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PROLOG

 

Am Abend vor dem großen Sterben ging Ben Glück mit Angst im Bauch zu Bett, weil für den nächsten Morgen eine schwere Klassenarbeit anstand. Was diesen normalerweise unumgänglichen Termin anging, machte der Vierzehnjährige seinem Namen alle Ehre und hatte tatsächlich Glück. In allem anderen jedoch…

Ben wachte auf, weil der Radiowecker ihn mit dem treibenden Beat eines Oldies weckte: dem Refrain von Closer To The Edge, den eine fast vergessene Band namens Thirty Seconds to Mars intonierte. Er liebte diesen Groove. Zu dieser Zeit gab es auch noch Strom, sonst wäre ihm schneller etwas aufgefallen. So aber schlurfte er erst einmal unter die Dusche, zog sich an und verließ sein Zimmer.

Ab da wurde es komisch.

Er war es gewohnt, in die Küche zu kommen und vom Duft frisch gebratener Eier mit Speck empfangen zu werden. Die Kaffeemaschine blubberte, der Tisch war komplett gedeckt und die erste Ladung Toast brutzelte schon vor sich hin.

Normalerweise.

An diesem Morgen war alles anders. Die Küche war kalt. Und still.

Eigentlich, fand Ben, sah sie genauso aus wie gestern Abend, als er sich zum Schlafen verabschiedet hatte.

„Mama?“

Seine belegte Stimme verriet, dass er beunruhigt war. Er konnte sich nicht erinnern, dass seine Mutter oder sein Vater – erst recht nicht beide zusammen – jemals an Werktagen außerhalb der Ferien verschlafen hatten.

Unwillkürlich machte er auf dem Absatz kehrt und ging zum elterlichen Schlafzimmer.

„Mama? Papa?“

Zaghaft klopfte er an die Tür.

Niemand antwortete.

Sein Herz klopfte plötzlich bis zum Hals, trotzdem drückte er die Klinke nach unten und machte die Tür soweit auf, dass er den Kopf durch den Spalt schieben konnte.

Drinnen war es hell.

Weil es draußen längst hell war und jemand die Jalousien nach oben gezogen hatte…

Ben erkannte seinen Irrtum in dem Moment, als er das verwüstete Bett sah und sein Blick zum Fenster huschte. Gleichzeitig blies ihm Zugluft entgegen, weil –

Sein Herz setzte für einen Takt aus.

– das große Schlafzimmerfenster nicht einfach nur auf Kippe oder ganz offenstand, sondern eingeschlagen war.

Im Rahmen hingen nur noch ein paar vereinzelte, gezackte Scherben.

Mit bleiernen Beinen bewegte sich Ben auf das Fenster zu. Dabei glitt sein Blick eingehender über das Doppelbett, von dem jemand sämtliche Decken, Kissen und sogar das Laken geworfen und die Matratze mit einem Messer oder was auch immer aufgeschlitzt hatte. An manchen Stellen quollen die Drähte der Federung heraus.

Bens kindliches Gehirn errichtete einen Schutzwall, sodass er nicht weiter darüber nachdachte, wie so etwas hatte geschehen können. Gleichzeitig zog ihn das zertrümmerte Fenster fast magnetisch an. Im Nähertreten sah er auch Reste der Jalousien im Freien baumeln, was ihn zu dem Schluss brachte, dass sie doch geschlossen gewesen waren – als das, was die Scheibe zum Bersten gebracht hatte auch sie beschädigte.

Aus Bens Mund löste sich ein leises Wimmern, das er selbst gar nicht bemerkte.

Er trat an die Fensterbank.

Ein letztes Zögern – dann streckte er den Kopf über die Brüstung und blickte nach unten.

Die Stadt bot ein noch erschreckenderes Bild als die Wohnung. Überall standen kreuz und quer Autos auf den Straßen und Bürgersteigen herum. Mancherorts waren sie auch in Schaufenster, Vorgärten oder den Kiosk gegenüber gerollt.

Ben versuchte zu erkennen, ob sich noch jemand in den verunglückten Fahrzeugen befand. Aber aus der Höhe war das schwer zu sagen.

Dann blickte er steil nach unten und sah auf dem Bürgersteig vor dem Haus zwei riesige rote Flecken.

Sonst nichts.

Nur Rot, als wären zwei Farbeimer hinuntergefallen und auseinandergeplatzt.

Jetzt erst drang eine ferne Sirene an sein Gehör. Ben versuchte die Richtung, aus der sie kam, herauszufinden, aber er sah Rauch an verschiedenen Stellen der Stadt aufsteigen.

Irgendwo brannte es.

Die Sirene veränderte weder Ton noch Lautstärke. Andere Fanfaren, etwa von Feuerwehrautos oder Sanitätern, wurden nicht laut, obwohl fast jeden Tag Einsatzwagen der Polizei oder des Rettungsdienstes durch das Straßengewirr der Großstadt eilten.

Ben spürte, wie ihm kalt wurde.

Nach ein paar Minuten löste er sich vom Fenster und ging in die Diele. Dort stand die Handystation. Er nahm das Mobilteil herunter und wählte die Nummer seiner Tante, die nur ein paar Blocks weiter wohnte und keinem Beruf nachging.

Die Leitung war frei, es läutete durch. So lange, bis irgendwann das Besetztzeichen kam.

Bens Hand am Hörer zitterte jetzt wie Espenlaub.

Er versuchte noch drei, vier andere Nummern, zuletzt die beiden für den „äußersten Notfall“, wie seine Eltern ihm eingetrichtert hatten, zuerst die der Polizei, dann die der Rettungsleitstelle.

