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Die Welt der Charan

 

 

Die Normalität ist eine gepflasterte Straße,

man kann gut darauf gehen,

doch es wachsen keine Blumen auf ihr.

- Vincent van Gogh

Kapitel 1

 

 

 

Das ganze Leben ist ein ewiges Wiederanfangen
-Hugo von Hofmannsthal

 

Heute ist der erste Tag nach den Sommerferien. Meine Eltern und ich sind umgezogen, weit weg von der Stadt. Deswegen ist heute nicht nur mein erster Schultag nach den Sommerferien, sondern auch mein erster Schultag an einer mir völlig fremden Schule.


Wenn ich daran denke, macht es das noch schlimmer, denn ich habe mich, seit wir hier wohnen, nur in meinem Zimmer verkrochen. Es ist nicht so, dass ich andere Menschen hasse, aber ich fühle mich hier in meinem Zimmer, alleine mit meiner Kunst, einfach wohler.


Aber die Schule ist wichtig und früher mochte ich sie auch sehr. Also habe ich mich dazu überreden lassen, doch noch mein Abitur zu machen. Es wurde Zeit, wieder neu anzufangen und zu leben.


„Schatz, du musst aufstehen“, meine Mutter steht im Türrahmen und lächelt mir aufmunternd zu, dabei habe ich sie heute Nacht wieder weinen gehört. So geht das, seit sie weg ist. Deshalb beschließe ich, für meine Mutter stark zu sein und stehe auf.


Im Badezimmer spüre ich die kalten Fliesen an meinen Füßen. Es beruhigt mich, zu mindestens ein wenig. Ohne Hast kämme ich mir durch die Haare, wasche mein Gesicht und putze meine Zähne. Als ich damit fertig bin, schleiche ich in mein Zimmer zurück, wo ich zum Schrank gehe und meinen Schlafanzug gegen schwarze Strümpfe, einen türkisen Rock und eine graue Bluse eintausche. Dann trage ich noch leichtes Make-up auf und schon bin ich fertig. Fast. Es fehlt nämlich noch die Kette von ihr.


Erst als ich sie umgelegt habe und der goldene Ring kalt an meinem Hals liegt, bin ich fertig und mit meinem Outfit zufrieden.


Bereit für den ersten Schultag gehe ich in die Küche. Dort nehme ich meinen grauen Rucksack und packe schnell einen Apfel und eine Wasserflasche ein, da ich schon ein bisschen spät dran bin.


Mein Dad ist schon weg, er arbeitet seit dem letztem Jahr mehr. Angeblich, um mehr Geld für die Familie zu haben, aber der Hauptgrund ist, dass er es mit meiner depressiven Mutter nicht mehr aushält. Die Frau, die er einst geliebt und geheiratet hat, ist weg, sie ist mit ihr gestorben.


Als ich gerade meine Mutter suchen will, weil sie mich zur Schule bringen soll, höre ich ihr Schluchzen aus dem Schlafzimmer meiner Eltern. In diesem Zustand will ich sie nicht stören, deswegen ziehe ich mir Schuhe und Jacke an und schnappe mir kurzerhand den Autoschlüssel meiner Mutter und renne raus. Rasch steige ich in ihren weißen MINI. Was mache ich hier eigentlich? Das würde Ärger geben, wenn mich ein Polizist anhielte, aber andererseits muss ich ja irgendwie zur Schule kommen.


Da reißt mich das Piepen meines Handys aus meinen Gedanken. Ich suche in meinem Rucksack danach und finde es auch ziemlich schnell. Als ich es anmache, erscheint auf dem Display ‚eine neue Nachricht von Dad‘. Ich öffne sie. ‚Hallo meine Kleine, ich wünsche dir ganz viel Glück für heute und hoffe, du findest ganz schnell Anschluss. In Liebe, dein Dad‘.


Ich atme tief ein und aus, dann lege ich mein Handy in den Rucksack zurück und schnalle mich an. Schnell starte ich den MINI und fahre in Richtung Schule.

Kapitel 2

Langsam fahre ich auf den Parkplatz meiner neuen Schule. Nach längerem Suchen finde ich endlich einen freien Platz und stelle das Auto meiner Mutter dort ab. Ich bin schon viel zu spät dran, weshalb ich mir schnell meinen Rucksack schnappe und in Richtung Haupteingang renne. Gerade will ich durch die Tür des Schulgebäudes gehen, als ich eine Stimme höre.


„Wer ist die denn?“, fragt jemand und sein Ton ist ziemlich abwertend.


‚Wie nett‘, denke ich ironisch und drehe mich mit gehobenen Brauen um.


„Was für eine tolle Begrüßung. Ich bin Ann Lowery.“ Da ist mein Mund mal wieder schneller gewesen als mein Verstand. Trotzdem strecke ich höflich die Hand aus und bemerke erst jetzt, dass vor mir ein Junge in meinem Alter steht. Er wirkt sportlich und hat dunkelbraune Haare. Doch meine Augen werden von seinen angezogen, diese sind braun, aber als ich genauer hinsehe, bemerke ich den darüber liegenden goldenen Schimmer.


Diese Augen funkeln mich an und ziehen mich für einige Zeit in ihren Bann. So lange, bis ich bemerke, dass er mich so verdutzt anguckt, als hätte ich gerade gezaubert. Was ich eindeutig nicht getan habe. Als keiner von uns das Schweigen bricht, beschließe ich, mich einfach umzudrehen und wegzugehen. Doch je mehr ich mich von ihm entferne, umso stärker will ich wieder zurück, zurück zu diesem Jungen, von dem ich nicht mal weiß, wie er heißt.


Energisch beschließe ich, die Gefühle auf eine späte Pubertät zu schieben und mir keine Gedanken mehr darüber zu machen. Während ich diesen Entschluss fasse, stoße ich mit jemandem zusammen.


Reflexartig murmle ich „Entschuldigung“ und will schon weitergehen, da packt mich jemand vorsichtig am Arm. „Hey, warte doch mal“, sagt eine freundliche Mädchenstimme zu mir und als ich mich umdrehe, sehe ich ein wunderschönes und anmutiges Mädchen vor mir. Sie hat langes, gelocktes, rotes Haar und blaue Augen, die mich ans Meer erinnern und sie lächelt, als ich stehenbleibe. „Du musst die Neue sein oder?“
Ich nicke.


„Oh wie schön. Ich bin Elisabeth, aber alle nennen mich Elli.“ Sie streckt mir ihre Hand hin, die ich freundlich schüttele. „Ich bin Ann“, stelle ich mich vor.


„Ein schöner Name. Du brauchst sicher noch deinen Stundenplan, oder? Wenn du willst, zeige ich dir den Weg zum Sekretariat.“


Dankend nehme ich das Angebot an, da ich überhaupt keine Ahnung habe, wo ich hin muss. Und so gehen Elli und ich durch die leeren Flure in Richtung Sekretariat. Während wir entspannt durch die Flure schlendern, erzählt mir Elli, dass es hier nur selten neue Schüler gäbe und dass die Natur in der Umgebung sehr schön sei. Gerade berichtet sie von dem See ganz in der Nähe, als wir vor einer altmodischen Holztür stehenbleiben. Direkt daneben ist ein großes Schild angebracht, welches darauf hinweist, dass hier das Sekretariat ist.


Elli klopft ohne zu zögern an die Tür. Kurze Zeit später ertönt eine freundliche Stimme von innen, die uns bittet, hereinzukommen. Wir treten ein.


Der Raum ist freundlich eingerichtet. Hinter einem großen Eichenschreibtisch sitzt eine alte Dame. Vor ihr stapeln sich Ordner und Papiere, doch zurzeit schenkt sie denen wenig Beachtung, da sie mich mustert. Nach einigen Sekunden fragt sie höflich: „Was kann ich für euch beide tun?“


Trotz meiner Verwirrung antworte ich sofort. „Ich bin Ann Lowery und brauche noch meinen Stundenplan.“
Die alte Dame nickt, schaut dann zu ihrem Computer rüber und tippt was ein. Das Geräusch des Druckers, der direkt neben dem Computer steht, erklingt. Sie gibt mir meinen frisch gedruckten Stundenplan, den Schließfachschlüssel und meine Bücher. Höflich bedanke ich mich und bitte Elli, mir zu helfen und mir zu zeigen, wo mein Schließfach ist.


Freundlich kommt sie meiner Bitte entgegen und als wir das Büro verlassen, übernimmt sie wieder die Führung, diesmal zu den Schließfächern, wo wir meine Bücher einräumen. Elli ist sehr nett und ihr Lachen, dass sie so häufig zeigt, ist ansteckend.


Ich fühle mich wie befreit in ihrer Gegenwart. Als es schellt, bin ich erschrocken, wie viel Zeit vergangen ist. Da habe ich gleich am ersten Schultag die erste Stunde verpasst.


„Ann?“ Mit ihrer Frage reißt mich Elli aus meinen Gedanken


„Tut mir leid, Elli.“


Sie lacht. „Zeig mal deinen Stundenplan her. Ich bring dich lieber mal zum Unterricht.“


Bereitwillig gebe ich ihr meinen Stundenplan. „Das ist sehr nett von dir, danke.“


Elli lächelt mich an und schaut auf meinen Stundeplan. Dann fordert sie mich auf, ihr zu folgen. Ich hätte in der ersten Mathe gehabt und in der zweiten ebenso. Auf dem Weg zum Klassenzimmer zeigt Elli mir den Kunstbereich und die Bioräume. Nach einigem Hin und Her erreichen wir pünktlich zur zweiten Stunde das Klassenzimmer. Elli verabschiedet sich schnell, um noch pünktlich zu ihrem Unterricht zu kommen, doch bevor sie verschwindet, vereinbaren wir, die Mittagspause gemeinsam zu verbringen. Dann lächelt sie mir aufmunternd zu und verschwindet in der Schülermasse, die sich auf dem Flur tummelt.


Ich wende mich der Klassentür vor mir zu, als ich wieder diese Stimme höre: „Ah, wie ich sehe kennst du meine Schwester Elli schon.“ Doch als ich mich umdrehe, kann ich den Jungen von heute Morgen nicht finden. Bestimmt haben zwei Schüler hinter mir unterhalten und ich habe mich einfach nur angesprochen gefühlt.
Ist ja jetzt auch egal, schließlich wartet Mathe auf mich.


Mit leichtem Herzklopfen öffne ich die Tür und will gerade zu einer Entschuldigung ansetzen, warum ich erst zur Zweiten auftauche, da bemerke ich, dass außer ein paar Schülern niemand hier ist. Ich gerate in Panik und vergleiche die Raumnummer mit der, die auf meinem Stundenplan steht, doch sie stimmen überein. Als ich wieder hochschaue, bemerke ich, dass jemand vor mir steht.


Es ist ein Junge und ich erkenne ihn sofort, denn ein gutes Gefühl durchströmt meinen Körper. Meine Vermutung, dass es der Junge von heute Morgen ist, wird bestätigt, als ich seine Augen sehe. „Der Lehrer ist krank, deswegen ist niemand hier, Ann.“


Ich bemerke, dass ich lächle und der Schmerz in mir wird weniger. Er weiß meinen Namen noch und aus seinem Mund klingt er wunderschön. Davon bin ich so abgelenkt, dass ich mich nicht mal frage, woher er weiß, woran ich gerade gedacht habe.


„Ich glaube, du hast dich mir noch nicht vorgestellt“, bemerkte ich frech zu ihm. Daraufhin lacht er. „Ich bin Jack Demont“, sagt er und lächelt mich weiter an.


Gerade als ich was erwidern möchte, taucht die Stimme wieder auf. „Seit wann weißt du, dass du eine Charan bist?“


Geschockt schaue ich zu Jack, er kann das nicht gesagt haben, da er seinen Mund überhaupt nicht bewegt hat. Doch außer ihm steht niemand in unserer Nähe und was bitte sollen Charan sein? „Entschuldige Jack, aber ich muss weg.“ Ich drehe mich um und stürme einfach den mittlerweile schon wieder fast leeren Flur hinunter. Nur gut, dass die zweite Stunde auch ausfällt, sonst wäre meine jetzige Flucht noch um einiges peinlicher.


Erleichtert entdecke ich eine Tür, die zum Außengelände führt. Draußen laufe ich weiter in den angrenzenden Wald und noch weiter, solange, bis ich kaum noch Luft bekomme. Als ich stehenbleibe, stelle ich aber nur fest, dass ich inzwischen mitten im Wald bin und keine Ahnung habe, wo genau.


Ich drehe durch, ich werde verrückt! Meine Gedanken werden jedoch unterbrochen. „Ann!“


‚Oh nein, nicht schon wieder‘, denke ich, also fange ich an zu schreien: „Geh endlich aus meinem Kopf!“


Hinter mir bricht ein Ast. „Ann, ich bin hinter dir.“ Es ist Jack, er klingt ernsthaft besorgt und es ist mir ziemlich peinlich, was gerade passiert ist. Infolgedessen laufe ich rot an. Als ich mich wieder gefangen habe, drehe ich mich zu ihm um. „Es tut mir leid, aber im Moment schlafe ich sehr wenig und wenn ich dann doch mal schlafe, dann nur sehr schlecht, deswegen drehe ich, glaube ich jedenfalls, langsam durch.“


Nun ersetzt ein Lächeln seine bis dahin strenge Miene „Ich glaube nicht, dass du durchdrehst. Hast du trotzdem Lust auf einen Spaziergang an der frischen Luft?“


Ich nicke ihm zu. „Klar, gerne.“


Wir gehen ein Stück schweigend nebeneinander durch den Wald, bis er eine Unterhaltung anfängt. „Wie alt bist du eigentlich, Ann?“


Oh wie cool, Smalltalk. „Ich bin vor ein paar Wochen siebzehn geworden, und du?“


Meine Antwort überrascht ihn, das sehe ich eindeutig. „Ich bin achtzehn. Warst wohl ne ziemlich Frühe mit dem Führerschein, ne?“


Schuldbewusst schaue ich ihn an. „Ich habe gar keinen.“


Er lacht und ich stimme mit ein, aber schaffe es noch, was zu sagen. „Tja, das war heute auch nur eine Ausnahme.“


Da beruhigt er sich. „Genau und morgen auch.“


Das ist zu viel. „Und was willst du jetzt machen?“


Er bleibt stehen. „Ich will dir anbieten, dich mitzunehmen.“


Bei so einem Angebot sollte ich nicht zögern, denn meiner Mom wird es morgen nicht besser gehen und Dad wird nicht da sein, daher nehme ich das Angebot dankend an. „Was hast du jetzt?“, erkundigt sich Jack. Prüfend werfe ich einen Blick auf meinen Stundenplan, den ich noch immer in der Hand halte. Na toll. „Sport!“


Er lächelt. „Dann bringe ich dich mal lieber zu den Sporthallen.“


Dankend nehme ich auch das an und wir schlendern nebeneinander her. Plötzlich bleibt er stehen, verwirrt gucke ich mich um. Erst jetzt fällt mir auf, dass wir schon vor der Sporthalle stehen. „Also dann, bis später“, sagt er und schon ist Jack hinter der Halle verschwunden.


Als ich Sport endlich geschafft habe, gehe ich zu den Kunsträumen. Auch Elli hat jetzt Kunst, was mich sehr freut, da sie mich von meinen Gedanken an Jack ablenkt. Es tut gut, einfach loszulassen und meiner Fantasie keine Grenzen zu setzen. Leider ist die Doppelstunde viel zu schnell vorbei. Dabei haben Elli und ich die Mittagspause schon durch gemalt, aber leider sind unsere Bilder immer noch nicht fertig geworden. Ich blicke prüfend auf meinen Stundenplan, um zu sehen, was als nächstes ansteht, aber die vergangene Doppelstunde war glücklicherweise das Ende meines heutigen Schultags. Also mache ich mich auf den Weg zum Parkplatz, die Flure sind leer und so komme ich schnell raus. Jack steht tatsächlich an dem Auto meiner Mom. Bis gerade dachte ich noch, dass es nur ein Spaß war. Doch er meint es sehr ernst und so bringt er mich nach Hause. Wir beide schweigen auf der Fahrt und genießen die Musik. Vor unserem Haus parkt er, verabschiedet sich und geht zu Fuß in den Wald. Den Rest des Tages verbringe ich auf meinem Zimmer, nur zum Abendbrot gehe ich kurz runter. Ich male und denke immer wieder an Jack und wie wohl ich mich bei ihm fühle.

 

 

Am nächsten Morgen wache ich noch vor dem klingeln meines Weckers auf. Ich grinse leicht, als ich daran denke das ich heute Jack und auch wahrscheinlich Elli wieder sehe. Ich springe aus meinem kuscheligen und warmen Bett. Ich gehe zu meinem Schrank und suche mir etwas passendes für das verregnete Wetter raus und nehme es dann sofort mit ins Badezimmer. Im Bad angekommen entscheide ich mich Duschen zu gehen . Ich genieße den warmen Wasserstrahl auf meiner Haut.


Als ich fertig bin, mit meiner morgendlichen Routine, gehe ich runter in unsere Küche. Ich schmiere mir ein Marmeladenbrot und trinke mir einen Kräutertee. Von meinen Eltern ist nichts zu sehen und innerlich muss ich seufzen. Ich vermisse es wie fröhlich es früher Morgens war...


Das klingeln der Haustür, reißt mich aus meinen Gedanken. Mit eiligen schritten laufe ich zur Tür. Als ich sie öffne lächelt mich Jack fröhlich an.


„Du hier?“ Frage ich erstaunt, da ich einfach nicht damit gerechnet habe.


„Ich habe es doch versprochen und eine Versprechen bricht man nicht!“ Ich bin zwar immer noch überrumpelt, aber ein kleines lächeln stehlt sich doch auf meine Lippen.


„Na dann, komm doch kurz rein“ Ich trete zur Seite und lasse ihn in unser Haus. Und tatsächlich kommt er meiner bitte nach. Schnell suche ich meine Sachen zusammen und ziehe mir einen Parka und Schuhe an. Als ich fertig bin gehen Jack und ich gemeinsam zum Auto. Ich laufe jedoch beinahe an seinem Auto vorbei, den es wirkt so teuer und edel, dass ich nicht glauben kann das es ihm gehört.


Während der Fahrt schweigen wir und vor der Schule verabschieden wir uns nur mit einem kurzen „bye“. Schade eigentlich, aber irgendetwas steht zwischen uns.


„Hey! Ann!“ Ich schaue auf und entdecke Elli die am Haupteingang steht, sie winkt mich zu sich. Ich komme ihrer bitte nach und entdecke wie Jack und ein weiter Junge sich von ihr entfernen. Ich schaue Jack hinterher.
„Meinen Bruder Jack kennt du anscheinend schon“ Ich schaue sie erstaunt an, also hatte die Stimme von gestern recht, dass macht es ja noch grusliger.


„Äh ja, ja ich kenne ihn flüchtig“


„Ach kein Problem, ich sehe dir doch an, dass du auf ihn stehst!“ Sie Lacht und ich stimme mit ein.


„Nein tu ich nicht!“ Sage ich lachend und sehe wie Elli belustigt den Kopf schüttelt.


„Jaja“ Sie hackt sich bei mir ein und gemeinsam gehen wir lachend in die Schule. Schon am zweiten Tag habe ich eine Freundin gefunden, dass läuft doch gut.

 

Teil 2/ kapitel 3

Viel zu viel mit dir erlebt, gelacht und gefühlt, um dich vergessen zu können.
-Anonym

 

‚Liebe Rose,
es ist schwer, mit dem Schmerz weiterzuleben, doch ich habe das erste Mal nach deinem Tod das Gefühl, wieder zu leben. Ich werde dich nie vergessen, nie, Rose.
Ann.‘


Ich lege mein Tagebuch zur Seite und lasse mich auf mein Bett fallen. In meinen Gedanken gehe ich die letzten zwei Monate noch mal durch.


Aus dem Plan, alleine durchs das Abitur zu gehen, ist nicht viel geworden: Elli und ich sind ziemlich enge Freundinnen geworden. Auch wenn wir nicht über unsere Familien reden.


Die Stimme habe ich immer mal wieder gehört, aber ich bin der Meinung, dass mein Gehirn mir einfach nur einen Streich spielt.


Mit Jack rede ich kaum, er holt mich zwar jeden Morgen ab und bringt mich jeden Nachmittag nach Hause, doch leider hab ich keine Ahnung, wie ich mit ihm reden soll. Es kommt mir so vor, als wolle er mir was sagen, aber er wartet noch auf den richtigen Moment. Außerdem schaut er mich immer wieder an und ich verspüre immer stärker das Verlangen, ihn zu küssen. Dabei weiß ich nur, dass er Ellis Bruder ist, Jack Demont heißt, dass er achtzehn ist, seinen Führerschein hat und dass er unglaublich heiß ist. Oh Gott, dieser Junge raubt mir noch meinen Verstand.


Wieder mal schlafe ich viel zu spät ein und das nur wegen ihm.

 

Was piept hier denn so?


Völlig genervt schaue ich mich verschlafen um. Als ich den Wecker auf meinem Nachttisch entdecke, erschrecke ich. In einer halben Stunde taucht Jack auf, um mich abzuholen. Schnell springe ich aus meinem Bett und renne ins Badezimmer. Dort kämme ich meine Haare und binde sie zu einem Zopf. Danach wasche ich schnell mein Gesicht und lege leichtes Make-Up auf. Schnell noch die Zähne geputzt und wieder zurück in mein Zimmer. Aus meinem Schrank greife ich mir schnell ein T-Shirt mit irgendeinem Muster und einen schwarzen Rock. Dann ziehe ich noch eine schwarze Strumpfhose an und fertig bin ich. Ich eile nach unten, wo ich verzweifelt meine Sachen zusammen suche.


Nach einigen Minuten habe ich meinen Rucksack fertig gepackt, ziehe meinen Parka über und meine Schuhe an. Ich bin immer noch müde, heute Abend brauche ich echt mehr Schlaf. Ich sollte anfangen, mit Jack zu reden, vielleicht hilft das ja. Zwar bezweifle ich das, aber einen Versuch ist es wert.


Das Klingeln der Haustür reißt mich aus meinen Gedanken, wie so oft. Schnell noch mal ein- und ausgeatmet, dann öffne ich auch schon die Tür. Jack steht vor mir, so hübsch wie eh und je. Unter seinem schwarzem Hemd zeichnen sich seine Muskeln perfekt ab, oh nein, ich komm jetzt schon von meinem Plan ab. Schnell schaue ich zur Seite. „Guten Morgen, Ann“, wünscht er mir ganz der Gentleman.


Ich schau immer noch zur Seite. „Morgen“, sage ich knapp und gehe an ihm vorbei, um ans Auto zu kommen. Ich setzte mich auf den Beifahrersitz und Jack setzt sich auf den Platz neben mir, hinters Steuer. Wieder mal fahren wir los und schweigen uns an. Das nervt doch echt, jetzt oder nie.


„Hast du eigentlich noch andere Geschwister außer Elli?“


Er grinst leicht und antwortet dann: „Ja, insgesamt habe ich drei Geschwister. Alec ist der Älteste, er ist ein Jahr älter als ich, dann komme ich und nach mir Elli, sie ist siebzehn, aber das weißt du sicher. Und dann ist da noch Jordan, er ist gerade vierzehn geworden.“


Das war doch mal ein Anfang.


„Und, hast du Geschwister?“


Mist, das war klar, dass er mich zurück fragt. Alles in mir schreit und fängt an zu schmerzen. Plötzlich wird mir schlecht. Als habe Jack meine Gedanken gelesen, fährt er rechts ran. Ich öffne meine Tür und renne auf die Wiese: Ich fange an zu weinen, erst leise und dann lauter. Plötzlich zieht mich eine jemand in eine Umarmung, natürlich ist es Jack. Sofort fühle ich mich besser, besonders als mir der Duft von Zuckerwatte und Frühling in die Nase steigt. Ganz automatisch fange ich an zu lächeln.


„Was ist?“, fragt Jack, der mein Lächeln bemerkt hat.


„Ach, nichts“, ich lache leicht und Jack grinst mich an. Auf einmal nimmt Jack meine Hand und geht in Richtung Wald.


„Was hast du vor?“, will ich wissen.


Er lässt meine Hand los. „Komm, ich lenk dich ab.“


Und schon fängt er an, sich auszuziehen. Oh nein! Ich werde doch hier nicht mit ihm …bäh nein! Auch wenn er verdammt heiß ist. Nein, Ann!


Jack lacht belustig auf. „Ann, ich weiß zwar, dass ich heiß bin, aber hier im Wald ist der See.“


Woher weiß er denn das jetzt schon wieder, also, dass ich ihn heiß finde? Wahrscheinlich hat er geraten, aber viel schlimmer ist, er hat es wieder geschafft, dass ich rot werde.


Jack steht vor mir, nur in Boxershorts. „Komm schon, Ann.“


Ich schaue ihn genau an, überall an seinem Körper sind Narben, aber sie entstellen ihn nicht, im Gegenteil, sie machen ihn noch hübscher. Ich bekomme eine Gänsehaut. „Ist dir kalt?“, fragt Jack.


Ich schüttele den Kopf und ziehe mich bis auf die Unterwäsche aus, zum Glück habe ich mir heute mein pinkes Spitzenset angezogen und nicht die Oma-Schlüpfer, wo noch Bärchen drauf sind. Ich schaue zu Jack auf und sehe, dass er mich schmutzig anlächelt.


„Was ist?“, frage ich lächelnd.


„Wir kennen uns kaum und schon ziehst du dich vor mir aus.“


Na toll und schon werde ich wieder rot, so ein Mist.


„Du doch auch“, verteidigte ich mich, woraufhin er nur lacht, sich umdreht und im Wald verschwindet. Ohne zu zögern folge ich ihm. Ich bleibe vor dem See stehen, er liegt ruhig vor mir und Jack ist nicht zu sehen. Auf einmal dreht sich alles und in meinen Ohren rauscht es, ich höre noch wie jemand meinem Namen ruft, als plötzlich alles wieder wie vorher aussieht.


Schnell merke ich, dass es nicht derselbe Zeitpunkt ist, denn vor mir liegt nun ein See im Hochsommer. Gerade war aber schon Spätsommer gewesen. Was passiert hier? Auf einmal tauchen zwei Kinder auf, ich erschrecke, denn das eine Mädchen bin ich, mit etwa eineinhalb Jahren und das andere Mädchen ist Rose, sie sieht aus wie circa drei.


Wir spielen am See, als eine weiße Katze zu uns stößt und sich in einen Menschen verwandelt. Eine Frau, die mir und Rose so ähnlich sieht. Mein Herz sagt mir, dass es meine Mutter ist, meine leibliche Mutter. Tränen rollen mir über die Wange, mein Herz rast und mein Atem geht schneller.

 

Ich kippe um und schon wieder rauscht es in meinen Ohren. 

 

 Und ich bin wieder im Hier und Jetzt. Ich spüre die Erde unter mir, als ich meine Augen öffne, sehe ich direkt in die von Jack. Sobald es mir gelingt, den Blick von seinem zu lösen, entdecke ich ein altes Haus. Mein Zuhause, das bemerke ich sofort. Jack hält mich fest an sich gedrückt. Ich schaue wieder zu ihm, er sieht traurig aus.


Dann sehe ich, wie Elli angerannt kommt. Ich bin ziemlich erschöpft und schlafe schließlich in Jacks Armen ein. Beim zweiten Mal, wo ich aufwache, liege ich in einem Bett und trage wieder meine Klamotten.


„Ann, bist du wach? Hörst du mich?“ Es ist Jack, er klingt besorgt. Ich mache meine Augen auf und sehe durch ein Fenster, dass es schon dunkel ist. Erschrocken setze ich mich auf. Oh nein, seit Rose tot ist, machen sie sich meine Eltern immer große Sorgen, ich muss sofort nach Hause.


„Beruhige dich, Ann, deine Eltern wissen, dass du hier bist.“


Mein Kopf schwirrt, was ist hier los?


Ich hab tausend Fragen, aber keine Antworten. So beruhige ich mich erst mal und schaue mich in dem Raum um. Er wirkt warm und freundlich. Die Wände sind in einem hellen Gelb gestrichen. Der Boden ist dunkel gehalten und außer dem großen Bett, in dem ich liege und einem gemütlichen Sessel, in dem Jack bis gerade gesessen hat, befindet sich nichts im Raum.


Ein Mann betritt das Zimmer, der genau wie Jack aussieht. Vermutlich Jacks Vater. Jack tritt einen Schritt von mir weg. Warum? Merkt er denn nicht, dass ich ihn will und brauche?


Die Erinnerung an meine Zeitreise, oder wie man das nennt, kommt wieder und schon wieder laufen Tränen an meinen Wangen hinunter. Ich schaue sehnsüchtig zu Jack, der mit starrer Miene geradeaus auf die Tür starrt. Der Mann mustert mich.


„Wer sind Sie?“


Er schaut mir direkt in die Augen. „Jacks Vater. Louis Demont. Und mit wem habe ich das Vergnügen?“
Also habe ich richtig gedacht. „Ann Lowery“, sage ich knapp.


Sein Blick fällt auf den Ring, der zwischen meinem Busen hängt. „Woher hast du den Ring von Rose Hadley?“
Was will der von mir?


„Der Ring gehörte meiner verstorben Schwester Rose Lowery, Mr Demont.“ Ich spreche höflich, doch innerlich brodele ich vor Wut. „Wem gehört das Haus, vor dem ich aufgewacht bin?“


Er nickt nachdenklich. „Es gehörte der Familie Hadley, Fräulein Lowery. Ich denke, Ihnen wurde jahrelang was vorgelogen von Ihrer schäbigen Menschenfamilie.“


So weit kommt es noch, dass er meine Familie beleidigt. Ich stehe auf und gehe an Jack vorbei, dieser starrt nur weiter in die Luft und macht keine Anstalten, mich aufzuhalten. Na gut, dann halt nicht! Ich gehe wütend weiter zur Tür.


„Wo wollen Sie hin, Fräulein Lowery?“


Ich öffne die Tür. „Nach Hause, zu meiner, schäbigen Menschenfamilie, wie Sie sie nennen, Mr Demont.“


Mit diesen Worten gehe ich zielstrebig durch den Flur, ich höre Schritte hinter mir, doch ich drehe mich nicht um. Als ich ich eine Tür finde die eindeutig nach draußen führt, bewundre ich mich selbst, dass ich da raus gefunden habe. Draußen angekommen bemerke ich, dass Jack mir gefolgt ist. „Es tut mir leid, mein Dad ist manchmal ein wenig unfreundlich.“


Ich lache kurz auf. Aber beim Anblick von Jacks Auto vor dem Haus höre ich ausnahmsweise auf meine Vernunft, immerhin muss ich schnell zu meinen Eltern, bevor sie noch die Polizei einschalten. „Fährst du mich noch nach Hause?“ Dabei frage ich mich, was sich diese ganze Familie eigentlich denkt.


„Natürlich“, nickt er.


Ich nicke wortlos zurück und steige ein. Vor meinem Haus parkt Jack. „Danke. Und damit das klar ist, deine Familie soll mich ab jetzt in Ruhe lassen!“


Plötzlich ist die Stimme wieder da. ‚Das wird nicht möglich sein, Ann.‘


Ich schaue ihn an und er mich. Ich spüre das Verlangen, ihn zu küssen und ich weiß, dass er es auch will. Schnell öffne ich die Tür und renne ins Haus. Dort warten meine Eltern schon, sie wollen mit mir Abendbrot essen, aber heute habe ich dazu überhaupt keine Lust. Ich lüge ihnen irgendetwas vor und renne in mein Zimmer. Auch diese Nacht werde ich nicht viel Schlaf bekommen, das wird mir klar.

 

Kapitel 4

Als am nächsten Morgen um sieben Uhr mein Wecker geht, muss ich mich echt beeilen, um noch pünktlich zur Schule zu kommen.


Heute entscheide ich mich für einen roten Rock und eine weiße Bluse, außerdem noch eine schwarze dünne Strumpfhose, denn draußen ist es ziemlich warm. Auf dem Esstisch finde ich ein fertiges Frühstück und einen Zettel meiner Eltern vor, auf dem steht, dass sie schon auf dem Weg zur Klinik sind. Dort lernen sie, mit dem Tod umzugehen. Für mich ist das nichts, ich ziehe mich lieber in meine Kunst zurück. Nur, das Dumme ist, heute wollte ich meine Eltern sachte dazu ausfragen, wer meine leiblichen Eltern sind. Ja, ich weiß, dass ich ein Adoptivkind bin. Doch meine Eltern und ich haben nie darüber geredet, wo ich her kam.


Kurz nach halb verlasse ich das Haus, nur um festzustellen, dass Jack wirklich meine Bitte befolgt und mich in Ruhe lässt. Also springe ich in den nächsten Bus, der in Richtung Schule fährt. Während ich ganz hinten im Bus zwischen Teenagern gefangen bin, die alle ziemlich stinken, entweder nach billigem Parfüm oder Schweiß, mache ich mir so meine Gedanken. Zum Beispiel, wie ich den Demonts aus dem Weg gehen und trotzdem was herausfinden kann.


Nach einer gefühlten Ewigkeit hält der Bus endlich an der Schule und ich steige aus. Leider komme ich viel zu spät zur ersten Stunde und da ich Sport habe, darf ich zwei Extrarunden laufen. Toll, alles wegen Mr Demont!
„Pass auf, der Ball!“, schreit mir eine unbekannte Stimme zu.


Leider nehme ich nicht wahr, dass die Warnung mir gilt, weshalb mich der Ball kurze Zeit später mit voller Wucht am Rücken trifft. Ich keuche auf und drehe mich total wütend um. „Geht es dir noch ganz gut?“, frage ich völlig fassungslos. Vor mir steht ein großer, muskulöser Junge; schon treffen sich unsere Blicke. Seine Augen sind blau und wieder dieser goldene Schimmer, ich ziehe nochmal die Luft ein und als hätte er ein Recht darauf, berührt er ihre Kette. Daraufhin wird es warm um uns.


„Alec, beweg deinen Arsch zurück aufs Spielfeld!“ Der Trainer ruft ihn zurück, er lässt die Kette los und ich drehe mich um und renne meine Runden weiter. Ich bemerke nicht, dass die Wiese dort, wo wir standen, einen Brandfleck aufweist, da ich mir bloß Gedanken mache, warum ich immer wieder der Familie Demont begegne.


Die Stunden ziehen sich wie Kaugummi. Endlich, die fünfte Stunde. Mathe. Nur leider kann ich nichts herausfinden, denn Jack ist nicht da. Ja, klar, ich will nichts mehr mit der Familie zu tun haben, aber ich fühle mich bei ihnen so wohl. Nein Ann! Reiß dich zusammen.


In der großen Pause ist die ganze Demont-Familie verschwunden. Frustriert gehe ich in den Wald, um dort ein wenig zu zeichnen. Ich lasse mich auf einem alten Baumstumpf nieder und hole meinen Zeichenblock heraus.
Plötzlich fängt Rose‘ Ring um meinen Hals an zu Glühen.


„Ich wusste es!“, schreit eine wütende Männerstimme und als ich mich umdrehe, blicke ich in Alecs Gesicht.


„Was machst du mit dem Ring von Rose Hadley?“


Schon wieder diese Frage.


Er will einmal mehr nach dem Ring greifen, woraufhin ich, ohne selber zu wissen was ich tue, sein Handgelenk umfasse. Meine Hand glüht und Alec verzieht schmerzerfüllt das Gesicht. Ich stolpere zurück und lasse sein Handgelenk erschrocken los. Seine Haut ist da, wo ich ihn berührt habe, verbrannt. Ich schaue auf meine Hand, aber es ist nichts zu erkennen.


„Es tut mir leid Alec, das wollte ich nicht.“


Ich spüre Tränen über meine Wangen laufen, weil ich ihn verletzt habe. Oh Gott, was habe ich getan!?
Vollkommen panisch packe ich meine Sachen und renne davon. Ich habe Angst vor mir und was gerade passiert. Ich renne einfach weiter, solange bis ich alleine, ohne irgendwelche Menschen, bin.


Mein Herz beruhigt sich langsam und ich entspanne mich. Doch meine Verwirrung bleibt, genauso wie meine tausend Fragen. Als ich auf einer Lichtung ankomme, setze ich mich hin und entspanne mich wieder. Ich will meine Glasflasche, gefüllt mit Wasser, aus meiner Tasche holen. Doch als ich sie berühre, fängt sie an zu brodeln. Ich ziehe sie aus der Tasche und lasse sie entsetzt vor meine Füße fallen. Was ist hier los, verdammt?
Ich bin nicht gerade abergläubisch, aber heute ist doch nicht mal Freitag der 13. Und an Geister glaube ich noch weniger, also was ist hier los?


Natürlich bekomme ich keine Antwort. Die Flasche hat sich wieder beruhigt, also trinke ich einen Schluck. Nichts passiert, ich atme erleichtert aus. Vielleicht hab ich mir das auch nur eingebildet.


In dem Moment spüre ich plötzlich, wie es in meinen Ohren wieder anfängt zu rauschen und alles vor mir verschwimmt.


Als ich wieder klar sehen kann, wird mir schnell bewusst, dass ich wieder ein Ereignis aus der Vergangenheit sehe. Ich fühle mich wie in einer anderen Welt. Ich bin in einem wunderschönen Schloss, alles ist geschmückt mit Blumen und bunten Bändern. Viele Leute drängen sich in den großen Saal, ganz hinten stehen drei Throne. Einer ist kleiner als die anderen beiden. Von irgendwoher erklingt feierlich Musik. Und schon machen alle Leute platz, sodass sich ein Mittelgang bildet. Ein kleines Mädchen betritt diesen, sie trägt ein wunderschönes Seidenkleid. Hinter ihr kommen ein Mann und eine Frau herein, die Frau trägt ein kleines Mädchen auf dem Arm und auch diese drei sind sehr kostbar gekleidet. Erst jetzt fällt mir auf, dass der Mann eine Krone trägt und die drei Frauen Diademe.


Sie schreiten durch die Menge und das Volk jubelt. Immer wieder rufen sie: „Lang lebe die Königsfamilie Hadley.“

 

Plötzlich wird mir bewusst, dass es meine Familie ist. Und das kleine Mädchen auf dem Arm meiner Mutter bin ich. Tränen laufen mir wiedermal die Wangen runter und es fängt wieder an in meinen Ohren zu rauschen und vor meinem Blick verschwimmt alles.


Wieder liege ich schwer atmend auf dem Rücken. Als ich meine Augen öffne, sehe ich, dass ich wieder vor dem alten Haus liege. Ich bin müde, aber das Haus macht mich zu neugierig. Ich stehe langsam auf und gehe die paar Meter zum Haus. Vor einer alten Holztür bleibe ich stehen und versuche, diese zu öffnen. Leider habe ich keinen Erfolg, jedoch könnte ich sie gewaltsam öffnen, da das Holz schon morsch ist. Als ich es noch mal versuche, schmilzt die Türklinke unter meiner Hand weg. Mir fällt auf, dass der Stein in Rose‘ Ring sich rot verfärbt. Dieser Tag wird immer komischer.


Ich schüttle leicht den Kopf und sehe, dass die Tür offensteht. Gerade als ich eintreten will, höre ich Jacks Stimme, diese kommt hinter mir aus dem Wald. „Bist du dir sicher, dass es Ann war?“


Ich lehne die Tür an und verstecke mich in einem der nahegelegenen Sträucher.


„Wenn ich es dir doch sage, Jack, sie hat mein Handgelenk verbrannt und ist dann völlig panisch weggerannt!“


Ich ziehe scharf die Luft ein, ich wollte Alec doch gar nicht wehtun.


„Alec, du weißt, was das bedeutet!“


Eine längere Pause entsteht.


„Es tut mir leid Jack, ich weiß, du magst sie, aber sie ist Rose‘ Schwester und damit in Gefahr!“


Die beiden Jungs entfernen sich und ich bleibe geschockt zurück. Wo bin ich da nur reingeraten? Langsam spaziere ich nach Hause, da es leider schon zu spät ist, das geheimnisvolle Haus zu durchsuchen. Am liebsten würde ich panisch nach Hause rennen, jedoch sollte ich mich erst mal beruhigen bevor ich meinen Eltern begegne.


Zuhause angekommen bemerke ich, dass meine Eltern wieder da sind. „Na, Ann? Wie war dein Tag?“, fragt meine Mutter gut gelaunt aus der Küche.


Jetzt oder nie.


„Ma, wo komme ich her?“


Vor Schreck oder Überraschung lässt sie den Teller fallen. Ich gehe zu ihr und helfe ihr beim Saubermachen.


„Also noch mal. Wo komme ich her?“, frage ich sie ein zweites Mal, als alles sauber ist und wir drei am Esstisch sitzen. Dad will schon ansetzen; mir sagen, dass das doch nicht so wichtig ist, da sagt Mum: „Lass gut sein, Gordon.“ Dabei legt sie ihre Hand auf Dads. „Auch Ann wird größer, sie ist doch gestern siebzehn geworden.“


Was? Aber gestern doch nicht?! Ich bin verwirrt. „Mum, ich habe doch am 25.07. Geburtstag?“


Sie schüttelt den Kopf. „Nein, da haben wir euch beide nur offiziell adoptiert. Eigentlich hattest du gestern Geburtstag, aber das haben wir erst vor ein, zwei Jahren herausgefunden. Du musst wissen, man fand Rose und dich ziemlich abgemagert hier in dieser Stadt. Man weiß weder, wer ihr seid, noch wer eure Eltern sind. Wir wissen nur das, was Rose uns sagen konnte und das weißt du alles.“


Ich nicke. „Okay und woher wisst ihr unseren Geburtstag?“


Papa holt gerade ein Glas Wasser für Mama. „Durch eure Ringe. Da steht es drin, aber leider nur R.H. und A.H. für eure Namen.“


Okay, also unsere Initialen, aber wo war meiner? „Wo ist mein Ring denn?“


Papa kommt zurück. „Er ist verschwunden, kurz bevor du ihn bekommen solltest.“


Wieder nicke ich, ein wenig überwältigt. R.H. Rose Hadley?


„Ich geh schon hoch und lege mich hin, das wird mir ein bisschen zu viel.“


Meine Eltern lächeln mich zaghaft an und Mom legt sachte ihre Hand auf meine. „Natürlich, meine Kleine.“


Und so gehe ich in mein Zimmer. Völlig erschöpft lege ich mich in mein Bett, aber an Schlaf ist nicht zu denken. Bin ich wirklich Ann Hadley? Wenn ja, bin ich wirklich in Gefahr? Und was hat das alles mit den Demonts zu tun? Ich greife nach meinem Zeichenblock, als er plötzlich Feuer fängt. Scheiße, das sind Flammen!


Ich lasse ihn fallen und springe auf, um meinen Eltern Bescheid zu sagen. Als plötzlich mein Zeichenblock in einer Wasserpfütze liegt. Mein Blick fliegt zu meinem Wecker. Es ist eine Minute nach Mitternacht und der Ring um meinen Hals wird Blau.

Kapitel 5

Ich bin ganz und gar geschockt, sitze auf meiner Bettkante und starre auf die Pfütze, die sich um meinen Zeichenblock gebildet hat.


Was ist hier bitte gerade passiert?!


Ich lege mich in mein Bett, nachdem ich die Pfütze weggewischt habe und mein Zeichenblock im Müll gelandet ist. Ziemlich schade um meinen Block, aber was viel schlimmer ist: Was ist mit mir passiert?


An Schlaf ist nun erst recht kaum noch zu denken, demnach ist es auch kein Wunder, dass ich am nächsten Morgen nicht ausgeschlafen bin und auch nicht so aussehe. Nein, ich muss mich ziemlich lange schminken, um meine Augenringe zu verstecken. Und meine Laune ist auch nicht die beste.

 

Ich renne die Treppe herunter, schon wieder spät dran. Ich muss wirklich an meinem Timing arbeiten, vor allem jetzt, wo Jack mich nicht mehr abholt.


Unten angekommen wartet meine Mutter auf mich, mit leckeren Pfannkuchen zum Frühstück. O-oh. …Dazu muss man wissen, dass, immer wenn es Pfannkuchen zum Frühstück gibt, meine absolute Lieblingsspeise, meine Eltern irgendwas mit mir vorhaben und mich bestechen wollen. Leider klappt das auch ziemlich gut.


„Was ist los, Ma?“, frage ich belustigt und lasse mich auf einen der Stühle am Esstisch fallen.


„Ach, Süße“, sie gibt mir fröhlich einen Kuss auf die Stirn und stellt die Pfannkuchen vor mir ab.


„Immer, wenn es mein Lieblingsessen gibt, wollt ihr was von mir“, sage ich fröhlich zu ihr. Meine Freude ist nur gespielt.


„Also… okay. Dein Vater und ich haben beschlossen, dich heute von der Schule abzuholen und mit dir einen Ausflug zu machen.“ Es fällt ihr nicht auf, dass ich schlecht drauf bin und eigentlich keine große Lust auf einen Ausflug habe.


„Oh, wie schön, Mama. Ich freu mich“, zwinge ich mich zu sagen und ausreichend Freude in diese Worte zu legen, damit meine Mutter nichts bemerkt. „Das ist schön zu hören, mein Engel.“


Tja, das hat gut funktioniert. Ich stehe auf, wieder ist Zeit verstrichen. Ich und Pünktlichkeit… na ja, vergessen wir das.


Schnell packe ich meine Sachen und verabschiede mich von meiner Mutter. Dann eile ich zur Bushaltestelle und erwische meinen Bus gerade noch rechtzeitig. Wieder setze ich mich nach hinten und schaue gelangweilt aus dem Fenster. Die Landschaft fliegt nur so an mir vorbei, aber irgendwann erregt der laute Schrei eines Jungen im Bus meine Aufmerksamkeit.


„John, ich habe wirklich kein Geld dabei!“ Ein kleiner Junge weint eine Reihe schräg vor mir, weil ein großer blonder Junge ihn bedroht. „Heulen bringt dich auch nicht weiter. Deine Mami ist nicht hier! LOS, GIB MIR DAS GELD!“


Warum hilft denn keiner dem kleinen Jungen?


„Was, machst du dir gleich in die Hosen?“, fragt der Blonde den Kleinen belustigt. Was ist der denn für einer? Jetzt müsste er sich in die Hose machen!


Der Kleine schüttelt den Kopf, als plötzlich die beiden Jungen neben dem blonden Jungen anfangen zu lachen. Ich habe sie vorher gar nicht beachtet, doch jetzt liegt meine Aufmerksamkeit nur auf den beiden. Sie lachen sehr und bekommen sich nur schwer ein. Plötzlich zeigen sie auf die Hose von dem blonden Jungen. Sie ist nass. Und mein Ring blau gefärbt. Oh Mist, ich war das.


Völlig perplex sitze ich auf meinem Platz und schaue zu, wie der blonde Junge und seine beiden Freunde an der nächsten Bushaltestelle aussteigen. Ich atme tief ein und aus und schaue dann wieder aus dem Fenster. Doch die Landschaft ist nicht mehr so entspannend und interessant wie zuvor. Nach einer gefühlten Ewigkeit sagt die Durchsagestimme im Bus, dass meine Schule gleich kommt. Ich fliehe förmlich aus dem Bus und renne in die Schule.


Beim Betreten des Schulgebäudes fangen die Gedanken auch schon wieder an zu kreisen. So ein Mist, gleich die erste Doppelstunde Mathe mit Jack, was soll ich ihm sagen, wenn er mich auf Alec anspricht? Ich habe doch selber keine Ahnung, was hier passiert. Was mit mir passiert.


Doch meine Sorgen sind ganz und gar sinnlos, denn Jack und seine restlichen Familienangehörigen, die hier eigentlich zur Schule gehen, fehlen einmal mehr.


Und so hätte ich den ganzen Tag ziemlich einfach durchgestanden, wären in Kunst nicht die Wasserbecher durchgedreht, um die Bilder meiner Konkurrentin zu versauen.


Oder in der Sportumkleide nicht die Duschen angegangen wären, gerade dann, als bestimmte Menschen, die schlecht über die Demonts reden, voll bekleidet daneben standen.


Aber das ist echt ganz automatisch passiert, wenn ich daran gedacht habe. Vermutlich sollte ich aufhören, an diese Dinge zu denken.


Im Moment ist endlich die große Pause und ich hoffe, im Wald ein wenig Ruhe zu finden. Langsam spaziere ich durch die Gegend und höre alte Songs von Elvis, bis das Rauschen wieder beginnt und mein Sichtfeld gestört wird.


Als es wieder vorbei ist, befinde ich mich in einem kleinen Raum, ziemlich schlicht gehalten, bis auf ein großes Sofa, das in sattem Goldrot mir direkt gegenübersteht.


