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EIN NEUER FREUND

 

 

von Martina Hoblitz

 

 

 

Um es gleich vorweg zu sagen: Ich mag Hunde, sehr sogar, egal welche Rasse. Und die Hunde mögen mich auch. Ich darf jeden streicheln und bin noch nie gebissen worden. Selbst dann nicht, wenn sogar der Besitzer warnt: Vorsicht, der beißt! ---

 

--- Trotzdem war mein 4-beiniger Lebensgefährte eine Katze, genauer gesagt ein großer, fetter, roter Kater. Gerne hätte ich ihn der Ähnlichkeit wegen <Garfield> genannt. Aber ich hatte ihn quasi von meiner verstorbenen Mutter geerbt, und die hatte ihn <Tiger> getauft. Da er schon über 10 Jahre alt war, konnte ich ihn schlecht an einen neuen Namen gewöhnen.

Allerdings war seine Lieblingsspeise nicht Lasagne, wie bei seinem Cartoon-Pendant, sondern Sauerkraut mit Salzkartoffeln. Außerdem mochte er noch Kinderschokolade und Karamellbonbons. Was sich deutlich auf seine Figur niederschlug. Zudem war er noch so faul, dass er möglichst jede Bewegung vermied. Die einzige Strecke, die er täglich bewältigte, war die Entfernung zwischen Katzenkorb und Katzenklo.

Tiger war eine reine Hauskatze, was sehr nützlich schien, denn meine Wohnung befand sich im 5.Stock eines Mietshauses, mitten im Stadtkern. Ich besaß noch nicht einmal einen Balkon.

Zum Glück waren Haustiere in diesem alten Mietkomplex erlaubt!

 

***

 

So geschah es eines Morgens, dass ich im Fahrstuhl auf einen jungen Mann mit einem großen weißen Hund an der Leine – keine Ahnung, was es für eine Rasse war – traf. Dann jedoch passierte etwas, das ich gar nicht kannte. Der Hund fletschte die Zähne und knurrte bedrohlich. Das beunruhigte mich aber keinesfalls, sondern erstaunte mich nur, denn so hatte noch nie ein Hund auf mich reagiert.

Als der Mann an der Leine ruckte und mit strenger Stimme befahl: „Bärli, lass das! Sitz! Was fällt dir denn ein?“ - musste ich unwillkürlich grinsen und bemerkte: „Niedlicher Name für dies Ungetüm!“

Der Hundehalter lächelte entschuldigend. „Ganz ehrlich, er ist sonst nicht so. Er ist sehr gutmütig und tut keiner Fliege was zuleide.“

Da kam mir eine Idee und ich fragte: „Hat er vielleicht was gegen Katzen? Kann sein, dass ich danach rieche. Ich hab nämlich einen Kater.“

Diese Erklärung brachte ihn zum Lachen, und er meinte heiter: „Den hab ich manchmal auch. - Aber Sie meinen sicher einen lebendigen.“

Ihn und seinen blöden Witz ignorierend, beugte ich mich zu Bärli herunter, der aufgehört hatte zu knurren und brav bei Fuß neben seinem Herrchen saß. Ich streckte langsam meine Hand aus und ließ ihn daran schnüffeln.

Und endlich reagierte er wie jeder Hund in meiner Gegenwart; er streckte seine Zunge raus und schleckte an meinen Fingern. – Nachdem das erledigt war, ließ er sich von mir seinen Kopf streicheln, und ich durfte ihn sogar hinter den Ohren kraulen.

Schließlich richtete ich mich wieder auf, zückte ein Taschentuch aus meiner Jacke, säuberte damit meine feuchte, mit Haaren verklebte Hand und streckte diese dem sehr verblüfften jungen Mann entgegen. Wobei ich sagte: „Hallo erstmal! Ich heiße Sylvia Erdmann und wohne zusammen mit meinem Kater Tiger in 5b.“

Nach einem kurzen Zögern ergriff er meine dargebotene Hand, schüttelte sie herzlich und erwiderte lächelnd: „Ich heiße Dieter Schönwald! Und wir wohnen wohl direkt über Ihnen in 6b.“

 

In diesem Moment hielt der Fahrstuhl im Erdgeschoss. Schweigend gingen wir nebeneinander den Flur entlang bis zur Haustür, der Hund artig an der Leine zwischen uns.

