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SCHICKSALSTAXI

 

Es war schon ziemlich spät, als dieses Mädchen zu mir ins Taxi stieg. Doch beim Blick in den Innenspiegel stellte ich fest, dass es sich gar nicht um ein Mädchen, sondern um eine junge Frau handelte. Ihre zierliche Gestalt und das lange wallende Blondhaar hatten bei mir zu diesem Irrtum geführt. Ein Blick in ihr Gesicht zeigte sogar, dass es sich bereits um eine reifere Frau handeln musste.

 

Auch ihre tiefe rauchige Stimme schien nicht so recht zu ihrer äußeren Erscheinung zu passen, als sie knapp zu mir sagte: „Zum Bahnhof!“

 

Ich staunte. „Aber das ist doch nur 5 Minuten Fußweg. Gleich in der nächsten Querstraße. Wozu brauchen Sie denn da ein Taxi?“

 

Schnell besann sie sich. „Ich mein doch zum nächsten Hauptbahnhof in der nächsten Großstadt.“

 

Nun war ich auch nicht viel klüger. Die nächste Großstadt lag 60 km entfernt.

 

Ich musterte sie erneut kritisch durch den Innenspiegel. Die Frau hatte kein Gepäck, noch nicht einmal eine Handtasche. Da stimmte doch was nicht! Überhaupt wirkte sie ziemlich verwirrt. Mir schien es sogar, als hätte sie geweint. –

 

 

In meine Gedanken hinein fuhr sie mich plötzlich mürrisch an: „Wollen Sie nicht endlich los fahren?“

 

Betroffen über ihren unwirschen Ton erwiderte ich ebenso ungehalten: „Das wird aber nicht billig! Bei den Kilometern, plus Nachttarif.“

 

Da zog sie ein Bündel Geldscheine, mit einer silbernen Klammer zusammen gehalten, aus ihrer Jackentasche und zeigte es mir. Das machte mich noch misstrauischer, aber ich sparte mir jeglichen Kommentar und nickte nur stumm. –

 

 

Bevor ich den Wagen startete, meldete ich die Fuhre über Funk bei meiner Frau in der Zentrale an. Das kleine Taxiunternehmen gehörte ihr; vom verstorbenen Vater übernommen. Ich war ursprünglich Fahrlehrer, aber als wir heirateten (vor 3 Jahren) wollte ich meiner Frau lieber im Betrieb helfen. Doch der Weg vom Selbstständigen zum Angestellten fiel mir nicht gerade leicht.

 

Und meine Frau kehrte sehr gern die Chefin heraus. Sie war überhaupt sehr dominant. Eigentlich hatte ich sie nur geheiratet, weil ein Kind unterwegs war. Obwohl wir nur eine flüchtige Affäre hatten, verhielt ich mich wie ein Ehrenmann und stand zu meiner Verantwortung.

 

Leider verlor Sybille das Kind kurz nach der Hochzeit. Es wäre ein Sohn gewesen, und ich zeigte mich schier untröstlich. Im Gegensatz zu Sybille, die beinah erleichtert schien. Sie wirkte fast, als wäre sie froh, einen lästigen Gegenstand los geworden zu sein.

 

Ich war entsetzt über ihre plötzliche Gefühlskälte, die sie bald auch mir gegenüber zeigte. Am liebsten hätte ich sie da schon verlassen. Aber irgendwie regte sich in mir der Trotz, mir selbst beweisen zu wollen, dass unsere Ehe doch noch klappen könnte.