Darauf sitzen meine Eltern, heute Nachmittag muss ich unbedingt mal den Namen googeln. Aber irgendwie vermute ich, dass ich nicht viel finden werde.


Und schon wird die Ruhe gestört, indem ein alter Mann, mit langem Bart, reingestürmt kommt. „Mein König, sie planen einen Aufstand, Ihr sollt sterben und mit Euch Eure Familie!“


Scheiße, fiel mir dazu nur ein. Total geschockt stehe ich vor meinen Eltern.


„Das war zu erwarten, doch ich hatte gehofft, dass sie noch vernünftig werden würden.“ Mein Vater wirkt traurig, aber keineswegs geschockt oder gar überrascht.


„John, was sollen wir tun?“, fragt meine Mutter. Sie wirkt wütend und hoffnungslos.


„Wir werden uns verstecken. Es ist alles mit den Demonts besprochen.“


Wie eine Welle überrennt mich das Entsetzen. Doch ehe ich wieder klar denken kann, liege ich wieder schwer atmend auf dem Rücken. Langsam öffne ich die Augen, vor mir sehe ich das alte Haus wieder. Ich bin müde, aber ich stehe auf, auch wenn es mir schwerfällt. Langsam gehe auf das Haus zu. Die morsche Tür wurde durch eine schwere Metalltür ersetzt und so komme ich hier nicht mehr rein. Erschöpft lasse ich mich die Tür runter gleiten, bis ich sitze und an der Tür lehne. In dieser Position schlafe ich ein. Ich träume nicht und werde von meinem Handyklingeln geweckt.

 

Langsam richte ich mich auf und wühle in meiner Tasche. Solange, bis ich mein Handy endlich gefunden habe. Leider ist da schon das Klingeln verstummt. Nachdem ich einen Blick aufs Display geworfen hab, bin ich hellwach. Meine Eltern haben schon neunmal angerufen. Schnell wähle ich die Handynummer von meiner Mutter.


„Schatz, na endlich. Wo bist du? Wir machen uns doch Sorgen.“


Mist aber auch, wie spät ist es denn? -Schon vier Uhr nachmittags? Jetzt habe ich auch noch Physik verpasst.
„Oh, tut mir leid. Ich hatte schon nach der sechsten Stunde frei und war spazieren. Ich muss komplett die Zeit vergessen haben.“


Ann, du hast super gelogen.


„Na dann. Komm nach Hause, wir wollen zusammen kochen. Den Ausflug verschieben wir einfach“ Ich sage, dass ich mich beeile und lege auf. Mit schnellen Schritten laufe ich nach Hause. Aber irgendwie fühle ich mich beobachtet. Ach was, ich werde schon paranoid.


Zuhause angekommen kochen meine Eltern und ich zusammen, wobei ich eigentlich so ziemlich alles falsch mache, aber es macht Spaß und lenkt mich für einige Zeit ab. Zum Glück eigentlich so lange, bis ich in meinem Bett liege und mich hin und her wälze. Um Punkt 00.00 Uhr wird Rose‘ Ring braun, danach falle ich in einen traumlosen Schlaf.

Kapitel 6

Ein Beben weckt mich. Nun ist das neue Ring-Erlebnis schon drei Stunden her, aber ich kann einfach nicht mehr einschlafen. Ich habe gelesen, gemalt und Schäfchen gezählt, yeah, doch nichts davon hat geholfen. Gerade versuche ich mit Musik einzuschlafen, leider tritt der erwünschte Erfolg nicht ein.


Ich kann einfach keinen Schlaf finden, weil ich viel zu viele Fragen im Kopf habe. Was ist mit meinen leiblichen Eltern passiert?


Was hat die Demont Familie damit zu tun?


Was bedeutet der Farbenwechsel an dem Ring meiner Schwester?


Doch die wichtigste Frage für mich ist: Was passiert mit mir?


Ich weiß, dass ich nur Antworten von Jack oder seiner Familie bekommen kann, also werde ich wohl Kontakt zu ihnen aufnehmen müssen. Schnell springe ich aus meinem Bett und gehe ins Bad. Da es da ziemlich kalt ist, beeile ich mich beim Zähneputzen und beim Haare kämmen. Schnell noch in mein Zimmer ein paar Klamotten anziehen und dann leise die Treppe runter schleichen.


Auf halbem Weg nach unten, höre ich ein leises Schluchzen aus dem Schlafzimmer meiner Eltern. Nein, nicht schon wieder!


Ich bin enttäuscht. Ich dachte, meine Mutter habe es endlich geschafft, aus ihren Depressionen raus zu kommen. Seit Rose tot ist, hat sich alles verändert. Mein Dad ist immerzu weg und meine Mutter hat nach jedem kleinen Hoch ein größeres Tief. Leise laufen mir Tränen über die Wange und ich gehe weiter hinunter. Unten in der Küche angekommen schmiere ich mir ein Brot und esse es eilig auf. Danach schreibe ich einen Zettel für meine Eltern.


‚Hallo, ich bin schon sehr früh aufgewacht und habe beschlossen, ein bisschen im Wald spazieren zu gehen. Danach gehe ich sofort zu ein paar Mitschülern, um mit ihnen zu lernen. Hab euch lieb. Bis später und macht euch keine Sorgen, Eure Ann.‘


Nicht sehr ordentlich, aber notwendig. Ich schnappe mir meine Jacke und meine Schuhe, die ich schnell überziehe. So verlasse ich das Haus. Meine Wahl fällt auf einen schmalen unbefestigten Weg, der direkt in den Wald führt. Ich gehe langsam und genieße die Ruhe, die um mich herrscht und mich beruhigt. Die Aussicht ist wunderschön, das Mondlicht zeigt hier unten ein tolles Lichtspiel. Ich komme auf eine Lichtung und setzte mich hin, um einfach nur zu entspannen.


Diese Ruhe wird jäh unterbrochen, als plötzlich Schüsse fallen. Ich bekomme die totale Panik und renne einfach los, ohne darauf zu achten, wo die Schüsse überhaupt herkommen. Ich renne immer weiter und tiefer in den Wald, bis ich einfach nicht mehr kann und schwer atmend zu stehen komme.


Als ich mich umsehe, sehe ich niemanden und es ist still, zu still. Schlagartig höre ich ein Klingeln und völlig perplex frage ich mich, was hier klingelt. Umgehend danach spürte ich ein Kitzeln an meiner Schulter. Ruckartig setzte ich mich auf. Es war nur ein Traum, versuche ich mich zu beruhigen. Ich sitze immer noch auf der Lichtung und mein Handyklingeln und eine Blume haben mich geweckt. Ich muss leicht schmunzeln, taste meine Jackentaschen ab und werde schnell fündig. Auf dem Display steht: ‚Unbekannt.‘


Erst zögere ich, aber dann gehe ich doch dran. „Hallo, Ann Lowery hier? “

 


Es rauscht am anderen Ende und ich will schon auflegen, als sich am anderen Ende eine Jungenstimme meldet.

 

„Ann? Ann, hier ist Jack. Wo bist du? Wir müssen reden.“


Was ist das denn für ein Zufall, und vor allem: woher hat er meine Nummer?


„Ich wollte eh mit dir reden. Also komm einfach zum alten Haus“, antworte ich, nach außen hin gelassen, doch innerlich bin ich aufgeregt und alles in mir kribbelt.


„Nein!“. Seine Stimme reißt mich aus meinen Gedanken.


Dieses Nein kam viel zu schnell. „Nein, ich habe einen besseren Ort, meine ich natürlich. Schaffst du es in zehn Minuten zum See?“


Er stottert nicht und doch bemerke ich, dass er mir etwas verschweigt, jedoch will ich mehr erfahren und das geht nur durch ihn. „Okay, ich werde da sein“, sage ich.


Daraufhin verabschieden wir uns und ich gehe los. Zum Glück weiß ich, wo ich bin und so schlage ich ohne Zögern den richtigen Weg ein. Als ich am See angekommen bin, geht langsam die Sonne auf. Zudem liegt der See ruhig vor mir, nicht die kleinste Brise ist zu spüren. Und die Wiese, welche um den See herum ist, ist ziemlich kahl. Die könnte echt ein paar Blumen vertragen. Schlagartig kam ein kleines Beben auf und aus dem Boden sprießen nur so die Blumen.


Ich starre auf die Wiese. Kurz darauf wird der Ring um meinen Hals warm. Ich schaue auf ihn herunter und er ist braun gefärbt. Und schon rauschen meine Ohren und meine Sicht verschwimmt.


Ich befinde mich in einem kleinen Wohnzimmer. Ich denke, dieser Raum ist in dem alten Haus, das in der Nähe von den Demonts steht. Mein Vater steht vor einem Regal und holt eine kleine Schachtel heraus. „Ich habe die Ringe für Rose und Ann anfertigen lassen.“


Meine Mutter steht auf und geht zu meinem Vater. Dort legt sie ihm die Hand auf die Schulter. „Zeig mal her“, fordert sie ihn auf und er streckt ihr das Kästchen entgegen.


Ich erhasche gerade einen Blick darauf. Der eine sieht aus wie der, den ich um den Hals trage. Der andere muss meiner sein.


„Diese Ringe werden sie beschützen, wenn sie sich verwandelt haben. Sie speichern Energie und machen sie kontrollierbar. Sie werden unsere Kinder noch stärker machen“, erklärt mein Vater stolz.


Nur sehr langsam dringen die Worte zu mir durch. Gerade fange ich an zu verstehen, da redet mein Vater weiter. „Außerdem wird jede Kraft mit einer Farbe dargestellt, zum Beispiel ist blau Wasser.“


Ich habe wirklich die Natur beeinflusst und ich mache es ohne Kontrolle. Krass, das ist ja total übernatürlich. Bin ich hier in einem Traum? Oder in einem Film?


„Wichtig ist nur, dass die Mädchen immer ihren eigenen Ring tragen. Sonst zeigt er nur die Energie an, die in der Umgebung herrscht. Er beschützt sie dann aber nicht und macht sie auch nicht stärker.“


Oh Mist, ich muss meinen Ring unbedingt finden. Ich erhasche gerade noch ein Blick darauf, wo mein Papa die Ringe versteckt. Und schon fangen meine Ohren an zu rauschen und mein Blick verschwimmt. Ich liege schwer atmend auf dem Rücken. Erst nach einigen Sekunden bemerke ich, dass mich jemand auf den Rücken drückt und auch noch ziemlich grob. Umgehend öffne ich die Augen und bin innerlich sehr erleichtert, als ich feststelle, dass es Jack ist. Denn ich bin müde und noch ziemlich benommen. So könnte ich mich niemals wehren.


Trotzdem bin ich wütend. „Hey, was soll das?“, frage ich ihn ziemlich hart. Wieder bebt die Erde, doch nun weiß ich, dass ich das bin.


„Ann, beruhige dich doch bitte. Ich bin auf deiner Seite. Ann, ich will dich beschützen!“


Er schreit förmlich und gleichzeitig zeigen mir seine Augen so viel Zuneigung, dass ich ihm einfach nur vertrauen kann und ich mich beruhige. „Gut, Ann. Ich weiß, dass wir uns nicht lange kennen, aber du musst mir jetzt vertrauen. Du bist in Gefahr, du bist was Besonderes und deine Welt, wie es sie bis jetzt gibt, ist eine Lüge, Ann. Sie werden dich jagen, solange, bis du tot bist. Denn du bist das Mädchen, dass das Schicksal der Charan bestimmt. Du bist unsere Hoffnung, Ann.“ Völlig perplex schaue ich zu ihm auf, doch ich ahne, dass er die Wahrheit sagt. Auch wenn ich gleichzeitig keine Ahnung habe, wovon er eigentlich redet.

kapitel 7

Ich bin immer noch völlig überwältigt von dem, was Jack gerade zu mir gesagt hat. Ich kann nichts anderes machen als ihn anzustarren und zu spüren, wie seine Berührungen mich verrückt machen. Dabei liegt seine Hand einfach nur an meiner Schulter!


Seine Augen sind intensiv braun und leuchten so kräftig goldfarben, dass ich meinen Atem anhalte. Dann erst scheint es, als ob er wieder registriert, was hier gerade passiert und schaut weg. „Wir sollten zu mir nach Hause, da kannst du dich ausruhen“, sagt Jack.


Woher weiß er, dass ich müde bin? Vielleicht hat er geraten oder er kennt das mit den Reisen in die Vergangenheit?


„Ann?“


Erst jetzt werde ich wieder klar im Kopf. „Ja, das wäre wohl besser“, antworte ich. Er schaut mir nicht mehr in die Augen. „Sagst du mir, was ich bin und wer mich bedroht? Und was mit der Familie Hadley passiert ist…“
Er steht auf und unterbricht mich. „Ann, ganz ruhig. Du wirst alles erfahren, aber erst mal müssen wir zu meinem Haus, wo wir sicher sind.“ Bei seinen letzten Worten wandert sein Blick kurz zu meinen Augen. Er ist angespannt und so bleibt mir nichts anderes übrig, als abzuwarten.


„Okay“, sage ich daher leicht enttäuscht. Ohne zu antworten streckt er mir seine Hand entgegen und hilft mir beim Aufstehen. Er geht langsam und aufmerksam voran, als würde hinter jedem Baum eine Gefahr drohen. Ich folge ihm leise und nach wenigen Minuten sind wir aus dem Wald heraus.


Nun folgen wir einem kleinen Feldweg, bis dieser vor einem großen Tor endet. Dieses ist sehr schmuckvoll verziert, es wirkt alt, aber sehr stabil. Jack öffnet es durch eine Berührung, was mich leicht staunen lässt. Es geht nur gerade so weit auf, dass wir hindurchgehen können. Auf der anderen Seite entdecke ich das schöne und sehr alte Anwesen der Demonts. Ich bewundere es und schaue es mir erstmals genau an.


Ich schrecke leicht auf, als das große Holztor hinter mir laut ins Schloss fällt.


„Beeindruckend, was?“


Ich schaue leicht verlegen zu Jack. Er grinst und ich beantworte seine Frage mit einem Nicken. „Es ist wirklich schön, aber sag mal, Jack, denkst du ich bin hier erwünscht?“


Schnell nickt er. „Ja, bist du, Ann. Die Situation hat sich sehr verändert. Die Demonts stehen bei deiner Familie in großer Schuld und unsere Bestimmung ist es, dich zu beschützen. Genauso wie es dein Schicksal ist, die Charan zu befreien.“ Er sagt das Letzte mit tiefem Respekt, nur leider verstehe ich nicht ganz genau, was es bedeutet. „Jack, ich habe so viele Fragen an dich.“


Er nickt. „Ich weiß, aber erst mal solltest du dich ausruhen, das ist echt keine leichte Kost.“ Das bringt mich dazu, leicht zu lächeln. Nun greift er nach meiner Hand und bringt mich in das große Gebäude. Dort angekommen staune ich nicht schlecht, als ich den großen Saal, der ‚nur‘ als Eingangsbereich genutzt wird, erblicke. Der Boden ist edel mit dunklem Laminat ausgelegt, viele Pflanzen stehen herum und mehrere Gänge und eine große Treppe gehen von hier ab. Die Wände sind in einem zarten Creme-Ton gestrichen. Alles in allem gefällt es mir sehr gut. Das letzte Mal habe ich darauf gar nicht geachtet, weil einfach viel zu wütend war.
„Elli und Alec sind nicht da und mein Dad ist sehr beschäftigt. Deswegen gehen wir erst mal in mein Zimmer, da kannst du dich ausruhen.“


Ich schaue zu ihm und sehe, dass er mich warmherzig anlächelt. Auch auf meinem Gesicht bildet sich ein Lächeln, als er meine Hand nimmt. Wir grinsen um die Wette, so lange bis eine zuckersüße Stimme unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht. „Oh, ich wollte nicht stören. Naja, jetzt ist es eh zu spät. Du bist Ann, oder? Ist das aufregend.“ Ein kleiner Junge mit aschblondem Haar steht vor mir.


Ich denke schon, es ist ein kleiner Alec, doch dann strahlen mich seine Augen an. Ein wunderschönes Braun, so voller Liebe und Güte. Und das erinnert mich sehr an Jack.


„Sag mal Jordan, dein Benehmen ist genauso schlecht wie das von Alec.“


Wir müssen alle drei einfach lachen. Da ich mich als erstes wieder beruhigt habe, fange ich das Gespräch an.

 

„Ja, Jordan, ich bin Ann.“


Jack fragt dann noch schnell, wann wir uns alle wieder treffen. Ich weiß noch nicht genau, was ich davon halten soll. Dann verabschieden wir uns und gehen die große Treppe hoch. Auch oben ist es hell gestaltet und sowohl der dunkle Boden als auch die Pflanzen finden sich hier wieder. Doch Jack führt mich noch eine Etage höher. Diese ist durch eine kleine Wendeltreppe erreichbar. Und schon stehe ich mitten auf dem Dachboden. Das Zimmer hat viele Fenster, eine Wand ist hellgrau gestrichen und davor steht ein schwarzes Ledersofa und zudem sind hier noch ein großes Doppelbett, ein überschaubarer Kleiderschrank und ein großer Flachbildfernseher und eine Spielkonsole zu sehen. Ein typisches Jungenzimmer. „Ich kann dir gerne ein T-Shirt von mir geben, dann musst du nicht in deinen Klamotten schlafen.“


Ich nehme das Angebot gerne an. Daraufhin geht Jack zu seinem Schrank und wühlt darin herum. Nach einigen Minuten gibt er mir ein T-Shirt und ein Jogginghose. „Die Hose ist mir zu klein, daher könnt sie dir passen.“


Ich nehme beides dankend an und warte darauf, dass er sich umdreht, aber nichts passiert. „Würdest du dich vielleicht umdrehen?“, frage ich leicht bissig.


Doch anstatt sich umzudrehen grinst er, verschränkt die Arme und lehnt sich lässig an die Wand.


„Was ist daran denn jetzt bitte lustig?“, frage ich. So langsam nervt es aber echt!


Doch er grinst einfach weiter. „Lass das, Jack“. Ich haue ihn leicht gegen die Schulter, aber er hört nicht auf zu grinsen, gibt allerdings wenigstens eine Antwort. „Wenn du sauer bist, bist du echt süß.“


Na super, diese Antwort finde ich auch nicht gerade toll. „Jack, dreh dich um, ich will schlafen!“ Ich wurde leicht quengelig.


„Na, ist schon gut. Nimm das Badzimmer, das ist gleich hier rechts.“ Sein Ernst?! Leicht wütend gehe ich ins Badezimmer. Ich knalle die milchige Glastür hinter mir zu. Auch das Bad ist schlicht, aber modern und sehr hochwertig eingerichtet. Alle Oberflächen glänzen und gerade deswegen hat man auch ziemlich Angst, hier etwas anzufassen. Schnell ziehe ich mich um und wie Jack vermutet hat, passt die Hose – einigermaßen zumindest. Ich nehme meine Sachen und verlasse das Badezimmer.


Jack sitzt auf dem Sofa und spielt irgendein Spiel an seiner Konsole. Er hat Kopfhörer auf und bemerkt erst spät, dass ich wieder da bin. Als er mich dann sieht, lächelt er und setzt seine Kopfhörer ab. „Steht dir wirklich gut.“


Ich lege meine Sachen auf einen Sessel. Dabei lächele ich leicht verlegen. Tja, ich komme mir vor wie in einem kitschigen Liebesfilm. „Also, du kannst mein Bett haben, Ann.“ Ich lächle und lasse mich auf das Bett fallen. Es ist irre gemütlich und ich bin schon nach wenigen Minuten in einem erholsamen Schlaf gefallen.

Kapitel 8

Das erste was mir auffällt, als ich wach werde, ist, dass es hier nach Jack riecht. Sein ganz eigener Duft, der leicht süßlich und doch sehr männlich riecht. Als ich die Augen aufmache, bin ich leicht verwundert, bis mir wieder einfällt, was passiert ist. Mein Magen grummelt leicht, ich kann nicht eindeutig sagen, ob es vor Aufregung ist oder vor Hunger. Ich setze mich in Jacks Bett auf und bemerke, dass Jack selber nicht mehr da ist. Meine Stimmung ist leicht betrübt und ich schaue aus dem Fenster. Ich muss nicht lange geschlafen haben, denn die Sonne steht immer noch in voller Pracht. Ich stemme mich aus dem kuscheligen warmen Bett und gehe rüber zu meinen Kleidern, welche leider sehr verschmutzt sind. Zum Glück ist meinem Handy nichts passiert und so schreibe ich meinen Eltern schnell eine SMS, das es heute ziemlich spät werden wird. Gerade als ich auf ‚Senden‘ klicke, klopft es an der Tür. „Herein?“, frage ich zaghaft, da es ja nicht mal mein Zimmer ist.

 

Die Tür geht auf und davor steht Elli. Schnell renne ich zu ihr und umarme sie stürmisch.


„Hey, Ann!“ Ich habe sie schrecklich vermisst!


Ich grüße zurück und wir lassen uns gemeinsam auf Jacks Sofa nieder.


„Ich bin so froh, dass ich nicht mehr alleine hier bin.“


Ich bin verwundert. „Hä? Aber Alec und die anderen Jungs sind doch da, und deine Eltern.“


Sie schaut traurig weg. „Aber keine andere Frau wohnt hier. Meine Mutter starb als ich zwei Jahr alt war.“


Ich umarme sie fest. „ Ich weiß, wie es ist, jemanden den man sehr liebt zu verlieren.“


Wir sitzen einige Zeit einfach nur da und schenken uns gegenseitig Trost. „Ach hier, deswegen bin ich eigentlich gekommen.“ Sie streckt mir einen Stapel Klamotten entgegen. Ich bedanke mich herzlich.


„Ach, ist doch nicht nötig, mache ich gerne. Du solltest dich beeilen, mein Dad und ein paar andere sehr wichtige Leute wollen mit dir reden.“ Ich nicke, gehe ins Bad und wasche mich schnell. Außerdem kämme ich mir schnell mit meinen Fingern durch die Haare. Das muss reichen. Elli hat mir ein schönes weinrotes Kleid gebracht, das leicht schimmert. Zudem ist es trägerlos, ziemlich kurz und eng, nur der Rock sitzt locker.


Als ich aus dem Badezimmer komme ist Elli verschwunden, aber Jack steht mit dem Rücken zu mir.


„Hey“, bringe ich gerade noch so eben raus.


Jack dreht sich um, er lächelt und mustert mich. „Wow. Du siehst echt gut aus.“


Ich lache leicht und gehe auf ihn zu, auch er lacht. „Hier, ich habe dir was zu essen gemacht.“


Vor ihm steht ein Tisch und darauf ein Tablett mit Orangensaft und Pfannkuchen. Diese sind mit Zimt und Zucker bestreut. Und schon knurrt mein Magen.


Jack lacht. „Da komm ich ja gerade richtig.“


Ich setze mich hin und fange an zu essen. „Danke Jack, die Pfannkuchen sind die besten, die ich je gegessen habe.“


Wieder lacht er, dieses Mal achte ich genau darauf. Es ist ein helles und freundliches Lachen, das mein Herz schneller schlagen lässt.


„Wie gut, dass Elli sie gemacht hat und nicht ich.“ Jetzt muss ich auch lachen. Typisch Junge, muss sich mit Lorbeeren von anderen schmücken. Doch nach dem ganzen Rumalbern wurden wir wieder ernst.


„Warum soll ich zu diesem Gespräch?“, frage ich.


Jack nimmt meine Hand „Ganz einfach, um zu erfahren, wer du wirklich bist, Ann.“ Er streicht mir eine Haarsträhne hinters Ohr. „Du musst keine Angst haben. Ich werde die ganze Zeit bei dir bleiben“, verspricht er und tatsächlich beruhigen mich diese Worte. Erneut, ohne dass ich es richtig wollte, hat die Erde wieder angefangen zu beben, als ich Angst bekommen habe.


„Elli hat mir das von eurer Mutter erzählt. Das tut mir leid“, sage ich vorsichtig.


Er schaut weg und lässt meine Hand los. Super gemacht, Ann!


„Das ist schon lange her und irgendwann werden Diritasen dafür bezahlen.“


Okay, er ist also auf Rache aus. „Jack, wer bitte sind die Diritasen?“


Er schaut mich an. „Leute wie du und ich, nur leider setzten sie ihre Gaben für das Böse ein und haben den Weg unserer Göttin Aeon verlassen.“


Nachdenklich schaue ich ihn an. „Ihr habt eine eigene Göttin?“


„Ann, normalerweise leben wir nicht einmal hier. Meine Familie wurde verstoßen und deine musste fliehen. Weißt du das denn gar nicht? Hat Rose dir nichts gesagt? Du bist die rechtmäßige Königin in unserer Welt und wir Demonts sind deine Stellvertreter. Unser Land stirbt jeden Tag ein Stückchen mehr. Viele mussten fliehen und die anderen müssen den Diritasen gehorchen und leben unter sehr schlechten Bedingungen.“ In seinem Gesicht spiegeln sich Wut und Traurigkeit. Völlig geschockt sitze ich da. Angst, Wut und ein bisschen Verzweiflung kommen in mir hoch. Ich fange an zu zittern und Tränen laufen mir die Wange hinunter. Ich bin so eine Heulsuse! Ein starkes Beben kommt auf.


„Ann, bitte beruhige dich. Es tut mir leid, du kannst nichts dafür. Ich habe meine Gefühle an dir ausgelassen, das war nicht fair.“ Er kommt zu mir und drückt mich an sich. Langsam lassen meine Gefühle nach und das Beben verschwindet.


„Siehst du, alles wird gut“, flüstert er mir leise zu und hält mich ein kleines Stück von sich entfernt, um mir in die Augen zu schauen. In einem Film würden wir uns jetzt küssen, ist mein erster Gedanke, woraufhin Jack mich angrinst und näher kommt. Leider klopft es genau in diesem Moment an der Tür. „Hey, ihr sollt runterkommen in den Saal.“


Schnell lassen wir voneinander ab. Wer steht in der Tür? Alec. War ja klar!

kapitel 9


Schnell habe ich mich wieder gefangen, genau wie Jack.


„Na gut, dann mal los.“ Ich stehe auf und gehe auf Alec zu, der uns grinsend anschaut. „Alec, hör auf damit oder ich lasse meine Wut an dir aus“, warne ich ihn ganz direkt. Daraufhin versucht er sein Grinsen zu verstecken, was ihm nicht gerade gut gelingt. Seit wann ist Alec so nett? Ich verdrehe nur genervt die Augen und warte darauf, dass jemand voran geht. Dieser jemand ist Alec und ich folge ihm eilig durch mehrere Gänge, bis wir vor einer großen alten Holztür stehen bleiben. Auf der Tür stehen prachtvoll verzierte Sätze. Leider sind sie in einer mir fremden Sprache verfasst, sodass ich kein Wort verstehe. Nichts passiert.


Alec und Jack stehen völlig ernst neben mir und warten einfach nur. Bis die Tür langsam geöffnet wird und ein älterer Mann, um die Dreißig, uns hereinbittet. Erst geht Alec, dann Jack, der meine Hand nimmt und mich herein begleitet. Folglich gehe ich als letzte rein. Der Raum ist sehr groß und viele Bücher stehen hier. An den Wänden sind Fackeln angebracht und die Decke ist mit Holzschnitzereien von Tieren geschmückt.


Einige Stühle, die sehr alt und wertvoll aussehen, stehen um einen ebenfalls alten und wertvollen Schreibtisch herum. Fenster gibt es kaum, aber besonders fällt mir eine Karte hinter dem Schreibtisch auf. Am Rand steht „Welt der Gestalten“. Es zieht mich förmlich in seinen Bann, bis Jack mich leicht schüttelt.


„Was?“, frage ich sehr unfreundlich.


„Mein Vater hat dich gefragt, wie es dir geht.“


Ich schaue zum Schreibtisch. Drei Männer stehen dort, und natürlich Alec, zusammen mit einer Frau.


„Es tut mir leid, ich war abgelenkt“, sage ich normal. Irgendwie vertraue ich den vier Leuten nicht.


„Das macht doch nichts. Setzt euch doch“, bittet uns Mr Demont freundlich.


Alle gehorchen ihm und setzen sich auf einen der Stühle neben mir Alec und Jack, der leider meine Hand losgelassen hat.


„Nun gut, Ann, was weißt du denn schon über uns und über dich?“


Ich bin nervös „Also, nicht viel. Nur, dass ich von der Familie Hadley abstamme, mein Ring verschwunden ist und dass ich besondere Fähigkeiten habe.“


Mr Demont nickt. „Das ist wahrlich nicht viel. Ich versuche, es dir zu erklären. Vor einigen Jahren gab es zwei Söhne. John, deinen Vater, und Dylan. Sie entstammten der Königsfamilie. Dylan war ehrgeizig, jedoch auch sehr hinterhältig. Dein Vater war ganz anders als sein Bruder. Er verliebte sich in Samantha, deine Mutter. Sie war mit Abstand das schönste Mädchen in unserer Welt und sehr begehrt, und doch hatte sie nur Augen für deinen Vater. Leider wollte auch Dylan sie für sich. Als er erfuhr, dass die beiden heiraten wollten und dann noch König und Königin werden sollten, war Dylan enttäuscht und wütend. Aus Frust schloss er sich den Diritasen an. Du weißt, wer sie sind?“


Ich nicke kurz.


„Schnell arbeitete er sich hoch und wurde ihr Anführer. Er stellte eine Armee auf und zog immer mehr Leute auf seine Seite. Deine Eltern hatten versucht, mit ihm zu reden, doch nichts half und da sie so gütige Menschen waren, hatten sie nicht damit gerechnet, dass er je die Stadt angreifen würde. Als es dann doch passierte, flohen sie zu uns, doch leider fand man sie hier. Du und deine Schwester konntet fliehen und ward seitdem verschwunden.“


Okay, das sind viele Informationen.


„Sie reden bei meinen Eltern immer in der Vergangenheit“, stellte ich fest.


„Deine Eltern kamen dabei um, Ann.“


Mir wird schwarz vor Augen und fühle mich schwindelig.


„Ann?“ Es ist Jacks besorgte Stimme, die ich höre. „Alles okay?“, fragt er.


Nach kurzer Zeit habe ich mich wieder gefangen. „Und was sind Charan? Und was ist an mir so besonders?“


Alle schauen mich angespannt an. „Wir sind Gestaltwandler. Wenn wir siebzehn werden, beginnt unsere Verwandlung. Wir lernen unsere Gaben Tag für Tag mehr kennen. Ist dieses Stadium abgeschlossen, verwandeln wir uns das erste Mal. Jeder hat sein eigenes Tier. Danach lernen wir, es zu kontrollieren. Außerdem leben wir länger als normale Menschen und unser Aussehen verändert sich nur sehr, sehr langsam. Unser Alterungsprozess ist stark verzögert. Und du bist besonders, weil du jetzt schon vier Gaben hast, während die meisten nur zwei Gaben haben.“


Verwirrt blicke ich Jacks Dad an. „Woher wissen Sie von meinen Gaben?“


Er lacht. „Du hast Alec den Arm verbrannt, bist bei Jack ohnmächtig geworden und vor dem Haus aufgewacht, dann bebt es die ganze Zeit seit du hier bist und dass du auch Wasser hast, ist einfach nur einleuchtend, weil man normalerweise Erde und Wasser zusammen hat.“


Ich schaue wieder zu Jack und dann erneut in die Runde. „Wissen Sie, welche Gaben ich noch habe?“
„Wir vermuten, dass du Feuer und Luft, genauso wie Wasser und Erde hast. Da du schon Flashbacks hast, denken wir, dass du auch Geist bekommst.“


Nur schwer kann ich noch folgen, ich will einfach nur weg. „Kann ich jetzt gehen?", platze ich endlich heraus.
Mr Demont nickt. „Ich bringe dich hin, wo du möchtest“, sagt Jack leise zu mir und steht gemeinsam mit mir auf. Wir gehen gemeinsam nach draußen. „Ich will nach Hause, Jack.“


Jack schaut mich traurig an. „Ann, du kannst nicht gehen, deine Verwandlung beginnt und du bist in großer Gefahr!“, sagt er ruhig, aber dennoch bestimmt.


„Was soll ich denn meinen Eltern sagen?“, frage ich spöttisch.


„Ann, jetzt sei bitte nicht sauer, aber wenn du jetzt gehst, bist du schneller tot als dir lieb ist und deine Familie wahrscheinlich auch.“


Da hat er recht, dieses Handeln wäre egoistisch von mir. „Okay, ich werde ihnen sagen, dass ich bei Elli bin, weil ich so viel lernen muss“, entscheide ich schnell.


Er nickt zufrieden und nimmt meine Hand. „Möchtest du meinen Lieblingsort hier sehen?“


Ich nicke und er zieht mich an meiner Hand mit sich. Wir gehen ein Stück durch den Garten, bis wir in einen kleinen Wald gelangen.


„Das Grundstück ist ziemlich riesig“, stelle ich fest.


„Das Beste hast du noch gar nicht gesehen. Ich bin sehr oft dort zum Nachdenken.“


Er macht das aber auch spannend. Auf einmal lichtet sich der Wald und vor mir erstreckt sich ein See. Er ist wunderschön, nicht derselbe, bei dem wir schon waren. Nein, dieser hier wirkt echt magisch.


„Und? Habe ich dir zu viel versprochen?“


Ich schüttle den Kopf. „Nein. Es ist wunderschön hier.“


Ein Steg führt ziemlich weit ins Wasser hinein und so setzen wir uns an sein Ende und lassen unsere Füße im Wasser baumeln. –Natürlich nachdem wir unsere Schuhe und Socken ausgezogen haben.


So langsam geht der Tag zu Ende und wir erleben einen wunderschönen Sonnenuntergang. Schnell schreibe ich meinen Eltern eine Nachricht, dass ich über Nacht bleibe. Für sie ist es okay. Ich bin dankbar, dass Jack mich nachdenken lässt und mich doch im Arm hält. Ich habe noch viele Fragen, doch für heute ist es genug und so schließe ich meine Augen und kuschle mich ganz dicht an Jack.

kapitel 10

Die Sonne war noch nicht aufgegangen als ich aufgestanden bin. Ich bin durch den Raum geschlichen, denn Jack sollte nicht wach werden. Auch die Treppe bin ich leise hinuntergegangen, sodass ich nun im Nachthemd hier draußen auf der Wiese stehe. Der Rasen ist nass vom Tau, meine Füße werden schnell kalt. Doch das ist mir egal.


Ich schaue zum Himmel hinauf. Der Mond steht in voller Pracht und die Sterne funkeln. Mein Blick wandert zum Waldrand. Rose! Dort steht sie, ihre braunen Haare schmiegen sich mit dichten Locken um ihr Gesicht, dazu trägt sie ein zartrosa Kleid. „Rose!“, ich renne bedenkenlos auf sie zu. Direkt in ihre Arme, doch als ich sie gerade berühren kann, verschwindet sie. Sie hinterlässt nur eine Leere in mir.


„Warum?“, schreie ich immer wieder. Tränen finden ihren Weg über meine Wangen. Völlig fertig breche ich zusammen, kaure mich auf dem Boden zusammen und schreie in die dunkle Nacht: „Rose, komm zu mir zurück!“
Sie ist doch mein Licht, meine Hoffnung. So liege ich gefühlte Jahre einfach nur da, bis die Wut mich überkommt. Ich richte mich auf, klopfe den Dreck von meinem Kleid und gehe zurück zur Wiese. In der Mitte bleibe ich stehen, hebe meine Arme zum Himmel und schreie so laut ich kann. „Dylan, ich werde mich rächen! Rächen für meinen Dad, für meine Mutter und für Rose, meine Schwester! Ich werde meine Kräfte einsetzen und dich vernichten und die Charan befreien und führen! Hast du gehört, Dylan! Hast du es gehört?!“


Ich lege meine ganze Wut in meine Worte und plötzlich, ganz unverhofft, taucht ein schwarzhaariger Mann am Waldrand auf. „Du Närrin! Du kleines dummes Mädchen, niemand wird das je können! Ich werde dich zerstören, dann bin ich der rechtmäßige Erbe unserer Welt, Prinzessin!“


Ich gehe auf ihn zu. „Du bist hier der Narr! Ich habe die Macht, die Gaben und ich werde sie einsetzen, komme was wolle!“


Wie aus dem Nichts sausen schwarze Fäden auf mich zu und verschlingen mich. Ich schreie.


„Und doch noch so ein kleines Mädchen, das sogar schreit.“


Panische Angst überkommt mich. Seine Stimme ist kalt und rau. Mein Herz schlägt viel zu schnell und schon sehe ich, wie er den Dolch hebt und mir wird bewusst, dass ich sterben werde.


Völlig nassgeschwitzt schrecke ich auf, als mich jemand am Arm rüttelt. Einen Augenblick später bemerke ich eine Stimme. „Ann! Ann, bitte wacht auf. Das ist nur ein böser Traum gewesen. Dir passiert nichts, dafür werde ich sorgen.“


Es ist nicht irgendeine Stimme, sondern es ist Jack.


Ich schlage die Augen auf und schaue in seine braunen, wunderschönen, mit Gold überzogenen Augen. Als nächstes spüre ich, wie die Luft um uns herumwirbelt. Doch schon ziehe ich Jack an mich und küsse ihn. Erst wirkt er überrascht, dann gibt er nach. Unser Kuss wird leidenschaftlicher und fordernder. Meine Hand gleitet unter sein Hemd und plötzlich nehme ich wahr, wie alles um mich herum wirbelt. Nicht mehr nur die Luft oder das Zimmer, auch draußen. Ein Orkan weht über dem Haus. Überwältigt von Leidenschaft, Angst und purer Naivität stoße ich Jack von mir. Er taumelt mehr als gedacht und knallt dann mit voller Wucht hin. Ich stürze zu ihm. „Jack!“


Meine Augen tränen immer mehr und die Luft wirbelt immer stärker. Jack blutet und ist immer noch bewusstlos. Ich drücke ihn fest an mich. „Jack“, flüstere ich leise „Du bist doch mein Seelenverwandter.“ Ich schluchze weiter. Der Orkan wird immer schlimmer und plötzlich springt die Tür auf. Alec steht dort im Türrahmen. Meine Sicht ist nicht ganz klar, durch die Tränen, die immer noch meine Wangen hinunter wandern.


„Alec, das wollte ich nicht…“ Immer wieder schluchze ich. „Ich wollte nur verhindern, dass der Sturm größer wird … ich habe meine Kräfte unterschätzt… ich brauche Jack doch!“


Schnell eilt er auf mich zu und nimmt mich in seine Arme. „Ann, beruhige dich.“


Mit diesen Worten trägt er mich aus dem Raum. Ich sehe, wie Menschen rüber zum bewusstlosen Jack laufen.

 

„Jack“, flüstere ich, als ich schon ein Pieksen in meinem Arm spüre.


„Ich bleibe bei dir, Ann. Hab keine Angst, Jack geht’s bald wieder gut.“


Langsam werden meine Augenlider schwer. In Alecs Armen erschlaffe ich und falle in einen tiefen Schlaf.

 

Langsam wache ich auf. Ich bin völlig benommen. Nur gemächlich kommen meine Erinnerungen zurück, die Erinnerung, wie Jack bewusstlos auf dem Boden liegt. Ruckartig setze ich mich auf und öffne die Augen.


„Ann, du bist wach!“ Alec sitzt auf dem Sofa neben dem Bett, in dem ich liege. Er wirkt froh darüber, dass ich wach bin, dennoch schaut er mich traurig an.


„Was ist mit Jack, Alec?“


Er schaut zu Boden. „Nein!“, schreie ich und steige aus dem Bett.


„Ann, er liegt im Koma, es sieht schlecht aus.“


Ich stehe auf und ziehe meine Klamotten an. „Ich MUSS zu ihm, Alec!“


Seufzend steht Alec auf. „Ann, bitte.“


Ich gehe auf ihn zu. „Nein, Alec! Ich muss zu ihm! Versteh doch, er braucht mich!“


Schon wieder wirbelt die Luft langsam. „Okay, Ann. Ich bring dich zu ihm, nur bitte beruhige dich.“


Ich atme langsam ein und aus. „Also gut.“ Die Luft hört auf zu wirbeln.


Alec geht voran und ich hinterher. Wir müssen einmal ganz durchs Haus, bis wir vor einer Glastür stehen.


„Er liegt hier drin?“, frage ich ungläubig. „Warum habt ihr ihn nicht ins Krankenhaus gebracht?“


„Unsere Körper unterscheiden sich von denen der Menschen, demnach haben wir hier ein kleines Krankenhaus.“


Ich nicke Alec zu. Er lächelt knapp und öffnet die Tür. Ich zögere beim Eintreten, ich bin geschockt. Jack liegt wie tot auf diesem Bett, ganz bleich und leblos. Innerlich bin ich zerstört, doch nach außen bleibe ich stark und gehe mit festen Schritten auf ihn zu. Ich nehme seine Hand, sofort spüre ich unsere Verbundenheit. „Jack, ich brauche dich. Komm bitte wieder zurück zu mir.“ Einige Minuten vergehen, ohne dass etwas passiert. Ich habe echt gedacht, es würde etwas bringen. Langsam lasse ich mich auf den Stuhl neben dem Bett fallen und Tränen laufen über meine Wangen. Bis plötzlich ein Kribbeln durch meine Hand fährt und Alec ein „Oh mein Gott“ ausstößt.

 

Kapitel 11

Unsere Handgelenke leuchten auf. Die Tür wird aufgerissen. „Alec, warum lässt du Ann hier rein?! Ich habe dir eindeutig gesagt, sie soll in ihrem Zimmer bleiben!“


Ich wusste nicht mal, dass ich hier ein Zimmer besitze. Doch ich komme nicht mehr dazu, Mr Demont zu antworten. Denn plötzlich geht ein stechender Schmerz durch meine Hand. Doch Jacks und meine Hand umschlingen sich weiter und schwarze Zeichen zeichnen sich auf unseren Handgelenken ab, besser gesagt, eine liegende Acht, das Unendlichkeitssymbol. Fasziniert starre ich es an.


„Deswegen hat Jack sich so für sie so eingesetzt.“ Mr Demont flüstert, doch ich kann es hören. Selbst als meine Hand so sehr weh tut.


Plötzlich taucht eine Stimme auf, die ich nicht kenne. „Was Aeon einmal verbunden hat, kann nicht mehr getrennt werden!“ Die Stimme ist freundlich und gleichzeitig wirkt sie bedrohlich. Ich kann auch nicht sagen, ob es die eines Mannes oder einer Frauen ist. Sie verschwindet, bevor ich versuchen kann, mehr herauszuhören, und mit ihr das Brennen und der stechende Schmerz. Nur dieses Zeichen auf meinem und Jacks Handgelenk ist noch zu sehen.


„Was ist da passiert?“, frage ich ungläubig.


„Sie hat uns verbunden, Ann.“ Die Stimme ist rau und leise, aber es ist Jacks Stimme. Ich schaue auf. „Du lebst!“, stelle ich fest.


Er lacht leise. „Eine dir fremde Stimme spricht mit dir und dann unser Zeichen, aber das Einzige, das dir einfällt, ist: ‚du lebst‘.“


Ich lächle leicht. Dann werde ich ernst. „Wie meinst du das? Wir sind verbunden?“ Ich setze mich, lasse seine Hand aber nicht los. „Für jeden von uns gibt ein Gegenstück, du bist meines. Wir teilen unsere Gedanken, was uns im Kampf stark macht.“


Die Welt ist doch komplizierter als gedacht. „Und wer ist sie?“


Jacks Augen glühen förmlich vor Freude. „Sie ist Aeon, unsere Göttin, Ann.“


Ich weiß viel zu wenig über meine Herkunft. „Ann, warum bist du so traurig?“


Es ist Alecs Stimme, doch ich brauche nicht antworten.


„Sie schämt sich dafür, dass sie nicht so viel über ihre Herkunft weiß.“ Erschrocken schaue ich zu Jack.


„Was? Ich kann nichts dafür, dass ich deine Gedanken höre.“


Ich schüttele den Kopf. „Wie wäre es, wenn ich meine Gedanken aber immer noch selber äußern dürfte?“ Ich bin leicht sauer.


„Der Rat hat beschlossen, dass Ann Unterricht in unserer Geschichte, Sitten und darin, Königin zu sein, erhält“, meldet sich Mr Demont zu Wort, „Zudem werdet ihr beide eure Kräfte verstärken und üben. Des Weiteren werdet ihr darin belehrt, was eure Verbundenheit für Auswirkungen hat.“


Genau, und was ist mit Freizeit?


„Dasselbe dachte ich mir auch.“ Jack und ich fangen an zu lachen. Plötzlich verstummt Jack und kurz danach spüre ich ein Stechen im Herzbereich, doch dies sind nicht meine Schmerzen, es sind Jacks. „Ich spüre seine Schmerzen“, stelle ich erschrocken laut fest.


„Es tut mir leid, Ann.“


Ich drücke seine Hand. Ich habe dir das angetan, es ist nur gerecht.


„Alec, bring Ann in mein Büro und fangt mit unserer Geschichte an.“ Es war eindeutig ein Befehl. Bleib ja am Leben, denke ich mir und kurz darauf bildet sich das Wort ‚Auch‘ in meinem Kopf. Mein erstes Wort aus seinen Gedanken.

 

„Ihr mögt euch mehr als nur Freunde, oder?“


Ich drehe mich zu Alec um, der langsam mit mir durch die Gänge geht.


„Keine Angst, je weiter ihr voneinander entfernt seid, desto mehr lassen die Gedanken nach. Nur in Notfällen wie Todesangst oder so, spürt man dann was.“ Sein Gesicht füllt sich mit Schmerz.


„Du hast meine Schwester doch auch geliebt, über eure Verbundenheit hinaus.“


Ich habe es einfach gespürt.


Erschrocken schaut er mich an. „Woher…? Hat sie es dir gesagt? Wusstest du doch was von uns?“


Ich schüttle den Kopf. „Nein, ich spüre es einfach.“


Er nickt „Geist wirst du also auch besitzen. Deine Schwester war naiv, sie wollte keinen Krieger, vielleicht wäre sie dann nicht… Ich habe sie sehr geliebt. Trotzdem haben wir das von uns verschwiegen, unser Zeichen hat nie jemand gesehen –es war eine Rose. Jetzt erst verstehe ich, warum es kein Unendlichkeitssymbol war.“


Ich schaue zu ihm auf. „Sie wollte es so. Ich weiß die Gründe noch nicht, aber es gab keinen Ausweg. Was ist ein Krieger?“


Zum Rest sage ich nichts, er erwartet keine Antwort. Auch das spüre ich. „Fangen wir damit am besten an.“ Er öffnet die alte Holztür zum Büro und geht zu einem großen Bücherregal. „Setz dich doch schon mal hin.“ Alec greift ein Buch heraus und kommt auf mich zu. Ich habe mich auf ein Sofa gesetzt. Kaum hat er sich ebenfalls hingesetzt, fängt er an zu blättern. „Bevor wir auf Krieger zu sprechen kommen, reden wir über unsere Göttin. Aeon ist der Anfang von allem. Sie war unsere erste Königin und da sie sehr viel Talent hatte, wollte sie es weitergeben und hat sich einen menschlichen Mann gesucht, der besonders stark und klug war. Die beiden bekamen, der Sage nach, sieben Kinder und jedes bekam eine Gabe. Tempus bekam die Gabe, die Vergangenheit zu sehen. Ignis die Gabe, das Feuer zu beherrschen. Aqua die Gabe, das Wasser zu kontrollieren. Terra dasselbe mit der Erde, Aer beeinflusste die Luft, Animus war einfühlsam wie der Geist und Vires war besonders stark. Auch diese Kinder paarten sich weiter und so kommen wir alle zu unseren Gaben.Oft sind es nur zwei, doch die Königslinie bekam immer alle. So wie du. Kommst du bis hierhin mit?“


Ich nicke.


„Okay, gut. Es kam, dass die Menschen neidisch wurden und glaubten, Aeon würde die Menschen vernichten wollen. Sie war in Gefahr und so beschloss sie, sich einen Krieger zu nehmen, da ihr Mann selber in Gefahr war. Und so kam die Tradition zustande, dass Königinnen oder Könige sich Krieger holten, um ihr Leben und damit die Zukunft des Landes zu bewahren. Doch ein Kriegerschwur besteht für immer, zudem sind die beiden Vertraute und dürfen sich nicht lieben. Es ist eine große Verbindung und eine große Verantwortung.“
Ich verstehe, was er meint. „Alec, möchtest du mein Krieger sein?“

 

Kapitel 12

Verdutzt schaut er mich an. „Das ist für mich eine große Ehre, aber Jack wird das nicht gefallen.“ Betrübt blickt er hoch zur Decke.