Bis auf die 112, wo sich eine Stimme vom Band meldete, hob niemand ab – und auch da war es ja nur ein Automat.

Ben verließ die Wohnung im achten Stock und klingelte bei den Nachbarn auf derselben Etage.

Niemand reagierte oder machte gar auf.

Ben versuchte es auf anderen Etagen, auch bei der alten Frau Heinecke. Deren Tür stand zwar offen, aber seine Rufe blieben unerwidert, und irgendwie hatte er Angst, in die Wohnung zu treten.

Irgendwann kehrte er in die elterliche Wohnung zurück. Er drückte die Tür nicht nur hinter sich in Schloss, sondern schob auch den Sicherheitsriegel vor.

Er zitterte jetzt am ganzen Körper.

Von da an verließ er die eigenen vier Wände nicht mehr aus eigenem Antrieb.

Er wartete, ohne genau sagen zu können, worauf eigentlich.

Im Kühlschrank war noch einiges an Essen, und es gab auch ausreichend zu trinken.

Nur der Fernseher machte Mucken. Entweder lief gar nichts oder Programme, mit denen er nichts anfangen konnte. Im Radio dasselbe.

Kritisch wurde es, als sich die Nacht über die Stadt senkte. Die erste Nacht ohne Eltern. Oder überhaupt ohne Menschen.

Ben machte alle Lichter in der Wohnung an und baute sich ein Lager hinter der Wohnzimmercouch. Hier fühlte er sich einigermaßen sicher. Aber er fand kaum Schlaf.

Der nächste Tag war fast wie der zurückliegende, nur, dass Brandgeruch durch die Fenster hereinkam, weil ganz in der Nähe ein Haus in Flammen stand.

Ben hatte Angst, dass das Feuer bis zu ihm kommen würde, aber irgendwann erlosch es. Warum, konnte er nicht erkennen.

In der folgenden Nacht passierte etwas Schlimmes: Der Strom fiel aus. Alle Lichter erloschen gleichzeitig, und Ben hörte unheimliche Geräusche draußen und im Haus selbst.

Einmal glaubte er, Schritte vor der Wohnungstür zu hören, aber die Angst war größer als die Hoffnung, seine Eltern könnten zurückgekehrt sein.

Später kam es einen gewaltigen Knall und Lärm im Treppenhaus, und als wieder Stille einkehrte, fiel Ben in einen Erschöpfungsschlaf, aus dem er erst wieder gegen Mittag des nächsten Tages erwachte.

Da hatte sich, wie ein Blick aus dem Fenster verriet, wieder etwas Neues in der Stadt getan. Gerade noch in Sichtweite schien ein neues Gebäude dazugekommen zu sein, das Ben noch niemals zuvor gesehen hatte. Es fiel ihm sofort auf, obwohl es keine besondere Größe hatte. Etwas Bedrohliches ging davon aus, und es verlangte Überwindung, überhaupt hinzuschauen.

Am Nachmittag öffnete Ben die Wohnungstür und spähte vorsichtig ins Treppenhaus. Die Tür der Wohnung gegenüber war aufgebrochen und hing schief in den Angeln.

Ben schoss die Hitze ins Gesicht.

Schnell verrammelte er wieder die Wohnung. Aber es nützte nichts. In der kommenden Nacht kamen sie zu ihm.

 

 

Ben starb tausend Tode, als die Tür, wie bei der Wohnung gegenüber, aus den Angeln gehoben wurde. Irgendwo in der Nähe brannte es wieder, sodass flackernder Schein sich mit der Dunkelheit der Wohnung vermischte.

Ben wagte sich nicht hinter seinem Couchversteck hervor, aber sie fanden ihn trotzdem.

Wie aus dem Nichts heraus sprang ein Körper auf ihn zu. Er schrie verzweifelt auf, dann spürte er auch schon den Stich. Von da an wurde alles gut.

Bei vollem Bewusstsein, aber ohne Angst, wurde er aus Wohnung und Haus getragen.

Unterwegs begegneten ihm andere, die sich in ähnlicher Lage wie er befanden. Auch sie wurden getragen, weil ihre Beine dazu nicht mehr in der Lage waren.

Schließlich tauchte vor ihnen ein wunderschönes Haus auf, wo er und die anderen nach all der Mühsal endlich ihren Frieden fanden.

Ben sah zu, wie ein wohliges Bett um ihn herum gestrickt wurde. Er war so müde. Er wollte nur noch ruhen.

Von irgendwoher drangen schmatzende Geräusche und wiegten ihn in den Schlaf…

 

 

 

 


 

 

EINS

Johann Fürchtegott Proktor verstand es, seine TV-Auftritte zu zelebrieren, obgleich er einfach nur dastand, vor einem schlichten Rednerpult, an dem nichts von dem Illuminaten-Führer selbst ablenkte. Wie jedes Mal, seit die Sendungen im Bunker empfangen wurden, trug Proktor einen schwarzen Anzug mit violettem Schlips über einem dunkelgrauen Hemd. Auf dem Knoten der Krawatte prangte ein kleines rotes Emblem, dessen Ränder golden glänzten. Auf der Nasenspitze des älteren Mannes, über dessen wahres Alter die Soldaten, die gebannt auf den Bildschirm starrten, immer noch spekulierten – er konnte ebenso gut erst sechzig wie deutlich über achtzig sein –, klemmte eine Lesebrille, die er immer dann konsultierte, wenn er auf ein vor ihm liegendes Papier hinunterblickte. Aber das geschah selten. Freie Rede, auch unter Einbindung komplexer wissenschaftlicher Fakten, war eine von Proktors unstrittigen Fähigkeiten.

