals geben wird. Verschlagen, wie er war, verstand er es, diese Gerüchte für sich geschickt zu nutzen, seine oftmals bröckelig werdende Machtposition in der Kölner Unterwelt immer wieder zu stärken.

 

Die Familien wollen mit ihm nichts zu tun haben, verachten ihn nicht nur wegen seiner schmutzigen Geschäfte und seiner unglaublichen Brutalität sondern auch und vor allen Dingen wegen seines ungehobelten Benehmens. Er hat keinen Stil, spricht ein relativ schlechtes, von einem starken Akzent geprägtes Deutsch und kann nur mit Mühe die deutsche Sprache lesen und schreiben. Seine proletarische Herkunft läßt sich nicht verleugnen, so sehr er sich auch bemüht. Für sie ist Frascati einfach nur Abschaum, ein rücksichtsloser und gewaltbereiter Emporkömmling, ein Selfmademan, der sich über die Jahre erbarmungslos sein kleines Imperium im Kölner Drogengeschäft und der Kölner Prostitution aufgebaut hatte. Zu viel Blut klebt an seinen Händen, zu viel Gewalt begleitet ihn und sein exzentrisches Verhalten läßt ihn allzu oft den Blick für die Realität vergessen.

 

Giuseppe und Mario, seine Söhne im Alter von achtzehn und siebzehn Jahren eifern ihm nach, auch wenn sie widerwillig die Schulbank drücken und beide ihr Abitur anstreben müssen. Seine beiden Jungs sollen nach ihrem Schulabschluss die Geschäfte in Köln übernehmen und unter sich aufteilen, wobei Giuseppe als Erstgeborener die wahre Macht, die eigentliche Leitung unter seiner Führung bekommen und die Fäden in der Hand halten soll, während Mario vorerst die Nummer zwei ist. „Peppino“ ist der Nervenstärkere, ein jetzt schon in jungen Jahren eiskalter Logiker, der rücksichtslos und immer nur zu seinem eigenen Vorteil Kosten und Nutzen von einander abzuwägen weiß.

 

Frascati weiß auch um die abartige Neigung seines Jüngsten. Mit ihm hat er in ein paar Jahren seine besonderen Pläne. Mario wird dann in Frankfurt Geschichte schreiben, eine grausame, blutige Geschichte und er wird Rosita noch übertrumpfen. Die Frankfurter Unterwelt soll vor ihm erzittern.

 

In Köln betreibt er offiziell ein Immobiliengeschäft inklusive Hausverwaltung, eine Autovermietung am Kölner Flughafen sowie ebenfalls ein Bestattungsunternehmen. Seine Kölner Geschäftsbereiche, legal oder illegal werden von Tommaso Bosco, einem schmierigen Sizilianer geleitet. Nebenbei betreibt er in Köln noch die beiden Nachtclubs "Moulin Rouge" und "Apache". Bosco ist aalglatt und so skrupellos wie sein Chef.

 

Im Allgemeinen pendelt Frascati jeden Freitag von Frankfurt nach Köln zu seiner Familie, die er abgöttisch liebt. Niemand traut sich, gegen ihn auszusagen oder etwas zu unternehmen. Einige haben es in Frankfurt versucht, haben sich weder erpressen noch korrumpieren lassen, ihm die Stirn geboten und hatten Pech. Sie verloren innerhalb von 24 Stunden ihr Leben und ihre Köpfe."

 

"Wie das…?", hakte Walker interessiert nach, wobei er bei den Stichworten „Autovermietung, Kölner Flughafen, Bosco“ hellhörig wurde. Er zog sofort die richtige Schlüsse und dachte an die französische Schönheit. Er musste sie finden, vielleicht war sie, ohne es zu wissen, in Gefahr. Jetzt waren es schon neun, auf die der Tod wartete - Bosco ging aufs Haus.

 

"Es handelt sich um eine elektrisch gesteuerte Form der Garotte. Man wirft eine Drahtschlinge über den Kopf des Opfers, dabei wird ein kleiner Elektromotor aktiviert und die Schlinge zieht sich zu, ist nicht mehr zu stoppen. Unaufhaltsam läuft die Mechanik ab, bis innerhalb weniger Minuten, je nach physischer Konstitution des Opfers, die Schlinge zunächst die Halsschlagader durchtrennt, das Opfer verblutet und zuletzt seinen Kopf verliert. Ein gruseliger, aber effizienter Mexikoimport, der jeden einschüchtert: so will niemand sterben. Wer sich in den USA mit mexikanischen Drogenhändlern einließ und sie hinterging oder sich in irgendeiner anderen Form unbeliebt machte, dem konnte es passieren, daß ihm dieses ebenso perfide wie effektive Mordinstrument eines Tages im Trubel einer x-beliebigen Großstadt um den Hals geworfen wurde. Das war es dann. Da in Frankfurt ja nun auch der internationale Drogenhandel blüht, auch wenn Holland die Hochburg des Rauschgifthandels ist, bediente sich Frascati/Djuric dieser Garotte, um seine Gegner und eventuelle Zeugen mundtot zu machen und um den Verdacht auf die mexikanischen Drogenkartelle zu lenken. Allerdings vergeblich. Mittlerweile benutzen zu viele diesen gruseligen Mexikoimport um ihre Gegenspieler, Abtrünnige oder wen auch immer einzuschüchtern oder zu exekutieren. Ein gruseliges Werkzeug, welches seine Wirkung nach außen hin nicht verfehlt. Frascati ist nicht sonderlich intelligent, aber er verfügt über eine gehörige Menge Bauernschläue, zudem ist er von unglaublichen Brutalität und nicht zimperlich in der Wahl seiner Mittel, jemand zu töten. Seine Brutalität hat ihn in Köln nach oben gebracht und in der Frankfurter Unterwelt neue Maßstäbe der Gewalt gesetzt. Ein Menschenleben bedeutet ihm nichts – bis auf seine beiden Sprößlinge und seine Frau.

 

Die Geburtstagsfeier seiner beiden Minimonster in der übernächsten Woche läßt er sich auf keinen Fall entgehen, denn beide werden traditionsgemäß am darauf folgenden Wochenende eine wilde Geburtstagsparty veranstalten."

 

Noch ungefähr zwei Wochen. Das Glück war auf Walkers Seite. Er hatte genug Zeit, seinen Plan bis ins letzte Detail auszuarbeiten, der immer mehr Formen annahm. Walker nickte nachdenklich vor sich hin.

 

"Wer ist dein Auftraggeber?", unterbrach Benjamins heisere Stimme Walkers Überlegungen.

 

"Sergej und Smolina Svyatoslavov."

 

"Ups… ", entfuhr es Ben.

 

"Du kennst Sergej?"

 

"Nicht persönlich. Du hast nur gerade ein paar Waffen von ihm gekauft. Er ist einer meiner Lieferanten."

 

"Ich soll und werde für ihn und Smolina, seiner Frau, Djuric für immer aus dem Verkehr ziehen, zusätzlich sein Netz und seine gesamte Organisation hochgehen lassen, wenn ich die Möglichkeit dazu habe. Vildan Djuric hat einen sehr großen Fehler begangen und sich den Zorn eines der einflußreichsten Männer Moskaus und des größten Waffenherstellers Rußlands zugezogen. Djuric und sein gesamter Anhang werden sehr leiden müssen und bald Geschichte sein – aber woher hast du all die Informationen?"

 

"Na ja, Frascati oder Djuric ist ein großspuriger Egomane, ein Angeber. Er quatscht zu viel an den falschen Stellen, nicht nur bei mir – und viele kleinen Dinge ergeben über die Jahre ein großes Ganzes, wenn man es versteht, die Mosaiksteinchen richtig zusammenzusetzen.

 

Nebenbei warte ich hin und wieder seine zwei Fahrzeuge, denn angeblich findet er in Köln keine Werkstatt seines Vertrauens – und außerdem sei ich preiswerter als die Konkurrenz. Blödes Zeug, wenn man bedenkt, was für Summen er mit seinen kriminellen Tätigkeiten täglich einfährt. Er könnte meine Rechnungen stillschweigend aus der Portokasse bezahlen. Ich soll ihm für seinen über alles geliebten Peppino einen schicken Lexus IS fertig machen. Peppino soll ihn in zu seinem achtzehnten Geburtstag bekommen."

 

"Vielleicht betrachtet er dich als Maskottchen...", sinnierte Walker. "Na ja, Frascati wird nicht mehr lange leben. Sein Zeit läuft ab und was den Lexus angeht brauchst du ihn eigentlich nicht weiter fertig zu machen. Giuseppe wird den Wagen nicht mehr fahren können - aber ich könnte ihn heute Abend gebrauchen."

 

Mit einem verstehenden Grinsen nickte Benjamin ihm brummend zu. „Sollst du haben.“

 

"Hm… - ich frage mich, wo er seine Firmenunterlagen aufbewahrt. Hier oder in Frankfurt?"

 

"Hier, wenn er in Köln ist! In seinem Safe! Im Keller seines Hauses. Es hängt ein Portrait seiner Frau an der Wand. Hinter diesem Foto befindet sich der Safe, relativ leicht zu knacken. Als er sich die Kiste kaufte und einbauen ließ, hat der Händler ihn verarscht, ihm stillschweigend ein älteres Modell angedreht", lachte Benjamin. "Aber du brauchst seinen Laptop zum Entschlüsseln der codierten Festplatten und Sticks", ergänzte er.

 

"Übrigens, Djuric hat in den beiden Serben zwei ausgezeichnete Leibwächter, die ihr Geld mehr als wert sind. Die beiden gehören zu den Härtesten und Gemeinsten ihrer Zunft. Zwei perverse, durchtrainierte und grausame Hochleistungskampfmaschinen, topfit, beherrschen fast alle denkbaren Waffen. Sie haben nicht unwesentlich zu seiner erfolgreichen Etablierung in Köln beigetragen."

 

"Gut zu wissen." Winston schürzte nachdenklich die Lippen, während sich auf seiner Stirn eine tiefe Steilfalte bildete.

 

"Weißt du noch etwas über ihn oder seine Familie, seine Gewohnheiten?"

 

"Seine beiden Sprößlinge entwickeln sich ganz nach dem Geschmack ihres Alten. Sie glänzen seit etwa einem Jahr durch ihre brutale Kleinkriminalität wie Straßenraub, dem Verticken von Drogen an der Schule, Vergewaltigungen und manches andere. Immer ist Gewalt im Spiel. Jedes der betroffenen Opfer schweigt, keiner sagt aus oder erstattet Anzeige aus Angst, Big Daddy könnte die Regelung in die Hand nehmen. Einige haben es versucht. Sie sind meistens halbtot geprügelt im Krankenhaus gelandet oder einfach verschwunden - oder die Familien der bedauernswerten Opfer zogen sehr plötzlich und sehr schnell in ein anderes Viertel. Nachzuweisen war niemals etwas und die Familien der Opfer wie auch die Opfer selbst schwiegen sich aus. Der reinste kriminelle Terror. Die beiden haben die Schule und den gesamten Lehrkörper fest im Griff. Zeitweilig terrorisieren sie das nahe gelegene, kleine Einkaufszentrum. Für ihr Alter sind sie äußerst kräftig, trainieren jeden Tag regelmäßig auf Anweisung ihres Alten zwei Stunden mit den beiden Bodyguards."

 

"Hm…," Walker ließ sich das Gesagte durch den Kopf gehen, während er über eine plötzlich aufkeimende Idee nachgrübelte.

 

"Ach ja. Bei der Haushälterin mußt du höllisch auf Draht sein. Die alte Schlange ist mordsgefährlich und unbewiesene Gerüchte sagen ihr nach, sie sei eine virtuose Kunoichi, ein weiblicher Ninja. Grausam und verkommen bis ins Rückenmark. Sie tötet langsam und fantasievoll, aus reiner Lust am Töten. Übrigens ist diese Alte auch gleichzeitig Haushälterin und Köchin - und hin und wieder ebenfalls Trainerin dieser verkommenen Bengels."

 

"Was ist mit seiner Frau und dem Chauffeur?"

 

"Nichts Besonderes. Der Chauffeur, Innocenzo, ist sein Schwager und Faktotum für nahezu alles, was anfällt. Er ist harmlos, hat keine Eier in der Hose. Seine Schwester, Maria Antonia, verläßt so gut wie nie das Grundstück. So richtig schlau wirst du nicht aus ihr. Wenn sie wohl mal klar im Kopf ist, siehst du sie im Garten sitzen. Aber sehr oft bekommt sie ihr Umfeld nicht wirklich mit und lebt in irgendeiner ihrer eigenen Welten. Früher muß sie mit Rosita wohl als „Todesengel“ gemeinsame Sache gemacht haben."

 

"Gut. Das deckt sich mit den Informationen, die ich von meinem Auftraggeber bekommen habe – bis auf deine Einschätzung der beiden Serben und Frascatis doppelter Identität! Die ist wirklich neu!" sagte Walker zu Ben. "Deine Infos sind mehr als hilfreich. Wieviel bekommst du?"

 

"Wenn du mir 100.000,00€ für alles gibst, wartet drüben in Hangelar für die Zeit deines Aufenthaltes eine aufgetankte und jederzeit startbereite Piper Cherokee PA-28 als Fluchtmaschine auf dich und an der Anlegestelle des Bootshauses in der Nähe von Frascati’s Anwesen ein Schlauchboot um über den Rhein zu setzen. Zur Zeit wird das Bootshaus nicht genutzt. Auf dem Gelände des gegenüberliegenden Holzhandels steht zusätzlich eine schnelle Kawasaki für alle Fälle für dich bereit. Einverstanden?"

 

Das mit einer Plane abgedeckte Schlauchboot würde Ben rechtzeitig zu Wasser lassen.

 

Er schmunzelte über Walkers verdutzten Gesichtsausdruck. "Für dich immer gern", meinte er mit einem Augenzwinkern, während er ihm die Schlüssel für die Piper, die Kawasaki und den Golf über den Tisch schob. Mit der Piper war Walker jederzeit schnell und unkompliziert außer Landes.

 

Walker sah ihn eine Weile schweigend an und klopfte ihm mit einem verstehenden, dankbaren Nicken auf die Schulter. Sie waren sich stillschweigend einig und 120.000,00 € wechselten ihren Besitzer. 20.000,00 € gab es als großzügigen Bonus noch obendrauf. Dankbar und schmunzelnd strich Mirkovitc das Geld ein.

 

„Es ist immer wieder schön, mit dir Geschäfte zu machen, lieber John!“, säuselt Mirkovitc dankbar mit einem verschmitzen Augenaufschlag. „Na ja, das Vergnügen liegt auch auf meiner Seite!“, konterte Winston mit einem verstehenden Augenzwinkern und einem breiten Grinsen.

 

Die Stinger würden zusammen mit dem in Belgien zugelassenen Geländefahrzeug morgen, am Sonntag von Mirkovitc selbst zugestellt werden, während sein Fluchtfahrzeug, ein frisch gewarteter und vollgetankter, verschlossener Golf mit holländischem Kennzeichen auf dem Parkplatz der Tankstelle am Verteilerkreis Köln-Süd auf ihn warten würde. Auf Ben war Verlaß.

 

Ben kam noch einmal auf die elektronische Garotte zu sprechen.

 

"Ich dachte mir schon, daß du noch etwas richtig Gruseliges in der Hinterhand haben willst. Aber damit kann ich dir nicht dienen, könnte dir diese aber wahrscheinlich bis morgen besorgen. Wieviel brauchst du denn?"

 

"Drei Stück für seine Familie, damit Frascati richtig weich wird. Ich will sie nicht unbedingt einsetzen, eine Kugel ist schneller und sauberer, aber ich bin davon überzeugt, daß sie über eine sehr große Überzeugungskraft verfügt, da er die Wirkung dieser Waffe nach deinen Informationen ja sehr gut kennen muß. Ich will an den Inhalt seines Safes kommen und gehe davon aus, daß ich bei diesem Abschaum auf massiven Widerstand stoßen werde. Diesen will und muß ich einfach effizient brechen. Ich habe weder Zeit noch Lust, mich lange aufzuhalten. Ich muß sehr schnell handeln und wenn es eben sein muß, werde ich sie einsetzen. Schließlich sind da noch die zwei Jungs, die beiden Bodyguards, die Haushälterin sowie seine Frau und ihr Bruder - und Bosco, auf die der Tod wartet. Nicht zu vergessen sind die ganzen Etablissements in Frankfurt und Köln, welche ich ebenfalls zerstören will. Das Ganze muß sehr effizient ablaufen.

 

Ach ja, eine dünne, flexible Garotte herkömmlicher Art brauche ich auch noch – und wie gruselig ich wirklich an solchem Abschaum handeln kann, würde dich überraschen, lieber Ben. Du würdest manche Begriffe neu definieren."

 

Ben schluckte nur. Er ließ noch einmal die Tür des Waffenarsenals zurückgleiten und griff nach einem Wärmenachtsichtgerät mit Kopfgurten, während Walker in Gedanken und mit routinierten Griffen eine MK 2 zerlegte, Magazine und Waffenteile entölte, wieder zusammensetze und das nun volle, mit 20 SS190-Patronen gefüllte Magazin in die Waffe schob und diese durchlud. Während er sich die Waffe mit einer geschmeidigen, routinierten Bewegung hinten in den Hosenbund schob und die restlichen, vollen 30er Magazine in seinen Jackentaschen verstaute, dachte er angestrengt nach.

 

"Das wirst du eventuell brauchen, wenn du heute in den späten Abendstunden bei dem wie üblich vom Rhein aufkommenden Nebel die Überwachungskameras installierst. Geht aufs Haus", meinte Ben abwinkend, als er Walkers Griff zur Brieftasche sah.

 

Ben war still geworden. Schweigsam hing er seinen Gedanken nach und während sie alles in zwei große Reisetaschen verstauten, arbeitete es in ihm. Nur sehr wenige wußten, daß in dieser Masse Mensch für seine Freunde ein sehr hilfsbereites, feinfühliges Herz schlug. Mirkovitc wusste über die Vergangenheit seines Freundes bis auf die gemeinsamen Jahre bei der Legion nichts. Er wusste zwar von Johns Daueramnesie und war darüber sehr betroffen, aber er war es gewohnt, die Dinge so zu nehmen, wie sie waren. Was für ihn zählte, waren Johns Taten, wie dieser dachte und handelte. Er verdankte Winston mehrfach sein Leben. John hatte ihm immer zur Seite gestanden, ihn aus oft aussichtlosen Situationen herausgehauen. Auf ihn war unbedingter Verlaß. Selbst vor dem Teufel hatte dieser Draufgänger keinen Respekt. John war sein engster und bester Freund. Er liebte diesen schweigsamen und introvertierten Unangepassten wie einen Bruder, den er nie hatte. Sollte ihm selbst irgendwann einmal etwas zustoßen und er das Zeitliche segnen, würden sich Kim und seine Kinder beim ihm in guten Händen befinden. Er würde sich um sie kümmern. Winston war der Unangepasste, der Einzelgänger, der nach seinen eigenen Gesetzen lebte.

 

"Wie sieht es mit der Tierhandlung aus?" riß ihn Winstons Frage aus seinen Gedanken.

 

"Keine Ahnung. Muß ich im Darknet erst einmal sehen. Habe da zwei Händler an der Hand, aber was die liefern können, weiß ich nicht so genau. Was hast du vor?“

 

"Nackter, blanker und für Frascati und seine Leute ein Terror der anderen Art. Sie in Angst und Schrecken versetzen, sie weichklopfen und zermürben, sie mit ihren eigenen Waffen schlagen - und vielleicht geht der eine oder andere sogar dabei drauf."

 

"Hm… - und woran denkst du?", fragte Ben interessiert.

 

"Ganz einfach. Über die schwarze Mamba brauche ich dir ja nicht viel zu erzählen. Die kennen wir ja aus unseren Einsätzen in Namibia und anderen Regionen Afrikas. Aggressiv, beißfreudig und absolut tödlich und bis hier in Köln sachgerechte Hilfe kommt. Tz… - du weißt selbst, wie schnell das Gift wirkt. Die Zeit läuft ab ‚Gebissen werden‘ und sie wird für den Betroffenen ablaufen, garantiert.

