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KUNST-UNTERRICHT

 

 

 

von Martina Hoblitz

 

 

 

Seine bedächtige und sonore Baritonstimme, als er der Schulklasse dieses Bild von Miro erklärte, nahm mich vom ersten Augenblick an gefangen. Auch sein Äußeres fand ich recht ansprechend: groß, durchtrainierter Körper, dunkle, Kinn lange Locken, ein gepflegter 3-Tage-Bart und – smaragdgrüne Augen! –

 

Ungeniert folgte ich der Gruppe Halbwüchsiger unter seiner Führung zum nächsten Bild und lauschte andächtig seinen Erklärungen – weitaus aufmerksamer als manche seiner Schüler.

Erst als ich mich weiterhin der Gruppe anschloss auf ihrem Weg von Bild zu Bild, fiel sein Blick auf mich, und sein – amüsiertes? - Lächeln ließ meinen Herzschlag sich um das Doppelte beschleunigen.

'Wie ein alberner Teenager!' schimpfte ich mich selbst im Stillen aus, fragte mich aber gleichzeitig, wie es jetzt wohl weiter gehen würde. –

 

Ich verließ sogar zusammen mit der Schülergruppe die Galerie und schaute zu, wie alle in einen bereit stehenden Bus stiegen. Er als Letzter, aber erst nachdem er mir wahrhaftig kurz zu genickt und mich angelächelt hatte.

 

***

 

Der Mann ging mir einfach nicht mehr aus dem Kopf, und ich überlegte fieberhaft, wie ich ihn wiedersehen könnte.

Durch die Anrede seiner Schüler als >Herr Lohse< wusste ich wenigstens seinen Nachnamen. Und da er eine Schulklasse durch eine Bilderausstellung geführt hatte, konnte ich mir ungefähr denken, dass er wohl Lehrer, vielleicht Kunstlehrer war, allerdings nicht an welcher Schule.

Da es sich bei den Schülern um Teenager handelte, musste es eine weiterführende Schule sein, doch es gab hier im näheren Umkreis alle drei Schulformen: Hauptschule, Realschule und Gymnasium. ---

 

--- Dass ich an diesem Tag die Ausstellung besucht hatte, war reiner Zufall gewesen. So nutzte ich meinen freien Tag als Kassiererin im örtlichen Supermarkt, weil ich mich sehr für Malerei interessierte. Ich selbst zeichnete und malte gern, allerdings rein aus Hobby, sozusagen als Ausgleich zu meiner doch manchmal ziemlich stressigen beruflichen Tätigkeit.

Ich mochte Maler wie Picasso oder Dali oder – wie in diesem Fall – Miro. Obwohl ich selber eher idyllische Landschaften auf die Leinwand bannte. ---

 

--- Wieder war es Zufall - oder dieses Mal vielleicht doch Schicksal? - dass mir plötzlich der Name Ingolf Lohse ins Auge stach, als ich den Terminplan der Volkshochschule studierte. Ein Mann dieses Namens gab Malkurse, und zwar in dem Bereich … Aktmalerei!

Egal, ich meldete mich kurzerhand dort an! Denn ich wollte ihn doch unbedingt wiedersehen, auch wenn ich mir gleichzeitig einzureden versuchte, dass ein solcher Mann gewiss kein Single mehr war. ---

 

***

 

Am ersten Abend – von insgesamt 4 Veranstaltungen im wöchentlichen Rhythmus – betrat ich den großen, hellen Raum etwas verspätet, mein Chef hatte mich noch auf Zeit gehalten. Alle anderen Kursteilnehmer – mit mir waren wir 10 – hatten schon ihren Platz gefunden.