„Alec, du sagtest, dass die beiden sich nicht lieben dürfen. Das würde ihn beeinflussen und die Königin, in dem Fall mich, auch. Also bitte ich dich. Ich vertraue dir und du hast deine Kräfte unter Kontrolle.“


Er nickt „Das stimmt. Okay, wir machen es, aber nur unter der Bedingung, dass du es niemanden sagst.“ Dann sieht er ins Buch und erzählt mir noch ein bisschen von den Sagen, die es über Aeon gibt. Glaubt mir, das sind einige und die meisten sind stinklangweilig, wie zum Beispiel die Sage, Aeon hätte Schweine gehasst. Nur weil eines Tages zweitausend Schweine auf einmal gestorben sind, ich meine, wen interessiert das?


Alec und ich lachen gerade darüber, als Jack durch die Tür kommt, zusammen mit Mr Demont. „Alec, geh bitte, ich möchte den beiden Unterricht in Sachen Verbindung geben, denn dies ist kein Kinderspiel, wie ihr alle immer denkt.“ Alec schnaubt leise, sodass nur ich kann ihn höre. Er tut mir leid; es muss schlimm sein, wenn die große Liebe stirbt und wenn man dann noch verbunden ist… ich will gar nicht daran denken. Unwillkürlich schaue ich zu Jack, der mir leicht zu grinst.


‚Ich … nicht vor, …zu verlassen.‘ Es ist noch sehr undeutlich, was ich höre, aber ich kann es mir zusammenreimen.


Alec verlässt den Raum und Jack lässt sich neben mir nieder. Vor uns nimmt Mr Demont Platz. Dann steht er noch mal auf, geht zu dem alten Bücherregal und nimmt ein Buch heraus. Daraufhin kommt er zurück, legt es ab und blättert eine Weile darin herum. Es ist alt und man hat Angst, dass es auseinander fällt. Zudem ist es hübsch verziert, mit goldenen Ranken.


„Ann, hat Alec dir erzählt, wer Aeon ist?“


Ich nicke nur.


„Gut, dann können wir anfangen. Aeon wünschte sich für ihre Kinder eine gute Ehe und so suchte sie jedem eine Hübsche/-n, kluge/-n und starke/-n Frau/Mann aus. Doch nach einiger Zeit ging die Beziehung von Vires kaputt. Aeon war traurig und bangte darum, dass ihre Gaben nicht weitergetragen würden. Also handelte sie und gab jedem Paar einen Schwur, der die beiden Seelen für immer verband. Damals sah sie nur, was es für gute Seiten hatte, doch die schlechten blieben ihr verborgen.“


Irgendwie machte es mir Angst, kurz darauf schloss sich eine warme Hand um meine. Ich grinste Jack leicht an. „Das sind die schönen. Einander verstehen ohne zu reden, spüren, wenn der andere in Gefahr ist, alles teilen was man hat und sich lieben wie am ersten Tag. Doch es bedeutet auch, keine Geheimnisse zu haben, alles zu wissen, was der andere denkt, auch im Streit, und das Schlimmste: Der Schmerz bleibt, wenn einer der beiden stirbt. Man verliert einen Teil von sich und der ist dann voller Schmerz.“


Ich war wie gelähmt. Mr Demont hat seinen Teil verloren. „Das tut mir leid“, sage ich vorsichtig und statt verletzt zu sein, ist er überrascht.


Jack neben mir ist angespannt und traurig.


„Woher weißt du von meiner Frau?“


Ich schaue zu ihm hoch. „Ich habe es gespürt, ich spüre sehr viel“


Er schaut mich an und meint: ,,Deine Verwandlung schreitet schneller voran als gedacht. Ich möchte, dass ihr das mit dem Gedankenschicken übt. Heute erst mal, dass ganze Sätze bei dem anderen ankommen.“ Damit steht er auf und verschwindet aus dem Raum.


‚Was ist mit deiner Mutter passiert?‘, frage ich Jack in Gedanken, doch ich höre seine Antwort nicht mehr.


Meine Ohren rauschen und meine Sicht verschwimmt. Im nächsten Moment bin ich schon mitten in meiner Vergangenheit. Leute stehen vor meinem alten Zuhause, ich erkenne nur Mr Demont, neben ihm eine junge Frau, seine Frau, besser gesagt. Ich selber stehe mit Rose vor meiner Mutter. „Meine Kleinen, euer Papa und ich lieben euch so sehr, doch ihr müsst jetzt fliehen. Rose, versteckt euch, und egal was passiert, beschütze Ann. Ihr seid unsere ganze Hoffnung. Vertraut niemanden, versteck deine Gaben und erzähle weder anderen Leuten, noch Ann von uns und nun geht.“


Ich schreie und Rose zieht mich weg. Wir rennen und verstecken uns in einem hohlen und alten Baum. Schon höre ich, wie die Schlacht beginnt. Ich spüre die Todesangst und wie immer mehr Leute sterben. Durch ein kleines Loch schaue ich hinaus und sehe wie eine schwarze Gestalt auf Frau Demont zuläuft. Schon durchzuckt sie ein greller, heller Strahl. Ich schaue Rose verdutzt an.


„Ann, gib mir deinen Ring, ich verstecke ihn dort wo dad in einst versteckte.“


Ich sehe mich noch nicken, als fast im selben Moment meine Ohren erneut rauschen. Dann bin ich schon wieder im Hier und Jetzt und liege auf dem Waldboden. Mein Atmen geht schnell und flach. Also schon wieder eine Flashback-Wanderung.


‚Ann, wach auf.‘ Jack klingt verzweifelt.


„Alles okay Jack“, ich drehe mich zur Seite und öffne langsam die Augen. „Ich muss den Ring holen.“


Jack hilft mir hoch. „Keiner weiß, wo er ist, Ann.“


Ich schüttele den Kopf. „Er ist in dem Haus unter dem Dielenboden im Wohnzimmer, versteckt in einer kleinen Schatulle.“


Jack schaut mich verdutzt an. „Woher weißt du das?“


„Meine Mutter hat Rose befohlen, mir nichts davon zusagen, doch alle wussten, ich würde mich irgendwann daran erinnern, besser gesagt: es sehen. Deshalb glaube ich, dass er da liegt, wo mein Vater ihn vor unserer Geburt versteckt hat. Da Rose das selbe Versteck benutzt hat“

 

Kapitel 13

Jack schaut mich verwirrt an. „Ann, dein Vater ist schon lange tot und das Haus schon lange verlassen...“, er will weiterreden, doch ich unterbreche ihn. „Genau das ist der Grund. Da wird niemand mehr nach ihm suchen. Meine Schwester sollte mir nichts sagen und an dem Tag als deine Mutter starb… Jack, ich war da! Ich habe irgendwas mit meinem Ring gemacht, woraufhin Rose mir den Ring weggenommen hat. Sie hat ihn dann später hier wieder versteckt. Sie wusste, ich würde ihn finden, wenn ich reif genug wäre.“ Ich bin völlig außer Atem, aber das musste mal raus.


Jacks Blick verfinstert sich. „Okay, gut, gehen wir in das Haus, aber sobald du den Ring hast, verschwinden wir.“
Ich nicke.

 

Ich bin völlig aufgeregt als ich die Klinke zu meinem Zuhause runterdrücke. Mit einem Schlag leuchten alle Lampen auf. Das Haus wirkt freundlich und tief in mir spüre ich, wie zufrieden ich auf einmal bin. Jack spürt es ebenfalls und seine Miene wird weicher. Langsam gehe ich weiter durch, bis ich im Wohnzimmer ankomme. Es sieht alles noch genauso aus wie im Traum, nur dass über den Möbeln Tücher liegen und zudem eine dicke Staubschicht. An der Wand hängt ein großes Bild, ich gehe näher ran. Ich erkenne meine Familie, alle lachen auf dem Gemälde. Schnell schließe ich die Augen, dennoch schaffe ich es nicht, alle Tränen zurückzuhalten und so muss Jack mir kurzerhand ein paar wegwischen. Er lässt mir Zeit, Zeit zum Trauern. Als ich mich wieder gefangen habe, steuere ich auf das Versteck meines Vaters zu und nehme die Schatulle heraus. Dann schaue ich zu Jack. „Wir können gehen.“


Er nickt und nimmt meine Hand. Gemeinsam verlassen wir das Haus und schließen die Tür. Diese fällt quietschend hinter uns zu, lässt alle Lichter erlöschen und das Haus fällt wieder in eine Art Schlaf. Als wären wir nie drin gewesen.


Meine Augen füllen sich erneut mit Tränen, doch ich halte sie zurück. Was wäre, wenn meine Eltern noch leben würden? Was, wenn Rose noch da wäre? Würden wir dann hier wohnen? Doch die Wirklichkeit holt mich wieder ein.
„Alec, was möchtest du?“ Ich schaue zu Alec hoch, er steht genau vor mir und Jack.


„Ich muss mal kurz mit Ann was absprechen.“ Jack nickt und lässt meine Hand los. Mit ein paar Schritten entfernt er sich.


„Kannst du ihn abschotten?“


Ich kappe die Verbindung zwischen mir und Jack, dies ist möglich für eine kurze Zeit. „Das Ritual muss heute Nacht stattfinden, bevor du dich verwandelst. Also sei um Punkt Mitternacht am Tor zum Rosengarten.“
Wenn ich nur wüsste, wo das war. „Das ist dort drüben.“


Alec nickt nach rechts und schon kann ich das Tor sehen. Ich nicke auch kurz und konzentriere mich dann wieder auf die Geschichte von Aeon und den zweitausend Schweinen, in der Hoffnung, Jack würde nichts davon mitbekommen, dass ich seinen Bruder zum Krieger nehmen wollte.


„Also dann, bis irgendwann mal“, verabschiede ich mich höflich von Alec und gehe ins Schloss, wie ich das Haus der Demonts heimlich nenne.


Jack kommt auf mich zu. „Deine Mutter ist am Telefon.“ Damit überreicht er mir einen kabellosen Telefonhörer.
„Hallo Mum“, begrüße ich meine Mutter. „Hallo mein Liebes, wie geht’s dir? Wann kommst du wieder nach Hause?“


Meine Mutter klingt besorgt. „Alles supi.“ Das ist eine glatte Lüge, nichts ist super, aber was soll ich meiner Mutter schon sagen? ‚Hey Mum, ich verwandele mich bald in ein Tier und hab übernatürliche Kräfte und zudem bin ich Königin von einer geheimen Welt. Nur leider finden das nicht alle toll und ein paar Leute wollen mich lieber tot sehen?´ Ich glaube, das würde sie nicht beruhigen. „Und ich werde morgen...“, doch Jack schüttelt den Kopf und sagt mir über meinen Geist: ‚Lieber erst Montag nach der Schule, die Verwandlung ist sehr hart.‘
Ich muss unwillkürlich grinsen, da ich alles verstanden habe. Auch er lächelt erst, dann erinnere ich mich, dass meine Mutter noch am Telefon ist. „Also nochmal, Elli und ich müssen noch so viel lernen, ich werde morgen hierbleiben und Montag mit Elli zur Schule gehen. Nach der Schule werde ich nach Hause kommen. Ist das für dich okay?“


Meine Mutter schweigt als müsse sie überlegen. „Ja, das ist schon in Ordnung, mein Schatz. Ich hab dich lieb, bis Montag.“


Mir fällt ein Stein vom Herzen. „Danke, Mum. Ich dich auch und bis dann.“


Dann wird das Gespräch schon getrennt und ich kann mir einen erleichternden Seufzer nicht verkneifen. Die Zeit vergeht und schon sitzen Jack, Elli, Alec, ihr jüngerer Bruder Jordan, Jacks Vater Mr Demont und ich selber natürlich zusammen am Abendbrottisch. Die Stimmung ist ausgelassen, auch wenn ich den Blick von Mr Demont immer wieder spüre, lasse ich mich nicht beirren. Mir ist ziemlich klar, dass Mr Demont den Bund zwischen Jack und mir missbilligt, aber was sollte er tun. Aeon bestimmt den Teil und nicht er.


Nach dem leckeren Mahl verziehen sich alle auf ihre Zimmer. So auch ich, obwohl ich viel lieber neben Jack eingeschlafen wäre, aber ich muss heute Abend noch mal raus und mich mit jemanden treffen. Das geht schlecht, wenn Jack was davon mitkriegt. In meinem Zimmer lasse ich mich auf mein Bett fallen.

 

Kapitel 14

Ich liege hellwach in meinem Himmelbett bei den Demonts. Dass ich wach bin, liegt nicht daran, dass das Bett ungemütlich ist, nein, ganz im Gegenteil, die Matratze passt sich perfekt an meinen Körper an und die Decke spendet mir genug wohlige Wärme, dass man meinen sollte, ich müsse schlafen wie ein Baby.


Ich würde es wahrscheinlich auch, wäre da nur nicht das schlechte Gewissen gegenüber Jack, der gerade wirklich schläft wie ein Baby. Auf dem Rücken liegend starre schon seit Stunden die Decke an. Diese hat eine schöne Stuckverzierung, die mit Blattgold überzogen ist. Aber nichts lenkt mich davon ab, was ich gleich tun werde. Die Decke wird mir zu langweilig und ich schaue zur Seite.


Neben meinem Bett hängt ein großes und prunkvolles Gemälde. Erst jetzt, wo das Mondlicht so leicht drauf scheint, wird mir bewusst, wer die Personen auf dem Bild sind. Es ist Jacks Familie, zu einer Zeit, in der ihre Mutter noch gelebt hat. Ich schließe die Augen und sehe wieder, wie Frau Demont vor meinen Augen stirbt. Ein schreckliches Gefühl überkommt mich. Obwohl ich noch so klein war, habe ich Schuldgefühle, denn sie wollten nur Rose und mich beschützen. Rose… wie sehr ich sie vermisse. Besonders ihr Lächeln und wie sie immer den Finger gehoben hat, wenn sie sauer war. Dadurch konnte man sie einfach immer nur süß finden. Ein Lächeln bildet sich auf meinem Gesicht und ich setze mich langsam auf. Schnell wandert mein Blick zur Uhr, die auf meinen kleinen Nachttischchen steht. Es ist kurz vor Mitternacht. Ich beschließe, mich anzuziehen, eine Jeans und ein weißes T-Shirt müssen reichen. Dann binde ich mir schnell einen Zopf und nehme meine Jacke vom Bett. Anschließend tapse ich barfuß aus meinem Zimmer und die breite Holztreppe herunter, da meine Schuhe im Flur stehen. Unten angekommen halte ich inne, nur um festzustellen, dass Jack tief und fest schläft.
Für einen kleinen Moment überkommen mich wieder meine Gewissensbisse. Jedoch erinnere ich mich dann an Alecs Worte und schon sind sie weg. Ich eile zu meinen Schuhen, diese sind noch von unserem Ausflug heute Mittag verdreckt. Ich schmunzele über mich selber, gehe zur Tür und mache sie vorsichtig und leise auf. Von draußen kommt mir die kalte Nachtluft entgegen und so ziehe ich schnell meine Jacke über. Dann gehe ich raus und ziehe meine Jacke noch enger, da die Luft erstaunlich kalt ist.

 

Schon von weitem erkenne ich das Licht, das aus dem Rosengarten kommt. Es überrascht mich, dass niemand davon wach wird: ja, klar, der Rosengarten ist ein Stück entfernt vom Haus, aber soweit dann auch wieder nicht.


Als ich das Tor passiere, wird mir auf einmal warm. Je näher ich komme, umso angenehmer wird die Luft. In der Mitte bleibe ich erstaunt stehen. Alec steht vor einem Steintisch, auf diesem liegen ein Messer, ein altes Buch und ein Kelch mit einer Flüssigkeit drin.


Alec schaut auf und als er sieht, dass ich es bin, lächelt er ganz leicht. „Ach du bist es. Komm ruhig zu mir.“
Ich gehe zu ihm rüber. „Und wie läuft das jetzt hier?“


Alec nimmt überraschend meine Hand. Innerhalb von Sekunden schnappt er sich das Messer, piekst damit vorsichtig mit der Spitze in meinen Finger, dreht ihn dann um und lässt ein paar Tropfen von meinem Blut in den Kelch fallen.


Ich stehe noch völlig regungslos neben ihm, als er bei sich dasselbe macht. „Schnell, Ann. Wir müssen uns beeilen, bevor Jack unten ist.“


Wieder hellwach bemerke ich, dass Jack sich unruhig im Bett wälzt.


„ Ich fange jetzt an, zu Aeon zu beten, dann trinken wir den Trank. Wenn alles klappt, sollten sich um dein Unendlichkeitszeichen Ranken bilden. Nur, halte den Kelch fest.“


Ich nicke bloß noch, als ich bemerke, dass Jack wach ist.


Dann fängt Alec schon an zu sprechen. „Oh geliebte Göttin Aeon. Wir bitten dich, verbinde uns als Krieger und Königin, auf dass unser Volk auf ewig beschützt wird und Frieden und Gerechtigkeit bald wieder herrschen können.“ Dann nimmt er den Kelch und ich lege meine Finger über seine. Er trinkt zuerst ein paar Schlucke, ich warte aufgeregt. Alec lächelt mir aufmunternd zu, als ich den Kelch leere. Es ist ein merkwürdiger Geschmack.Leicht bitter und dennoch süß, es erinnert mich an Hustensaft mit einer widerlichen Note von Lakritze.


Plötzlich höre ich wieder diese Stimme. „Oh mein liebes Kind. Eine gute Wahl triffst du mit Alec. Er ist einer meiner klügsten und stärksten Krieger. Auf dass du mein Volk rettest, kleine Ann, Königin meiner Kinder.“


Als die Stimme verstummt, brennt mein Handgelenk. Ich schiele darauf und stelle fest, dass sich Ranken bilden, genauer gesagt, Dornenranken.


Erst jetzt bemerke ich, dass Jack schon am Tor ist. ‚Ann, nein! Tu das ja nicht!‘ Er ist wütend und noch ehe ich ihn sehen kann, verliere ich das Bewusstsein.

 

kapitel 15

Nur langsam komme ich wieder zu Bewusstsein. Ich habe meine Augen noch nicht geöffnet, da höre ich schon die Stimmen von Jack und seinem Vater. „Ann ist MEINE Seelenverwandte, nicht die von Alec!“
Eindeutig, er ist wütend.


„Das wird sie auch bleiben, Jack, jedoch braucht sie Schutz und das nicht von dir. Hätte sie dich als Krieger genommen, welchen Sinn hätte das gehabt? Ihre Gedanken und Gefühle kannst du doch eh schon lesen. Das wäre einfach nur eine Verschwendung gewesen!“ Auch Jacks Vater klingt nicht gerade zufrieden damit, was passiert ist.


„Dad, das weiß ich, aber wie hättest du es gefunden, hätte Mum außer dir noch deinen besten Freund im KOPF?“ Eine Tür wird wütend zugeschlagen.


Ich höre, wie jemand einen Stuhl zum Bett zieht und sich hinsetzt. Ganz vorsichtig und langsam öffne ich die Augen. Das Licht ist grell und ich schließe meine Augen schnell wieder.


„Ann. Gut, dass du wach bist …warte, ich mache das Licht aus.“


Ich höre wie Jack den Stuhl zurück rückt und dann schwungvoll aufsteht. Schnell spüre ich, wie das Licht über mir erlischt. Ich versuche erneut, meine Augen aufzuschlagen und diesmal gelingt es mir. ‚Jack, es tut mir leid.‘
Er nickt nur.


‚Ich hätte es dir sagen sollen, aber ich wusste, du würdest es mir ausreden wollen.‘


„Ja, allerdings, Ann. Weißt du, was das bedeutet? Nein, wahrscheinlich nicht. Du wirst dich verwandeln und Alec wird, genauso wie ich, alles von dir wissen. Was, wenn ...?“ Er verstummt, aber ich weiß, was er meint. Was, wenn ich irgendwann Alec liebe?


Es würde Jack das Herz brechen, immerhin sind wir Seelenverwandte; das heißt doch was, oder?


Nachdem ich mich mit ein paar Stunden Schlaf erholt habe, verlasse ich mein Zimmer. Schnell habe ich mir meine Jacke und meine Schuhe übergezogen und öffne die große Holztür, die mich nach draußen führt.


‚Hey, darf ich mit?‘ Jacks Stimme in meinem Kopf zu haben, ist immer noch ungewohnt, aber jede Minute lernen wir, dem anderen ganze Sätze zu übermitteln und uns abzuschotten.


‚Gerne‘, antworte ich und schon sehe ich, wie jemand an mir vorbeisaust und sich hastig seine Schuhe und Jacke überzieht. So langsam wird es kälter, dass spürt man deutlich.


Lange gehen wir nebeneinander her, ohne was zu sagen, bis Jacks Stimme in meinem Kopf wieder auftaucht: ‚Glaubst du, aus uns könnte etwas werden?‘


Ich lächle leicht, denn er wirkt fast schüchtern. Ein schneller Seitenblick zeigt mir, dass er starr geradeaus blickt.
‚Alles ist möglich.‘ Ich weiß, meine Antwort ist wage, aber sind die Dinge, die wir nicht zu hundert Prozent sicher wissen, nicht die interessantesten? Ich schaue wieder zu ihm und er schaut mich traurig an.


‚Warum hast du Angst, Ann?‘


Ich bin leicht erschrocken, dass er es weiß, dann fallen mir die Worte seines Vaters ein: „Ihr wisst alles von dem anderen.“


Eine gruselige Vorstellung. Ich schaue weg, denn ich sehe nicht nur seine Trauer, sondern ich spüre sie, als wäre sie meine. Anstatt zu antworten, sage ich noch: ‚Tut es weh?‘, obwohl sagen das falsche Wort ist, ich denke es ja nur.


‚Ich würde bei einem Nein lügen, ich denke, ich sollte das nicht tun, also ist meine Antwort Ja. Aber nur beim ersten Mal.‘


Noch spüren wir nicht alles voneinander, aber nach der Verwandlung schon. Dieses Wissen macht mir genauso Angst wie die Verwandlung selber.


‚Wie fühlt es sich an?‘


Jacks Hand schließt sich um meine. ‚Ann, bitte.‘


Ich reiße mich los und bleibe entsetzt stehen. ‚Nichts: Ann, bitte. Ich habe ein Recht es zu wissen.‘


Jack schaut auf den Boden und sagt dann laut „Okay. Wir gehen an den See, ich werde es dir sagen.“


Ich nicke und so machen wir uns auf zum See. Dort angekommen bewirkt die Szenerie, dass ich mich beruhige. Am Ende des Stegs angekommen, schließe ich meine Augen, höre die Grillen zirpen und Wasser plätschern. Dann atme ich einmal tief ein und wieder aus. Ein leichter Duft von Rosen gelangt in meine Nase. Ich bin bereit und so öffne ich meine Augen.


Jack hat sich schon seine Socken und Schuhe ausgezogen und lässt seine Füße im Wasser baumeln. „ Ist das nicht kalt?“


Er lacht. ‚Ich bitte dich, ich bin ein Wolf mit der Gabe des Feuers.‘


Ich muss schmunzeln. Seine Welt, ich vergesse es noch gern, es ist ja jetzt unsere Welt, ist schon eigenartig, aber auch sehr nützlich.


Eilig ziehe ich ebenfalls meine Schuhe und Socken aus und setze mich zu ihm. Leicht skeptisch tauche ich meine Füße in den ruhigen See und tatsächlich, das Wasser ist angenehm warm.
‚Ich habe meinen Ring völlig vergessen‘, fällt mir ein.


Jack lacht. ‚Den brauchst du erst nach der Verwandlung.‘


Ich nicke. ‚So, erzähl mir, was passieren wird.‘


Er schaut betrübt zum See und legt dann seine Hand auf meine. Diese Berührung lässt in meinen Bauch Schmetterlinge aufkommen. „Dir wird schwindelig und wahrscheinlich wirst du umkippen. Du wirst zucken und deinen Körper nicht mehr kontrollieren können. Dann fängt deine Haut an zu brennen und du denkst, sie würde aufreißen. Dann verwandelst du dich.“


Das… klingt einfach nur schrecklich.


„Hey Ann, schau mich an. Ich werde bei dir bleiben, hab keine Angst!“


Ich versuche, optimistisch an die Sache ran zu gehen: ich vertraue Jacks Worten. Denn ich mag ihn, nein, das stimmt nicht, es ist mehr zwischen uns als Sympathie. Ich schaue auf mein Handgelenk und ein Lächeln kommt auf meine Lippen. Hier zu sein, fühlt sich so richtig an, ich fühle mich wohl und zuhause.

kapitel 16

Ich lasse meinen Gedanken freien Lauf, während ich auf der Fensterbank in meinem Zimmer bei den Demonts sitze. Mein ganzer Körper schreit, genauso wie meine Gedanken, nur eins: Furcht und Angst.


Was, wenn die Schmerzen unerträglich würden? Immerhin war ich völlig isoliert von anderen Gestaltenwandlern aufgewachsen, dadurch, so sagte mir Mr Demont, würde es für mich anstrengend werden, meine Chara zu finden, in der Nacht.


Ja, vor einer halben Stunde habe ich noch bei Mr Demont gesessen und er hat mir jegliche Hoffnungen genommen, dass es diese Nacht ein Kinderspiel werden würde. Natürlich hat er nichts mehr gegen mich. Immerhin bin ich die rechtmäßige Thronerbin und damit die Hoffnung von meinem Land, aber trotzdem missbilligt er den Bund mit Jack und dass ich nun auch noch einen Bund mit seinem älteren Sohn Alec habe, macht die ganze Situation auch nicht besser.


Ich lasse meinen Kopf gegen die Fensterglasscheibe sinken, sie ist kühl und für einen Moment glaube ich, einen Schatten vor meinem Fenster zu sehen. Panik steigt in mir auf.


„Ann?“


Mein Herz erschreckt sich so sehr, dass ich beinahe von der Fensterbank falle. Ich drehe mich wütend um, als ich in Alec sorgenvolles Gesicht sehe. „Ja, Alec?“


Zu sehen, dass es nicht, wie erwartet, Jack ist, trübt meine Stimmung ein bisschen, jedoch schiebe ich den Gedanken schnell weg.


„Ich spürte deine Panik und wollte nach dem Rechten schauen.“


Natürlich, er war mein Krieger. Damit spürte er meine Gefühle.


„Ja, ich dachte nur, ich hätte einen Schatten gesehen, aber ich glaube, ich habe mich nur verguckt.“
Er schaut mich leicht lächelnd an. „Ann, hier in diesem Haus bist du sicher. Das Schild ist oben, außerdem sind Jack und ich auch noch da.“


Ich nicke. Ich mache mir viel zu viele Sorgen. Mal wieder.


Ich lehne den Kopf wieder ans Fenster als meine Ohren rauschen und meine Sicht verschwimmt.


Kurze Zeit später erblicke ich meine tote Schwester. Rose, meine geliebte Schwester, steht in einem Raum, der mir völlig unbekannt ist. Sie schreibt einen Zettel und legt ihn in eine alte Holzkiste, wo bereits ein dickes Buch und mehrere lose Blätter liegen. Sie nimmt die Holzkiste und verstaut sie in einer Schublade. Und als wäre es nicht schwierig genug, den Raums zu finden: nein! Sie nimmt dann auch noch den Schlüssel und verlässt damit den Raum, dabei sagt sie: „Oh Ann, es tut mir leid, aber bitte finde den Schlüssel und die Kiste, es ist wichtig!“


Und schon liege ich wieder mit rauschenden Ohren auf dem Laubboden, halt nein, ich liege auf einer Wiese.
Leicht irritiert drehe ich mich zur Seite und öffne die Augen. Ich liege vor dem Tor zum Rosengarten. Was bedeutet das nur? Und hat es überhaupt eine Bedeutung? Alec und Jack stehen, besser gesagt knien neben mir. „Alles gut, Ann?“, fragt Jack mich.


Ich bringe gerade mal ein Nicken zustande, denn ich bin erschöpft.


„Ich weiß, dass es nicht stimmt, Ann. Lüg mich nicht an, du kannst mir vertrauen.“


Das meinte Mr Demont also mit allem. Ich seufze; so sehr ich will, ich kann noch nicht über meine Schwester reden, es ist einfach noch zu frisch.


„Ich friere.“ Ich schaue zu Alec und dann zu Jack. Keiner glaubt mir, dass ich deswegen so aussehe. Ja, wie sehe ich aus? Ich weiß es nicht, vielleicht traurig? Ich schiebe den Gedanken zu Seite.


„Warum liege ich immer auf dem Rücken vor dem Haus oder jetzt hier vor dem Tor zum Rosengarten?“


Jack hilft mir hoch und drückt mich sachte an sich, damit mir nicht kalt wird. Alec beantwortet meine Frage. „Ein Flashback kommt nicht, wann du es willst, sondern die Geister der Toten. Deine Gabe ist es, ihre stillen Hilferufe zu sehen, damit das klappt, musst du an einen Ort, der eine emotionale Bindung zu dem Toten hatte. Das passiert nur vor deiner Verwandlung, danach wirst du nicht mehr an anderen Orten aufwachen. Jedoch ist es seltsam, dass es schon zwei Orte bei dir sind. Das heißt, mehre Geister reden mit dir, normalerweise ist das vor der Verwandlung gar nicht möglich“, er scheint verwundert.


„Was hast du denn gesehen?“, fragt Jack an meiner Seite, während wir ins Haus gehen.


„Nichts was wichtig wäre“, ich versperre meine Gedanken. Das kann ich nur, weil ich das Element Geist besitze. Noch ist es anstrengend, aber nach dieser Nacht sollte sich alles ändern.


Langsam gehen wir in Richtung des Hauses, bis auf einmal ein Schmerz durch meinen Körper geht. Dieser lässt mich auf der Wiese zusammenbrechen und laut und voller Schmerzen aufschreien. Es ist so weit, ist in dem Moment mein einziger Gedanke.

Kapitel 17

Ich schreie mir die Seele aus dem Leib. Ich bekomme kaum Luft. Nach mehreren Versuchen drehe ich mich auf den Rücken. Aufkeuchend versuche ich, meine Augen zu öffnen, doch meine Tränen lassen alles verschwimmen. Meine Hand fährt zu meinem Kopf, als es sich plötzlich anfühlt, als würde ein Eisstrahl durch meinen Kopf gehen. Obwohl ich schwitze ist mir so kalt wie noch nie. Und wieder geht ein Stoß durch meinen Körper, als hätte ich in eine Steckdose gefasst. Ich schreie auf. Wo ist Jack?


„Jack…“ Ich muss husten und noch mehr Tränen finden ihren Weg über meine Wangen.


Plötzlich berührt mich eine Hand an der Schulter, es fühlt sich an, als würde ich dort brennen. Und so zucke ich einfach nur zusammen. Ich weine und schreie, doch der Schmerz lässt nicht nach. Warum ich?


‚Ann, ich kann dich nicht berühren. Ich kann nicht mit dir reden. Ich spüre deinen Schmerz.‘


Wie auf das Wort hin, durchfährt mich eine neue Welle von Schmerzen. Ich habe das Gefühl, meine Knochen brechen.


‚Ann, hör mir zu. Konzentriere dich auf mich! Ich bin hier, hier bei dir.‘


Ich habe das Gefühl, dass meine Haut aufreißt und schreie auf. ‚Bitte, Ann…‘, weint er.


Auf einmal lassen die Schmerzen nach. ‚Ann, ich liebe dich. Bitte verlass mich nicht.‘


Warum sollte ich ihn verlassen? „Jack …ich… liebe…dddich.“


In meinem Mund schmecke ich Blut und atmen wird schwerer. Ich kann mich nicht bewegen. Die Schmerzen werden wieder unerträglich und ich schreie und schreie… wie lange liege ich hier schon?! Eine Stunde oder vielleicht doch schon fünf? Inzwischen habe ich jegliches Zeitgefühl verloren. Jacks Stimme ist auf einmal verstummt und ich gerate in Panik. ‚Jack?!‘


Wo ist er? Was ist los? Erneut überrollen mich die Schmerzen und mein ganzer Körper wird steif. Ich liege krampfend auf Wiese. Ich röchle nur noch und spucke Blut. Meine Klamotten kleben vor lauter Schweiß an meinem Körper. Meine Fingernägel sind abgebrochen, weil ich mich so in den Boden kralle. Meine Tränen laufen und laufen unaufhörlich. Meine Ohren sind wie betäubt und die Panik lässt mich nicht los, sodass ich wieder und wieder schreie. Warum hilft mir niemand?


Völlig unerwartet brennt meine Haut. Die Qual steigert sich weiter, doch mein Körper verändert sich. Ich spüre es nun ganz deutlich.


Aus meinen Zehen werden Krallen, meine Nase wird zu einem Schnabel und aus meinen Armen werden Flügel. Mir wachsen weiße Federn mit ein paar braunen Flecken. Und plötzlich fühle ich mich, als würde ich explodieren und aus einem Menschen wird eine Eule. Ich steige sofort in die Lüfte und fliege. Die Luft streicht durch meine Federn. Ich fühle mich frei und lebendig.


‚Ann.‘


Ich schaue herunter und sehe einen liegenden Jungen. Er schwitzt und sieht völlig fertig aus. Er ist blass und seine Stimme hört sich sehr schwach an. Ich beschließe, zu ihm zu fliegen. Ich lande vor ihm und schaue ihn an. ‚Ann! Du bist wunderschön!‘


Er hebt seine Hand und streichelt mir über die Federn. Und plötzlich schreit alles in meinen Körper: Jack, Gefährte!


‚Verwandele dich.‘


Und ich sehe wie aus Jack ein Wolf wird. Seine Ohren werden lang und spitz, seine Hände und Füße werden zu Pfoten und er bekommt ein dickes weißes Fell, vereinzelt sind braune und graue Flecken darauf zu erkennen. Hell und freundlich und voller Liebe steht er vor mir. Ich steige wieder in die Lüfte und fliege hoch in den Himmel. Der Wolf folgt mir. Doch das beachte ich nur am Rande. Ich fliege und fliege immer weiter. Die Nacht ist noch dunkel, aber die Luft ist frisch und ich fühle mich unglaublich frei. Die kalte Luft umströmt mich, sodass ich ans Feuer denke und es mir unwillkürlich wärmer wird.


‚Ann, flieg nicht so hoch. Die Wirkung lässt beim ersten Mal schnell nach.‘


Doch ich will nicht auf ihn hören, sondern möchte hier oben sein. Ich schaue hinunter und obwohl es Nacht ist, sehe ich alles ganz genau. Da unten steht ein Wolf, ein Bär, er hat dickes dunkelbraunes Fell und seine Tatzen sind erstaunlich groß, ein kleiner Junge blonder Junge und ein Mädchen. Alle schauen zu mir auf und ich schließe die Augen. Dann höre ich wie in der Nähe Wasser plätschert und ein knisterndes Feuer, sowie einen Uhu, der nach seinen Kindern ruft. Auf einmal wird mir schwindelig und ich beschließe wieder zu landen. Doch es ist zu spät.


Noch im Flug verwandele ich mich zurück und falle. Ich habe keinerlei Kraft mehr. Nicht mal, um zu schreien. Und schon packen mich zwei starke Arme.


‚Ich habe dir doch gesagt, du sollst nicht so hoch fliegen.‘ Er ist leicht sauer und gleichzeitig besorgt.


„Ann, was ist los?“


Ich schaue zu dem Jungen, der mich sachte auf dem Boden legt. Es ist Jack und hinter ihm steht Elli, welche fragt, was los ist. Sie sieht traurig und entsetzt aus. Mir wird übel. Jack merkt das sofort, dreht mich zu Seite, hebt mich an und hält mir die Haare aus dem Gesicht. „Elli, geh rein, hol Dad und ihren Ring, sofort!“ Er schreit. Ist er wütend?


Als ich fertig bin und mein ganzer Mageninhalt auf dem Rasen liegt, dreht er mich sachte zurück in seine starken und warmen Arme. ‚Alles wird gut.‘ Er streichelt mir über die Wange.


‚Ich bin so müde.‘


Er schaut mir in die Augen. ‚Dann schlaf, mein Engel.‘ Sanft streicht er mir mein Haar aus dem Gesicht.


‚Nein, ich kann nicht.‘


Irritiert runzelt er die Stirn. ‚Warum?‘, fragt er dann.


‚Komm näher.‘ Er beugt sich runter und als er nur noch wenige Zentimeter von mir entfernt ist, komme ich ihm entgegen. Mein ganzer Körper schmerzt, doch dann schließe ich die Augen und fühle, wie seine weichen Lippen auf meine treffen. Erst scheint Jack überrascht, doch dann erwidert er den Kuss. Der Kuss ist so unschuldig und weich, dass man ihn mit Zuckerwatte vergleichen könnte, doch dieser Kuss löst ein Zittern in mir aus. Daraufhin überfällt mich ein schönes Kribbeln ich habe das Gefühl als würde mich das pure Glück durchströmen.


Viel zu schnell trennen wir uns, aber unsere Blicke bleiben fest aufeinander gerichtet, auch als Elli mit ihrem Vater kommt und mir den Ring ansteckt. Dieser löst in mir eine Wärme und Wohlgefühl aus, aber das ist nichts im Vergleich zu dem Kuss.


Langsam kann ich meine Augen nicht mehr offenhalten. Immer wieder fallen sie zu. Irgendwann bekomme ich sie nicht wieder auf. Zwei starke Arme heben mich hoch ‚Ich liebe dich, Jack.‘


Und noch bevor der Schlaf mich ganz überrollt, damit mein Körper sich erholen kann, höre ich diese Worte: ‚Ich liebe dich auch, Königin Ann, Retterin der Charan und schönste Eule, die ich je gesehen habe.‘
Eule also? Hm, damit kann ich leben.

Teil 3/ kapitel 18

Die Erfahrung lehrt uns, dass Liebe nicht darin besteht, dass man einander ansieht,
sondern dass man gemeinsam in gleicher Richtung blickt.
-Antoine de Saint-Exupery

 

Ich spüre ein Schütteln an meiner Schulter. Wer oder was ist das bitte? Darf man sich denn hier nicht mal ausruhen?! Ich drehe mich genervt weg und tatsächlich, das Schütteln hört auf. Zufrieden seufze ich und kuschle mich wieder in das samtweiche Kissen. Plötzlich reißt mir jemand meine Decke weg. Flink drehe ich mich um und packe die Person an beiden Armen und drehe mich auf sie, so dass ich auf einem sehr muskulösen Bauch sitze. Ich gähne und blinzle mit den Augen. Ich sehe, dass es Jack ist und muss automatisch lächeln, als ich seinen geschockten Gesichtsausdruck sehe. ‚Na, damit hast du wohl nicht gerechnet?‘ Innerlich lache ich.
Jack fängt sich wieder. ‚Man sagte mir, dass du stark sein wirst, aber das übertrifft meine Erwartungen.‘
Ich schaue in seine tiefen braunen Augen und sehe den goldenen Schimmer. Mein Herz hat angefangen zu rasen, hoffentlich hört er das nicht.


‚Naja, auf jeden Fall sollte ich dich wecken. Hinter dem Bad ist ein Kleiderschrank. Er gehört dir und vergiss deinen Ring nicht, meine Süße. Ich will nicht in der Schule erklären müssen, warum da plötzlich eine Eule herumfliege.‘ Er grinst mich verführerisch an.


‚Oh, das wäre wirklich doof.‘


Wir kamen uns näher, doch kurz bevor sich unsere Lippen treffen konnten, wurde die Tür lautstark aufgerissen. ‚Alles okay, Ann? Eure Emotionen sind so aufgedreht.‘


Alec! Wenn ich den Typen in die Finger bekomme...


Ich seufze und rolle mich elegant von Jack runter. Erst jetzt bemerke ich, dass ich nur meinen Spitzen-BH und einen Slip trage. Beide Jungs starren mich an. „Das gibt es doch nicht. Glotzt gefälligst woandershin und wir beide, Alec, müssen nachher mal ein Wörtchen reden!“


Ich bin leicht angepisst und verschwinde ins Bad, bevor das Geglotze noch weiter geht.


Das Bad ist so edel wie der Rest des Hauses. Ich gehe zum Spiegel und betrachte mich darin. Ich sehe aus wie immer –naja, nicht ganz, ich strahle.


Ob es daran liegt, mich endlich gefunden zu haben oder an Jack, kann ich dabei aber nicht sagen. Als ich genauer schaue, sehe ich meinen Schimmer in den Augen, doch dieser ist Silberblau. Da werde ich gleich mal nach fragen, aber zuerst eine Dusche.


Entschlossen stelle ich mich unter den lauwarmen Wasserstrahl und genieße die Ruhe. Nachdem ich ein Handtuch um mich gewickelt habe, gehe ich durch die Tür, die direkt in einen begehbaren Kleiderschrank führt. War ja irgendwie klar, oder?


Ich grinse bei dem Anblick und gehe zu einer Stange mit Kleidern. Elli hat sie ausgesucht, da bin ich mir sicher. Ich grinse und ziehe ein rotes, luftiges Kleid heraus. Ich bewundere es gerade, als ich ein Blaues dahinter entdecke. Es ist hellblau, luftig und fließend. Oben am Busen hat es leichte silberne Verzierungen. Es ist ein Traum und passt perfekt zu meinem Augenschimmer.


Schnell schlüpfe ich dort hinein. Noch weiße Schuhe dazu und meinen silbernen Ring. Roses Ring lasse ich liegen. Er ist golden und passt nicht mehr zu mir. Leichtes Make-up, die Haare leicht wellig geföhnt und ich bin bereit für mein neues Leben.


Ich komme an dem großen Esstisch an. Der Boden und die Wände sind sehr hell, nur der dunkle und massive Tisch und seine Stühle stehen hier im Raum. Es sitzen schon alle am Tisch. Als ich den Raum betrete, hören die Gespräche auf und es wird ruhig. Sie starren mich an.


„Was ist denn?“, frage ich verwirrt.


Mr Demont fängt sich als erster. „Deine Ausstrahlung ist sehr mächtig. Deine Augen schimmern Silberblau und in deinem Haar hat sich eine blaue Strähne gefunden, zudem dein Tattoo am Handgelenk. Du wirkst mächtig und reif.“


Damit habe ich nicht gerechnet. „Ich habe eine Frage: warum schimmern meine Augen silberblau? Die von Alec, Jack und Ihnen leuchten Golden.“


Er nickt. „Das ist richtig. Jedoch ist es mir selber ein Rätsel, warum deine Augen so leuchten. Bis jetzt hatte das nur Aeon selber.“


Na toll, selbst hier in dieser Welt bin ich ein Freak.

 

Eine halbe Stunde später sitze ich in Alecs Wagen. Zusammen mit Elli auf der Rückbank.


„Es ist besser, wenn du die ersten Tage bei uns in der Nähe bist. Deine Macht musst du erst lernen zu kontrollieren, Ann.“


Jack instruiert mich gerade. Tausend Sachen sagt er, wie zum Beispiel, ich soll mich in der Schule von ihm und Alec abblocken. Hier sollten wir möglichst normal sein.


„Super Idee, Jack. Kleiner Einwurf: Wenn ich zwei abblocke und das, wo ich es erst so halb kann, erleide ich schneller als ich ‚Nein, blockiert‘ sagen kann, einen Zusammenbruch.“


Alec und Elli lachen leicht, sie versuchen es zu unterdrücken, aber es gelingt ihnen mehr schlecht als recht.


„Sie hat Recht, Bruderherz“, sagt Alec dann.


„Na gut, dann blockier nur Alec.“


Jack wirft seinem Bruder einen vielsagenden Blick zu. Jack ist immer noch sauer, dass Alec mein Krieger ist.


„Warum sollte sie das? Da draußen lauern Gefahren und du bist viel zu benebelt, um sie zu beschützen.“


Ich nahm mir vor, zu üben und doch beide zu blockieren. Das Gespräch nervte mich. Die Brüder hatten schon eine kleine Diskussion über mich am Esstisch.


Ich schaue mich auf dem Parkplatz um, auf den wir gerade auffahren. Mein Blick fällt auf einen schwarzhaarigen Jungen. „Das ist Kylen Pries. Ist er nicht scharf? Ich kenne ihn seit der Grundschule, leider ein Mensch.“


Ich höre, dass Elli sehr enttäuscht darüber ist.


„Spürt ihr das etwa?“ Ich bin erstaunt, löse meinen Blick aber nicht von Kylen. „Nicht direkt, aber nach der langen Zeit hätte ich das bemerkt und mich an ihn rangemacht.“


Ich lache auf und schaue sie an. „Elli, du bist die Beste.“ Wir lachen beide. Als ich mich beruhigt habe, frage ich: „Warum kenne ich ihn noch nicht?“


Elli beruhigt sich auch. „Weil er zusammen mit seinem Cousin Jessy bei seinem Vater war. Sie hatten so eine Sondergenehmigung. Da!“ Sie zeigt aus dem Fenster „Kylen ist der Schwarzhaarige, der Blonde ist Jessy. Die anderen fünf sind seine ‚Gang‘: Max, Luis, Tiger, Issy und Luka. Sie sind in deiner Stufe.“


Sie himmelt die ja förmlich an.


Da dreht sich Kylen zu uns um und lächelt uns zu.


„Oh mein Gott, wie peinlich.“ Elli wendet sich ab, aber ich kann nicht widerstehen und lächele zurück. Moment mal, was ist mit mir los, ich will Jack küssen und er ist schon eifersüchtig auf Alec. Ich lächele bestimmt nicht noch Fremden zu. Also drehe ich mich weg.

 

kapitel 19

Ich gehe den Schulflur entlang und spüre die Blicke, die auf mir liegen, spüre die Wirkung, die ich auf Jungs habe. Immer wieder huscht mir ein Grinsen auf die Lippen, denn ich besuche die Schule schon seit knapp zweieinhalb Monaten, doch niemand hat mich bis jetzt bemerkt… die Demonts mal ausgenommen.


Nun ist es offensichtlich, mein Ich ist ein anderes geworden. Eine Nacht hat mein ganzes Leben verändert. Ich fühle mich stark und mächtig, das lässt mein Selbstbewusstsein steigen.


„Wow, Ann. Ich habe das Gefühl, jeder Junge hier im Flur starrt dich an.“


Ich werfe Elli einen Blick zu und lächle kurz. „Kann schon sein.“


Wieder müssen wir beide lachen. „Komm wir gehen zu den Jungs in die Mensa, ist ja schon Mittagspause.“ Sie hat recht, die Zeit ist wie im Flug vergangen. So willige ich ein und wir betreten die Mensa, ein trostloser Raum eigentlich, doch die Menschenmassen, die sich hier tummeln, um sich schlechtes Essen zu holen oder ihr eigens mitgebrachtes Essen zu essen, machen es lebendiger.


Irgendwie lachen alle und strahlen Glück aus. Schnell entdecken wir Alec und Jack, die zusammen mit ein, zwei anderen Jungs dort sitzen. Natürlich ist dieser Kylen auch mit von der Partie.


Ich setze mein Lächeln auf und begebe mich zum Tisch, zusammen mit Elli. „Hey, Jungs“, sagt Elli fröhlich, als wir am Tisch ankommen. Sofort machen die Jungs Platz für uns.


„Und wer ist die schöne Dame?“, fragt eine tiefe und sehr melodische Stimme.


Ich suche nach dem Jungen dem sie gehört. Es ist Kylen. „Hey, ich bin Ann“, sage ich.


Sein Blick fesselt mich einige Sekunden zu lange, doch niemand scheint es bemerkt zu haben, außer mir und Kylen natürlich.


Ich nehme meine Tasche und suche verwirrt darin rum. „Suchst du etwas?“


Jack lacht und so schaue ich wieder auf. Da hält er meine Butterbrotbox in der Hand.


„Jack, das ist nicht witzig!“ Ich reiße ihm meine Box aus der Hand.


„Was denn, du hast sie vergessen, so habe ich sie nur für dich eingesteckt, meine Königin.“


Oh nein, nicht schon wieder der Witz. „Jack, hör auf, das ist nicht witzig.“


In Gedanken füge ich noch hinzu: ‚So finden mich alle schneller als mir lieb ist.‘


Auch Jack scheint zu bemerken, dass es böse Folgen haben könnte. ‚Sorry, Ann. Ich habe nicht nachgedacht.‘
Und das aus dem Mund, naja eher Gedanken, von Jack. Ein kleiner Sieg für mich. Ich lächele zufrieden und richte dann meine Aufmerksamkeit auf mein Essen. Käsetoast mit Tomaten.


„Und, Ann, wie findest unser kleine Stadt denn bis jetzt so?“


Ich habe gerade einmal in mein Toast gebissen als Kylen mich fragt. Ich schlucke mein Essen runter und sage dann: „Es ist sehr schön hier. Es gibt viele schöne Orte, die man malen kann und die Leute sind auch ganz okay.“ Dabei wandert mein Blick zu Jack, der abwehrend seine Hände hochhält.