 

So kämpfte ich um den Respekt und die Liebe meiner Frau; bisher vergeblich! Sie behandelte mich genauso herablassend wie jeden ihrer Angestellten, und selbst im Bett spielte sich schon lange nichts mehr ab. Wir hatten inzwischen getrennte Schlafzimmer. –

 

Um mich von diesen trüben Gedanken abzulenken, wandte ich mich höflich an die Frau auf dem Rücksitz: „Müssen wir uns beeilen? Wollen Sie einen bestimmten Zug erreichen?“

 

Worauf sie leise und etwas traurig entgegnete: „Keine Eile! Kein Termin!“

 

Welch seltsame Antwort! – Wir fuhren aus dem Ort hinaus, über die stille Landstraße in Richtung Autobahnzubringer. Ihr Schweigen bedrückte mich, und ich drehte das Radio an. Der örtliche Sender brachte Schlager, was ich für eine gute Reisemusik hielt. –

 

Da sang Juliane Werding: <Am Tag, als Conny Kramer starb.> und von hinten rief eine aufgeregte Stimme: „Schalten Sie das ab!“

 

Ich reagierte reflexartig und drehte den Knopf. Dann blickte ich in den Innenspiegel und sah, wie die Frau schluchzend die Hände vors Gesicht schlug. Das war zuviel für mich!

 

Ich fuhr rechts ran und hielt an. Besorgt drehte ich mich zu ihr um. „Was haben Sie denn? Kann ich Ihnen helfen?“

 

Sie schüttelte den Kopf und murmelte mit Tränen erstickter Stimme: „Mir kann keiner mehr helfen!“

 

Was sollte ich darauf sagen oder tun? Ich fühlte mich entsetzlich hilflos. – Doch plötzlich schnauzte sie mich an: „Jetzt fahren Sie schon weiter!“

 

Nach einem kurzen Schreckmoment meinerseits, drehte ich mich wieder dem Lenkrad zu, hob ergeben die Schultern und folgte ihrem Befehl, indem ich erneut den Wagen startete. Herrische Anweisungen war ich ja gewohnt! Dabei schoss mir nur der unsinnige Gedanke durch den Kopf: ‚Diese Weiber wissen nie, was sie wollen!’

 

Wieder kam mir ungewollt meine Frau Sybille in den Sinn. Warum musste ich ausgerechnet bei diesem Drachen hängen bleiben? Als Fahrlehrer hatte ich doch so viele nette Damenbekanntschaften gehabt. – Allerdings hatte ich mich nie mit Minderjährigen eingelassen! Obwohl mir manche attraktive 17jährige eindeutige Avancen gemacht hatte.

 

Wie war ich überhaupt an Sybille geraten? Ich konnte mich wahrhaftig kaum noch erinnern. Vielleicht wollte ich es auch nur verdrängen? Im Grunde genommen hob sie sich gar nicht so sehr aus meinen üblichen lockeren Affären hervor. Es war bei ihr genauso wenig Liebe wie bei den Anderen. Eigentlich nur purer Sex!

 

Leider mit Folgen! Und lange war mir nicht bewusst, dass ich bei Sybille der Erste war. Als sie mir ihre Schwangerschaft gestand, war eine Heirat für mich die logische Schlussfolgerung. Ich war halt so altmodisch! – Und Sybilles Vater, ein sehr sympathischer Mann, zeigte sich sehr erleichtert, dass ich ohne wenn und aber zu meiner Verantwortung stand.

 

Ich war sehr betroffen, als er durch einen schweren Motorradunfall ums Leben kam. – Bei der Übernahme des Taxiunternehmens verhielt sich Sybille unerwartet hilflos und unsicher. Sofort erwachte in mir so eine Art Beschützerinstinkt. Ich warf also meinen recht lukrativen Job als Fahrlehrer einfach hin, um sie im Betrieb zu unterstützen. Einige Fahrer hatten nämlich gekündigt, weil sie mit einer Frau als Chef nicht klar kamen. – Allerdings brauchte ich, der ich vorher selbständige Entscheidungen getroffen hatte, eine gewisse Gewöhnungszeit, um Sybilles Anweisungen widerspruchslos zu folgen.

