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© COPYRIGHTS (Urheberrecht) 2015

Alle Rechte sind dem Autor Julia Buchkamer vorbehalten, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form. Dieses gilt ebenso für das Recht für mechanischen, elektronischen und fotografischen Vervielfältigung und der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Besonders das Recht auf Vervielfältigung und Verbreitung. Alle Teile des Werks mit dem Namen „Scrade“, und oder auch nur Auszugsweise, dürfen nicht ohne die schriftliche Zustimmung des Autors kopiert werden. Der Autor als Urheber des Werks, verfügt weiter hin über alle Rechte an seinem Ergebnis/Manuskript. Er überträgt lediglich das Recht auf Lesen und Kommentieren des Buches.

 

*** bersetzung der französischen Sätze von Hilaja) ****

 

 

Prolog

 


 

 

 

Enttäuscht verließ sie dem Gefühl nach hundertsten Juwelierladen, dessen Türglocke zum Abschied läutete.

„Alice warte!“, folgte er ihr, und die Türglocke ertönte erneut. „Wir werden weiter suchen. Ich kenne da noch ein, oder zwei andere Läden …“

„Daniel, es ist hoffnungslos“, fiel sie ihm ins Wort. „Ich finde einfach nicht das Richtige!“

Mit verschränkten Armen ging sie den Gehweg entlang zum Parkhaus.

„Ich weiß ja gar nicht, wonach ich suche. Die ganze Situation ist einfach deprimierend!“, wandelten ihre Augen ziellos und entmutigt durch die kleine Straße, der Innenstadt von Gateshead.

„Schatz, ich weiß du willst das ideale Geschenk für Annabelle finden.“

Er stoppte er sie an den Schultern. „Aber so etwas gibt es nicht. Außerdem, wie heißt es so schon, der Gedanke zählt! Ihr wird alles gefallen, was du aussuchst“, versuchte er sie aufzumuntern.

„Das glaubst du, doch nicht ernsthaft?“, erwiderte sie trotzig. „Du weißt genau, wie kompliziert unsere Beziehung ist. Ich habe einfach zu vieles falsch gemacht“, sagte sie mit brüchiger Stimme, und blickte zu Boden. „Ich habe Angst, … das Sie mir nie wieder vertraut – und genau deswegen“, sah sie wieder hoch. „… muss dieses Geschenk etwas ganz besonderes sein. Sie verdient es, soviel wie sie durchmachen musste …“

Einfühlsam drückte er sie an seine Brust. „Schatz wir werden weiter suchen. Und … ich schwöre Dir, –“, sagte er so überbetont, dass sie kichern musste. „… Wir werden nicht aufgeben. Und wenn es das Letzte ist, was wir tun, wir werden –“

– „Hör auf mit dem Schwachsinn!“, boxte sie ihn gegen die Schulter.

„Alice du darfst es nicht erzwingen. Vielleicht ist das Unscheinbare besser, als das Prunkvolle. Sieb nicht zu schnell aus.“

Sie wusste, dass er recht hatte, und dass sie aufhören musste, krampfhaft nach dem perfekten Geschenk zu suchen. Er legte den Arm um sie, und sie warf ihm ein liebevolles Lächeln zu.

„Komm das nächste Geschäft, ist, zwei Straßen weiter“, sagte er.

Hand in Hand gingen sie durch die mittlerweile dämmernde Straße.

Eine nach der anderen leuchteten die Straßenlaternen auf, und erhellten ihnen den Weg, der sie zu der nächsten Bijouterie führte. Es war schon spät und man konnte beobachten, wie die Läden und Boutiquen, fast nacheinander ihre Türen schlossen und die Lichter löschten.

Trotz seiner aufmunternden Worte sah sie etwas verloren aus, und hatte insgeheim die Hoffnung aufgegeben, das richtige Geburtstagsgeschenk für ihre Tochter zu finden.

Es sollte etwas Außergewöhnliches sein. Etwas was ihr zeigte, wie viel sie ihr bedeutete, und wie sehr sie, sie liebte – besonders weil es ihr sechzehnter Geburtstag war. Aber nichts was sie bisher gesehen haben, war Gut genug.

Letztes Wochenende hatten sie bereits, alle Geschäfte in der angrenzenden Nachbarstadt abgeklappert und keinen Erfolg gehabt.

Sie sah Daniel von der Seite an und war ihm dankbar, dass er so viel Geduld mit ihr hatte und ihr beim Aussuchen half. Das war bestimmt nicht das, was er sich von seinem Wochenende erhofft hatte – aber er tat es, ihr zuliebe, ohne sich, etwas anmerken, zulassen.

Sie blickte in sein entspanntes Profil. Er war einfach zu gut, um wahr zu sein.

Trotzt des, man konnte es nicht anders ausdrücken, als ein Marathonlauf durch die Geschäfte, wirkte er immer noch zuversichtlich.

Sie fragte sich, womit sie diese zweite Chance verdient hatte. Denn nach Bens Tod glaubte sie lange nicht, dass sie sich wieder verlieben könnte. Liebe auf den ersten Blick, damit rechnete sie nicht mehr. Denn so hatte sie Ben kennengelernt. Es hatte einfach alles vom ersten Augenblick an gestimmt, war Perfekt.

Anscheinen zu Perfekt. Denn wenn alles so glatt und makellos läuft, ist eine Tragödie nicht weit. Und so kam es auch.

Ein betrunkener Autofahrer rammte mit rasender Geschwindigkeit seinen Wagen, und es war alles von einem Moment auf den anderen vorbei.

Dieser Schmerz schnürte ihr heute noch die Kehle zu. Er war ihre erste große Liebe. Die Trauer fraß sie fast auf. Doch sie musste sich zusammenreißen, ihrer kleinen Tochter zu Liebe.

Dieser kleine Engel, der mit großen Krokodilstränen am Grabmal ihres Vaters stand und schluchzend, sich an ihre Mutter klammerte. Sie konnte sich nicht in ihre Trauer zurückziehen, denn sie musste sich um ihre Tochter kümmern. Und es schmerzte jedes Mal aufs Neue, wenn sie gezwungen war, die kleine – immer öfters – alleine zulassen. Oder sie zu ihrer Mutter unterzubringen, weil sie mehrere Jobs hintereinander bewältigen musste, um über die Runden zu kommen.

Es war nicht immer leicht. Als alleinerziehende Mutter hat man es nie leicht. Aber trotz ihres Zeitmangels und der vielen Umzüge – die leider notwendig waren –, hatte sie ihr Bestes gegeben. Was aber nicht immer genug war, denn ihr kleiner Engel entfernte sich immer mehr von ihr.

Obwohl sie alles gab, war es zu wenig. Aber ihr Engel war das Beste, was sie zustande gebracht hatte und sie war Stolz auf sie.

Alice atmete schwer aus. Die Jahre waren fürwahr kein Zuckerschlecken gewesen, und sie hatte es wirklich nicht darauf angelegt einen neuen Partner, zu finden, weil sie sich im Grunde schon damit abgefunden hatte, allein zu sein – und ihrer Tochter und sich ersparen wollte, wenn es wieder einmal in die Brüche ging – doch dann traf sie Daniel. Und vom ersten Augenblick hatte er sie umgehauen. Es traf sie wie ein Blitz, als ihre Augen sich begegneten. Und von dem ersten Moment war es um die beiden geschehen. Irgendwie war dieser Moment magisch.

Unbeschreiblich.

Dass sie, doch noch das Glück hatte, so etwas zu erleben, war unvorstellbar.

Doch das war es. Wieder Perfekt. Was ihr große Angst einjagte, dass irgendwas, es wieder kaputtmachen könnte.

Aber so durfte sie nicht denken. Sie liebte Daniel über alle Maßen. Und er liebte sie. Aber vor allen liebte er Annabelle, und das war das Wichtigste.

Sie betrachtete ihn und lächelte innerlich vor Glück, als ihr auf der anderen Straßenseite ein kleines Antiquitätengeschäft ins Auge fiel.

„Sieh mal", wies sie ihn darauf hin.

Er schmunzelte. „Warum eigentlich nicht? Besonderheiten gibt es dort bestimmt zu genüge!“, stimmte er zu.

Kurz darauf hatten sie die wenig befahrene Straße überquert, und betraten den kleinen Laden, dessen Türglocke läutete, als sie die Tür hinter sich schlossen.

 

Wie es von einem Antiquitätengeschäft zu erwarten war, war selbst die Türglocke antik. Ein kleines Glöckchen, vergoldet und verziert, hing über den Eingang.

Dieser Laden war auf eine seltsame Weise skurril. Es gab keinerlei elektrische Gegenstände außer den Lampen an der Decke. Selbst die Kasse stammt dem Anschein nach, aus den 18ten Jahrhundert.

Voller Ehrfurcht durchstöberten sie diesen archaischen, prähistorischen Laden. Kunstwerke, Porzellanpuppen, altertümliche Möbelstücke, griechische Statuen, traditionelles Geschirr – alles war vertreten, aus verschiedenen Epochen und Ländern. Beeindruckend, wie sie fand.

Staunend arbeiteten sie sich, von einem Gegenstand zum anderen durch.

„Was haben wir den da“, holte Daniel einen langen Stock hervor, mit drei gekrümmten Hacken, die wie Finger aussahen.

„Na sieh mal an, ein antiker Rückenkratzer“, lachte er und kratze sich damit am Rücken. „Hey, der ist gar nicht Mal so übel. So etwas sollten wir uns auch anschaffen“, stellte er erstaunt fest.

„Lass das!“, wies sie ihn im Flüsterton zurecht. „Du machst es noch kaputt, und dann müssen wir es bezahlen. Was kostet das Ding überhaupt?“

Er nahm es wieder nach vorn und sah sich den Zettel an, welcher am Stiel angebracht war.

„Was??? 180 Pfund? Haben die, eine Macke? Wer zahlt 180 Pfund für einen Spaghettiheber?“ Er betrachtete das Ding von allen Seiten.

„Leg das sofort weg“, sagte sie und erschrak augenblicklich, als die große Standuhr neben ihr zur vollen Stunde schlug. „Puh“, stieß sie den Schreck gedehnt aus ihren Lungen, um prompt wieder nach Luft, zu schnappen, als sie eine Gestalt – wie aus dem Nichts – neben sich erkannte.

„Heilige Scheiße haben sie mich erschreckt!“, presste sich atemlos beide Hände gegen die Brust.

Der ältere weißhaarige Mann sah sie entschuldigend unter seinen buschigen Augenbrauen an, lächelte.

„Verzeihen sie, es war nicht meine Absicht sie, zu erschrecken“, sagte dieser in einer übertriebenen britischen Ausdrucksweise, dass sie sich das Schmunzeln nicht verkneifen konnten.

Beiden war es anzumerken war, dass sie das Gleiche dachten – in seinen strengen schwarzen Anzug passte dieser Verkäufer perfekt zu all den alten und verstaubte Kunstgegenständen, die er verkaufte.

„Wie kann ich ihnen Helfen?“, fragte er.

„Wir –“, räusperte sie sich, in den Versuch ernst zu bleiben. „sind, auf der Suche nach einem Geschenk.“

„Für wenn soll denn das Geschenk sein?“

„Für meine Tochter. Es ist ihr sechzehnter Geburtstag“, verdrängte sie endgültig das alberne Bedürfnis zu grinsen.

Der Weißhaarige nickte nachdenklich und deutete beiden an, ihm ins Nebenzimmer, zu folgen.

„An was haben sie, denn speziell gedacht?“, fragte er, und hob eine seiner buschigen Augenbrauen.

„Ich weiß nicht“, gab sie verzagt zu. „Aber es soll etwas Besonderes sein. Vielleicht ein Schmuckstück?“

Der Verkäufer nickte und dirigierte sie zu einer langen verglasten Theke mit lackiertem Rosenholz, in der sich zahlreiche Kostbarkeiten dicht an dicht aneinanderreihten. Staunend schaute Alice durch die Glasscheibe.

Ketten, Ohrringe, Ringe, und viele andere – wunderschöne – Accessoires lagen dort ausgestellt, die sie schon wieder, unschlüssig auf ihrer Lippe kauen ließen.

„Schatz, …“, trat Daniel an sie und legte sanft die Arme um ihre Schultern. „Du tust es schon wieder. Sei nicht so verbissen, das perfekte Geschenk, zu finden. Annabelle wird sich über sie Aufmerksamkeit freuen, als über das Geschenk an sich.“

Sie wusste, er meinte es gut. Jedoch ahnte er nicht, wie wichtig es für sie war, das perfekte Geschenk zu finden. Es sollte keine Wiedergutmachung – für all die schwierigen Jahre – sein. Nein. Auch keine Entschuldigung. Es sollte ihr zeigen, wie sehr sie, sie liebte und dass sie das wertvollste in ihrem Leben war.

Alice lächelte und gab ihm ein Kuss auf die Wange. „Du hast recht. Entschuldige“, sagte sie.

Schweigsam, mit einer Spur von Skepsis betrachtete der Verkäufer seine Kundschaft.

„Verzeihen sie, aber wie war noch mal der Namen ihrer Tochter?“, fragte er in einem extrem neugierigen Ton.

„Annabelle", sagte Alice lächelnd, worauf die Brauen des Mannes hinter der Theke sich zusammenzogen.

„Annabelle? … … Annabelle … Annabelle … Annabelle …", flüsterte er wie in Trance.

Verwundert sahen sich die beiden an, denn das Verhalten des Verkäufers, wurde von Sekunde zu Sekunde merkwürdiger.

„Annabelle!!!“, schrie er plötzlich auf, was die Zwei schreckhaft zurückweichen ließ. „Bitte warten sie hier. Ich habe genau das Richtige für sie!“, sagte er fast überschwänglich, wandte sich ab und verschwand durch eine Tür mit einem schwarzen Vorhang.

„Was. War. Das?“, flüsterte Daniel. Doch kaum sprach er diese Worte aus, schwang der Vorhang auf, und der Verkäufer eilte atemlos wieder herein.

Ihr Blick fiel auf die kleine verstaubte Holzschatulle in seinen Händen.

„Hier haben wir es!“, sagte der Antiquitätenhändler aufgeregt. Er platziert die Schatulle auf die Theke, welche die beiden kritisch beäugten.

Fremdartige Muster schmückten – auffallend – das seltsame Gehäuse, was jedoch nicht das hervorstechendste war. Das Hauptmerkmal lag eindeutig auf dem Deckel.

Ein Abbild einer rätselhaften Frau zierte das Holz, die in ihren Händen die Weltkugel balancierte.

„Das hier – ist etwas ganz Spezielles“, sagte der ältere Mann ehrfürchtig. „Es ist seit mehreren Generationen im Besitz unserer Familie und wartet auf seinen rechtmäßigen Träger – dieser Tag, scheint heute angebrochen, zu sein!“, lächelte er.

Daniel lehnte sich unauffällig an Alice Ohr. „Der Kerl verbringt eindeutig zu viel Zeit in seinem Geschäft. Er muss dringend Mal an die frische Luft. Das Zeug hier steigt ihn zweifelsohne, zu Kopf –“, flüsterte er und brach sein Kommentar sogleich ab, als der Verkäufer – mit leuchtenden Augen – wieder hochblickte.

„Dieses Collier …“, sagte er, und entfernte den Deckel. „… wurde im 14ten Jahrhundert geschmiedet, und ist das einzige seiner Art.“

Konzentriert fuhren seine Finger in die Schachtel, die kurz darauf eine außergewöhnliche Halskette hervorzogen, welche er vorsichtig auf dem Glas der Theke ausbreitete.

„Oh mein Gott – “, blieb ihr die Luft weg.

Kleine ineinander gehackte Ringe schmückten die extravagante Goldkette, an denen vereinzelt kleinen Röschen angereiht waren. Doch nicht nur das sprengte den Rahmen der Einzigartigkeit, sondern der herzförmigen Anhänger – mit demselben Abbild der Frau wie auf dem Deckel der Schatulle – dessen schlichte unaufdringliche Schönheit, dem Gesamteindruck des Schmuckstücks einen besonderen Charakter verlieh, welcher es wie aus einer anderen Welt wirken ließ.

„Das ist die Göttin Hekate“, erklärte der Verkäufer, woraufhin sich ihre Brauen interessiert zusammenzogen, und sie nickte.

Das war es! Das perfekte Geschenk!

Ehrfürchtig fuhr Alice die Konturen der Kette mit den Fingern nach –

„Es ist – wow …“ Die Sprachlosigkeit war ihr ins Gesicht geschrieben. Sie nahm den Anhänger prüfend zwischen die Finger –

„Super. Sie haben es geschafft. Wenn sie keine Worte findet, dann ist es so gut wie gekauft“, lachte Daniel auf.

„Das freut mich“, sagte der Verkäufer deutlich zufrieden. „Doch das ist, noch nicht alles.“

Er wies auf den Anhänger. „Öffnen sie es“, sagte er. Seine Stimme nahm einen rätselhaften Ton an.

Ohne den Blick von dem Schmuckstück abzuwenden, das ihre ganze Aufmerksamkeit einnahm, drückte die den Druckknopf, der eine Inschrift im Inneren des Anhängers offenbarte …

 

Für meinen liebsten Engel Annabelle

 

In Elegant geschwungenen Buchstaben war dort bereits der Name ihrer Tochter eingraviert(?).

Verstört blickte sie wieder hoch, in das strahlende Gesicht des Verkäufers.

„Wie kann – …? –“, stammelte sie verwirrt und schaute erneut auf die Inschrift.

1

 

 

Kapitel 1

 

 

„Guten Morgen ihr Schlafmützen, …“, dröhnte es aus dem Radiowecker, der auf meiner Nachttischkonsole stand. „Hier ist Dan Brock, Euer Lieblings-Morgenmoderator, von den Begehrtesten, … das will ich doch schwer von euch hoffen, englischen Radiosender BBC, der euch an diesen verregneten Mittwochmorgen aus dem Bett katapultiert. Good Moooornig!“, schrie er ins Mikro, während im Hintergrund * Imagine Dragons * lief, und zerrte mich somit aus meinem Traum.

„Wacht auf macht Eure Lauscher auf und lasst uns den heutigen Tag, … auch wenn er sich zu Anfang von seiner Trüben Seiten zeigt, gemeinsam mit den Dragons begingen. Denn wie heißt es so schön, Frühe stund hat Gold im Mund, oder so ähnlich, ha ha ha …“, hörte ich ihn auflachen, bevor ich meine Hand auf den Wecker schlug, und Dannyboy damit zum Schweigen brachte.

„Halt. Die. Klappe“, murmelte ich in mein Kopfkissen und döste wieder für einen Augenblick dahin. Doch nicht für lange, nach fünf Minuten ging der Wiederholungsalarm los, und Dannys schrille Stimme ertönte wieder in voller Lautstärke.

„So, nach der muntermachenden Aufwärmphase mit den Dragons, will nun auch Macklemore euch den säuerlichen Tag versüßen. Und Los geht’s! And We Danced o-oh o-oh!“, sang er erbarmungslos in das Mikro, während das Lied begann.

Ich musste einräumen, dass ich es nicht mehr länger hinauszögern konnte. Und vor allen ließ auch Dannyboy nicht locker. Also hob ich den Kopf und lugte auf das Zeitdisplay des Weckers, der mir mit blinkenden roten Zahlen zu verstehen gab, dass es Zeit zum aufzustehen war.

Nicht zu fassen. War es wirklich schon sieben Uhr?

Ich linste müde durch meine zusammengekniffenen Augen und hätte mir am liebsten wieder die Decke über den Kopf gezogen.

Es war noch zu früh, ich wollte noch nicht aufstehen. Wollte in meinen Traum zurück. Noch war es nicht zu spät, er würde sicher noch da sein. Würde auf mich warten.

Doch das ging nicht mehr.

So sehr ich mich auch zurück wünschte, ich musste aufstehen, und mich für den heutigen Schultag fertigmachen.

 

„Bescheuerter, überdrehter Radiomoderator“, brummte ich, atmete schweren Herzens aus und öffnete widerwillig die Augen.

Ich hasste diesen Tag jetzt schon. Am liebsten hätte ich ihn komplett ausgeblendet, und mich in meinem Zimmer verschanzt, um bloß nicht bei dieser idiotischen Klassenfahrt mitfahren zu müssen.

Ich setzte mich auf und fuhr mir entnervt durch meine langen braunen Haare.

Jetzt musste ich den ganzen langen Tag ausharren, um ihn wiederzusehen. Und dieses Gefühl fraß mich innerlich auf, wie fast jeden Morgen.

Noch zu gerne wäre ich in meiner Traumwelt geblieben, welche mir in den vergangenen Monaten Realer erschien, als mein richtiges Leben. Denn dort fühlte ich mich wohl. All das, was mir in meinem richtigen Leben fehlte.

Es war nicht bedeutend, wo ich war, sondern vielmehr mit wem ich war. Die Orte änderten sich jedes Mal, denn sie spielten keine Rolle. Mal waren wir in meinem Zimmer, mal in einem Wald. Mal saßen wir draußen vor unserem Haus oder waren in anderen seltsam aussehenden Räumlichkeiten. Aber eines änderte sich nie und zwar die Person, die mir dort seit über einem Jahr begegnete. Und die zu einem wichtigen Bestandteil meines Lebens wurde.

Wenn ich abends die Augen schloss, war ich froh, dass der Tag endlich ein Ende fand, und dass ich endlich in die Tiefen meiner Fantasien eintauchen konnte.

Dass die Person nicht Real war, dessen war ich mir bewusst. Dennoch sehnte ich mich jede Nacht danach ihn wieder zu sehen. Mit ihm zu reden, einfach nur bei ihm zu sein. Ich fühlte mich wohl in seiner Nahe. Er gab mir das Gefühl verstanden zu werden, hörte mir zu und stand mir bei. Nahm mich in die Arme, wenn es mir schlecht ging, oder scherzte und machte Quatsch, wenn ich eine Aufmunterung brauchte.

Obwohl er nur ein Hirngespinst meiner Fantasie war, wirkte er manchmal doch ziemlich Real und ich stellte mir doch öfters die Frage, ob ich verrückt werde. Weil ich manchmal eine solch enorme Sehnsucht nach ihm verspürte, dass ich ab und an im wachen Zustand glaubte, seine Stimme zu hören.

Vielleicht wurde ich ja doch verrückt. Oder vielleicht, dachte mein Unterbewusstsein auch bloß, dass ich einen Freund nötig hätte, da ich ja sonst alle auf Abstand hielt. Wäre auf jeden Fall eine logische Erklärung, wenn sie auch nicht gerade gesund klingt.

Wie auch immer. Ich war froh, dass er da war. Trotz der Obskurität, dass ich sein Gesicht nie erkennen konnte.

Ich wusste nur, dass es ein junger Mann war. Etwas älter als ich. Vielleicht ein paar Jahre. Groß und kräftig.

Ich fühlte seine starken Arme, in die er mich hin und wieder einschloss. Es war ein schönes, warmes und behagliches Gefühl. Und manchmal wünsche ich mir, dass er mich nie wieder loslassen würde. Oder dass ich nie wieder aufwachen würde.

Sein dunkles Haar fiel ihm dabei häufig in die Augen, wenn er liebevoll auf mich herunterblickte.

 

Ein Jahr hatte ich bereits mit meiner Fantasiegestalt verbracht. Und das Einzige, was ich aus seinem kantigen Gesicht behalten konnte, waren diese unglaublich blauen Augen, die in mich hinein schauen konnten, hatte ich manchmal das Gefühl.

 

Ich war fasziniert von ihm, von seiner Person … Ja ich weiß, es klingt, als wäre ich verliebt. Aber kann man sich in einen Traum verlieben?

Es ist doch verrückt immer an jemanden denken zu müssen, und andauern bei ihm sein zu wollen, den man eigentlich selbst erschaffen hat.

Doch genau das wollte ich. Ich wollte, dass mein Traum nie wieder endet. Für immer bei ihm sein, ihn spüren …

Meine Träume ließen mich in letzter Zeit nicht los. Sie wurden immer Realer. Intensiver. Auch er wurde immer klarer. Das ganze Gefühlschaos in mir wurde mittlerweile unerträglich.

Ich wollte ihn heute Nacht Küssen, ihn fühlen …

Ich konnte es mir nicht mehr vorstellen, auch nur eine Nacht ohne ihn, zu sein.

 

„Okay Ann, jetzt drehst du langsam durch.“

Bedrückt starrte ich auf meine Bettdecke, und hörte wieder Dan, wie er am Ende des Songs eine Anekdote brachte, und laut auflachte.

„Gott, was hat der denn heute gefrühstückt?“, rollte ich genervt mit den Augen, und drückte den aus Knopf.

Wie konnte jemand so Früh, so aufgekratzt sein?

 

Widerstrebend stand ich auf und begab mich zum Kleiderschrank, wo meine Schuluniform, ordentlich an einem Kleiderbügel hing.

Nicht zu fassen, schüttelte ich den Kopf. Eine Schuluniform!

Der knielange Faltenrock, das weiße Poloshirt, und natürlich die dazu passende Krawatte sahen einfach nur bekloppt aus. Ach ja, nicht zu vergessen der rote V-Ausschnitt Pullover und der dazu passende schwarze Blazer, mit den Schulabzeichen von der Joseph Swan School.

Nie in Leben hätte ich gedacht, dass ich so etwas Mal tragen würde. An meiner letzten Schule in Staten Island, in New York gab es so eine Quälerei nicht. Und ich bereute diesen bescheuerten Umzug mit jeder Minute immer mehr.

 

Ich bedeckte meine neue Schulbekleidung mit einem kritischen Blick, bevor ich sie vom Kleiderhacken nahm und mich gezwungenermaßen ins Bad begab.

Ich konnte es immer noch nicht fassen, dass meine Mum mich zwang auf diese Schule zu gehen. Überhaupt hier in England zu sein.

Das war wie eine Strafe, die sie mir auferlegt hatte. Und ich vermisste mein Altes zu Hause jeden Tag mehr und mehr.

Dass es so weit kommen würde, hätte ich nie im Leben gedacht, und hasste sie regelrecht dafür.

 

Mein Name ist Annabelle, Rose, Catherine Mitchell. Aber Ann reicht.

Alice, meine Mum, meinte es ehrlich gesagt zu gut mit meiner Namensgebung. Sie wollte unbedingt, dass ich die Namen meiner beiden Großmütter bekomme, also hängte sie diese einfach mit dran. Eine Schnapsidee, wie ich fand!

Vor drei Wochen hatte ich meinen sechzehnten Geburtstag, den ich aber nicht sonderlich feierte.

Was soll’s, ein Jahr mehr oder weniger, wenn juckt´s.

Seid mein Dad vor zehn Jahren starb, hatte ich einfach nicht mehr das Bedürfnis meine Geburtstage, zu feiern. Besonders weil unser Geburtstag auf denselben Tag fiel.

Dad machte früher ein Mächtiges Tara daraus. Auf die Art, meine kleine Prinzessin und ich haben Geburtstag. Und schmiss immer eine große Party mit vielen Gästen. Es war jedes Mal etwas Besonderes … Bis … er bei einem Autounfall ums Leben kam. Ab da lehnte ich es ab, diesem Tag zu feiern. Es tat weh sich an all das, zu erinnern. Wie schön es war, und das es nie wieder so sein würde.

Wie auch immer. Auch meine Mum machte sich da keine besonderen Umstände. Es war auch für sie schwer. Und außerdem war sie ständig auf Arbeit oder Arbeitsuche. Also erübrigte sich die Sache von allein.

Das war mir aber auch recht so. Ich brauchte das nicht. Ich brauchte sie nicht. Ich war gern allein. Genoss die Stille, las ein Buch, oder zappte durch die Kanäle im Fernseher.

Es war nichts Besonderes für mich allein zu sein. Seit Dad nicht mehr da war, bekam ich sie immer seltener zu Gesicht. Entweder war sie auf Arbeit oder suchte sich gerade einen neuen Job. Ich konnte mir schon vorstellen, woran das lag. Sie konnte nie den Mund halten. Und wenn ihr etwas nicht passte, sagte sie es denjenigen direkt ins Gesicht. Was nicht jedem so Recht war, wie man sich denken konnte.

Diese Eigenschaft hatte ich mit ihr gemein.

Ob das Gut war, darüber konnte man streiten. Auf jeden Fall konnten wir beide ziemlich bissig sein. Was dazu beitrug, dass sie es an keinen Arbeitsplatz sonderlich lange aushielt. Oder sie hielten es nicht mit ihr aus, so oder so.

 

In den letzten sechs Jahren sind wir sechsmal umzogen. Jedes Mal, wenn sie die Schnauze voll hatte, oder etwas schief lief, packten wir die Sachen zusammen und hauten ab.

Wie man sich vorstellen konnte, war in den vergangenen sechs Jahren eine Menge schief gegangen. Weswegen ich auch schon früh lernte, mich um mich selber, zu kümmern.

Mum hatte immer ihre eigenen Sorgen im Kopf und überging mich meist in der Entscheidung, schon wieder in eine andere Stadt ziehen, zu müssen. Sie schleppte mich einfach hinterher.

Ehrlich, manchmal fühlte ich mich wie ein Gegenstand, den sie einfach ein und auspackte, wo und wann es ihr gefiel.

Sie versuchte es zwar immer zu erklären und zu begründen, aber ich hatte es schon vor einer Ewigkeit aufgeben ihr zuzuhören. Mein Verständnis für ihre Lage war bereits seit Längerem erschöpft.

Aber es hatte auch etwas Gutes. Ich lernte, dass man sich auf niemanden verlassen sollte, außer auf sich selbst. Und emotionale Bindungen waren nur ein Hindernis.

Ich brauchte nicht unbedingt jemanden um mich herum. Besonders keine Freunde. Es war besser, alle auf Abstand, zu halten. Das war meine Erfahrung, nach dem vielen Orts- und Schulwechsel.

Es tut nur weh sich von jemandem zu verabschieden, an den man sich gewöhnt hatte. Das musste ich einige Male mitmachen. Was mich zu der Erkenntnis kommen ließ, dass ich alleine besser dran war.

Besonders der Abschied von meiner besten Freundin aus der Junior High lag mit noch lange in den Knochen. Diane Shaw und ich kannten uns noch aus dem Kindergarten und waren unzertrennlich. Bis dann dieser Autounfall passierte, der mir meinen Dad nahm.

Ich sprach nie gern darüber. Es wirbelte nur Gefühle auf, die ich weit in mir verstecken wollte. Sie war der einzige Mensch, der das verstand. Und als wir wegzogen, versprachen wir im Kontakt zu bleiben. Aber wie es bei den meisten solcher Versprechen war, sie geraten irgendwann in die Vergessenheit.

Ist aber auch egal, man gewöhnt sich an alles. Anfangs ist es schwer, aber es wird von Tag zu Tag leichter.

 

Vor einem Monat zogen wir von New York nach Gateshead in England.

Umzug Nummer sieben. Man konnte sich vorstellen, wie begeistert ich davon war.

Alice hatte Daniel kennengelernt, der für ein großes Computerunternehmen in England arbeitete. Und schon nach zwei Monaten stand es für die beiden fest, dass es die GROSSE LIEBE war.

 

Gott, das ich nicht Lache! …

Könnte allerdings auch daran liegen, dass Mum schwanger wurde.

 

Wie dem auch sei, Daniel lebte in England, was für meine Mutter jedoch kein sonderliches Problem darstellte.

Also packte sie mich, samt all unserer Sachen zusammen, und wir zogen hierher.

Ich hielt das alles für Schwachsinn. Sie hätte mich auch ruhig bei Grandma lassen können. Schließlich war ich kein Kleinkind, um das man sich kümmern musste.

 

Meine Grandma, Catharine Swynford, Alice Mum, lebte in Staten Islands nur einpaar Straßen weiter, und hätte auch überhaupt nichts dagegen, wenn ich bei ihr geblieben wäre. Ich hätte die Schule beenden, und mir ein beliebiges College aussuchen können.

Aber nein. Mum hatte die verrückte Idee, dass wir jetzt alle eine glückliche Familie werden könnte.

Ja, klar!

Als Dad noch da war, war alles ganz anders. Aber jetzt …

Niemand konnte ihn ersetzen, nicht einmal Daniel. Obwohl er alles versuchte, um mir und meiner Mutter das Leben hier angenehm zu machen. Er kaufte sogar ein Haus in der Vorstadt von Gateshead, mit einem Garten und einem weißen Zaun.

„Ein schönes, großes rotes Backsteinhaus, mit einem Garten, einer weißen Veranda und einer Hollywoodschaukel. Perfekt für eine Familie, die Zuwachs erwartet“, hatte der Makler gesagt.

Ich war mir aber nicht sicher, ob ich zu dieser Familie gehören wollte.

Trotz all seiner Bemühungen, es mir hier gemütlich zu machen, fühlte ich mich nicht wohl. Es fühlte sich nicht nach zu Hause an. Aber ich gab mir Mühe mich hier einzugewöhnen. Nicht meiner Mum zu liebe, sondern für Daniel.

Er war anders, als all die Typen, die sie in der Vergangenheit angeschleppt hatte.

Er war nett, aufmerksam, mochte mich und liebte Alice abgöttisch.

Ich hoffte bloß um ihretwegen, dass sie es nicht ruinieren würde.

 

Ich schloss die Badezimmertür ab, legte die Uniform auf die Kommode und zog mein Pyjama aus, welches ich in den Wäschekorb warf.

Das Wasser in der Dusche brauchte eine Weile, bis es die richtige Temperatur erreichte und ich einsteigen konnte.

Ich duschte, putzte mir die Zähne und zog mich an.

Gedankenversunken blickte ich in den dampfüberzogenen Spiegel.

Der heutige Tag würde der schlimmste seit Langem werden. Das hatte ich im Gefühl.

Kennt ihr das, wenn man eine böse Vorahnung hat? Der Magen dreht sich, der Herzschlag trabt dann schneller und die Atmung beschleunigt sich. Genauso fühlte es sich an.

Außerdem war ich nicht besonders erpicht darauf meine neuen Mitschüler wieder zu sehen. Einige von denen waren ja Okay. Doch die meisten, ein reiner Fall für die Tonne. Und für die nächsten zwei Tage, hatte ich sie alle samt an der Backe.

 

Ich schloss die Augen und atmete flach aus. Gott, wie ich Schulausflüge hasste.

Mit der flachen Hand strich ich über die dampfüberzogene Spiegeloberfläche und blickte meinen Spiegelbild entgegen.

Mein langes braunes Haar klebte noch nass an meinem schmalen Gesicht, lag über den Schultern und den Armen. Aber auch sonst war mein äußeres Erscheinungsbild heute nicht der Brühler. Ich sah bleich und müde aus. Leichte Augenringe zeichneten sich unter meinen braunen Augen ab. Am liebsten wäre ich sofort wieder in mein Bett gestiegen, um dem allem hier zu entfliehen.

„Diesen Tag wirst du auch noch überstehen!“, versuchte ich mich selbst, zu überzeugen.

Ich föhnte mir die Haare, legte etwas von Alice Concealer auf, um meine Augenringe zu kaschieren. Und tuschte mir die Wimpern, um nicht ganz tot auszusehen.

„Na ja, kein Model, aber wenigstens auch kein Geist.“

Atmete schwer aus und ging wieder zurück ins Zimmer.

 

Mein Zimmer war nichts Besonderes, allerdings war es deutlich großer als mein altes in Staten Island und auf jeden Fall heller.

Ich machte mein Bett, schaute mich im Zimmer nach meiner Tasche und meinem Rucksack um, die auf dem Stuhl neben meinem Schreibtisch lagen und setzte mich noch für einen kurzen Augenblick auf die Bettkante.

 

Ich hatte ehrlich keine Lust auf diesen Ausflug. Die Schule hatte doch gerade erst wieder begonnen, und schon machten sie eine Spritztour nach Windsor. Und dies noch mit Übernachtung! Wie sollte ich das nur überstehen?

Seit zwei Wochen besuchte ich jetzt die elfte Klasse der Joseph Swan School, und hatte bereits jetzt von jedem Einzelnen die Schnauze voll.

Andauernd die Neue zu sein, daran gewöhnte man sich schnell. Spätestens nach dem dritten Schulwechsel. Es prallt einfach alles ab.

Die Blicke, die von Neugier, Desinteresse bis zu Ablehnung reichten. Und die geistreichen Sprüche, die vermutlich speziell für solche Anlässe, von ein paar Wichtigtuern, in einer höchst prekären denkerischen Leistung, verfasst wurden.

Man konnte nur hoffen, dass es sie keine schlaflose Nächte gekostet hatte, so intelligent, wie einige von ihnen klangen.

So zum Beispiel an meinem ersten Schultag, nachdem ich der Klasse vorgestellt wurde.

Einige lächelten, andere interessierte es gar nicht. Und natürlich gab es die, die nichts unkommentiert lassen konnten …

„Na sieh Mal an, was uns der Atlantik ans Ufer gespült hat. Und so wie sie aussieht, muss sie ihn höchstpersönlich durchquert haben.“

Dies war einer der Sprüche, den ich besonders ins Herz geschlossen hatte. Genauso wie die Person, der dieser aus dem Mund fiel.

Cassandra Bennet, die Schulqueen.

Dieses Exemplar war seltsamerweise an jeder Schule vertreten.

Aufgetakelte Möchtegernbarbies mit ihrem treuen Gefolge, die zu allen Ja und Amen sagten. Jede bisherige Schule besaß solch eine Hoheit. Warum sollte es dann hier England anders sein?

Seit dem ersten Tag an dieser Schule hatte sie es auf mich abgesehen.

Keine Ahnung, was ihr Problem war. Vielleicht weil ich ihr keine Beachtung schenkte, und sie nicht verehrte und bewunderte, wie die meisten anderen hier.

Ich stand halt nicht auf den Beauty-Wahn, den sie verinnerlichte. Tat ich noch nie. Wirklich, manchmal sah sie aus, wie eine plakative Barbie Puppe. Echt lächerlich!

Tja, aber es gab eins, was solche Püppchen am allermeisten hassten. Und zwar ignoriert zu werden.

Und so wie es aussah, fraß es Cassandra innerlich auf, das es einen Menschen gab, den sie völlig egal war.

Ich muss zugeben, ich war gut darin, alles und jeden aus meinen Leben zu verbannen, der meines Erachtens nichts drin, zu suchen hatte.

Diese Fähigkeit konnte ich, dank meiner Mutter, in den letzten Jahren perfektionieren. Weshalb es mich nicht im Geringsten kratzte, was Cass von mir hielt.

Noch zwei Jahre, und dann wäre ich volljährig. Dann könnte ich dem allem hier den Rücken kehren und wieder zurück in die Staaten ziehen. Und meine Mum könnte nichts dagegen unternehmen.

Diese Aussicht gab mir Trost und ließ mich optimistisch in die Zukunft blicken. Letztendlich war es der einzige Anker, an dem ich mich klammern konnte, um das alles heil, zu überstehen.

 

Ich schaute resigniert durch mein Zimmer und blieb an meinem Geburtstagsgeschenk von Daniel hängen.

Einen nagelneuen Computer, das neuste Model von Apple.

Gott, das Ding hatte allerlei Schnickschnack, denn man eigentlich gar nicht brauchte, und musste abartig teuer gewesen sein.

Obwohl, er hatte Beziehungen. Vielleicht hatte er das Ding zum Spotpreis bekommen. Wer weiß?

Es sollte mir eine Hilfe bei meinen Schulaufgaben sein, hatte er gemeint. Ein stinknormaler Computer hätte es auch getan.

Allerdings hatte ich mich auch nicht sonderlich gewehrt, dass er mir diesen >> Ultramodernen, Superflachen und außergewöhnlich schnellen<< Computer besorgt hatte.

Das waren die Paar Wörter, die bei mir hängen geblieben sind, als er mich mit den Fachbegriffen zugeschüttet hatte.

Eigentlich wollte ich wie jedes Jahr meinen Geburtstag nicht feiern. Ich war nicht in der Stimmung. Aber Mum bestand merkwürdigerweise darauf. Echt eigenartig.

Sie kochte ein Essen, backte ein Kuchen. Offensichtlich nahm sie das neue Familien Ding viel zu Ernst.

Nach einer halben Stunde peinlichen Schweigens überreichte sie mir eine hölzerne Schatulle mit einer antiken Goldkette, die mit kleinen roten Röschen verziert war und an der ein auf klappbaren Herzchenanhänger hing.

Sie schenkte mir eigentlich jedes Jahr irgendetwas. Immer Kleinigkeiten, wie Klamotten oder Geld. Aber mit diesem Geschenk stürzte sie sich meines Erachtens in Unkosten.

Es war seltsam, wie sie mich in der letzten Zeit mit Aufmerksamkeit überschütte. Ob das an den Schwangerschaftshormonen lag, fragte ich mich.

Keine Ahnung.

Aber daran war ich nicht gewöhnt. Es engte mich ein, nahm mir die Luft zum Atmen.

Trotz alledem, war diese Halskette etwas Besonderes. Das spürte ich, als ich sie das erste Mal in meinen Händen hielt.

Ein eigenartiges Kribbeln legte sich wie ein Schauer über meinen Körper. Und eine Art Déjà-vu Effekt. Weil ich das seltsame Gefühl hatte, es bereits zu kennen.

Doch als ich den Anhänger öffnete, war ich komplett sprachlos. Die Inschrift in den Anhänger verunsicherte mich …

 

Für meinen liebsten Engel Annabelle

 

Ja klar, rollte ich bei der Erinnerung daran mit den Augen. Was wollte sie mir damit Beweisen? Dass wir eine harmonische Familie sein können? Lachhaft!

 

Ich griff in meine Nachttischschublade und holte die hölzerne Schatulle heraus. Ich hatte die Halskette noch kein einziges Mal getragen. Die Inschrift in den Anhänger hatte mich vom ersten Tag an verschreckt.

So viel Zuwendung, wie in den vergangenen paar Monaten, hatte ich nicht mehr von ihr seid, … ach ich weiß auch nicht. Vielleicht ein paar Jahren?

Es war fremd, ungewöhnlich. Ich würde nicht sagen, dass sie mich vernachlässigt hatte. Sie war bloß … anders. Nicht so … präsent.

 

Ich öffnete die Schatulle, nahm die Halskette heraus und schaute bedenklich auf das Medaillon.

Es war eigentlich eine recht hübsche Kette, wenn auch etwas altmodisch. Und ich spielte mit dem Gedanken, sie mir umzulegen.

Ach, warum eigentlich nicht?

Ich öffnete den Verschluss, legte sie mir um den Hals, als es unerwartet an der Tür klopfte.

Schnell verteilte ich meine Haare rundherum und sah hoch, als Mum vorsichtig durch einen Spalt in der Tür hinein spähte.

„Annabelle süße, es wird Zeit aufzustehen. Heute wird ein langer Tag für dich. Der Ausflug zum Windsor Castle. … Ach, … du bist ja schon fertig. Entschuldige, ich komme morgens einfach nicht früh genug aus dem Bett, um dich zu wecken.“

Alice lächelte mich entschuldigend an.

Man sah es ihr an, dass sie gerade erst aufgestanden war. Ihr schulterlanges braunes Haar war noch durcheinander vom Kopfkissen, und sie trug ihren geblümten Morgenmantel.

„Mum hör auf.“ Ich sah ihr regungslos entgegen. „Es hat dich doch auch sonst nie gekümmert, ob und wann ich aufstehe. Oder ob ich überhaupt in die Schule gehe.“ Ich stand auf, nahm mein Gepäck vom Stuhl. „Also brauchst du jetzt auch nicht damit anzufangen.“

Mit eiligen Schritten ging an ihr vorbei, stieg zielstrebig die Treppe runter und begab mich in die Küche. Wo ich mir eine Schüssel aus dem Küchenschrank nahm.

Ich schüttete mir Cornflakes und Milch rein, setzte mich an den Esstisch.

Meine Mutter folgte mir, blieb aber im Türrahmen stehen und schaute mich schuldbewusst an.

„Schatz, … ich weiß, dass ich dir nicht immer die beste Mutter war. Aber ich bemühe mich …“

„Ist ein wenig zu spät, oder?“, fiel ich ihr hart ins Wort. „Außerdem komme ich auch ganz gut ohne dich zurecht. Und überhaupt, was soll dieses ganze Bemuttern in der letzten Zeit?“

Alice kam aus dem Türrahmen, setzte sich mir gegenüber.

„Annabelle, ich weiß, dass ich die vielen Jahre nicht wieder gut machen kann. Aber ich möchte es wenigstens versuchen. Ich dachte, dass wir hier in England einen Neuanfang wagen könnten.“ Sie sah mich betrübt an. „… Und mit Daniel an unserer Seite können wir, eine richtige Familie sein“, lächelte sie reumütig. „Und bald sind wir zu viert. Freust du dich denn gar nicht, auf dein neues Geschwisterchen?“

Ich schwieg und aß mein Frühstück.

Klar freute ich mich über das neue Baby, und das es bei meiner Mutter endlich gut lief. Aber ich traute dieser Glückseligkeit nicht. Für mich war es die Ruhe vor dem Sturm.

Alice beugte sich zu mir vor. „Weißt du, Daniel hat gesagt, dass er übermorgen etwas früher aus dem Büro kommen kann. Vielleicht können wir einen netten Familienabend machen. Na was hältst du davon?“, fragte sie erwartungsvoll.

Ich aß den letzten Löffel Cornflakes auf, stellte die Schüssel in die Spüle und blickte sie ausdruckslos an. „Ich muss jetzt los, sonst verpass ich den Bus.“

Mehr hatte ich zu dieser Unterhaltung nicht beizutragen!

Ohne ein weiteres Wort schnappte ich mir meine Taschen, verabschiedete mich, „Wiedersehen Mum“, bevor ich mich in den Flur begab, wo ich mir meine schwarze Jacke eilig umwarf, bevor ich fast fluchtartig das Haus verließ.

 

Es regnete in Strömen, so wie Danyboy es im Radio prophezeit hatte. Ich warf mir schnell die Kapuze über den Kopf und sprintete von der Verandatreppe den gepflasterten Weg zur Straße runter.

Ich verstand gar nicht, was diese ganzen Erklärungsversuche sollten. Meine Meinung interessierte hierbei sowieso niemanden.

Sie taten beide so, als wären wir eine perfekte kleine Familie. Die Betonung lag auf Taten.

Ich schloss das Tor des weißen Holzzauns, welcher unser Haus umrahmte. Warf noch einen letzten Blick darauf.

Wie idyllisch dachte ich, als ich das perfekte Vorstadthäuschen betrachtete.

Es wurde mir allmählich alles zu viel.

Tief seufzend riss ich mich von dem heuchlerischen Leben, dass ich führte, los und marschierte zur Bushaltestelle. Es war nicht weit, sogar im Schleichtempo brauchte man nur fünf Minuten. Aber heute fiel mir der Weg schwerer den je.

Ich hatte es echt satt! Schon wieder eine neue Schule. Doch mittlerweile fand ich mich, mit diesem ewigen Mal hier, Mal da ab. Dennoch ging mir dieses unbeständige Leben gewaltig auf die Nerven.

 

Der Schulbus hielt genau vor meiner Nase. Zu meiner Erleichterung stellte ich fest, dass die hinteren Sitze noch unbesetzt waren.

Mein Lieblingsplatz. Man wurde von keinem angeglotzt, und hatte seine Ruhe.

Ich stieg ein, ging durch bis ganz nach hinten, wo ich mich in den Sitz fallen ließ – meinen meinen MP3 Player auspackte und mir die Ohrhörer in die Ohren stöpselte.

Schweren Herzens schaute ich aus dem Fenster, als der Bus sich in Bewegung setzte und holte tief Luft.

„Diesen Tag wirst du auch noch überstehen“, wiederholte ich wie ein Mantra.

 

------ K 2

 

Der Bus hielt direkt vor der Schule, mit dem Blick auf den Parkplatz.

Drei große Tour Busse standen an einander gereiht. Bereit die ungeduldige Meute in sich aufzunehmen.

Warum drei?

Na einer für jede Klasse. Denn es gab drei elfte Klassen an der Joseph Swan. A, B und C. Und ironischerweise landete ich immer in C.

Ich schaute über die riesige Ansammlung der drängenden Schüler, an jedem der Busse und spürte, wie sich das ungute Gefühl von heute Morgen ausbreitete.

„Das sieht schon Mal viel versprechend aus“, stieß ich frustriert mein Sarkasmus raus und blickte aus dem Busfenster, über den unkontrollierten Aufmarsch von Schülern, Lehrern und anderen Aufsichtspersonen,.

Also schön, auf geht’s. Seufzend riss ich mich von dem Getümmel los, trabte den engen Gang des Busses runter, wo sich die anderen eilig an mir vorbei drängten.

Nur widerwillig stieg ich aus und ging auf das Durcheinander der Menschenansammlung zu.

Gott, welch ein Chaos. Ich blickte über das Geschehen und entdeckte meine Lehrerin Mrs. Adams, die an einem der Fahrzeuge stand und die Namen der anwesenden Schüler abhackte. Oder sie versuchte es jedenfalls.

„Ruhe!!! Was ist das für ein Benehmen Herrschaften!“, schrie sie der drängenden Meute entgegen. „Die, die ihr Gepäck dem Fahrer bereits überreicht haben, gehen bitte zu meiner linken. Alle anderen, die sich bei mir noch nicht gemeldet haben, reihen sich zu meiner rechten auf! Verstanden?!“

Arme Mrs. Adams. Obwohl sie bereits von alledem Ganzen gestresst war, behielt sie dennoch die Nerven.

Das Prinzip der Disziplin hatte sie dermaßen verinnerlicht, dass ein einziger Blick von ihr ausreichte, damit die Schüler taten, was sie sagte.

Sie war zwar ein kleines und zierliches Persönchen, ausstrahlte aber eine große Autorität aus.

Irgendwie hatte sie etwas von einer Bibliothekarin, mit ihrer Brille, die sie immer unten auf ihrer Nasenspitze platzierte.

 

Ich reihte mich in die rechte Schlange ein, die sich in einem recht guten Tempo nach vorn bewegte.

„Guten Morgen Mrs. Adams“, begrüßte ich sie, als ich an der Reihe war.

„Schönen guten Morgen Miss Mitchell. Bitte übergeben sie ihr Gepäck dem Fahrer und steigen Sie ein“, sagte sie. Suchte meinen Namen auf der Liste und hackte ihn ab. „Suchen Sie sich ein schönes Plätzchen, es wird eine lange Fahrt“, wies sie mich mit einem Lächeln an.

Ich lächelte manierlich zurück und begab mich zum Fahrer, dem ich meinen Rücksack übergab und der diesen mit einem Schwung in das Innere des Busses beförderte.

Hm … gute Wurftechnik, sah ich ihm dabei skeptisch zu. Bloß gut das ich die Wasserlasche in die Umhängetasche gepackt hatte.

„Ist, noch was?“, sah er mich grimmig an. Anscheinend war sein Stresspegel bereits überschritten. Nachvollziehbar.

„Nö, ist alles wunderbar“, lächelte ich gekünstelt. „Sie machen einen echt tollen Job.“ Ein kleines Lob konnte nicht schaden.

Er runzelte über meinen Kommentar die Stirn und machte sich wieder an die Arbeit.

 

Ich schlenderte in die linke Reihe und stieg widerstrebend in den Bus.

Innen vernahm ich beruhigt, dass mein Lieblingsplatz noch nicht besetzt war, und marschierte strebsam darauf zu.

Eigentlich wollte ich unauffällig bis zu den hinteren Reihen durchgehen, denn auf ein Gespräch mit einem von ihnen, hatte ich, heute absolut keine Lust. Doch wie es schien, sah Cassandra es wieder Mal ganz anders.

Ihre Augen glänzten durchtrieben, als ihr Blick auf mich fiel. Sie flüsterte etwas ihrer Nachbarinnen zu und wendete sich sogleich demonstrativ zu mir.

 

„Hallo Annabelle“, begrüßte sie mich mit ihrem Hollywood Lächeln an.

Das war’s wohl, mit dem unauffälligen vorbeihuschen. Musste das unbedingt sein?

„Ja, selber Hallo“, murmelte ich und ging weiter, als wäre nichts. Vielleicht hatte ich Glück und mir würden Ihre geistreichen Kommentare erspart bleiben. Aber so wie es aussah, eher nicht.