„Du hast dich gleich am ersten Tag vor mir ausgezogen.“


Alle lachen und ich frage mich wieder einmal, wie Jack so ein guter Schauspieler geworden ist. Zu Hause brav und hier der reinste Macho. Ich werfe in einem drohenden Blick zu. ‚Das wirst du bereuen, Jack.‘

 

Die Pause hat Spaß gemacht. Ich habe ausgelassen mit allen reden und lachen können, zudem haben Jack und ich uns ständig geärgert, was besonders Spaß gemacht hat. Nun sitze ich still in Jacks Wagen, der mich nach Hause bringt. ‚Am besten, du gönnst dir heute ein bisschen Ruhe.‘
Da ist der brave Jack wieder.


‚Ich würde gerne, aber leider wollen mich ein paar Leute tot sehen.‘


Jack lacht. ‚Keine Angst, wir passen auf dich auf, Ann. Auf dich und deine Familie. Gönne deinem Körper und deinem Geist ein bisschen Ruhe. Ab morgen wirst du Unterricht bekommen.‘


Ich atme tief ein und aus. ‚Okay. Wie soll ich meinen Eltern eigentlich erklären, dass ich so oft bei euch bin?‘


Diese Frage begleitete mich schon das ganze Wochenende. ‚Sag ihnen, mein Vater wäre dein Onkel.‘


Ich sollte meinen Eltern erzählen, ich würde zu ihrer Familie gehören? ‚Beruhige dich, Ann. Es ist das Beste für sie.‘


Ich nicke stumm.


‚Alles okay, Ann?‘ Alecs Stimme hat mir gerade noch gefehlt.


‚Alles bestens‘, antworte ich.


„Was bist du denn jetzt so zickig?“, fragt Jack laut neben mir.


„Das war nur an Alec, keine Angst.“ Ich muss echt dringend üben, da wird man ja verrückt bei den beiden. Denn obwohl Jack strikt meinte, dass es keine Gedanken austausche in der Schule geben sollte, war es heute ständig passiert. Immer wieder gab ich Jack eine Antwort, die für Alec war und andersherum.


Jack lachte neben mir.


Kurz darauf hielt der Wagen in der Einfahrt meiner Eltern.


„Danke, Jack.“ Ich gebe ihm einen leichten Kuss auf die Wange und steige aus.

 

Ich habe den Tag mit meinen Eltern verbracht und ihnen wirklich glaubwürdig erzählt, dass die Demonts mit mir verwandt sind. Da wusste ich plötzlich, warum Jack so ein guter Schauspieler ist. Daraufhin wollten meine Eltern sie unbedingt kennen lernen. Also vereinbarten Mr Demont und ich, dass wir Freitagabend zu ihnen kommen sollten, um zusammen zu speisen, wie er es so schön altmodisch formulierte. Danach hatte ich viel gemalt und war früh duschen gegangen und habe mich dann in mein Bett gekuschelt. Ich betrachte gerade meinen Ring, als plötzlich meine Ohren zu rauschen beginnen.

 

Als meine Sicht wieder klar ist, kann ich sehen, wie meine Eltern als sie noch sehr jung waren, ich schätze um die fünfzehn Jahre, am mir bekannten See stehen.


„Ich habe mich in dich verliebt, Samantha“


Sie nimmt seine Hand und schaut traurig auf das Wasser. „Ich bin ein Mensch, John, ich kann nicht in deine Welt und du nicht in meine.“


Ein Mensch? Wie geht das? Sie hat sich doch verwandelt?


„Ich habe eine Lösung gefunden. Wir brauchen nur die Hilfe der mächtigen Tredecim.“


Vater legt sein Hand unter das Kinn meiner Mutter und dreht den Kopf zu sich. „Wir schaffen das.“


Dann senkt er seinen Kopf, bis die beiden einen innigen Kuss teilen. Und wider rauschen meine Ohren.

 

Ich liege hellwach in meinem Bett. Meine Mutter ein Mensch? Plötzlich vernehme ich ein Geräusch.


‚Ruhig Ann, ich bin es nur, Jack.‘


Puh, zum Glück.


‚Alec und ich halten heute Nacht Wache, du kannst beruhigt schlafen.‘


Klar, besonders weil mein Krieger und mein Verehrer da draußen sind und getötet werden könnten. Da bin ich immer total ruhig.


‚Ich hatte einen Flashback‘, antwortete ich stattdessen an beide gerichtet.


‚Morgen, Ann. Ruh dich aus‘, sagt jetzt Alec.


Na super, jetzt hatte ich zwei wild gewordene Teenager an meiner Seite, die Nanny spielen wollten. Doch ich bin wirklich müde und so lege mich hin und ruhe mich aus.

 

kapitel 20

Auch am nächsten Tag ist meine Wirkung auf Jungs unverändert. Außerdem habe ich heute das perfekte Outfit gefunden. Ich stehe an meinem Schließfach und hole für die nächste Mathestunde meine Sachen.


‚Na, meine Königin.‘


Lächelnd drehe ich mich zu Jack um. „Hey.“


Auch er lächelt und umarmt mich fest. „Du kommst heute nach der Schule mit zu uns, oder?“


Ich nicke. Er schaut auf mein sommerliches, seidenes Kleid und meine Leggins. Sein Blick mustert mich von oben bis unten. ‚Nicht, dass du darin nicht total heiß aussehen würdest, aber hast du Sportsachen dabei?‘
Ich verneine.


‚Naja, hast bei uns ja eh einen ganzen Kleiderschrank voll.‘


Ich lache herzlich und Jack stimmt mit ein. Es klingelt, ich beruhige mich, schnappe mir meine Sachen und gehe, doch Jack bleibt stehen.


‚Na komm, wir haben Mathe.‘


Er schaut wütend, dann schüttelt er den Kopf und folgt mir mit einem Lächeln. ‚Wie Ihr wollt, Königin.‘


Da er den Spaß nicht laut machen darf, hat er noch heute Morgen beim Abholen beschlossen, wir dürften doch Gedanken austauschen in der Schule. Dieser Blödmann! Dafür gibt es noch gewaltig Rache.


Wir kommen in die Klasse, natürlich zu spät. „Ach, Miss Lowery und Mr Demont, könnten Sie das nächste Mal vielleicht pünktlich kommen?“


Ich nicke.


„Wir waren leider verhindert“, sagt Jack neben mir und das ganz schön zweideutig.


Ich setze mein süßestes Lächeln auf. ‚Warte nur, bis ich dich heute Nachmittag fertigmache, Mr Demont!‘
Auch er grinst: ‚Gerne, Miss Lowery.‘


Er ist doch ein totaler Macho.


‚War er schon immer‘, meldete sich Alec mal wieder. Ich kann mir einen Lacher nicht verkneifen und gehe mit mehreren Augenpaaren, die mich fest im Blick haben, auf meinen Platz zu. Was ein Wunder, Kylen sitzt genau da. „Äh, dies ist mein Platz.“


Der Lehrer dreht sich wieder um „Mr Pries muss einiges aufholen, daher dachte ich, setze ich ihn neben die beiden Besten, also setzen sie sich doch bitte einen Platz weiter, Ms Lowery!“


Ich rolle mit den Augen. Dass der einen immer Siezen muss. ‚Alter englischer Dreckssack!‘


Jack grinst breiter und so lassen wir uns mit Kylen in der Mitte nieder. In der Stunde fragt Kylen tausendmal irgendetwas nach. Er nervt, doch irgendwie fragt er auch nur mich.


Als endlich die Doppelstunde vorbei ist, wartet Elli schon vor unserem Raum. „Na, ihr Süßen.“ Sie zwinkert ihrem Bruder zu und umarmt mich dann. Als Kylen aus der Klasse stürmt und mich „Zufällig“ berührt, ziehe meine Hand schnell weg, denn ein Kribbeln bildet sich deutlich. ‚Silber‘ haucht eine Stimme in meinem Kopf.


Ich schüttele den Kopf und bemerke, dass Jack in ein Gespräch mit Elli verwickelt ist. Zum Glück, den Elli schmachtet Kylen hinterher und auch Jack ist gerade vollkommen abgelenkt, sonst würde er sich nur wieder unnötig Sorgen machen.


Wir machen uns auf den Weg.

 

Die restliche Zeit war wieder schnell vergangen. Kylen und seine ‚Hündchen‘, wie ich sie heimlich getauft hatte, waren bei strömenden Regen in der Pause rausgegangen. Und so waren sie in der Pause unter sich. Doch ich konnte immer noch nicht über meinen Flashback reden.


Leider aber jetzt, wo ich endlich in dem Büro von Mr Demont sitze.


Ich habe gerade eine Stunde Geschichte hinter mir und soll jetzt Selbstverteidigung üben. Dafür würden wir den Raum wechseln, doch eine Frage brennt mir auf der Zunge: „Mr Demont, wer sind die Tredecim?“


Mr Demont ist offenbar erschrocken, denn sein Buch fällt ihm aus der Hand. „Dafür müssen wir noch einige Sachen vorher durchgehen“, sagt er streng. „Kann es sein, dass Menschen…“


Er dreht sich um. „Menschen? Ja, was ist mit ihnen, Ann?“


‚Nein.‘ Da ist die Stimme wieder.


„Ach, nicht so wichtig“, sage ich schnell. Oh Mann, wo bin ich denn hier gelandet?


Ich stehe in der „Turnhalle“, was ein Witz ist, denn diese Turnhalle ist vielmehr ein Metallbunker in groß. „Wie ich sehe, hast du dich umgezogen.“


Jack taucht neben mir auf. ‚So siehst du noch heißer aus.‘


„Jack, bitte.“


Er lacht nur. Auch Alec betritt den Raum. „Na, ihr Turteltauben?“


Ich schenke ihm einen bösen Blick und auch Alec lacht. Diese Jungs treiben mich in den Wahnsinn. Ich werfe meine Arme theatralisch in die Luft und schreie. „Warum nur ich?“


Die Tür geht wieder auf und zu. „So, jetzt kommt mal her, ihr Hosenscheißer.“


Alle drehen sich um und schauen verwirrt zu einem Typen, welcher ganz in schwarz gekleidet ist und bedrohlich aussieht. „Also, Ann, da deine Kräfte noch geweckt werden müssen, geh in den Kreis.“


Ich drehe mich um, entdecke nur einen blauen Kreis und gehe genau darauf zu.


„Interessant, sie hat einen anderen als wir.“


In der Mitte bleibe ich stehen. „Nichts für ungut, aber wer sind Sie?“


Er nimmt seine Kapuze ab und ich erwartete schon fast ein Narbengesicht oder so, aber vor mir steht mein Hausmeister. „Ein Hausmeister?“, frage ich verwirrt und Jack und Alec lachen.


„Ich bin oberster Krieger, meine Königin.“


Oh Mist, Krieger sind in unserer Gesellschaft sehr weit oben, besser gesagt kommen sie nach der Königslinie.
„Sorry“, murmele ich schnell.


„So, da wir das geklärt haben, ich bin Eden, euer neuer Meister und ich trainiere euch und eure Gaben. So, Ann, setze dich in die Mitte, schließe die Augen und lege deine Hände mit den Handflächen auf deine Knie. Schaue nach oben.“


Ich tue was Eden sagt, da er mir ein bisschen Angst einjagt.


„Entspanne dich und handele instinktiv, öffne nicht deine Augen!“


Ich mache es mir bequem. ‚Ignis.‘ Es kitzelt in meinen Händen und ich spüre wie die Flammen aus meinen Händen schlagen.


‚Aqua‘ und schon sprühen kleine Wassertropfen aus meinen Händen.


‚Terra.‘ Die Erde fängt an zu beben.


‚Aer‘ und kleine Tornados bilden sich auf meinen Händen.


‚Animus‘, ich schlage schockiert meine Augen auf.


„Fuck, Mann!“


Alec und Jack kommen auf mich zu, ich lege mich auf den Rücken. „Hätten Sie mich nicht vorwarnen können?! Ich wollte nicht sehen, wie man Ihre Frau getötet hat!“


Edens Augen verengen sich. „Du bist gut, Königin. Das hätte alles erst nach einem Jahr intensiven Trainings passieren dürfen.“


Ich schließe meine Augen. „Na und? Dann bin ich halt gut.“


Jack hilft mir hoch, als ich wieder meine Augen öffne. „Oder Sie sind eine Schwindlerin.“


Was glaubt der, wer er ist?!


„Ann, beruhige dich, Eden ist nicht dein Feind“, flüstert mir Jack zu, doch meine Hände bleiben Fäuste.


‚Ann, hör mir zu.‘ Jack versucht, zu mir durchzudringen, aber ich blocke ab.


„Was ist nun?“, sagt Eden provozierend.


Ich schließe meine Augen und stärke meinen Geist und meine Sinne und schon höre ich besser als jeder Mensch, denn ich bin eine Eule, zumindest gerade im Geist. Ich greife ihn an, mit meinen Flammen und renne auf ihn zu.


Als sich nach einigen Minuten Alec und Jack einmischen und Eden und mich auseinander reißen, öffne ich die Augen wieder. Eden ist in keiner guten Verfassung. Was hat mich da bitte nur geritten?


„Nicht schlecht, Kleine. Du bist eindeutig eine Königin.“ Und schon lachte er. „Das war ein Test, sehr gut reagiert, eine wahre Kämpferin, ohne dass sie Stärke besitzen muss.“


Seine Verletzungen heilen schnell, noch so ein Vorteil wenn man ein Chara ist.


Völlig erschöpft bringt Jack mich nach Hause. ‚Du siehst müde aus.‘


Ich lehne mich an die Fensterscheibe. ‚Bin ich auch, das Training war anstrengend.‘


Jack lachte. ‚Du bist echt ein Naturtalent, selbst Eden hätte damit nicht gerechnet und er ist schon Hundertsieben!‘


Ich gewöhne mich nie daran; wir altern langsamer, aber so krass langsamer?


‚Und das mit seiner Frau, ist das wahr?‘


Ich schaue zu Jack, er schüttelt den Kopf. ‚Nein, er wollte dich provozieren. Ist ihm gelungen, selbst ich konnte dich nicht mehr beruhigen.‘


Ich lache. ‚Keine Sorge, ist bei mir generell schwer.‘ Und schon stehen wir wieder mal vor unserem Haus.


„Ann, als du dich verwandelt hast? Kannst du dich noch an das danach erinnern?“


Was für eine Frage. Ich lehne mich immer weiter rüber zu ihm. „Ich bin abgestürzt …und landete in deinen Armen… sah deine Augen… und tat dann das.“ Ich lege meine Lippen auf seine, ganz weich erwidert er wieder den Kuss. Es ist wunderschön, in meinen Bauch kribbelt es gewaltig! Ich löse mich nach einiger Zeit von ihm. ‚Bis morgen, Jack‘, dann steige ich aus dem Auto und verschwinde ins Haus.

 

Schnell esse ich etwas und dusche. Ich ziehe mir meinen Schlafanzug an und gehe dann zum Fenster und sehe zwei Wächter, die sich plötzlich verwandeln. Ein Igel und ein Wolf, wie ausgefallen. Ich schüttele den Kopf und lege mich in mein Bett ‚Mist, jetzt habe ich es dir gar nicht heimgezahlt, Jack.‘


Ich muss kichern.


‚Ann, leg dich hin und schlaf bitte, deine Gedanken sind manchmal echt schlimm.‘ Ich höre, dass er sehr belustigt ist und so lege ich mich hin und sinke in einen tiefen Schlaf.

kapitel 21

Heute muss ich früher raus als sonst, denn ich bekomme Unterricht in Verwandlung. Denn wir können es nicht gebrauchen, dass ich mich unkontrolliert verwandele. Also klingelt mein Wecker genau um vier Uhr morgens.


Pünktlich wie ich bin, stehe ich um Punkt fünf Uhr im Rosengarten bei den Demonts. In einer Jeans, mit grauem Pullover und Turnschuhen. Denn sich in einem engen Kleid zu verwandeln, das hatte ich schon herausgefunden, ist ziemlich unangenehm. Also laufe ich lieber asozial durch die Schule.


Ich hole mein Handy heraus, denn von Alec, der mir in dem Fach Unterricht gibt, ist nichts zu sehen. Auf meinen Display erscheint: ‚Eine neue Nachricht: Krieger.‘


Jaja, ich weiß, dass ist nicht gerade unauffällig, dennoch fand ich es ganz witzig.


Ich grinse leicht und öffne die Nachricht. ‚Hey Ann. Ich bin leider krank, deswegen übe doch ein bisschen alleine, liebe Grüße, Alec.‘


Ich schreibe schnell gute Besserung zurück und setzte mich dann auf die kalte Steinbank. Nun bin ich so früh wach und Alec ist krank. Alleine zu üben macht keinen Spaß und so entschließe ich mich, einen Spaziergang zu machen. Der Wald liegt ruhig vor mir und ich schreite hinein, ohne Angst zu haben.


Ohne zu wissen wohin mich meine Füße tragen, lande ich vor dem Haus, das meinen Eltern gehört hatte, bevor sie gestorben sind. Ich strecke meine Hand zum Schloss der Tür aus und schon spüre ich den Anflug von Übelkeit und Benommenheit.

 

Mein Blick ist wieder klar und ich stehe im Wohnzimmer. Rose steht vor mir und durchsucht das ganze Haus.
„Was ist los, Rosi?“, fragt die jüngere Version von mir.


„ Alles ist gut meine Kleine. Ich suche nur ein sehr altes Buch.“


Plötzlich geht eine Tür auf. Rose schaut erschrocken um sich und zieht mich hinter das Sofa. „Ann, du musst jetzt ganz still sein.“


Ich nicke. Ein Mann, verhüllt in schwarzer und roter Kleidung, betritt den Raum und schaut sich um. Genau wie Rose sucht er wirr umher. Dann sagt er: „Wo ist dieses verdammte potiri amor?“


Frustriert geht der Mann. Ich schaue zu Rose. „Was bedeutet das?“


Sie sieht mich liebevoll an. „Macht über die Liebe.“


Ich nicke und schon verschwindet meine Erinnerung.

 

Ich liege auf dem mir wohl bekannten Waldboden und atme schwer. Zwar wird es immer leichter, aber in der Zeit zurück reisen ist nie einfach. Ich öffne die Augen und erschrecke. Mein Herz rast, neben mir sitzt Kylen.


„Beruhige dich doch.“


Ich lege meine Hand auf mein Herz und beruhige mich, denn würde ich es nicht machen, würden Alec und Jack hier auftauchen.


„Es tut mir leid, dich erschreckt zu haben, aber du lagst bewusstlos auf dem Waldboden. Ich wollte nur helfen.“ Freundlich lächelt er mich an.


„Ist doch kein Problem, Kylen.“


Er hält mir seine Hand hin, ich nehme sie dankend an und sofort spüre ich das Kribbeln wieder. Als ich stehe, lasse ich seine Hand schnell los und lehne mich an einen Baum in der Nähe.


„Ich habe Wasser, möchtest du einen Schluck?“


Ich schaue verwundert auf, auch Kylen scheint dies zu bemerken. „Ich bin eigentlich gerade joggen“, er lächelt und deutet mit kurzer Geste auf seine Sportklamotten.


Ich lächele nun auch. „Gerne.“ Er reicht mir die Flasche und ich trinke ein, zwei Schlucke, dann gebe ich sie ihm zurück.


„Ann, hast du noch ein bisschen Zeit? Ich würde dir gern etwas zeigen.“


Ich überlege kurz, willige dann aber ein und so lächelt Kylen noch ein bisschen breiter und nimmt meine Hand. Mit schnellen Schritten läuft er durch den Wald, bis wir auf einem Hügel zum Stehen kommen. „Setz dich.“


Er selber lässt sich auf einer Bank nieder und so tue ich es ihm gleich. „Warum sind wir hier?“, neugierig schaue ich ihn an und auf einmal schimmern seine Augen silbern. Das ist doch nicht möglich?


Ich blinzele ein, zweimal und schon ist der Schimmer weg. Meine Fantasie geht mit mir durch.


„Das wirst du gleich sehen.“ Danach schweigt er und schaut geradeaus.


Neugierig folge ich seinem Blick und so sitzen wir einige Minuten schweigend nebeneinander. Ja, bis die Sonne aufgeht und ihre Strahlen alles in ein buntes Meer aus Orange-, Gelb- und Rottönen färbt. Es sieht aus wie gemalt und die Stimmung wirkt magisch.


„Wow, das ist wunderschön.“ Um meine Aussage zu verdeutlichen nicke ich leicht.


„Ja, das ist es. Jeden Morgen ist das zu sehen. Hier kann ich mich fallen lassen und entspannen.“


Ich spüre seinen Blick und so drehe ich mich zu ihm und sehe seine wunderschönen leuchtenden Augen. Er kommt langsam näher. Als ich bemerke, was er vorhat, stehe ich auf und sage: „Ich muss zu den Demonts, könntest du mir den Weg zeigen?“


Meine Stimme ist ungewohnt brüchig.


„Klar tu ich das, Ann.“


Alleine nur wie er meinen Namen ausspricht, ist wunderschön. Schnell schüttele ich den Kopf und mache mich auf den Weg nach unten. Kylen hat keine Probleme beim Einholen und so führt er mich schweigend durch den Wald, bis ich schon das große Tor sehe. Ich drehe mich um und will mich verabschieden, doch Kylen ist verschwunden. Ich drehe mich nach vorne und sehe, wie sich das Tor öffnet. Ich trete ein und schon schließt es sich wieder und Jack kommt auf mich zu gerannt.


‚Schweig.‘


Ich weiß nicht, wer die Stimme ist, aber ich vertraue ihr und so beschließe ich, weder Jack noch sonst wem von heute Morgen etwas zu erzählen.

 

kapitel 22

„Ich kann nicht glauben, dass du alleine da draußen warst!“ Jack ist wütend. Er packt mich an beiden Amen und schüttelt mich leicht. „Du hättest verletzt werden können oder gar getötet!“ ‚Und ich spüre, wie dein Herz schneller geht.‘ Ein leichtes Grinsen schleicht sich in sein starres Gesicht. Seine Hand streicht meinen Arm hoch bis zur meiner Wange. Sein Daumen berührt mich zärtlich.


Dann spüre ich nur noch ihn. Seine Augen leuchten und ich habe das Gefühl vor Liebe zu zerplatzen. Seine Gesichtszüge werden immer weicher.


‚Es tut mir leid, es war dumm von…‘ Weiter komme ich nicht. Seine weichen Lippen küssen mich zärtlich und ich schließe meine Augen und lasse mich fallen. Sein Kuss wird energischer und seine Hand wandert unter meinen Pullover und meine Hände wandern zu seinen vollen Haaren und ziehen ihn näher und enger zu mir. Ich kann nur noch an Jack denken und alles in mir kribbelt.


Plötzlich sehe ich einen silbernen Schimmer und höre Alecs Stimme. „Hey, ich störe ungern, aber wir müssen los.“


‚Verdammte Schule.‘


Jack lacht und lässt von meinen Lippen ab, jedoch bleibt sein Arm um mich geschlungen und hält mich bei ihm. „Wir kommen gleich“, ruft Jack Alec zu und lehnt seine Stirn gegen meine. Mein Atem stockt ein bisschen und Jack kommt wieder näher. Und streift mit seinen Lippen sanft meine Mundwinkel und dann meine Wange immer weiter bis er an meiner Halsbeuge angekommen ist.


„Jack, wir sollten wirklich los.“ Es ist ein halbherziger Versuch.


Jack weiß das auch, denn er lehnt sich zurück und grinst mich süffisant an. ‚Wie meine Hoheit wünscht.‘ Er beugt sich wieder runter und küsst mich schnell noch mal und das sehr intensiv. Mein Bauch kribbelt als der kurze Kuss vorbei ist, dabei lässt er seine Hand runter wandern und umschließt meine und fordert mich mit einem kleinen Ziehen auf, ihm zu folgen.


Ich betrachte ihn verliebt als mir plötzlich die silbernen Augen von Kylen in den Sinn kommen. Ich schüttle den Kopf leicht und verdränge den Gedanken.


„Ach Mist, meine Schulsachen sind noch im Rosengarten.“


Jack lacht. „Nein, ich habe sie schon geholt, sie liegen in meinem Wagen.“


Ich grinse. „Was würde ich nur ohne dich machen?“


Die Frage ist rhetorisch, doch Jack lässt es sich nicht nehmen, das zu beantworten: „ Du würdet deinen Kopf vergessen, meine Liebe.“


An seinem Auto wartet schon Elli ungeduldig. „Da seid ihr ja endlich. Ich möchte nicht zu spät kommen, ich habe in der ersten Geschichte.“


Ich schüttele den Kopf. „Wer bitte geht freiwillig zu Geschichte?“


Sie grinst verlegen.


‚Wegen Kylen‘, kommt es von Jack neben mir.


„Oh, ich verstehe schon.“ Ich lächele, obwohl ich ziemlich bedrückt bin. Mag ich Kylen nun auch? Nein, ich habe Jack! Ich drehe mich zu ihm und gucke in verliebt an.


‚Ich finde es ja echt schön, wie du mich so von der Seite anhimmelst, aber wir müssen los.‘


Ich schüttele nur den Kopf, drehe mich zum Wagen, öffne die Tür und steige ein.


Kaum sind wir auf dem Schulparkplatz, sucht Elli nach Kylen. Ich wäre ganz froh, wenn er nicht da wäre, denn wir haben heute zwei Stunden Mathe. Jedoch entdeckt Elli bald die ‚Hündchen‘ und öffnet fast noch beim Fahren die Tür, um zu den Jungs zu rennen. Diese waren schon von mindestens fünfzehn Mädchen umgeben.
‚Immer diese Angeber.‘


Jack lacht neben mir. ‚Später wird ihnen das auch nichts mehr bringen.‘ Er legt seine Hand in meinen Nacken und zieht mich zu sich, küsst mich leicht und deutet mir dann an, auszusteigen. ‚Wir wollen dich doch nicht zu spät kommen lassen, meine Königin.‘


Ich lächele und steige aus. Auch er tut es. ‚Bis später‘, rufen wir uns noch zu und gehen dann in verschiedene Richtungen. Ich zu Spanisch und er zu Latein.

 

Vor Mathe treffe ich Jack wieder. ‚Na, meine Königin, alles gut verlaufen?‘


Spielerisch boxe ich gegen seine muskulöse Brust. ‚Ja, was sollte denn sein, mein Geliebter?‘


Jack lächelt mich an und öffnet die Tür. Wir nehmen Platz, Kylen ist nicht da. Ich hoffe gerade schon, er würde wegbleiben als die Tür auf geht. Kylen, in seiner vollen Pracht, bewegt sich auf den Platz neben mir zu. Ich muss aufstehen, damit er zu seinem Platz kann, doch ein Schwindel überkommt mich und mir wird schlecht.


‚Ann, was ist los?‘


Ich finde mich in den Armen von Kylen wieder, ohne den ich wahrscheinlich gestürzt wäre. ‚Alles gut, Jack. Mir ist nur übel und schwindelig.‘


Er schaut mich mit steifer Miene an. ‚Du musst sofort von den Menschen weg, Ann. Hast du dich heute verwandelt?‘


Ich schüttele den Kopf.


„Ich glaube, Ann muss an die frische Luft“, reißt Kylen mich aus meinen Gedanken.


„Na gut, dann gehen Sie mit, nicht dass sie noch umkippt“, versetzt unser Lehrer.


Er nickt und führt mich nach draußen.


‚Ann, pass auf dich auf, es wird passieren. Ich kann hier nicht weg.‘


Ich lasse mich von Kylen förmlich nach draußen tragen. ‚Schon okay, ich bekomme das hin.‘


Draußen ist es kühl; der Winter kommt näher, doch mir wird nicht kalt. Langsam wird meine Hörkraft besser.„Ich muss ganz schnell weg...“, doch Kylen packt meinen Arm und führt mich in den Wald. „Hey, was soll das?“


Ich will schon nach Alec rufen, als ich die unbekannte Stimme höre. ‚Schon gut. Ich bin auf deiner Seite, ich weiß was du bist.‘


Ich erstarre förmlich. „Du bist ein …“


Er schaut mich intensiv an. „Ein Charan, und zwar genau wie du.“


In dem Moment spüre ich meine Verwandlung und stürze vor Schock in den Himmel. ‚Ann, beruhige dich.‘


Es ist Kylen.

kapitel 23

Ich fliege hoch oben und schaue runter, ein Wolf folgt mir unten. ‚Jack!‘


Der Wolf jault auf. ‚Ich lass dich nicht alleine, meine Königin.‘


Ich fliege ein bisschen tiefer. Ich gleite durch die Luft. Sie kommt mir nicht kalt vor, nein, ich fühle mich das erste Mal richtig frei, richtig glücklich. Ich höre die Schule, sie ist weit entfernt, der See plätschert, eine Maus flieht vor Jack in ihr Loch, ein Rabe nimmt Reißaus vor mir und so weiter.


Mein Herz schlägt und ich fliege weiter. Meine Federn bewegen sich sachte in der Luft. Der süße Duft der Bäume steigt zu mir auf. Ich spüre, dass ich mich zurückverwandele und lande sachte auf einer Lichtung.
Jack kommt neben mir zum Stehen. ‚Was ist?‘


Ich knie mich hin. ‚Ich bin müde, ich kann nicht weiter.‘


Sofort ist er wieder ein Mensch. Erst jetzt fällt mir auf, dass ich selber auch einer bin. „Beruhige dich, Ann.“ Er zieht mich in eine Umarmung und streicht mir über den Kopf. Ein Auto kommt angefahren, ich schaue auf. Alec steigt aus. „Was denkst du dir dabei, so weit zu fliegen? Das noch in der Schule? Und warum hast du nicht heute geübt?“


Er ist sauer, aber so richtig. Jack drückt mich fester an sich. ‚Keine Angst, meine Kleine, Alec tut dir nichts.‘
Jack haucht mir ein Kuss auf meine Stirn, dann zieht er mich mit sich hoch. Er und Alec werfen sich drohende Blicke zu.


„Die Königin wusste nichts von dem Körper-Wechsel-Modus und seinen Folgen, weil ihr Lehrer lieber sein letztes Betthäschen nach Hause gebracht hat! Alec, du bist das Letzte, ehrlich!“


Ich lehne meinen müden Kopf gegen Jacks Schulter.

 

Bevor Alec etwas erwidern kann, fallen zwei Schüsse. Sie dröhnen in meinen Ohren und ich finde mich auf dem Boden wider. Jack liegt bewegungslos neben mir. „Nein!“ Ich schreie so laut ich kann. „Jack, sag doch was?“ Ich will ihm helfen.


‚Küss mich.‘ Ich lehne mich runter, seine Hand umschließt meine Wange. Sie ist weich und löst ein Kribbeln auf meiner Wange aus. Kurz bevor sich unser Lippen berühren, verwandelt sich Jack in Alec. Ich schrecke zurück und auf einmal ist Alec Kylen. Ich schreie und spüre den Schweiß auf meiner Haut und im nächsten Moment sitze ich senkrecht im Bett.


Ich atme schwer, Schweiß läuft mir am Körper runter. Es ist draußen dunkel und dies hier ist nicht mein Bett, sondern es ist das Bett von Jack. ‚Ann, beruhig dich bitte.‘


Jack sitzt neben mir und zieht mich in seine Arme. Ich taste nach seiner Brust. Kein Loch! Ich atme erleichtert aus und taste nach seiner Hand. Als ich sie finde, umschließt seine Hand meine sofort. Ich lasse meine Stirn gegen seine sinken.


„Nur ein Traum.“ Er streichelt mit der anderen meinen Rücken hoch und runter.


Es klopft. „Herein?“ Jack klingt komisch. ‚Ich komme gleich wieder.‘ Er drückt mich schnell und verlässt dann den Raum. Ich ziehe die Bettdecke eng an mich und lege mich in die Kissen zurück, die nach Jacks einmaligen Duft riechen. Leichter Zitrus-Duft mit Wald und frisch gemähtem Rasen. Einfach verführerisch.


Ich muss wohl wieder eingeschlafen sein, denn das nächste Mal als ich wach werde, liege ich nicht mehr alleine in Jacks Bett, sondern eng an ihn gekuschelt. Er streicht mir sachte die Haare aus dem Gesicht als ich meinen Kopf hebe, um ihn anzusehen. Ich strecke mich und rücke dafür ein Stück weg. ‚Du solltest dir was anziehen.‘
Erschrocken schaue ich an mir herunter. Mein Pullover und meine Hose sind verschwunden. ‚Wo...?‘


Jack lachte. ‚Sie waren total verdreckt. Elli hat dich ausgezogen.‘


Ich ziehe eine Augenbraue hoch. ‚Na dann.‘


Elegant schwingt er sich aus dem Bett und geht zum Fenster. „Sowas wie heute darf nie wieder passieren!“ Er wird ernst.


„Es tut mir ja auch leid ...“ Weiter komme ich nicht, er dreht sich um und packt mich am Arm „Diritas wurden gesichtet, Ann: DU HÄTTEST HEUTE DA DRAUßEN STERBEN KÖNNEN!“


Ich reiße mich los, schnappe mir ein T-Shirt von ihm und stülpe es mir über. „Meinst du, ich weiß das nicht? Was hätte ich tun sollen?! Mich in der Schule verwandeln?!“ Ich bin wütend.


Langsam wird Jacks Gesicht wieder weicher. „Es tut mir leid, nur, ich hatte Angst, pure Angst … um dich, Ann. Nicht nur weil du meine Verbundene bist und meine Geliebte, sondern du bist die Hoffnung eines ganzen Landes. Meines, nein, unseres Landes.“

kapitel 24

„Nein, unseres Landes.“ Ich sitze in meinem Bett bei den Demonts, denn wieder mal ist es spät geworden. Doch an Schlaf ist nicht zu denken.


Erstens ist da das Problem mit den Jungs.


Ist Alec mehr als ein Freund?


Liebe ich wirklich Jack?


Und was ist zwischen mir und Kylen?


Ja und dann ist da noch das zweite und größere Problem, ich komme aus einem mir fremden Land, was gerade durch die Diritasen den Bach runtergeht und als wäre das noch nicht schwer genug, bin ich auch noch die rechtmäßige Königin. Ich sitze auf meiner Fensterbank, habe mein Fenster geöffnet und lasse jetzt meine Beine rausbaumeln. Als Mensch wäre dies lebensmüde, aber ich bin kein Mensch. Ich habe Pflichten und ich muss mein Land retten und somit mich selber akzeptieren als Charan.


Um ehrlich zu sein, das fällt mir schwer.


Ich schließe die Augen und rieche den Wald und mein Körper schreit Zuhause. Immer mehr finde ich das Tier in mir, was sich so lange verschlossen hat. Plötzlich dringt ein Brummen an meine Ohren.


Ich schaue runter und entdecke einen riesigen Bären vor mir. ‚Alec.‘


Der Bär nickt. Und so stürze ich mich aus dem Fenster, in Sekunden verwandelt sich mein menschlicher Körper in eine Eule. Ich breite meine verwandelten Flügel aus, der Wind fegt durch mein braunes Gefieder. Langsam lasse ich mich runtergleiten und lande auf dem Rücken meines Kriegers. ‚Wohin gehen wir?‘


Er trottet weiter zum Rosengarten hin. ‚Üben‘, sagt er kurz angebunden.


Ich steige auf, fliege voraus und lasse mich in Menschengestalt auf einer Steinbank nieder. Kurz danach kommt Alec in menschlicher Gestalt um die Ecke. „Meine Liebe, der Vorfall von gestern darf nicht wieder passieren.“
Ich nicke.


„Du wirst das Grundstück nie wieder ohne mich oder Jack verlassen.“


Wieder nicke ich, denn Alec macht mir Angst, er spricht hier eindeutig als mein Krieger.


„Zudem wirst du dich jeden Tag mindestens drei Stunden verwandeln, denn wir besitzen zwei Teile, das menschliche und das Tier. Jedes braucht seine Aufmerksamkeit, also verwandele dich!“


Ich nicke langsam, das meinte Jack wohl mit dem Körper-wechsel-Modus.


„Aber besonders: jage mir nie wieder so eine Angst ein, Ann!“ Seine Stimme wird weich wie Butter und plötzlich kniet er vor mir und seine Augen treffen meine. Und schon zieht er mich in eine Umarmung, in eine, die nichts mehr mit Freundschaft zu tun hat. Sein Atem geht schneller und plötzlich liegen seine Lippen auf meinen. Ich bin geschockt und gleichzeitig neige ich dazu, meinen Mund zu öffnen und ihm Einlass zu gewähren. Ich schubse Alec von mir weg, ich kann das nicht. Nicht jetzt.


„Alec, du bist mein Krieger und wir sind zum Üben hier!“ Meine Stimme ist fest und klingt überzeugt, mein Herz leider nicht, aber ich verschließe es einfach vor Alec. Dieser nickt und geht ein, zwei Schritte nach hinten.


‚Dann zeig mir mal, wie schnell du dich verwandeln kannst.‘ Toll, jetzt ist er beleidigt und verschränkt seine Arme vor seiner Brust.

 

Ich verwandele mich mehrmals, aber leider stelle ich mich ziemlich dumm an, sodass meine Klamotten schon total verschmutzt sind.


‚Streng dich an, Ann.‘ Alec ist angepisst und drillt mich heute noch mehr als sonst. Entnervt verwandele ich mich noch mal, aber anstatt meine Flügel zu spüren, falle ich hin und lande unsanft auf meinem Handgelenk, was leicht weg knickt. Doch da überkommt mich schon die Übelkeit. ‚Autsch, ein verfluchter Mist aber auch.‘
Heute ist nicht mein Tag, das ist schon mal klar. Meine Sicht wird klar.


Erschrocken ziehe ich die Luft ein. Vor mir steht der wahr gewordene Albtraum: Mein lieber Onkel Dylan.


Ich weiche zurück, bis mir einfällt, dass er mich überhaupt nicht sehen kann. Dylan wartet auf jemanden und ich muss nicht lange warten, bis eine schöne Frau am Rande des Waldes zu sehen ist. Ihre Haare sind schwarz wie die Nacht und ihre Augen leuchten silbern. Sie umarmen sich lange und küssen sich dann ausgiebig. „Ich bin froh, dass du endlich mein bist, Charlotte.“


Sie lächelt. „Das alles ist nur durch die Tredecim möglich.“


Ich erinnere mich an die Reaktion von Mr Demont.


Ich schätze mal, diese Tredecim sind nichts Gutes.


Dylan lacht. „Und dem Potiri Amor, mein Bruder ist nicht der Einzige, der sich einen Mensch zur Frau nehmen kann. Besser gesagt beim ihm: Er konnte.“ Was soll das denn bitte bedeuten?


Meine Ohren rauschen und ich schließe die Augen. „Ann?“ Ich öffne leicht die Augen, es ist hell, das bedeutet wohl, dass ich drinnen liege, denn draußen ist noch tiefste Nacht, das spüre ich. Noch so eine tierische Eigenschaft.


Ich öffne sie ganz und bemerke, dass ich in meinem weichen Bett bei den Demonts liege. Mein Kopf brummt und ich versuche erst gar nicht mich aufzusetzen.


„Alles gut, Ann?“ Jack steht besorgt neben mir und greift nach meiner Hand.


„Mein Schädel brummt. Was ist passiert?“


Neben mir senkt sich die Matratze, ich drehe den Kopf leicht und sofort kommt ein stechender Schmerz zum Vorschein. „Bleib einfach liegen. Alec sagte, ihr wolltet üben, dann bist du hingefallen und unschön auf dem Kopf gelandet. Du bist bewusstlos geworden und er hat dich reingebracht.“ Er wirkte leicht sauer. „Naja, egal, wie geht es dir?“


Ich schließe die Augen. „Mein Kopf bringt mich um“, sage ich kurz angebunden.


„Hier, schluck das und dann leg dich am besten wieder schlafen.“


Ich nicke kurz, was eindeutig ein Fehler ist. Dann trinke ich mit ein paar Schlucken das Glas aus, was mir Jack hinhält und lege mich dann genüsslich hin. Jack macht das Licht aus und setzt sich auf ein Sofa in der Ecke. Und obwohl er so weit weg sitzt, rieche ich seinen Zitrus/Wald-Duft bis hierhin.

 

kapitel 25

Am nächsten Morgen wache ich mit höllischen Kopfschmerzen auf und muss deswegen wieder mal die Schule sausen lassen. So schaffe ich mein Abi nie.


Wenn man es mal so sieht, brauche ich mein Abi eh nicht, ich bin immerhin eine Königin. Naja, erstmal muss ich die Diritas loswerden.


Eigentlich habe ich vorgehabt, heimlich in die Bibliothek zu gehen und nach den Tredecim zu gucken, aber Nein, Mr Demont hat mir absolute Bettruhe verordnet und damit ich das auch einhalte, direkt Jack als meinen Aufpasser bestimmt.


‚Ich werde noch irre‘, sage ich und schaue aus dem Fenster, obwohl es nichts bringt, denn die Rollos sind runter gelassen.


„Möchtest du einen Spaziergang machen? Ich denke, gegen frische Luft hat mein Vater nicht auszusetzen.“


Ich richte mich auf. „Oh bitte, alles ist besser als hier herumzuliegen.“


Er kommt mir zu Hilfe und so ziehe ich mir eine Leggins an und einen Pulli, der mich schön warm hält, denn draußen sinken die Temperaturen von Minute zu Minute, das könnte man jedenfalls meinen.


Wir gehen die Flure entlang. Unten angekommen fragt mich Jack, wohin ich möchte. „Zum See.“


Er schaut mich zweifelnd an. „Das ist ein ganz schönes Stück.“


Ich löse mich von ihm. „Ich habe doch dich, ich schaffe das schon.“ Da nickt er und greift mit seinem Arm um mich, so stützt er mich den ganzen Weg, bis wir uns auf eine Bank fallenlassen, die vor dem großen See steht.
Die Blätter der Bäume färben sich schon braun und lösen sich bei jedem kleinen Lüftchen von den Ästen. Eichhörnchen und Hasen hüpfen über den Boden und die Vögel zwitschern. Heute lässt sich die Sonne noch mal blicken und spendet jedem Lebewesen eine wohlige Wärme.


„Wie kann es eigentlich sein, dass normale Tiere über die Grenzen kommen, aber Charan nicht?“


Jack zieht mich dichter zu sich ran. „Wir müssen die Charan einladen, dann können auch sie über die Mauer.“


Ich schaue zu Jacks Gesicht hoch. „Kann ich das auch?“


Er nickt. „Du kannst jeden Zauberspruch brechen oder verstärken; du bist die Königin, Ann.“ Er grinst auf mich runter.


Ich bringe ein „Hm“ raus und er grinst weiter. Dann beugt er sich zu mir herunter und wir tauschen einen intensiven Kuss aus, der mich stöhnen lässt, als er sich von mir löst.


Mein Herz schlägt schneller und ich kuschele mich enger an ihn.


‚Ich hoffe, ihr werdet glücklich.‘


Alecs Stimme dringt in meinen Verstand. Mist, ich hatte vergessen, mich abzuschotten.


Erschrocken rutsche ich ein Stück weg von Jack, der guckt mich irritiert an. „Lass uns doch wieder reingehen.“ Ich lächle ihn an und nehme seine Hand in meine und er fängt wieder an zu lächeln.

 

Endlich habe ich die Chance, mich heimlich in die Bibliothek zu schleichen, da eine wichtige Konferenz berufen wurde. Dylan wurde nicht weit entfernt gesehen und ehrlich gesagt habe ich schon ein bisschen Angst, aber ich kann mich so oder so nicht drücken, also höre ich auf, mich in diesem Bett zu verstecken und finde hier endlich mal was raus.


Ich öffne leise die dicke Holztür, schlüpfe hindurch und tapse leise zu den hohen Regalen. Ich habe nie Lateinisch gelernt, jedoch seit ich mich verwandeln kann, kann ich es einfach so lesen, daher weiß ich: Tredecim heißt dreizehn.


Ich gehe die Bücherrücken entlang und stoße auf ein anderes Buch: Potiri amor. Hastig ziehe ich es aus dem Regal und schlage es auf. ‚Verbotene Liebe.‘


Ich atme schwer aus.


Meine Eltern hatten dieses Buch benutzt und auch Dylan.


Plötzlich höre ich die Tür aufschwingen und stelle das Buch schnell an seinen Platz zurück, verstecke mich hinter einem Regal und dann spitze ich meine Ohren.


„Glaubst du wirklich, dass sie dich liebt?“ Alecs Stimme ist wütend.


„Alec, was willst du?“ Jack klingt genervt, jedoch schlägt mein Herz trotzdem schneller.


„Sie hat versucht, mich zu küssen, Jack.“


Was? Ich brauche ein paar Momente, bis mir klar wird, was er da sagt. Ich klammere mich sprachlos an das Regal und merke nicht, wie dieses ins Wanken kommt, da es nur ein sehr kleines Regal ist. Ich soll ihn geküsst haben?


‚Das stimmt nicht, Jack.‘


Beide drehen sich zu mir um und plötzlich verliere ich das Gleichgewicht und mir wird schwindelig. Bevor meine Sicht verschwimmt, spüre ich, wie Jack mich auffängt und Alec das Regal davon abhält, auf mich zu fallen.

 

Meine Sicht wird klar. Diese Scheiß-Flashbacks hauen mich immer um, wortwörtlich. Das ist doch dumm!
Ich stehe auf und wandere durchs Schloss. Es ist Nacht und dunkel. Das macht mir aber nichts aus. Ich gehe nach draußen und sehe, dass Winter ist. Der Schnee liegt etwa fünfzig Zentimeter hoch. Ich gehe zum Haus meiner Eltern rüber. Ich sehe meinen Vater, er weint. Hinter ihm kommt meine Mutter, sie trägt Rose als Baby auf dem Arm. Sie legt ihre Hand auf Dads Schulter.


„Es ist meine Schuld, Samantha. Ich hätte dich nie verwandeln dürfen.“


Sie schaut traurig zu Boden. „Ach meine Liebe, so war das nicht gemeint. Ich hätte mit dir abhauen und in der Menschenwelt leben sollen, wie wir es jetzt auch schon von Zeit zu Zeit tun.“


Sie schüttelt den Kopf. „John, das hättest du nie geschafft. Du bist der König, es gab nur diesen Weg, um die Linie der Königsfamilie weiter bestehen zu lassen. Unsere Kinder müssen Charan sein. Das weißt du. Rebecca hätte das verstanden, sie war eine gutherzige Schwester.“


Er nickt. „Dennoch haben wir sie umgebracht, um zusammen zu sein. Wir sollten das Poriri amor vernichten! Und den Tredecim verbieten, zu hexen und Wünsche zu erfüllen, die Tod bringen!“


Und schon rauschen meine Ohren und ich schließe die Augen.

 

Schnell bin ich wieder in der Wirklichkeit. Obwohl ich es versuche, schaffe ich es nicht, die Tränen zurückzuhalten. Ich öffne die Augen und sehe, dass ich in Jacks Armen liege.


„Ann? Alles okay? Hey, hör auf zu weinen.“


Ich kann nicht. Als Jack versucht, mir einzelne Tränen wegzuwischen, stehe ich auf und renne förmlich in die Turnhalle. Die Jungs folgen mir nicht und so kommt es, dass ich völlig außer Atem vor Eden stehen bleibe. „Bitte trainier mich!“

kapitel 26

Erst hatte ich es für sinnlos gehalten, mich von Eden trainieren zu lassen, aber Dylan ist eine ständige Bedrohung. Ich muss auf mich selber aufpassen können.


Als Eden und ich zwei Stunden intensiv trainiert haben, verlasse ich die Turnhalle und mache mich auf dem Weg zu Mr Demont, denn Jack hat mir heute mitgeteilt, dass ich jeden Zauber aufheben und verstärken kann. Das große Problem: Ich kenne keinen.


Aus dem Büro dringt lautes Stimmengewirr an mein Ohr. Doch sobald ich klopfe, verstummt es. Mr Demont antwortet mit einem gereizten Ton: „Ja.“


Ich drücke die Türklinke hinunter und trete in den Raum.


Alec und Jack sitzen wie kleine Schoßhündchen auf dem Sofa vor dem Fenster. Ich nicke den beiden zu und richte dann meine Worte an Mr Demont. „Ich müsste mit Ihnen reden.“


Er nickt und schickt seine beiden Jungen vor die Tür. „Was kann ich tun?“


Ich setze mich auf das Sofa und spüre noch die Wärme von Alec und Jack auf dem alten Leder. „Es muss sich was ändern. Die letzten Wochen habe ich begriffen, wer ich bin und was ich zu tun habe und meine Aufgabe ist es, mein Volk zu retten.“


Mr Demont nickt und so fahre ich fort. „Ich will, dass Sie mir die Lage verdeutlichen. Und mich nicht in Benehmen lehren, sondern in politischen Angelegenheiten und vor allem im Kampf.“


Seine Mundwinkel zucken nach oben. „Du sprichst endlich wie eine Königin.“


Ich nicke ihm zu.