Aber der Anführer der Illuminaten wirkte bei jeder neuen Sendung mehr wie ein selbsternannter Messias, der versuchte, Anhänger – Jünger – um sich zu scharen, in seinen unmittelbaren Einflussbereich zu locken.

Wie üblich in den letzten Stunden, warnte der Illuminaten-Führer auch jetzt vor den Schrecken des Virus, das nicht nur Landstriche, sondern angeblich die ganze Welt so gut wie entvölkert hatte. Da draußen wüte eine Seuche von biblischen Ausmaßen, wurde er nicht müde zu unterstreichen.

„Da draußen“, das war aus der Sicht von Drei-Sterne-General Friedrich Schiller eigentlich „da oben“. Er befand sich mit zweihundertfünfzig ihm unterstellten Soldaten in „Terrasse Grün“ – irgendein Zyniker im Verteidigungsministerium hatte den unterirdischen Hochsicherheitskomplex zwischen Vollmarshausen und Dörnhagen einmal aus einer Bierlaune heraus so getauft.

Die Verniedlichung Terrasse Grün drückte das genaue Gegenteil dessen aus, was die unterirdische Bunkeranlage tatsächlich darstellte. Statt der Aussicht von einer erhöhten Warte aus gab es nur in künstliches Licht gehüllte Katakomben, die über ein Labyrinth von Gängen miteinander verbunden waren. Und grün war hier unten fast gar nichts; Betongrau dominierte neben Rot, Gelb oder Schwarz, mit denen die Wände beschriftet waren. Diese Beschilderungen leuchteten bei Stromausfall und Dunkelheit von ganz allein; sie waren mit fluoreszierender Farbe aufgetragen worden.

Der Raum, in dem sich Schiller aufhielt, war vollgestopft mit Monitoren und anderer Technik, die es ihnen ermöglichte, die Propaganda der Illuminaten zu empfangen.

„Ihre Befehle, Herr General?“, rief sich seine Ordonanz in Erinnerung. Der Gefreite Lummer stand etwas versetzt von der einzigen Tür des Kommandostands, den Schiller kaum noch verließ, seit an der Oberfläche die Seuche grassierte und dabei war, sämtliche Säulen der Zivilisation zum Einsturz zu bringen.

Wahrscheinlich existiert sie schon gar nicht mehr – und wird auch nicht wiederzubeleben sein. Wir halten an überholten Werten fest. Die Rangabzeichen auf meinen Schulterklappen beeindrucken vielleicht noch den kleinen Haufen hier im Bunker. Ob sie da draußen noch etwas zählen, weiß allein der Himmel.

Oder doch eher die Hölle? Denn offenbar war die Welt da oben ja zu genau dem geworden. Der letzte Kontakt, den Schiller mit seinem Verbindungsmann im Verteidigungsministerium gehabt hatte, lag drei Tage zurück und war mitten im Satz abgebrochen. Alle Versuche, die Verbindung zu seiner vorgesetzten Stelle wiederherzustellen, waren gescheitert. Die meisten nationalen Fernsehübertragungen, die seither hereinkamen, spulten inzwischen Programme aus der Konserve ab. Die Hoffnung, daraus Tendenzen herauslesen zu können, wie der globale Kampf gegen den tödlichen Erreger geführt wurde, hatte Schiller schon wenige Stunden nach dem Ausbruch des Virus begraben. Einzig die von ihm mit größtem Argwohn verfolgten Illuminaten-Sendungen schienen stets auf dem aktuellsten Stand zu sein.

Wer waren diese verdammten Illuminaten überhaupt? Und wieso schienen sie so unverhältnismäßig wenig unter dem allgemeinen Kollaps zu leiden zu haben?

Der Verdacht, dass diese Gruppierung, die erstmals vor einem Vierteljahrhundert von sich reden gemacht hatte, etwas mit der Seuche zu tun haben könnte, drängte sich förmlich auf.

Aber selbst wenn er damit ins Schwarze traf – da draußen schien es niemanden mehr zu geben, der diese Geheimbündler zur Rechenschaft zog. Sie konnten schalten und walten, wie es ihnen beliebte – und streiften sich dabei auch noch das Mäntelchen der Nächstenliebe über.

Seit Stunden gingen Meldungen über die Sender, in denen die Überlebenden – oder die Immunen, wie sie genannt wurden – vom charismatischen Proktor aufgefordert wurden, sich zu der jeweils nächstgelegenen Illuminaten-Basis zu begeben. Proktor bezeichnete die Stützpunkte seiner länderübergreifenden Organisation in all seinen Reden als „Fluchtburgen“ in Zeiten der globalen Gefahr.

Schiller wusste, dass der Begriff „Burg“ nicht zufällig oder als reine Metapher gewählt war. Seine Recherchen in den Speicherbänken der Bunkerrechner hatten ergeben, dass die Illuminaten seit ihrer Gründung weltweit bevorzugt tatsächliche Burgen oder vergleichbare Bauten aufgekauft hatte, um darin, unbeachtet und ungestört von der Öffentlichkeit offenbar ihr eigenes Süppchen zu kochen. Die Illuminaten hatten sich über zweieinhalb Jahrzehnte von der Außenwelt abgeschottet und waren immer nur dann in Erscheinung getreten, wenn es nötig wurde, um ihren Einflussbereich zu erweitern.

