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FEUERSTUHL

 

 

von Martina Hoblitz

 

 

 

„Auf das Ding setz ich mich nie im Leben! Lieber geh ich zu Fuß!“

Mein Entsetzen kannte keine Grenzen.

Zum 1.Mal seit wir uns kannten – das war jetzt immerhin schon ein ganzer Monat – zeigte Hans-Peter mir stolz sein Motorrad. Ich hatte keine Ahnung, was es für eine Marke war, für mich sahen diese Höllenmaschinen alle gleich aus, zwei Räder und ein lauter Motor.

 Ja, gerade diese zwei Räder machten mir zu schaffen, ich konnte ja noch nicht einmal Fahrrad fahren!

„Ach, Mia, nun stell dich doch nicht so an!“ lachte Hans-Peter mich einfach aus. „Komm, sei kein Frosch! Schwing dich hinter mich, und wir machen einen kleinen Ausflug an den See.“

Bei diesen Worten streckte er mir ein Ungetüm von Helm entgegen, welches ich mir auf meine kunstvoll hochtoupierten Haare stülpen sollte. Ich weigerte mich vehement mit einem energischen Kopfschütteln.

Da meinte Hans-Peter beleidigt: „Dann nicht, liebe Tante! Such ich mir eben ´ne Beifahrerin, die sich nicht so zickig anstellt. Du hast es so gewollt!“

Mit diesen verhängnisvollen Worten klappte er das Visier runter, ließ den Motor aufheulen und brauste davon. - Ich stand da wie der sprichwörtlich begossene Pudel, was zum Teil sogar stimmte, denn Hans-Peter war mit seiner Kiste durch eine Pfütze im Rinnstein gefahren und hatte mir meine nagelneuen Pumps voll gespritzt.

Nun war ich auch beleidigt, und gleichzeitig betrachtete ich unsere Beziehung als beendet. ---

 

 

Tatsächlich sahen wir uns eine ganze Woche lang nicht, wir telefonierten auch nicht einmal miteinander. Irgendwie glaubten wir beide wohl, der jeweils Andere müsste den ersten Schritt zur Versöhnung tun falls es denn je eine geben sollte -

 

Und dann sah ich ihn ausgerechnet zusammen mit meiner „besten Feindin“ Hannah auf dem lautstarken Ding; sie hinter ihm, sich wie ein kleines Äffchen an seinen Rücken klammernd. Die reinste Provokation!

 

Hannah hatte sich schon immer einen Spaß daraus gemacht, mir die Freunde auszuspannen. Ich konnte nicht fassen, dass es ihr jetzt auch bei Hans-Peter gelungen war! - Und irgendwie tat es mir schon ein wenig weh, wegen so einer Tussi und einer blöden Maschine abserviert zu werden. - Andererseits konnte Hans-Peter auch nicht allzu viel für mich empfunden haben, wenn er mich gleich in die Wüste schickte, nur weil ich nicht mit ihm auf der Höllenmaschine fahren wollte.

 

 

***

 

 

Wiederum 14 Tage später traf ich zufällig Hannah in der Stadt, in einem großen Modegeschäft, in der Abteilung für Sportbekleidung. - Ich wollte mir einen neuen Badeanzug kaufen und sah erstaunt, wie Hannah Motorradkleidung anprobierte.

Das machte mich natürlich neugierig, und ich sprach sie ungeniert an: „Gehörst du jetzt auch zum Knatterkistenverein?“

Sie grinste hämisch. „Nee, aber Hape hat mir erlaubt, mal mit Feuerstuhl zu fahren.“ - „Feuerstuhl?“ fragte ich verdutzt nach.

„Klar, so nennt er sein Schätzchen. - Und da brauch ich schließlich die richtigen Klamotten.“ - „Darfst du das denn? Damit fahren, mein ich. Hast du'n Lappen dafür?“ wollte ich weiter wissen.

„Sicher. War damals ein Kombi-Lehrgang: Auto und Motorrad.“

Ich starrte sie sprachlos und fast schon bewundernd an. Da lachte sie und drehte sich neckisch vor mir um die eigene Achse.

Sie trug eine Art dick gepolsterte Latzhose mit dazu passender aufgebauschter Jacke. - Als sie mich wahrhaftig fragte: „Na, wie seh ich aus?“ antwortete ich ehrlich: „Scheußlich! Wie'n verkappter Astronaut. Oder als hättste Kleidergröße 50 plus.“

Erst blickte sie mich verdattert an, dann, nachdem sie sich selbst aufmerksam im Spiegel betrachtet hatte, meinte sie achselzuckend: „Du hast ja keine Ahnung! Das ist genau richtig. - Jetzt fehlt nur noch der Helm.“ - „Und dieser ganze Aufwand nur, um eine Runde auf dem Ding zu drehen? - Nennt er die Kiste wirklich "Feuerstuhl" ?“ - „Klar, das Kind muss doch'n Namen haben! - Seine Kumpel haben da viel blödere Namen für ihre Maschinen.“ - „Seine Kumpel?“ - „Ja, die aus dem Club. - Sag bloß, du weißt nicht, dass er sich regelmäßig mit andern Bikern trifft?“

 

Nein, das wusste ich tatsächlich nicht! Ein Monat war wohl doch zu kurz, um sich richtig kennen zu lernen? Ich hatte gedacht, wenn er mir sagte, er geht in den Club, er meinte Tennis oder Golf. Auf Motorräder wär ich nicht im Traum gekommen!