 

Anfangs versuchte ich noch, als ihr Ehemann mit zu bestimmen, aber dieser Versuch wurde von Sybille gleich im Keim erstickt, indem sie behauptete: „Ich bin der alleinige Chef! Merk dir das!“ –

 

--- Wir erreichten die Auffahrt zur Autobahn. Ich setzte den Blinker und bog ab. Viel Betrieb herrschte dort auch nicht, und ich kam zügig auf der linken Spur mit 140 km/h voran. – Mit einem unwillkürlichen Blick auf die Tankanzeige, stellte ich verblüfft fest, dass ich unbedingt Benzin brauchte. Komisch, ich hatte doch erst gestern voll getankt und heute noch gar nicht viele oder weite Fahrten gehabt? Oder war der Wagen gestern ohne mein Wissen bewegt worden? – Heute Morgen hatte ich nicht auf die Anzeige geschaut. –

 

Zögernd wies ich meinen Fahrgast darauf hin, dass ich bei der nächsten Raststätte mit Tankstelle halten müsste. Die Frau schien mich gar nicht gehört zu haben, denn sie starrte nur schweigend und geistesabwesend vor sich hin.

 

Langsam wurde sie mir unheimlich! Ich beschloss kurzerhand, ihr nach dem Tanken einen Kaffee zu spendieren, um sie vielleicht etwas auszuhorchen. ---

 

--- Tatsächlich nahm sie meine etwas schüchterne Einladung an; sogar mit einem zaghaften Lächeln. Überhaupt wirkte sie plötzlich locker und gelöst, als wir uns im Lokal bei einem Kännchen Kaffee gegenüber saßen. Und ich hatte das Gefühl, sie suchte jemanden zum reden.

 

Wir waren die einzigen Gäste zu dieser späten Stunde. Zunächst jedoch musterten wir uns schweigend. Aus der Nähe betrachtet war sie schon eine recht attraktive Frau, allerdings wohl um einiges älter als ich. (Als ich später erfuhr, dass sie schon 56 Jahre alt war, konnte ich es kaum glauben, denn ich hatte sie auf höchstens Mitte 40 geschätzt; ich selbst war 35)

 

Das Auffälligste in ihrem ebenmäßigen, ungeschminkten Gesicht waren die eisgrauen Augen, deren Blick jedoch nicht kalt, sondern eher ein wenig seelenvoll wirkte, so als wäre sie in Gedanken ganz weit weg. Auch musterten sie mich sehr eindringlich, was mir einen leichten, aber nicht unangenehmen Schauer über den Rücken jagte.

 

Ihre plötzliche Anrede erschreckte mich ein wenig, zumal sie meinte: „Sag mal, wie heißt du eigentlich? Du erinnerst mich irgendwie an meinen Sohn.“

 

Nach der ersten Verblüffung konterte ich schlagfertig: „Ich heiß Martin! Und du?“

 

Da lachte sie hellauf und rief: „Gut pariert! Ich seh schon, wir verstehn uns.“

 

Wieder etwas ernster beantwortete sie meine Frage: „Ich heiß Annegret. Und mein Sohn hieß Julius.“ – „Hieß?“ hakte ich sofort nach.

 

Ihre Stirn umwölkte sich etwas. „Ja, er ist vor einem Monat gestorben. – Und eigentlich hatte ich heute vor, ihm zu folgen.“

 

Entsetzt über diese Aussage konnte ich sie nur sprachlos anstarren. Wie kam diese Annegret nur dazu mir, einem völlig Fremden, ein solches Geständnis zu machen? Ich begann, an ihrem Verstand zu zweifeln und überlegte, ob ich nicht die Leute mit diesen besonderen Jacken verständigen sollte. – Da fuhr sie auch schon ganz zwanglos mit ihrem Bericht fort.

 

So erfuhr ich, dass ihr Sohn Julius trotz all ihrer behütenden Fürsorge (oder vielleicht gerade deswegen?) drogenabhängig geworden war. Und vor einem Monat nun hatte man ihn in einer Bahnhofstoilette gefunden, wo er sich den sog. <goldenen Schuss> gesetzt hatte. In ihrer unsäglichen Trauer um den Verlust des einzigen Sohnes und vor lauter Einsamkeit hatte sie unsinnigerweise beschlossen, zu dem gewissen Bahnhof zu fahren, um sich vor einen Zug zu werfen.

