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Die Welt der Charan - unerkannte Magie

 

Es ist durchaus nicht dasselbe, die Wahrheit über sich zu wissen oder sie von anderen hören zu müssen

- Aldous Huxley

Teil 1/Kapitel 1

Du siehst die Welt nicht so wie sie ist, du siehst die Welt so wie du bist.

- Mooji

 

1 Woche, 7 Tage, 168 Stunden, 10080 Minuten oder 604800 Sekunden… Egal wie ich es denke, diese Zeit kommt mir so sinnlos und verschwendet vor. Alec und ich sitzen gerade wieder im Auto. Ich habe mir die Kapuze übergezogen und lausche der Stimme von Ed Sheeran, die aus meinen Kopfhörern dröhnt. In Gedanken versunken schaue ich aus dem Fenster.

 

Jack… Wie lange ich ihn nicht mehr gesehen habe…

 

Wie lange ich seine Gedanken nicht mehr gehört habe…

 

Wie lange ich ihn nicht mehr geküsst habe…

 

Eine Träne sucht sich ihren Weg über meine Wange. Schnell wische ich sie mit meinem Pulliärmel weg. Jetzt Schwäche zu Zeigen wäre nicht richtig und vor allem keine gute Idee. Ich brauche Ablenkung und das schnell!

 

Ich schaue mich verstohlen im Auto um. Jedoch finde ich nur leere McDonald's Tüten und inhaltlose Pizzaschachteln und jede Menge Leergut. Ich seufze, wie soll mich das hier alles bitte ablenken?!

 

Die letzen Tage sind wir nur durch die Gegend Gefahren und haben nur kurz zum schlafen oder zum essen Angehalten. Das einzige was ich also gemacht habe war essen, schlafen, Musik hören und natürlich mit den anderen Telefonieren. Rose und Matthew sind wohl noch unterwegs zu ihrer Unterkunft, jedoch weiß ich nicht wo die sein soll. Kylen und Lilla sind auf den weg nach Deutschland. Ja meine Eltern sitzen in der Sonne und werden von Charan bewacht und Dylan verbreitet weiter schrecken und Grauen...Jessy gibt ihr bestes um die Rebellion aufrecht zu erhalten... Nur wie lange wird das noch so gut gehen?

 

‚Ann? Alles okay?‘ Alec klingt beunruhigt, ich nehme meine Kopfhörer raus.

 

„Ich brauche verdammt noch mal eine Aufgabe, sonst drehe ich durch, Alec!“ Mein Ton ist etwas zu rau, sodass ich ein schlechtes Gewissen bekomme…

 

‚Tut mir leid, Alec.‘ Ich schaue aus dem Fenster und, wie sollte es anders sein, es fängt an zu regnen. Dicke Tropfen prasseln aufs Autodach und laufen an den Fensterscheiben runter.

 

„Wie wäre es, wenn wir zu einem der alten Anwesen meines Freundes fahren? Dort könnten wir für kurze Zeit auch mit den anderen wohnen.“

 

Ich schaue ihn an und kapiere, dass er das wirklich ernst meint! „Ehrlich?“

 

Er lächelt mich an. „Ja, Königin.“

 

Ich grinse zurück. „Klar gerne!“

 

‚Gut, aber nur, wenn uns in der nächsten Woche keiner von Dylans Leuten folgt. Sonst ist es zu gefährlich.‘

 

Meine Stimmung trübt sich wieder und mein Blick wandert zu meinen Händen, die in meinem Schoß liegen.

 

‚Aber weil ich so ein Netter bin, habe ich eine Überraschung für dich‘.

 

Ruckartig hebe ich meinen Kopf und betrachte Alec verwundert von der Seite. „Welche denn?“

 

Er schaut kurz zu mir rüber und lächelt: „Eine, die dir Gefallen wird.“

 

„Sag es mir, Alec!“ Er schüttelt lachend den Kopf. „Dann wäre es doch keine Überraschung mehr, Königin“

 

‚Nenn mich nicht so! Du weißt genau, dass mich das nervt, du bist ja schon wie Jack!‘

 

Jack… Nein dafür habe ich jetzt keine Zeit! Ich verdränge meine Trauer um ihn… Ich schaue wieder aus dem Fenster. Der Regen hat nicht nachgelassen, aber die schönen grünen Wiesen sind jetzt der Skyline einer Großstadt gewichen.

 

„Alec? Wo sind wir hier?“ Ich weiß, dass wir schon lange aus England raus sind, da wir vor einigen Tagen eine Fähre nach Rotterdam genommen haben, aber wo sind wir hier bitte?

 

„Wir steuern gerade aus Amsterdam zu, Kleine.“

 

Ich schenke ihm einen bösen Blick. Doch er lacht nur, Idiot! „Was wollen wir dort?“

 

Er steuert den Wagen auf eine andere Spur. „Überraschung“, sagt er nur kurz. Na toll, mehr wird er nicht sagen, das ist mir sofort klar.

 

Am späten Nachmittag finde ich mich in einem kleinen Friseurladen wieder.

 

„Was soll ich hier?“ Ich drehe mich Fragend zu Alec um, der lässig an einer Wand lehnt.

 

„Wir sind hier, um unser Aussehen zu verändern.“ Unbewusst greife ich nach meinen langen braunen Haaren.

 

Ich schaue auf sie und lasse meine Finger durch sie gleiten. „Ich soll sie schneiden lassen…“ Es ist keine Frage, sondern eine Feststellung.

 

„Hey, Ann“, er hebt mit seiner Hand, meinen Kopf so an, dass ich ihn ansehen muss, „es sind nur Haare!“ Und in Gedanken fügt er hinzu: ‚Trenn dich lieber dich von denen, als von deinem Leben!“

 

Ich seufze. „Na gut, dann mal los, bevor ich es mir anders überlege.“

 

Alec lacht und eine Dame mittleren Alters bittet mich, auf einem schwarzen Friseurstuhl Platz zu nehmen. Glücklicherweise spricht die Frau Englisch. „Was haben Sie sich denn vorgestellt?“

 

Ich schaue ihr über den Spiegel in die Augen. „Keine Ahnung, wichtig ist nur, dass ich völlig anders aussehe als jetzt.“ Sie nickt hinter mir und begutachtet meine Haar sorgfältig. „Schneiden und Färben?“

 

Ich schaue wehmütig auf meine langen braunen Haare… „Ja!“ antworte ich ihr fest.

 

„Und Sie sind sich sicher, Ihre Haare sollen völlig anders aussehen?“

 

Ich nicke. „Ja, überraschen Sie mich.“

 

Die Augen der Friseurin glänzen. „Okay, nichts lieber als das, Miss… wie war Ihr Name noch mal?“

 

„An…“ Alec unterbricht mich. „Ihr Name ist Sophie Cole.“

 

Ich schaue verwundert zu ihm, er sitzt neben mir in einem Friseurstuhl und wird von einem jungen Mädchen beraten. Seine Antwort kommt über Gedanken: ‚Dylan sucht uns, wir müssen nicht nur fliehen, sondern auch unsere Namen und unser Aussehen verändern, nur so schaffen wir es, unerkannt zu bleiben!‘

 

Die Friseurin lächelt mich an. „Ein schöner Name, Miss.“

 

Ich lächele zurück.

 

„Dann wollen wir mal anfangen.“ Mit diesen Worten verhängt sie den Spiegel vor mir.

Kapitel 2

 

Nach gefühlten Stunden erlöst mich die Friseurin endlich und nimmt den schwarzen Vorhang vom Spiegel. Zweifelnd schaue ich zu Alec.

 

„Wow, Sophie, du siehst Hammer aus!“ Alec grinst mich an und so traue ich mich endlich, in den Spiegel zu schauen.

 

Meine dunkelbraunen, fast schwarzen Haare sind verschwunden, genau wie mein Stufenschnitt. Meine Haare sind zu einem hellbraun/blond gefärbt und während sie mir vorher glatt bis zu Taille gereicht haben, fallen sie mir nun locker wellig bloß bis auf die Schultern. Alles im allem verliebe ich mich sofort in meinen neue Frisur. ‚Das wird Arbeit geben mit den Wellen.‘

 

Alec lacht laut los.

 

„So schlimm sieht Ihre Schwester aber nicht aus! Naja, Miss, wie gefällt es Ihnen denn?“

 

Ich drehe mich um und umarme sie kurz. „Es ist perfekt!“

 

Die Friseurin lächelt mich zaghaft an. So viel Freundlichkeit von einer Kundin ist sie wohl nicht gewohnt.

 

„Wir müssten dann auch zahlen.“ Alec stupst mich an und erst jetzt bewundere ich seine neue Frisur. Seine Haare sind jetzt pechschwarz und zu einem trendigen Undercut geschnitten.

 

„Sie steht dir ausgesprochen gut, Bruderherz.“

 

Verwirrt drehte er sich um vom Tresen, auf den er gerade zugesteuert ist, um zu bezahlen.

 

„Deine Frisur, Dummie.“

 

Alec lacht und bezahlt schnell.

 

 

„Vielen Dank! Die Frisuren sind toll geworden, tschüss!“ Mit diesen Worten verlasse ich den Salon, dicht gefolgt von Alec. Der sich ebenfalls bedankt und verabschiedet.

 

„Und was jetzt?“ Ich schaue Alec gespannt an. Doch anstatt mir zu antworten, zieht er mich in die nächste Gasse und presst seine Lippen auf meine. Sie schmecken leicht salzig und seine Lippen sind so weich wie die von Jack. Ich seufze, doch plötzlich wird mir klar, die schmecken zwar nach Jack, aber ich küsse hier gerade Alec!

 

Ich versuche, mich loszureißen, doch Alec hält mich fest.

 

‚Was soll das Alec?!‘ Ich bin aufgebracht, daher ist mein Ton auch gereizt.

 

‚Es tut mir leid, in den zwei Sekunden Bedenkzeit ist mir nichts Besseres eingefallen, Ann…‘

 

Ich bin verwirrt und das nicht nur durch seine Antwort, sondern auch, weil er mich immer noch weiter küsst!

 

‚Was ist los, Alec?‘ Meine Stimme ist schon wieder wesentlich freundlicher.

 

‚Es stehen fünf Diritasen neben unserem Auto, darunter auch Luis Vahlkamp.‘

 

‚Scheiße!‘ Mehr fällt mir dazu nicht ein.

 

Alec löst sich von mir und nickt leicht. Ich spähe über seine Schulter und beobachte, wie die Diritasen zum Salon von der Friseurin laufen, schnell verschwinden sie im Laden. Als ein Schrei ertönt, ziehe ich scharf die Luft ein und meine Augen weiten sich vor Schreck. Wie ferngesteuert will ich ihr zu Hilfe rennen, doch Alec packt mich fest am Arm.

 

‚Verdammt, Alec das tut weh!‘ Zornig schaue ich zu ihm hoch.

 

‚Willst du dich gleich in den Tod stürzen?‘ Alec ist verdammt sauer, betrübt schaue ich auf den Boden. ‚Nein, natürlich nicht...‘

 

‚Gut, dann hätten wir das ja geklärt und jetzt komm, wir schnappen uns schnell unser Gepäck aus dem Kofferraum und suchen uns dann eine Bleibe.‘

 

Ohne eine Antwort meinerseits dreht Alec sich um und schaut sich unauffällig um. Doch niemand ist zu sehen und so tritt er gelassen auf das Auto zu und ich folge ihm. Schnell schnappe ich mir meinen Koffer, da er verzaubert ist, ist er weder groß noch schwer. Alec nimmt seinen und schließt das Auto dann wieder. Wir beide gehen los und laufen durch mehre verlassene Straßen, die nur verlassen sind, weil es bereits dämmert. Nicht mehr lange und es wird völlig dunkel sein.

 

`sie ist Tod oder?`Ich hätte nicht auf alec hören sollen und einfach sie retten sollen...

 

`Ann, ich weiß du denkst ich bin grausam, aber wir hätten gegen so viele keine Chance gehabt. Wenn du stirbst dann war alles um sonst... Glaub mir die entscheidung zu gehen war die richtige auch wenn es schwer ist damit weiter zu leben`

 

  Wir laufen an den Grachten vorbei und die Nacht rückt immer näher.

 

‚Alec, ich bin müde.‘ Ich weiß, ich klinge wie eine quengelndes Kind, aber ich brauche meinen Schlaf, um bei Kräften zu bleiben.

 

‚Ich weiß, ich spüre es. Wir sind gleich da!‘ Auch er klingt erschöpft.

 

Nach weiteren zehn Minuten laufen bleibt Alec so abrupt vor mir stehen, dass ich nicht reagieren kann und in ihn rein laufe und auf meinem schönem Hinterteil schmerzvoll lande.

 

‚Sorry, meine Königin.‘ Alec schaut mich mitleidig an und hält mir seine Hand hin. Genervt rolle ich mit den Augen, nehme seine Hand an und lasse mich von ihm hochziehen.

 

‚Schon okay, aber sag mal, warum bist du stehengeblieben?‘ Fragend sehe ich zu ihm, ein leichtes Grinsen breitet sich auf seinem Gesicht aus.

 

‚Wir sind da.‘ Er nickt auf das Haus das hinter mir liegt, schnell drehe ich mich um. Das Haus wirkt klein, aber so wirkt fast jedes Haus in Amsterdam. Die Fassade blättert ab und das, was noch übrig ist, wurde in einem Kotzgrün gestrichen.

 

‚Drinnen sieht es besser aus, versprochen.‘

 

Zweifelnd schaue ich zu Alec, dieser nimmt seinen und meinen Koffer in die Hand und steigt die zwei Treppenstufen zur Tür hinauf, dort stellt er einen Koffer ab und klopft kräftig an die Tür. ‚Na komm schon, Ann!‘

 

Schnell eile ich zu ihm hoch und bleibe hinter ihm stehen.

 

„Wer ist da?“, fragt eine bekannte Stimme, mein Herz setzt kurz aus.

 

„Mach schon auf, Rose! Wir sind es nur.“

 

Fröhlich fing ich an zu grinsen.

 

‚Danke, Alec!‘

 

Er lächelt auf mich herunter und schon wurde die Tür knirschend geöffnet. „Ihr seid beide wohlauf, zum Glück!“ Rose scheint ehrlich erleichtert, obwohl das Verhältnis zwischen mir und Rose voller vorwürfe ist und das zwischen Alec und ihr kaum noch vorhanden ist, da Rose einfach dicht macht.

 

„Kommt rein. Habt ihr Hunger?“

 

Ich umarme sie kurz.

 

„Auf jeden Fall!“, antworten Alec und ich.

 

„Gibt mir die Koffer, ich bringe sie in eure Zimmer. Matthew sitzt im Esszimmer, einfach immer geradeaus.“ Wir beide nicken nur.

 

‚Schau nicht so traurig, das mit dir und Rose wird schon wieder, Alec.‘ Jetzt ist er es, der mich zweifelnd anschaut.

 

‚Ich hoffe es.‘ Er lächelt, doch es wirkt traurig.

 

Meine Gedanken schweiften ab. Wie würde es sein, Jack wiederzutreffen? Würde er mich überhaupt erkennen? Würde ich ihn erkennen? Würden wir uns in die Arme fallen oder würden wir uns so begrüßen wie Alec und Rose?

 

Energisch schüttelte ich den Kopf. „Ann, ist alles okay mit dir?“

 

Ich schaue hoch zu Alec. „Alles prima.“

 

Skeptisch schaut er mich an, stößt dann aber die Tür vor uns auf. Die führt direkt in das Esszimmer. Das Häuschen ist gemütlich eingerichtet und wirklich hübsch, auch wenn das niemand von außen denken würde.

 

„Hallo Matthew!“ Ich gehe lächelnd auf ihn zu und er schließt mich in eine feste Umarmung.

 

„Es ist schön, euch zu sehen und wie ich sehe seid ihr unverletzt!“

 

Er lächelt und begrüßt dann noch Alec mit einem Handschlag.

 

„Setzt euch. Ich bringe euch ein bisschen von der Suppe, die Rose gekocht hat.“

 

Ich lächle ihn dankend an und lasse mich erschöpft auf einen Stuhl fallen. Neben mir nimmt Alec Platz und Matthew verschwindet hinter einer Tür. Kurz darauf duftet es herrlich nach Roses Suppe. Ich liebe die Suppe, schon früher hat Rose gerne gekocht.

 

Meine Schwester kommt die Treppen runter und gesellt sich zu uns. Matthew kommt danach mit zwei dampfenden Teller voll Suppe wieder ins Zimmer. Schnell holt Rose noch Löffel, Gläser und zwei Flaschen Cola. Sie stellt alles ab und schüttet uns gleich was ein. Matthew hat sich wieder hingesetzt und als Rose endlich uns alles rübergegeben hat, setzt auch sie sich hin. Gierig löffele ich die Suppe leer.

 

„Hat jemand was von Kylen und Lilla gehört?" fragt Matthew in dir runde.

 

Ich nicke „Sie sind wohl zu zeit in Deutschland und heftig am Flirten." Wir alle müssen lachen

 

„Wurde aber auch zeit! Ich beobachte die beiden schon länger, aber zum glück hat Ann sie ja zusammen geführt!" Rose ist zögernd, aber ich fühle mich ein kleines stück wieder wie früher.

 

„ Das war nicht mal absicht und die Suppe ist super!“ Alle lachen über meine genüssliche Stimme.

 

„Freut mich, Schwesterchen, muss wohl mit Alec ein ernstes Wort reden, der lässt dich ja verhungern, so wie du zuschlägst.“ Wieder lachen wir, dennoch ist die Stimmung angespannt.

 

„Deine Schwester ist aber auch verfressen.“ Beleidigt ramme ich ihm meinen Ellenbogen in die Rippen.

 

„Aua! Ann, sag mal du bist schon wie Jack!“

 

Mein Lachen erstirbt. Auch Alec bemerkt, was er das gesagt hat und schnell schließt er die Augen und wendet sich ab. Im Raum ist es totenstill geworden. Ich schiebe meinen Teller weg.

 

„Ich bin müde, Rose, könntest du mir mein Bett zeigen?“

 

Traurig schaut sie mich an, willigt dann aber ein.

 

„Gute Nacht ihr beiden.“

 

Alec öffnet die Augen. ‚Es tut mir leid.‘

 

Ich lächele leicht. ‚Ich weiß.‘

 

Erschöpft gehe ich Rose hinterher und als sie eine Tür öffnet und sagt, dass das Zimmer dahinter meines ist, will ich nur noch einschlafen. Und das tue ich auch sofort, als ich mich auf das bequeme Bett lege.

Kapitel 3

(Alec`s Sicht)

 

Ich kann nicht schlafen, obwohl mein Körper es dringend braucht. Jedoch spüre ich, wie unruhig Ann und Rose sind. Meine Verbindung zu Rose ist schwach, aber sie ist noch stark genug, dass ich weiß, dass sie leidet. Ich kann keiner der beiden helfen und das macht mich am meisten fertig. Hätte ich Rose damals gesucht, hätte sie nicht leiden müssen… Hätte ich Jack aufgehalten, dann müsste auch Ann jetzt nicht leiden… Ich stehe mit geschlossenen Augen vor dem Fenster in meinem Zimmer…Plötzlich spüre ich, wie sich eine warme Hand auf meine Schulter legt. Erschrocken drehe mich um. „Rose?“

 

Sie nickt und ein kleines, trauriges Lächeln bildet sich auf ihren Lippen.

 

‚Gib dir nicht die Schuld Alec!‘

 

Ich schließe die Augen, wie lange hatte ich ihre Stimme nicht mehr in meinen Gedanken gehört? Viel zu lange.

 

‚Versteck dich nicht vor mir, bitte, Rose!‘

 

Ihre Hand legt sich auf meine Wange und ich öffne die Augen.

 

‚Ich will nicht, dass du noch mehr leidest. Ich kämpfe mit so viel in mir… Wenn ich mich auf dich einlasse, dann habe ich Angst, dass du mich meidest…‘ Ihre Stimme ist leise. Schnell lege ich meine Arme um sie und ziehe sie in eine feste Umarmung.

 

„Lass mich dir helfen! Ich liebe dich, Rose, für immer!“

 

Ich halte sie ein Stück von mir weg und schaue ihr fest in die Augen.

 

„Ich liebe dich auch, Alec.“ Sie flüstert es und durch das Mondlicht, was leicht in mein Zimmer leuchtet, kann ich sehen wie Rose anfängt zu Lächeln.

 

‚Alec, ich kann dir nichts versprechen… Aber ich werde es versuchen.‘ Glücklich lächele ich sie an. Langsam neige ich meinen Kopf, ich halte sie nicht mehr fest und trotzdem weicht sie nicht aus.

 

Kurz vor ihren Lippen keuche ich auf und taumele ich zurück. „Alec! Was ist los?“

 

Ich schüttele den Kopf. „Das ist nicht mein Schmerz, es ist Anns Schmerz!“

Schnell springe ich auf und renne in das benachbarte Zimmer. Die Tür ist verschlossen. ‚Ann, mach die Tür auf!‘

 

Sie reagiert nicht, plötzlich wird die Stille von einem Schrei durchbrochen. Kurzerhand breche ich die Tür auf. Ann liegt weinend auf ihrem Bett.

 

Ich gehe auf sie zu… sie weint und schreit. Ich atme einmal aus und wieder ein und lege mich dann neben sie und schlinge meine Arme um sie.

 

„Ann, es wird alles gut!“ Ich versuche, sie zu beruhigen. Schluchzend klammert sie sich an mich.

 

Einige Stunden bleibe ich einfach bei ihr und tröste sie so lange, bis die Tränen nicht mehr laufen. Nun sitzen Ann, Rose und ich am Esstisch. Lustlos schaut Ann auf die Teetasse, die bis zum Rand gefüllt vor ihr steht, Rose hat den Tee für sie vor einer Stunde gemacht. Doch Ann sitzt nur da, ihre Augen sind gerötet und sie sieht blass aus. Ich mache mir Sorgen und spüre, wie auch Rose ihre kleine Schwester besorgt mustert. „Ann… war es wieder so ein Albtraum, wie bei den letzten Malen?“

 

Sie zuckt bei meiner Stimme zusammen und schaut mich ängstlich an. In ihren Augen kann ich sehen, dass es wieder so ein Albtraum war. Vorsichtig lege meine Hand auf ihre Schulter und sie senkt den Blick wieder.

 

‚Sie hatte so was schon öfter?‘ Entsetzt schaut mich Rose an.

 

„Ann, bitte hör mir zu“ Rose redet auf ihre Schwester ganz ruhig ein, doch Ann antwortet nicht.

 

„Würdest du mir ein paar Fragen beantworten?“ Sie nickt leicht und ich umschließe Anns Hand, dankbar schaut sie zu mir.

 

„Träumst du immer dasselbe?“

 

Zaghaft kommt ein „Nein“ von Ann.

 

„Hast du das Gefühl, Dylan immer zu spüren?“

 

„Ja!“

 

Ich schlucke und Rose nimmt Anns andere Hand. „Glaubst du zu sehen, was Jack gerade macht?“

 

Ann schluchzt auf und nickt.

 

‚Ich glaube, Dylan manipuliert sie, um sie zu isolieren.‘

 

‚Was können wir dagegen tun, Rose?‘

 

Sie schaut auf Ann. Plötzlich steht sie auf und lässt Anns Hand los. „Entschuldigt mich, ich bin kurz telefonieren.“

 

Ich schaue ihr nach, bis sie hinter der Tür zum Flur verschwindet. ‚Was hast du vor, Rose?‘

 

‚Ich habe einen Bekannten, der könnte ihr vielleicht helfen.‘

 

‚Okay.‘ Ich wende mich wieder zu ihrer kleinen Schwester.

 

„Er hat mich betrogen… das habe ich gesehen…“

 

Ich runzele die Stirn, sie glaubt das doch nicht ernsthaft? „Ann! Jack würde dich nie betrügen!“ Ich bin sauer, dass Ann das auch nur in Erwägung zieht. Sie spürt meine Wut und schnell reißt sie ihre Hand aus meiner.

 

„Warum denn nicht?! Schließlich habe ich ihn zweimal betrogen!“

 

Entsetzt schaue ich sie an. Schnell bereue ich meine Wut…

 

„Ann, das mit Dylan… das ist nicht Betrügen…“ Ich schlucke schwer.

 

Sie schaut mich wütend an. „Es ist nicht betrügen? Was dann?!“

 

Doch ich komme zu keiner Antwort, denn Rose Kommt zurück in den Raum. „Ann, beruhige dich. Ich habe einen Bekannten, er ist ein sehr mächtiger Magier. Wir werden heute Nachmittag zu ihm fahren.“

 

Ich schaue zu Boden.

 

„Ich gehe ins Bett!“ Ann klingt patzig. Schnell stürmt sie aus dem Zimmer, sie flucht darüber, dass ihre Zimmertür kaputt ist, dann wird es ruhig.

 

„Alec, nimm dir das nicht so zu Herzen. Sie ist nur verzweifelt, ihr Familie und Freunde sind in Gefahr. Jack ist verschwunden und dann diese Albträume und das Wissen, dass sie nichts machen kann. Sie will Dylan nicht töten, dafür ist ihr Herz zu rein.“

 

Ich schaue zu ihr auf. „Meinst du, du kannst mir was vormachen? Du bist genauso kaputt wie sie und beides ist meine Schuld!“

 

Ich bin geladen, ich stürme aus dem Zimmer.

 

„Ich bin im Bett!“ Ich stampfe die Treppenstufen hoch. Ich will einfach nur in mein Zimmer.

 

„Alec? Alles Okay?“ Ein verschlafener Matthew steht vor mir, als ich in der ersten Etage hoch komme.

 

„Könntet ihr freundlicherweise ruhig sein?!“ Ann ist sauer und das macht mich noch wütender.

 

„Alles bestens!“, knurre ich schon fast und gehe dann einfach an Matthew vorbei und rausche wütend in meine Zimmer.

 

Kapitel 4

(Ann`s Sicht)

 

„Glaubst du wirklich, dass dein Bekannter ihr helfen kann?“ Alecs besorgte Stimme reißt mich aus meinen traumlosen Schlaf.

 

„Ich weiß nicht, Alec, aber ich hoffe es für sie.“ Meine Schwester Rose ist wohl seine Gesprächspartnerin.

 

 

„Ich hätte Jack aufhalten müssen...“ Alec seufzt auf und mich überkommt ein schlechtes Gewissen. Ich drehe mich in meinem Bett um, öffne meine Augen und sehe, wie Alec und Rose vor meiner Zimmer –„Tür“ stehen, die seit gestern Abend natürlich nicht mehr da ist.

 

‚Alec, es…tut mir leid.‘ Er lächelt mich erschöpft an und kommt auf mich zu.

 

„Ich gehe mal runter zu Matthew.“ Rose ist schon auf halbem Weg unten.

 

Alec steht unentschlossen vor meinem Bett. Ich rutsche rüber und klopfe einladen neben mich. ‚Na komm schon, Alec!‘

 

Lächelnd lässt er sich neben mich fallen und schlingt einen Arm um mich. Besorgt schaut er auf mich runter. „Wie geht’s dir?“

 

Ich schaue aus dem Fenster, wieder kommen die Bilder hoch, die gestern Nacht so real gewirkt haben. „Ich vermisse ihn.“ Was Anderes bringe ich nicht raus.

 

Alecs Hand schloss sich fest um meine „Ich weiß…“ Er gibt sich die Schuld an dem Verschwinden von Jack, obwohl es ganz alleine meine ist.

 

„Glaubst du, wir könnten ihn finden?“

 

Alec schaute mich traurig an. „Solange er nicht gefunden werden will, haben wir schlechte Karten.“

 

Das habe ich mir gedacht.

 

„Ann?“ Rose schreit von unten hoch.

 

„Ja?“

 

„Wir müssen los.“ Ich spüre, dass meine Schwester sich große Mühe gibt, uns wieder zu vertrauen, aber immer noch ist es komisch, ihre Stimme zu hören. Ich springe aus meinem Bett und renne schnell ins Bad, um mich anzuziehen.

 

Alec und Matthew begleiteten uns natürlich zu dem Treffen und so stehen wir vierzig Minuten später vor einem kleinen Häuschen, das ein bisschen abseits der Stadt liegt.

 

„Hier?“, frage ich meine Schwester verwundert. Sie nickt mir zu und geht selbstsicher zur Tür, es kommt mir so vor, als wäre sie hier schon öfter gewesen. Sie hebt ihre Hand und klopft fest gegen die morsch wirkende Tür. Nach wenigen Minuten geht diese einen Spalt auf und eine junge Frau ist zu sehen.

 

‚Hat sie nicht von einem Bekannten gesprochen?‘ Fragend schaue ich zu Alec, der neben mir steht, doch er zuckt nur mit den Schultern. Also beobachte ich meine Schwester wieder, die gerade der jungen Frau irgendwas zuflüstert. Plötzlich dreht sie sich um und winkt uns zu sich. Bei ihr angekommen stellt Rose uns der Unbekannten vor. „Lynn, das sind Ann, meine Schwester, Alec, mein Gefährte und ihr Krieger, und Matthew, mein Krieger.“

 

Wissend nickt Lynn mit dem Kopf. Ich mustere sie genauer, als Rose uns Lynn vorstellt, sie ist die Gefährtin von dem Bekannten. Sie hat lange rote Haare und graue Augen, die leicht golden schimmern. Mein Inneres schreit: „Wolf.“ Woher habe ich bitte die Gabe, von anderen der Charan zu erfahren? Jetzt will ich es wissen.

 

„Der Wolf ein schönes Tier, mein Gefährt hat auch einen Wolf als Charan.“ Jack… mein Herz zieht sich zusammen, als sich vor meinen Augen das Bild von Jack als Wolf verfestigt.