 

Die Besonderheit des zitronengelben Pfeilgiftfrosches findest du schon in seinem Namen. Es wird von den Chocó-Indianern Kolumbiens, aber auch von anderen Indianern Südamerikas benutzt - je nachdem, wo es diese giftige Variante dieses Frosches gibt. Eine Berührung frisch gefangener Frösche und der Tod setzt sofort ein. Ich präpariere mit diesem Gift meine ganz besonderen „Visitenkarten“. Sie sind aus Spezialklingenstahl und bunt lackiert. Ihre kleinen, dünnen Kanten sind rasiermesserscharf ausgeschliffen. Diese Karten eignen sich auf kurze Distanzen auch hervorragend zum Werfen und Vorsicht, du schneidest dich sehr schnell mit ihnen. Ein falscher Griff - und du stirbst bei präparierter Klinge sofort. Dünne Lederhandschuhe zu tragen ist also unbedingt notwendig. Die kleinste Wunde und du bist Geschichte. Ich trage es auf, indem ich mit der Karte über den Rücken der Tiere fahre. Diese bunten kleinen Kerle sondern dann ihr Gift ab. So werde ich auch die Wurfmesser präparieren. Es ginge auch brachialer, indem ich die Tiere verletze und den austretenden, bläulich schimmernder Schaum, das Gift, mit den Karten oder den Messern auffange. Ich ziehe die erstere Variante vor. So ein Frosch ist als Giftlieferant sehr ergiebig. Wichtig ist, daß es sich um frisch gefangene Tiere aus freier Wildbahn handelt. Bei Zuchten verliert sich das Gift und die Tiere sind für meine Zwecke unbrauchbar.

 

Ich wollte diese kleinen Frösche, die wie Bonbons aussehen, als Präsent verpackt und an Mario adressiert selbst zustellen - so eine Stunde, nachdem sie ihre Party gestartet haben. Sie sollen in Angst und Schrecken versetzt werden, terrorisiert und in einen kurzfristigen, aber extremen Streß versetzt werden. Ich hoffe, es gibt wenigstens einen tödlichen Unfall. Vielleicht wird Mario auf die eine oder andere Weise animiert, sich ihnen entsprechend seiner paranoiden Art zu widmen. Ein paar Bananenspinnen würden es aber auch tun. Kannst du mir irgendwas von diesen Tieren besorgen?"

 

"Keine Ahnung. Ich werde es morgen wissen. Warum aber ausgerechnet diese Tiere und warum so spektakulär?"

 

"Es ist eine sehr bizarre und, auch für mich, unübliche, grausame und schockierende Art, jemand vom lebenden Zustand in einen toten zu bringen. Man muß sich der Natur nur auf eine besondere, ihr angemessene Art und Weise bedienen. Normalerweise verpasse ich den Opfern eine Kugel und gut ist. Auf Wunsch der Svyatoslavovs soll es ein spektakulärer Tod von allen und gleichzeitig eine mehr als deutliche Message an gewisse Leute sein. Ich nehme alles mit der Action-Cam auf, schneide verräterische Spuren heraus und stelle den Film nach getaner Arbeit in einer Cloud ins Internet, lasse die Cloudadresse allen Medien zukommen. YouTube, Twitter und Facebook oder Vimeo bieten sich an. Die sensationsgeilen Medien und die Regenbogenpresse werden sich dieses Filmmaterials auf jeden Fall gierig sabbernd bedienen. Bis die „staatliche Zensur“ hier in Deutschland greift und das Video verboten oder zum Beispiel auf Facebook gelöscht wird, hat es sich schon längst ausreichend verbreitet. Es ist also ganz im Sinne meines Auftrags. Den Inhalt der verschlüsselten Festplatten werde ich in entschlüsselter Form später ebenfalls über die Cloud der Presse und den Medien zustellen, damit die Bullen reagieren und die Reste des Vereins hochnehmen müssen. Ich werde es kontrollieren und wenn sie jemand decken oder ihn entkommen lassen, nun, dann gibt es auch wieder jemand, der sich den Betreffenden auf seine ganz besondere Weise annimmt. Du hast ja das entsprechende Equipment vorrätig."

 

"Ups… Ich weiß ja, daß du hart bist und keine Gnade kennst und in manchen Augen unserer spießigen und dekadenten Gutmenschen ein grausamer und paranoider Psychopath bist, aber du bist ja noch gruseliger, als ich dich in Erinnerung habe, John. Dein Job scheint dich langsam zu verändern, dich aufzufressen und ob das auf Dauer gut geht...?"

 

„Ich weiß es nicht.“ Nachdenklich sah Walker ihn an, antwortete mit einem hilflosen Schulterzucken.

 

"Ich glaube, ich war tief in meinem Inneren schon immer so. Leider weiß ich nicht, was ich vor meiner Zeit bei der Legion gemacht habe. Ich weiß nicht, wer ich vorher war. Ich erinnere mich einfach nicht. Ich habe diverse Albträume, die immer prägnanter werden, aber das war's. Bevor ich den Schlüssel zu ihnen finde, hören sie auf. Es ist schrecklich, nicht zu wissen, wer man wirklich ist. Ich weiß, wer ich seit acht Jahren bin: ein ehemaliger Legionär, ein Söldner, der das Töten auf vielfältige Art beherrscht – aber bin ich das auch vorher gewesen - nichts anderes als ein Killer, der die ganz großen Verbrecher, die mühelos durch die Maschen des Gesetzes schlüpfen und scheinbar tun und lassen können, was sie wollen, jagt und tötet? Bin ich nichts weiter als nur ein professioneller Killer?" Er atmete tief seufzend aus. "Na ja - je grausamer und spektakulärer der Tod der einzelnen Betreffenden in diesem Fall ist, um so besser ist es. Abgesehen davon hat Djuric die falsche Tochter entführt - und es ist mein letzter Auftrag. Lies mal!"

 

Walker hatte unterdessen seinen Aktenkoffer geöffnet und Mirkovitc das Dossier Svyatoslavov's zugeworfen. Er hatte sich spontan entschlossen, Ben über alles zu informieren und seine Hilfe als Rückendeckung anzunehmen - vorausgesetzt, Kim war einverstanden und sie und die Kids waren in Sicherheit. Am besten in Holland in einem kleinen, verschwiegenen und kinderfreundlichen Hotel irgendwo an der Küste, bevor der ganze Zauber begann und Tod und Verderben über Frascati/Djuric kam.

 

Während dieser ihn mit großen Augen ansah, anerkennend grinsend den Ordner auffing und ihn gedankenverloren durchblätterte, sagte er wie beiläufig zu Winston: "Eine weise Entscheidung, John. Mach Schluß mit deinem Job, bevor du ein Opfer deines Berufes geworden bist und nicht mehr zurück kannst. Wenn der Job hier vorbei ist, solltest du dich um deine Albträume und deine Vergangenheit kümmern und du weißt ja, ich könnte noch einen Partner gebrauchen. Du kannst unser Wochenendhaus in Berkum benutzen. Es ist mit seinen vier Zimmern, einem Bad, einem Gäste-WC und einer voll eingerichteten Küche auf 110 qm nicht besonders groß, hat aber alles, was du brauchst - und es ist nicht weit. Ein paar Kilometer von hier. Im übrigen weiß niemand von dieser kleinen, unscheinbaren Hütte im Grünen. Zwei verschwiegene, stille Zufahrten und eine sehr geräumige Garage gehören ebenfalls zum Haus. Du mußt dir nur heute Abend bei uns den Schlüssel abholen. Der große Garten ist Kims Bereich und wenn du keinen Ärger mit ihr willst… ." Grinsend hüllte er sich in Schweigen.

 

Walker bedankte sich. "Das ist mehr, als ich erwartet habe!"

 

"Herzlich gern geschehen! Die kleine Hütte wird dir gefallen und wie ich schon mal sagte: für dich immer gern." kam es zurück.

 

"Ben, ich danke dir sehr und werde deine Hilfe annehmen. Vorausgesetzt, Kim ist rückhaltlos einverstanden, hat keinerlei Bedenken und sie und die Kinder sind in Sicherheit – gut versteckt im Ausland. Du sollst mir nur den Rücken freihalten und wenn nötig, meine Flucht decken und ansonsten überhaupt nicht in Erscheinung treten."

 

"Einverstanden! So in etwa habe ich es mir vorgestellt...!" grinste Ben. „Ab und zu brauche auch ich mal wieder etwas Action – sonst roste ich komplett ein, werde faul und fett.“ Schlagartig wurde er ernst und sein Gesicht verschloß sich, als er begann, in dem Dossier zu lesen. Zwischendurch schüttelte er mehrere Male fassungslos den Kopf, als könne er nicht glauben, was er da las.

 

Mittlerweile war es 17:30 Uhr geworden. Ben hatte das Studium des Dossiers beendet und sah Walker an. „Was die Forensik nicht doch alles herauszufinden vermag. Armes Ding. Die Kleine hat wirklich die Arschkarte gezogen und muß über Jahre schrecklich gelitten haben.“

 

„Ja, es ist schon beachtlich, was Forensiker herausfinden, wenn du die richtigen Leute darauf ansetzt und Geld keine Rolle spielt. Jetzt verstehst du, warum ich Kim und die Kids im Ausland haben will und warum ich diese Brut in die Hölle schicken will“, entgegnete Walker und machte sich zum Aufbruch fertig.

 

Ben nickte nur. Er hatte nur zu gut verstanden!

 

Während Ben das Dossier las, hatte Walker sich den acht Überwachungskameras, der kabellosen Elektronik und dem schnell ladenden Akku des Verstärkers gewidmet. Jede der acht Kameras hatte er mit einer 25 Gramm-Sprengladung, einem Funkzünder und einem elektronischen Schalter versehen, alles gut mit Isolierband abgeklebt und anschließend die kleinen Päckchen, kaum größer als ein fünfhundert Seiten starkes Taschenbuch mit einer schnell trocknenden und wasserabweisenden, schwarz-grünen Tarnfarbe aus der Spraydose besprüht. Die Farbe würde jeden Lichtreflex absorbieren. Alles war für den Einsatz vorbereitet, die Akkus zeigten ihre volle Kapazität an, das ganze System lieferte gestochen scharfe Bilder an seinen mitgebrachten Laptop. Walker war mehr als zufrieden. Die erste Phase konnte beginnen.

 

Auf dem Weg nach draußen zeigte Ben John noch die beiden Fahrzeuge. Einen schnellen, silbergrauen und unauffälligen Golf GTI und einen etwas älteren dunkelblauen Jeep Cherokee. Unter einer verstaubten Plane verborgen wartete ein graues Schlauchboot aus Militärbeständen, bestückt mir zwei leistungsfähigen Dieselmotoren auf seinen Einsatz. Eine getunte und aufgetankte Kawasaki stand unter einer Plane ebenfalls bereit.

 

Walker gefiel der Cherokee, da der Kilometerstand nur knapp 30.000 Km zeigte. Er bedauerte sehr, daß das geländegängige Fahrzeug keine lange Lebensdauer bei ihm haben würde. Wenn er seinen Job erledigt hatte, würde er ihn entsorgen müssen, ebenso den Golf.

 

Ben hatte mittlerweile den fertigen Lexus von der Hebebühne heruntergelassen und ihm die Zündschlüssel zugesteckt. Gemeinsam fuhren sie zum HERMES, während Ben den Lexus ebenfalls in die Tiefgarage steuerte, lenkte Winston seinen BMW auf den angestammten Parkplatz, ließ den Sender achtlos auf der Metallschiene liegen, eine stumme Botschaft an seinen Schatten. Danach fuhren sie zur Werkstatt zurück und Ben stieg in seinen Pick-up um.

 

*

 

 

 

 

 

8

 

 

 

 

 

Köln: Samstag, 3. September, gegen 22:00 Uhr

 

 

Einsam schlurfte der Stadtstreicher durch die Nacht, sich schwer auf einen mit wenigen Plastiktüten gefüllten Einkaufswagen, den er die Marcus-Aurelius-Straße im nächtlichen Schatten der Kastanienbäume entlang schob, stützend. Unter seiner tief in die Stirn gezogene Schiebermütze schauten flachsblonde Strähnen hervor, während sein ungepflegter, schütterer Vollbart seine ganze heruntergekommene Erscheinung noch unterstrich. Walker erweckte als Stadtpenner den Anschein, als suche er zu später Stunde und leicht angetrunken ein Nachtlager in den Parkanlagen gegenüber Frascatis Anwesen.

 

Milchig weiße Nebelfetzen stiegen vom Rhein auf, schränkten hier und da teilweise die Sicht ein. Ab und zu hetzte trotz des Nebels ein Fahrzeug über den Militärring, aber niemand beachtete ihn bis auf ein Augenpaar, welches ihn auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Militärrings im Schutz der ehemaligen Festungsanlage und der Dunkelheit durch ein Zielfernrohr im Visier hatte.

 

Scheinbar unsicher blieb Walker in seinen abgerissenen Kleidern hin und wieder stehen. Er fühlte, daß er beobachtet wurde und sah sich verstohlen nach allen Seiten um. Der heimliche Beobachter konnte seine Stellung nur im Schatten der Festungsreste bezogen haben. Eine andere Möglichkeit gab es nicht. Sämtliche umliegenden Häuser waren durch übermannsgroße, blickdichte Hecken abgeschottet. Um diese Zeit waren auch schon die Rollladen heruntergelassen. Langsam ging er schleppenden Schrittes weiter, wobei er von Zeit zu Zeit wie ein Asthmatiker nach Luft rang. Ein Rückzug war sinnlos.

 

Walker musste nur noch fünf Kameras anbringen, dann war Frascati‘s Gelände unter seiner Kontrolle. Von der Roncallistraße aus überwachten bereits zwei Miniaturkameras mit sich geringfügig überschneidenden Aufnahmewinkeln Frascatis Anwesen auf der Rückseite, ebenso war bereits eine Überwachungskamera an der linken Hecke des Grundstücks in der Marcus-Aurelius-Straße installiert. Sie kontrollierte den Eingangsbereich zum Anbau. Eine vierte wollte er auf der anderen Seite am Ende des Grundstücks installieren. Sie würde den Haupteingang und einen Teil des vorderen Hauses sowie einen großen Teil des Gartens überwachen. Eine fünfte Kamera sollte auf der gegenüberliegenden Straßenseite deponiert werden und die gesamte Front zu Frascatis Anwesen überwachen. Von den restlichen Kameras würden zwei Modelle ebenfalls mit sich geringfügig überschneidenden Aufnahmewinkeln in der Hecke versteckt werden, die auf der Seite der Militärringstraße das Grundstück abschloß. Die letzte, achte Kamera würde er für eine Totalaufnahme in der Nähe des Verstärkers positionieren.

 

Der heimliche Beobachter zwang ihn jedoch, seine bisher erfolgreiche, lautlose Arbeit zu unterbrechen. Wer lauerte dort im Schutz der Festungsanlage auf ihn oder galt die Aufmerksamkeit gar nicht ihm, sondern Frascati’s Anwesen und seinen Bewohnern? Wenn ja, hatte er vielleicht sogar einen unsichtbaren und unbekannten Verbündeten oder war es sein bisher unbekannter Schatten? Walker musste es feststellen. Sofort!

 

Bevor er aber seinen Entschluß in die Tat umsetzen konnte, öffnete sich plötzlich das große Tor von Frascatis Anwesen und einer von Frascatis Gorillas, Besim Berganovic, begann seine Runde zu drehen während sich das Tor lautlos schloß. Die umhängende, kurzläufige Maschinenpistole versteckte er nur unvollkommen unter seiner Jacke. Mit gleichgültigem Blick inspizierte dieser die Mauer, während er sich eine Zigarette anzündete. Walker indessen war blitzschnell hinter einer dicken Kastanie in Deckung gegangen. Als Besim um die Ecke bog, wechselte er die Straßenseite und verbarg sich hinter einer weiteren Kastanie. Er zog eins seiner Wurfmesser aus dem Futteral, jederzeit bereit, sein Opfer lautlos zu töten. Geduldig wartete er auf die Rückkehr des Serben.

 

Sein feines und gut ausgebildetes Gehör hörte das leise „Tapp, Tapp“ lange bevor der Verursacher der Geräusche ihn sah. Es war Giuseppe, der sich vorsichtig und leise auf Walker zu bewegte oder dem Serben folgte. Walker glitt, eng an die Kastanie gelehnt, noch tiefer in den Schatten des Baumes und um diesen herum, bereit, Giuseppe zu töten. Irritiert blieb Giuseppe plötzlich stehen. Sein suchender Blick, noch unvollkommen an die herrschenden Lichtverhältnisse angepasst, irrte ziellos umher. Dadurch nahm er auch nicht das kurze Aufblitzen der geworfenen Klinge war, die sich zielsicher unterhalb seines Kehlkopfes in seinen Hals bohrte. Die Waffe traf ihn mit solcher Wucht, daß sie tief in ihn eindrang und die Halswirbelsäule durchtrennte, ihn nach hinten warf. Giuseppe war schon tot, bevor er zusammenbrach und sein Körper den Boden berührte.

 

Walker zog sein zweites Wurfmesser und nahm seine ursprüngliche Position hinter der Kastanie wieder ein. Gerade noch rechtzeitig, denn der Serbe tauchte wie ein Geist aus dem Nebel auf und sah Giuseppe am Boden liegen. Mit einem erschrockenen Aufschrei lief er auf ihn zu, beugte sich über ihn.

 

„Peppino, was ist ...“ Der Rest blieb unausgesprochen, als er das Wurfmesser sah. Im gleichen Augenblick trat Walker lautlos hinter ihn, hielt ihm den Mund zu und trat ihm gleichzeitig mit Wucht in die Kniekehle, brach so sein Gleichgewicht nach hinten, während er einen halben Schritt zurücktrat und mit einer raschen Bewegung seiner Klinge die Kehle durchschnitt. Besim war durch Walkers blitzschnelles Handeln zu überrascht um an eine Gegenwehr zu denken. Zu tief saß noch der Schock über Giuseppes Tod. Ein Stoß nach vorn ließ Besim sterbend und blutend über Giuseppe zusammenbrechen. Walker nahm beide Messer an sich, wischte die Klingen an Besims Jacke ab und steckte sie an ihren Platz zurück.

 

Walker behielt die Rolle des kranken und asthmatisch hustenden Stadtstreichers bei, nicht ohne vorher noch schnell seine Kameras versteckt anzubringen. Erst danach überquerte er den Militärring, blieb gebückt und vom Husten gebeutelt mitten auf der Fahrbahn stehen, um scheinbar keuchend nach Luft zu ringen. Wachsam suchte sein Blick das Museumsgelände nach verräterischen Zeichen wie einem Aufblitzen oder einer Lichtreflektion, die seine Position verraten würde, ab, jedoch hatte dieser sich zu gut getarnt. Walker wandte sich nach rechts, glitt schrittweise aus dem Fokus seines unbekannten Beobachters heraus. Als er in die zu diesem Augenblick nicht befahrene Konrad-Adenauerstraße einbog, atmete Walker insgeheim erleichtert auf. Der geheimnisvolle Beobachter hätte ihn eiskalt abschießen können. Er hatte es nicht getan, also doch ein Verbündeter?

 

Der Parkteil war teilweise verwildert und stockdunkel. Walker fand schnell ein sicheres Versteck für seinen Einkaufswagen. Aus einer der Tüten holte er sein lichtstarkes Nachtsichtgerät hervor, passte die Gurte an und nahm das Gerät in Betrieb. Danach zog er seine MK 2, schraubte den Schalldämpfer auf und suchte vorsichtig und schrittweise das unebene, dicht bewachsene Gelände nach dem Unbekannten ab. Nichts. Er kam nur langsam durch das verfilzte Unterholz voran. Hier gab es für einen Heckenschützen unzählige Möglichkeiten eines sicheren Verstecks. Wenn der Unbekannte clever war, hatte er seine Stellung gewechselt – oder bestenfalls bereits die Flucht ergriffen.

 

Übergangslos befand er sich am Rand der gepflegten und mit knorrigen Kopfweiden bepflanzten ehemaligen Festungsanlage. Hier oben, nur knapp drei Meter über dem Nebel war die Sicht klar. Plötzlich trat der Mond hinter einer Wolke hervor, erhellte das unwegsame Gelände mit seinem geisterhaften Licht. Walker regulierte sein Nachtsichtgerät nach, passte es an die veränderten Lichtverhältnisse an.

 

Vorsichtig ging er weiter, als er nur wenige Meter unter sich im Schutz der verschlossenen Einfahrt des Museums das leise, charakteristische Blubbern einer Kawasaki ZX-10r vernahm. Das Motorengeräusch war unverkennbar und verstärkte sich, wurde in dem Augenblick runder als Walker sprang. Fahrscheinwerfer und Nebel blendeten und irritierten ihn, so daß er den Sprung falsch berechnete und den Unbekannten verfehlte, stattdessen hart auf allen Vieren zu landen drohte. Während er den verunglückten Sprung reaktionsschnell in letzter Sekunde noch geschickt in eine Rolle verwandelte, wurde der Motor hochgezogen und die Maschine raste auf dem Hinterrad mit ihrem typisch donnernden Sound auf ihn zu. Nur der schnellen Reaktion des Bikers und seinen eigenen Reflexen hatte er es zu verdanken, daß er nicht einfach überrollt wurde. Mit einer weiteren Seitwärtsrolle konnte er sich vor der Maschine in Sicherheit bringen.