Hannah beobachtete mein Mienenspiel und grinste. „Keine Bange! Das sind keine <Hell's Angels> oder so'n Verein. Ein ganz seriöser Motorradclub.“ - „Warst du schon mal da?“ erkundigte ich mich voller Neid.

Mich hatte Hans-Peter noch nie gefragt, ob ich ihn mal begleiten wollte, Doch zu meiner Erleichterung verneinte Hannah: „Ich war noch nicht da. Aber Hape hat mir davon erzählt, als er merkte, dass ich mich dafür interessiere.“ - „Seit wann interessierst du dich denn für Motorräder?“ wunderte ich mich.

„Och, schon immer. Aber besonders, seit ich mit Kalle zusammen war. Der hatte auch'n ganz heißen Ofen, war aber nicht im Verein. Und ich durfte sein Heiligtum nicht mal anfassen, geschweige denn fahren.“

 

In diesem Moment wurde mir erst bewusst, dass ich hier im Laden mit meiner Dauerrivalin stand und zwanglos über Männer und Motorräder plauderte. Einfach unglaublich!

Hannah schien Ähnliches zu denken, denn sie musterte mich plötzlich misstrauisch und meinte dann verhalten lächelnd: „He, was soll das hier werden? Quatscherei unter Freundinnen?“

Wir blickten uns verblüfft an und mussten wahrhaftig lachen. -

 

Schließlich schlug Hannah mit einem vorsichtigen Grinsen vor: „Sollen wir gleich, wenn wir unsre Einkäufe erledigt haben, zusammen im Bistro nebenan ´nen Kaffee trinken und uns mal vernünftig unterhalten?“

Nach kurzem Zögern stimmte ich zu. - Während ich mir einen hübschen, gar nicht mal so teuren Badeanzug auswählte, dachte ich über dieses seltsame Friedensangebot nach. Irgendwie war ich immer noch misstrauisch und fragte mich, was Hannah mit diesem Gespräch bezwecken wollte. Bisher hatten wir nicht mehr als kurze meist giftige Bemerkungen gewechselt. ---

 

 

Als wir uns dann in dem kleinen Bistro mit unseren Einkaufstüten bei einem Cappuccino gegenüber saßen, wollte keine von uns beiden zuerst sprechen. Wir schauten uns nur irgendwie lauernd an und nippten an unseren Tassen.

Plötzlich seufzte Hannah abgrundtief und begann: „Mia, wir kennen uns jetzt schon über 10 Jahre und konnten uns von Anfang an nicht richtig leiden. Warum eigentlich?“

Diese Frage von ihr überraschte mich schon ein wenig, denn ich hatte sie mir insgeheim gerade selbst gestellt. So antwortete ich: „Ich weiß es nicht. - Vielleicht liegt es daran, dass wir ständig Konkurrentinnen waren? Erst in der Firma, dann auch bei den Jungs.“ -

 

Wir arbeiteten beide in einer großen Werbeagentur und hatten uns zur selben Zeit dort beworben, sogar zunächst um denselben Posten. Aber ich war zu einem Kompromiss bereit, und so arbeitete ich in der Grafikabteilung, während Hannah für die Textgestaltung zuständig war. Und eigentlich arbeiteten wir recht gut zusammen, solange kein Mann ins Spiel kam. -

 

Wir sahen uns an und grinsten, wir schienen beide dasselbe zu denken. Denn tatsächlich hatten wir nacheinander eine kurze Affäre mit unserem Chef, erst ich, dann sie, bis er sich auf eine neue Mitarbeiterin einschoss. Und der Mann war verheiratet und hatte zwei Kinder! -

 

Unverhofft fragte sie mich: „Was ist das eigentlich mit dir und Hape?“

Sofort ging ich auf Abwehr. „Was soll da noch sein? - Nix. - Du hast ihn dir ja jetzt gekrallt.“ - „So ein Schwachsinn! Wir haben lediglich dasselbe Interesse an Motorrädern. Was du ja nicht mit ihm teilst.“ - „Das sah die Tage aber ganz anders aus. So wie du dich an ihn gedrückt hast.“

Da lachte sie herzlich. „Das musste ich doch. So wie sich Hape in die Kurven legt, wär ich sonst runter gefallen.“ - „Da war aber keine Kurve. Ihr seid geradeaus gefahren.“

 

Ich wollte einfach nicht an die Harmlosigkeit dieser Umklammerung glauben! -

Schließlich sagte Hannah mir auf den Kopf zu: „Du bist eifersüchtig! Brauchst du aber nicht! Ich will nix von ihm. Nur dass er mich mit in den Club nimmt, nachdem ich mir auf seinen Rat auch ein Motorrad gekauft habe.“

 

Ich konnte sie nur ganz verdattert anstarren. Hannah grinste.