 

Geschockt schauen mich alle an, außer Lynn, die ganz gelassen in der Tür lehnt. „Kleine, du gefällst mir. Eine Schleiereule ist sehr selten.“

 

Ich nicke, wohlwissend, dass ich einen besonderen Charan bekommen habe. Ich habe es vor längerem in einem Buch gelesen.

 

„Ann, seit wann kannst du Charane erkennen und dann auch noch ihr Tier bestimmen?“, fragt mich ein überrascht klingender Alec.

 

Ich zucke die Schultern. „Keine Ahnung, es ist einfach gerade so da gewesen.“

 

Lynn lacht und tritt endlich zurück, sodass wir das Haus betreten können. Rose geht voran und Alec, Matthew und ich folgen ihr.

 

„Johann? Rose und ihre Schwester sind hier!“

 

Sie schreit durchs ganze Haus und schnell hört man, wie jemand polternd die schmale Treppen runter gerannt kommt. Ein Mann, der kaum älter als seine Gefährtin zu sein scheint, nimmt meine Schwester fröhlich in den Arm. „Rose! Wie schön, dich zu sehen, auch wenn ich mir andere Umstände gewünscht hätte.“ Als meine Schwester ihn auch begrüßt hat, dreht er sich um und schaut mich an. „Du bist dann wohl Ann, die Kleine, die Dylan endlich mal in die Schranken weist! Ich freue mich sehr, dich kennenzulernen.“

 

Ich strecke ihm meine Hand entgegen, doch er dreht sie um und haucht mir einen zarten Kuss auf den Handrücken. In mir schreit alles: „Löwe.“

 

„Ich stelle es mir sehr schön vor, als Löwe durch die Gegend zu schlendern.“

 

Lächelnd schaut er mich an. „Und begabt bist du auch noch.“

 

Dann wendet er sich an Alec und Matthew und bittet sie, mit seiner Gefährtin Lynn doch in der Küche Platz zu nehmen. Rose und ich folgen ihm durch das Haus in einen der hinteren Räume. Die Wände sind bunt behangen und zeigen vieles, das mir völlig unbekannt ist. „Sie sehen kaum älter als meine Schwester aus, aber wie können Sie so jung so viel gereist sein?“ Ich zeige mit meiner Hand auf die Wände mit den Bildern, die Lynn und Johann an vielen Orten zeigen.

 

Johann lacht „Wir sind Charan und sind ein bisschen älter als wir aussehen.“

 

Das wusste ich, aber hauptsächlich hatte ich mit frisch verwandelten Charan zu tun gehabt, bis jetzt. „Wie alt sind Sie den?“, stelle ich zögernd die Frage, denn übers Alter redet man ja eigentlich nicht.

 

„Sagen wir es so, ich komme aus Deutschland und habe an der Front des ersten Weltkriegs gekämpft.“

 

Ich bin geschockt. „Sie verarschen mich doch nicht, oder?“

 

„Das würde mir bei unseren zukünftigen Königen nie einfallen. –Hier sind wir richtig.“

 

Verwundert schaue ich Johann an. Er scheint meine unausgesprochene Frage zu bemerken und antwortet: „Hier spüre ich, dass du dich wohlfühlst und das ist das Wichtigste.“ Er lächelt mich an und öffnet dann die Tür.

 

Kapitel 5

 Der Raum hinter der Holztür ist wirklich schön. Er ist schlicht mit den Blau- und Weißtönen, aber durch die verschiedenen Stoffe wirkt es dennoch gemütlich. Zudem ist das Zimmer ziemlich leer, denn außer einem flauschigen Teppich, zwei kleinen Sofas und den Vorhängen befindet sich nichts im Raum. Man könnte meinen, es müsse steril wirken, aber das ist nicht der Fall.

 

Der Raum lässt mich ruhig werden und ich entspanne mich. „Warum ist der Raum so leer?“, frage ich Johann.

 

„Magie ist sehr eigensinnig und macht ihre eigenen Regeln. Eine davon ist, dass sie Platz zum Entfalten braucht. Gefällt dir der Raum nicht?“ Er schaut mich zweifelnd an.

 

Ich schüttle den Kopf. „Nein, nein, der Raum ist perfekt.“

 

Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. „Rose, ich würde gern mit deiner Schwester alleine sein. Würdest du vor der Tür warten, bis ich dich rufe?“

 

Sie nickt Johann zu. „Kein Problem, Johann. Gutes Gelingen euch beiden!“ Sie lächelt mir aufmunternd zu und ich lächle zurück. Vielleicht können wir doch wieder zu unserem alten Verhältnis zurückkehren. Als Rose die Tür hinter sich schließt, schaue ich abwartend zu Johann.

 

„Setz dich doch, Ann.“

 

Ich komme seiner Aufforderung nach und lass mich auf dem Sofa nieder, das seinem Platz gegenüber steht. Wieder sehe ich zu Johann, der mich ausgiebig mustert und lange Zeit schweigt. Erst empfinde ich die Stille als beruhigend, doch irgendwann wird es mir zu viel.

 

„Was machen wir jetzt?“

 

„Erzähl mir doch mal, was dich so belastet, dass du nicht entspannen kannst?“

 

Er will wissen, was mich belastet? Ich bin sichtlich überrascht, nach einigen Sekunden will ich ihm schon antworten, dass ihn das überhaupt nichts angeht, doch dann verspüre ich den Drang, mit jemanden darüber zu reden, was alles passiert ist. Johann sitzt mir still gegenüber und wartet auf eine Antwort.

 

„Wo soll ich anfangen? …Vor paar Monaten sind wir halt umgezogen, weil meine Schwester gestorben ist, das war eine Lüge. Denn sie hat heimlich ein Leben als Charan geführt und wurde dann von Dylan gefangen genommen… Also, als ich umzog, lernte ich Alec, meinen Krieger, Jack, meinen Gefährten und die restlichen Mitglieder der Familie Demont kennen. Jack und ich hatten Streit, obwohl ich ihn mehr als jeden anderen liebe. Und dann wurde ich auch von Dylan geschnappt und musste Jack verletzten, um dort lebend rauszukommen… Als ich draußen war, erfuhr ich, dass Jack abgehauen war und bis heute habe ich ihn nicht mehr gesehen. Alec gibt sich selbst die Schuld dafür. Zudem habe ich meinen Onkel Dylan ziemlich wütend gemacht, weswegen er es jetzt auf meine Familie und Freunde abgesehen hat…“

 

Ich schaue zu Boden und erzähle dann weiter. „Ich möchte meine Rose von früher wiederhaben, aber sie zieht sich immer wieder zurück. Alec macht sich total fertig, obwohl ich daran schuld bin, dass Jack Spurlos verschwunden ist! Jack vermisse ich so sehr, dass ich heulen könnte und meine Adoptiveltern vermisse ich auch, die ich nicht anrufen kann, weil es zu gefährlich ist… Ich habe eine Rebellion begonnen, aber ich habe keine Ahnung, wie ich Dylan besiegen soll. Ich fühle mich einfach überfordert, alle hoffen auf mich, aber was, wenn ich versage?“ Ich hebe meinen Blick und schaue mit Tränen in den Augen zu Johann.

 

„Ann, beruhige dich. Du trägst viel Verantwortung, aber ich weiß, dass du stark genug dafür bist. Ich gebe dir den Tipp, nach dem ‚Potiri amor‘ zu suchen und dir nicht alles alleine aufzubinden. Du hast gute und starke Freunde, vertraue ihnen!“

 

Er hat recht: ich will alles alleine machen und denke nur noch an Dylan, davon kann man ja nur Albträume bekommen. „Danke, Johann.“

 

„Keine Ursache. Jetzt, wo du entspannt bist, können wir uns ja dem Problem zuwenden, wegen dem du eigentlich gekommen bist.“

 

Ich wische mit meinem Pulloverärmel schnell die Tränen von meiner Wange. „Was soll ich tun?“

 

„Mir erzählen, was genau in deinen Albträumen passiert.“

 

Ich blicke ihn an und er lächelt mir zu und komischerweise stärkt mich dieses Lächeln.

 

„Es beginnt immer gleich. Dylan kommt zu mir und ermordet mich…“ Ich seufzte und schaue auf meinen Hände, die verknotet auf meinem Schoß liegen. „Er will, dass ich ihm verrate, wo die Verstecke meiner Freunde sind, aber ich sage immer dasselbe: ‚Ich bin keine Verräterin! Ich bin nicht wie du, Dylan!‘

 

Dann wird er wütend und zeigt mir, was meine Freunde gerade machen. Manchmal ist es nichts Schlimmes, aber letzte Nacht habe ich gesehen wie…“ Eine Träne sucht sich ihren Weg. „Ich habe gesehen, wie Jack mit einer anderen schläft!“ Meine Gefühle überwältigen mich wieder und ich weine stumm, vergesse alles um mich herum und denke nur noch an Jack. ‚Jack, komm zurück!‘ Vielleicht kommt er wieder…

 

Plötzlich legt sich ein Arm um mich und ich schaue erschrocken hoch, doch es ist nur Johann, der mich tröstend in den Arm nimmt. „Ann, Dylan manipuliert dich! Er will dich isolieren und von deinen Freunden wegtreiben, damit du angreifbar bist. Alles, was du da siehst, ist eine Lüge!“ Seine Stimme lässt keinen Zweifel zu und so versuche ich ihm zu glauben, auch wenn mein Herz etwas Anderes sagt. „Wie können wir das verhindern?“

 

„Ich kenne da einen ziemlich mächtigen Zauber, er würde verhindern, dass jemand ungewollt in deinen Geist kommt. Das bedeutet, dass du jedem erst Einlass gewähren musst. Wärst du damit einverstanden?“

 

„Das hört sich gut an.“ Zögernd lächle ich Johann an und hoffe, dass es ihm gelingt, denn so welche Bilder will ich nie wieder sehen müssen. „Was muss ich machen, Johann?“

 

„Leg dich ganz entspannt hin und höre mir einfach nur zu.“ Johann steht auf, geht wieder zum anderen Sofa und lässt sich nieder.

 

Schnell tue ich, was er mir gesagt hat und lege mich auf das Sofa, das gerade so groß ist, dass mein Körper ausgestreckt auf das gute Stück passt. Ich lass mich entspannt fallen und warte auf die nächst Ansage von Johann, doch es kommt nichts…

 

Nach wenigen Minuten bin ich eingeschlafen und so wandere ich durch meine Traumwelt. Ich fühle mich geborgen und lasse mich in den weichen Sand fallen, der hier am Strand verteilt ist. Die Wellen rauschen und so schließe ich meine Augen und atme die salzige Seeluft ein. Der Sand knirscht leicht und ich schlage meine Augen ruckartig wieder auf, denn mein Gefühl der Sicherheit ist verschwunden und das aus gutem Grund. Dylan steht vor mir!

 

„Was willst du hier?!“ Ich bin wütend, wie kann er mich einfach überallhin verfolgen?!

 

„Nana, was ist das für eine Begrüßung für deinen Onkel?“

 

Miene Augen werden zu Schlitzen und schon kommt er auf mich zu gerannt und will mich töten, doch dieses Mal schafft er es nicht, dieses Mal bin ich stärker!

 

Schon bald liegt Dylan tot vor mir und ich sehe, wie ein weißer Löwe neben mir steht, sein Fell ist voller Blut.

 

‚Johann?‘ Der Löwe nickt und ich kuschle mich an ihn und murmle ein Dankeschön in sein Fell. Als ich ihn loslasse, verschwindet er einfach im Meer und ich höre, wie eine Stimme in den Wind auf Latinisch flüstert. ‚Mauer umgib sie. Beschütze sie und lass ihr Inneres vor der Welt verborgen. Beschütze ihren freien Willen und ihre eigenen Entscheidungen.‘

 

Ich lege mich in den Sand und schließe die Augen. Ich spüre, wie sich ein lilanes Netz über meinen Körper ausbreitet und ihn umschließt. Dann spüre ich auf einmal einen stechenden Schmerz, schrecke hoch und bemerke, dass ich wieder in dem blauen Raum in Johanns Haus bin.

 

‚Ann, beruhige dich.‘ Ich schaue mich um und sehe, dass Alec mich im Arm hält und beschützend an sich drückt. Ich verlangsame meinen Atem und komme schlussendlich auch zur Ruhe.

 

„Was ist passiert?“ Ich schaue mich verwirrt um und sehe, dass Johann nicht mehr hier ist.

 

„Johann und du, ihr wart für mehrere Stunden in deiner Traumwelt und habt eine Schutzmauer errichtet. Für ihn war das sehr anstrengend. Lynn kümmert sich um ihn.“

 

Er lächelt mich aufrichtig an und ich lächle ganz automatisch zurück. „Hat es denn geklappt?“

 

„Ja, ja, Ann! Nur wäre es nett, wenn du mich wieder einlassen würdest.“

 

Ich schaue ihn erschrocken an. „Du kannst mich nicht mehr spüren?“

 

Bestätigend nickt er bloß.

 

„Aber wenn du es nicht kannst, dann kann es niemand, oder?“

 

Wieder ein Nicken.

 

„Wie lasse ich denn dich und Jack wieder rein?“

 

„Du musst es dir nur wünschen.“

 

Ich schaue zu dem großen Fenster und sehe, dass die Sonne gerade untergeht. ‚Ich gewähre Jack Demont und Alec Demont Einlass in meinen Geist.‘ Ich spüre so was wie Erleichterung und plötzlich ist da dieses leichte Seufzten. Jacks Seufzen.

 

Kapitel 6

„Er lebt!“Freudig drehe ich mich um und umarme Alec, dieser scheint nicht zu verstehen. „Alec, ich habe Jack gespürt, besser gesagt, ich habe gespürt, wie er aufseufzt!“

 

Alec wirkt nicht so erfreut wie ich es mir erhofft habe. „Ann, das ist gar nichts!“

 

Verständnislos schaue ich ihn an. „Das soll nichts sein!? Jack lebt! Nur weil er mich ausschließt, bedeutet das nicht, dass er...“ Ich kann es einfach nicht aussprechen.

 

„Dass er Tod ist?! Willst du das sagen?! Ann, sieh es ein, irgendwas stimmt da nicht und das nur, weil du unbedingt mit Dylan schlafen musstest!“

 

Das saß. Alec schaut mich wütend an und ganz langsam realisiert er wohl, was er gesagt hat.

 

Ich starre ihn nur an und bin einfach geschockt.

 

„Ann, das wollte ich nicht sagen!“ Seine Worte reißen mich aus meiner Starre und ich drehe mich einfach um und will nur noch weg von hier, weg von Alec!

 

„Ann, warte doch!“

 

Ich höre nicht auf ihn und stürme aus der Tür, vorbei an meiner verwunderten Schwester. Dabei spüre ich, wie es schwieriger wird, meine Tränen und meine Trauer zurückzuhalten. Endlich kommt die Haustür in mein Sichtfeld. Kaum habe ich sie aufgerissen, renne ich auch schon raus. Sollen mich doch die Diritasen holen!

 

 

Ich laufe ziellos an den Grachten entlang. Meine Sicht ist verschwommen von den Tränen, die einfach nicht versiegen wollen.

 

‚Jack, siehst du nicht, wie sehr ich dich brauche?!‘ Dass Alec glaubt, sein Bruder sei... tot, macht mich fertig.

 

Wenn er es schon glaubt, warum sollte es dann nicht stimmen?

 

Meine Tränen hören auf zu fließen und ich lasse mich erschöpft auf eine Bank fallen. Geistesabwesend sehe ich zu, wie begeisterte Touristen sich in ein kleines Boot quetschen, das rechts von mir angelegt hat. Sie sehen glücklich aus. Warum kann ich nicht ‚normal‘ sein?

 

Dann hätte ich die Demonts aber nie kennengelernt, besinne ich mich schnell.

 

Ich atme tief ein und aus, löse dann den Blick von dem Boot und schaue dorthin zurück, woher ich gekommen bin. Vielleicht hat Alec recht, auch wenn mein Herz das niemals glauben wird. Wieder huscht mein Blick zu der Gracht, die sich vor mir erstreckt.

 

„Ann?“

 

Erschrocken zucke ich zusammen und drehe mich um. „Rose! Erschreck mich nicht so!“

 

Meine Schwester lässt sich neben mir nieder und ich fühle, wie sehr ich sie vermisst habe, dennoch ist da dieser große Graben zwischen uns, der immer noch so unüberwindbar scheint.

 

„Ich weiß, dass die Situation nicht einfach für dich ist, aber das ist sie für uns alle nicht.“

 

Ich schnaube und starre auf das Wasser. „Du weißt gar nichts, Rose! Vielleicht verstehst du meine Trauer um Jack, oder das Vermissen unsere Eltern, ja vielleicht sogar die Geschichte mit Dylan, aber du verstehst nicht, wie hilflos ich mich fühle! Ich wusste nichts von all dem, bis vor ein paar Monate! Auf einmal zu erfahren, dass ich Königin bin und dazu noch übernatürlich! Dass meine Schwester mich mein ganzes Leben belogen hat! Was glaubst du, wie das war?! Das kannst du gar nicht verstehen!“, schreie ich sie an, ohne sie dabei anzuschauen.

 

„Ich kann gut verstehen, dass du sauer auf mich bist, aber ich wollte dich beschützen! Kannst du mich nicht wenigstens ein bisschen verstehen?“ Sie legt ihre Hand auf meine.

 

Ich schaue zu ihr auf, sie sieht mich traurig an und ich nehme mein Hand weg. „Irgendwann vielleicht.“

 

Langsam stehe ich auf, gehe zurück zu dem Haus von Johann und stelle auf dem Weg fest, dass ich nicht weit gelaufen bin. Ich klingle und sofort wird die Tür aufgerissen und Alec steht vor mir. Wir stehen nur da und schauen uns an.

 

„Es tut mir leid.“ Er stockt und ich werfe mich in seine Arme. „Das weiß ich doch!“ Erst scheint er überrascht zu sein, doch dann erwidert er die Umarmung. Bald aber spüre ich, dass seine Aufmerksamkeit nicht mehr bei mir ist. Ich drehe mich um und sehe Rose, die ziemlich fertig aussieht.

 

Alec sieht mich wütend an und ich schaue verlegen zu Boden.

 

‚Ann, warum kannst du ihr nicht verzeihen?!‘

 

„Alec, lass gut sein.“

 

Ich sehe wie Rose ihre Hand auf seinen Arm legt. Ich lächle leicht, doch dann denke ich daran, wie Jack mich jetzt trösten würde. Ich schlucke, schaue weg und frage: „Können wir zurück?“

 

Kapitel 7

Alec stimmt mir sofort zu und so sitzen wir eine Stunde später gemeinsam beim Abendbrot in dem Haus, in dem wir uns zu Rose und Matt gesellt haben. Eine unangenehme Stille liegt über uns, jedoch scheint niemand zu wagen, sie zu brechen.

 

Rose blickt traurig auf ihr Essen, Alec wirkt wütend und Matthew wirkt gar desinteressiert. Eins ist klar, wenn das so weiterging, würde ich es hier nicht lange aushalten! So beschließe ich kurzerhand, den Anfang zu machen. „Hat jemand was von Kylen und Lilla gehört?“

 

Alec sieht mich erleichtert an, ihm scheint die Stille auch ziemlich unangenehm gewesen zu sein. „Ja! Ich habe heute Morgen noch mit den beiden telefoniert. Es geht ihnen ziemlich gut und sie scheinen ziemlich glücklich verliebt zu sein.“

 

Meine Schwester lächelt mich zögernd an und ich erwidere das Lächeln zaghaft. „Das ist schön zu hören!“ Ich freue mich wirklich für die zwei, auch wenn es mich schmerzlich an Jack erinnert.

 

„Er vermisst dich aber ziemlich, bist ihm wohl ans Herz gewachsen“, fügt Alec hinzu.

 

Ich muss leicht grinsen.

 

„Wer kann Ann auch schon widerstehen.“

 

Über diese Bemerkung erstaunt schaue ich zu Matthew. Seit wir hier sind, redet er kaum, er hat sich verändert und mir fällt einfach kein Grund dafür ein.

 

„Das stimmt!“

 

Lächelnd blicke ich zu Alec und gehe dankbar auf seine Worte ein, weil ich nicht weiß, wie ich auf Matt reagieren soll. „Ach was, ich habe einfach nur Glück.“

 

Wir alle müssen lachen, denn sie alle wissen von meiner Ausstrahlung, dieser kann man sich wirklich nur schwer entziehen.

 

Nach dem wir uns alle wieder beruhigt haben, helfe ich Rose beim Abräumen und Spülen und gehe dann schnell hoch zu meinem Zimmer. Verwundert stelle ich davor fest, dass die Tür nun wieder vorhanden ist.

 

‚Alec?‘

 

‚Mhm?‘

 

Sehr gesprächig, stelle ich belustigt fest. ‚Warum ist meine Tür wieder ganz?‘

 

‚Ich habe Matthew gebeten, sich darum zu kümmern während du mit Johann geredet hast.‘

 

Schnell bedanke ich mich bei Alec und öffne dann die Tür, um in mein provisorisches Zimmer zu gelangen. Ich vermisse mein einladendes Zimmer bei den Demonts und mein kleines Zimmer in dem Haus, das ich mit meinen Eltern bewohnt habe, in England. Doch beide sind für immer zerstört... Von mir selber angezündet.

 

Mama. Wie sehr ich auch sie vermisse! Schnell ziehe ich mein Handy aus der Tasche und wähle ihre Nummer. Lange werde ich nicht reden können, sonst würden die Diritasen uns finden.

 

Nach zweimaligem Tuten geht meine Mutter ans Telefon. „Hallo, hier ist Mrs…“

 

Schnell unterbreche ich sie, weil mir schlicht die Zeit davon rennt. „Ma, ich bin’s, Ann!“

 

„Ach, meine Liebe. Wie schön, dass du dich meldest. Wir vermissen dich!“

 

„Ich vermisse euch auch, Mama. Ich habe leider nicht viel Zeit...“ Meine Stimmung ist wieder auf dem Nullpunkt.

 

„Mein Engel, lass den Kopf nicht hängen! Bald ist der Stress in der Schule vorbei und du kommst uns mal besuchen, was hältst du davon?“

 

„Das mache ich bestimmt!“ Wohlwissend, dass das erst möglich sein wird, wenn Dylan besiegt ist; leider sieht es nicht danach aus, als würde das bald passieren.

 

„Das freut mich, Kleines! Ich soll dich von Papa grüßen und dir sagen, dass er dich lieb hat und du auf dich aufpassen sollst.“

 

Ich schmunzle. „Mach ich, Mama. Hab euch lieb, ich muss jetzt auflegen!“

 

„Ach wie schade. Bis dann, meine Kleine!“

 

Und schon drücke ich den roten Telefonhörer. Stumm fließen mein Tränen mir über die Wangen und ich richte mich schnell auf, alleine werde ich das alles hier nicht schaffen, ich muss Rose wieder näher kommen.

 

Entschlossen trete von meinem Zimmer in den Flur und steuere auf das Zimmer meiner Schwester zu. Ich klopfe zögerlich und schon nach wenigen Sekunden dringt die Stimme meiner Schwester von der anderen Seite zu mir. „Herein.“

 

Bei diesem Wort öffne ich die Tür und schaue mich unsicher um und entdecke meine Schwester auf einem alten Sessel, fragend schaut sie zu mir.

 

„Ich hasse dich dafür, dass du mir nie was gesagt hast und ich kann es auch zur Zeit nicht verstehen, weil es unsere Familie noch mehr ihn Gefahr gebracht hat, als wenn du es mir gesagt hättest“ Ich hole kurz Luft und Rose setzt schon an, was zu sagen, aber ich hebe meine Hand hoch und sie hält inne. „Vielleicht wird es nie wieder wie es einmal war, aber ich kann das hier nicht allein und ich liebe dich! Du bist meine Familie und ich werde versuchen, dir zu verzeihen, allerdings verspreche ich nichts!“

 

Ich habe nicht bemerkt, wie Rose aufgestanden ist und mich jetzt in eine Umarmung zieht. Es fühlt sich komisch an und dennoch fühle ich, wie mein Herz einen kleinen Sprung macht.

 

„Danke!“ Mit diesem Wort löst sich Rose wieder von mir, erst jetzt wird mir klar: ich habe die Umarmung erwidert.

 

Kapitel 8

verlegen stehen wir uns gegenüber und wissen nicht so recht, was wir machen sollen. Ich schaue Rose einfach nur in die Augen und sie tut es mir gleich. Ich weiß nicht, wie lange wir hier stehen, aber die Zeit kommt mir wie Stunden vor. Ich habe sie so sehr vermisst, dennoch fühle ich den Hass. Sie hat mich belogen und das über Jahre. Obwohl ich jetzt hier bin, ist meine Zerrissenheit noch deutlich da. Ich schaue weg und betrachte den Boden, ich schäme mich, weil ich ihr nicht einfach verzeihen kann, aber da ist diese Stimme, die mir immer sagt, vielleicht ist das immer noch nicht alles. Vielleicht würden dann noch andere Leute leben, hätte sie mich nicht belogen. Herr Demont ist nur eins von vielen Opfern. Herr Demont, er wurde ermordet mit einer Frau... ermordet... Dylan!

 

„Verdammt!“ Ich schaue zu Rose auf.

 

„Was ist los?“ Sie sieht mich fragend und verzweifelt an, doch dafür habe ich jetzt keine Zeit.

 

‚Alec, sofort ins Wohnzimmer!‘ Ich drehe mich um, stürme die Treppe runter, nicht nur weil ich was heraus gefunden habe, sondern, auch weil ich endlich aus der peinlichen und unangenehmen Stille rauskomme. Rose folgt mir einfach stumm und fragt nicht weiter.

 

 

Als ich die Tür aufstoße, stehen Alec und Matthew schon im Wohnzimmer und sehen mich besorgt an.

 

„Du hast doch nicht wieder von Dylan geträumt, oder?“, stellt Alec die Frage ganz direkt.

 

Ich schüttele den Kopf. „Um ehrlich zu sein, ich habe noch nicht mal geschlafen.“

 

Alec muss meine und Rose‘ Gefühle spüren, denn er nickt wissend. „Okay, was ist dann, Ann?“

 

„Ich muss erst was im Potiri amor nachlesen, um Genaueres zu wissen, wir haben es doch nicht verbrannt, oder Alec?“

 

Alec legt die Stirn in Falten. „Nein, Wir haben alles Wertvolle nach Deutschland gebracht.“

 

„Dann ist unser nächstes Ziel wohl Deutschland.“

 

Alec schüttelt den Kopf. „Ann, wir müssen erst mal hier verdeckt weiterleben. Es ist viel zu gefährlich, jetzt hier wegzugehen und mir nichts, dir nichts in Deutschland aufzutauchen.“

 

„Alec, bitte! Wenn ich recht habe, stecken wir in verdammten Schwierigkeiten…“

 

„Verdammt noch mal, Ann! Was genau ist los?“ Matthew klingt genervt.

 

„Was ist eigentlich mit dir los?“, stelle ich ihm die Gegenfrage.

 

„Mit mir nichts!“ Er klingt patzig und ich will schon zur nächsten Bemerkung ansetzen, als wir von meiner Schwester unterbrochen werden. „Ann und Matthew, wir werden hier wohl noch einige Monate festsitzen und ich will keinen Streit. Unsere Lage ist schon beschissen genug!“ Ihre Stimme ist kalt und bestimmend, wieder mal spüre ich, dass von meiner Rosi von früher kaum noch was da ist.

 

Plötzlich höre und spüre ich ein wohlbekanntes Rauschen. Meine Sicht wird trüb und schon nach wenigen Sekunden bin ich an einem völlig anderen Ort. Ich blinzele leicht und schnell wird mir bewusst, dass ich mich an einem Ort in England befinde. Ich stehe in einem Waldstück, das an das Grundstück der Demonts angrenzt. Ich blicke mich verwundert um, schon lang habe ich keine Flash Backs mehr gehabt und vorher eigentlich immer nur dann, wenn ich was Bestimmtes gesehen oder berührt habe. Zudem fühlt es sich anders an als bei den letzten Malen. Ich bin verwirrt, aber dann höre ich Stimmen und folge ihrem Klang ganz instinktiv. Eine kleine Lichtung erscheint und schon sehe ich die Personen: eine Frau steht neben Dylan. Seine Augen glitzern heute ganz besonders und seine Haltung wirkt bedrohlich. Ein leichter Schauer überfällt mich. Als ich die letzte Person betrachte, wird mir mulmig zu Mute. Herr Demont steht vor mir. Jacks, Ellis und Alecs Vater. Und schnell ahne ich, was ich gleich sehen werde: die Ermordung von Herr Demont.

 

Eine Träne bahnt sich ihren Weg über meine Wange und ich klammere mich an den nächsten Baumstamm. Ich bekomme die Stimmen kaum noch mit und alles rauscht an mir vorbei.

 

Dylan zückt ein Buch, das Potiri Amor. Herr Demont scheint gefasst, doch die junge Frau schreit. Dylan spricht irgendwelche Wörter und ich sehe, wie die Körper von Herr Demont und der Frau in lila Fäden gewickelt werden. Sie saugen ihnen das Leben aus. Die beiden sterben. Ihre erschlafften Körper fallen zu Boden und ein goldener Schimmer springt auf Dylan zurück. Das Rauschen verstärkt sich, doch das bekomme ich nur am Rande mit. Ich bin wie gelähmt. Dylan hat sie zwei Menschenleben geopfert, nur wofür?

 

Kapitel 9

In den Armen von Alec komme ich wieder zu Bewusstsein. Als ich meine Augen öffne, schaue ich direkt in seine, seine Gefühle sind mir gerade verborgen. Ich kann meine Vermutung nicht aussprechen, ich habe viel zu viel Angst davor.