Auf dem Gehsteig nickten wir uns nur noch kurz und stumm zu und trennten uns in entgegengesetzte Richtungen.

 

***

 

Von dem Tag an trafen Dieter – wir waren ziemlich schnell per Du – Bärli und ich immer wieder aufeinander, wobei mich der Hund stets freudig begrüßte. Zuerst nur zufällig, doch dann lud Dieter mich auf einen Kaffee ein, und wir plauderten ungezwungen unter einem Sonnenschirm vor einem Bistro.

Freimütig erzählte er mir von der noch gar nicht lange zurück liegenden Trennung von seiner Freundin und fügte mit einem schiefen Grinsen hinzu: „Eigentlich gehört Bärli ja ihr. Aber ihr neuer Freund reagiert allergisch auf Hunde. Und so ließ sie ihn einfach bei mir.“

Unwillkürlich musste ich schmunzeln und berichtete meinerseits: „Ja, ja, die lieben Tierchen. Meine Beziehung ging auch in die Brüche, als ich Tiger nach dem Tod meiner Mutter zu mir nahm.Angeblich reagiert er allergisch auf Katzen. Aber für mich schien das eher eine Ausrede zu sein. Bei uns war schon länger der Wurm drin, und so hat er wohl die erstbeste Gelegenheit genutzt, mir den Laufpass zu geben.“

Dieter und ich schauten uns an und seufzten einvernehmlich. –

 

Plötzlich griff er nach meiner Hand, zog sie an seine Lippen, bedachte sie mit einem innigen Kuss, den ich mit einem lieben Lächeln quittierte. Dann blickte er mich leicht verlegen unterm Berg her an und sagte mit einem zaghaften Lächeln: „Tja, und schon ergibt sich ein neues Problem.“

Oh, ich wusste genau, was er meinte, nach einem tiefen Blick in seine Augen. Trotzdem fragte ich ihn: „Wo genau siehst du das Problem?“

Er räusperte sich unbehaglich. „Muss ich es dir wirklich erst erklären? Du weißt doch, wie gern ich dir näher kommen möchte. Aber es kann nicht klappen mit uns. Der Tiere wegen. Oder würdest du dich von deinem Tiger trennen?“

Mit einem vehementen Kopfschütteln entgegnete ich: „Genauso wenig wie du dich von Bärli.“

Dieter warf einen Blick auf den Hund, der brav neben seinem Stuhl lag, jedoch aufmerksam den Kopf hob und die Ohren spitzte, als sein Name fiel.

Entschlossen schlug ich vor: „Wir sollten es einfach mal versuchen und die beiden zusammen bringen!“

Dieter erschrak. „Um Himmels Willen! Wie stellst du dir das vor? Hund und Katze? Die beiden gehen sich gegenseitig an die Kehle!“

Ich schnaubte nur verächtlich. „Ich denke, dein Bärli kann keiner Fliege was zuleide tun? Und mein Tiger ist so faul, der wird nicht eine Pfote erheben.“

Noch war Dieter nicht ganz überzeugt, aber er wurde nachdenklich. –

 

Schließlich winkte er der Kellnerin um zu zahlen und sagte zu mir: „Gut, ein Versuch ist es wert! Bärli und ich werden euch morgen Abend besuchen!“

Ich widersprach ihm nicht, sondern nickte nur stumm.

 

***

 

Mir fiel in letzter Zeit etwas an Tigers Verhalten auf. Eigentlich genau seit dem Tag, an dem ich auf Dieter und seinen Bärli getroffen war.

Plötzlich schien der Kater nicht mehr so träge zu sein. Wenn ich die Wohnungstür aufschloss, kam er mir schon entgegen, striegelte um meine Beine und ging mir voran in die Küche, wo er brav wartete, bis ich ihm seinen Fressnapf füllte. Dann fraß er bedächtig und schlang nicht mehr so wie vorher.