 

Reflexartig wollte er im Liegen den Zeigefinger krümmen, dem Motorradfahrer ein paar Kugeln hinterherschicken. Der Flüchtige jedoch war schon auf dem Militärring und suchte, tief über das Motorrad gebückt sein Heil in der Flucht, verschwand mit halsbrecherischem Tempo zwischen zwei Fahrzeugen auf dem Oberländer Ufer. Er senkte die Waffe.

 

Was, wenn sich herausstellte, daß der Unbekannte ein Verbündeter war, dieser auch noch eine offene Rechnung mit Frascati hatte? Immerhin hatte er ihn verschont und eine Kollision vermieden.

 

Sein Unterbewusstsein registrierte den zierlichen Körperbau des ganz in schwarzem Leder gekleideten Unbekannten. Der schwarze, irgendwie an einen Insektenkopf erinnernde Sturzhelm und das heruntergelassene Visier des unbekannten Motorradfahrers schützten diesen vor einer weiteren Identifizierung. Vielleicht war der unbekannte Biker ja auch, wenn er den zierlichen Körperbau mit in Betracht zog, eine Frau. Grübelnd stand er auf, schraubte den Schalldämpfer von seiner Waffe ab und steckte beides wieder an ihren Platz zurück. In Gedanken versunken nahm er das Nachtsichtgerät ab und ging zu seinem Einkaufswagen zurück, überprüfte ihn. Es war noch alles da. Auf seinem Erkundungsgang hatte er wenigstens das richtige Versteck für seinen Verstärker und die Kamera gefunden.

 

Es dauerte nur wenige Minuten und Walker hatte den kleinen solarbetriebenen, hochleistungsfähigen Sendeverstärker inklusive der Kamera hoch oben in der dicht gewachsenen Krone eines kleinen Baumes deponiert und mit ein paar schwarzen Kabelbindern fixiert. Hier würde ihn so schnell keiner finden. Die Leuchtdioden waren ebenfalls mit einem Isolierband in grüner Tarnfarbe abgeklebt, während die Solarzellen frei gen Himmel zeigten. Zusätzlich sicherten ein paar Wicklungen Klebeband den Sender vor einem ungewollten Absturz. Knapp 25 Gramm Semtex würden den Sender nachhaltig zerstören, sollte er entdeckt werden und jemand ihn entfernen wollen. Die Kamera fand ihren Platz in in unmittelbarer Nähe des Verstärkers. Ein Klick und sowohl Sender als auch Kamera waren aktiviert. Walker machte sich auf den Rückweg, wieder die Rolle des Stadtstreichers einnehmend.

 

Aus seiner Einkaufstüte holte er weitere kleine Päckchen hervor. Die Weitwinkelobjektive standen bei allen Kameras auf maximale Öffnung. Bisher war alles, bis auf die Unterbrechung, nach Plan verlaufen. Walker hatte unbemerkt acht IR-Funk-Kameras mit Weitwinkeleinstellung und aktiver Sprengladung tief in der Hecke und auf halber Höhe deponiert. Sollte irgend jemand durch Zufall eines dieser unauffälligen Päckchen finden und näher untersuchen wollen, würden der eingebaute und aktivierte Näherungsschalter dafür sorgen, daß ihm das kleine Päckchen um die Ohren flog. Die Reichweite der kodierten Einzelsender betrug nur etwa 200 m. Ihre Sendeleistung reichte aus, um die Bild- und Tondaten an den solarbetriebenen Verstärker mit Akkupufferung zu übertragen, der auf dem weitläufigen, gegenüberliegenden Gelände versteckt war. Walker würde wissen, wer sich wann und wo auf dem Gelände aufhielt und ob das Areal noch zusätzlich abgesichert wurde. Er betete insgeheim, daß niemand auf die Idee kam, in nächster Zeit die Hecke schneiden zu wollen.

 

Als Walker in die Marcus-Aurelius-Straße einbog, sah er die beiden Leichen noch immer im Schatten der Kastanie liegen. Er musste sich beeilen. Jederzeit konnte man ihn entdecken und dann würde es wahrscheinlich zu einem Schusswechsel kommen, den er noch gern vermieden hätte. Es galt, Frascati zu treffen und zu zermürben.

 

Mit dem leeren Einkaufswagen wechselte Walker die Straßenseite und schlurfte die Marcus-Aurelius Straße hoch in Richtung Einkaufszentrum, wo er seinen Lexus abgestellt hatte. Er ließ die letzten Stunden des Abends Revue passieren…

 

*

 

Nachdem sie nach dem Fahrzeugwechsel im Hotel zurück zum Werkstattgelände gefahren waren, um Ben in seinen Pickup steigen zu lassen, fuhren sie anschließend zu Ben nach Hause. Walker verbrachte einen herzlichen und sehr gemütlichen Abend bei Benjamin, Kim und den beiden Kids. John wurde wie ein verlorenes Familienmitglied aufgenommen, vor allen Dingen von Kim, die vor Freude außer sich war, gleichzeitig lachte und weinte. Die beiden Jungs zeigten ihm, wie anhänglich sie sein konnten.

 

Anfangs hatte Kim massive Einwände gehabt und vehement ihr Einverständnis verweigert, ihren Ben bei Walkers Aktion mitmachen zu lassen. Ihr Zustimmung gab sie erst, nachdem Walker ihr in groben Umrissen erklärte, wie er vorzugehen gedenke und dabei ganz besonders betonte, daß Ben ihm nur den Rücken vom gegenüberliegenden Gelände freizuhalten habe, gegebenfalls für Ablenkung sorgen und seine Flucht decken sollte. An der eigentlichen Aktion sei ihr Ben nicht beteiligt und solle auch unter keinen Umständen in Erscheinung treten.

 

Sie nahm seinen Vorschlag, mit den Kids nach Holland in den Villavakantiepark Ijsselhof, einer am Ijsselmeer gelegenen, kinderfreundlichen Bungalowanlage zu fahren, mit sehr gemischten Gefühlen nur zögernd an. Die Trennung von Ben, ihre erste überhaupt, gefiel ihr ganz und gar nicht.

 

Kim war allerdings sofort einverstanden, daß Walker das Haus in Berkum bezog. Sie gab ihm die Hausschlüssel und sagte ihm, wo der Reserveschlüssel deponiert sei. Zusammen mit Ben und den Kids fuhr sie nach Berkum, um nach dem Rechten zu sehen, wobei sie nicht vergaß, frische Bettwäsche, ein paar Dinge des täglichen Lebens und diverse andere Sachen, die ein Haus gemütlich machten, einzupacken. Zusätzlich plünderte sie fast den halben Inhalt ihres Gefrierschrankes. Von einer Mietzahlung für das Haus wollte sie nichts wissen. Auf sein Angebot reagierte sie fast beleidigt.

 

„John...“, rief sie fassungslos und sah ihm direkt in die Augen. Winston erwiderte den Blick, sah ihre tiefe Dankbarkeit, ihr tiefes, inneres Glück und auch ihre Zuneigung für ihn. Er verstand ihre Haltung nur zu gut und nickte mit einem kaum sichtbaren, verstehenden Lächeln.

 

Sie war Chinesin und der letzte Spross eines uralten, traditionsbewussten Geschlechts. Es war ihre innere Einstellung, eine bestimmte Form über viele Generationen hinweg gelebte Geisteshaltung, die für sie selbstverständlich war und über die sie kein Wort verlor. Es war einfach so. John hätte alles von ihr verlangen können und Kim hätte mit Freuden versucht, zumindest einen Teil dieser vermeintlichen Schuld, in der sie ihm gegenüber stand, abzutragen. Sie waren für den Rest ihres Lebens weit über das Verstandes- und Gefühlsmäßige hinaus auf einer anderen, höheren Ebene miteinander verbunden. Was immer sie auch für ihren „Großen Bruder“ tat: es war ein Nichts gegen das, was er ihr gegeben hatte.

 

Winston hatte ihr das Leben mit diesem wunderbar rücksichtsvollen, gutmütigen und verständnisvoll liebenden Ehemann an ihrer Seite, der ihren beiden wundervollen Kindern ein ausgezeichneter Vater war und ihnen allen eine Zukunft und ein Leben in Wohlstand ermöglichte, gegeben. Sie war glücklich und es war mehr, als sie jemals erwartet oder erhofft hatte, bevor John sie aus den Fängen der Triade ihres Onkels Dauh Long befreite.

 

„Ich hoffe, du wirst dich in dem Häuschen sehr lange wohl fühlen, mein lieber John.“

 

„Ganz bestimmt werde ich das, liebe Kim“, wobei er sie gedankenverloren in den Arm nahm und ihr sanft über das Haar fuhr. „Hab‘ Dank für alles, kleine Schwester.“

 

John Winston hatte die Nase vom Töten auf Bestellung voll. Tief in seinem Inneren fühlte er wiederholt: es war Zeit, mit diesem todbringendem Geschäft aufzuhören.

 

Winston entriegelte über ein Funksignal seinen Lexus, wechselte im Schatten einer knorrigen Kastanie seine Kleidung, nahm die Schiebermütze vom Kopf und wechselte ebenso das Schuhwerk. Eine Plastikdose nahm den blonden Bart und die blonde Perücke, die ihm durch ihr langes Haarteil sein verwahrlostes Aussehen unterstrich, auf. Er verstaute alles zusammen mit dem alten Militärmantel als festgeschnürtes Bündel im Kofferraum in eine Plastiktüte, verschloß ihn und fuhr die Marcus-Aurelius-Straße hinunter, wobei er auf seinem mitgeführten Laptop zufrieden registrierte, wie er sich für kurze Zeit selbst filmte. Die Technik funktionierte zuverlässig. Anschließend bog er in den Militärring ein. Sein zweites Ziel in dieser Nacht war die Autovemietung am Kölner Flughafen.

 

*

 

 

 

9

 

 

 

 

 

Köln, Flughafengelände/Autovermietung: Samstag, 3. September: 00:00 Uhr

 

Lautlos und vorsichtig, die tiefen Schlagschatten der zu später Stunde reduzierten Straßenbeleuchtung ausnutzend, bewegte sich Walker, ganz in schwarz gekleidet und eng an die Wand gedrückt, auf das flache Gebäude, in dem sich Boscos Autovermietung befand, zu. Das einfache Schloß in der gläsernen Eingangstür würden seinem Einbruchswerkzeug keinen nennenswerten Widerstand bieten. Einer inneren Stimme folgend entschied er sich jedoch anders und umrundete die abseits vom eigentlichen Flughafengelände stehende Autovermietung. Auf der Rückseite fand er eine feuerfeste Stahltür, die seinen Spezialwerkzeugen nur kurzen Widerstand leistete. Nach zwei Sekunden sprang die Tür in gut geölten Lagern auf. Sie war noch nicht einmal abgeschlossen gewesen, was ihn sofort vorsichtiger werden ließ. Mit der Linken zog er seine MK 2 aus dem Hosengürtel und schraubte den Schalldämpfer auf die Waffe. Vorsichtig öffnete er die Tür, huschte hindurch und zog sie geräuschlos ins Schloß. Schmaler Lichtschein drang unter einer anderen Bürotür hervor. Es klickte und summte. Jemand kontrollierte stichprobenartig ein DVD-Laufwerk. Langsam schlich sich Walker näher, immer darauf bedacht, kein verräterisches Geräusch zu verursachen. Seine kleine Taschenlampe fand zwei Tischleuchten. Walker schaltete eine ein. Sie tauchte ihr Umfeld in ein gedämpftes Licht. Anschließend verbarg er sich im Halbdunkel hinter der Tür und wartete geduldig, während sich seine Augen an die neuen Lichtverhältnisse gewöhnten.

 

Plötzlich näherten sich der Tür Schritte, die Klinke wurde heruntergedrückt und ein überraschter Bosco stand halbverdeckt in der Tür.

 

„Was...?“ Walkers gewaltiger Tritt gegen die Tür, die Bosco gegen den Bürotisch schleuderte, erstickten jedes Wort im Keim. Walker setzte nach und hieb ihm mit der Waffe über den Schädel. Der Schlag ließ Bosco taumeln und aus einer stark blutenden Kopfwunde in die Knie gehen. Ein zweiter Schlag brach ihm das rechte Handgelenk. Die Überwachungs-DVD entglitt seiner kraftlosen Rechten. Bosco wimmerte vor Schmerzen.

 

„Was wollen Sie von mir?“ keuchte Bosco mit zittriger Stimme.

 

Walker nahm die heruntergefallene DVD an sich, schob diese in seine Jackentasche und dirigierte Bosco in den nächsten Sessel.

 

„Nichts. Hab‘ schon, was ich brauche.“

 

„Ich tue alles, was Sie wollen, aber bitte töten Sie mich nicht.“ Zusammengekauert saß er im Sessel. Langsam glitt seine Linke hinunter zum Knöchelhalfter. Blitzschnell zog Bosco die kleine Waffe und ließ sich trotz seiner großen Schmerzen hinter den umkippenden Sessel fallen. Walker war indessen reaktionsschnell zur Seite gesprungen und nutzte die minimale Orientierungsphase Boscos aus, um ihm reflexartig den Kehlkopf wegzuschießen.

 

Walker deponierte in dem modernen Büro schnell und geschickt ein paar Brandsätze. Zusätzlich brachte er an den beiden tragenden Wänden je 50 Gramm Semtex an. Ein paar Klicks und die Ladungen waren scharf. Bevor Walker ging, schlüpfte er in den Aufnahmeraum und überprüfte noch einmal alle Recorder. Zur Sicherheit leerte er diese und packte alle DVDs, die er fand, in seinen kleinen Rucksack. Er überließ nichts dem Zufall. Anschließend widmete er sich mit seinem Spezialbesteck dem kleinen Safe. Nach ein paar Versuchen war Walker erfolgreich. Außer dem Bargeld enthielt der Safe eine kleine Box mit USB-Sticks. Mit einer Handbewegung räumte er den kompletten Safe aus, stopfte alles in seinen Rucksack.

 

Walker ging den Weg zurück zur Stahltür, dem einzigen Nebenausgang. In der Tür stehend sah er sich noch einmal um. Gelassen drückte er den Auslöser und zündete den ersten von vier Brandsätzen. Die anderen drei würden ebenfalls in Abständen von jeweils fünf Sekunden zünden und alles mit einem sehr heißen Feuer in Brand setzen. Nach dem vierten Brandsatz würde wenig später die Explosion des Semtex erfolgen und die Filiale in Schutt und Asche legen, den toten Bosco unter den brennenden Trümmern begraben.

 

Walker schlich durch die schmale, dunkle Gasse und war mit wenigen, raumgreifenden Schritten bei seinem Lexus. Gelassen, eines seiner schwarzen Zigarillos rauchend, beobachtete er, wie der Feuerschein immer heller wurde, die Fronttür und die Glasscheiben durch die Hitze zersprangen, sich das Feuer rasch ausbreitete. Schon waren in der Ferne die ersten, nervös klingenden Sirenen der Flughafenfeuerwehr zu hören. Drei weitere dumpfe Explosionen ertönten in rascher Reihenfolge. Kurz danach erfolgten zwei scharfe Explosionen, die das Gebäude zum Einsturz brachten.

 

“Jetzt sind es nur noch sechs...“ zitierte Walker aus dem Text eines alten Kinderliedes, als er sein Fahrzeug startete.

 

*

 

John Winston kam kurz nach 01:30 Uhr im HERMES an, konnte jedoch den Ford seines Überwachers nirgends finden. Er stellte den Wagen in der Tiefgarage des Hotels ab, packte auf dem Hotelzimmer seine wenigen Habseligkeiten zusammen und verlud seinen Koffer in den Lexus. Einige persönliche Gegenstände und einige Kleidungsstücke zum Wechseln, auf die er verzichten konnte, ließ er im Zimmer zurück, sodaß das Zimmerpersonal und andere, ungebetene Besucher bei einer flüchtigen Untersuchung des Zimmers annehmen mussten, er würde noch im Hotel wohnen. Ungesehen verschwand er wieder in der Tiefgarage.

 

Walker orientierte sich auf dem Stadtplan und fuhr durch das nächtliche Bad Godesberg über ein paar kleinere Dörfer zu seinem neuen Domizil nach Berkum. Bens Häuschen war seine verschwiegene, geheime Zuflucht und Operationsbasis und sollte es so lange als möglich bleiben. Je länger, desto besser. Allerdings machte er sich auch Gedanken über ein weiteres, sicheres Ausweichquartier, welches nur er kannte. Für alle Fälle.

 

Mittlerweile war es 02:30 Uhr, als er Ben’s „kleine Hütte“ in Berkum erreichte. Soweit er in der Dunkelheit feststellen konnte, stand das Haus in einer Mischbebauung sehr abgelegen am Ortsrand von Berkum. Überrascht stellte er fest, daß irgendwo im Haus Licht brannte. Mißtrauisch schaltete er den Motor ab, löschte das Fahrlicht und zog seine Five-Seven, während er sich, den Schalldämpfer aufschraubend vorsichtig nach allen Seiten sichernd, an das Haus heranschlich. Wachsame Augen in den Bäumen und Büschen der unmittelbaren Umgebung registrieten ihn, griffen auf ihre Programmierung zu und ließen ihn unbehelligt passieren. Die Straßenbeleuchtung vor dem Haus war bereits abgeschaltet aber der Mond schien noch immer und half ihm, sich zurechtzufinden. In der offenen Einfahrt stand Bens Pickup. Ein rasche Blick durch das erleuchtete Fenster sagte ihm, daß Kim und Ben in der Küche auf ihn warteten. Aufatmend steckte er die Waffe wieder weg und lief zu seinem Lexus. Wenige Minuten später parkte er neben Bens Fahrzeug. Kim öffnete die Haustür und begrüßte ihn leise, bedeutete ihm durch Zeichen, daß die beiden Kids im Wohnzimmer schliefen.

 

„Alles klar gegangen?“ vergewisserte Ben sich kauend, während Kim Walker eine Tasse Kaffee einschenkte.

 

„Wo steckst du das nur alles hin?“, antwortete Winston kopfschüttelnd mit einer Gegenfrage. „Alles in Ordnung. Die Kameras sind installiert und arbeiten zuverlässig. Zwischenzeitlich ist Frascatis harter Kern dramatisch auf nur noch sechs Lebende geschrumpft.“ In knappen Worten erzählte Walker vom Tod von Frascatis Leibwächter Besim, Giuseppe und Bosco.

„Ich hatte noch während meiner Installationsarbeiten eine Begegnung mit einer Bikerin, die auf dem gegenüberliegenden Festungsgelände mit einem Scharfschützengewehr im Anschlag lag. Die Frage ist nur: Freund oder Feind?“

 

Kim wurde blaß. „Ist dir etwas passiert?“

 

„Nein. Die Bikerin ist gut, eine ausgezeichnete und clevere Fahrerin. Als ich ihr wohl zu nahe kam, suchte sie Ihr Heil auf einer Kawasaki ZX-10r in der Flucht. Sie hat mich verschont und mich nicht über den Haufen gefahren.“ „Ich habe sie dafür auch nicht erschossen“, setzte er hinzu.

 

Ben schob überrascht das Nachtmahl beiseite.

 

„Und sie fuhr eine japanische Maschine?“, vergewisserte sich Ben.

 

„Ja, eine Kawasaki. Der Sound ist unverkennbar. Warum fragst du?“

 

„Die Sache ist die:

 

Am Montag oder Dienstag, weiß nicht mehr genau, kam auf Empfehlung eines guten und vertrauenswürdigen Kunden eine hübsche Bikerbraut auf einer ZX zu mir und erkundigte sich nach einem leichten Scharfschützengewehr. Ich verkaufte ihr ein G22. Es ist ein Scharfschützengewehr der Bundeswehr mit aufmontiertem Zielfernrohr und variabler Vergrößerung zur Bekämpfung von Zielen bis maximal etwa tausend Meter. Der Schaft, Kunststoff, verfügt über eine klappbare Schulterstütze, wobei die Gesamtlänge der Waffe auf neunundneunzig Zentimeter reduzierbar ist. In der Schulterstütze befindet sich des weiteren ein Erdsporn für eine stabile Dreipunktauflage.

 

Gleichzeitig erkundigte sie sich nach einem verschwiegenen, offenen Schießstand, auf dem Sie sich diskret einschießen konnte. Ich gab ihr ein paar Adressen, 500 Schuß Munition extra und einen Schalldämpfer. Die Kleine sprach einen leicht französischen Akzent. War eine wirklich bildschöne Braut. Hoffentlich macht das Mädchen keine Dummheiten. Bisher dachte ich mir nichts dabei. Sie war eine Kundin wie jeder andere auch. Aber jetzt… Hm…“

 

Winston hielt vor lauter Überraschung die Luft an. Völlig entgeistert sah er Ben an, während dieser wieder nach seinem Nachtessen griff und Kim über Winstons nicht gerade geistreiches Gesicht schmunzelte.