 

Ein fetter Kloß bildet sich in meinem Hals und macht es mir unmöglich, überhaupt zu reden. So schaue ich nur zu Alec und stumme Tränen laufen über meine Wangen. Ich denke verzweifelt darüber nach, was ich gerade gesehen habe und schnell wird mir bewusst, dass meine Mama schon in ihrem Brief erwähnt hat, dass Dylan das Buch benutzt hat. Ich dachte nur, er hätte seine Frau verwandelt, aber sie war in meinem Flash Back ein Mensch. Johann hat auch was vom Portiri Amor erzählt. Ich denke an den Kampf mit Dylan zurück... Seine Verletzungen heilten schnell... zu schnell, selbst für einen Charan. Nein! Oh Aeon, bitte sag, dass ich nicht recht habe! Mein Atem wird schneller und vor Schock weiten sich meine Augen. Alecs Blick wird besorgt. „Ann, was ist los ?“

 

Ich schüttle nur den Kopf, unfähig, überhaupt irgendwas zu sagen. ‚Ann, du kannst mir vertrauen.‘

 

‚Dein Vater wurde von Dylan geopfert.‘

 

Sein Blick wird finster ‚Warum sollte Dylan meinen Vater opfern?‘

 

‚Um Macht zu bekommen.‘

 

‚Ann, was hast du gesehen?‘

 

Plötzlich erscheint alles so klar, viel zu klar... ‚Dylan ist unsterblich.‘

 

Alec reißt die Auge auf und stolpert ein Stück zurück, sodass ich unsanft auf meinem Hinterteil lande.

 

„Alec!“ Es ist Rose‘ Stimme und ich drehe mich zu ihr um und mustere sie. Weiß sie es schon? Hat Dylan sie eingeweiht?

 

Alec ignoriert sie und schaut mich nur an. „Glaubst du es oder weißt du es?“

 

Ich schlucke und der Kloß ist weg. „Ich weiß es“

 

„Scheiße“

 

„Meine Güte, kann uns mal hier jemand aufklären?“ Es ist Matthew, der ziemlich wütend klingt, jedoch kann ich es ihm nicht verübeln.

 

„Ich habe in einem Brief meiner Mama erfahren, dass Dylan das Potiri Amor benutzt hat. Ich habe gesehen, wie er es gesucht hat, Johann meinte, ich solle hineinschauen und plötzlich ist mir was eingefallen. Im Potiri Amor fehlt eine Seite.“

 

Abwartend schauen mich alle an „Der Spruch, wie man sich unsterblich macht.“

 

Alle ziehen scharf die Luft ein, aber sagen nichts, also spreche ich weiter. „Gerade habe ich gesehen, wie Dylan seine Frau, die keine Charan war, und Herr Demont opferte. Der Spruch besagt, man müsse einen Feind und seine große Liebe opfern. Dylan hat es getan und ist seit diesem Tag unsterblich.“

 

Rose findet als erstes ihre Stimme wieder. „Du bist dir sicher, dass es dieser Spruch war? Und woher weißt du von dem Spruch?“

 

„Ich bin mir verdammt sicher. Ich habe viel alleine gelernt, als ich mich von den Demonts distanziert habe. Herr Demont hat mich weiter unterrichtet und mir immer freien Zugang zu den Büchern gewährt. Es gibt mehr Bücher, die so was in die Richtig besagen. Immer wieder steht dort was von einer Prophezeiung.“

 

„Wie sollen wir mit diesem Wissen bitte weitermachen?“ Alec scheint hilflos und das erste Mal glaubt er wahrscheinlich ans Aufgeben.

 

„Ich denke, wir sollten erst mal die anderen informieren. Jack zu finden, müssen wir wohl erst mal aufgeben…“

 

Ich stocke kurz, weil mir dieser Punkt am schwersten fällt. „Wir sollten uns voll und ganz darauf konzentrieren, den nächsten Teil der Prophezeiung zu finden und den jetzigen zu entschlüsseln. Und vor allem sollten wir so schnell es geht nach Deutschland.“

 

Alle nicken und ich spüre, wie Alec mich beruhigen möchte, denn unbemerkt habe ich angefangen zu weinen. Plötzlich klingelt mein Telefon. Erschrocken lasse ich es beinahe fallen. „Mama und Papa“, lese ich dann laut vom Display ab und nehme verwundert an. Ein ungutes Gefühl überrollt mich

 

„Meine kleine Ann. Wie fühlt es sich an, zu wissen, dass ich gewinne?“ Seine kalte Stimme versetzt mir dermaßen einen Schock, dass sich nichts sage außer seinen Namen. „Dylan“ Meine Herz rast. Mama und Papa sollten da dran sein, nicht er!

 

„Ah, du weißt meinen Namen noch, wie schön.“ Seine dreckige Lache klingt in mein Ohr.

 

„Was hast du mit meinen Eltern gemacht?“ Angst steigt in meinen Körper.

 

„Noch nichts.“ Sein Ton sagt mir nur zu deutlich, worauf er wartet.

 

„Was willst du?“ Ich spüre Alec in meinem Bewusstsein und die Blicke der anderen, aber ich starre nur auf den Boden. Ich habe das Gefühl, endgültig zu reißen und meine Welt zu verlieren.

 

Lange ist es still, doch dann kommt seine Stimme wieder „Ergebe dich und werde meine Königin.“ Noch im selben Moment weiß ich, was gleich passieren wird.

 

„Lass mich bitte mit meinen Vater sprechen.“ Dylan lacht, erfüllt meine Bitte aber ohne Widerrede.

 

„Ann. Ich weiß von eurer Welt. Ich bin Rose einmal gefolgt.“ Mir kommen die Tränen, er wusste es, es wird mir zu viel...

 

„Dad. Ich werde euch nicht retten können... ich kann nicht zu ihm zurück!“ Ich fange an zu weinen und spüre, wie Alec meine Hand nimmt.

 

„Ich weiß, mein Engel. Deine Mutter und ich wissen schon lange von eurer Welt, aber wir wollten euch damit nicht beunruhigen. Wir vertrauen dir und werden dich immer lieben.“

 

Der Hörer rauscht.

 

„Hast du dich entschieden?“ Dylans Stimme ist Kalt und eisig.

 

„Ja.“ Meine Stimme klingt entschlossener als ich mich fühle.

 

„Gut. Sei Morgen um ein Uhr bei dem Anwesen der Demonts, oder sie sterben.“ Damit piept die Leitung und mir fällt das Handy aus der Hand. Ich sacke in mich zusammen, wohlwissend, dass ich gerade meine eigenen Eltern umbringe, weil ich morgen nicht in England sein werde.

 

Ich heule einfach hemmungslos und nehme kaum wahr, dass mich jemand in seine Arme zieht, bis diese Stimme in meinem Inneren ist. ‚Ann, unsere Eltern werden uns verzeihen. Schon lange weiß ich von den Giftflaschen, die sie bei sich tragen. Sie waren auf das hier vorbereiteter als wir es jemals sein werden.‘ Rose, meine Schwester. Meine Familie. Und ich spüre auf einmal, wie einsam ich mich fühle.

 

‚Jack, lass mich nicht alleine! Komm zurück! Komm verdammt noch mal zurück!‘

 

Nichts passiert und meine Tränen werden noch mehr und ich lasse mich in Rose‘ Arme sinken. Sie hat recht und ich beginne, ihr zu verzeihen, noch nicht ganz, aber ein Stück mehr.

 

Kapitel 10

 Mich überrollen meine Gefühle. Ich komme mir so hilflos und verloren vor. Die Geschehnisse der letzten Wochen lasten auf einmal auf meinen Schultern, als wären sie Tonnen schwer. Und plötzlich verspüre ich diese Wut auf Jack.

 

Wie kann er mich alleine lassen! Wie kann er mir das alles hier allein zu muten, gerade er müsste doch wissen, wie sehr ich Dylan was vorgespielt habe.

 

Beruhigend streicht meine Schwester mir über den Rücken. Ich sehe nicht, wer noch im Raum ist, weil meine Sicht verschwommen ist, denn ich heule wie ein Schlosshund. Und auf einmal spüre ich wie beruhigende Energie in mich fließt, ich erkenne sie sofort: Jack! Er lebt eindeutig noch und schnell ist mein Hass weg und tiefe Sehnsucht überfällt mich. Langsam beruhige ich mich und falle in einen tiefen Schlaf. Endlich entspanne ich mich und kann mich erholen.

 

Ein leichtes Rütteln weckt mich und verschlafen öffne ich die Augen. Ich liege in Alecs Armen, der mich ohne große Mühe die Treppen hoch trägt. Draußen ist es tiefste Nacht, der Mond scheint durch ein Fenster auf die Treppe und so erkenne ich den besorgten Ausdruck auf Alecs Gesicht. ‚Alec, es wird alles gut.‘

 

Ich weiß nicht, woher ich die Hoffnung nehme, aber ich spüre sie deutlich in mir.

 

‚Tut mir leid ich wollte dich nicht wecken‘, erwidert er bloß. Und schon sind wir in meinem Zimmer angekommen und Alec legt mich vorsichtig in mein Bett.

 

‚Danke.‘ Ich lächle ihn an.

 

‚Kein Problem.‘ Sein Gesicht wirkt immer noch angespannt. Alec wendet sich zur Tür und will in sein Zimmer verschwinden.

 

‚Alec, warte!‘

 

Er dreht sich zu mir und schaut mich fragend an.

 

‚Könntest du bei mir bleiben?‘

 

Zögernd denkt er nach, legt sich dann aber neben mich. Leicht kuschele ich mich an ihn und seine Wärme lässt mich entspannen, aber er scheint völlig angespannt.

 

‚Alec, was ist los?‘ Ich öffne meine Augen nicht und schaue ihn auch nicht an, aber ich spüre seinen Blick auf mir ruhen.

 

‚Das erste Mal spüre ich Angst und Zweifel.‘

 

‚Wir schaffen das! Es gibt immer noch die Prophezeiung!‘

 

‚Ich weiß, aber was wenn wir sie Falsch deuten…‘ Er möchte schon weiter reden, aber ich unterbreche ihn.

 

‚Alec, wir haben einen Teil doch schon. Morgen werden wir den Lageplan machen und mit Kylen und Lilla reden. Wir erarbeiten einen Plan und leben dann erst mal wieder.‘

 

‚Woher hast du nur diese Zuversicht?‘ Er klingt schon fast belustigt.

 

Plötzlich fällt mir ein, von wem ich die Energie habe und ruckartig schaue ich zu Alec hoch. Mein Blick trifft seinen und schnell spüre ich, dass ich es Alec nicht sagen sollte, er hat schon genug mit sich selber und Rose zu tun.

 

‚Von dir und Rose‘, sage ich daher und lächele ihn an. Alec entspannt sich als ich ihm meine Energie schicke und schnell schlummern wir beide ein. Ich gleite in eine tiefen und erholsamen Schlaf.

 

Auf einmal weckt mich ein leises Piepen, schnell drehe ich mich um und will schon weiterschlafen, als ich bemerke, wie Alecs Seite des Bettes sich senkt und wieder hebt. Mit leisen Schritten entfernt er sich vom Bett in Richtung Bad. Dann geht die Tür lautstark auf und mit einem leisen, dumpfen Schlag wieder zu. Mein Instinkt überfällt mich und ich schlage meine Bettdecke zurück, lausche an der Tür. Alec telefoniert mit jemandem, aber ich kann nicht hören mit wem.

 

„Ja, sie schläft gerade seelenruhig in ihrem Bett“

 

Kurze Pause, der andere muss wohl gerade was sagen.

 

„Nein, wir machen das so wie geplant! Es ist zu gefährlich!“

 

Wieder Stille.

 

„Ja, ich weiß, heute war nicht so der Brüller.“

 

Wieder eine Pause.

 

„Okay, machen wir es so, ja, bye!“

 

Schnell eile ich zu meinem Bett und kuschele mich wieder in meine warme Decke. Nur Sekunden später kommt Alec wieder aus dem Bad und lässt sich neben mich ins Bett fallen. Um den Schein zu wahren drehe ich mich grummelnd um und Alec flüstert ein „Sorry“.

 

Nach dem geheimnisvollen Gespräch bin ich wieder völlig aufgewühlt und frage mich, welche Geheimnisse es noch hier gibt, verübeln kann ich es ihm nicht, schließlich habe ich selber welche.

 

Nach wenigen Minuten des Grübelns falle ich wieder in einen Schlaf, mein Körper ist einfach zu erschöpft. ‚Gute Nacht, meine Königin.‘ War das ein Traum? Schnell drehe ich mich um und sinke wieder in einen tiefen schlaf und vergesse die Worte wieder…

 

Kapitel 11

 

(Rose`s Sicht)

 

Ich drehe die Musik auf so weit es geht und spüre die Bässe durch meinen Körper rauschen. Die Stimme von Mike Kerr aus der Band Royal Blood singt gerade das Lied Blood Hands, als mich ein heftiges Rütteln aus meiner Traumwelt reißt. Schnell öffne ich meine Augen um zu sehen, wer mich stört. Ann. ‚Ann? Was ist los?‘ Sie sieht mich wütend an.

 

‚Wie kannst du hier nur so seelenruhig hier sitzen?! Und mach die verdammte Musik aus!‘

 

Da ist jemand aber wirklich auf hundertachtzig.

 

Schnell greife ich nach meinem Handy und schalte die Musik aus, lese dabei die Uhrzeit. 12:20 Uhr.

 

Ich schaue wieder auf, aber Ann ist schon wieder im Esszimmer verschwunden und ich sitze alleine mit Alec im Wohnzimmer. „Du solltest mit ihr reden.“ Alec sitzt vor einem Laptop und tippt irgendwelche Tasten.

 

„Hm.“

 

„Rose, du bist ihre Schwester und das sind eure Eltern!“

 

Ich habe das eigentlich ziemlich verdrängt…

 

„Ich weiß, dass es meine Eltern sind!“ Es klingt patzig. Alec schaut von dem Bildschirm auf und betrachtet mich skeptisch. Er hat Krieger zu dem Treffpunkt geschickt, aber was sollen die schon ausrichten? Immerhin ist Dylan unsterblich. Ich fange an hysterisch zu lachen.

 

„Rose?“, kommt es verunsichert von Alec.

 

„Ist es nicht witzig, dass Dylan unsterblich ist und wir uns immer noch einbilden, wir könnten was gegen ihn ausrichten?“ Wieder lache ich. Nach wenigen Sekunden spüre ich, wie sich zwei starke Arme sich um mich legen und mich sanft an eine warme Brust ziehen. Alec.

 

„Es wird alles gut, Rose“ Seine Stimme klingt nach Hoffnung, aber ich bilde mir nichts ein unsere Karten stehen verdammt schlecht.

 

„Küss mich.“ Habe ich das wirklich gesagt?

 

Alec drückt mich ein Stück von sich weg und schaut mir tief in die Augen. Mein Herz rast und ich glaube nicht, dass ich jemals geglaubt habe das mit uns sei vorbei.

 

Die ganze Situation scheint mir so surreal. Ich weiß nicht, wie lange wir einfach nur so da saßen, mir kam es wie Jahre vor. Langsam näherte sich Alec und als seine nur noch wenige Zentimeter von meinen Lippen entfernt sind, schließe ich die Lücke. Seine Lippen sind immer noch so weich wie damals, als ich ging, und schnell wird der schüchterne Kuss zu einem leidenschaftlichen. Ein Feuerwerk an Gefühlen explodiert in mir. Mein ganzer Körper sehnt sich danach, von ihm berührt zu werden und erst jetzt wird mir klar, wie sehr wir uns vermisst haben. Der Kuss scheint nie enden zu wollen.

 

Er findet jedoch ein abruptes Ende, als Anns Schrei zu uns dringt. Schnell fahren ich und Alec auseinander und schauen uns fragend an. Dann wieder ein Schrei von Ann und ich stürme ins Esszimmer neben dem Wohnzimmer. Als ich die weiße Holztür öffne, sehe ich wie Ann zusammengerollt auf dem Boden kauert und immer wieder schreit sie auf. Matthew ist über sie gebeugt und schaut sie völlig besorgt an, aber da ist noch was anderes in seinem Blick. Liebe. Ann schreit wieder und ich schiebe die Information beiseite und stürme zu Ann. ‚Ann? Ich bin da. Was ist mit dir?‘ Meine Gedanken überschlagen sich und ich greife nach Anns Hand, jedoch werde ich zurückgeworfen, denn eine heftige Energie Welle überfällt mich. Was ist das? Mein Kopf scheint zu platzen und ich nehme alles verschwommen wahr, bis plötzlich Anns Schreie verstummen.

 

Ich blinzele leicht und sehe, wie Alec den Kopf von Ann hält. Ich spüre wie magische Energie fließt und schaue fasziniert zu, wie Anns und Alecs Geist eins wird, wie sie einen Bund eingehen…

 

Ihre Magie bündelt sich und plötzlich sinken beide erschöpft auf dem Boden zusammen. Ich stürme zu Alec, und Matthew zu Ann. Ich lege Alecs Kopf vorsichtig auf meinen Schoß und gebe ihm Energie von mir. Sofort bekommt er wieder Farbe im Gesicht und richtet sich auf.

 

„Was war das?“

 

„Jemand ist in Ann Geist eingedrungen. Sie hat einen Kampf dagegen geführt und sich abgeschottet.“

 

„Aber warum konntest du sie berühren?“

 

Alecs Blick wandert zu Ann, die völlig außer Atem an der Wand lehnt. Eine Hand über die Augen gelegt.

 

„Ich habe Alec die Treue geschworen.“ Ihre Stimme klingt zerbrechlich.

 

„Wir sind Kriegsverbündete.“ Geschockt schauen ich und Matthew von Ann zu Alec und wieder zurück.

 

„Was genau bedeutet das?“, fragt nun Ann.

 

„Wir sind noch intensiver verbunden. Spüren die Gefühle intensiver, wir können besser und effektiver zusammen kämpfen und unsere Gedankenübertragung ist deutlich besser.“

 

„Warum seht ihr so geschockt aus?“ Sie sieht vor allem mich an.

 

„Weil das nur selten Passiert, zudem muss man ein direkter Nachfahre von Aeon sein.“

 

Alec räuspert sich. „Ich bin der Sohn der Stärke“

 

Geschockt taumele ich zurück.

 

„Die Prophezeiung“, sagt Ann und sinkt in sich zusammen. Sie scheint erschöpft, aber plötzlich sehe ich, wie goldene, pure Magie den Raum erfüllt und Ann einschließt.

Kapitel 12

(Ann`s Sicht)

 

Goldene Fäden aus Magie schließen sich um mich. Die Magie ist alt und so stark, dass ich sofort weiß, dass sie nur von unserer Göttin stammen kann. Jedoch kann ich mich nicht erinnern, jemals goldene Magie gespürt oder davon gelesen zu haben.

 

Die Fäden schlingen sich um meinen Arm. Ich schaue zu und weiß, dass von ihnen keine Gefahr droht. Plötzlich ziehen die Fäden sich fest um meinen Arm und ich schreie vor Schmerzen auf. Danach ist alles dunkel um mich und ich höre nur noch, wie jemand meinen Namen ruft.

Ich blinzele leicht. Ich fühle mich erholt und voller neuer Kraft und setze mich schnell auf.

 

„Hey Ann, immer mit der Ruhe.“

 

Ich öffne meine Augen ganz und entdecke Alec vor mir. Fröhlich grinse ich ihn an, denn ich spüre seine Liebe zu Rose.

 

„Das Band zwischen uns ist sichtlich vertieft worden.“ Ich grinse immer noch und Alec wird leicht rot, er scheint verstanden zu haben, was ich meine. „Das muss dir nicht peinlich sein.“

 

„Es ist mir nicht peinlich!“

 

Ich grinste und es klopft an der Tür.

 

„Herein“, antworten Alec und ich im Chor. Sie geht auf und meine Schwester kommt zu uns in den Raum. „Wie geht’s dir?“, fragt sie mich besorgt.

 

„Rose, mach dir nicht so viele Sorgen um mich.“

 

Ich lächele sie an und sie lächelt zurück.

 

„Ann, weißt du, von wem die Magie kam?“ Alec wirkt auf einmal ernst und angespannt.

 

„Alec, beruhige dich. Die Magie kam von Aeon selbst.“ Sichtlich erleichtert nickt er. Ich schaue auf die Uhr und stelle fest, dass es sechzehn Uhr ist. Meine Eltern… „Alec? Hast du was von meinen…“ Ich stocke, aber Alec und Rose verstehen mich auch so. „Wir haben nichts gehört, weder dass sie leben, noch dass sie gestorben sind.“ Ich schlucke schwer und greife nach der Wasserflasche. Sofort fahren lila Fäden aus und die Flasche kommt ohne dass ich sie berührt habe zu mir.

 

Rose zieht scharf die Luft ein und Alec und ich schauen uns nur geschockt an.

 

„Seit wann kannst du das, Ann?“ Alec ist völlig geschockt.

 

„Ich habe keine Ahnung.“ Plötzlich fällt mir mein Arm wieder ein und ich streife meinen Pullover über den Kopf.

 

„Was machst…“ Alec verstummt und Rose zieht noch mal scharf die Luft ein. Auf meinem Oberarm ist ein goldener Ring zu sehen. Auf ihm steht Fides. Das Latinische Wort für Treue.

 

„Was hat das zu bedeuten, Alec?“

Er schaut nur auf mein neues Mal und flüstert: „Ich weiß es nicht.“

 

Stunden später sitzen Alec, Rose, Matthew und ich vor dem PC im Wohnzimmer und Skypen über eine sichere Leitung mit Kylen und Lilla. Gerade hat Alec die Ereignisse der letzten Tage heruntergerattert, da trifft mich auch schon der besorgte Blick von Kylen. „Geht’s dir denn gut, Schwesterherz?“

 

Ich nicke und lächele ihn leicht an.

 

„Okay, also wir haben doch ein Stück der Prophezeiung, wir sollten diesen Teil erst mal auswerten.“

 

Alec nickt, holt den Zettel hervor und hält ihn mir hin. Laut beginne ich zu lesen. „Der Sohn der Stärke wird Schwestern des Geistes wieder zusammenbringen. Erst dann kann die Waffe entstehen. Sie wird erglühen in jener Nacht. Ein Bund wurde gesprochen und bindet zwei. Auf der Suche nach dem inneren Licht und der Bindung…“ Ich schaue zu Rose. Nachdenklich blickt sie auf das Blatt, was auf meinem Schoß liegt. Sie ist Geist wie ich und wir sind Schwestern. Ich vermisse sie so sehr. Ich liebe sie doch immer noch, egal wie verändert sie ist. Und erst jetzt wird mir klar, ich habe ihr schon lange vergeben.

 

„Ich liebe dich, Rosi.“ So habe ich es auch früher immer gesagt.

 

Rose schaut zu mir hoch und sofort wird uns beiden bewusst, wie sehr wir uns beide vermisst haben. Ich schließe meine Arme um sie und plötzlich sind da wieder diese goldenen Fäden.

 

Kapitel 13

Wieder schaue ich fasziniert zu, wie sich die goldenen Fäden um meinen Arm schlingen und sich dort fest verankern. Dieses Mal bin ich auf den Schmerz eingestellt, sodass ich nicht schreie. Als der goldene Reif sichtbar wird, ziehen Matthew, Kylen und Lilla scharf die Luft ein. Alec und Rose und ich mustern das Mal bloß. Und wieder erscheint ein latinisches Wort. Beneficientia.

 

„Güte“ flüstert Alec, jedoch ist es so ruhig im Raum, dass jeder die Übersetzung von ihm verstanden hat.

 

„Was hat das zu bedeuten?“, fragt Lilla.

 

„Geht es dir gut?“, fragt Kylen.

 

Ich schaue auf und sehe, wie Matthew mich besorgt mustert, also lächele ich zaghaft in seine Richtung.

 

„Mir geht’s gut. Zu der Bedeutung… ich habe keine Ahnung. Ich denke, dass die Reifen was mit der Prophezeiung zu tun haben. Ich habe Rose vergeben, was wir Alec zu verdanken haben. Damit ist er der Sohn der Stärke und Rose und ich die Schwestern des Geistes. Dafür bekam ich den Reif für Güte. Ein Bund wurde ja auch gesprochen und zwar zwischen mir und Alec. Dafür bekam ich dann Treue.“ Ich rattre alles runter, hoffentlich hab ich nichts vergessen.

„Das leuchtet ein“, ist Kylens Antwort auf meine Erklärung.

 

„Bist du damit die Waffe?“, will Lilla hoffnungsvoll wissen.

 

„Um ehrlich zu sein weiß ich das nicht, vielleicht finde ich auch nur die Prophezeiung oder die Waffe. Um das herauszufinden, müssen wir die anderen Teile finden.“

 

„Damit hat Ann recht. Die Prophezeiung zu finden hat höchste Priorität. Ich werde auch gleich die Krieger informieren, Kylen, guckt ihr euch in Deutschland um?“ Alecs Frage klingt mehr wie ein Befehl, aber wer kann es ihm verübeln? Je schneller wir das hier hinter uns bringen, umso schneller können wir den Tod unschuldiger Leute verhindern und Jack suchen...

 

Mein Herz verkrampft. ‚Jack, ich liebe dich. Komm nach Hause. Wir brauchen dich... Ich brauche dich!‘ Keine Antwort wie immer.

 

„Ann? Was Ist los? Warum weinst du?“ Erschrocken schaue ich zu Matthew. Wir sind alleine im Raum. Der Laptop steht zugeklappt auf dem Tisch.

 

„Wo sind denn alle?“ Ich wische mir mit dem Handrücken über die Augen.

 

„Sie sind losgegangen, um sich nach einem Job umzuschauen, damit unsere Tarnung nicht gefährdet ist Sie wollten zu irgendeiner Disco, Barkeeper oder so was. Das haben sie uns aber auch gesagt.“ Verwirrt schaut Matt mich an.

 

„Äh, das habe ich nicht mitbekommen, war wohl zu sehr in Gedanken.“ Niedergeschlagen schaue ich zu Boden. Matt rückt zu mir rüber und nimmt mich in den Arm.

 

„Ich vermisse ihn so sehr. Wie kann er mich nur so alleine lassen?!“ Ich fange an zu schluchzen und Matt zieht mich noch enger an sich. „Alles wird gut.“ Er flüstert es mir ins Ohr und streichelt sanft über meinem Rücken.

 

„Mama! Papa!“

 

Dylan steht vor mir und lacht.

 

„Sie sind TOT! Weil du sie nicht gerettet hast!“

 

Wut steigt in mir auf. „Du wirst dafür bezahlen!“ Ich schreie es so bedrohlich wie möglich, doch er ist völlig gelassen und lacht nur milde.

 

„Als nächster wird Jack sterben!“ Seine Worte lassen mich zusammenzucken und ich sehe Jack, der gefesselt auf einem Steinboden liegt. Er sieht geschunden und erschöpft aus.

 

„Ich liebe dich, Ann. Rette mich.“ Ich renne zu ihm. Doch ich komme nicht weiter, meine Füße laufen, aber ich erreiche ihn einfach nicht.

 

„NEIN! JACK!“

 

Ruckartig setzte ich mich auf. Einen Schrei kann ich gerade noch so unterdrücken. Mein Puls rast und ich schaue mich panisch um. Nur ein Alptraum. Ich liege nass geschwitzt in meinem Bett. Mein Atem geht immer noch schnell. Ich schaue auf meinem Wecker. Zwei Uhr nachts. Na toll, dann habe ich vielleicht vier Stunden geschlafen, dieser scheiß Traum. Ich schüttle den Kopf und lasse mich erschöpft wieder auf mein Kissen sinken. Mein Zimmer ist dunkel. Das Kissen schön warm und senkt und hebt sich leicht...

 

„Ahhhhhh!“, kreische auf, als ich realisiere, was ich gerade gedacht habe. Warum bewegt sich mein Kissen!? Wieder sitze ich aufrecht in meinem Bett.

 

„Meine Güte Ann, ich bin es, Matt“ Ich schalte das Licht ein und atme erleichtert aus, als wirklich Matt neben mir liegt.

 

„Was machst du hier?“

 

„Du bist auf dem Sofa in meinem Arm eingepennt. Da habe ich dich hochgebracht und wollte gehen, aber du hast dich so fest an mich geklammert, dass ich nicht konnte.“

 

Ich werde leicht rot, da mir die Situation ein bisschen peinlich ist. „Sorry“, murmle ich.

 

„Ach was, kein Problem. Habe ich wirklich gern gemacht.“ Er lächelt mich verschlafen an.

 

Einige Sekunden vergehen. „Äh, ich gehe dann mal“, unterbricht Matt die Stille.

 

„Ja, gute Nacht.“

 

Mit einem Gleichfalls verlässt er leise den Raum. Als er weg ist, lasse ich mich erschöpft wieder in mein Kissen fallen, in mein echtes Kissen. Wie sehr ich mir wünsche statt Matt hätte Jack dort gelegen...

 

Kapitel 14

Noch lange schaue ich aus dem Fenster und betrachte den Mond. Draußen ist es dunkel, genauso dunkel wie in meinem Herzen. Jack. Ich vermisse ihn. Sein Lächeln. Seine Grübchen. Seine Stimme. Seine braunen Augen. Seine Berührungen.

 

Plötzlich klopft es, verwundert drehe ich mich zur Tür um und schalte das Licht an.

 

„Herein?“

 

Die Tür geht auf und Alec kommt in mein Zimmer, hinter sich schließt er die Tür.

 

„Alec. Was machst du hier?“

 

Traurig schaut er mich an. „Ich habe deine Gefühle gespürt.“

 

Ich seufze auf und drehe mich zum Fenster. „Das wollte ich nicht, tut mir leid“

 

„Ich vermisse ihn auch Ann, aber wir müssen jetzt erst mal weiter leben.“

 

Ich setze mich auf und schaue zu Alec. „Das ist leichter gesagt als getan“, flüstre ich.