„Weißt du Annabelle ...“, sagte sie, und warf ihre langen blonden Locken zurück.

„Ann", unterbrach ich sie. „Wann merkst du dir das endlich?“ So schwer war das auch nicht. Selbst für ihre geringe Intelligenz.

„Wie auch immer.“ In ihrer Stimme lag etwas Herablassendes. „Weißt du, wir … haben einstimmig entschieden …“, sagte sie, warf einen Blick über ihr breitgrinsendes Gefolge und verzog die Lippen zu einem versnobten Lächeln.

„… das Du dich heute ausnahmsweise zu uns setzen darfst.“

Ach wirklich? Ich blickte skeptisch über ihre Sitze. Es gab weit und breit keinen freien Platz. Was darauf hinwies, das dieses Angebot offensichtlich nicht Ernst gemeint war.

Aber auch wenn, hätte ich mich lieber auf Reißzwecken gesetzt, als neben diese Hühner.

Ich zog gespielt überrascht die Brauen hoch. „Ehrlich? Welch eine Ehre, Cass. Dass ihr, vier versnobte Zicken euch herablasst und eine, wie mich bei euch sitzen lässt. Danke …“, antwortete ich mit einem zuckersüßen Lächeln. „… Aber nein danke“, fügte ich hinzu. Ließ die Mundwinkel sofort wieder fallen, und blickte ihr provokant direkt in ihre voll tapezierten Augen, die sie sofort empört aufriss.

„Also weißt du was ANN! …“

„Nein, was?!“

„Du bist die unkultivierteste und penetranteste Person, die mir je begegnet ist! Wenn du nicht so introvertiert wärst, und so, so arrogant …" Arrogant?! Wer von uns beiden war hier arrogant?! Aber Wow, das sie solche hochgestochen Wörter überhaupt kannte, beeindruckte mich jetzt. „… würde sich vielleicht jemand erbarmen, und sich mit dir anfreunden“, entgegnete sie giftig. „Hab ich recht Mädels?!“, wand sich Cass an ihren Anhang. Die ihr natürlich alle mit einem heftigen Nicken zustimmten.

Welch eine Überraschung, verdrehte ich die Augen.

„Bist du jetzt fertig?“, fragte ich ohne ihre Antwort abzuwarten. „So, und jetzt sag ich dir Mal was! Bevor ich es auch nur in Betracht ziehe, mich mit so etwas wie dir abzugeben, würde ich mich vorher selbst einweisen lassen! Jede von euch hat doch mehr, als einen Sprung in der Schüssel.“

Ich schenkte ihnen noch ein -Ihr könnt mich mal- lächeln und ging weiter zu meinem Platz durch.

„Unverschämtheit! Und so was lässt man auf unsere Schule! Das ist unerhört!“, schrie sie empört auf.

Oh ja, das hatte gesessen! Mit einem zufriedenen Grinsen quetschte ich mich durch den engen Gang und hörte, wie ein paar meiner Mitschüler laut auflachten. Offensichtlich gab es einige in der Klasse, die meiner Meinung waren. Was der selbst ernannten Königin der Schule, deren Selbstbewusstsein ein wenig angekratzt, zu sein schien, überhaupt nicht passte.

„Haltet alle die Klappe!“, stand sie auf und schrie allen entgegen.

„SO! Ruhe jetzt!“, entgegnete Mrs Adams lautstark inmitten des Gangs. Alle verstummten, einer nach dem anderen.

„Miss Bennett, setzen sie sich sofort auf ihren Platz und verhalten sie sich ruhig", sagte Mrs. Adams. Bedeckte Cassandra mit einem eisernen Blick.

„Aber …“, wollte Cassandra einwenden.

„Kein aber, Miss Bennett!“, schnitt Mrs. Adams ihr scharf das Wort ab.

Ich spürte Cassandras explosiven Blick in meinen Hinterkopf. Schenkte dem aber keine Beachtung.

„Miss Bennett! Setzten!“, wurde Mrs. Adams Laut. Cassandra schnaubte verärgert und warf sich wieder zurück in ihren Sitz.

 

„Hey Ann, coole Ansprache“, würdigte Andrew meinen kleinen Ausbruch. Er machte sich gerade ebenso wie ich in der hinteren Reihe bequem – legte sich seinen Schwarzen Nike Rücksack als Kissen unter den Kopf und breitete sich auf den grau karierten Sitzen aus.

„Danke“, erwiderte ich. Lies mich auf den restlichen Sitzen fallen, zog meine Jacke und meine Ballerinas aus, und tat es Andrew gleich.

Ich legte meine Ledertasche hinter den Rücken, nahm meine Beine hoch und deckte mich mit meiner Jacke zu.

Cass hatte sich unterdessen immer noch nicht beruhigt. Ich hörte ihr Boshaftes zischen. Aber was soll’s. Mir war’s egal. Sie hatte es schließlich herausgefordert.

Ich hasste diese Art von Mädchen. Sie machten sich wichtiger, als sie in Wahrheit waren. Und Cassandra Bennett, war das Parade Beispiel dafür. Was diese Mädchen ihn ihr sahen, war mir Rätsel. Letztendlich waren sie nichts weite, als einfältige Schaffe, die ihr auf Schritt und Tritt folgten.

 

Ich nahm meinen MP3 Player heraus, lehnte mich zurück, schloss die Augen und stöpselte mir die Knöpfe in die Ohren.

 

Keine Ahnung, wie lange die Fahrt dauerte. Aber irgendwann musste ich eingenickt sein, denn auf einmal fand ich mich auf unserer Veranda wieder.

Es sah alles genauso aus wie in der Realität. Der weiße Zaun, sowie der steingepflasterte Weg welcher zur Veranda führte, die an das rote Backsteinhaus angrenzte. Und ebenso die große Hollywoodschaukel.

Mein Unterbewusstsein hatte absolut an alles gedacht, und alles detailgetreu nachgestellt. Allerdings eines war seltsam … Es war Tag. Ich hatte noch nie einen dieser Träume mitten am Tag.

Es sah unfassbar Schön aus. Die Farben, in denen die gesamte Umgebung erstrahlte, waren sehr viel intensiver, kräftiger, leuchtender. Atemberaubend.

 

>>Hallo <<, erklang eine vertraute Stimme hinter mir.

Erfreut sah ich mich um und erblickte ihn. Trotz dessen, dass ich sein Gesicht nicht erkennen konnte, wusste ich, dass er lächelte. Und genauso glücklich war mich zu sehen, wie ich ihn.

>>Du bist hier? <<, lächelte ich erfreut.

>>Ja, seltsam was? <<, schmunzelte er, setzte sich neben mich. >>Aber überaus erfreulich, nicht wahr. Ich habe dich nämlich schon vermisst.<<

Seine wunderschönen blauen Augen funkelten mich wie zwei Edelsteine an. Und wie immer verspürte ich in seiner unmittelbaren Nähe eine gewisse Unsicherheit, die mein Herz zum Flattern brachte.

Am liebsten hätte ich meine Fingerspitzen über seine Wange gleiten lassen, um wenigstens etwas von ihm zu spüren. Aber er war nicht Real, und das war mir klar. auf eine unerklärliche Art und Weise, war er für mich genauso Real, wie jeder andere Mensch in meinem Leben auch.

>>Du hast mir auch gefehlt<<, gestand ich und sah auf meine Hände, die darum flehten ihn, anzufassen.

>>Ann, ist alles in Ordnung?<<, fragte er. Nahm meine Hand in seine, was eine wohltuende Wärme in mir auslöste.

>>Nicht wirklich<<, antwortete ich. >Aber jetzt schon<, fügte ich mit einem Lächeln hinzu.

>>Was beschäftigt dich? <<, fragte er.

Ich blickte gequält auf seine Hand die meine umschloss. Es war als könnte ich sie tatsächlich spüren.

>>Nichts<, erwiderte ich.

Wie sollte ich meinem eigenen Fantasiegebilde erklären, dass ich mich in ihn verliebt hatte. Und am liebsten alles dafür Tun würde, um hier bei ihm, zu bleiben?

Das es mich immer wieder aufs Neue zerriss, wenn die Nacht endete, und wir einander der lange Tag begann. Die Stunden zogen sich endlos dahin.

 

Bis abends dann die Erlösung kam, und wir uns endlich wieder sehen konnten.

Aber das alles konnte ich ihm nicht sagen. Denn wenn ich es erst mal aussprechen würde, wenn auch nur im Traum, einem sehr, sehr realen Traum, würde ich es nicht mehr wieder zurücknehmen, oder ignorieren können. Was mich letztendlich vor Sehnsucht nach ihm zerstören würde.

Also tat ich es mit einem Lächeln ab, und zuckte mit den Schultern. >Es ist schon Okay. Ich muss nur zwei Tage, nervenden Mitschüler ertragen. Aber das geht auch vorbei.<

Er schmunzelte, und sah mich wieder an. >Du weißt, wenn ich dir irgendwie helfen könnte, würde ich es sofort tun! <

>Ich weiß. Aber du hilfst mir schon, in dem du da bist<, drückte ich seine Hand.

Das fühlte sich so gut an. Am liebsten hätte ich sie nie wieder losgelassen.

>Sag mal, warum kann ich dein Gesicht nie vollständig erkennen? <, fragte ich.

>Vielleicht erkennst du es … <, zuckte er mit den Schultern. > … und erinnerst dich einfach nicht daran! <

Das war einleuchtend, schließlich war das alles nicht echt. >Aber du kannst mich sehen? <

Er schmunzelte. >Wie könnte ich dich nicht sehen? Ich freue mich jedes Mal auf dein bezauberndes Lächeln<, sagte er und fuhr mit der Außenseite seiner Finger über meine Wange. Auch wenn das nur Einbildung war, konnte ich ihre Wärme spüren, was mein Puls schneller traben ließ.

>Schmeichler<, erwiderte ich und lächelte verlegen. Seine Finger fühlten sich so zärtlich auf meiner heißen Wange an.

Er hob mein Gesicht leicht an, damit wir uns in die Augen blicken konnten, und betrachtete mich kurz. >Das ist eine Tatsache mein Engel<, hauchte er. >Dich einmal nicht zu sehen, bereitet mir Unbehagen … <

Ich schluckte unter seinem ernsten Blick und hatte das Gefühl, das er mich küssen wollte. Sich aber, aus welchem Grund auch immer nicht traute. Er sah mich nur an. Musterte mich mit seinen leuchtenden Augen. Streichelte mein Gesicht. Es war, als zitterten seine Finger. So nah waren wir uns vorher noch nie.

War es mein Verlangen nach ihm, das ihn das tun lies? Schließlich sehnte ich mich mit Leib und Seele danach. Aber in diesen Moment war es mir egal, wer das zu verantworten hatte. Ich hob meine Hand seinem Gesicht entgegen, und …

>Was ist los? < Aufgeschreckt schaute ich in sein Antlitz, das anfing, sich vor meinen Augen aufzulösen. >Was passiert gerade? <

>Ich weiß nicht …< Er schaute etwas desorientiert zur Seite. >Ich … ich werde gerufen! <, sagte er durcheinander. >Ann! <, zuckten seine leuchtenden Augen zu mir, als wollte er mich festhalten. Doch er verblasste.

>Nein! <, rief er. Seine Stimme klang auf ein Mal so weit weg.

>Was? Nein! Komm zurück! < Ich versuchte nach ihm zu greifen, doch er war weg. Löste sich wie im Rauch auf. >Nein! <, schrie ich. Verdammt, ich wusste nicht einmal mehr seinen Namen. Dabei hatte er es mir schon tausend Mal genannt. >Komm zurück!! <, schrie ich noch einmal und wachte urplötzlich auf. Verstört schaute ich mich um.

„Ann, ist alles Okay?“, fragte Andrew erschrocken.

„Ja …“, fuhr ich mit verwirrt in die Haare. „Ich … hatte nur … geträumt.“

„Muss aber ein Albtraum gewesen sein, so wie du hochgeschossen bist!“

Hochgeschossen? „Ja …, nein, … ich mein, … ich weiß nicht“, sah ich durcheinander zur Seite.

Er war auf einmal weg! So was ist vorher noch nie passiert. Was hatte das zu bedeuten?

War ich zu weit gegangen? Hätte ich diese Nähe nicht zulassen dürfen?

Ein seltsam bedrückendes Gefühl durchfuhr mich. Als wäre mir etwas Wichtiges genommen worden. Ich hatte Angst. Was wenn er, nach dem er sich so einfach in Luft aufgelöst hatte, nicht mehr wieder kommen würde. So etwas wie gerade eben gab es noch nie. Er war direkt vor meinen Augen verschwunden!

Ich legte mir beide Handflächen aufs Gesicht und wischte sie erschöpft über die Augen.

„Wir sind da“, rief Andrew und beugte sich zum Fenster vor. Ich folgte seinen euphorischen Blick und bemerkte, dass wir uns bereits in Windsor befanden. Aber nicht nur das, wir näherten uns einen einschüchternd Majestätischen Schloss.

Wir waren schon da?; überlegte ich und schaute kurz zur Seite. Aber wir waren doch gerade erst losgefahren!

Schnell holte ich mein Handy heraus und schaute auf das Display. >>12:34?! <<

Das konnte unmöglich sein! Ich hatte viereinhalb Stunden verschlafen?

Unfassbar. Ich packte das Handy in meine Tasche und sah wieder aus dem Fenster, als der Bus in eine lange Auffahrt bog.

 

2

 

 

Kapitel 2

 

 

 

 

Wir fuhren eine extrem lange Auffahrt entlang, wenn man sie so bezeichnen konnte. Es war eher eine scheinbar endlose Straße, die direkt zum Schloss führte und an einer großflächigen Einfahrt mündete.

Zwei erhabene zinnbesetzte Türme ragten aus dem Boden empor, verbinden durch einen majestätischen Torbogen.

Dieser Anblick hatte seinen WOW Effekt nicht verfehlt. Es war überwältigend, und übertraft alle Erwartungen.

Die Busse parkten auf der Einfahrt direkt neben dieser epochalen Konstruktion.

Wahnsinn; staunte ich über den ehrwürdigen Charme des architektonischen Meisterwerks.

 

„Meine Herrschaften, wir steigen jetzt alle nacheinander aus“, verkündete Mrs. Adams. „Bitte drängen sie nicht und bleiben sie, sobald sie ausgestiegen sind am Bus, damit ich sie unterweisen kann.“

Ich wartete, bis fast alle das Fahrzeug verließen, nahm meine Jacke und legte sie auf meinen Platz. Ich würde sie im Schloss sowieso nicht brauchen, dachte ich. Sie wäre nur unnötiger Beilast.

Ich schulterte meine Tasche und ging den engen Gang des Busses runter. Langsam stiegen alle aus, Schüler für Schüler, und fast jeder blickte staunend über die riesigen Außenmauern, die das komplette Schloss in sich einschlossen.

„Beeindruckend, nicht wahr?“, sagte Andrew, der hinter mir ausstieg.

Mit offenem Mund schaute ich über die Mauern hinweg, hinter denen sich das riesige Schloss emporstreckte.

„Ich glaub nicht, dass dieser Ausdruck auch nur im Entferntesten hierzu passt“, erwiderte ich, und ließ mein Blick über die Anlage gleiten.

Etwas abseits spalte sich die Straße, die zu einem Eisentor und einem Nebengebäude führte. Der Touristeneingang nahm ich an.

Alle redeten durcheinander, staunten, tuschelten. Mrs. Adams stellte sich vor die Klasse und ließ ihren strengen Blick über uns gleiten.

„Ruhe!“, schrie sie, und alle verstummten sogleich vor Schreck.

„Verdammt“, flüsterte Andrew. „Die war bestimmt bei der Armee.“

„Ja“, stimmte ich schmunzelnd zu. „Sie hört sich an wie ein Drill Instruktor.“

 

„So“, schaute Mrs. Adams prüfend durch die Reihen. „Da wir jetzt alle vollzählig versammelt sind, werde ich uns an der Pforte anmelden“, erklärte sie, und wies uns mit einer Kopfbewegung an ihr zu folgen. Ich hielt mich an Mrs. Adam, als sie uns in Richtung des Häuschens führte.

 

„Guten Tag. Wir sind von der Joseph Swan School und sind für die Führung um 13:30 Uhr angemeldet“, informierte sie den Mann hinter der Scheibe, der sich gerade ein Donut in den Mund stopfte.

Schnell biss er die Hälfte ab, und ließ den Rest unter den Tisch verschwinden. „Ähm … ja“, schluckte er eilig runter und blätterte ein vor ihm liegendes Heft durch.

„Joseph Swan …“, fuhr er mit dem Zeigefinger das Blatt des Terminplaners runter, und stoppte. „Ja, das sind sie. Aber sie sind zu früh“, sah er wieder hoch. „Bitte treten sie ein. Ich werde die Veranstalter informieren, dass sie bereits eingetroffen sind, und werde ihnen dann Bescheid geben, wann die Führung beginnen kann. In der Zwischenzeit dürfen sie sich gerne auf dem Gelände umsehen. Und wenn sie sich stärken wollen, haben wir ein sehr gutes Restaurant, gleich hier vorne“, sagte er. Es klang wie einstudiert. „Bitte hier noch eine Unterschrift.“

Er schob Mrs. Adams ein Ankunftsformular zu, dass sie quittierte, und drückte den Knopf, der das vergitterte Eisentor öffnete, dass uns Einlass auf das königliche Gelände gewährte.

Mrs Adams bedankte sich und dirigierte uns durch, zu einem Nebengebäude, das dem Aussehen nach, ein Souvenirshop und Restaurant in einem war. Dieses Gebäude war im Gegensatz zum erhebenden Schloss recht modern, was einen gewaltigen Kontrast ergab. Als prallten zwei Welten aufeinander.

Die jeweiligen Lehrer versammelten ihre Schützlinge um einander und verkündeten die Regeln, deren Einhaltung unumstößlich war.

 

„So, kommen wir nun zu den Regeln“, sagte Mrs. Adams. Ein regelrechtes Gejammer ging durch die Reihen meiner Mitschüler.

„Ruhe, wer sich nicht daran halten kann, wird es sich bis zum Abend im Bus gemütlich machen dürfen. Schließlich sind wir hier auf dem Besitz der Queen. Ein wenig Respekt und Rücksichtnahme bitte!“, fügte sie mit einer festen Stimme hinzu, worauf jeder verstummte.

Mrs. Adams räusperte sich und legte los. „Erstens, in den Gängen wird nicht gerannt. Zweitens, im Schloss wird nichts gegessen. Drittens, sämtliches Herumalbern ist untersagt. Viertens, es darf nichts angefasst werden, nur mit Augen Bewundern“, sprach sie und ließ ihren speziellen autoritären Blick über uns gleiten. „Fünftens, die Gruppe wird nicht verlassen, denn man verliert sich leicht in den vielen Gängen. Sechstens, wer auf die Toilette muss, der meldet sich bei mir oder bei dem uns zugewiesenen Führer, und wir leiten alle weiteren Schritte ein. Und zu guter Letzt, … bei Fragen hebt ihr bitte die Hand, und wartet, bis ihr dran seid. Haben das alle verstanden?“, hob sie fragend ihre Augenbrauen, wodurch ihre Brille noch ein Stück ihrer Nasenspitze runter rutschte. „Also gut, ich habe noch eine Mitteilung. Wir werden heute Abend bei einem Festumzug zu Gedenken an Edward den Dritten teilnehmen. Wer das ist, werden sie in den nächsten Stunden herausfinden können“, sagte sie mit einer Anmerkung, dass es wichtig für die bevorstehende Klassenarbeit wäre. „Gut hat jemand noch eine Frage?“

Tatsächlich meldete sich noch einer. „Wann gibt’s eigentlich was zu essen?“, erkundigte sich ein Junge aus der hinteren Reihe. „Langsam krieg ich nämlich Kohldampf.“

„Mr. Taylor, ich habe ihnen allen gestern am Ende der Stunde ausdrücklich nahegelegt, gut zu frühstücken. Außerdem hatten wir etwa vor zwei Stunden eine Essenspause. Und ich kann mich recht gut entsinnen, dass sie im Gasthof beachtlich zu gelangt haben.“

Was? Es gab eine Pause?; überlegte ich angestrengt. Jedoch konnte ich mich nicht daran erinnern. Dies musste ich dann wohl verschlafen haben.

 

„Die nächste Pause gibt es erst wieder um vier Uhr“, informierte uns Mrs. Adams seufzend. „Aber, da wir etwas früher angekommen sind, als erwartet und noch etwas Zeit übrig haben, können wir auch etwas Essen, bevor die Führung beginnt. Folgen sie mir bitte“, sagte sie und leitete uns voran.

 

Das Restaurant war nicht groß, ein kleines Familienunternehmen, wie es schien. Und obwohl es draußen recht Modern aussah, war drinnen alles aufs Mittelalter ausgerichtet. Von den Rüstungen in den Ecken, bis zu dem großen Kronleuchter an der Decke. Die Wandtapete war den Steinwänden der Burgmauern nachempfunden, an denen ein paar Bilder der Queen und all der anderen Familienangehörigen hingen.

Trotz des mittelalterlichen Flairs, den das Restaurant ausstrahlte, waren die Tische und die Stühle eher im Barock Stil gehalten. Trugen aber dennoch eine kleine mittelalterliche Note.

Es war zwar ein kleines Lokal, bot allerdings trotzdem genügend Platz für alle.

 

Ich setzte mich an einem Tisch, abseits aller anderen, da ich Zeit für mich allein brauchte, um das, was vorhin geschehen war, zu verdauen.

Die Unruhe, die ich nach diesem verstörenden Traum verspürte, wollte einfach nicht weichen. Also bestellte ich mir einen Tee und trank diesen gedankenversunken aus. Im Kiosk neben dran kaufte ich mir noch eine Tüte Karamell Bon Bons und wartete, bis der Wächter uns endlich grünes Licht für die Führung geben konnte.

Am liebsten, hätte ich alles sausen lasse, mich im Bus verkrochen und abgewartet, bis es zu Ende war. Es war mir wichtiger, Gewissheit zuhaben, dass es ihm Gut ging. Und das konnte ich nur, wenn ich schlief.

Aber nur weil es einmal am hellen Tag funktionierte, hieß es noch lange nicht, dass es auch ein zweites Mal so wäre. Außerdem überkam mich die Angst, dass er nicht da sein würde.

Was sollte ich dann tun? Es war zu deprimierend. Also beschloss ich die Führung über mich ergehen zu lassen, und auf die Nacht zu warten.

 

Nach etwa einer viertel Stunde kam der Pförtner angedackelt, und gab unseren Lehrern Bescheid, dass es losgehen konnte. Was eine Art Erleichterung in mir auslöste. Je schneller ich das hier hinter mir hätte, desto schneller konnte ich mich davon überzeugen, dass mit ihm alles in Ordnung war.

Notgedrungen raffte ich mich, als eine der Letzten auf und folgte der hinausströmenden Schar Schüler nach draußen.

 

Wir liefen den ausgeschilderten Weg entlang der Mauer zu der Schlossanlage. Ich ließ alle vorangehen, und trabte hinten alleine weiter. So konnte ich mir wenigsten das erhabene Bauwerk in Ruhe ansehen, und mich von den bedrückenden Gedanken an meinen erfundenen Freund ablenken.

 

Die mächtigen Steinwände erhoben sich meterweit in die Höhe und schlossen alles sicher in sich hinein. Man kam sie richtig mickrig vor, wenn man danebenstand.

Ich fand das wahrlich beachtlich, was Menschen, zu dieser spartanischen Zeit, angesichts ihrer schlichten Werkzeuge, errichten konnten, und ragte das Kinn in die Höhe, um die volle Größe der Mauer in Augenschein zu nehmen, als von weiter vorn Cassandras hochmütiges Gelächter ertönte.

„Wisst ihr Mädels, das ist genau das richtige Anwesen für mich. Hier könnte ich mich wirklich wohlfühlen“, sagte sie in einen übertriebenen versnobten Ton.

Ja klar, wer nicht; gab ich einen stummen Kommentar ab, und lachte in mich hinein.

„Wer weiß, vielleicht treffen wir ja auf Harry“, lächelte sie blasiert. „Seine jetzige Freundin ist sowieso nicht die Richtige für ihn. Er braucht jemanden mit mehr Klasse!“

„Ja Cassandra, ich stimme dir voll und ganz zu. Du hast viel mehr Klasse, als sie“, blinzelte Emily sie unterwürfig an. Und natürlich bejahten die anderen Zwei es genauso.

Ich konnte mich nicht halten, und lachte bei so viel Schleim und Arschkriecherei auf.

Cassandra wandte ihren Blick zu mir und schlug langsam und elegant ihre Augenlider auf.

„Sind wir da hinten etwa einer anderen Meinung? Meinen wir, wir haben einen höheren Grad, an Niveau und Klasse?“, sah sie mich mit einer emporragenden Braue an.

„Nö, passt schon“, antwortete ich. „Wenn bei dir ein höherer Grad an Niveau und Klasse bedeutet, dass man Arschkriechen muss, bis man keine Luft mehr bekommt, bleib ich lieber bei meinem jetzigen Gesellschaftsstatus.“

Ganz ehrlich, wie doof musste man sein, um die zu bewundern?

„Das sieht dir Mal wieder ähnlich >Annabelle<“, sagte sie zuckersüß, und betonte jede einzelne Silbe in meinem Namen. „So bringst du es nie zu irgendwas“, warf ihre Locken mit Schwung zurück, und sah wieder nach vorn.

„Solange ich es ganz weit weg von dir mache, ist mir das Recht!“, entgegnete ich schmunzelnd.

Cass erwiderte nichts. Ich hörte nur ein ärgerliches Schnauben aus ihrer Richtung und ein leises Getuschel.

 

Wir näherten uns dem Haupteingang, der genauso wie der andere durch zwei hohe zinnbesetzte Türme, und einem Torbogen erkennbar war.

Doch dieser hier war noch gigantischer und ausdrucksvoller. Mir blieb die Spucke weg, von dem Respekt, den dieser Baustil ausstrahlte.

„Pass auf, dass du nicht über deinen offenen Mund stolperst“, holte mich Emilys gehässiges Grinsen zurück.

„Pass auf, dass du nicht auf deiner Schleimspur ausrutschst“, konterte ich genauso liebenswürdig.

 

Ich ließ mich von diesen Ziegen nicht provozieren. Schließlich wollte ich diesen Ausflug einfach nur so schnell wie möglich hinter mich bringen. Deshalb ignorierte ich sie, schaute noch einmal über die gigantischen Mauern und die grüne Landschaft hinweg, die sich gegenüber den Schlossmauern ausbreitete und entdeckte drei Personen unter dem Torbogen stehen.

Das musste das Empfangskomitee sein, sagte mir mein Gefühl.

 

„Guten Morgen Herrschaften. Wir heißen Sie herzlich willkommen in Windsor Castle“, sagte die ältere Frau in der Mitte. „Mein Name ist Mrs. Williams, und ich darf ihnen Mr. Davis und Miss Johnson vorstellen. Sie werden Sie heute durch das Schloss begleiten.“

Sie zeigte mit ihren Handflächen auf die jeweiligen Personen neben ihr und legte sie dann wieder ineinander.

Mrs. Williams war eine hochgewachsene schlanke Dame, etwa Mitte fünfzig mit grauen Haaren, die sie ordentlich zu einem eleganten Dutt an ihren Hinterkopf zusammengebunden hatte.

Miss Johnson war im Gegensatz wesentlich Junger. Ich schätzte sie so zwischen fünfundzwanzig und achtundzwanzig. Dazu war sie auch eine sehr attraktive Erscheinung. Worüber sich die männlichen Mitschüler, … na sagen wir mal, gewaltig gefreut hatten, nett ausgedrückt. Sehr zum Ärger von Cassandra, die sie missbilligend von Kopf bis Fuß musterte.

Die hatte vielleicht Minderwertigkeitskomplexe, beobachtete ich, wie Cassandra Eitel mit ihre langem Haar spielte. War aber auch irgendwie belustigend, sie auf diese Weise zu sehen.

Kommen wir jetzt zu Mr. Davis. Ein rundlicher älterer Mann, mit einem weißen Bart, der mich stark an den Weihnachtsmann erinnerte. Er faltete seine Hände ineinander und lächelte freundlich durch die Runde.

„So und jetzt zu der Verteilung“, begann Mrs. Williams. „Mr. Davis führt die klasse Elf A durch das Schloss.“

Die Jungs der Klasse waren sichtbar enttäuscht, und Cassandra rollte über diese Reaktion nur mit den Augen. „Keine Manieren, wie es scheint.“ Gab sie scheel von sich.

„Miss Johnson übernimmt die Führung der Elf B“, fuhr Mrs. Williams fort, was zu einem regelrechten triumphierenden Jubelschrei dieser Klasse führte, und natürlich auch Schadenfreude.

Auch über diese Reaktion schüttelte Cassandra nur den Kopf und meinte.

„Also ich finde nichts Besonderes an ihr. Und vor allem ist sie Alt.“

Ha; lachte auf. Ein wenig Schadenfreude konnte ich mir nicht verkneifen.

Mrs. Williams räusperte sich. „Es ist überaus erfreulich, dass sie so begierig auf die Führung sind. Doch ich Bitte Sie noch um einen kurzen Moment Ruhe.“

Jeff Taylor, einer meiner Mitschüler, konnte sich jedoch ein Kommentar an seinen Nachbarn nicht verkneifen. „Ja, begierig sind die schon!“, flüsterte er und lachte leise auf. „Allerdings nicht auf die Führung.“ Er zwinkerte seinem Nachbarn zu, der ihm mit einem Lächeln zustimmte.

„Und zu guter Letzt übernehme ich die Führung der klasse Elf C“, beendete Mrs. Williams ihre Verkündung, und sah durch unsere Klasse. „So Herrschaften, ich Bitte Sie, mir jetzt alle in den Eingangsbereich zu folgen, wo Sie sich dann zu dem Ihnen zugewiesenen Gruppenführer begeben“, sagte sie, und wies uns an ihr zu folgen.

 

Wir setzten uns alle in Bewegung. Trotz der paar niedergeschlagenen Gesichter, die enttäuscht über die Verteilung der Führer waren.

Einer nach den anderen überquerten wir den gewaltigen Torbogen, und man konnte ein paar >wow´s, Hammer, und geil< hören.

Sobald wir eintraten, wurde das gewaltige Schloss, das von den meterhohen Mauern abgeschirmt wurde sichtbar. Es erstreckte sich in einer überdimensionalen U-Form und sah unfassbar prachtvoll aus. Wie eine gigantische Filmkulisse, nicht von dieser Welt. Atemberaubend schön.

 

Wie angewurzelt blieb ich stehen, und nahm diesen Anblick in mich auf.

Inmitten dieses prunkvollen Schlosses breitete sich eine riesig große Rasenfläche aus, die eher einem Fußballfeld glich. Perfekt in Form geschnitten, kein Grashalm war länger oder kürzer, und es strahlte in einem makellosen Grün. Wow! Der Gesamteindruck war einfach gigantisch, und ich konnte nicht so recht glauben, dass so etwas wirklich existierte.

Die Führer dirigierten uns daran vorbei, und ich entdeckte auf der anderen Seite eine große Statue. Ein Mann, hoch oben zu Pferd, der über diese Anlage wachte, und hinter ihn ein hoher runder Turm, platziert auf einem Berg.

Einen Moment blieb ich stehen, und betrachtete dies fasziniert.

„Miss Mitchell, bitte nicht zurückbleiben. Ich habe mich doch klipp und klar ausgedruckt“, rief Mrs. Adams. Ich riss mich los, und gesellte mich wieder zu den anderen.

Der Reihe nach betraten wir die Eingangshalle und waren schlichtweg beeindruckt von dem mächtigen Charme und Anmut dieses Raumes.

Es wurde getuschelt und gestaut über das ausdrucksvolle Bauwerk. Die wunderschönen Verzierungen und das antike Mobiliar sprangen einen sofort ins Auge. Alles schien im Einklang zu sein, und überwältigte einen sofort. Auf jeden Fall jemanden wie mich, die so etwas nur in Büchern oder in Zeitschriften gesehen hatte.

Jetzt, wo ich mich in dieser Eingangshalle umsah, war ich doch froh, dass ich zu diesem Ausflug mitgefahren war. Obwohl mich heute Morgen noch dieses beklommene Gefühl plagte, war es jetzt wie weggeblasen.

Mrs. Williams drehte sich zu uns um. „Ich bitte nun die jeweiligen Klassen, sich jetzt zu ihren zugeteilten Führern, zu begeben.“

Die Lehrer versammelten ihre Zöglinge bei der zugewiesenen Person, wo der Schloss Führer sich nochmals bei allen vorstellten, und die Regeln wiederholte, die uns Mrs. Adams vorhin schon unterbreitet hatte.

„Also lassen sie uns beginnen. Ich bitte, die Herrschaften mir zu folgen“, sagte Mrs Williams, ging voraus und wies uns mit einer Handbewegung an ihr zu folgen.

 

„Das Windsor Castle …“, fing sie an. „… ist das größte und älteste Schloss, das durchgehen bewohnt wurde. Wilhelm der Eroberer kaufte, den Mönchen von Westminster Abbey das Grundstück ab, und ließ etwa um 1078 eine Holzburg darauf errichten. Als dieser starb, ließ sein Sohn Heinrich der Erste, Modernisierungsarbeiten daran vornehmen, und errichtete die ersten Steinhäuser. Viele Jahre später, unter der Regentschaft Heinrich des Dritten, den Enkel, wurden die ersten modernen Festungen erbaut. Unter anderen auch den Zapfenstreich Turm, oder auch Curfew Tower genannt. Der 24 Meter hohe Turm, den sie draußen gesehen haben, erlangte seine jetzige Höhe und Erscheinungsbild jedoch erst im 19. Jahrhundert. Die ursprüngliche Form wurde aber von Edward den Dritten errichtet“, sagte sie mit einem Lächeln und fuhr fort. „Er ließ die alte Burg abreisen und veranlasste den Ausbau einer neuen Burg, die zu seiner Residenz werden sollte. Der damalige Grundriss blieb aber bis heute unverändert. Dieser Umbau begann etwa 1350 und dauerte circa vierundzwanzig Jahre. William von Wykeham, war damals für die Gestaltung und den Umbau verantwortlich …“, erzählte sie, während sie uns durch die Flure führte.

Alle hingen begeistert an ihren Lippen, denn diese Frau hatte die Gabe einen mit ihren Worten zu faszinieren. Es klang alles so sagenumwoben, dass es einen von Beginn an fesselte.

Wir liefen durch verschiedene Gänge, mit Gemälden an den Wänden und Statuen in den Ecken. Mrs. Williams erzählte die dazugehörige Geschichte von jedem einzelnen nennenswerten Gegenstand.

Sie zeigte uns den Thronsaal, verschiedene Gemächer der damaligen Bewohner, und erzählte die dazu passende Lebensgeschichte.

Es war eine harte, brutale aber auch bemerkenswert romantische Zeit. Und mit jedem Schritt, den wir durch diese Räume machten, faszinierte es mich nur noch mehr.

Hier, in diesem heroischen Schloss, das so viel durchlebt hatte, fühlte ich mich wie ein Sandkorn am riesigen Strand.

Jedes Gemälde, jede Statue, Rüstung und Waffe, hatte ihre eigene fesselnde Geschichte, die diese Frau richtig zu verpacken wusste.

Wir gingen in einen langen Flur, an dessen Wänden links und rechts Hunderte von Gemälden und Porträts hingen, aus den verschiedenen Zeitepochen.

Ich weiß, ich übertreibe vielleicht, aber es war wirklich eine Menge.

Mrs. Williams erzählte uns nur von den wichtigsten, ansonsten hätten wir hier eine Woche verbringen müssen.

Die Bildnisse des dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderts haben es mir besonders angetan. Man konnte praktisch jeden Pinselstrich mit den Augen nach verfolgen. Einfach wunderschön!

Ich betrachtete ein fast lebensgroßes Gemälde einer adligen Frau, dies so hervorstach mit seinem prunkvollem Rahmen, das man es unmöglich übersehen konnte.

„Der Name dieser Frau war Blanche of Lancaster …,“, klärte uns Mrs. Williams auf, mit dem Blick auf das Bild gerichtet. „Sie war ein regelrechtes Geheimnis, denn von ihr gibt es kaum Aufzeichnungen. Geboren wurde sie am fünfundzwanzigsten März zwischen 1341 und 1345 als Tochter von Henry uns Isabel of Grosmont, den 1 Duke of Lancaster. Der Ort ihrer Geburt ist nicht bekannt.“ Sie sah wieder zur Gruppe und fuhr fort. „Im Laufe ihres Leben wurden ihr die Titel Duches of Lancaster und Countess of Derby verliehen. In die Geschichte ist sie aber eingegangen, als die Gemahlin von John of Gaunt, den wir gleich neben an bewundern können“, wies sie auf das nah hängende Gemälde.

„Oh! … Der Typ ist aber süß!“, rief eine meiner Mitschülerinnen aus.

Mrs. Williams räusperte sich und sah sie streng an. „Aber dazu später.“

Sie drehte sich wieder zum Gemälde der Frau und erzählte weiter. „Als Alleinerbin ihres Vaters verhalf sie John zu Reichtum, Titeln und Einfluss. Ihr gemeinsamer Sohn, Henry der Vierte bestieg als erster König des Hauses Lancaster den englischen Thron. Auch der englische Dichter Geofrey Chauser war so sehr von ihr fasziniert, dass er nach ihren tot, sein erstes eigenes Werk -DAS BUCH DER HERZOGIN- herausbrachte. Im Gedicht wird sie als eine schöne und tugendhafte Frau betrauert. Sie war eine Visionärin. Stark und klug. Meine Damen, von ihr konnten sie sich eine Scheibe abschneiden.“

Mit dem letzten Satz beendete sie die Geschichte der Frau, und leitete uns zu dem gegenüber hängenden Gemälde, mit den Worten … „Und hier auf der anderen Seite haben wir ihren Schwager, Edward of Woodstock. Der auch der Schwarze Ritter genannt wurde, wegen seiner pechschwarzen Rüstung. Geboren wurde er am fünfzehnten Juni 1330. Mit drei Jahren bekam er seinen ersten Titel Earl of Chester…“, erzählte sie, aber ich blieb an dem Bild dieser Frau hängen. Genauer betrachtet hatte sie irgendetwas an sich, was mich wie ein Magnet anzog. Denn irgendwas stimmte nicht.

Auch wenn Mrs. Williams Darstellung ihres Lebens umfangreich war, war ich dennoch skeptisch. Nicht gegenüber dem Lebenslauf, sondern gegenüber der Person auf diesem Bild.

Das war sonderbar. Ich wusste nicht, wieso, aber dieses Bild, mit dieser Frau … Irgendwas war, falsch daran. Allerdings konnte ich mir nicht erklären, was?

 

Meine Klasse ging weiter, und begutachtete das nächste Gemälde. Sie hingen förmlich an den Lippen dieser Frau. Das war ehrlich beeindruckend, wie lebhaft unsere Führerin die Geschichte dieser Menschen wiedergeben konnte.

Aber dennoch blieb ich an dem Gemälde dieser Blanche stehen. Irgendetwas stimmte nicht mit diesem Bild. Aber ich kam absolut nicht drauf, was es war.

 

Ich schaute es mir genauer, und aufmerksamer an. Etwas passte einfach nicht zusammen. Wie ein Puzzle teil, das man in einem Haufen von vielen sucht.

Bloß was war es? Und warum bemerkte nur ich es?

Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und beäugte es Zentimeter für Zentimeter, als ich dabei unerwartet gestört wurde.

„Na hast du was Interessantes entdeckt, Annabelle?“ Cassandra schlich sich höhnisch grinste von hinter an mich ran. „Oh Blanche of Lancaster, das war eine Dame von Welt. Von ihr könntest du dir ruhig etwas abgucken. Zum Beispiel was gutes Benehmen angeht“, sagte Cassandra schnippisch.

„Na davon hast du für uns beide ja mehr als genug!“, entgegnete ich. „Was willst du von mir Cass? Hast du heute deine Nervigkeitsquote noch nicht erfühlt? Echt, du nimmst deine Aufgabe als Nervensäge viel zu ernst!“, sagte ich, und wand mich von ihr ab.

Sie grinste und wollte etwas entgegensetzen, als Mrs. Adams uns mit einem grimmigen Gesichtsausdruck zurück in die Gruppe wies. Ich drehte ihr den Rücken zu, und ging zu den anderen.

 

„Edwards leben war eng mit der Frühphase Hundertjährigen Krieges verknüpft, der zwischen 1337 und 1453 dauerte, der viele Menschenleben kostete. Den Edward erhob seinen Anspruch auf die französische Krone“, erzählte Mrs. Williams gerade. „Der Kampf und die Kriegsführung spielten stets eine Hauptrolle in seinem Leben. Mit fünfzehn begleitet er seinen Vater zur Unterstützung von Jakob van Arlevelde. Mit sechzehn wurde er in der Saint-Vaast-la-Hougue zum Ritter geschlagen, und zeichnete sich in der Schlacht von Caen aus. Seinen ersten militärischen Erfolg erzielte er in der Schlacht von Créy, die den sechzehnjährigen lebenslangen Ruhm, als vorbildlicher Ritter und Truppenführer einbrachte. Er befehligte, den Einsatz von Langbogen schützen, was entscheidend zum Sieg beitrug.“

 

Alle waren leise und hörten der älteren Damen aufmerksam zu. Ich merke, wie Cassandra sich hinter mich schlich, und auf mich starrte. Trotz ihres kaltschnäuzigen Getues beachtete ich sie nicht weiter, und hörte Mrs. Williams zu.

„Später heiratete er seine Cousine zweiten Grades, Joan of Kent und führte eine glückliche Ehe.“

„Aber ist das nicht Inzest?“, warf ein Mitschüler ein.

„Zu unserer Zeit schon“, antwortete Mrs. Williams. „Aber damals war das nichts Außergewöhnliches“, machte eine Pause und erzählte weiter. „Die beiden hatten zwei Kinder, Edward, der als Kind starb und Richard. Bis zu seinem hohen Alter war Edward ein starker und respektabler Mann ...“ …

„Eine schöne Halskette hast du da“, flüsterte Cassandra. „Hast du sie aus dem Souvenir Shop?“

Ich drehte mich um, und sah sie genervt an. „Was willst du von mir Cass? Hast du sonst niemanden den du belästigen kannst?“

Sie schnaubte. „Glaub mir, von der Blanche of Lancaster bist du Meilen weit entfernt. Da hilft dir eine nachgemachte Halskette auch nicht weiter.“

„Wovon redest du eigentlich?“

„Jetzt tu nicht so scheinheilig. Trägst die gleiche Kette wie sie, und starrst das Bild wie eine besessene an. Also Annabelle, das ist selbst für deine Verhältnisse eigenartig!“

Langsam ging mir ein Licht auf, und meine Hand wandelte automatisch zu meinem Hals.

„Ja genau, die meine ich“, lächelte Cassandra spöttisch.

Aber die hatte mir meine Mum geschenkt … Genau! Die Kette! Das war das seltsame an dem Bild! Aber wie …

„Weißt du, nur weil du eine gewisse Ähnlichkeit mit ihr aufweist, heißt das nicht, dass du auch den gleichen Schmuck tragen musst“, unterbrach mich Cassandra in meinem Gedanken.

„Cass halt die Klappe! Was stört dich eigentlich daran? Oder bist du etwa nur neidisch?“

„Auf wenn, auf dich? Das ist ja völlig lächerlich!“, sagte Cassandra etwas lauter als gewollt, und lacht auf.

Mrs. Adams und Williams drehten sich zeitgleich um. „Meine Damen, wenn sie kein Interesse an der Geschichte haben, dann seien sie bitte so freundlich und verhallten sich still!“, bemerkte Mrs. Williams. „So kommen wir jetzt zum John of Gaunt, den Bruder von Edward. Oder wie sie ihn so nett betitelt haben, den süßen Typen“, kräuselte sie die Lippen, und wandte sich dem anderen Bildnis zu.

Meine Mitschülerinnen begangen sofort zu kichern und zu flüstern.

„Mädels, der ist doch nur schön gemalt. Wer weiß, wie er in Wirklichkeit ausgesehen hat“, warf Andrew Clark ein. „Was wollt ihr von einem gemalten Schönling, wenn ihr ein paar Prachtexemplare vor euch habt.“ Er legte den Arm um seinen Kuppel Colin, und die beiden grinsten breit.

„Übernimm dich da nicht Clark! Bevor du solche Sprüche klopfst, besorg dir lieber eine bessere Pickelcreme“, entgegnete Caitlin.

„Aber meine Herrschaften, bitte nicht in so einem Ton!“, sagte Mrs. Adams.

Andrew sah Caitlin giftig an, und äffte sie stumm nach.

„Außerdem muss ich den Damen zustimmen“, sagte Mrs. Williams. „Der junge Earl of Richmond muss tatsächlich ein sehr ansehnlicher Mann gewesen sein. Er war nicht nur mehrfach verheiratet, sondern hatte auch in seinen jungen Jahren ein sehr lebhaftes Leben. Anders ausgedrückt, er war ein Schürzenjäger. Was ihm dank seiner Erscheinung, keine großen Anstrengungen kostete, biss …“

Sie machte sie eine Pause und wies mit der Hand auf das prunkvolle Gemälde hin. „… er auf Blanche of Lancaster traf. Diese Frau war anscheinend etwas ganz Besonderes für ihn!“

„Wie hat sie das denn geschafft? Steht das vielleicht irgendwo in ihren Aufzeichnungen?“, fragte Emily belustigt.

„Ja, das würde mich auch interessieren. Wie zähmt man einen Draufgänger“, klinkte sich Caitlin ein.

„Bestimmt nicht mit solchen giftigen Sprüchen“, richtete Andrew beleidigt an sie.

„Um so einen Mann zu bändigen, braucht man Raffinesse“, brachte sich Cassandra in das Gespräch ein. „Selbstbewusstsein … und … man darf nicht so ein Landei sein, wie ihr beiden“, sah sie zu Emily und Caitlin. „Man muss eine auf unnahbar tun, so unnahbar wie …", wanderte ihr Blick langsam zu mir.

„… unsere Annabelle zum Beispiel!“, sagte sie mit einem süffisant Lächeln.

Man, was wollte sie bloß von mir? Sie hatte heute echt einen narren an mir gefressen!

„So, genug jetzt. Richten wir unsere Aufmerksamkeit wieder der Führung zu“, sagte Mrs. Adams. „Ein Teil davon kommt in der nächsten Klassenarbeit vor.“

„Also gut machen wir weiter!“, stimmte Mrs. Williams mit ein.

Ich blickte noch einmal rüber zu Cass, die mich immer noch speziell angrinste.

Arrogante Kuh; dachte ich und sah ihr angewidert entgegen.

 

„John of Gaunt war nicht nur ein ansehnlicher Mann, er hatte auch ein aufregendes Leben. Geboren wurde er im März 1340, als vierter Sohn von Edward den Dritte und erhielt seinen Namen von seinem Geburtsort, Gent. Im Alter von zwei Jahren bekam er den Titel Earl of Richmond. Von klein auf wurde er von seinem Bruder Edward in der Kampfkunst ausgebildet, und nahm im Alter von neunzehn Jahren an einer Expedition nach Frankreich teil. Sie müssen bedenken, zu dieser Zeit fand der Hundertjährige Krieg statt, womit dem jungen Earl auch keine Zeit blieb, ein Kind zu sein. Er musste sich genauso wie seine älteren Brüder in der Schlacht beweisen und schon die ganze Härte des Lebens kennenlernen“, erzählte sie, und ließ ihren Blick über uns gleiten. „Am 19 Mai 1359 heiratete er Blanche, die jüngste Tochter und Miterbin von Henry of Lancaster. Durch diese Ehe bekam er im April 1362 den Titel Earl of Derby und im November den Titel Duke of Lancaster. In den nächsten Jahren diente er unter seinem Bruder Edward in verschiedenen Feldzügen. Nach dem Tod von Blanche heiratete er noch zwei weitere Male und zeugte viele Erben …“

„Na so besonders war sie für ihn wohl doch nicht, wenn er so oft geheiratet hat“, unterbrach Caitlin die Erzählung.

„Oh doch“, erwiderte Mrs. Williams. „Blanche begleitete ihn so gesehen sein ganzes Leben. Denn es wird überliefert, das all seine Gemahlinnen und Geliebten ihr zum Verwechseln ähnlich sahen …“

Ab da schaltete ich ab. Ich konnte mich sowieso nicht darauf konzentrieren, egal wie interessant es auch war, mich das Gemälde dieser Blanche nicht los. Ich hatte das Gefühl, das nicht nur die Halskette merkwürdig an diesem Bild war, sondern noch etwas anderes. Und außerdem zog es mich wie ein Magnet dorthin. Es war seltsam, ich konnte an nichts anderes Denken.

 

Ganz still und Leise schlich ich mich aus der Menge und ging wieder zu dem Porträt von Blanche. Keiner bemerkte es, alle hörten aufmerksam zu.

Ich stellte mich vor das riesige Bild und schaute der Frau direkt in die Augen. Cassandra hatte recht, diese Frau besaß eine gewisse Ähnlichkeit mit mir. Es war beängstigen, wie mich dieses Bild in seinen Bann zog. Ich sah und hörte nichts mehr, als saugte es mich in sich hinein. Hypnotisiert und absorbiert mich. Ich fühlte mich, als wäre ich völlig allein in diesen Raum. Nahm nichts mehr wahr. Doch als ich mich endlich davon losreißen konnte, bekam ich einen Schreck.

Scheiße, wo sind denn alle?

Ich blickte mich rings rum um, aber es war niemand mehr da. Ich war vollkommen allein in diesen langen Korridor.

„H-hallo …“, sagte ich. Das Echo unterstützte das zittern in meiner Stimme. Ich schaute mich um, und begriff, dass sie wohl schon weiter gegangen sein mussten. Doch wie konnte ich das überhören, oder übersehen? Dass nicht mitbekommen haben? Oder warum hatte Mrs. Adams mich nicht gerufen? Hatten sie mich etwa vergessen?

„Scheiße, sie wird mich lynchen!“, flüstere ich und rannte los.

Ich wusste nicht, wohin ich rannte, ich wusste nur, ich musste sie finden. Gehetzt rannte ich die Gänge runter, einmal links und dann rechts, und dann wieder links. Schaute mich immer wieder um, doch es gab von niemandem auch, nur eine Spur.

Mein Pulsschlag donnerte schlagartig in die Höhe. Ich fuhr mir mit der Hand übers Gesicht und schluckte zittrig. Was jetzt? Nachdenklich legte ich mir die Hand auf der Stirn.

„Komm schon Ann, so groß, ist das Schloss auch nicht. Und so lange warst du auch nicht weggetreten, dass du sie nicht mehr findest“, redete ich mir ein.

Doch wem machte ich hier was vor? Das Schloss war riesig, mehr als das. Wenn ich in der nächsten Zeit nicht auf jemanden treffe, könnte ich hier noch Tage lang herumirren, wenn nicht noch länger.

Allmählich stieg meine Panik ins Unermessliche, denn in keinen der vielen Flure war irgendjemand zu sehen. Ich rannte von einem Gang in den nächsten, lief eine Treppe hoch, und die nächste runter, öffnete sämtliche Türen, doch nichts! Absolut gar nichts, nicht mal eine Spur!

„Wo sind sie?!“, blickte ich von einer Seite des Flurs zur anderen.

„Keine Panik! Ruhe behalten!“, sprach ich auf mich ein. „Was soll ich jetzt tun?!“

Ich atmete tief durch, und marschierte wieder den Gang in einem ruhigen Tempo weiter. Irgendwo musste doch jemand sein. Egal wer. Ob eine Reinigungskraft oder ein Mitarbeiter, irgendjemand musste doch in diesem verdammten Schloss zu finden sein. Ich durchsuchte jedes Zimmer, öffnete jede Tür, und stieß auf einen Gang, an dessen Ende eine Treppe nach unten führte, die ich ohne zu überlegen runter rannte.