 

Man sollte es nicht glauben, aber ich konnte wahrhaftig ihre verqueren Gedankengänge nachvollziehen! – Selbst ich hatte schon manchmal vor lauter Verzweiflung daran gedacht, einfach einen Strick zu nehmen und mich aufzuhängen. –

 

 

Entschlossen bestellte ich noch einen Kaffee und vertraute Annegret im Gegenzug die Geschichte meiner verkorksten Ehe an. – Als ich ihr von dem Kind erzählte, wollte sie ernsthaft wissen, ob das mit der Schwangerschaft überhaupt gestimmt hatte, und wenn ja, ob ich sicher sein konnte, dass ich der Vater war. – Sehr logische Überlegungen, die mir damals selbst kurz durch den Kopf geschossen waren. Doch ich wusste mit Sicherheit, dass ich damals Sybilles 1.Mann gewesen war. Und über ihre Fehlgeburt hatte ich persönlich mit dem zuständigen Arzt gesprochen.

 

Das machte die ganze Sache natürlich nicht besser! Und Annegret reagierte auf meine immer noch tiefe Betroffenheit, indem sie über den Tisch hinweg einfach meine Hand ergriff und sie tröstend drückte. Diese liebevolle, doch harmlose Berührung ließ mich wie unter einem elektrischen Schlag zusammen zucken, aber ich entzog ihr meine Hand nicht, sondern blickte sie nur verwirrt fragend an.

 

Annegret lächelte irgendwie mütterlich und wollte wissen: „Nach alldem, was du mir grad erzählt hast. Warum verlässt du deine Frau nicht einfach?“

 

Tja, warum nicht? Das ließ sich gar nicht so leicht beantworten. Also, Liebe war es nicht! Das musste ich mir inzwischen schmerzvoll eingestehen. Vielleicht Gewohnheit? Bequemlichkeit? Veränderungen waren anstrengend! Es war doch gut, wenn alles weiter routinemäßig ablief.

 

Ich schaute Annegret versonnen in ihre leicht traurigen Augen. Weshalb brachte gerade sie mich plötzlich zum Nachdenken? ---

 

--- Unverhofft unterbrach uns die Kellnerin, die abkassieren wollte, weil Schichtwechsel war. Ich übernahm die Zeche, denn ich hatte Annegret ja eingeladen. – Als wir gemeinsam zum Taxi gingen, fragte ich vorsichtig: „Du willst ja nun wohl nicht mehr zum Bahnhof. Soll ich dich nach Hause bringen?“

 

Sie blickte mich irgendwie nachdenklich an. Dann nickte sie eifrig. „Ja, bring mich heim! Ich möchte dir ein Angebot machen.“

 

Das klang etwas zweideutig, und mich beschlich ein mulmiges Gefühl. Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen und hielt ihr höflich die hintere Tür auf, damit sie einsteigen konnte. Doch sie schüttelte den Kopf und bat: „Darf ich vorne bei dir sitzen?“

 

Mir wurde immer unbehaglicher, aber ich kam ihrem Wunsch nach und öffnete ihr die Beifahrertür. – Als wir eingestiegen waren, knackte es im Funkgerät, und Sybilles herrische Stimme ertönte: „Verdammt, Martin, wo steckst du? Warum meldest du dich nicht? Bist du noch nicht angekommen?“

 

Ich sah auf die Uhr und erschrak. Annegret und ich hatten wahrhaftig eine ¾ Stunde verplaudert und hätten längst am Bahnhof sein müssen. Mutig griff ich zum Sprechgerät und erklärte mit erzwungener Gelassenheit: „Hallo, Sybille! Ziel hat sich geändert. Bringe Fahrgast jetzt nach Hause. Kann vielleicht spät werden. Meld mich dann. Over und Ende!“

 

Entschlossen schaltete ich das Funkgerät ganz aus und blickte Annegret herausfordernd an. Sie grinste nur, und ich startete den Wagen.