 

„Ich weiß wie es ist. Rose war ein Jahr weg… Es tat weh, verdammt weh, aber wir müssen uns jetzt konzentrieren.“

 

Er redet so ruhig und behutsam. Ich schnaube abfällig. „Konzentrieren? Du machst mit meiner Schwester rum. Lilla mit meinem Bruder und Matt ist komisch. Als würdet ihr euch klar und alleine auf Dylan konzentrieren!“ Ich bin so wütend, nicht direkt auf Alec. Jedoch regt es mich auf, dass jeder hier mit seinem Liebsten rummacht und meine Liebe da draußen irgendwo ist! Alec steht stumm an der Tür.

 

„Ich bin fliegen.“ Schnell schwinge ich mich aus dem Bett und gehe zu Fenster.

 

„Du willst einfach so, ohne Schutz, draußen umherfliegen?“ Ich drehe mich zu Alec um. „Ja!“ Damit öffne ich das Fenster und springe raus.

 

Ich spüre die kühle Nachtluft auf meiner Haut, nach wenigen Sekunden streift sie durch mein Gefieder. Ich lasse alles hinter mir und fliege zur Hauptmeile. Ich kundschafte aus der Luft die Bars und Discos aus. Ich fliege weiter und entdecke ein bisschen außerhalb ein Gebäude. Auf dem ersten Blick scheint es nur eine alte Fabrik oder eher Bürogebäude zu sein. Auf dem Dach sind große orangene Buchstaben zu sehen `Trouw`. Aus ihm dröhnt gute Musik. Ich beschließe, die nächste Nacht hier nochmal hinzukommen und rein zu gehen. Leider trage ich jetzt ja nur meinen Schlafanzug. Also drehe ich wieder um und fliege in mein Zimmer.

 

Das Fenster steht immer noch offen, nur das Licht ist aus. Durch das Mondlicht erkenne ich, wie Alec selig in meinem Bett schläft. Ich verwandele mich zurück und lande leise auf dem flauschigen Teppich, der vor meinem Bett liegt. Ich grinse leicht. Ich lege mich zu Alec ins Bett und kuschle mich in meine Decke. „Schlaf gut.“ War das Alec? Vermutlich. Schnell falle ich in einen traumlosen Schlaf.

Ein leises Piepen lässt mich wach werden. Es ist Alec Handy. Warum bekommt er bitte so spät Anrufe? Ich beschließe, ruhig liegen zu bleiben und abzuwarten. Alec dreht sich um und schnaubt, ehe er sich aus dem Bett quält und im Badezimmer verschwindet. Schnell verschließe ich mich komplett vor Alec und lass nur selig schlafenden Gefühle durch.

 

„Meine Güte, dein Timing ist immer perfekt!“ Alec lacht leise und ironisch auf.

 

Schweigen.

 

„Ihr geht’s gut. Sie wird sich konzentrieren, versprochen!“

 

Wieder Stille.

 

„Ja. J, ich hab alles im Griff!“ Er brüllt fast. Moment mal, er hat nur einen J genannt!

 

Ich reiße die Tür auf und Alec schaut erschrocken zu mir auf. Schnell legt er auf und lässt sein Handy in seiner Hose verschwinden.

 

„Du hast mit Jack geredet!“ Seine Augen werden traurig und er schüttelt leicht den Kopf.

 

„Ann, das ist J. Einer meiner engsten Krieger, er hat mich informiert, wie es in London und so läuft.“

 

„Ich glaube dir nicht!“ ich bin wütend, völlig auf 180!

Alec kommt auf mich zu. Er nimmt mich fest in den Arm und streicht mir sachte über den Rücken. Die Tränen laufen einfach und ich breche in seinen Armen zusammen. Ich kann es nicht verhindern, dass meine Wut zu dem Zusammenbruch wird.

 

„Ann. Alles wird gut. Wir finden Jack und besiegen Dylan!“

 

„Ich... vermisse... ihn.“ Meine Stimme ist brüchig und wird immer wieder von Schluchzern unterbrochen. Alec hebt mich leicht hoch, schenkt mir beruhigende Energie und legt sich und mich sachte in mein Bett. Er hält mich einfach fest.

 

‚Ann, Ich komme bald wieder!‘ Jack...

 

Teil 2/ Kapitel 15

Nur wer die Sehnsucht kennt,

Weiß, was ich leide!

Allein und abgetrennt

Von aller Freude,

Seh ich ans Firmament nach jener Seite.

Ach! Der mich liebt und kennt,

Ist in der Weite.

Es schwindelt mir, es brennt

Mein Eingeweide

Nur wer die Sehnsucht kennt

Weiß, was ich leide!

-Johann Wolfgang von Goethe

 

Drei Monate. Vor drei Monaten habe ich Jack das letzte Mal in meinem Kopf gehabt. Er sagte, er würde wieder kommen, bald. Dass ich nicht lache.

 

Ich stehe hinter der Bar vom Trouw. Ich bin Barkeeperin. Irgendwo müssen wir Geld herbekommen, weil unsere Kontos zu unsicher sind. Ich mag den Club. Das Gute ist, ein Freund von Johann ist hier Chef. Alec und Rose kellnern und Matt geht allen einfach nur auf den Sack… ja, ich weiß, dass ich keinen hab!

 

Zurück zum Thema: Jack. Dieser Pisser! Er hat sich da draußen verpisst und lässt mich hier in der Scheiße sitzen. Ein Klirren von Glas lässt mich aus meiner Gedankenwelt aufschrecken.

 

„Oh, Mist! Sorry, Sophie.“ Lea, die tollpatschige Praktikantin, hat einen Sekt fallenlassen, der nun halb auf meinem neuen Kleid gelandet ist.

 

„Schon okay, Lea.“ Ich seufze und sage Jeff, dem Boss von dem Laden, das ich mich umziehen muss. Dass ich mal was abbekomme, ist nicht selten, da sich alle hier ziemlich drängeln und viele schon angetrunken sind, kippt schnell mal ein Becher oder ein Glas um, aber in den letzten Wochen bekomme ich meistens was von Lea ab.

 

„Hey.“

 

Erschrocken fahre ich herum. Matt. „Dass du dich mal aus dem Haus wagst.“

 

„Tja, kleines Biest. Einer muss ja auf dich aufpassen und da Alec ‚beschäftigt‘ ist, muss ich das wohl machen.“ Das Wort beschäftigt setzt er ganz demonstrativ in Anführungszeichen.

 

Ich seufze wieder auf. „Womit willst du mich bestrafen, Aeon?“ Ich klinge leicht theatralisch aber was soll’s, hört ja eh nur Matt. Ich gehe Richtung Privaträume und Matt folgt mir, wie ein kleiner Schoßhund. Naja, klein ist er nicht gerade. Ich öffne mit dem Schlüssel die Tür und lasse erst Matt durch, bevor ich ihm ebenfalls in den Raum trete.

 

„Und, gibt’s was Neues?“ Ich frage ganz beiläufig, während ich zu meinem Spind gehe.

 

„Du meinst, ob deine Eltern leben? Wir eine neues Stück Prophezeiung haben? Oder eine Vermutung, wo es ist? Oder wir Jack haben? Nein, meine Königin, wir haben nichts.“ Dieses Arschloch, er hat mir besser gefallen, als er nicht mit mir geredet hat.

 

„Pah, du bist dermaßen ein Idiot, Matt!“

 

Er lacht nur. „Ich sag nur die Wahrheit, Babe.“

 

Meine Güte, wann ist er nur zum Macho-Arsch geworden!

 

„Danke“

 

„Wofür?“

 

Ich ziehe mir mein Kleid aus und ein neues wieder über.

 

„Oh Ann, dass du dich mal vor mir ausziehst.“ Seine Stimme ist viel zu nah.

 

Ich drehe mich um und stoße ihn zurück.

 

Er knallt gegen die andere Wand.

 

Ein Schrei reißt mich aus meiner Wut. Ich drehe mich zur Tür.

 

„Lea? Was machst du denn hier?“ Ich verdrehe die Augen und gehe zu ihr.

 

„Bleib ja weg, Sophie... oder Ann.“ Na toll, wie viel hat die mitbekommen? Ich packe ihren Arm und lasse meine lila Fäden fließen.

 

„Hör mir gut zu, Lea. Du hast mich nicht hier gefunden, für dich bin ich immer noch Sophie. Den Arsch da drüben hast du noch nie gesehen. Und nun geh zurück und sag, du warst nur auf der Toilette“ Ich lasse sie los und sie dreht sich um und geht zurück in den Clubraum.

 

„Seh einer her. Wann ist unsere kleine Königin nur so gemein geworden?“ Er lacht wieder.

 

Mit voller Wut drehe ich mich zu ihm um. „Hör mir zu, du Idiot! Ich weiß nicht, was mit dir los ist und warum du von Mister Eisblock zu Mister Arschloch persönlich geworden bist, aber lass mich in Ruhe!“

 

„Ganz ruhig. Ich lass dich ja schon in Ruhe!“ Schnell dreht sich Matt um und verschwindet auch wieder im Clubraum. Ich lehne mich gegen die Wand und lass mich an ihr runter rutschen. Matt hat recht. Ich habe mich verändert, schon wieder. Tagsüber bin ich meistens die Zicke und nachts heule ich mir die Augen aus. Alec kommt so gut wie immer rüber und pennt neben mir. Rose scheint damit kein Problem zu haben. Naja Rose und Alec machen ja auch den ganzen Tag rum. Matt und ich streiten nur oder streiten über Alec und Rose. Wie nervig sie sind. Zu viel Liebe!

 

‚Ann? Alles okay?‘

 

‚Geht schon, Alec.‘ Ich rapple mich auf und kehre zu meinen Platz hinter der Bar zurück.

 

Kapitel 16

 (Matt´s Sicht)

 

Sie steht fröhlich dreinblickend wieder hinter der Bar. Dieses Mädchen macht mich wahnsinnig. Ihre welligen hellbraunen Haare schmiegen sich perfekt um ihr Gesicht. Dazu kommt ihr sexy Kleid, das mir den Atem raubt. Leider bin ich nicht der Einzige, der das alles bemerkt und schnell wird sie angemacht. Ich könnte ausrasten! Muss mich aber zurückhalten.

 

Am Anfang dachte ich, ich könnte sie vergessen, wenn ich ihr aus dem Weg gehe… Jedoch hat das nicht funktioniert.

 

„Hey, Adrian.“ Rose legt ihre Hände um meine Hüfte, da wir für die Öffentlichkeit verheiratet sind.

 

„Meine Geliebte.“ Ich gebe ihr einen leichten Kuss auf die Wange. Alec, oder sein Deckname Daniel schlendert rüber zu Ann, die als Sophie seine Schwester ist.

 

‚Irgendwas vorgefallen?‘

 

Rose schaut mich musternd an, sie weiß, was ich empfinde. Sie hat es bemerkt und dann alles aus mir rausgequetscht.

 

‚Sie musste Lea manipulieren.‘

 

Sie schaut mich mit hochgezogen Augenbrauen an. ‚Warum?‘

 

‚Sagen wir so, es gab da einen kleinen Streit zwischen uns, den hat Lea mitbekommen.‘

 

Nun funkelt sie mich an. ‚Matt… du musst es ihr endlich sagen.‘

 

‚Nein!‘ Damit ist das Gespräch beendet. Ich nehme ihre Hand und gehe zur Bar.

 

„Hey, Daniel! Was machst du denn hier?“ Ich hasse es, in der Öffentlichkeit zu schauspielern.

 

„Adrian und Sarina, schön euch zu sehen.“ Natürlich waren beide getrennt in den Club gekommen. Und wir gingen nie gemeinsam nach Hause. Unsere Nachbarn sind manipuliert und denken, bei uns wohnt ein älteres Ehepaar. Ich hasse die Lügen.

 

„Ich passe auf meine kleine Schwester auf.“ Sein Gesicht wird besorgt. ‚Was ist passiert, Rose?‘

 

Sie schaut zu Alec rüber und runzelt die Stirn. ‚Er macht sich nur sorgen um Ann. Moment warte mal.‘

 

„Meine Schicht ist zu Ende, Bruderherz.“ Ann klingt komisch, aber ich sehe wie Jeff nickt.

 

„Dann gehen wir mal weiter tanzen.“ Rose zieht mich auf die Tanzfläche und ich bin leicht verwirrt.

 

‚Was ist passiert?‘, frage ich deshalb.

 

‚Wir werden beobachtet. Alec hat bemerkt, dass er gestern schon verfolgt wurde. Wir müssen vorsichtiger werden. Daher werden wir beide heute im Hotel schlafen.‘ Ich nicke und küsse sie, zum Schein.

 

Wir tanzen noch einige Zeit, bis wir sicher sind, dass uns niemand mehr beobachtet und verlassen dann den Club.

 

‚Wir müssen es anders machen. Alec wird jetzt nur noch bei Ann sein. Zudem werden wir beide uns ein neues Haus suchen. Genauso Ann und Alec.‘

 

Ich nicke, wir haben oft genug darüber geredet, was wir machen wenn wir in Gefahr sind. So wie es jetzt der Fall ist.

 

Plötzlich klingelt mein Handy. Ich krame es aus meiner Hosentasche. Alec. Ich nehme das Gespräch an.

 

„Hey, was los?“ Hoffentlich wurde unser Haus nicht entdeckt.

 

„ Johann hat ne Spur.“

 

‚Morgen treffen wir uns im Haus um achtzehn Uhr.‘ Rose bekommt immer die wichtigen Infos. Es laut zu besprechen ist zu gefährlich.

 

„Okay, das hört sich gut an. Bis dann.“

 

„Ja, passt gut auf euch auf.“ Alec legt auf und ich frage mich, warum er überhaupt anruft.

 

‚So ist es unauffälliger, wenn wir stehenbleiben und Infos austauschen.‘ Ergibt schon Sinn, irgendwie.

 

Ich nehme Rose‘ Hand und so laufen wir durch die dunkle Nacht und checken in einem großen Hotel unter falschen Namen ein. Rose legt über unser Zimmer einen Zauber, sodass wir geschützt und entspannt mal eine Nacht schlafen können. Ich lass mich ins Bett fallen und schließe die Augen.

 

„Wenn du Ann liebst, warum sagst du ihr es nicht?“

 

„ Weil sie Jack liebt.“

 

„Jack ist nicht hier, du aber schon.“

 

„Jack wird wiederkommen und selbst wenn nicht, wird sie nie über ihn hinwegkommen.“

 

„Woher willst du das wissen?“

 

Ich öffne die Augen und schaue sei skeptisch an. „Weil sie über Jack redet, wie du über Alec. Und du, würdest du ohne Alec leben können?“

 

Geschlagen schüttelt sie den Kopf und legt sich ins Bett.

 

‚Ich habe Angst, Matt.‘

 

Ich ziehe sie in eine freundschaftliche Umarmung. ‚Ich weiß.‘ Dass ich selber Angst habe, behalte ich für mich. Ich kann nur hoffen, dass Johanns Spur uns weiterbringt…

 

Kapitel 17

(Ann`s Sicht)

 

„Das darf doch nicht wahr sein!“ Nur zur Info, ich bin wütend, verdammt wütend!

 

‚Ann, beruhige dich bitte.‘ Alecs Stimme dringt in meinen Kopf, jedoch ignoriere ich seine sanften Worte. Seit Monaten sitzen wir hier fest. Meine Eltern sind spurlos verschwunden, Alec weiß, wo Jack ist, will es aber für sich behalten (er meint, es ist besser für mich; dass ich nicht lache!) und wir finden kein einziges weiteres Stück von der Prophezeiung. Und bei so viel Mist soll ich auch noch ruhig bleiben?!

 

„Ann, schau mal. Das Stück Prophezeiung werden wir schon finden.“ Johann sitzt gegenüber von mir. Doch auch ihn ignoriere ich, zu sehr ist meine Laune auf dem Tiefpunkt. Wir sitzen wieder in unserer Runde, das bedeutet Matt, Rose, Johann, Lynn, Lilla, Kylen und ich. Die Köpfe der Rebellion.

 

„Schwesterchen, ich weiß, du bist wütend, aber diese kleine Info ist das Einzige, was wir haben! Also schmoll nicht rum, Johann bekommt das hin!“ Kylen klingt so zuversichtlich, er und Lilla sind natürlich nur über den Laptop mit uns verbunden.

 

„Kylen hat recht! Ich weiß, die Info, dass das Stück Prophezeiung auf dem Schwarzmarkt gelandet ist, ist nicht das was du hören wolltest, aber ich und Lynn werden es finden!“ Wie können alle nur daran glauben, dass alles gut wird?

 

Ich schaue in die Runde. „Was ist, wenn Dylan es schon längst hat?“ Ich bin halt kein Optimist.

 

„Dylan weiß nach unseren Infos nichts von der Prophezeiung.“

 

Ich nicke. „Okay, ich versuche, positiver zu werden. Alec und ich ziehen in eine Wohnung ganz in der Nähe, Rose und Matt, ihr zieht in die Wohnung auf der anderen Seite der Stadt. Alec sucht sich einen neuen Job, am besten, wir fragen Jeff. Und Johann und Lynn suchen weiter nach Hinweisen. Kylen und Lilla, ihr macht einfach weiter wie bisher.“

 

‚Jetzt klingst du wie eine Königin.‘ Alec grinst mich an, ich erwidere es mit einem kleinen Lächeln.

 

„Ich werde jetzt hochgehen und meine Sachen packen.“

 

Ich verabschiede mich von den anderen, verlasse dann das Wohnzimmer und gehe die Treppe hoch. In meinem Zimmer angekommen schnappe ich mir meinen Rucksack und meinen Koffer und packe meine Klamotten, Bücher und was sonst noch ein. Komisch, das hier ist nicht mein Zuhause und dennoch macht sich Sehnsucht in mir breit. Was würde ich dafür geben, einfach wieder in die Schule zu gehen und angeglotzt zu werden, weil ich schüchternes Ding es geschafft habe, mich mit den Demonts anzufreunden. Doch jetzt sieht es anders aus, ich muss mein Land retten.

 

Mein Gedankenfluss bricht ab, als sich plötzlich eine Hand auf meine Schulter legt. Es ist Lynn. Ich bin verwirrt. „Ich weiß, wie es ist, auf der Flucht zu sein.“

 

Ich runzle noch mehr die Stirn.

 

„Ich war vielleicht zwei Jahre älter als du, als Dylan an die Macht kam. Ich habe deinen Eltern geholfen zu fliehen. Dein Vater rettete mein Leben. Dylan stand vor mir und sprach einen Zauber. Ich verstand nicht und blieb wie angewurzelt stehen. Doch bevor mich die schwarzen Fäden erreicht hatten, war dein Vater ihnen in den Weg getreten und schrie, ich solle rennen. Ich machte es und er starb.“ Sie senkt ihren Blick und lässt ihre Hand sinken.

 

„Mein Vater war ein gutherziger Mann. Lynn, ich bin froh, dass du heute vor mir stehst!“

 

Sie hebt ruckartig ihren Kopf und schließt mich in eine feste Umarmung, die ich gerne erwidere. „Ann, du wirst ein gute Königin werden!“

 

Ich grinse. „Danke!“

 

Lynn hilft mir dabei, weiter einzupacken, da Johann ihre Hilfe im Moment nicht benötigt. Wir reden viel und die Stimmung ist locker. Es lenkt mich von meinen Sorgen ab. Zusammen haben wir schnell alles im Auto verpackt, jedoch sind die anderen noch nicht so weit.

 

„Lynn?“

 

„Mhm?“

 

„Hast du Lust, dich zu verwandeln?“

 

Sie schaut mich erschrocken an, aber ihre Augen glänzen vor Freude. Und schneller als gedacht wirft uns Alec an einem Waldstück außerhalb raus.

 

„Lynn, pass auf sie auf! Und Ann, um Punkt dreiundzwanzig Uhr bist du wieder hier!“

 

Zwei Stunden, besser als nichts. Also nicke ich, springe in die Luft und verwandele mich in Sekunden in meinen Charan, die Schleiereule.

 

Der Wind streift mein Gefieder, doch ich spüre keine Kälte. Die Nacht ist schon längst da, doch meinen Augen macht die Dunkelheit nichts aus. Ich fühle mich frei. Ich vergesse meine Sorgen und die ganze Welt um mich herum. Es gibt nur mich und die Luft. Und ich spüre, dass es Lynn genauso geht. Sie rennt in ihrer Wolfsgestalt unter mir. So wie Jack früher…

 

Kapitel 18

Nach einiger Zeit machen Lynn und ich eine Pause. Ohne große Mühe lande ich an einem kleinen Fluss, natürlich als Mensch. Lynn verwandelt sich auch schnell zurück. Die Nacht ist ein wenig kühl, aber es macht mir nichts aus. Ich lege mich auf den Rücken ins Gras und schaue in den schwarzen Himmel, der so klar ist, dass man die Sterne sehen kann. Sie leuchten wie Diamanten am Himmel.

 

„Hast du Angst, Ann?“

 

„Ich wäre blöd, wenn ich keine Angst hätte.“ Mein Stimme klingt fest -dagegen gibt es kaum etwas zu sagen.

 

„Ich hatte damals auch Angst, ich bin davon gelaufen...“ Lynn klingt schuldbewusst. Sie schaut noch ziemlich jung aus, jedoch kann das bei Charan ziemlich täuschen.

 

„Wie alt warst du damals, Lynn?“

 

„Ich war sechsundzwanzig und ein Jahr ein Charan.“

 

Erschrocken setze ich mich auf und drehe ich mich zu ihr. „Wie ist das möglich? Man kann nur als Charan geboren werden, dann verwandelt man sich mit siebzehn!“ Sie lügt!

 

So dumm bin ich nicht.

 

„Schau mich nicht so wütend an. Ich sage die Wahrheit. Meine Eltern waren Menschen wie ich. Dylan hat mein Dorf überfallen und jeden verwandelt, außer die Alten, Kranken und die Kinder...“ Sie stockt.

 

 

„Was hast er mit ihnen gemacht?“ Meine Stimme ist nur ein leises Flüstern.

 

„Er hat Experimente mit ihnen gemacht, bis ihre Körper nicht mehr konnten und sie starben.“ Wie gelähmt sitze ich da und schaue auf den Fluss. Wie hat er Lynn und die anderen verwandeln können?

 

„Lynn? Wie hat er euch verwandelt?“

 

 

„Er hat uns Blut von Charan eingeflößt und dann einen bestimmten Trank gegeben; er wollte eine Armee, Ann. Um deinen Vater zu stürzen. Nach und nach wurden meine überlebenden Freunde und meine restliche Familie immer seltsamer. Sie verloren ihre Seelen, ihren Willen. Sie wurden zu Killern.“ Sie klingt so gefasst.

 

„Wie bist du da weggekommen?“

 

„Ganz einfach war es nicht, aber auch du bist von Dylan geflohen.“

 

„Aber was ich nicht verstehe, warum erzählst du es mir erst jetzt?“

 

„Nicht alles was leuchtet ist auch gut, Ann. Außerdem bist du erst jetzt bereit, du lernst, eine Königin zu werden.“ Mit diesen Worten steht sie auf und verwandelt sich. Ich spüre auf einmal einen Klos im Hals. Will sie damit sagen, dass ein Verräter unter uns ist?! Das kann nicht sein!

 

 

Dennoch beschließe ich, es erst mal für mich zu behalten, mich zurückzuverwandeln und Lynn zu folgen.

 

Als ich mich wieder in Lüfte erhebe, sind meine Sicherheit und Zuversicht wie weggeblasen. Nie hätte ich geglaubt, dass es noch schlimmer geht, doch jetzt scheint alles möglich zu sein. Wenn er schon Menschen in willenlose Charane verwandeln kann und unsterblich ist, wie soll ich ihn dann noch besiegen? Ich wollte nie die Heldin sein und jetzt wartet ein ganzes Land darauf, dass ich es schaffe, meinen mächtigen Onkel umzubringen! Das friedliche Gefühl von vorhin wird durch ein angespanntes Gefühl ersetzt.

 

Alec holt mich aus meinen verzweifelten Gedanken. `Wo seit ihr?` Oho, da klingt jemand wütend.

 

`Sind gleich da`

 

`Das will ich auch hoffen!`

 

Ich fliege schneller und bald sehe ich den Wagen von Alec, der am Straßenrand steht und wartet. Ich beschleunige noch ein bisschen und lande dann, wieder als Mensch, direkt neben ihm.

 

„Wenigstens hast du geübt.“ Er grinst leicht, weil er es mir beigebracht hat. „Steig ein, ich bin müde und will nur noch ins Bett.“

 

„Wir müssen noch auf Lynn warten!“

 

Alec schaut mich skeptisch an. „Hast du nicht mitbekommen, wie sie sich verabschiedet hat und schon nach Hause gelaufen ist?“

 

Oh Mann, ich war wohl ziemlich mit meinen Gedanken beschäftigt.

 

„Äh, habe es vergessen.“ Ich grinse leicht und Alec scheint mir zu glauben, denn er steigt in den Waagen. Ich laufe um den Waagen herum und lasse mich dann auf den Beifahrersitz fallen. Erst jetzt bemerke ich, wie erschöpft ich eigentlich bin. Wieder mal habe ich neue schlechte Nachrichten bekommen und um ehrlich zu sein bin ich nicht mehr so schockiert, denn irgendwie ist es logisch, dass Dylan das gemacht hat. Logisch und verdammt böse. Ich muss ihn aufhalten und das schnell... Und schon bin ich einen traumlosen und erholsamen Schlaf gefallen.

 

Kapitel 19

„Ann!“

 

Alec?

 

„Ann, verdammt, wach auf!“

 

Warum schreit er denn so?

 

Ich höre wie etwas rauscht und plötzlich spüre ich wie etwas Kaltes auf meine Haut trifft. Wasser. Kaltes Wasser. Mit einem Schrei sitze ich senkrecht und nass in meinem Bett, in meinem neuen Bett. Ich habe die Augen aufgerissen und sehe, wie Alec mich grinsend anschaut. Das Zimmer ist wirklich schön mit den hellblauen Wänden und den weißen Möbeln. Aber das bemerke ich gerade gar nicht, denn mein Zustand – nass! – lenkt mich seltsamerweise wirkungsvoll ab.

 

„Sehr nett! Was ist los?“, will ich brummig wissen.

 

„Johann hat es gefunden!“

 

Hä? Ich kapiere nichts, liegt wohl am Schlafmangel. „Was hat er gefunden, Alec?“ Ich steige wütend aus meinem Bett und gehe in Richtung Tür, wo ich das Bad vermute.

 

„Das Stück Prophezeiung, das auf dem Schwarzmarkt verkauft wurde.“

 

Ich stolpre über ein Paar meiner eigenen Schuhe, doch Alec fängt mich auf und umarmt mich.

 

„Wo?“ Ich flüstere es nur, doch Alec versteht was ich meine. „Es wurde von Privatleuten gekauft.“

 

Ich entferne mich ein Stück und schaue Alec in die Augen. „Wie kommen wir dran?“

 

Er grinst und ich befürchte, dass es nichts Gutes bedeutet.

 

„Wir werden da einbrechen.“

 

„Was? Nein, das geht nicht!“ Ich mache mich doch nicht strafbar! Energisch drehe mich um und öffne die Tür die wirklich in ein Badezimmer führt.

 

„Willst du lieber, dass dein Onkel uns tötet oder sonst was mit uns macht?“, erkundigt Alec sich ruhig.

 

Die Antwort ist einfach und so stehe ich eine Stunde später in der Küche und mache mir einen Tee für die Besprechung wie wir in das Haus einbrechen. Dann gehe ich mit der dampfenden Tasse zurück ins Wohnzimmer, wo Lynn, Johann, Rose, Alec, und Matt schon ungeduldig auf mich warten. Meinen Bruder konnten wir nicht erreichen. Lynn schaut mich fragend an und ich schüttele den Kopf. Nein, ich habe niemandem erzählt, was sie mir gestern Nacht verraten hat. Ich muss immer wieder daran denken, dass sie angedeutet hat, dass wir einen Verräter unter uns haben. Die Vorstellung allein lässt mich schwach werden und wütend… und verzweifeln. Wenn ich noch nicht mal ihnen trauen kann, wem dann? Ach Jack, wärst du doch hier, dir könnte ich blind vertrauen…

 

„Ann? Alles okay?“ Rose‘ liebliche Stimme dringt zu mir durch und ich setze ein Lächeln auf.

 

„Ja, klar! Wir haben einen Plan zu besprechen.“ Ich lasse mich neben Lynn aufs Sofa fallen und schaue erwartungsvoll in die Runde. Doch keiner antwortet.

 

„Sagt mal, was ist los?“

 

„Alec hat uns erzählt, dass du immer noch jede Nacht nach Jack rufst…“ Rose schaut zu Boden und ich funkele Alec böse an.

 

„Es ist doch völlig normal, dass ich ihn vermisse. Gerade du, Rose, müsstest mich verstehen!“

 

Alec schaut völlig belanglos in die Runde.

 

„Alec?“ Ich schaue fragend zu ihm, er zuckt erschrocken zusammen und im nächsten Moment spüre ich wie Jack in meine Gedanken rein will. Ich hasse Alec und Jack dafür, dass sie mir ganz offensichtlich was verschweigen. Also schließe ich Jack aus; ich ertrage es nicht, jetzt mit ihm zu reden, nur um heute Abend wieder verlassen und einsam in meinem Bett zu liegen.

 

„Entweder wir besprechen jetzt den Plan oder ich haue ab!“ In meiner Wut schreie ich meine „Freunde“ an. Die Angst überkommt mich und ich schotte mich von allen ab, verschließe mich und merke schon bald, wie meine Gefühle verblassen.