Überhaupt wunderte es mich, dass er jetzt in der Küche fraß, sonst musste ich ihm den Napf direkt vor seinem Katzenkorb servieren. –

Und sobald ich auf dem Sofa saß, sprang er neben mich und kuschelte sich schnurrend an mich. So anhänglich war er früher nicht gewesen.

Langsam vermutete ich, dass sein verändertes Verhalten vielleicht ein Ausdruck von Eifersucht sein könnte. Ich nahm an, er witterte Bärli, den ich bei jeder Begrüßung ausgiebig streichelte und knuddelte. – Auch der Hund schnüffelte immer erst an mir herum, bevor er mich begrüßte. –

 

Vielleicht waren das ja gute Voraussetzungen für ein Zusammentreffen, wenn die Tiere zumindest schon einmal den Geruch des jeweils Anderen kannten? ---

 

--- An dem besagten Abend entwickelte ich mich zum reinsten Nervenbündel. Schon den ganzen Tag war ich aufgeregt im Hinblick auf die Begegnung am Abend.

Meine besondere Sorge galt natürlich der Reaktion von Tiger und Bärli aufeinander. Aber auch die Tatsache, dass Dieter mich in meiner Wohnung besuchte, machte mich schrecklich nervös. –

 

Als es schließlich läutete, hegte ich noch die leise Hoffnung, Tiger würde auf dem Sofa liegen bleiben. Doch nein, er folgte mir auf dem Fuße zur Tür, welche ich vorsichtig öffnete.

Über das seltsame Paar, welches davor stand, musste ich herzlich lachen. Dieter hielt nicht nur Bärli an der Leine, sondern auch einen Riesenblumenstrauß in der Hand, und der Hund hatte tatsächlich eine Tüte Karamellbonbons im Maul.

Allerdings zeigte Tiger beim Anblick des großen Hundes Panik, er fauchte, stellte seinen Schwanz hoch wie eine Flaschenbürste und flitzte in die Küche. Bärli jedoch hatte die Ruhe weg und blickte mit einem treuherzigen Augenaufschlag zu seinem Herrchen hoch. Dieter ließ ihn wahrhaftig von der Leine, und der Hund tapste bedächtig mit der Bonbontüte hinter Tiger her in die Küche.

Rasch bat ich den Blumenkavalier herein, schloss die Tür hinter ihm, und wir folgten den Tieren in die Küche.

Ich befürchtete das Schlimmste, aber der Anblick, der sich uns bot, brachte mich abermals zum Lachen. – Bärli hatte wohl mit seinen Zähnen die Bonbontüte aufgerissen, und nun lagen die Karamellklümpchen auf den Bodenfliesen verteilt. Mittendrin lagen die beiden Tiere einträchtig nebeneinander und kauten genüsslich.

Du meine Güte!“ rief Dieter entsetzt, drückte mir den Blumenstrauß in die Arme und hockte sich hin, um die Süßigkeiten wieder einzusammeln.

Seelenruhig reichte ich ihm eine Schüssel und tat die Blumen in eine Vase. ---

 

--- Später saßen wir dann im Wohnzimmer gemütlich bei einem Glas Wein zusammen. Dieter hatte es sich in einem Sessel bequem gemacht, Bärli neben ihm, seinen Kopf auf Herrchens Knie gebettet. Ich saß auf dem Sofa, Tiger neben mir, der sich schnurrend an mich schmiegte und den Hund nicht aus den Augen ließ. –

 

Plötzlich fragte Dieter mit einem schelmischen Grinsen: „Sag mal, darf Tiger eigentlich bei dir im Bett schlafen?“ – „Oh nein! Und wie ist das mit Bärli?“ – „Auf gar keinen Fall! Das Schlafzimmer war von Anfang an tabu.“

Ich seufzte erleichtert. „Na, dann wär das ja geklärt.“

 

Und während wir unsere 4-beinigen Lieblinge ausgiebig streichelten und kraulten, versanken unsere Blicke tief und sehnsüchtig ineinander.

 

 

ENDE

Impressum

Texte: eigener Text verfasst 2018
Cover: vorgegeben
Tag der Veröffentlichung: 24.01.2018

Alle Rechte vorbehalten

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