Und ich staunte nicht schlecht, als der Kursleiter – tatsächlich ''mein“ Lehrer aus der Kunstausstellung – mit gerunzelter Stirn auf mich zu geeilt kam und sagte: „Da sind Sie ja endlich! Wir warten nur noch auf Sie!“

Hier lag wohl ein kleines Missverständnis vor, denn er glaubte wahrhaftig, ich wäre das Modell für seine Schüler. Er forderte mich nämlich ungeduldig auf: „Da hinter dem Paravan können Sie sich ausziehen. Und dann nehmen Sie bitte Ihre Position ein!“

Dabei deutete er erst auf einen Wandschirm in der Zimmerecke und dann auf ein kleines Podest mitten im Raum, auf welchem ein Hocker stand.

Ich starrte ihn nur sprachlos an … als in der Tür eine junge Frau auftauchte und rief: „Sorry für die Verspätung! Bin gleich so weit.“

Und mit diesen Worten verschwand sie schnell hinter der spanischen Wand.

Nun starrte ER mich ganz verdutzt an, und ihm fehlten schier die Worte. Zum Glück war ich schon immer recht schlagfertig, so lächelte ich ihn an und meinte: „Das könnte ich ja fast als Kompliment auffassen, wenn Sie mich für ein Model halten.“

Endlich hatte er sich gefasst und erklärte unerwartet: „Ich dachte, ich hätte Sie schon mal irgendwo gesehen und nahm deshalb an, Sie sind das Modell.“

Er erinnerte sich also an mich? Wenn auch unter völlig falschen Voraussetzungen.

So erwiderte ich nur knapp: „Wir haben uns tatsächlich schon mal gesehen. Aber darüber sollten wir nach dem Kurs sprechen. Jetzt kümmern wir uns erstmal ums Malen.“

Aus den Augenwinkeln hatte ich den noch einzigen freien Platz entdeckt und begab mich dorthin, ehe er noch irgendwie reagieren konnte. ---

 

--- Ich hatte so meine Schwierigkeiten, die recht ansehnlichen weiblichen Konturen des Modells auf das Zeichenblatt zu malen. Bei mir wurden die Proportionen nicht naturgetreu. Trotzdem lobte Ingolf – wir duzten uns alle einvernehmlich – meinen angeblich guten Pinselstrich und verglich meinen Stil neckisch mit dem von Rubens. Verlegen gab ich daraufhin zu, dass ich mich bisher nur an Landschaften versucht hatte. Er lächelte mich in einer Art und Weise an, die mir wahrhaftig eine Gänsehaut verursachte. ---

 

--- Als die 1 ½ Stunden vorbei waren, erinnerte er mich an mein Versprechen, ihm zu erzählen, wo wir uns schon mal getroffen hatten. Zu diesem Zweck lud er mich auf einen Drink in eine nahe gelegene Bar ein.

Dort war es jedoch ziemlich voll und demzufolge auch laut, sodass von einem gemütlichen Gespräch keine Rede war. Also tranken wir schnell aus und beschlossen, bei dem einigermaßen angenehmen Wetter, einen Spaziergang zu machen.

Nun erzählte ich ihm endlich von unserer zufälligen Begegnung in der Bildergalerie. Da lachte er herzlich. „Stimmt. Du warst mein aufmerksamster Zuhörer.“

Worauf ich ebenfalls lachte und erwiderte: „Ja, deine Schüler zeigten wenig Interesse an der Kunst. - Welche Klassen unterrichtest du denn?“

Bereitwillig gab er Auskunft: „Die 10 in Kunst und die 11 in Deutsch. Am hiesigen Gymnasium.“ – „Und deine Frau ist auch Lehrerin?“

Wie blöd von mir, so eine eindeutige Frage zu stellen?!

Doch er grinste breit und antwortete: „Ja, meine EX-Frau ist Lehrerin für Mathe und Physik. Aber an einer anderen Schule.“

Wobei er das Wort EX besonders betonte. Ich lächelte ihn fast ein wenig erleichtert an.

Und als er mich dann bat: „Darf ich dich nach Hause begleiten?“ –

war ich sehr, sehr einverstanden …....

 

 

ENDE

Impressum

Texte: eigner Text verfasst Mai 2018
Cover: vorgegeben
Tag der Veröffentlichung: 04.05.2018

Alle Rechte vorbehalten

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