 

„Äh. Die Familie bei der die Prophezeiung gelandet ist, ist sehr wohlhabend und zurzeit im Urlaub. Daher werde ich alle Kameras deaktivieren, so dass du und Alec schnell reinkommt, das Stück holen könnt und dann wieder schnell raus könnt. Rose und Matt werden dabei Wache schieben, vor dem Haus.“ Johann schaut mich an.

 

„Das klingt doch einfach.“ Viel zu einfach.

 

„Naja, wir müssen noch an zwei Wachhunden vorbei“, wirft Alec ein.

 

„Aha und welche Idee habt ihr dafür?“ Ich klinge patzig, denn ich bin immer noch wütend auf Alec.

 

„Wir geben ihnen ein bisschen Futter mit Schlaftabletten“, gibt mir Matt die Antwort.

 

„Noch irgendwelche Probleme?“

 

„Ja.“ Lynn klingt kühl und völlig emotionslos.

 

„Es wurden mehrere Diritasen hier gesichtet, das bedeutet, wir müssen vorsichtig sein.“ Johann klingt besorgt, also muss es wirklich schlimm sein. Ich schlucke und versuche dann, mehr Mut und Hoffnung in meine Stimme zu legen. „Wir schaffen das! Gemeinsam!“

 

„Wenn du das sagst.“ Rose kling skeptisch

 

„Ja, Rose, ich weiß es, denn ich bin Anführerin. Die rechtmäßige Königin. Wer an mir zweifelt, zweifelt an sich selber!“

 

`Du bist eine wahre Königin, meine geliebte Tochter.’ Es ist ein Flüstern, das mich völlig aus der Bahn wirft. Aeon’s Stimme lässt mich jedes Mal vor Macht erschaudern.

 

Kapitel 20

Ich stehe wie benommen in meinem Zimmer. Seit Aeon mit mir gesprochen hat, fühle ich mich mutiger. Ich glaube, was ich gesagt habe. Ich muss aufhören zu zweifeln, denn wenn ich es tue, dann werden es die anderen auch tun. Dadurch würden wir schwach und Schwäche können wir nicht gebrauchen. Das bedeutet, auch ich habe meine Gefühle herunterzuschlucken. Besonders was Jack angeht.

 

Der Regen prasselt an mein Fenster. Früher habe ich es geliebt, im Regen zu tanzen, doch heute lässt er mich ein komisches Gefühl bekommen. Vielleicht liegt es aber auch nur an dem Plan, heute Nacht in das Haus einzubrechen. Die Stunden vergehen, der Regen wird heftiger und der Himmel dunkler. Mein ungutes Gefühl bleibt. Leise klopft es an der Tür. Johann und Lynn sind schon lange wieder weg und auch Matt und Rose sind vor zwei Stunden gegangen. Bleibt nur einer übrig.

 

„Alec? Was ist?“

 

Er betritt den Raum. „Es tut mir leid Ann. Ich habe es Rose im Vertrauen erzählt…“

 

Ich unterbreche ihn „Ist schon okay.“

 

„Äh, wir müssen dann auch los.“

 

Ich nicke, ziehe mir meine schwarze Jacke über meine schwarze Hose und das gleichfarbige T-Shirt, stehe auf und gehe auf Alec zu, auch er trägt schwarze Klamotten. Gemeinsam schlendern wir durch die Straßen. Der Regen hat mittlerweile einem Sturm Platz gemacht. Unangenehm. Außerdem werde ich das Gefühl nicht los, dass etwas nicht stimmt, jedoch versuche ich, es zu unterdrücken. Wenn ich ein ungutes Gefühl habe, würde sich das automatisch auf alle übertragen und dann wären wir nicht mehr bei der Sache.

 

„Geht’s dir gut Ann?“

 

„Alec, hör auf mich das ständig zu fragen“

 

Er lacht leise und ich entspanne mich, etwas zu mindestens. „Da wären wir.“ Alec bleibt stehen und vor uns kommt eine Villa in Sicht. Die Hunde hinter dem Gitter schlafen bereits und die Kameras sind auch schon ausgeschaltet.

 

„Hier, nimm die.“ Alec reicht mir schwarze Handschuhe und so ziehe ich sie über, genau wie er. Ich glaube es echt nicht, dass ich jetzt schon kriminell werde.

 

„Bereit?“, frage ich Alec.

 

„Bereit wenn du es bist.“

 

Ich lächle ihn an und öffne dann das große schwarze Eisentor. Es quietscht leicht, doch es geht kein Alarm an und auch die Hunde schlafen seelenruhig weiter. So folgen wir dem gepflasterten Weg zum Haus. Es ist wirklich schön und schon ziemlich alt. Leicht fahre ich mit meinen Fingern über die Mauer und schon spüre ich die Macht. Meine blauen Ringe fangen an zu pulsieren und dieses Mal schrecke ich nicht zurück.

 

„Über dem Haus liegt ein Zauber.“

 

„Kannst du ihn entfernen?“ Alec klingt zuversichtlich.

 

„Ich denke, dass ich das kann.“ Ich schaue zu ihm und sehe wie er lächelt und ich tu es ihm gleich. Dann lege ich beide Hände an die Tür und lasse den Geist fließen. Ich flüstre auf Latinisch die Worte: „Breche auf und lasse das Gute herein, um das Dunkle zu besiegen.“

 

Es klappt. Die Tür schwingt auf und so können Alec und ich eintreten. Der Flur ist lang und dunkel, es erinnert leicht an einen Horrorfilm, nur leider ist das hier echt. Ich öffne meine angespannten Fäuste und lasse eine kleine Flamme aus der einen Hand wachsen. Sofort wirkt alles freundlicher.

 

„Ann! Was ist, wenn jemand die Flamme sieht und die Feuerwehr anruft?“

 

„Wer denn? Der Baum im Garten?“

 

Er schaut mich grimmig an und ich lass die Flamme wieder erlöschen. „Dieses Mal hast du gewonnen, das nächste Mal wird nicht mehr so einfach!“

 

Wir gehen tiefer ins Haus. Mit jedem Schritt spüre ich immer mehr die Kraft. Plötzlich höre ich ein Knarren. Erschrocken rempele ich Alec an.

 

„Alles gut, Ann. Ich war das nur“, flüstert er mir zu. Puh, zum Glück. Wir gehen weiter und kommen in einem Wohnzimmer an. Alec geht an mir vorbei und auf einen Glaskasten zu. Ich sehe die lila Fäden um ihn schwirren.

 

„Alec, halt!“

 

Verwundert dreht er sich um und schaut mich fragend an. Ich gehe auf den Kasten zu und fühle die Kraft.

 

„Jemand hat einen Schutzzauber darüber gelegt.“

 

„Kannst du diesen hier auch brechen, so wie den an der Tür?“ Alec schaut mich an und ich schüttle den Kopf. „Ich kann diesen hier nicht so einfach brechen, Ich brauche Zeit dafür und ich werde danach so erschöpft sein, dass ich wahrscheinlich zusammenbreche.“

 

„Ann, ich bin hier und werde dich beschützen. Mit meinem Leben, wenn es nötig sein sollte.“

 

Meine Entscheidung ist gefallen, wir brauchen das Stück Prophezeiung. Also lege ich meine Hände auf den Kasten und die Magie zwingt mich sofort in die Knie, aber ich gebe nicht auf. Ich rufe meine Elemente herbei und lasse sie fließen. In Gedanken lasse ich den Glaskasten immer wieder zerbrechen, doch nichts tut sich. Plötzlich spüre ich eine Kraft in mich fließen, es ist Jacks Kraft. Ich brauche sie und so schlucke ich meinen Stolz runter und schnell bilden sich erste Risse.

 

„Breche.“ Ich flüstre es nur. Das Glas beginnt zu splittern. Ich spüre, wie ich an Bewusstsein verliere. Ich muss es schaffen. So schicke ich meine ganze Magie und mit einem Funkenregen zersplittert die ganze Scheibe. Ich spüre wie ich nach dem Stück greife und auch die Glasscherben, die sich in meine Hand bohren. Plötzlich schreit jemand auf und ich sacke zu Boden. Gestalten betreten den Raum. Diritasen.

 

Wie benommen liege ich auf einem Haufen aus Scherben, da stürmt ein Gestalt auf mich zu. Alec wehrt sie ab und plötzlich umgibt mich und Alec ein Gitter aus lila Fäden.

 

„Halte durch, Ann.“ Ich schaue in die Augen meiner leiblichen Mutter. „Mama…“ Ich flüstre es kaum.

 

„Ja, meine Tochter ich bin’s, wir haben nur wenig Zeit, ich kann sie nicht lange aufhalten. Transportiere dich und Alec von hier weg. Wir werden immer hinter dir stehen, meine Kleine.“ Ich tue was sie sagt. Mit all meiner letzten Kraft transportiere ich uns in den nahegelegen Wald. Auf der Lichtung dreht Alec sich zu mir um und hebt mich hoch, da wird mir schwarz vor Augen und ich verliere das Bewusstsein.

 

Kapitel 21

(Rose`s Sicht)

 

Seit einer Stunde sind Ann und Alec nun schon da drin. Wenn sie sich nicht beeilen, sind die Hunde gleich wieder wach. Ich schaue hoch zu den Kameras und sehe, dass sie wieder blinken. So ein Mist, heute geht aber auch alles schief.

 

‚Matt, die Kameras sind wieder aktiv und die Hunde werden es auch gleich sein.‘

 

Matt nickt mir zu. Plötzlich spüre ich Alecs Panik. Kurz darauf erleuchtet alles hell in dem Haus.

 

„Ein Zauber. Alec und Ann sind weg“, flüstert Matt.

 

Ich schaue verwundert zum Haus und dann spüre ich die Anwesenheit von Diritasen. Das ist überhaupt nicht gut!

 

‚Wir müssen weg! Diritasen haben uns gefunden.‘

 

Matt schaut mich geschockt an und so ziehe ich ihn um die Ecke und renne los. Ohne genau zu wissen wohin. Plötzlich klingelt Matts Handy. Er geht ran und formt mit den Lippen Alec, also fahre ich meine Abwehr runter und lasse Alec rein.

 

‚Was ist passiert, Alec?‘

 

‚Keine Ahnung. Wir wurden angegriffen und plötzlich war da dieses Licht. Als ich Ann fragen wollte, ist sie schon bewusstlos zusammengesackt.‘

Matt tut so als würde er mit Alec telefonieren.

 

‚Habt ihr das Stück Prophezeiung?‘

 

‚Ja, haben wir. Habt ihr was von Johann und Lynn gehört?‘

 

‚Nein, die Kameras sind wieder aktiv. Entweder Johann hat euer Verschwinden mitbekommen oder…‘

 

‚Wir treffen uns bei Johann!‘ Damit bricht die Verbindung ab und auch Matt legt auf. Er schaut mich erwartungsvoll an.‚Alec und Ann sind okay, sie leben und haben die Prophezeiung. Wir sollen jetzt zu Johann und Lynn.‘

 

Matt nickt und so nimmt er meine Hand und wir schlendern unauffällig durch die Gassen, obwohl ich lieber rennen würde. Ständig schaut Matt sich um und ich habe meine Hand griffbereit an einem Messer. Endlich biegen wir in die Straße von Lynn und Johann.

 

‚Ich gehe vor.‘ Matt schiebt mich hinter sich und zieht ein Messer aus seiner Hosentasche. Die Tür ist nur angelehnt und so können wir ganz einfach rein. Die Lampe flackert im Flur. Schon hier ist alles verwüstet. Ich ziehe stumm mein Messer. Matt öffnet die nächste Tür. Das Wohnzimmer. Es ist leer, die Möbel zertrümmert.

 

‚Rose? Wir sind da.‘ Alec!

 

‚Versteckt euch! Hier wurde eingebrochen!‘ Alec antwortet nicht mehr.

 

Wir gehen zurück in den Flur. Wir kommen an die Büro Tür von Johann. Ich schlucke, als ich auf den Boden schaue erkenne ich Blut.

 

Matt öffnet die Tür. Der Raum ist dunkel und als Matt das Licht anmacht, erschrecke ich so sehr, dass ich beinahe hinfalle, hätte mich Matt nicht festgehalten… Johann ist an einen Stuhl gefesselt… seine Arme und Beine weisen Wunden auf, er wurde gefoltert…

 

Stumm fange ich an zu weinen. Sein Kopf ist nach hinten gelehnt und von seinen Augen ist nur noch das Weiße zu sehen. Sein Bauch weist eine tiefe Wunde auf, sie haben ihn einfach verbluten lassen… ich schlucke und verlasse den Raum.‚Rose? Was ist passiert?‘‚Er ist tot Alec…‘

 

Lynn.„Wo ist Lynn, Matt?“ Schnell suche ich nach ihr. Renne von Raum zu Raum. Meine ganze Hoffnung wird zerstört, als ich in das Schlafzimmer gehe. Lynns lebloser Körper liegt im Bett. Ihre Arme sind gefesselt und ein Einschussloch ist an ihrer Stirn zu sehen. Ich falle auf die Knie und fange an zu weinen. Sie waren für uns gestorben.

 

(Aus Anns Sicht)

 

Als ich wieder wach werde, liege ich in Alecs Armen. Er rennt.

 

‚Alec ?‘

 

‚Du bist wach!‘

 

‚Wohin rennst du?‘

 

‚Johann…‘

 

‚Was?!‘ Ich bin plötzlich hell wach. Alec lässt mich runter, behält aber einen Arm um meine Hüfte geschlungen.

 

‚Bring mich zu Johann und Lynn!‘ Alec und ich gehen langsam zurück zu dem Haus, Alec war von Rose gewarnt worden.

 

„Sie sind nicht tot!“

 

„Doch Ann. Sie sind beide tot…“

 

Ich löse mich von ihm und renne in das Haus. Das Licht ist an. Ohne lange zu überlegen gehe ich ins Büro. Johann… Ich übergebe mich. Alec schlingt die Arme um mich und ich fange an, ihn von mir zu stoßen.

 

„Das kann nicht sein!“ Ich werde lauter und hysterischer.

 

‚Beruhige dich.‘ Alec will mich besänftigen, doch es klappt nicht. Ich mache mich los und gehe zu Johann. Da sehe ich den Zettel in seinen Händen. Ich überwinde mich und greife nach seiner leblosen Hand. Auf einmal verspüre ich Ruhe in mir. Gefasst nehme ich den Brief an mich und lese ihn vor.

 

„Niemand kommt ohne Strafe davon, niemand ist sicher vor mir. Dylan“ Ich verbrenne den Brief und die Asche fällt zu Boden. Rose steht mit Tränen in den Augen in Matts Armen in der Tür.

 

„Was machen wir jetzt?“, fragt Alec.

 

„Wir stellen eine Armee auf und besiegen Dylan!“ Entschlossen greife ich nach den Händen von Matt und Alec.

 

„Und wie machen wir das?“, schnieft Rose.

 

„Wir teleportieren jetzt erstmal zu Kylen.“

 

„Wann hast du das gelernt?“ Matt schaut mich komisch an.

 

„Vor einer Stunde.“

 

‚Kylen, hörst du mich? Wir suchen Schutz bei dir.‘

 

‚Ja, ich höre dich. Tut mir leid, dass wir keine Zeit hatten, aber Lilla musste noch mal weg. Jetzt sind wir da, aber warum kannst du auf einmal mit mir sprechen?‘

 

‚Wir erklären euch alles später.‘

 

„Commeare.“ Die lila Fäden schließen sich um uns und im nächsten Moment sind wir bei Kylen.

Teil 3/ Kapitel 22

Die Welt ist so schön und wert, dass man um sie kämpft.

–Ernest Hemingway

 

„Wir können uns nicht länger verstecken!“ Rose ist wütend, ich verstehe sie, aber ihr Plan ist unüberlegt. Vor einer Stunde sind wir bei Kylen in der Nähe von Hamburg angekommen, das Städtchen ist ziemlich klein. Das bereitet mir Sorgen, denn in einer großen Stadt ist es einfacher, sich zu verstecken. Um auf das Thema zurück zukommen, wir besprechen gerade den Tod von Lynn und Johann. Dass die beiden wirklich Tod sind, kann ich nicht begreifen, noch nicht jedenfalls. Der Tod hat mir nochmals Dylans Macht bewiesen…

 

„Lasst uns erst mal das Stück Prophezeiung angucken.“ Kylen ist ruhig, hat aber wahrscheinlich den klarsten Kopf hier.

 

Ich hole das Stück aus meiner Tasche und lese Laut vor. „Wir kennen: Der Sohn der Stärke wird Schwestern, des Geistes, wieder zusammen bringen. Erst dann kann die Waffe entstehen. Sie wird glühen in jener Nacht. Ein Bund wurde gesprochen und bindet zwei. Auf der Suche nach dem inneren Licht und der Bindung... Neuer Teil: ...Geht ein Licht verloren. Jedoch wird das dunkle erleuchten und glühen so hell wie noch nie.“

 

Ein Verräter. Lynn hatte recht. Ich schlucke mein Wissen runter und bleibe stumm.

 

„Na toll, das bringt uns ja mal richtig viel.“ Matt klingt frustriert. Lilla stimmt in zu.

 

„Was jetzt?! Ann?“

 

Ich schlucke meine Angst runter und stehe auf. „Ich werde weiter nach der Prophezeiung suchen. Alec, versuche Verbündete zu finden, die bereit sind, mit uns gegen Dylan zu kämpfen. Ihr anderen stärkt eure Kräfte und trainiert.“ Ich drehe mich schon um und will gehen, als mir noch was einfällt. „Seid nie länger als drei Stunden an einem Ort. Außer wenn wir hier schlafen; jedoch werden wir Wache schieben. Und maximal zwei zusammen an einem Ort. Auch hier gilt unsere Tarnung. Alec und ich sind Geschwister, Rose und Matt verheiratet und Lilla und Kylen frisch verliebt!“ Ich bin erschöpft, ich habe lange nicht mehr geschlafen, außerdem fühle ich mich innerlich leer.

 

‚Geh ruhig hoch, Ann. Ich kläre den Rest.‘

 

Ich nicke Alec dankbar zu und verschwinde schnell hoch in mein Zimmer. Leider haben wir zu wenige Zimmer, das heißt ich darf mir ein Zimmer mit Matt teilen, weil Alec und Rose mich dazu überredet haben. Verliebte! Ich seufze vor mich hin, genervt von den beiden.

 

Meine Sachen sind ja leider alle noch in Amsterdam, das bedeutet ich darf in meiner schmutzigen Wäsche schlafen, na toll! Ich gehe erst mal ins kühle Bad und entdecke dort einen Klamottenstapel mit einem kleinen Zettel. ‚Ich hoffe, es macht dir nichts aus meine Sachen zu tragen, Lilla.‘ Ich lächle zaghaft und bin echt froh über die Klamotten, denn meine sind noch mit dem Blut von Johann getränkt. Johann…Lynn… Sofort kommen mir ihr Worte in den Sinn `Nicht alles was Leuchtet ist auch gut´. Gibt es wirklich einen Verräter unter uns? Ich schüttele den kopf. Nein das kann einfach nicht sein! Schnell ziehe ich mich aus und stelle mich unter die Dusche, warmes Wasser prasselt auf meine schmutzige Haut.

 

Ich bleibe viel zu lange unter der Dusche, doch als ich endlich raus steige und mir das Shirt und die Jogginghose von Lillla überziehe, fühle ich mich verdammt gut und verdammt müde.

 

Ich beschließe schnell noch was zu essen und mich dann ins Bett zu legen. Als ich in das Schlafzimmer zurückgehe, sehe ich schon wie Matt im Bett liegt und herzhaft schnarcht. Ich muss grinsen. Da entdecke ich das Nutellabrot auf meinem Nachtisch. Ich stürze mich darauf und schlinge die drei Scheiben runter. Plötzlich verstummt das Schnarchen neben mir.

 

„Ann?“ Matt ist wach.

 

„Ja?“

 

„Hat das Duschen gut getan?“

 

Ich schalte das Licht neben mir ein und drehe mich zu Matt. „Ja, verdammt gut.“

 

Auf einmal fängt Matt an zu lachen.

 

„Was ist denn los?“

 

„Du hast wohl das Brot gefunden.“ Ich wische mit meiner Hand ertappt über meinen Mund. Ups, da habe ich wohl noch Schokolade. „Ja, danke.“ Schnell verschwinde ich im Bad und wasche mir das Gesicht. Als ich wiederkomme, wünscht Matt mir noch eine gute Nacht und schläft dann wieder ein. Ich lösche das Licht und versuche auch endlich zu schlafen, jedoch will mir das nicht ganz so einfach gelingen. Ich wälze mich hin und her, aber meine Gedanken kehren immer zu Johanns grausamem Anblick zurück. Zum Glück habe ich Lynn nicht gesehen. Irgendwann gelingt es mir dann doch, in einen unruhigen Schlaf zu fallen.

 

(Aus der Sicht von Matt)

 

Ein Schrei lässt mich hochschrecken, verwundert gucke ich mich im dunklen Zimmer um. Mein Blick bleibt bei Ann hängen. Sie ist nass geschwitzt und schreit, als würde es um ihr Leben gehen. Alec hat mich auf so was vorbereitet und so ziehe ich Ann in meine Arme und flüstre: „Wach auf Ann! Alles ist gut, es war nur ein Albtraum.“

 

Sie schreit noch mal und ich schüttle sie leicht, plötzlich schlägt sie die Augen auf und krallt sich an mir fest.

 

„Alles ist gut Ann, das war nur ein böser Albtraum.“ Sie atmet schwer. Doch langsam beruhigt sie sich. Ich schalte das Licht ein.

 

„Hast du das öfter?“, frage ich sie vorsichtig.

 

„Manchmal“, gibt sie zu. „Sag es den anderen bitte nicht.“ Sie schaut mich flehend an und ich nicke. „Wovon hast du geträumt?“

 

„Dylan hat Jack umgebracht.“ Sofort versteifte ich mich. War ja klar, dass er es ist. Immer geht es um ihn, zum kotzen!

 

„Du weißt, das stimmt nicht, das war nur ein Traum!“

 

Sie nickt. Wie sehr ich mir wünsche, sie würde sich so um mich sorgen... ich bin bei ihr, halte ihre Hand und beschütze sie... nicht Jack! „Versuch zu schlafen. Ich bin bei dir.“

 

Ann kuschelt sich an mich und nach wenigen Minuten ist sie wieder in einen sanften Schlaf gefallen. Wie wunderschön sie doch ist. Ich schalte das Licht aus und schlafe auch ein.

 

Kapitel 23

(Rose‘ Sicht)

 

Eine Hand streicht mir über die Wange, sachte und voller Zuneigung. Ich grinse, plötzlich legen sich seine Lippen auf meine. Ohne hinzuschauen weiß ich, dass es Alec ist. Schnell und ohne zu Zögern erwidere ich den Kuss. Der Kuss ist schüchtern und zärtlich. Wie sehr ich ihn doch vermisst habe, meinen Alec.

 

Ich genieße diesen Augenblick, es scheint auch, er wolle ihn nie enden lassen. Es gibt nur ihn und mich… und das Klopfen an der Tür. Sofort bin ich hellwach und lasse mich genervt zurück ins Kissen fallen. Dabei schlage ich die Augen auf, was ich sofort bereue, da die Sonne direkt in mein Gesicht scheint. Ich blinzele leicht, behalte die Augen jedoch offen.

 

Es klopft wieder.

 

Ich schnaufe. „Alec, du gehst!“

 

Er lacht und schwingt sich dann seelenruhig aus dem Bett. Die Tür öffnet sich und Ann steht davor, sie hat Augenringe und sieht einfach nur total fertig aus. Ich mache mir Sorgen um sie. Sie arbeitet viel zu viel und schläft und isst kaum.

 

„Oh, ich wollte nicht stören… ich möchte nur so schnell wie möglich mit meiner Recherche beginnen.“ Sie schaut mich lächelnd an, aber es erreicht nicht ihre Augen.

 

„Schon gut, kleine Schwester. Alec wollte eh gerade aufstehen und sich fertig machen. Damit ich weiter schlafen kann.“ Ich kuschele mich tiefer ins Bett.

 

„Ach? Ist das so?“ Er lacht, sein Lachen ist erfrischend und hell.

 

„Ja, das ist so.“ Ich schließe die Augen.

 

„Ann, gib mir dreißig Minuten, dann bin ich unten und wir können zur Bibliothek fahren.“

 

„Kein Problem, bis gleich dann“, verabschiedet sie sich und schnell schließt sich die Tür. Ich höre, wie Alec durch den Raum geht, wahrscheinlich ins Bad. Kurze Zeit später höre ich Wasser rauschen.

 

Langsam spüre ich, wie ich wieder in einen leichten Schlaf versinke. Ich grinse als ich mir vorstelle wie Alec mich heute geweckt hat. Der Kuss…

 

„Warum grinst du denn so?“ Alec dunkele Stimme ertönt, aber nicht so wie vermutet weit weg, sondern ziemlich nah.

 

Ich lasse die Augen zu und antworte: „Ich träume von Mick.“ Mick war ein Kellner, der in Amsterdam ziemlich heftig mit mir geflirtet hat. Amsterdam. Sofort taucht Lynns Bild vor mir auf und mein Lachen ist wie weggefegt. Jedoch bekommt Alec nichts davon mit oder sagt nichts. Schnell verdränge ich den Gedanken.

 

„Na, du wirst schon sehen!“ Seine Stimme klingt eifersüchtig, dann fängt er an zu lachen, darauf rauscht Wasser, Schritte kommen näher… Moment mal… Ich setzte mich auf und reiße die Augen auf, aber es ist zu spät. Alec leert die Schüssel mit Wasser direkt über mir und ich quicke auf.

 

„Alec!“ Ich schreie vor Wut, doch Alec lacht nur und verlässt unser Schlafzimmer. Schnell stehe ich auf und renne ihm hinterher. Als ich unten ankomme, schnappt er sich gerade einen Apfel und steuert die Tür mit Ann an.

„Bis später!“, schreit er fröhlich durchs Haus. „Ach, Rose, da du jetzt wach bist, weck doch die anderen und trainiert ein bisschen.“ Immer noch lacht er.

 

Ann schaut mich an und kann sich ein kleines Lachen nicht verkneifen.

 

Schnell renne ich zur Obstschale. „Ann, aus dem Weg!“

 

Sie gehorcht und schon bewerfe ich Alec mit den anderen Äpfeln, doch er lacht nur und flüchtet durch die Tür. Ann schleicht sich auch durch und ich renne völlig nass raus in die Kälte und bewerfe ihn weiter. Als er einsteigt, ist das Auto dran. Doch er fährt einfach los!

 

„Arschloch!“, rufe ich ihm hinterher.

 

„Was ist denn hier los?“

 

Ich drehe mich ruckartig um, ein verschlafener Kylen steht mit einem Kaffee in der Tür und gähnt ausgiebig.

 

„Nichts!“ Wütend verschränke ich meine Arme vor der Brust.

 

Kylen guckt mich skeptisch von ob bis unten an. „So siehst du aber nicht aus.“ Nun lacht mein Bruder auch noch, super Start in den Tag. Er scheint zu bemerken, dass heute der falsche Tag für Witze ist und hört auf zu lachen, oder versucht es. Schnell hebt er seine Tasse als Friedensangebot an. „Auch einen?“

 

„Ich dachte, du fragst nie!“ Er grinst und geht rein, mit schnellen Schritten folge ich ihm, denn so langsam wird es ungemütlich in meinen nassen Klamotten. Zwar macht Charan Kälte nicht so viel aus wie Menschen, dennoch ist es unangenehm.

 

Drinnen rieche ich sofort den herrlichen Kaffeeduft. Als ich die Küche betrete, lehnt Kylen an der Wand. Es ist Lilla, die an der Kaffeemaschine steht und ihn aufkocht. Und somit für den Duft verantwortlich ist.

 

„Herrlich!“

 

Lächelnd dreht sie sich zu mir um und reicht mir ein Tasse von dem dunklen Gebräu. Ich rieche daran und spüre sofort, wie ich wacher werde. Ich schaue sie verwundert an, als sie mir eine zweite geben will. Sie muss mir ansehen, dass ich nicht verstehe was sie will, denn sofort kommt die Antwort. „Matt schlummert immer noch oben.“

 

„Aber Ann ist doch wach?“

 

„Das schon, sie ist aber schon seit gut zwei Stunden auf den Beinen.“

 

Mein Blick huscht zur Uhr. Sieben Uhr vierunddreißig zeigt sie an, sprachlos schaue ich zu Lilla, diese zuckt nur die Schultern und sagt: „Sie war Joggen.“

 

Ich schüttele den Kopf, ich muss unbedingt mit ihr reden. Dann greife ich nach der warmen Tasse, drehe mich um und steige die Treppen hoch.

 

Kapitel 24

Langsam steige ich die Stufen hoch, darauf bedacht, nichts von dem Kaffee zu verschütten. Ich husche nur schnell in das Zimmer von Alec und mir, um meine Klamotten zu wechseln. Danach gehe ich den Flur weiter herunter. Vor der Zimmer Tür von Ann und Matt bleibe ich kurz stehen und stelle eine Tasse auf die Kommode. Ich klopfe leicht gegen die weiße Holztür. Ein grummelndes „Herein“ ertönt von der anderen Seite, daher öffne ich die Tür und nehme meinen Kaffee wieder in die Hand. Schnell trete ich ein und stelle beide Tassen auf den Nachttisch. Matt schlummert immer noch in dem Doppelbett.

 

„Matt! Steh auf!“ Ich ziehe seine Decke weg.

 

„Och, noch ein bisschen, Ann“, säuselt er, dreht sich einfach nur um und schläft weiter.