 

Auf unserem Rückweg zum Ausgangspunkt versuchte ich sie vorsichtig auszufragen, was sie denn jetzt mit mir vorhatte. Doch sie erzählte nur von ihrem großen Anwesen und der Villa, die sie jetzt ganz allein bewohnte, und die eigentlich auch schon vorher, als ihr Sohn noch bei ihr lebte, viel zu groß für nur 2 Personen war. Sie erwähnte keinerlei Personal, und langsam kam mir eine Ahnung, worum sie mich bitten wollte. –

 

Im Ort angekommen, dirigierte sie mich bis zum entgegen gesetzten Stadtrand. – Ihr Anwesen war von einer meterhohen, dicken Mauer umrahmt, und man konnte es nur durch ein wuchtiges, schmiedeeisernes Tor betreten. Schnell stieg Annegret aus und öffnete es, damit ich hindurch fahren konnte. Sie ließ es offen und stieg wieder zu mir ein. Wir fuhren eine lange, breite Auffahrt entlang, die rechts und links von großen Bäumen gesäumt war.

 

Schließlich hielt ich vor einer breiten Freitreppe, welche zu einem beeindruckenden fast schlossähnlichen Herrenhaus führte. Ganz ungewollt entschlüpfte mir die bewundernde Frage: „Du bist wohl sehr reich?“

 

Und dabei dachte ich an das Geldbündel, das sie einfach so in der Jackentasche mit sich herum trug. Annegret lächelte etwas gezwungen und antwortete: „Wie heißt es doch so schön? Geld allein macht nicht glücklich! Was in meinem Fall nur allzu wahr ist.“

 

Ich stieg aus, ging um den Wagen herum, öffnete die Beifahrertür und reichte ihr meine Hand zum Aussteigen. Schon diese harmlose Berührung elektrisierte mich! – Dann standen wir nebeneinander am Treppenabsatz, und Annegret gönnte mir die Zeit, das imposante Gebäude in aller Ruhe zu bewundern. Ich war schlichtweg überwältigt!

 

Schließlich hakte sie sich ungeniert bei mir unter und verlangte: „Komm mit rein! Ich will dir alles zeigen.“

 

So schritten wir die Treppe hinauf, und Annegret öffnete das schwere Eichenportal, das überraschenderweise nicht abgeschlossen war. Was mich zu der Bemerkung veranlasste: „Du bist aber ganz schön leichtsinnig!“

 

Doch sie winkte beinah verächtlich ab. „Darin sind zwar allerhand wertvolle und kostbare Sachen, aber die bedeuten mir nix. Alles nur tote Dinge!“

 

Ich war bestürzt über diese Aussage. Dann meinte ich neckend: „Vielleicht solltest du dir ein Haustier zur Gesellschaft anschaffen?“

 

Sie sah mich mit großen Augen ernst an und erklärte mit verblüffender Ehrlichkeit: „Da dachte ich eigentlich eher an dich!“ – „Was soll das bedeuten?“ wollte ich es jetzt ganz genau wissen.

 

Und dabei regte sich ein ganz seltsames Gefühl in mir. Ja, diese Frau konnte mich tatsächlich reizen! – Doch Annegrets fast sachlich vorgetragenes Angebot brachte mich rasch auf den Boden der Tatsachen zurück und dämpfte schlagartig meine aufkommende Erregung.

 

„Ich möchte, dass du für mich arbeitest! Als so ´ne Art Mädchen für alles. Chauffeur, Butler, Gärtner. Und du sollst bei mir wohnen, damit ich nicht mehr allein bin. Das Haus ist groß genug, dass wir uns nicht in die Quere kommen, wenn wir das nicht wollen.“

 

Für mich klang das alles immer noch ein wenig schwammig. Ich wollte Klarheit! „Was genau erwartest du von mir?“

 

Sie schenkte mir ein sinnliches Lächeln, aber ihre Antwort war ziemlich albern. „Ich möchte, dass du mich gern hast und immer für mich da bist. Als Frau bin ich wohl zu alt für dich. Und als Mutter fühl ich mich nicht alt genug. Außerdem hatte ich bereits einen Sohn. Und du bist ihm überhaupt nicht ähnlich. Was kann ich also für dich sein? Vielleicht eine gute Freundin?“

 

Dieses Gelaber konnte mich nicht täuschen! Schon der Beginn ihrer Rede zeigte meinem untrüglichen Gespür für gewisse Schwingungen, dass sie genau das von mir wollte, was ich zu geben bereit war. Auch wenn sie genau das Gegenteil behauptete.