„Ich werde veranlassen, dass du in unsere Gruppen und Themen eingeführt wirst.“


Mit einem knappen Dank verlasse ich den Raum. Ich fühle mich mächtig und stark.

 

Ich bin auf den Weg in mein Zimmer als Jack mich abfängt und mich in einen, mir unbekannten, Raum zieht. „Was soll da...“


Da liegen schon seine Lippen auf meinen. Seine Hand streicht zärtlich über meine Wange. Seine Zunge streicht über meine Lippen und so lasse ich zu, dass seine Zunge auf meine trifft. Ich fühle mich wie im Himmel.


Ich bin mir sicher, dass es Liebe ist. Und so lasse ich es zu, als seine Hand unter mein Oberteil gleitet. Seine Hand fühlt sich so warm auf meiner Haut an, als würde sie perfekt zu mir passen. Ich schotte mich von Alec ab und genieße das, was gerade zwischen mir und Jack passiert.


Er dreht sich so, dass ich mit dem Rücken an der Wand stehe. Seine Hände erkunden meinen Oberkörper gierig und voller Verlangen. Meine Hand rutscht an seinen Hosenbund. Will ich das? Will ich wirklich mit Jack schlafen?


‚Ja!‘


Er grinst leicht und drückt sich enger an mich.


Meine Hände greifen nach seinem T-Shirt und ziehen es ihm über den Kopf. Die volle Pracht seiner Muskeln wird sichtbar. Ich löse mich von ihm und ein kleines Stöhnen entweicht meinen Lippen. Jack und ich sind völlig außer Atem. Meine Fingerspitzen berühren seinen muskulösen Oberkörper und gleiten an ihm herunter. Dann schaue ich hoch und treffe die Augen von Jack. Das Gold ist deutlich zu sehen. Dann küsse ich ihn wieder und damit habe ich die ganze Nacht nicht vor, aufzuhören.


Langsam hebt Jack mich hoch und trägt mich zu dem kleinen Bett, das dieser Raum besitzt. Wobei klein untertrieben ist. Langsam lässt er mich runter, seine Küsse stoppen, als er mir langsam mein Oberteil abstreift und meine Silhouette nachfährt.


‚Glaubst du, es ist richtig?‘, frage ich zögerlich.


Sein Blick wandert von meinem Bauch hoch zu meinen Augen. Diese Augen lassen mich alle Zweifel verlieren. Als Jack das bemerkt, küsst er mich zärtlich und voller Leidenschaft meinen Bauch runter und ich weiß, dass es richtig ist.


Aeon selber hat uns verbunden.

 

„Dylan.“ Erschrocken stoße ich mich vom Bett ab.


Jack, der neben mir bis gerade geschlafen hat, ist hellwach. „Ann, was ist los?“


Ich atme schwer und greife nach meinen Klamotten. „Er ist hier, Jack.“


Auch Jack ist aufgesprungen und hat sich seine Sachen übergezogen. „Du gehst in den Keller zu Eden. Sofort, ohne Umwege.“


Ich nicke und schon ist Jack verschwunden. Ich zittere, renne aber in den Keller. Ich höre noch die Alarmgeräusche, doch dann schließt die Turnhallen Tür sich hinter mir zu.


„Eden?“ Ich rufe so laut ich kann nach ihm, doch er ist nicht hier. Ich renne zu seinem kleinen Nebenraum und erschrecke. Eden liegt tot auf dem Boden. Geschockt und mit einem sehr viel höheren Herzschlag als zuvor rutsche ich die Wand runter und bemerke die Tränen, die über mein Gesicht laufen, nicht einmal. Ich fange an zu zittern.


Plötzlich ist Dylan da. „Na, Ann? Dachtest du, du bist sicher hier? Keine Angst, heute werde ich dich nicht holen, aber bald! Ich wollte dir eine faire Chance geben zu trainieren, aber Eden wollte mich einfach nicht zu dir lassen. Naja und über Mischblut habe ich keine Kontrolle, deswegen sind alle Krieger halb Menschen. Naja und unsere Königin ist es auch. Lang lebe das Mischblut Ann!“ Mit einem grausamen Lachen ist Dylan verschwunden.


Kurz sitze ich geschockt da. Das Sirren um mich wird lauter. Meine Tränen sind erloschen und mein Zittern auch. Wie benommen laufe ich die Stufen hoch und bemerke die Aufregung kaum.


‚Ann, du bist die Macht.‘ Kylen? Ich muss mit ihm reden, aber erst mal rette ich das Schutzschild. Ohne weiter aufzufallen, steige ich die Stufen hoch, bis ich auf dem Balkon im ersten Stock stehe. Ich sehe, wie eine üble Schlacht geführt wird.


‚Meine geliebten Mächte, gebt mir die Macht, das Blutvergießen zu stoppen.‘


Mit allen Mächten, die ich beherrsche, werden die Charan, die unerwünscht sind, aus dem Gebiet der Demonts vertrieben.


‚Lass das Schutzschild größer werden und alles beschützen, was so wichtig für mich scheint.‘


Und schon stoßen weiße Fäden aus meinen Händen und bauen eine Mauer um das Anwesen auf. Langsam blicke ich vom Himmel runter und entdecke die sprachlos wirkenden Charan-Krieger unter mir. Dann verlasse ich das Geschehen und schleife mich mit letzten Kräften in mein Zimmer. Auf den letzten Metern kommt Jack mir zu Hilfe.

 

Vor meiner Tür will ich mich verabschieden mit einem Kuss, doch Jack weicht aus.


‚Was ist?‘


Er schaut mich mit großen Augen an. ‚Mein Bruder steht da hinten um die Ecke und ich weiß genau, dass er auf dich steht. Ich habe euch im Rosengarten beobachtet. Ann, hör zu, ich liebe dich, aber zurzeit sollten wir es für uns behalten.‘


Ich nicke und drücke dann die Tür auf. ‚Ann, was ist da unten passiert? Es war leichtsinnig!‘


Ich habe allen gesagt, als ich bemerkt hatte, dass Eden tot war, wäre ich hoch gerannt, um Hilfe zu suchen. Von Dylan weiß niemand. ‚Nichts, er war tot und so bin ich hoch gerannt.‘


Er nickt und entlässt mich dann. Ich will mich in mein Bett legen, doch ein kleines Paket steht drauf. Ich öffne es und erschrecke, das ist das Armband von Rose mit einem Schlüssel. Doch ich finde keinen Zettel oder so. Ich beschließe, es auf morgen zu verschieben. Ich stopfe die Schachtel in mein Nachtschränkchen und lege mich dann völlig erschöpft in mein Bett.

 

kapitel 27

Immer wieder höre ich Dylans Worte in meinem Kopf. Mischblut.


Nachdem ich kaum geschlafen und heiß gebadet habe, steige ich in eine Jeans und ein weißes Top, da ich nicht vorhabe, das warme Schloss zu verlassen und selbst wenn, kann ich mich immer noch in eine Eule verwandeln. Ich schreite die Treppen runter zur Turnhalle und trainiere drei Stunden lang. Gestern stand ich hier noch mit Eden, heute ist er tot. Gestorben, um mich zu beschützen, das ertrage ich nur schwer.


Ich muss Dylan stoppen, Zuviel macht er kaputt. Also gehe ich in die Bibliothek, auf dem Weg entdecke ich niemanden. Ich laufe die Bücherregale entlang, bis ich ein lateinisches Buch mit der übersetzten Aufschrift ‚Mischblut‘ finde.


„Ein Mischblut Charan besitzt mehr Fähigkeiten als ein Normaler Charan, daher ist er im Wesen und in seinen Gaben dem normalen Charan überlegen. Ein Mischblut entsteht dann, wenn ein Charan sich einen Menschen zum Partner nimmt. Größtes Merkmal: Sie besitzen keinen goldenen Schimmer.“


‚Silber‘, raunt es mir durch den Kopf. Ich lasse das Buch zurückgleiten und ergreife das Buch Potiri amor. Ich schlage es auf der Seite hundertzwei finde ich einen Brief.

 

Liebe Ann,


wenn du diesen Brief liest, sind wir leider schon fort.
Dein Vater weiß nicht, dass ich dir diesen Brief geschrieben habe, doch du solltest die Wahrheit wissen. Du, meine Kleine, bist ein Mischblut, genau wie Rose. Sie hat dich bis jetzt bestimmt gut beschützt.
Du musst wissen, es ist verboten, Menschen zu lieben und so beschloss dein Vater, mich zu einem von euch zu machen, doch das hatte einen hohen Preis: Den Tod seiner geliebten Schwester Rebecca. Dennoch tragen du und Rose Menschenblut in euch, was euch mächtiger macht als alle anderen Wesen. Du, meine Kleine, bist besonders, und das wussten wir von Anfang an. Ich habe dich sehr geliebt, meine kleine Prinzessin. Ich werde über dich wachen.

 

In Liebe,
deine Mum.

 

PS: Auch Dylan hat dieses Buch benutzt, meine Kleine. Passt auf euch auf.

 

Tränen laufen mir über die Wange. Nicht nur meine Mum und mein Dad waren fort, sondern auch Rose. Alle wussten sie von dem großen Geheimnis, nur ich verstand es nicht.


Ich sitze hier und grübele darüber nach. Ich stecke den Brief weg und will mir den Zauber durchlesen, doch die Seite ist herausgerissen. Na toll, einen Schritt nach vorne gemacht und sofort vier zurückgegangen.


Ich schaue auf die Uhr und stelle fest, dass ich noch die Zaubersprüche üben muss. So stelle ich das Buch weg und gehe zu Mr Demont, der mich schon erwartet.


„Ich habe beschlossen, du sollst den Unterricht von Elli bekommen.“


Ich nicke und folge Elli, die in einem Raum neben Mr Demonts Büro verschwunden ist. „Setz dich. Ich erkläre dir erst mal die Regeln.“


Ich setze mich und antworte mit einem „Ja, okay.“


„Gut. Um zu zaubern, musst du dir etwas ganz fest vorstellen, in lateinisch, und schon passiert es. Eigentlich ziemlich einfach.“


Ich schaue sie an. „Wofür braucht man dann die Tredecem?“


Sie schaut mich erschrocken an. „Sie sind diejenigen, die die großen Zauber sprechen, die über Leben und Tod entscheiden, jedoch sind sie heute verboten. Eigens dein Vater hat das Gesetz erlassen, wobei ich bezweifle, dass Dylan sich daran hält.“


Ich mache ein verstehendes Geräusch.


„Üben wir doch ein bisschen. Du wirst nicht lange brauchen, zudem besitzt du so gut wie alle Mächte, das erleichtert dir vieles, wie wir gestern gesehen haben.“ Sie grinst leicht und ich tat es ihr gleich. War der Anlass noch so schrecklich, so hatte es viel Respekt gegenüber mir erhoben.


„Stell dir vor, du möchtest, dass dort ein Schmetterling erscheint.“


Ich schließe die Augen und suche das lateinische Wort für Schmetterling. Papillon. Ich verstärke meine Gedanken durch den Geist und als ich die Augen öffne, fliegt ein Zitronenfalter vor mir seine Runden. „Gut gemacht. Ich sage ja, ein bisschen üben und du bist perfekt.“


Sie lächelt mir aufmunternd zu. „So, Dad hat mich noch um was anders gebeten.“


Erschrocken schaue ich sie an


„Du bist oft krank und bist oft alleine. Dylan wurde in unserer Welt gesehen, das bedeutet, die Gefahr ist erstmal fort. Er möchte, dass du entspannst und wieder ein normales Leben führst, das bedeutet, wir gehen heute Abend feiern!“, sagt sie fröhlich.


„Nein, ich kann nicht feiern gehen.“


Elli dreht sich um. „Und ob du das kannst.“


Und so zieht sie mich schon an meinem Handgelenk aus dem Zimmer in mein eigenes.

 

Nach einer Stunde betrachte ich mich im Spiegel. Ich trage ein kurzes schwarzes Kleid, das oben am Rand mit silbernen Steinen besetzt ist, dazu High Heels in Schwarz, wobei auch der Absatz mit den Steinchen geschmückt ist. Dazu Smokey Eyes und wilde Locken. Mein Ring glänzt an meinem Finger und große silberne Ohrringe an meinen Ohrläppchen.


„Perfekt“, kommt es von hinten.


Schnell drehte ich mich um. Jack steht da, in einer Jeans und einem schwarzem Hemd. An seiner Hand ist sein Ring zu sehen. Er grinst und ich vergesse alles um mich und gehe zu ihm. Dank meiner Schuhe bin ich nun fast genauso groß wie er.


Wir küssen uns einen Augenblick, bis ich spüre, dass Alec kommt. In den letzten Tagen spüre ich die beiden immer intensiver.


Alec stößt die Tür auf. „Können wir?“, fragt er leicht angepisst. Ich nicke und so verlässt er den Raum. ‚Irgendwann wird er dich freilassen, Ann.‘


Ich nicke, greife dankbar seinen dargebotenen Arm und so führt er mich die Treppen runter bis zu dem schwarzem Auto.

 

Ich war schon lange nicht mehr aus, zudem hatte ich aber auch hier nicht Freunde, die mit mir gingen. Und auch wenn Alec sauer ist, ist er mein Freund, genauso wie Elli meine Freundin ist. Jack ist mehr.


Zaghaft nehme ich seine Hand, so, dass niemand es sieht. Er lächelt mir zu. Im Club angekommen weiß ich, dass es richtig ist, hier zu sein.


Die Stimmung ist schon am Kochen. Die Tanzfläche schon gut gefüllt.


Wir drängeln uns durch die Massen und ergattern noch eine Sitznische. Kurz darauf kommt der Kellner und ich bestelle mir einen Cocktail.


Als Jack mich fragt, ob wir tanzen wollen, nicke ich. Früher war ich oft tanzen und habe oft gefeiert, doch seit Rose tot ist, ist alles anders.


Jack und ich tanzen immer mal wieder. Alec trinkt nur Alkohol und Elli habe ich schon lange nicht mehr gesehen, das letzte Mal hat sie mit einem gut aussehenden blonden Jungen getanzt. Auch Jack hat schon einiges intus.


Irgendwann, als wir wieder tanzen sind, spielt der DJ ein Liebeslied und Jack und ich vergessen alles um uns herum. Plötzlich stehen wir küssend auf der Tanzfläche. Zu spät erinnere ich mich, dass Alec hier ist.
Doch da werde ich schon von Jack weggerissen.


„Was bist du eigentlich für ein scheiß Bruder?“


Völlig geschockt stehe ich daneben, als Alec Jack eine runterhaut und ein Kampf entsteht. Als die Security die beiden auseinander reißt, wache ich aus meiner Starre auf. „Was soll das? Ich bin kein Gegenstand, um den man sich kloppen kann!“, schreie ich und verschwinde an die Bar.


Ich bestelle mir einen Gin Tonic und trinke ihn auf Ex, gleich danach noch einen. Bis sich jemand neben mich setzt. „Kylen.“


„Wie ich sehe, bist du heute wohl nicht so in Stimmung?“


Ich schaue ihn böse an. „Hast du wohl richtig gesehen.“ Ich fauchte ihn schon fast an.


Plötzlich beugt er sich vor und streift mein Ohr, Ich werde von einem Schauer überfallen. „Ich weiß, was dagegen hilft: Fliegen.“ Er lehnt sich zurück und ich starre ihn an und sehe seine Augen, wie sie silbern aufleuchten.


„Mischblut“, flüstere ich und er nickt. Er hält mir seine Hand entgegen und ich nehme sie an.


Wir verlassen den Saal und ich spüre die Wut von Elli. Und als wir beide in den Himmel steigen, er als Adler und ich als Eule, treffe ich eine Entscheidung, die Dylan wohl sehr gut gefällt, auch wenn ich es zu dem Zeitpunkt noch nicht weiß.

 

Teil 4/ Kapitel 28

(Alec´s Sicht)

 

Im Menschen sind Tiefen, die bis in die unterste Hölle hinabreichen, und Höhen, die bis in den höchsten Himmel ragen.


-Thomas Carlyle

 

Es ist wirklich passiert. Ich habe meinen Bruder zusammengeschlagen und damit Ann völlig enttäuscht. Die ganze Nacht sind Elli und auch Ann nicht nach Hause gekommen, Dad hätte beinahe einen Anfall bekommen.
Als Elli dann um fünf Uhr morgens kommt, teilt sie uns völlig wütend mit, dass Ann mit Kylen verschwunden ist.
Kurze Zeit später kehrt Ann zurück. Sie kommt, um ihre Sachen zu packen. Zaghaft klopfte ich an der Tür.
„Herein?“, fragt eine immer noch wütende Ann.


Ich öffne die Tür und trete ein. „Ich wollte…“, weiter komme ich nicht.


„Verschwinde! Ich will nichts mit dir und Jack zu tun haben! Ich werde zu meinen Eltern ziehen und alleine üben, ich werde mir einen Plan überlegen, wie ich mein Volk retten kann, aber ich werde nur mit dem Rat noch reden, also verschwinde!“ Sie sieht mich wütend an.


Ich habe sie verloren und plötzlich löst sich was in mir und ich drehe mich um und gehe.

 

Mir wird übel und schummerig, ich stütze mich an der Wand ab, als Jack auftaucht.


„Jack…“, flüstere ich als ich, auch schon umkippe. Als ich aufwache, liege ich im Krankenbett. Neben mir Jack.
„Was ist passiert?“


Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass ich mit Ann den Kriegerbund geschlossen habe.


„Du bist umgekippt“, antwortet Jack kalt.


„Wie lange war ich weg?“


Skeptisch schaut er mich an. „Nur eine Stunde.“


Ich sehe auf mein Handy, ich habe Ann vor Wochen verwandelt.


„Jack, ich kann mich an nichts mehr erinnern!“


Er schaute mich traurig und wütend an. „Was ist das letzte?“, verlangt er zu wissen.


„Ich habe Ann verwandelt, du warst sauer und hast sie rein gebracht, weil sie zusammen gebrochen ist.“


Sein Blick ist misstrauisch. „Das ist Wochen her, Alec.“


Ich nicke, das ist mir auch klar, nur was war passierte in der Zeit? Jack ruft unseren Arzt, der sagt, dass er glaubt, ich wäre verzaubert worden, doch noch konnte er nicht sagen, mit was, und das könnte Wochen dauern.


„Du weißt nicht mehr, dass du und ich in Ann verliebt sind oder waren und sie nun weg ist von uns beiden und unsere Tattoos immer schwächer werden?“


Ich schaue ihn schockiert an.


„Dad hat uns verboten, mit ihr Kontakt zu haben, sie ist alles, was unser Land hat, Alec, aber sie entfernt sich von uns. Ich glaube nicht, dass sie noch lange auf dem richtigen Weg gehen wird ohne uns.“


Ich spüre einen Schmerz auf meinem Arm und entdeckte, dass meine Dornenranken an einigen kleinen Stellen verblassen.


„Wie kann sie den Bann brechen?“


Jack schaut mich nicht mehr an, sondern steht jetzt am Fenster. „Vater weiß es nicht, eigentlich bricht der Bann nur durch den Tod.“

 

Ich soll mich ausruhen, doch das kann ich vergessen. Ann bedeutet mir was, aber Liebe? Das ist absurd, sie war meine Schwester, die ich beschützen wollte. Was ist nur passiert?


Am nächsten Tag ist Montag und Schule. Vater sagt, wir sollen ein Auge auf Ann haben, Elli meint, sie würde nichts für die Schlampe machen und auch Jack und ich haben uns nicht mehr viel zu sagen. Unsere Familie ist immer stark gewesen, doch jetzt liegt sie in Trümmern, die nicht so schnell heilen werden. Vielleicht sogar gar nicht mehr.

 

Es herrscht Stille im Wagen zur Schule, als wir da ankommen, traue ich meine Augen nicht. Ann liegt in Kylens Armen von und küsst ihn. Der letzte Funke, der die Verbindung zu Jack und Elli zerstört. Jacks Tattoo wird zu einer wulstigen Narbe und sein Inneres zerbricht. Wütend gehen er und Elli davon. Nur ich bleibe und verhindere den Abbruch zu Ann. Irgendetwas stimmte hier nicht.


Als Elli und Jack drinnen sind, sehe ich, wie Ann Kylen von sich stößt und ihm etwas zuflüstert. Sie entdeckt meinen Blick und dreht sich weg und so beschließe ich, erstmal zu meinem Unterricht zu gehen.

kapitel 29

Die Schule kommt mir so sinnlos vor. Dylan zerstört da draußen meine Welt, er hat schon meine Familie und meinen Bund zerstört. Er hat mir das genommen, was ich über alles liebte: Rose. Als wäre es gestern, sehe ich sie vor mir liegen, in unserer Höhle mit dem Brief in der Hand.


Ich trage ihn immer bei mir und immer wieder kommen neue Aufgaben und alle hatten etwas mit Ann zu tun. Ich krame ihn raus. In der Tat habe ich ihre Aufgaben auch erfüllt, während ich verzaubert war. Mein Herz schlägt schneller als eine neue Aufgabe erscheint.


Führe Ann zu unserer Höhle.


Wie bitte soll ich das schaffen? Jetzt, wo sie bei Kylen ist… zudem habe ich den Schlüssel nicht mehr, den hat Ann.


Rose hat mir nie erzählt, was sie dort gemacht hat, ich habe sie nur immer wieder dort abgeholt. Seitdem sie tot ist, habe ich mehrfach versucht, herein zu kommen, doch sie hat einen Zauber über die Höhle gelegt, den ich nicht kenne.


„Mr Demont?“ Ich schrecke auf und lasse den Brief in meine Jackentasche gleiten.


„Wie schön, dass ich Ihre Aufmerksamkeit auch mal bekomme.“


Ich nickte leicht. „Fahren wir fort, Mr Twiste, bitte beantworten Sie meine Frage.“


Und ab da schweifen meine Gedanken wieder zu Ann und Rose. So geht es mir den ganzen Tag. In den Pausen sehe ich mit an, wie Kylen sich an Ann ranmacht und sie ihn anhimmelt. Immer wieder sehe ich den Silberschimmer bei ihr aufleuchten.


Nach der Schule bringt Kylen sie nach Hause. Ich folge ihnen, denn jemand musste auf sie aufpassen und was erwartet mich zuhause schon? Eine saure Elli, ein trauriger Bruder und mein verzweifelter Vater.

 

Bei ihr angekommen verabschiedete sie sich von Kylen und verschwindet im Haus. Ich setze mich, an einen Baum angelehnt, auf den Waldboden. Ich schaue hoch zu ihrem Fenster. Ich vermisse sie schon nach so wenigen Stunden. Auch Kylen, der mal unser Freund gewesen ist, geht den Demonts jetzt aus dem Weg.


Ich finde es schon komisch, aber wenn er wirklich auf Ann steht, dann würde er auf ihrer Seite stehen. Elli hat mir erzählt, was Jack und ich gemacht haben… ich weiß nichts mehr davon und auch nicht, dass ich mehr als Freundschaft für Ann gefühlt habe.


Nein, ich will sie beschützen, aber sie niemals küssen oder mit ihr ins Bett, sie war und ist meine Schwester, da bin ich mir sicher. Ich muss sie zurückholen. Gerade als ich aufstehe, höre ich, wie sie ihr Fenster öffnet.


Sie springt und verwandelt sich sofort in eine Eule.


Plötzlich taucht neben ihr ein Adler auf, ich schaue genauer hin. Der Vogel besitzt einen Silberschimmer, genau wie Ann. Er ist ein Charan, aber keiner, den ich kenne.

 

Blitzschnell verwandele ich mich und renne zu mir nach Hause. Wenn derjenige wirklich ein Charan ist, kann es nur einer von Dylans Leuten sein! Ich verwandele mich zurück, renne durch unsere Eingangstür hoch in den ersten Stock. Ohne zu klopfen, öffne ich das Büro von meinem Vater „Dad, ich muss dir…“, doch ich kann nicht aussprechen.


„Alec, wo warst du?“ Er ist eindeutig sauer.


„Bei Ann, aber…“


Er hebt die Hand und ich verstumme. „Glaubst du nicht, du hast schon genug angerichtet?! Wegen dir ist sie fort! Sie ist alles, was uns helfen kann! Ist sie gegen uns, Alec, kann sie uns und unsere Welt zerstören! Sie ist mächtiger als jeder andere von uns. Wir haben ihr ihre Mächte gezeigt, nun muss sie entscheiden, gegen wen sie sie einsetzt!“


Ich schaue ihm in die Augen. „Aber Vater…“, setze ich an, doch er setzt seine Kräfte gegen mich ein und ich falle zu Boden.


Schmerzen durchströmen meinen Körper, aber es war nichts im Gegensatz zu dem Verlust von Rose. „Dad, hör auf!“ Es ist Elli, die unseren Vater anschreit.


Vater lässt von mir ab, jedoch hat er mir schon gezeigt, was er von mir hält. Ich stehe auf, vergesse Ann völlig und verschwinde im Rosengarten.

 

Ich setze mich und schaue auf den letzten Ort, wo ich mit Ann zu tun hatte. Ab da ging alles schief. Dieser Ort war noch nie gut, denn hier küsste ich Rose zum letzten Mal.


Die Schmerzen kommen wieder hoch und ich schreie einfach aus voller Seele. Jedoch war dies kein menschlicher Schrei, sondern der eines Bären. Danach schließe ich die Augen und höre der Stille und der Natur zu. Der Rosenduft umhüllt mich und entfernt höre ich den See und seine Fische, die ein letztes Mal die Sonne genießen, bevor der Winter anbricht.


„Rose und du, ihr wart verbunden, oder?“


Jacks Stimme holt mich aus den Gedanken. Ich lasse die Augen geschlossen und nicke.


„Sie war alles was ich je wollte.“


Jack nimmt neben mir Platz. „Es fühlt sich an, als würde jemand ein Brenneisen an dein Herz hallten.“


Wieder nicke ich.


„Fühlst du es immer noch?“


Ich öffne die Augen und schaue zu meinem kleinen Bruder. „Jeden neuen Tag, den ich aufwache, bekomme ich diese Schmerzen. Man fühlt sich halb, für immer.“


Jack schaut zu mir. „Wir müssen Ann zurückholen.“


Ich nicke und zur Bestätigung sage ich nochmal: „Ich weiß, mein kleiner Bruder.“

kapitel 30

Ich habe meine Augen wieder geschlossen, Jack sitzt immer noch neben mir.


„Liebst du Ann?“


Darüber muss ich nicht nachdenken. „Nicht mehr als ich auch Elli liebe“, ich öffne die Augen und sehe wieder zu meinem Bruder.


„Also lagen deine Gefühle alle an diesem Zauber?“


Ich nicke und verstärke mein Nicken mit den Worten: „Ja, da bin ich mir sehr sicher.“


Jack schaut mich an. „Aber wer sollte dich verzaubern?“


Ich schaue wieder auf die Rosen. „Dylan!“


Mein Bruder stellt sich hin. „Warum? Was hätte er davon?“


Ich lache sarkastisch auf. „Was er davon hat? Eine Ann, die verletzt und verzweifelt ist. Damit ist sie angreifbar und beeinflussbar durch andere Personen.“


Jack schaut mich immer noch fragend an. „Komm mit!“

 

Mein Ziel: die Bücherei. „Was sollen wir hier?“


Ich drehe mich zu Jack. „Elli hat mir erzählt, dass wir uns hier gestritten haben, um Ann. Damals war sie anwesend, ich glaube wohl kaum, dass sie hellsehen kann, also hat sie ein Buch gesucht.“


Jack sieht nicht gerade überzeugt aus. Was soll‘s. Ich drehe mich zu den Büchern um und schließe die Augen. Ich spreche die lateinischen Wörter für ‚von Ann berührte Bücher‘ aus und schon fliegen mehrere Bücher aus dem Regal. Die meisten sind Lehrbücher, bis auf zwei. Das Buch über Mischblut und das Buch Potiri amor. Ich nehme sie in die Hand, dabei fällt ein Brief heraus. „Was ist das?“


Ungläubig schaue ich auf das Stück Papier. „Ann ist ein Mischblut, genau wie Rose eines war.“


Jack schaut mich misstrauisch an und liest den Brief. „Was? Das glaube ich nicht, und wofür brauchte Dylan das Buch?“


Ich höre schon nicht mehr zu, sondern lese gerade das Mischblut-Buch. „Sie haben keinen normalen Schimmer?“, frage ich mehr an mich selber gerichtet, jedoch gibt mir Jack erst den richtigen Anstoß. „Ann hat einen silbernen.“


In meinem Kopf rattert es. „Na klar!“


Jack schaut mich noch verwirrter an. „Wir müssen zu Elli.“


Damit lasse ich die Bücher zurückfliegen und ziehe Jack mit aus dem Raum.

 

„Elli?“, ich klopfe an ihre Tür.


„Was willst du, Alec?“ Sie klingt leicht genervt.


„Ich brauche dich.“


Und schon wird die Tür aufgerissen. „Wofür?“, fragt sie.


„Lass uns doch erst mal rein, dann erkläre ich es euch beiden.“


Sie schaut misstrauisch zu Jack und dann zu mir. „Nun gut, kommt rein“ und sie geht einen Schritt zurück. Ich setze mich auf ihr Sofa und neben mir Elli und Jack, die mich beide fragend ansehen. „Also, ich weiß, ihr beide mögt das Thema Ann nicht.“


Elli will schon was sagen, aber ich stehe auf und schaue beide böse an, woraufhin beide schweigen. „Es gibt keinen Zweifel, für Ann sind viel Leute gestorben. Mum auch. Sie ist unsere Hoffnung und das einzige, was wir tun können, um unser Land zu retten, ist, Ann zurückzuholen. Ich wollte mit Vater reden, aber…“


Elli kommt mir zuvor: „Das hat eindeutig nicht funktioniert.“


Ich nicke. „Ich wurde eindeutig verzaubert und ich denke, dass war ein fester Plan von Dylan. Er wollte, das Ann von uns geht und sie allein und verwundbar ist.“


Elli sieht mich an. „Komm zum Punkt!“


Ich sehe zu Boden. „Ich habe Ann gerade ausspioniert. Sie hat Kontakt zu einem Charan, der ebenfalls einen silbernen Schimmer hat.“


Jack sieht mich ausdruckslos an. „Noch ein Mischblut.“


Elli sieht verwirrt zwischen mir und Jack hin und her. „Bitte langsam, noch ein Mischblut? Was soll das bedeuten?“


Ich setze mich wieder. „Anns Mutter war ein Mensch, verwandelt durch die Tredecem, doch Ann trägt Mischblut in sich. Ein Anzeichen dafür ist ein anderer Schimmer.“


Elli sieht mich geschockt an. „Und du hast noch ein Mischblut entdeckt?“


Ich nicke. „Wir haben aber keinen in unserer Reihe, sondern nur Charane, die sich welches spritzen, Alec!“


Ich nicke. „Ich weiß, es muss einer von Dylans Leuten sein und damit ist sie unter dem Einfluss von Dylan, ich denke sogar, es ist sein Sohn.“


Elli sieht mich mit großen Augen an. „Bitte was?“


Ich sehe ihr in die Augen und entdecke pure Angst. „Ich glaube, Dylan hat sich ebenfalls einen Menschen zu seiner Frau genommen und sie verwandeln lassen, von den Tredecem.“


Sie schüttelt den Kopf. „Das darf alles nicht wahr sein. Was ist dein Plan?“


Ich sehe beide fest an. „Wir müssen Dylans Sohn finden, ihn töten und Ann wieder nach Hause holen! Seid ihr dabei?“ Ich bin mir nicht sicher, ob sie zustimmen werden.


Jack findet seine Stimme als erstes wieder. „Für unser Land“, sagt er leise und dann fällt mein Blick auf Elli. „Für unser Land!“, sagt sie fest und lächelt leicht.


„Puh, ich dachte schon, ihr bringt mich um.“


Wir lachen, aber es fühlt sich nicht so locker an, wie es zu Anfang mit Ann oder Rose war. ‚Rosi, ich werde deine Schwester schon retten und unser Land. Ich werde dich für immer lieben‘, sende ich in Gedanken zu meiner toten Liebe.

 

 

 

Kapitel 31

„Was sollen wir bitte machen, um seinen Sohn zu finden?“ Jack sieht mich zweifelnd an. „Wir werden uns an Ann hängen, sie beobachten und zwar den ganzen Tag, selbst wenn sie schläft.“


Elli sieht mich an als wäre ich der Osterhase.


„Das ist nötig, wir müssen ihre Kontakte finden und abschätzen, wer es ist.“


Elli verdreht die Augen, stimmt mir aber dann zu.


„Noch was... niemand wird mit einbezogen, ich übernehme die erste Schicht.“ Ich drehe mich um und will den Raum schon verlassen, als Jack meinen Arm umfasst und „Danke“ flüstert. Ich nicke kurz und gehe dann endgültig.

 

„Alec!“, unser Arzt hält mich dann doch auf.


„Ja?“ Ich drehe mich um.


„Sie wurden verzaubert, der Spruch ist mir bekannt, einst wurde er benutzt, um Ihrem Vater zu schaden.“


Ich nicke kurz und will schon gehen, als unser Arzt weiterspricht. „Ihrem wahren Vater.“


Schockiert sehe ich ihn an. „Ihre Mutter bat mich, es geheim zu halten, so lange, bis Ihr nach Antworten sucht.“


Ich runzele die Stirn. „Ich habe nicht danach gesucht.“


Er schaut mich lächelnd an. „Ihr holt Ann zurück, weil Ihr sie versteht, Alec.“


Ich schaue zu Boden und denke kurz nach. „Sie meinen, ich bin auch ein Mischblut?“, frage ich, doch ich bekomme keine Antwort und als ich aufsehe, ist unser Arzt verschwunden. Ich schreibe Elli eine Nachricht, dass sie die erste Schicht übernehmen soll. Ohne zu fragen warum, sagt sie ja. Ich verschwinde in der Bibliothek.

 

Ich lese mir das Mischblut-Buch ganze dreimal durch, nur um festzustellen, dass ich keins bin. Ich besitze keines der Merkmale. Ich stelle es frustriert zurück, als ich aus Versehen das Buch daneben herunterwerfe. „Secretum“ (Geheimnis), flüstere ich. Ich schlage es auf und finde einen Brief. Wirklich Mum, es fällt überhaupt nicht auf, dass du mit Anns Mutter befreundet warst.

 

Lieber Alec,


irgendwann wird Ann/ Rose es herausgefunden haben und da du ein schlauer Kerl bist, wirst du ihr nach spionieren.


Ich konnte es nicht in dasselbe Buch stecken wie Anns und Roses Mutter. Dann hätte es Dylan auch gelesen und es gäbe keine Hoffnung mehr. Du bist das Stück, welches Ann und Rose verbindet, ihr drei seid zusammen mächtiger als Aeon selber. Eine lange Legende gibt es über euch.


Eines Tages sollen Liebe, Hoffnung und Kraft aufeinander treffen und die Welt befreien. Du bist die Kraft, Alec. Vor deinem Vater, ungefähr einen Monat, schlief ich mit einem Mann, der ein Kind Aeons war. Es war Vires. Du bist sein Sohn und damit einer der drei Mächte. Du musst vollenden, was Rose und Ann beginnen.

 

Suche die Kiste, mein Sohn.

 

In dem Briefumschlag liegt eine Kette mit einem kleinen Anhänger. Ich ziehe sie mir über den Kopf, stecke den Umschlag ein und mache mich auf den Weg, um Elli abzulösen.


„Hey Alec, da bist du ja.“


Ich nicke ihr zu. „Ist was passiert?“


Sie schüttelt den Kopf. „Sie ist seit Stunden nicht hier aufgetaucht, aber sag mal, wo warst du so lange?“


Ich setze mich zu ihr auf den Boden. „Ich bin ein bisschen herumgelaufen.“


Sie sieht mich misstrauisch an und setzt an, etwas zu sagen, als mein Handy klingelt. Ich suche meine Taschen ab und finde es in einer Jackentasche wieder.


„Ist Elli bei dir?“ Es ist Jacks Stimme.


„Hallo mein geliebter Bruder, ja, sie sitzt neben mir.“


Jack spricht völlig hasserfüllt. „Dylan hat wieder zugeschlagen!“


Ich sitze ungläubig mit meinem Handy in der Hand. „Was ist passiert?“


Schweigen. „Jack. Was ist passiert?“


Nachdem ein lautes Einatmen und Ausatmen zu hören ist, sagt Jack es mir. „Vater wurde tot aufgefunden, bei ihm eine weibliche Charan.“


Regungslos sitze ich an den Baum gelehnt. Sicher, Vater war streng und oft hat er mich verletzt und in Wirklichkeit war er gar nicht mein Vater, aber trotzdem habe ich ihn geliebt.


„Alec, was ist denn?“ Elli schreit mich an.


„Wir müssen zurück“, sage ich ernst und stehe auf.


„Alec, was hat Jack gerade gesagt?“


Ich schüttele den Kopf und drehe mich weg. Eine einzelne Träne läuft meine Wange herunter. „Vater ist tot“, flüstere ich.


„Nein, das kann nicht sein!“


Ich drehe mich zu Elli, nachdem ich die Träne weggewischt habe.


„Nein, Alec! Nein…“ Ihr zweites Nein ist schon leiser. Elli kniet auf dem Boden und schon laufen ihre Tränen und ihre Schreie werden lauter. Ich knie mich zu ihr und nehme sie in den Arm. „Alec, das kann nicht wahr sein!“


Ich streiche ihr über den Rücken, während immer mehr Tränen aus ihren Augen fließen. „Lass uns gehen.“


Elli hat meine Hand die ganze Zeit fest gedrückt. Ihre Tränen sind immer noch deutlich zu sehen. Kaum kommen wir zu dem Tor, als Jack schon kommt, an seine Hand klammert sich mein kleiner Bruder Jordan. Elli rennt zu ihm und beide halten sich fest und gehen rein. Jack kommt zu mir. „Du weißt, was jetzt deine Aufgabe ist?“


Ich nicke. „Ich muss Vaters Platz einnehmen.“ Wir stehen einfach so da und schauen zu, wie der Regen anfängt. Langsam wird er mehr und durchnässt meine Klamotten, aber ich spüre keine Kälte, nur die tiefe Leere, ein weiteres Mal etwas verloren zu haben.

 

kapitel 32


Ich liege in meinem Bett und starre die Decke an. Mein Vater ist tot und Ann da draußen unter der Beeinflussung von Dylan. Zudem habe ich jetzt die ganze Verantwortung.


„Wie soll ich das nur schaffen?“


Eine Frage, die mir keiner beantworten kann. Ich seufze und stehe auf.


Es wurde eine Besprechung angesetzt, ab jetzt würde ich sie leiten. Ich gehe duschen, danach ziehe ich mir eine Jeans und ein schwarzes T-Shirt über. Ich verlasse den Raum und gehe mit schnellen Schritten zu dem großen Büro meines Vaters. Die Tür steht offen. Ich trete ein und sehe, wie Elli zusammengerollt auf dem Sessel unseres Vaters schläft. Ich knie mich vor sie und streiche ihr über die Haare. Schläfrig öffnet sie die Augen.


„Guten Morgen“, grummelt sie und ich lächle sie leicht an. Ihre Augen sind ihr wieder zu gefallen. „Wie lange hast du geschlafen?“, frage ich sie und sie öffnet die Augen und schaut auf die Uhr.


„Jordan ist vor zwei Stunden eingeschlafen und ich kurz danach.“


Ich schaue sie traurig an und ziehe sie in meine Arme. Leise drückt sie mich fest und ich erwidere den Druck, der sich so gut anfühlt. „Alles wird gut, Elli.“


Sie schluchzt. „Das haben sie nach Mami auch gesagt…“


Ich drücke sie fester „Da hatten wir noch nicht Ann.“


Sie schluchzt noch mal. „Ann ist weg Alec, sie wird uns nicht helfen.“


Ich drücke sie an mich. „Ich werde sie zurückholen, versprochen, Elli.“

 

Nun sitze ich hier mit einem Haufen von Charan und diskutiere darüber, wer die Tote sein könnte. „Sie ist auf jeden Fall keine von uns“, erklärt uns der neue oberste Krieger.


„Das wird zu nichts führen. Der Arzt soll sie untersuchen. Die Beerdigung ist unser nächster Punkt“, werfe ich ein.


„Wir werden Ihren Vater verbrennen, in einer Zeremonie heute Abend, würden Sie eine Rede halten?“


Ich nicke stumm. ER WAR WEG. Ich versinke in den Erinnerungen. Ich stehe als kleiner, weinender Junge neben meinem Vater und klammere mich an seinen Mantel. Neben mir halte ich Jacks kleine Hand, der mich traurig anschaut. Dad trägt Elli auf dem Arm und der wenige Wochen alte Jordan liegt in seinem kleinen Wagen neben uns. Mein Vater weint mit mir und Jordan schreit. Ich schaue von seinem Gesicht weg auf einen Sarg, der lichterloh brennt. Meine Mutter liegt in diesem Sarg. Meine Grandma kommt und nimmt Jordan auf den Arm.

 

„Alec?“ Ich schüttele den Kopf. „Was?“, frage ich verwirrt in die Runde.


„Wie sollen wir das Problem mit Ann lösen?“


Ich schüttele den Kopf. „Überlassen Sie das nur mir.“


Sie nicken nur und so wird die Sitzung beendet. Ich verlasse den Raum und renne nach draußen. In Sekunden werden aus meinen Händen Pfoten und aus meiner Haut ein braunes und dichtes Fell. Ich brülle in die Welt und renne los. Ich spüre wie meine Pfoten sich in die feuchte Erde graben. Der Wind ist heute stärker und fegt mir durchs Fell. Ein Ast liegt auf den Boden und ich springe über ihn. Ohne zu wissen, wo ich hinrenne, laufe ich blind durch den Wald. Als ich stoppe, sehe ich vor mir das Haus von Ann.


Wir waren heute nicht in der Schule. Vermisst sie uns?


Ich schüttele den Kopf und brülle voller Schmerz auf. Plötzlich öffnet sich ihr Fenster und ich verwandele mich. Ich blicke zu ihr hoch, doch sieht sie mich? Und wie zur Antwort schaut sie zu mir und springt aus dem Fenster. Schnell verwandelt sie sich und landet vor mir, dann verwandelt sie sich zurück. „Du hast gelernt.“


Sie nickt nur zur Antwort. „Ich liebe dich nicht, ich war verzaubert.“


Doch sie zeigt keine Emotionen und gibt nur ein „Mmhh“ von sich.


„Ich wollte nur sagen, dass mein Vater gestorben ist, durch Dylan. Die Beerdigung ist heute Abend um acht Uhr bei uns.“


Sie nickt kurz und dreht sich um. Sie will sich wieder verwandeln.


„Der Adler tut dir nicht gut, Ann.“


Sie dreht sich um und schaut mich wütend an. „Du weißt nichts von ihm und dein Urteil interessiert mich nicht!“


Ich schaue sie direkt an. „Komm zurück.“ Sie schüttelt den Kopf, ich gebe ihr eine Karte und den Brief meiner Mutter, sie nimmt sie an und fragt: „Was ist das?“


Ich schaue sie an. ‚Der Weg zu Rose‘ Höhle. Den Schlüssel trägst du ja und der Brief ist von meiner Mutter.‘


Sie lässt die Verbindung zu und mit den Worten oder besser gesagt Gedanken, drehe ich mich um und verschwinde in Richtung meines Zuhause.

kapitel 33

Ich schaue in den Himmel hoch, die Sonne wird von grauen Wolken verdeckt. Es regnet schon seit Stunden und in mir spüre ich die Leere. Ich habe tausend Fragen, die ich beantworten soll, jedoch habe ich keine einzige Antwort.


Ich schließe die Augen und spüre, wie meine Dornenranken brennen.


Ann. Wie soll ich sie nur zurückholen?


Ich schaue auf den Brief von Rose. Immer noch steht dort die Aufgabe, Ann zur Höhle zu führen. Ich schüttle verzweifelt den Kopf und stecke den Brief wieder weg, da er schon nass genug ist. Ich atme noch einmal tief ein und aus, dann gehe ich in mein Zimmer. Dort stelle ich mich unter die warme Dusche. Anschließend ziehe ich mir den schwarzen Anzug an, diesen hatte ich vorher raus gelegt. Ich streiche über das perfekt sitzende schwarze Seidenhemd. Es gelingt mir nicht, meine Krawatte zu bändigen. Es klopft, was mich leicht aufschrecken lässt. Ist es schon so spät? Muss ich schon runter? „Herein?“


Elli betritt den Raum in einem schwarzen Kleid. Es steht ihr. „Soll ich dir helfen?“, fragt sie und zeigt auf meine Krawatte. Ich bringe nur ein stummes Nicken zustande. Sie kommt näher und bindet mir meine Krawatte elegant zusammen.


„Wie geht es dir, Elli?“ Sie schaut nicht zu mir hoch als sie mir antwortet. „Ja, es geht schon.“


Ich hebe ihr Kinn an und streiche ihr mit meinen Daumen die Tränen von den Augen. Dann schließe ich sie in eine feste Umarmung und küsse sie auf den Scheitel. Wieder klopft es. „Herein?“


Jack und Jordan stehen in der Tür. „Wir müssen los“, teilt mir Jack mit und so lasse ich Elli los und trete meiner Aufgabe entgegen.

 

Es wurde ein Scheiterhaufen aufgeschichtet, darum herum wurde ein Kreis aus Fackeln gebildet. Alle Charan, die meinem Vater gefolgt sind, haben sich versammelt. Ich gehe als erstes zu dem Scheiterhaufen, hinter mir Jack, dann Elli. Jordan geht als letzter. Wir stehen in einer Reihe vor dem Scheiterhaufen und wie damals mein Vater, so trete ich einen Schritt vor. Ich unterdrücke den Drang zu weinen.


„Wir alle stehen zu deiner Ehre hier. Du warst ein guter Anführer, ein guter Vater und ein guter Ehemann. Da, wo du bist, wirst du uns im Geiste beistehen, denn wir werden in deinem Sinne weitermachen. Wir folgen dir bis über den Tod hinaus, denn du hast uns gelehrt, Hoffnung zu haben…“


Meine Stimme versagt, als ich Ann am Waldrand sehe. Sie trägt eine Eleganz an sich, als wüsste sie genau, dass wir sie sehen. Doch ich scheine der einzige zu sein, denn als ich mich umgucke, sind alle Blicke auf mich gerichtet. Ich suche nach Worten in meinem Kopf, aber ich finde keine, als sich plötzlich alle Charan Vögel verwandeln und einige Runden um den Scheiterhaufen fliegen, unter ihnen ist auch Ann. Sie fliegen zu Ehren meines Vaters. Ich greife nach den Händen meiner Geschwister und so stehen wir vor dem Grab und zünden es gemeinsam an, mit einer Fackel, die uns gereicht wird.


Elli schluchzt und klammert sich an Jack.


Jordan und Jack starren die Flammen einfach nur an. Sie werden größer und verbrennen die Leiche meines Vaters. Die Flammen ragen in den dunkeln Nachthimmel. Dort oben fliegen noch lange Zeit die Vögel.

 

Wieder regnet es, ich sitze im Rosengarten mein Anzug ist durchnässt und ich bin müde, aber an Schlaf ist nicht zu denken. Die ganze Nacht standen Jack und ich an dem Scheiterhaufen von unserem Vater. Erst heute Morgen war nur noch schwarze Asche übrig geblieben. „Ann war hier.“ Ich schaue zu meinem kleinen Bruder.


„Ich weiß, ich habe sie gespürt.“ Eine Träne läuft seine Wange runter.


„Ich bringe sie nach Hause, Jack.“


Jack dreht sich zu mir. „Wie sollst du das denn schaffen?“


Ich schaue ihn an. „Weil es so in der Prophezeiung steht.“


Er runzelt die Stirn und schaut mich misstrauisch an. Ich erzähle ihm von dem Brief unserer Mutter. „Deswegen wollte Dylan, dass Rose keinen Kontakt zu uns hat. Nur so können wir ihn bezwingen.“ Ich nicke und stehe auf.


„Wo willst du hin?“, fragt mich mein Bruder.


