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EIN KIND? VIELE KINDER!!!



von Martina Hoblitz

 

 

Für beide war es der zweite Versuch mit dem Jawort vor einem Standesbeamten, und eigentlich schienen sich da die zwei Richtigen gefunden zu haben.

Zwar liebten sich Waltraud und Karl-Heinz heiß und innig, aber die Unterzeichnung des Trauscheins war nur eine Formalität, um Steuern zu sparen.

Allerdings gab es für Waltraud noch einen zweiten Grund, denn sie wollte unbedingt den Namen von Karl-Heinz annehmen; dieser hieß nämlich HERZLICH und sie selbst einfach nur MEIER.

Auch beruflich schienen sie gut zusammen zu passen; Waltraud war Erzieherin im Kindergarten, und Karl-Heinz Kinderarzt im örtlichen Krankenhaus. - Also spielten Kinder in ihrem Leben eine große Rolle! -

 

Da traf es Waltraud besonders hart, als ihr Gynäkologe ihr mitteilen musste, dass sie aufgrund eines Gendefekts kein Kind auf natürlichem Weg bekommen konnte. Darüber war sie sehr unglücklich, denn daran scheiterte bereits ihre erste Ehe.

Karl-Heinz hatte schon einen Sohn aus erster Ehe, aber der lebte mit seiner Mutter, welche wieder geheiratet hatte, in Frankreich. Er hätte doch so gern auch ein gemeinsames Kind mit Waltraud gehabt.

 

Als Mediziner überlegte Karl-Heinz die Möglichkeit einer künstlichen Befruchtung. Doch leider bestand Waltrauds Handikap darin, dass ihre Gebärmutter zu klein und nicht dehnfähig genug war, um ein Kind bis zur nötigen Reife austragen zu können. -

Daraufhin kam ihnen die Idee mit einer Adoption.

„Dann müssen wir uns aber schnell entscheiden, sonst sind wir zu alt.“ gab Waltraud zu bedenken.

Sie war 28 und Karl-Heinz schon 39 Jahre alt.

 

 

***

 

 

Nun saß das frisch gebackene Ehepaar – die Trauung war gerade mal 14 Tage her – beim Jugendamt vor dem Schreibtisch, hinter dem die ziemlich sauertöpfig dreinblickende Frau Kleinschmidt thronte.

Waltraud und Karl-Heinz wechselten einen betroffenen Blick und fassten sich unsicher an den Händen. Beide dachten dasselbe: 'Mit dieser Frau ist bestimmt nicht gut Kirschen essen!'

Frau Kleinschmidt musterte das Paar kritisch über den Rand ihrer hässlichen, dicken Brille hinweg und fragte mit eisiger Stimme: „Was kann ich für Sie tun?“

Karl-Heinz holte tief Luft. „Wir möchten ein Kind adoptieren!“

Hastig fügte Waltraud hinzu: „Es muss kein Baby sein!“

Nun schaute die Frau verblüfft. Die meisten adoptionswilligen Paare bestanden auf Babys. - Mit einem kleinen Seufzer erkundigte sie sich: „Sind Sie sich auch der vollen Verantwortung bewusst, wenn Sie ein älteres Kind zu sich nehmen?“

Waltraud und Karl-Heinz blickten sich kurz an und nickten einvernehmlich.

Frau Kleinschmidt holte ein Formular aus der Schublade, nahm einen Stift aus dem Köcher und sagte auffordernd: „Dann hätte ich gern zunächst einmal Ihre Personalien!“

Als Karl-Heinz sich als Dr.Herzlich vorstellte, musste das ältliche Fräulein wahrhaftig schmunzeln, und er lächelte sie gewinnend an.

„Sie sind also ein Doktor?“ - „Ja, Kinderarzt!“

Frau Kleinschmidt machte sich eifrig Notizen, dann sah sie Waltraud an. Die junge Frau nannte ihren Namen und fügte unaufgefordert hinzu, dass sie Kindergärtnerin war. Darauf zeigte sich die Sachbearbeiterin ganz angetan. Doch dann hakte sie mit ernstem Gesicht nach: „Und warum wollen Sie ein Kind adoptieren?“

Waltraud antwortete mit traurigem Unterton: „Ich kann leider aus medizinischen Gründen keine Kinder bekommen.“

Sofort war die ältere Frau voll des Mitleids: „ Oh, das tut mir aber leid für Sie!“

Hastig schaute sie wieder auf die vor ihr liegenden Papiere und schrieb. Dann schob sie die Formulare den Eheleuten hin und bat um deren Unterschrift, wobei sie sachlich erklärte: „Ich schlage Ihnen vor, Sie nehmen zunächst ein Kind für begrenzte Zeit in Pflege, um sich an die neue Situation zu gewöhnen.“

Da verlangte Waltraud entschieden: „Es muss aber wirklich ein Waisenkind sein! Nicht dass sich die leiblichen Eltern plötzlich erinnern. - Wir hatten da grad letztens einen Fall im Kindergarten. Das kleine Mädchen war 2 Jahre in der liebevollen Obhut von Pflegeeltern, und plötzlich stand die leibliche Mutter auf der Matte. Eine ehemals Drogensüchtige, jetzt clean und verheiratet. - Das war ein schreckliches Tauziehen um das Kind! So was wollen wir nicht erleben! Nicht wahr, Karli?“

Karl-Heinz nickte zustimmend und machte das Zugeständnis: „Es ist uns aber egal, ob Junge oder Mädchen!“ -

 

Da nahm Frau Kleinschmidt ihre Brille ab, massierte sich die Stirn über der Nasenwurzel, setzte die Brille wieder auf und sah Waltraud unverwandt an.