„Hape spricht die ganze Zeit nur von dir und fragt sich ernsthaft, wie er dich doch zu einer Fahrt mit Feuerstuhl überreden kann.“ - „Er spricht von mir? Mit dir?“

Staunend sah ich sie an, und Hannah nickte eifrig. -

Wir hatten unseren Cappuccino ausgetrunken und verabschiedeten uns voneinander, mit dem vagen Gefühl, dass sich unser bisher leicht angespanntes Verhältnis vielleicht doch zu einer Art Freundschaft entwickeln könnte. - Und ich ging sehr nachdenklich nach Hause.

 

 

***

 

 

Ein paar Tage später kam Hannah tatsächlich mit ihrem neuen Motorrad zur Arbeit. Wir trafen uns auf dem Parkplatz, wo sie ihre schwere Maschine neben mein kleines Autochen stellte.

Obwohl mir ihr Gefährt recht groß und wuchtig erschien, als ich es so betrachtete, wollte sie behaupten, es wäre um einige Nummern kleiner als Hans-Peters Feuerstuhl. - Vielleicht lag es auch daran, dass Hannah ein ziemlich zierliches Persönchen war? Ich wunderte mich sowieso schon, dass sie dieses Ding so ohne Probleme handhaben konnte. -

 

Als wir dann gemeinsam die Agentur betraten, sagte sie, bevor wir uns trennten, um in unsere jeweilig Abteilung zu gehen: „Übriges soll ich dir von Hape ausrichten, er holt dich heut Abend um 7 ab. Er hat ´ne Überraschung für dich. Du sollst dich aber nicht auftakeln, sondern ganz leger anziehen.“

Sie zwinkerte mir fröhlich zu und lief davon.

Und ich überlegte den ganzen Tag bis Feierabend, womit mich Hans-Peter überraschen wollte. Zum Glück konnte ich mich trotzdem noch auf meine Arbeit konzentrieren. ---

 

 

Pünktlich um 19 Uhr stand ich fix und fertig bereit, nachdem ich eine geschlagene Stunde vor meinem gut bestückten Kleiderschrank verbracht hatte, mit der Frage, was man als legere Kleidung bezeichnen konnte.

Schließlich entschied ich mich einfach für Jeans und T-Shirt, mit Strickjacke, dazu Sportslipper. -

 

Dann hörte ich ein Knattern vor der Haustür, verließ rasch meine Wohnung und eilte die zwei Treppen hinunter. Hans-Peter parkte mit seinem Feuerstuhl direkt am Bordstein, und als er mich aus dem Haus kommen sah, klappte er das Visier hoch, machte jedoch keinerlei Anstalten abzusteigen. Das sollte wohl anscheinend bedeuten, ich müsste mich doch überwinden und mich hinter ihn hinauf schwingen, um mit ihm auf der Höllenmaschine zu fahren.

 

Wieder streckte er mir einen Helm entgegen und forderte mich auf: „Geh mal rum und steig von der andern Seite auf!“

Verwundert tat ich wie geheißen, doch als ich um das Motorrad herum ging, fiel mein verblüffter Blick auf einen Beiwagen.

„Was sagst du nun?“ wollte Hans-Peter wissen. „Als mir klar wurde, dass dir zwei Räder zu unsicher sind, hab ich den Sozius anbringen lassen.“

Ich betrachtete das Ding genauer und rief: „Aber der hat ja sogar nur ein Rad!“

Hans-Peter lachte herzlich. „Du findest wohl immer was zu nörgeln?“

 

Da schoss mir der Gedanke durch den Kopf: 'Ich muss ihm doch was bedeuten, wenn er sich so in Unkosten stürzt, nur um mit mir und seinem Feuerstuhl einen Ausflug zu machen.'

Also seufzte ich, stülpte den Helm über und kletterte in das Wägelchen.

Das war gar nicht mal so unbequem!

 

Es wurde tatsächlich ein herrlicher Ausflug --- und blieb wahrhaftig nicht der Einzige!

Wir fuhren sogar mit Feuerstuhl in unseren ersten gemeinsamen Urlaub!

 

 

ENDE

Impressum

Texte: eigener Text verfasst 2017
Bildmaterialien: selbst gezeichnetes Bild (2017)
Tag der Veröffentlichung: 07.09.2017

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Die Idee kam mir, als ein ganzer Motorradkorso durch unsere sonst so stille Straße knatterte.

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