„Na super, eine Sackgasse!“, stellte ich enttäuscht fest, als ich unten ankam. Es war ein langer Flur, dunkel und es roch ein wenig modrig. Ich schürzte die Augen, als ich an dessen Ende etwas zu sehen glaube. Und tatsächlich, es waren die Umrisse einer Tür erkennbar.

Irgendwie empfand ich es als sonderbar. Denn obwohl dieser Flur recht lang war, war diese Tür die eine einzige, und damit auch der einzige Ausgang.

Etwas unschlüssig überlegte ich, ob ich es wagen sollte, durch diesen schaurigen Korridor zu zugehen, und sie zu öffnen. Auch wenn es so aussah, als wenn ein Lichtstrahl darunter durchschien, was darauf hinwies, dass es nach draußen führte, zögerte ich. Denn diese Tür sah anderes aus, sie schien älter zu sein, und zwar sehr viel älter. Das erkannte man selbst aus dieser Entfernung.

Mein Magen verknotete sich, als ich sie genauer betrachtete. Aber es war nur eine Tür, und vielleicht führte sie mich hinaus. Das konnte ich nicht außer Acht lassen. Also verdrängte ich diesen Warnruf und ging darauf zu.

 

Schritt für Schritt watete ich durch den dunklen Gang. Versuchte mich von der gruseligen Stimmung abzulenken, und konzentrierte mich nur auf diese Tür.

Mein Körper kribbelte, und ich hatte das Gefühl, als folgte mir jemand. Ich blickte zurück, doch außer mir war niemand da.

Ich schluckte die Furcht runter und schaute wieder nach vorn.

„Gott Ann sei nicht so Feige. Du hast es fast geschafft!“, atmete ich tief durch, und ging weiter.

Endlich erreichte ich das Ende des Korridors und hoffte inständig, dass diese Tür auch offen war.

Ich hatte recht, sie sah anders aus. Selbst in diesem dunklen Licht konnte ich die eigenartigen Schnitzereien erkennen. Echt schräg!

Ich betrachtete die eingeritzten Buchstaben. >S cr ade<, lass ich die noch zu erkennbaren Buchstaben vor.

„Scrade? Was zum Teufel ist Scrade?“, überlegte ich, als mich ein leichter Lufthauch streifte. Schreckhaft drehte ich mich um, und durchblickte den Korridor. Es war zwar Dunkel, und das einzige Licht, das schien, kam von der Etage darüber, aber dennoch war zu erkennen, dass außer mir niemand hier war. Ich runzelte die Stirn und wandte mich wieder zur Tür.

„Gott Ann, du leidest schon unter Paranoia. Öffne jetzt diese verflixte Tür, und sieh, nach was dahinter ist“, flüsterte ich, legte die Hand auf die wunderlich geschwungene Klinke, und drückte sie runter …

Es war ein Garten, … erkannte ich, als die Tür aufschwang. …

Ein wunderschöner Garten!

Ich war überrascht und verwundert zugleich, das hatte ich nicht erwartet. Erstarrt blieb ich im Türrahmen stehen und betrachtete die wundersamen Gewächse, die so atemberaubend waren, dass man sie nicht mit Worten zu beschreiben konnte.

Dergleichen Pracht an verschiedenen Blumen, Sträuchern und Bäumen, hatte ich noch nie gesehen. Alles strahlte in solch einem Glanz und Grazie, dass es mich fast blendete.

Die verschiedenen Farben der Pflanzen, die Seite an Seite wie in einem perfekten Zusammenspiel ineinander verschmolzen, und fast wie unecht aufleuchteten, versetzten mich in eine Trance. Ich bemerkte es nicht einmal, wie ich durch die Tür trat, und einen Pfad folgte. Es war alles so erstaunlich und beflügelnd, fast wie eine Illusion.

Hohe Bäume erstreckten sich stellenweise, mit starken Ästen, brechend voll mit Früchten. Thujen zierten den Pfad, perfekt getrimmt in verschiedene Figuren, wie eine Frauengestalt, große Bälle oder eine Umrandung für einen Steingarten, der in einer Spirale in sich zusammenlief.

Es gab so viel zu sehen, soviel zu bestaunen. Meine Augen konnten sich nicht Entscheiden, welches Wunderwerk sie zuerst bestaunen sollen, … als … die schönsten Rosen der Welt mein Blickfeld kreuzten.

„Wwooow!“, stoß ich vor hervor. Sie waren feuerrot und faustgroß und strahlten eine ungemeine Anziehungskraft aus.

Wie konnte man nur solch ein Wunderwerk erschaffen? Es war mir unbegreiflich. Dieser prächtige Strauch war Meter hoch, und über und über mit diesen großartigen Rosen besetzt, die sich über etwas Befremdlichen schlängelten.

„Wunderschön“, hauchte ich und Schritt darauf zu. Behutsam fuhr ich mit den Fingerspitzen über die Blätter, die sich wie Seide anfühlten und fast unecht leuchteten.

Langsam löste ich meinen Blick von dem einzigartigen Gewächs und schaute auf das eiserne Ding, das sich dahinter befand. Es war ein altertümliches Tor aus Eisen und einem abgerundeten Griff.

Eigenartig, … bemerkte ich, als ich genau dieselben merkwürdigen Muster und Schriftzeichen, wie an der Tür daran entdeckte. Und genau wie vorher konnte ich es mir nicht erklären, was sie bedeuteten. Doch auf eine unerklärliche Weise waren sie mir vertraut.

Ich fuhr die Rundungen mit den Fingerkuppen nach und fühlte mich von ihnen wie ein gesaugt. Je länger ich sie betrachtete, desto mehr verfiel ich in diesen tranceähnlichen Zustand und glaubte eine weit entfernte Stimme zu erhören, die mich zu sich rief.

Langsam legten sich meine Finger über den Türgriff dieses antiken Tores und drückten ihn runter. Doch die Tür bewegte sich nicht. Nicht vor und nicht zurück.

Ich versuchte es noch ein Mal, doch sie rührte sich nicht. Also schaute ich mich um, und beschloss weiter zu gehen. Schließlich gab es noch eine Menge zu entdecken, denn dieser Garten schien enorm zu sein.

Ich wandte mich ab, schon das nächste sehenswerte Objekt im Visier, als plötzlich ein leises Quietschen mich erschrocken herumfahren ließ.

Was war das?! Erschrocken sah ich wieder zum Tor.

Es stand offen. Sperrangelweit!

War es doch offen gewesen?; überlegte ich. Vorsichtig näherte ich mich und schaute auf den dahinter liegenden Wald.

Ich sah nichts Ungewöhnliches, es war nur ein Wald. Doch je länger ich durch dieses Tor blickte, desto mehr verlor ich mich darin und hörte eine leise Stimme … Sie rief nach mir … rief meinen Namen. In einen lockenden Gesang.

Leicht am Rande merkte ich, dass ich mich bewegte, nahm es aber nicht richtig wahr.

>>Annabelle, … komm her Annabelle … komm mit mir Annabelle … Ich verspreche dir, es wird alles gut, … vertrau mir … <

„Wer bist du?“, hörte ich mich sagen, jedoch klang es so weit entfernt.

>> … Mach dir keine Gedanken darum, wer Ich bin, Annabelle. Es ist einzig und allein wichtig, wer du bist … <<, sagte die Stimme. >> … Folge mir Annabelle … <<, lockte sie mich.

 

 

 

3

 

 

 

Kapitel 3

 

 

 

 

Ein warmes Gefühl umhüllte mich. Wie in Trance folgte ich einen Pfad, in Zuversicht dort etwas zu finden, wonach ich suchte. Obwohl ich nicht wusste, wonach ich suchte.

Doch die Stimme sagte mir, dass es richtig und dass es wichtig war. Ich konnte mir nicht erklären wieso, aber ich vertraute ihr. Sie klang so ehrlich und wohltuend. Also folgte ich ihr und stellte keine Fragen.

Bis … sie irgendwann nicht mehr, zu vernahm war, und der Dämmerzustand, in dem ich mich befand, seine Wirkung verlor.

Wie aus einer Trance erwacht, katapultierte es mich wieder zurück in die Wirklichkeit, in der ich registrierte, wo ich mich tatsächlich befand …

Und zwar umringt von hohen, gekrümmten Bäumen, mitten in einem dunklen Wald!

 

„Was zum …?“,stoppte ich abrupt und blickte mich um. Kalter Angstschweiß lief mir den Rücken runter. Was hatte dies zu bedeuten?

„Verflucht! … Was soll das?“ Meine Gedanken überschlugen sich vor aufsteigender Panik. Ich schaute mich ringsum um, und schluckte.

„Wo … wo bin ich?“, flüsterte ich.

Mein Herzschlag verdreifache sich vor Angst, während ich nach einer Erklärung für das hier suchte, jedoch keine fand, denn in meinem Kopf herrschte ein heftiges durcheinander. „Scheiße …“

Bang blickte ich von Seite zur Seite, nahm die moderige Umgebung um mich herum wahr, in dem bemühen das Chaos in mir zu bändigen, und die vielen Stimmen, die immer und immer wieder, durcheinander dieselben Fragen stellten.

>>Wo bin ich? Wie bin ich hergekommen? In diesen … Wald!<<

 

Die düstere Atmosphäre verunsicherte mich, besonders als ich zu den Baumkronen hinaufschaute, die praktisch kein Licht durchließen. Wie in einander verflochten schlossen sie alles in sich ein. So was hatte ich zuvor noch nie gesehen.

Ich ließ meinen Blick wieder sinken. Das alles war doch nicht normal, träumte ich?

Das konnte nur ein Traum sein, denn alles andere wäre absurd. Jedoch fühlte sich das hier nicht wie ein Traum an.

Das knirschen des Laubes unter meinen Füßen, das gruselige kratzen, das aus einer undefinierbaren Richtung zu hören war, genauso wie die schrillen Laute, die diese ganze Umgebung erfüllten, und nicht zu vergessen, das Herz, das mir vor Angst in die Hose rutschte …

„Scheiße …“, wiederholte ich mich.

Meine Blick zuckte von Baum zu Baum, unfähig sich auf eine Stelle zu konzentrieren da nur hier und da vereinzelte Sonnenstrahlen, zu erfasste waren, und die Umrisse gewölbter furchterregender Bäume, sowie hohen Tannen und wild durcheinander wachsenden Gestrüpp überall mein Sichtfeld einnahmen.

 

Zittrig fuhr ich mir durchs Haar, bekam kaum Luft, schaute panisch umher, und stolperte schließlich nach hinten, bis ich gegen einen Baum stieß.

Verflucht was lief hier eigentlich ab? War es jetzt soweit? Drehte ich jetzt vollkommen durch?

Pures Entsetzen schlich sich mir ins Gesicht, als ich über diese erdrückende Dunkelheit des Waldes blickte und erschauderte.

 

Wieso konnte ich mich an nichts erinnern?

Wie bei einem Blackout, waren die vorigen Ereignisse, und somit auch die Antwort, wie ich mich auf einmal in einem düsteren Wald vorfinden konnte, ausgelöscht, was die aufkeimende Panik in mir nur verstärkte.

„Nein, nein, nein, nein, nein …“, brabbelte ich abwehrend und sank, unter schlotternden Knien den Baumstamm hinter mir herunter. Das alles konnte nicht real sein. Es war garantiert ein Produkt meiner Fantasie, versuchte ich mir einzureden. Denn obwohl diese Erklärung auch nicht gerade gut klang, denn das hieße, das meine vorherigen Befürchtungen den Verstand zu verlieren sich bewahrheitete, klang es immer noch besser, als den Gedanken zu zulassen, dass das hier alles Echt war! Verrückt zu werden klang in diesen Moment gar nicht mal so schlecht.

War nicht das Akzeptieren des Problems, der ersten Schritt in die richtige Richtung? Hatte ich zu mindestens mal gehört, und … ICH AKZEPTIERTE ES!

Jetzt musste es nur ein Ausweg geben!

 

„Okay Ann, keine Panik. Du warst bei der Führung, das ist schon Mal Fakt!“ Zittrig rieb ich mir die Stirn und schaute über das schattige Gestrüpp. Ein Schaudern lief mir den Rücken runter.

„Verdammt, von der Führung in den Wald katapultiert, … wie geht das denn?“

Es war mir einfach unbegreiflich. Sollte das alles tatsächlich ein Traum sein, musste ich nur wieder aufzuwachen. Denn das hier war nicht einer meiner Träume, auf den ich mich freute. Ganz gewiss nicht.

Dieser hier jagte mir unheimliche Angst ein. Jedoch beschlich mich allmählich das ungute Gefühl, das ich nicht träume.

Die harte kalte Erde auf der ich saß und der raue Baum gegen den ich meinen Rücken presste, sowie alles andere um mich herum, waren viel zu präsent, zu real.

Ich fuhr mit der Hand über den Boden und sammelte etwas Laub ein.

Es war kein Traum, wurde mir sofort bewusst!

Die verwelkten nassen Blätter zwischen meinen Fingern, die dreckige Spuren an ihnen hinterließen und die feuchte Erde waren … echt.

„Oh Verdammt …“, schluckte ich. Ich war tatsächlich hier! In diesen Wald! Mein Blick schreckte hoch …

Mist! Ich wurde nicht verrückt und dies war auch kein Traum! Was sollte ich nun tun?

Ich musste mich doch an irgendwas erinnern können. Doch gerade jetzt kam mir mein Gedächtnis nur wie ein löchriges Sieb vor.

Hier und da ein paar Bruchstücke, beileibe nicht genug, um zu verstehen, was vorgefallen war!

„Okay …“, beruhigte ich mich, in dem ich tief und lang ausatmete, sammelte die einzelnen Bruchstücke im Kopf ein und versuchte sie wie Puzzle teile zusammen zusetzten.

Ich erinnerte mich an sie Führung, das war schon Mal gut. Jetzt musste ich nur, die vergangenen Stunden wieder zusammensetzen, um zu begreifen, wie ich her kam.

Ich schloss die Augen, lief im Geiste die letzten noch verbleibenden Fragmente dessen was ich noch wusste, durch – vom eintreffen auf den Schlossgelände, bis zu meinen mysteriösen Blackout –, Gang um Gang rekonstruierte ich meinen Weg durch die Flure. Die Führung, Mrs. Williams, die nervtötende Cassandra, … als das Bild einer Frau plötzlich vor meinen Augen aufblitzte.

Das Gemälde! Ja natürlich!

Langsam kam es Stück für Stück wieder. Wie ich meine Klasse verlor, und auf der Suche nach ihnen durch viele Flure rannte. Aber an dieser Stelle stockte ich plötzlich, weil ein überraschendes Poltern mich hochschrecken ließ.

Krampfhaft schaute ich über das Laub, und zuckte im nächsten Moment schreckhaft zusammen, als etwas Kleines, Flinkes, durch den blattreichen Waldboden schoss.

Ich hielt die Luft an und sah wie es einen Baum hinauf sauste.

Oh Gott! Erleichtert atmete wieder aus. Es war nur ein Eichhörnchen.

„Du blödes Vieh!“, sah ich ihm finster nach, wie es in der Baumkrone verschwand und konzentrierte mich wieder auf das wesentliche.

„Okay, … ich muss hier raus.“

Wie auch immer ich an diesem Ort gelandet war, ich musste, schnellstens einen Weg finden, hier wieder zu verschwinden.

Doch das war leichter gesagt, als getan. Denn bei genauer Betrachtung, war nichts zu entdeckten, das einer Straße, einem Pfad oder einem Weg, auch nur im Entferntesten glich.

Ratlos ließ ich den Blick über das düstere grün schweifen, sammelte meinen Mut zusammen und richtete mich zögerlich wieder auf.

Soweit so gut, dachte ich.

Aber wohin sollte ich gehen? In welche Richtung?

Diese Situation überforderte mich. Wie sollte man sich in so einer Lage verhalten? Wie sollte man entscheiden, wo man anfing, wenn eine Richtung genauso Angst einflößend aussah, wie die andere.

Komm schon Ann, lass dich nicht entmutigen, baute mein Unterbewusstsein mich auf. Irgendwo hat alles ein Ende, auch dieser Wald!

Ich atmete stockend aus, rückte meine Tasche zurecht und überblickte sicherheitshalber noch einmal das dichte Gestrüpp, bevor ich vorsichtig einen Schritt vor den anderen setzte, und nach vorn marschierte.

 

Es war mir ein großes Rätsel, welches ich nicht lösen konnte, wie ich hierher kam, und dies machte mich verrückt. Diese Erinnerungslücken machten mich verrückt. Besonders, da es das merkwürdigste war, was mir je passierte.

Wachsam behielt ich diese gruselige Umgebung im Auge, bewegte mich vorsichtig durch den matschigen Waldboden. Suchte nach Anzeichen, irgendwas, das mich schneller aus dieser Misere hinaus befördern würden.

Egal was.

Ein Wegweiser oder ein Pfad, etwas an dem ich mich orientieren konnte, und erkannte, das bereits jemand schon einmal vor mir hier gewesen war. Denn ganz offensichtlich war dieser Wald unberührt. Die Natur breitete sich hier in vollen Zügen aus. Was in mir die erschreckende Vermutung erweckte, dass sich seit längerem schon niemand hierher verirrt hatte, und dass ich der erste Mensch war, der durch diesen schlammigen Boden schlurfte.

 

Okay …, versuchte ich es erneut mein Gedächtnis anzukurbeln.

Ich durchkämmte also die Flure, auf der Suche nach meiner Klasse, … fand aber niemanden, und dann …

Konzentriert arbeitet ich mich durch meine löcherigen Erinnerungen, als auf einmal eine Tür vor meinem geistigen Auge auftauchte.

Wie angewurzelt blieb stehen. „DIE TÜR! Genau!“, rief ich fast euphorisch aus.

Die zahlreichen seltsamen Zeichen und Muster, die an ihr abgebildet waren, schossen mir wieder in Erinnerung. Genauso wie das, was sich hinter dieser merkwürdigen Tür befand …

Der Garten …

So etwas wie ihn, hatte ich noch nie zuvor gesehen. Doch auch wenn der Garten sich mit all seiner Pracht wirklich schön war, nicht er war es, der sich in mein Gedächtnis einbrannte, sondern … die Rosen!

Ihre wunderschöne Pracht war selbst jetzt vor meinen Augen präsent. Ich konnte sie praktisch spüren und riechen. Sie waren das Letzte, was sich in meinem Gedächtnis verankerte, danach war nichts, nur ´Leere.

 

„Oh man.“ Ich mir fuhr mit erschöpft übers Gesicht. Es konnte doch nicht sein, das ich gar nichts mehr wusste.

Ich blickte resigniert über das Gestrüpp, und zwang mich weiter zu marschieren, während ich alles versuchte, um mir auch den Rest ins Gedächtnis zu rufen. Aber das Einzige was mir dabei wirklich von Bedeutung erschien, waren diese Rosen und das Bild dieser Frau, an deren Namen ich mich nicht erinnern konnte.

 

>>>Blanche<<<, streifte ein leises Hauchen mein Ohr.

 

Ich blieb stehen, sah mich wirr um. Ich war sicher, ich hatte etwas gehört. Jedoch war ich vollkommen allein in diesen gruseligen Wald. Überall nur diese düsteren Bäume, lautes Vogelgezwitscher und unheimliche Geräusche, wie Knacksen, Kratzen und Zirpen.

Also schön, ich schien allmählich zu halluzinieren. Nicht gut, aber verständlich. Ich war verwirrt und verängstigt und hinzu auch noch desorientiert. Alles zusammen dennoch kein Grund um stehen, zu bleiben, ich musste weiter, musste hier schnellstmöglich raus!

Also verdrängte ich das mulmige Gefühl so gut es ging und marschierte los.

 

Das Verdrängen funktioniert nur eine Zeitlang, denn schon bald sah ich den Wald wieder, wie er wirklich war, und zwar schaurig!

Manche Bäume überschnitten sich, wirkten fast ineinander verwachsen, und ließen kaum die Sonne durch.

Irgendwie fand ich die ganze Szenerie einem schlechten Horrorfilm entsprechend. Und das wilde Geschrei der Vögel über mir, bestätigte dies.

Die ganze Umgebung erinnerte mich stark an Blair Witch Projekt. Einen Horrorfilm, den ich mir eines Nachts reingezogen hatte, als Mum wieder Mal bei der Nachtschicht, war.

Die düstere Atmosphäre und die gespenstischen Geräusche, die aus verschiedenen Richtungen mit einem Echo zu mir drangen, waren mehr als Furchterregend. Und auch der moderige Geruch, der in die Nase stieg, weil die Erde an manchen Stellen feucht war, passte. Alles im einem, der perfekte Hintergrund für einen Gruselfilm. Fehlte nur noch eine Videokamera, dachte ich, dann wäre das Gruselfeeling perfekt.

Ich schluckte schwer, und blickte durch die gebrechlichen Äste.

Oh Gooott! Warum musste ich ausgerechnet jetzt auf solche Gedanken kommen! Als ob es nicht schon unheimlich genug war!

Innerlich schlotternd schob ich die schaurigen Bilder aus meinem Kopf und versuchte, auf andere Gedanken zu kommen.

Ich konzentrierte mich stattdessen auf meine Erinnerung, suchte nach einem Rückblick, der über diese Rosen hinausging. Doch es schien wie blockiert, ließ mich nicht durch.

Ich stand quasi vor einer mentalen verschlossenen Tür, die einfach nicht aufgehen wollte, egal wie sehr ich an ihr rüttelte.

Langsam bekam ich Kopfschmerzen, und das Gefühl die Nerven zu verlieren. Es war alles so verworren und nebelhaft, das es kaum zu ertragen war.

 

Allmählich fröstelte es mich, und ich bereute es meine Jacke im Tourbus liegen gelassen, zu haben. Jetzt hätte ich sie auf alle Fälle gebraucht. Aber anders gesehen, wenn ich gewusst hätte, dass ich in einen Horror Wald aufwache würde, wäre mir ein GPS lieber gewesen.

Doch das brachte mich jetzt auch nicht vorwärts. Ich musste weiter, durfte nicht stehen bleiben. Also zwang ich mich durch den schlammigen Boden zu marschieren, und wich hier und da ein paar Pfützen aus.

Die Erde war an manchen Stellen pampig und blieb an meinen Ballerinas kleben.

Ich streifte mir den Dreck an einem herumliegenden Baumstamm ab, und überlegte, wie wohl die Quoten für die Menschen standen, die sich hoffnungslos in einem Wald verirrt hatten? Wie viele davon hatten es wohl lebendig heraus geschafft?

Also wenn man kein Überlebenstraining absolviert hatte, standen die Chancen wohl ziemlich gering.

Ich atmete tief durch, und schaute durch das dicht bewachsene Gehölz.

Wo war ich bloß?!

 

Seit Stunden wanderte ich bereits durch diesen düsteren Wald und konnte keinerlei Veränderung feststellen. Wohin man auch blickte, oder wohin man auch ging, alles sah identisch aus. Einfach hoffnungslos hier heraus zu finden.

Aber ich war noch nicht bereit aufzugeben, holte mein Handy aus der Tasche … Es war klar, dass ich hier kein Empfang haben würde, aber ich wollte wenigstens die Uhrzeit wissen, auch wenn ein kleiner Teil von mir hoffte, wenigstens einen Empfangsbalken zu entdecken.

Ich drückte den –An-Knopf …das Ding ging nicht an! „Was?“, …

Ich drückte noch mal, und noch mal. Es passiert nichts.

„Na Super! Perfekt! Akku leer! Das gibt’s doch nicht!“, rollte ich grimmig mit den Augen. Ich hatte es gestern doch voll aufgeladen, wie konnte das sein? Deprimiert schaute ich mich um, legte genervt das Handy wieder zurück in die Tasche.

„Okay weiter, nur nicht in Panik geraten. Du darfst bloß nicht stehen bleiben!“, redete ich mir gut zu, atmete stockend aus und marschierte weiter.

 

Ich war absolut kein Waldmensch, was damit zusammenhing, dass ich mich nie, mit dem Wald auseinandersetzten, musste.

Man konnte nicht behaupten das New York vom dichten Wald umgeben war, eher von riesigen Wolkenkratzern. Was jedoch auch einem Wald ähnelte. Weshalb ich an solche Wanderungen nicht gewöhnt war, und Camping, war das reine Grauen.

Ich weiß noch, als Dad noch lebte, sind wir Mal mit ein paar seiner Freunden zu einer Wanderung gefahren.

Das war das erste und letzte Mal. Danach habe ich mich mit Händen und Füssen gewehrt. Ich bekam kein Auge zu, überall diese polterten Geräusche, der harte Boden und die Angst, dass irgendwelche Viecher auf dem Boden herumkrabbeln konnten. Das war nichts für mich und meine Mutter. Wir blieben lieber zu Hause in unseren weichen und sicheren Betten, während Dad es genoss, an ein paar Tagen im Jahr mit seinen Kumpels auf Wandertouren zu gehen.

Nein, der Wald war absolut nicht meine Welt, da war ich mir sicher.

Nachts in der freien Natur, unter all den Viechern und Tieren, … ich bekam schon bei dem Gedanken daran eine Gänsehaut.

Aber anderseits, was blieb mir anderes übrig, wenn ich es nicht rechtzeitig hier raus schaffen würde. Ich ekelte mich jetzt schon.

Apropos Ekel, dachte ich an Cass, wenigstens musste ich sie nicht ertragen, was ein riesiger Pluspunkt war. Mir waren die ekligen Viecher wesentlich lieber, als ihre bescheuerten Kommentare.

Gott, sie konnte einen manchmal so dermaßen, auf den Wecker gehen.

Wie hielten die anderen es nur mit ihr aus?

 

Mein Magen knurrte, was mich erkennen ließ, dass es wahrscheinlich Essenszeit sein musste. Die anderen saßen jetzt bestimmt gemütlich in einer warmen Cafeteria und schlugen sich die Bäuche voll. Das Wasser lief mir im Mund zusammen, bei dem Gedanken an eine warme Mahlzeit. Welche, war mir egal. Bei dem Hunger den ich gerade verspürte, war ich nicht sonderlich wählerisch.

Ich nahm meine Tasche nach vorn, in der Zuversicht dort etwas zu finden, was ich zu meiner großen Erleichterung auch tat. Die Karamell Bonbon, die ich vorhin im Kiosk gekauft hatte, eine kleine Flasche Wasser und zwei streifen Kaugummis. Na ja, besser als nichts!

Schnell wickelte ich mir ein Bonbon auf, und legte es mir in den Mund. Lecker!!! Ich ließ mir das Karamell auf der Zunge zergehen, nahm noch einen kleinen Schluck aus der Wasserflasche, die ich mir von zu Hause mitgenommen hatte und packte sie wieder weg.

Lange würde dieser Vorrat aber nicht reichen, musste ich mir eingestehen.

Etwas Müde blickte von Links nach rechts, überlegte welchen Weg ich nehmen sollte. Doch ob links oder rechst, es sah alles gleich.

Da hätte man auch –Ene, Mene, Muh- spielen können, auf Gut Glück. Fazit, das Ergebnis wäre dasselbe.

„Gut, versuchen wir es mit rechts“, entschied ich mich, steckte das Bonbonpapier an einen Baum, als Wegweiser, damit ich wusste, ob ich mich im Kreis bewegte oder nicht und kämpfte mich weiter durch.

 

Eine ganze Weile verging. Ich achtete auf die Bäume, doch weit und breit war kein Papierchen, also lief ich wohl doch nicht im Kreis.

Gott sei Dank! Wenigstens etwas!, atmete ich erleichtert aus.

Aber lief ich jetzt noch tiefer in den Wald, oder zum Waldrand?

Ratlosigkeit machte sich bei mir breit. Also als Pfadfinder hätte ich kläglich versagt, das war sicher.

Ich hatte den Eindruck immer tiefer in den Wald hinein zu laufen, denn ich bemerkte keinerlei Veränderungen. Es war immer noch alles dunkel und Düster.

Ich hätte doch lieber Links gehen sollen, überlegte ich.

Aber jetzt war es zu spät. Auch wenn ich wollte, würde ich den Weg zurück nicht mehr wieder finden.

Langsam verließ mich die Hoffnung. „Ich finde hier nie raus“, blieb ich stehen, und schaute entmutigt von Seite zu Seite.

Irgendwie war mir zum Heulen zu Mute. Es waren schon mehrere Stunden vergangen, und ein Ende des Waldes war immer noch nicht in Sicht. Einfach hoffnungslos, ich würde hier sterben und keiner würde es je erfahren!

Was sollte ich tun? Sollte ich mich einfach hinhocken und auf Hilfe warten? Oder weiter nach einem Ausweg suchen(?), überlegte ich erschöpft.

Es war zum Haareraufen, denn überall waren nur diese Bäume, deren Ende nicht ein mal im Entferntesten in Sicht war.

 

>>>Nicht stehen bleiben<<<, vernahm ich wieder ein Hauchen und hielt vor Schreck die Luft an.

Das war vorhin doch keine Einbildung, erkannte ich starr vor Angst. Zuckte mit den Augen über die Umgebung, da ich mich nicht, traute den Kopf zu bewegen.

„I-ist h-hier j-jemand?“, schaute ich mich zaudernd um. Konnte aber nichts und niemanden entdecken.

„Verflucht, ich werde Irre!“, zitterte ich innerlich wie äußerlich und hörte erneut diesen leichten Windhauch an meinem Ohr. >>>Laaaauuuuf<<<

„RAUS HIER!“, schrie ich Panik gepackt, ergriff meine Tasche am Riemen und rannte wie von Blitz getroffen los.

Ich achtete nicht wohin ich rannte, Hauptsache weg! Weg von dem gespenstischen Ort. Meine Beine bewegten sich fast von alleine. Wie ein Langstreckenläufer gab ich Vollgas, bloß um weit genug, zu kommen.

Ich sprintete um die Bäume, durch die Pfützen und bekam allmählich keine Luft. Doch der Wald nahm immer noch kein Ende. Meine Lunge streikte, also versteckte mich hinter einen großen Baum und spähte bibbernd hinter ihm hervor.

Es war nichts zu sehen, genau wie vorher auch. Dennoch war ich mir vollkommen sicher, dass dort irgendetwas war.

Was, kein Ahnung, aber es war definitiv da.

 

„Was war das?“, flüsterte ich außer Atem. Mein Herz donnert dermaßen Stark gegen die Brust, dass es Weh tat.

Verflixt, dieser Wald war nicht Normal. Irgendwas stimmte hier ganz und gar nicht.

Erstens nahm er kein Ende, war Riesen groß. Und da ich – meiner Vermutung nach – mich immer noch in der Nähe des Schlosses befinden musste, war das merkwürdig. Denn eigentlich dürfte es hier gar keinen Wald geben, soweit ich wusste.

Also woher zum Teufel, kam dann dieser Wald her? Und wie bin ich in ihn geraten(?), tat sich wieder die Frage auf, als ein Wiehern mich aufgeschreckt wieder nach vorn blicken ließ.

Was war das? …, erstarrte ich, hielt den Atem an, blieb ein Moment still, als es erneut ertönte.

Ein Pferd? Konnte das sein?

Ich schaute mich um, versuchte zu erkennen, woher es kam. Doch wohin ich auch blickte, waren nur diese verflixten Bäume, zu sehen. Das war einfach zum zu verrückt werden(!!!), schimpfte ich und hörte es noch einmal.

Dort!!!!, schrie ich innerlich Euphorisch auf. Schmiss meine Tasche mit Schwung auf den Rücken und rannte los.

Gott sei Dank, ich war gerettet!

Alle Vorsicht außer Acht, stürmte ich durch die peitschenden Zweige und Büsche.

Ich komme hier raus!, war der einzigen Gedanke, der mich stetig schneller werden ließ, da das Traben immer lauter wurde, und dies meine Hast nur verstärkte. Die Tasche hinter mir, schwappte wild hin und her. Ich klemmte sie unter den Arm, während ich mit der anderen Hand, die Büsche und Äste aus dem Weg räumte und mich so fieberhaft, um die zahlreichen Bäume manövrierte und eine Lichtung vor mir erspähte.

Ich war fast da!

Blitzschnell kämpfte ich mich durch den letzten Busch, kam keuchend auf die Lichtung gestürmt.

„Hallo, … warten Sie … bitte. Ich brauche … Hilfe!“, hechelte ich vorgebeugt raus, weswegen ich auch nicht sofort erkannte, was vor mir stand.

Ich atmete noch ein paar Mal tief aus, und schaute voller Zutrauen hoch, als die Luft in mir stockte … „Ach du Scheiße …“, klappte mir sofort die Kinnlade runter. Was war denn das?!

Auf der Lichtung, durch die sich ein langer Pfad schlängelte, stand eine beträchtliche Anzahl von Männern auf Pferden. Und wenn ich beträchtlich sagte, meinte ich, dass ich kein Ende sah. Allerdings war das nicht dass merkwürdige, viel seltsamer war ihr Aufzug.

Seit wann waren denn Rüstungen und Kettenhemden wieder in Mode?, blinzelte ich wirr durch.

„Hammer!“, hauchte ich erstaunt, und sah von einem zu anderen. Ich musste zugeben, dieser Tag wurde immer Verrückter. Es reichte nicht, dass ich wie aus heiterem Himmel in einen Wald katapultiert wurde, jetzt traf ich auch auf King Arthur und seine Ritter? Also irgendjemand machte sich doch einen gewaltigen Scherz mit mir.

 

Ich brauchte noch einen Moment um mich wieder zu sammeln, bevor ich etwas sagen konnte. Allerdings wusste ich überhaupt nicht, was ich sagen sollte. Die Jungs hatten mir komplett die Sprache verschlagen. Aber auch von ihnen kam kein einziges Wort, nur ein lautes Gemurmel.

Okay, ich räusperte mich, bevor ich zaghaft das erste Wort ergriff.

„Ähm, … Hi …!“, stieß ich skeptisch hervor. Mehr fiel mir im Moment nicht ein. Ich mein, … was würdet ihr davon halten, wenn auf einmal, SO ETWAS, vor euch steht? Ich zu mindestens war sprachlos.

Irritiert schaute noch mal durch ihre Reihen und versuchte zu kapieren, warum zum Teufel sie so angezogen waren? War heute irgendwas Besonderes los?

Klar wir waren in der Nähe eines historischen Schlossen, was allerdings immer noch kein Grund war, sich so herauszuputzen; dachte ich, als mir Mrs. Adams Worte einfielen.

Ooh, ja klar, der Festumzug! Wie konnte ich das vergessen?

Das musste ein Theaterverein sein, der bei diesem Umzug teilnehmen sollte, enträtselte ich das Schaubild vor mir und fühlte, wie Erleichterung über mich einbrach.

In Ordnung, ich musst gestehen, das diese authentischen Kostüme und ihren dazu passenden grimmigen Gesichter, ziemlich beeindruckend aussahen. Die Kostüme wirkten so echt aus, dass sie wahrscheinlich ein Vermögen gekostet hatten. So was konnte man bestimmt nicht in der Shopping Mall kaufen. Das sah nach echter Handarbeit aus, und so geschichtsträchtig. Echt glaubwürdig. Respekt!

Die Jungs würden garantiert heute jeden die Show stehlen, ausnahmslos, schmunzelte ich, als ich sie genauer betrachtete.

Aber jetzt, da ich wusste, wer diese in Eisen gequetschten Typen waren, wurde mir auf einmal zum Lachen zumute.

Na gut, dachte ich, besser als nichts. Räusperte mir das Grinsen weg und machte ein paar Schritte auf sie zu.

„Ehrlich! Ihr seht …, na ja, wirklich überzeugend aus“, sagte ich und presste die Lippen aufeinander, ansonsten hätte ich sofort losgelacht. „Aber meint ihr nicht, ihr übertreibt es etwas, mit der Authentizität?“

Ich blickte über die echt wirkenden Schwerter und belächelte die Szenerie vor mir, während ich den aufsteigenden Lachanfall unterdrückte.

Allerdings bekam ich keine Antwort, konnte die mich überhaupt verstehen?

„Wie dem auch sei, könnt ihr mir vielleicht sagen, in welche Richtung es zum Windsor Castle geht. Wir haben heute eine Führung dort und ich weiß nicht wie, aber ich habe mich wohl verlaufen. Kann mir vielleicht jemand sagen, wo ich hier gelandet bin?“, fragte ich wartend auf eine Antwort.

Mit irritierten Gesichtern beäugte mich die Truppe, antworteten aber nicht.

In Ordnung, warf ich einen skeptischen Blick über die schweigende Gesellschaft und musste wieder schmunzeln. Ehrlich, das war einfach zu herrlich. Ich konnte mich einfach nicht beherrschen.

Sie sahen so echt aus, dass ich diejenige war, die sich hier fehl, am Platze fühlte. Doch ich bekam keine Antwort. Also entweder verstanden sie mich nicht, oder sie taten nur so. Wollten wohl echt rüber komme. Meinetwegen, spielte ich halt mit.

„Hat … einer … von … euch … vielleicht … ein … Handy?“, versuchte ich es mit Zeichensprache. „Dann … könnte … ich … meine … Mum … anrufen“,-oder wenigsten meine Lehrerin, die gerade wahrscheinlich einen Herzanfall bekam, dachte ich, sagte es aber nicht laut.

Ich wartete auf eine Antwort, doch nichts, sie starrten mich nur an.

Also langsam verließ mich der Mut, denn außer, dass sie mich verwundert musterten, war keine Reaktion erkennbar.

„Na ja“, sagte ich leicht entmutigt, da sie mich dem Anschein nach wirklich nicht verstanden und schürzte die Lippen. „Ist vielleicht auch etwas schwer ein Handy in so einen Blechanzug zu verstauen. Und wenn es dann klingelt, wär’s mit der Authentizität dahin, was?“, seufzte ich.

Das Grinsen und der Hoffnungsschimmer schwanden aus meinem Gesicht. Denn endlich hatte ich, nach Stunden langen herumirren jemanden gefunden, der mir helfen konnte und keiner von denen sagte ein Wort.

Dies war mehr als deprimierend.

„Okay, ihr könnt also kein Englisch …“, schloss ich aus daraus und überlegte, was ich noch tun könnte, um mich mit ihnen zu verständigen. Vielleicht sollte ich es mit Französisch versuchen. Ich mein, … wer wusste es schon, vielleicht waren es ja Franzosen.

Mein Französisch war zwar nicht perfekt, aber es musste reichen um ihnen meine Lage zu erklären.

„Okay Jungs, …“ Ich ließ meinen Blick über die Männerschar wandern und rieb mir die Hände, während ich mir ein paar Wörter, zurecht legte.

„Parlez-vous français? …“, fragte ich und schaute Hoffnungsvoll auf.

Doch noch immer nichts. Aber ihr Gemurmel wurde lauter, als sich plötzlich einer auf seinem Pferd erhob und Lautstark nach hinten rief.

„Sire, wir haben hier ein Problem!“

Wie bitte?!, riss ich empört die Augen auf. Ein Problem? Die hatten sie doch nicht mehr alle! Wenn sie mich verstanden, warum antworteten sie nicht?

Irritiert folgte ich den Blick des Mannes und entdeckte drei Reiter, welche die Nachhut bildeten und nun auf uns zu geritten kamen – ganz in Rüstung vom Kopf bis Fuß und einem schwarzen Umhang, der im Wind flatterte.

Merkwürdig!, betrachtete ich sie und fühlte, wie sich ein mulmiges Gefühl in mir ausbreitet. Denn bei genauer Betrachtung konnte ich, nicht einmal ihre Gesichter erkennen.

Die drei stoppten bei dem Soldaten, der mit seiner Hand in meine Richtung wies und ihnen etwas erklärte.

Von so weit entfernt, konnte man sie nicht genau erkennen, allerdings das, dass sie unterschiedlich gekleidet waren, denn ihre Rüstungen sahen sehr viel extravaganter aus, als die der anderen. Der Vordermann war komplett in Schwarz gekleidet, wogegen seine beiden Begleiter in Silber schimmerten.

Ich bemerkte, dass der Schwarzvermummte, ein paar Mal herüber schaute, nickte, als er plötzlich die Zügel seines Pferdes umriss und auf mich zu geritten kam.

O-ooo, schluckte ich, da sich ein extrem schlechtes Gefühl in mir breit machte, als diese schwarze Gestalt sich im rasenden Tempo, auf mich zu bewegte und unmittelbar vor mir an den Zügeln zog, was das Pferd auf wiehernd zum Stillstand brachte.

 

Wow, starrte ich wortlos hoch zum schwarzen Helm.

Ich brauche einen Moment, um mich wieder, zu fangen, da seine Gestalt mich komplett aus der Bahn warf.

Auch er blieb erst mal still, musterte mich und sprach dann plötzlich ohne sich von mir ab zuwenden.

„Aber Wilson, das ist doch kein Problem. Das ist nur ein kleines Mädchen“, rief er zu seinen Männern. „Zugegeben, ein seltsam Gekleidetes, …“, ließ seinen Blick über mich gleiten. „… aber definitiv ein Mädchen“, fügte er auflachend hinzu.

Ach ja? Ich war hier diejenige, die seltsam gekleidet war?, blinzelte ich verdutzt auf. Hatte er heute Morgen überhaupt in den Spiegel gesehen, als er sich angezogen hatte?, formte ich stumm die Frage.

Er schob sein Visier hoch und sah mir amüsiert entgegen.

Besser, viel besser, atmete ich erleichtert aus. Denn das Gesicht hinter dem Angst einflößenden Maske, zu sehen, entspannte mich.

Keine Ahnung, was es war, vielleicht seine dunkelblauen Augen, die mich Sanftmütig anstrahlten, oder das vertrauenerweckendes Lächeln, das mich allmählich ansteckte, was auch immer es war, es schien mir vertraut.

„Seid gegrüßt junge Lady“, sagte er, stieg vom Pferd und nahm seinen Helm ab. „Können wir Euch irgendwie behilflich sein?“

Hey, der sah ja gar nicht Mal so übel aus, stellte ich überrascht fest. Dunkelblond, blaue Augen, groß und anscheinend auch Muskulös. Ich blickte über den schwarzen Umhang, den Brustpanzer, bis hinunter zu den Beinschützern. Irgendwie kam man sich automatisch ins Mittelalter versetzt.

„Milady?“, zog er wartend eine Braue hoch.

„Wie bitte?“ Zerstreut sah ich auf.

„Mir scheint, Ihr habt Euch verirrt!“, sagte er wachsam.

„Oh ja klar, und wie!“, erwiderte ich leicht fahrig von seiner Ausdrucksweise, die mich nun zum schmunzeln brachte.

Ich ließ meinen Blick noch Mal kritisch über seine schwarze Rüstung wandern.

Irgendwas daran kam mir seltsam bekannt vor. Jedoch brauchte ich nicht lange zu überlegen, denn die Geschichte von Mrs. Williams, drängte sich sofort in meine Erinnerung, vom Edward von … sowieso, den schwarzen Prinzen.

War er in ihrer Schilderung nicht auch komplett in schwarz gekleidet?

Also schwarz passt schon mal, schaute ich ihn von Kopf bis Fuß an und rief mir dabei den kleinen Teil seines Lebenslaufs herbei.

 

„Hey, ihr seid eine wirklich authentische Truppe, das muss man euch lassen“, sagte ich immer noch grinsend. „Seid ihr so was wie eine Theatergruppe?“

Ich blickte über die verkleideten Männer im Hintergrund.

„Ich verstehe nicht“, erwiderte er verwirrt.

„Theatertruppe, du weißt schon. Du sollst, wahrscheinlich den Edward von …, na wie hieß er noch gleich?“

Mist! Der Name fiel mir im Moment nicht mehr ein.

„Woodstock!“, ergänzte er misstrauisch.

Richtig! „Ja genau! Du sollst, wahrscheinlich den Edward von Woodstock darstellen. Man da hast du dir ja eine Menge aufgehalst. Der war ja eine ganz große Nummer im Mittelalter“, sagte ich.

„Ist“, erwiderte er im scheelen Ton.

Ich schnaubte auflachend auf. „Was?“

„Er >Ist<, eine große Nummer!“, wiederholte er.

„Okay, von mir aus.“ Wenn er es so haben wollte. Mir konnte es Recht sein. „Könntest du mir vielleicht nur die Richtung zeigen, in die es zum Windsor Castle geht? ...“, sagte ich leicht abgelenkt, da mir erst jetzt auffiel, dass er dem Bild dieses Mannes tatsächlich ähnelte.

Was für ein Zufall!, musterte ich ihn und rief mir dabei das Gemälde ins Gedächtnis. Ich hatte es mir zwar nicht so genau angesehen, aber der Kerl hier, hatte doch eine enorme Ähnlichkeit damit.

„Ich … ähm … habe deinen Kollegen bereits erklärt, dass ich dringend wieder zurück zu meiner Klasse muss, …“ Ich neigte den Kopf , verengte die Augen. Verblüffend … „… ähm, sonst bringt meine Lehrerin mich noch um …“, sprach ich und lächelte unkonzentriert.

„Oh, und das wollen wir doch ganz gewiss nicht riskieren!“, entgegnete er mit einem Unterton. ein Lächeln versiebte, als ich merkte, dass auch er mich argwöhnisch musterte „Deswegen werden wir Euch auch höchstpersönlich dort hin geleiten.“.

Ich wusste nicht was, aber etwas in seiner Stimme ließ mein Plus schlagartig ansteigen, und mich diese ganze Aktion noch einmal überdenken.

„Ähm, … das ist echt nicht nötig. Ich … will euch bestimmt nicht … von dem abhalten, … was immer,(was taten sie hier eigentlich? Spazieren reiten?) … ihr hier auch tut. Die Richtung reicht vollkommen aus“, sagte ich und überblickte die wachsamen Männer hinter ihm.

Echt merkwürdig! #####

####

 

; sprangen meine Augen hin und her, von dem Ritter neben mir, zu den Männern auf dem Pfad, die mich allesamt vorsichtig musterten.

Er sagte währenddessen nichts, beobachtete mich nur, was mein ungutes Gefühl nur noch schnürte.

„Aber junge Lady, wir können Euch doch nicht schutzlos, alleine hier im Forest of Dean herumirren lassen. Das wäre doch unverantwortlich“, sagte er schließlich, was bei mir eine Gänsehaut auslöste.

„Forest of … was?“, fragte ich zittrig und schaute aufgescheucht, immer wieder von ihm, zu seinen Männern.

„Der Wald“, sagte er ruhig und verengte die Augen.

„A-ah … … Okay!“, erwiderte ich zögernd, und versuchte meine Mundwinkel zu einem lässigen Lächeln zu zwingen.

Was jedoch eher einem unkontrollierten Zucken glich. „Mach dir …,“, schluckte ich, „bloß keine Sorgen.“ Ich bemühte mich natürlich zu klingen, während ich vorsichtig einen Fuß nach hinten bewegte. „Ich … kann schon ganz gut … selbst auf mich aufpassen. Bin schon ein großes Mädchen“, sagte ich, und sah wachsam über die Meute.

Hier stimmte definitiv etwas nicht; hörte ich die Alarmglocken lärmen.

Schielte noch einmal über den langen Pfad, auf dem sich die Soldaten aneinanderreihten, und bemühte mich um eine möglichst ruhige Erscheinung. Was sich aber angesichts meines rasenden Herzschlags, als ziemlich schwierig erwies.

Das war, garantiert ist keine Theatertruppe!; sprach mein Instinkt warnend.

Ich schaute mir die Männer genauer an. Aber wenn sie keine … Theatertru… …

„Milady?“, hörte ich auf einmal den Mann neben mir, und zuckte vor schreckt zusammen. Merkte, wie seine Augen sich misstrauisch verengten, und mich wachsam musterten.

Los! Weg hier!; schrie meine innere Stimme.

Ich hörte noch, wie er nach meinem Namen fragte, wendete fluchtartig, und rannte, wie vom Blitz getroffen, wieder zurück in den Wald.

Lauf!; schrie jede Zelle meines zitternden Körpers heftig Alarmiert.

„Haltet sie auf!“, hörte ich den Mann hinter mir rufen.

 

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Zaudernd blickte ich zurück, und entdeckte seine Begleiter, die sofort ihre Pferde anspornten, und meine Verfolgung aufnahmen.

Nein! Sah ich wieder panisch nach vorn, und suchte nach einer Möglichkeit ihnen zu entkommen.

„John, die zwei, schaffen das auch ohne dich!“

„Bestimmt, aber mein Pferd hatte heute noch keinen richtigen Auslauf. Außerdem könnte es Spaß machen, Bruder!“, erklang ein verhöhnendes Lachen. Ich blendete das amüsierte Gelächter aus, und konzentrierte mich darauf den Bäumen, und den hervorstehenden Wurzeln auszuweichen.

Klemmte meine Tasche unter dem Arm, weil sie im hohen Tempo von Seite zu Seite schwappte, und beschleunigte.

Ich rannte immer tiefer ich in den Wald, suchte nach einem Versteck, als ich plötzlich Pferdehufe hinter mir vernahm. Ihr Traben schallte wie ein Donner, und erfüllte die ganze Umgebung.

Verdammt! Was sind das bloß für unheimliche Typen? Spürte ich Panik in mir aufsteigen

„Riley, du reitest links. Jeff, du rechts.“ Vernahm ich ein lautes Rufen, ganz in der Nähe. „Und ich durch die Mitte. So kreisen wir sie ein.“

Oh Gott, das sind Geisteskranke. Die haben zu lange Ritter gespielt, und jetzt halten sie sich für welche?

Ich nahm meine Beine in die Hände und gab noch mehr Gas. Baum um Baum, durch die Büsche. Arbeitete mich verzweifelt durch den belaubten schlammigen Waldboden. Die Zweige unter meinen Sohlen brachen, und hinterließen ein Echo.

Lauf Ann! Befahl ich mir zaudernd. Was wollen sie bloß von mir? Jaulte ich verängstigt, als sich ihr Traben immer mehr näherte, und ich einen links und rechts von mir entdeckte.

Verflucht! Stockte mir der Atem. Schneller Ann, renn schneller! Trieb ich mich Angst gepackt an. Irgendwo musste es doch eine Straße geben. Bitte!!! Suchte ich verzweifelt nach einem Ausweg, und wäre fast in einer riesigen Pfütze ausgerutscht. Fing den Sturz mit meiner Hand ab, und hetzte weiter.

„Bleibt stehen!“, hörte ich ein plötzliches Rufen. Blickte hinter mich, und entdeckte einen von ihnen.

Scheiße!!! Riss ich panisch die Augen auf. Nein, nein, nein, nein!!! Versuchte ich noch mehr zu beschleunigen.

Gib Gas Ann!!! Renn!

„Bei der nächsten Biegung hab ich sie!“, rief der andere.

Was?! Sprangen meine Augen impulsiv hin und her. Ich fühlte mich wie ein gejagtes Tier. Verstecken! Ich muss mich irgendwo verstecken. Sie sind überall!

Schnell rannte hinter einen großen Baum, mit tief hängenden Ästen, und versteckte mich in der Vertiefung der Rinde.

„Was hab ich bloß angerichtet!“ Flüsterte ich atemlos und horchte auf. Es schien, als entfernte sich ihr Traben, was mich mit Erleichterung erfüllte, und mich befreit aufatmeten, ließ. Als plötzlich, … ein klirrendes Geräusch einer Klinge, die aus der Scheide gezogen wurde, erschallte, und ich mich wieder in Alarmbereitschaft befand.

Nein!!! Setzte das zittern wieder ein, als ich Schritte vernahm, die sich behutsam durch das Laub bewegten und in meine Richtung kamen.

Panisch schlug ich mir die Hände vor dem Mund, damit er mein hektisches Hecheln nicht hören konnte. Kroch noch tiefer in die enge muffige Mulde, und versuchte mich ganz klein zu machen. Vielleicht würde er mich übersehen?

Ooh bitte, bitte! Geh vorbei! Flehte ich bibbernd.

Ganz langsam trat er um den Baum, in dem ich mich versteckte. Ich hielt den Atem an, versuchte kein Geräusch zu machen. Sah seine Füßen, die von Metallschichten der Rüstung umschlossen waren an mir vorbeigehen. Ganz behutsam, einem Fuß vor den anderen.