 

Pfeifend stieß Winston die Luft aus, in seinem Kopf wirbelte plötzlich alles durcheinander. „Ich glaube, ich weiß, wer das ist.“ Rasch erzählte er ihm von Monique Bourguignon, die er bei seiner Ankunft kennengelernt und auf die er Jean Pierre in Paris angesetzt hatte. Er glaubte nicht an Zufälle. Ben versprach ihm, nachzusehen, welche Daten er von ihr zu Hause hatte, war aber skeptisch, ob er ihm weiterhelfen konnte. Er stand auf und verabschiedete sich von Walker.

 

„Wir hatten heute alle einen langen und sehr denkwürdigen Tag. Lasst uns schlafen gehen. Paßt es dir, wenn wir morgen so gegen 15.00 Uhr noch einmal hereinschauen? Ich denke, ich kann dir neben dem Jeep dann auch den Rest nachliefern, den Lexus wieder mitnehmen und vielleicht habe ich auch die Daten deiner unbekannten Bikerin.“

 

„Ok! Ihr könnt aber auch hier schlafen“, bedeutete Walker ihm. Kopfschüttelnd lehnten sie ab. Ben legte sich die schlafenden Kids auf jeweils eine Schulter und stiefelte nach draußen zu seinem Pickup, während Kim sich von Walker verabschiedete.

 

 

„Schlaf gut, John und hab‘ schöne Träume. Wir sehen uns morgen. Übrigens, das Tor kannst du elektrisch schließen. Es kommt aus dem Boden nach oben und rastet oben und unten ein. In der Hecke befindet sich ein hoher, massiver elektrischer Zaun versteckt und die Alarmanlage für das Haus schaltest du hier ein. Ben hat vor vier Wochen die modernste Alarmanlage mit einigen sehr sinnvollen Extras installiert.“

 

Winston konnte nur noch staunen. „Die reinste Festung.“

 

„Unser geheimer Fluchtpunkt für alle Fälle, meint Ben. Ich freue mich für dich“, verabschiedete sie sich mit einem Augenzwinkern.

 

Walker wartete noch, bis die Freunde das Tor passiert hatten, bevor er das massive, zentimeterdicke Stahlgatter hochfuhr. Zufrieden ging er zu seinem Lexus und leerte den Kofferraum. Danach zog er sich ins Haus zurück, wobei sich die Außenbeleuchtung automatisch nach sechzig Sekunden abschaltete. Er verschloß die Tür und aktivierte die Alarmanlage. Seit langer Zeit fühlte er sich sicher, trotzdem trug er die durchgeladene Five-Seven bei sich. Schnell hatte er im Wohnzimmer den Laptop aufgebaut. Der Computer zeichnete die eingehenden Daten der acht Kameras auf. Mittlerweile waren die beiden Leichen verschwunden.

 

*

 

 

10

 

 

 

 

 

Berkum: Sonntag, 4. September, Vormittag

 

Alarmierend schrillte es durch den einhundertzehn Quadratmeter großen Bungalow. Wie von der Tarantel gestochen fuhr Winston hoch, war mit einem Satz aus dem Bett. Erst dann bemerkte er, daß er sich von dem Wecker hatte aufscheuchen lassen. Mit einer Verwünschung hieb er auf dessen überdimensionalen Aus-Taster. Während in der Küche die programmierte Kaffeemaschine ihre Tätigkeit aufnahm, ging er in das dem Schlafzimmer gegenüberliegende Bad, widmete sich ausgiebig seiner Morgentoilette.

 

Ein holzig duftendes Eau de Toilette auftragend betrat er nackt das Wohnzimmer, suchte in seinem Koffer nach einer passenden Freizeitkleidung für den sommerlich warm werdenden Tag. Der Spiegel der kleinen Diele zeigte einen muskulösen, von Narben übersäten Körper. Winston erinnerte sich des ausstehenden Fitneßtrainings. Er würde es heute noch auf jeden Fall absolvieren, beschloß er. Während er die Alarmanlage ausschaltete und die elektrisch betriebenen Rolläden auf Knopfdruck automatisch hochfuhren, kleidete er sich an. Gewohnheitsmäßig schob er die MK 2 mit der Linken nach hinten in den Hosenbund.

 

Er warf einen kontrollierenden Blick auf die Archivierung der Bilddaten, bevor er sich mit seiner Kaffeetasse, zwei trockenen Croissants, dem Putzset und den drei restlichen Five-Seven auf die Terrasse an den eisernen, aus dem Untergestell einer Singer-Nähmaschine hergestellten Bistrotisch setzte.

 

Interessiert und aufmerksam betrachtete er den Garten. Das also war Kim’s Refugium. Ein geschickt angelegter Garten, der den Blick ungehindert auf die gegenüberliegende, von einer Kastenhecke besäumte Grundstücksgrenze freigab. Rechts befand sich ein von der Garage fortführender und offensichtlich für eine schnelle Flucht angelegter Fahrstreifen, der auf einen befestigten, asphaltierten Feldweg für landwirtschaftliche Fahrzeuge führte. Hinter der Grundstücksgrenze lagen brachliegende, unbewirtschaftete oder abgeerntete Felder. Abgesichert wurde das ganze Grundstück durch eine ein Meter breite und zwei Meter vierzig hohe, dicht gewachsene Berberitze in Form einer Kastenhecke. Auch in ihr war ein sehr stabiler, elektrisch gesicherter Zaun mit aufgesetztem NATO-Draht versteckt.

 

Die Ausfahrt bestand ebenfalls aus einem soliden, elektrisch betriebenen und versenkbaren Tor. Beide versenkbaren Tore waren verblendet und boten so einen Sichtschutz gegenüber neugierigen Blicken. Über dem Tor war die Hecke mit einem in ihr enthaltenen NATO-Draht weitergeführt worden. Von außerhalb des Grundstücks nicht erkennbar hatte Ben bewegliche Überwachungskameras in den Grundstücksecken installiert. Wahrscheinlich befanden sich ringsum auch versteckte Bewegungsmelder, die, aktiviert, für weitere Sicherheitsvorkehrungen sorgen würden. Unter dem Dach waren auf jeder Seite jeweils drei leistungsfähige 500 Watt-Scheinwerfer angebracht, die das Grundstück nachts ausreichend ausleuchteten und für ein gut beleuchtetes Schußfeld sorgten. Walker nickte zufrieden und schmunzelnd wartete er noch auf das eine oder andere ihn überraschende Highlight. Der Große hatte sich hier eine kleine, verschwiegene Festung gebaut und kein, maßlos untertreibend, lauschiges Wochenendhäuschen oder eine „kleine Hütte“.

 

Leise den „Marche de la Légion“ pfeifend zerlegte Walker die Waffen, entölte sie und setzte sie neu zusammen. Anschließend munitionierte er sämtliche leeren Magazine auf, lud die drei Five-Seven mit den 20er-Magazinen und band jeweils zwei Stück der 30er-Magazine verdreht mit schwarzem Klebeband zusammen, sodaß er innerhalb von Sekundenbruchteilen ein leeres Magazin gegen ein volles austauschen konnte.

 

Er trug die so vorbereiteten Waffen ins Haus, widmete sich in der Küche dem As „Wal“, verteilte das Gewehr mit den vollen Magazinen, Granaten und die mit elektronischen Zündern versehene Sprengstoffpäckchen neben der Tarnkleidung auf zwei Reisetaschen.

 

Die etwas größere Tasche mit dem As Wal, einer Five-Seven, der Hälfte der Granaten und dem halben Vorrat an Semtex sowie der Tarnkleidung und der Schutzweste würde er im Jeep deponieren. Den Rest zusammen mit den Stingerraketen wollte er vorerst in der Garage unterbringen.

 

Ben würde sich um seine eigene Bewaffnung kümmern und wohl wie immer großkalibrige Waffen bevorzugen, vielleicht eine .44 Magnum oder eine Desert Eagle im Kaliber .50 AE mit Schalldämpfer für die kurze Distanz und als Unterstützung für den „Fernbereich“ wohl sein geliebtes russisches „Petscheneg“. Ben liebte dieses, mit einem entsprechenden Nachtsichtgerät ausgerüstete, nachtkampftaugliche MG, welches ebenso gern von den russischen Fallschirmjägern als auch von verschiedenen Einheiten der Speznas verwendet wurde. Abschließend brachte er sein Gepäck ins Schlafzimmer und räumte die Schränke ein.

 

Winston hatte sämtliche Fenster im Haus geöffnet, sodaß die klare und frische, spätsommerlich warme Luft durch das Haus zog. Zwischendurch lauschte er immer wieder auf nicht zur Geräuschkulisse gehörende Fremdgeräusche. Er entspannte sich zusehends und fühlte, wie ihm diese natürliche Stille, die nur vom Gezwitscher der Vögel und anderen, entfernteren Naturgeräuschen unterbrochen wurde, gut tat, seinen Geist und seine Seele beruhigten und den quälenden, seit seinem Flug von Moskau auf ihm lastenden Druck weichen ließ - seinen Kopf wieder freigab und er zu sich selbst zurückfand.

 

Diesen Auftrag wollte er noch wie gewohnt erledigen und dann würde er sich aus diesem Tod bringenden Geschäft zurückziehen, beschloß er für sich. Er war es leid, ständig aufpassen zu müssen, wer hinter ihm stand und wollte sich nicht dauernd fragen müssen, wem er vertrauen konnte. Er wollte endlich herausfinden, wer er wirklich war und was mit ihm vor seinem Eintritt in die Legion geschehen war. Daß aus diesem Vorhaben nichts werden würde, konnte Walker nicht wissen.

 

*

 

Walker ging durch den Bungalow und trat vor das Haus, sah sich um. Flüchtig nahm er einige Krähen auf dem Dach, die ihn neugierig mit schief gelegtem Kopf ebenso wie ein paar Eichhörnchen von ihrem luftigen Sitz in der Kastanie beobachteten, wahr. Obwohl er sich allerdings wunderte, daß er keine Vogelexkremente fand, maß er diesem Umstand keine Bedeutung bei. Seine Aufmerksamkeit galt anderen Dingen wie der Doppelgarage, die mit ihren fünfeinhalb Meter Breite schon mehr als großzügig bemessen war. Das massive Dach der Garage war zusätzlich mit Natodraht 700 gesichert. Die Widerhaken dieses Natodrahtes würden einem Eindringling massive Probleme bereiten, ihm schwere Schnitt- und Stichwunden zufügen. Er öffnete das schwere Rolltor der Garage und staunte nicht schlecht, als er an ihrem Ende in Richtung Gartenausfahrt zwei Fahrzeuge stehen sah; einen gepanzerten Cherokee, wie er an den Fensterscheiben erkennen konnte und einen Range Rover. In beiden Fahrzeugen steckten die Schlüssel. Eine kurze Überprüfung ergab, daß es sich um einsatzbereite Fluchtfahrzeuge handelte. Eine offenstehende Falltür aus einer wuchtigen Stahlplatte führte über eine Wendeltreppe auf das Kellerniveau des Hauses zurück. Die massive Stahltür wurde von einem kellerseitig montierten Schrank kaschiert. Ein verborgener Fluchtweg, stellte er schmunzelnd fest. Ein rascher Gang durch den Keller ließ ihn weiterhin staunen. Neben den üblichen Versorgungsräumen für die Gas- und Elektroinstallation befanden sich nebeneinander ein Fitneßraum, der kaum noch Wünsche offen ließ und eine kleine, hochmoderne Werkstatt mit einer Drehbank. In einem dritten, kleinen Raum hatte Ben sein kleines, aber exklusives Materiallager für die Werkstatt eingerichtet. Eine, durch die geschickte Anordnung verschiedener Stahlschränke verborgen gehaltene Tür beinhaltete ein exquisites Waffenlager. Die letzte Tür war allerdings durch ein elektronisches Türschloß gesichert. Was für ein Geheimnis mochte hier wohl schlummern? John Winston kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Durch das Vogelgezwitscher drang das regelmäßige, laute Ping-Ping seines E-Mailprogrammes zu ihm. Rasch eilte er nach oben.

 

*

 

Walker überprüfte kurz die Archivierung des übertragenen Filmmaterials und danach die eingegangene Post. Insgesamt hatte er drei Emails. Die erste war nur eine kurze Nachricht von Roy Stanford. Er hatte einen anderen lukrativen Auftrag für John abgelehnt. Eine zweite war von Sergej Svyatoslavov und eine weitere von Jean Pierre. Er öffnete Letztere zuerst, las konzentriert und mit großem Interesse.

 

Mein lieber John,

 

hier die wenigen, aber zuverlässigen und für dich relevanten Daten:

 

Name: Monique Bourguignon

 

Alter: 35

 

Aufenthaltsort: z. Zt. Unbekannt

 

Eltern: René und Sophie Bourguignon, beide tot

 

Die Eltern waren Inhaber eines kleinen, sehr renommierten Weingutes in Thann, im Elsaß (seit 2016 ist es die Region Gran Est, welche an Deutschland angrenzt).

 

Tochter: Francoise, tot

 

Zusammenfassung:

 

René und Sophie Bourguignon wurden zum gleichen Zeitpunkt wie ihre damals 15jährige Tochter Francoise ermordet. Die Täter waren laut Unterlagen und Aussagen der das Massaker überlebenden Tochter Monique drei Männer und zwei Frauen. Sie konnten bisher nicht ermittelt werden. Der Mord an dieser Familie wurde niemals aufgeklärt. Dein unbestätigte Verdacht legt nahe, daß es sich bei einem der Männer möglicherweise um Vildan Djuric/Frascati (?), einem bosnischen Söldner und gesuchten Massenmörder handelt. Aber auch hier fehlt uns jede Information und wir haben keine offiziellen Beweise, die ein Vorgehen rechtfertigen würden. Bisher liegt offiziell nichts gegen ihn in Frankreich vor. Von Frascati/Djuric gibt es keine Fotos. Ich persönlich schließe mich aber deiner Meinung an.

 

Der Vater wurde wohl nach längerer Folter mit mehreren Schüssen aus einer Beretta getötet, während Mutter und Tochter mehrfach vergewaltigt und von einer Frau in roter Kleidung grausam gefoltert wurden. Die Hinrichtung mit einer Beretta waren wohl eine Erlösung für die beiden.

 

Die damals achtjährige Monique musste das Martyrium ihrer Familie aus ihrem Versteck mit ansehen. Die Täter haben bestialisch, schlimmer als Tiere an den beiden Frauen gewütet. Ich weiß, daß du hart im Nehmen bist, aber die Fotos vom Tatort erspare ich dir ganz bewußt.

 

Monique wurde unter Schockeinwirkung von einem alten Freund der Familie, Claude Renoir, in ihrem Versteck, einem Schweineverschlag, entdeckt. Er und seine Frau nahmen die Kleine an Kindes statt an und zogen sie groß, ermöglichten ihr, das traumatische Erlebnis mit psychologischer Hilfe zu verarbeiten und kümmerten sich sowohl rührend um eine weitere, „gesunde“ Entwicklung als auch um das Weingut. Monique studierte an der Universität Metz Literatur und Fremdsprachen mit Schwerpunkt „Alte Sprachen“.

 

Nach Abschluß des sehr erfolgreichen Studiums verkaufte sie den Weinberg für einen Bruchteil seines tatsächlichen Wertes an ihre Zieheltern. Seither verliert sich ihre Spur.

 

Anbei findest du zwei Fotos von ihr. Das eine Foto wurde im Alter von 16 Jahren während ihrer Schulzeit aufgenommen, das andere ist ein aktuelles Foto beim Abschlußball ihres Studiums.

 

Die Filiale der Autovermietung gehört einem gewissen Tommaso Bosco. Bosco steht auf der Lohnliste von Frascati Enterprises. Er ist also nur ein weiterer Strohmann Frascatis, von dem wir annehmen, daß er sowohl dieses Büro als auch das Immobiliengeschäft sowie das Bestattungsinstitut in Köln zur internationalen Geldwäsche und anderen illegalen Geschäften benutzt. Frascati unterhält noch drei Nachtclubs in Frankfurt und zwei in Köln.

 

Die beiden Kamerasysteme inklusive Recorder konnten von uns nicht zerstört werden, da sie offensichtlich nicht im Netz des Flughafens installiert sind. Wenn sie also in Betrieb sind, müssen sie autark betrieben werden.

 

Mein lieber John, du würdest mir persönlich und einigen Leuten bei der Gendarmerie der Region Grand Est einen Gefallen tun, wenn du diesen Fall für uns klären und nachhaltig zum Abschluß bringen könntest! Du verstehst?

 

Anmerkung: Claude Renoir war hochdekorierter Berufssoldat und Mitglied des 1. Fallschirmjäger-Regiments der Marineinfanterie in Bayonne bei Biarritz. Bis er sich zur Ruhe setzte und Winzer wurde, war er Leiter einer Einsatzgruppe der 1. Kompanie.

 

Ich denke, daß er sein militärisches Wissen an seine Ziehtochter weitergab und diese sich seit längerer Zeit im Kölner Raum aufhält, um Rache zu üben. Beschütze sie, wenn du kannst. Das arme Ding hat es verdient. Ihre Zieheltern leben noch, jedoch befindet sich der Vater ebenfalls seit längerer Zeit auf einer ausgedehnten Geschäftsreise in Europa - was für ein Zufall aber auch ... :-) Diese Geschäftsreise soll wohl dazu dienen, seiner Ziehtochter in Köln oder Umgebung Rückendeckung zu geben, ohne daß seine Frau davon weiß.

 

Viel Glück!

 

Paß auf dich auf!

 

Bis bald….

 

Jean Pierre

 

PS: Sollte ich mehr Informationen bekommen, leite ich sie wie gewohnt an dich weiter.

 

Walker ließ diese Information auf sich wirken und langsam wurden ihm einige Zusammenhänge, auch wenn sie vorerst nur auf Mutmaßungen beruhten, klarer. Er würde sie beschützen – wenn er die Chance dazu bekam und er würde Frascatis Totengräber sein.

 

*

 

Die E-Mail von Sergej Svyatoslavov war nur kurz. Svyatoslavov bat um dringenden Rückruf. Sie war von Freitag, 16:30 Uhr.

 

Vor seinem Anruf in Moskau tätigte er im Internet noch bei einigen Onlineshops für Maskenbildner, die einen 24 Stunden-Expreßservice anboten, einige Einkäufe. Danach rief er Svyatoslavov an.

 

„Priwet, Sergej. Hier ist Tolya Yevgenievich“, meldete sich Walker, als sein Gesprächspartner im rund zweitausendeinhundert Kilometer entfernten Moskau das Telefon bediente. Die tiefe, rauhe Stimme war unverkennbar.

 

„Was gibt es?“, kam Walker direkt zur Sache.

 

 „Tolya! Schön dich zu hören und noch schöner, daß du dich so schnell meldest. Mein lieber Freund, Frascati weiß seit Freitag, etwa gegen 15:00 Uhr, daß du in Deutschland bist. Smolina und ich haben nichts dagegen und wir beide können es verstehen, wenn du den Auftrag zurückgibst und du abtauchst. Wir finden eine andere Lösung.

 

Nikolai, du kennst ihn, war ein Maulwurf in meiner Organisation. Er war einer meiner engsten Vertrauten und sollte demnächst meine rechte Hand werden, später eventuell, bei entsprechender Eignung, vielleicht sogar die Geschäfte übernehmen. Er fiel durch Olgas Aufmerksamkeit auf. Olga ist meine Sekretärin. Sie kam durch Zufall hinter sein Doppelleben. Sie hörte am Freitag Nachmittag sein Telefonat mit Frascati mit und zog die richtigen Schlüsse. Nachdem er seinen Verrat unter Tränen gestanden hatte ist Nikolai Geschichte. Es wird sich niemand an ihn erinnern. Um Olgas Verschwiegenheit mußt du dir keine Gedanken machen. Sie ist deine Freundin. Ein verheerendes Feuer durch explodierende Gastanks hat seine kleine Datscha, die er außerhalb Moskaus bewohnte, plötzlich vollkommen zerstört.

 

Frascati wird sich zu wehren wissen und wird dir mit Sicherheit eine Falle stellen. Das ganze Unternehmen muß aus meiner Sicht in einem für dich tödlichen Fiasko enden. Laß es sein und komm zurück. Wir besprechen uns neu.“

 

Walker war nicht sonderlich überrascht. Wohl überraschte es ihn, daß Nikolai seine Tarnung als Tolya Yevgenievich durchschaut hatte. Wie war das möglich? Existierte ein Foto von ihm, welches ihn nachhaltig enttarnte? War seine Maskerade so schlecht? Er befragte Svyatoslavov danach.