 

Dieses wunderbare Geschöpf sollte zu alt für mich sein? So ein Blödsinn! Für die Liebe ist niemand zu alt!

 

Annegret beobachtete mich genau während meiner Überlegungen und versuchte wohl, in meinem Mienenspiel zu lesen. Ich blickte sie mit begehrlich funkelnden Augen an und gab ihr so zu verstehen, dass ich bereit war, all ihre geheimen Wünsche zu erfüllen.

 

Da erschrak sie sichtlich und bugsierte mich energisch zur Tür hinaus. Allerdings verabschiedete sie mich mit den verheißungsvollen Worten: „Regle erstmal alles mit deiner Frau! Dann komm wieder! – Ich warte auf dich!“

 

Dieses Versprechen bestärkte mich sehr in meinen künftigen Entscheidungen! ---

 

--- Schon am selben Abend teilte ich Sybille meinen Entschluss mit. Sie war noch wach und saß vor dem Fernseher. Als ich das Wohnzimmer betrat, schaltete sie den Apparat aus und sah mich irgendwie komisch an. Vielleicht bildete ich mir das aber auch nur ein? Hatte ich ein schlechtes Gewissen? Nein, warum? Noch war ja nichts passiert, wofür ich mich vor ihr schämen musste.

 

Ohne Vorwarnung und ziemlich emotionslos sagte ich ihr, dass ich die Scheidung wollte. Und dass sie sich einen neuen Fahrer suchen musste, weil ich ein weitaus besser bezahltes Jobangebot hatte.

 

Sie schaute ganz schön dämlich aus der Wäsche, was ich mit Schadenfreude registrierte. – Doch dann explodierte Sybille! Sie sprang auf und schrie mich an: „Hab ich’s doch geahnt. Schon bei deiner Funkmeldung. Deshalb hab ich auf dich gewartet. Gib’s zu, du hast ´ne Andre!“

 

Ich blickte sie an, und in mir rührte sich rein gar nichts! Hatte ich sie eigentlich je geliebt?

 

Weil ich mir soviel Zeit mit einer Antwort ließ, trat sie ganz dicht an mich heran. Ich wartete regelrecht auf eine Ohrfeige. Aber plötzlich wurde ihre Stimme weinerlich. „Du kannst mich nicht verlassen! Ich liebe dich doch!“

 

Dieses Bekenntnis verblüffte mich schon sehr. Aber mehr als ein Lippenbekenntnis war es nicht, denn ihre Augen blickten kalt und gefühllos. So erwiderte ich mit einem zynischen Grinsen: „Das fällt dir reichlich spät ein. Noch vor ein paar Monaten hätte ich alles dafür getan, um diese Worte aus deinem Mund zu hören. – Doch das Schlimmste ist, du sagst es nur so daher und meinst es gar nicht richtig ernst. Unsre Ehe war von Anfang an eine reine Zweckgemeinschaft. Erst wegen dem Kind, dann fürs Geschäft.“

 

Sybille zeigte sich betroffen. „Das ist ja wohl nicht dein Ernst? Du meinst, du hast mich nie geliebt?“

 

Ganz ehrlich gab ich zu: „Am Anfang vielleicht. Aber es war wohl nur ein Strohfeuer. – Und so wie du mich behandelst, so behandelt man keinen Mann, den man liebt.“

 

Sybille wandte sich von mir ab und schien mit den Tränen zu kämpfen. Das machte mich unsicher. Hatte ich sie vielleicht falsch eingeschätzt?