Zittrig presste ich mich an das Innere des Baumes, schluckte verängstigt, und erstarrte schließlich, als ich ein Schwert in seiner Hand entdeckte.

OOH … Mein … Gott! Fingen meine Zähne an zu klappern. Das Ding sah echt aus! Ich hatte zwar noch nie zuvor ein richtiges Schwert gesehen, aber dieses hier war es, ohne jeden Zweifel. Ich konnte meine Augen nicht davon wenden. Besonders nicht, als er die scharfe, auf Hochglanz polierte Klinge um sein Handgelenk schwang, die einen Sonnenstrahl auffing, und ihn mir direkt in die Augen katapultierte. Zitternd kniff ich sie zu, und bettete, dass er weiter gehen sollte. Doch kaum war diese Bitte ausgesprochen, schon hörte ich sein triumphierendes Lachen.

„Hab ich Euch!“, lachte er auf. Erschrocken riss ich die Augen auf, sprang stürmisch aus der Mulde, und rannte in die entgegengesetzte Richtung.

„Halt!“, rief er mir nach. Ich sah nicht zurück, hörte ihn jedoch. Das Metall an seinem Körper klapperte wie eine tausendfache Warnung. Stürmte hastig durch das Laub, und spürte plötzlich, wie meine Füße sich in einem Seil verfingen, was mich im vollen Tempo auf die Erde katapultierte.

Ich fiel hart auf den Rücken. Spürte den Schmerz in meinen Lungen und im Hinterkopf, und hustete auf. Es tat weh, mein Kopf brummte.

„Verdammt hört auf davon zu rennen!“, schrie er und kam näher.

Alles verschwamm vom heftigen Aufprall. Ich blinzelte ein paar Mal durch, woraufhin sich mein Sehvermögen wieder stabilisierte, und ich erkannte, dass er mir genau überstand.

Nein! Schnappte ich nach Luft. Das Zittern übernahm meinen ganzen Körper. Wie versteinert lag ich am Boden und starrte zu dem verhüllten Mann hoch. Er stach sein Schwert vor mir in die Erde und lachte unter seiner Kopfbedeckung auf.

„Na, habt Ihr jetzt genug vom Fangen spielen? Oder sollen wir noch mal ne Runde?“, fragte er vergnügt.

War der Irre?! Von wo ist der den ausgebrochen? Sah ich ihm, entsetzen entgegen.

„Bleib bloß weg von mir, du Irrer“, brachte ich zittrig hervor, und versuchte rückwärts von ihm weg zu kriechen.

„Interessant“, sagte er heiter. „So wurde ich noch nie von einer Lady betitelt.“

Ich kroch immer weiter von ihm weg. Ertastete einen Stein, und schleuderte ihn mit aller Kraft gegen das Ungeheuer vor mir.

„Hey!“, duckte er sich schnell. „Ihr seid wohl eine von der kratzbürstigen Sorte“, erwiderte er, und richtete sich wieder auf.

Wie bitte?! Sah ich ihm entgegen. Er stützte sich am Griff seines Schwertes ab, und schaute mich einen Moment stillschweigend an.

„In Ordnung“, sagte er, zog er das Schwert wieder heraus, und kam auf mich zu. „Ich schlage vor, wir beenden diesen Schabernack.“

Was? Was hieß das jetzt schon wieder? Raste mein Herz beim Anblick der scharfen näherkommenden Klinge, worauf hin sich mein Mund verselbständigte.

„Also weißt du, … bei aller Liebe zur Detailgetreuen, …“, brabbelte ich und kroch rückwärts von ihm davon. „… aber meinst du nicht, ihr übertreibt es ein wenig?“

Er neigte leicht seinen Kopf, erwiderte aber nichts, kam nur näher.

„Echt, ein richtiges Schwert? Sind euch die Requisiten ausgegangen?“

Was tust du den da? Willst du ihn zu Tode quatschen, rief mein Verstand mich zu Recht.

Er Lachte auf, ich kroch immer weiter, bis mir ein Baum im Weg stand.

So stark ich konnte, presste ich mich gegen den Stamm, und sah zu dem Wahnsinnigen im Helm hoch.

„Man soll ja nicht mit scharfen Sachen spielen, …“, zitterte meine Stimme. „Hat dir das deine Mami nicht beigebracht? Damit kann man sich nämlich verletzen …“, sagte ich, und biss mir auf die Lippe.

Verdammt Ann, halt deine Klappe. Du reitest dich nur noch mehr rein!

Er lachte auf, fand mich wohl komisch. „Ach ja!?“, sagte er. „Wenn Ihr nicht verletzt werden wolltet, hättet Ihr nicht davon laufen sollen!“

Was war das denn für ein Spruch? Schließlich haben sie mich durch den Wald gehetzt wie ein Tier.

„Ja klar, erst Angst einjagen, dann durch den Wald hetzen, und zu guter Letzt mit dem Schwert bedrohen.“ Sah ich verängstigt auf das Ding, das er inzwischen wieder in die Erde gestochen hatte. „Das klingt alles in einem, nicht sehr vertrauenerweckend, wenn du mich fragst!“, stellte ich fest und blickte unsicher hoch.

Er schaute kurz auf sein Schwert, lachte kopfschüttelnd auf, und steckte es wieder in die Scheide.

„Entschuldigt, wir wollten Euch keine Angst einjagen“, sagte er nachsichtig.

„Ach nein?“, musterte ich misstrauisch ihn und das lange Schwert, das mittlerweile an seiner Hüfte hing.

„Nein, … wirklich nicht“, wiederholte er betont. Nahm seine Hände Hoch, und schritt zurück.

Oka-ay-y, sah ich zum Helm.

Ich hatte keine Ahnung, was ich von dieser Aktion halten sollte. War das irgendein krankes Jagdspiel, oder meinte er das ernst?

„Du glaubst doch nicht, dass ich dir das abkaufe?“, musterte ich ihn wachsam. Er nahm die Hände wieder runter, und lachte belustigt auf.

„Ihr werdet es wohl oder übel, auf einen Versuch ankommen lassen müssen.“

Was hat er vor? Überlegte ich.

Sollte ich mich in Sicherheit fühlen, damit er leichteres Spiel hat?

„Wenn ihr nichts von mir wollt, warum habt ihr mich dann gejagt?“, fragte ich.

„Ihr seid in den Wald gerannt“, erwiderte er.

„Ja und?“

„Forest of Dean, ist einer der größten Wälder in der Umgebung. Ihr hätte nie wieder hier rausgefunden.“

„Ah … Klar! Verstehe! Das heißt, du hast mich aus reiner Menschenfreundlichkeit durch den Wald gehetzt, und zu Boden geschleudert?“, gab ich sarkastisch von mir und fühlte, wie die Angst langsam zu Wut überwechselte.

„Ihr könnt es auch Hilfsbereitschaft nennen“, zuckte er mit den Schultern.

„Hilfsbereitschaft?!“, lachte ich sarkastisch auf. „Willst du mich Verarschen?“

Er antwortet nichts, blickte nur stumm auf mich runter.

„Sir John“, erklang auf einmal die Stimme einer seiner Begleiter. Erschrocken riss ich den Blick von ihm los, und schaute um den Baum, als ich seine Komparsen in unsere Richtung strengen sah. Blickte bang zu den Männern auf den Pferden hoch, die vor mir hielten, und sich an meinen Ergreifer wandten.

„Na sieh mal an, Ihr habt sie ja. Wir dachten schon, sie wäre entkommen“, sagte der Soldat.

Das Komische war, er hatte als Einziger keinen Helm auf. Weswegen ich auch seinen amüsierten Gesichtsausdruck erkannte. Er war schon etwas älter, mit einem Bart und schulterlangen Haar, das er hinten zusammengebunden hatte. Buschigen Augenbrauen und tief liegenden Augenlidern. So dass er trotz seines heiteren Lachens, mürrisch wirkte.

„Habt ihr was anderes erwartet!“, erwiderte der mir gegenüber spaßig.

„Gib nicht so an. Wir haben sie bloß für einen Moment aus den Augen verloren.“ Sagte der andere in Silber.

„Jaaa, isch schon klar!“, lachte er auf. „Ihr könnt wieder zurück reiten, ich schaff das schon alleine“, sagte mein Ergreifer gut gelaunt.

Fast paralysiert blickte ich von einem zum anderen.

„Das glaub ich dir gern!“, erwiderte der Silberne mit einem heiteren Unterton.

„Los verschwindet!“, reagierte der vor mir vergnügt, wandte sich wieder zu mir, und betrachtete mich unter seinem Helm.

„Ja Sire!“, antwortete der Soldat heiter, und schüttelte amüsiert den Kopf.

„Ach John!“

„Was?“

„Jag der kleinen nicht noch mehr Angst ein, als sie jetzt schon hat.“

„Los haut ab!“, wies er die beiden verlachend, mit einer Handbewegung an, woraufhin sie davon ritten.

Mir zugewandt blieb er eine Weile bewegungslos stehen.

Und was jetzt? Schaute ich ihm zaudernd entgegen, und zuckte leicht, als er sich unerwartet aus seiner Erstarrung löste.

„Seid Ihr in Ordnung?“, fragte er schließlich.

Blöde Frage, betrachtete ich ihn misstrauisch, verengte die Augen und versuchte ihn einzuschätzen. Gut oder böse? Dessen war ich mir noch nicht sicher.

Er schnaubte kopfschüttelnd auf, und bewegte sich langsam auf mich zu.

„Geht es Euch gut?“, wiederholte er seine Frage.

Sein Tonfall klang, als würde es ihn wirklich Interessieren. Vielleicht hatte ich mich ja doch geirrt. Vielleicht waren es keine Verrückten.

Verstört schaute ich an mir runter, und entdeckte meine völlig mit Erde verdreckte sowie mit Blättern übersäte Schuluniform.

Na wunderbar! Sah ich genervt hoch. „Ja klar, jetzt interessiert´s dich! Erst zu Boden schleudern, dann Fragen stellen, was?! O-oh man!“, jammerte ich.

„Verzeiht, aber Ihr habt mir keine andere Wahl gelassen.“

„Natürlich nicht!!!“

Der Sarkasmus sprudelte einfach aus mir raus, ich konnte nichts dagegen tun.

„Darf ich Euch aufhelfen?“, fragte er höflich.

„Lass es stecken. Ich brauch von dir keine Hilfe!“, erwiderte ich Sauer.

Verdammt! Das krieg ich nie wieder raus, schaute ich über die unzähligen Schlammflecken, die nicht nur meine Uniform, sonder auch meinem Beinen bedeckten.

Er blieb stehen, und sah mir zu.

Ich versuchte ruhig und flach zu atmen und zog mich langsam am Baum hoch. Klopfte mir den Staub und denn Dreck von meinem Rock, und zupfte mir ein paar Laubblätter aus dem Haar.

„Scheiße! Sieh dir an, wie ich aussehe! Also eins sag ich dir, meine Lehrerin wird nicht begeistert sein, wenn sie mich in solchem Zustand wiederfindet“, versuchte ich die Erden von meinem Rock zu rubbeln. „Wegen dir werde ich noch eine zwanzigseitige Strafarbeit bekommen. Deren Überschrift lauten wird, – wie behandele ich meine Schuluniform richtig! – Na herzlichen Dank auch!“, meckerte ich, und bemerkte gar nicht, wie er langsam zurück Schritt, und wieder sein Schwert auf mich richtete …

„Verflucht, ist das ein Scherz!!!“, schrie er plötzlich, und riss sich sein Helm vom Kopf.

Erschrocken sah ich hoch, und erstarrte augenblicklich …

Wow …! Hielt ich für einen Moment inne. Denn das Erste, was mir entgegen sprang, waren seine unglaublichen himmelblauen Augen, die mir sofort die Sprache raubten, und mich hypnotisierten.

Ich konnte mich von ihnen nicht lösen, egal wie wütend sie mir entgegen blitzten, ich fand sie einfach nur wunderschön.

„Wollt Ihr euch über mich lustig machen?!“, schrie er aufbrausend, und ich kam wieder zu mir.

Drückte mich wieder gegen den Baum, und sah erschrocken zu der Person mir gegenüber.

Es war ein junger Mann, betrachtete ich ihn verwirrt. Zwischen achtzehn und zwanzig Jahren, mit dunkel braunen Haaren, die von dem Helm etwas verwuschelt waren, einem einnehmend markanten Gesicht und diesen unfassbar betörenden Augen.

Wow … hauchte ich. Ich konnte mich auf nichts anderes konzentrieren, außer auf dieses klare Blau.

Aber auch der Rest von ihm war nicht zu verachten, nach meinem gummiartigen Körper zu urteilen. Doch irgendwo hatte ich dieses Gesicht schon mal gesehen, bekam ich das seltsame Gefühl.

Kurz hatte ich mich in seinem Antlitz verloren und vergessen, dass er ein Schwert auf mich richtete, doch sein Gebrüll ließ mich wieder erwachen und die Situation überdenken.

„Wer seid Ihr?“, schrie er, und ich glaubte, einen Anflug von purem Entsetzen in seinem Tonfall zuhören. „Wie ist Euer Name?“

Seine Stimme donnerte so Laut, dass ich zusammenschrak.

„Was hast du denn jetzt schon wieder für ein Problem?“, stammelte ich zittrig.

„Ich renn doch gar nicht weg!“

Dass alles war ziemlich verwirrend. Erst tat er auf nett, und jetzt brüllte er mich an! Konnte er sich nicht Mal entscheiden? Das machte mich nämlich konfus.

„Das darf nicht wahr sein!“, fuhr er sich aufgewühlt durchs Haar. „Wo kommt Ihr her?!“, zischte er wütend.

Starrt vor Angst bekam kein Ton raus. Böse!!! Eindeutig Böse!!! Kam ich zu dem panischen Entschluss.

„Habt Ihr mich nicht verstanden?! Antwortet mir!“, brüllte er wieder. „Sonst seid Ihr ja auch nicht so wortkarg!“

Was soll das? Starrte ich in sein Gesicht, das jetzt nur wenige Zentimeter von meinen entfernt war.

„Ist das irgendein kranker Scherz? Wenn ja, wer hat Euch dazu angestiftet?“, zischte er, und verengte zornig die Augen. „Sprecht!“

Der Kerl hatte zweifellos nicht alle Schrauben beieinander. Da war ich mir jetzt sicher.

„Wer seid Ihr?!“, brüllte er erneut. „Sagt es mir! Sofort!“

Ich zuckte vor Schreck zusammen, als er seine Stimme erhob, und fühlte, wie Angsttränen mein Gesicht runter liefen.

Er kniete sich runter, mit dem Schwert in der Hand, das er neben meinem Körper hielt, sah mir unnachgiebig entgegen, und schrie noch einmal „Sofort!!!“

„Ann …“, flüsterte ich kaum hörbar. Meine Stimme zitterte so stark, dass man es nur als ein leises Winseln vernahm. Er zog seine Brauen zusammen, schürzte die Augen. „Ich hab Euch nicht verstanden“, funkelten seine Augen.

Was sollte das? Ich begriff das nicht. Sammelte meinen Mut zusammen, den kleinen Rest der noch zu finden war, und sah ihm entschlossen entgegen. „Annabelle!“, fauchte ich. „Bist du jetzt zufrieden? Ich heiße Annabelle, du Armleuchter!“, schrie ich, und zog mich sofort zurück.

Verstört betrachtete er mich eine Weile, schüttelte leicht den Kopf, und sah kurz an mir runter und wieder rauf in mein Gesicht.

„Nein“, schüttelte er fassungslos den Kopf.

Was heißt hier >nein? Ich weiß doch, wie ich heiße! Entgegnete ich seinen entsetzten Blick.

„Nein … das glaub ich nicht …, das ist ein Fehler …“, sah er an mir runter.

„Nein, du bist ein Fehler, und das ich dir kurzzeitig vertraut habe ist ein Fehler“, zischte ich zittrig, und schaute auf die scharfe Klinge neben mir.

Doch der einzig wahre Fehler war der, als ich wieder hochsah, und zwar direkt in seine mich musternden Augen.

Das Klare blau das darin schimmerte, brachte mich kurz durcheinander.

„Niemal“, flüsterte er.

Doch er sprach nicht mit mir. „Wer. Hat. Euch. Geschickt?“, fragte er mit einem eisernen Blick.

Wer sollte, mich schon schickten? Spinte er, sah ich ihm wirr entgegen.

„Antwortet!“, schrie er fordernd.

„Du brauchst mich nicht so anzuschreien!“, entgegnete ich. „Ich bin nicht schwerhörig! Und außerdem habe ich keine Ahnung wovon du sprichst, du Wahnsinniger! Lass mich gehen, oder du wirst hinter Gittern verrotten, dafür werd ich sorgen!“, erwiderte ich und schluckte unsicher.

Ich durfte mir bloß nicht anmerken lassen, wie viel Angst ich hatte! Wies mich mein Verstand an, sonst ist es dein Ende!

Sammelte den Rest Mut zusammen, was nicht einfach war, denn er rutschte mir gerade in meine zitternden Beine, biss die Zähne zusammen, und versuchte mir nichts anmerken zulassen.

Egal wie viel Angst ich im Moment auch hatte, ich würde ihm nicht die Genugtuung geben es zu sehen.

„Ihr habt keine Angst vor mir“, stellte er fest. „Und auch nicht vor dessen, was ich Euch antun könnte. Schließlich seit Ihr auf meinem besitzt, also hätte ich jedes Recht!“

„So schrecklich, wie du meinst, bist du gar nicht. Und wenn du mich töten wolltest, hättest du es schon längst getan! Und die Sache mit dem Recht, das wird der Richter entscheiden!“, zischte ich zurück.

Er sah mich einen Moment belustigt an, und wendete sich ab.

Hatte er gerade gegrinst?! Sah ich zu, wie er sich langsam aufrichtete. Na warte … Wenn ich die Gelegenheit bekomme, sorge ich dafür, dass du lebenslänglich sitzt. Knirschte ich mit den Zähnen.

Etwas durcheinander blickte er durch die Gegend und fuhr sich schließlich aufgewühlt durch die Haare. „Steht auf!“ befahl er.

Was?! Sah ich mich um, und bemerkte, dass ich wieder auf der Erde hockte. Verdammt! Wann war das denn passiert?

„Na los, steht auf“, wiederholte er, kam auf mich zu, und streckte mir seine Hand entgegen.

Hatte der einen Schuss? Betrachtete ich ihn und seine ausgestreckte Hand.

„Du glaubst doch nicht, dass ich ein zweites Mal drauf reinfalle?“, entgegnete ich.

„Macht, was Ihr wollt“, erwiderte er und zog sich zu seinem Pferd zurück, wo er nach etwas suchte.

Ich hielt mich am Baum fest, und richtete mich langsam auf. Behielt ihn aber im Auge, den auch er, beobachtete jede meiner Bewegungen.

Das war’s Ann. Wahrscheinlich überlegt er gerade, wo er deine Leiche verscharren kann, schloss ich aus seinem schwankenden Gemütszustand.

Ich wusste, dass es meine letzte Gelegenheit sein könnte hier zu verschwinden. Denn so verdattert, wie er eben wirkte, hätte ich vielleicht eine Chance ihm zu entkommen.

So, jetzt oder nie!! Sah mich um. Wartete, bis er mir den Rücken zukehrte, und rannte blitzartig los.

„Verdammt, bleibt stehen“, rief er, und rannte mir sofort nach. „Ihr kommt sowieso nicht weit!“

Lauf Ann, egal wohin, bloß weg hier! Schrie meine innere Stimme …

Fühlte plötzlich, wie seine Arme mich von hinten packten, und mich im hohen Tempo zu Boden rissen.

„Ich. Sagte. Stehen. Bleiben!“

Drehte er mich auf den Rücken, und hielt meine Handgelenke fest, mit denen ich nach ihm schlug.

„Geh weg! Pack mich nicht an! Finger weg von mir, du Dreckskerl!!!“, versuchte ich mich von ihm zu befreien.

„Hört auf!“, sagte er, während er angestrengt meine Arme im Zaum hielt. „Hört auf, oder ich muss Eich fesseln!“

„Geh runter von mir, du Armleuchter!“ Bemühte ich mich ihn von mir runter zu schieben. Doch er packte mich und drehte mich auf dem Bauch. „Aber, aber, so spricht doch keine Lady“, sagte er, während er mir die Hände am Rücken fesselte.

„Las mich los!!“, kreischte ich.

„Nicht bevor ich nicht weiß, wer Euch geschickt hat", sagte er, hob mich spielend hoch, und schmiss mich über seine Schulter.

Ich kreischte, zappelte und trat ihn heftig mit meinen Beinen.

„Wenn Ihr nicht stillhält, bin ich gezwungen Euch zu knebeln und zu fesseln!“, warnte er mich, während wir auf sein Pferd zugingen.

„Lass mich los du paranoider Irrer!!“

Mit einem Ruck schmiss er mich über sein Pferd. Ich wehrte mich, wand mich, versuchte ihn zu beißen, doch alles Vergebens.

Leise auflachend holte er etwas aus seiner Satteltasche und kam wieder ums Pferd.

„Sagt nicht, ich hätte Euch nicht gewarnt“, sagte er, zwang mir ein Tuch zwischen die Zähne, band es am Hinterkopf fest und fesselte dann meine Beine.

Na super, jetzt konnte ich mich überhaupt nicht mehr bewegen! Schwang mich hin und her im Bestreben von Pferd zu rutschen.

„Vollidiot!“, zischte ich durch den Knebel. Amüsiert setzte er sich neben mich in den Sattel, hielt mit der einen Hand die Zügel, mit der anderen meine gefesselten Handgelenke und setzte das Pferd in Bewegung.

„Na, habt Ihr es bequem?“, fragte er heiter.

„Blöder Kotzbrocken!“, fauchte ich. Mit aller Kraft versuchte ich meine Beine zu schwingen und zerrte umher. Er lachte auf, schwang sein Bein um meine, so dass ich nun völlig bewegungsunfähig war und ritt wortlos weiter.

 

Es war eine lange, stillschweigende Strecke.

Ich konnte es absolut nicht fassen, wie ich in diesen Schlamassel geraten war.

Das waren alles, Irre! Wer weiß, was sie mit mir vorhatten.

Ich versuchte zu begreifen was hier vorging, doch kapierte rein gar nichts. Meine Theorie war, dass diese Verrückten aus einer psychiatrischen Klinik entflohen waren, und zwar alles samt. Wie sonst, hätte man sich diese Anzahl der Wahnsinnigen auf Pferden erklären sollen.

Annabelle, Rose, Catherine Mitchell, jetzt hast du es endgültig geschafft! Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen?! Schimpfte ich mich, wie es mein Großmutter in meiner Kindheit immer tat.

Aber genau so wie damals, hatte ich absolut keine Rechtfertigung.

Durch meine Unaufmerksamkeit habe ich mich verlaufen. Durch meine Unachtsamkeit bin ich den Wahnsinnigen in die Hände gelaufen, und wegen meiner Dummheit würde ich jetzt höchstwahrscheinlich sterben! Gott, wie komme ich hier bloß wieder raus?!

 

4

 

 

 

Kapitel 4

 

 

 

 

 

Nach einer gefühlten Ewigkeit, näherten wir uns seinen Leuten, was ich an dem lauten Stimmengewirr erkannte, und einem Traben, dass immer näher kam.

Ich sah hoch und erkannte den Edward Doppelgänger.

„John, was hat dich so lange aufgehalten? Gab es Schwierigkeiten?“, erkundigte er sich bei dem Irren.

Ja! Knurrte ich durch den Knebel. Und was für welche.

„Nein“, lachte er amüsiert auf.

Ja! Lach du nur! Dir wird das Lachen schon noch vergehen, wenn die Männer mit den Zwangsjacken kommen!

„Ich musste da noch etwas in Erfahrung bringen“, erwiderte der über. „Etwas, was ich selbst noch nicht ganz begreife“, sagte er, und schaute auf mich runter.

„Was ist mit den Mädchen? War irgendwas los?“

„Ja … ich meine nein …“, verhedderte er sich. „Wir … weder sie bis auf weiteres mitnehmen. Ich … ähm …, muss sie noch einmal befragen“, stammelte er etwas durcheinander.

„Ach wirklich? … Befragen?!“, runzelte der andere belustigt die Stirn. „Na gut, wie dem auch sei, wir müssen weiter. Vater wird bestimmt schon ungeduldig auf unsere Ankunft warten“, sagte der Mann uns gegenüber.

„Ja, er hat bestimmt ein riesen Fest arrangiert“, lachte John, jetzt wesentlich entspannter.

Die beiden unterhielten sich weiter, aber meine Gedanken schweiften ab.

Was war hier los? Worüber wollte er mich Befragen? Was wollte er überhaupt von mir?

Ganz offensichtlich hielten sich die beiden für Edward of Woodstock und John of Gaunt! Was die ganze Situation allerdings nicht verbesserte, es verschlimmerte sie sogar. Denn offenbar waren es tatsächlich Geisteskranke, ansonsten würden sie sich nicht so eigenartig verhalten.

Und die anderen? Gehörten sie auch alle dazu?

Oman jammerte ich. Das waren irgendwelche Freaks, und ich wäre innerhalb der nächsten Stunden tot!

Edwards Pferd setzte sich kurz in Bewegung und blieb wieder stehen.

„Ach John. Wirf dem Weibsstück etwas über den Hintern, sonst kommen die Männer noch auf falsche Gedanken“, lachte er heiter und ritt davon.

„Was meinst …?“, fragte John und stockte. Ich drehte den Kopf, und sah ihn verlegen nach etwas in seiner Satteltasche suchen.

Hey, Moment Mal! Was sollte das heißen, auf falsche Gedanken! Zerrte ich umher. „Lass mich frei du Vollidiot!“ mummte ich durch den Knebel.

„Na, habt Ihr es immer noch bequem?“, beugte er sich mit einem hämischen Lächeln vor, und hängte eine Decke über mich.

„Psychopath!“, knurrte ich lautstark durch den Knebel.

 

Die Pferde setzten sich in Bewegung und das unter mir auch.

Die Decke über mir versperrte mir die Sicht, so dass ich nicht genau erkannte, wohin wir ritten. Ich hörte nur die vielen Pferdehufe die durch den Pfad stampfen, und sah den eingetrampelten Waldweg unter mir.

Verschiedene Stimmen drangen lachend von allen Seiten, die sich scheinbar angeregt über einen triumphierenden Kampf unterhielten.

Ich verdrehte die Augen und schnaubte aus. Mensch Leute, ihr nehmt die Sachen viel zu Ernst! Dachte ich, als ich hörte, wie realistisch ein paar von ihnen den Kampf schilderten.

Offenbar war ihnen ihr Bühnenstück ans Herz gewachsen. Für ihre Professionalität konnte man sie nur bewundern. Konnte, musste aber nicht. Denn man konnte es auch übertreiben, so wie in ihrem Fall.

Ich rutschte etwas zur Seite, da es nicht gerade bequem über diesem Pferd war, denn ich spürte jede seiner Bewegungen.

Die Schulterblätter des Tieres rammten sich wie stumpfe Messer in meinen Bauch, was einen schmerzvollen Nachhall hinterließ. Ich versuchte etwas vorzurutschen, kassierte aber gleich darauf einen sarkastischen Kommentar.

„Haben wir etwa ein Problem mit dem Reisekomfort?“, lachte er auf, unterstützt von seinen Begleitern.

Nein, mit dem Komfort war alles ausgezeichnet! Knirschte ich mit den Zähnen. Ich hatte ein Problem mit ihm! Schielte hoch, und versuchte mich von dem Pferd zu schwingen.

Fast wäre es mir auch gelungen, doch er packte mich und positionierte mich wieder zurück.

„Na, wo wollten wir den hin?!“

Seine Stimme klang amüsiert.

Diesmal packte er meine Handgelenke fester und platzierte sein Bein so, dass ich mich überhaupt nicht mehr bewegen konnte.

Gott Ann, jetzt hattest du es wirklich geschafft! Schimpfte ich mich.

Doch Vorwürfe halfen mir jetzt auch nicht weiter. Ich musste einen Weg finden, diesen Irren zu entkommen. Jedoch, wie sollte ich das bewerkstelligen? Gefesselt über einem Pferd, und einem Aufpasser, der mir fast die Handgelenke zerdrückte.

Was hatte er überhaupt für ein Problem? Er war der Überzeugung, ich sei von jemand geschickt worden.

Wer sollte mich schon schicken? Blödmann! Nahm sich wahrscheinlich viel zu wichtig. Echt paranoid!

Aber bei seinem Benehmen wäre ich auch nicht groß überrascht, wenn man ihn nicht mochte. Und dieser Verein hatte ab jetzt, ein Mitglied mehr! Dachte ich, und sah wie das Pferd neben uns sich nach vor bewegte, um jemanden anderen Platz zu machen.

„Weißt du John …“, sagte die Stimme vom Edwards Doppelgänger.

Na wunderbar. Verrückte Nummer zwei. Rollte ich mit den Augen.

„Ich glaube, ich sollte dir etwas erzählen“, begann er vorsichtig. „Ich denke, dass Vater und Mutter sich bei diesem Fest ganz besondere Mühe geben werden“, sagte er mit einem anspielenden Ton, was mich aufhorchen ließ.

„Wie meinst du das?“, fragte John beunruhigt.

„Na ja … Als wir vor einem Jahr aufgebrochen sind, ließ mich Vater wissen, dass er in Verhandlungen mit dem Earl of Lancaster steht.“

„Was?!“, stieß John fassungslos aus, mit einem Druck auf meine Handgelenke.

„Aaau!“, stöhnte ich, woraufhin er wieder lockerer ließ.

Verdammt, ich konnte doch nichts dafür! Wieso bekam ich die Schmerzen ab?!

„Also wenn das ein Witz sein soll, finde ich ihn nicht besonders komisch!“, fuhr er ihn sauer an. „Verdammt Edward, hättest du mir das nicht eher erzählen können?“

Ha!! Jetzt lachte er nicht mehr, was? Grinste ich vor Schadenfreude, was mich kurzzeitig von den Schmerzen in meiner Magengegend und in den Armen ablenkte.

Irgendwas verlief ganz Offensichtlich nicht nach seiner Vorstellung, das konnte ich an seinem verkrampften Körper feststellen.

„Vergiss es! Ich habe nicht vor zu heiraten!“, erwiderte er verärgert. „Wie kommt Vater überhaupt auf so eine bescheuerte Idee!“, hörte ich ihn praktisch mit den Zähnen knirschen.

Aha, daher wehte also der Wind. Man diese Geisteskranken gingen in ihren Rollen ja richtig auf. Das war bestimmt nicht gesund!

„John, … Maud of Lancaster ist eine gute Wahl“, fing sein Rollenbruder an.

Was? Moment mal, Maud? Diese Leutchen hatten ihre Hausaufgaben nicht richtig gemacht. Es war nicht Maud, es war eine andere, … wie war ihr Namen noch mal …? Blanche, genau!

„Außerdem hat Vater genug von deinen Frauengeschichten!“, sagte Edward, worauf sein Bruder missfallen schnaubte.

„John, ihr Vater ist vermögend, Einfluss …“

„Das interessiert mich alles nicht!“, unterbrach er ihn. „Ich habe kein Interesse an ihr! Außerdem … suche ich mir meine Frau selber aus. Und da brauche ich ganz gewiss keine Hilfe vom Vater!“

Also an seiner Stelle würde ich nicht so wählerisch sein! Schürzte ich die Augen. Wer wollte schon so ein Grobian wie ihn. Da halfen ihm seine schmalzigen Augen auch nicht weiter! Ging mir durch den Kopf.

„Ich wollte sagen, Einflussreich und besitzt viele Titel.“ ergänzte Edward, als John sich wieder beruhigte. „Und außerdem kannst du nicht Ewig den Weibern hinterher Jagen. Vater hat sie mit Bedacht ausgesucht, denn er weiß, das sie für dich von Vorteil sein wird …“

„Wie bitte? Von Vorteil? Ist das dein Ernst?“ Johns Stimme klang verblüfft. „Hast du auch nur an deinen Vorteil gedacht, als du Joan, ohne das Einverständnis unseres Vaters zur Frau genommen hast?“

O-okay, die Inzest Geschichte, … Punkt für den paranoiden Irren! Jetzt guckte er aber blöd aus der Wäsche, versuchte ich hoch zusehen.

Doch die blöde Decke versperrte mir die Sicht.

Scheiße! Diesen Gesichtsausdruck hätte ich nur all zu gern gesehen.

„John das ist etwas vollkommen anderes“, versuchte Edward, ihn zu überzeugen.

„In wie fern ist das etwas anderes? … Du willst es wohl einfach nicht verstehen?“, erwiderte John verärgert. „Ist ja auch völlig egal. Ich werde sie nicht Heiraten“, sagte John und beendete damit das Gespräch.

Edward atmete tief aus. „Na es ist ja noch nichts entschieden. Warten wir ab, und sehen, was uns zu Hause erwartet“, beruhigte er seinen Bruder.

 

Den Rest des Weges wurde geschwiegen. Johns Stimmung war geladen, das spürte ich an der Art, wie er mich festhielt.

Mensch entspann dich! Das tat doch schließlich weh! Jammerte ich.

Seine Hand war so verkrampft, das mir ab und an der Arm brannte. Doch ich gab keinen Murks von mir, denn so, wie er mich im Wald angeschrien hatte, plus die Stimmung, in der er sich gerade befand, bedeutete es Atomexplosion, bekam ich das ungute Gefühl, und wollte lieber nichts riskieren.

Aber allmählich konnte ich nicht mehr. Ich spürte jede meiner Rippen derart intensiv in den Bewegungen des Pferdes, das ich ein paar Krächzer doch nicht unterdrücken konnte, so sehr ich mich auch anstrengte.

Biss aber dennoch die Zähne zusammen, denn ich wollte keine Aufmerksamkeit auf mich lenken. Solange ich noch lebte, bestand noch ein Funken Hoffnung. Dennoch, lange würde ich diese Tortur nicht mehr aushalten, das stand fest.

Ich zog schnell die Luft ein, als das Schulterblatt des Gauls sich wieder in meinen Magen rammte …

„Geht es Euch Gut?“, wurde die Decke angehoben.

Zornig schielte ich hoch. Aber natürlich! Funkelte ich ihn gereizt an, ich hing tagtäglich gerne kopfüber einem Pferd! Depp!

„Ich denke, wir sollten mal eine Pause einlegen“, sagte er, und deckte mich wieder zu.

Ach was, denkst du! A-a-u-a … Drang wieder dieser quälende Schmerz in meine Magengrube.

 

Kurze Zeit später stoppte er, und stieg schweigend ab. Es dauerte eine Weile bis er endlich die Decke von mir entferne, und ich erst mal auf blinzeln musste, als das Tageslicht wieder ungehindert auf meine Augen traf.

Es hatte sich nicht viel verändert, musste ich feststellen. Wir waren immer noch in einem Wald, und befanden uns auf einen gut durch gestampften Pfad, der sich in den Windungen des Waldes verlor.

Sorgsam holte er mich von seinem Pferd, und platziert mich vor sich. Er wirkte komplett durcheinander. Sah mich in einem Moment erzürnt an, und im nächsten, als versuchte er das Chaos in sich zu ordnen.

„Ihr könnt Euch jetzt ein wenig ausruhen“, erklärte er, wobei er mir immer wieder flüchtig in die Augen blickte, als er die Fesseln aufband.

„Danke“, erwiderte ich zynisch, und zuckte leicht mit den Mundwinkeln. Setzte mich auf einen großen unförmigen Stein und massierte mir behutsam die Fuß und Handgelenke, die sich von der mangelnden Bewegung Taub anfühlten.

Es war seltsam, ich hatte das Gefühl, das wir schon seit Stunden unterwegs waren, aber dennoch kamen wir nicht von der Stelle. Doch den anderen schien dieser Umstand keine Sorge zu bereiten, sie benahmen sich ganz locker und zwanglos. Als wäre das, dass normalste der Welt.

Komische Truppe sah ich mir jeden Einzelnen genau an, bis mein Blick schließlich die Runde an Johns wachen, aber auch etwas ratlosen Blick endete.

Es war auf eine äußerst unangenehme Art, eine befremdliche Situation, denn er blickte fast wie in Trance versetzt auf mich runter, was mich stark verunsicherte, und ich anfing, mich in meiner Haut unwohl, zu fühlen.

Guck nicht so blöd! Blinzelte ich ein paar Mal hoch, und räusperte mich, denn ich hatte ein Anliegen, das keinen längeren Aufschub duldete.

„Ähm, …“, fing ich etwas gehemmt an. … hast du … etwas dagegen, wenn ich mir Mal die Beine vertrete? Ich muss wirklich dringend.“

Ich hatte es mir so, wieso schon seit Stunden verkniffen. Bekam aber allmählich den schmerzhaften Verdacht, dass meine Blase es nicht mehr all zu lange mitmachen würde.

Außerdem, … überlegte ich, … wäre es eine ziemlich gute Möglichkeit, um von hier zu verschwinden.

Er schürzte die Augen … „Ihr wollt Euch, dringend die Beine vertreten?“ … sah er mich stutzig an.

Oh man! Rollte ich mit den Augen. Nicht nur paranoid, sondern auch noch schwer vom Begriff!

„Ja!“, sah ich ihn vielsagend an. „Ich muss, mir Ganz Dingend, Mal die Beine vertreten, weil ich, Mal Muss“, sagte, ich ganz langsam, für begriffsstutzige.

Es war mir unangenehm ihm das erklären zu müssen.

„Oh …“ Er schien es endlich zu kapieren. „Aber ja … natürlich, … am besten gehen wir in diese Richtung“, wies er mich mit einer Handbewegung an.

„Was?“ Nein, nein, Moment mal! Starrte ich entsetzt. „Du willst mitkommen?“ Das war doch nicht sein erst. „Ganz ehrlich, ich brauche dabei keine Hilfe“, verneinte ich vehement.

„Ihr denkt doch nicht, das Euch alleine gehen lasse“, lachte er auf. „Am Ende verläuft Ihr Euch noch und findet nicht mehr zurück“, sagte er anspielend, und grinste.

Wer sagte, dass ich zurückfinden wollte? Ich musste mich wirklich zusammenreißen, um diesen Kerl nicht an die Gurgel zu spring. Denn seine arrogante, selbstgefällige Art machte mich rasend. Besonders das Grinsen in seinem Gesicht. Da es mich kurzzeitig durcheinanderbrachte, und mein Hirn für einige Sekunden lahmlegte.

„Ich will nur Pinkel, und nicht auf eine Wandertour gehen“, entgegnete ich zischend zwischen zusammengebissenen Zähnen.

„Ja“, zog er grinsend die Augenbrauen hoch. „Also sollten wir keine Zeit verlieren. Nach Euch Bitte.“

Trat er zur Seite, und wies nickend die Richtung an.

A-A-A-A-A kochte ich, ballte die Hände zu Fäusten und drückte sie vor Zorn so fest zu, wie ich konnte.

Da aber meine Blase sich ununterbrochen meldete, und ich es nicht mehr länger aushalten konnte, setzte ich mich widerwillig in Bewegung und stampfte wütend an ihn vorbei. Er lachte amüsiert auf, als ich Zähneknirschen an ihn vorbei zog, was mich noch mehr reizte.

„Idiot!“, zischte ich laut genug, dass er es hören konnte.

„Entschuldigt, habt Ihr was gesagt? Es kam mir vor, als facht ein Tier“, lachte er. Ich schnaubte tief durch, in dem Versuch die Provokation an mir vorbei gehen zulassen. Was jedoch nichts brachte, dieser Kerl hatte es wirklich drauf mich bis aufs äußerste Maß, zu ärgern!

„Wenn du schon mit kommen musst, dann halt die Klappe!“, richtete ich an ihn, und marschierte tiefer in den Wald.

 

„Wie weit wollt Ihr den noch in den Wald gehen?“, rollte er mit den Augen und folgte mir.

„So weit, das du mich nicht sehen kannst!“, zischte ich. „Dreht dich um, oder willst du mir dabei Zusehen!“, wies ich ihn mit einer Handbewegung an, und versteckte mich hinter einem Baum.

„Ja klar!“, murmelte er, und drehte mir den Rücken zu. „Wenn Ihr vorhabt, wieder davon zu laufen, werdet Ihr nicht weit kommen!“, warnte er mich.

„Ach meinst du?!“

„Ja … wenn ich Euch nicht erwische, dann tun es die Wilden Tiere!“

Tiere?! Sprangen meine Augen ruckartig hin und her. Die hab ich ja ganz vergessen! „Fertig!“, kam ich schnell hinter dem Baum hervor.

Er drehte sich lachend um. „Na, Angst bekommen?“

Widerling! „Hättest du wohl gern!“, knurrte ich und ging voraus.

„Ihr seid wirklich eine anstrengende Person“, schüttelte er den Kopf und kam mir nach.

„Meinst du, du bist leichter zu ertragen!“, blickte ich über meine Schulter. „Wenn dir etwas nicht passt, dann kannst du mich ja gehen lassen!“

„Tut mir Leid, aber das steht nicht zu Option“, sagte er und folgte mir belustigt.

„Tut mir Leid, aber das steht nicht zu Option“, äffte ich ihn nach, als wir uns den anderen näherten. „Was steht den zur Option?!“

Leise lachte er über meinen verärgerten Tonfall auf. „Das Ihr mir sagt, wer Ihr seit und woher Ihr kommt.“

„Ooh“, erwiderte ich. „Das tut Mir jetzt Leid. Aber das steht nicht zur Option!“, sagte ich trotzig und blickte mich um.

Vielleicht sollte ich es einfach wagen und mein Glück mit den wilden Tieren versuchen. Die waren mir wesentlich lieber, als dieser hochnäsige Grobian. Anderseits, würde ich mich wahrscheinlich hoffnungslos in diesen Wald verlaufen.

Die wilden Tiere oder der aufgeblasene Holzkopf. Wog ich die Gefahreneinstufung ab. Am besten keins von beiden, das war mir lieber.

 

„Setzt Euch“, wies er auf einen Stein hin, als wir bei den anderen ankamen, und zog die Seile hervor.

Oh nein, nicht schon wieder. „Sag mal, muss das echt sein?“, stöhnte ich.

„Setzt Euch!“, wiederholte er mit Nachdruck.

Genervt ließ ich mich auf den Stein nieder. Es war klar, dass er mich wieder Fesseln wollte. Meine Haut kribbelte immer noch an den Stellen, an denen die Fesseln vorher waren.

„Gebt die Beine her“, sagte er.

„Komm schon. Ich werde auch ganz sicher nicht weglaufen. Ich meine, wo sollte ich schon hin? Außerdem tun die Dinger höllisch weh!“, jammerte ich und zog einen Schmollmund. „Biiitte!“, klimperte ich mir den Wimpern.

Wenn er meinte, er könnte mich mit seinen schmalzigen Augen rum kriegen, dann konnte ich das auch.

„Na gut“, gab er nach.

Ja, ich hatte gewonnen! Ich hatte es drauf! Machte mein Selbstbewusstsein einen Flickflack.

„Ich werde Eure Beine nicht fesseln“, sagte er, nahm meine Hände und fesselte die.

„Aber, … aber …“, sah ich dabei zu. „Ich dachte, du fesselst mich nicht.“

„Eure Beine“, erwiderte er. „Nicht Eure Arme! Ihr habt doch nicht ernsthaft geglaubt, ich falle auf Eure Avancen rein“, lacht er auf.

„Meine was?!“

Der Typ hatte eindeutig zu viele alte Filme gesehen.

„Was bildest du dir eigentlich ein. Als ob ich mich für so einen Widerling wie dich Interessieren würde!“, sah ich ihn empört an. „So etwas Eingebildetes wie dich habe ich …“

Ich konnte den Satz nicht zu Ende bringen. Weil er mir grinsend, das Tuch von vorhin wieder in den Mund stopfte.

Was sollte das jetzt! Blitzte ich ihn an. Er kniete sich auf einen Bein zu mir runter, amüsiert über meinem Zorn, und entfernte mir wieder vorsichtig das Tuch.

„Seit Ihr fertig?“

Natürlich war ich noch nicht fertig. Was sollte das überhaupt mit diesem ekligen Tuch? So wie der sich verhielt, musste er doch daran gewöhnt sein, das ihm jeder die Meinung ins Gesicht geigte!

Ich spannte vor Wut meinen Kiefer an. „Kritik kannst du wohl nicht so gut vertragen, was! Kratzt ein wenig am Selbstbewusstsein! Sollte man das nicht als Erstes beim Seelendoktor …“

Verdammt! Und schon wieder steckte das Tuch in meinem Mund. Der hat sie doch nicht mehr alle!!! Machte er das etwa immer so, wenn ihn was nicht passte?

Er blickte mir entgegen, mit seinem schleimigen Grinsen und seinen bescheuerten blauen Augen, die mich schon wieder verwirrten.

Oh nein! Versuchte ich bei Verstand zu bleiben, und kochte innerlich vor Wut, da sein Grinsen immer breiter wurde.

„Du arrogantes, aufgeblasenes, hochnäsiges, selbstgefälliges, überhebliches, prahlerisches, widerliches Schwein!“ Ließ ich meine ganze Wut heraus. Schade nur dass er kein einziges Wort verstehen konnte. Oder sollte ich doch Gott sei Dank sagen? Nein, er hätte es hören müssen. Dann wüsste er ganz genau, was ich von ihm und seinem impertinenten Getue halte!

„Seit Ihr jetzt, fertig?“, hob er fragend seine Augenbrauen, als ich endlich zur Ruhe kam, und entfernte mir wieder das Tuch.

„Ich kann das den ganzen Tag machen“, sagte er erheitert. „Ich finde das nämlich sehr amüsant!“

Wie Bitte?! Schnappte ich beleidigt nach Luft, und sah zur Seite.

Wie es aussah, war er nicht nur verrückt, sondern auch sadistisch veranlagt. Es war besser die Klappe zu halten, denn mit diesen Irren konnte man offenbar nicht Reden.

Schweigend half er mir wieder aufs Pferd, setzte sich hinter mich und griff nach den Zügeln, indem er seine Arme um mich legte. Ich schluckte und hielt still. Denn seine unmittelbare Nähe irritierte mich, was mein Herz schneller schlagen ließ.

Sein Kettenhemd, das sich bei den Bewegungen des Pferdes an meinem Rücken rieb, verursachte mir eine Gänsehaut, was er zu merken schien. Denn er räusperte sich und rückte ein Stück zurück.

Ich blickte nach vorn, beobachtete die anderen, die hin und wieder skeptisch zu uns rüber schielten. Ihren Gesichtsausdruck nach verstanden sie es auch nicht, warum er mich unbedingt mitnehmen musste. Ich sah auf meine gefesselten Hände und atmete tief aus.

So tief wie jetzt saß ich noch nie in der Patsche. Wie sollte ich mich jetzt verhalten? Sollte ich vielleicht die psychologische Schiene fahren, und auf verständnisvoll tun? Oder doch lieber den Mund halten und bei der nächst Besten Gelegenheit Abhauen?

Aber da, wir uns in dreier reihen bewegten und ich links und recht quasi von Wachen umgeben war, standen die Chancen gleich null, dass es mir gelingen würde. Wahrscheinlich würden sie mich in Sekundenschnelle wieder einfangen. Den Links von uns ritt Edward, und rechts ein ziemlich mürrisch drein schauender Typ.

Als unsere Blicke sich trafen, lief mir ein Schauer über den Rücken. Er versuchte zu lächeln, doch das sah noch gruseliger aus.

„Riley ich glaub, du machst Ihr Angst“, richtete John heiter an den grimmigen Mann, der verwundert seine buschigen Augenbrauen hob.

„Denkt Ihr?“, erwiderte er mit einer rauchigen Stimme.

Verflucht, was sollte das! Blickte ich verstört zu John.

„Und dabei bin ich doch ein so geselliger Typ“, sagte er mit einem freundlichen Lächeln.

Ookaay, darauf konnte ich absolut nichts erwidern, schluckte, und zuckte mit den Mundwinkeln.

„Vor dem braucht Ihr Euch nicht zu fürchten“, sagte John. „Er sieht zwar furchterregend aus, ist aber im Grunde harmlos.“

Aber natürlich, ihr seit im Grunde alle harmlos, verdrehte ich die Augen, reagierte aber nicht, auf seinen misslungenen Versuch nett zu sein.

Schwermütig atmete er aus. „Habt Ihr noch lange vor zu schmollen?“, fragte er.

„Ich weiß nicht! Hängt davon ab, ob du mir wieder den ekligen Lappen in den Mund stopfst!“, entgegnete ich trocken.

„Aha“, stoß er hervor. „Na ja, das hängt davon ab war Ihr zu sagen habt.“

„Also wenn das so ist, ziehe ich das Schmollen vor!“, sah ich mürrisch nach vorn und presste die Lippen aufeinander.

Das war meiner Meinung nach das Beste was ich tun konnte. Ihn zu Ignorieren. Worüber sollte ich mich mit ihm schon Unterhalten?

Na erzähl mal, wie ist denn die Gummizelle so? Schön weich oder?! Bei der Vorstellung musste grinsen.

Ich spürte seinen bohrenden Blick am meinem Rücken, blieb aber trotzdem Still.

Denn das was ich ihm zu sagen hatte, würde nicht gut für mich enden.

Wie es aussah konnte er keinerlei Kritik vertragen. Und auf das scheußliche Tuch, hatte ich absolut kein Bock.

 

Es verging eine weitere Stunde, doch vom Windsor Castle war weit und breit nichts zu sehen. Wir waren nach wie vor von diesen riesigen Bäumen umgeben. Dicht an dicht standen sie, an dem nicht enden wollenden Pfad.

 

Tiere hatte er gesagt, erinnerte ich mich … Blödmann! Wollte mir bestimmt nur Angst einjagen, schnaubte ich und sah mir den Wald genauer an.

Was war das?! Blieb ich aufgeschreckt an einer Stelle hängen.

Oh Goott, dieser paranoide Irre, machte mich schon ganz paranoid! Schüttelte entnervt den Kopf, und verfiel ins Grübeln.

Langsam kam mir das alles wirklich Suspekt vor. Ich beobachtete diese Truppe schon seit einer ganzen Weile, und kein einziges Mal fielen sie aus ihrer Rolle. Was ziemlich merkwürdig war.

Also entweder waren sie wirklich gut, oder total durchgeknallt! Und der verrückteste von allen, saß direkt hinter mir.

Vorsichtig schielte ich nach hinten. Doch als ich bemerkte, dass auch er mich bedenklich betrachtete, schaute ich sofort wieder nach vorn.

Man warum guckte er immer so? Pochte mir plötzlich das Herz in den Ohren. Ich versuchte mich davon abzulenken, indem ich mich wieder darauf konzentrierte, das alles zu verstehen.

Also angenommen, wenn es wirklich alles Geisteskranke waren, hätten sie für die heutige Schauspielerische Leistung einen Oscar verdient, überlegte ich. Wirklich, davon konnte sich manch Schauspieler eine Scheibe abschneiden. Aber allmählich dämmerte es mir, dass sie gar nicht Schauspielerten. Sie benahmen sich, als wären sie tatsächlich diese Personen.

Also doch, Durchgeknallt, total Durchgeknallt!

Unsicher schaute ich auf die reitenden Männer vor uns, was in mir jedoch eigenartige Zweifel weckte, je länger ich sie beobachtete.

Also … konnte es sein …? Also … wenn sie nicht schauspielerten … überlegte ich, … dann musste ich doch im Mittelalter …

Neeeiin, das war verrückt, an so was zu denken war schon verrückt! Das war bestimmt eine mittelalterliche Sekte oder so.

Komm schon Ann, du drehst einfach schon ein wenig durch, die Jungs färben auf dich ab! Brachte ich mich wieder zur Besinnung.

Ich hatte mir bestimmt nur irgendwo den Kopf angehauen, und halluzinierte. Ja, besser, viel besser! Ich atmete tief durch, schloss die Augen und flüsterte.

„Wach auf Ann, wach auf Ann. Komm schon, aufwachen!“

„Habt Ihr was gesagt?“, fragte John.

Ich öffnete ein Auge, linste durch und musste enttäuscht feststellen, dass ich noch da war.

