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Kapitel 1

Faul lag Roman in dem Blätterhaufen, betrachtete die Bären rund um sich herum. Sie waren keine Gestaltwandler wie er, sondern reine Tiere. Trotzdem duldeten sie ihn, passten sogar auf ihn auf. Sie merkten ganz genau, dass er zwar anders, aber trotzdem einer von ihnen war. Zudem sahen sie in ihm ein Jungtier, welches sie beschützen wollten.

Sachte biss ihn einer der Kodiakbären in den Nacken, hob ihn hoch und brachte ihn mehr in die Mitte der Gruppe von acht Bären.

 

 

 

Aus der Ferne beobachtete Ryan die Braunbären. Schon seit Tagen hatten sie sich an diese rangehängt. Das Verhalten war mehr als nur seltsam. Wieso bekämpften sich die Tiere nicht, sondern bildeten eine Gemeinschaft, welche auch noch ein Jungtier schützte? Es war nicht normal, überhaupt nicht normal. Wenn sie nur endlich eine Erklärung finden könnten! Auch sein Beta verzweifelte an dem Fall. Heute hatten sie einen Bärenexperten dabei, welcher ihnen hoffentlich weiterhelfen konnte. Dieser lag direkt neben ihm auf dem Bauch und runzelte die Stirn. Als Bärenwandler sollte er seine tierischen Artgenoßen eigentlich verstehen.

„Okay, ich kann es nur so erklären: das Jungtier ist ein Wandler und komplett submissiv. Damit lockt er männliche Bären an, die sofort Beschützerinstinkte entwickeln und sich sogar zusammenrotten, um einen besseren Schutz zu gewähren. Von so etwas gibt es bisher nur einen dokumentierten Fall. Vor fast hundertfünzig Jahren wuchs ein Luchswandler unter seinen tierischen Artgenoßen auf und diese verteidigten ihn bis zu ihrem Tod, selbst als dieser erwachsen war. Wenn ich mich recht erinnere, kommt man nur an den Wandler ran, wenn er freiwillig zu einem kommt. Gewinnt sein Vertrauen, holt ihn da raus und das Rudel wird sich auflösen. Wäre jetzt mein Vorschlag, ich kann nicht zu hundert Prozent zusichern, dass es funktioniert.“ Die ganze Zeit über behielt Ryan den kleinen, braunen Bären im Auge. Es klang logisch, aber wie kamen sie nur nah genug ran? Aber zuerst mussten sie rausfinden, ob ein junger Bärengestaltwandler als vermisst galt.

 

 

 

Unwohl öffnete Roman seine Augen. Jemand beobachtete sie. Langsam erhob er sich, sah in alle Richtungen, bis er weit entfernt Männer wahrnahm. Sie waren zwar nicht in der Nähe, aber beobachteten sie eindeutig und das war kein gutes Zeichen, absolut kein gutes. Winselnd machte er die Bären auf sich aufmerksam, tapste in Richtung Wald, weg von der offenen Fläche. Sofort folgten ihm die Bären, bildeten einen Kreis um ihn. Wobei zwei sich lösten. Sie würden jagen gehen. Nie wurde Roman alleine gelassen und darüber war er froh. Er hatte Angst, dass sein Vater ihn eines Tages fand und weiter verprügelte. Erst dieser hatte ihn dazu gebracht, sich dauerhaft zu wandeln und in die Wildnis zu flüchten.

 

Nicht weit entfernt hatten sie ihre Höhle. In diese verschwanden die Bären, bis auf einen, während Roman unter der Aufsicht des Zurückgebliebenen schnell an einen Busch pinkelte und etwas Wasser aus einem nahegelegenen Bach trank. Erst danach schlich er in die Höhle. Wohlig brummelnd kuschelte er sich an den Bauch einer seiner Freunde. Beschützend legte sich eine große Tatze um ihn. So eingehüllt döste Roman vor sich hin.

 

 

 

„Roman Petrow. Offiziell nicht als vermisst gemeldet, doch momentan der einzige junge Bär hier in der Gegend. Sein Vater gilt als gewalttätig, seine Mutter ist sofort nach der Geburt abgehauen und die Nachbarn haben den Jungen schon länger nicht gesehen. Der Vater selber ist ausfällig geworden und hat keine Fragen zu seinem Kind beantwortet oder uns ein Foto gegeben. Wir wissen also nur, dass Roman sechzehn und ein Kodiakbär ist. Ansonsten nichts, als wäre er nicht existent. Keine Schulausbildung, keinen Kontakte, nichts.“ Unruhe breitete sich in Ryan aus. Für ein Jungtier musste das die Hölle sein, selbst so Einzelgänger wie Bären brauchten während ihrer Entwicklung mindestens zwei Bezugspersonen, darum blieben die Eltern solange zusammen, bis ihr Kind ausgewachsen war. Und es machte das Ganze zu einer riesigen Katastrophe. Sie hatten es mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit mit einem verstörten Bärenkind zu tun, welches von wilden Tieren geschützt wurde.

 

 

 

Unruhe riss Roman aus seinem Schlummer. Etwas unsanft packte ihn einer im Nacken und er wurde nach draußen getragen. Zwar verstand Roman nicht, wieso sie flüchteten, aber er vertraute seinen Freunden. Sie wollten nur das Beste für ihn. Auf einmal stellten sich Wölfe in ihren Weg. Vor allem ein schwarzer war ganz vorne dran, schnupperte neugierig in der Luft. Rund um sie herum konnte Roman noch mehr Wölfe wahrnehmen. Was sollte das?

Laut brüllend stellten sich gleich drei Bären auf ihre Hinterbeine, schlugen mit ihren Pranken aus. Sofort hatten sie einen Fluchtweg offen, den die Bären nutzen. Dabei wurde Roman gewaltig durchgeschüttelt, denn noch immer hing er an der Schnauze von einem seiner pelzigen Freunde. Immer tiefer rannten sie in die Wälder, doch die Wölfe blieben in ihrer Nähe, immer aus der Reichweite der Bären.

Auf einer Lichtung stopptenn sie und Roman wurde in der Mitte eines Kreises genommen. Direkt zwischen den gespreizten Pfoten einer der aggressiven Bären, der kurz mit seiner rauen Zunge über seinen Kopf leckte, ihn so beruhigen wollte.

 

Es schien Ewigkeiten zu dauern, bis die Wölfe ihr Interesse verloren und abzogen. Bibbernd hatte Roman seine zwei Vorderbeine um eines der großen des Bären über ihn geschlungen und wollte gar nicht mehr loslassen. Etwas an dieser Situation verängstigte ihn total und er wollte einfach nur weit weg. Seine Freunde erfüllten ihm diesen Wunsch, sie packten ihn und rannten los. Schwere Pfoten trafen auf den Boden, bannten sich ihren Weg durch das heruntergefallene Laub. Tiefer und tiefer liefen sie in die Wälder Alaskas, bis es scheinbar sicher war.

Obwohl es mittlerweile stockdunkel war und langsam kalt wurde. Dadurch, dass sein Fell an einigen Stellen noch sehr dünn war, fror er schneller und sein Körper hatte Probleme, einen ordentlichen Winterpelz zu bilden. Jahrelange Mangelernährung und Narben bereiteten einen einfach nicht optimal auf die Wildnis vor. Zudem

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: Josephine Wenig
Bildmaterialien: pixabay.com, malestockphoto.com; Bearbeitung: Caro Sodar
Lektorat/Korrektorat: Seth Ratio
Tag der Veröffentlichung: 14.02.2016
ISBN: 978-3-7396-3768-6

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