 

„Net, net“, es existieren keinerlei Fotos von dir, weder bei den russischen Geheimdiensten noch bei Nikolai. Ich habe das überprüft. Es gib wirklich nichts, was eine Verbindung zu dir als Tolya Yevgenievich und dem Geist herstellen könnte.“

 

Walker wollte den angenommenen Auftrag zu Ende bringen und kam zu einem Entschluß. Später würde er Sergej eingehend zu der Verbindung Tolya Yevgenievich und dem Geist befragen.

 

„Horosho, Sergej! Ich führe den Auftrag weiter aus! Frascati’s Zeit läuft ab!“

 

Nach einer langen Pause stimmte Sergej Svyatoslavov zu.

 

„Spasibo, du sturer Kopf!“ In seiner Stimme klang ein erleichtertes und gelöstes Lachen. Svyatoslavov versicherte ihm, daß er Walker jede erdenkliche Hilfe zur Verfügung stellen würde. Walker müsse sich nur melden und sagen, was er brauchte. Er würde alles bekommen.

 

„Ok, Sergej. Wenigstens bin ich gewarnt und kann meinen Plan anpassen und du solltest deine Organisation einmal genauestens überprüfen und entsprechende Konsequenzen aus dem Ergebnis ziehen. Vielleicht hast du noch mehr und wesentlich gefährlichere Maulwürfe in deiner Organisation.

 

Du kannst mir allerdings einen großen und in diesem Fall auch persönlichen Gefallen erweisen, wenn du Mirkovitc‘s Frau und ihren beiden kleinen Kindern absolute Sicherheit gewährleisten könntest. Seine Frau ist schwanger und braucht unbedingt Schutz. Entweder entführst du sie nach Moskau oder schirmst sie ab. Egal wie oder was du machst, aber schütze sie unter allen Umständen. Ihnen darf unter keinen Umständen etwas geschehen - und halte mich bitte auf dem Laufenden. Um Frascati kümmern wir uns.“

 

Walker erzählte ihm noch in kurzen Worten, welche Hilfe er zusätzlich bekommen hatte, mit welcher weiteren Hilfe er rechnete und wie er ab Montag vorzugehen gedenke. Svyatoslavov war freudig überrascht und versprach, alles zu organisieren, um Kim und die Kinder zu schützen. Beeindruckt und zufrieden beendete Svyatoslavov das Gespräch.

 

*

 

Es war mittlerweile 15:00 Uhr geworden und Winston verschloß die offene Garage, fuhr das Gatter in den Boden und trat auf die Straße, sah sich interessiert um.

 

Der Bungalow, ein klug angelegter Fuchsbau, lag gut gewählt am Ortsrand von Berkum und war durch seine verwinkelte Zufahrt nicht leicht zu finden.

 

Jetzt, Anfang September war diese Siedlung nur noch schwach bewohnt. Viele Eigentümer hatten ihr kleines Domizil bereits frühzeitig winterfertig gemacht und gegen Einbruchdiebstähle gesichert, während sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite ständig bewohnte Einfamilienhäuser befanden.

 

Die Straße wirkte auf ihn wie die Marcus-Aurelius-Straße in Köln, nur wesentlich subtiler. Sie sagte ihm aber ebenfalls „Wir bleiben unter uns“. Trotzdem es bereits früher Nachmittag und sommerlich warm war, waren die Rollladen noch heruntergelassen, lebte jeder der Eigentümer in seinem eigenen, kleinen und eng begrenzten Mikrokosmos. Schlechte Zeugen, wenn sie für eine Aussage benötigt würden. Jeder würde etwas anderes erzählen, wenn er sich genötigt fühlte.

 

Gerade, als er ins Haus zurück gehen wollte, sah er Ben‘s Pick-up in den Achtzehnmorgenweg einbiegen. Auf einem Trailer hatte er den Cherokee verladen. Walker winkte auf das Lichtzeichen zurück und ging zur Garage, um diese zu öffnen.

 

Mit einem Kopfnicken und einem Lächeln in den Augen begrüßte er seinen Freund, während er Kim’s herzliche und stürmische Begrüßung gutmütig und liebevoll über sich ergehen ließ. Kim sah ihm direkt ins Gesicht und mit ihrem untrüglichen Instinkt sagte sie Winston, daß er Neuigkeiten für sie beide habe.

 

„Vor dir kann man wohl nichts verbergen?“, warf er lächelnd ein.

 

„Nur sehr wenig, mein lieber John. Sehr wenig. Schließlich bin ich verheiratet!“ antwortete sie ihm verschmitzt und kokett lächelnd, während sie ihm liebevoll in die Seite boxte.

 

„Genau das hatte ich befürchtet“, bestätigte ihr Walker schmunzelnd. Er folgte ihr ins Haus, um die beiden Taschen mit den Waffen zu holen, da Kim die Kinder ins Haus scheuchte, während Ben Walkers Fahrzeug vom Trailer ließ und in die Garage fuhr. Anschließend fuhr er den Lexus auf den Trailer des Pick-up. Sein Fahrzeug mit dem Trailer anschließend in die geräumige Einfahrt stellen und das massive Tor hochfahren nahm nur wenige Minuten in Anspruch.

 

„Ich würde einen Teil der Waffen hier verstauen“, meinte Ben und zeigte ihm einen großen, geräumigen Stahlschrank, während er ihm den Schlüssel für das zusätzliche Vorhängeschloß in die Hand drückte. „Den Rest kannst du hier unter dem Rücksitz verstecken“, ergänzte er und klappte die Rückbank einladend hoch.

 

„Was deinen exotischen Tierpark angeht, so bin ich im Darknet nicht fündig geworden. Deine Mambas sind nicht zu bekommen und deine Frösche noch weniger. Frösche gibt es nur als harmlose Zuchtexemplare und Mambas werden zur Zeit nicht gehandelt, ebensowenig Bananenspinnen. Ich habe drei Händler kontaktiert, aber keiner hatte irgend etwas im Angebot – oder sie wollten nicht an mich verkaufen. Ehrlich gesagt, mir laufen jetzt noch einige Gänsehäute den Rücken rauf unter runter, versuchen sich gegenseitig zu überholen. Du hast vielleicht gruselige Ideen. Da schüttelt es sogar mich.“

 

Winston sah ihn verstehend an, schmunzelte und nickte. „Gut gemacht, mein Freund. Das macht nichts. Dann greift eben Plan B.“

 

„Wie sieht der aus?“, fragte Ben.

 

„Ganz einfach: BUMM! Mein Verbrauch an Sprengstoff wird enorm steigen!“, entgegnete Walker mit einer entsprechenden Handbewegung und einem breiten Grinsen. Verstehend nickte Ben, das Grinsen erwidernd, mit den Kopf.

 

„Ich habe noch weitere schlechte Neuigkeiten für dich. Die elektronischen Garotten sind auf unbestimmte Zeit ausverkauft. Das war‘s.“

 

„Mach dir nichts daraus, Ben. Du hast getan, was du konntest. Nicht weiter schlimm. Ich besorge mir eine Gitarrenseite und mache mir selbst eine. Komm, gehen wir zu Kim ‘rein. Ich rieche frischen Kaffee und frischgebackene Teilchen. Ich habe Hunger. Ach ja, kannst du mir, wenn du von Holland zurück bist, in deiner Werkstatt zwei zylinderförmige Behälter in den Maßen 30 mm x 50 mm anfertigen und diese mit Semtex und einem Funkzünder ausstatten? Im übrigen habe ich auch noch News. Ich weiß jetzt, wer diese unbekannte Schöne ist, nur weiß ich noch nicht wo sie sich aufhält – und es gibt noch eine weitere, weniger angenehme Neuigkeit. Ich bin verraten worden - aber noch nicht enttarnt.“

 

„Klar, mach ich dir fertig. Du bist wirklich gruselig, aber eine gute Idee, Frascati und seine Frau zu präparieren. Hm… - und was nun?“, kam Bens Frage.

 

„Ich werde meine Pläne ändern und der Sprengstoffverbrauch wird steigen. Ich will Frascati und sein Umfeld vernichten. Im übrigen verträgt es sich auch nicht mit unserem Kodex. Komm mit rein und lies mal die E-Mail und wie grausam und bösartig ich werden kann, wirst du hautnah erleben können“, bedeutete ihm Winston, während er die Garage verschloß und mit Ben ins Haus ging.

 

„Auch wenn wir nicht mehr zur Legion gehören, aber der Kodex scheint dir noch viel zu bedeuten?“

 

„Ja. Einen angenommenen Auftrag unter allen Umständen zu Ende führen. Der Kodex war und ist mir bis heute noch immer sehr wichtig “, antwortete ihm Walker über die Schulter.

 

Mit Geschirr beladen gesellte sich Kim zu ihnen, schaute, an Ben gelehnt, an seiner Schulter vorbei und las entsetzt mit. Blaß und still geworden deckte sie den großen Terrassentisch ein. Sie war zutiefst schockiert.

 

*

 

 

11

 

 

 

 

 

Frankfurt: Sonntag, 14. September, gegen 13:00 Uhr.

 

Giovanni Frascati saß wieder in seinem Büro. In Gedanken rekapitulierte er das Wochenende.

 

Nachdem er am Freitag überhastet aufgebrochen und mit seinen beiden thailändischen Bodyguards nach Köln gehetzt war, musste er feststellen, daß zu Hause alles ruhig und wie gewohnt verlief. Peppino und Mario verhielten sich normal, seine Frau stieg mit ihm bereitwillig mehrfach ins Bett und ließ ihn seinen Trieb ausleben. Seine Bodyguards und die Brüder hatten nichts Ungewöhnliches bemerkt, so genau sie auch das Grundstück und die Hecke inspizierten.

 

„Alles normal und im Lot. Es gibt nichts, über das wir uns Sorgen machen müssten“, verkündeten sie im Brustton der Überzeugung.

 

Er hatte also keinen Grund zur Sorge und kam zu dem Schluß, daß wohl alles nur ein Sturm im Wasserglas gewesen war und Nikolai offensichtlich zu Schwarz gesehen hatte - oder einer Falschinformation aufgesessen war. Trotzdem traute er dem scheinbaren Frieden nicht, irgendwas beunruhigte ihn.

 

Abends war dann noch Bosco aufgetaucht und hatte seinen wöchentlichen Bericht abgegeben und natürlich auch seinen Fehler eingestehen müssen, daß er die DVD nicht sofort an sich genommen hatte. Er versprach Frascati, daß er am Samstag seinen Zwillingsbruder in die Filiale schicken würde, während er sich um die Wohnshelter und alles andere kümmern würde.

 

„Versau es nicht! Sonst wirst du es bereuen! Ich muß die Chinesen am Montag Abend vernünftig unterbringen können und was deine Weibergeschichten angeht, so läßt du die Finger vorerst von dieser Französin. Wir haben Wichtigeres zu erledigen als dein krankes Ego zu reparieren. Wenn wir das nicht in den Griff kriegen, brauchst du dir um nichts mehr Gedanken machen. Du weißt jetzt, was auf dem Spiel steht.“ Frascatis eiskalter Kommentar ließ Bosco wie einen geprügelten Hund davonschleichen.

 

Beruhigt hatte er den Samstag im Kreise seiner Familie genossen und diese beim ausgedehnten Mittagessen informiert.

 

Schweigsam, sich nur mit Blicken und einem spöttischen Lächeln verständigend, nahmen die beiden serbischen Brüder und die Haushälterin die Nachricht auf. Walker sollte nur kommen. Sie würden ihm, da sie ja nun vorgewarnt waren, einen heißen Empfang bereiten, auch wenn sie ihn nicht kannten, nicht wußten, wie er aussah.

 

Giuseppe fröstelte, als er sich in seinen gewalttätigen Fantasien ausmalte, wie Walker seine Familie langsam, einen nach dem anderen umbrachte, während Mario die Nachricht mit irrem Glanz in seinen Augen und seltsamen, leeren Kaubewegungen aufnahm.

 

Stunden später, nach einem ausgedehnten, frühen italienischen Abendessen machte sich Frascati gut gelaunt mit seinen beiden thailändischen Bodyguards wieder auf den Weg nach Frankfurt. Er hatte sich unnötig Sorgen um seine Familie gemacht, war grundlos in Panik verfallen. Entspannt gab er sich auf der Fahrt erneut seinen hochfahrenden Tagträumen hin. Ein kleiner Umweg durch den südlichen Taunus zu seinem Auffanglager hatten ihn und seine beiden Leibwächter die aktuelle Bedrohung für ein paar Stunden vergessen lassen. Zu mitternächtlichen Stunde in seiner Frankfurter Penthouse-Wohnung, die auch gleichzeitig sein Büro war, angekommen, nahm er seine Post an sich und begab sich zur Ruhe.

 

Als er am Sonntag um die Mittagszeit die Post durchstöberte, rutschte ihm ein Trauerbrief heraus und fiel zu Boden. Er bückte sich, hob ihn auf und während er sich aufrichtete, öffnete er ihn neugierig. Sein Inneres enthielt eine geschmackvolle Trauerkarte mit einem kurzen, gedruckten Text und einer roten, ebenfalls gedruckten Unterschrift.

 

Mühsam versuchte er, weiß wie eine Wand, aufzustehen, sackte aber wieder zurück in seinen Schreibtischstuhl. Mit weit aufgerissenen Augen stierte er auf die kurze Botschaft, las keuchend zum wiederholten Mal den kurzen Text.

 

Für jedes Ereignis unter dem Himmelszelt hat Gott eine Zeit vorgesehen. So hat Geborenwerden seine Stunde, und auch das Sterben … (Kohelet / Prediger 3,1ff.) Walker

 

Ohnmächtige Wut und ein unkontrollierter Haß auf den ihm unbekannten Killer, der die Stirn hatte, ihm zu drohen, breitete sich in ihm aus, suchte ein Ventil als das plötzliche Klingeln seines Telefons überlaut an sein Ohr drang. Im Abheben wusste er, daß ihn schreckliche Nachrichten erwarteten.

 

*

 

 

 

12

 

 

 

 

 

Moskau - Berkum: Sonntag, 4. September, Spätnachmittag - früher Abend

 

Noch am gleichen Tag bereiteten sich in Moskau zwei Gruppen russische Elitesöldner in Svyatoslavovs Auftrag auf ihren Flug nach Amsterdam/Holland vor, verluden Ausrüstungsgegenstände, leichte Bewaffnung und zwei Einsatzfahrzeuge in eine zu einem Truppentransporter umgebaute Iljuschin II-96. Mit stoischem Gleichmut warteten sie auf den Startbefehl.

 

*

 

Kim war sehr nachdenklich geworden, hatte Angst um ihre beiden Kinder und um das Ungeborene – und natürlich auch um Ben. Dunkle Vorahnungen beunruhigten sie.

 

„Wann soll ich zur Sicherheit mit den Kids verschwinden?“ fragte sie leise. Sie stand noch immer unter dem Einfluß des vor Stunden Gelesenen.

 

„Aus meiner Sicht so schnell wie möglich. Am besten morgen im Lauf des Tages“, beantwortete Walker ihre Frage.

 

„Dann wirst du morgen und auch Dienstag ohne mich auskommen müssen“, erklärte Ben Walker. „Vielleicht sogar noch Mittwoch“, setzte er hinzu.

 

„Natürlich doch, und wenn ich erst am Wochenende mit dir rechnen kann. Egal. Das kurze Showdown findet statt, wenn du wieder da bist. Bis dahin räume ich uns erst einmal schrittweise Hindernisse aus dem Weg - und bereite mir Frascati vor. Wenn du kommst, ist alles vorbereitet, und vielleicht bin ich ja sogar schon fertig und alles ist vorbei - wer weiß das schon so genau. “

 

„Gut, dann packe ich heute Abend alles für einen „Urlaub“ zusammen. Lasst mich jetzt einfach ein wenig in Ruhe. Ich muß meine Gedanken ordnen und den Kopf aufräumen“, bat Kim die beiden Männer, während sie sich den beiden spielenden Jungs zuwandte.

 

„Kein Problem, Kim“, versicherte Walker ihr. „Es tut mir leid, daß du und die beiden Kids da hineingezogen werden.“

 

„Das ist es nicht und das macht mir überhaupt nichts aus. Mir geht noch die E-Mail von deinem französischen Freund nach. Dieses arme Ding. Sie muß Furchtbares durchgemacht haben“, erwiderte sie traurig.

 

„Ja, stimmt. Ich hoffe, ich finde sie rechtzeitig. Ich laß dich jetzt allein, werde mal die Aufnahmen sichten und einiges aufarbeiten. Wenn du mit mir reden möchtest … - du findest mich im Wohnzimmer, kleine Schwester.“

 

Walker hatte trotz allem ein schlechtes Gewissen und seine eigene Unbeholfenheit auf Kim’s Reaktion verunsicherte ihn noch mehr. Mit einer solchen Auswirkung hatte er bei Kim nicht gerechnet. War er schon so sehr innerlich gegenüber dem Leid anderer abgestumpft, daß es ihn nicht sonderlich berührte? Mit widerstrebenden Gefühlen, sich innerlich Vorwürfe machend, ging er ins Wohnzimmer, während Ben sich stillschweigend um den entfachten Grill, seinem auf ihm brutzelnden Inhalt kümmerte und seinen Gedanken nachhing. Soweit war alles gut geplant und er war froh, daß er seine kleine Familie morgen Abend in Sicherheit wusste. Kim würde sich schon wieder fangen. Sie war hart im Nehmen und hatte ein großes, weiches Herz. Er verstand ihr Mitgefühl für die unbekannte Französin. Von ihm aus konnte der Zauber ruhig nach seiner Rückkehr losgehen. Walker hatte ihm nebenbei auch erzählt, welche Absprache er mit Svyatoslavov zur Sicherheit Kims und der Kids getroffen hatte. Es war wieder typisch für Walker.

 

*

 

Kim hatte sich nach einiger Zeit wieder gefasst.

 

„Ich habe in der letzten Nacht von vielen schwarzen Eulen ohne Gesicht geträumt, die aus dem Osten kamen und von einem Raben angeführt wurden. Ich habe kein gutes Gefühl, John“, erzählte sie Winston Stunden später im Wohnzimmer und rang ihm das Versprechen ab, daß er kein unnötiges Risiko eingehen würde. Winston versprach es, denn letztendlich sei es sein letzter Auftrag und er wollte gesund aus der ganzen Sache herauskommen.

 

Große, erstaunte Augen sahen ihn an. „Du machst Schluß? Du bleibst hier?“

 

„Ja! Habe ich zumindest vor“, erwiderte er lächelnd. „Ich will mich ein wenig mehr um mich und meine Vergangenheit kümmern. Vor allen Dingen um meine verlorenen Jahre bis zum Eintritt in die Fremdenlegion“, erwiderte er.

 

In regelmäßigen Abständen drehten Rijad und Innocenzo einzeln oder gemeinsam ihre Runde. Er hatte sich die eingeblendeten Uhrzeiten notiert, wann sie auf den kurzen Rundgang gingen und die Art und Dauer ihrer Streife. Danach gingen sie regelmäßig in ihre Unterkunft zurück. Eine nachlässige, tödliche Routine. Die Hausherrin saß seit 12:45 Uhr in einem großen Ohrensessel aus Rattan in der Sonne und las in einem Magazin. Ansonsten war es still im Haus. Keine verdächtigen Aktivitäten wegen der beiden Toten vom Vorabend. Das weitere Bildmaterial würde er sich später ansehen.

 

Kim sah ihn schweigend an, während sich ein feines Lächeln in ihr Gesicht stahl. Glücklichen Gedanken nachhängend zupfte sie sich am Ohr. Nach einem kurzen und schweigsamen Essen, wobei jeder für sich die aktuellen Informationen verarbeitete und seinen eigenen Gedanken nachhing, brachen sie auf. Kim und Ben wollten nach einem Umweg über die Werkstatt, um den Trailer mit dem Lexus abzustellen nach Hause fahren, packen und den Abend für sich ausklingen lassen. Ben hatte bereits die Kinder auf dem Rücksitz seines viersitzigen Pick-up angeschnallt.

 

„Ich ziehe mich um, fahre mit dem Cherokee ins Hotel und schaue mal, was sich dort getan hat. Morgen Mittag komme ich, um mich von euch zu verabschieden, wenn’s recht ist“, sagte Winston zu den beiden.

 

„Dann komm um 12:00 Uhr zum Essen“, luden sie ihn wie aus einem Mund ein. Walker versprach pünktlich zu sein, während sie einstiegen und losfuhren.