„Verdammt, ich bin ja immer noch hier.“

„Wo sollt Ihr denn sonst sein? Wir sind auf dem Weg zum Windsor Castle, so wie Ihr es wolltet“, sagte er stirnrunzelnd. „Wisst ihr, …“, beugte er sich nah an mein Ohr. Erschrocken hielt ich den Atem an. „… für ein Weibsbild, das in solch edlen Stoffen gekleidet ist, habt Ihr einen ziemlich Gossenhaften Wortschatz“, bemerkte er heiter, und zog sich wieder zurück.

Wie bitte? Hatte der Irre mich gerade beleidigt? Sah ich entsetzt über meine Schulter.

„Ach ja?! Meinst du, du hörst dich besser an. Dieses hochmütige, hochnäsige, geschwollene Gerede! Kein Mensch redet heut zu Tage mehr so“, zischte ich ihn Sauer an. „Aus welchem Eliteinternat bist du den entflohen! Redet hier vom Wortschatz und spricht wie mein Ur-Ur-Ur Großvater“, entgegnete ich und rollte mit den Augen.

Edward, der neben uns ritt, und die ganze Situation mit einem Schmunzeln verfolgte, lachte laut auf. „Ich würde an deiner Stelle vorsichtig sein Brüderchen. Das Weibsbild scheint bissig zu sein“, wies er John darauf hin.

„Was? Was bist du den für ein Chauvi. Was bildest du dir ein wer du bist. Bissig!!! Bind mich los und ich zeig dir, was Bissig ist!!!“, fauchte ich und erspähte John aus dem Augenwinkel, der kurz vor einem Lachanfall stand.

„Lach nicht so blöd, du bist auch nicht viel besser! Erst einen zu Tode erschrecken, Verfolgungsjagd und Entführung inklusive, und dann große Sprüche klopfen“, knallte ich ihm hin. „Bissig! Also echt!“, sagte ich und sah beleidigt nach vorn.

John blickte seinen Bruder mit einem zufriedenen Grinsen an.

„Ja Brüderchen, das würde ich auch sagen. Allerdings wer von uns beiden sich vorsehen muss, ist mir noch unklar!“, sagte er und lachte mich von der Seite an.

„Blödmann!“, schnaubte ich, und bemerkte, wie nah er wieder an mir saß.

Schon wieder spürte ich seine Panzerung an meinen Rücken.

„Sag mal“, fuhr ich wütend herum. „Muss es sein das du …“

Mir blieben die Worte im Hals stecken. Denn er sah mir direkt mit diesen himmelblauen Augen in, meine.

Irgendwie wirkten sie hypnotisierend auf mich.

Er zog verwundert seine Augenbrauen zusammen.

„Das ich was?“, fragte er.

Was immer ich auch sagen wollte, ich hatte es vergessen. Und auch das, dass ich eigentlich wütend auf ihn war.

Gott hatte er schöne Augen, schmolz ich für ein Moment fast dahin. Fing mich aber sofort wieder, bevor sich ein albernes Lächeln auf meinen Lippen ausbreiten konnte.

Er betrachtete mich fragend, als sich unmerklich seine Lippen zu einem leichten Lächeln verzogen.

„Das, ich, was?“, wiederholt er langsam.

Ich schluckte, denn meine Kehle fühlte sich auf einmal trocken an.

„Du, … du sollst …“, stottere ich.

„Jaaa?“, hob er schmunzelnd die Brauen. Gott sah das niedlich aus.

Aber sein Grinsen wurde immer breiter und selbstgefälliger, was mir in Erinnerung rief, warum ich eigentlich so Sauer auf ihn war.

„Setzt dich einfach weg von mir!“, schnauzte ich ihn an.

Ja! Ich war wieder da! Puh ... „Muss es sein, das du dich andauernd an meinem Rücken reibst!“, fauchte ich, blickte wieder nach vorn und versuchte meinen Atem unter Kontrolle zu bringen. Auch wenn ich nach außen wieder Cool wirkte, innen drin herrschte totales Chaos.

Oh man, was war das gerade? Blinzelte ich meine Unruhe weg. Es fühlte sich nach Kontrollverlust an, und das konnte ich gar nicht leiden.

„Es tut mir Leid, das ich Euch zu nahe getreten bin, Milady“, beugte er sich wieder vor. Ich fühlte seinen warmen Atem an mein Ohr, und ein kribbeln, dass sich über meinen Körper ausbreitete. Er gab ein leises vergnügtes Lachen von sich und rückte zurück.

Verflucht! Er machte es mit Absicht! Spannte ich vor Wut den Kiefer an.

„Milord, ich denke, diese junge Lady, lässt sich nicht so schnell von Euch beeindrucken“, sagte Riley und nickte mir zufrieden zu.

Ohhh darauf konnte er Gift nehmen!

„Meinst du? Das wäre Mal was ganz Neues. Ich liebe Herausforderungen!“, erwiderte John heiter, in meine Richtung.

„Oh glaub mir, dieser Herausforderung bist du nicht gewachsen!“, knurrte ich.

Er beugte sich wieder vor. „Seid Ihr Euch da auch vollkommen sicher?“, hackte er vergnügt nach.

Was??? „Wenn du mir nur einmal zu Nahe kommst, wirst du es dein Leben lang bereuen!“, zischte ich und schubste ihn mit der Schulter.

Edward lachte erneut auf. „Also ich muss zugeben, auch wenn Ihr eine ziemliche Nervensäge seid, zu sehen, wie mein Bruder eine Abfuhr erhält, ist es Wert!“

Gab seinem Pferd die Sporen und ritt vor.

„Wie gesagt, ich liebe Herausforderungen“, wiederholte John grinsend.

„Halt die Klappe!“, entgegnete ich Sauer, und schlug mit den Ellenbogen nach ihm.

Au-u-a! Das Kettenhemd hatte ich total vergessen!

Kniff vor Schmerz die Augen zusammen, und versuchte mir nichts anmerken zu lassen.

 

Es vergingen wieder Stunden. Allmählich wurde es Dunkel, aber vom Schoss war immer noch nichts zu sehen. Was mir Sorge bereitete, und in mir einige Zweifel hoch trieb. Waren wir wirklich zum Windsor Castle unterwegs, oder brachten sie mich ganz wo anders hin?

Und wenn ja, wohin brachten sie mich? Die Unwissenheit nagte an mir. Aber sollte ich es wagen ihn danach zu fragen? Schon bei dem Gedanken daran ihn anzusprechen, beschleunigte sich mein Pulsschlag.

Diese bescheuerten Augen! Fauchte ich innerlich. Dass sie so eine Wirkung auf mich hatten, machte mich wütend! Denn eigentlich fand ich ihn Anmaßend und Arrogant, deshalb verstand ich diese Reaktion darauf nicht.

Schluckte aber dieses beklommene Gefühl runter und räusperte mich.

„Sag mal“, sagte ich ohne ihn anzusehen. Denn das musste ich auf alle Fälle vermeiden. Irgendetwas spielte komplett Verrückt in mir, wenn ich in sein Gesicht sah. Als wenn sich mein Körper meiner Kontrolle entzog.

Blickte auf seine Arme die mich Umhüllten. „Ähm … wann sind wir denn endlich in Windsor?“, fragte ich und schaute schnell wieder hoch, denn mein Herz trommelte schon wieder.

„Na ja, wenn wir die heute Nacht und den morgigen Tag durchreiten, sind wir am Abend da“, sagte er und streifte versehentlich mit seiner Hand an meinen Arm.

Selbst darauf reagierte mein Körper. Als wollte er mir etwas sagen.

„Das kann aber nicht sein!“, erwiderte ich empört. „Ich bin höchstens ein paar Stunden im Wald herumgeirrt!“

Wollte er mich verwirren?

Er sah mich von der Seite erstaunt an, wodurch er automatisch wieder näher rückte, hob seine Augenbrauen und lächelte frech.

„Windsor liegt ungefähr zwei Tagesmärsche von der Stelle entfernt, wo wir Euch gefunden haben. Also für ein paar Stunden müsst Ihr aber richtig schnell gewesen sein“, musterte er mich.

„Ja natürlich. Gefunden ist gut. Entführt würde ich sagen!“, entgegnete ich wütend und verfiel wieder ins Grübeln. „Aber das kann trotzdem nicht sein!“, überlegte ich laut. „Ich bin doch keine hunderte von Meilen in der Stunde gelaufen. Ich bin doch nicht Supergirl!“

„Wer ist Supergirl?“, fragte er neugierig.

Langsam kochte ich. „Jetzt reicht´s! Schluss mit dem ganzen Laientheater! Ihr könnt es alle richtig gut, daran liegt kein Zweifel. Aber ich hab jetzt die Schnauze voll davon. Können wir nicht einfach ein Taxi rufen?“, platzte mir der Kragen.

Er sah mich irritiert an, als verstehe er kein Wort. „Was ist ein Taxi?“, blickte er mich verwundert an.

Man, diese Typen gaben einfach nicht auf. Ich stöhnte laut auf, denn langsam hatte ich genug von seinen Faxen, und beschloss dasselbe zu tun wie er, nämlich schweigen!

Wenn sie mich für dumm verkaufen wollten, dann sollten sie das ruhig versuchen.

Rutschte etwas nach vorn, um wieder mehr Abstand zwischen uns zu haben, und blickte verstimmt zur Seite.

John lachte auf, amüsiert über mein Benehmen.

„Hör auf damit! Das ist nicht witzig!“, zischte ich.

„Doch, irgendwie schon.“

„Nein ist es nicht! Sag mir lieber, was hier eigentlich vorgeht?“

„Wie meint Ihr das?“

„Das weißt du ganz genau. Was soll das ganze geschwollene Gerede, die Rüstungen, die Pferde? Und was zu Hölle willst du von mir? Seid ihr alle aus einer Irrenanstalt ausgebrochen, und haltet euch für die Ritter der goldenen Kokosnuss?“, richtete ich aufgebracht an ihn. Wartete auf eine Antwort, doch er erwiderte nichts.

Vorsichtig schielte ich zu ihm rüber, und bemerkte, wie verwirrt und nachdenklich er aussah.

„Würdest du mich bitte, endlich Aufklären“, sagte ich und blickte durch den Wald.

„Ich weiß nicht, was Ihr hören wollt“, antwortete er.

„Wie wär’s mit der Wahrheit? Ich versuche nämlich schon seit Stunden zu begreifen, was das alles hier zu bedeuten hat!“, sagte ich und rutschte unfreiwillig wieder zurück, als das Pferd einen kleinen Hügel hinauf lief.

Ich stieß gegen seine Kettenhemd gepanzerte Brust, was wieder ein Herzrasen in mit auslöste, das ich verzweifelt versuchte zu unterdrücken.

Ich bemühte mich Gelassen auszusehen, keine Ahnung, ob es mir gelang, denn mein Herz hämmerte derartig gegen meine Brust, dass es wehtat.

Du blödes Organ arbeite gefälligst normal! Regte ich mich darüber auf.

„Die Wahrheit würde ich auch gern von Euch hören“, sagte er nah an meinem Haar, was ein Prickeln in mir auslöste.

Ich sammelte ich mich und wieder ganz da.

„Ich habe dir, und deinem „Bruder“, …“, hob ich bei dem Wort Bruder, meine Finger zu Anführungszeichen hoch. „… schon alles gesagt, was ihr Wissen müsst“, erwiderte ich, und hoffte, dass er die Nervosität in meiner Stimme nicht hörte.

Bedenklich verfolgten seine Augen meine Geste mit den Fingern und blickten dann schließlich wieder zu mir.

„Meiner Ansicht nach war das nicht genug“, entgegnete er herb.

>>Wie bitte! << Schaute ich verdutzt.

„Ach, wenn das so ist …“, bemerkte ich trotzig. „… dann Schweigen wir eben beide!“

„Gut“, erwiderte er genau so störrisch.

„Ja. Super!“, sah ich beleidigt nach vorn.

Auch er schaute Sauer an mir vorbei und ignorierte mich.

Das gab´s ja nicht! Versuchte ich mich zu beruhigen. Was sollte das heißen, seiner Ansicht nach nicht genug?! Wollte er vielleicht noch ein Lebenslauf von mir?!

Riley, der unsere kleine Auseinandersetzung schweigend verfolgte, brach in lautes Gelächter aus.

„Also es ist schon schlimm genug einen Sturkopf in unserer Mitte, zu haben. Aber ihr beide zusammen … zwei gleiche Dickschädel, das wird amüsant!“

„Wir sind nicht gleich!“, erwiderten wir beide synchron, und sahen uns zeitgleich verbohrt an.

„Ich sag’s ja, gleich schlimm“, betrachtete uns Riley mit einem breiten Grinsen.

Missgestimmt spielte John mit seinem Kiefer.

„Mach, dass du wegkommst, Riley. Sonst garantiere ich für nichts!“, knurrte er, und sah den Mann nach, wie er kopfschüttelnd auflachte und vor ritt.

Auch ich schürzte die Augen und blickte dem jauchzenden Mann finster nach.

Wir und gleich, dass ich nicht lachte! Ich hatte mit diesem Holzkopf überhaupt nichts gemeinsam! Rein gar nichts! Regte ich mich über diesen Kommentar auf, und blickte verbissen nach vorn, in dem bestreben durchs langsames Atmen wieder zur Ruhe zu kommen.

Auch John wirkte etwas Überreizt. Sah an mir vorbei und nuschelte etwas vor sich hin.

Ich war so sauer, am liebsten hätte laut aufgeschrien. Aber wir waren jetzt allein.

Die beiden Wachen waren weg. Nur seine Begleiter vor und hinter uns waren noch da. Also spielte ich mit dem Gedanken einfach vom Pferd zu springen, und so schnell ich konnte im Wald zu verschwinden.

Vielleicht hätte ich Glück und sie würden nicht so schnell reagieren.

Okay ich wag´s! Entschied ich mich. Wirkte aber dennoch unschlüssig.

Zählte von drei langsam runter … DREI, … ZWEI, … EI ….

„In Ordnung!“, sagte er plötzlich, wodurch sich mein Körper vor Schreck versteifte.

„Die Rüstungen tragen wir zu unserem Schutz, um Verletzungen zu vermeiden“, begann er, was ihm sichtlich schwerfiel, denn Nachgeben war anscheinend nicht so sein Ding.

Ich schielte skeptisch über die Schulter. Ookayy …

„Ihr wisst doch, was eine Rüstung ist und wozu sie dient?“, musterte er mich abschätzend.

Wie bitte?! Riss ich empört die Augen auf. „Natürlich weiß ich, was eine Rüstung ist!“

Was bildete er sich ein?

„Wirklich? … Ich war mir da nicht so sicher“, hob er die Augenbrauen und lächelte.

„Was?“ drehte ich mich aufgebracht um. „Was soll das heißen? Nur weil heutzutage keiner mehr in einem Panzer durch die Gegend läuft, … außer euch alle natürlich, …“

Schweiften meine Augen über ihn und die anderen. „… heißt das nicht, dass ich nicht weiß, was eine Rüstung ist“, fuhr ich in gereizt an. Gott, warum musste er mich nur so auf die Palme bringen?

„Das hört sich doch interessant an“, Erwiderte er wachsam. „Wo gibt es den so ein Ort, an dem man keine Rüstung benötigt, wenn man in den Kampf zieht? Wo kommt Ihr her?“, horchte er mich wieder aus.

„Klar, das sage ich ausgerechnet dir. Einen Verrückten, der mich gefesselt hat und mir nicht sagen will, was er mit mir vorhat!“

Für, wie naiv hielt, er mich eigentlich?!

„Na gut, dann nicht“, sagte er. „Also weiter, dass geschwollen Gerede, wie Ihr es nennt, ist die Redensart der Adelsleute. Eure ist mir allerdings auch geläufig“, schilderte er souverän. „Und die Pferde sind unser Fortbewegungsmittel. Oder bevorzugt Ihr lieber den Fußmarsch?“, fragte er und zuckte mit den Augenbrauen.

Angriffslustig erwiderte ich seinen Blick. Na warte! Knurrte ich innerlich.

„Ist Scheiße, wenn einem der Sprit ausgeht, was?“, zuckte ich mit meinen Augenbrauen zurück.

Misstrauisch betrachtete er mich, wirkte etwas durcheinander. Was in mir allerdings eine wohlige Genugtuung bewirkte.

Mission erfüllt, dachte ich. Und das fühlte sich so gut an, dass ich noch eine Schippe drauflegte.

„Wann hört ihr endlich mit diesem Schmierentheater auf? Kampf auf Leben und Tot, mit den Schwertern, ja klar. Machs doch wie die anderen Durchgeknallten und besorg dir eine Knarre. Was soll das mit den Rüstungen und Schwertern überhaupt? Bis Halloween haben wir noch ein Weilchen, und im Mittelalter sind wir auch nicht. Ich mein, du läufst wie ein Typ aus den 13. Jahrhundert herum. Was hat es für einen Sinn? …“, fiel mir gerade spontan ein, weil wir vorhin die Bilder aus dieser Epoche beäugt hatten.

Moment mal 13. Jahrhundert … stoppte ich abrupt.

Ach du Scheiße! Fiel mir auch plötzlich ein, wo ich sein Gesicht schon gesehen hatte.

Das Porträt des John of Gaut, weiteten sich meine Augen erstaunt.

Noch ein Doppelgänger erstarrte ich. Dieser Typ tut nicht nur so, als wäre er John, er war ihm auch wie aus dem Gesicht geschnitten.

Ob sie wohl spezielle Castings durchlaufen mussten? Echt, er könnte wirklich sein Zwillingsbruder sein, überlegte ich, und merkte gar nicht, wie ich ihn anstarrte.

„Nicht aus den 13. aber aus den 14!“, berichtigte er mich.

„Was?“, wachte ich aus meiner Erstarrung auf.

„Genauer gesagt schreiben wir das Jahr 1358.!“

„Aber natürlich!“, belächelte ich ihn kopfschüttelnd. Merkte aber, dass er es tatsächlich ernst meinte. Was mein ungutes Gefühl von vorhin nur noch verstärkte.

„Na gut, …“, schluckte ich beklommen. „… und weiter?“

Da war noch eine Frage, die er nicht beantwortet hatte.

„Wie weiter?“, fragte er.

„Da ist noch eine Frage offen!“, wies ich ihn darauf hin.

„Ach ja“, sagte er. „Wer diese Ritter der goldenen Kokosnuss sind, dass kann ich Euch auch nicht sagen“, fügte er mit einem Lächeln hinzu, und schwieg wieder.

Also langsam verlor ich die Geduld. Brachte mich dieser Kerl absichtlich zur Weißglut?

„Was willst du von mir?“, brach es aus mir heraus.

Das Lächeln auf seinen Lippen verschwand, und sein Blick wurde Ernster.

„Das kann ich Euch noch nicht beantworten“, sagte er und sah mich prüfend an.

„Was? Was heißt das nun schon wieder?“, fragte ich überreizt. „Man entführt doch nicht einfach Leute aus Lust und Laune!“

„Ich habe Euch nicht entführt“, entgegnete er. „Ihr wolltet zum Windsor Castle, also bringen wir Euch dorthin.“

„Was? Natürlich hast du mich entführt! Oder warum hast du mich gefesselt und geknebelt. Ich habe meine Hände immer noch nicht frei!“

„Also wisst Ihr, wenn Ihr das so seht, sollte ich vielleicht den Knebel wieder anbringen. Denn langsam beginne ich es zu bereuen, ihn entfernt zu haben“, erhob sich seine Stimme.

„O-oh, das ist wohl deine Lösung für alles, was?!“, zischte ich.

Er schwieg.

„Wie seid Ihr hergekommen?“, fragte er schließlich.

Jetzt schwieg ich und mied seinen bohrenden Blick.

„Na gut. Wenn Ihr nicht kooperiert, dann dauert es länger.“

„Kotzbrocken!“, richtete ich an ihn.

„Milady, aus Eurem Mund klingt es wie ein Kompliment“, stichelte er.

Verärgert schnaubte ich mir eine Haarsträhne zur Seite, und sah wieder nach vorn.

Blöder Kotzbrocken! Nicht entführt, ja klar. Kochte ich innerlich.

Wie konnte man nur so starrsinnig sein! Okay, ich war auch nicht besser. Aber ich war auch diejenige, die gegen ihren Willen festgehalten wurde!

Nicht entführt, das ich nicht Lachte, und biss ich vor Wut die Zähne zusammen.

 

So konnte es doch nicht die ganze Zeit weiter gehen. Irgendwann würde einer von uns noch vor Wut explodieren.

Oh man, was sollte ich tun? Blickte ich ratlos auf meine Hände runter. Irgendwie war mir zum Heulen zu Mute.

„Es … tut mir leid“, sagte er schließlich.

Ich hörte, dass er es aufrichtig meinte, ignorierte ihn aber dennoch.

„Ich wollte Euch nicht so erzürnen. Tun die Fesseln noch weh?“ fragte er. „Sagt was.“

„Was interessiert dich das? Außerdem soll ich doch die Klappe halten“, entgegnete ich und schwieg wieder.

Er atmete schwer aus, erwiderte aber nichts.

 

Schweigend ritten wir weiter, und ich musste zugeben, dass sich mein Zeitgefühl verflüchtigt hatte, denn in diesen nicht enden wollenden Wald sah alles düster und moderig aus. Ich hatte keine Ahnung mehr, wie viel Zeit verstrichen ist, seit sie mich aufgegriffen hatten, zwei, drei vielleicht auch vier Stunden. Auf jeden Fall wurde ich langsam Müde, und diese andauernde Zankerei raubte mir den letzten Nerv. Aber vor allem hinterließ dieses ewige auf und ab gehüpfe Spuren, und zwar auf meinem Hintern.

John schaute mich ein paar Mal unauffällig an, sagte jedoch nichts.

Also schluckte ich meinen Stolz runter und sprach ihn vorsichtig an.

„John. Du heißt doch John, oder?“

Das war eher einer Feststellung als eine Frage.

„Ja?“, wirkte er überrascht.

„Ähm, können wir vielleicht eine kleine Pause einlegen?“, fragte ich.

„Warum?“, zog er die Brauen zusammen.

Na, weil mir der Hintern weh tut! Kniff ich schmerzgeplagt die Augen zusammen. „Also weißt du, ... wenn ihr es gewohnt seid, stundenlang auf diesen Dingern zu sitzen, ... schön. Aber ich nicht!“, gab ich ihm einen kleinen Denkanstoß. „Außerdem sind meine Beine fast eingeschlafen“, Versuchte ich die Zehen zu bewegen, was ein unangenehmes Kribbeln auslöste. Und obendrauf rückte er mir auch andauernd auf die Pelle, was ich nicht länger aushielt, da mein Körper ein Eigenleben entwickelt und sich unzurechnungsfähig verhielt!

Ich schaute erschöpft runter, denn dieses merkwürdige Gefühl, das seine Nähe in mir auslöste, wollte einfach nicht weichen.

Er stoppte und sah sich um.

„In Ordnung“, sagte er. „Machen wir hier Rast. Langsam müssen wir ja auch unser Nachtlager aufschlagen. Und dieser Platz scheint gut geeignet zu sein, da vorne fließt ein Bach“, checkte er die naheliegende Umgebung.

Wie bitte, Nachtlager? Wollten er etwa hier Draußen übernachten? Folgte ich entgeistert seinen Blick.

„Wie bitte hier draußen?“, wiederholte ich mich jetzt laut. „Weißt du John, ich bin wirklich kein Freund vom Camping und diesen ganzen –Freie Natur- Quatsch. Und schon gar nicht mitten im Wald. Und … ähm, wilde Tiere sind auch nicht so mein Ding“, brabbelte ich ängstlich, und versuchte hektisch den dunklen Wald zu durchblicken.

„Keine Angst Annabelle …“, lächelte er.

„Ann!“, unterbrach ich ihn. „Ann reicht.“

„Wie Ihr wünscht … also, Ann“, wiederholte er langsam, und ich spürte schon wieder diesen bohrenden Blick an meinen Hinterkopf.

„Ihr schlaft natürlich nicht draußen auf den harten Boden. Heute Nacht könnt Ihr in meinem Zelt übernachten“, sagte er.

Ich schaute ihn stirnrunzelnd an. „Also wenn du glaubst, ich schlafe mit Dir in einem Zelt, dann hast du dich aber geschnitten. Die Sache mit der Überwachung geht mir ein Stückchen zu weit!“, entgegnete ich.

Amüsiert beobachtete er meine Reaktion. „Ich meinte das nicht so, wie Ihr denkt!“ lächelte er vergnügt. „Ihr schlaft natürlich alleine in meinem Zelt“, sagte er und musterte mich amüsiert mit seinen leuchtenden blauen Augen. Kurz hatte ich wieder das Gefühl mich darin zu verlieren, konnte mich aber doch zusammen reisen.

Eingebildeter Trottel. So toll bist du auch nicht. Schürzte ich die Augen.

Musste mir dann aber doch eingestehen, dass er irgendwie Süß war. Was er aber auch genau wusste, und was mich vor Wut zur Verzweiflung trieb.

Matcho, aber nicht mit mir! „Schon gut ich hab’s verstanden. Und grins nicht so blöd!“ sagte ich nicht Mal annähernd so scharf wie ich es vorhatte.

Ich war so Müde und Hungrig, und wollte einfach nur dass es endlich vorbei war.

„Milady ich bin ein Ehrenmann“, erwiderte er.

„Ja“, rollte ich mit den Augen. „Ein Ritter aus Leidenschaft.“

„Wisst Ihr, Ihr seid eine ziemlich nervenaufreibende Person“, atmete er tief aus.

„Ich hab’s dir schon Mal gesagt. Wenn dir was nicht passt, kannst du mich ja gehen lassen!“, zischte ich.

Er lachte leise auf. „Das hättet Ihr wohl gerne“, sagte er in einem heiteren Ton.

O ja, und wie! Erwiderte ich innerlich.

Schmunzelnd beobachtete er mich, sagte aber nichts.

„Lass das!!“, wies ich ihn wütend an. „Guck wo anders hin!“

Denn ich fühlte mich unwohl, wenn er mich so anstarrte. Doch trotz meiner Aufforderung, oder gerade, weil es mich so aufregte, schaute er weiterhin so penetrant. Als versuchte er hinter ein Geheimnis zu kommen.

„Sire …“, erklang eine Stimme. John wendete sich schmunzelnd ab, und sah zu dem Mann, der auf uns zugeritten kam.

„Ist etwas passiert?“, fragte der Soldat.

„Nein, es ist alles in Ordnung. Aber sag den Männern Bescheid, das wir hier unser Nachtlager aufschlagen.“

Der Soldat nickte. „Ja Sire", erwiderte er und ritt zurück.

John stieg vom Pferd und führte es zu einem Baum, wo er es anband.

Ich schmollte immer noch und versuchte ihn zu ignorieren.

„Wisst Ihr, Ihr habt etwas richtig Liebreizendes an Euch, wenn Ihr Sauer seit“, sah, er hoch.

Wie bitte? „Was denkst du eigentlich, wer du bist? Casanova?!“, erwiderte ich seinen Blick. „Auf deine Schmeicheleien falle ich ganz sicher nicht rein!“

„Casanova? … Ist das Euer Verehrer?“, fragte er feixend.

Ich biss die Zähne zusammen, denn es kochte wieder in mir hoch.

„Ach kommt, seid nicht Sauer. Obwohl …!“, überlegte er gekünstelt. „Das sieht richtig bezaubernd aus“, lächelte er.

„Du bist wirklich voll und ganz von dir überzeugt, oder?! So toll bist aber gar nicht“, entgegnete ich wütend.

„Ach nicht?!“, fragte er mit einem schiefen Lächeln. „Warum werdet Ihr dann rot?“, zwinkerte er mir zu

Was? „Ich werde überhaupt nicht rot!“, empörte ich mich.

Also wenn ich vorher nicht rot war, jetzt wurde ich es ganz bestimmt. Meine Wangen brannten nämlich.

„Arroganter Dreckskerl!“, knurrte ich und blicke in die Dunkelheit. Amüsiert beobachtete er mich und lachte mit einem Kopfschütteln auf.

 

Langsam versammelten sich alle an einem Fleck.

John unterhielt sich mit einem seiner Männer und erteilte Anweisungen. Während ich mit einem kritischen Blick den Aufbau des Lagers beobachtete, und dabei versuchte, den heutigen Tag zu begreifen.

 

Es war alles so verworren und ich so unglaublich erschöpft, das ich mir absolut keinen Reim aus dieser Lage machen konnte.

Ich versuchte, es von allen Seiten zu betrachten. Doch egal wie ich es drehte und wendete, es gab nur drei Erklärungen für das hier. Aber keine von denen gefiel mir, ehrlich gesagt.

Entweder musste ich irgendwie im Mittelalter gelandet sein. Was ich aber für komplett unwahrscheinlich hielt, denn so etwas war unmöglich. Oder ich hatte einen richtig heftigen Schlag abbekommen, und fantasierte. Und für das hier, musste ich eine Menge Fantasie haben.

An die andere Möglichkeit wollte ich gar nicht denken. Denn ich war mir sicher, der Himmel sah definitiv nicht so aus!

Ich überlegte hin und her. Versuchte es zu verstehen. Doch alles was mir in den

Sinn kam, klang abwegig, verrückt und ausgeschlossen.

 

Ganz in meine Gedanken versunken, bemerkte ich gar nicht, dass die Männer das Nachtlager bereits fertig hatten, und dass John, mich die ganze Zeit merkwürdig betrachtete.

 

 

 

 

5

 

 

Kapitel 5

 

 

Das Nachtlager war fertig, die Zelte standen. Ich entdeckte ein Lagerfeuer, über dem ein großer Topf hing. Irgendjemand kochte etwas richtig Leckeres, denn es roch so verführerisch, dass der Duft mir sofort in die Nase stieg und das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ.

Ich hatte den ganzen Tag nichts gegessen. Bis auf mein Frühstück, den Karamell Bonbon und der Tasse Tee, war nichts in meinem Magen gelandet.

Aber das war schon etliche Stunden her, mein Magen zog sich schmerzhaft zusammen und knurrte schon seit einer Weile.

John half mir vom Pferd und ließ mich unter Aufsicht von Riley allein, der sich immer noch um ein freundliches Lächeln bemühte.

Was ihm allerdings völlig misslang, wie ich fand. Denn er sah immer noch mürrisch und schummerig aus.

Ich ließ mich an einen Baum nieder, und beobachtete, wie John und Edward die Wachen einteilten.

„Brand, Chris, ihr übernehmt die erste Wache. Tyler und Henry die Zweite. Verstanden?!“, gab Edward in einem Ton von sich, der keinen Widerspruch duldete.

„Ja, Sire!“, erwiderten die Männer gehorsam, und entfernten sich leise auf ihren Posten.

Edward drehte sich zu seinem Bruder und sah ihn vielsagend an.

„So, … und jetzt?“, wies er fragend in meine Richtung.

John atmete schulterzuckend aus. „Und jetzt bring ich sie in mein Zelt“, sagte er. Wand sich von seinem Bruder ab und kam langsam in meine Richtung.

„John, ich möchte eine Erklärung!“, rief Edward ihm hinterher.

John drehte sich um. „Edward … später“, sagte er. „In Ordnung?“

Edward nickte zwar, jedoch merkte ich, dass er mit dieser Antwort unzufrieden war, denn er sah seinen Bruder noch eine Weile hinterher, bevor er sich wieder an seine Männer wandte.

Warum war nur so verwirrt? War er am Ende doch noch zur Einsicht gekommen, in was für ein Schlamassel er sich hier gebracht hatte?

Zugegeben, so angeschlagen, wie er zu uns rüber schlenderte, tat er mir etwas leid. Denn seine Augen verrieten ihn, auch wenn er versuchte, das Chaos in sich zu unterdrücke, ich erkannte es dennoch.

„Danke Riley. Ab jetzt übernehme ich. Geh und ruh dich aus“, sagte er an meine Wache gerichtet. „Ach ja, schick mir Jeff vorbei“, fügte John noch hinzu.

„Mach ich“, erwiderte Riley im Gehen.

John drehte sich zu mir, schaute mich ein Moment gedankenverloren an ... „Darf ich Euch aufhelfen?“

Streckte er mir die Hand entgegen, die ich zögernd ergriff.

Was war nur mit dem Typen, der noch vor einer halben Stunde vor mir stand, passiert?

Denn dieser hier, war nicht der arrogante und anmaßende Volltrottel von vorhin. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man ihn sogar vielleicht etwas mögen. Aber nur Vielleicht!

„Ist alles Okay?“, fragte ich als er mich hoch zog.

Er runzelte die Stirn. „Okay?“

„Ich meine, … geht es dir gut?“, formulierte ich die Frage neu.

Er betrachtete mich eingehend, erwiderte jedoch nichts. Nahm meinen Hände und band mir die Fesseln auf.

Irgendetwas schien ihn schwer zu beschäftigen, erkannte ich, da ich glaubte ab und an Verwirrung in seinen Augen zu erkennen.

Aber das war noch nicht alles, denn das verrückteste war, dass ich es spüren konnte. Es war wie ein schmerzhaftes Stechen, dass mein Herz durchzuckte.

 

Er band die Fesseln auf und streifte sie runter.

Die Seile hatten Druckspuren auf meiner Haut hinterlassen, denn als er sie löste, spürte ich ein leichtes brennen, bei dem ich unmerklich mein Gesicht verzog.

„Entschuldigt“, fuhr er behutsam über die Druckstellen. „Ich dachte nicht, dass ich so fest zugezogen habe.“

Es war seltsam. Von den selbstsicheren Proleten war nichts mehr zu erkennen. Es sah eher danach aus, als focht er einen innerlichen Kampf aus. Was ich bestens nachvollziehen konnte, denn ich tat es auch.

Seine sanfte Berührung, verwirrte mich, lösten in mir ein wohliges Kribbeln aus.

„Ähm … ja klar ... kein Problem“, erwiderte ich schnell und entzog ihm hitzig meine Hände.

Moment! Blinzelte ich auf. Was sollte das heißen, kein Problem? Assoziierte ich meinen Ausrutscher. Hatte ich jetzt komplett den Verstand verloren?

 

„Kommt“, nahm er mich vorsichtig am Arm und führte mich schweigend an den seltsam aussehenden Zelten vorbei. Die aber nicht wie richtige Zelte aussahen ... Jedenfalls nicht so wie ich es kannte.

Sie sahen eher aus wie Tipis, ähnlich wie bei Indianern, aber doch irgendwie anders.

Ich schaute von seiner Hand hoch in sein Gesicht und schluckte schwer.

Diese Berührung kam mir seltsam vertraut vor, und das verwirrte mich umso mehr.

 

Ich räusperte mich, denn ich hatte aus irgendwelchen Grund ein Kloß im Hals. „Was … hast du jetzt eigentlich mit mir vor?“, fragte ich und versuchte den Klos runter zu schlucken.

John schaute mich flüchtig an und richtete sein Blick wieder nach vorn.

„Wir werden sehen“, erwiderte er kapp. Mehr war aus ihm nicht raus zukommen.

 

Den Rest des Wegs wurde geschwiegen. Ich wusste auch nicht was ich ihn noch sagen konnte.

Eine zufriedenstellende Antwort von ihm zu bekommen, war so wieso unmöglich. Und mit dem was er mir erzählte, konnte ich nicht all zu viel anfangen. Also blieb ich ruhig und ließ mich von ihm, zu einem dieser Tipis führen.

 

„Steigt ein“, hielt er den Vorhang zur Seite.

Ich sah mir das von Stöcken gestützte Ding misstrauisch an und trat vorsichtig hinein ...

Es sah eigentlich recht gemütlich aus, stellte ich fest. An der Seite brannte eine Kerze und der Boden war mit einem Tierfell ausgelegt, auf dem ein ausgerollter Schlafsack mit einer Decke lagen.

Kuschelig! Zuckte ich anerkennend mit den Augenbrauen.

John folgte mir, wirkte dabei vielleicht etwas unbeholfen.

„Es ... ist zwar kein edles Gelass ...“, zuckte er mit den Mundwinkeln. „ ... aber für die heutige Nacht wird es ausreichen.“

Edles … was? Sah ich ihn fragend an.

„Macht es Euch gemütlich“, wies er auf den Schlafsack. „Ich werde …“

„John, du hast nach mir rufen lassen“, hörten wir von draußen.

„Wartet hier“, wand er sich hastig ab, und ging hinaus.

Klar! Sah ich ihm hinterher. Was sollte ich sonst tun?!

Er verhielt sich echt seltsam.

„Jeff ich muss dringend mit dir reden“, hörte ich John sagen. „Hast du das, was ich dir anvertraut habe irgendjemanden erzählt?“

„Was meinst du?“, fragte der andere. „Ach so, das“, verstand er ohne ein weiteres Wort. „Natürlich nicht. Was denkst du!“

„Verdammt“, erklang ein tiefen Seufzer.

„Was ist den ...“

„Schieben kurz Wache“, unterbrach ihn John. „Ich bin gleich wieder da.“

„Klar … aber …?“

Schwere Schritte entfernte sich vom Zelt.

„Na schön“, sSagte der andere überrumpelt.

Warum war so angeschlagen? Blickte ich einige Sekunden zum Ausgang. Hörte wie der Mann es sich auf den Boden gemütlich machte, und gähnte.

„Ich wünsche einen schönen Abend, Milady“, richtete er an mich.

Ich antwortete nicht, denn mich beschäftigte die Frage, was diesen Wandel in John ausgelöst hatte.

Aber noch mehr Sorge breitete mir, das ich anscheinend anfing Mitgefühl mit ihn zu empfinden, und das gefiel mir gar nicht.

Ich ließ meinen Blick auf den Boden sinken und versuchte zu verstehen, was in mich vorhin gefahren war, ihn zu fragen, wie es ihm geht.

Das war doch irrsinnig! Wen interessierte schon es schon!

„Na dann eben nicht“, antwortete der Mann auf mein Schweigen.

Ach halt die Klappe, verdrehte ich abwehrend die Augen, und ließ mich auf den Schlafsack nieder. Kuschelte mich in die weiche, warme Decke ein und wäre am liebsten sofort Eingeschlafen. Doch mein Hunger war stärker, zermürbte mich. Und das laute brummende und ziehende Geräusch meines Bauches ließ mich nicht einschlafen.

Er hätte mir wenigstens meine Tasche da lassen können, dachte ich an die karamell Bonbons, als ich überrascht von der Stimme draußen hoch schrak.

„John was ist hier eigentlich los? …“

„Jeff, ich muss dringend mit dir Reden, aber nicht jetzt!“, erwiderte John, während er sich dem Zelt näherte.

„John du benimmst dich eigenartig. Hattest du etwa schon wieder einen?“, fragte der Mann, bekam allerdings keine einträgliche Antwort.

„Wir Reden später. Danke für die Wache“, sagte John, öffnete den Vorhang und stieg ein.

Vollkommen in die Decke gehüllt saß ich auf dem Schlafsack, und sah, wie er durch den Vorhang trat.

Mir blieb der Mund offen stehen, als ich bemerkte, dass er seine schwere Rüstung abgelegt hatte, und nun ... in … na ja, … so etwas wie Hosen und einem Hemd vor mir stand.

Ähm … stammelte mein Unterbewusstsein überfordert, während mein Blick an seiner Kleidung runter fiel.

Er trug eine lederige Hose, die aber keine war. Oder auf jeden Fall nicht so, wie ich es kannte. Sie bestand aus zwei Hosenbeinen, die im Schritt zusammengeschnürt waren.

Mein Herz hämmerte immer stärker, je weiter meine Augen nach oben wanderten … Jap! … Biss ich mir auf die Lippe, als ich an seinem offenherzigen Schnürhemd ankam.

… Diese ... au…thentischen Klamotten … schluckte ich schwer … sahen ja ganz schön heiß aus!

Ich konnte meinen Blick nicht von seiner durchtrainierten Brust lösen, die man nur unschwer erkennen konnte.

Absolut nicht zu vergleichen mit den Jungs, die ich kannte.

Man, … diese Schwertschwingei, schien sich ja wirklich bezahlt zu machen, musterte ich ihn bewundernd, und bemerkte, als ich oben ankam, dass er mich anlächelte. Ooh Scheiße!!!

Ruckartig ließ ich meinen Blick wieder fallen, und spürte meine Wangen vor Scham brennen.

… Annabelle Mitchell!!! … Reiß dich verflixt noch mal zusammen! Schimpfte ich mich. Oh Goott! Musste das sein? Winselte ich beschämt und wäre am liebsten im Erdboden versunken.

 

„Habt Ihr Hunger?“, kniete er sich vor mir auf die Spitzen. „Ich habe hier etwas Suppe und Brot für Euch.“

„Danke“,sagte ich. Verzog vor Scham das Gesicht, und nahm ihm vorsichtig die heiße Schüssel ab.

Er schmunzelte und setzte sich im Schneidesitz mir gegenüber.

Verhalt dich ganz Natürlich, wies ich mich an. Die Situation war schon peinlich genug.

Ich versuchte seine Anwesenheit auszublenden, indem ich meine Aufmerksamkeit ganz auf das Essen richtete.

Was jedoch meine Augen nicht einsehen wollten, denn so sehr ich mich auch bemühte, sie sprangen immer wieder von alleine zu ihm hoch, und fingen jedes Mal seinen Blick auf.

Himmel Ann, du bist doch echt zu Peinlich! Du kannst ihn doch nicht so an schmachten, tadelte ich mich.

Er war ja auch so schon auf einem Höhenflug, und damit machte ich es nicht besser.

Schmunzelnd betrachtete er mich. „Schmeckt es Euch?“, fragte er.

Ich schaute hoch und bemerkte erst jetzt, wie hastig ich gegessen hatte.

„Ähm … ja es ist wirklich gut, danke“, erwiderte ich und schaute wieder auf die Schüssel, um seinen Blick auszuweichen. Bemerkte aber, dass er mich immer noch beobachtete, was anfing mich stark verunsichern.

„Du … musst mich wirklich Entschuldigen. Aber ich hatte schon seit den Frühstücks Cornflakes nichts mehr im Magen“, zuckte ich mit den Mundwinkeln.

John schürzte die Augen, sagte aber nichts.

Man, jetzt guckt doch nicht so? Schaute ich wieder runter, und löffelte die Suppe. Bemerkte aber, dass er mich immer noch gedankenverloren beobachtete, was allmählich echt unangenehm wurde.

„Würdest du bitte damit aufhören“, sah ich vorsichtig hoch. Es nervte die ganze Zeit beäugt zu werden, als wäre man nicht normal.

„Verzeiht …“, sah er zu Boden. „ … Ich wollt Euch nicht so anstarren. Es ist nur …“, sagte er und brach abrupt ab.

„Was?“, fragte ich.

Doch er schwieg und sah verloren runter.

Ich wusste nicht wieso, aber ich fühlte mich für seinen Gemütszustand verantwortlich. Und zwar so sehr das ich ihn am liebsten getröstet hätte.

Herr Gott Ann, krieg dich mal wieder ein! Wies mein Verstand mich zu recht. Du entwickelst hier gerade das Stockholm Syndrom! Mit dem Entführer wird nicht Sympathisiert!

Ich wusste das es richtig war, allerdings fühlte es sich nicht so an.

Ich ließ ihm seine Ruhe. Vielleicht brauchte er diese Zeit, um nochmal über alles nachzudenken. Löffelte schweigend die Suppe aus, und sah auf.

John schaute immer noch zerstreut auf den Boden.

Verdammt! Warum tat es nur so weh, ihn so zu sehen?

„Willst du nichts?“, fragte ich leise, um diese bedrückende Stille zu brechen. Stellte die Schüssel zur Seite und nahm das Stück Brot, das ich mir aufgehoben hatte.

Er schüttelte den Kopf. „Ich habe keinen Hunger. Aber esst ihr nur. Darf ich Euch noch etwas bringen?“, fragte er.

„Nein … danke“, erwiderte ich. „Ich bin satt.“

Strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht, und sah Erschöpft auf das Stück Brot in meinen Händen.

 

Eine Weile saßen wir beide nur so da und blickten einander verstohlen an.

Ich musste doch zugeben, dass er etwas an sich hatte, was ziemlich anziehend auf mich wirkte.

Auch wenn er anfangs Arrogant und Eingebildet rüber kam, jetzt war davon nichts mehr zu erkennen.

Es sah eher danach aus, als fühlte er sich nicht wohl in seiner Haut, und seine Augen, die vorhin noch vor Selbstbewusstsein strotzten, schienen auf einmal Unsicher und Verzweifelt zu sein.

Er fuhr sich mit gespreizten Fingern durch die Haare, und schaute mich wieder prüfend an.

Ich fing seinen Blick auf, sah aber sofort wieder runter.

Trotz des verlorenen Ausdrucks in seine Augen, oder vielleicht auch nur weil sie mich so Erstaunt musterten, stieg mein Pulsschlag und meine Atmung schlagartig an.

Man war der Niedlich! Echt süß! Musste ich mir eingestehen. Aber musste es ausgerechnet ein Irrer sein, der sich für einen Ritter hielt! Huschten meine Augen wieder kurz zu ihm.

Aber für einen Irren Ritter, war er doch ziemlich Sexy! Schmunzelte ich.

Jedoch wenn ich wirklich im 14. Jahrhundert war, was ich nicht glaubte, wäre der Typ etwa sechshundert Jahre älter war als ich …

Wow! Lachte ich leise auf. Da nahm das Wort Altersunterschied ja ganz andere Dimensionen an.

Er sah mich unsicher an. „Warum lächelt Ihr?“, fragte er.

Ertappt blickte ich hoch. „Ähm …“ Verflucht! „ … nur so!“, erwiderte ich schnell.

„Nur so?“, zog er die Brauen zusammen.

„Ja“, schmunzelte ich und biss mir auf die Lippe.

Er schaute mich unter seinen langen Wimpern bedenklich an, blickte auf den Boden und fuhr sich mit der Hand in den Nacken.

„Ähm ...“, gab er ein Laut von sich. „ … Was … sind Cornflakes?“, fragte er.

Ich blickte auf. Wie bitte? „Du weißt nicht was Cornflakes sind?!“

Er schüttelte den Kopf.

Also echt! Wenn er ehrlich nicht wusste was Cornflakes waren, saß ich ernsthaft in der Patsche!

„Das … ist eine beliebte Frühstückst Art bei uns zu Hause. Gott, wie soll ich es dir erklären?“, überlegte ich.

Moment! Warum musste ich es ihm überhaupt erklären? Das war doch wohl ein Witz!

Aber sein Blick verriet mir, dass er es ernst meinte, also …

„Du meinst es wirklich Ernst, oder?“, schluckte ich, und sah ihn bedenklich an. Er sah kurz zur Seite, und schaute mich dann wieder abwartend an.

„Na gut“, schürzte ich die Augen. Dann Spielte ich Mal mit!

„Das sind na ja, … gemahlene Getreide oder Maisflocken. Die zu einem Brei gekocht werden, und in verschiedenen Formen gebacken, geröstet oder getrocknet werden. … Oder so“, versuchte ich es ihm zu erklären.

Keine Ahnung, ob es stimmte, oder ob es mir gelang, aber er hörte mir interessiert zu, was mich noch mehr verunsicherte. „Gegessen werden sie dann mit Milch. Schmeckt echt lecker“, bekräftigte ich.

Er betrachtete mich und blickte dann wieder zu Boden. „Interessant“, sagte er an seinem Ärmel zupfend.

Ja sehr! Konnte es wirklich sein, dass er nicht wusste, was Cornflakes waren? Überlegte ich. Er hatte auch schon beim Taxi so blöd geguckt …

„Ann, wo kommst Ihr her?“, fragte er schließlich.

Ich sah ihn zaghaft an. Diese Frage hatte er mir schon so oft gestellt.

Ach was soll’s, dachte ich. Ich war einfach zu erschöpft und zu Müde, um mir irgendwelche Geschichten einfallen zu lassen, also sagte ich ihm die Wahrheit.

„Aus Gateshead“, stieß ich schwer aus, während ich an dem Stück Brot zupfte und es Stück für Stück aß.

„Da seid Ihr aber ganz schön weit weg vom zu Hause!“, blickte er mich verwundert an. „Fast dreihundert Meilen!“

„Ja … Und anscheinend auch ein paar hundert Jahre“, stimmte ich nachdenklich mit zu.

Wie lange man wohl zu Fuß dazu brauchte? Lief mir durch den Kopf, was mich zum Schmunzeln brachte.

„Wie meint Ihr das, ein paar hundert Jahre?“, zog er verwundert die Augenbrauen zusammen.

„Ach vergiss es“, schüttelte ich den Kopf. „Anscheinend färbst du schon auf mich ab, und ich rede schon Unsinn“, antwortete ich seufzend.

Er ließ seinen Blick an mir geheftet. „Wie … seid Ihr hergekommen“, fuhr er vorsichtig mit der Befragung fort. „Ihr ward sicherlich nicht alleine, und nicht zu Fuß unterwegs …“, blickte er auf meine Ballerinas, die zwar verschmutzt, aber immer noch wie neu aussahen. „Also wo ist Euer Gefolge?“, fragte er.

„Mein Gefolge?“, schmunzelte ich. „Du meinst wohl meine Klasse und meine Lehrerin, die mich im übrigen Umbringen wird, wenn ich nicht bald auftauche.“

Ich stellte mir vor, was gerade los war. Mrs. Adams war wahrscheinlich kurz vor einem Herzinfarkt, und die Polizei durchkämmte vermutlich schon das halbe Schloss.

„Ich schätze, sie hat schon die Polizei informiert, die gerade das Schloss durchsucht“, zuckte ich mit den Schultern. „Also wäre es das Beste, du lässt mich gehen.“

Er schaute kurz zur Seite, wirkte ein wenig verkrampft, und sah dann wieder zu mir.

„Annabelle …“

„Ann!“, wiederholte ich mit Nachdruck. Warum konnte sich das keiner merken? So schwer war es doch gar nicht!

„Ja, ist ja schon gut –Ann-!“, verdrehte er die Augen. „Wo glaubt Ihr befindet Ihr Euch?“, fragte er mit einem Gesichtsausdruck, den ich nicht deuten konnte.

„Wie meinst du das?“

Ich verstand die Frage nicht.

„Ich meine, wisst Ihr, wo Ihr seid?“

„Natürlich weiß ich, wo ich bin!“, antwortete ich selbstsicher.

Na ja, so ungefähr …

„Tja, das glaube eben ich nicht“, erwiderte er und fuhr sich mit der Hand in den Nacken.

Was sollte denn das schon wieder heißen? Sah ich ihn wirr an.

„Hör auf damit, mich verwirren zu wollen?“, regte ich mich auf.

„Das tue ich doch gar nicht.“

„Ach nein! Was soll dann dieses ganze blöde Gerede, von wegen, ich weiß nicht wo ich bin!“

„Weil ich denke, das Ihr nicht die geringste Ahnung habt, wo Ihr euch befindet.“

„Da! Du tust es schon wieder!“, wies ich ihn darauf hin.

Angespannt rieb er sich die Hände über die Oberschenkel.

„Es ist wahrlich nicht leicht sich mit Euch zu Unterhalten. Ihr seit störrischer als ich dachte.“

„Ach wie frustrierend, nicht wahr? Genauso geht es mir mit dir!“, entgegnete ich energisch.

Seine Reaktion auf meinen säuerlichen Gesichtsausdruck, war ein lautes Gelächter.

„Bist du jetzt komplett Übergeschnappt, oder warum Lachst du so bescheuert?“, sah ich ihn wütend entgegen.

Er schüttelte den Kopf. „Ihr seit Urkomisch!“

„Und du Verrückt!“

„Ich muss gestehen, daran habe ich am Anfang auch geglaubt“, erwiderte er grinsend.

„Ach ja! Und was hat dich von deiner Theorie abgebracht?“, funkelte ich ihn zornig an.

„Ihr.“

Wie bitte?!!! Mein Verstörter Blick war Antwort genug.

„Das erkläre ich Euch ein anderes Mal“, erwiderte er. „Jetzt müsst Ihr Euch Ausruhen“, sagte er, nahm die leere Schüssel und stand auf.

„Nein!“, protestierte ich. „Ich will es jetzt wissen!“

„Alles zur Rechten Zeit Milady“, warf er mir ein Lächeln zu.

