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DIE KARTEN LÜGEN NICHT

 

 

von Martina Hoblitz

 

 

 

Natürlich glaubte ich an Gott! Denn so wurde es mir beigebracht, von den Nonnen der „Gemeinschaft der barmherzigen Schwestern“. Dort wuchs ich nämlich auf, im Waisenhaus, und später ging ich da auch zur Schule.

 

Ich hatte zwar einen Vater, aber der konnte mit mir als Baby so recht nichts anfangen, nachdem meine Mutter bei meiner Geburt gestorben war. Er besaß ein Karussell und zog damit als Schausteller über die Rummelplätze und Jahrmärkte. –

 

Jedes Jahr, wenn in dem Dorf, zu dem das Kloster gehörte, Frühlingskirmes war, besuchte er mich und spendete dem Kloster einen Großteil seines Verdienstes als Unterhalt für mich. –

 

Dann gab es da eine junge, ziemlich weltoffene Nonne, Sr.Klothilde, die quasi von Anfang an die Mutterstelle bei mir einnahm. Sie war schon ganz vernarrt in mich als Baby und später unterrichtete sie mich in den Fächern Deutsch und Englisch. – Nebenbei beschäftigte sie sich ganz heimlich auch mit Esoterik, und je älter ich wurde, umso mehr Interesse zeigte ich an diesem Grenzgebiet des Glaubens.

 

Sr.Klothilde war auch Diejenige, die mir, kaum dass ich laufen konnte, jedes Jahr den Besuch der Kirmes ermöglichte, wo ich das Umfeld meines Vaters immer besser kennen lernte. ---

 

Als Teenager, so mit 14/15 Jahren, stellte Papa mir bei einer solchen Gelegenheit seine neue Lebensgefährtin vor. Sie hieß Sybilla und betätigte sich als Wahrsagerin in einem recht interessant eingerichteten Wohnwagen.

 

Und hier beginnt meine eigentliche kleine Geschichte.....

 

***

 

Sybilla und ich verstanden uns auf Anhieb, man konnte sagen, wir hatten gleich dieselbe Wellenlänge. Obwohl sie 17 Jahre älter war als ich, fühlte ich mich zu ihr hingezogen wie zu einer großen Schwester.

 

Durch Sr.Klothilde hatte ich ja schon einige Einblicke gewonnen, was z.B. das Kartenlegen, Pendeln oder Lesen in Teeblättern betraf. Doch wie stümperhaft mein Wissen war, zeigte sich erst, als Sybilla begann, mich in ihrer Tätigkeit zu unterweisen. Vor allem das Kartenlegen beherrschte sie so, als hätte sie wahrhaftig das zweite Gesicht. ---

 

Schließlich beendete ich die Schule, wurde volljährig und wusste genau was ich wollte. Mit Papa und Sybilla über die Jahrmärkte ziehen und von Sybilla die Kunst des Hellsehens oder Wahrsagens zu erlernen. – Sybilla war begeistert – sie behauptete, ich hätte die „Gabe“ - , aber Papa sah das eher skeptisch.

 

Auch Sr.Klothilde redete mir ernsthaft ins Gewissen, als ich das Kloster verließ. „Bianca, ich seh die Esoterik mehr als Hobby oder Zeitvertreib. Daraus solltest du keinen Beruf machen! Du solltest dich lieber in Sprachen fortbilden lassen. Mit deinem fabelhaften Schulabschluss hast du alle Möglichkeiten zu studieren.“

 

Beinah trotzig entgegnete ich: „Aber ich hab keine Lust zu studieren! Das ist doch wie Schule, immer nur lernen.“

 

Als ich ihren betrübten Blick sah, erklärte ich eifrig: „Ich möchte es einfach ausprobieren. Das Schaustellerleben. – Vielleicht hab ich von dieser Herumzieherei bald die Nase voll und will lieber sesshaft werden? Dann kann ich mir das mit einer richtigen Ausbildung ja immer noch überlegen.“

 

Diese Aussage schien Sr.Klothilde ein wenig zu erleichtern und sie äußerte sich: „Ich bin ja nur froh, dass du dich nicht allein in dieses Zigeunerleben stürzt, sondern bei deinem Vater bist.“ – „Vorwiegend bin ich bei Sybilla!“ verbesserte ich sie.