Die Regierungen der Staaten hatten dabei tatenlos zugesehen. Aus einem Grund, der Schillers Blut in Wallung brachte. Weil die Politiker und ihre Exekutiven längst vor dem kapituliert hatten, was sich vor ihrer Haustür abspielte. Die schleichend entstandenen Parallelgesellschaften innerhalb sämtlicher Staatsgrenzen hatten zum Zeitpunkt des Virus-Ausbruchs schon so viel Macht auf sich gebündelt, dass ein gewaltsames Vorgehen gegen sie völlig utopisch gewesen wäre.

Die Regierungen der meisten Länder hatten nur noch auf dem Papier existiert. Die wahre Macht im Staate war von zwielichtigen Strukturen wie den Kalifaten in westeuropäischen Großstädten ausgeübt worden – oder eben jener Illuminaten, die sich nun, nach der Katastrophe, immer stärker in den Fokus der Überlebenden rückten.

„Meine Befehle?“ Schiller fasste seine Ordonanz scharf ins Auge. „Rufen Sie Faller zu mir. Ich brauche eigene Informationen – nicht nur das, was diese obskuren Samariter uns auftischen.“

„Faller, Herr General, ich kümmere mich darum.“ Lummer salutierte, machte auf dem Absatz kehrt und verschwand aus der Tür.

Friedrich Schiller sah ihm nach und hatte den Anflug einer Ahnung, wie die Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren sich gefühlt haben mochten – nach dem Einschlag des Meteoriten, als sich schon absehen ließ, dass ihre Tage gezählt und die Welt nie mehr „ihre“ sein würde.

 

 

Wenige Stunden später

Schiller verengte die Augen und rutschte näher an die Monitor-Phalanx heran, über die er mit seinem engsten Stab den Außeneinsatz verfolgte.

Oberstleutnant Martin Faller, der den Trupp befehligte, war einer seiner besten Männer. Fallers Vater hatte mehrere Auszeichnungen während der Hungeraufstände erhalten, und offenbar war sein Können an den Sohn vererbt worden. Selbst in höchster Gefahr und einer scheinbar ausweglosen Situation behielt Faller einen kühlen Kopf. Das hatte er nicht nur in zahllosen Kampfsimulationen, sondern – und darauf kam es letztlich an – auch in mehreren realen Kampfeinsätzen in Krisengebieten bewiesen.

Auf Faller war also Verlass, und da der Oberstleutnant die Mitglieder seines Erkundungstrupps handverlesen hatte, konnte Schiller davon ausgehen, dass auch auf sie Verlass war.

Der General leckte sich halbwegs zufrieden über die Lippen. Als sich das äußere Schleusenschott öffnete, schaltete er auf die Helmkamera des Oberstleutnants, der an der Spitze seiner Männer ins Freie trat.

Jeder einzelne Missionsteilnehmer war mit einer Kamera ausgestattet, auf die Schiller von seinem Regiepult in der Bunkerzentrale aus Zugriff hatte. Das Videosystem war so regelbar, dass Schiller entweder in dieselbe Richtung schaute, in die auch der Kameraträger sein Gesicht gewandt hatte, oder ließen sich schwenken. Ein spezielles Programm lieferte bei Bedarf sogar eine Rundumsicht, die via Rechner aufbereitet und als Panoramabild auf die Mattscheiben projiziert wurde.

Es gab immer Situationen, in denen das eine sinnvolle Option war.

Schiller blieb zunächst auf der konventionellen Einstellung, die ihm das zeigte, was auch Faller zeitgleich ins Auge fasste, und das war das Militärgelände mit seinen vereinzelten Erhebungen, den Hangars für den Fahrzeugpark beispielsweise. Andere Hügel verbargen die Abschussvorrichtungen, der unterirdisch gelagerten Nuklearraketen.

Geradeaus war das Tor zu sehen, das jeder passieren musste, wenn er das umzäunte Gelände betreten oder verlassen wollte. Eine asphaltierte Straße, breit genug selbst für Schwertransporte, führte zum Tor, das rechts und links von zwei Würfelbauten flankiert wurde, die aus der Ferne wie Pförtnerhäuschen aussahen.

Neben den Häuschen – Schiller brauchte nur auf die entsprechende fest montierte Kamera im Torbereich umzuschalten, um das Bild heranzuzoomen – lag einer der Soldaten, der zum Zeitpunkt des Virusausbruchs Wachdienst verrichtet hatte. Er hatte kaum noch Fleisch auf den Rippen. Seine Kleidung war so achtlos zerfetzt, als hätte ein ungeduldiges Geburtstagskind die Verpackung eines Geschenks auseinandergerissen.

Schiller war ein abgehärteter Militär, der viele übel zugerichtete Leichen gesehen hatte. Die schlimmsten Fälle waren seiner Erfahrung nach Opfer von Tretminen oder Selbstmordattentätern, und in beiden Fällen war Sprengstoff der Verursacher hochgradiger Verstümmelung gewesen. Hier jedoch…

Schiller merkte, wie sich sein Magen zu einem kalten Klumpen zusammenzog.

Hier jedoch hatten die eigenen Kameraden, die mit Wache geschoben hatten, dem Bedauernswerten all das zugefügt.

Schiller wusste nicht, wie oft er sich die Aufzeichnung der Torkameras angesehen hatte, obwohl es ihn größte Überwindung gekostet hatte. Aber der bestialische Akt hatte ihm keine andere Wahl gelassen, als ihn sich immer und immer wieder zuzumuten. Er hatte gehofft, irgendwann begreifen zu können, was die völlig entfesselten Soldaten getan hatten – aber letztlich hatte er sich nur tiefe seelische Verletzungen zugefügt.