 

*

 

Kims Warnung ging Walker nicht aus dem Kopf. Er war zwar nicht abergläubisch, nahm aber trotzdem Kims Traum ernst und beschloß, noch vorsichtiger vorzugehen.

 

Ben hatte ihm noch gezeigt, mit welchem separaten Schalter er den elektrisch gesicherten Zaun aktivieren konnte. Der Stromschlag würde zwar nicht töten, aber höllisch weh tun und unter Umständen ein gefährliches Herzkammerflimmern auslösen. Er verzichtete darauf, ließ nur die Rolläden herunter, schaltete die Alarmanlage ein und verließ mit dem Cherokee das Grundstück, wobei das Tor automatisch hochfuhr und sich verriegelte.

 

Gegen 19:30 Uhr traf er im HERMES ein, fuhr sein Fahrzeug in die Tiefgarage und ging zur Rezeption. Von seinem Beschatter fehlte jede Spur. Der Nachtportier erkannte ihn schon beim Näherkommen, reichte ihm seinen Zimmerschlüssel und eine Visitenkarte mit einer schwungvollen, harmonisch geschriebenen Telefonnummer ohne Vorwahl. Es war die Karte eines französischen Weinhändlers. Walker war sich sicher, daß ihm kein Messwein angeboten würde. Er ging, seltsam erregt, auf sein Zimmer und atmete erst einmal tief aus. Jean Pierre hatte Recht behalten. Der alte Fuchs war bei seiner Ziehtochter um sie zu beschützen und ihr Rückendeckung zu geben. Dann wählte er die Nummer.

 

„Pension Aurora…“

 

„Guten Abend! Hier ist John Winston! Verbinden Sie mich bitte mit Mademoiselle Bourguignon!“

 

„Oui…?“, knarzte es in Walkers Ohr. Walker frohlockte.

 

„Guten Abend, Monsieur Renoir. Hier ist John Winston. Kann ich bitte Ihre Tochter sprechen?“, begann Winston das Gespräch auf französisch.

 

Pause…!

 

„Oui!“, knarzte es nach einer scheinbaren Ewigkeit erneut.

 

„Hallo, John“, löste eine fröhlich lachende Stimme das Knarzen ab. Schön, daß Sie sofort anrufen. Können wir uns treffen? Ich muß Sie unbedingt sprechen. Leider konnte ich Sie nicht im Hotel erreichen.“

 

„Sehr gern. Heute Abend noch oder wollen wir morgen früh gemeinsam frühstücken? Ich hole Sie auch gern ab und wir frühstücken auswärts.“

 

„Machen Sie sich keine Umstände. Ich komme gern zu Ihnen ins Hotel. Paßt Ihnen 09:00 Uhr?“

 

„Ja klar. Dann bis morgen. Ich freue mich auf Sie. Gute Nacht und schlafen Sie gut!“, verabschiedete sich Walker.

 

„Sie auch“, hauchte es leise melodisch aus dem Hörer.

 

*

 

 

 

13

 

 

 

 

 

HERMES PARK HOTEL: Montag, 5. September

 

Walker hatte sich durch sein morgendliches Fitneßprogramm gequält, war anschließend ein paar Runden geschwommen und betrat kurz vor 09:00 Uhr die Lobby des Hotels. Scheinbar ziellos schlenderte er umher, aufmerksam sein Umfeld beobachtend. Sein wachsamer Blick tastete jeden einzelnen der sich in der Lobby aufhaltenden Personen ab. Nichts. Niemand erregte seinen Verdacht und trotzdem hatte er das Gefühl, daß er wieder beschattet wurde.

 

Winston trat vor das Hotel, sonderte sich ab und beobachtete aus einer stillen, unauffälligen Position durch ein paar Pflanzkörbe mit geradstieligen Rosenbäumchen gut gedeckt, das ständige Kommen und Gehen im Eingangsbereich. Nichts.

 

Seine Gedanken kreisten nebenbei um das bevorstehende Date. Diese Frau bedeutete ihm wirklich etwas - mehr, als er vor sich selbst eingestehen wollte. Wegen ihr könnte er sogar seßhaft werden und sein Zigeunerleben in Sachen Tod aufgeben. Fast hätte er die Kawasaki, die unweit von ihm eingeparkt wurde, überhört.

 

Da war sie. Sein Herz schlug bis zum Hals.

 

Unbewußt hatte er in der Nähe eines kleinen, überdachten und versteckt angelegten Motorradparkplatzes gestanden, auf dem nur wenige Maschinen abgestellt waren. Während sie ihre Kawasaki rückwärts einparkte, ging er auf sie zu. Er erinnerte sich an die nächtliche Szene, als sie auf dem Hinterrad auf ihn zubrauste, an ihre zierliche Erscheinung in dem Lederdreß und der eigenwilligen Form des Sturzhelmes, der an einen schmalen, insektoiden Kopf erinnerte. Die ganze Szene am Samstag hatte etwas Gespenstisches an sich gehabt. Sie war tatsächlich der nächtliche Beobachter gewesen.

 

„Guten Morgen“, begrüßte er sie.

 

„Guten Morgen, John“, klang es ihm fröhlich und gutgelaunt entgegen, während sie ihm die Rechte bot und ihn mit einem kräftigen Händedruck begrüßte, wobei die linke den Verschluß ihres Sturzhelms öffnete. Sie schüttelte beim Abnehmen heftig den Kopf, um ihre Frisur aufzulockern.

 

„Dankeschön für die Einladung zum Frühstück. Ich habe mich leider etwas verspätet. Aber Papa ist nicht mehr der Jüngste und braucht manchmal eine etwas längere Anlaufzeit. Ich hoffe, Sie hatten ausreichend Zeit für Ihr morgendliches Gebet vor dem Frühstück, Herr Pfarrer“, setzte sie schmunzelnd und mit einer anzüglichen Betonung hinzu.

 

Lächelnd nickte ihr Walker zu. Während er ihr beim Absteigen zwischen den anderen Maschinen behilflich war, wurde ihm bewußt, wie vertraut sie, ohne viel voneinander zu wissen, miteinander umgingen. Die leichte Verunsicherung schwand, war plötzlich wie weg gewischt.

 

„Lassen wir das steife SIE weg“, schlug er vor. Mit einem wissenden, in die Ferne gerichteten Blick quittierte sie seinen Vorschlag mit einem Kopfnicken, sah ihm dabei in die Augen und durch ihn hindurch.

 

„Ja, sehr gern!“

 

Während Walker scheinbar unabsichtlich seinen Blick wandern ließ, registrierte er innerlich alarmiert den dunklen Ford in der Nähe der Tiefgarageneinfahrt. Also hatte er sich nicht getäuscht. Sein Beschatter war in der Nähe. Fragte sich jetzt nur, wo er war und wer von den Frühstücksgästen ihn beobachtete?

 

 „Komm, laß uns frühstücken. Ich habe einen Bärenhunger“, sagte sie, während sie ihren Arm unter den seinen schob und sie auf den Haupteingang zugingen. Winstons Blick suchte krampfhaft nach einem Verdächtigen und Monique gab sich für einen kurzen Augenblick romantischen Träumen hin. Er achtete bei seiner Suche nach dem möglichen Beschatter nicht auf den weißhaarigen Alten, der sich verstohlen in ihrer unmittelbaren Nähe herumdrückte.

 

Das Bistro hatte gerade geöffnet und im morgendlichen Gedränge fiel der Weißhaarige ohnehin nicht auf. Der drahtige, schnauzbärtige Rentner mit dem kurzgeschnittenen, weißen Haar wusste es so einzurichten, daß er einen Nachbartisch fand, an den er sich mit dem Rücken zu Walker und Monique setzte.

 

Aufmerksam beobachtete Walker sein Umfeld, wobei ihm der Alte am Nebentisch nicht einging. Argwöhnisch musterte er ihn.

 

„Möchtest du etwas vom warmen Buffet?“, hörte Monique Walker wie aus weiter Ferne fragen. Unbewußt hatte sie sich zu romantischen Tagträumen hinreißen lassen.

 

Mit einem verlegenen, kurzen Lächeln fand sie wieder in die Wirklichkeit zurück. „Ja, gern. Wollen wir uns gemeinsam etwas aussuchen?“, fragte sie ihn, während sie aufstand. Sie suchte seine Nähe und machte es ihm auf ihre natürliche Art leicht, in dem sie ihm beide Hände entgegenstreckte, die er ergriff und sie beim Aufstehen an sich heranzog. Instinktiv spürte sie, daß er wohl Zeit brauchen würde, um ganz aus sich herauszugehen, fühlte seine innere Bereitschaft, sich auf sie einzulassen und sich ihr zu öffnen – aber auch ein gewisses Zögern. Er war alles andere, nur kein Priester, dennoch wollte sie Gewißheit haben, es von ihm hören.

 

„John, bist du wirklich ein Priester?“, fragte sie ihn leise und direkt, während sie sich bei ihm einhängte. Mit einem stillen Lächeln sah er sie an. „Nein, bin ich nicht, Monique. Das ist nur eine willkommene und sehr hilfreiche Maske – eine von vielen. Aber dennoch lese ich gern in der Bibel.“

 

Sie nickte verstehend. Innerlich atmete sie auf. Unterdessen waren sie am Buffet angekommen. Sie lud sich eine große Portion Rührei, Speck und ein paar heiße Pfannkuchen auf den Teller. Mit einem bewundernden Grinsen stellte er ihren offensichtlich großen Appetit fest. Diese Menge hätte für zwei Personen gereicht. Schmunzelnd versorgte Winston sich mit weniger als der Hälfte. Während sie gemeinsam an den Tisch zurückkehrten, unterhielten sie sich angeregt, wobei John sie reden ließ. Er liebte ihren französischen Akzent. Winston spürte, wie sie ungeduldig, aber auch unsicher auf ein bestimmtes Thema hinsteuerte.

 

Die Vertrautheit und die Kürze der Zeit, in der sich zwischen ihnen eine herzliche Beziehung entwickelt hatte, brachte ihn aus dem inneren Gleichgewicht. In seinem bisherigen Leben hatten nur sehr wenige Frauen Platz gehabt. Für die eine oder andere hatte er schon einiges empfunden und trotzdem war es immer nur bei oberflächlichen Beziehungen geblieben. Er konnte sich nicht erinnern, jemals für eine Frau so viel mit einer solchen Intensität gefühlt zu haben wie für diese charmante Französin. Sie war dabei, alle Erinnerungen an andere Frauen zu verdrängen.

 

Mittlerweile saßen sie fast allein im Bistro bis auf eine entfernte, japanische Reisegruppe, die gestenreich ihre Erfahrungen mit dem Frühstück teilten. Ihm entging der wache Blick Li Chengs, der sich unter die japanische Reisegruppe gemischt hatte, um die Spur wieder aufzunehmen. Anerkennend ruhte sein Blick auf Walker, der ihn abgehängt und sich seiner Überwachung entzogen hatte, ohne daß Li Cheng es bemerkte. Der alte Mann am Nebentisch hatte sich, nachdem er zwei Croissants verzehrt und drei Tassen Kaffee zu sich genommen hatte, wie Walker im Stillen registrierte, getrollt. Es würde ihn nicht wundern, wenn dieser drahtige Alte ihr Vater gewesen wäre.

 

Als sie gesättigt beim Kaffee saßen, platzte sie in seine Gedanken. Sie hatte ihn beobachtet und seinen grüblerischen, nachdenklichen Gesichtsausdruck richtig gedeutet.

 

„John, was beschäftigt dich?“, fragte sie ihn.

 

„Unser gestriges Telefonat. Du hast offensichtlich wichtige Informationen für mich?“, erwiderte er ihr offen, sah sie dabei an.

 

Sie sah ihn lang an und nickte verstehend.

 

„Ja, vielleicht! Ich weiß nicht! Papa und ich, wir haben uns natürlich über dich erkundigt und ein paar Informationen eingeholt. Ich bin sehr froh darüber“, wobei sich für einen Augenblick ein verklärender Schimmer des Glücks in ihre Augen stahl, „daß du kein Priester bist. Dein jetziger australischer Paß ist falsch und wir haben den gleichen Waffenhändler. Du bist sogar mit ihm befreundet. Ihr seid beide ehemalige Fremdenlegionäre und ich denke mir, du bist auch kein Geheimagent und auch nicht von einer Spezialeinheit irgendwelcher Strafvollzugsbehörden irgendwelcher Art, sondern einfach nur ein Auftragskiller, der sich um Frascati kümmern soll. Ich bin so froh, dich gefunden zu haben und möchte mit dir gern zusammenarbeiten.“ Sie holte tief Luft und jetzt sprudelte alles aus ihr heraus.

 

„Nach unseren aktuellen Informationen hat Frascati gestern bei einem Chinesen in Leipzig, Dauh Long, Verstärkung angefordert. Zwanzig ausgesucht gute Leute. Sie stehen heute um 19:30 Uhr abmarschbereit, wenn Dauh Long heute Abend die Hälfte des an Frascati gelieferten Heroins bekommt. Der Dreck kommt per Kurier aus Holland. Diese holländische Triade nennt sich „Goldener Lotus“. Sie wird angeblich von einer gewissen und sehr geheimnisvollen Madame Chow geführt. Papa und ich hören schon seit einem Monat sein Telefon in Frankfurt ab. Paps hat Anfang August, an einem Wochenende, einige Wanzen in seinem Frankfurter Büro installiert. Wir wissen daher auch von seinem Deal heute Abend, wo er sein Auffanglager im Taunus hat und natürlich wissen wir auch von einem russischen Auftragskiller namens Walker, den wir aber nicht einordnen können. Wir können nicht an allen Orten zugleich sein und alles zerschlagen und bisher war für uns, beziehungsweise für mich, zu viel in Bewegung. Alles beginnt langsam für mich eine Nummer zu groß zu werden. Ich schaffe es nicht allein, Frascati zu vernichten. Bitte, hilf mir! Er hat meine Eltern und meine Schwester vor vielen Jahren auf schreckliche, qualvolle Art getötet.“

 

Walker sah sie, innerlich überrascht, nachdenklich an.

 

Frascati und Dauh Long – Kims Onkel! Welche Überraschung! Die zwei machten also gemeinsame Geschäfte. Er dachte sofort an Kim. Gut, daß sie in ein paar Stunden in Sicherheit war.

 

Sie oder ihr Vater verfügten aber auch über ausgezeichnete Quellen, wenn sie so nahe an seine Identität kamen. Er sollte sich recht schnell ein paar neue Profile ausarbeiten und sich einen guten Schönheitschirurgen aussuchen. Bis jetzt schien sie aber nicht zu wissen, daß er auch Walker war, was ihn vorerst beruhigte. Auf ihre Frage, ob er Walker sei, ging er nicht ein. Sie würde es bald selbst herausfinden.

 

Diese aktuellen Informationen waren für ihn unbezahlbar. Jetzt verstand er auch Kims Traum. Langsam fügten sich die Puzzleteile zusammen. Er musste seine Pläne ändern, sie den neuen Gegebenheiten anpassen. Während er sich nachdenklich eins seiner schwarzen, aromatisch riechenden Zigarillos anzündete, betrachtete er seine Gegenüber. Jetzt war es heraus und er sah ihre deutliche Erleichterung, konnte nahezu fühlen, wie die innere Spannung von ihr wich. Für sie gab es jetzt allerdings auch kein Zurück mehr.

 

„Du hast in allem Recht, Monique und ich werde dir und dem alten Herrn, der an unserem Nebentisch saß, helfen.“

 

Mit einem glucksenden Lachen konnte sie ihre Überraschung nicht verbergen. „Du hast erkannt, daß es Papa war, der sich ein eigenes Bild von dir machen wollte?“

 

„Ja! Es war für mich klar, daß dein Ziehvater dich nicht aus den Augen lassen und auf dich aufpassen würde. Alte Militärs sind nicht zu übersehen,“ erwiderte er lächelnd.

 

Verschämt sah sie zu Boden. Eine leichte, verlegene Röte hatte sich ihrer bemächtigt. Tränen unbewältigter Trauer, aber auch grenzenloser Wut bildeten sich in ihren Augen. Sie wischte sie verlegen weg, konnte die nachfolgende Flut aber nicht mehr zurückhalten. Zu stark war selbst nach so vielen Jahren die Erinnerung an den Tod ihrer Eltern und ihrer Schwester. Leise weinte sie vor sich hin und Walker ließ sie in Ruhe, rührte sich nicht, nahm nur ihre Hand in die seine, ließ sie nicht los, als sie diese in einem ersten Impuls zurückziehen wollte. Dankbar hielt sie sich an ihm fest.

 

„Du weißt also auch das über mich?“ fragte sie nach einer geraumen Weile mit leiser Stimme.

 

„Ich mache auch meine Hausaufgaben, Monique, weiß aber nur das, was in den Polizeiakten steht. Den Rest kann ich mir denken, zusammenreimen und nachempfinden“, erwiderte er mit ruhiger, sanfter Stimme. Sie nickte verstehend.

 

„Hast du noch etwas Zeit?“, fragte er sie nach einer kurzen Pause.

 

„Ja, aber erst muß ich die Damentoilette aufsuchen. Ich will mich ein wenig frisch machen! Niemand soll mich so verheult sehen – auch du nicht, John!“

 

„Ich warte hier!“, nickte er ihr verständnisvoll lächelnd zu, während er aufmerksam seinen Blick wandern ließ. Etwas irritierte ihn an der japanischen Gruppe, nur wusste er nicht, was.

 

In Gedanken lehnte er sich zurück, rauchte bereits das zweite Zigarillo und dachte nach. Sie schien einen cleveren und mutigen Vater zu haben, wenn dieser Frascati’s Büro verwanzen konnte. Monique hatte ihn mit wertvollen Informationen versorgt. Sie war ihm dadurch schon eine wertvolle Hilfe, konnte sie und ihr Daddy Frascati’s Treiben in Frankfurt überwachen. Sorgsam überdachte er seinen Zeitplan für die nächsten zwei Tage.

 

Heute war Montag. Gegen 15:00 Uhr würde mindestens einer aus dem Clan im Laufe des Nachmittags sterben, wenn nicht mehrere.

 

Der Tod Giuseppes und Besims würde den Vater nach Hause locken und ihn hoffentlich für einige Tage an Köln binden. Heute Abend musste Frascati im Taunus sein, um den Deal mit den Leuten vom „Goldenen Lotus“ und mit Dauh Long abzuschließen. Danach würde er mit zwanzig Killern nach Köln kommen. Es wurde Zeit, Frascati weiterhin in tiefen, seelischen Streß zu versetzen und ihn zu beschäftigen, ihm so viel Schaden zuzufügen, wie er nur konnte.

 

Frisch geschminkt und die Tränenspuren beseitigt, trat Monique zehn Minuten später von hinten an ihn heran, schlang die Arme um ihn und küsste ihn zärtlich und dankbar ins linke Ohr. „Dankeschön für alles, John.“ Ihr Stimme und ihr Akzent elektrisierten ihn und am liebsten hätte er seine guten Manieren und alles um ihn herum vergessen.

 

„Da ist noch etwas, John. Fast hätte ich es vergessen.“

 

„Sprich nur. Wir haben Zeit. Der Tag gehört dir.“ Mit einem dankbaren Blick quittierte sie seine Worte und setzte sich, ihren Stuhl näherrückend, wieder.

 

„Am Freitag Nachmittag, als du von der Filiale wegfuhrst und ich ins Büro zurückging, war Bosco auf einmal da. Er machte mir wiederholt sehr eindeutige Avancen, welche ich natürlich entschieden und ihn in seiner Ehre kränkend ablehnte. Daraufhin konnte er sich nur mühsam beherrschen. Seine Schlüssel vom Büro habe ich mitgenommen. Jedenfalls glaube ich, daß Bosco mich seit diesem Freitag hasst und mich beschatten lässt. Ich habe die ganze Zeit immer einen, vielleicht auch zwei Typen in älteren Audimodellen vor oder in der Nähe der Pension stehen sehen. Ein Audi folgte mir auch heute morgen, aber ich konnte ihn abhängen. Es kann natürlich sein, daß einer oder beide trotz allem irgendwo hier auftauchen oder sich versteckt halten und uns beobachten.“

 

Mit einem verstehenden und sinnenden Lächeln nickte Walker. „Gut zu wissen. Die Schlüssel kannst du wegwerfen. Die Filiale existiert nicht mehr. Sie ist gestern Nacht ausgebrannt. Bosco ist tot“, war sein Kommentar. Sie ließ das Schlüsselbund sofort fallen, als hätte sie glühende Kohlen angefaßt.

 

„So plötzlich?“ Sie begriff im Augenblick nicht, daß Walker sich der Filiale bereits angenommen hatte.

 

„Beunruhigt dich das denn gar nicht, daß wir beschattet werden?“ fragte Monique ihn völlig entgeistert.