„Ich muss einen klaren Kopf bekommen.“ Mit diesen Worten verwandele ich mich in meine andere Gestalt, den Bär. Langsam tapse ich durch den Wald zu Roses Höhle. Doch von Ann ist nichts zu sehen. Nichts deutet darauf hin, dass jemand hier war. Ich rolle mich vor der Höhle zusammen und falle in einen tiefen Schlaf.

kapitel 34

Ein leises Summen weckt mich. Ich schaue verwirrt um mich und verwandele mich zurück. Mein Handy klingelt. Ich schaue auf das Display: Fünf Anrufe von Ann… ich nehme den sechsten Anruf an.


„Alec?“


Ich bin unfähig etwas zu sagen.


„Alec, verdammt, bist du es?“


Erst jetzt wird mir klar, dass etwas nicht stimmt. „Ja?“, antworte ich.


Ann atmet hörbar aus. „Elli ist dran mit dem Dienst, auf mich aufzupassen, oder?“


Ich runzle die Stirn. „Woher weißt du das?“


Sie schnaubt: „ Ich bin nicht blöd, aber ist ja auch egal. Sie hat Schmerzen, Alec, ich kann nicht zu ihr. Bitte komm her und hilf ihr!“


Kaum hat Ann es ausgesprochen, lege ich auf und verwandele mich in einen Bären zurück. Ich renne über die Wiesen, meine Beine fühlen sich wie fremdgesteuert an. Mein einziger Gedanke gilt Elli. Ich kann sie jetzt nicht verlieren! Nein sie lebt… sie muss leben…


Schon von weitem höre ich Schreie, schmerzerfüllt dringen sie durch die schon wieder anbrechende Nacht. Ich habe viel zu lange geschlafen. Wenn sie jetzt stirbt, dann bin ich daran schuld.


Es ist ein Bild des Grauens. Elli wechselt immer wieder ihre Gestalten und wälzt sich hin und her.


Ich verwandele mich zurück und lasse mich vor ihr auf die Knie fallen. „Elli? Ich bin hier.“ Vorsichtig ziehe ich sie auf meinen Schoß, so dass ihr Kopf auf meinen Beinen liegt. Sie schreit immer weiter.


„Elli, warum hast du nicht gesagt, dass du in der Verwandlung bist?!“ Ich schreie sie voller Wut an. Tränen laufen ihre Wangen herunter „Ich… wollte… dich... nicht… belasten.“


Ich schüttele den Kopf und hebe sie hoch. „Wir müssen dich jetzt mal nachhause bringen, deine Verwandlung ist zu früh.“ Ich nehme sie hoch und trage sie zurück.


„Ann…!“ Sie schreit es und plötzlich ist sie bewusstlos.


Langsam drehe ich mich um.


Ich keuche auf. Mein Magen krampft sich zusammen, mein Herz schlägt schnell und ich gehe zu Boden, wieder mal. Anns Haus steht in Flammen und Dylan steht daneben. Ann in seiner Gewalt.


Ich will zu ihr, aber plötzlich kommt mir ihre Stimme in den Sinn ‚Alec, geh mit Elli! Bring sie in Sicherheit! Meine Eltern sind weg und ich habe das Haus angezündet, wegen dem Brief von dir. Findet Dylans Sohn und jetzt lauf! Sag Jack, dass ich ihn liebe und schau in Roses Höhle!‘


Ich schlucke, rappele mich auf und renne. Was ist passiert? Ann scheint alles zu wissen, aber wieso ist sie nicht zu mir gekommen?! Verdammt! Da ist es, unser Anwesen. Jack kommt auf mich zu. „Was ist los, Alec?“


Ich schaue ihn an. „Kümmere dich um Elli und bring sie rein. Irgendwas stimmt mit ihrer Verwandlung nicht.“


Er nickt, geht rein und nach ihm kommt der oberste Krieger auf mich zu. „Ich will alle Männer, die einsatzfähig sind, in fünf Minuten an Anns Haus sehen. Dylan hat sie!“ Damit rennt er rein. Immer mehr Charan treten aus dem Haus und eilen los, ich folge ihnen. Anns Haus liegt in Schutt und Asche, von Ann keine Spur. Ich falle auf die Knie und lasse meinen Tränen freien Lauf. Ich habe versagt… sie ist weg und unsere letzte Hoffnung verschwindet. „Alec, was sollen wir jetzt machen?“


Ich schaue auf und sehe einen Charan, der meinem Vater ewige Treue geschworen hat. „Sucht nach Anhaltspunkten.“


Er nickt und so beginnen sie zu suchen. Langsam stehe ich auf. Ich darf jetzt nicht verzweifeln und aufgeben, meine ganze Welt steht auf dem Spiel. Langsam bewege ich mich in die Richtung, in der Rose‘ Höhle liegt. Einen Schritt nach dem anderen gehe ich voran und kann nicht glauben, was passiert ist. Die Höhle ist offen und ich kann herein treten und sehe einen gemütlichen Raum. Er ist von Kerzenlicht erleuchtet und mittendrin steht ein alter Holztisch. Auf ihm eine Kiste. Ich öffne sie vorsichtig. Zum Vorschein kommen mehrere Briefe, auf einem steht mein Name. Vorsichtig ziehe ich ihn heraus.

 

Lieber Alec,
wenn du diese Zeilen liest, wirst du denken, ich bin tot, aber ich bin nur untergetaucht… ich weiß, du hast mich zu Grabe getragen, aber ich lebe und ich werde bald zurückkommen. Du weißt von der Prophezeiung? Ich glaube, ja. Du hast es geschafft, Alec. Wir können unsere Welt retten, hab nur Geduld. Unser Wille wird retten, was kein anderer vermag… rette Elli und rette Ann… rette unsere Welt!

 

Ich kann nicht weiter lesen und sitze wie erstarrt da.


Rose lebt. Aber was hat das alles zu bedeuten? Wer ist Dylans Sohn? Woher weiß sie, dass Elli und Ann in Gefahr sind? Und warum Elli?


Ich habe so viele Fragen… Plötzlich rauschen meine Ohren… es ist nicht unangenehm… plötzlich hört es auf und ich sehe wie Ann diesen Raum betritt… ich sehe die Vergangenheit.


Sie setzt sich und liest ihren Brief. „ Es stimmt also, wir drei sind die Prophezeiung. Oh Rose, warum hast du mir vorher nichts gesagt...“ Es scheint als würde Rose Ann nicht gesagt haben, dass sie noch lebt.


„Ich vermisse dich so…was? Kylen ... ich dachte er wäre mein Verbündeter und nicht einer von Dylan...“ Ich wache wieder auf und liege keuchend auf dem Rücken. Ich stehe auf und renne zu unserem Anwesen. Ich renne in den Krankentrakt und öffne jede Tür. Endlich finde ich den Raum von Elli. Elli leidet immer noch unter Schmerzen und Jack ist bei ihr. Ich trete ein.


„Alec, wo ist Ann?“ Sie zuckt zusammen.


Jack dreht sich um „Alec, sie redet die ganze Zeit von Ann. Gerade ist mein Tattoo wieder aufgetaucht, aber ich kann keinen Kontakt finden.“


Ich nicke. „Dylan hat sie…“


Jack steht auf, er scheint wütend, verdammt wütend zu sein „WAS?“ Ich schaue auf den Boden. „Du hast es zugelassen, dass sie sich ihm anschließt?!“


Ich schaue erschrocken auf. „Nein, Dylan hat sie entführt, sie ist auf unserer Seite. Sie, ich und Rose bilden seinen Gegner, nur wir können ihn stürzen und er weiß wohl, welche Macht Rose und Ann haben, aber von mir weiß er nicht. Da bin ich mir sicher. Rose lebt und Ann auch und ich werde sie jetzt retten!“ Wütend trete ich aus dem Raum.


„Wie willst du das bitte anstellen!?“ Ich drehe mich um. „Dylan hat sich einen Menschen zur Frau genommen und einen Sohn bekommen, mit dem schönen Namen Kylen, er und seine Freunde sind Diritasen!“


Jack und auch Elli schauen mich geschockt an.


„Wie konnten wir das übersehen?“, flüstert Elli und plötzlich ist sie ein kleiner Haufen aus braunem Fell. Ein kleiner Marder. Flink und gerissen. Sie verwandelt sich zurück. „Dann lasst uns mal Ann retten und Rose finden.“
Sie steht auf, nimmt Jacks und meine Hand und so gehen wir in den großen Saal und berichten, was wir herausgefunden haben. Wir haben einen Plan und beginnen mit den Vorbereitungen. „Elli, du bleibst hier!“ Sie schüttelt den Kopf. „Bitte, Elli!“ Sie schüttelt wieder den Kopf. „Nein, ich bin es ihr schuldig!“

 

 

 

 

Teil 5/ kapitel 35

(Ann´s Sicht)

 

Vergangenheit ist nicht Vergangenheit, denn es entscheidet die Zukunft.

 

Gürol Tozman

 

Vielleicht ist es leichtsinnig, das alleine durchgezogen zu haben, aber ich wollte nur meine neu gewonnene Familie schützen.


Lange habe ich mich einsam gefühlt und wusste, dass ich nicht völlig erfüllt bin, alleine Jack und seiner Familie ist es zu verdanken, dass ich erleben durfte, wie sich fliegen anfühlt. Vielleicht kann ich es nun nie wieder erleben…. Endlich verstehe ich es. Rose ist ein Opfer von Dylan und ich werde mich rächen.

 


„Steh auf!“ Eine dunkle Männerstimme ertönt hinter mir. Ganz langsam setze ich mich auf, mein Kopf pocht. Vorsichtig öffne ich meine Augen, jedoch ist mein Blick leicht verschwommen. Ich hebe meine Hand und taste meinen Kopf ab, bis ich eine Wunde entdecke, welche das Pochen und die unheimlichen Schmerzen auslöst. Ich gehe in mich und will so die Wunde heilen lassen, als mich der Mann packt und grob nach oben zieht.


„Lassen Sie mich los!“, schreie ich.


Doch der Mann lacht nur und ein Schauer läuft mir bei diesem Klang über den Rücken.


Meine Energie ist durch meine Wunde geschwächt und so lasse ich mich mitschleifen. Mein Blick wird wieder normal und ich entdecke, dass wir in einem unterirdischen Gang sind. Der Boden besteht aus Beton, genauso wie die Wände. Neonröhren spenden kaltes Licht.


Umso unwohler fühle ich mich, weil ich nur im Nachthemd herumlaufe, oder vielmehr herumgezerrt werde. Ich bemerke, wie die Kälte meine Beine hoch wandert.


Soll es so enden? Ich, irgendwo verschollen in diesen Gängen. Alleine werde ich hier nie raus finden, schießt es mir durch den Kopf. Wobei, dafür müsste ich erst mal solange überleben, um einen Fluchtversuch starten zu können.


Ich seufze auf. Was würde ich jetzt geben, um bei Jack zu sein? Ziemlich viel!


Endlich fällt mir ein, wofür ich weiter leben muss, für Jack und unser Land.


Unsanft werde ich aus meinen Gedanken gerissen als ich auf dem harten Boden lande. Ich bleibe kurz liegen und heile zunächst meine Verletzungen, dann blicke ich auf den Mann, der sich gerade wieder aufrichtet. Seine raue und kratzige Stimme passt gut zu seinem Aussehen. Schwarzes dichtes Haar, einen gut trainierten Körper und, ganz klassisch für die Bösen, eine fette Narbe, die sein Gesicht zeichnet und meiner Meinung nach auch entstellt.


„Was gibt es da zu sehen, Schlampe?“ Und zack, liegt seine dreckige und leicht feuchte Hand auf meinem Gesicht. Ich erschrecke und mein Kopf schwingt zur Seite.


Der Schlag ist fest und tut weh, nur mit Mühe kann ich meine Tränen runterschlucken. Ich muss stark bleiben.
Ich höre Schritte auf mich und den Typen zukommen. Plötzlich verstummen sie.


„Meine Güte, Ivan, du solltest sie nur abliefern und nicht einschüchtern!“, schreit eine unbekannte Stimme. Ich drehe mein Gesicht zu dem Unbekannten. Eine klassische Schönheit, blondes Haar, blaue Augen und ein super Body. Ich würde sabbern, wenn ich nicht wüsste, dass er ein Anhänger von Dylan ist. Nun kommt er, Mr. Klassische Schönheit, auf mich zu.


Er zieht mich hoch und wirft Mr. Narbe eine bösen Blick zu. Doch dann zieht er mich die kalten Gänge schon weiter. „Entschuldige bitte, dies war wirklich nicht gewollt.“


Ich schaue ihn skeptisch an und erwidere nichts. Als würde mich Dylan nicht töten wollen und leiden lassen! Bin ich erst mal weg, wird er für immer regieren… und Jack und seine Familie werden sterben und viele gute Charans werden da draußen leiden.


Ich schnaube aus Wut auf Dylan und mich. Warum auf Dylan muss ich wohl nicht erklären und auf mich bin ich wütend, weil ich nicht vorher in der Höhle von Rose war oder besser gesagt, sie nicht vorher gefunden habe.
Auf der Beerdigung von Mr Demont habe ich Kylen noch mitgenommen, er hat mich getröstet, doch dann musste er wohl los und so beschloss ich in die Höhle zu gehen und auf einmal war er kein Freund mehr, sondern mein Feind. Vorher kamen mir viele Dinge komisch vor, aber ich wollte es nicht wahrhaben. Ich wollte nicht alleine sein mit meinem Silberschimmer, doch das könnte mich jetzt mein Leben kosten.


Jack, Elli und Alec, was wird aus ihnen? Ich will gar nicht daran denken. Ich schließe kurz meine Augen, um meine Tränen zu verdrängen. Wir biegen um eine Ecke und bleiben vor einer Metalltür stehen. Mr Klassische Schönheit öffnet sie und zieht mich mit rein. Dieser Raum wirkt viel gemütlicher. Meine Füße dürfen sich erholen, denn unter dem alten Parkettboden befindet sich eine Fußbodenheizung, die Wände sind verputzt und in einem Cremeton gestrichen. Die Decken sind sehr hoch und ich entdecke vier Galerien, die durch alte Holztreppen zu erreichen sind. Dieser Raum wirkt nicht nur warm, sondern er ist es auch. Ein Kamin prangt in der Mitte. Davor mehrere Sofas mit gemütlichen Decken und Kissen.


„Ann, mein Liebling!“


Mein Mund steht mir offen. Mein Herz setzt aus und ich schaue völlig geschockt vor Glück und Trauer in Roses Gesicht. „Rose, was machst du hier bei Dylan?“

kapitel 36

Ich begreife kaum, dass Rose, meine geliebte Schwester, vor mir steht. Ich bin geschockt und glücklich, aber auch verletzt und wütend. Ich taste an meine Wunde… vielleicht ist das nur eine Wahnvorstellung.


„Ann, ich bin es wirklich!“ Sie lächelt und kommt in ihrem engen und Bodenlangen roten Kleid auf mich zu. Sie lebt.


Ihr Duft schlägt mir entgegen und schon schließen mich ihre Arme, die viel kräftiger wirken als noch vor einem Jahr, in eine Umarmung. Mr Klassische Schönheit hat mich losgelassen. Und schon will ich weinen und sie anschreien, doch meine Schwester kommt mir zuvor.


„Bleib ruhig, Ann. Das hier ist alles mein Plan. Ich werde dir später alles erklären!“


Ich verstumme und schließe auch meine Arme um sie. Mein Gesicht verstecke ich in ihren Haaren, die viel länger geworden sind. Ich habe sie so sehr vermisst. Ihr Lächeln, ihre Stimme, einfach alles.


„Ich habe dich vermisst“, flüstere ich in ihre Haare.


„Ich dich auch, meine Kleine.“ Sie hält mich ein Stück entfernt und schaut mich von oben bis unten an.
„Groß bist du geworden!“


Ich lächle zaghaft.


Sie zieht mich zu den Sofas. „Nimm ruhig Platz. Möchtest du was trinken oder essen?“


Ich nicke leicht. Sie dreht sich zu Mr Klassische Schönheit um. „Bring meiner Schwester was zu trinken und zu essen.“


Er nickt und verschwindet. Behutsam dreht sie sich um und nimmt neben mir Platz. Voller Erwartung schaue ich sie an. „Nicht jetzt und nicht hier, ich gebe dir schon Bescheid.“


Ich nicke nur. „Wie gut sind deine Kräfte schon?“, fragt sie mich, als wäre es was ganz Normales.


„Ganz gut. Ich habe die letzten Tage viel geübt, während ich alleine war.“ Ich verstumme und schaue zu Boden. Meine Schwester legt mir zaghaft und tröstend eine Hand auf meine Schulter. „Das wird, meine Süße.“
Ich nicke nur.


„Wie geht es dir mit der Wahrheit?“


Ich schaue sie an. „Wie soll es mir gehen? Gut?“ Ich schnaube verächtlich.


Meine Schwester senkt ihren Blick und zieht die Hand zurück. „Es tut mir leid. Die Frage war dumm von mir.“


Ich stimme ihr zu und so legt sich eine erdrückende Stille über uns. Kurz darauf öffnet sich eine Tür und Mr Klassische Schönheit fährt einen Servierwagen zu mir und dem kleinen Tisch vor mir. Ein Teller mit Sandwichs und ein Glas Orangensaft werden vor mir abgestellt.


„Danke“, sagt Rose neben mir und er verlässt den Raum wieder.


Gierig schlinge ich das Essen runter, genauso wie den Orangensaft.


„Geht’s dir nun besser?“


Ich schaue auf. „Ja, aber mit vernünftigen Klamotten noch besser.“


Rose lächelt mich an und schaut mir sehnsüchtig auf den Hals. Ich taste ihn ab, ach, ihr Ring! „Hier bitte, der gehört dir.“ Ich löse ihn von der Kette und gebe ihn Rose.


„Danke.“ Voller Sehnsucht steckt sie ihn sich auf ihren Finger und sofort leuchtet er auf als würde er bemerken, dass er zuhause ist.


Ich schmunzele leicht. Dann steht Rose auf. „Komm mit, wir besorgen dir was Vernünftiges zum Anziehen.“
Kurze Zeit darauf stehen wir in einem wunderschönen Zimmer und Rose öffnet den alten verschnörkelten Schrank und zieht ein schwarzes Kleid mit blauen Steinchen am Ausschnitt raus. „Das passt, glaube ich, sehr gut.“


Ich lächele sie an, ziehe es über und es passt perfekt. Schnell ziehe ich passende Absatzschuhe an, doch das Kleid ist bodenlang und verdeckt meine Schuhe völlig. Es ist bis zur Hüfte eng geschnitten und untenherum weiter. „Danke, es ist sehr schön.“ Ich schaue auf und begegne Roses ernstem Blick.


„Hör zu, wir haben wenig Zeit. Dylan will dich auf seiner Seite, so wie mich.“


Ich schaue sie erschrocken an. „Was?“, schreie ich.


„Ann bitte, sei leise! Es ist nicht so, wie du denkst.“


Ich schaue sie zweifelnd an. „Ach, wie ist es dann?“, frage ich zickig.


„Er glaubt es nur. Ich bin hier eingeschleust worden von Mr Demont. Ich bin der Spion.“


Ich schaue sie geschockt an. „Wer wusste davon?“


Sie schaut mich direkt an. „Nur Mr Demont.“


Ich starre zurück. „Er ist tot.“


Sie nickt. „Ich bin froh, dass du hier bist. Jetzt werden sie kommen und uns retten und Dylan werden wir töten.“


Sie lächelt grausam. War das hier wirklich Rose? Meine Rose? Es klopfte. „Herein“, sagt meine Schwester, die wieder eine total liebevolle Stimme hatte. Die Tür öffnet sich und eine junge Dame schaut uns an. „Der Meister erwartet Sie.“


Rose nickt und die Frau dreht sich weg. Rose geht an mir vorbei und flüstert mir zu: „Sag ja zu Dylan.“


Dann drückt sie meine Hand und verlässt den Raum. Ich folge ihr zurück zu dem großen Kaminraum, von da aus gehen wir durch eine Tür und einige Gänge, bis eine große Schwingtür zu sehen ist. Rose tritt selbstbewusst ein und ich folge ihr. Hinter der Tür befindet sich ein großer, schicker Raum. Alles ist steril und weiß. Außer die Möbel, die schwarz gehalten sind. Dieser Teil passt gar nicht zu dem Rest, den ich hier bis jetzt gesehen habe.
„Gefällt es dir?“


Mein Blick täuscht, ich finde es hässlich, dies ist der Raum eines Killers. Ich schaue auf, um zu sehen, wer mich gefragt hat. Ich schaue in ein sehr markantes, männliches Gesicht: Dylan! Schnell ändere ich meinen Gesichtsausdruck und verstecke mein Wut, Abscheu und Trauer gegenüber diesem Mann. Ich muss stark sein, bis ich einen Plan habe, Rose ihren umsetzt oder Jack und die anderen kommen. „Hallo, Dylan.“


Er nickt und lächelt mir zu. Sein Gesicht ist leicht erhoben und sein Ausdruck wirkt hochnäsig. „Ich hoffe doch, es gefällt dir hier?“


Ich überwinde mich zu einem verführerischen Lächeln. „Aber sicher doch. Ein wohliges Heim, dass deiner Präsenz angemessen ist.“


Er lacht. „Du bist sehr amüsant, Ann.“


Nun lächle ich und nicke leicht. „Setz dich doch.“


Ich nehme Platz. „Wein oder Whisky?“


Ich schaue erfreut. „Einen Whisky!“


Er lacht wieder. „Gute Wahl. Ich merke schon, wir werden ein gutes Team.“


Innerlich muss ich kotzen, doch in Wirklichkeit fange ich an, in ein Lachen mit den anderen einzusteigen. Jack, bitte lass mich nicht allein!

kapitel 37

Ich schwenke den Whisky in meinem Glas und schaue dabei lächelnd zu Dylan, dieser erzählt gerade, wie erfreut er ist, dass ich hier so ohne Problem sitze. Wenn er nur wüsste, dass nicht mal Rose hier einfach so sitzt. Nein, sie ist nicht mehr das Mädchen, was sie vor ihrem Scheintod war, aber dennoch will auch sie Rache. Und was will ich? Auch Rache? Ich weiß es nicht.


Mein Lachen ist glaubwürdig, aber nur eine Fassade um meine Trauer, Wut und Abscheu zu verstecken, denn würde ich es ihm zeigen, wäre ich schneller tot als ich ‚Ich hasse dich‘ sagen könnte. Dann würde ich sterben, ohne je in meiner Welt gewesen zu sein, ohne Jack noch einmal zu küssen… oh Jack, ich vermisse dich so. Dein Duft, deine Augen, deine Wärme, einfach alles…


„Ann, bist du müde? Du wirkst abwesend.“


Ich schaue Dylan freundlich an, zu gerne hätte ich den Dolch vom Schreibtisch genommen und diesen in sein Herz gerammt. „Ja, sehr. Dieser Tag hatte doch so einige Überraschungen auf Lager.“


Er nickt verständnisvoll. „Rose, bring sie doch zu ihrem Gemach.“


Rose nickt, küsst ihn auf die Wange und verabschiedet sich höflich. Auch ich verabschiede mich höflich, aber ohne Körperkontakt. Rose nimmt meine Hand und zieht mich durch mehrere Gänge bis wir vor einer Tür zum Stehen kommen. Rose öffnet sie für mich. „Bitte, dies ist dein Zimmer.“


Ich trete ein und schaue mir den gemütlichen Raum genauer an. Dunkles Parkett prangt auf dem Boden, die Wände sind in einem zarten Blau gestrichen. Die Möbel sind dunkelbraun, genauso wie der Parkettboden es ist. Ein großer Schrank, ein Himmelbett, ein Sofa und ein Bücherregal machen mein Zimmer bewohnbar. Licht spendet ein großes Fenster… Moment mal: Ein Fenster. Ich drehe mich fragend zu Rose um.


„Er hat dir einen Peilsender eingepflanzt. Wenn du fliehst oder die Demonts aufsuchst, sind wir alle tot.“


Ich schlucke. Warum geht er diese Gefahr ein? Rose muss mir meine Frage angesehen haben, denn sie antwortet: „Du bist eine Eule, dich kann man nicht im Käfig halten, du würdest verrückt werden.“


Ich nicke und schaue meine Schwester an. „Was bist du, Rose?“


Sie grinst mich an. „Eine Schlange, hinterhältig und gerissen.“


Ich grinse zurück und nicke ihr zu. Es passt zu ihrem neuen Ich.


Ich drehe mich um, gehe auf das Fenster zu und öffne es. Die frische Winterluft schlägt mir entgegen. Ich setze mich auf die Fensterbank, schwinge meine Beine heraus und lasse mich fallen. In dem Moment fühle ich mich frei. Schnell verwandele ich mich, damit ich nicht hart auf dem Boden aufschlage. Ich schlage mit meinen Flügeln, schneller und schneller. Ich fliege gen Himmel und genieße es einige Minuten lang. Kurz vergesse ich Dylan, Rose, meine Eltern, meine Trauer, meine Wut und kurz vergesse ich auch meine Welt. In diesem Moment zähle nur ich und wie meine Flügel sich in der Luft bewegen.


Nach einigen Minuten kommt alles wieder und ich fliege zurück. Rose ist verschwunden. Ich verwandele mich zurück, schließe das Fenster, ziehe mir das Kleid aus und lasse mich erschöpft auf meinem Bett nieder.

 

Einige Tage sind vergangen und ich gewöhne mich an dieses Gefängnis. Ich schauspielere, wenn Dylan da ist und lächele so, wie er es erwartet. Den einen oder anderen Whisky hatte ich schon in mich geschüttet, aber die Sehnsucht zu Jack war groß.


Ich fliege den ganzen Tag und verdränge alles. Rose redet viel mit mir, aber nicht über ihren Plan oder die Demonts.


Mir selber fällt auch kein Plan ein und so muss ich weiter schauspielern und gute Miene zum bösen Spiel machen. Zudem soll ich heute reiten lernen, wofür ich das brauche, ist mir allerdings ein Rätsel. Wenn ich schnell wegkommen muss, verwandele ich mich einfach und fliege. Doch Dylan besteht darauf und so finde ich mich am Nachmittag auf einer schwarzen Stute wieder. Sie ist sehr ruhig und lieb und schnell habe ich den Bogen raus.


„Gut machst du das“, lobt mich Rose. Sie schaut vom Rand der Koppel zu.


Als ich sehe, dass wir alleine sind, steige ich von Star, so heißt das Pferd, hinunter und gehe zu ihr. „Rose, wie sieht dein Plan aus?“


Sie schaut Star an ohne ihr Gesicht zu verziehen. Wann ist sie so ernst geworden? „Ann, es braucht Zeit!“ Sie sieht mich nicht an, ich aber sehe sie an.


„In dieser Zeit leiden Menschen!“, schreie ich sie an.


„Sei ruhiger, Ann.“ Sie hat recht, immerhin sind wir immer noch beim Feind.


„Was soll ich tun?“ Sie schaut mich an, ihre Augen sind glasig. „Warten, Ann! Bald wird es so weit sein!“ Mit diesen Worten geht sie einfach. Was ist nur mit ihr passiert? Vermisst sie Alec? So wie ich Jack vermisse? Zerfrisst sie es so? So wie es mich zerfrisst? Vielleicht ist sie nur traurig… ich verwandele mich und fliege in die Lüfte. Ich atme tief durch. Ich fliege über den Wald und schaue runter. Plötzlich nehme ich eine Bewegung wahr. Ist das ein Wolf? Jack?


Ich schüttle den Kopf, jetzt fantasiere ich schon. Ich drehe um und fliege in mein Zimmer, um mich umzuziehen. Kurz darauf klopft es an meiner Tür.

 

 

kapitel 38


Ich wundere mich schon nicht mehr, bestimmt ist es Mr Klassische Schönheit, um mich zum Mittagstisch zu bringen. Natürlich hat er auch einen richtigen Namen, aber sein Spitzname sitzt einfach in meinem Kopf fest. Lächelnd gehe ich zur Tür und öffne sie, doch vor mir steht Mr Narbe.


Angewidert schaue ich ihn an. „Was wollen Sie?“


Er nickt mir zu. „Der Meister möchte Sie alleine sprechen.“


Ich forme meine Augen kurz zu Schlitzen und lächele dann. „Oh, das ist aber schön“, sage ich fröhlich.


Mr Narbe nickt und führt mich dann durch die Gänge zu seinem Büro. Zaghaft öffne ich die Tür, nachdem von innen ein Herein ertönt ist. „Ah, Ann, setz dich doch.“


Ich komme seiner Aufforderung nach und lasse mich nieder auf einem der schwarzen Sofas.


„Ich wollte mal mit dir über meine Pläne sprechen.“


Wenigstens einer, denke ich ironisch.


„Ja klar, kein Problem.“


Er setzt sich neben mich. „Die Demonts werden dir viel über mich erzählt haben, aber das stimmt nicht, Ann.“ Durchdringend schaut er mir in die Augen und nimmt meine Hand. „Dein Vater war ein schrecklicher Mann. Er tötete Menschen, egal, ob er sie liebte oder nicht. Selbst unsere geliebte Schwester opferte er, nur für deine Mutter, doch sie war nur ein gewöhnlicher Mensch. Sie war es nicht würdig, eine Königin zu werden und das Volk akzeptierte sie nicht. Bald wurden sie gestürzt. Ich hatte sie gewarnt, doch sie ignorierten es völlig.“


Mein Magen zog sich zusammen. So wie er es erzählt, könnte man es fast glauben, er sagt die Wahrheit. „Was ist mit dir und deinem Sohn?“


Er schaut mich fragend an. „Ich habe keinen Sohn“, sagt er dann.


Verwundert schaue ich ihn an. „Was ist mit Kylen?“


Er schmunzelt. „Er ist nicht mein Sohn, er ist dein Bruder, Ann.“


Wieder mal sitze ich geschockt vor Dylan. „Wie…?“


Er schaut mich lächelnd an. „Ich habe ihn entführt und er denkt bloß, er sei mein Sohn.“ Er lacht sein grausames Lachen. Mich kostet es viel Mühe, ihn nicht anzuschreien was er für ein Widerling er ist.


„Aber psst, er weiß es nicht.“ Wieder lacht er.


„Aber wie geht das?“


Er schaut mich belustigt an. „Ich kannte Mr Demont, der als Arzt bei deinen Eltern eingesetzt war, sehr gut. Deinen Eltern wurde gesagt, es sei eine Totgeburt und in Wirklichkeit bekam ich ihn. Als Tarnung nahm ich mir einen Menschen zur Frau, damit deine Eltern nicht merkten, dass ich heimlich ihren Sohn aufzog.“ Wieder lacht er und ich stimme zum Schein mit ein.


„Ein gerissener Schachzug.“


Er nickt. „Aber nun zu meinen aktuellen Plan.“


Ich höre ihm gespannt zu, während er mir erklärt, dass seine Gegner erledigt sind und wir bald in meine Welt, in die Welt der Charan, zurückreisen. Mir bleibt fast der Mund offen stehen. In meine Heimat? Ohne Jack und seine Familie? Es kommt mir falsch vor. Ich nicke zum Schein, lache fröhlich, als würde ich mich freuen.


Ich brauche ein Plan. Hierzubleiben und warten ist keine Option mehr.


„Wann gehen wir denn?“


Er grinst als er meine fröhliche Stimme hört. „In genau zwei Monaten sind wir hier für immer weg und schließen dann das Portal zwischen den Welten.“


Ich jubele, um zu zeigen, wie sehr ich mich freue. Dass es eigentlich nur ein Hilfeschrei ist, bemerkt Dylan nicht.
Noch Stunden später sitze ich weinend in meinem Zimmer. Jack, komm doch, bitte!


Ich brauche einen Plan und zwar einen guten. Langsam schleiche ich mich zu dem Zimmer meiner Schwester. „Rose?“


Leise öffne ich die Tür und strecke meinen Kopf rein… doch es ist leer. Ich runzele die Stirn. Ich habe sie nach der Koppel nicht mehr gesehen und wundere mich. Plötzlich zieht mich jemand an meinem Arm in den Raum von Rose. Ich schaue auf und entdecke Mr Klassische Schönheit. „Was willst du?“


Er schaut mich an und zieht seinen Ärmel hoch. Eine Ranke eines Kriegers ist zu sehen. „Ich bin einer von euch, ich bin Rose‘ Krieger.“


Ich schaue ihn geschockt an. Wie viele Neuigkeiten wird mein Herz noch ertragen müssen? Es ist jetzt schon völlig überfordert.


„Sie haben sie mitgenommen.“


Ich schaue ihn an. „Was? Wer? Und wohin?“


Er lächelt matt und geht im Raum auf und ab. Ich stehe wie angewurzelt vor ihm. „Dylan hat sie heute holen lassen und sie in den Gefangenentrakt bringen lassen!“


Ich schaue ihn einfach nur an. „Warum?“


Er schnaubt. „Nach der Koppel-Aktion wollte sie ihren Plan umsetzen, ihn verführen und dann erdolchen. Doch er bemerkte es.“


Ich schaue zu Boden. Das ist meine Schuld! Meine Wut nimmt zu. „Kannst du hier raus?“, frage ich ihn und er nickt. „Heute Nacht muss ich Erledigungen machen.“


Ich schaue ihn an. „Kann ich dir vertrauen oder wirst du beobachtet?“


Er grinst. „Ich bin ein Sklave, mich beobachtet niemand.“


Ich grinse. „Das ist gut!“ Ich schreibe schnell einen Brief, diesen gebe ich ihm mit. „Bring ihn zu Alec! Nicht zu Jack oder Elli!“ Er nickt und verlässt dann den Raum. Hoffentlich kommt die Nachricht an. Ich habe einen Plan, doch erst mal muss ich hier überleben und Rose vor dem Tod bewahren. Ich nehme meinen Mut zusammen und gehe zu meinem lieben Onkel Dylan. Ich klopfe an seine Tür.


„Herein.“


Ich trete ein und lächle verführerisch.


Er grinst zurück. „Was für eine Schönheit“, sagt er zu mir.


„Ich war so alleine und sehne mich nach Zweisamkeit“, flüstere ich verführerisch als ich mit einem Glas Whisky vor ihm stehe. Ich bin so angewidert, ich könnte kotzen! Doch ich habe einen Plan und auch wegen meiner Schwester, muss ich diesen auch durchziehen.


Dylan zieht mich an sich. „Da kann ich behilflich sein“, flüstert er dicht an meinem Ohr.


Mein Körper und mein Herz schreien: „Schlag ihn und hau ab“, doch mein Kopf sagt: „Zieh es durch und rette deine Welt.“


Ich brauche nicht lange zu überlegen, als ich mich an ihn schmiege und mein Glas weg stelle. Mein Land ist wichtiger! Hoffentlich bin ich überzeugender als Rose.

kapitel 39

Vorsichtig nehme ich seine Hand von meinem Körper und steige aus dem Bett. Sein Schlafzimmer liegt über seinem Büro. Leise ziehe ich die Decke fest um mich und schreite zum Fenster. Ganz still öffne ich es und reiße es dann förmlich auf. Der kalte Wind bläst herein, doch ich spüre nur die Freiheit, die ruft. Ein schmerzvoller Schrei, dem ich so gerne folgen würde, doch für längere Zeit wird die Freiheit nur ein stummer Traum für mich sein. Traurig schaue ich aus dem Fenster.


„Ann?“ Dylans Stimme ruft mich in die Wirklichkeit zurück.


Ich atme ein und langsam wieder aus, setze ein Lächeln auf und drehe mich um. „Ja?“ Ich gehe wieder zu dem Bett und setze mich. Liebevoll streiche ich seine Haare aus dem Gesicht.


„Hmm, daran könnte ich mich gewöhnen.“


Ich lächle ihn an und sehe wie sein Goldschimmer aufblitzt. Schnell überwindet er die Distanz zwischen uns und schon liegen seine Lippen auf meinen und ich erwidere den Kuss.


Es klopft an der Tür und wir fahren auseinander. „Meister, ich bin es, Susen. Wollen Sie frühstücken?“


Er schaut mich grinsend an und ich nicke ihm zu. „Gerne Susen, decken Sie bitte für zwei!“, schreit er durch die noch immer geschlossene Tür.


„Gerne, Meister“, sagt die freundliche Stimme wieder und so sitzen wir kurz darauf in seinem Esszimmer. Er schmatzt, während er sein Brot genüsslich runterschluckt.


Ich beobachte ihn genau, vielleicht denkt er, ich bin verliebt? Zaghaft streiche ich ihm über den Arm.


„Du weißt, dass wir das für uns behalten müssen.“


Ich nicke lächelnd und hebe leicht arrogant den Kopf, als er zu mir schaut. Versonnen mustert er mich. „Trotzdem möchte ich mich mit dir in der Öffentlichkeit zeigen!“


Ich schaue verwirrt.


Er grinst. „Ich möchte, dass du mit mir die Diritasen anführst!“


Es ist keine Frage und mir bleibt der Mund offen stehen. „Was für eine Ehre, Dylan“, sage ich schließlich lächelnd.


Sanft nimmt er meine Hand und streicht darüber. Dann steht er auf und gibt mir einen Kuss auf die Wange. „Ich werde einen Pressetermin ansetzen, lass doch deine Sachen schon mal hierhin bringen.“ Ich nicke und trinke schnell meinen Kaffee aus. Zusammen gehen wir aus dem Zimmer und verabschieden uns.

 

Ich sitze frisch geduscht auf meiner Fensterbank. Was tue ich hier? Jack wird zusehen, wie ich Dylan verliebte Blicke zuwerfe und was viel schlimmer ist: Er wird mich hassen. Ich werde für ihn Abschaum sein und nie wird er es mir verzeihen, dass ich Alec eingeweiht habe und nicht ihn…


„Ich liebe dich, Jack“, flüstere ich in den kalten Wind. Plötzlich laufen meine Tränen und mit ihnen fängt es an zu schneien. Wie gerne wäre ich jetzt bei meinen Eltern, sie machen sich bestimmt Sorgen, weil unser Haus abgebrannt ist und ich so plötzlich abgehauen bin. Ja, sie glauben, ich wäre bei den Demonts. Ich weiß, sie werden mich decken… wie immer. Sie sind alles was ich habe.


Ich lasse mich fallen und verwandele mich und steige ihn die Luft. Hier bin ich frei. Vielleicht für nur fünf Minuten, aber ich bin es und zwar wirklich. Es gibt nur mich und die Luft, die um mich wirbelt.


Plötzlich ertönt ein Schuss und ich bemerke, ich bin viel zu weit unten und steige höher und höher. Ich weiß nicht, wie lange ich fliege, aber es ist mir egal. Ich brauche neue Kraft, um alles zu bewältigen. Sachte lande ich auf dem Boden von meinem Zimmer und verwandele mich zurück.


„Wo warst du?“ Dylan steht in einer dunklen Ecke.


„Draußen fliegen“, sage ich lächelnd zu ihm. Er tritt aus dem Schatten, kommt auf mich zu und packt meine Handgelenke. „Sag mir nächstes Mal Bescheid.“


Ich nicke höflich, obwohl sein Griff mir weh tut.


„Gut.“ Er lässt meine Hände los und küsst mich leicht. „Komm, wir müssen in die Maske und mit wichtigen Leuten reden.“


Ich schaue ihn verwirrt an und er lacht. „Die Presse kommt gleich, da müssen wir gut aussehen.“


Ich lächle ihn breit an. Damit werde ich mein Leben zerstören, geht es mir durch den Kopf. Er zieht mich an meinem Arm aus dem Raum in sein Büro, wo mehrere Leute auf mich warten. „Das, Ann, ist der Rat.“


Ich schaue ihn an. „Der Rat?“


Er nickt. „Ich entscheide nicht mehr alleine, ich fände es ungerecht.“ Nur mit sehr viel Mühe kann ich ein Schnauben unterdrücken. „Ich bin überrascht.“


Er grinst mich an. „Das wirst du wohl noch öfter sein.“


Ich setze mich zu den Herren und einem Mädchen, das ich auf fünfundzwanzig schätze. „Ich bin erfreut über eine weitere Frau, wir alle haben schon viel gehört.“


Ich lächle selbstsicher. „Ich hoffe doch, nur Gutes.“


Wir lachen alle ziemlich viel.


„So, Ann, wir müssen endlich mal über unsere Pläne reden.“ Ich nicke interessiert.


„Halt! Können wir ihr vertrauen?“


Dylan wirft dem Mädchen einen verachtenden Blick zu.


„Sie besitzt kein Tattoo.“


Ich runzele die Stirn.


„Das braucht sie nicht, Edya.“


Sie funkelt böse und ich spüre einen Schmerz in meiner Brust. Ich kann kaum atmen.


„Edya. Hör sofort auf oder du wirst gehängt!“, schreit Dylan empört über das junge Mädchen und mein Schmerz lässt nach.


„ Sie ist nicht stark genug!“, schreit Edya empört zurück. Ich stehe auf und fühle mich angegriffen. Meine Hand schnellt hoch und lila Fäden fließen zu Edya, die geschockt wirkt. Mein Geist fügt ihr beachtliche Schmerzen zu und schnell fängt sie an zu schreien. Ich lasse sie nach einigen Sekunden fallen und drehe mich zu dem Rest um. „ Hat sonst noch jemand ein Problem mit mir?“


Sie schauen mich geschockt an, nur Dylan grinst mich vergnügt an. Ich setze mich und Dylan erzählt mir, dass er unser Land vorantreiben möchte und beschützen möchte, vor „bösen“ Menschen. Dass ich nicht lache, ich bin halb Mensch! Doch ich verziehe äußerlich keine Miene und stimme ihm immer wieder zu und schnell bemerken die anderen, dass ich perfekt zu ihnen passe. Ist ja auch klar, denn ich spiele genau das, was sie von mir wollen. Das Mädchen liegt noch immer bewusstlos da und niemand hilft ihr, aber ich musste es machen, ich muss jetzt sein wie sie, sonst würde ich aufliegen, obwohl ich es verabscheue!


…Und dann kommt die Dame, die uns abholt, um in unserer Welt zu verkünden, was ich nun für eine Aufgabe habe. Wir haben eigene TV-Kanäle. Altmodisch sind wir nämlich nicht.

Kapitel 40

Dylan scheint nichts zu bemerken. Gut so, mein Plan geht bis jetzt ganz gut auf. Na ja, außer dass ich Mr Klassische Schönheit nicht mehr finden konnte, somit konnte ich nur hoffen, dass Alec meine Nachricht erreicht hat, denn wenn nicht, sind Rose und ich schon jetzt tot und mein Land ein für alle Mal besiegt. Ja, mein Leben ist nur mir wichtig.


Ich schaffe es dennoch, Dylan meine freundliche und heimlich verliebte Seite vorzuspielen. Nach dem Interview muss ich unbedingt Kylen aufsuchen, doch jetzt muss ich erstmal ruhig abwarten und gute Miene zum bösen Spiel machen.


„Ann, kommen Sie doch bitte, die Live- Aufnahme beginnt gleich.“


Einmal tief ein- und ausatmen und los geht es. Jack, es tut mir leid. Mein leises Gebet spreche ich in Richtung Himmel.

 

Kurzzeitig aus der Sicht von Alec


Schweigend setze ich mich neben meinen Bruder, nehme die Fernbedienung und schalte auf den Nachrichtenkanal der Charan. Nur Jack und ich sind hier und schauen auf die Neuheiten aus unserer Welt. Wie immer kommt das übliche Gelaber – bis zu dieser einen Nachricht!


„Interessante Nachrichten erreichen uns heute aus dem Palast unseres Meisters Dylan! Hier stehe ich bei Dylan persönlich und Ann, der verschwundenen und für lange tot geglaubten Königstochter. Wie wir gerade erfahren haben, wird Ann nun die rechte Hand von Dylan bilden, habe ich recht, Meister?“ Die Nachrichtensprecherin schaut zu Dylan, der vergnügt lacht.


„Oh ja, das entspricht der Wahrheit. Ich persönlich habe Ann in der Menschenwelt gefunden, dort wuchs sie ohne jegliche Erinnerung an uns auf.“ Er schaut traurig und nimmt Anns Hand.


„Ann, möchten Sie uns nicht selber davon erzählen?“


Sie nickt traurig. „Ich konnte mich so glücklich schätzen, dass mein geliebter Onkel mich gerettet hat und mich nun bei sich aufgenommen hat. Mit ihm zusammen werde ich gerecht und voller Frieden und Liebe über die Charane regieren…“ Weiter kommt sie nicht, denn Jack hat den Fernseher genommen und gegen die nächste Wand geschleudert. „Jack, beruhige dich, es wird eine ganz einfach Erklärung dafür geben...“


Er dreht sich um und ich verstumme. Er ist halb ein Wolf und hat seine Zähne gefletscht. „Einfache Erklärung? Sie hat uns verraten, Alec!“ Voller Wut schreit er mich an, als wäre ich an allem Schuld.


„Bruder...“, wieder knurrt er und ich verstumme. „Nenn mich nie wieder Bruder! Du hast sie gehen lassen! Du alleine! Ich werde verschwinden.“


Damit rennt er an mir vorbei in sein Zimmer. Mit schnellen Schritten bin ich ihm hinterher. „Jetzt warte doch, Jack!“


Er knurrt nur, packt seine Sachen eilig in einen Koffer und rennt in Richtung unterirdische Garage. „Ich gehe, halt mich nicht auf, Alec!“ schreit er, während er sich einen der schwarzen BMWs nimmt und seine Sachen verstaut.


Mit schnellen Schritten bin ich bei ihm und packe ihn an seiner Schulter, doch eine Pfote schleudert mich weg. Schwer atmend setze ich mich auf und verwandele mich. Mir gegenüber steht Jack, mein Bruder, doch er scheint unsere Verbindung nicht mehr zu kennen und nur noch ein Tier zu sein. Seine Wolfsgestalt fletscht die Zähne und knurrt mich bedrohlich an. Ich weiß, er ist stark, aber ich muss ihn aufhalten und so renne ich auf ihn zu und nach nur wenigen Sekunden Kampf beißt Jack mir in den Bauch… Das Blut fließt und ich verwandele mich zurück in den wehrlosen Menschen, der ich nun mal bin und schaue Jack schwach dabei zu, wie er es mir gleichtut…


Seine Augen sind vor Schreck geweitet und wie benommen taumelt er zurück zum Auto und setzt sich hinters Steuer. Ich höre Schritte und sehe wie Elli auf mich zu rennt. „Nein Jack! Oh mein Gott, Alec..“ Sie verstummt und ich sehe meinem Bruder hinterher, der durch das offene Tor ohne Handy, ohne Schutz, davon fährt, in die menschliche Welt, wo wir alle nicht hinpassen. Langsam kommen die Schmerzen, die durch den Schock verdrängt wurden und ich falle in Ohnmacht. Jedoch bekomme ich mit, wie sich ein fremder Charan um mich kümmert. Er sieht muskulös und ziemlich schön aus. Ich muss daran denken, dass er Rose gefallen würde, als ich seine Kriegerranken bemerke. Schon im nächsten Moment ist meine Sicht schwarz.

kapitel 41

(Sicht von Ann)

 

Regungslos sitze ich auf meinem Bett. Nach dem Interview hat Dylan mich gebeten, wieder zu ihm zu kommen. Alles in mir schrie Nein, aber ich musste den Schein wahren und das Richtige tun und so war ich ihm mit einem Lächeln, was für alle nach vollem Glück aussah, gefolgt.


Vor einer Stunde, es war bereits dunkel, habe ich mich aus dem Bett geschlichen und bin in meine Gemächer geflüchtet. Voller Ekel stand ich bis eben unter der Dusche und weinte stumm. Eins ist klar: Hier nach werde ich nicht mehr die sein, die ich vorher war, aber das habe ich von der ersten Sekunde befürchtet, in der ich mit meiner Schwester alleine gewesen bin. Rose… oh bitte, halte durch, ich werde dich retten.


Genau, ich tue das für mein Land und für meine Familie. Damit stehe ich entschlossen auf und wende meinen Blick vom Fenster ab. Fliegen würde ich später können, jetzt muss ich erst mal meine Familie retten!


Ich ziehe mir ein dunkelblaues langes Kleid an, das schulterfrei ist. Dazu lasse ich meine langen braunen Haare um meine Schultern fallen. Mit einem stolzen Gang trete ich aus meinem Zimmer und suche die oder den nächste Bedienstete oder Bediensteten.