 

Ich gehe zum Fenster und reiße die Gardinen auf und öffne das Fenster. Schnell gehe ich wieder zu Matt. „Matt, wach auf! Ich bin es, Rose!“ Ich schreie schon fast und rüttle an seinem Oberkörper. Eins muss man ihm lassen, er sieht verdammt gut aus. Auch wenn er es nicht an Alec heranschafft. Doch Matt reagiert nur mit einem Grummeln. Dann müssen eben andere Mittel her.

 

Schnell tapse ich ins Bad und hole ein Glas voll mit Wasser. Langsam schleiche ich zurück zum Bett. Wird wohl zur Gewohnheit, dass wir uns alle so wecken.

 

Schnell schütte ich das Glas mit Wasser in Matts Gesicht. Erschrocken richtet er sich auf.

 

„Wie soll jemand wie du uns nur beschützen, du würdest doch glatt jeden Angriff verschlafen!“ Ich kann ein Lachen einfach nicht vermeiden und ernte dadurch böse Blicke von Matt.

 

„Sehr nett! Falls du es vergisst, habe ich dich schon gerettet!“ Mein Lachen verstummt, denn Matt klingt wirklich ernst.

 

„Das weiß ich doch, es war nur ein Spaß, Matt…“ Ich schaue zu Boden.

 

„Haha, ich lache später mit!“ Er wirkt sauer und rappelt sich nur in Boxershorts aus dem Bett.

 

„Äh, wir warten unten auf dich und da steht ein Kaffee für dich.“ Schnell zeige ich auf die eine Tasse, dann nehme ich die andere und mache mich aus dem Staub.

 

„Danke!“, ruft Matt mir hinterher. Eilig stampfe ich die Treppen runter.

 

Kylen schaut mich mitleidig an und ich setzte mich wütend zu ihm an den Tisch. „Morgen könnt ihr ihn wecken, so ein Arschloch.“ Schnell trinke ich meinen Kaffee und schnappe mir ein Toast.

 

„Hey, das war meins!“ Kylen will es mir wegschnappen, aber ich nehme den Teller einfach aus seiner Reichweite.

 

„Pech!“ Ich strecke ihm die Zunge raus und schmiere dick Nutella auf mein Toast.

 

„Beruhige dich, Kylen, hier hast du ein neues“, mischt sich nun auch Lilla ein. Leise essen wir unser Toast. Als ich fast fertig bin, taucht Matt auf. Seine Haare sind noch feucht, ich grinse leicht. Er setzt sich zu uns und Lilla stellt ihm neue Toastscheiben vor die Nase.

 

„Guten Morgen, Matt“, zwitschert sie fröhlich und Matt schenkt ihr dafür ein Lächeln.

 

„Da wir nun alle zusammen sind, kann ich euch die Planung für heute mitteilen. Wir werden im Wald trainieren. Lilla mit Matt und Kylen mit mir!“

 

Skeptisch schaut mich Matt an. „Wäre es nicht besser, wenn wir beide trainieren? Immerhin bin ich dein Krieger.“

 

Ich schüttle den Kopf und funkle in wütend an. „Du trainierst mit Lilla! Wie ich gesagt habe. Ende der Diskussion!“ Wütend schiebe ich meinen Stuhl zurück. Als ich aufstehe, schaue ich zu Kylen.

 

„Wir treffen uns in einer Viertelstunde an der Haustür.“

 

Er nickt und ich verlasse den Raum. Doch bevor die Tür sich schließt, höre ich wie Kylen noch sagt: „Mann, da hast du sie aber echt verärgert.“

 

Matt grummelt und Kylen lacht.

 

Matt ist ein Idiot! Nur weil er schlechte Laune hat, muss er sie bestimmt nicht an mir auslassen. Ich stampfe wütend in mein Zimmer zurück. Heute ist eindeutig nicht mein Tag! Pah!

 

Mit schnellen Schritten gehe ich zum Kleiderschrank und ziehe eine schwarze Jeans und ein schwarzes T-Shirt heraus. Dann ziehe ich noch schnell Socken und schwarze Wanderschuhe an und gehe die Treppe wieder herunter. Unten an der Haustür wartet Kylen schon auf mich. Er trägt so ziemlich dasselbe wie ich. „Was üben wir denn heute? Nahkampf?“ Kylen schaut mich abwartend an.

 

„Nahkampf ohne Waffen!“

 

Kylen grinst. „Das wird leicht.“

 

Da muss ich lachen und gehe an ihm vorbei raus in den Wald. Kylen folgt mir und schnell bleibe ich an einer kleinen Lichtung stehen. „Vergiss nicht, ohne Waffen bedeutet auch ohne Charan.“

 

Kylen nickt und stell sich gegen über von mir auf. Seine Fäuste sind schon in Kampfposition und auch ich stelle mich auf. „Okay, dann wollen wir mal sehen, wer gewinnt!“

 

Schnell kommt Kylen auf mich zu und schlägt mit der linken Faust nach mir, jedoch weiche ich dieser geschickt aus. Doch Kylen beeindruckt das nicht viel und setzt zum nächsten Angriff an. Doch auch diesem kann ich geschickt ausweichen. Nun ist es an der Zeit, ihn mal anzugreifen. Schnell trete ich sein Bein weg und er kommt ins Straucheln. Dann ein präziser Schlag gegen die Schulter und er fällt um. Hastig versucht er, sich aufzurappeln, aber ich bin schneller, setze mich auf ihn und nehme ihn in einen Fesselgriff.

 

„Gewonnen!“

 

Kylen guckt mich betrübt an. „Das war unfair.“

 

„Wo bitte war das unfair?“ Ich stehe auf und helfe ihm hoch. Plötzlich dreht er sich um und geht weg.

 

Was ist denn jetzt los? Ich folge ihm. Und schon bald höre ich die Stimmen von Lilla und Matt.

 

Kurz danach bleibt Kylen wie angewurzelt stehen. Er schiebt von dem Busch vor uns einige Äste weg. Dann schaut er mit glasigen Augen dadurch. Ich schaue selber dadurch und sehe, wie Lilla ziemlich offensichtlich mit Matt flirtet, jedoch wirkt Matt nicht so als würde er es verstehen oder gar erwidern.

 

„Das ist nicht das erste Mal.“ Kylens Stimme ist weich und trotzdem höre ich die Wut und traure raus.

 

„Vielleicht solltest du mit ihr reden“, schlage ich vorsichtig vor.

 

„Pah, reden. Ich dachte, sie wäre mein Gegenstück. Jetzt weiß ich, warum Aeon uns nicht verbunden hat.“ Mit diesen Worten dreht er sich um und verschwindet im Wald. Super. Liebe ist doch einfach kompliziert.

 

Kapitel 25

(Alecs Sicht)

Vielleicht hätte ich Rose nicht so wecken sollen, aber sie sieht einfach zu süß aus, wenn sie wütend ist. Über meine Gedanken muss ich schmunzeln. Ich bin verliebt und glücklich, sie einfach nur wieder bei mir zu haben. Ich schob meine Gedanken beiseite und konzentrierte mich wieder voll und ganz auf die Straße vor mir.


„Meldet sich Jack noch bei dir?“ Ihre Stimme drang leise vom Beifahrersitz zu mir, ohne Charan-Gehör hätte ich sie wahrscheinlich nicht verstanden.


Ich seufze. „Nein“ ist dann meine knappe Antwort.


„Warum?“


„Weil wir beobachtet werden, Ann, wir mussten aus Holland fliehen. Ihn haben sie noch nicht aufgespürt.“


„Er nimmt keinen Kontakt mehr auf.“


Wieder seufze ich. „Es ist zu gefährlich Ann! Sie wissen nichts von ihm.“


„Oder ich bin ihm egal.“


Ich steure den Wagen in den Wald und bleibe dann stehen, drehe mich zu Ann um. „Er liebt dich, Ann. Er ist abgehauen, weil du was mit Dylan hattest...“ Ich muss schlucken, Jack hatte mir erzählt, dass er sogar spürte, wie Dylan Ann berührte. Wenn ich dasselbe bei Rose gespürt hätte...


„Ich wollte das nicht!“ Ann hat mein Stocken falsch aufgefasst und funkelt mich nun wütend an.


„Ann, so war das nicht gemeint. Er hat alles gespürt, nur dass es eine Falle für Dylan war nicht. Als wir dich retteten und er spürte, dass alles nur Fassade war, bereute er es und nahm Kontakt zu mir auf. Wir machten den Plan, dass er untertauchen sollte und wenn mir was passiert... wird er da sein und dich retten.“ Ich schaue auf meine Hände runter. „Ich weiß, dass es schwer ist, aber so wirst du bessere Chancen haben zu überleben...“


Plötzlich legt Ann ihr Hände auf meine. „Wir werden das alles gemeinsam überleben!“ Ihre Stimme klingt fest, sie versteht es, auch wenn es ihr schwerfällt.


Ich löse meine Hände aus ihren und öffne die Autotür.


„Wo willst du hin?“


Ich schaue zu ihr zurück. „Die Gefühle rauslassen, komm mit.“ Damit steige ich aus und knalle die Tür zu. Schon nach kurzer Zeit höre ich wie die andere Autotür zuknallt und Schritte mir in den Wald folgen.


„Was machen wir jetzt hier?“


Ich bleibe an einer Lichtung stehen, Ann tut es mir gleich.


„Kannst du einen Zauber über die Lichtung und das Auto legen, der unsere Bewegungen, Geräusche und Gerüche für andere verbirgt?“


„Klar kann ich das, aber nicht für länger als drei Stunden.“ Sie schaut mich skeptisch an.


„Dann mach das bitte.“


Sie schließt die Augen und streckt die Arme ein Stück aus. Nach einigen Sätzen auf Latein kommen die lila Fäden aus ihren Händen und umschließen die Lichtung und das Auto. So schnell wie sie gekommen sind verschwinden sie auch wieder. Ann öffnet die Augen, dreht sich ganz zu mir und sieht mich abwartend an.
Nachdem ich immer noch sprachlos da stehe, ergreift Ann das Wort „Was nun?“


Die Sprachlosigkeit fällt von mir ab und ich gehe auf sie zu. „Welche Person ist es, die dich wütend macht?“ Ich schaue sie fragend an und gehe rückwärts weiter in die Mitte.


„Dylan.“ Klar, da hätte ich auch selber drauf kommen können. Ich lasse durch meine Gedanken eine Pflanze wachsen, die die Form eines Menschen hat. Ich trage sie ans andere Ende der Lichtung und stelle sie auf. Dann drehe ich mich um und grinse voller Vorfreude. Je näher ich Ann wieder komme, bemerke ich, wie sie mich immer noch fragend anguckt.


„Komm her.“ Ich stelle mich in Richtung des Objekts, neben mir kommt Ann zum Stehen. „Nun lass dein Kraft an ihm raus!“ Ich gehe ein Stück zur Seite, doch Ann schaut mich nur weiter fragend an.


„Wie denn?“ Natürlich ist es ungewohnt für sie, bis jetzt hat sie ja immer alles in sich reingefressen.


„Schau nach vorne.“


Sie folgt meiner Anweisung.


„Stell dir vor, die Pflanze verwandelt sich in Dylan. Seine braunen Haare vor, seine braunen Augen, sein Grinsen, sein Goldschimmer.“


Ann fixiert die Pflanze und ich kann beobachten, wie die Wut in ihr hochkocht. Sie ballt ihre Hände zu Fäusten. „Nun stell dir vor, er würde dir drohen dich zu töten, deine Eltern...“ Immer noch behält sie die Kontrolle. „Jack zu töten!“


Plötzlich heben sich ihre Hände und ihre Fäden zischen los. Ich lasse die Pflanze sich bewegen und ausweichen und Ann zerstört sie immer mehr. Sie lässt alles raus.

 


Als die Pflanze völlig zerstört ist bricht Ann zusammen. Sie weint bitterlich. Schnell renne ich zu ihr und lege meine Arme um sie. Nassgeschwitzt kuschelt sie sich in meine Arme, jedoch ist mir das zurzeit egal. Immer wieder schluchzt sie auf, bis daraus ein Wimmern wird. Später hat sie sich wieder beruhigt und nun liegen wir im Gras und schauen in den Himmel. Die Sonne blendet mich. Da hebt Ann einen Arm und schiebt eine Wolke davor.


„Seit wann kannst du so was?“ Ich schaue sie ungläubig an. Doch sie zuckt nur die Schultern. Wieder schweigen wir.


„Danke, das tat gut.“


Ich spüre ihren Blick auf mir. „Das war kein Problem, dafür bin ich dein Krieger.“


„Weißt du, das Schlimme ist, dass ich mich so nutzlos fühle. Ich habe Kräfte, die immer größer werden und alles besiegen könnten und trotzdem kann ich die Leute die ich liebe nicht beschützen.“


„Mein Vater sagte immer, auch die schwärzeste Stunde hat nur sechzig Minuten und auch die gehen vorbei.“


„Dein Vater war auch ein schlauer Mann… der nun wegen mir tot ist.“


„Nein! Du machst dich nicht selber fertig. Meine Eltern, deine Eltern, Johann und auch Lynn starben wegen Dylan!“ Ich setze mich auf und schaue zu ihr. Nachdrücklich packe ich ihre Hand, damit sie wirklich zuhört. „Wir werden hier beide wieder raus kommen, das hast du gerade selber gesagt.“


Sie schaut mich an und ist wieder Ann, wie ich sie kennenlernte. Voller Hoffnung. Sie lächelt sogar und zieht mich beim Aufstehen gleich mit sich. Als wir beide sicher stehen, lässt sie meine Hand los und klopft sich den Dreck von den Klamotten und richtet ihre Haare.


„Dann wollen wir mal“, sagt sie entschlossen und geht in Richtung Auto, ich bleibe völlig perplex stehen. Das scheint auch sie zu bemerken und dreht sich zu mir um. „Was ist denn?“


„Wa..Was machen wir denn jetzt?“


„Na, recherchieren in der Bibliothek!“


„Die macht in knapp zwei Stunden zu.“ Das verrät mir ein Blick auf die Uhr.


„Dann haben wir ja noch genug Zeit, wenn du mal in die Gänge kommst. Na los!“


Ich eile zu ihr und schüttle grinsend den Kopf. Ann ist wieder da.
 

Kapitel 26

(Kylens Sicht)

Besorgt schaue ich auf die Uhr. Ann und Alec sind um neun Uhr aus dem Haus „geflohen“, nun ist es einundzwanzig Uhr. Was, wenn Diritrasen sie gefunden haben? Oder gar Dylan selber sie verschleppt oder ermordet hat?!


Ich weiß nicht, was schlimmer ist, denn Ann würde eine zweite Gefangenschaft nie überstehen. Traurig und besorgt schaue ich zur Tür. Bitte lass ihr nichts passiert sein, Aeon! …Ein schnelles Gebet hat noch nie geschadet.


„Ich mach Essen“, flötet Lilla fröhlich aus der Küche und reißt mich aus meinen Gedanken.


„Soll ich dir helfen?“


„Nicht nötig. Matty hilft mir schon.“


Ich balle meine Hände zu Fäusten. Dieser... Ganz ruhig, Kylen. Ich atme tief ein und aus.


Dann antworte ich: „Okay, ich bin noch mal kurz draußen.“


Doch sie ist schon auf Matt fixiert. Wie kann sie mir das nur so offen antun?


Schnell wende ich den Blick ab, schlüpfe in ein Paar Schuhe, reiße die Tür auf und renne in die Nacht.


Ich habe mich in sie verliebt als sie in der einen Nacht mit Ann vor meiner Haustür bei Dylan stand. Sie und Ann haben mir Hoffnung gegeben.


Eine Träne findet ihren Weg über meine Wange. Alles ist gelogen, wahrscheinlich wollte sie einfach nur sichergehen, dass sie da rauskommt. Ich hatte mein verdammtes Leben für sie riskiert. Ich bin wegen ihr noch mal rein, wegen ihr wurde ich gefoltert! Dabei hatte Matt sie schon längst „gerettet“.


Ich balle meine Hände wieder zu Fäusten. Ich bin angespannt. Wütend schlage ich aufs Nächstbeste ein. Ein Baumstamm. Ich schlage immer weiter. Selbst als Blut meinen Arm hinunterrinnt, will ich nur kurz innehalten. Ich schaue mir meine Hände an. Sie sind blau und grün geschlagen, Schrammen und Schnitte ziehen sich darüber. Doch dann kommt mir ein Bild in den Sinn, wie Matt und Lilla sich küssen. Ich hole zu einem neuen Schlag aus.



„Nicht!“


Ich halte inne, lasse die Hand langsam sinken. Mein Atem geht schwer und allmählich spüre ich den Schmerz in meinen Händen. „Ich liebe sie...“ Ich flüstere nur, ich will meine Schwäche nicht auch noch laut zugeben. Nicht vor meiner eigenen Schwester Rose.


„Ich weiß“, erwidert sie schlicht und kommt näher, bis sie vor mir steht.


Ich schaue zu Boden, zu sehr beschämt es mich. Sie soll meine Träne nicht sehen. Ich bin ein Mann!


Plötzlich schließt sie die Arme um mich. Ich erwidere die Umarmung.


„Als ich in der Gefangenschaft bei Dylan war, hatte ich jede Hoffnung auf die Liebe aufgegeben. Ich wurde ein Eisklotz. Ann und Alec erinnern mich jeden Tag daran, was ich doch für ein Glück habe. Kylen... Lilla verdient dich nicht, finde ich. Jedoch ist es deine Entscheidung. Ich kann dir nur sagen: Ann und ich werden immer für dich da sein. Denn du bist unser Bruder und wir lieben dich.“


Ich drücke sie noch mal fest und flüstere ein Danke. Danach gehen wir zurück zum Haus.

 


Als wir gerade den Hof betreten, fährt Alecs Auto auf den Parkplatz vor unserem Haus. Schnell steigt Alec aus, gefolgt von Ann. Ann sieht entspannt und das erste Mal seit Wochen fröhlich aus. Alec kommt auf uns, oder besser gesagt auf Rose zu. Zärtlich küsst er sie auf den Mund. „Hallo meine Hübsche.“


„Hey du Spanner von Bruder.“ Anns Stimme klingt belustigt.


Ich wende den Blick von der Wiedersehensszene zwischen Alec und Rose ab und schaue sie geschockt an. „Ich... Ich habe... Ich habe nicht gespannt!“


Sie lacht nur, zum Glück stehen wir weit genug von den anderen entfernt.


„Lass uns reingehen, ich bin hungrig und müde.“


Ich gehe vor und sie folgt mir, schnell streife ich die Schuhe ab und schaue in die Küche rein. Bei dem Anblick, der sich mir bietet, schlucke ich schwer. Lilla und Matt stehen ziemlich dicht beieinander. Ihre Hand liegt auf seiner Brust. Sie schauen sich tief in die Augen. Seine Hände umschließen ihre Taille.


„Ups, da habe ich doch glatt das Gleichgewicht verloren“, kichert sie glücklich.


„Kein Problem“ ist seine Antwort, ziemlich gleichgültig. Da kommt Ann rein und scheint nichts davon zu merken. Also lächele ich auch. Lilla und Matt lösen sich wieder voneinander und gehen ihrer Arbeit nach.


„Hm, das duftet ja gut, was gibt es denn zu essen?“, fragt Ann neugierig und schaut in die Töpfe.


„Braten und Knödel“, verkündet Lilla stolz.


„Können wir dir helfen?“


Sie dreht sich zu mir um, nachdem ich die Frage gestellt habe. „Ach, du bist auch wieder da. Klar, ihr könnt den Tisch decken.“


Ich lächele sie an und sie erwidert es ein kleines bisschen, aber ich merke, dass es nur gespielt ist. Schnell schnappe ich mir sechs Teller und gehe rüber ins Esszimmer. Jemand folgt mir und aus dem Augenwinkel sehe ich Ann, wie sie Besteck trägt und es ebenfalls verteilt. Ich bin schon fertig und greife nach dem Besteck um ihr zu helfen, als sie erschrocken die Luft einzieht und das übrige Besteck fallenlässt.


„Was hast du gemacht, Kylen?!“ Sie greift nach meiner Hand, die immer noch Schnitte aufweist und immer noch blau angeschwollen ist. Mein Kopf schnellt hoch, aber außer mir und Ann ist niemand zu sehen. Zum Glück.


„Nichts“, versuche ich eine Lüge, ziehe meine Hand weg und bücke mich nach dem fallengelassenen Besteck.


„Nichts?“ Ihre Stimme trieft nur vor Unglaube.


„Ja, nichts!“, schnauze ich sie an. Das will ich eigentlich nicht, aber es ist mir einfach so raus gerutscht. Da geht auch schon die Tür auf und Alec und Rose kommen Händchen haltend rein. Plötzlich packt Ann meine Hand. Sofort spüre ich ihre Energie.


„Darüber reden wir noch!“ Sie flüstert es, sodass nur ich es verstehen kann. Danach lässt sie mich los und auch Lilla und Matt kommen mit dem Essen zu uns. Schnell sitzen wir alle am Tisch. Da ergreift Alec das Wort: „Elli hat uns geschrieben. In Schweden scheint alles gut zu laufen und es gibt keine Anzeichen von Diritrasen.“


„Das ist schön zu hören“, antwortet Ann das was alle sagen wollen. Schweigend beginnen wir zu essen.
 

Kapitel 27

(Anns Sicht)

 

Es ist die erste Nacht seit langem, in der ich gut durchschlafe. Keine Albträume und auch kein frühes Erwachen. Ein sanftes Rütteln an meiner Schulter lässt mich langsam aufwachen. „Ich will noch nicht aufstehen“, brumme ich meinem Störenfried entgegen.

 

„Das Frühstück ist fertig und es ist schon elf Uhr“ Es ist Matts Stimme die versucht, mich zu überzeugen.

 

„Ich will trotzdem nicht.“

 

Matt antwortet mit einem herzlichen Lachen.

 

„Das ist nicht witzig“, bringe ich ihm angepisst entgegen.

 

„Tut mir leid.“ Er schmunzelt immer noch, das höre ich deutlich raus. „Viellicht stimmt dich ja um, dass unten ein warmer Kakao und Croissants auf dich warten.“

 

Ich seufze. „Das ist Erpressung!“ Doch ich setze mich auf und strecke mich.

 

„Und sie zieht immer wieder. Sei in ‘ner Viertelstunde unten“, befiehlt Matt lächelnd und ich nicke ergeben. Darauf dreht er sich um und verlässt den Raum.

 

Ich werfe einen Blick aus dem Fenster. Es ist ein warmer Tag in dieser Winterszeit. Ich grinse leicht und steige aus dem warmen und gemütlichen Bett. Es tat gut, endlich mal wieder ordentlich geschlafen zu haben, es entspannte mich.

 

 

Eilig schlurfe ich ins Bad. Im Spiegel sehe ich nicht mehr so monsterhaft wie sonst aus. Ganz im Gegenteil. Die dunklen Augenringe sind fast ganz verschwunden, meine Wangen wieder leicht rosig und meine Augen funkeln wieder leicht silbern.

 

Ich drehe den Wasserhahn auf und spritze mir kühles Wasser ins Gesicht. Danach bin ich richtig wach und richte mich für den Tag. Zähneputzen, Kämmen, Schminken und Anziehen. Eine Jeans und Top und darüber ein leichter Pullover müssten reichten. Pünktlich verlasse ich das Zimmer, gehe die Treppe runter und entdecke Matt schon im Esszimmer.

 

„Wo sind die anderen denn?“, frage ich Matt. Erschrocken lässt er sein Messer fallen, worüber ich nur kichern kann.

 

„Ann! Erschreck mich nicht so! Die anderen sind draußen schon am trainieren.“

 

„Warum hat mich niemand geweckt? Und warum bist du nicht draußen?“ Ich lasse mich neben Matt nieder.

„Da wir alle wissen, wie schlecht du schläfst, haben wir gedacht, ein bisschen Erholung würde dir guttun und um deine zweite Frage zu beantworten: ich bin heute dein Chauffeur.“ Genüsslich schmiert er sich die Marmelade aufs Brot und beißt dann hinein.

 

„Okay.“ Prompt in diesem Moment knurrt mein Magen, was Matt zum Lachen bringt. „Du darfst das Essen vor deiner Nase auch gerne vernaschen, so wie ich.“

 

„Das ist aber sehr freundlich von dir, Matt.“ Wir beide Lachen. Nachdem ich den Lachanfall überwunden habe, greife ich mir eins der Croissants und beschmiere es mit Nutella. Ich beiße ab, köstlich.

 

Ich habe mir richtig den Bauch vollgeschlagen, was Matt grinsend betrachtet. „Puh, nun bin ich aber satt.“

 

Matt muss wieder lachen. „Das glaube ich dir sofort.“ Auch ich muss leicht grinsen. Schnell stehe ich auf und fange an, den Tisch abzuräumen und Matt folgt mir so gleich.

 

„Da du mich heute fährst, möchte ich jetzt gerne zur Bibliothek.“

 

„Kein Problem. Dann lass uns mal anziehen und los geht’s.“ Schnell ziehe ich meine Schuhe an und binde sie. Danach noch meinem Parka und einen fetten Schal. Es ist zwar heute wärmer, aber auch nicht wirklich sommerlich. Ich weiß, ich als Charan friere nicht so schnell, jedoch hält das nicht lange, und zweitens, es gibt noch Menschen und Diritrasen, denen es auffallen würde, wenn wir nur im T-Shirt rumlaufen.

 

„Kommst du? Ann?“

 

Ups, da bin ich wohl in Gedanken gewesen. „Ja.“ Ich folge Matt nach draußen. Im Wald nehme ich einige Bewegungen wahr, sofort schrillen meine Alarmglocken los.

 

‚Beruhige dich! Das sind nur wir, Ann.‘ Es ist Alecs sanfte Stimme. Ich schließe kurz die Augen und als ich sie wieder öffne, bemerke ich, dass Matt schon im Auto auf mich wartet. Zackig laufe ich zum Wagen und setze mich auf den Beifahrersitz.

 

„Wieder mal geträumt?“

 

„Äh, Alec wollte noch was von mir.“

 

„Ach so, na dann wollen wir mal los.“ Er startet den Wagen und lenkt ihn geschickt vom Hof auf die Straße. Dort gibt er Gas und fährt in Richtung Stadtzentrum. Die Fahrt über schaue ich nur aus dem Fenster und genieße die Ruhe. An der Bibliothek angekommen, parkt Matt vorbildlich ein. „So, da wären wir.“

 

„Danke. Kommst du mit rein oder hast du noch was anderes vor?“, frage ich.

 

„Ich komme mit rein.“

 

Ich nicke, steige aus und gehe auf das große und alt aussehende Gebäude zu. Hinter mir höre ich Matts Schritte, die mir gespannt folgen. Wir betreten die Eingangshalle. „Wow, wie groß das hier ist“, flüstert mir Matt erstaunt zu. Da kommt Melanie, eine Angestellte, die zufällig ein Charan ist, auf uns zu. „Hallo, Ann! Freut mich, dich so schnell wiederzusehen. Wer ist denn dein gutaussehender Begleiter?“

 

„Matt, das ist Melanie, Melanie, das ist Matt“, stelle ich die beiden einander vor.

 

Ganz vorbildlich streckt Matt seine Hand aus, die Melanie ergreift. „Freut mich, sie kennenzulernen.“

„Gleichfalls.“

 

Ich unterbreche die beiden. „Melanie, kannst du uns heute zum alten Teil führen?“

 

„Ja, kann ich. Es hat sich heute niemand eingetragen zum Kommen, seit der Krieg ausgebrochen ist, sind nur noch wenige Gelehrte hier.“ Sie wirkt traurig, aber wer konnte ihr das auch verdenken.

 

„Danke.“

 

„Kein Problem. Folgt mir einfach.“ Und das taten wir.

 

 

Kapitel 28

(Roses Sicht)

 

Erschöpft lasse ich mich ins Bett fallen. Den ganzen Tag hatten Lilla, Kylen, Alec und ich trainiert. Nun tut mir mein ganzer Körper weh und ich bin nass geschwitzt. Ich schließe meine Augen.

 

„Hey, aufstehen.“ Alec rüttelt an meiner Schulter.

 

„Warum denn?“

 

„Ich habe eine Überraschung, dafür musst du dich aber fertigmachen.“

 

Ich öffne meine Augen und schaue in skeptisch an. „Nur wir zwei?“

 

Er nickt und hält mir seine Hand hin. Ich nehme sie an und so zieht er mich auf die Beine.

 

„Gib mir zwanzig Minuten.“ Und schon verschwinde ich im Bad. Schnell entledige ich mich meiner Sachen und springe fix unter die Dusche. In Rekordzeit bin ich wieder draußen und föhne meine Haare. Dann gehe ich zurück ins Schlafzimmer, dort wartet Alec schon ungeduldig auf mich. Wie schaffen es Jungs nur, so schnell fertig zu sein? Ich entscheide mich für ein rotes knielanges Kleid, was perfekt zu meinen Haaren passt. Dazu schwarze High Heels. Schnell meinen ebenso schwarzen Mantel darüber und ich bin bereit.

 

„Fertig?“

 

Ich nicke. Und schon hält er mir ganz Gentleman like den Arm hin.

 

„Danke“, sage ich als ich mich einhake.

 

„Für dich würde ich alles machen.“ Er gibt mir einen sanften Kuss auf meine Schläfe. Ich muss sofort anfangen zu lächeln. Berauscht von dem Glück, vergesse ich meinen schmerzenden Körper sofort. Anschließend gehen wir los. Alec führt mich erst zu seinem Wagen und hilft mir dann beim Einsteigen. Als er die Tür auf der Fahrerseite zuschlägt, fahren wir auch schon los. Mittlerweile ist es dunkel geworden und wenn man aus dem Fester schaut, entdeckt man viele bunte Lichter. Ein wunderschöner Anblick.