„Du bist Irre, weißt du das? Und ich glaube, du hast überhaupt keine Vorstellung davon was geschieht wenn du verhaftet wirst!“

„Wer sollte mich schon verhaften?“, lachte er auf.

„Die Polizei!“, blickte ich ihn stur entgegen.

„Wen auch immer Ihr meint, den kenne ich nicht.“

„Keine Angst, die wirst du schon früh genug kennen lernen. Wenn sie dich hinter Gitter werfen.“

„Milady, die einzigen die in diesem Land das Recht haben jemanden hinter Gittern zu werfen, sind meine Familie und ich“, kniete er sich wieder runter. „Ich glaube, Ihr habt nicht den leisesten Hauch einer Ahnung, mit wem Ihr es hier zu tun habt“, sagte er mit einem bezaubernden Lächeln, das seinen Effekt bei mir nicht verfehlte. Denn so wie er vor mir kniete, und mich ansah, fingen mein Herz und meine Atmung zu flattern an.

Obwohl ich mich wirklich bemühte das Gefühlschaos unter Kontrolle zuhalten, konnte ich nicht behaupten, dass es mir gelang. Seine Augen zogen mich in ihren Bann. Sie waren so rein und so grell, mir stockte der Atem.

„I-ich … w-weiß … g-genau wer du bist“, stotterte ich während mein Blick auf seine Lippen fiel, die sich zu einem breiten Grinsen verzogen.

Ich hatte den Eindruck, dass er genau wusste, welche Wirkung er auf mich hatten, und das nutzte er gnadenlos aus.

Ruhig bleiben Ann! Lass dir nichts anmerken! Dieses nette Getue war nur gespielt, er ist doch ein Arroganter Idiot, sagte ich mir, unter heftigem Herzklopfen.

„Ach ja?“, hob er neckend die Brauen.

„J-Jja … du … du bist ein Geisteskranker …“, schluckte ich.

Verdammt! Ich konnte mich so nicht Konzentrieren. Sein Gesicht war einfach zu nah!

Er lachte leise auf, und beäugte mich ein Moment, als sich plötzlich der Ausdruck in seinen Augen veränderte, je länger wir uns in die Augen sahen.

Auch er spürte diese gewaltige Anziehung zwischen uns, denn allmählich verschwand das übermütige Grinsen aus seinem Gesicht, und sein Atem ging unmerklich schneller.

Ich konnte mein Blick nicht von ihm lösen und ihm ging es genauso, merkte ich.

Auch seine Augen hingen an Meinen, und zogen mich einem Sog, gegen den ich mich nicht wehren konnte, und der jede Faser meines Körpers, jede Gefühlsregung von mir im Griff hatte.

Ann! Rief meine innere Stimme in Hinterkopf, die als einzige noch zu mir hielt, komm wieder zu dir!

Man konnte nicht behaupten, ich versuchte es nicht. Ich versuchte es mit allen, mir in meinem derzeitigen Zustand zu Verfügung stehenden Mitteln … doch letztendlich befreite uns ein plötzliches dumpfes Geräusch aus dem nebulösen Zustand, und wir zuckten schreckhaft auf.

Die Suppenschüssel, die ihm in unserer Trance aus der Hand fiel, landete auf einem Stein, als sie auf den Boden aufschlug und holte uns wieder zurück.

Fassungslos schaute er mir entgegen. Wie vor den Kopf gestoßen, außer sich. Hob reflexartig die Schüssel wieder auf, und stand hastig auf.

„Verzeiht, ich weiß nicht was in mich gefahren ist!“, sagte er, und verließ ohne ein weiteres Wort das Zelt.

Heilige Scheiße! Was war das denn!!! Raste mein Herzschlag wie ein Schnellzug, bei dem die Bremsen kaputt waren.

Er war weg, dennoch konnte ich meine Augen nicht von der Stelle wenden, an der er gerade noch vor mir kniete.

Das war das Seltsamste, was mir je passiert ist. Einfach unbegreiflich.

Ich konnte mich immer noch nicht bewegen, denn mein Körper schrie nach seiner Berührung. Verdammt, was war nur los mit mir?!

Dieses Gefühl ängstigte mich, weil ich nur ungern die Kontrolle über das einzige verlor, was ich wirklich kontrollieren konnte. Mich!

„Verräter!“, richtete ich an meinen Körper. Nahm die Decke, die mir von den Schultern runtergerutscht war und kuschelte mich wieder ein.

 

Immer noch zittrig von den heftigen Adrenalinstoß und der Müdigkeit, legte mich in den Schlafsack, zog die Decke enger um mich und beobachtete das Flackern der Kerze.

John schlief nicht wie erwartet in einen anderen Zelt, bemerkte ich, als ich seinen Schatten draußen entdeckte. Er ließ sich neben dem Zelt auf dem Boden nieder, und legte sich etwas unter den Kopf.

Ein tiefer Seufzer entfuhr ihm und er setzte sich wieder auf. Stützte sich mit den Ellenbogen an den Knien ab und fuhr sich mit den Händen ins Haar.

Anscheinend ging es im ähnlich wie mir, den plötzlich stand er auf und ging. Ich fühlte mich irgendwie Schuldig, wusste aber nicht warum. Schließlich hatte ich nichts getan. Er hatte sich diesen Schlamassel ganz allein eingebrockt. Und sollte ich doch noch gefunden werden, würden Schuldgefühle, das Geringste seiner Probleme sein.

 

Die warme Decke, in die ich mich eingehüllt hatte, machte ihrer Funktion alle Ehre. Den schon bald war es wohlig Warm unter ihr, und ich döste dahin.

Ich träumte wieder von unserer Veranda, doch diesmal war ich allein.

Er kam nicht. So Laut ich auch rief, aber er war nicht da, was mir große Sorgen bereitete, denn ich konnte mir nicht erklären wieso.

Wollte er nicht? Konnte er nicht? Oder wurde von jemandem daran gehindert? Der Gedanke quälte mich, weil ich nicht verstand, warum er das letzte Mal so abrupt verschwand.

Aber wer sollte ihn schon daran hindern? Er war schließlich nur ein Traum. Mein Traum, meine Erfindung. Und wenn er nicht kam, war das nur meine Schuld.

Mit bedrückenden Wehmut wachte ich wieder auf. Warum war er nicht gekommen? Fragte ich mich, als ich auf das flackern der fast abgebrannten Kerze blickte.

So etwas war noch nie vorgekommen. Nach einem Jahr mit meinem Fantasiegebilde, konnte ich es mir nicht mehr Vorstellen ohne ihn zu sein. Und gerade jetzt, in meiner gegenwärtigen Lagen, hätte ich ihn mehr den je gebraucht.

Er war der einzige Vertraute, der mir blieb. Das einzige Konstante, auf das ich mich immer verlassen konnte.

Hatte ich etwas Falsch gemacht? Fragte ich mich.

Wischte mir mit der Hand über die Stirn, und merkte dass ich Schweißgebadet war. Die Ungewissheit über sein plötzliches Verschwinden, und die Tatsache, dass er dieses Mal nicht kam, zermürbte mich. Ich setzte mich auf und legte mein Gesicht in meine Hände, als ich plötzlich Stimmen von draußen auffing.

 

„Ich begreife das immer noch nicht!“, sagte jemand.

Edward? Sah ich hoch und erkannte die Umrisse eines Schattens, der angelehnt an einen Baum am Lagerfeuer saß.

Aber er war nicht allein, erkannte ich einer weitere Bewegung. Ein zweiter Schatten kreuzte seinen.

„Ich auch nicht“, erwiderte der andere. Das war John! „Weißt du, ich habe dass anfangs auch für einen kranken Scherz gehalten. Aber je mehr ich mich mit ihr unterhalte, stelle ich fest, dass sie echt ist. Gott Edward, was soll ich nur tun?“, legte er die Hände über den Kopf. „Verdammt! Ich glaub ich werde Irre!“

Ich hörte den Schmerz in seiner Stimme, der mir genau wie vorhin als er mir die Fesseln abgenommen hatte, einen Stich versetzte und mein Herz zum Rasen brachte.

„Aber jetzt, da sie da ist …“, sprach er weiter. „… in meiner greifbaren Nähe. Werde ich sie nicht gehen lassen!“, sagte er fest.

„John überlege dir, was du sagst! Vater wird das nie akzeptieren, erstens. Und zweitens, du kannst doch nichts aus der Grundlage irgendwelcher Hirngespinste aufbauen, du weißt doch gar nichts über sie! Und außerdem ist Sie ganz schön nervig und kann den Mund nicht halten!“

„Ja, genau“, lachte John auf. „Sie widerspricht in allem, was man ihr sagt. Reizend, nicht wahr?!“

„Ja, sehr reizend“, erwiderte Edward sarkastisch.

„Ja aber genau dass finde ich gut!“, entgegnete John. „Sie ist nicht wie die anderen. –Ja Sire hier, Ja Sire dort -. Sie ist einfach nur ... Ehrlich.“

Ich begriff nicht ganz, worüber sie sprachen. Hatte aber den Eindruck, dass es um mich ging.

„John“, Edward Stimme klang Besorgt. „Hast du dich vor unserer Abreise mit jemand darüber unterhalten?“

„Nein“, erklang es bedrückt. „Nur Jeff weiß davon … Und jetzt … du.“

„Nein. Ich meine Vater oder den Pfarrer?“, berichtigte Edward.

„Vater würde es nicht verstehen.“ Die Hoffnungslosigkeit in seiner Stimme war fast greifbar. „Wie könnte er, wenn ich das Selbst nicht einmal tue. Und der Pfarrer, …“, machte er eine Pause. „… der würde mich für verrückt Erklären, und am Ende würde ich irgendwo im Verlies eines Klosters enden. Als ob du Reverend Cornelius nicht kennst!“

„Ja! Das ist eine ratlose Situation“, sagte Edward nüchtern.

„Edward du musst mir versprechen, dass von dem was ich dir anvertraut habe, niemand etwas erfährt!“, sagte John fordernd.

„John du bist mein Bruder! Der Herr soll mich Strafen, wenn durch mein Handeln dir etwas zustoßen würde!“, erwiderte Edward.

„Um mich mache ich mir auch keine Sorgen. Aber ich möchte dein Schwur“, drängte John.

„Ich gebe dir mein Schwur, als Bruder, Ritter und Ehrenmann!“, bekräftigte Edward, worauf John erleichtert ausatmete.

„Danke.“

Es war ein vollkommenes Drunter und Drüber, in meinem Kopf sowie in meinem Inneren. Wovon genau hatten die beiden bloß gesprochen?

Denn John wirkte hörbar beunruhigt, über das, was er seinem Bruder erzählt hatte.

„Aber du musst mir im Gegensatz auch was Versprechen!“, hörte ich nun Edward fordern, was mich in meinem Gedankengang unterbrach. „Sei vorsichtig mit diesem Weibsbild. Ich bin der Meinung, du steigerst dich zu sehr in diese Sache hinein, Geistig und Emotional.“

„Meinst du, das Weiß ich nicht? Das ganze hat mir schon vorher keine Ruhe gelassen. Und jetzt wo sie da ist ...“, stockte John. „Sie ist hier Edward! Verstehst du das? Das, was ich mir erwünscht habe … ist wahr geworden! Jedoch verstehe ich nicht wie.“

„Versprich mir nur, das du auf dich auf passt Bruder!“, erwiderte Edward besorgt.

John schwieg. „Ich tue was ich kann, das kann ich dir Versprechen“, sagte er schließlich.

Es herrschte wieder Schweigen. Ich blickte vertieft in meine Gedanken auf das Fell vor mir, während ich versuchte, aus dem, worüber die beiden gesprochen hatten schlau zu werden, und eventuell einen Zusammenhang zwischen den Geschichten die Mrs. Williams uns erzählt hatte zu finden.

Konnte mich allerdings nicht erinnern, dass so etwas in ihrer Version vorkam. Anscheinend war deren Darlegung eine komplett andere, als die in den Geschichtsbüchern.

Aber da ich so wieso nicht so aufmerksam zugehört hatte, konnte ich mir nicht sicher sein.

Ich warf die Decke über mich, zog die Beine an und umschlang sie mit den Armen, während ich Gedankenverloren vor mich hin blickte.

 

„Alarm!!!“ erschallte plötzlich ein lauter Schrei, der mich vor Schreck aufblicken und zusammenzucken ließ. „Alarm!!!“

Verwirrt schaute ich durch das Zelt, als mir klar wurde, das es die Nachtwache war.

War etwas passiert? Zog ich grübelnd die Brauen zusammen, als ich stürmische Bewegungen von draußen vernahm.

„John weck die anderen und mach dich Kampfbereit!“, schrie Edward alarmiert!

„Alarm!!! Wir werden Angegriffen! … Franzosen…!“, dröhnte es wieder in einer unheilvollen Art, dass mich ein Frösteln durchfuhr und mir kurz den Atem raubte.

Verstört blickte ich von einer Seite des Zeltes zur anderen, als mehrere Schatten vorbei rennender Männern, mit klirrenden und klappern Metall, wie in einem Schattentheater an meinem Zelt vorbei sausten und spürte meinen Herzschlag fast an seine Grenzen aufsteigen. Was war hier los?

Wie betäubt verfolgte ich die lauten und hektischen Bewegungen, als der Vorhand des Zeltes ruckartig aufgerissen wurde.

 

John, erkannte ich ihn am Eingang und atmete erleichtert aus. Jedoch war sein Gesichtsausdruck das komplette Gegenteil, denn er schaute immer wieder angespannt hinaus. „Egal was passiert, Ihr bleibt im Zelt! Habt Ihr mich verstanden?!“, schrie er im Befehlston, wartend auf eine Antwort. Doch ich war wie erstarrt, vor der Heftigkeit mir er es ausgesprochen hatte.

„Habt Ihr Mich verstanden?!“, schrie er Energischer, was mich zusammenzucken ließ. Herr Gott nochmal, er machte mir Angst!

Ich nickte fahrig und er verschwand genauso schnell, wie gekommen war.

Verflucht was ging hier vor sich, versuchte ich es zu verstehen, während es draußen immer lauter und lauter wurde.

Stimmen schrien anweisend, und warnend durcheinander. Rüstungen klapperten, und Stahl prallte aufeinander.

 

Moment Mal! >>>Stahl prallte aufeinander?!!! <<<< Sah ich blitzartig zum Eingang, als mir ein Licht aufging.

 

Sie kämpfen! Sie kämpfte mit Schwertern!

Oooh Scheiße … begriff ich endlich, wieso er mich so anfuhr.

Aber was sollte das?

Stellten die einen Kampf nach, überlegte ich und verfolgte die schreienden, kämpfenden Schatten, was mich mehr und mehr zu dem Entschluss kommen ließ, dass es echt war …

„Harry, Oliver, Jack, Riley postiert euch vorne und lässt niemanden durch!!“, hörte ich auf einmal Edwards Stimme. „John, du nimmst Jeff, William, Matthew, jeden den du findest und übernimmst die Rechte Flanke. Ich gehe Links“

„Edward ich bleibe hier …“, entgegnete John.

„Nicht jetzt!!!“, reagierte Edward gereizt, dem ein knallendes Stahlgeräusch, und ein qualvoller wilder Schrei folgte.

In meinem Kopf herrschte unkenntliches Chaos. War das Gespielt, oder Ernst, fragte ich mich.

Diese Schreie klangen so echt, das sich mein innerstes verkrampfte. Aber trotz meiner Furcht war ich neugierig auf das, was draußen geschah.

Also kroch ich aus dem Schlafsack um nach Zusehen, wohl wissend, dass ich John versprochen hatte, im Zelt zu bleiben.

Ich konnte nicht anders, ich musste nachsehen.

Außerdem hatte ich nicht vor dieses Zelt zu verlassen, ich wollte mich nur vergewissern, dass alles nur ein blödes Spiel war.

Doch die beschwichtigenden Worte halfen mir auch nicht weiter, denn je näher ich dem Ausgang kam, desto mehr und mehr hörte sich das ganze nach einem richtigen Kampf auf Leben und Tod an.

„Tolle Spezialeffekts Jungs. Aber das nehme ich euch nicht ab“, flüsterte ich, in dem bestreben mich selbst damit zu beruhigen, als plötzlich Johns Stimme erklang, die mich abrupt Stoppen und die ganze Aktion überdenken ließ.

„Edward! Recht von dir!“, schrie er warnend.

Ein Lautes knallen, Metall auf Metall erklang, mit einem darauf folgenden bitteren Aufschrei.

Was war das? Schluckte ich und sah gebannt auf den Vorhang.

„John, gehe nach vorn!!!“, forderte Edward derart heftig, dass sich mein Herzschlag sprunghaft verdreifachte.

Was sollte das alles? Zuckten meine Augen panisch hin und her.

Von allen Seiten hörte ich die Schwerter in einem schallenden Rhythmus aufeinander knallen, was die Panik in mir nur noch schnürte.

 

Die stellten nur ein Kampf nach, das ist alles, versuchte ich mich zu beruhigen. Konnte allerdings nicht behaupten, dass ich erfolgreich damit war.

Komm schon Ann, sei nicht so Feige! Befahl ich mir bibbernd.

Mit zitternden Händen schob ich stückchenweise den Vorhang zur Seite, ... doch, was ich da sah, überstieg meine Vorstellungskraft und raubte mir komplett den Atem …

Direkt vor dem Zelt stand einer der Soldaten, blutüberströmt und durchbohrt von einem Schwert.

Er schrie wild auf, schmerzzerfressen, als sein Mörder die blutbesudelte Waffe aus seinem Körper mit einem Ruck heraus zog.

Starr vor Schock konnte nicht wegsehen.

Das war definitiv nicht gespielt!!! Begriff ich, als ich sah, wie die messerscharfe Waffe aus dem Körper des Mannes glitt.

Er … er hat ihn getötet!

Ich bekam keine Luft, rang nach jedem Atemzug, als plötzlich etwas Warmes auf meine Wange spritzte.

Sofort wischte ich es weg, und blickte gefroren auf meine Finger … Blut!!! Echtes Blut!!!

Panisch rang ich nach Luft und konnte meine Augen nicht von meinen Fingern lösen. Was mich zunehmend in eine Schockstarre versetzte, als auf einmal der grausam abgeschlachtete Mann, mit voller Wucht neben den Zelteingang auf den Boden aufschlug …

Bewegungsunfähig blickte auf den Mann runter, dessen Augen mich fixierten, während er in einem rasenden Tempo nach Luft schnappte.

Blut, es war überall Blut! Seine schmerzgeplagten Augen verankerten sich in mich und ließen mich nicht los!

Ich sah ihm entgegen und schluckte. Merkte, wie Tränen in mir aufstiegen und mein Gesicht runter rannten. Musste würgen, denn mein Magen drehte sich.

Oh mein Gott!!!

Er lag nur wenige Zentimeter von meinen Knien entfernt. Verdreht, hechelnd, aber er wurde immer leiser.

Zittrig blickte ich wieder auf meine Finger, es war sein Blut, erkannte ich, voller Entsetzen.

Scheiße, scheiße, scheiße!! Das war überhaupt nicht gespielt! So was konnte keiner spielen!

Verflucht! Wo bin ich hier gelandet?! Überschlugen sich meine Gedanken.

Auf einmal wurde er still und sein Krächzen verstummte.

Jetzt lag er nur noch mit weit aufgerissenen Augen da, die mich immer noch Taxierten. Aber sein Blick war leer, gespenstisch leer.

Oh, verdammt! Starrte ich auf ihn runter.

So gut konnte keiner einen Toten nachstellen. Er atmete nicht! Oh Gott, er atmete nicht!!!

Ich konnte mich nicht von der Stelle bewegen, sah nur entsetzt in seine leeren, toten Augen, die mich immer noch anstarrten.

Noch nie zuvor hatte ich einen Toten gesehen, und dann noch auf so eine Art und Weise. Das … war einfach, … zu viel …

Ich kämpfte um jeden Atemzug, während die Tränen wie ein Wasserfall über mein Gesicht rannten.

Es wollte einfach nicht in meinen Kopf, was gerade geschehen war.

Sie kämpften mit echten, scharfen, tödlichen Waffen! Keine Requisiten! Richtig geschärften Waffen, die alles in Stücke hackten!

Mein Herz pochte zaudernd gegen meinen Brustkorb. Jetzt verstand ich auch Johns überreizten Gesichtsausdruck.

Bleib in Zelt!!! Schrie seine Stimme in meinem Kopf.

Ganz langsam löste ich mich aus meiner starre, und legte den Rückwärtsgang ein.

Ich musste mich verstecken! Egal wo! Egal unter was! Man durfte mich nicht finden! Sagte ich mir vor, als ein plötzliches ziehen an meinen Haaren mich bitter aufschreien ließ …

„NEIN, NEIN, NEIN … AUAAAAA …!!!“, schrie ich schmerzvoll auf, als mich etwas an meinen Haaren packte, und aus dem Zelt raus zerrte.

„Lass mich los!!!“, kreischte ich hysterisch.

„Na was áben wir den íer?“, hörte ich über mir.

„Auaaaaa,… Los Lassen! Du verfluchter … A-A-A …“

Er schleifte mich an meinen Haaren durch die Erde. Ich wehrte mich mit aller Kraft. Strampelte mit den Beinen, versuchte die Hand von meinem Haar zu lösen.

Mein Kopf schmerzte, als ob man mir die Haare samt Kopfhaut ausriss. Ich schrie und zappelte, aber es half nichts. Schließlich krallte ich meine Fingernägel in seinen Handrücken, und drückte sie so fest ich konnte in sein Fleisch, bis ich etwas Warmes und Feuchtes spürte.

Er schrie laut auf, und schleuderte mich ein Stück zur Seite.

Ein pochendes Stechen durchfuhr meine Kopfhaut, als er meine Haare los ließ, was ich aber ignorierte, denn ich sah dem Ungeheuer direkt in die Augen.

„Au, Merde. Vache stupide. Dú bl´ödes Weibst´ück!“, brüllte er. Packte sein Handgelenk, untersuchte es und kam mit einem finsteren Blickt wieder auf mich zu.

Es war ein großer, breiter Mann, umhüllt in ein Kettenhemd, mit bedrohlich wütenden Augen, die mir entgegen blitzten!

Mein ganzer Körper vibrierte.

Es war nicht Echt! Ich halluzinierte! Sagte ich mir immer wieder vor.

Sah auf meine Fingernägel, die mit seinem Blut beschmiert waren …

Es war Echt!!!! Klapperten meine Zähne.

Nein, das konnte nicht sein! Wach Auf! Wach Auf! Wach auf!! Schrie ich Stumm, doch nichts geschah.

 

Strampelnd versuchte ich von ihm weg zu kriechen, durch die Blutgetränkte Erde um mich herum, unfähig in meinem Schockzustand etwas anderes zu tun.

„Na warté!“, fachte er Zähnefletschend, und bewegte sich zielstrebig auf mich zu. „Isch werdé dir schón beibringén wie man einen Mann beándelt.“.

Stocksteif starrte ich auf den brutalen Mörder, der über mir stand und sein Schwert auf mich richtete. Das war zu viel für mich ... mein Hirn setzte vollkommen aus. Was auch mein Sprachzentrum beeinflusste, denn ich konnte keinen Ton raus bringen.

Hau ab, lass mich in Ruhe!!! Schrien meine Augen und blickten Panisch umher, doch egal wohin ich sah, ich konnte nicht verstehen was ich sah.

Hier draußen war der Ausnahmezustand ausgebrochen!

Blut …!!! Es war überall Blut! Und tote, zerfetzte und abgeschlachtete Körper.

Mein Herz raste, meine Atmung überschlug sich. Ich bekam keine Luft! Rang verzweifelt nach einem Atemzug., und schrie stumm um Hilfe. Bloß konnte ich es nicht über die Lippen bringen. Ich öffnete den Mund, doch es kam kein Ton raus.

„Lass sie in Ruhe!!!“, hörte ich plötzlich jemanden laut Brüllen.

Mein Angreifer wirbelte herum und lachte wölfisch.

John!! Nein! Erblickte ich ihn hinter den Mann.

„Gáunt!!!“, lachte der Mörder auf. „Endlísch steén wir úns gegénübér! Isch ábe schón langé daraúf gewartét“, sprach der Mann mit Französischen Akzent.

„Ich hoffe ich werde Euch nicht Enttäuschen!“, erwiderte John kalt.

Was machte er den?!

Verschwinde, schrie ich ins leere und konnte nichts weite tun, als dabei zu zusehen, wie ihre messerscharfen Schwerter gegeneinander richteten.

 

„Was macht Ihr hier, so fern von Eurer Heimat Fabrice?!“ fragte ihn John im Blick beibehaltend.

Der Mann nahm sein Helm ab, und sah ihm entgegen. „Rásche serviért man am bésten Kalt, ódér?! Ìsch átte gehófft Éusch híer anzutreffen. Ìr ábt die Eére meiner Schwéstér bés´üdelt. Dás kánn isch nischt ungéstráft lássen“, giftete der Franzose Zähneknirschend.

Er hat was getan? Blinzelte ich auf.

„Das ist eine Lüge“, entgegnetet John. „Ich bin ihr nicht zu nahe getreten.“ Machte eine Pause. „Na gut, ein Mal. Aber nicht so wie Ihr denkt.“

„Ír bezischtígt meiné Schwéstér einér Lügé?!“, fauchte Fabrice zurück.

„Na ja, nicht ganz. … Aber im Grunde … ja“, antwortete John mit einem Schulterzucken.

Gott, was für ein Trottel! Blickte ich ihm nach, als er sich von einem auf den anderen Fuß bewegte.

„Wié kónnt Ìr es wagén! Ír englíscher Bastárd!“, schrie Fabrice auf und schwang sein Schwert von oben auf John nieder, der es abwerte und geschickt umkreiste.

 

Sofort holte der Franzose wieder aus und stach zu. Dicht vorbei, den John konnte sich mit einem Sprung zur Seite retten. Wieder holte der Franzose aus. Auch diesen Schlag parierte John sofort, und trat ihn heftig mit den Fuß.

 

Ich sah John zu, der sich anscheinend überhaupt nicht davon beeindrucken ließ.

Verdammt?! Als hätte er nie etwas anderes gemacht!

Die Schwerter knallten mit einer solchen Wucht auf einander, dass der Schall in meinen Ohren weh tat. Der Franzose ging zu Boden.

„Gebt Ihr auf?“, wollte John wissen.

„Schért Eúsch zum Teufél!“, schrie er, rappelte sich wieder auf, und griff mit voller Kraft von Oben an.

John parierte, schlug ihm mit dem Ellbogen ins Gesicht, holte noch einmal Seitwärts aus, und verpasste ihn ein Schlag mit der Faust ins Gesicht.

Von dieser Attacke erholte sich Fabrice nicht schnell genug.

John holte aus und stach mit zu.

Das Schwert ging durch das Kettenhemd wie durch Butter. Der Mann taumelte, und knallte nicht weit von mir auf die Erde.

 

Fassungslos schaute ich auf Johns blutbesudeltes Schwert.

War Schockiert mit welche Leichtigkeit er den Mann abstach, und wie selbstverständlich es für ihn war.

 

Es war echt … alles Echt …

Mein Kopf war nicht in der Lage es zu verarbeiten, oder auch nur einen klaren Gedanken zufassen, um mein Entsetzen zu beschreiben.

Glasig sanken meine Augen runter auf die Erde.

Ich wurde verrückt! Drehte durch! Versuchte ich mir das, was ich gesehen hatte zu erklären, als ich bemerkte das John eilig auf mich zu kam.

„Geht es Euch gut?“, fragte er und hielt er mir seine Hand hin, um mir aufzuhelfen.

Verstört sah ich hoch und sah ihn lächeln. Warum lächelt er? Starrte ich entsetzt auf seine ausgestreckte Hand.

War es vorbei, fragte ich mich zittrig, und riss im gleichen Moment die Augen auf ...

NEIN!!!

„I´r Reisc´és, Arrogantés, Anglischés Pack!“

Tauchte aus dem Nichts einer dieser Barbaren auf, und rannte auf uns zu.

Bevor John auch nur reagieren konnte, bohrte der Franzose die Spitze seines Schwertes ihm in die Seite.

„Nein!!!“, schrie ich meine Stimme wieder findend.

Doch den Mann kümmerte es nicht. Er nahm mich nicht einmal wahr. Zog sein Schwert sofort wieder heraus und lachte.

„Sö gút wie man Eusch naschságt seid Ìr gar nischt!“

 

Trotz der tiefen Verletzung hielt sich John noch auf den Beinen, aber er sah benommen aus!

Der Franzose lachte voller Schadenfreude. „Dás wár ja ein léischtés Spiél! Lásst és úns beénden!“

Hob sein Schwert um John den Todesstich zu versetzen ...

 

„Nein!!! Lass die Finger von ihm, du verdammtes Schwein“, schrie ich, sprang auf und packte das Schwert des Toten neben mir.

Dies Mal überhörte er mich nicht.

Langsam drehte er sich zu mir um, und fing laut Hals an zu lachen.

„Ìst dàs ein Wìtz“, sah er kurz verwundert zu John. „Jämmárlisch! Braúscht Ìr schón euré Weibildér die Èusch zú Hilfé kómmén“, lachte er. „Géh zurúck in deiné Nástúbé Wéib“, wies er mich verlachend an.

Oh man, was tat ich denn hier? Realisierte ich das Schwert in meinen Händen. Ich konnte mit dem Ding nicht umgehen geschweige den, es richtig heben …

Beruhige dich Ann! Er hat dir geholfen, also tust du jetzt dasselbe für ihn! … Oh nein, ich würde Sterben, sah ich dem Mann bibbernd entgegen.

 

Mit Mühe hob ich das Schwert hoch, und stellte mich den Franzosen. War bestimmt das Adrenalin, das mein Verstand vernebelte, anders konnte ich es mir nicht erklären.

„Oh!“, erlosch sein Lachen. „Dàs kleiné Mádschén will alsó spielén?“, lachte er erneut auf. „Ìn Òrndnúng Mádam. Wischt Ir schón welchés Spiél es sein sóll? Das schnellé … öder das ausfürlísché?“, Sah er mich dämonisch grinsend an.

 

Schlotternd blickte ich ihm entgegen.

Oh Ann, den packst du nie, das ist dein Ende, lief es in einer Endlosschleife in meinem Kopf.

Ich sah schon praktisch mein ganzes Leben vor meinem inneren Auge vorbei laufen.

Sein nicht so Feige, Verflixt! Die Knie unter mir begangen zu zittern.

Ich sah erleichtert zu John, der wieder einigermaßen zu sich kam, und sich erhobenen Schwertes auf den Mann zu bewegte.

Jetzt würde er sein blaues Wunder erleben! Lachte ich mit demselben arroganten Blick.

„Wie wär’s mit, Mensch Ärgere dich nicht?!“, sagte ich lässig und zuckte mit den Augenbrauen, worauf der Mann verwirrt seine Augen verengte, und sie im selben Moment wieder auf riss, als Johns Schwert sich durch ihn hin durch bohrte.

Geschockt blickte ich auf die Schwerspitze, die ihn durchstach und von der das Blut runter tropfte, und sah sofort wieder hoch in sein Gesicht.

Seinen Blick auf mich gerichtet, fiel der Mann auf die Knie, und knallte mit dem Gesicht auf die Erde.

Ich brauchte einen Augenblick um einigermaßen wieder zu mir zu kommen, bis ich dann endlich begriff, dass es vorbei war.

Geschafft! Atmete ich erleichtert aus und sah zu John, der sein Schwert in ihm Stecken ließ, und mich dankbar anlächelte.

 

Oh Gott sei Dank, geschafft! Erwiderte ich sein Lächeln.

Ich war so froh, dass es vorbei war, dass ich völlig außer Acht ließ dass er verletzt wurde.

„Wir haben’s Geschafft!“, rief ich ihm euphorisch zu. „John???“

Er lächelte mich an, taumelte langsam nach hinten, die Hand auf seine Wunde gepresst, und hielt sich nur mit Mühe auf den Beinen.

Sein Hemd sog sich von Sekunde zu Sekunde, mehr und mehr mit Blut voll.

„John? ... John, nein!“, realisierte ich die schwere seiner Verletzung. „Nicht!!!“ Ließ das Schwert sofort fallen, und rannte zu ihm hin.

Seine Beine gaben nach und er sank zu Boden.

Nein! Bitte nicht. Bitte, bitte nicht! Fing ich ihn auf, bevor er auf den Boden aufschlug.

Mühsam versuchter er seine Augen offen zu halte, bevor sie flatterten, einrollten und sich schlossen.

O mein Gott, o mein Gott, nein!

„John wach auf! Komm schon mach die Augen auf!“, rüttelte ich an ihm.

Doch er reagierte nicht. „Nein!“, schrie und schüttelte ich ihn, wirbelte hin und her, suchend nach Hilfe und war komplett überfordert.

Was sollte ich tun! Das war zu viel für mich. Ich blickte auf seine Wunde, dessen Blutfleck sich immer weiter ausbreitete, und fuhr mir überspannt durch die zerzausten Haare.

Alle kämpften um ihr Leben, keiner kümmerte sich um uns und sein Gesicht sekündlich bleicher. Ich blickte mich um, und konnte keinen klaren Gedanken fassen.

„John, John, komm schon, nicht sterben. John hörst du mich?!“, schrie ich ihn an. Schüttelte ihn nochmals und nochmals, doch er reagierte nicht.

Hilfesuchend blickte umher und entdeckte Edward, der es gerade mit zwei gleichzeitig aufnahm.

Er kniete sich hin um den Ersten von unten zu erledigen, und sich dann aufrichtete, um mit Schwung den Zweiten das halbe Gesicht wegzuschmettern.

Oh mein Gott!!! Es war ein Massaker!

Das blanke Entsetzen war mir ins Gesicht geschrieben. Das, was hier geschah, war nicht im Geringsten nachgestellt, sie stachen sich gegenseitig ab.

Auch die anderen Soldaten kämpften mit der gleichen Beharrlichkeit. Und es schien sogar, als wenn sie momentan im Vorteil lagen.

Doch was brachte es mir das, wenn in meinen Händen gerade jemand im Sterben lag.

Ich guckte panisch runter, auf den verblutenden Jungen, und fühlte mich am Rande eines Nervenzusammenbruchs.

„Verdammt noch mal John, du darfst nicht sterben!“, schrie ich ihn wütend an. „Komm schon!!!“

Tränen der liefen mein Gesicht runter. Ich schüttelte ihn noch mal, und noch mal! „Wach auf! Mach die Augen auf!“, schrie ich ihn unter heftigem Zittern an. „Wir müssen hier verschwinden!!“

Ein kalter Schauder lief mir über den Körper. Was wenn er tot war? Kam mir der Gedanke.

Ich beugte mich runter zu seiner Brust, ... sie hob und sengte sich, ganz leicht.

Er atmete, er lebte noch, ... fühlte ich, wie die Anspannung für einen kurzen Moment von mir abfiel und mich hysterisch auflachen ließ.

Ich wurde verrückt, drehte allmählich durch. Das durfte, alles nicht war sein.

Es konnte nicht in echt passieren, brabbelte ich innerlich, und blickte runter auf John, dem die ganze Farbe aus dem Gesicht wich.

Beruhige dich! Komm wieder zu dir, schrie mein Verstand. Du musst hier weg!

Ich sah mich nochmals um, und überlegte.

Ganz ruhig Ann, konzentriere dich, Panik ist im Moment keine Lösung!

Stand langsam auf, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, packte ihn über den Kopf an den Oberarmen, und zerrte ihn mit aller Kraft in Richtung des Baches. Keiner dieser Mörder sollte ihn finden, um es zu beenden.

Also für eine Einbildung bist du ganz schön schwer, dachte ich. Zieh Ann, verdammt noch mal zieh!!! Spornte ich mich an.

Warum hatte er bloß seine Rüstung ausgezogen? Wenn er sie anhätte, wäre er vielleicht nicht so schwer verletzt worden, hielt ich ihm einen stummen Vortrag, als ich mich entsann …

Gott was dachte ich denn da, das war alles nicht Real! Schüttelte ich den Kopf, während ich ihn zum Bach schleppte.

Doch wenn es nicht Real war, warum tat ich es dann, fragte ich mich, als mein Blick an einem der Toten haften blieb, an dem ich gerade John vorbei zog.

„A-a-a-a, weil es verdammt Real aussieht!“, wisperte ich entsetzt und schluckte.

 

Ich schleppte ihn hinter einen Busch, mit den allerletzten Tropfen Kraft der noch in mir war, und linste durch die Zweige.

Völlig zerstreut, von dem, was ich gerade miterlebt hatte, schaute ich zu John, und versuchte die ganze Situation zu verstehen.

„Okay, ich bin vielleicht doch im Mittelalter … kann das sein? Nein das ist Unmöglich!“, versuchte ich es mir zu erklären. „Aber es gibt keine andere Erklärung … scheiße … ich glaub’s nicht. Wie konnte das Passieren?!“ brabbelte ich verwirrt vor mich hin.

„Okay Ann, beruhigen und überlegen“, flüsterte ich, während ich John besorgt betrachtete. „Überprüfe ob er noch Atmet!“, wies ich mich an. Beugte mich noch einmal über ihn und horchte auf.

Ooh Gott sei Dank, er atmete noch.

Doch wie lang noch, und was sollte ich jetzt bloß tun, überlegte ich.

„Irgendwie muss ich die Blutung stillen, aber wie?“, flüsterte ich, und versuchte mich zu konzentrieren.

Was hatten denn die Leute in den ganzen Arztserien noch mal getan? Grey's Anatomy, und so! Durchforstete ich mein Hirn und hätte mir am liebsten sofort eine Kopfnuss verpasst.

Du blöde Kuh, die hatten dort keine süßen Jungs, die von einem Schwert durchbohrt wurden! Also wirklich, schimpfte ich mich.

Überlege, Überlege, spornte ich mich weiter an, und schaute stürmisch an mir runter.

Ich musste irgendwie die Blutung stoppen, also zog ich meinen Blazer aus, knüllte ihn zusammen und presste ihn mit ganzer Kraft auf seine Wunde.

Er schrie kurz auf, und verlor anschließend das Bewusstsein.

„Tsch, ruhig“, flüsterte ich zittrig. „Bitte, bitte stirb nicht“, flehte ich immer und immer wieder.

Immer wieder spähte ich durch die Büsche, in der Hoffnung, das der Kampf bald vorbei wäre. Doch das Ende der Schlacht schien sich noch ein wenig hinzuziehen, und ich fragte mich langsam, ob er das überstehen würde?

Er wurde von Minute zu Minute blasser, und ich Ratloser.

„Halt durch John, es ist bald vorbei“, sprach ich ihm zu, und drückte meinen Blazer fester gegen die Wunde. Bis meine Kraft mich letztendlich verließ und ich auf seiner Brust erschöpft einschlief.

6

 

 

Kapitel 6

 

 

 

He?? Was war das? Licht?

Nein Fackeln, bemerkte ich schlaftrunken …

Fackeln!!! Schrak ich ruckartig hoch und schaute panisch um, als ich Männer entdeckte, die mit brennenden Fackeln den Wald durchsuchten.

Wer war das? Die Guten oder die Böse? … Schluckte ich zittrig,

Aber machte das ein Unterschied, fragte ich mich, während ich beobachtete, wie sie sich durch den Wald bewegten.

 

„Da seit Ihr ja!“, erklang plötzlich eine Stimme hinter mir, die mich aufgeschreckt herumfahren ließ.

Zwei schwarze Gestalten standen in die Nacht gehüllt nicht weit von uns entfernt.

Nein, nicht schon wieder!

Ich spürte die Panik in mir wieder hochfahren, drängte mich näher und schützend an John.

„Haut ab ihr Mistkerle! Verschwindet! Oder ich werde …“, ertastete ich einen Stein und schmiss ihn mit aller Kraft in die Richtung, aus der die Stimme kam.

„Annabelle beruhigt Euch. Es ist alles in Ordnung!“, sagte die Stimme und die Gestalt trat ins Licht des Mondes.

„Edward?“

Oh Gott sei Dank, atmete ich erleichtert aus.

„Endlich haben wir euch gefunden!“, kam er näher und entdeckte John hinter mir.

Ich folgte seinen besorgten Blick, der seinem Bruder galt, und fühlte wieder den Tränen nah, als ich in das blasse Gesicht sah.

„Er ist verletzt“, konnte ich nur raus keuchen. „Dieses Scheusal hat ihn einfach abgestochen!“, erzählte ich, und schaute auf meinen blutverschmierten Blazer, der seine Wunde bedeckte.

Edward beugte sich runter, hob vorsichtig meinen improvisierten Verband an …

„Sag Wesley Bescheid!“, richtete er seinen Begleiter. „Er soll in meines Bruders Zelt kommen. Und sagt ihm, … er hat eine tiefe Wunde.“

Der Soldat nickte und rannte sofort los.

Edward drehte sich wieder zu seinem Bruder um, sah ihn einen Augenblick mit ernster Miene an. „Danke“, erklang es leise von ihm. „Wir bringen ihn jetzt in sein Zelt, wo sich der Sanitäter um ihn kümmern wird.“

Ich ließ John vorsichtig los und stand langsam auf.

Er sah so bleich aus, und ich fühlte mich so nutzlos.

Oh bitte, bitte lieber Gott, lass ihn nicht sterben, bettete ich unter Tränen und sah zu, wie die Männer sich um ihn versammelten, ihn behutsam hochhoben, und in sein Zelt brachten.

Stillschweigend folgte ich ihnen, in meine Gedanken versunken. Erst nach und nach wurde mir stückchenweise bewusst, dass das alles kein Traum war. Nicht wo ich mich befand und auch nicht was vorhin geschehen war.

Ich blickte von Boden auf zu den in Rüstungen gekleideten Männern, die behutsam den Körper des Jungen, der mir noch vor kurzen das Leben gerettet hatte, und nun sich selbst in akuter Lebensgefahr befand, zu seinem Zelt brachten und und atmete stocken aus.

Sein Kopf schlackerte reglos und leblos an seinem Körper, was mich veranlasste, aus Schuld oder aus Sorge, vorzueilen und ihn mit beiden Händen zustützen.

Er war so bleich und kalt, und zeigte absolut kein Lebenszeichen, und ich wusste, dass ich die Schuld daran trug. Ich war verantwortlich dafür, was ihm widerfahren war, deswegen konnte und wollte ich ihn momentan nicht alleine lassen. Er musste wieder auf die Beine kommen. Egal welche Differenzen wir vor ein paar Stunden noch hatten, jetzt war das alles nebensächlich. Das einzige war zählte war, dass er Überleben sollte. Ich musste mich entschuldigen, weil ich nicht auf ihn gehörte hatte, und mich bei ihm bedanken … aber dafür musste er leben. Lieber Gott lass ihn nicht sterben, … blinzelte ich die aufsteigenden Tränen weg.

Im Zelt angekommen legte man John vorsichtig auf den Schlafsack ab, in dem ich noch vorher geschlafen hatte, bevor das Ganze Gemetzel begann.

Ich legte ihm behutsam ein Kissen unter seinen Kopf, und ließ mich selber auf das Bärenfell nieder, wo ich mich in eine Decke einwickelte und mit einen starren Blick gerade aus, alles was ich heute erlebt hatte nochmal überdachte.

 

Das war vollkommener Irrsinn, erinnerte ich mich und fuhr mich überspannt durch die Haare. Die hatten sich gegenseitig abgeschlachtet, massakriert und hin gemetzelt, wie in einem Schlachthaus, das wollte einfach nicht in meinen Kopf.

Ich blicke auf meine blutverschmierten zitternden Hände, … es war sein Blut das an ihnen klebte, sah ich völlig verstört zu Johns.

Es war keine Einbildung, es war Echt, starrte ich fassungslos auf meine Hände, und bekam kaum Luft, denn sie waren über und über mit Blut bedeckt, was mich tiefer in den Schockzustand versetzte.

Das … war echtes Blut. Sein Blut! Kreiste der Gedanke unaufhörlich in meinen Kopf, bis schließlich das Bild jenes Schwertes vor meinen Augen auftauchte, das in ihn eindrang.

Es war Grauenhaft, … Unfassbar, … und es war alles meine Schuld, resignierte ich entsetzt.

Oh Gott … japste ich nach Luft, und spürte Tränen unkontrolliert meine Wangen runter rennen. Drehte meine Hände hin und her, und konnte nicht anders, als sie fassungslos anzustarren.

Schließlich wurde Übel und ich würgte!

 

Was ich heute alles erlebt hatte, überstieg meinen Verstand.

Ich sah Menschen sterben, die von riesigen Schwertern, Äxten und anderen furchterregenden Mordinstrumenten hin gemetzelt wurden, abgeschlachtet wie Tiere.

Die ganze Erde im, und ums Lager war mit Blut durchtränkt. Überall rote Flecken und missgestaltete Körper. Das war zu viel für meinen Verstand, denn das Zittern wollte einfach nicht nachlassen.

So sehr ich es auch wollte, ich bekam diese Bilder nicht mehr aus meinem Kopf.

 

Reglos saß ich da, starrte mit weit aufgerissenen Augen vor mich hin, und schrak letztendlich zusammen, als der Sanitäter, gefolgt von Edward rein kam.

Es war einer der Soldaten, erkannte ich und beobachtete ihn skeptisch. Denn was konnte er schon ausrichten, John brauchte einen richtigen Arzt! Die schwere seiner Verletzung war einfach zu gravierend.

Er kniete sich zu ihn runter, nahm vorsichtig meinen Blazer von der Wunde, und untersuchte ihn.

„Ich kann nicht viel erkennen“, meinte er, während er mit einem feuchten Lappen über die Wunde fuhr, und sie so vom Blut befreite. „Er hat … viel Blut verloren, aber … ich glaube er hatte noch mal Glück“, setzte er mit einem optimistischen Blick an Edward hinzu.

„Ich mixe ein paar Kräuter zusammen, dessen Saft er trinken muss. Du weißt wie das funktioniert Edward“, erklärte er dem großen Bruder, der ein wenig besorgt dreinschaute und stand auf. „Dieser wird ihn betäuben, und dann können wir die Wunde Ausbrennen. Wenn er die heutige Nacht überlebt …, denke ich, … dass er es schaffen wird“, beendete der Sanitäter seine Diagnose, und verließ das Zelt.

Ich saß in der hinteren Ecke und hörte aufmerksam zu.

Doch bei dem Wort *Ausbrennen*, wurde mir schlagartig übel.

Nein, war mein erster Gedanke … was meinte er mit Ausbrennen?! … Erstarrte ich sogleich, den Blick auf John gerichtet.

Wollten sie ihm … ein glühendes Eisen an die Haut zu pressen? … Aber … das könnten sie doch nicht machen, das war Barbarisch, flatterten meine Augen hin und her.

Ich hörte was er sagte, doch wollte und konnte es nicht verstehen.

Edward drehte sich zu mir um, er sah richtig angeschlagen aus. Der Kampf war auch an ihn nicht spurlos vorbeigegangen. Auch er hatte zahlreiche Wunden und Prellungen, die aber nicht Lebensgefährlich waren. Er betrachtete mich gedankenverloren einen kurzen Moment und ließ den Blick wieder fallen.

„Ich möchte Euch noch mal Danken, für das, … was Ihr Heute für meinen Bruder getan habt“, sagte er und klang dabei bedrückt. „Ich stehe in Eurer Schuld“, fügte er hinzu und verließ ebenfalls das Zelt.

 

Ich sah zu Boden und atmete tief aus. „Dank mir nicht, wegen mir liegt er doch hier“, flüsterte ich Richtung Boden und blicke schuldbewusst wieder zu John.

„Es tut mir leid, das wollte ich nicht. Bitte stirb nicht.“ Meine Stimmer war kaum zu hören unter den bebenden Lippen die stockend Luft ein und aus presten.

Ich fühlte mich so Elend und er war so Leichenblass, so Verwundbar, so Schutzlos, am liebsten wäre ich zu ihm gegangen, um auf ihn aufzupassen, so wie ich es im Wald gemacht hatte.

Aber das konnte ich nicht, ich traute mich nicht ihn anzufassen. Zu groß waren die Schuldgefühle, die an mir nagten.

 

Na, wo ist deine große Klappe jetzt, fragte ich mich, und ließ kraftlos den Kopf in die Knie sinken.

 

Nach allem was ich heute erlebt hatte, vor allem in den letzte Stunden, konnte es keine Einbildung sein.

Doch wie konnte das passierten?

Ich hatte keinerlei Erinnerungen, nicht den geringsten Anhaltspunkt, nur diesen Garten mit den Rosen. Denn das war, das letzte was ich noch wusste. Und so sehr ich mich auch grübelte und mich zwang sich zu erinnern, … es war nichts mehr da, nur Leere.

Dennoch saß ich da, versunken, kramte in meinem Hirn, überflog alle Ereignisse des gestrigen Tages, zog jede Kleinigkeit in Betracht und lief in immer wieder alles durch.

Ich konnte es immer noch nicht glauben. Hob den Kopf, und fuhr mir mit den Handflächen übers Gesicht.

Aber es war die Wirklichkeit … akzeptierte ich Widerwillig. Ich war … im Mittelalter … oh Gott … aber wie …? Darauf gab es keine Erklärung, ich wusste nur ein mit großer Sicherheit, ich musste hier weg, ich gehörte hier nicht her!

Aber vorher … blickte ich wieder zu John, … musste ich Sichergehen, das es ihm Gut gingt. Erst wenn ich wusste, das ich nichts ausgelöst hatte, dass Konsequenzen für meine Zeit hatte, konnte ich ruhigen Gewissens nach einem Ausweg suchen.

 

Gedankenverloren starrte ich vor mich her, als sich der Vorhang des Eingangs plötzlich bewegte, und mich wieder zu sich brachte.

Der Sanitäter trat ein, nickte mir zu und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf den Verletzten.

Ich beobachtete ihn, als er sich mit einem Becher runter kniete und Johns Kopf anhob, um ihn vorsichtig eine grün gefärbte Flüssigkeit in seinen Mund ein zuflößen.

Nur widerwillig schluckte John es runter und hustete auf, als er sich verschluckte.

Verdammt, warum kam er bloß zurück!

Mein Herz zog sich schmerzlich zusammen, als sich in meinem inneren immer wieder die Worte, meine Schuld, bildeten.

Ich hatte ihn auf dem Gewissen, sagte ich mir, während ich dabei zusah, wie er Widerwillen dieses Gebräu trank.

Als der Becher leer war, legte der Sanitäter den Kopf wieder vorsichtig ab, und ging aus dem Zelt, wo er dann mit jemandem sprach.

„Wir müssen jetzt abwarten“, hörte ich ihn sagen. „In der Zwischenzeit könnt ihr das Eisen erhitzen.“ Es eher klang wie ein Befehl.

Entsetzt starrte ich auf den Zelteingang, als ich begriff, was er meinte.

Das … das … konnte er doch nicht … ernsthaft vorhaben! Sie würden ihn damit umbringen!!!

Es wollte einfach nicht in meinen Kopf.

Hatte ich denn nicht schon genug angerichtet? Warum müssten sie ihn noch mehr quälen!

Meine Augen flatterten maßlos hin und her, in denen sich eine dichte Tränenwand aufbaute, bis sie keinen Platz mehr fand, und die Tränen eine nach der anderen herausrollten.

„Sie können ihn doch kein Branding verpassen?!“, flüsterte ich entsetzt, meinen Blick auf den Boden gerichtet. Nein! Schüttelte ich abwehrend den Kopf.

 

Der Vorhang raschelte, als Edward, gefolgt von drei seiner Männer rein kam, was mich aus meiner Fassungslosigkeit wachrüttelte.

Was passierte gerade, blickte ich zu Edward und den anderen hoch, als sie sich um John postierten und sich runter knieten.

Edward sah mich kurz mitgenommen an, als ahnte er meine Bestürzung, und wendete sich wieder zu den Dreien.

„Ihr beide nehmt die Arme und den Kopf!“, sah er die zwei Männer an. „Und wir …“, richtete er an den dritten blonden jungen Mann neben sich. „… halten die Beine und den Körper!“

Die Männer nickten und stellten sich in Stellung.