Es gab keine rationale Erklärung für das Schlachtfest, das die Torwachen an einem der Ihren zelebriert hatten in jener Nacht, als sich die ganze Welt veränderte. Zu dritt waren sie über den vierten hergefallen und hatten ihm bei lebendigem Leib mit ihren Zähnen Fleischbatzen aus dem Körper gerissen. Aus Wange, Hals, Bauch, Armen, Beinen…

Schiller versuchte den Schauder, der ihn überrollen wollte, zu unterdrücken.

Drei seiner Soldaten, die bis dato niemals auffällig geworden waren, hatten während der schicksalshaften Nachtwache ihren Kameraden wie Raubtiere zerfleischt. Nicht genug damit, hatten sie an ihm gefressen, solange, bis sie offenbar gesättigt von ihm abließen. Danach hatten sie mit berserkerhaften Kräften das Tor mit ihren blutigen Händen aufgestemmt, waren hinausgeschlüpft und sabbernd, kichernd, grunzend in der Nacht verschwunden.

Statt dieses Kraftakts hätte es auch ein einfacher Knopfdruck in einem der beiden Torhäuser getan – aber das schienen die zu Ungeheuern entarteten Soldaten vergessen zu haben.

Schiller verdrängte die Erinnerung an das, wovon der Leichnam erzählte, der immer noch am Ort der Untat lag, weil es zu riskant gewesen wäre, ihn zu bergen. Der General konzentrierte sich auf den Trupp, der vier Tage nach dem Untergang der menschlichen Zivilisation, aufgebrochen war, um die aktuelle Lage an der Oberfläche zu sondieren.

Schiller wollte Informationen aus erster Hand und nicht länger auf die Aussagen eines ominösen Ordens angewiesen sein, der sich aufführte, als hinge von ihm allein der Fortbestand dessen ab, was von der Spezies Mensch noch übriggeblieben war.

Obwohl sich Faller zielstrebig vorwärtsbewegte, ruckelte die Aufnahme kaum. Die Kameras waren mit hochwertigen Bildstabilisatoren ausgestattet und konnten – ebenso wie die Helmvisiere – sogar auf Infrarotsicht umgestellt werden, was bei Nachteinsätzen einen erheblichen Vorteil bedeutete.

Trotzdem waren Schillers Gefühle zwiegespalten, als er zusah, wie Fallers Trupp sich durch die wahrscheinlich immer noch hochgradig verseuchte Atmosphäre bewegte.

Wenn auch nur annähernd stimmte, was die Illuminaten behaupteten, dann konnte das Virus sie bei der kleinsten Unachtsamkeit umbringen – oder in kannibalische Monster verwandeln.

Passt auf euch auf, dachte Schiller und sah zu, wie seine Soldaten den nächstgelegenen Hangar ansteuerten. Es machte keinen Sinn, die Umgebung zu Fuß zu erkunden, wenn erstklassige Fahrzeuge zur Verfügung standen.

Fallers Trupp brauchte nur wenige Minuten, um das BWS - ein Boden-Wasser-Scooter - für das man sich schon im Vorfeld des Einsatzes entschieden hatte, startklar zu machen und in Bewegung zu setzen.

Das gelände- und gewässertaugliche Amphibienfahrzeug verfügte über eine autarke Luftversorgung. Dennoch hatte Faller Weisung, die Anzüge – und damit die Helme – während des gesamten Einsatzes geschlossen zu halten. Immerhin konnten sie das Virus in das BWS eingeschleppt haben, vielleicht haftete der Mikro-Tod bereits an ihren Anzügen.

Kein unnötiges Risiko, hatte Schiller den Oberstleutnant ermahnt.

Einer von Fallers Männern – Hauptmann Zoltan Weißhaupt – hatte sich hinter das Steuer des BWS gesetzt. Er startete den Motor und alle benötigten bordinternen Systeme. Zu den Vorbereitungen gehörte auch die Vernetzung der Fahrzeugkamera mit dem Bunker; Schiller konnte von nun an auch darauf zugreifen.

Faller hatte sich in den Ko-Sitz gepflanzt, die restlichen vier Missionsteilnehmer nahmen auf den Bänken zu beiden Seiten des Fonds Platz. Über einen periskopartig aus der Decke ragenden Monitor konnten sie verfolgen, was auch Pilot und Ko-Pilot durch die Panzerglaskuppel der Steuerkanzel sahen.

Langsam, aber stetig schneller werdend, rollte das BWS aus dem offenen Hangar und hielt auf die Zaunabsperrung zu, hinter der das alsphaltdurchzogene Waldgelände begann.

Die elektronische Torsteuerung war bei dem Gewaltausbruch zerstört worden; der Spalt, den die Kannibalen hinterlassen hatten, mochte für Menschen ausreichen, für das BWS nicht.

Es sei denn, es half auf seine Weise nach.

Mit unvermindertem Tempo raste der Amphibienpanzer auf die schmale Lücke zu…

… und erweiterte sie beim Aufprall mit einer Selbstverständlichkeit, die Schiller in seinem Beobachtungsstand hoffen ließ, dass auch der Rest der Mission ohne größere Zwischenfälle abgewickelt werden konnte.

Und zunächst sah es auch danach aus.

Die geteerte Straße, der das BWS folgte, schlängelte sich durch das Waldstück, das die Bunkeranlage umgab; die Bundeswehr-Einrichtung befand sich ungefähr in der Mitte zwischen den Ortschaften Vollmarshausen und Dörnhagen.

Die Menschen der Umgebung hatten sich an den Stützpunkt gewöhnt – ohne allerdings auch nur zu ahnen, was an tatsächlichem Vernichtungspotenzial in den unterirdischen Abschussbasen schlummerte.

Der Gedanke, dass all die Ahnungslosen sich darüber nie mehr würden Gedanken machen müssen, versetzte Schiller einen Stich.