 

„Wo fahren wir denn hin?“

 

„Lass dich überraschen, mein Liebling.“

 

„Och, komm schon“, schmolle ich, doch auch das bringt bei Alec nichts. Er fährt einfach vor sich hin grinsend weiter. Die Fahrt dauert eine Weile und so schaue ich bewundernd aus dem Fenster. Urplötzlich bremst Alec den Wagen. Er starrt in die Dunkelheit. Seine Hände sind verkrampft um das Lenkrad, vorsichtig lege ich meine Hand auf seine.

 

„Alec? Liebling? Was ist los?“

 

Wie aus der Starre gerissen schaut er zu mir. In seinen Augen liegt Schmerz. „Nichts.“ Schnell lächelt er mich an und fährt zurück auf die Straße.

 

„Wirklich? Soll ich lieber fahren?“

 

„Nein, nein, alles okay“

 

Jungs! Ich werde sie nie verstehen. Ich lächle wieder leicht und schüttle den Kopf.

 

Gerade will ich wieder die Aussicht bewundern, als ich bemerke, dass Alec einparkt. Vor uns steht ein altmodisches, gut erhaltenes Gebäude, groß über dem Eingang leuchten Neonschilder und weisen darauf hin, dass wir vor einem Kino stehen. Alec steigt aus und ich folge ihm. Draußen legt er sofort besitzergreifend einen Arm um mich. Wir gehen hinein und von innen sieht das Kino genauso schön aus wie von außen. Alec geht zur Kasse und beredet mit dem Mann der dahinter steht etwas. Kurze Zeit danach kommt er wieder zu mir.

 

„Popcorn oder Nachos?“

 

Ich muss einfach lächeln.

 

„Popcorn.“ Er geht kurz weg und kommt mit einer Riesentüte Popcorn wieder. Dazu noch eine Cola light und eine normale Cola.

 

„Kino 1“, sagt er zu mir und ich greife sofort nach dem Popcorn. „Hey! Wehe, du isst das Popcorn schon vor dem Film weg!“

 

„Ich esse nur vor dem Film.“ Ich lache und greife das erste Mal in die Tüte und stopfe mir den Mund voll. Dann drehe ich mich um und gehe den Schildern folgend Richtung Saal eins. In dem Saal ist noch niemand und ich lasse mich entspannt in der Mitte auf einem Pärchenplatz nieder. Kaum haben wir uns gemütlich hingesetzt und begonnen, das Popcorn zu essen, da beginnt auch schon der Film.

 

„Komisch, niemand außer uns ist hier.“ Wir sind mitten in der Großstadt und der Saal ist einfach leer.

 

„Ich weiß, ich habe doch gesagt nur du und ich.“

 

Oh wie süß er einfach ist! Schnell küsse ich ihn und kuschel mich dann an ihn. Dann ist meine ganze Aufmerksamkeit auf den Film gerichtet. Ein super-süßer Schnulzen Film, den jede Frau lieben würde!

 

 

Der Film endet, wie soll es anders auch sein mit einem Happy-end.

 

„Wie hat er dir gefallen?“, fragt Alec neben mir.

 

„Super!“ Ich drehe mich zu ihm um und küsse ihn leidenschaftlich.

 

Er unterbricht den Kuss und flüstert mir zu: „Ab hier sollten wir zuhause weitermachen.“

 

Ich muss grinsen und wir verlassen Händchen haltend das Kino. Wir steigen in den Wagen ein und Alec fährt los. Verträumt schaue ich aus dem Fenster, noch immer sind die Straßen gut gefüllt, die Lichter noch hell am Leuchten. Es ist einfach wunderschön.

 

Plötzlich bremst Alec wieder den Wagen, genau wie auf der Hinfahrt.

 

„Alec! Was ist los?“ Ich bin leicht besorgt, aber auch wütend.

 

„Diritrasen.“ Er knurrt es förmlich. Ich schließe die Augen und suche die Umgebung mithilfe meiner Magie ab, jedoch werde ich nicht fündig.

 

„Alec... nichts ist hier. Weder Diritrasen, noch andere magische Wesen.“

 

„Ich spüre sie!“, presst er hervor. Es scheint, als würde er die Kontrolle verlieren. Sachte lege ich meine Hand auf seine.

 

„Liebling, du bist übermüdet und gestresst. Lass mich fahren.“ Er nickt nur und steigt aus, ich rutsche rüber auf den Fahrersitz, ziehe meine High Heels aus und werfe sie auf die Rückbank. Alec steigt wieder ein und so fahren wir los. Es ist still im Wagen und nach kurzer Zeit ist Alec eingeschlafen.

 

Als wir auf dem Hof ankommen, schläft er immer noch. Besorgt schaue ich ihn von der Seite an. Er zuckt leicht und ballt seine Hände zu Fäusten. Schnell rüttle ich ihn wach.

 

„Was?“, fragt er mich gereizt. Bemerkt dann, wer ich bin und streicht sich mit den Händen durchs Gesicht.

„Ist alles okay?“, erkundige ich mich vorsichtig.

 

„Alle bestens. Ich will einfach nur ins Bett.“ Ich nicke zustimmend und wir steigen aus. Somit ist der Abend gelaufen. Toll! Ironie lässt grüßen.

 

Kapitel 29

(Anns Sicht)

 

Gestern waren Matt und ich noch etliche Stunden in der Bibliothek und haben endlos viele Bücher durchstöbert. Nur, um rein gar nichts herauszufinden. Ich muss zugeben, als ich damals in England in dem Büro von Herr Demont saß, hatte ich mir das alles hier einfacher vorgestellt. Jedoch ist nichts leicht im Leben, das muss ich jetzt auch wieder feststellen. Ich sitze auf der Bettkante und schaue aus dem Fenster und seufze. Ich stütze meinen Kopf in meine Hände.

 

‚Jack?‘ Ich mache mir wieder mal Sorgen, gerade weil Alec auch nichts mehr gehört hat. Doch es kommt nichts...

 

Es ist, als hätte ich Jack ein weiteres Mal verloren. Mich überfallen Trauer und Wut zugleich, doch ich schaffe es, sie zu unterdrücken. Jetzt ist nicht die Zeit zum Zweifeln.

 

„Ann?“ Sachte werde ich an meiner Schulter berührt und schrecke sofort hoch. „Ja? Was ist Matt?“ Ich wische schnell meine Tränen weg, die ich erst jetzt realisiere und schaue dann fragend zu ihm.

 

„Ist alles okay?“

 

Ich nicke, doch das scheint ihm nicht zu reichen.

 

„Mir geht es gut, Matt. Ich bin dann mal duschen“, sage ich schnell, um der Situation zu entkommen. Eilig schlüpfe ich in das angrenzende Bad und schließe hinter mir die Tür zu. Kurzerhand beschließe ich, wirklich zu duschen. Nachdem ich das heiße Wasser extra lange auf mich herab habe prasseln lassen, klopft es zögerlich an die Tür.

 

„Ann? Können wir reden?“ Es ist Rose und sie klingt besorgt. Schnell schließe ich die Tür auf und gehe an ihr vorbei zum Schrank, Matt ist verschwunden.

 

„Klar! Was ist los?“ Sie seufzt und lässt sich auf das Bett nieder. Ich ziehe schnell Unterwäsche an, eine Jeans und ein weißes T-Shirt, und setzte mich dann neben sie.

 

„Ich weiß, dass er es nicht gut findet, dass ich zu dir komme...“

 

„Alec?“, frage ich erstaunt.

 

Sie nickt. „Alec will dir nichts sagen, weil er meint, dass du dir schon genug Sorgen machst...“

 

Ich seufze nun schon wieder auf, was ein Tag.

 

„Was ist passiert, Rose?“

 

„Er hatte gestern Abend was gesehen... So eine Art Flashback, vermute ich.“

 

„Und?“ Das kann eigentlich jeder Charan mal bekommen, das würde sie nicht so in Sorge versetzen.

 

„Er hat die ganze Nacht schlecht geträumt und immer wieder Jack gerufen. Gerade, als er aufgewacht ist, wollte ich mit ihm sprechen, aber er ist einfach abgehauen und in seinen Augen lag Angst und Sorge.“

 

Ich sog scharf die Luft ein und redete mir selber gut zu. Jack ist nichts passiert, Alec hat nur schlecht geträumt. Und wenn nicht? Ich schaue auf mein Tattoo. Es ist blass, wie schon seit Monaten.

 

„Weißt du, wo er hin wollte?“, frage ich ruhig.

 

„Jack hatte ein Hotelzimmer in der Innenstadt...“

 

WAS?! Er war die ganze Zeit in meiner Nähe! Wütend stehe ich auf, ziehe mir Schuhe und eine Jacke an. Meine noch nassen Haare binde ich zu einem Zopf. Schnell renne ich die alte Holztreppe runter, die unter jeden meiner Schritte knackt. Ich reiße die Haustür auf.

 

‚Alec?!‘

 

Ich bin wütend darüber, dass er Geheimnisse vor mir hat, besser gesagt hatte. Ich spüre wie seine Energie für mich sichtbar wird und ich folge ihr. Ich renne in die Innenstand. Vor einem heruntergekommenen Hotel bleibe ich stehen. Einige Fenster sind demoliert und die Fassade würde sich auch mal wieder über einen Anstrich freuen. Ich begebe mich ins Innere.

 

Die Lobby gleicht einer Schrotthalde. Ich mache mir erst gar nicht die Mühe und frage an der Rezeption nach, sondern gehe gleich hoch. Auch der Treppenaufgang ist nicht gerade einladend. Hier soll Jack seine Nächte verbracht haben? Vor einer Tür bleibe ich ruckartig stehen, hier bin ich richtig. Ich klopfe und öffne sie dann. Ich trete ein und schließe die Tür dann hinter mir. Der Raum ist verwüstet und tatsächlich liegen hier Jacks Sachen. Blut ist zu sehen... Ich schlucke schwer. Alec sitzt auf dem Bett. Er schaut mich nicht an. Bemerkt er überhaupt, dass ich da bin?

 

„Alec?“ Er zuckt zusammen und schaut mich verzweifelt an.

 

„Es ist meine Schuld“, flüstert er und lässt dann seinen Kopf wieder hängen. Ich setze mich zu ihm. „Was hast du gesehen?“

 

„Diritrasen hier in der Stadt. Ich wollte Jack warnen, aber ich bekam keinen Kontakt. Als ich gestern wieder zurück zum Hof wollte, sah ich Bilder. Bilder wie sie Jack finden und …töten.“

 

Ich wurde blass. „Nein...“, flüsterte ich leise. „Nein! Du verarscht mich doch nicht wieder?!“

 

Er schüttelt den Kopf.

 

„Ich spüre ihn nicht mehr, Ann.“

 

Die Tränen fließen einfach so, schnell stürze ich aus dem Zimmer und dann aus dem Hotel. Nur raus hier, ist mein Gedanke. Draußen auf der Straße ist nichts anders als vorher und doch scheint meine ganze Welt verändert.

 

‚JACK???‘ Nichts passiert... das kann nicht wahr sein! Das darf nicht wahr sein.

 

Meine Sicht verschwimmt und ich stolpere über den Gehsteig. Als Ich niemanden wahrnehme, schwinge ich mich in die Lüfte. Doch selbst mein Charan kann mir keinen Trost spenden, dennoch fliege ich weiter und versuche, alles zu verdrängen.

 

 

Erst als es dunkel wird, verwandle ich mich zurück.

 

Nach Hause? Wohl kaum.

 

Ich schnaube und schaue mich um, vor mir sehe ich eine Brücke. Traurig und erschöpft lasse ich mich auf der Brückenmauer nieder und lasse die Beine baumeln. Von hier aus sind es vielleicht zehn Meter bis zur Wasseroberfläche. In ihr spiegelt sich der Mond und lässt das Wasser glitzern. Ich fange an zu weinen.

Plötzlich räuspert sich jemand.

 

„Madame?“

 

Ich drehe den Kopf in Richtung Straße. Ein Mann, fast noch ein Junge, steht etwas entfernt von mir. Hinter ihm sein schwarzer Geländewagen. Er sieht mich an und ich muss ziemlich elend aussehen, denn er zieht scharf die Luft ein.

 

„Egal, was ist, wir können darüber reden. Aber bitte springen Sie nicht!“

 

Ich ziehe die Stirn kraus. Der Typ denkt, ich will Selbstmord begehen?

 

„Äh, Sir, ich will nicht springen.“

 

Er sieht erleichtert aus. „Oh, zum Glück! Die Polizei wird gleich hier sein, die werden Sie dann zu Ihren Eltern bringen.“

 

Völlig geschockt schaue ich ihn an. „Was?“

 

„Sie saßen da und starrten aufs Wasser. Dann hörte ich Ihr Schluchzen und wie Sie mit sich selbst redeten. Von wegen alles sei scheiße... ich dachte, Sie bräuchten Hilfe, Sie sind doch noch so jung.“

 

Mist, die Polizei! Ich könnte sie mich schlecht zum Hof bringen lassen.

 

„Rufen Sie da an und sagen, Sie haben sich geirrt!“

 

„Nein, ich denke, Sie brauchen Hilfe.“ Der Typ ist kaum älter als ich. Ich seufze. Dann muss ich wohl… Wie ich so einen Mist hasse!

 

Ich lasse meine lila Fäden frei und dringe in seinen Geist ein. „Sagen Sie der Polizei, Sie haben sich geirrt. Hier war niemand außer Ihnen. Vergessen Sie mich und dass wir jemals geredet haben.“

 

Ich gebe ihn frei und verschwinde im Schatten. Ich beobachte, wie er sein Handy zückt und alles klärt, dann steigt er in seinen Wagen und verschwindet. Das war knapp! Ich seufze und lasse mich nieder. Ich wollte niemals meine Kräfte so benutzen… Nie.

 

Kapitel 30

(Matts Sicht)

 

„Und was machen wir jetzt?“, fragt Lilla in die Runde, die nur noch aus ihr, Kylen und mir selbst besteht. Alec war vor Stunden verzweifelt aus dem Haus gestürmt, kurz danach folgten ihm Ann und Rose. Und dreimal dürft ihr raten, um wem es geht. Richtig! Um Jack.

 

Ich seufze und lasse mich auf das blaue Sofa sinken.

 

 

„Wie wäre es mit einem Film?“, schlägt Kylen vor, seine Stimme klingt desinteressiert.

 

„Von mir aus, aber keine Schnulze!“, stöhne ich genervt.

 

„Sind alle mit einem Horrorfilm einverstanden?“ Die Frage kommt von Lilla, kaum zu glauben. Ich gucke sie ungläubig an und nicke dann. Ein Mädchen das Horrorfilme guckt, ungewöhnlich. Nach dem auch Kylen zustimmt, legt Lilla die DVD von „Es“ ein und nimmt dann zwischen ihrem Freund und mir auf dem Sofa Platz.

 

Ich kann mich nur schwer auf den Film konzentrieren, es wird immer später und niemand von den drei Verschwunden kommt zurück. Mittlerweile gucken wir schon den vierten oder fünften Film und es ist dunkel. Der Mond scheint durch eins der Fenster. Plötzlich schreit Lilla und klammert sich an mich, als sei ihr Leben davon abhängig. Ich schaue auf sie runter, sie ist immer noch völlig mit dem Film vor uns beschäftigt. Ich verdrehe genervt die Augen; kann sie sich nicht an Kylen, ihren Freund, klammern und nicht an mich?

 

Mein Blick wandert von dem Bildschirm durch den Raum bis zu dem Gesicht von Kylen. Er schaut verletzt und verlegen auf Lilla, die mir immer noch das Blut abschnürt. Als er meinen Blick bemerkt, schaut er mich wütend an. Ich schaue fragend zurück, aber bevor ich fragen kann was los ist, geht die Haustür auf. Schnell reiße ich mich von Lilla los und renne in den Flur. Die anderen beiden folgen mir. Alec und Rose stehen klitschnass im Flur.

 

„Ist Ann hier?“, fragt Alec gereizt, wer denkt er bitte wer er ist?!

 

„Nein; ich dachte sie ist bei euch!“, gebe ich patzig zurück.

 

„Wie du siehst ist sie das nicht!“

 

„Hast du sie wieder mal allein gelassen?“

 

„Ich und alleine gelassen?! Sag mal geht dir noch gut? Mein Bruder ist da...“

 

Ich unterbreche ihn. „Ist da draußen und lässt uns die ganze Arbeit machen!“

 

Alec funkelt mich wütend an und ballt die Fäuste. „Er hat wichtige Gründe, warum er nicht bei uns ist!“

 

„Haha, ich lach mich schlapp! Ihm ist das hier nur alles scheiß egal und besonders Ann ist ihm egal!“, werfe ich ihm wütend an den Kopf, ich bin nun auf hundertachtzig!

 

„Du Scheißkerl, wage es nicht, noch ein schlechtes Wort über meinen Bruder zu sagen!“

 

„Nur weil du die Wahrheit vertuschen oder nicht sehen willst! Dein Bruder ist feige und arrogant!“

 

„Das sagt der, der jahrelang Menschen getötet hat, nur um Dylan zu gefallen!“, spottet Alec. In dem Moment brennen meine Sicherungen durch und ich gehe auf Alec los. Ich schubse ihn gegen die Wand. Schnell will ich ihm eine verpassen, doch er wehrt mich ab und schubst mich raus durch die noch immer offene Haustür. Sofort spüre ich den kalten Regen auf meiner Haut, da ich nur ein T-Shirt trage.

 

„Alec und Kylen! Hört sofort damit auf!“, schreit Rose, die hinter Alec aus dem Haus stürmt, doch da schlage ich ein weiteres Mal auf Alec ein und treffe dieses Mal seine Wange.

 

„Du kleiner Pisser!“ Alec hält sich kurz die Wange und geht dann auf mich los. Einige Treffer kann ich abwehren, doch einige sitzen ziemlich gut. Während ich das Gefühl habe, meine Nase sei gebrochen, macht Alec seine linke Schulter zu schaffen. Da landet Alec erneut einen Treffer und ich stürze zu Boden und ziehe Alec gleich mit. Die Wiese ist nass und voller Schlamm, doch ich spüre nur meine Wut auf Alec. Plötzlich verändert sich Alecs Haut... er wird doch nicht...seinen Charan freisetzen... Ich schlucke schwer und suche panisch nach einer Ausweichmöglichkeit.

 

„Schluss jetzt!“ Rose und Kylen reißen Alec von mir runter. Er landet auf dem Rücken auf der Wiese, Rose redet beruhigend auf ihn ein und langsam entspannt er sich. Genau wie ich, und schnell spüre ich den Schmerz in meiner Nase wieder und richte mich leicht auf. Rose hilft Alec auf, während Lilla zu mir stürmt.

 

„Alles gut bei dir?“

 

„Meine Nase ist… glaube ich gebrochen.“ Natürlich verheilen Verletzungen schneller bei Charan, aber das auch nicht in Sekunden!

 

„Alle rein! Dann schaue ich mir eure Verletzungen an und dann klären wir das, ohne Gewalt!“, befiehlt Rose wütend und geht vor ins Haus, dicht gefolgt von einem niedergeschlagen Alec und einem grinsenden Kylen.

 

„Kommst du? Mit Rose ist echt nicht zu spaßen“, sagt Lilla.

 

Ich nicke nur und weiche ihrem besorgten Blick aus. Drinnen ist die Stimmung angespannt und Alec sitzt schon mit entblößtem Oberkörper auf einem Stuhl im Esszimmer. Lilla geht kurz weg und ich lasse mich nass und erledigt auf einem weit entfernten Stuhl von Alec nieder. Lilla reicht mir ein Tuch und ich schaue sie fragend an, sie deutet auf meine Nase und erst jetzt bemerke ich, dass ich Nasenbluten habe. Schnell drücke ich das Tuch gegen meine Nase, was ziemlich schmerzt.

 

Plötzlich schlägt die Haustür wieder auf und zu. Ann! Sie will schnell am Wohnzimmer vorbei und nach oben verschwinden, doch dann hält sie an und schaut in den Raum. Ihr Gesicht sieht traurig aus, die leicht roten Augen bestätigen, dass sie geweint haben muss... Verwirrt blickt von mir zu Alec und wieder zurück. Ihre Augen werden schmaler. „Was ist hier passiert?“, zischt sie fast.

 

„Die beiden haben wohl ein Problem mit der Position von Jack“, antwortet Kylen, der lässig neben Ann in der Tür lehnt und schon fast grinst. Ann schaut wieder von mir zu Alec und anscheinend geht ihr ein Licht auf.„Ihr beiden habt nichts Besseres zu tun als euch gegenseitig zu schwächen!? Habt ihr sie noch alle! Jack ist verschwunden, meine Eltern gefangen, wenn sie überhaupt noch leben, und da draußen hoffen viele Leute auf uns, die Revolution! Und was macht ihr? Euch kloppen! Ihr kotzt mich an! Matt, du kannst auf dem Sofa pennen!“

 

„Ann…“

 

„Seid einfach alle still!“ Sie dreht sich wütend um und stampft die Treppen hoch, oben hört man eine Tür zuschlagen und dann wie sie verschlossen wird. Na super…

 

Kapitel 31


(Rose‘ Sicht)

„Das habt ihr super hinbekommen!“ Ich bin sauer auf Matt, dass er all diese Dinge sagt, auf Alec, weil er sich von so leicht provozieren lässt und auf Kylen, weil ihn die Situation belustigt. Natürlich kann ich jeden der Jungs verstehen, aber dennoch wir führen einen Krieg, und zwar eigentlich NICHT gegeneinander!


„Aber...“ Bevor Alec noch weiter reden kann, funke ich dazwischen. „Nichts aber! Ich kann jeden von euch verstehen, dennoch solltet ihr aufhören, an euch zu denken und anfangen, an die Bedrohung zu denken!“ Ich funkele jeden böse an, dann drehe ich mich um und verlasse das Haus. Mir reicht es.


Ich schlage die Tür hinter mir zu und lasse mich auf die Holztreppen sinken, die von der Tür zum Garten führen.
Am Himmel strahlen die Sterne. Schweigend sehe ich hinauf. Für einen kurzen Moment kann ich alles um mich ausblenden.


Bis das Knarzen der Tür mich in die Wirklichkeit zurückholt. Mein Blick bleibt stur zum Himmel gerichtet. Um zu wissen, wer sich im selben Moment neben mir niederlässt, brauche ich keine Augen. Sobald er die Tür geöffnet hat, hat mein Herz angefangen schneller zu schlagen.


„Es tut mir leid...“ Alec klingt verzweifelt.


„Alec, ich kann dich verstehen, dennoch müsstest du am besten wissen, dass das, was heute passiert ist, falsch war!“


„Ich weiß. Es ist nur so...“ Er bricht ab.


Ich senke meinen Blick nun doch und schau zu ihm. Er sieht elendig aus. Sein Gesicht ist schmerzlich verzogen. Tut ihm die Schulter immer noch so weh?


„Rede mit mir!“, fordere ich ihn auf.


„Ich kann nicht...“


„Warum? Ich bin es, Rose, deine Seelenverwandte, deine große Liebe...“ Dieses Mal breche ich ab. Tränen finden ihren Weg. Ich habe lange nicht mehr wegen mir selbst geweint, aber nun tu ich es. Ich lasse es zu, dass Alec die Arme um mich schließt.


„Ich kann dir nichts sagen, wenn du selber mir alles verschweigst.“ Alec hat recht, zu lange hab ich geschwiegen.


„Es war die schlimmste Zeit meines Lebens. Seine Hände auf mir, noch heute könnte ich kotzen, doch noch mehr könnte ich kotzen, wenn ich daran denke, dass er auch Ann angefasst hat. Was er Kylen angetan hat und was er in mir zerstört hat. Er hat uns drei alle ein Stück sterben lassen und ein Loch in unser Herz gerissen, wie ein Wurm frisst er sich immer noch durch uns durch. Bevor Ann mich gerettet hat, wollte ich sterben. Nicht weil ich hungernd da unten alleine festsaß, sondern weil ich wusste, dass Ann dort oben alleine mit ihm war und dass nur, weil ich es zugelassen habe. Sie ist meine kleine Schwester und ich habe sie im Stich gelassen...“


„Du unterschätzt Ann. Natürlich bist du ihre große Schwester, dennoch ist sie immer schon mächtiger gewesen als ich oder du.“


„Ich weiß, genau wie Jack.“


„Vielleicht ist es das, was mir so Angst macht, sie waren unsere kleinen Geschwister und dennoch können wir nur zugucken, während sie beide alles von sich opfern, um Dylan zu besiegen.“


„Was hast du geträumt, Alec?“


„Ich habe gesehen, wie Jack tot da liegt und sie Ann gefangen halten“


Ich ziehe scharf die Luft ein. „Das hast du ihr nicht gesagt, oder?“


Er schüttelt den Kopf. „Sie muss selber herausfinden, welche Rolle sie in diesem Krieg spielt, genau wie Jack.“


„Und wenn sie es nicht rechtzeitig herausfinden?“


„Hab Vertrauen, das werden sie noch! Wichtig ist nur eins, dass wir den beiden nichts verraten!“ Ich nicke. Wünsche, ich könnte Ann retten oder Jack, aber die Dinge haben ihren Lauf genommen und lassen sich nicht mehr ändern... Der Krieg hat längst angefangen.
 

Kapitel 32

(Ann´s Sicht)

 

Ich liege in dem Doppelbett, allein. Matt hat vor Stunden noch mal geklopft und wollte um Verzeihung bitten, und ich habe mich einfach schlafend gestellt.

 

Ich hatte einfach keine Lust, mich um diese Sache zu kümmern. Zu sehr setzt mir das Verschwinden von Jack zu.

 

Dieses Mal ist er wirklich weg. Alleine und vielleicht schon verletzt oder Tod...

 

Nein! Das kann einfach nicht sein...

 

Wieder finden Tränen ihren Weg über meine Wange. Ich fühle mich leer, verzweifelt und einsam. Ohne Jack...

 

Ich zittre, jedoch liegt das nicht an dem offenen Fenster. Ich will mich nur noch verkriechen und still vor mich hin leiden...

 

Ruckartig setze ich mich auf.

 

Das hätte Jack nie gewollt. Er hätte so lange nicht aufgegeben, bis er mich gefunden hätte. Meine einzige Chance ist die Prophezeiung.

 

Die Sonne geht gerade am Horizont auf. Ich springe aus dem Bett, verschwinde schnell im Bad und ziehe mich dann an. In meine Tasche packe ich alle Prophezeiungen und schon springe ich aus dem offenen Fenster und verwandle mich blitzschnell in eine Eule.

 

Vorsichtig überfliege ich die Stadt. Nach Jacks Verschwinden sind wir hier nicht mehr sicher, aber ich spüre, dass hier eindeutig die Prophezeiung oder nur ein weiterer Teil von ihr zu finden ist.

 

Das große alte Gebäude der Bücherei taucht vor mir auf und ich lande in einer Seitengasse, um mich zurück zu verwandeln.

 

Ich bin eine der ersten, die das Gebäude betreuten. Wer geht auch schon so früh in eine Bibliothek. Schon von Weitem entdecke ich Melanie. Sie lächelt mir aufmunternd zu.

 

„Hey Melanie.“

 

„Du siehst ziemlich fertig aus.“ Das ist eindeutig eine Feststellung und keine Frage.

 

„Du siehst dafür ziemlich gut aus“, witzle ich.

 

„Tja, das hat auch einen guten Grund.“ Sie strahlt und da geht mir ein Licht auf.

 

„Verliebt also.“

 

Sie muss kichern und auch lächle leicht, bis mein Blick mein Handgelenk streift... Ich habe das Gefühl, dass dort in fetten Großbuchstaben „JACK“ steht. „Melanie ich muss in den gesperrten Bereich.“

 

Sie wird wieder ernst und nickt.

 

„Klar, folge mir einfach.“ Wir verschwinden durch eine Tür, gehen eine Wendeltreppe herunter und dann biegen wir links ab. Schnell öffnet Melanie die schwere und ziemlich alte Holztür und hält sie mir auf.

 

„Danke.“

 

„Bis später, Ann.“ Sie nickt mir zu und geht dann zurück. Ich trete weiter in den Raum und schon fällt die Tür krachend zu. Komisch, alleine fühle ich mich hier ziemlich unwohl. Der Raum ist bestimmt acht Meter hoch und größer als eine Turnhalle. Ich hatte hier unten leider keine Magie, das hieß, ich musste jedes einzelne Buch durchforsten und selber über Leitern holen und wegstellen.

 

Ich seufze, lasse meine Tasche an einem der Tische in der Mitte fallen und gehe zu einem der Regale. In der Hoffnung, irgendwo das Gefühl zu haben, dass es das ist was ich suche, beginne ich die Titel auf den Buchrücken zu studieren, was ziemlich schwierig ist, da ich null Ahnung habe, was genau auf dem einen gesuchten Blatt stehen soll.

 

Mehre Stunden sind vergangen und noch immer ist meine Suche erfolglos. Ich stehe wieder mal an einem Regal und suche es nach neuen Büchern ab. Stille füllt den Raum. Doch plötzlich wird die Stille von dem lauten Zuschlagen der Tür unterbrochen. Ich will schon Melanie zurufen, dass alles okay ist, als eine dunkle und kratzige Stimme die Stille endgültig vertreibt.

 

„Ann? Wo bist du, meine Schöne? Dylan vermisst dich doch so!“

 

Alles in mir erstarrt, es ist so weit, ich wurde gefunden, wieder mal.

 

Mein Herz schlägt unnatürlich schnell und ich fange an zu zittern.

 

Hier unten habe ich keine Macht, das bedeutet, ich muss hier raus und vorher meine Tasche holen, ohne die würde ich nämlich keine Waffe mehr haben. Da sind alle meine Waffen drin und die Prophezeiung.