Was? … Schaute ich ihnen zu, als meine Aufmerksamkeit an etwas Glühendem hafte blieb.

Der Sanitäter kam herein, in seiner Hand einen glühendes Schwert.

Er warf Edward einen ernsten Blick zu, der ihn zustimmend zunickte, worauf er sich ohne Umschweife auf John zubewegte.

Mit heran steigender Übelkeit und Schwindelgefühl, blieben meine weit aufgerissenen Augen an dem roten glühenden Gegenstand haften.

Nein! Bitte nicht! Schüttelte ich heftig den Kopf.

„Nein! … Das könnt ihr nicht machen!“, schrie ich aus vollen Hals. „Ihr werdet ihn Umbringe?“

Ich blickte vom glühend heißen Schwert runter, denn mein Mageninhalt, auch wenn dort nicht viel war, bannte sich gerade seinen Weg nach oben.

Der Sanitäter warf ein vielsagenden Blick an die Wache, am Eingang.

„Entfernt das Weibsbild, sonst bekommt sie gleich noch eine Panik Attacke“, wies er die zwei an, die sich gleich darauf auf mich zu bewegten.

Was hieß hier gleich … ich war schon in Panik, starrte ich die versammelte Mannschaft mit offenem Mund an.

Meine Augen zuckte von Edward und seinen Männer, die sich um John postiert hatten, zu den beiden die auf mich zu kamen.

„Nein“, schüttelte ich heftig den Kopf. Ich wollte nicht gehen! Ich wollte ihn nicht mit diesen Barbaren alleine lassen!

„Kommt“, sagte einer der beiden, als sie mich an meinen Armen packten und mich in Richtung des Ausgangs zogen.

„Nein!!!“, wehrte mich Lautstark. „Lasst mich los!“ schrie ich und sah zu wie Edward Johns Beine und den Rumpf packte, und seinen Nebenmann einen vielsagenden Blick zuwarf. „Jeff, hast ihn?!“ fragte er.

Der blonde Junge platzierte seine Arme … „Ja“, antwortete er nervös.

„Nein, tut es nicht … bitte … “, flehte ich. „Ich habe doch schon genug angerichtet …“

Ohne mein Flehen zu beachten, schob der Sanitäter John ein Holzstück zwischen die Zähne, und nickte ebenfalls. „Bereit?!“ fragte er.

„Tue es“, sagte Edward knapp und schaute bedenklich auf seinen Bruder, während er sein ganzes Gewicht in seine Arme verlagerte.

Ich sah wie der Sanitäter langsam das glühende Eisen senkte, und wurde sofort aus dem Zelt gezerrt.

„Was? Nein! Das könnt ihr doch nicht machen. Das ist Barbarisch!“, wehrte ich mich mit aller Macht, und schrie mir die Seele aus dem Leib.

Doch alles vergeblich, die beiden waren viel stärker, ich konnte mich ihnen nicht entwinden.

Mitten in meinem hysterischen Anfall, hörte ich John unbändig aufschreien … er schrie sich die Seele aus dem Leib, was mein Herz und meine Atmung für einen Moment aus setzten ließ …

„Neeeeein!!“, zerrte ich, und versuchte mich ihnen zu entwinden. „Lasst mich sofort los, ihr verfluchten Sadisten!“

Ich versuchte alles um die Männer abzuschütteln. „Barbarischen Mistkerle. Finger weg von mir!!“ brüllte ich, als ich plötzliche eine Todesstille vernahm, die mich vor Erschütterung in eine Starre versetzte.

Sie hatten es tatsächlich getan … mein ganzer Körper bebte …

Langsam ließen mich die Männer auf den Erdboden sinken, und traten seufzend ein Stück zurück.

Gefroren, mit dem Blick auf das Zeil, sank ich auf die Erde während ich, die Konsequenzen, die diese Stille mit sich brachte verarbeitete.

Sie hatte es wirklich getan! Nein! Stritt ich es ab, und rang mühsam nach Luft. Oh mein Gott, was habe ich angerichtet, fuhr ich mir verzweifelt durch die Haare und blickte aufgelöst auf die Erde runter.

Meine Schuld! … Alles mein Schuld! Wenn ich im Zelt geblieben wäre … wäre er nicht zurückgekommen, … wäre nicht verletzt worden …

Ich ließ mein Gesicht in meine Handflächen fallen. „Wenn ich nicht raus geguckt hätte, … wenn ich nicht hier wäre, … wenn ich doch bloß, nicht hier gewesen wäre …!“, schluchzend ich.

Die Tränen kamen wie ein Wasserfall, ich konnte sie nicht aufhalten. Völlig aufgelöst saß ich auf der kalten Erde, rang hilfeflehend nach Atem und hörte auf einmal Edward Stimme über mir.

„Was dann?“, fragte er ruhig und kniete sich zu mir runter. „Meint Ihr, dass uns die Franzosen dann nicht angegriffen hätten?“, betrachtete er mich ein Moment. „Nein, es war nicht Eure Schuld. Ich würde sogar sagen, wärt Ihr nicht hier gewesen, würde ich meinen Bruder heute zu Grabe tragen.“

Seine Stimme war so einfühlsam. Er legte mir beruhigend die Hand auf die Schulter und lächelte mich an.

„Du verstehst das nicht …!“, schüttelte ich abwehrend den Kopf. „Es ist alles meine Schuld! Ich bin schuld! Ich hab ihn auf den Gewissen!“

„Das habt Ihr nicht. Er ist am Leben, und wird es so Gott will, auch bleiben“, redete er warm auf mich ein.

Er lebte?! Sah ich durch meine Tränenwand hoch, und spürte, wie mir ein großer Brocken vom Herzen fiel.

Edward wischte mir über die Wange und lächelte aufmunternd.

Dieser Mann hatte wirklich eine beruhigende Wirkung auf mich, die mir allerdings sehr vertraut vorkam. Woher, konnte ich mir nicht erklären.

Seine Augen, die warmherzig auf mich herunterblickten, brachten mich wieder einigermaßen zur Ruhe, was auch das Atmen leichter machte.

Irgendwie musste ich doch helfen können! Doch in meinem Kopf herrschte immer noch Chaos, das ich mit Mühe versuchte wieder unter Kontrolle zu bringen.

Ich sah mich hitzig um, und überlegte.

Wesley der Sanitäter trat aus dem Zelt und sah uns mitfühlend an.

„Ich habe ihm eine Salbe auf die Wunde aufgetragen, und noch ein wenig von dem Trank gegeben. Er wird etwas Fieber bekommen, aber er kommt bestimmt wieder auf die Beine. Er ist Jung und stark, die heutige Nacht ist entscheidend“, informierte er alle.

Erleichtert atmeten Edward und ich gleichzeitig aus. Er schenkte mir ein schmunzelnd und wand sich an Wesley an. „Danke“ zeigte er sich nickend erkenntlich.

„Nichts zu Danken. Ich kümmere mich dann um die anderen Verletzten.“ Edward nickte, und Wesley ging davon.

Der Wirrwarr in mir wollte einfach nicht weichen. Ich wollte helfen, nicht ganz so nutzlos sein. Schließlich wusste ich es besser, es war meine Schuld, dass er halb Tot dort drinnen lag.

Edward beobachtete mich skeptisch, als ich mich hastig erhob und mich umschaute, als wenn er wusste woran ich dachte. Echt eigenartig!

Sagte jedoch nichts, beobachtete nur wachsam.

 

Fieber! Die Worte des Sanitäters klammerten sich in meinen Kopf. Ich überlegte und schnappte mir kurzerhand einen Eimer, der auf dem Boden lag und rannte zum Bach.

Ich konnte ihm zwar nicht medizinisch helfen, aber ich könnte versuchen dafür zu sorgen, dass sein Fieber nicht weiter stieg.

„Jeff, nein!“, hörte ich Edward rufen, als einer der Männer mir folgen wollte. „Sie läuft nicht davon!“

 

Ich lief runter zum Bach, füllte den Eimer mit Wasser und eilte wieder zurück. Die Soldaten guckten mich betroffen an, sagte aber kein Wort.

Schnell stieg ich ins Zelt, bei John hatten sich schon überall Schweißperlen gebildet, seine Gesichtszüge zuckten und verzerrten sich vor Schmerz.

Ich kniete mich neben ihn, schaute mich nach einem Stofffetzen um, doch da war nirgends was!

Ich brauche Stoff, sah an mir runter. Nahm meinen Rock zwischen die Zähne, und riss ein Stück rund herum ab.

Scheiß auf die Schuluniform, wenn ich wirklich da war, wo ich dachte, würde ich sie nicht mehr brauchen.

Schnell tunkte ich den Rockfetzen ins Wasser und drückte ihn aus.

Ich wischte damit über sein Gesicht und sein Hals, bis hinunter zu seiner Brust.

 

Oh Gott! … Betrachtete ich seinen Körper.

Das war nicht seine erste Verletzung! Es waren zwei Narben und eine Brandwunde … jetzt zwei!!

Ganz vorsichtig fuhr ich mit den Fingerspitzen über die Narben und fragte mich, in, wie vielen solchen Gefechte er schon gekämpft hatte?

Tunkte den Stofffetzen wieder ins Wasser, und wischte über seine Stirn.

Immer wieder wiederholte ich den Vorgang. Seine Mimik war schmerzverzerrt, und seine Geschichtszüge zuckten die ganze Zeit.

Ich strich mit meinen Fingern sein nasses Haar aus seinem Gesicht, musterte sein Antlitz und verlor mich für einen kurzen Moment darin.

Warum fühlte ich bloß solch eine Nähe zu ihm? Fast wie Verbundenheit!

Meine Augen waren wie an ihm wie gefesselt, nahmen alles in sich auf. Sein kantiges Gesicht, die vollen dunklen Brauen, seine Augen, die zwar geschlossen waren, auf mich aber dennoch einen Reiz ausgeübten. Ich strich ihm über seine schweißnasse Wange und spürte seinen angespannten Kiefer, der sich unter meinen hauchzarten Berührungen wieder langsam löste, bis mein Daumen leicht seine Lippen berührte und in mir kurz die Luft gefror. Mein Herzschlag setzte kurz aus, was ein unglaubliches Gefühl der Sehnsucht hervorrief. Schnell zog ich meine Hand irritiert zurück, betrachtete aber immer noch sein wundervolles Gesicht, wenn auch etwas skeptisch.

Ich riss mich erst los, als der Vorhang aufgeschoben wurde und einer der Männer neues kühles Wasser brachte.

John wälzte sich gelegentlich leicht hin und her und murmelte etwas Unverständliches.

„Tsch“, flüsterte ich beruhigend auf ihn ein. „Es ist alles gut.“ Strich ihm über die Wange und nahm seine schlaffe Hand.

Er zitterte und glühte am ganzen Leib, aber dennoch entspannte sich seine Mimik allmählich.

Ich umschloss seine Hand mit meinen beiden, beugte mich ganz nah an sein Ohr … „John, kämpf, du darfst nicht aufgeben“, flüsterte ich und erstarrte, als ich die wärme seiner erhitzen Wangen an meiner spürte. Mein Herzschlag fing schon wieder sich zu überschlagen, ich schloss die Augen und genoss den flüchtigen Moment ihn so nah zu sein. Wieso tat ich das, ich kannte ihn doch gar nicht. Dennoch zog er mich magisch an, was letztendlich dazu führte, das ich dem Drang ihn berühren nicht mehr widerstehen konnte.

Vorsichtig fuhr ich die Konturen seiner Gesichtszüge nach, streichelte es mit meinen Fingern, war Hypnotisiert.

Wie in Trance neigte ich mich runter an seine Lippen, berührte sie sanft mit den meinen. Sie fühlten sich warm und weich an, und …

Stopp!

Was tat ich da?!

Ruckartig richtete mich auf, schaute mich verstört um, und atmete erleichtert aus. Keiner hatte meinen Ausrutscher mitbekommen.

Verdattert blickte ich ein Moment ungläubig auf ihn runter, versuchte mir zu erklären, warum ich das gerade getan hatte, …

Ich konnte es mir nicht erklären, Fakt war, dass dieser Drang in mir immer noch da war und ich versuchen musste ihn abzustellen. Das war doch krank.

Oh Ann … schüttelte ich über mich selbst den Kopf, und richtete meine Aufmerksamkeit wieder dem Kühlen zu, um keinen weiteren Gedanken daran zu verschwenden.

So saß ich die ganze Nacht, bis zum nächsten Nachmittag an Johns Seite.

Wischte den Schweiß ab und legte den Stofffetzen auf seine Stirn, um das Fieber zu senken. Immer wieder wiederholte ich diese Prozedur und fühlte mich am Rande meiner Kräfte.

Hin und wieder kam Edward vorbei, sah nach seinem Bruder und bat mich eine Pause zu machen. Doch ich verneinte, ich hatte noch etwas Kraft, wischte mir ein paar Haarsträhnen hinters Ohr, und setzte meine Arbeit fort. Er war noch nicht über den Berg, also würde ich ihn auch nicht alleine lassen.

 

Und wieder wurde das Wasser von dem blonden Jungen gewechselt. Er stellte es hin, und setzte sich vor mich in die Hocke.

„Wie geht es ihm?“, erkundigte er sich. Es war das erste mal, dass er mich ansprach.

Völlig erschöpft schaute ich hoch und ließ den Blick sofort wieder fallen. Nicht ein mal dazu hatte ich mehr die Kraft.

„Das Fieber scheint gesunken zu sein, und er hat auch schon ein wenig Farbe bekommen“, hauchte ich. Meine Stimme klang so Schwach.

Ich wischte mir mit dem Handrücken mein nach vorn gefallenes Haar zurück, und tunkte den Stofffetzen wieder ins frische kühle Wasser.

„Ihr solltet Euch etwas ausruhen“, bemerkte er bedenklich. „Ihr wacht schon seit der gestrigen Nacht über ihn …“

„Nein ...“

Ich schüttelte den Kopf und sah zu John, er lag immer noch regungslos da.

Ich war zwar am Ende meiner Kräfte, aber ich wollte ihn noch nicht alleine lassen, erst wenn ich mir vollkommen sicher war, dass er es überstanden hatte.

„Mein Name ist übrigens Jeffrey, und Euer?“, fragte er mit einem freundlichen Lächeln.

Wahrscheinlich wollte er mich nur ablenken, aber dass war trotzdem nett von ihm, denn bisher hatte sich keiner von ihnen bei mir vorgestellt.

„Ich heiße Annabelle, … ähm …“, schüttelte ich kraftlos den Kopf. „Ich meine Ann“, korrigierte ich und zwang mir mühsam ein Lächeln auf.

„Annabelle, was haltet Ihr davon, wenn ich Euch etwas zu Essen bringe? Ihr habt gestern nichts zu sich nehmen wollen, und auch das heutige Frühstücks-und Mittagsmahl ausgelassen, … Ihr müsst inzwischen an Verhungern sein.“

„Danke, aber …“ schüttelte ich Verneinen den Kopf. „... ich habe wirklich keinen Appetit …“

Doch bevor ich den Satz beenden konnte, stand er auf und ging aus dem Zelt. Aber ich hatte wirklich keinen Hunger, sah ich ihm schwach hinterher, schon beim Gedanken an Essen wurde mir Stockübel.

 

Kurz darauf kam er wieder, und brachte mir eine Schüssel Brühe, etwas gegrilltes Fleisch und ein Stück Brot mit, stellte es vor mich hin und lächelte abwartend.

Das Essen sah wirklich lecker aus, dennoch verspürte ich keinen Drang dazu.

„Ihr müsst etwas Essen“, redete er auf mich ein. „Sonst habe ich die Befürchtung, dass Ihr schon bald neben John liegt.“

Ich blickte müde in seine Augen, er schien tatsächlich besorg zu sein, hob die Brauen und lächelte bittend.

In Ordnung gab ich erschöpft nach, nahm das Fleisch und legte mir ein Stück in den Mund, kaute langsam und schluckte es runter ohne es richtig zu schmecken.

„Hmm“, betonte ich monoton, riss mir noch ein ganz kleines Stück ab und kaute langsam darauf rum, ich wollte nicht undankbar erscheinen.

„Hühnchen richtig?“, fragte ich.

Er schüttelte den Kopf. „Fast, Fasan“, berichtigte er.

Ich bedankte mich, mit einem schwachen Lächeln und schaute matt auf das Stück Fleisch in meinen Händen.

Irgendwie wirkten sie gar nicht mehr so verrückt auf mich, keiner von denen. Im Gegenteil, für sie müsste ich nicht Normal sein, dachte ich und schaute geistesabwesend auf den Boden als John unerwartet aufzuckte.

Das war seit vielen Stunden die erste Bewegung, also beugte ich mich optimistisch über ihn, um nachzusehen, ob er vielleicht zu sich kam.

Doch er schien zu träumen, denn sein Gesicht und sein Körper verhärteten sich. Er ballte seine Hände zu Fäusten und fing an um sich zu schlagen.

Schrie und wälzte sich hin und her. Ich warf mich über ihn, um seine Arme festzuhalten, Jeffrey hielt den Rest.

„John, beruhige dich. Es ist alles gut“, versuchte ich auf ihn einzureden.

Schaute ratlos zu Jeffrey, und bemerkte dasselbe in seinen Augen.

John murmelte etwas Unverständliches und schrie dann Laut auf.

„Komm zurück! Das kannst du mir nicht antun!!!“, brüllte er und wälzte sich mit aller Kraft. „NNEEEIIIN! Lass mich nicht allein!!!“

Ich versuchte, auf ihn einzureden. „John, John es ist alles Okay. John beruhigt dich!“

Jeffrey, sowie ich, waren beide schockiert über die Heftigkeit seines Anfalls.

„Was sollen wir jetzt machen?“, schrie ich zu ihm. Doch er war genauso unsicher wie ich.

John schrie aus voller Kraft. „Lasst mich verdammt noch mal los!! NNEEEIIIN! ANN!!“

Was …? Hatte ich mich eben verhört? Sah überrascht zu John und zu Jeffrey, dessen Augen mich verstört musterten.

Also doch nicht?!

„NEIN! KOmm zurück“, schrie John noch einmal auf, und seine Stimme wurde Ton für Ton leiser, bis er dann ganz verstummte.

Sein Körper entspannte sich wieder, und er schlief ein.

Scheiße!!!

Was hatte der Sanitäter ihm bloß in den Trank gemixt?

 

Zögernd ließ ich ihn los, und kroch ein Stück zur Seite. Ich versuchte zu verstehen, was passiert war! Sah schreckhaft zu Jeffrey, und fing seinen misstrauischen Blick auf, der mich auf irgendeine Art inspizierte.

 

„Ähem!“, erklang ein plötzliches Räuspern über mir, das mich schnell herumwirbeln ließ.

Edward stand über mir und beobachtete uns beide argwöhnisch.

„Annabelle! Geht jetzt in mein Zelt und ruht Euch aus!“, befahl er.

Ich wollte etwas einwenden, doch er schnitt mir das Wort ab.

„Keine Widerrede. Sofort!“, betonte erscharf.

Dann sah er zu Jeffrey. „Und du kümmerst dich um die Pferde. Los jetzt!“

Jeffrey sprang auf, und ging aus dem Zelt. Edward stand abwartend über mir und schaute auf mich runter. „Worauf wartet Ihr? Geht jetzt! Den Rest der Wache übernehme ich!“

Sein vertrauenswürdiger Blick wurde von Ratlosigkeit und Zorn abgelöst. Langsam rappelte ich mich auf, warf John noch einen letzten Blick zu, und begab mich zum Ausgang.

Die Zerstreuung war mir ins Gesicht geschrieben. Was war gerade geschehen? Warum hatte er meinen Namen gerufen? Er hatte doch meinen Namen gerufen, oder? Oder hatte ich mich verhört?

Sei nicht so überheblich, sagte ich. Er kannte wahrscheinlich eine Menge andere mit diesem Namen.

 

Die Männer guckten mich kritisch nach, was mich aber nicht Interessierte. So wie John geschrien hatte, hatten sie vermutlich jedes Wort gehört.

Oh Mann, das Ganze wurde ja immer schlimmer, schaute ich auf den Boden, als ich an ihnen vorbei ging.

Ich spürte fast jeden Blick, der auf mir ruhte, und hätte mich am liebsten sofort in Luft aufgelöst.

Glotzt nicht so blöd!! Hätte ich ihnen am liebsten entgegen gerufen, wenn mir nicht die nötige Kraft dazu fehlte.

Ich stieg in Edwards Zelt und legte mich in seinen Schlafsack.

Es war so kalt, dass ich mir noch eine zweite Decke überwarf.

 

Das, was gerade passiert war, konnte ich mir nicht erklären. Die Situation wurde immer verwirrender. Ich verspürte Gefühle. Merkwürdige, vertraute Gefühle. Allerdings konnte ich sie nicht genau einordnen.

War das Mitleid, Sorge, oder vielleicht doch verl … nein! Schüttelte ich den Kopf. Ich musste einen Weg finden, hier wieder weg zukommen.

„Ich muss wieder in den Wald“, sagte ich. Das war mein einziger Anhaltspunkt. Irgendwo dort musste es etwas geben, was mich hergebracht hatte, ins Mittelalter!

„Ich muss versuchen es zu finden“, sprach ich mit mir selbst und gähnte.

In der ganzen Zeit hatte ich gar nicht gemerkt, wie Müde ich war.

Kaum lag mein Kopf auf den Kissen, schlief ich auch schon ein.

 

 

Langsam wachte ich, durch das Stimmengewirr fremder Menschen, auf, öffnete meine Augen und blickte mich desorientiert um.

Wo war ich? Sah ich mich in den sonderbaren, von Stoff umgebenen Raum um.

Ein Zelt?!

Ich hielt inne und erinnerte mich an gestern.

War es wirklich wahr?

Nein, schluckte ich verängstigt bei der Erinnerung an die letzten Tage und die Erkenntnis darüber, wo ich mich befand.

 

Ich war in der Vergangenheit, realisierte ich und blickte nüchtern durch das Zelt auf den Boden.

Aber das war unmöglich! Doch, wenn es unmöglich war, wie konnte ich dann hier sein, sah ich fassungslos um.

Es war alles echt! Ich war im Mittelalter!

Ich fühlte den Stoff der Decke, die auf mir lag, als sich plötzlich der Vorhang des Eingangs bewegte, und zuckte aufgeschreckt zurück.

 

„Edward?!“

Erstaunt blickte ich in sein Gesicht. Er war dem Gemälde wirklich ähnlich, sogar mehr als das. Verblüffend, wie gut der Maler ihn getroffen hatte, überlegte ich, während ich ihm stumm entgegen starrte.

„Annabelle geht es Euch gut?“, fragte er besorgt. „Ist irgendetwas geschehen?“

Er interpretierte mein Schweigen wohl als Angst. Ja, die hatte ich zwar auch, aber ich war mehr verwirrt, als verängstigt. Mein Verstand versuchte das zu verarbeiten, denn bis dahin hoffte ich, dass es alles nur ein verrückter Traum war.

Aber es war kein Traum, denn ansonsten würde, er, der schon seit fast siebenhundert Jahren tot war, nicht vor mir stehen.

Das ist unmöglich, … sagte ich mir immer wieder stumm vor.

„Annabelle?“

Komplett … unmöglich … „Das … das ist unmöglich!“, sagte ich es nun laut und starrte ihn reglos an.

„Was ist unmöglich? Ist alles in Ordnung mit Euch?“, fragte er.

„Du …“, zitterte meine Stimme. „Das hier, … das ist … ist unmöglich …“

Er musterte mich mit ernster Mine. „Ich verstehe, dass es für Euch etwas zu viel war, in den vergangenen Tagen, aber Ihr braucht keine Angst mehr haben“, sprach er beruhigend auf mich ein.

Keine Angst mehr haben, wiederholte ich stumm, und sah die Bilder des Massakers in mir aufsteigen.

John!!! Schrie mein Unterbewusstsein auf, was mein Herz zum Traben brachte.

Hatte er die Nacht überstanden? Ging es ihm gut?

Meine Augen huschten durch das Zelt und blieben an einer Stelle haften.

Scheiße, … sein Anfall im Fieberwahn, erinnerte ich mich.

Er hatte meinen Namen geschrien, blickte ich durcheinander umher. Alle hatten das mitbekommen, und dieser Jeffrey, wie der mich angeschaut hatte. Was dachten sie nun alle von mir?

„Annabelle?“, hörte ich wieder Edwards Stimme. „Ihr seit jetzt Sicher“, versuchte er mich weiterhin zu überzeugen.

„Sicher … ja“, wiederholte ich zerstreut.

Er hockte sich zu mir runter, und lächelte mich an. „Ich sehe, Ihr seid noch etwas durcheinander. Das ist nur verständlich, nach allem was passiert ist, aber es ist vorbei.“

Nein, nichts war vorbei … ich war im Mittelalter! Wie zum Teufel komme ich wieder zurück?

Immer noch starrte ich fassungslos in sein Gesicht, das mich sanft anlächelte.

„Habt Ihr gut geschlafen?“ fragte er schließlich.

Ich blinzelte auf und zog die Brauen zusammen. „Was? … äh … ja...“, antwortete ich etwas unsicher.

„Ich habe hier etwas für Euch“,sagte er. Erst jetzt bemerkte ich, dass er etwa rotes in seinen Händen hielt, dass er mir nun überreichte. „Nehmt das, und zieht es an. Euer Rock war schon vorher viel zu kurz. Und seit Vorgestern scheint er noch mehr geschrumpft zu sein“, fügte er schmunzelnd hinzu.

Ich sah an mir runter, und entdeckte meinen zerfetzten Rock.

Stimmt! Erinnerte ich mich, ich hatte mir ein ganzes Stück abgerissen, um John die Stirn zu kühlen.

Edward legte es neben mich hin, es war ein rotes Kleid, wunderschön und Edel. Aber woher hatte er das, schaute ich ihm fragend an, was er verstand.

„Es sollte ein Geschenk an meine Gemahlin sein“, erklärte er schulterzuckend.

„Gut dass ich zwei gekauft habe, so könnt Ihr eins haben. Rot ist sowieso nicht ihre Farbe“, ergänzte er.

Ich bedankte mich mit einem Nicken, und er lächelte erleichtert zurück.

„Also ich werde Euch dann mal alleine lassen …“, sagte er und richtete sich auf.

„Edward …“, warf ich etwas verkrampft ein. „Wie geht es …“, stockte ich. Ich konnte den Namen, warum auch immer, nicht aussprechen. Brauchte ich auch nicht, Edward verstand mich auch so.

„Es geht ihm schon besser“, beruhigte er mich Lächelnd. „Das Fieber ist gesunken, und er ist sogar schon aufgewacht. Ihr habt gute Arbeit geleistet“, nickte er anerkennend. „Morgen werden wir weiter reiten können.“

Ich fühlte, wie mir ein großer Stein vom Herzen fiel. Er schien meine Erleichterung zu spüren und lächelte.

„Ach …", sagte er. „Ihr könnt Euch unten am Bach frisch machen, wenn Ihr wollt. Man wird Euch Seife und ein Handtuch vor das Zelt legen.“

„Danke“, erwiderte ich.

Er schmunzelte und trat aus dem Zelt.

Es ging ihm besser. Gott sei Dank! Beruhigte sich mein Puls. Trotzdem konnte ich nicht aufhören an ihn, zu denken.

Er hatte mir das Leben gerettet, mich verteidigt, und dabei seines riskiert. Ich war dankbar, sogar mehr als das. Aber da war noch irgendwas, etwas was ich mir nicht erklären konnte. Es war sonderbar, schon bei den Gedanken an ihn raste mein Herz.

„Krieg dich wieder ein, Ann. Du darfst das nicht so nah an dich herankommen lassen.“ Sagte ich zu mir.

Nur weil er ziemlich niedlich ist, und dir das Leben gerettet hat, ist das immer noch kein Grund ständig an ihn zu denken. Außerdem ist er arrogant, eingebildet, selbstgerecht und versnobt, erinnerte ich mich.

Okay, … auf eine äußerst süße Art und Weise.

Nein! Stoppte ich mich, das waren nur Schuldgefühle!

Trotzdem zog es mich zu ihm hin, und ich überlegte, ob ich ihn besuchen gehen sollte. War nur angemessen, angesichts dessen, was er meinetwegen durchleiden musste.

Fast hätte ich auch meinen Gefühlen nachgegeben, wäre da nicht mein Verstand, der mir sagte, dass ich mich lieber von ihm fernhalten sollte. Ich ließ den Gedanken fallen, ich war noch nicht bereit ihm gegenüberzutreten. Erst musste ich mich wieder sammeln, um zu begreifen, was mit mir geschehen war, oder … geschieht! Wie ich hierher gekommen war, und wie ich wieder nach Hause gelange. Ich überlegte hin und her und kam immer nur auf einen Nenner. Die Rosen, es hatte etwas mit den Rosen zutun.

Allmählich bekam ich Kopfschmerzen von dem ganzen Grübeln.

Okay, das hatte jetzt kein Zweck, ich muss mich dringend ablenken, roch an meiner Kleidung und musste die Nase rümpfen.

>Ooh Gooott! < Ich musste mich dringend waschen.

So wie Edward es gesagt hatte, lag ein Handtuch und ein seltsam geformtes und streng riechendes Stück Seife neben den Zelt, absolut nicht zu vergleichen mit meinem Shampoo. Ich nahm das Kleid und die Badeutensilien, und ging runter zum Bach. Doch bevor ich meine verdreckte und zerfetzte Schuluniform auszog, sah ich mich um. Auch wenn das hier alles >Ritter< und >Ehrenmänner< waren, waren es ja auch trotzdem Männer.

Ganz langsam stieg ich ins kühle Wasser, Schritt für Schritt, und trotz der Kälte fühlte es richtig gut an.

Auch wenn diese Seife nicht annähernd das war woran ich gewöhnt war, erfühlte es ihren Zweck. Es war eine Wohltat für meine Haare, diese Erfrischung hatte ich gebraucht, um wieder klar denken zu können.

Ich trocknete mich ab, und zog das Kleid, an das Edward mir gab. Es passte wie angegossen.

Da ich keinen Kamm hatte, kämmte ich mir meine langen Haare mit den Fingern durch, blickte auf meine verdreckte und blutbesudelte Schuluniform und erstarrte für einen Moment.

Johns Blut war überall auf meinem Rock, den Pullover, und es sickerte sogar bis auf das Poloshirt durch.

Nicht mal hier, nach dem entspannenden Bad konnte mich die Sorge um ihn in Ruhe lassen. Ich hob das weiße Shirt auf und schleuderte es im Wasser hin und her. Seifte es ein, rubbelte die blutverschmierten Stellen, in der Hoffnung somit alles raus waschen zu können. Und zwar nicht nur die Flecken, sondern auch meine Gedanken an ihn.

Doch es klappte nicht. Nicht das eine und nicht das andere.

 

Zurück am Zelt angelangt, hängte ich meine Sachen zum trocknen auf, und dachte kurz darüber nach ihn zu besuchen.

Verdammt Ann, das machst du nicht, wies ich mich zurecht. Ich fing an ihn gern zu haben, was mich höchst verstörte.

Mit aller Macht versuchte ich diese Gefühle von mir weg zu schieben, sie einzudämpfen und wegzuschließen.

So was durfte ich mir nicht erlauben. Ich war im Mittelalter, und nicht auf einer Kostümparty! Verlieben war nicht drin! Und schon gar nicht in den da!!

Ich verwarf den Gedanken ihn zu besuchen. Je weniger Kontakt ich zu ihm hatte, desto besser war es. Außerdem hatte er doch das gröbste schon Überstanden, überlegte ich, während ich meinen zerfetzten Rock auf das Zelt zum trocknen schmiss.

„Gute Morgen Lady Annabelle“, hörte ich eine Stimme, die mich aus meine eigenen Strafpredigt aufwachen ließ.

Jeffrey schlenderte mit einem Tablett auf mich zu, und lächelte mich freundlich an. „Ich habe hier Frühstück für Euch“, meinte er und überreichte es mir.

Ich betrachtete ihn, und versuchte einzuschätzen was sich hinter diesem freundlichen Lächeln verbarg.

Doch ich konnte nichts erkennen, kein Misstrauen, keinen verurteilenden Blick und keine Feindseligkeit.

„Danke“, erwiderte ich leise, nahm ihm das Tablett ab und wollte mich abgeschieden von allen an das Zelt setzen.

„Lady Annabelle“, stoppte mich Jeffrey. Ich wand mich wieder zu ihm und erkannte seinen forschenden Blick. „Sir John … er ist aufgewacht, und er wünscht Euch zu sehen“, sagte er den Blick direkt auf mich gerichtet.

Seine Augen musterten mich, als versuchte er aus etwas schlau zu werden.

Ah, da war es ja, dieses Misstrauen nach dem ich gesucht hatte.

Schweigend senkte ich meine Augen und setzte mich auf den Boden neben das Zelt.

Auch wenn mein Herz sofort Ja schrie, hielt mich mein Verstand zurück. Es war unklug ihn jetzt Besuchen zu gehen, denn sobald ich nur an ihn dachte, ging in mir etwas vor, was ich mir nicht erklären konnte.

Jeffrey bemerkte meinen Zwiespalt, sah kurz über seine Schulter, in Richtung Johns Zelt, kam zu mir und nahm neben mir Platz.

„Lasst Euch Zeit. Ich werde Euch nach dem Frühstück hin geleiten“, lächelte er mich von der Seite an. Hob einen kleinen Stock vom Boden auf und kritzelte damit in der Erde.

„Danke“, murmelte ich unhörbar bekommen, und aß gedankenverloren mein Frühstück.

So würde das nie etwas werden, ihn aus meinem Kopf kriegen, belehrte mich meine Gewissen.

Ich sah kurz zu Jeffrey, er war genauso in seine Gedanken vertieft wie ich.

Über was er wohl nachdenkt, fragte ich mich.

Bestimmt über den gestrigen Vorfall, dessen war ich mir sicher. Und dabei hatte ich nicht einmal selbst eine Erklärung dafür, was in dem Zelt passiert war.

Ich schluckte schwer den Bissen runter, und beäugte Jeffrey aus dem Augenwinkel.

Er saß mit angewinkelten Beinen direkt neben mir, auf die er seine Arme abgelegt hatte, und malte gedankenverloren etwas in die Erde. Ich spähte von seiner leicht schwingenden Hand in sein andächtiges Gesicht und musste zugeben, dass er ein attraktiver Junge war. Etwa so groß wie John, und auch ungefähr so alt. Seine blonden Locken waren ganz verwuschelt und hingen ihm in seine braunen Augen, die mit so viel Güte gefühlt waren.

Er bemerkte, dass ich ihn ab und an anschaute, und lächelte. Verlegen schmunzelte ich zurück, und blickte wieder auf mein Frühstück, das aus zwei Stück Brot, ein paar Scheiben Wurst und einem kleinen hartgekochten Ei bestand.

Er wartete stillschweigend ab, bis ich etwa die Hälfte aufgegessen hatte, räusperte sich und wand sich zu mir.

„Bitte versteht mich nicht falsch, aber da ist etwas, was ich Euch gerne fragen würde“, sah er mich unter seinen blonden Locken strebsam an. Ich wusste schon, was er wissen wollte, doch ich war genauso ahnungslos wie er, deswegen wusste ich auch nicht, was ich darauf antworten sollte.

„Glaub mir, ich verstehe genauso wenig, was da passiert ist, wie du“, antwortete ich, bevor er die Frage überhaupt stellen konnte, und legte den halb vollen Teller auf die Erde ab.

Irgendwie war mir der Appetit vergangen. Er nickte konzentriert, richtete seinen Blick wieder auf die Erde unter seine Füßen, und kritzelte weiter mit dem Stock in der Erde rum.

„Kann ich dich auch was fragen“, blickte ich hoch. „Du und John … Seid ihr beide … so was wie Freunde?“

„Ja, die besten sogar“, sah er wieder auf und lächelte deutlich entspannter. „Wieso?“ fragte er.

„Ach nur so …“ Ich dachte kurz darüber nach. „Mir … ist nur aufgefallen, dass sie dich anders als die anderen Soldaten behandeln.“

„Ich bin doch kein Soldat!“ lachte er auf.

Ich sah ihn verwundert an. „Aber du kämpfst doch für John und Edward.“

„Nein, ich kämpfe mit ihnen! Ich bin deren Vetter.“

Er fand das höchst Amüsant. „Lady Annabelle?“, sprach er mich wieder an. Langsam reichte es mir mit diesem >Lady< Quatsch. Echt, was sollte das?

„Jeffrey, du heißt doch Jeffrey“, richtete ich die Frage zurück, was er nickend bejahte. „Kannst du mir einen Gefallen tun?“ Er sah mich stutzig an. „Nichts schlimmes, ich schwöre es. Nur … lass diesen Lady Quatsch, ja? Nenne mich einfach Annabelle oder Ann, in Ordnung?“

Er zog leicht irritiert die Brauen zusammen … „Wenn es Euch so lieber ist, … Annabelle“, zuckte er mit den Schultern.

Ich lächelte Dankend zurück. „Ist es, glaub’s mir.“

Er warf mir noch einen wachsamen Blick zu, als hätte er einen Verdacht, den er nachgehen wollte.

„Annabelle, … wo kommt Ihr her?“ fragte er durchblickend.

Jetzt fing der auch noch damit an, verdrehte ich innerlich die Augen und blickte nachdenklich runter.

„Das ist schwer zu beantworten“, erwiderte ich.

„Das verstehe ich nicht“, zogen sich seine Augenbrauen zusammen.

„Ich auch nicht“, seufzte ich.

Was hätte ich ihm sagen sollen? Hallo, ich heiße Ann und komme aus der Zukunft. Wie, weiß ich auch nicht … vollkommen Blödsinnig, schüttelte ich den Kopf.

„Ihr seit ziemlich Rätselhaft“, meinte er, was ich mit einem schnauben kommentierte.

„Man hat mir schon einiges nachgesagt“, kam mit Cass in den Sinn. „... aber Rätselhaft war nie dabei“, schmunzelte ich.

„Doch das finde ich schon“, zucken seine Mundwinkel freundlich. „Also gut, dann probiere ich es mal anders. Kommt Ihr aus dieser Gegend?“, fragte er.

Ich überlegte, und beschoss dass ich doch ein paar Details preisgeben konnte, ohne gleich aufzufliegen.

„Na ja“, fing ich an. „... ursprünglich komme ich aus Amerika“, erzählte ich, den Blick auf meine Hände gerichtet. „Aber vor einem Monat sind Alice und ich, Alice, das ist meine Mumm, also wir sind nach England gezogen.“

Ich blickte auf, und mir wurde ganz Elend zumute. Zwangsläufig musste ich an meine Mutter denken, was sie jetzt dachte und was sie jetzt tat, und spürte Tränen in meine Augen steigen.

Mumm es tut mir Leid, seufzte ich. Mir wurde klar dass ich sie wahrscheinlich nie wiedersehen würde. Egal welche Mutter sie auch war, ich hatte sie trotzdem lieb, und es tat mir weh bei der Erinnerung, wie ich sie behandelt hatte.

So wie es aussah, standen die Chancen nicht gut, dass ich meine Familie je wiedersehen würde. Mir kamen Zweifel, dass ich mich überhaupt je bei ihr, für mein Benehmen an dem Morgen entschuldigen könnte, und ob ich wohl je das Baby sehen würde, oder Daniel für alles Danken können, was er für uns getan hatte. Immer mehr Tränen stiegen füllten meine Augen, und rannten an meinem Gesicht runter.

„Wo liegt Amerika?“, unterbrach Jeffrey mich eigenartig musternd. „Ich habe noch nie etwas von diesem Land gehört!“

„Ähm“, hielt ich schreckhaft inne. Was?

Was hieß, er hatte noch nie was von diesem Land gehört, überlegte ich impulsiv und wagte einem zaghaften Blick, als mir klar wurde, dass ich eventuell einen Fehler begangen hatte.

Verdammt, welches Jahr hatten wir? John hatte es mit doch gesagt! Denk nach Ann, denk nach, grübelte ich verzweifelt. Jeffrey sah mir währenddessen misstrauisch zu.

Verflucht, es fiel mir nicht mehr ein, schluckte ich ertappt. „Ähm … Jeff, ich bin etwas verwirrt nach den ganzen Ereignissen der letzten Zeit“, versuchte ich es auf die naive Tour. „Welches Jahr haben wir noch mal?“, lächelte ich zuckersüß, oder versuchte es auf jeden Fall, den mein Puls brach gerade Rekorde.

Jeffreys Blick verschärfte sich. „Wir schreiben das Jahr 1358“, sagte er, was mich innerlich gefrieren ließ.

Ooh Man, … also, wenn ich in Geschichte gut aufgepasst hatte, hat Columbus Amerika erst 1492 entdeckt, oder so glaubte ich … also klar, warum er es nicht kannte.

Verdammt, konnte ich nicht zuerst Nachdenken, bevor ich den Mund öffnete, schimpfte ich mich, und hätte mir am liebsten selbst eine Kopfnuss verpasst. Während ich mir innerlich eine Standpauke hielt, sah mir Jeffrey dabei argwöhnisch zu.

Ich überlegte, wie ich und Columbus, möglichst schadenfrei aus dieser Situation kommen konnte, und wurde dabei immer nervöser.

„Ähm, weißt du …“, stammelte ich …, „... d-dieses Land ist noch recht unbekannt. Es liegt am Mittelmeer und ist noch nicht richtig besiedelt.“ Mein Hirn arbeitete auch Hochtouren um eine passende und glaubhafte Erklärung zu finden, lächelte und flehte, dass er das schlucken würde.

Ich hoffte bloß, das Columbus es mir nicht übel nehmen würde, dass ich seine Entdeckung vor seiner Zeit preisgab, aber ich hatte das sichere Gefühl, dass Jeffrey es sowieso nicht mehr miterleben würde.

„Oh“, stieß er aus. „Dann war es ja eine recht lange Reise, für Euch und Eure Mutter?!“

„Ja“, nickte ich. Geschlagene sieben Stunden Flug. Sah auf den Boden und atmete erleichtert aus.

Gerettet … irgendwie, raste mein Herz. Verflucht, wie konnte ich mich nur so verplappern!

„Seit Ihr fertig?“, deutete er auf den halbvollen Teller.

„Ja danke, aber ich habe keinen Hunger mehr“, erwiderte ich. Umschlang meine Beine mit meinen Armen, und überlegte wie ich mich davor drücken könnte zu John zu gehen.

„Wollen wir los?“, fragte er schmunzelnd.

„Das halte ich für keine gute Idee“, platzte es verneinend aus mir heraus.

Je weniger Kontakt desto besser, war ich der Ansicht.

Er sah mich stirnrunzelnd an. „Wieso?“

Weil ich ihn in meinen derzeitigen Zustand nicht übertreten konnte, versteh das doch! „Es ist besser, wir gehen ein anderes Mal hin. Schließlich muss er sich ausruhen.“

Ich blickte unsicher hoch, und fing Jeffreys Verwunderung auf.

„Ist das der einzige Grund, oder gib es noch einen anderen?“, fragte er mich stutzig.

„Welchen anderen Grund sollte es schon geben?“, musterte ich ihn abschätzend. Wusste er irgendwas?

„Ich weiß nicht“, zuckte er mit den Schultern. „Aber John hat dringend nach Euch verlangt, wieso auch immer. Also ist es besser, wir machen uns auf den Weg, dann habt Ihr es hinter Euch“, taxierten mich seine Augen mich ein Augenblick. „Wovor habt Ihr Angst?“, stand er plötzlich schmunzelnd auf.

„Ich hab doch keine Angst!“ Wie kam er den auf die Idee? „Ich dachte nur, es wäre besser, wenn er sich noch ausruhen würde“, warf ich energisch ein.

„Ich versteh Euch nicht“, zog er die Brauen hoch. „Erst wollt Ihr nicht weg, und jetzt wollt Ihr nicht hin“, lachte er belustigt auf.

„Also schön hör auf zu quasseln.“

Es reichte mir, mich von ihm sticheln zu lassen. „Los gehen wir!“ Stand auf und ging voraus.

Moment mal! Was tat ich da?! Blieb ich wie angewurzelt stehen, als es mir Bewusst wurde, was ich im Begriff war zu tun. Aber jetzt gab es kein zurück mehr, ich musste, ob ich es wollte oder nicht, durch. Also schluckte ich beklommen und setzte mich zaghaft in Bewegung.

Jeffrey lachte leise auf, und folgte mir.

„Ach übrigens, das Gewand steht Euch sehr gut“, sagte er, als er mich eingeholt hatte.

„Danke!“, antwortete ich grimmig.

„Ach kommt, seid nicht beleidigt. Ich habe es nicht böse meint“, schnitt er mir eine Grimasse mit einem Schmollmund.

Trottel, lachte ich auf. Ich wusste nicht wieso, aber ich konnte ihm einfach nicht böse sein.

„Hör auf damit!“, lachte ich und gab ihm einen Klaps auf die Schulter.

„Seht Ihr, so gefällt Ihr mir schon viel besser.“

„Was?“, schmunzelte ich. „Du bist ja ein richtiger Charmebolzen!“

„Milady, man tut was man kann!“, betonte er jedes einzelne Wort, was mich zum Lachen brachte. „Außerdem, mag ich es nicht, wenn schöne junge Ladys sauer auf mich sind“, fügte er hinzu.

„Du sollst das lassen, habe ich gesagt“, boxte ich ihn in den Oberarm.

„Au!“, rieb er sich die Stelle. „Starke linke!“

Ich sah ihn gespielt scharf an, worauf er mir eine Fratze schnitt und wir beide in lautes Lachen ausbrachen.

Grinsend liefen wir durch das Lager, machten Spaß und ärgerten uns gegenseitig. Es war verblüffend leicht mit Jeff auszukommen. Er war einfach, nett und lustig. Irgendwie waren wir beide auf derselben Wellenlänge.

Ich blickte zur Seite und bemerkte die einzelnen Blicke der anderen auf mir.

„Sag mal, warum starren die mich so an?“, fragte ich unsicher.

„Die wissen nicht, was sie von Euch halte sollen. Sie sind sehr neugierig, was John und Edward mit Euch vorhaben, ich im Übrigen auch!“ warf er mir einen neugierigen Blick zu.

„Jetzt schau nicht so, ich hab auch keine Ahnung!“, erwiderte ich, und versank wieder in meinen Gedanken.

Wie sollte ich ihm bloß gegenübertreten? Was sollte ich sagen, überlegte ich angestrengt.

Vielleicht sollte ich mich einfach entschuldigen, und dann so schnell wie möglich verschwinden, blickte ich auf das näher kommende Zelt und atmete schwer aus.

Cool bleiben Ann, stell ihn dir einfach als einen Alten Mann vor, was er genau genommen auch war, … so gesehen. In meiner Zeit, war ja von ihm nicht ein Mal Staub übrig geblieben.

Ja, das könnte klappen, es musste einfach klappen, versuchte ich mir einzuredenen,als wir beim Zelt an kamen.

Mein Herz raste und mein Magen fühlte sich schwer an. Ich hätte lieber doch nicht Frühstücken sollen.

„Tief durchatmen Ann“, flüsterte ich nervös. Sah zu Jeff, der mich belustigt mit einem halben lächeln beobachtete.

„Na los, rein in die Hölle des Löwen“, witzelte er.

Ich schürzte die Augen, warf ihm einen gespielten scharfen Blick zu, schob den Vorhang auf und stieg rein.

Doch kaum war ich drin, schon hatte ich alle meine Vorsätze vergessen. Sein Anblick raubte mir die Sprache.

Wow, hauchte ich. Er lag an derselben Stelle, an der ich ihn zurückgelassen hatte, mit freiem bandagiertem Oberkörper, von dem sich meine Augen nicht lösen wollten. Sein zerzaustes Haar, fiel ihm in die Augen, die mich erfreut begrüßten.

Wie von selbst breitete sich ein Lächeln auf meinem Gesicht aus.

Ich sah bestimmt Dämlich aus, aber das war mir in diesen Moment egal. Irgendwie konnte ich meinen Blick nicht von ihm wenden.

Er stützte sich vorsichtig auf seine Ellbogen, lächelte, und schon hatten seine Augen mich wieder hypnotisiert.

Nein, nein, nein! Reiß dich verflixt noch mal zusammen, alter Sack, alter Sack, alter Sack, wiederholte ich immer wieder. Schaute von ihm auf den Boden, und schluckte beklommen.

Man, was war das gerade? Ich hatte schon wieder die Kontrolle über mich verloren!

Ich strich mir die noch nassen Haarsträhnen aus dem Gesicht, Okay, Neustart! Räusperte mich, und sah wieder hoch.

„Na du Raufheld!“, versuchte ich ein Witz zu machen. „Geht es dir gut?“

Wow, wie originell! War das mein Ernst? Rollte sarkastisch mit den Augen.

„Na ja, … “, schmunzelte er und fuhr sich mit der Hand durch das Haar. „… den Umständen entsprechend.“

Verdammt, lass das, ich war auch so schon genug durch den Wind, blinzelte ich zerstreut auf, blickte schnell auf den Boden, und versuchte mich wieder zu fangen.

„Und bei Euch … alles Heil?“, fragte er mit einem schiefen Lächeln.

Ich sah verwundet hoch, wieso war ich eigentlich hier? Wollte er etwa bloß ein wenig Small Talk halten?

„Klar“, erwiderte ich. „Ich bin ja nicht diejenige, die wie ein Schaschlik aufgespießt wurde.“

Er zog verwundet die Augenbrauen zusammen. Hat’s wohl nicht kapiert, sah ich seinem Blick an.

„Ach, weißt du was, vergiss es, es geht mir gut“, sagte ich und verlagerte mein Gewicht auf das andere Bein.

„Das freut mich!“, erwiderte er knapp.

Es wurde eine Weile still, dass sich aber wie eine halbe Ewigkeit anfühlte. Ich fragte mich warum ich unbedingt herkommen sollte? Er sagte ja nichts, beobachtete und lächelte nur, das machte mich unsicher.

„Ähm … du hast nach mir rufen lassen?“, fragte ich vorsichtig.

„Ja, das habe ich“, antwortete er und guckte kurz an mir runter. „Ihr seht übrigens reizend aus, in diesem Gewand“, bemerkte er. „Es wirkt als wäre es für Euch geschneidert.“

War das ein Kompliment? Sah ich unsicher hoch.

Man, den muss es schlimmer getroffen haben, als ich dachte.

„Danke“, erwiderte ich skeptisch. „Edward hat es mir gegeben.“

Was sollten diese Schmeicheleien? Der führte sich ja nett auf! Stand er vielleicht noch unter Drogen? Betrachtete ich ihn, und wurde langsam ungeduldig.

Wieso war ich eigentlich hier, denn er beobachtete mich nur lächelnd, sagte aber nichts.

Diese Ungewissheit ließ mein Herz noch schneller rasen, und diese Stille brachte mich fast um den Verstand.

Okay, Entschuldige dich, und dann verschwinde, sagte ich mir, holte tief Luft und schaute ihm entgegen.

Alter Mann, Alter Mann, Alter Mann, und legte los.

„Ich wollte….“, sprachen wir beide gleichzeitig aus und stoppten.

Was war das denn? Erst nichts, und dann im selben Moment, überlegte ich und schürzte die Augen.

„Ladys First“, sagte er schließlich mit einer Geste.

Ich bedeckte ihn mit einem prüfenden Blick … Okay, … los geht’s.

Räusperte ich mich, ich wollte es schnell hinter mich bringen, deswegen plapperte ich einfach drauf los.

„Gut, … ich wollte mich bei dir Entschuldigen, das ich dich in diese Situation gebracht habe. Hätte ich auf dich gehört, und mein Kopf nicht aus diesem Zelt gesteckt, hättest du mir nicht zur Hilfe kommen müssen, und wärst nicht verletzt …“ Sah ich ihn entschuldigend an. „Es tut mir ehrlich leid, es war alles meine Schuld …“

„Halt!!“, unterbrach er mich Laut. Ich blickte überrascht hoch, und war verwirrt.

„Halt, Ihr müsst Euch für gar nichts Entschuldigen“, sagte er aufgebracht.

„Aber, ich …“, wollte ich einwerfen.