 

Der Blick, den mir die Nonne daraufhin zuwarf, war schwer zu deuten. Konnte es Eifersucht sein? – Bisher hatte sie den Mutterersatz für mich gespielt, und nun trat eine andere Frau an ihre Stelle.

 

Doch Sr.Klothilde bewegten ganz andere Gedanken. Sie hätte es gern gesehen, dass ich im Kloster blieb und ebenfalls Nonne wurde. Dieses Leben ging mir allerdings völlig gegen den Strich, in vielerlei Hinsicht.

 

Es waren ganz profane Dinge, die mich störten. Das fing an mit der Kleiderordnung, diese graue Einheitsuniform. Ich liebte es bunt und ein wenig flippig.

 

Dann das ständige Beten! Ja, es kam mir richtig komisch vor, mit jemandem zu sprechen, der nicht real war. – Diese Abneigung zeigte sich sogar beim Telefonieren. Ich wollte meinem Gegenüber gern in die Augen schauen, wenn ich mit ihm redete.

 

Apropos Augen. Ich besaß ein recht auffälliges Merkmal, ich hatte zwei verschieden farbige Augen, eins war rehbraun und das andere meergrün. – Außerdem hatte ich eine blauschwarze Lockenpracht, die kaum zu bändigen war und sich wohl schwerlich unter einer Schwesternhaube verbergen ließ.

 

Sr.Klothilde hatte mir einmal zu meinem großen Entsetzen erzählt, dass zu Urzeiten des Ordens die Schwestern sogar kahl geschoren wurden, wenn sie ihr endgültiges Gelübte ablegten. ---

 

Nun, dies waren alles so äußerliche Dinge, die mich störten. Die schlimmste Aussicht für mich, wenn ich Nonne würde, war jedoch der Verzicht auf Männer! –

 

Ohne das Wissen von Sr.Klothilde hatte ich bereits mit 16 Jahren meine erste Erfahrung gemacht. Es geschah auf der Kirmes. Denn seit meinem 14. Lebensjahr durfte ich allein, ohne Begleitung der Nonne, gehen.

 

***

 

Er hieß Thorsten, aber alle nannten ihn Thor, weil er ständig, warum auch immer, einen Zimmermannshammer bei sich trug. Wenn irgendwo etwas lose war, zückte er ihn aus seinem Gürtel wie eine Pistole und hämmerte das Teil wieder fest.

 

Überhaupt war Thorsten ziemlich auffällig. Im Gegensatz zu den braungebrannten Burschen, die sonst auf der Kirmes herum liefen, war er sehr blass und von großer, schlanker Gestalt, dazu seine goldblonden Locken und himmelblauen Augen ließen ihn auf mich fast wirken wie ein Engel, fehlten bloß noch die Flügel. ---

 

Als ich ihn zum ersten Mal sah, lehnte er lässig am Absperrgitter der Achterbahn und rauchte. – Thor gehörte zu den Leuten, welche die Achterbahn auf und ab bauten. –

 

Ich ging wie magnetisch angezogen auf ihn zu, er lächelte mir entgegen und begrüßte mich mit den Worten: „Hallo! Du bist die Tochter vom Kettenkarussell. Bianca, nicht wahr?“

 

Und ich erwiderte, gar nicht schüchtern, wobei ich auf seinen Gürtel deutete: „Auch Hallo! Du bist wohl Thor, der Mann mit dem Hammer?“

 

Sein Lächeln verwandelte sich in ein breites Grinsen, er streckte mir seine Zigarettenschachtel entgegen und bot an: „Willste auch Eine?“

 

Nun, ich hatte noch nie geraucht, wollte mir jedoch keine Blöße geben und griff zu. Höflich gab er mir Feuer, aber fatalerweise inhalierte ich gleich den ersten Zug ganz tief und musste natürlich prompt husten. Sofort nahm er mir die Zigarette weg und schimpfte liebevoll: „Hey, du sollst mir keinen Gefallen tun! Nimm nie etwas an, was du nicht kennst! So was kann schnell in die Hose gehen. Im wahrsten Sinne des Wortes.“

 

Thor warf seine aufgerauchte Zigarette zu Boden und trat sie zusammen mit meiner nur angerauchten aus. Dann fasste er mich am Ellenbogen und sagte: „Komm, lass uns was trinken! – Hast du schon mal Bier getrunken?“ – Ich schüttelte verlegen den Kopf. – „Dann geb ich dir ´ne Cola aus!“

 

Thors energisches, bestimmendes Auftreten schüchterte mich regelrecht ein, und ich ließ mich wie ein gehorsames kleines Mädchen zum nächsten Bierstand führen.