 

„Nö, überhaupt nicht. Ich weiß es jetzt und weiß auch schon, wie ich mich ihrer entledigen werde. Vielleicht brauche ich dich als Lockvogel. Laß uns mal schauen, wo die Jungs sich denn versteckt halten. Wenn du dann noch Zeit hast, würde ich dich gern ein paar mir wichtigen und sehr engen Freunden vorstellen. Du mußt sie kennenlernen, das heißt, einen kennst du ja schon… - Ben“, erwiderte er und nahm sie beim Aufstehen in die Arme, genoß ihre körperliche Nähe. Sie zuckte zusammen, als sie unbewußt und wie selbstverständlich ihren linken Arm um seine Taille legte und dabei die Waffe in seinem Hosenbund berührte.

 

„Ich glaube, ich muß noch einiges lernen“, sagte sie ihm bedeutungsvoll, als sie ihn erneut umarmte und etwas fester an sich zog, während sie versuchte, sich an die Waffe in seinem Hosenbund zu gewöhnen.

 

„Ja, dein Vater konnte dir nicht alles beibringen“, bestätigte er ihr. „Aber, dafür hast du mich ja jetzt.“

 

„Hmm… – nicht nur dafür…“, bedeutete sie ihm orakelhaft. Lächelnd und mit einem glücklichen Funkeln in seinen Augen nahm er kommentarlos ihre Worte zur Kenntnis. Beide suchten die Nähe des anderen und wussten, sie würden mehr als nur diese finden.

 

Walker führte sie zu einem Nebenausgang des Hotels, von dem sie aus die Zufahrt übersehen konnten. Aufmerksam beobachteten sie die dort abgestellten Fahrzeuge und seine scharfen Augen suchten den betreffenden Audi. Da war er. Er stand im Schatten und im Sichtschutz einer riesigen Platane und war so platziert, daß sein Insasse den Motorradparkplatz unter ständiger Blickkontrolle hatte, jedoch nicht die Ausfahrten der Tiefgarage. Eine zweite Ausfahrt befand sich auf der gegenüberliegenden Seite des komplexen Gebäudes, Richtung Rheinbrücke und Zubringer zur A 3. Der Ford seines Verfolgers stand ebenfalls noch an seinem Platz. Sie konnten also ungehindert das Hotel verlassen.

 

„Komm, wir lassen ihn noch eine Weile warten.“ Er nahm sie bei der Hand und bereitwillig folgte sie ihm in die Tiefgarage zu seinem in der Nähe der Ausfahrt abgestellten Cherokee.

 

*

 

Mittlerweile war es halb zwölf geworden und Walker war zusammen mit Monique zu Bens Privatadresse in Bad Godesberg gefahren. Kim und Ben warteten auf ihren Freund – und staunten nicht schlecht, als sie Walker und Monique die Auffahrt zum Haus heraufkommen sahen. Sie schauten sich grinsend und einander verstehend an. Ben brummte vor sich hin. Nach dem ersten Hallo und gegenseitigen Vorstellen saßen sie bald gemeinsam am Mittagstisch.

 

Walker kam, zu Ben gewandt, direkt zur Sache. „Es gibt Planänderungen und ein kleines Gastspiel in Frankfurt“, teilte er ihm die neuesten Informationen mit. An Kim gewandt, bedankte er sich bei ihr noch einmal herzlich für die Warnung durch ihren Traum. Er erzählte ihr, was es mit diesem auf sich hatte. Erleichtert und freudig überrascht atmete sie auf.

 

„Ich werde gleich nach dem Essen nach Hause fahren und Jean Pierre unterrichten. Er kann dann versuchen, auf höherer Ebene alles in die Wege zu leiten. Ich hoffe sehr, daß noch genug Zeit besteht, Frascati in einer Blitzaktion schwer zu treffen. Wenn diese Aktion funktioniert, wird er noch nicht einmal wissen, woher dieser Schlag kommt. Bei der Schwerfälligkeit der deutschen Verwaltungsbehörden, ihrem Kompetenzgerangel und bis dieser unbewegliche Haufen in Bewegung ist, sehe ich allerdings schwarz für eine Aktion aus dem Handgelenk“, setzte Winston zweifelnd hinzu.

 

„Da könntest du Recht haben. Wahrscheinlich werden sie erst einmal einen Arbeitskreis gründen oder eine Sonderkommission ins Leben rufen und dann erst einmal alles tot diskutieren...“, kommentierte Ben bissig.

 

Kim hatte in der Zwischenzeit von Ben erfahren, daß sich ein Dutzend russische Söldner ihrer annehmen und ihren Aufenthalt in Holland absichern würden. Gegebenenfalls brachten diese Söldnerteams sie und die Kinder zu ihrem Schutz außer Landes, nach Moskau. Sie selbst besaß mittlerweile eine Five-Seven mit 30er Reservemagazinen, einige Handgranaten und einen Satz Wurfmesser, mit denen sie virtuos umzugehen verstand. Abgesehen davon war sie auch eine Meisterin des traditionellen Wushu, eines sehr vielseitigen, chinesischen Kampfkunstsystems. Sie würde sich entsprechend zu wehren wissen. Ein entschlossener Zug lag um ihren Mund. Niemand würde sich an ihren Kindern vergreifen – oder an ihr und ihrem Ungeborenen.

 

Während Kim sich mit Monique auf Anhieb verstand und es so aussah, als würden die beiden Frauen die besten Freundinnen werden, druckste Ben herum.

 

„Na komm schon, ‘raus damit, Ben. Was beschäftigt dich?“, ermunterte ihn sein Freund.

 

„Na ja, John. Das könnte ein heißer Tanz werden und da soll deine kleine Freundin mittanzen? Das gefällt mir nicht besonders. Sie ist zu schade für dieses Geschäft und ich glaube, innerlich auch nicht stabil genug für ein solches Schlachtfest. Ich habe die Befürchtung, sie wird seelischen Schaden nehmen und damit wäre nichts gewonnen. Bei ihrem Vater mag das anders sein, denke ich. Wir sollten sie da ‘raus lassen. Hier hast du noch die Schlüssel von der Tankstelle, falls du Nachschub brauchst und hier von dem Waffenschrank im Keller der kleinen Hütte. Ich habe gestern vergessen, dir die Schlüssel zu geben. Ich weiß, bei dir sind sie in besten Händen. “ Mit einem Augenzwinkern schob er ihm das Schlüsselbund zu.

 

„Vielen Dank, mein Lieber. Wir rechnen dann später ab und ein wirklich guter Gedanke, Ben, aber ich glaube, sie würde noch größeren Schaden nehmen, wenn ich versuchte, sie von ihrem Vorhaben abzuhalten. Sie hat, nachdem sie durch die Psychotherapie und ihre Zieheltern wieder mehr oder weniger „gesund“ wurde und ein relativ normales, stabiles Leben führen konnte, ihr ganzes Leben auf den Augenblick hingearbeitet, Frascati zu finden und zu töten. Monique hat die letzten drei Jahre ihres Lebens und ihr halbes Vermögen investiert, nur um Rache an Frascati zu nehmen. Jetzt steht sie kurz vor der Erfüllung ihres Planes - und wirklich verarbeitet hat sie das Ganze noch immer nicht, wie ich heute morgen beim gemeinsamen Frühstück feststellen konnte. Ich habe ihr unsere Hilfe zugesagt - na ja, meine. Ich werde ihr diesen Erfolg nicht nehmen - auch wenn sie in ihrem Inneren vielleicht weicher und sanfter ist als sie vor sich selbst wahrhaben will. Ich denke, sie ist in deiner Gegenwart gut aufgehoben und kann mir mit dir und ihrem Paps zusammen den Rücken decken. Ich übernehme die Drecksarbeit und gebe ihr eine Chance, ihren Rachedurst zu befriedigen. Wenn sie versagt, sind immer noch wir da.“

 

„Hm… - auch wieder wahr. Na schön, warten wir die ganze Entwicklung ab. Auf jeden Fall freuen Kim und ich uns sehr, daß du jemanden gefunden hast, der dir so wichtig ist, daß du für ihn dein tödliches und selbstzerstörerisches Zigeunerleben aufgeben und seßhaft werden könntest. Zeit wird es ohnehin. Nimm sie und ihren Dad mit zu dir nach Berkum. So könnt ihr euch jederzeit absprechen. Wir hauen jetzt ab. Wenn ich angekommen bin, rufe ich dich an und du kannst Svyatoslavov bitten, seine Söldner in Bewegung zu setzen. Ich gebe dir dann die Adresse durch und warte so lange, bis die Russen eingetroffen sind und dann kann für Frascati die Welt untergehen. “

 

Walker nickte zustimmend und verabschiedete sich von Ben, Kim und den Kids. Er brauchte Kim nur anzusehen um zu wissen, daß seine Sorge um ihr Wohlergehen und das der Kids unbegründet war - trotzdem war er beunruhigt. Etwas gefiel ihm nicht, ließ ihn Düsteres ahnen.

 

Während Ben ihnen bis zum Hotel folgte um auf den Autobahnzubringer zu fahren, brachte Walker Monique zu ihrem Parkplatz. Ramon saß noch immer in seinem Audi und wartete. Unterwegs hatte Walker ihr den Vorschlag gemacht, bei ihm einzuziehen, da er noch zwei Zimmer frei habe, die gut als Gästezimmer fungieren konnten. Er begründete seinen Vorschlag damit, daß sie dann zusammen wären, besser und effizienter planen und sich in ihren Aktionen absprechen könnten. In ein paar Tagen würde dann noch Ben zu ihnen stoßen. Sie sagte sofort zu und Walker gab ihr seine Berkumer Adresse. Monique und ihr Vater würden am frühen Abend gegen 18:30 Uhr dort sein.

 

„Bis heute Abend, Monique. Paß gut auf dich auf.“ verabschiedete sich Walker auf dem Motorradparkplatz.

 

„Paß Du auch auf dich gut auf, John. Ich will dich unter keinen Umständen verlieren.“

 

Walker sah ihr mit gemischten Gefühlen nach, als sie davonbrauste. Noch ein paar Probleme mehr, schalt er sich und schimpfte in Gedanken mit sich, daß er schwach geworden war und gegen jede Logik handelte.

 

Dennoch, in einer nie gekannten Hochstimmung fuhr er nach Hause. Gerade, als er in den Achtzehnmorgenweg einbog, sah er den UPS-Boten. Mit einem kurzen Hupton und einem Lichtsignal macht er ihn auf sich aufmerksam, hinderte diesen am Wegfahren.

 

„Glück gehabt“, bedeutete der Bote ihm.

 

„Na ja, gutes Timing“, erwiderte Walker gutgelaunt, quittierte die Handvoll Päckchen und Pakete warf sie auf den Beifahrersitz. Er fuhr das Tor hinunter und ließ den Cherokee in der Einfahrt stehen. Während sich das Tor automatisch wieder schloß hetzte Walker ins Haus und kontrollierte flüchtig seinen elektronischen Briefkasten. Er enthielt keine wichtigen E-Mails. Schnell informierte er Jean Pierre über den bisherigen Stand der Dinge, daß er Monique und ihren Vater gefunden habe und sie zusammenarbeiten würden. Er bat Jean Pierre darum, die deutschen Behörden über das Auffanglager im südlichen Taunus zu informieren und anzuregen, gegen 19:30 Uhr während des Deals das Nest auszuheben. So könnten Sie Frascati und Dauh Long in flagranti beim Drogenhandel erwischen und beide hochnehmen und sicher auch eine Menge junger Frauen und Kinder finden, die von Frascati dort gefangen gehalten wurden. Walker hatte nur nicht mit der Schwerfälligkeit sowohl der französischen als auch der deutschen Behörden gerechnet. Beide Behörden setzten die Festnahme Frascati’s und Dauh Longs so richtig in den Sand, kamen 24 Stunden zu spät, konnten nur noch das Lager ausheben und die gefangenen Opfer befreien.

 

Walker ging hinaus, holte die verschiedenen Sendungen aus dem Fahrzeug und maskierte sich. Die Glatze, die buschigen, weißen Augenbrauen und der weiße Schnäuzer ließen ihn zu einem völlig anderen Menschen werden.

 

Anzug und Krawatte vervollständigten sein Äußeres zu einem Geschäftsmann mit einem Allerweltsgesicht. Seine blauen Augen kaschierte er mit ein paar grün gefärbten Kontaktlinsen und einer Sonnenbrille. Walker betrachtete sich in der Diele im Spiegel. Zufrieden schlurfte er zu seinem Laptop und studierte die Notizen in seinen Unterlagen.

 

Es war jetzt 13:45 Uhr. Gegen 15:00 Uhr kam Mario mit Innocenzo aus der Schule.

 

Die MK 2 mit dem 20er-Magazin trug er wie gewohnt hinten im Hosenbund, den Schalldämpfer schob er gewohnheitsmäßig in die rechte Jacketttasche. Einer Eingebung folgend, steckte er ein präpariertes Semtexpäckchen mit Funkzünder ein.

 

*

 

Einsam und verlassen lag die Marcus-Aurelius-Straße in der hochsommerlichen Hitze vor ihm, machte in ihrem oberen Straßenverlauf nach zirka fünfzig Metern einen Knick, verbarg danach das Einkaufszentrum und gab den Blick auf eine, nur wenige hundert Meter lange Straße frei, die an ihrem Ende in den Militärring mündete. Walker hatte sein Fahrzeug auf der rechten Straßenseite, zwei Meter vor einer Kastanie, geparkt. Der mächtige Baum stand vielleicht zehn bis zwölf Meter von der Zufahrt zu Frascatis Anwesen, bot Walker genug Deckung und spendete auch ein wenig Schatten. Walker wartete.

 

Um 15:20 Uhr bog der Audi langsam um die Ecke, am Steuer saß Innocenzo, hinten im Fond saß Mario. Innocenzo hatte wegen der großen Hitzewelle, die offensichtlich selbst die Klimaanlage nicht bewältigen konnte, auf Marios Wunsch die Seitenfenster heruntergelassen. Er fuhr halb auf den Bürgersteig und betätigte den Signalgeber. Keine Reaktion seitens des massiven Tores. Fluchend stieg er aus, verwünschte die Fernsteuerung und drückte auf einen getarnten Schalter. Als er sich zum Öffnen in das schwere Tor stemmte, wandte er Walker sein Gesicht zu. Zweimal ruckte die Waffe in Walkers Hand. Innocenzo war schon tot, bevor er mit herausgeschossenen Augen auf dem Boden aufschlug. Anschließend nahm Walker Mario ins Visier. Wieder ruckte die Waffe zweimal und auch Mario empfahl sich seinem Schöpfer.

 

Walker startete den Cherokee. Durch die getönte Scheibe seines Fahrzeugs sah Walker durch das halb geöffnete Tor, wie Maria taumelnd aus dem Hausflur stürzte und schreiend auf das offene Tor zulief, wohl ahnend und wissend, was geschehen war. Aus den Augenwinkeln nahm er noch wahr, wie sich die Tür des Anbaus öffnete und Rosie und Rijad aus dem Haus stürzten, dann bog er in die Militärringstraße in Richtung Kölner Verteiler ein.

 

Frascati/Djuric hatte einen weiteren, empfindlichen und grausamen Schlag versetzt bekommen, den er so schnell nicht verkraften würde. Walker hatte an einem Wochenende mit einem Schlag fast den gesamten „harten Kern“ seines Clans ausgelöscht. Frascati verlor plötzlich alles, was ihm wichtig war, ihm zu Hause Sicherheit gab.

 

 „Jetzt sind es nur noch vier“, zitierte er zufrieden, während er die Aktionkamera abnahm und entspannt und gelassen nach Hause fuhr.

 

*

 

 

 

14

 

 

 

 

 

Berkum: Montag, 5. September, 18:00 Uhr

 

Walker saß entspannt vor seinem Laptop, rauchte sein schwarzes Zigarillo und sah sich die DVDs aus Boscos Autovermietung an. Es war nicht viel Brauchbares dabei, bis auf die DVD, auf der er von einer Kamera schon gefilmt wurde, als er das Flughafengebäude verließ. Er sah sich auch den Rest der DVDs an und war sehr zufrieden, der Filiale einen Besuch abgestattet zu haben. Jeder hätte ihn ohne weiteres identifizieren können. Er schnitt die DVD in kleine Stücke und verbrannte sie auf der Terrasse im Grill, als es vor dem Haus laut wurde und sich das röhrende Orgeln der Kawasaki bemerkbar machte. Rasch ging er ins Haus und öffnete von der Diele aus das Gatter, ließ Monique und ihren Vater mit seinem Peugeot in die Einfahrt.

 

Da waren sie. Scheu, aber herzlich begrüßte sie ihn mit einem zaghaften Kuß auf die Wange. Die beiden Männer begrüßten sich wie alte Freunde. Sie mochten sich und wussten beide, sie würden sich gut verstehen. Winston zeigte ihnen ihre Zimmer. Während sie sich häuslich einrichteten, richtete er in der Küche ein leichtes, mediterranes Abendessen. Bens Anruf von Unterwegs während einer kurzen Rast ließ ihn die Herrichtung des Abendessens unterbrechen.

 

Winston informierte Ben in knappen Worten über den aktuellen Stand. Ben war still geworden. Er musste diese Nachricht erst noch verdauen. Im Stillen lief ihm eine Gänsehaut über den Rücken.

 

„Du bist mehr als nur gruselig. Fünf Tote innerhalb von drei Tagen - wow. Das muß ich erst einmal verarbeiten“, sagte er leise nach einer langen Pause, konnte sich eines leisen Schauderns nicht erwehren. Sein Verdacht, daß John Winston der berüchtigte Walker war, erhärtete sich.

 

„Na ja, sie haben es mir leicht gemacht, denn der Überraschungsmoment war ja bisher immer auf meiner Seite“, erwiderte Walker. Du wirst die Aufnahmen sehen können, wenn du wieder hier bist. Ich gebe jetzt Svyatoslavov Bescheid.

 

Ein kurzer Anruf in Moskau und die Iljuschin II bekam ihren Startbefehl. In rund dreieinhalb bis vier Stunden würde sie in einem gesperrten und abgesicherten Teil des Amsterdamer Flughafens landen, die zwölf Söldner und die beiden Fahrzeuge ausspucken und startbereit auf ihre Rückkehr warten. Bei ihrer Ankunft würden sie das genaue Ziel kennen. Zum Zielort waren es zirka 70 km über die A7 Richtung Norden.

 

*

 

Während Winston seine Gäste auf die Terrasse einlud, nicht ohne vorher die Alarmanlage einzuschalten, informierte er Claude Renoir und Monique umfassend über die vergangenen Ereignisse. Es wurde aus seiner Sicht Zeit, die letzten Vorbereitungen zu treffen.

 

Während er sich nach dem Abendessen noch einmal das Filmmaterial von Samstag ansah, wurde ihm klar, warum es keinerlei Hinweise in den Abendnachrichten gab. Die Leichen von Giuseppe und Besim waren eine Stunde später mit einem Leichenwagen durch Bosco abtransportiert. Walker war überrascht, als er sah, wer da tief betroffen von dem plötzlichen Tod von Giuseppe und Besim auftrat. Das war doch Bosco, der da plötzlich allein erschien. Walker grübelte und langsam dämmerte ihm, daß er offensichtlich Boscos unbekanntem Zwillingsbruder am Samstag begegnet war im Glauben, Bosco vor sich zu haben.

 

`Na schön, was soll`s. Sind es also wieder fünf,´ sagte er sich leichthin in Gedanken.

 

Rosita hatte Bosco über Handy angerufen. Danach war Maria nicht mehr ansprechbar, murmelte ständig undeutlich etwas vor sich hin und daß sie auf ihn warten würde.

 

Bosco hatte sich nach kurzer Zeit wieder gefasst. Er orderte einen Leichenwagen, der nach 35 Minuten vorfuhr. In der Zwischenzeit hatte er die Leichen in speziellen Säcken verpackt und in die Zufahrt zum Anbau gelegt. Dann begann er, den blutverschmierten Straßenteil vor dem Haus mit einem starken Dampfstrahler zu bearbeiten. Als der Leichenwagen eintraf, war Bosco mit seinen Aufräumungsarbeiten fertig. Sämtliche Spuren waren beseitigt. Das routinierte Verladen von Giuseppe und Besim dauert jeweils nur wenige Minuten. Im Bestattungsunternehmen würde man sich ihrer gebührend annehmen.