Eine Welt ohne Menschen konnte und wollte er sich nicht vorstellen. Insgeheim hoffte er immer noch, dass sich die Behauptungen der Illuminaten als maßlos übertrieben herausstellen würden. Er hoffte dies wider besseres Wissen – denn dass die übrige Welt schwieg, war eigentlich der unumstößliche Beweis für die Richtigkeit ihrer Aussagen.

Und es dauerte nicht lange, bis auch Faller und seine Leute das zu spüren bekamen.

 

 

Vom Waldrand aus konnte Faller kaum bis nach Vollmarshausen blicken. Auch mit Feldstecher. Die Luft war diesig.

Der Oberstleutnant hatte einen Stopp an der Baumgrenze befohlen. Während der Fahrt durch das Wäldchen hatten sich keine besonderen Vorkommnisse ereignet, und es waren auch keine größeren Auffälligkeiten entdeckt worden.

Na ja, dachte Faller, abgesehen von den Pilzen vielleicht.

Sie hatten mehrfach Pilzkolonien am Straßenrand passiert, die ihnen in dieser Ausdehnung noch bei keiner anderen Fahrt auf derselben Strecke ins Auge gestochen waren. Vielleicht lag es daran, dass es die letzten Tage mehrfach heftig geregnet und der nährstoffreiche Waldboden darauf reagiert hatte.

Es handelte sich um unterschiedliche Pilzarten, aber was sie allesamt auszeichnete, war ihre kapitale Größe. Steinpilze mit Stielen, dick wie ein Männerschenkel, und Schirmen, deren Durchmesser an Pizzateller heranreichte, wechselten sich mit anderen für die Gegend typischen Pilzarten ab.

Unter anderen Umständen hätte Faller sich im Schlaraffenland gewähnt – unter den gegebenen aber eher in einem Gruselkabinett. Er hoffte, dass sich dieses Megawachstum auf Pilze beschränkte und nicht plötzlich ein Wildschwein, groß wie ein Kleinwagen aus dem Unterholz gestürmt kam, um das BWS zu rammen. Die Panzerung hätte einem solchen Angriff fraglos standgehalten – trotzdem verursachte die bloße Vorstellung Faller eine Gänsehaut.

„Soll ich weiterfahren?“, fragte Weißhaupt.

Faller hörte die Anspannung, unter der sein Nebenmann stand, deutlich aus der Funkstimme heraus.

„Noch nicht“, sagte der Oberstleutnant. Sein Blick ging über die mit Weidefläche, die sich zu ihrer linken neben der Straße erstreckte. Sie war mit Stacheldraht umzäunt – fast wie die Bunkeranlage im Wald, kam ihm zum ersten Mal bei einem solchen Anblick in den Sinn –, aber im Gegensatz zum Draht, der unverändert schimmerte, waren die Pfosten kaum noch wiederzuerkennen. Das graue Holz der Pfähle mochte schon immer von Flechten und Schwamm bewachsen gewesen sein; aber an diese Art von Patina hatte sich der Betrachter im Vorbeifahren gewöhnt gehabt. Das, was jetzt aus den Pfosten wucherte, war hingegen unübersehbar.

Faller machte Weißhaupt darauf aufmerksam und zoomte einen der Pfähle über die BWS-Kamera näher heran. Das Resultat zeichnete sich auf dem Display ab, das zwischen Fahrer und Beifahrer ins Armaturenbrett eingelassen war.

„Wie die Pilze unterwegs“, sagte Hauptmann Weißhaupt. „Als hätte jemand Wachstumsbeschleuniger erster Güte über die scheiß Pilze gesprüht!“

Die Gebilde, zu denen die Weidepfosten geworden waren, sahen aus wie bleiche Riesenkakteen, nur, dass ihnen die Stacheln fehlten. Die aufgedunsenen Schwämme standen wie fleischige Blätter nach allen Seiten ab.

Noch während Faller an der Zoomeinstellung justierte, keuchte neben ihm Weißhaupt plötzlich: „Heh! Was ist das?!?“ Er beugte sich vor und tippte mit dem behandschuhten Finger auf einen Bereich des Displays.

Faller vergrößerte den Ausschnitt automatisch noch höher.

Dann sah auch er, was dem Hauptmann schon vor ihm aufgefallen war: Ganz oben, im „Gipfel“ des grotesken Gebildes, klemmte etwas zwischen zwei Schwammsegmenten wie zwischen den Lippen einer Kreatur. Es schauten nur noch Kopf und Schnabel und der Zipfel eines Flügels heraus. Das Gefieder des Vogels war schwarz. Aber dieses Schwarz war von blutigen Rinnsalen durchzogen, die so flüssig glänzten, als wäre der Tod erst vor wenigen Minuten, allenfalls Stunden eingetreten.

„Eine Krähe!“, krächzte Weißhaupt so heiser, als versuchte er, einen Rabenvogel nachzuahmen.

Faller war ebenso überrascht wie der Fahrer des BWS – oder die anderen Mitglieder des Erkundungstrupps, die im Fond heftig zu diskutieren begonnen hatten, weil sie auf ihren Schirmen dasselbe sahen wie die Cockpitbesatzung.

Faller zögerte kurz, die Gespräche zu unterbinden, tat es dann aber doch.

Die Stimmen im Fond verstummten augenblicklich.