 

Tatsächlich drückte er mir einen Becher eiskalte Cola in die Hand, während er ein Bier trank. Wie zu meiner Verteidigung äußerte ich trotzig: „Ich hab aber schon Wein getrunken!“

 

Thor grinste nur, erwiderte nichts und leerte sein Glas durstig in einem Zug. Ich wollte es ihm gleich tun und verschluckte mich erbärmlich. Lachend klopfte er mir auf den Rücken, bis ich wieder dahinter kam.

 

„Du bist dumm! Mit deinem so-tun-als-ob kannst du mir nicht imponieren.“ – „Was soll das heißen?“ empörte ich mich und wurde dabei knallrot.

 

Grinsend behauptete er: „Du gibst dich so selbstsicher, aber in Wahrheit hast du keine Ahnung was Sache ist.“

 

Verblüfft starrte ich ihn an und mir fehlten die Worte. – Plötzlich musterte er mich ausgiebig von Kopf bis Fuß, was mir eine Gänsehaut verursachte.

 

Entschlossen fasste er mich bei der Hand und zog mich hinter sich her in Richtung Parkplatz, wo die Wohnwagen standen. Mich beschlich ein ungutes Gefühl, aber gleichzeitig spürte ich ein Kribbeln im Bauch. ---

 

Dann standen wir vor <seinem> Wohnwagen, er schloss auf und ließ mir den Vortritt. Seine kleine Behausung war zwar spärlich aber mit allem Nötigen eingerichtet. Ungewollt fiel mein erster Blick auf das Bett, es sah aus wie eine Koje auf einem Schiff.

 

Thor war meinem Blick gefolgt und grinste. Dann fragte er mich unvermittelt: „Hast du schon mal mit ´nem Jungen geschlafen?“

 

Ich starrte ihn beinah entsetzt an, schüttelte jedoch automatisch den Kopf. Da meinte er forsch, mit richtig Freude in der Stimme: „Fein, dann werd ich ja dein Erster sein!“

 

Und schon begann er mit flinken Händen, mich auszuziehen, und ich wusste nicht, wie mir geschah. Doch ich fand es nicht unangenehm, sondern genoss seine Berührungen, zumal er mich nach jedem Kleidungsstück liebevoll küsste.

 

Als ich schließlich nackt vor ihm stand, leicht beschämt, entledigte er sich selbst in Windeseile sämtlicher Klamotten.

 

Tatsächlich hatte ich noch nie einen nackten Mann in natura gesehen und war sehr beeindruckt von seiner Körpermitte. Gleichzeitig kam mir der ängstliche Gedanke, ob es wohl sehr weh tun würde.

 

Plötzlich zeigte sich Thor sehr einfühlsam, denn er sagte leise: „Du brauchst keine Angst haben. Ich werd sehr vorsichtig sein. – Wir können’s aber auch lassen, wenn du nicht willst!“

 

Hätte er das nicht sagen können, bevor er mich auszog? – Nun war ich aber einmal neugierig geworden und wollte, dass er weiter machte. – In meinem Mienenspiel las er wohl so was wie eine Aufforderung, denn er nahm mich an den Händen, führte mich zum Bett, und wir setzten uns nebeneinander zunächst auf die Bettkante. Er strich mir unheimlich zärtlich meine ungebändigten Locken aus dem Gesicht, nahm es dann in seine Hände und küsste mich sehr innig. Unsere Zungen begegneten sich fragend, stupsten sich an und umkreisten sich streichelnd.

 

Dabei ließ er seine Hände wandern und liebkoste sanft meinen Busen. Sofort spannte der sich und die Knospen traten spitz hervor. – Er löste seine Lippen von meinen und strich stattdessen mit ihnen über mein Kinn, die Kehle hinab bis in mein Dekolletee.

 

Ab dem Moment, als sich seine Zunge nacheinander mit meinen Brustwarzen beschäftigte und er mich dabei sanft aber energisch in die Kissen drückte, begann ich in den 7.Himmel zu entschweben. Und als sein Mund sich schließlich meiner Scham näherte, sah ich nur noch Sterne.