 

Bosco blieb bei Maria und wollte Frascati anrufen, ihn informieren. Nach ein paar vergeblichen Versuchen gab er seine Bemühungen auf. Eine Gänsehaut überkam ihn, als er sich der Stille des Hauses bewusst wurde, die nur von der unruhig durchs Haus wandelnden und vor sich her murmelnden Maria unterbrochen wurde. Maria stand unter einem tiefen, seelischen Schock. Er rief Dr. Manolo an, der wenige Minuten später erschien und ihr ein sehr starkes Beruhigungsmittel spritzte, welches sie für die nächsten Stunden tief und traumlos schlafen ließ und die Schockwirkungen hoffentlich aufheben würde. Er hielt sich für den Fall, daß Frascati anrufen würde, bereit.

 

Die Aufnahmen vom Montag zeigten, wie Innocento und der Audi mit Mario im Font blitzschnell auf das Grundstück geholt worden waren, während Rosie telefonierte. Offensichtlich rief sie wieder Bosco an, welcher kurze Zeit später mit leichenblasser, ungesunder Hautfarbe erschien. Die Entsorgung der beiden Toten lief in routinierter Weise ab. Maria war zusammengebrochen und nicht mehr ansprechbar, hatte sich in eine eigene Welt zurückgezogen.

 

Bei der Sichtung und Archivierung des Filmmaterials hatte Winston einen Plan gefasst, den er nun Claude und Monique ausführlich auseinandersetzte.

 

*

 

 

 

15

 

 

 

 

 

Südlicher Taunus, Montag: 19:25 Uhr

 

Es war ein warmer, spätsommerlicher Abend über dem südlichen Taunus und die untergehende Sonne kleidete die Landschaft in ein warmes, mehr oder weniger kitschiges Postkartenlicht. Das ganze Areal machte einen gepflegten Eindruck und erinnerte mit ein wenig Phantasie an die Bauten der Hobbits aus dem Herrn der Ringe.

 

Zum großen Teil waren die Gebäude bis zu den vergitterten Fensterbänken in die Erde eingelassen. Ihre Dächer waren mit dicken Grassoden belegt, gingen fließend in das sie umgebende Gelände auf. Die ehemalige Bunkeranlage aus dem zweiten Weltkrieg passte sich perfekt ihrer Umgebung an. In ihr wurde Frascatis Kapital in Form von jungen Frauen und manchmal auch Kindern beiderlei Geschlechts gefangen gehalten. Ein Entkommen gab es nicht. Von einem erhöhten Aussichtspunkt des Lagers hatte man eine hervorragende Fernsicht und sah näher kommende Fahrzeuge schon von Weitem.

 

Während Frascati gelassen und entspannt auf der hölzernen Veranda saß und auf den Kurier wartete wurde Dauh Long zusehends nervöser. Unruhig rutschte er auf seinem Stuhl hin und her, ein leichter Schweißfilm überzog sein pockennarbiges Gesicht.

 

Er misstraute dem Ganzen, obwohl er mit sechs ausgesucht guten Bodyguards erschienen war und zusätzlich die versprochenen zwanzig Leute in drei Vans in unmittelbarer Nähe wusste.

 

Frascati hatte nur seine beiden Thai als Sicherheitseskorte bei sich, abgesehen von den fünfzehn bewaffneten Rumänen und Tschechen, die das Gelände in zwei Schichten sicherten. Heute war auch die erste Schicht im Einsatz und lag bereits gut gedeckt mit entsicherten Waffen im Anschlag. Sie würden auf ein Handzeichen Frascatis die Chinesen im Bedarfsfall unter ein tödliches Kreuzfeuer zu nehmen wissen.

 

„Sie kommen“, klang es vom Tor zur Veranda herüber. Das vereinbarte Lichtzeichen war gegeben worden.

 

Schlingernd bog der schwarze Audi um die Ecke, schoß auf das sich öffnende Tor zu und kam kurz darauf vor der hölzernen Veranda zum Stehen. Im gleichen Augenblick öffneten sich die hinteren Türen und zwei in schwarzem Leder gekleidete Chinesen stiegen in aller Ruhe aus, beobachteten gelassen die aufgeworfenen Hügel und die elektrische Umzäunung des Geländes, wobei ihnen ihre schwarzen Hüte den nötigen Augenschutz gegen die letzten Sonnenstrahlen verliehen, während sich gemächlich die Vordertüren des Fahrzeugs öffneten und zwei weitere Chinesen, ebenfalls in schwarzem Leder gekleidet, das Fahrzeug verließen. Der Beifahrer ging ohne Eile zum Heck des Fahrzeugs und öffnete den Kofferraum, holte zwei Aktenkoffer hervor. Alle vier Chinesen strahlten eine selbstsichere Souveränität der Gewalt aus, ließ den einen oder anderen aus Dauh Longs und Frasctis Mannschaft frösteln.

 

Gelassen sah ihnen Frascati entgegen. Er kannte das theatralische Gehabe seiner Lieferanten und zeigte sich daher unbeeindruckt, während Dauh Long noch mehr schwitzte und verstohlen nach seiner Smith&Wesson griff.

 

„Mach jetzt keine Dummheiten, Dauh Long“, warnte ihn Frascati leise, fast schon flüsternd. „Wir sind sonst beide schneller tot als der Flügelschlag eines Schmetterlings dauert. Das ist nur Gehabe und chinesische Theatralik, eine Zurschaustellung ihrer Macht - aber es kann von einer Sekunde zur anderen blutiger, absolut tödlicher Ernst werden. Die vier ersetzen deine zwanzig Leute spielend. Du solltest deine Landsleute eigentlich besser kennen.“

 

„Hast du das Geld?“ wurde Frascati gefragt.

 

„Sicher, wenn du den Stoff hast.“

 

„Hier ...“, bedeute ihm der Fahrer des Audi. „Prüfe es, während ich nachzähle.“

 

Sofort eilte der „Doc“, ein Drogenexperte aus Frascatis Mannschaft, herbei und machte aus beiden Koffern zwei Stichproben.

 

„Alles bestens. Die reinste Sahne. Wie immer, allerbeste Qualität“, kam nach wenigen Minuten die Rückmeldung des „Doc‘s“.

 

Der Fahrer hatte in der Zwischenzeit die Geldmenge überprüft und mit einem zufriedenen Grunzen den Koffer an sich genommen.

 

„Ok. Dann bis zum nächsten Mal. Ich wünsche dir ein langes und erfülltes Leben!“, verabschiedete er sich.

 

Völlig entspannt ging er zu seinem Audi, legte den Geldkoffer in den Kofferraum, setzte sich hinter das Lenkrad und wartete, bis seine Kameraden ebenfalls ihre Sitzpositionen eingenommen hatten. Dennoch sicherten sie mit scharfem Blick nach allen Seiten, als das Fahrzeug wendete und das Auffanglager verließ.

 

Langsam entspannte sich Dauh Long. „Wer waren diese Typen?“ wollte er aufatmend wissen.

 

„Männer vom „Goldenen Lotus“ aus Holland. Sie gehören zum Syndikat, einer unglaublich mächtigen Organisation. Dieses Syndikat nennt sich „der schwarze Kreis“ und arbeitet weltweit. Die Leitung des „Goldenen Lotus“ hat angeblich eine geheimnisvolle Madame Chow. Niemand kennt sie, hat sie jemals zu Gesicht bekommen“, erklärte ihm Frascati geduldig, wobei er ihm einen Koffer mit Heroin zuschob.

 

„Dein Anteil, Dauh Long.“

 

„Wer von deinen Jungs steht mir für deine Leute gerade und spricht ausreichend deutsch?“, wollte Frascati wissen.

 

„Wang Yu“, rief Dauh Long. Eine schmale Gestalt löste sich vom vorderen Van und kam auf die Veranda zugeeilt. Dauh Long sagte ihm kurz auf kantonesisch und dann noch einmal auf deutsch, daß er und seine anderen neunzehn Männer die nächsten vier Wochen unter dem Kommando von Frascati standen und seine Anweisungen bedingungslos auszuführen hatten. Wer zurück käme, würde einen Extrabonus erhalten. Mit einer knappen Verbeugung signalisierte Wang Yu sein Einverständnis und seine Kooperationsbereitschaft, ging zurück zu seinem Van, ließ die Leute einsteigen und wartete mit laufendem Motor.

 

„Ok. Ich fahre jetzt mit meinen beiden Thai und deinen zwanzig Leuten direkt nach Köln. Sobald ich wieder den Durchblick habe, melde ich mich bei dir. Meine Sekretärin in Frankfurt wird alle eingehenden Telefonate erledigen. Wenn du etwas hast, wende dich an sie.“

 

*

 

 

 

16

 

 

 

 

 

Zur etwa gleichen Zeit in Berkum - Frankfurt

 

John, Claude und Monique machten sich für einen Kurztrip nach Frankfurt fertig. Sie wollten Frascatis Büro und seine Nachtclubs dem Erdboden gleich machen. Monique würde im Auto warten und die beiden Männer bei einer aufziehenden Gefahr rechtzeitig über ein Handy warnen.

 

Während Frascati gegen 19:45 Uhr in gehobener Stimmung mit seinen zwanzig Leuten über die rechtsrheinisch geführte A3 nach Köln fuhr, nicht ahnend, daß ihn dort bereits grausige Neuigkeiten und der Schock seines Lebens erwartete, Dauh Long frohlockend über seinen guten und gelungenen Rauschgiftdeal nach Leipzig raste, fuhren John und seine beiden Gäste zügig über die linksrheinisch geführte A 61 bis Koblenz, wechselten dort auf die A 3 in Richtung Frankfurt. Gegen 20:30 Uhr trafen sie endlich bei Frascatis Bürohaus, bereits in tiefem Dunkel liegend, ein.

 

Claude übernahm die Führung. Die beiden Besucher betraten das zweistöckige Bürogebäude und benutzten die Feuertreppe. Leise und vorsichtig öffneten sie die feuerfeste Tür und ließen diese geräuschvoll wieder ins Schloß fallen, so, als hätte ein Windstoß die Tür endgültig geschlossen. Mit angehaltenem Atem und schussbereiten Waffen warteten sie auf eine Reaktion. Fünf Minuten. Nichts geschah. Walker öffnete erneut die Tür, sicherte nach allen Richtungen und betrat den kurzen Flur. Der Aufzug befand sich unmittelbar gegenüber von Frascati Enterprises.

 

Claude Renoir glitt wie ein Schatten an ihm vorbei auf die Tür zu, untersuchte sie kurz und hatte sich Sekundenbruchteile später Zugang zum Vorzimmer verschafft. Eine dichte Wolke eines schweren, süßlichen Parfums hing noch in der Luft. Die Sekretärin musste wohl erst vor kurzem ihre Arbeit beendet haben. Hoffentlich kam sie nicht überraschend zurück. Claude widmete sich den zwei Schlössern von Frascatis Heiligtum. Nach einigen vergeblichen Versuchen hatte er Erfolg und vorsichtig öffnete er die Tür. Alles war noch so, wie er es in Erinnerung hatte. Claude ging auf ein Bild zu, klappe es zur Seite und legte einen Safe frei, dem er sich sofort widmete, während Walker seine scharf geschalteten Sprengsätze verteilte. Es würde ein ordentliches Feuerwerk geben und Frascatis Untergang in Frankfurt würde mit einem gewaltigen Bumms seinen Abschluß finden. Claude hatte dank seines Werkzeugs den Safe schnell geöffnet, der Zugriff auf die dahinter liegenden, verschlossenen Fächer blieb ihm allerdings verwehrt.

 

Walker sah seine Not und Hilflosigkeit.

 

„Neueste Bauart,“ war seine lakonische und knappe Antwort. „Hier, nimm das,“ und drückte ihm eine Thermitladung in die Hand. „Schmelzen wir ihm den Kasten zusammen. Es bleibt ohnehin nicht viel übrig.“ Mittlerweile war es 20:40 Uhr geworden. Nach einem kontrollierenden Blick in die Runde verließen sie das Büro und waren in wenigen Minuten bei der insgeheim Blut und Wasser schwitzenden Monique. Sie zeigte deutliche Erleichterung, als die beiden Männer wieder zustiegen. Walker wechselte auf den Fahrersitz, gab Gas und fuhr in Richtung Bahnhofsviertel. Sie wollten den drei Nachtclubs Frascatis, die sich auf zwei Straßenzüge verteilten, einen kurzen Besuch abstatten. Frascatis Nachtclubs, das „Crazy“, das „Donna“ und das „Herz-Dame“ öffneten erst um 22:00 Uhr. Es war mittlerweile 21:00 Uhr und die Schuppen wurden durch das gestresste Personal hektisch für die abendlichen Shows vorbereitet.

 

Walker schlich sich durch den Lieferanteneingang ins „Crazy“, mischte sich unter das diverse Getränke anliefernde Personal. Unbemerkt deponierte er seine 200 Gramm-Pakete. 5 Minuten später verließ er das Etablissement mit zwei Gebinden Bier. Nach dem gleichen Muster verfuhr er im „Donna“ und im „Herz-Dame“. Sie alle waren mit großzügig dimensionierten Sprengstoffpaketen präpariert.

 

Walker steuerte das Fahrzeug um den nächsten Block und hielt an. Von hier aus hatte man noch einen recht guten Überblick über die Hunsrückstraße und einen guten Blick auf die beiden Striplokale. Das „Crazy“ lag in unmittelbarer Nähe der beiden anderen Etablissements.

 

Walker reichte Monique den Auslösesender. „Bitte, deine Runde! Vernichte Frascatis Einnahmequellen.“

 

Zögernd nahm sie die Schaltbox an sich, sah ihn aus großen Augen fragend an.

 

„Du hast noch ca 25 Minuten, bis die Schuppen geöffnet werden und sich das Leid dieser Mädchen wie jeden Abend wiederholt.“

 

„Ich glaube, ich kann das nicht.“

 

Mit einem wütenden Wortschwall auf französisch mischte sich Claude Renoir gestenreich ein. Monique sah ihn nur eingeschüchtert an. Tränen flossen über ihr Gesicht, als sie nacheinander die Auslöser drückte. Walker hatte in der Zwischenzeit eine Action-Cam angelegt und filmte aus sicherer Entfernung alles mit.

 

Mit einer verheerenden Explosion zündete der erste Sprengsatz, legte das Gebäude, in dem sich das „Crazy“ befand, in Schutt und Asche. Im Umkreis von hundert Metern zerbarsten die Fensterscheiben, wackelten die Wände anderer Häuser. Die wenigen Passanten blieben wie durch ein Wunder unverletzt, kamen mit einem tiefen Schreck davon. Das Personal des „Crazy“, ein bunt zusammengewürfelter Haufen aus Zuhältern, Schlägern und anderen Kriminellen wurde zerrissen und blutüberströmt unter den Trümmern begraben. Keiner entkam diesem Anschlag. Geschockt, unfähig, die Situation zu begreifen, nahmen die Menschen in den beiden anderen Etablissements die Zerstörung des Nachtclubs wahr, hörten das Jaulen der sich nähernden Rettungseinheiten und sahen das nervende Blaulicht der eintreffenden Polizeiwagen. Niemand wusste, wer den Nachtclub in die Luft gejagt hatte. Sie würden auch nie eine Antwort auf diese Frage bekommen, denn der Explosionsstaub hatte sich noch nicht gelegt, als für die Angestellten der Nachtclubs „Donna“ und „Herz-Dame“ die Welt gewaltsam unterging, eine ebensolche Verwüstung angerichtet wurde wie wenige Augenblicke zuvor im „Crazy“.

 

Die eingesetzten Rettungsdienste waren überfordert. Aus allen Frankfurter Vierteln wurden sämtliche Feuerwehr- und Rettungseinheiten abgezogen. Ein Großaufgebot an Polizeibeamten begann weiträumig das Rotlichtviertel abzuriegeln. Walker entkam über eine verschlafen wirkende Seitenstraße, die noch nicht abgeriegelt war und fuhr zurück zu Frascatis Büro. Ein Druck von Walker auf den Knopf des Fernzünders und Frascatis Büro sowie das angrenzende Sarglager wurde zu einem brennenden Inferno. In dieser Nacht wurde Frascati Enterprises für immer ausgelöscht.

 

Von all dem ahnte Frascati nichts, als er gegen 22:30 Uhr in Köln eintraf. Dauh Long hingegen erhielt einen anonymen Anruf und sah seine Chance gekommen.

 

*

 

Walker hatte mit Claude den Fahrersitz gewechselt und sich in den Fond des Cherokee gesetzt. Monique saß neben ihm, blieb aber auf Abstand, war sehr blaß geworden und sah schweigsam und stur geradeaus. Sie musste den Anschlag auf die vier Dependancen erst noch verkraften. Ihre Augen gingen unruhig hin und her und ein leichtes Zittern hatte von ihr Besitz ergriffen, welches sich zu verstärken begann. Monique stand unter Schock. Walker zog seine Jacke aus und hüllte sie darin ein. Dankbar kuschelte sie sich schweigsam an ihn und versank bald in einen unruhigen Schlaf.

 

„Paps, mir wird schlecht. Ich ....“ Monique war panikartig wach geworden.

 

Verständnisvoll fuhr Claude sofort auf den Randstreifen der Autobahn, schaltete die Warnblinkanlage ein und gab ihr Gelegenheit, sich zu erleichtern. Walker hielt sie am Becken fest und als sie sich in den Fond des Wagens zurücklehnte, reichte er ihr schweigsam eine Wasserflasche. Gierig trank sie die Erfrischung. Claude und Walker warteten geduldig darauf, daß sie sich wieder beruhigte und wieder zu sich fand.

 

Dankbar genoß sie die Schweigsamkeit der beiden Männer, rollte sich wieder in Walkers Jackett und kuschelte sich erneut an Walker, war sofort wieder eingeschlafen. Claude und Walker hatten Hunger und hielten bei dem nächsten Drive-in von McDonalds. Während Claude das Essen besorgte, wurde Monique wach. Ratlos sah sie sich um.

 

„Wo sind wir?“ fragte sie mit dünner Stimme.

 

„Auf einem Drive-in-Parkplatz von McDonalds. Claude besorgt etwas zu Essen. Wenn du magst, teilen wir uns meine Portion. Geht es dir wieder besser? Hast du den Schock überwunden?“ erkundigte er sich fürsorglich.

 

„Ich weiß nicht. Seit Freitag ist alles auf einmal anders. Plötzlich gibt es nur noch eine Unzahl Toter und in die Luft gesprengte Häuser um mich herum. Tod und Verderben für so viele Menschen. So habe ich mir das nicht vorgestellt.“

 

„Na ja, es handelt sich um die übelste Sorte der Spezies Mensch, die mit dem Leid und der perversen Gier anderer Menschen ihr großes Geschäft machen -und wo gehobelt wird, fallen nun mal Späne. Es hat bisher noch keine Unschuldigen getroffen. Jeder von ihnen war schuldig.“

 

Verstehend nickte sie, wurde zusehends ruhiger.

 

„Trotzdem, ich hatte mir meine Vergeltung für Frascati anders vorgestellt.“

 

„Und wie?“

 

„Keine Ahnung. Nicht so, irgendwie anders.“

 

„Verstehe.“

 

Nach einer Pause fragte sie: „Du bist Walker, nicht wahr?“

 

Er sah sie lange an, sah ihr tief in die Augen und erkannte trotz ihrer Verstörtheit, ihrer inneren Zerrissenheit ihre Gefühle für ihn. „Ja, ich bin Walker und du bist eine von den Wenigen, die das jetzt weiß!“

 

„Ich danke dir! Ich habe es mir schon gedacht. Nur du konntest so kaltblütig sein und die beiden auf der dunklen Straße mit dem Messer erledigen, den Zwillingsbruder von Bosco zur Hölle schicken und heute Nachmittag Frascatis Schwager und diesen paranoiden Sohn erledigen. Auch wenn ich mich an dieses Geschäft zu gewöhnen versuche, ich weiß, daß ich es nicht kann. Ich kann es einfach nicht - nur, Frascati muß sterben.“

 

„Stimmt, und er wird sterben.“

 

„Aber...“, kam es wie ein Hauch von ihren Lippen, während sie wieder einschlief. Endlich erschien Claude und sie machten sich hungrig über das Fast-Food her.

 

Die weitere Heimfahrt verlief ereignislos. Zuhause angekommen, brachte Walker Monique zu Bett, während Claude das Fahrzeug in der Garage unterbrachte, das Gatter hochfuhr und nach dem Einschalten der Alarmanlage stillschweigend in seinem Zimmer verschwand. Walker entkleidete sie bis auf den Slip und BH, deckte sie zu und löschte das Licht. Leise und nachdenklich verließ er ihr Schlafzimmer.

 

*

 

 

 

 

 

Impressum

Texte: by B. Terlau
Bildmaterialien: B. Terlau
Cover: B. Terlau
Lektorat/Korrektorat: B. Terlau
Übersetzung: keine
Satz: B. Terlau
Tag der Veröffentlichung: 01.07.2018

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