„Eine Krähe“, wiederholte Faller, was Weißhaupt gesagt hatte, und fügte hinzu: „Das Ding muss sie sich geschnappt haben, als sie es als Aussichtpunkt benutzen wollte.“

„Ich hasse die Viecher“, murmelte Weißhaupt. „Hab mal gesehn, wie sie auf einem Reh am Straßenrand hockten. Das Reh war ohne Kopf. Muss einem Auto in die Quere gekommen sein. Die Krähe sah auf dem blutigen Rumpf und hackte immer wieder mit dem Schnabel rein. Das Bild vergess ich nie. Und deshalb geschieht dem Scheißvogel ganz recht, wenn es zur Abwechslung mal ihn erwischt hat!“

„Weißhaupt!“

„Entschuldigung, Herr Oberstleutnant!“

Faller spürte, dass Weißhaupt seinen kurzen Ausbruch nicht wirklich bedauerte. „Wollen Sie am Steuer abgelöst werden?“, fragte er. „Wenn Sie sich dem Druck nicht gewachsen fühlen…“

„Alles in Ordnung, Herr Oberstleutnant! Alles in Ordnung!“

Faller wusste, dass Schiller alles, das sich bei ihnen zutrug, ebenfalls mitbekam. Dass der Bunkerkommandant bislang noch nicht das Wort erhoben hatte, wertete er als gutes Zeichen. Er war immer gut mit dem General ausgekommen.

Und das soll auch so bleiben.

Er konzentrierte sich wieder auf die Aufgabe, mit der sie den Bunker verlassen hatte.

„Weiterfahren. Wir durchqueren Vollmarshausen, ohne anzuhalten. Vorrangiges Ziel ist Kassel. Wir müssen wissen, wie es dort aussieht. Kleinere Ortschaften sind nur dann von Relevanz, wenn sich unterwegs Gründe ergeben, dort doch anzuhalten. Ansonsten: in zügiger Fahrt über die Landesstraße 3203 nach Lohfelden, Waldau, durch die Südstadt bis ins Kasseler Zentrum…“

Doch der nächste Streckenstopp kam schon nach weniger als zwei Kilometern, und kein anderer als Faller selbst erteilte den Befehl dazu.

 

 

Unterwegs tauchten die ersten Zivilfahrzeuge auf. Pkws und der eine oder andere Kleintransporter. Die meisten waren in den Straßengraben gerutscht und zum Stillstand gekommen, ein BMW-Cabrio hatte sich jedoch um den einzigen Baum weit und breit gewickelt; offenbar war er nach dem Aufprall in Brand geraten, denn nicht nur das Auto selbst, auch der Baum waren weitgehend verkohlt. Die Flammen hatten das Verdeck bis auf die Metallteile verzehrt, und im Vorbeifahren waren deutlich die beiden wie Holzkohle glänzenden Insassen zu sehen, die es nicht mehr aus den Gurten geschafft hatten. Der Anblick war grausig und unwirklich zugleich.

Die Fahrzeuge in den Gräben – manche waren offenbar auch noch ganz normal auf dem Asphalt zum Stehen gekommen – waren ausnahmslos verlassen.

Was Faller die Fahrt dann unterbrechen ließ, hatte seine Ursache wieder auf der Weidefläche neben der Straße.

Etwa zwei Kilometer vom Waldrand entfernt kamen sie zu einer Stelle, wo der Zaun über eine Länge von gut zwanzig Metern niedergerissen oder -getrampelt war. In Steinwurfweite davon lagen mehrere Rinder, die es nicht herausgeschafft hatten, über die Wiese verteilt. Die meisten erweckten den Eindruck, als wären sie durch den Fleischwolf gedreht oder in ein Becken mit den gefräßigsten Piranhas geworfen geworden, die die Welt je gesehen hatte.

Faller musste unwillkürlich an den Wachmann denken und wie er gestorben war. Allerdings hoffte er, dass nicht wirklich Menschen hinter diesem Gemetzel steckten.

Eine Hoffnung, die sich erfüllen sollte, wenn auch auf makaberste Weise.

„Dort!“

Wieder war es Weißhaupt, dem zuerst auffiel, dass zwei, drei dicht beieinanderliegenden Tierkadavern offenbar immer noch Bewegung war.

Faller nahm den Feldstecher, während Weißhaupt diesmal die BWS-Kamera auf das Ziel justierte und es heranzoomte.

Der Mund des Oberstleutnants wurde knochentrocken, als er sah, warum sich eine der Kühe immer noch bewegte.

Kühe waren Vegetarier.

Eigentlich.

Aber diese hier hatte es offenbar vergessen.

Fallers Puls raste, als hätte er gerade einen Sprint absolviert. Die Kuh hob den Kopf und richtete ihre Triefaugen auf das BWS, als hätte das Geräusch von Fallers Herzschlag sie bei ihrem blutigen Mahl unterbrochen. Ein halbes Euter, auf dem sie unverdrossen weiterkaute, hing aus ihrem Maul; das Gesicht des Wiederkäuers war mit Blut, Milch, Exkrementen und Grasbüscheln verunstaltet. Die Augen, die Faller durch den Feldstecher anzuglotzen schienen, waren schneeweiß, von roten Adern durchzogen.

Im Nachhinein bezweifelte Faller, dass sein Tun einen wirklichen Sinn hatte, aber in dem Moment ließ er sich dazu hinreißen.

Eigenhändig richtete er den Lauf des aufmontierten MG auf die Kuh, die sich nicht nur durch das Fleisch ihrer verendeten Artgenossen wühlte, sondern sie mit hoher Wahrscheinlichkeit vorher auch umgebracht hatte.

Das Hämmern des MG hallte dumpf bis ins Innere des BWS.

In Weißhaupts Gesicht stand Genugtuung zu lesen, als Faller das mindestens eine Tonne wiegende, mord- und fresslüsterne Tier mit großkalibrigen Kugeln zerhackte.