Lange brauche ich nicht suchen, denn schon im nächsten Gang entdecke ich ein junges Mädchen. Sie trägt die Dienstkleidung und schaut mich mit blauen Augen schüchtern an. Ihre blonden langen Haare sind zu einem Zopf geflochten. „Miss Hadley, was kann ich für Sie tun?“


Ich lächele freundlich zurück. „Nenn mich doch lieber Ann.“


Sie nickt und ich rede weiter. „Gut. Ich suche jemanden, Miss … wie heißt du eigentlich?“


Sie schaut mich verdutzt an. „Ich bin Lilla.“


Ich nicke freundlich. „Ich freue mich, dich kennenzulernen, Lilla, ich suche jemanden.“


Ihr Lächeln ist zaghaft, aber ehrlich. „Wen denn Miss...äh… Ann?“


Ich lächle noch ein bisschen mehr. „Meinen... ach nein... den Sohn von Dylan... Kylen.“


Beinahe hätte ich Bruder gesagt, bis mir eingefallen ist, dass es niemand weiß.


„Oh, Sie suchen den Sohn des Meisters? Tut mir leid, Mi… Ann, der besitzt ein kleines Anwesen außerhalb.“


Ich lache als Lilla „Sie“ sagt. „Es heißt ‚Du‘, meine Liebe, aber keine Angst, das bekommen wir schon hin. Ich würde dich gerne darum bitten, mich zu seinem Anwesen zu bringen.“


Sie nickt, legt ihre Sachen fort und so holen wir uns beide einen Mantel und verlassen den Bunker. Der Wind ist heute Nacht sehr stark und sofort fühle ich mich freier und lebendiger.


„Lilla?“ Ich schaue zu ihr.


„Hmm?“


Ich mustere sie. „Bist du auch ein Charan?“


Schnell nickt sie. „Oh ja, natürlich. Ich bin ein Pferd, besser gesagt ein schwarzer Mustang.“


Bei diesen Worten glänzen ihre Augen. Ich lächele sie wieder an. „Ich bin eine Schleiereule.“ Sie nickt und schaut bedrückt zu Boden als würde sie gerne etwas fragen, traue sich aber nicht.


„Nun frag schon, Lilla.“


Sie schaut auf und blickt mir in die Augen. Dann schaut sie sich um, als hätte sie Angst, jemand könne uns belauschen. Als sie niemanden wahrnimmt, tritt sie auf mich zu und flüstert: „Stimmt es, dass du uns retten wirst?“


Ich schaue ihr tief in die Augen, sie hat ein reines Herz. „Ja.“ Ich hauche es nur, damit nur sie es versteht.


Sie lächelt, dreht sich um und ich folge ihr stumm. „Hier sind wir.“ Ihre Stimme reißt mich aus meinen Gedanken. Ich nicke und trete auf die Tür zu. Ich hebe meine Hand und schon wird die Tür aufgerissen. Vor mir steht Kylen. Mein Bruder… er wirkt fertig und einfach nur elend. „Lilla, warte doch ein Stück entfernt, bis ich dich rufe.“


Sie sagt: „Ja, okay“ und verschwindet dann hinter den Bäumen.


„Hey“, sage ich nun zu Kylen.


„Was willst du? Mich fertig machen, weil ich dich meinem Vater ausgeliefert habe? Nein danke, darauf kann ich verzichten!“ Er wirkt, als hätte er schon das ein oder andere Glas intus. Natürlich gefüllt mit Alkohol, versteht sich.


„Nein, Kylen. Ich bin hier, um mit dir was zu besprechen und ich hege keine Hintergedanken dabei, denn, nun ja, wie soll ich es sagen … du bist ein Teil meiner Familie.“


Er schaut mich argwöhnisch an und fängt dann an zu lachen. „Wer es glaubt.“ Wieder lacht er.


„Du bist mein Bruder, Kylen!“ Er lacht wieder und geht ins Innere des Hauses, geradewegs zu dem offenen Whisky und schenkt sich und auch mir was ein. Das Glas hält er mir hin. „Hier, das hilft.“


Ich nehme es an und setze mich ganz frei auf das Sofa vor dem Kamin. Meinen Mantel lege ich ab und nehme einen Schluck von dem Whisky. Es ist derselbe wie von Dylan. Kylen beruhigt sich und setzt sich neben mich und gemeinsam starren wir in das lodernde Feuer.


„Welche Begabungen besitzt du, Kylen?“


Er schaut mich an. „Alle, außer Geist“, antwortet er.


„Ich besitze alle außer Stärke. Die Frauen bekommen Geist und die Männer Stärke, so ist das bei den Hadleys.“
Er starrt gerade aus. „Das ist absurd, Ann…“ Er klingt zweifelnd. „Deine Eltern haben dich geliebt und so wird das immer bleiben, Kylen!“


Er schluckt laut neben mir. „Wie ist das möglich?“


Ich erzähle ihm von dem kalten Plan den Dylan durchgezogen hat.


„Jetzt sitzen wir beide hier in seiner Macht fest“, sagt er schließlich.


Ich nehme seine Hand und halte sie fest und sofort spürte ich die Vertrautheit, die zwischen uns schon immer geherrscht hat und pure Liebe, Geschwisterliebe! „Ich bin Schuld, Ann... es tut mir so leid... aber Dylan….“ Er kommt nicht weiter


„... ist ein Arschloch, das lange genug geherrscht und unsere Familie zerstört hat. Kylen, du kannst alles wieder hinbiegen, dazu musst du mir nur helfen und mir vertrauen. So retten wir die Charan und unsere Familie. Also, Kylen: Hilfst du mir?“


Er wirkt gerührt. „Ich hatte nie eine Familie, bis jetzt, Ann... Na komm, sag deinen Plan schon.“


Ich lächele und weihe ihn in meinen Plan ein. „Der könnte sogar klappen, aber Ann, bitte versprich mir eins … rette Lilla!“ Ich schaue verwirrt, bis ich es spüre. „Du magst sie wohl sehr?“


Er sagt nichts, aber seine Augen glänzen.


„Versprochen… mein Bruder!“


Bei diesen Worten kullern Kylen echte Tränen über die Wangen und er schließt mich in eine tiefe Umarmung. Immer wieder flüstert er mir zu, wie sehr er das alles bereut und dass es nicht so weit hätte kommen müssen. Lange sitzen wir einfach nur da und halten uns fest in einer Umarmung. „Danke, Schwester“, flüstert Kylen als wir uns lösen und lächelt mich zaghaft an und ich lächle zurück. Nach einigen Minuten ziehe ich meinen Mantel an und begebe mich zum Ausgang. „Du gehst?“


Ich drehe mich um. „Ich komme wieder, ich schicke dir Lilla rein.“


Ich zwinkere und sage Lilla Bescheid. Sie scheint sehr glücklich darüber, dass sie bei Kylen auf mich warten soll und so verwandele ich mich in meine Schleiereule und erkunde den Himmel. Mein Zuhause. Ein Stück meiner Familie ist zurück und bald wird alles gut. Der Wind wird stärker, als spürte er meine Veränderung genau…

Kapitel 42

Ich spüre, dass die Nacht immer weiter voranschreitet, aber es interessiert mich nicht. Ich fliege durch den Himmel und spüre den Wind in meinem Gefieder und fühle mich zum ersten Mal seit Tagen wirklich frei. Hier gibt es keinen Dylan, der mich anwidert, keine Diritasen. Ich bin vollkommen frei.


Ich schließe für einige Sekunden meine Augen und genieße das Geräusch des Windrauschens in meinen Ohren. Plötzlich spüre ich einen Flügelschlag neben mir und ich drehe meinen Kopf nach rechts. Ein Adler fliegt neben mir. Nicht irgendeiner, sondern mein Bruder! Gerade will ich fragen, wo er Lilla gelassen hat, als ich unter mir ein Wiehern höre. Ein wunderschöner schwarzer Mustang galoppiert unter uns durch die Wälder.


Wenn wir unsere Tiergestalt annehmen, kommunizieren wir über Gedanken, jedoch ist es anders als wenn ich mit Jack oder Alec über die Gedanken rede. Bei Jack und Alec ist es intensiver und ich kann kaum was verheimlichen. ‚Kylen, Lilla, wer zuerst an der Lichtung ist!‘ Lachend fliege ich davon und spüre wie Kylen hinter mir aufholt und Lilla legt einen Affenzahn zu. Schnell lasse ich meine Flügel schneller schlagen, doch Kylen überholt mich auf den letzten Metern und so landet er als Mensch als erster auf der Lichtung, dicht gefolgt von mir und Lilla. Wir beide kommen ungefähr gleichzeitig an und verwandeln uns zurück.


„Angeber“, sage ich lachend an meinen Bruder gewandt, der mit in mein Lachen einsteigt und auch Lilla kann ihr Lachen nicht unterdrücken. Ich lasse mich rücklings in Gras fallen und schaue in Richtung Himmel. Kylen und Lilla tun es mir gleich.


„Wie ist es so… als Mensch aufgewachsen zu sein?“, fragt Kylen zaghaft.


„Ich kann mich nicht beklagen. Meine Pflegeeltern sind sehr lieb und fürsorglich. Ich liebe sie wie meine richtigen Eltern… und wie war es bei euch so?“


Lilla antwortet als erstes. „Ich bin genauso alt wie du und kenne nur die Herrschaft von Dylan, meine Eltern schwärmen immer von deinem Vater und deiner Mutter. Sie waren sehr beliebt unter dem Volk. Ich kenne nur die Welt, die es jetzt gibt.“


Ich schaue sie von der Seite an und traue mich kaum zu fragen, aber meine Neugierde ist zu groß. „Wie ist die Welt jetzt?“


Sie seufzt und erzählt dann aber doch noch. „Die Truppen von Dylan laufen überall rum, um alle, die gegen ihn etwas sagen, umzubringen. Zudem nimmt er sich was er will. So wie mich. Eines Abends klopfte es an unsere Tür, mein Vater öffnete und die Truppen kamen rein. Sie schrien nach mir und ich kam. Sie verkündeten mir, dass ich zum Dienst berufen wurde und sofort meine Sachen packen sollte. Mein Vater wollte das nicht zulassen, daraufhin erschossen sie ihn und nahmen mich mit. Meine Mutter ließen sie weinend und völlig fertig zurück. Das Volk ist arm und lebt in ständiger Angst. Die Bauern und Arbeiter bekommen nur noch Hungerlöhne und das Essen ist sehr knapp.“


Ich schlucke den Kloß in meinen Hals runter. „Schrecklich…“, flüstere ich und drehe meinen Kopf zu ihr. „Das mit deinem Dad tut mir leid.“


Sie schaut mich traurig an. „Es ist nichts im Gegensatz zu dem, was du in den letzten Wochen erfahren hast, Ann.“


Ich weiß einfach nicht, was ich sagen soll und so nehme ich einfach ihre Hand.


„Bei Dylan zu leben, ist genauso Scheiße.“ Mein Bruder meldet sich zu Wort.


„Kann ich mir vorstellen, ich bin nach den paar Tagen schon fertig.“


Er lacht, ohne jede Freude. „Ich habe nie nette Worte von ihm gehört und wenn man was bei ihm falsch macht, schlägt er einen blau und grün.“ Seine Stimme ist leise und völlig kalt, sie macht mir schon fast Angst. Ich setze mich auf und kuschele mich an Kylen, völlig perplex schaut er mich an und lacht dann ein trauriges Lachen. „Selbst dich konnte ich nicht beschützen. Meine eigene Schwester habe ich zu ihm gebracht.“


Ich lächele ihn zaghaft an, denn ich weiß, er hatte keine andere Wahl. Plötzlich hören wir, wie jemand hinter uns scharf die Luft einzieht. Wir drehen uns erschrocken herum und entdecken nur Lilla. „Ihr seid Geschwister?“ Oh Mist. Ich schaue zu Kylen hoch, doch er nickt nur und gibt mir so das Zeichen, dass wir Lilla vertrauen können.


„Lilla, das ist wirklich strengstens geheim.“


Sie nickte. „Kylen, Rose und ich sind Geschwister. Unsere Mutter war ein Mensch, der durch die Tredecim in einen Charan verwandelt wurde. Wir alle können fast alle Elemente beherrschen und sind daher sehr mächtig.“


Fassungslos sieht sie mich an, sogar ihr Mund steht ein Stück offen. „Wahnsinn.“


Ich lächele und spüre, wie Kylen mir einen Arm um die Schulter legt. „Ich bin so froh, dass wir endlich vereint sind, Schwester.“ Er sieht mich an und ich lächele zurück.


„Ja“, sage ich nun voller Glück, das ich empfinde. Dann drehe ich mich zu Lilla um und umarme sie. „Danke.“


Beide sehen mich verständnislos an.


„Das von heute Abend sollten wir wiederholen oder nicht?“ Ich lächele beide an und schnappe mir ihre Arme und hake mich ganz selbstverständlich ein und so wandern wir in Richtung des Anwesens. Beide schenken mir ein Lächeln. „Ihr beide wisst, dass unsere Freundschaft geheim bleiben muss und wir uns nicht in der Öffentlichkeit zeigen dürfen, oder?“ Ihr Lächeln verschwindet, dennoch nicken beide. Sie verstehen und sobald wir in die Nähe der Häuser kommen, geht Kylen alleine zu seinem Anwesen und Lilla und ich bringen genug Abstand zwischen uns, dass jeder denkt, sie führt mich nur als irgendeine Bedienstete herum. Schneller als mir lieb ist kommen wir am Eingang des Bunkers an und so verschwindet auch das Gefühl der Freiheit im Nu.


„Gute Nacht, Lilla.“


Sie verbeugt sich kurz und verschwindet dann wieder bei ihrer Arbeit. Ich gehe in mein Zimmer und richte mich für mein Bett, als es heftig an meiner Tür klopft.

kapitel 43

Schnell ziehe ich meinen Morgenmantel über und gehe zu Tür. Ich öffne sie ein Spalt, nur um Mr Klassische Schönheit zu entdecken. Mein Herz setzt ein Moment aus und ich will ihn schon mit meinen Fragen bombardieren, als er kaum merklich den Kopf schüttelt. Was hat das zu bedeuten? Ich ziehe meine Stirn in Falten und im nächsten Moment wird meine Frage beantwortet. Dylan tritt hinter Mr Klassische Schönheit hervor. „Ach Ann, meine Liebe. Wie gut, dass du noch nicht schläfst. In unserer Welt sind ein paar Dinge passiert. Der Rat wurde berufen und ich möchte heute Abend noch eine Konferenz einberufen.“


Ich nicke stumm. „Ich bitte dich, zieh dir dem Anlass entsprechend was an, dann wird dir meiner treuer Diener den Weg zeigen.“


Wieder nicke ich und füge ein „Mach ich doch gerne, Onkel“ hinzu. Ich schließe die Tür und atme einmal ein und wieder aus. Ich habe gehofft, gleich schlafen zu gehen und endlich mal zu entspannen, aber anscheinend ist mir das nicht vergönnt. So ein Mist aber auch.


Ich hole ein langes schwarzes Kleid mit Ärmeln hervor. Bis zur Taille eng, danach umspielt es meinen Hüfte und meine Beine. Es schimmert und ist an manchen Stellen leicht durchsichtig.


Eilig trete ich auf den Flur.


Mr Klassische Schönheit nickt mir zu und geht dann los.


Ich folge ihm schweigend und lasse meinen Gedanken freien Lauf.


Wie geht es wohl Jack?


Hat Alec meine Nachricht erhalten?


Wird mein Plan klappen?


Kann ich Mr Klassische Schönheit vertrauen? Oder Kylen? Oder Lilla?


Ist Rose überhaupt noch am Leben?


Ich schüttele den Kopf und setze meine arrogante Miene auf. Diese Maske ist würdig einer Anführerin des Bösen und das war ich zurzeit nun mal, auch wenn ich es eigentlich nicht wollte. Und schon bleiben wir stehen. Ich will gerade eintreten als Mr Klassische Schönheit mir etwas zuflüstert: „Sie haben begonnen sich zu wehren, verliere nicht deine Maske, Noctua.“


Ich kann ihm nicht antworten, denn ich betrete den Saal schon. Dennoch bleiben die Wörter in meinem Kopf hängen. Wer wehrt sich? Und warum sollte ich meine Maske verlieren?


Noctua ist ein netter Spitzname, er bedeutet in lateinisch Eule. Passt, dennoch kann ich die Fragen nicht ganz ablegen.


„Ah, da ist ja auch unser letztes und neuestes Mitglied.“


Ich lächele kühl, geselle mich zu Dylan und blicke die Gruppe an dem Tisch an. Vor Kopf sitzen ich und Dylan. Seitlich sitzen ungefähr 20 Leute und hinter ihnen jeweils ein Bediensteter. Ich entdecke Kylen, genauso wie Lilla. Meine Maske bleibt eisern. Dylan darf nichts merken. Und schon beginnt seine Rede. „Liebe Mitglieder. Wir mussten uns heute versammeln, weil unser Volk anscheinend beschlossen hat, dass Ann sie ‚rettet‘. Dass ich nicht lache, als hätten sie es nötig!“ Er lacht und alle anderen auch. Ich erzwinge mir ein leichtes Grinsen, aber innerlich zieht sich alles zusammen. Bin ich aufgeflogen?


„Ich spiele mal ein Video ab, dann werdet ihr sicher verstehen.“ Wir nicken, der Raum wird dunkel und vor uns wird ein Video abgespielt. Ein großer Platz ist zu sehen, in seiner Mitte prangt eine große Dylan Statue. Meine Güte, ist er selbstverliebt, so klischeehaft. Eine Menschenmenge hat sich gebildet, um Neuigkeiten von einem Regierungssprecher zu hören. Dieser verkündete meinen Amtsantritt und plötzlich nehmen sich alle an den Händen und sagen immer wieder diesen einen Satz: „Lang lebe Königin Ann. Friede und Liebe regieren dein Herz. Vernichte Dylan und das Böse.“


Ich schlucke und Dylan schaut mich genau an und ich weiß urplötzlich, was Mr Klassische Schönheit mit ‚Verlier deine Maske nicht‘ gemeint hat. Ich spiele ungeheure Wut vor und schreie förmlich: „Stopp. Ich will nichts dergleichen sehen!“


Das Video endet und als ich Dylan ansehe, weiß ich, dass er genau das erwartet hat und ich damit alles richtig gemacht habe. „Ann, beruhige dich. Wir sind hier, um das zu unterbinden.“ Ich schnaube und setze mich wieder. „Unterbinden? Wie sieht dein Plan aus? Wenn ich das noch einmal sehe, dann raste ich erst richtig aus.“


Er lächelt mir zu. „Ich denke, erstmal sollten wir ein weiteres Interview veranstalten, wo du alleine bist und sie aufforderst, sie sollen das unterbinden und wenn sie dies nicht tun, werden wir mit Gewalt vordringen.“


Innerlich muss ich mich mächtig zusammenreißen. Am liebsten würde ich hinausrennen und mich in die Lüfte erheben, aber ich muss hier sitzen und ruhig abwarten.


„Ich will ein Interview mit dir führen, Dylan und es in meinem ankündigen.“


Er nickt. „Ich will nicht, dass sie glauben, ich würde die Fehler meines Vaters wiederholen.“ Plötzlich ist jeder im Raum still und sieht mich an.


„Ja, ihr habt richtig gehört, die Zeit ist vorbei! Ich will und werde das dort weder noch mal sehen, noch hören, dass ich bin wie mein Vater, das bin ich nämlich nicht!“ Ich stehe auf. „Ich werde mich jetzt zurückziehen und mich auf mein Interview vorbereiten.“


Dylan nickt und entlässt mich. „Morgen ist ein guter Termin“, sagt er noch und ich stimme zu. Vor dem Saal nicke ich Mr Klassische Schönheit zu und er versteht sofort. Und so zeigt er mir den Weg. Vor meinem Zimmer macht er Halt und flüstert mir kurz zu: „Ich habe die Nachricht überbracht, jedoch wird Jack sie nicht unterstützen.“ Ehe ich fragen kann, warum, ist er verschwunden. Ich seufze und öffne die Tür. Drinnen verschließe ich sie und lasse mein Kleid zu Boden gleiten. Schnell stürze ich mich in mein Bett und nur wenige Sekunden später bin ich eingeschlafen.

Kapitel 44

Ich werde von einem leisen Klopfen geweckt. Ich drehe mich auf die Seite und öffne leicht die Augen, jedoch bereue ich es sofort, da durch das offene Fenster mir die Sonne direkt ins Gesicht strahlt. So drehe ich mich um und öffne dann verschlafen die Augen. Wieder klopft es, als ich mich strecke und gähne. Ich stehe auf, schnappe mir meinen Morgenmantel und wickele ihn um mich. Dann trete ich zur Tür. Ich öffne sie schwungvoll und entdecke eine mir fremde Frau. Sie hat die Hand angehoben, als wolle sie noch mal anklopfen. Anscheinend ist sie nicht sehr geduldig.


„Was kann ich für dich tun?“, frage ich leicht gereizt, weil ich am liebsten noch weiter geschlafen hätte.


„Ich bin Eva.“ Sie verbeugt sich leicht und redet dann weiter. „Ich soll Sie richten, für das Interview. Es findet in genau zwei Stunden statt.“ Sie deutet auf ihre Uhr, die sie um ihr Handgelenk trägt.


Ich nicke und trete zurück. „Kommen Sie rein und setzen Sie sich.“


Sie tritt zögernd ein und ich begebe mich in Richtung Bad. „Ich mache mich kurz frisch“, sage ich, obwohl es gelogen ist. Ich flüchte vor ihr ins Bad und schließe ab. Ich steige unter die Dusche und versuche meine Gedanken und meine Maske zu sortieren. Ich soll in ein paar Stunden mein Volk unterdrücken, obwohl ich eigentlich wollte, dass sie die Rebellion beginnen. Dieser Gedanke macht mich fertig. Ich will sie retten, doch ich muss meine Maske aufrecht halten! Erstmal ist die Maske wichtiger als alles andere.


Ich steige aus der Dusche und ziehe mir ein Unterkleid über meine Unterwäsche. Dann richte ich meine Haare mit dem Lockenstab und schminke mich elegant in schwarz. Ich trete aus dem Zimmer und ziehe mein aufwendig geschneidertes schwarzes Kleid an. Es ist aus schwarzer schlichter Seide und dennoch vibriert es vor Magie und Zauberei. Dann lege ich meinen Ring an.


Erst dann richte ich meine Aufmerksamkeit auf Eva. Diese sitzt auf einem meiner Sofas und wartet geduldig. Ich setze mich zu ihr und gemeinsam gehen wir einen Text durch, den Dylan gut findet. „Nein, das sage ich nicht.“


Sie schaute mich zweifelnd an. „Der Meister möchte es so.“


Ich schüttele den Kopf. „Das ist mir egal, ich finde meine eigenen Worte, ich weiß, was ich sagen muss.“
Sie nickt leicht eingeschüchtert.


„Ich vermassele es nicht, versprochen.“


Sie sieht mich immer noch zweifelnd an, doch dann fängt sie sich wieder. „Zudem sollen Sie das nächste Interview noch nicht ansagen.“ Ich bin innerlich geschockt. Nein, das geht nicht! Nach außen lasse ich meine Miene wütend scheinen. „Ich mache es trotzdem!“


Jetzt schaut sie mich erschrocken an. „Bitte… nicht“, wispert sie und ich ignoriere es. Dann bringt mich Eva leicht erschüttert zu dem Raum, von wo aus das Interview ausgestrahlt wird.


Eine Reporterin wartet bereits auf mich. „Miss Hadley“, sie verbeugt sich, „Es ist mir eine Ehre, Sie zu interviewen. Ich hoffe auf gute Zusammenarbeit.“


Ich nicke ihr freundlich zu.


„Setzten Sie sich doch schon mal in den schwarzen Sessel, wir stellen noch kurz die Kameras ein.“


Ich nicke wieder nur. Der Raum ist schlicht, aber edel und mit dunklem Parkettboden. Vor dem Kamin sind zwei schwarze Sessel aufgebaut und auf dem Kaminsims stehen silberne Kerzenständer mit schwarzen Kerzen. Das Licht ist gedimmt, aber nur so viel, um eine gemütliche Stimmung hinzubekommen. „Das Interview ist live, sobald die Kameras an sind, kann jeder sehen, was Sie sagen und tun.“


Ich nicke wieder nur und die Reporterin wirkt enttäuscht. „Ich mache kurz eine Anmoderation. Also dann, auf gutes Gelingen.“ Sie lächelt mir zu und ich richte mich im Sessel auf. „Eins… Zwei… Guten Tag, meine Damen und Herren! Ich begrüße Sie zu einer Sondersendung von Tropical Hour. Ich bin Jessy Dannemann und begrüße herzlich die neben mir sitzende Ann Hadley.“


Die Kamera schwenkt zu mir und ich lächele freundlich. „Guten Tag, Jessy und natürlich wünsche ich den auch allen Zuschauern.“


Jessy lächelt erfreut und kommt gleich zur Sache. „Wir sind heute hier, um endlich zu erfahren: Wer ist Ann Hadley?“


Wieder lächele ich in die Kamera. „Ja, ich bin ja auch so plötzlich aufgetaucht.“


Jessy lacht leicht und die Kameraleute auch. Pluspunkt für mich.


Jessy beruhigt sich. „Genug Begrüßung.“ Sie wirkt trotz der strengen Worte freundlich und gelassen. „Ann, wie kommt es, dass Sie bis vor ein paar Tagen noch verschollen und für tot geglaubt waren und Ihre Schwester nicht?“


Ich werde leicht ernst. „Meine Schwester wusste über all dies hier Bescheid, damals war sie alt genug, um es zu verstehen. Sie sollte auf mich aufpassen und mich aus allem raushalten und so wuchsen wir gemeinsam bei Pflegeeltern auf. Bis sie aus meinem Leben verschwand, für einen Charan.“


Sie sieht mich traurig an: „Gibst du deiner Schwester die Schuld?“


Ich muss mich zusammenreißen, um das Richtige zu sagen. „Ja, sie hat mich alleine gelassen und mich verraten, genau wie meine Eltern.“


Jessy sieht mich mitleidig an. Sehe ich so verletzt aus? Ich sollte Schauspielerin werden. „Vertraust du deswegen deinem Onkel so sehr? Weil er dich nicht im Stich gelassen hat?“


Innerlich lache ich auf, aber nach außen nicke ich traurig.


„Ann, wenn es zu viel wird, lass dir ruhig Zeit.“


Ich schaue sie an. „Nein, nein, es geht schon.“


Sie nickt und lächelt mich an. „Nun, wie hat dein Onkel es denn geschafft, dich zu retten?“


Ich richte mich wieder mehr auf und lächele zaghaft. „Oh, das war ziemlich unspektakulär. Ich entwickelte meine Kräfte und sein Sohn, der auf dieselbe Schule ging wie ich, hat davon Wind bekommen und mich mit hierher gebracht. Dafür bin ich ihm unendlich dankbar.“


Jessy grinste. „Deine Kräfte? Ist es wahr, dass du alle Elemente beherrschst?“


Ich beginne zu lächeln. „Fast alle, mir fehlt nur Stärke.“


Jessy lacht. „Könnten wir eine Kostprobe bekommen?“


Ich nicke und lasse so einen Tornado auf meiner Hand wirbeln, dann lasse ich die Erde beben, zünde die Kerzen hinter mir an und den Kamin gleich mit, dann fülle ich unsere Wassergläser neben uns und zu guter Letzt lasse ich meine lila Fäden zu Jessy fließen und sage ihr laut, sie solle ihr Glas nehmen und den Kamin damit erlöschen. Natürlich tut sie dies und setzt sich wieder und ich lasse von ihr ab.


Sie starrt mich an und ich lächele. „Zudem kann ich die Vergangenheit noch mal erleben, wenn ich es denn will.“


Sie nickt ehrfürchtig und sammelt sich dann wieder. „Unglaublich Ann… ich darf dich doch duzen, oder?“
Ich nickte lächelnd.


„Nun, Ann, was für einen Charan hast du bekommen?“


Ich lächele. „Eine Schleiereule. Sie ist wachsam, friedlich, einfühlsam und intelligent.“


Sie nickt lächelnd, doch dann wird sie ernst und jetzt weiß ich, dass nun der schlimmste Teil kommt. „Friedlich… Ann, hast du von den Rebellionen gegen König Dylan gehört?“


Ich werde ebenfalls ernst. „Ja, meinen Onkel hat das tief erschüttert. Da gibt er alles, was er hat, und es ist nicht genug.“


Jessy nickt traurig. „Was würdest du diesen Leuten gerne sagen?“


Ich schaue direkt in die Kamera. „Bitte hört damit auf! Wir können so ein friedliches und glückliches Land sein. Vereint und stark… macht es nicht kaputt… verschenkt euer großes Glück nicht und seid zufrieden und glücklich.“ Dann schaue ich wieder zu Jessy.


„Ernste Worte, Ann. Dabei ist ihre Rebellion gerade für dich, was sagst du dazu?“


Ich schaue traurig. „Viele denken, ich sei mein Vater, aber er war ein Nichts! Er war ein Betrüger und ein Lügner! Ich werde seine Fehler gewiss nicht weiterführen, deswegen habe ich mich auch meinem Onkel angeschlossen. Ich will keinen Krieg, ich will Frieden!“


Jessy nickt. „Das klingt nach einem großen Vorhaben, Ann.“


Ich nicke traurig, so viele Lügen, bald ist es vorbei…


„Möchtest du noch ein paar letzte Worte an dein Volk richten?“


Ich nicke und schaue wieder zur Kamera. „Bitte bewahrt Ruhe und hört auf mit der Gewalt gegen mich und meinen Onkel. Wir tun alles für euch. Um euch das zu beweisen, wird in drei Tagen ein weiteres Interview um zwanzig Uhr hier im Bunker stattfinden.“ Damit nicke ich und verabschiede mich und Jessy verabschiedet sich ebenfalls. Die Kameras gehen aus und Jessys Lächeln erstirbt und sie wirkt traurig. Ich weiß warum, ich habe sie enttäuscht. Auch sie hoffte auf mich. Bald wird es so weit sein!

Kapitel 45

Ich schaue zu Jessy, doch sie wirkt einfach nur enttäuscht. „Jessy?“


Sie dreht sich zögernd um.


„Kommst du in drei Tagen um Punkt zwanzig Uhr zum Bunker?“


Sie schaut mich skeptisch an. „Warum?“, fragt sie.


Ich kann ihr Misstrauen verstehen, also lasse ich es ihr durch meinen Geist sagen: ‚Es ist wichtig, bitte, ich werde dich und das Volk nicht enttäuschen.‘


Sie zögert, doch dann willigt sie ein und ich bin erleichtert. Mein Plan klappt besser als gedacht. Ich atme hörbar aus und verabschiede mich dann. Ich steuere auf mein Zimmer zu, jedoch muss ich dafür an Dylans Büro vorbei. Die Tür steht offen und Licht und Stimmen dringen von drinnen heraus. Ich werde langsamer und lausche dem Gespräch. „Ts, ts, ts, Eva. Ich habe dir vertraut.“ Eine Pause entsteht.


„Du warst so eine treue Dienerin und mir immer ergeben.“ Dylan klingt einfühlsam und sehr verletzt. „Und nun?!“ Er schreit und ein lautes Poltern ist zu hören. „Und nun?! Vermasselst du deine ganze Aufgabe. Sie sollte ihr einfach nur ihren Text sagen, MEHR NICHT!“


Er wird immer lauter und ich höre wie seine Hand auf ihre Wange schlägt. Ein leises Stöhnen von Eva höre ich. Ich schlucke, sie hat mich noch gebeten, den Text zu sagen, aber ich hatte es nicht getan und nun wird sie für meine Dummheit bestraft.


„Du elendes Miststück! Selbst den nächsten Termin hat sie gesagt!“ Er schreit und wieder höre ich wie seine Hand ihr Gesicht trifft. Ich ziehe scharf die Luft ein. Ich schließe die Augen.


Plötzlich werde ich von hinten gepackt. Völlig geschockt öffne ich die Augen und zucke zusammen. Ein Krieger hält mich fest und Dylan steht vor mir. Er packt grob mein Kinn „DU! Du solltest lieber machen was ich dir sage!“ Er schreit es und verpasst mir mit vollen Schwung rechts und links eine Ohrfeige. Der Krieger lässt mich los und ich knalle auf den Boden. Ich richte mich wieder auf und entdeckte Kylen, der völlig angespannt hinter Dylan steht. Ich weiß, er würde mich am liebsten retten, doch noch ist es dafür zu früh. Dylan zieht mich an dem teuren Stoff hoch, sodass der Stoff an meiner Schulter reißt. „Du hast nicht auf mich gehört, dafür wird Eva jetzt bezahlen müssen.“


Wieder falle ich zu Boden und entdecke dabei Eva, die völlig ängstlich auf der anderen Seite vom Raum sitzt. Dylan geht auf sie zu und zieht einen Dolch. Ich ziehe die Luft ein, renne zu ihm, packe seine Hand und schreie: „Nein!“


Er schaut mich voller Wut an. „Kylen!“, schreit Dylan und er kommt sofort. „Halt Ann fest, wollen wir ihr mal beibringen, was ihr Verhalten für Folgen hat.“


Kylen ist stark und so hat er keine Probleme damit, mich festzuhalten. Er zieht mich zur Seite. Dylan geht zu Eva und sticht einfach zu, als er sie hoch gezogen hat, sie ist wehrlos und ihre Augen füllen sich mit blankem Entsetzen. Ich will mich losreißen und schreie immer wieder: „Nein! Lass sie!“ oder „Nimm mich Dylan, nein!“


Doch dieser reagiert gar nicht. Erst als Eva am Boden liegt und ihre Augen jeden Glanz verloren haben, dreht er sich um und nimmt ein Stück von meinem Kleid und putzt den Dolch. Ich weine hemmungslos.


„Ich hoffe, dies war dir eine Lehre, meine Kleine.“ Sein Finger streicht zärtlich eine Träne weg und seine Stimme ist fast weich. Ich sacke zusammen und das Atmen fällt mir schwer. Ich will kotzen. Dann nimmt Dylan mein Gesicht in seine Hand und zwingt mich Eva anzusehen „Sieh genau hin, sie ist tot wegen dir, genau wie Eden, Mr Demont, deine Eltern und viele weitere!“


Ich bekomme eine Gänsehaut und fühle mich schrecklicher als jemals zu vor.


„Und nun, Kylen, bring sie auf ihr Zimmer und lass sie erst wieder heute Abend raus und verschließe ihr Fenster.“


Kylen tut wie Dylan es befohlen hat und sperrt mich ein. Als er das Fenster schließt und verriegelt, schaut er mich kurz mitfühlend an und verschwindet dann aus der Tür. Als sie ins Schloss fällt und ich das Klicken des Schlosses höre, beginne ich still zu weinen. Das hier ist zu viel… so viele tote Menschen wegen mir… jetzt muss mein Plan erst recht klappen!


Ich heule, bis keine Träne mehr kommt. Doch das Bild von Evas Augen verschwindet einfach nicht. Ich fühle mich grauenvoll und so steige ich unter die Dusche und lasse das Wasser beruhigend auf mich einprasseln. Ich weiß nicht, wie lange ich unter der Dusche stehe oder apathisch vor dem Spiegel sitze und später im Bett liege, aber plötzlich klickt es und Lilla steht lächelnd in der Tür. „Hey! Dylan hat dich erlöst und ich wollte fragen, ob du nicht Lust hättest, mit mir und Kylen den Abend oder besser die Nacht zu verbringen.“


Ihr Lächeln ist echt und ich bin gerührt von ihrer Zuneigung. „Gerne, aber ich habe heute nicht gerade die beste Laune.“


Ihr Lächeln erstirbt. „Wegen Eva. Ich weiß schon… es ist nicht deine Schuld.“


Doch, es ist meine Schuld, auch wenn ich den Dolch nicht gehalten habe, aber ich nicke nur, stehe auf und folge Lilla. Draußen ist es kalt, aber es macht mir wenig aus. Wir schlendern durch das kleine Wäldchen schweigend nebeneinander her und so dauert es einige Zeit, bis das kleine Haus von Kylen in unser Sichtfeld tritt. Der Schornstein raucht und Licht brennt im Inneren. Lilla klopft ganz selbstverständlich und sofort wird uns die Tür geöffnet und wir treten ein. Kylen schließt die Tür und zieht die Vorhänge zu und stürmt dann auf mich zu und nimmt mich in den Arm. Ich erwidere die Umarmung nur zaghaft. „Es tut mir so leid, Ann… ich war kurz vorm Durchdrehen.“


Ich sog seinen Duft ein… leichte Vanillenote… es beruhigt mich, zumindest ein kleines Stück…


„Alles gut, Ann?“ Er hält mich weg und schaut sich meine blauen Wangen an und meine Handgelenke. Er schüttelt traurig den Kopf. „Sei nicht traurig, sie heilen doch schon.“ Er schaut mir in die Augen. „Aber der seelische Schlag nicht.“


Ich schaue betrübt weg und Kylen lässt das Thema erst mal und verfrachtet mich auf das Sofa. „Ich habe Schoko- Fondue gemacht.“


Ich lächele zaghaft als er aus der Küche kommt, mit jeder Menge an Obst, vieles kannte ich nicht mal, und einer Schüssel mit Schokolade.


Und so verbringen wir die nächste halbe Stunde mit Smalltalk und Schokofrüchten. Viele Früchte kommen aus der Welt der Charan. Ich bin den beiden sehr dankbar dafür.


Nach dem Essen geht es mir gleich besser und ich lehne mich verträumt an Kylen, der mir zulächelt. „Ich bin froh, dich gefunden zu haben“, sage ich leise und er nickt und legt einen Arm um mich.


„Ich habe viele angelogen mit meinen Worten beim Interview.“ Ich schließe die Augen und erzähle meine wirklichen Antworten. „Besonders bei meinem Dad ist es mir schwergefallen.“


Kylen streichelt über meinen Rücken.


„Als das Interview vorbei war, hat mich Jessy wie ein Monster angesehen, am liebsten hätte ich sofort die Wahrheit gesagt.“


Ich öffne die Augen und sehe wie Kylen und Lilla verständnisvoll nicken. „Und dann noch Evas Augen… das werde ich nie vergessen… nur noch drei Tage, haltet euch beide bereit, ich werde uns hier raus holen!“


Kylen und Lilla lächeln matt.


„Was ist denn los?“


Lilla schüttelt traurig den Kopf und Kylen seufzt. „Es haben schon mal welche versucht, zu fliehen. Sie entkamen… eine Woche später waren sie alle tot.“


Ich schlucke. „Aber uns passiert das nicht!“ Ich nehme von beiden die Hand und fühle mich sehr wohl bei ihnen. „Wollen wir ein Wettreiten/-fliegen machen?“


Beide stimmen lachend zu und so steuern wir alle möglichst schnell auf den Ausgang zu, um endlich frei zu sein. In dieser Nacht vergessen wir alles um uns herum und fühlen uns frei, berauscht von unseren Tiergestalten. Wir fliegen und galoppieren, bis die Sonne aufgeht, erst dann haben wir genug und gehen alle müde in unserem eigenen Zimmer zu Bett.

 

Kapitel 46

(Mr Klassische Schönheits oder mit richtigem Namen Matthew Kings Sicht)

 

Ich bin auf den Weg zu Dylan. Wieder einmal hat er mich rufen lassen; wie ich ihn hasse! Ich hoffe nur, dass ich nicht aufgeflogen bin. Würde jetzt rauskommen, welchen Plan Ann hat, ginge das für niemanden gut aus.
Es ist schon Nachmittag und Ann schläft noch immer. Ich schüttle den Kopf. Wie kann sie nur so ruhig schlafen, obwohl übermorgen der Plan umgesetzt wird? Ja, genau nur noch zwei Nächte und endlich konnte ich Dylan gewaltig meine Meinung sagen, Rose retten und wir konnten alle geschmeidig abhauen… naja, so einfach würde es wohl nicht werden, aber immerhin könnten dann alle wieder hoffen.


Wir begannen einen Krieg, ohne eine Waffe zu haben, aber das würde sie auf jeden Fall durcheinander bringen. Unsere Chance. Eine andere hatten wir auch nicht…


Ich nähere mich Dylans Büro. Die Tür ist verschlossen und so klopfe ich an. „Herein“, kommt es grimmig von der anderen Seite.


Na toll, Dylan ist wohl in einer eher schlechten Stimmung.


Ich öffne die Tür ohne Zögern und trete ein. Dylan schaut erst auf, als ich vor seinem Schreibtisch zum Stehen komme.


„Ah, Matthew“, er grinst frech und scheint froh, mich zu sehen.


„Ja, Meister, Sie haben nach mir rufen lassen, nun bin ich hier.“


Dylan nickt. „Du bist einer meiner engsten Vertrauten, deswegen werde ich dich mit einem geheimen Auftrag betrauen.“


Ich nicke ebenfalls, wohl wissend, dass ich jemanden beschatten soll. „Wer ist der oder die Glückliche, die ich beschatten soll?“


Er lächelt. „Du verstehst mich einfach immer. Es ist Ann. Sie hat sich meinem Wort widersetzt und das will ich kein zweites Mal.“


Davon hatte ich schon gehört. Eva sollte Ann ihren Text geben, doch dieser passte nicht in unseren Plan, also hat sie ihn (besser: den Text) geändert. Daraufhin ist Dylan ausgerastet und hat Eva umgebracht. Zum Glück beauftragt er nun mich mit Anns Überwachung und damit einen ihrer Verbündeten. „Okay, Meister. Ich werde Ihnen berichten, wenn was vorfällt.“


Er nickt lächelnd und ich will schon den Raum verlassen, als Lilla, eine der Bediensteten, nach kurzem Klopfen hereinkommt.


„Ach, Matthew, warte. Könntest du erst auf dem Hof Evas Leiche verbrennen?“


Ich nicke. Dann richtet er den Blick auf Lilla. „Ah, endlich. Putz bitte das Blut weg, es wirkt unseriös.“


Lilla schluckt, kniet sich jedoch hin und flüstert was von „widerlich“ und „Abschaum“, leider bekomme nicht nur ich das mit. „Lilla, möchtest du mir was sagen?“


Lilla schaut auf, lässt ihr Putzzeug fallen und schüttelt den Kopf. Dylans raue Stimme schüchtert sie sichtlich ein.
„Du hast aber etwas gesagt! Wiederhole es!“


Dylan klingt wütend.


„Äh… es war nicht an Sie gerichtet… Meister.“ Sie wird blass und wirkt ängstlich.


„Dann wiederhole ich es: ‚wie widerlich und das nur, weil dieser Abschaum schlechte Laune hatte‘. Stimmt das, Lilla?“ Er betont ihren Namen merkwürdig und plötzlich hebt sie den Kopf und schaut ihn wütend an. „Ja, das stimmt! Was wollen Sie jetzt machen, mich auch aus der Laune heraus umbringen?! Sie sind ein Widerling und Ihnen wird das scheiß Grinsen noch vergehen, das schwöre ich Ihnen, tot oder lebendig!“ Sie spannt sich an und ballt die Fäuste. Doch Dylan wirkt belustigt.


„Oh, kleine Lilla: Matthew, bring sie doch in einen der unteren Kerker und informiere niemanden darüber. Dort kann sie dann verhungern!“ Er lacht und Lilla wird blass. Ängstlich schaut sie mich an, als ich sie am Handgelenk packe und hinaus ziehe.


Schweigend gehen wir umher und laufen immer tiefer in den Bereich, wo sich niemand hin verirrt. „Du sperrst mich wirklich weg, oder?“ Lilla schluckt laut.


Ich schließe eine Zelle auf und führe sie herein, schließe hinter ihr wieder ab. „Bitte… Matthew, so heißt du doch, oder?“


Ich nicke.


„Bitte, lass mich hier nicht sterben!“


Ich sehe sie an.


„Ann ist mit mir befreundet, sag ihr bitte Bescheid!“


Ich schüttle den Kopf und greife in meine Tasche. „Hier, nimm.“ Sie nimmt das Stück Brot und das Wasser entgegen, das ich ihr reiche. „Nur noch zwei Nächte, Lilla, dann komme ich wieder und befreie dich. Ich verspreche es!“


Sie sieht mich an, legt eine Hand auf meine. „Du bist auch einer von uns, oder?“


Ich nicke.


Sie drückt meine Hand kurz und lässt sie dann los. „Bis in zwei Nächten, Matthew, viel Glück!“


Aufmunternd lächle ich ihr zu und sie erwidert es zaghaft. Dann gehe ich fort und hole aus dem sanitären Trakt die Leiche von Eva. Das arme Ding… sie hatte die Stelle nur angenommen, weil sie Geld für ihre zwei jüngeren Geschwister brauchte. Ihre Eltern waren schon lange tot, ermordet von, wen wundert‘s noch, Dylan natürlich.
Ich errichte einen Scheiterhaufen und zünde ihn an, spreche ein kurzes Gebet, ehe ich mich auf den Weg zu Anns Zimmer mache. Ich klopfe, niemand öffnet und nichts rührt sich. Ich klopfe lauter… ich höre das Rascheln einer Bettdecke. Sie steht wohl gerade erst auf und so warte ich einfach. Nach einigen Minuten öffnet eine verschlafende Ann die Tür. „Was ist denn?“


Ich lächle. „Wie wäre es mit was zu essen?“


Sie lacht. „Das wäre eine gute Idee. Ich ziehe mich schnell um.“ Zustimmend nicke ich. Später werde ich sie heimlich beobachten, damit Dylan nichts auffällt, doch meine momentane gehört zu meinen „normalen“ Aufgaben hier: Ann wecken und zum Essenssaal bringen.

 

 

 

Kapitel 47

(Ann´s Sicht)

 

Ich schlinge die Leckereien vor mir nur so runter. Es gibt Pfannkuchen, Schokofrüchte und eine Menge mehr süßes Zeug. Und das alles nur für mich.

 

Zum Glück hat mich Mr Klassische Schönheit geweckt.

 

Kurz hatte er mir berichtet, dass Dylan misstrauisch war. Daher habe ich vor, mich nach dem Essen auf den Weg zu ihm machen. Eigentlich sträubt sich nur bei dem Gedanken schon alles, aber ich muss noch zwei Nächte und zwei Tage diese Maske tragen. Das würde ich hinbekommen.

 

Außerdem muss ich noch was Wichtiges herausfinden. Ich schlucke meine letzte Erdbeere herunter und nehme dann meine Serviette und putze mir den Mund sauber. „Matthew, wärst du so nett und würdest mich zu meinem Onkel bringen?“

 

Er nickt mir zu und so stehe ich schweigend auf und folge ihm.

 

Ja, so Bedienstete hatten schon Vorteile, aber sie leben hier unter so schlechten Bedingungen, dass ich mich immer schäme, meine Sachen nicht selber wegzuräumen. Aber dadurch könnte ich auffliegen. Und das wäre schlimmer als alles andere.

 

Meine Gedanken fliegen zu Alec, Elli und vor allem Jack… Was machten sie gerade und wie ging es ihnen? Besonders Jack vermisse ich. Ist er sehr sauer auf mich und meine Entscheidungen? Da fallen mir die Worte von Matthew wieder ein: „Jedoch wird Jack sie nicht unterstützen.“ Was bedeutet das?

 

Fragen kann ich ihn nicht mehr, da wir vor Dylans Büro angekommen sind.

 

„Danke.“ Matthew verbeugt sich leicht und verschwindet dann, doch ich weiß, er wird mir die nächsten Tage folgen. Denn das ist Dylans Auftrag und das verstehe ich. Ich klopfe.

 

„Herein.“ Dylan klingt mürrisch.

 

Beim Reinkommen sehe ich, wie in der Ecke, wo Dylan Eva getötet hat, zwei junge Frauen sitzen und diese säubern.

 

„Ach, Ann, meine Liebe.“

 

Ich wende meinen Blick von der Ecke ab und trete weiter in den Raum, schlucke meine Gefühle runter. „Störe ich?“, erkundige ich mich unschuldig.

 

„Oh nein, meine Liebe, aber lass uns doch lieber in meine Wohnung hinüber gehen. Da sind wir mehr unter uns“, lächelt er und alles in mir schreit NEIN! Doch es hilft nichts, Dylan nimmt meine Hand und wir gehen in seine Wohnung. Er schließt hinter sich ab, ich setze mich auf das Sofa und schaue ihm dabei zu, wie er zwei Gläser mit Whisky füllt und damit zu mir herüberkommt.

 

Verdammter Mist, wie komme ich aus der Situation nur raus?

 

Panik steigt in mir auf, doch ich schlucke sie mit dem ersten Schluck Whisky runter. „Dylan, ich muss einfach noch mal mit dir reden wegen gestern.“

 

Er nickt verständnisvoll.

 

„Ich habe meinen Fehler eingesehen, ich hätte mich an dich halten sollen und ich kann auch die Konsequenzen verstehen.“

 

Er nickt wieder und schaut mich liebevoll an.

 

„Ich habe mich falsch verhalten und ich bin dir nicht ergeben genug“, mache ich weiter.