 

Mit Zunge und Fingern bereitete er meinen Schoß auf den Frontalangriff vor. – Wie durch einen Schleier nahm ich wahr, wie er sich geschickt ein Kondom überstreifte, meine Beine spreizte und dann ganz behutsam in mich eindrang.

 

Es tat nicht weh, - es tat guuut! –

 

Für meine Begriffe war es leider viel zu schnell vorbei, doch mein Höhepunkt war gigantisch! –

 

Danach zündete er sich seelenruhig eine Zigarette an, ließ mich sogar kurz daran ziehen, und dieses Mal musste ich nicht husten. - Wir schwiegen einvernehmlich.

 

Dann zogen wir uns wieder an, und Thor begleitete mich bis zum Ausgang des Rummelplatzes, von wo aus ich allein zum Kloster zurück kehrte. ---

 

Ich erzählte niemandem von diesem Erlebnis, denn ich hielt es für eine einmalige Episode.

 

***

 

Doch da sollte ich mich täuschen!

 

Im folgenden Jahr, nun war ich 17, wartete Thor schon auf mich, und die Szene wiederholte sich, allerdings noch viel intensiver, denn ich blieb nicht so passiv wie beim ersten Mal.

 

Dieses Mal unterhielten wir uns danach, d.h. ich erzählte ihm freudestrahlend, dass ich im nächsten Jahr mit meinem Vater und Sybilla ziehen würde, und dass mich Sybilla in die Lehre nehmen wollte.

 

Da lachte Thor herzlich, was mich ein wenig irritierte. Schließlich erzählte er mir eine interessante Geschichte: „Ungefähr vor 5 Jahren lernte ich Sybilla kennen, d.h. ich begegnete ihr. Und zwar als ich mit ein paar Kommilitonen aus dem Priesterseminar die Kirmes besuchte.“

 

Ich starrte ihn verdutzt an und dachte: ‚Siehe da, der Mann wollte Priester werden?!’

 

Thor lächelte mich an und fuhr fort, indem er meine stumme Frage beantwortete: „Ja, ich wollte Priester werden! Seit ich denken kann. Meine Zukunft lag so klar und deutlich vor mir. – Und dann ließ ich mir aus Jux von Sybilla die Karten legen. Sie behauptete wahrhaftig, Priester wäre nicht meine Berufung, sondern Lehrer. Ich würde heiraten und viele Kinder zeugen.“ – Er holte tief Luft und sah mich eindringlich an. – „Sie beschrieb mir meine zukünftige Frau als dunkle Schönheit mit außergewöhnlichen Augen.“

 

Ich stutzte und rechnete nach. Nein, vor 5 Jahren kannte Sybilla mich noch gar nicht. Erst anderthalb Jahre später stellte Papa sie mir als seine Lebensgefährtin vor. Ich schaute Thor fragend an. Er erzählte weiter: „Zuerst hab ich sie ausgelacht. Doch als ich zurück im Seminar war, hinterfragte ich meine Entscheidung. – Kurzerhand schmiss ich das Studium und suchte mir eine Arbeit bei den Schaustellern, um irgendwie in Sybillas Nähe zu bleiben. – Und dann sah ich dich zum ersten Mal, und die Erkenntnis schlug ein wie ein Blitz.“

 

Ich konnte nicht anders, als ihm um den Hals zu fallen und zu bestätigen: „Genau wie bei mir!“

 

Energisch befreite sich Thor aus meiner Umklammerung und erklärte voller Ernst: „Also, ich stell mir das jetzt so vor: Du bleibst vorerst bei deinem Vater, und ich beende mein Theologiestudium, allerdings auf Lehramt. – Bin echt gespannt, ob ich eine Anstellung finde, wenn ich mit einer kleinen Hexe verheiratet bin.“

 

Ich staunte. „Du willst mich tatsächlich heiraten?“ – „Natürlich! Du bist doch mein Schicksal! Denn auch wenn ich an Gott glaube, die Karten lügen nicht!“

 

 

 

ENDE

 

 

 

5

 

Impressum

Texte: eigener Text verfasst 2017
Bildmaterialien: selbst gezeichnetes Bild (2017)
Tag der Veröffentlichung: 29.06.2017

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Nur mal wieder eine kleine Geschichte. Kartenlesen und Pendeln interessiert mich sehr.

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