 

Die Schritte kommen näher und schnell drücke ich mich ans Regal. Ich spähe um eine Ecke und entdecke, dass er gerade mit dem Rücken zu mir steht. Er scheint wie ich allein zu sein, das heißt aber noch lange nichts.

Trotzdem habe ich gar keine andere Chance.

 

Also renne ich zu dem Tisch, schnappe meine Tasche und der Diritase dreht sich um und grinst. Ohne stehenzubleiben drehe ich mich um und renne aus der Tür.

 

Hinter mir höre ich hastige Schritte. Ich renne schneller und stolpere in dem Gang. Über eine Leiche. Melanie.

 

Ich schaudere und bin wie erstarrt. Sie ist tot, wegen mir... Schuldgefühle kommen hoch, genau wie die Bilder von Johann und Lynn, meinen Eltern und allen anderen. Ich rapple mich auf und renne weiter. Oben ist alles ganz normal, mal abgesehen davon, dass an der Rezeption niemand steht.

 

Hier kann ich nicht kämpfen, zu viele mögliche unschuldige Opfer. Ich muss in den Wald hinter dem Gebäude. Schnell laufe ich zum Hinterausgang und kaum bin ich im Wald, bemerke ich auch schon den Jungen hinter mir, kaum älter als ich und trotzdem mein Feind.

 

„Was willst du?“ Ich ziehe den Dolch aus meiner Tasche, da ich mit ihm am besten kämpfen kann, dann lasse ich sie zu Boden fallen und konzentriere mich völlig auf den Jungen vor mir.

 

„Dylan sucht nach dir!“

 

„Erzähl mir was Neues!“

 

„Ich werde dich zu ihm bringen!“

 

„Leider wirst du den Tag nicht mehr erleben, an dem ich ihn umbringe!“

 

Mir war schon seit Langem klar: wenn ich Dylan stürzen will, muss ich mich wie im Krieg verhalten. Doch jetzt hier zu stehen und zu wissen, dass ich gleich versuchen würde, das Leben eines anderen auszulöschen, ist schrecklich.

 

`terra, stehe mir bei.` Die Erde beginnt zu beben und schnell nutze ich seine Überraschung und stürze mich auf ihn. Ich umklammre den Dolch und will ihn in seinem Herz versenken, doch er hebt den Arm und wendet so den Angriff ab. Zwar ist jetzt sein Arm verletzt, doch das scheint ihn nicht zu interessieren.

 

„Mehr hast du nicht zu bieten? Da wusste selbst dein Freund mehr!“

 

Ich werde wütend und plötzlich sehe ich Melanie vor mir, Rachedurst durchströmt mich. Plötzlich legt sich ein Schalter um und ich stürze auf ihn und wir liefern uns einen erbitterten Kampf. Bis er bewusstlos über mir zusammen bricht. Ich habe seine Kehle durchgeschnitten. Jetzt schubse ich ihn runter von mir.

 

Sein Blut klebt überall an meinen Sachen. Ich spüre es im Gesicht, an den Händen, sogar im Haar.

 

Erschrocken über mich und mein Werk lasse ich meine Waffe fallen. Ich nehme meine Tasche an mich und stürze mich in die Lüfte. Ich muss zu den anderen, sie warnen. Dylan hat uns gefunden...

 

Kapitel 33

Ich lande ein paar Meter vom Haus entfernt und schaue mich hektisch um, doch es ist niemand zu sehen. Ich will auf das Haus zu rennen, als mich jemand am Handgelenk packt.

 

In mir steigt Panik auf, jetzt haben sie mich!

 

Mein Herz rast, während ich mich umdrehe. Doch vor mir steht nicht Dylan oder einer seiner Leute, sondern nur Matt.

 

„Matt, gut, dass ich dich sehe…“ Weiter komme ich nicht, da er mich unterbricht.

 

„Ich finde es auch gut, dich zu sehen! Wir müssen reden.“ Er streicht mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Ist er blind? Sieht er das Blut nicht?!

 

„Matt…“ Wieder werde ich unterbrochen.

 

„Ann, du bist klug, schön, mutig und so vieles mehr. Ich kann es einfach nicht verschweigen. Ich liebe dich!“ Er schaut mich erwartungsvoll an. Natürlich hatte ich es geahnt, aber es zu hören ist noch schlimmer. Außerdem habe ich dafür jetzt gar keine Zeit. Genau das versuche ich ihm zu erklären. „Matt ich habe dafür jetzt keine Zeit…“ Wieder mal kann ich meinen Satz nicht beenden.

 

„Wann ist dann die richtige Zeit? Wenn Jack wieder hier ist!? Wenn Alec neben uns steht?!“ Er schaut mich leicht wütend an.

 

„Nein, aber…“ Ist das sein Ernst, kann er mich mal ausreden lassen!?

 

„Du liebst mich nicht, sag es doch einfach!“ Jetzt ist er wütend.

 

„Nein! Ich liebe dich nicht, jedoch geht es nicht darum…“ Auch dieses Mal kann ich meinen Satz nicht beenden, aber er unterbricht mich nicht einfach, sondern er küsst mich.

 

Ich bin so überrascht, dass ich ihn einfach zurückküsse, doch schnell merke ich, wie falsch es sich anfühlt. Das hier ist nicht Jack, sondern Matt! Ich schubse ihn leicht weg. „Matt du bist ein guter Freund, aber mehr nicht. Ich liebe Jack…“

 

Ich weiß, ich sollte nicht so rumtrödeln, aber ich muss das hier klären. Wenn Dylan wirklich hier ist, müssen wir eine Einheit sein und zusammenarbeiten.

 

„Ich hasse ihn!“

 

Ich schaue ihn traurig an. Und plötzlich dreht er sich um und verwandelt sich und hellbraunes Fell mit schwarzen Punkten kommt zum Vorschein. Und schon ist er weg.

 

„Mist!“ Ich hätte ihm von Dylan erzählen müssen, was, wenn er jetzt direkt in seine Arme rennt? Was soll ich denn jetzt machen? Matt oder die andern ?

 

„Es tut mir leid Matt…“ Ich flüstre es nur, aber wenn ich jetzt zu den anderen gehe, kann Rose ihn in Gedanken bescheid geben. Ich drehe mich um und renne los. Schnell bin ich am Haus angekommen. Ich stürme rein. Ich finde Kylen, Rose und Alec in der Küche.

 

„Ann, wegen gestern…“

 

Nicht schon wieder, ich unterbreche Alec und gehe einfach nicht auf ihn ein. „Ich wurde von einem von Dylans Wachen überrascht in der Bibliothek.“ Sprachlos schauen sie mich an.

 

„Wir müssen abhauen“, schlägt Alec vor.

 

„Ohne Lilla, Matt und Jack?! Ich lasse hier bestimmt niemanden zurück!“ Ich habe ihnen mein Wort gegeben! Die Arme verschränkt funkle ich Alec an.

 

„Ihnen bringt es sicherlich viel, wenn du tot bist, besonders Jack wird dir danken!“

 

Jack… ‚Da wusste dein Freund schon mehr.‘ Die Worte des toten Diritasen.

 

„Du hast recht, wir treffen uns hier in einer Stunde, Rose versuch Matt zurückzuholen und sucht Lilla!“ Ich drehe mich um und will schon gehen.

 

„Wo gehst du hin?“ Alec.

 

„Ich muss noch was erledigen!“

 

„Ich lasse dich ganz bestimmt nicht alleine gehen!“

 

„Warum nicht? Weil ich ein kleines schwaches Mädchen bin?! Sieh mich an Alec, ich habe da draußen gerade einen Menschen getötet und ja, ich will es nie wieder machen, aber ich weiß, dass ich es noch öfter machen muss. Solange bis Dylan tot ist. Ich brauche keinen Babysitter mehr! Und du wirst hier dringender gebraucht!“ Mit diesen Worten drehe ich mich um und renne raus, wo ich mich sofort abschotte und verwandele. Ich steige höher und höher, bis ich mir sicher bin, dass mir niemand folgt.

 

Mit raschen Flügelschlägen fliege ich zu Jacks „Wohnung“. Jack muss laut dem Diritasen mehr gewusst haben, vielleicht wusste er, wo die Prophezeiung ist. Ich muss es versuchen.

 

Ich fliege wieder tiefer und lande in einer Seitengasse. Schnell renne ich zum Eingang und durch den schäbigen Eingangsbereich zur Treppe, wo ich gleich immer zwei Stufen auf einmal nehme. Ich komme erst zum Stehen als ich in dem verwüsteten Zimmer von Jack stehe.

 

Wo soll ich nur anfangen?

 

Jack muss überrascht worden sein, er hatte wenig Zeit, einen Hinweis zu verstecken.

 

Ich schaue ich mich wahllos um. Wo würde ich auf die Schnelle was verstecken?

 

Vielleicht in einem Buch. Hastig blättere ich die drei Bücher die im Raum liegen durch, jedoch ohne Ergebnis. Habe ich mich getäuscht?

 

Ich lasse mich aufs Bett fallen. Unter mir knistert was und ich ziehe es unter mir weg. Ein Foto. Ich schlucke schwer. Ein Foto von mir und Jack. Ich vermisse ihn so… dafür habe ich jetzt keine Zeit! Ich stecke es ein und renne wieder nach draußen und fliege so schnell wie möglich zum Haus zurück.

 

Kapitel 34

 

(Matt´s Sicht)

 

Ich wusste es, Ann liebt mich nicht. Und dennoch bin ich traurig und enttäuscht, dass sie meine Liebe nicht erwidert.

 

Natürlich ist es eine Lüge, dass ich Jack hasse, Alec hat mit mir darüber gesprochen und mir klar gemacht, dass die beiden nichts dafür können und er hat recht.

 

Zwar bin ich Alec heute Morgen noch mal richtig angegangen, aber danach haben wir ordentlich geredet und Frieden geschlossen. Nun herrschen klare Verhältnisse zwischen Alec und mir und auch zwischen Ann und mir. Auch wenn sie mich verletzten, es war wichtig. Besonders weil wir immer noch einen Kampf zu führen haben.

 

Denn während wir alle mit uns selber beschäftigt waren, hat er weiter gekämpft und nun wird es Zeit, voran zu gehen. Ich habe mich zurück verwandelt und gehe zurück zum Haus. Ich sollte mich beeilen, aber ich brauche noch ein bisschen Zeit alleine.

 

„Sie wissen nichts!“ Lillas Stimme.

 

Komisch, eigentlich sollte sie doch im Haus sein.

 

Ich schlage die Richtung ein aus der ich ihre Stimme gehört habe. Ich gehe eine Stück und erreiche dann eine Hecke. Ich schiebe einige Blätter zur Seite.

 

Lilla steht alleine auf einer Lichtung, mit wem redet sie also da? Mit sich selber?

 

„Das ist gut!“

 

Ich erstarre, sie ist nicht alleine. Die Stimme hätte ich überall wiedererkannt. Dylan.

 

Sie geht einen Schritt zurück und nun sehe ich ihn in voller Größe. Er hat sich kaum verändert; nur seine Augen wirken noch dunkler und funkeln noch wütender als beim letzten Mal. Ich schlucke schwer und beschließe, die anderen zu informieren. Schnell drehe ich mich um und will wegrennen, leider übersehe ich einen Ast, der unter meinem Gewicht zusammen bricht und ein lautes Knack-Geräusch von sich gibt.

 

„Wen haben wir denn da?“ Dunkle Fäden umschlingen mich blitzschnell und ziehen mich in die Richtung der beiden. Ich komme kurz vor ihnen zum Stehen und Dylan grinst nur, während Lilla mich freundlich anguckt.

 

„Ein besseres Timing hätte ich mir nicht wünschen können.“ Was? Sie hat das hier alles geplant?

 

„Überrascht dich das mein Lieber?“, fragt Dylan direkt. Jetzt liest er auch noch meine Gedanken. Super!

 

„Ach Matt, damals als du mich angeblich ‚gerettet‘ hast, das war doch nur ein weiteres Schauspiel, auf das du und die anderen reingefallen seid.“

 

„Was? Ich verstehe gar nichts mehr!“ Was meint sie damit?

 

„Darf ich es ihm sagen?“, wendet sich Lilla nun an Dylan, der nur müde grinsend nickt.

 

„Nun gut. Dann erfährst du nun die Wahrheit. Rose glaubte, einen perfekten Plan zu haben, als sie sich Dylan aufzwang. Du hast richtig gehört, sie kam freiwillig zu uns. Sie hatte nur nicht damit gerechnet, dass ich sie vorher schon beobachtet habe. So wusste ich schon viel früher, dass sie einen Anschlag plante.“

 

„Warum habt ihr sie dann leben lassen?“, unterbreche ich Lilla.

 

„Und ihre Kräfte verschenken? Niemals, außerdem ist sie anderen Personen wichtig genug, dass sie sie retten würden. Doch diese Möglichkeit brauchten wir gar nicht, da Ann auch geschnappt werden konnte, durch ihren Schwachmaten von Bruder. Uns war klar, die beiden würden schnell das Geheimnis aufdecken und so brauchte ich mich nur an Kylen ranschmeißen und ihr Vertrauen zu erschleichen. Und es hat super funktioniert, denn ich konnte alles ausspionieren. Der Fluch allerdings war unerwartet, aber Ann hat so ein großes Herz. Die wahre Liebe konnte Dylan befreien.“

 

„Was? Warum hast du das getan Lilla? Warum?“ Ich bin richtig wütend.

 

„Meine Vater starb nicht wie ich es erzählt habe. Mein Vater steht direkt vor dir.“

 

Ich fühlte mich wie gelähmt. Dylan war der Vater von Lilla, von der Lilla, die uns alle verraten hatte und seinen Fluch aufheben konnte… Sie hat uns allen was vorgemacht.

 

„Was? Wie… wie kann das sein?“

 

Beide fangen an zu lachen.

 

„Mein Vater war seiner Menschenfrau nicht ganz treu und als meine Mutter mich bekam, teilte sie es Dylan mit. Da meine Mutter bei meiner Geburt starb, zog er mich heimlich bei sich auf und setzte mich dann als seine engste Vertraute auf die Königstöchter an. Matt, du hast die Chance, davon ein Teil zu werden. Nimm mich als deine Frau und kämpfe für uns, dann wird dir nichts passieren!“

 

Ich schaue sie ungläubig an. „Du erwartest, dass ich dich heirate und für Dylan kämpfe?“

 

Sie schaut mich lächelnd an. „Genau das will ich!“

 

„Dann tut es mir für dich leid, aber das werde ich niemals tun!“ Wütend versuche ich mich zu befreien. Ich habe keine Chance…

 

„Du weißt, was dich erwartet? Der Tod!“ Ihre Stimme wirkt kalt und Dylan grinst einfach nur und schaut zu.

„Ich liebe Ann, auch wenn sie es nicht tut! Sie würde mich niemals anlügen oder mich hintergehen. Und mein Land zu verraten, ist keine Option für mich. Jack, Alec, Kylen und Rose sind meine Freunde und würden für mich sterben, und wenn ich das nun für sie tun muss, dann… dann ist es okay.“ Eine Träne läuft meine Wange herunter. Und dann baue ich Kontakt zu Rose auf. ‚Rose! Dylan ist hier und Lilla…‘ Da durchsticht ein Dolch mein Herz. Erschrocken schaue ich Lilla an. ‚Tochter.‘

 

Dann breche ich zusammen. Ich bekomme keine Luft mehr, mein Blick wandert gen Himmel.

 

Der Sonnenuntergang färbt ihn leicht orange.

 

Da fliegt Ann, als Eule über mir her. Danke für alles…

 

 

Mein Blick wird schwarz. 

Kapitel 35

(Roses Sicht)

 

Ann ist verschwunden, Lilla und Matt unauffindbar und Alec, Kylen und ich sitzen hier.

 

Ich versuche, Matt zu orten, aber die Verbindung wird durch irgendwas blockiert. Ich könnte verzweifeln, aber Ann sagt, wir lassen niemanden zurück. Ich versuche es zwanghaft weiter. Immer wieder werde ich enttäuscht und abgeblockt.

 

„Frustrierend!“, jammere ich.

 

„Versuch es weiter, Rose!“ Es ist Alec. Er weiß, ohne Matt und Lilla wird Ann nicht gehen und die Gefahr liegt förmlich in der Luft.

 

„Spürst du Ann?“ Ich schaue Alec an. Geschwister haben eine schwache Verbindung, aber Kriegsgefährten eine ziemlich starke.

 

„Nein.“

 

Mach dir jetzt keine Sorgen! Konzentrier dich, Rose!

 

Leichter gesagt als getan...

 

„Rose, sie ist stark! Sie schafft das!“ Es ist Kylen, er kann es auch nicht besser wissen. Alec und ich haben gesehen, wie und wann es passiert, und was, wenn die Prophezeiung nicht erfüllt wird... Aeon hat es uns gezeigt und nun muss ich mit diesem Geheimnis leben. Muss Leute anlügen und unbedingt Lilla finden!

 

‚Rose, beruhige dich! Es wird schon alles glatt laufen.‘

 

‚Alec! Wie kannst du nur so entspannt sein?!‘

 

‚Ich vertraue Ann. Du solltest das auch.‘ Ich seufze. Er hat recht, sie weiß was sie tut.

 

„Und?“ Ach Mist, Kylen fragt nach Matt! Schnell konzentriere ich mich wieder.

 

‚Matt?‘ Nichts...

 

Plötzlich werde ich nach hinten geschleudert.

 

„Rose!“ Alec.

 

Matts Stimme ist so laut und panisch, dass ich alles um mich vergesse.

 

‚Rose! Dylan ist hier und Lilla...‘ Nein!

 

‚Matt?‘ Plötzlich fühlt sich mein Herz komisch an. Meine Hand fährt zu meiner Brust. Es ist kein Blut oder so zu sehen, dennoch verspüre ich diesen Schmerz. Ich schließe die Augen.

 

‚Tochter.‘ Ein Flüstern von Matt.

 

Ich greife mit beiden Händen an mein Herz. Ich schlage die Augen auf. Alec kniet neben mir und greift nach meinen Händen. Doch es ist nebensächlich. Mein Augen füllen sich mit Tränen, Verzweiflung durchströmt mich.

 

‚Danke für alles.‘ Der Schmerz vergeht und mein Handgelenk beginnt zu glühen.

 

„NEIN!“ Ich schreie.

 

 

Alec erschreckt und weicht zurück, auch er scheint die Botschaft zu verstehen.

 

„Was um alles in der Welt ist hier los?“ Kylen. Es ist fast niedlich, wie ahnungslos er ist. Ich balle meine Hände zu Fäusten, setze mich an der Wand aufrecht hin und schaue durch meinen Tränenschleier zu Kylen.

 

„Ich habe Matt gefunden.“

 

„Das ist doch gut? Warum seit ihr dann so traurig?“

 

„Weil Dylan in ermordet hat. Matthew King ist tot.“

Kapitel 36

(Anns Sicht)
 
Schnell fliege ich zurück, ich hoffe nur, die andern konnten Matt und Lilla finden.
Jack... Ihn würde ich wohl wirklich zurücklassen müssen.


Mein Herz zieht sich zusammen, dennoch weiß ich, dass ich zurzeit nichts anderes machen kann. Genau wie mit meinen Eltern...


Nein! Ich muss mich jetzt konzentrieren.


Um weniger auffällig zu sein, lande ich schon ein paar Straßen weiter und gehe den letzten Rest zu Fuß, meine Tasche schlägt gegen meine Hüften und die Kapuze habe ich weit ins Gesicht gezogen. Ich biege um die letzte Ecke und bleibe wie angewurzelt stehen. Angst und Panik überkommen mich.
Das Haus brennt.


Von Alec, Rose, Kylen, Lilla und Matt keine Spur. Ich renne auf das Haus zu, mein Gesicht schon voller Tränen. Plötzlich umfassen mich zwei starke Arme an der Taille. Ich winde mich und versuche mich los zu reißen, doch es ist zwecklos. Durch den Tränenschleier erkenne ich kaum was, ich fühle mich leer.


‚Ann! Beruhige dich! Ich bin es, Alec!‘


Ich unterdrücke die Tränen und wische mir mit dem Ärmel über das Gesicht. Tatsächlich hält Alec mich Fest.
‚Wo sind die anderen?‘


‚In Sicherheit.‘ Alec klingt nicht gerade beruhigt, aber vielleicht liegt das daran, dass ich noch hier bin und Jack verschwunden ist.


‚Dann lass uns uns hier weg zaubern.‘


Traurig schaut er mich an und ich verstehe es einfach nicht.


‚Dylan hat einen Zauber um die Umgebung gelegt. Du musst alleine fortgehen und dich an einer sicheren Stelle wegzaubern.‘


Moment mal hat er allein gesagt?


‚Allein? Warum?‘


‚Ich muss noch was erledigen. Mach dir keine Sorgen, ich komme nach und nun musst du gehen, renne nicht! Verhalte dich unauffällig!‘


‚Alec, nein, ich werde nicht ohne dich gehen.‘


‚Du wirst mich nicht umstimmen können!‘


‚Warum solltest du hierbleiben? Jack könnte schon längst in Sicherheit sein.‘


Er schüttelt den Kopf und blockt völlig ab. ‚Verschwinde, Ann!‘


‚Nein!‘ Er sammelt sich, seine Augen wirken traurig und dann schaut er weg.


„Matt ist tot“


„Was?“ In mir zerbricht was, die Hoffnung die ich gerade noch hatte ist weg. Wieder ist einer meiner Freunde tot, wieder bin ich schuld daran und wieder war ich nicht dabei. Sie wären alle besser ohne mich dran. Alec lässt mich los und Einsamkeit strömt in mich ein, wieder habe ich versagt.


Schnell drehe ich mich um. Ziehe meine Kapuze wieder über und gehe die mittlerweile dunklen Straßen entlang. Ich starre geradeaus und unterdrücke die Tränen.


Ich fühle mich allein, niemand ist hier der mir noch helfen könnte. Dieses Mal habe ich völlig versagt.
Wie hat es nur so weit kommen können?


Und woran sollte ich bitte merken, dass das Energiefeld nicht mehr manipuliert ist? Danke Alec! Was will er überhaupt noch hier? Warten bis er Jacks Leiche auch noch findet?! Woran ich auch wieder Schuld wäre?


Würde ich mein verschwinden ausprobieren und das Energiefeld ist noch da, würden Dylan und seine Leute mich schneller finden als mir lieb ist. Ich bin verloren und zu nicht zu gebrauchen... Alle sterben! Wofür? Für einen Teenager der nicht mal weiß was sie kann! Wie soll ich den bitte die Hoffnung aller Charan sein! Warum ich? Eine Träne läuft meine Wange hinunter...


Ich will sie mir gerade wegwischen als ich an einer dunkeln Gasse vorbei gehe, Plötzlich zieht mich jemand am Arm hinein und legt mir sofort eine Hand über den Mund. Ich stehe unter Schock, ich bin geliefert. Nun ist es soweit ich werde sterben und alles war umsonst... Lynn, Johann, meine Eltern, Jacks Eltern, Matt und vielleicht auch Jack … sinnlose Tode an den ich schuld bin!


Mein Herz schlägt so wild, dass ich glaube, einen Herzinfarkt zu erleiden. Wer ist der Typ? Und vor allem, was will er?


Der Typ nimmt die Hand von meinem Mund weg. Meine Chance. „Wer bist du?“ Meine Stimme zittert zum Glück nicht.


„So lange war ich nun aber auch nicht weg.“


Das kann nicht sein!


Er geht einen Schritt zurück und nimmt die Kapuze ab. Mein Herz schlägt noch schneller und in weniger als einer Sekunde liege ich in seinen Armen und küsse ihn und Jack erwidert den Kuss.


Jack ist zurück!


Er lebt und unsere Liebe ist immer noch da!


Als dieser wunderschöne Kuss endet, komme ich schnell von meiner Traumwelt wieder in die Realität zurück. Ich löse mich von ihm und funkle ihn wütend an. Nach einem weiteren Blinzeln gebe ich ihm eine Ohrfeige. Einfach so.


„Die habe ich wohl verdient.“


„Mehr als nur eine! Ich bin vor Verzweiflung beinahe gestorben! Ich habe mir Sorgen gemacht und mir schon die Schuld an deinem Tod gegeben!“


„Ann... Es tut mir leid. Alec und ich hatten da diesen Plan...“


Ich lasse ihn nicht ausreden. „Ich weiß! Dennoch hast du dich die letzten Tage nicht gemeldet!“


„Es ging nicht. Ich war aufgeflogen und hätte ich Kontakt zu dir oder Alec aufgenommen, dann wärt ihr auch in Gefahr gewesen.“


„ Sind wir das nicht eh immer? Und selbst wenn wir hätten zusammen kämpfen können!“


„Ann, du bist immer noch naiv. Ich wusste, sie würde euch angreifen und Alec kann sich nicht um euch alle kümmern. Ich habe dich beobachtet und auf diesen Moment gewartet.“


„Bis ich versage? Und alleine bin?“


„Den Moment, in dem du gerettet werden musst.“


„Wo ist dein weißes Pferd?“


Er schaut mich verwirrt an.


„In Märchen kommen die Prinzen, die einen retten, immer auf weißen Pferden.“ Tränen laufen meine Wange runter, die Erleichterung, dass Jack lebt und mir hilft... überwältigend.


Er nimmt mich in den Arm. „Es wird alles wieder Gut!“


„Nichts wird wieder gut! Personen sind gestorben, wegen mir! Ganz alleine wegen mir!“ Ich breche förmlich in seinen Armen zusammen.


„Ann, du musst das nicht mehr alleine tragen. Ich bin hier und ich werde nie wieder gehen. Das verspreche ich dir!“ Ich schluchze auf. Matt...


„Ich habe den letzten in den Tod geschickt“


„Warum solltest du das getan haben?“


„Matt, kennst du ihn überhaupt?“


„Alec hat von ihm berichtet“


„Okay... Also Matt war verliebt in mich und heute haben wir gestritten. Ich wollte ihn und die anderen vor Dylan warnen, aber er ist einfach gegangen und jetzt ist er tot“


„Ann du bist nicht Schuld. Dylan oder seine Leute werden ihn getötet haben. An ihren Händen Klebt das Blut, nicht an deinen!“ Plötzlich kommen Bilder in mir hoch. Der tote Diritras. Ich löse mich von Jack und stolpre zur nächsten Mauer um mich abzustützen. Mein Magen dreht sich um und kurze zeit später liegt meine Mageninhalt in der Gasse. Ich wische mit meinem Ärmel über den Mund. Jack kommt und zieht mich wieder in seine Arme.
„Was ist noch passiert?“

 


„Ich habe einen von Dylans Leuten heute getötet, sein Blut klebt noch an meinem T-shirt“ Jack lässt mich los und begutachtet es.


„Zieh es aus“


„Was?“


„Mach schon Ann. Oder schämst du dich?“ Er grinst Frech und endlich schließt sich dieses Loch in meinem Herzen, ich fühle mich lebendiger. Ich lasse meine Tasche fallen und streife meine Jacke ab und dann mein T-shirt. Ich stehe im BH vor Jack und schaue ihn erwartungsvoll an, er hat sein T-shirt in der Hand. Muss er wohl unter dem Pullover und der Jacke angehabt haben. Er nimmt mein T-Shirt und wirft es in die nächste Tonne, dann streift er mir Seins über. Sein Hand löst ein wohliges kribbeln auf meiner Haut aus. An meinem Oberarm bleibt seine Hand hängen.


„Was ist das?“ Ich schaue zu der stelle die er meint.


„Tattoos wir wissen nicht genau was sie bedeuten“


„sie Verleihen dem Träger Macht, das ist uralte Magie!“


„Und wenn schon“ Ich entziehe mich seiner Hände und ziehe meine Sachen wieder über.


„Ann du verstehst nicht! Diese Tattoos werden dich zu dem Mächtigsten Charan machen!“


„Werden?“ Ich schaue ihn ungläubig an.


„Das sind noch nicht alle, du musst sie dir verdienen. Der Legende nach sind es Fünf du hast aber erst zwei“
„Woher weißt du das?“


„Mein Mutter hat mir als kleiner Junge die Legende der ersten Königen erzählt!“ Plötzlich gibt es einen Lauten Knall. „Wir müssen hier sofort weg, gib mir deine Hand Ann“


„Warte, Alec ist hier noch!“


„Wir haben keine Zeit, du bist wichtiger!“


„Alec würde dich nie zurück lassen!“


„Ann... Alec und ich haben das hier tausend mal durchgesprochen. Wir gehen, jetzt! Hier ganz in der nähe ist ein Flugplatz“ mir gefällt das nicht, aber Alec hatte auch gesagt ich solle gehen...Bitte lass ihm nichts passiert sein!


„Ich habe eine bessere Idee!“


„Welche ?“


„Ich Teleportiere uns hier weg“


„Seit wann kannst du das den?“


„Seit ich die Tattoos habe, es ergab keinen Sinn, doch jetzt weiß ich was du meintest. Meine Kräfte verstärken sich!“


„Okay, was soll ich machen?“


„Gib mir einfach deine Hand. Wohin sollen wir?“


„Kopenhagen,dort haben wir ein Notfall Treffpunkt ausgemacht. Alec wird die anderen dahin geschickt haben.“


„Gut. Bist du breit?“


„Das bin ich immer Ann“ Jack greift meine beiden Hände und ich lasse meine Lila Fäden raus.


`Kopenhagen` ich denke fest an den Namen und schon umgibt uns ein Lila Schimmer... Fortzetzung Folgt

 

Impressum

Texte: A.s.Thomas
Bildmaterialien: Thomas Muth
Lektorat/Korrektorat: Megan
Tag der Veröffentlichung: 21.01.2015

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Für meine Mama! sie unterstütz mich immer und ist mein gröster Fan! Ich liebe dich!

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