Aber statt einfach zusammenzubrechen, fing es an, auf das BWS zuzustürmen. Der Körper der Kuh wirkte unnatürlich aufgebläht und schien sämtliche Projektile wie ein mit Sand gefüllter Sack zu schlucken.

Faller wechselte vom MG zur Panzerfaust – dem zweiten Geschützaufbau, der das Dach des BWS zierte.

Die schwarzbunte Kuh kam mit atemberaubender Geschwindigkeit näher, dennoch bewahrte Faller einen kühlen Kopf. Erst als er sicher war, das Biest im Fadenkreuz zu haben, schickte er das Hohlladungsgeschoss auf die Reise.

Es traf den Vierbeiner im Brustbereich, und in der nächsten Sekunde regnete es Blut, Fleisch, Knochen und Fellreste, von denen einige sogar auf das Verdeck des BWS niederprasselten.

Weißhaupt aktivierte die Scheibenwaschanlage. Die Reinigungsflüssigkeit vermischte sich mit dem, was einmal Teil der Kuh gewesen war. Rot wurde zu wässrigen rosafarbenen Schlieren – aber dann klärte sich die Sicht, und das BWS nahm wieder Fahrt auf.

 

 

Vollmarshausen hatte ungefähr dreieinhalbtausend Einwohner gehabt, als Faller zuletzt – und das lag erst wenige Tage zurück – durch die Ortschaft gefahren war. Normalerweise herrschte um diese Tageszeit reger Verkehr. Dass sich das geändert hatte, war Faller zwar bewusst gewesen, aber es nun hautnah zu erleben, wie ausgestorben die Hauptstraße war, durch die Weißhaupt das BWS lenkte, dabei immer wieder Hindernissen auswich, war eine ganz andere Sache.

Als sie die ersten Häuser passierten, meldete sich erstmals der General über Funk.

„Die Illuminaten-Nachrichten sind unmissverständlich, was das Schicksal der Menschen angeht. Die Chance, auf jemanden zu treffen, auf den diese Bezeichnung noch rückhaltlos zutrifft, ist verschwindend gering – dafür ist von nun an vermehrt mit dem Auftauchen von Kreaturen zu rechnen, die das Virus ihrer Menschlichkeit beraubt hat, die aber nun ein Schein- oder Schattendasein fristen. Zombieartige Gestalten, die das BWS vermutlich aus ihren Unterschlupfen lockt. Seien Sie auf jede Heimtücke vorbereitet, Oberstleutnant, Sie werden noch gebraucht!“

„Danke, General!“, gab Faller fast reflexartig zurück.

Er fühlte sich den Anforderungen dieses „Ausflugs“ nach wie vor gewachsen, auch wenn ihn die bisherigen Sichtungen nicht kalt gelassen hatten.

Innerlich wappnete er sich gegen das Auftauchen von Kreaturen, wie Schiller sie gerade beschrieben hatte. Zugleich aber hoffte er geradezu, endlich einmal einen Menschen… oder auch nur einen „Menschen“ zu Gesicht zu bekommen. Die scheinbare Verlassenheit von Vollmarshausen versetzte ihn in größere Anspannung, als es ein –

Sein Gedankenfaden riss.

Etwa fünfzig Meter vor ihnen lösten sich zu beiden Seiten der Straße Gestalten aus der Deckung, hinter der sie bis dahin offenbar verharrt hatten.

 

 

Weißhaupt stoppte das BWS auf Fallers Weisung zwanzig Meter vor der Gruppe, die die Straße verstellte. Überschlägig zählte Faller zwei Dutzend Männer, Frauen und sogar Kinder. Die Erwachsenen waren ein Querschnitt durch alle Altersklassen, das jüngste Kind mochte zwölf sein, das älteste sechzehn.

Ehemalige Bewohner von Vollmarshausen?

Das Verstörende an den Erscheinungen waren zum einen die ausdruckslosen Mienen, zum anderen aber auch die zerlumpte Kleidung und die teilweise klaffenden Wunden an den bloßliegenden Hautstellen. Außer Verletzungen waren auch Geschwüre und geschwulstartige Beulen zu sehen; manche wässerten, andere wirkten wie eingetrocknete, hühnereigroße Warzen.

Kein sehr appetitlicher Anblick. Aber damit konnte Faller leben. Was ihm ganz und gar nicht gefiel, war die stoische Sturheit, mit der die Gruppe die Distanz zum BWS langsam, aber stetig schmelzen ließ.

„Sie bewegen sich hölzern, fast wie Marionetten, nur an unsichtbaren Führungsfäden“, sagte Weißhaupt leise.

„Sie glauben, jemand lenkt sie?“ Faller hob beide Brauen und legte die Stirn in Falten. Vielleicht beunruhigte ihn der von Weißhaupt geäußerte Gedanken deshalb so sehr, weil er sich selbst gerade wie eine von Schiller ausgeschickte, ferngesteuerte Puppe vorkam. Ihre Ganzkörper-Monturen, die sie gegen Viren und Keime schützen sollten, unterstrichen diesen Eindruck noch.

„Das wollte ich damit nicht sagen.“

„Was dann?“

„Nur, wie komisch sie sich bewegen. Irgendwie… eingeschränkt. Oder selbst limitiert, um Kraft zu sparen.“

„Kraft wofür? Um sich länger in der neuen Welt behaupten zu können?“ Noch während Faller die Fragen formulierte, wurde ihm

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: Wolf Winter
Cover: Daniela Patricia von deincoverdesign.de
Tag der Veröffentlichung: 29.06.2020
ISBN: 978-3-7487-4783-3

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