 

Nun lächelte er richtig „ich bin froh, dass du es eingesehen hast, sonst hätte ich dich noch zu deiner Schwester schicken müssen.“

 

Irritiert sehe ich ihn an. „Zu meiner Schwester? Man sagte mir, sie sei auf einer Reise.“

 

Er lacht. „Ach Ann, sie hat uns verraten. Sie ist im phylaca.“

 

Das ist latinisch. Es bedeutet Gefängnis und endlich weiß ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin. „Was, sie hat uns verraten?!“ Meine vorgetäuschte Wut scheint ihn zu überzeugen.

 

„Ann, beruhige dich.“

 

Ich schüttle den Kopf. „Das ist das zweite Mal, Dylan. Nein, das kann ich nicht hinnehmen!“

 

Er lächelt. „Möchtest du gerne mit ihr reden?“ Wie voller Zorn bejahe ich. „Das dürfte kein Problem sein“, lacht er, „ich bringe dich zu ihr.“

Perfekt!

 

Langsam gehen wir zum Büro zurück. Aus der oberen Schublade holt er einen Schlüsselbund hervor und wir setzen unseren Weg fort, den ich mir genau einpräge. Er meißelt sich wie eine Karte in meinen Kopf ein. Auch, welchen Schlüssel er wo benutzt, merke ich mir. Wir passieren vier verschlossene Türen und dann kamen wir in einer Grotte an. Ganz hinten befand sich eine Gitterwand. Es war dunkel, nass und kalt hier unten.

 

„Dylan, warte hier auf mich“, bitte ich ihn.

 

Er nickt zustimmend und ich öffne die Tür zur Grotte und trete an das Ende des Ganges. „Rose?“

 

Eine dünne Frau liegt schlafend auf der Seite und rappelt sich bei meinem Ruf auf. „Ann? Was tust du hier? Verschwinde!“

 

Kaum merklich schüttle ich den Kopf. „In zwei Tagen werde ich mein Volk endlich davon überzeugen, wie minder wertig du bist! Und wie sehr wir uns unterscheiden! Du hast uns verraten und verdienst das alles hier!“ Mit meinen Händen, die Dylan von seinem Standort aus nicht sehen kann, versuche ich, ihr die wahre Botschaft zu übermitteln, während ich sie weiter beleidige. Schließlich drehe ich mich um. Vielleicht verstand sie es nicht, aber so vertraute mir Dylan wieder.

 

Er lächelt als ich raustrat und ich fiel in seine Arme und weinte. „Warum tut sie das?“

Er spricht sanft und trägt mich zu meinem Zimmer hoch. „Manche werden uns nie verstehen, Ann. Lass dich nie von deinen Ziel abbringen!“ Ich nicke und Dylan nimmt meine Hand, dreht sie um und haucht mir einen Kuss auf den Handrücken. „Schlaf gut, meine Kleine.“

 

Kapitel 48

Und schon war der Tag gekommen. Dylan hatte nichts bemerkt. Matthew sagte ihm, was er hören wollte. Ich würde ihm blind vertrauen und hatte meine Lektion gelernt.

 

Ich schaue auf die Uhr. Sie zeigt die Siebzehn. Noch drei Stunden und die Hölle wird losbrechen. Ich ziehe mir eine enge schwarze Jeans und ein langärmliges T-Shirt an, mache mir einen Zopf und stürze mich aus dem Fenster. Binnen Sekunden werde ich zu einer Eule und gleite durch den Himmel zu der Lichtung von vor ein paar Tagen.

 

Kylen erwarte mich schon und winkt mir zu. Elegant lande ich als Mensch neben ihm.

 

„Angeberin“ sagt er nur und schließt mich in eine Umarmung. Wir mussten beide lachen, da ich vor ein paar Tagen ihn genau hier auch so genannt hatte.

 

„Und, wie geht’s dir?“ Ich schaue in den Himmel hinauf. Es ist immer noch Winter und so wird es schnell dunkel, bereits jetzt setzt die Dämmerung ein. „Ich habe Angst.“

 

Kylen nimmt meine Hand. „Zum ersten Mal ich auch.“

 

Überrascht schaute ich ihn an. „Warum?“

 

Lächelnd sieht nun er in den Himmel. „Ich habe Angst, die Leute zu verlieren, in denen ich das erste Mal eine Familie gefunden habe.“ Zuletzt sieht er mich wieder an und ich werde leicht rot und kann nicht verhindern, dass mit Tränen in die Augen schießen. Schnell zieht er mich in eine Umarmung.

 

„Wir kommen da leben raus!“ Meine Stimme ist fester als gedacht. „Also lass uns noch mal den Plan durchgehen.“

 

Er nickt.

 

„Du lenkst Dylan ab und bringst ihn in den Kerker, von wo er nicht mehr fliehen kann. Dann sprichst du den Schlafspruch. In der Zeit gehe ich in sein Büro und hole die Schlüssel. Ich mache mich auf den Weg in das Phylaca und rette Rose. Auf dem Weg zurück zünde ich alle leeren Gänge an. Matthew bringt alle sicher raus und löst den Feueralarm aus, sobald du ihm das Zeichen gegeben hast. Die Demonts werden kommen und Rose, Lilla, Matthew, dich und mich mitnehmen und unter die Schutzkuppel bringen. Vorher werden wir den Charan den wahren Dylan offenbaren und die Rebellion ankündigen. Und damit den Krieg.“ Ich hole Luft und Kylen lacht.

 

„Ja, Ann, genauso machen wir es. Ist ja nicht so, dass du es mir gefühlt zum hundertsten Mal sagst.“

 

Schnaubend boxe ich ihm in die Rippen. „Tu ich überhaupt nicht!“, behaupte ich und tue, als würde ich schmollen. Doch Kylen beginnt mich zu kitzeln und ich renne schreiend davon und springe ihn die Lüfte, dicht gefolgt von Kylen. Wir lassen uns einfach dahin gleiten und spüren die Freiheit.

 

Irgendwann landen wir wieder.

 

„Wie spät ist es?“, will Kylen wissen. Ich schaue auf mein Handy „ Neunzehn Uhr zehn.“

 

Kylen nickt. Er will gerade gehen.

 

„Warte mal“, bitte ich ihn, als ich einen Anruf von Matthew entdecke. Ich drücke auf seinen Namen, stelle ihn laut und lege gleichzeitig den Zeigefinger an meine Lippen in Richtung Kylen. Er nickt.

 

„Ann?“ Matthew geht ran.

 

„Ja?“

 

Er atmet schwer aus „Dylan will dich in einer halben Stunde im Büro sehen.“

 

Ich werde blass. „Unser Plan?“

 

Er schnaubt. „Ist hinfällig! Hör zu, Ann, du musst die Schlüssel holen und dich um Dylan kümmern. Ich und der kleine Adler, der eh gerade zuhört, kümmern uns um die Leute und das Feuer.“

 

Ich schlucke. „Hey, Ann, hör mir zu. Wir bekommen das hin! Du hast die Gaben, um Dylan dort im Büro verrecken zu lassen!“

 

Kurz will ich die Augen schließen, alles vergessen und weglaufen. Doch ich beherrsche mich. „Okay. Dann machen wir es so. Erzählt allen bitte, dass Dylan draußen ist.“

 

Kylen schaute mich zweifeln an.

 

„Okay, Kleine. Adler, beginn bei den Bediensteten. Ich muss noch was erledigen.“

 

Ich schaute Kylen an. „Alles klar, Matt.“ Und schon piept mein Handy und ich starre Kylen an und er mich. Eine Sekunde später liege ich in seinen Armen.

 

„Ann, beruhig dich. Du bekommst das hin. Hier, nimm das.“ Er streckt mir einen Dolch hin. „Der ist magisch. Er kann nur von dir eingesetzt werden.“

 

Ich nicke und schlucke meine Angst und Trauer runter und nehme den Dolch entgegen. Kylen zieht mich noch einmal an sich. „Pass auf dich auf, Ann. Wir sehen uns in zwei Stunden am Auto der Demonts!“ Ich nicke eifrig und mache mich dann auf den Weg. Vorsichtig verstaue ich den Dolch innen an meiner Lederjacke, den ich vorher noch schnell aus meinem Zimmer geholt habe.

 

Dann klopfe ich an die Tür und sehe, wie neben mir Matthew auftaucht und schnell wieder Richtung Kerker verschwindet. Komisch… naja, was soll’s, ich muss das hier jetzt schaffen!

 

„Herein.“ Dylan klang skeptisch.

 

In ganz normaler Geschwindigkeit öffne ich die Tür, statt sie aufzureißen, wie ich eigentlich will, und erkenne, dass nur ich und Dylan in diesem Raum sind. Eine gute Voraussetzung.

 

„Ann, ich bin erfreut, dich zu sehen und dass auch noch so pünktlich.“

 

Ich lächle. „Tja, so bin ich, Dylan. Was möchtest du von mir?“

 

Auffordernd deutet er aufs Sofa. „Setzt dich doch.“

 

Ich verneine dankend und er seufzt. „Glaubst du, ich kenne deinen plan nicht? Mein Sohn hat mich verraten und wollte mich in eine Falle treiben.“ Er spricht mit belegter Stimme.

 

„Falsch, Dylan. Er ist und war nie dein Sohn.“

 

Ein freudloses Lachen. „Ach nein. Er ist nicht von meinem Blut, aber er trinkt selbst denselben Whisky. Er hat alles bei mir gelernt…“

 

Nun seufze ich. „Schon wieder eine Lüge. Eins hast du ihm nie beigebracht: dich zu lieben!“

 

„Du bist eine Verräterin, Ann. Ich dachte, du würdest dich nicht so leicht abbringen lassen von deinem Ziel!“ Er funkelt mich an und ich ließ durch den Geist eine unsichtbare Schutzhülle um mich legen.

 

„Und wieder liegst du falsch. Mein Ziel habe ich immer klar verfolgt.“

 

Jetzt wirkt er erschrocken. „Du wolltest mich von Anfang an vernichten?“

 

Ich nicke leicht und schon fliegt der erste Dolch, jedoch pufft er einfach an meinem Schutzschild ab. „Dylan, ich werde dich niemals lieben und meinen Vater würde ich niemals verraten! Ich werde die Rebellion anführen und dich vernichten!“, schwöre ich meinem Onkel.

 

Teil 6/ Kapitel 49

Das Leben ist wie ein Kampf, es gibt Gewinner und Verlierer. Zu welcher Gruppe wir gehören, entscheiden wir selbst.

 

-Maximilian Pohl

 

Dylan lacht nur darüber. „Mich vernichten? Das glaubst du doch selber nicht!“

 

Ruhig schaue ich ihn an. Er tut mir einfach nur leid, dass er nie die Liebe verstehen wird, so wie Kylen, Jack, Alec oder ich. „Du bist bemitleidenswert, Dylan!“ Ich schließe die Augen, um meine Energie zu sammeln, die ich für den Kräfte zehrenden Zauber brauche, der Dylan hier einsperren soll. Doch ich verbrauche zu viel Energie für meinen Schutz, ich werde nicht beides gleichzeitig hinbekommen. Verdammt!

 

Ich spüre ein leises Kribbeln, dann ein leises Knistern. Ruckartig öffne ich die Augen.

 

Dylan fixiert mich mit seinen und an meinem Schutzschild tauchen Risse mit grünen Funken auf. Ich konzentriere mich auf meinen Schutz. Jedoch wird mir klar, dass ich ihn nicht lange aufrechterhalten können werde. Nein, Dylan wird nicht gewinnen.

 

Meine lila Funken treffen auf seine grünen und wir beide versuchen, länger durchzuhalten als der andere. Es ist anstrengend und ich befürchte, Dylan gleich schutzlos ausgeliefert zu sein.

 

„Ann, du hättest mich nicht verraten sollen!“ Er knurrt fast.

 

„Dass ich nicht lache, ich werde dich lehren, was es heißt, mich zum Feind zu haben!“

 

Erneut lacht er nur. Dieses Lachen spornt mich an, meine Kräfte noch druckvoller einzusetzen.

 

Plötzlich knallt es und Funken sprühen wild umher: die Wucht ist so groß, dass ich gegen die Wand geschleudert werde, vor Schmerzen muss ich aufkeuchen, aber ich rappele mich auf und sehe, wie Dylan es mir gleich tut. Wenn ich noch einen Zauber spreche, habe ich nicht genug Energie für den Einsperrzauber.

 

Ich lasse mir meine Sorgen und Schmerzen nicht anmerken.

 

„Ann, du hast Glück, ich werde dich lieber selber umbringen, als es der Magie zu überlassen.“

 

Dass ich nicht lache, er ist einfach nur ausgepowert. Schnell zückt er einen Dolch und wirft ihn nach mir, geschickt weiche ich ihm aus. „Daneben!“ rufe ich und er knurrt grimmig. Wieder schleudert er einen Dolch und ich springe zur Seite und verwandle mich. Schnell fliege ich zu ihm rüber und lande als Mensch direkt hinter ihm. Ich schlinge meinen Arm von hinten um seinen Hals. „Ist das alles, Dylan?“, zische ich und er zückt einen weiteren Dolch. Wo versteckt er so viele Dolche?

 

Ich schlage gegen sein Gelenk und er versucht, ihn mir in den Oberschenkel zu rammen. Ich spüre einen leichten Druck, kann aber nichts sehen, da Dylans Arm mir die Sicht versperrt. Mein Körper reagiert, ehe ich darüber nachdenken kann. Meine Hand glüht auf und Dylan lässt den Dolch fallen und schreit schmerzerfüllt auf. „Wer verliert hier, Dylan?“, flüstere ich leise in sein Ohr.

 

Plötzlich schrillen Alarmglocken los. Ich bin kurz irritiert und Dylan nutz es aus und rennt rückwärts auf eine Wand zu, sodass er mich ebenfalls rückwärts mitschiebt. Erst verstehe ich nicht warum. Aber dann knallt mein schmerzender Rücken gegen die harte Wand und ich bin abgelenkt durch die Schmerzen, die meinen Rücken entlang laufen, aus Versehen lockere ich meinen Griff um Dylans Hals. Dylan reagiert geistesgegenwärtig und dreht meine Hand und meinen Körper gegen die Wand. Mit aller Kraft drückt er mich dagegen. Schmerzvoll verdreht er mir auch einen meiner Arme auf den Rücken.

 

Ich beiße die Zähne zusammen, um einen Aufschrei zu vermeiden. Meine Güte, wie stark ist der!

 

„Na, bereust du es schon?“, haucht Dylan und sein siegessicherer Ton lässt mich kurz die Augen schließen.

 

„Nein!“ antworte ich, überraschenderweise mit einer festen Stimme.

 

Er dreht meinen Arm weiter und ich kann einen kleinen Schmerzensschrei nicht verhindern. Schnell spreche ich einen Zauber, damit uns niemand draußen bemerkt.

 

„Solltest du aber!“ Er sagt es mit einer wütenden Stimme.

 

Ich suche nach einer Fluchtmöglichkeit und versuche mit meiner anderen Hand nach ihm zu schlagen, um so ein wenig Platz zwischen uns zu bringen, jedoch gelingt mir dieser Plan nicht.

 

Ich schnappe nach Luft, als er mich fester gegen die Wand drückt. Das würde die nächsten Tage schmerzen, wenn ich hier überhaupt lebend rauskam…

 

Kylen… nein, das war keine Option, ich hatte es ihm und den anderen versprochen. Schnell gehe ich andere Möglichkeiten durch. Dann streifte meine Hand meine Tasche. Der Dolch! Schnell ziehe ich ihn raus und ehe Dylan wissen kann, was passiert oder was ich da in der Hand hielt, lasse ich die Klinge in seinen Oberschenkel sausen und ziehe sie wieder raus.

 

Überrascht humpelte Dylan zurück. Er verliert das Gleichgewicht und knallt auf den Boden. „Was hast du da getan, Ann?“ Bleich starrt er auf die Wunde, aus der eine Unmenge an Blut strömt.

 

Schnell ziehe ich mich geistlich zurück und sammele mich. „Geist, bitte lass Dylan hier in diesem Raum gebunden, halte ihn fest und bestrafe ihn für das, was er getan hat. Lasse nicht zu, dass er raus kann und dass ihn jemand hört oder dass er sich von diesem Fleck bewegen kann.“ ich spüre, wie die lila Fäden aus meinen Händen sprühen, sie setzen sich an Dylan fest und verankerten sich in den Wänden. Meine Energie ist zu wenig…

 

„Elemente, ich rufe! Unterstützt mich und den Frieden!“ Kaum habe ich das ausgesprochen, strahlen sie aus meinen Händen. Bunte Fäden durchströmen den Raum für einige Zeit. Es ist ein wunderbares Schauspiel und die Lichter stärken mich. Ich atme durch. Ich hatte es fast geschafft. Plötzlich versinken die Strahlen in meinen Händen und ich sehe zu Dylan. Er liegt geschwächt am Boden und drückt seine Wunde zu. Ich trete an ihm vorbei. „Ann… lass mich hier nicht alleine zurück!“ Ich krame in seiner Schublade und finde die Schlüssel, dann gehe ich zur Tür. „Ich habe deine Mutter geliebt! Wir hatten eine Affäre und du bist meine Tochter!“

 

Ich lachte laut los und drehte mich um. „Dylan, weißt du, wie armselig das ist? Meine Mutter hätte meinen Vater nie betrogen, besonders nicht mit dir! Du hattest genug Chancen, anders wirst du nie Ruhe geben, das wissen wir beide!“

 

Ich drehe mich um. Meine Hand liegt schon auf der Klinke. „Okay, ich habe gelogen, aber … bitte… ich flehe dich an, lass mich hier nicht zurück. Ich werde sterben.“ So hatte ich das nicht gesehen. Ich brachte hier einen Menschen um. Ich tat genau das, wofür ich ihn verurteilte…Ich drehe mich um und schaue ihm in seine Augen. Sie sind voller Angst. So kann und will ich nicht sein. „Na gut… Geist, komm zu mir.“

 

Er atmet hörbar aus.

 

‚ein Frau mit reinem herzen und voller liebe und Loyalität gegenüber ihm kann ihn befreien, wenn er denn dasselbe empfindet.‘ lch habe die Augen geschlossen. Als das Kribbeln aus meinen Händen verschwindet, öffne ich die Augen und gleich danach die Tür. Erst jetzt bemerke ich den schrillen Alarmton wieder, gleich würde alles brennen. „Ann, wohin gehst du? Ich bin nicht frei! Ist das der Feueralarm? Ann...“

 

Ich schließe die Tür hinter mir.

 

Kapitel 50

Ich atme einmal durch. Ich lebe! Den Schmerz in meinem Oberschenkel ignoriere ich so gut es geht. Ich klammere mich fest an die Schlüssel, ich schaue auf sie und kann es immer noch nicht glauben. Hier stehe ich nun und Dylan hinter mir ist eingesperrt für immer! Niemand wird ihn da rausholen können, denn Dylan liebt niemanden außer sich selbst! Wahrscheinlich wird er da drin verbrennen… ob es mir leidtut? Ja… Menschen oder Charane sollten nicht sterben, jedoch geht es nicht anders. Er würde nie Ruhe geben, erst wenn ich und meine Freunde tot wären. So viel steht fest. Ein Schrei lässt mich aufschrecken, ich schaue verwirrt um mich. Ich entdecke nichts und schüttle den Kopf. Ich muss los, Rose retten. Rose!

 

Schnell muss ich lächeln und renne die Gänge entlang. Alle, die leer sind und die ich nicht mehr betreten muss, zünde ich an. Meine Füße tragen mich und es ist still, in der Ferne höre ich das leise Knistern von Feuer, jedoch macht es mir keine Angst, schließlich kann ich es kontrollieren! Ich suche den Schlüssel an meinem Bund… und finde ihn nicht.

 

Mein Herz schlägt schneller und ich probiere alle Schlüssel durch, doch keiner passt! Ich versuche, die Tür aufzubrechen, aber ich bin zu schwach… Rose… verdammt!

 

Ich probiere es mit den Elementen, jedoch ist es eine besondere Tür, also helfen meine Elemente überhaupt nicht. Da hatte ich mir diesen miesen Plan ausgedacht und alles überlebt, selbst Dylan, und dann ist mir so eine dumme Tür im Weg? Das gibt es doch nicht! Ich lache hysterisch auf. Ich bin völlig verzweifelt und lehne meine Stirn dagegen. Ich denke nach … wenn ich Hilfe hole, sind die Flammen schon längst bei Rose und sie ist zu schwach, um ihre Elemente einzusetzen… also muss ich hier sitzenbleiben und hoffen, dass jemand kommt, ganz toll… nächstes Mal nehme ich irgendeinen Krieger mit.

 

Ich schließe die Augen… Jack… ich vermisse ihn so…

 

Konzentrier dich! Der Gang wird wärmer und ich öffne die Augen… da kommen sie, die Flammen, zumindest von der einen Seite. Ich halte sie auf… Hoffentlich kommt bald jemand, ich werde sie nicht ewig aufhalten können. Ich seufze.

 

Gefangen in meinem eigenen Plan. So was bekomme auch nur ich hin. Ich lasse mich an der Tür runterrutschen. Ich höre ein leises Piepen… ich spitze die Ohren. „Nein, ich habe sie noch nicht gefunden.“ Ich kenne die Stimme… Alec!

 

‚Alec, ich bin ganz in der Nähe, zwei Gänge von dir entfernt.‘ Hoffentlich klappt es noch, nach so einer langen Zeit.

 

‚Ann bleib wo du bist, ich komme!‘

 

Erleichtert atme ich aus. Und schon höre ich Schritte im Gang widerhallen, richte mich auf und schaue zu der Seite, wo noch keine Flammen sind. Da sehe ich ihn. „Alec!“

 

Er grinst mich an und stürmt auf mich zu und ehe ich mich versehe, lande ich in seinen Armen. „Ann, jag mir nie wieder so einen Schrecken ein! Als Rose Krieger bei uns auftauchte und mir alles erzählte, hätte ich dir nur zu gerne geantwortet, aber ich durfte nicht! Ich bin verrückt geworden, dir hätte sonst was passieren können!“

 

Alec redet so schnell, dass man kaum mitkommt.

 

„Ich habe dich auch vermisst, jedoch sollten wir das auf später verschieben.“

 

Er nickt ernst. „Natürlich, sag mal, warum bist du noch nicht draußen?“

 

Ich deute zur Tür. „Rose… sie ist da unten. Ich habe die Schlüssel geklaut, aber Dylan muss ihn abgemacht haben!“ Alec nickt nur, packte sie an und drückt sich dagegen. Es klappte! Ich wollte vor Freude aufschreien! Alec will gerade durch die Tür.

 

„Warte!“ Er drehte sich verwirrt um. „Alec, du hast doch Element Feuer, oder?“

 

Er nickt und schaut mich immer noch verwirrt an.

 

„Gut, bleib hier oben und pass auf die Flammen auf!“

 

Schon will er widersprechen.

 

„Halt! Bevor du was sagst, ich kenne den Weg, du nicht, und einer muss hier oben bleiben, weil wir sonst da unten verrecken!“

 

Er schaut zu Boden und tritt in den Flur zurück.

 

„Du hast recht, beeil dich!“ Ich nicke und trete durch die Tür. Schnell gelange ich zur zweiten, für diese habe ich den Schlüssel. Zum Glück!

 

Dylan hat wohl nicht meinen ganzen Plan erfahren und dachte, ich würde schon an der ersten Tür versagen! Ha, mein Plan ging irgendwie doch auf.

 

Plötzlich flackern die Lichter und im nächsten Moment ist alles dunkel. „So ein Mist!“ Ich lasse eine Flamme auf meiner Hand erscheinen. Langsam aber sicher wird meine Energie knapp. Ich renne weiter und stehe im Nu vor der letzten Tür! Ich zücke die Schlüssel und schließe sie auf. „Rose?“

 

Wieder liegt sie mit dem Rücken zu mir und scheint zu schlafen. „Rose?“, frage ich lauter und der Haufen von Mensch bewegt sich langsam zu mir. Sie ist so dünn… endlich sehe ich ihr Gesicht, überall sind blaue Flecke. Die waren letztes Mal noch nicht da. „Rose, kannst du aufstehen?“

 

Ihre Augen schauen mich leer an und sie wirkt schwach, ich kann mir nur schwer vorstellen, wie es ihr geht. „Ja“ Ihre Stimme ist leise und rau.

 

Schnell schließe ich die Gittertür auf, Rose humpelt aus dem Raum… kaum ist sie durch die Gitter, fällt sie beinahe hin. Im letzten Moment fange ich sie auf und wir machen uns auf den Rückweg. Ziemlich schnell sind wir oben angelangt, kein Wort haben wir geredet, ich traue mich ganz einfach nicht… ich habe Rose wieder, jedoch hat sie sich verändert, genauso wie ich. Die Zeiten, in denen wir uns blind verstanden, sind vorbei…

 

„Rose.“ Es ist ein leises Flüstern, was Alec von sich gibt. Sofort spüre ich die Verbindung, die zwischen den beiden herrscht.

 

„Alec.“ Auch Rose flüstert nur, jedoch macht sie sich von mir los und humpelt die drei Schritte bis zu Alec rüber, er scheint völlig abwesend, denn er bewegt sich kein Stück.

 

Ich weiß, sie kommunizieren durch ihre Gedanken. Alec streckt seine Arme aus und Rose lässt sich völlig ohne Misstrauen reinfallen… dann küssen sie sich. Und meine Gedanken schweifen ab… Jack, er ist nicht hier, das spüre ich… ich vermisse ihn so… Konzentrier dich!

 

Ich muss mich zusammenreißen, ich kann später über ihn nachdenken. „Ich störe nur ungern, aber wir müssen los!“

 

Sie lösen sich voneinander und Alec nimmt sie auf den Arm, damit wir schneller vorankommen. Ich führe sie und kapsele uns von dem Feuer ab.

 

‚Wir sind gleich draußen.‘

 

Alec nickte nur, als ich ihm einen Blick über die Schulter zuwerfe.

 

„Ihr seid sehr stark verbunden.“

 

Überrascht halte ich kurz inne. „Rose, wir sind nur Freunde!“

 

Sie grinst schwach. „Ich weiß, Ann.“

 

Ich lächelte zurück und gehe weiter den Gang entlang. Am Ende ist die Tür, die ich suche. Ich öffne sie und erblicke Unmengen an Leuten.

 

Krieger von den Demonts, Dylans Leute, die verwirrt wirkten und natürlich die Presse. Ich spüre den Wind durch mein Haar streichen… Wir sind frei! Ich will etwas zu Alec und Rose sagen, aber als ich mich umschaue, sind sie verschwunden. Bestimmt zu den Autos. Nicht lange und alle würden wissen, dass Dylan nicht draußen ist. Da sollten wir schon verschwunden sein.

 

Ich steuere auf die Presse zu, jemand mich in seine Arme zieht. Jack… schießt es mir durch den Kopf, bis ich seine Augen sehe.

 

„Du lebst, meine Schwester!“ Kylen wirkt glücklich wie nur selten.

 

„Ich habe es dir doch versprochen!“

 

Er lacht und schaut sich um. „Ann, hast du Lila gesehen?“

 

Ich schüttle den Kopf. „Du wolltest sie doch rausholen?“

 

Er nickt und gibt mir einen Kuss auf die Wange und schon jetzt spüre ich die Blicke von Dylans Anhängern. „Ich werde sie suchen! Bis gleich und lass deine Wunde versorgen!“

 

Ich richte meine Aufmerksamkeit wieder auf ihn, ach ja meine Wunde, ich spüre den leichten Schmerz wieder, den ich vorher verdrängt habe. „Tu das und Kylen?“

 

Er dreht sich noch mal im Gehen um. „Pass auf dich auf!“

 

Er nickt und lächelt mir zu. Ich schaue mich wieder um und da sehe ich Jessy. Mit ihr muss ich jetzt reden!

 

Kapitel 51

 „Jessy!“

 

Sie sieht mich schon von weitem und kommt zu mir rüber. „Was hat das zu bedeuten, Miss?“

 

Ich lächle sie an. „Das ist meine Überraschung.“

 

Sie scheint verwirrt. „Schalte deine Kamera an und ich werde es euch allen verraten.“ Sie nickt, dennoch scheint sie misstrauisch. „Liebe Zuschauer. Hier spricht Jessy Dannemann mit einer Sondersendung von Topical Hour. Ich stehe hier vor dem Unterschlupf von Dylan, der heute Nacht angegriffen wurde. Neben mir steht Miss Hadley.“

 

Endlich komme ich ins Bild. „Ann, was ist hier heute Nacht vorgefallen?“

 

Ich richte mich auf und schaue in dir Kamera. „Ein Angriff auf die Regierung wurde verübt.“

 

Jessy schaute mich mit großen Augen an. „Von wem kam dieser Angriff?“

 

Ich schaue sie und die Welt offen und ehrlich an. „Von der Rebellion, die ich anführe!“ Meine Stimme klingt fest und machterfüllt. Ich spüre die Magie, die in mich strömt und schnell wird mir klar: meine Macht ist gewachsen. Aber wodurch? Ich schiebe die Frage auf später.

 

Jessy schaut mich verwirrt an. „Wie sollen wir das jetzt verstehen?“

 

Ich drehe mich ganz zu Kamera. „Ich dulde keine korrupte Regierung! Ich bin die rechtmäßige Königin und als diese werde ich für mein Land kämpfen! Ich bin die Rebellion und fordere alle auf, sich aus den Fesseln zu lösen und mir zu folgen, denn ich werde die Ehre meines Vaters zurückerobern!“

 

Jessy lächelt leicht. „Was ist mit ihrem letzten Interview?“

 

Ich schaue sie freundlich an. „Ich musste es sagen, um Dylan zu stürzen!“

 

Sie nickte und setzt zur nächsten Frage an, als sich eine Hand fest um meine Schulter legt und mich zur Seite schiebt. Ich drehe mich verwirrt um. Es ist Alec. ‚Sofort zum Waagen!‘ Sein Ton ist ernst, also gehe ich in die Richtung und merke schnell, warum. Ein Kampf ist ausgebrochen.

 

Ich schleiche mich durch die Menge. In der Ferne höre ich Alec sagen: „Wir werden kämpfen! Und werden nicht aufgeben!“

 

Damit nickt er Jessy zu und kommt zu mir. ‚Ann hinter dir.‘

 

Schnell ziehe ich den Dolch von Kylen, drehe mich um und steche zügig zu. Der Dolch trifft die Brust von meinem Gegner. Keuchend geht er zu Boden.

 

„Fuck!“ Ich starre auf die blutverschmierte Klinge.

 

„Komm, Ann.“ Alec umfasst meine Schulter und zieht mich weiter.

 

„Stirbt er?“ Ich bin bleich. Ich wollte nie jemanden töten, sondern nur außer Gefecht setzen… ich weiß, in Hinsicht darauf, dass ich Dylan da unten sterben ließ, hört sich das absolut komisch an.

 

„Nein.“

 

Ich atme aus, ich säubere die Klinge schnell mit dem Ärmel und stecke sie wieder weg. „Warum ist Jack nicht hier?“

 

Alecs Stimmung wird traurig, jedoch sagt er nur „Später“ und ich nicke.

 

Ein weiterer Angreifer kommt von vorne und Alec löst sich von mir und beseitigt das Problem schnell. Ich schaue weg.

 

Stell dich nicht so an, du bist die Königin! Das ist alles nur aus Notwehr, aber dennoch war es Mord.

 

„Alles gut, Ann?“ Ich spüre wieder Alecs Arm um meine Schulter. Ich schüttele den Kopf. „Ich will nicht, dass sie sterben.“ Ich sage es leise, aber sofort spüre ich das Mitgefühl von Alec.

„Ich weiß, aber leider kann man sie mit Worten nicht überzeugen.“

 

Ich nicke und wir schaffen es ohne weitere Probleme beim Wagen. Es ist ein großer Wagen, sodass hinten fünf Leute sitzen können und vorne zwei. Mr Klassische Schönheit sitzt hinter dem Steuer. Rose sitzt auf dem Beifahrersitz und schläft.

 

Ich seufze. Alec öffnet hinten die Tür, aber nicht, ohne sich zu allen Seiten umzudrehen und auf Gefahren zu achten. Elli kommt als Erste zum Vorschein. Neben ihr irgendein Krieger und dann sehe ich Lilla! „Oh Lilla, zum Glück hat Kylen dich gefunden!“

 

Lilla runzelt die Stirn und da ertönen Schüsse. Wir erschrecken und Alec stellt sich hinter mich „Ann. Ich war gefangen. Kylen habe ich seit drei Tagen nicht mehr gesehen. Matthew hat mich gerettet.“

 

Ich schaue geschockt um mich. „Wo ist Kylen?!“

 

Alle sehen mich stirnrunzelnd an. „Keine Ahnung.“ Mein Herzschlag beschleunigt sich, Panik kommt in mir auf und wieder hören wir Schüsse!

 

„Ann, steig ein!“ Alec klingt angespannt.

 

„Wenn er nicht hier ist… dann ist er noch drinnen!“ Schnell drehe ich mich um und sehe, wie Alec kämpft. Ich will an der Seite vorbeilaufen, doch da kommen andere Krieger und helfen Alec. Schnell läuft er zu mir und schmeißt mich über seine Schultern. „Alec, nein, ich muss Kylen holen!“

 

Alec spannt sich an. ‚Nein! Du wirst jetzt mit mir in den Wagen steigen und wir fahren hier weg!‘

 

Ich strampele und schreie, doch schon sind wir im Wagen und Matthew fährt los! Erst als zehn Minuten Fahrt hinter uns liegen, höre ich auf, mich zu wehren. Rose ist auch jetzt wach. ‚Lass mich los, Alec!‘

 

Er schaut mich kritisch an ‚Hast du dich beruhigt?‘

 

Ich funkele ihn wortlos an.

 

„Hey, wir sind auch noch da“, sagt Elli schnippisch.

 

„Warum sind wir ohne Kylen los?“ Ich schreie nicht mehr und wehre mich nicht, also lockert Alec seinen Griff um meine Taille und ich lehne mich vor Erschöpfung ans Fenster.

 

„Warum willst du deinen Geliebten retten?“

 

Alec klingt gereizt und sauer und ich lache auf. „Warum lachst du?“, erklang Ellis Stimme und dann sprach Lila. „Kylen ist der Bruder von Ann und Rose.“ Schlagartig sind alle still.

 

„Das… wir mussten weg, Ann“, sagt Matthew von vorne. Ich schließe die Augen, Tränen brechen aus mir aus und ich sacke gegen Alec, der mich tröstend festhält.

 

Kylen, komm gesund und lebend zurück!

 

Im nächsten Moment falle ich in einen traumlosen Schlaf.

 

Kapitel 52

 

Langsam wache ich auf. Mein Körper scheint sich erholt zu haben, denn ich spüre keine Schmerzen. Vorsichtig öffne ich meine Augen. Ich liege in meinem Zimmer, im Haus der Demonts. Ich setze mich auf und spüre einen unglaublichen Schmerz in meinem Oberschenkel. Verdammt.

 

Als ich die Bettdecke zurückschlage, entdecke ich einen Verband. Woher…? Ach ja, Dylan hat sie mir bei unserem Kampf zugefügt.

 

Ich setze mich zähneknirschend auf und klettere dann aus meinem Bett, humple ins Bad. Moment mal, warum trage ich nur ein T-Shirt? Naja, würde ich schon herausfinden.

 

Schnell dusche ich und ziehe mir ein leichtes, grünes Maxi-Seidenkleid über und Socken an. Dann humple ich schnell runter in den Speisesaal, wo ich alle vermute. Damit behalte ich recht. Matthew, Elli, Jordan und Lilla saßen an dem gedeckten Tisch und plauderten.

 

„Ann!“ Jordan kommt auf mich zu gerannt und umarmt mich. „Du bist wieder da!“

 

Ich lächle, auch wenn er meine Wunde berührt und es leicht wehtut.

„Jordan, lass sie noch leben.“ Alec tritt in den Raum.

 

„Wo ist Rose?“, frage ich ihn, während Jordan sich wieder setzt.

 

„Sie liegt auf der Krankenstation. In ein, zwei Tagen wird sie wieder auf den Beinen sein. Körperlich… seelisch wird es um einige Zeit länger dauern.“

 

‚Ich muss mit dir alleine reden.‘

 

Er nickt und kommt zu mir. „Entschuldigt uns, wir müssen noch einiges klären.“

 

Alle nicken verständnisvoll und so gehen wir in Mr Demonts Büro, das jetzt Alec gehört. Er lässt sich auf dem Sofa nieder und ich mich neben ihm.

 

„Rose hat sich verändert.“

 

Ich nicke. „Ich weiß…“

 

Wir sind in Sicherheit und doch ist alles zum kotzen.

 

„Hast du was von Kylen gehört?“

 

Alec schüttelt den Kopf. „Dylans Krieger sind heute Morgen durch ein Portal verschwunden. Der Bunker lässt sich von keinem der Krieger betreten, bis jetzt wissen wir den Grund dafür nicht.“

 

Ich nicke. „Wie geht es meinen Eltern?“

 

Er schaute mich an. „Alles gut. Wir haben ihnen einen Urlaub spendiert, der ein bisschen länger dauert und ihnen verzauberte Briefe geschrieben, dadurch glauben sie, mein Dad passt hier auf dich auf.“

 

Ich nicke wieder. „Das ist gut.“ Ich schaue ihn an. „Wo ist Jack?“

 

Er sieht weg. „Alleine abgehauen nach deinem ersten Interview, keiner weiß, wo er ist.“

 

Das hatte ich vermutet, aber es nun wirklich zu hören, macht mich traurig und fertig. „Ich kann ihn verstehen.“

 

Alec nickt zögernd, aber er scheint verletzt.

 

„Hast du mich verarztet?“

 

Er nickt. „Tut es noch sehr weh?“

 

Ich schüttele den Kopf und er grinst leicht. „Lügnerin.“

 

Ich lache zurück. „Was machen wir jetzt?“

 

Er sieht zu mir. „Es gibt eine Prophezeiung über dich, Rose und mich. Jedoch ist sie unvollständig, das bedeutet, wir werden den Rest suchen müssen.“

 

Ich nicke. „Was steht denn bis jetzt drin?“

 

Er holt einen Zettel. „Der Sohn der Stärke wird Schwestern des Geistes wieder zusammen bringen. Erst dann kann die Waffe entstehen. Sie wird erglühen in jener Nacht. Ein Bund, der ewig bindet, Wunder gesprochen und bindet zwei. Auf der Suche nach dem inner’n Licht und der Bindung…“ Er endet. Das ist nun wirklich nicht viel.

 

„ Du bist die Stärke, nehme ich an, Rose und ich die Geistlichen, aber welche Bindung? Und welche Waffe?“

 

Er zuckt mit den Schultern. Toll… „Wenn Rose wieder da ist… dann ist sie doch jetzt auch Königin, oder?“ Alec schüttelt den Kopf, noch toller.

 

„Ich bin immer noch die Hoffnung von allen.“ Er nickt und lächelt, kurz lächle auch ich, doch dann denke ich an Jack…„Ich werde mich ausruhen gehen… in Jacks Zimmer, wenn ihr mich sucht.“

 

Er schaute traurig und sagt, er wird mir etwas zu Essen und Trinken hochbringen lassen, ich nicke und bedanke mich. Bevor ich hochgehe, schaue ich bei Rose vorbei, jedoch schläft sie und ich will sie nicht wecken. Oben warten Orangensaft und Pancakes auf mich, die genüsslich esse. Dann schaue ich Belangloses im Fernsehen und rufe meine Eltern an. Ihnen zumindest geht es gut.

 

Es wird spät und so lege ich mich in Jacks Bett und hoffe, er wird bei mir sein und mir die Hoffnung geben, die ich so dringend brauche…

 

 

Ich schrecke hoch. Ich atme schwer und ich bin nass geschwitzt. Ein Albtraum! Kylen wurde von Dylan gefangen genommen, dieser hat Kylens Freund Luis zu seiner rechten Hand gemacht und so Kylen in sein Zimmer gelockt, dort hat er ihn gefoltert… Ein Schrei ertönt. Sofort bin ich auf den Beinen, als ich bemerke, dass dieser von draußen kam. Schnell schnappe ich mir meinen Dolch, ziehe mir meine Jogginghose an und außerdem eine Jacke, die ich über Jacks T-Shirt anziehe, dann renne ich nach unten. Ich poltere und so wecke ich wahrscheinlich alle. Aber es war mir schlicht weg egal. Ein Stöhnen… es klingt verdächtig nach Kylen, meinem Bruder. Kurz vor der Tür stoßen Alec und Elli zu mir.

 

„Was ist?“ fragt dann Matthew, der auch angerannt kommt.

 

„Kylen er ist da draußen!“ Und schon bin ich mit gezücktem Dolch durch die Tür. Noch ein Stöhnen… „Es kommt aus dem Rosengarten!“, schreie ich und renne voraus. Meine Füße laufen automatisch in die Mitte, des Rosengartens. Schnell baue ich ein Kraftfeld auf und renne weiter. Ich schreie auf, als ich Kylen dort liegen sehe. Er ist blutüberströmt und im Nu bin ich bei ihm und lasse mich neben ihm auf die Knie fallen. „Kylen?“ Ich hebe sein Gesicht an, schon jetzt spüre ich Blut an meiner Hand haften. „Bruderherz?“

 

„Ann.“ Er flüstert es und schlägt sachte die die Augen auf. „Ich rufe dich Geist“ schnell spüre ich die Kraft und lass die Energie in Kylen fließen, dieser stöhnt erleichtert auf. „Luis… Dylan… Falle.“

 

Ich spüre, wie meine Wangen nass werden. „Psst, ich weiß.“

 

Er schaut mich an. „Nicht… weinen.“ Er ist schwach.

 

„Elli, hol Hugo!“ Alec tritt neben mich und hebt Kylen an, dieser stöhnt auf. „Hey, wehe du stirbst: ich muss doch den Bruder meiner Verbundenen kennen.“

 

Kylen verzieht sein Gesicht, es sollte wohl ein Lächeln sein. Alec bringt Kylen auf die Krankenstation und legt in ein Bett, schnell kommt ein Arzt, untersucht ihn und schickt mich raus. Widerwillig verlasse ich den Raum. Ich setzte mich gegenüber der Tür auf den Boden. Ich höre es klackern und immer wieder stöhnt Kylen auf. Plötzlich ist alles still und ich fange an zu weinen. Alec kommt aus der Tür. „Bitte nicht!“ Ich schaue zu ihm und er kommt auf mich zu. „Er schläft nur. Er ist noch nicht über den Berg, aber es sieht gut aus.“

 

Erleichtert atme ich aus, ich hatte nicht mal bemerkt, dass ich die Luft angehalten hatte. „Zum Glück.“

 

Alec umarmt mich und gibt mir dann einen Zettel. „Hier, der war in seiner Tasche.“

 

Ich klappe den Zettel auf. „Es ist nicht vorbei. –Dylan.“ Ich schrecke bei den Worten auf und lasse den Brief fallen. Alec, der ihn laut gelesen hat, wird blass. „Ich spreche mit Hugo. Wir müssen fliehen, wir sind hier nicht sicher!“ Ich schaue in entsetzt an. „Fliehen?“

 

Er nickt. „Geh in den Speisesaal und warte auf mich mit den anderen dort, dann werden wir alles weiter besprechen!“ Seine Stimme ist ernst und voller Wut.

Ende vorerst...

Wir haben den Kampf begonnen… einen Kampf wo wir mächtige Waffen und Verbündete brauchen. Wir sind die Rebellion und morgen werden alle denken, wir sind Tod… Ihr habt richtig gehört, wir werden unseren Tod inszenieren. Morgen wird die ganze Charan Welt denken, die Demonts und Hadleys wären tot…

 

Um ehrlich zu sein, ich finde die Idee mehr als nur Scheiße! Aber Alec meint, es ist besser so, wir bekommen einen Vorsprung und können uns verstecken. Verstecken… Ich will mich nicht verstecken und mein Volk alleine lassen, aber Alec ist der Anführer und ich nur das Aushängeschild.

 

Eine Hand legt sich auf meine Schulter. Ich zucke leicht zusammen und drehe mich um. „Alec!“

 

Er grinst mich nur an. „Komm, Kylen und Lilla sind schon los gefahren, genauso wie Elli und Jordan.“

 

Ich nicke kurz und schnappe mir meinen Koffer, er ist magisch! Das finde ich megacool, denn ich konnte so meinen ganzen Kleiderschrank dort reinpacken. „Am besten rufst du noch mal deine Eltern an, denn in nächster Zeit wird uns das nicht möglich sein.“ Ich ziehe kurzerhand mein Handy aus der Tasche und wähle die Nummer meiner Eltern.

 

Nach kurzem Warten geht meine Ma dran. „Kleines, wie sehr ich mich freue von dir zu hören!“

 

Ich grinse. „Ma, ich freue mich auch. Geht es dir und Dad gut?“ Mein Herz zieht sich zusammen, bitte lass es ihnen gutgehen!

 

„Es geht uns sehr gut, unsere Reise hat sich sogar verlängert, Mr Demont ist so großzügig gewesen. Sag ihm ganz lieben Dank! Wir werden das Geld aber wieder zurückzahlen!“

 

Ich muss lachen, jedoch steigen mir gleichzeitig Tränen in die Augen, denn ich werde das nie machen können. „Mach ich, Ma!“

 

Ich höre sie lachen „Ich soll dir von Dad liebe Grüße ausrichten.“ Ich spüre, wie Alecs Hand sich zaghaft auf meine legt. Ich schaue ihn dankend an. „Grüß ihn zurück! Ach, Ma, ich werde die nächsten Tage nicht mehr so oft anrufen können, der Prüfungsstress, okay?“

 

Es ist kurz still. „Natürlich. Kleine, wir vermissen dich und haben dich lieb!“

 

Es ist die Stimme meines Dads. „Paps! Ich habe euch auch lieb und genießt die Zeit auf reisen!“

 

Er lacht. „Klar doch! Meine kleine Prinzessin, pass auf dich auf und viel Spaß! Wir müssen leider auflegen, unser Ausflug beginnt gleich.“ Er kling wehmütig.

 

„Ja, mach ich, Dad, bis dann mal!“ Wir abschieden uns und ich werfe meine Handy an die nächste Wand.

 

„Ann?“ Alec zieht mich in eine Umarmung.

 

„Ja?“

 

Er schaut mir ins Gesicht. „Alles wird gut!“

 

Ich wünschte, diese Worte würden stimmen…

 

Gemeinsam verlassen wir das Haus oder eher Schloss, wie ich immer noch finde. Draußen fahren gerade Rose und Matthew weg, gleich werden ich und Alec auch diesen Ort verlassen. Für immer…

 

Ich verstaue mein Gepäck im Kofferraum und ziehe mir meine graue Kapuze ins Gesicht. Auch Alec zieht sich seine Kapuze über. Dann dreht er sich entschlossen zu mir: „Bereit?“

 

Ich lächele leicht. „Aber so was von!“ Es stimmte. Alec umschließt meine Hand und wir beide drehen uns um zu dem Anwesen, von dem ich dachte, es würde mein neues Zuhause werden. Wir heben unsere Hände und rote Ranken schießen aus unseren Händen… sie umschließen schnell das ganze Haus. Schnell wird die Luft von dem Knistern des Feuers erhellt. Nach wenigen Sekunden steht das ganze Gebäude in Flammen, in der Ferne höre ich schon die Sirenen und so lassen Alec und ich uns los, springen in den Wagen und fahren davon…

 

Epilog

(Kurz aus Jessys Sicht)

 

„Guten Tag, willkommen bei der Tropical hour! Hier spricht Ihre Jessy Dannemann. So eben wurde uns berichtet, dass das Anwesen der Demonts bis auf die Grundmauern abgebrannt ist. Bis jetzt ist nicht bekannt, ob es Tote oder Verletzte gibt, nur eins ist klar: Dylan ist dafür verantwortlich und hiermit spreche ich nicht mehr als Nachrichtensprecherin, sondern als Verbündete der Rebellion. Denn egal, ob Ann Hadley überlebt hat oder nicht, ihr Geist wird weiter unter uns sein! Deswegen werde ich kämpfen!“

 

Jessy erzählte alles, was Ann ihr am Telefon erzählt hat. Es ist ihre Aufgabe, die Rebellion weiter am Leben zu halten. Es erfüllte sie mit Stolz, dass Ann ihr so vertraute und sie würde sie ganz bestimmt nicht enttäuschen!

 

Impressum

Texte: A.s.Thomas
Bildmaterialien: Walldevil-Abby
Lektorat/Korrektorat: Megan
Tag der Veröffentlichung: 18.04.2014

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Für meine Grundschullehrerin die immer an mich geglaubt hat.

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