„Könnten Sie eventuell auch zwei Kinder aufnehmen?“

Waltraud und Karl-Heinz nickten sich zu und blickten die Frau erwartungsvoll an. Diese räusperte sich verhalten und erklärte: „Es handelt sich um eine Art Notfall. Da ist ein Geschwisterpaar, ein 8jähriges Mädchen und deren 6jähriger Bruder. Das Mädchen hätte schon vermittelt werden können, aber die Kleine will sich nicht von ihrem Bruder trennen. Nun, der Junge ist ein bisschen – sagen wir mal – schwierig. Lässt keinen an sich ran und spricht kaum. Nur mit seiner Schwester.“ - „Was ist mit den Eltern passiert?“ wollte Karl-Heinz in gezwungen sachlichem Ton wissen, und er spürte, wie sich Waltrauds Hand in seiner verkrampfte.

„Mit dem Flugzeug abgestürzt.“ gab Frau Kleinschmidt knapp Auskunft.

„Und die Geschwister haben keine weiteren Verwandten?“ erkundigte sich nun Waltraud.

Worauf die Sachbearbeiterin nur stumm mit dem Kopf schüttelte.

Da erklärte Karl-Heinz entschlossen: „Natürlich sollen die Geschwister nicht getrennt werden! Wann und wo können wir die Kinder abholen?“

Alle erhoben sich von ihren Sitzplätzen, und Frau Kleinschmidt erwiderte: „Wir werden Ihnen die Kinder am Wochenende bringen!“

 

 

***

 

 

So hielt am Samstag Vormittag ein geräumiger Kombi vor der recht feudalen Villa 'Herzlich'. Dem Wagen entstiegen eine junge Fürsorgerin und – 3(!) Kinder.

Das Ehepaar Herzlich blickte sich leicht verwundert an, als alle Vier auf die Haustür zu kamen. Schon von weitem rief die junge Frau: „Hallo, ich bin Frau Röder vom Jugendamt! Und ich bitte Sie vielmals um Entschuldigung, dass ich so eigenmächtig gehandelt habe! Aber die beiden Jungs sind einfach nicht zu trennen.“

Sie wechselte einen kräftigen Händedruck, zuerst mit Waltraud, dann mit Karl-Heinz. - Da drängte sich das 8jährige Mädchen in den Vordergrund und sagte altklug zu Frau Röder: „Ach, Sie sind doch froh, dass Gero endlich einen Freund gefunden hat.“

Artig gab auch sie den Eheleuten die Hand und stellte sich vor: „Ich heiße Valerie. Betonung auf dem <e>.- Das ist mein Bruder Gero und sein Freund Kurt.“

Die beiden Jungs standen leicht verängstigt in ein paar Schritt Entfernung und hatten jeder einen Arm um die Schulter des Anderen gelegt.

„Los, sagt auch Guten Tag!“ befahl die kleine Valerie streng.

Waltraud ging in die Hocke, damit sie Augenhöhe mit den Jungs hatte und streckte ihnen vorsichtig die Hand entgegen. Doch Gero und Kurt schauten sich nur betreten an und klammerten sich noch mehr aneinander.

Da sagte Karl-Heinz mit möglichst sanfter Stimme: „Natürlich darf der kleine Kurt auch bleiben. Das ist gar kein Problem!“ - „Aber nur übers Wochenende!“ bestimmte Frau Röder.

Waltraud winkte gelassen ab, indem sie sich wieder aufrichtete. „Wir werden sehen!“

 

 

***

 

 

Etwa ein Dreivierteljahr später öffnete Frau Röder das Törchen zum Vorgarten der Villa Herzlich, im Arm einen bunten Geschenkkarton, an der Hand ein etwa 5jähriges Mädchen. Sie war zum 7.Geburtstag von Kurt eingeladen.

Auf ihr Läuten öffnete Waltraud mit einem strahlenden Lächeln und der Begrüßung: „Wie schön, dass Sie gekommen sind!“ - Ihr Blick fiel auf das Mädchen. - „Und wen haben wir da?“

Ganz ungeniert ging Waltraud in die Hocke und streckte der Kleinen die Hand entgegen. Das Mädchen ergriff sie gar nicht schüchtern und sagte mit klarer Stimme: „Ich heiß Hetti. Und du?“ - „Eigentlich heißt sie Henriette, und ich wage es kaum, meine Bitte auszusprechen.“

Waltraud hatte das Mädchen kurzerhand auf den Arm genommen, was es sich sogar gern gefallen ließ, und beantwortete die Frage des Kindes: „Ich bin die Tante Waltraud. - Und der Kurt freut sich bestimmt über noch einen Geburtstagsgast.“ -

 

In diesem Moment tauchte Valerie von hinten auf, sah das Mädchen auf Waltrauds Arm, nickte verständnisvoll und bemerkte vorwitzig: „Na endlich krieg ich Verstärkung! Allein mit den beiden Rüpeln ist's ja nicht mehr auszuhalten!“

Waltraud und Frau Röder wechselten einen verblüfften Blick, dann brachen sie in schallendes Gelächter aus, und alle zusammen gingen hinein, wo sie freudig von Karl-Heinz und Gero und dem Geburtstagskind Kurt begrüßt wurden.

 

 

ENDE

Impressum

Texte: eigener Text verfasst 2017
Bildmaterialien: selbst gezeichnetes Bild (2017)
Tag der Veröffentlichung: 14.09.2017

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Für meine Tochter.

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