 

Da stampfte sie mit dem Fuß auf wie eine trotzige kleine Göre und rief zornig: „Dann geh doch, wenn du willst! Aber sofort!“

 

Im 1.Moment erschrak ich, aber dann verlangte ich: „Gib mir nur etwas Zeit, ein paar nötige Sachen einzupacken! Dann bin ich auch gleich weg!“ und noch einen Trumpf spielte ich aus. „Der Privatwagen gehört ja wohl mir? Da kann ich meine persönlichen Dinge einladen.“

 

Dabei legte ich gar keinen Wert auf irgendein Möbelstück oder irgendwelches Dekozeugs. Ich brauchte nur etwas zum Anziehen, Waschzeug und meine persönlichen Papiere. –

 

Entschlossen ging ich in mein Schlafzimmer, holte den großen Koffer vom Kleiderschrank, öffnete die Schranktüren weit, nahm wirklich nur das Nötigste heraus, räumte auch die Schubladen leer, machte mir aber nicht die Mühe, die Sachen sorgfältig zu falten, sondern warf alles wahllos in den Koffer. Auf diese Weise machte ich meiner plötzlich aufkommenden Wut Luft.

 

Ich war vor allem wütend auf mich, weil ich die ganze Sache so übers Knie gebrochen hatte. Andererseits bezweifelte ich stark, dass ich je vernünftig und in Ruhe über dieses Thema mit Sybille hätte reden können. Es war schon besser so, wie es jetzt gekommen war!

 

Mit dem wirr gepackten Koffer kehrte ich ins Wohnzimmer zurück. Sybille stand immer noch am selben Fleck und würdigte mich keines Blickes. Ich ging wortlos an ihr vorbei in das kleine Arbeitszimmer und holte die Mappe mit meinen persönlichen Unterlagen und etwas Bargeld aus der Schreibtischschublade. – Dann verließ ich ohne Abschied das kleine Reihenhaus, stieg in meinen alten Mittelklassewagen und fuhr los. ---

 

--- Unterwegs überlegte ich mir, dass ich Annegret nicht einfach so überfallen konnte, aber ich hatte ihre Telefonnummer nicht, um mich bei ihr anzumelden. Vielleicht konnte ich die in der Taxizentrale erfahren? – Also fuhr ich dorthin.

 

Einer unserer Fahrer hielt die Stellung, und es war kein Wagen unterwegs. Der Mann staunte sehr, als ich herein stürmte und hektisch im Auftragsbuch blätterte.

 

Endlich stieß ich auf Annegrets Namen und Adresse; sie hatte unser Unternehmen schon oft in Anspruch genommen. Trotz Anwesenheit des Fahrers wählte ich durch. Schon nach 2x klingeln wurde abgenommen, und Annegret meldete sich leicht verschlafen. Ich entschuldigte mich, weil ich sie wohl geweckt hatte und fragte zögernd, ob ich sofort zu ihr kommen dürfte.

 

Einen Moment herrschte verblüfftes Schweigen am anderen Ende der Leitung, und ich befürchtete schon, sie würde <Nein> sagen. Dann hörte ich mit deutlicher Freude in ihrer Stimme: „Ich hab doch versprochen, ich wart auf dich! Tür und Tor sind jederzeit für dich offen!“

 

Und dann legte sie einfach auf. Als ich den Hörer sinken ließ, dachte ich nur: ‚Hoffentlich auch dein Herz?’

 

Ich wünschte meinem verdutzten Kollegen fröhlich eine gute Nacht, eilte zum Auto, sprang hinein und brauste, jedoch ohne Geschwindigkeitsübertretung, zur Villa.

 

Das Tor stand tatsächlich sperrangelweit offen. Und als ich hindurch fuhr, murmelte ich lächelnd vor mich hin: „Und jetzt, liebste Annegret, werde ich dich überzeugen, dass dein Alter für mich keine Rolle spielt. Du bist immer noch eine attraktive Frau. Und sehr, sehr liebenswert!“

 

 

 

 

ENDE

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

9

 

Impressum

Texte: eigene Texte verfasst Aug.2016
Bildmaterialien: eigene selbst gezeichnete Bilder
Tag der Veröffentlichung: 02.10.2016

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Diese Geschichte ist eine Art Experiment, da ich mich als Ich-Form zum 1.Mal in einen Mann versetze.

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