„Nein!! Lasst mich ausreden!“ sagte er bestimmt, und versuchte sich aufzusetzen.

„Ähm … John, das ist wirklich keine gute Idee. Du solltest lieber liegen bleiben“, bemerkte ich und sah ich ihm dabei bedenklich zu.

Aber bevor ich den Satz auch beenden konnte, fiel er vor Schmerz wieder auf sein Kissen. „AAAAA.“

„Siehst du!“, konnte ich mir nicht verkneifen. Eilte besorgt rüber, kniete mich neben ihn hin, und tastete vorsichtig seinen Verband ab. „Ich hab es dir doch gesagt, du sollst liegen bleiben. Du musst vorsichtig sein, sonst geht die Wunde noch auf!“, ermahnte ich ihn, sah mir seine Bandage genauer an und atmete erleichtert aus. Es war kein Blut zusehen, also war es noch mal gut gegangen. Mir fiel ein Stein vom Herzen, und mein Puls beruhigte sich wieder … bis …

ich seine Hand an meiner Wange spürte. Überrascht blickte ich hoch, konnte keinen Ton raus bringen, sah nur seine leuchtenden Augen, die vor mir schimmern und mich schon wieder in ihren Bann zogen.

Oh man …

Er nahm seine Hand wieder runter, betrachtete sie verwundert, als gehöre sie nicht zu ihm und versuchte sich wieder langsam aufzurichten.

„John nein!“, kam ich wieder zu sich. „Du musst liegen bleiben!“
Doch er hörte nicht auf mich. „Du musst dich noch schonen! Sonst reist deine Wunde auf!“, schimpfte ich. „Verdammt! Kannst du mal machen was man dir sagt!“

Man war der Halsstarrig!

Er richtete sich trotz meiner Empörung auf, hielt nur wenige Zentimeter von meinem Gesicht und sah mir direkt in die Augen.

„Ann, halt endlich den Mund und lasst mich ausreden!“, sagte er mit einem verwegenen Lächeln.

Ach, … da war er ja wieder, … der Arrogante, … Selbstgefällige … Macho!

„Ich muss … mich bei dir bedanken“, sagte er.

Also jetzt verstand, ich gar nichts mehr.

„Mich bedanken …“, setze er wieder an „… das du mir das Leben gerettet hast. Wenn du mich nicht gewesen wärst, wäre ich jetzt Tot.“

Er fixierte mich derart mit seinen funkelten Augen, dass ich vergaß Luft zu holen.

„Aber wäre ich nicht gewesen, wärst du gar nicht in dieser Situation“, entgegnete ich verständnislos.

Er schüttelte den Kopf ohne mich dabei aus den Augen, zu lassen.

„Du sollst mich ausreden lassen, sagte ich“, hörte ich ihn sagen, als ich unerwartet spürte, wie seine Finger langsam meinen Arm hochfuhren, die eine Gänsehautspur hinterließen.

„Und mich Entschuldigen …“, fuhr er fort. „… für das was ich gestern im Fieberwahn gesagt habe. Ich wollte dich nicht in Verlegenheit bringen.“

„Ach, … ähm, keine Sorge“, winkte ich etwas unkonzentriert ab, denn seine kleine Berührung hinterließ in meinem inneren Gefühlsleben ein Chaos. „Ähm … ich hab das, nicht so persönlich genommen.“

Lügnerin! Straffte ich mich mein Unterbewusstsein. „Ich mein, ich … bin doch wohl nicht die einzige Ann, die du kennst!“

„Bist du nicht …“, lächelte er. „… aber die einzige, von der ich … “, brach er ab.

„Was?“ Sah ich in seine schimmernden Augen und bemerkte, dass sein Lächeln verschwand. Als ich plötzlich die Wärme seiner Finger auf meiner Wange fühlte, dessen Daumen sanft über meinen Wangenknochen strich, während der Rest seiner Finger meinen Nacken streifte, und in mein Haar fuhr.

Ich war wie erstarrt, konnte mich nicht rühren. Er musterte jede Stelle meines Gesichts, als sei es nicht real.

„Du bist Echt“, flüsterte er fassungslos.

Oh Gott …, mein Herz raste ja vorher schon, doch jetzt erreichte es Warp Geschwindigkeit.

„Es ist so schön … dich … spüren zu können. Nicht nur …“, stoppte er wieder.

Ich verlor mich ganz in den blau seiner Augen, vergaß alles um mich herum.

Wo ich war, wann ich war und mit wem ich war. Die zärtliche Berührung seines Daumens hinterließ eine Brandspur auf meiner Haut, die meinen Körper erbeben ließ, und mein innerstes sich drehen ließ wie bei einem Karussell.

„Ann, ich habe dich gehört, … gestern. Nur wegen dir, habe ich nicht aufgegeben“, hauchte er so nah an mir, dass ich seinen warmen Atem spüren konnte.

Was? Ich sog scharf die Luft an, … aber, … er war nicht … bei Bewusstsein, wie konnte er das …? Meine Augen weiteten sich vor Schrecken.

Hatte er dann auch mitbekommen, wie ich ihn geküsst habe? Au … weia, sah ich auf seine Lippen, und fühlte mich schon wieder von ihnen angezogen. Spürte wie sein Daumen ganz sanft über meine Lippen fuhr, und eine aufwühlende Hitze hinterließ.

Das leuchtende blaue seiner Augen hüllte mich vollkommen ein. Ich spürte seinen warmen Atem an meinen Lippen, und wie seine Finger sich in mein Haar krallten, als er mich plötzlich näher an sich zog.

Ich konnte sein Herz spüren, es raste genauso schnell wie meins. Einen kurzen Moment hielt er inne, schwer Atmend, als hätte er Angst, dass ich mich in Luft auflöse.

Wie von selbst fuhren meine Hände über seine kräftige Arme, den nackten Rücken hoch, und streiften zärtlich seinen Nacken. Ich wusste nicht mehr was ich tat, als wäre ich auf Autopilot, Umschlag ihn mit meinen Armen und drückte mich noch enger an ihn.

Keuchend hingen wir an unseren Lippen, bis er ganz langsam, zärtlich meine Unterlippe zwischen seinen umschloss und sie dann schmerzverzerrt losließ. „Du bist … echt“, hauchte er, sah mich noch einmal sehnlich an, und umschlang wieder meine Lippe zwischen den seinen. Doch dies Mal härter, fordernder, als könnte er sich nicht mehr halten. Auch ich ließ alle Vernunft hinter mir, und erwiderte genauso stürmisch seinen leidenschaftlichen Kuss.

Er stöhnte auf, als könnte er sich nicht mehr bremsen.

O-Ooh … Wow! Schmolz ich in seinen Armen dahin. Es fühlte sich wie ein Feuerwerk an, überall um uns herum. Wir verloren jegliches Zeitgefühl, seine Lippen wollten mich nicht gehen lassen, genauso wie meine ihn, sie waren überall!

Seine Arme pressten mich noch enger an sich, fester, … Überall spürte ich seinen warmen, starken Körper … seine nackte Haut …

 

„Ähem! …“, hörten wir ein Räuspern, und fuhren schreckhaft auseinander.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

7

 

 

Kapitel 7

 

Was …, blinzelte ich zerstreut auf.

Edward stand im Zelteingang und blickte amüsiert auf uns runter.

„Ich wollte dich eigentlich fragen, wie du dich fühlst, Brüderchen. Aber wie ich sehe, geht es dir ausgezeichnet!“, lächelte er leicht.

Oh Gott, … erstarrte ich, als ich realisierte, was eben geschehen war.

Verdammt Ann, was hast du getan, schrie mein Verstand mir entgegen. Benommen ließ ich den Blick entsetzt zu Boden fallen, und sah wieder ruckartig auf, zu John.

Das war doch jetzt nicht echt passiert? Hatten wir uns tatsächlich geküsst?

Oh großer Gott, was hatte ich getan?!

Auch John schien es nicht anderes zu gehen. Vollkommen perplex schaute er von seinem Bruder zu mir und versuchte sich das Ganze genauso zu erklären.

„Ähm …“, stammelte er und zog leicht verwirrt die Brauen zusammen.

Okay, … es ging mir also nicht nur alleine so. Aber was zum Teufel war mit uns passiert, fragte ich mich, während sein forschender Blick über mir lag.

Oh Scheiße, hörte ich alle Alarmglocken läuteten, blickte zwischen Edward, dessen Lächeln immer noch nicht weichen wollte, und John, der eher fassungslos aussah, und fühlte mich leicht in Panik versetzt.

Verschwinde hier, rief es in meinem Hinterkopf, worauf ich etwas unbeholfen aufsprang, und mich langsam von den beiden entfernte.

„Ä-äh-m … es freut mich …“

Verdammt, ich hatte das Gefühl, dass mein Herz vor Aufregung gleich aus der Brust springen würde. „... es freut mich, dass es dir … ähm wieder besser geht … J-John. Aber ich muss … ich muss dann mal, … ich muss gehen!“, schoss es aus mir raus, worauf ich blitzartig wendete und aus dem Zelt rannte.

„John, was sollte das?“, hörte ich Edward überrascht auflachen.

„Ich … ich weißt nicht! … Ich verstehe nicht … wie das, … ANN!!“ rief er mir hinterher.

So schnell ich konnte entfernte ich mich von dem Zelt, und lief mit großen Schritten durch das Lager.

„Du bist doch echt bescheuert. Was hast du dir dabei gedacht?“, schimpfte mich selbst. „Verdammt noch mal, der Kerl guckt dir einmal Tief in die Augen, und du schmilzt dahin!“, maßregelte ich mich, während ich zurück zu Edwards Zelt lief.

Was war das bloß? Es hatte sich angefühlt, als … hätte ich keine Kontrolle mehr über mich selbst. Als ob ich etwas gefunden hätte, wonach ich schon seit einer Ewigkeit suchte.

Nein, das war lächerlich, schüttelte ich meinen von Chaos durchfluteten Kopf.

Ich konnte es mir den Vorfall von vorhin, nicht erklären, denn das, was ich empfand, wenn ich mit ihm zusammen war, war nicht Normal, und ich musste dringend etwas dagegen tun. Es musste abgestellt werden, dessen war ich mir bewusst, denn es machte mir eine Heiden Angst.

Die Soldaten schauten mich verwundert an, als ich, verwickelt in meine Selbstgespräche, an ihnen vorbei stampfte.

„Lady Annabelle, ist irgendwas los?“, wollten ein paar wissen. „Geht es Sir John schlechter?“

Oh, ich was mir mehr als sicher, es ging ihm im Augenblick fantastisch!

„Nein, es geht ihm wunderbar!“, bellte ich sauer zurück, und hörte einen von ihnen auflachen.

„Versteh doch einer die Weibsbilder!“, sagte er heiter zu seinem Kameraden.

Ooh, das ist ein Fehler! Wütend ballte ich beide Hände zu Fäusten und drehte mich im Lauf um.

Da ich grade so schön in Fahrt war, Sauer auf mich selbst und den Rest der Welt, kam mir dieser Kommentar nur gelegen, um etwas Dampf abzulassen.

„Ich bin ein Mädchen, eine Frau“, schrie ich in wütend die Richtung. „Oder wie ihr es sagen würdet eine Lady! Verstanden! Aber kein Weib, Weibsbild, oder Ähnliches! Dieses Wort ist eine Beleidigung für alle Frauen! Prägt euch das endlich ein! Vollpfosten!“, hängte ich noch lautstark hinterher und begab mich ins Zelt.

Überspannt lief ich hin und her, stemmte die eine Hand in die Hüften, mit der anderen fuhr ich mir durch die Haare.

Wie konnte ich das nur zulassen? Wie konnte das nur Passieren? Wie konnte ich nur so dumm sein?

Frustriert blieb stehen und schlug mir die Handflächen vors Gesicht. „Du bist doch echt zu blöd, Ann. Das durfte niemals passieren“, sprach ich in meine Handflächen und schüttelte den Kopf.

„Na na, wer wird denn da so Hart mit sich ins Gericht gehen?“, hörte ich auf einmal, sah hoch und erblickte Edward.

Na wer sollte es den sonst sein, rollte ich mit den Augen.

Ich war dermaßen Sauer, dass ich ihn sofort anschnauzte, die Konsequenzen waren mir in diesen Augenblick völlig egal.

„Sag mal, musst du dich andauernd so anschleichen? Kannst du dich nicht bemerkbar machen, wie ein normaler Mensch? Klopfen, oder irgendwas anderes! Es ist beängstigend, wie du auf einmal hinter einen auftauchst!“

„Ersten …“, erwiderte er leicht belustigt, „… ist das wahrscheinlich die Macht der Gewohnheit. Zweitens habe ich mich bemerkbar gemacht, doch ich entschuldige mich, dass ich Euch erneut erschreckt habe. Drittens, normalerweise erlaube ich niemanden so mit mir zu sprechen, aber bei Euch mache ich Mal eine Ausnahme. Und viertens, entschuldige ich mich noch mal, in meinen Namen und in Namen meines Bruders, dass ich vorhin so unpassend hereingeplatzt bin.“

Seufzend ließ ich mich auf dem Schlafsack nieder. Er konnte ja schließlich nichts für meinen Aussetzer, resignierte ich, legte mir die Hände vors Gesicht und atmete tief aus.

„Es tut mir leid, dass ich dich so angeschnauzt habe, aber ich bin so wütend! So verdammt Sauer auf mich! Ich hätte das nicht zu lassen dürfen. Ich bin so dumm, und es war so peinlich“, gab ich verzweifelt zu.

Ich hätte losheulen können, so schlecht fühlte ich mich. Aber ich wollte mich vor ihm, nicht noch mehr Blamieren.

„Macht Euch deswegen keine Vorwürfe“, versuchte er mich zu aufzumuntern. „Meint Ihr, Ihr wärt die erste die den Charme meines Bruders erlegen ist?“

Wie bitte?! Langsam rutschten meine Hände von meinem Gesicht.

„Das ist jetzt, nicht dein Ernst?!“ Jetzt schlug es aber dreizehn! Empört stand auf, und Edward merkte, dass er etwas Falsches gesagt hatte.

„Soll mich das etwa Beruhigen oder eine Entschuldigung dafür sein?“, funkelte ich ihm entgegen. „Für wen hältst du, und dein Bruder, mich eigentlich? Das ist doch alles nicht zu fassen!“, lachte ich exzentrisch auf und schlug mir die Hände über den Kopf. Edward sagte nichts, beobachtete nur.

Außer sich tigerte ich wieder im Zelt hin und her von einer Seite zur anderen.

„Ich sag dir eins, ich hab die Schnauze voll vom Mittelalter. Ich will wieder nach Hause. Hört Ihr?“ schrie ich Richtung Himmel. „Ich hab die Schnauze voll vom Reiten, von Schwertkämpfen und von Euerem Bruder!“, richtete ich aufgebracht an ihn. „Ich will wieder zu meiner Klasse! Mit dem Bus nach Hause fahren. Mich endlich unter die Dusche stellen, und mich in mein gemütliches Bett schmeißen, damit ich endlich, diese ganzen Tage aus meinem Gedächtnis löschen kann!“, schrie ich auf.

„Annabelle“, machte er auf sich aufmerksam.

Erschrocken fuhr ich herum und besann mich wieder.

Scheiße! Was hab ich getan?! Starrte ich ihn entgeistert an.

„Ich wollte Euch nicht so erzürnen. Es ist besser, ich lass Euch einen Augenblick alleine, damit Ihr Euch beruhigen könnt“, erwiderte er, betrachtete mich noch einmal prüfend, und ging zögernd hinaus.

Oh nein … „Du bist doch echt zu blöd!“, schlug ich mir wieder die Hände vors Gesicht. „Es reicht dir nicht, dich vor ihn zu blamieren. Nein! Jetzt hält er dich auch noch für verrückt!“, murmelte ich in meine Handflächen. Setzte mich auf den Schlafsack, schlang meine Arme um mich und fing wieder an zu Heulen.

„Ich will wieder nach Hause“, schluchzte ich wie ein Kleinkind.

 

Eine Weile saß ich regungslos da, und bemitleidete mich selbst.

Es konnte nicht so weiter gehen, schaute ich schließlich hoch und wischte mir meine Tränen ab. Es brachte nichts zu Heulen! Ich durfte hier gar nicht sein, mich durfte es hier gar nicht geben, und daran würde sich nichts ändern, auch … das was geschehen ist.

Ich atmete ein paar Mal tief aus, und sah durch das Zelt, das mir immer enger und enger vorkam.

Mrs. Williams Führung kam mir wieder in den Sinn, und das wenige was ich über John noch behalten hatte.

Er sah tatsächlich Gut aus, unglaublich Gut sogar, das stimmte schon Mal. Und offenbar war wirklich ein Herzensbrecher, was auch stimmte, überlegte ich. Also wenn man alles zusammen zählte, dann war fast alles richtig. Demnach, käme als nächstes, die Heirat mit dem Mädchen von dem Gemälde, erinnerte ich mich und hoffte bloß, dass ich nichts durcheinander gebracht hatte.

Ich musste hier schleunigst verschwinden, meine Einmischung in die Geschichte durfte nicht sein. Es durfte sich durch mein Verschulden nichts ändern.

Aber wie? Wie sollte ich das alleine, ohne Hilfe bewerkstelligen? Das war ein Ding der Unmöglichkeit, das sah ich ein.

Vielleicht würde mir ja Edward helfen, zog ich in Erwägung. Er schien vernünftig zu sein. Ein Versuch war es auf jeden Fall wert.

Entweder würde er mir Helfen, … worauf ich hoffte, oder mich auf einem Scheiterhaufen verbrennen.

Bei dem Gedanken fuhr es mir eiskalt den Rücken runter, aber ich hatte keine andere Wahl, ich durfte nichts unversucht lassen. Allerdings musste ich bei der Auswahl meiner Worte ziemlich vorsichtig sein, und nicht wieder unkontrolliert herum plappern!

Aber nicht jetzt. In meiner derzeitigen Verfassung wäre es keine gute Idee gewesen. Besonders nach dem, wie ich mich vorhin zum Affen gemacht hatte. Er hielt mich wahrscheinlich für Irre oder labil, oder noch schlimmer, für beides! Ich musste mich zuerst abreagieren. Doch was sollte ich hier im Wald, unter all den Rittern schon unternehmen.

Ein Sandsack gab es nicht, und Joggen war auch nicht drin. Schon gar nicht in diesem Monstrum von Kleid, und wie blöd erst die anderen erst gucken würden, daran wollte ich überhaupt nicht denken.

Egal, ich musste raus, ich fühlte mich hier drin wie gefangen. Es würde mir bestimmt schon etwas einfallen, wenn ich erst mal draußen war.

Ich stieg aus dem Zelt und ging an den Männern vorbei. Sie guckten mich nicht an, und wenn doch, dann verhielten sie sich freundlich.

„Milady“, begrüßten und nickten mir einige zu, was ich gleichermaßen erwiderte.

Mit Energie geladenen Schritten, lief vorbei an den Zelten in den Wald hinein. Hier könnte ich mich, bestimmt ungestört auspowern, dachte ich. Hob einen dünnen Ast auf, den ich im gehen zornig Stück für Stück zerbrach, als ich auf ein mal von irgendwo, dumpfe Schlänge hörte.

Wer war hier draußen, fragte ich mich. Behutsam lenkte ich mich und um die Bäume und das Gestrüpp, während das Geräusch immer lauter wurde, gefolgt vom anstrengenden Luft ausstoßen. Jemand schien sich hier draußen richtig zu verausgaben, hatte ich das Gefühl und trat Neugierig hinter dem letzten Baum hervor.

Jeffrey? Verdattert blieb ich stehen und sah ihm zu, beim so was wie… Holzhacken? Mit dem Schwert?!

Was macht er hier? Beobachtete ich verwundert, wie er konzentriert die Klinge im Baum versenkte, und das immer und immer wieder.

„Hey, was wird das wenn es fertig ist?“, sah ich ihn fragend an.

Er blickte hoch, völlig außer Atem und ganz verschwitzt. „Annabelle? Was macht Ihr hier?“, fragte er überrascht mich zu sehen und wischte sich mit dem Oberarm seine nassen Locken aus der Stirn.

„Nichts. Ich musste mich nur nach dem Besuch bei dem Löwen etwas Abreagieren. Aber was tust du hier?“

„Ich trainiere und hacke gleichzeitig Holz, für heute Abend. Wieso? Ist irgendetwas bei John passiert?“

Ich überhörte die letzte Frage. „Was ist denn heute Abend?“, fragte ich.

Er musterte mich, hatte wohl gemerkt, dass ich der Frage ausgewichen bin.

„Wir feiern heute ein wenig.“

Ich sah das Holz und sein Schwert, und mir kam eine Idee.

„Annabelle, was ist denn …“

„Hey Jeff, kannst du mir beibringen, wie man mit diesem Ding umgeht?“, unterbrach ich ihn.

Und außerdem würde es mir vielleicht noch irgendwann mal von nutzen sein, dachte ich praktisch darüber nach.

„Wie bitte?“, zog er skeptisch die Stirn in Falten.

„Na, kannst du mir zeigen, wie man mit dem Schwert umgeht.“

Zeigte ich auf die riesige scharfe Klinge.

„Aber Ihr seid eine Lady …“, wirkte er etwas verwundert.

„Na und! Soll das heißen, dass nur Männer ein Schwert rum schwingen dürfen?“, entgegnete ich patzig.

„Nein, … das natürlich nicht, aber ich kenne keine, die sich dafür interessiert!“, sagte er zögernd und sah mich verblüfft an.

„Zeigst du es mir oder nicht?!“, fragte ich abwartend.

„Ja … natürlich. Wenn Ihr darauf besteht.“

Ich ging auf ihn zu und nahm ihm das Schwert ab.

„Wow, das Ding ist aber schwer!“, stellte ich fest. „Wie kannst du es bloß so lange durch die Gegend schwingen?“

„Alles Reine Übung, - und Trainingssache“, lachte er auf, als er dabei zu sah, wie ich versuchte, es hochzuheben.

„Halloo, nicht Lachen! Du sollst mich Trainieren!“, wies ich ihm darauf hin.

„Ja, schon gut, also los“, begann er und nahm mir das Schwert wieder ab.

„Also Ihr stellt ein Fuß nach hinten, um besseren Halt zu bekommen. So ungefähr. Das Schwert haltet Ihr ungefähr hier in Brustbereich. Dann ausholen und den Baum treffen, verstanden?“

Er stellte sich in die Stellung und zeigte es mir vor. Ich nickte und nahm ihm wieder die Waffe ab.

„In Ordnung, jetzt Ihr“, sagte er vergnügt grinsend.

„Lass das“, wies ich ihn auf sein Grinsen hin, woraufhin er sich bemühte ernst, zu bleiben. Dennoch zuckten seine Mundwinkel, was mir nicht entging.

Was war denn daran so komisch? Ich ja wohl nicht die Einzige, die es mal ausprobieren wollte, verdrehte ich über seine Belustigung die Augen.

Ich stellte mich in Stellung, platzierte den linken Fuß nach hinten, hob das Schwert angestrengt hoch, holte nach rechts aus und schwang es in den Baum.

„Nicht schlecht!“, gab er überrascht von sich. „Aber Ihr steht noch nicht ganz richtig. Ihr müsst, das Gewicht mehr auf das hintere Bein verlagern, dann haut es Euch nicht so schnell von den Beinen.“

„So ungefähr?“ Platzierte mich wieder, holte aus und schlug die Klinge wieder in den Baum.

„Ja, schon viel besser! Jetzt fehlt nur noch die nötige Kraft.“

Er stellte sich hinter mich und griff um meine Arme. Seine Handflächen lagen um meine, die den Griff des Schwertes umschlossen.

„So, und jetzt mit voller Kraft ausholen und …“, sagte er an meiner Wange, worauf ich aber nicht so genau achtete, denn ich konzentrierte mich auf das Schwert und den Baum.

Zusammen holten schwungvoll aus, und versengten es tief im Baum. „Treffer!!!“, lachten wir beide laut auf.

„Ihr seid ja ein Naturtalent! Alle Achtung“, meinte er mir zugetan.

„Na du bist als Lehrer, auch nicht so übel“, erwiderte ich lächelnd über die Schulter.

Er schmunzelte und wirkte auf einmal Verlegen. Schaute etwas verkrampft zur Seite, und ging abrupt ein paar Schritte zurück.

„Entschuldigt!“, sagte er und fuhr sich schnell in den Nacken. „Ich … ähm … denke, das ist jetzt genug Holz.“ Sah sich um. „Habt Ihr lust, mir dabei zu helfen es ins Lager, zu tragen?“, blickte er etwas unsicher hoch.

„Ja, aber klar, packen wie es an,“ erwiderte ich ohne seine Beklommenheit, zu bemerken.

Ich hatte auf ein Mal wieder gute Laune, dass er etwas verkrampft dreinschaute entging mir in meiner Unbeschwertheit.

Wir sammelten die Holzstücke und Äste ein und gingen vollgepackt zurück ins Lager. Ich fühlte mich wohl in seiner Nahe. Er wurde allmählich zu einem guten Freund.

„Annabelle, warum wollt Ihr mir nicht erzählen, was Euch vorhin so aufgebracht hat?“, fragte er dann schließlich.

„Es war nichts! Vergiss es!“, antwortete ich kleinlaut. Am liebsten würde ich vergessen, was allerdings nicht ging. Also nahm ich mir vor nicht mehr darüber nachzudenken. Je weniger ich das tat, desto besser war es, dachte ich im Stillen.

„Aber es sah nicht, nach einem Nichts aus.“

Wir kamen an die Feuerstelle und legten das Holz ab.

„Jeff, vergiss es. Mir geht es Wunderbar, wie schon seit langem nicht mehr. Können wir es nicht darauf belassen!“ Strahle ich. „Außerdem, …“ Sah ich mich im Lager um. „ … was kannst du mir noch beibringen, was bei euch so üblich ist?“

Ich war so frei und sorglos, dieses Gefühl hatte ich vermisst.

Ob es wohl am ihm lagt? Schaute ich zu ihm, und erblickte über seiner Schulter, die angebundenen Pferde.

„Ich weiß! Zeig mir wie man reitet!“

Ich nahm ihn an der Hand und zog ihn in Richtung der Pferde.

„Ihr wisst nicht wie man reitet?“, fragte er verwundert, als ich ihn hinter mir her schleifte.

„Ähm …“, rief ich mir wieder in Erinnerung vorsichtig zu sein. „Nein, mein Vater hatte Angst, dass ich vom Pferd falle, also hat er es mir nicht erlaubt.“ Nicht schlecht lobte ich mich für meinen Einfallsreichtum.

„Ach ja?“, zog er skeptisch die Augenbrauen zusammen.

„Ja“, lachte ich auf. „Und jetzt komm schon.“

 

Wir kamen bei den Pferden an, und ich fühlte mich schon ganz zappelig.

Er sattelte eins der Pferde und erklärte mir alles, Schritt für Schritt.

„So, jetzt rauf mit Euch“, sagte er und hielt das Pferd an den Riemen fest. Ich hob mein Rock hoch, stellte einen Fuß in den Steigbügel und schwang das andere übers Pferd.

Er ist fast im Lachenanfall ausgebrochen. „Aber Annabelle, so reitet doch keine Lady!“

„Was den? Du reitest auch so. Im Übrigen kenne ich das nicht anders!“, murrte ich beleidigt.

„Aber so reiten nur Männer. Frauen haben beide Beine auf einer Seite des Pferdes“, schmunzelte er.

„Bei uns reiten Frauen auch so. Und jetzt quatsch nicht so viel, zeig mit lieber, wie man es in Bewegung setzt.“

Er schüttelte kurz amüsiert den Kopf. „Also gut. Sitzt gerade und haltet die Zügel straff. So jetzt den Gaul sanft mit den Hacken antippen, …“

Ich machte alles so, wie er es mir sagte, und das Pferd lief langsam los. „… und losgeht’s“, sagte er.

Er hielt das Pferd vorne an den Riemen und führte mich durch das Lager.

„Ihr müsst Euch festhalten, und das Gleichgewicht gut verlagern“, erklärte er.

„Gut so?“, fragte ich strahlend.

„Ja, Ihr macht es wunderbar“, lächelte er zurück.

Ich reite!!! Grinste ich über beide Ohren. Wer hätte das gedacht!

Die anderen Männer sahen uns vergnügt bei meiner Reitstunde zu. Dieser Tag würde vielleicht doch noch besser werden, als ich dachte.

Es war alles um so vieles einfach mit Jeffrey, er war so anderes als John. Mit ihm konnte ich richtig loslassen und Spaß haben.

„Was tut Ihr da?“, fragte eine erheiterte Stimme neben uns.

Lachend drehte ich mich um, und erblickte John, was mein Lachen durch ein entsetztes Starren ersetzte.

„Ach John, du bist schon auf“, bemerkte, Jeff gut gelaunt. „Hat Wesley dir nicht Bettruhe verordnet?“

„Ja, schon. Aber ich hab’s nicht mehr ausgehalten. Was macht Ihr hier?“, grinste er uns beide neugierig an.

Bei seinem Anblick verschlug es mir den Atem, wobei mein Herz wieder anfing zu flattern.

„Jeff … bring mir nur … das Reiten … bei“, stammelte ich verkrampft.

„Ach ja?“, zog er schmunzelnd die Brauen hoch. „Tut- Jeff - Das?!“, fragte er vergnügt.

Arroganter Schmierfink! Musste er mich immer so auf die Palme bringen?!.

„Und sie macht das hervorragend. Du hättest sie vorhin mit dem Schwert sehen sollen. Sie ist ein Naturtalent“, erzählte, Jeff

John ließ seinen verblüfften Blick über mich gleiten … „Ich merke schon. Ihr habt eine Menge verborgene Talente, Milady“, grinste er heiter.

Jetzt reicht’s! „So, genug für heute“, knurrte ich zähneknirschend. „Wie kommen von diesem Ding wieder runter?“

„Ihr müsst Euer Bein langsam wieder zurückschwingen. Und vorsichtig absteigen, verheddert Euch nicht mit Eurem Kleid“, erklärte John, und sah mir mit einem amüsierten lächeln zu.

„Danke!“, fauchte ich zurück.

Ich versteh gar nicht, was ich an dem finden konnte! So arrogant, wie der war! Aber die Frauen hier schienen wohl auf solche aufgeblasene Kotzbrocken zu stehen, sonst würde er nicht so sehr von sich überzeugt sein!

Grimmig sah ich zur Seite, stellte mich vorsichtig auf und schob das Bein langsam zurück über das Pferd, doch als ob er es geahnt hätte, verfing sich mein Kleid doch im Steigbügel, und ich fiel direkt in Jeffs Arme.

John beobachtete uns genau, als Jeff mich auffing.

„Noch mal gut gegangen, was?“, lächelte Jeffrey mich sanftmütig an, was ich mit einem dankbaren Nicken erwiderte.

„Ann geht es Euch gut?“, fragte John und kam mit einem verärgerten Blick, der seinem Cousin galt, ums Pferd. Natürlich entging uns die leichte Zornesfalte auf seiner Stirn nicht, doch ich sowie Jeffrey ließen uns nichts anmerken.

Okay, irgendwie musste ich die Situation entschärfen, denn John sah nicht gerade glücklich aus.

„Ups“, sagte ich und biss mir auf die Lippe. „Das Absteigen muss ich wohl noch etwas üben“, lächelte ich die beiden entschuldigend. Es schien zu funktionieren, und zwar ein bisschen zu gut, denn sie brachen beide in lautes schallendes Lachen aus.

Jeffrey stelle mich wieder auf die Beine und lachte weiter.

„Also so witzig fand ich das jetzt auch nicht!“, murrte ich etwas beleidigt, musste dann aber selber auch lachen.

„Gut Annabelle, das reicht für heute mit dem Reitunterricht. Ich bringe das Pferd dann mal wieder zurück“, sagte Jeffrey und nahm es an den Zügeln.

„Milady“, nickte er. „Dann sehen wir uns heute Abend beim Fest?“, richtete er an mich und grinste seinen Cousin währenddessen an.

„Ähm, ich weiß noch nicht“, erwiderte ich mit einem unsicheren Blick zu John, der mich schmunzelnd musterte.

Jeffrey führte das Pferd zu den anderen. Ich stand nur unbeholfen da und versuchte, John nicht anzusehen.

Was stehst du hier noch doof herum? Los verschwinde! Wies mein Verstand mich an, was ich eigentlich auch vorhatte.

„Ann, ich muss mit Euch reden“, stoppte mich John.

Verdammt! Ich drehte mich langsam um, und sah ihn abschätzend an. Er schaute von unten mit hochgezogenen Augenbrauen auf, und sah dabei irgendwie Verlegen aus.

Denkt er wirklich er, kann mich mit seinem Hundeblick wieder einwickeln, betrachtete ich ihn, als ich merkte, wie die Warp Geschwindigkeit wieder initiiert wurde. … Ja, verdammt konnte er, wegsehen, schnell weg sehen! Wies ich mich sofort an und schaute auf den Boden. Gott, das durfte doch nicht wahr sein!

„Ähm, … das, was heute Morgen geschehen ist …“, fing er an.

„John, es gibt nichts zu bereden. Es ist nichts passiert!“, versuchte ich ihn gelassen anzusehen. Wem wollte ich hier eigentlich etwas vormachen? Ihn oder mir? Schluckte ich schwer.

„Ann …“, wollte er etwas einwerfen, doch ich ließ ihn nicht. Je weniger er sagte desto besser.

„Und außerdem, Edward hat mir schon deine Entschuldigung überbracht!“, erklärte ich, und zwang meine Augen durch das Lager gleiten.

Du kannst überall hinsehen, bloß nicht zu ihm, auf keinen Fall zu ihm …

„Er hat was? ...“, wirkte er überrascht.

„John, Jeff kommt her, wir haben etwas zu besprechen.“

Edward unterbrach ihn, was ihm sichtlich nicht passte, den er schaute ziemlich verärgert zu seinem Bruder und blickte dann wieder zu mir.

„Ann, ich muss mich für gar nichts entschuldigen!“

Ja aber natürlich nicht! Mr. Selbstbewusstsein in Person hat so etwas nicht nötig. War ja wohl klar, rollte ich innerlich mit den Augen.

„Alles was ich gesagt und getan habe, war mein voller Ernst … na ja irgendwie …“ Schaute kurz zur Seite. „Und ich stehe dazu, auch wenn ich nicht ganz begreife …“ Stockte er nachdenklich „… Ann, ich denke wirklich, dass wir uns unterhalten müssen …“, blickte er wider auf.

„John!!!“, schrie Edward wütend.

„Geh schon, scheint wichtig zu sein“, bemerkte ich, ohne weiter auf seine Bitte einzugehen.

Er betrachtete mich kurz. „Wir sprechen nachher weiter, einverstanden?“, fragte er nickend, und ging zu seinem Bruder, wo Jeffrey schon auf ihn wartete.

„Das denke ich nicht!“, flüsterte ich beim Ausatmen.

Ich beobachtete wie die Drei, sich angeregt unterhielten. War irgendetwas passiert?

Edwards Gesicht war angespannt. Er ließ seinen Blick über das Lager schweifen, während er alle ins Zelt einsteigen ließ, und schloss den Vorhang hinter sich!

Ich war neugierig, also lief unbemerkt zu dem Zelt, versteckte mich dahinter, und belauschte sie.

Sie waren nicht alleine. Ich erkannte Riley, und noch einen, den ich aber nicht zuordnen konnte.

„Sire, Gerard und seine Männer haben sich etwas fünf Meilen vor Windsor postiert“, informierte Riley noch ganz außer Atem.

„Wie konnten sie so weit unbemerkt vordringen?“, hörte ich Jeff fragen.

„Verdammt!“ erklang ein Knurren, was eindeutig John gehörte. „Ich hätte ihm den Gnadenstich, versetzen sollten.“

„Beruhige dich, du hättest ja nicht ahnen können, dass er diesen Treffer überlebt“, beschwichtigte Edward.

„Wie viele sind es, Will?“, erkundigte sich Jeffrey.

„Etwa hundert Mann!“, berichtete der andere, den ich nicht kannte. „Ist anscheinend der Rest, der noch übrig geblieben ist, Sire.“

„Sie werden nicht so schnell aufgeben. Gerards Begierde nach Rache ist enorm“, stellte Edward trocken fest.

„Ja, er wird nicht kapitulieren. Wenn Gerard sich in etwas verbissen hat, zerrt er daran bis zum blutigen Ende!“, zischte nun Johns zwischen. „Wir müssen so schnell wie möglich nach Hause, und ein Trupp zusammenstellen. Dieser Krieg zieht sich schon viel zu lange hin!“, fügte er energisch hinzu.

Krieg? Runzelte ich die Stirn. Wovon redete er? Was denn für ein Krieg, überlegte ich, und versuchte mich an die Erzählungen von Mrs Williams zu erinnern.

Oh nein! Fiel es mich wieder ein.

Der Hundertjährige Krieg! Von …13 hundert …. 35, oder 37, ja 37 bis 1453. … Oh Gott, … hielt ich für ein Moment innen, als ich begriff, was das bedeutete. Verdammt, wo war ich hier gelandet!

„John reg dich nicht auf. Er wartet dort auf uns, bis wir ankommen. Er will Rache, eher wird er nicht angreifen. Also beruhige dich, und lass uns heute noch ausgelassen Feiern. Die Männer brauchen die Ablenkung, nach den letzten Wochen“, richtete Jeff an seinen Cousin.

„Ja, … du hast ja Recht. Dennoch müssen wir wachsam sein!“, erwiderte John aufgewühlt. „Gegen diesen Franz Mann brauchen wir eine besondere Strategie.“ Blitzte Zorn in seiner Stimme auf.

„Und diese werden wir uns auch einfallen lassen, aber nicht heute“, versuchte, Jeffrey ihn zu besänftigen.

„Jeff hat Recht, wir brauchen diese kleine Ablenkung, und du musst dich noch schonen“, erklärte Edward seinen Bruder. „Also gut. Riley, William, ihr beide seid bestimmt an verhungern. Geht, holt euch was zu Essen und ruht euch aus“, befahl Edward den beiden Männern.

„Ja, Sire!“

„Kommt, ich begleite euch. Ich hab da noch ein paar fragen!“, sagte Jeff an die Beiden Boten gewandt.

Ich zog schnell meinen Kopf ein, als die drei das Zelt Richtung Feuerstelle verließen, und hörte wieder John, der seiner Stimme nach zu Urteilen, ziemlich Wütend war.

„Du weißt, dass er meinetwegen hier ist!“, sagte er. „Er hat seine Niederlage nicht verkraftet, und jetzt ist er auf Rache aus. Das könnte ein Blutbad geben, Edward!“, bemerkte er bitter.

„Mach dir keine Sorgen. Wir konnte ihn ein Mal besiegen, und wir schaffen das noch ein weiteres mal.“

John schwieg.

„John, wir müssen uns noch wegen etwas anderen unterhalten …“, begann Edward wieder.

„Edward nicht jetzt!“, erwiderte Joh hörbar nicht in Stimmung.

„Doch Bruder, jetzt! Hast du dir schon Gedanken über das Mädchen gemacht? Wie lange willst du sie noch im Unklaren lassen? John, was heute Morgen passiert ist, ist nicht akzeptabel!“

„Ach ja?!“, erwiderte er bissig. „Weswegen ich dir auch außerordentlich dankbar bin, dass du dir die Freiheit genommen hast, dich für mich zu entschuldigen!“, sagte John, wartete einen Moment. „Meinst du, dass ich das nicht selber fertigbringe, oder was hast du dir dabei gedacht?!“

„Das war nicht so geplant, glaub mir. Aber, als ich gesehen habe, wie außer sich sie war, bin ich ihr gefolgt. Na ja, … eins kam zum anderen, und ich dachte, es könnte nicht schaden.“ Edward machte eine Pause. „Trotz alledem, durfte das nicht passieren John.“

„Das Weiß ich, und … ich weiß auch nicht, wie dass passieren ist.“

„Was heißt das?“, fragte Edward verwirrt.

„Es schien fast, … mein Körper! … Er verselbständigte sich. Edward, so etwas habe ich noch nie gefühlt. Solch eine unerklärliche Anziehungskraft, das war …“

Oh Gott, … ihm ging es tatsächlich so wie mir …

Edward lachte auf. „Weißt du John, nimm es mir nicht übel. Aber diese unerklärliche Anziehungskraft hattest du bisher in jedem Gasthaus, an dem wir vorbei geritten sind!“

„Willst du mir jetzt etwa eine Standpauke, hallten?!“, erwiderte, John scharf. „Du sprichst schon wie Vater.“

„Und was hast du jetzt vor?“, fragte, Edward schwermütig.

John schwieg.

„Was willst du Vater erzählen, wenn wir mit ihr im Schloss angekommen sind?“ fügte Edward hinzu, als John nicht antwortete.

„Ich werde mir schon etwas einfallen lassen“, sagte er schließlich.

„John, das geht nicht. Du kannst sie nicht wie dein Eigentum behandeln. Und außerdem stimmt mit ihr irgendwas nicht. Du hättest sie heute Morgen sehen sollen, sie war völlig außer sich und hat wirres Zeug geredet.“

Hab ich es doch geahnt, er hält mich für Irre, rollte ich sauer mit den Augen.

„Außerdem ist sie vorlaut, frech, und ihre ganze Art … ich weiß nicht … es scheint fast, als wenn …“

„… sie nicht von dieser Welt wäre?“, beendete John den Satz. „Edward, das weiß ich alles. Und ich kann dich auch verstehen, aber ich kann nichts dagegen machen. Nicht in ihrer Nähe zu sein, ist die Hölle für mich.“ Er atmete tief aus. „Selbst jetzt, … zieht es mich zu ihr hin. Ich kann es dir nicht erklären, aber auch wenn ich es könnte, bin ich mir nicht sicher, ob du es verstehen würdest.“

„John, das …“

„Edward, es scheint fast so, als wären sie ein Teil von mir. Verstehst du! Ein Teil, von dem ich nicht glaubte, dass er existiert ist. Aber sie ist Real Edward, ich hab sie spüren können. Und ich lass sie mir nicht wegnehmen, egal was du sagst“, fugte er energisch hinzu. „Dafür habe ich zu lange auf sie gewartet!“

„John du redest Unsinn!“, entgegnete Edward.

„Nein!“ lachte John auf. „Mutters Prophezeiungen werden war, das musst du zugeben.“

„John das ist absurd. Nur irgendein alter Aberglaube. Du kannst es doch nicht für wahrlich Ernst nehmen. Du solltest versuchen Abstand zu ihr zu gewinnen, sonst verlierst du noch deinen Verstand.“

„Mach dir um meinen Verstand keine Gedanken, der ist in allerbester Verfassung. Wenn du dir Sorgen um Gerard machst, dann kann ich dich beruhigen“, sagte er bitter. „Ich werde ihn vernichten!“

Leise entfernte ich mich von dem Zelt. Ich hatte genug gehört. Das, was er sagte, war zu verstörend, denn das spiegelte das wieder, was ich empfand.

 

Gedankenverloren lief ich durch das Lager. Nachdem zu Urteilen was ich gerade gehört hatte, befand ich mich mitten im Hundertjährigen Krieg! Was das Ganze nicht einfacher machte.

Und dazu kamen diese … merkwürdigen Gefühle, die anscheinend auf Gegenseitigkeit beruhten.

Es ging nicht nur mir so! Die Sache verschlimmerte sich, nicht nur aus meiner Sicht, sondern auch aus seiner. Was mein Verstand auf Alarmstufe rot schalten ließ.

Konnte es wirklich sein, dass er, das Gleiche empfand wie ich? Er hat dasselbe ausgesprochen, was ich fühle, überlegte ich nüchtern, während ich immer tiefer in den Wald lief.

Nein, nein, das war Unsinn und ändert absolut rein gar nichts!

Angestrengt blickte ich über den Boden, ich musste allein sein, um über alles Nachdenken zu können und meine Gedanken zu ordnen. Es fühlte sich alles so verworren an, in meinem Kopf.

Gedankenverloren lief ich durch den Wald, um eine klare Sicht auf die Dinge zubekommen, denn in seiner Nähe gelang es mir nur schwer.

All meine Empfindungen spielten verrückt, wenn ich in seiner Nähe war, das konnte ich nicht abstreiten.

Denn auch ich hatte dieses unerklärliche Verlangen, in seiner Nähe zu sein. Aber ich versuchte wenigsten mich gegen diese Gefühle zu Wehren. Geistesabwesend lief ich durch den Wald am Rand des Lagers entlang. Vor lauter Grübeln rauchte mir bereits der Schädel. Ich musste meine Gedanken wieder Ordnen, einen Plan schmieden, wie ich es anstellen sollte hier zu verschwinden. Ich musste ein Weg finden mit Edward zu sprechen, ihm meine Situation zu erklären, und darauf hoffen, dass er mir hilft.

„Lady Annabelle!“

Eine tiefe Stimme hinter mir ließ mich zusammenzucken. Erschrocken wirbelte ich herum und erkannte … „Edward!“ Rollte genervt ich mit den Augen.

Wenn man vom Teufel sprach, schon wieder angeschlichen!

Man, der lernt es nie!

„Ich bitte um Verzeihung, ich habe es schon wieder getan!“, entschuldigte er sich.

„Schon gut, langsam gewohnt ich mich daran“, sagte ich und sah deprimiert durch den Wald.

„Was macht Ihr hier?“, fragte er.

„Ich musste kurz mal raus, … zum … nachdenken. Und was machst du hier?“

„Ich muss gestehen, ich bin Euch gefolgt“, gab er reumütig zu.

Wieso das?

„Ich muss mit Euch reden“, sagte er.

„Ja, muss ich mit dir auch“, gestand ich. „Edward, du musst mich gehen lassen. Ich muss wieder nach Hause!“

Er schaute mich zweifelnd an. „Das kann ich nicht.“

„Was? Was heißt, du kannst nicht. Natürlich kannst du! Ich weiß, dass du es kannst. Ich hab dich gehört, und ich weiß, dass du genauso willst, dass ich verschwinde. Edward, ich muss hier weg“, bettelte ich. „Mach es mir doch nicht so schwer!“

„Lauschen Lady Annabelle, ist eine schlechte Angewohnheit“, sah er mich stirnrunzelnd an.

„Spar dir deinen Moral Predigt!“, entgegnete ich Sauer.

Mit langsamen Schritten kam er näher. „Das kommt mir doch alles ziemlich seltsam vor. Warum wollt ihr unbedingt weg? Ihr wolltet doch so dringend nach Windsor. Also warum … wegen John?“, betrachtete er mich durchblickend.

So wie er mich beäugte, hatte ich das üble Gefühl ein offenes Buch für ihn, zu sein.

„Ihr fühlt dasselbe wie er, hab ich recht?“ Verengte er misstrauisch seine Augen.

„Was? Nein! Ich habe keine Ahnung, wovon du redest!“, rief ich empört aus. Man, ich war tatsächlich ein offenes Buch für ihn! Der Kerl hatte so etwas wie den sechsten Sinn!

„Annabelle, ich habe Eure Ausflüchte langsam satt. Ich möchte die Wahrheit von Euch hören. Wer seid Ihr, und wo kommt Ihr her. Ihr seid keine Mittelständische und keine Adlige. Eure ganze Art, so wie Ihr redet und wie Ihr handelt, ergibt keinen Sinn. Aus dem Bauernvolk seid Ihr auch nicht. Es scheint manchmal, als ob ihr nicht von dieser Welt wärt!“, redete er auf mich ein, und kam stetig näher.

Man war der gut! Zitterte mein innerstes alarmiert. Das war ja hier wie bei Mentalist!

„Das kann ich nicht!“, versicherte ich ihm innerlich bebend.

Edward verschränkte die Arme vor der Brust und starrte mich ungeduldig an.

Verdammt, wie machte er das bloß? Er durchschaute mich, wie ein wie ein Röntgenapparat.

„Was heißt das, ihr könnt das nicht?“, schürzte er die Augen, und blieb einen halben Meter vor mir stehen.

„Ich meine, du wirst es mir nicht glauben! Du wirst mich für verrückt halten, oder für noch etwas Schlimmeres!“, sagte ich. „Edward, bitte lass es gut sein. Las mich gehen!“

„Annabelle, ich bin nicht mein Bruder. Mich könnt ihr nicht so leicht an der Nase herumführen!“

Ich blicke in seine Augen und sah, dass er nicht nachgeben würde. Zorn und Misstrauen spiegelten sich in ihnen wieder.

Wenn ich es ihm erzählen würde … was würde er dann tun? Wie würde er reagieren, überlegte ich.

Allerdings, hatte ich auch nicht mehr die Kraft, es alleine durchzustehen. Entweder würde ich jetzt meine Karten auf den Tisch legen, und hofften, dass er es gut aufnimmt, oder ich müsste weiterhin versuchen alleine damit klarzukommen, … in diesem barbarischen Zeitalter, schluckte ich ängstlich.

Ich blickte auf den Boden, legte mir eine Hand auf die Stirn und hoffte nur, dass er mich nicht gleich an einen Pfahl binden und verbrennen würde!

„Edward, verspreche mir, dass das, was ich dir erzähle, unter uns bleibt!“, bat ich, und sah ihn abwartend an.

„Das kann ich erst Entscheiden, wenn ich weiß, worum es sich handelt.“

Ich flehte in mit meinem Blick praktisch an.

„In Ordnung!“ gab er schließlich nach.

„Oh man …“ Guckte ich nervös durch die Bäume. „… wie soll ich bloß Anfangen?“, flüsterte ich und legte mir wieder angespannt wieder die Hand auf die Stirn.

„Annabelle, raus mit der Sprache!“

„Du wirst mich für durchgeknallt halten!“

„Wenn ich wüsste, was das heißt, bestimmt“, sah er mich ungeduldig an.

„Weißt du, das mit der anderen Welt … ist gar nicht mal so verkehrt!“

Blickte ich in sein misstrauisches Gesicht.

Wie hätte ich anfangen sollen? Weißt du ich komme aus der Zukunft, klang irgendwie abgedroschen! Obwohl, … für ihn wahrscheinlich nicht.

Wie gehetzt lief ich hin und her.

Also los, mach’s kurz und schmerzlos, zieh es nicht weiter in die Länge, stupste mich mein Unterbewusstsein.

„Annabelle, zieht es nicht weiter in die Länge!“, sagte er ungeduldig.

Ich starrte ihn an. Verdammt konnte er Gedanken lesen? Schluckte ich, setzte alles auf eine Karte und legte los.

„Mein Name ist Annabelle Mitchell und ich komme aus dem 21. Jahrhundert!“ Verdammt, ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas je sagen würde.

Seine Augenbrauen zogen sich ungläubig in die Höhe.

„Aus der Zukunft! Verstehst du das?“, verdeutlichte ich es noch mal.

Sein Gesicht versteinerte sich, lies seinen Gefühlszustand nicht erkennen.

„Siehst du, ich hab’s dir gesagt, du wirst es mir nicht glauben! Aber das ist die Wahrheit!“

Er glaubte mir nicht. Ich fühlte mich so niedergeschlagen! Oh, ich würde es ja selbst nicht glauben, wenn mir jemand so etwas erzählen würde!

Er wirkte gefasst, etwas verblüfft aber gefasst, und ein wenig durcheinander.

„Du wirst mich doch jetzt nicht wie eine Hexe verbrennen, oder?“, blickte ich ihn ängstlich an.

Er legte sein Kopf schief, musterte mich nachdenklich und lächelte. Sagte aber immer noch nichts.

„Siehst du, du hältst mich für Irre!“ Das war der Beweis.

Edward fing an, aus vollem Hals anzulachen.

„Also so witzig, fand ich das jetzt auch nicht!“, bemerkte ich beleidigt.

„Verzeiht mir bitte! Aber ich habe mir schon sonst was ausgemalt, und Ihr kommt mit so was an?“, grinste er.

„Soll also heißen, du glaubst mir nicht?“, sah ich ihn fragend an.

„Annabelle, was glaub Ihr den?“, schmunzelte er. „Denkt Euch lieber schnell etwas Glaubhafteres aus.“

„Heißt also NEIN?“

„Natürlich nicht. Nicht ohne jegliche Beweise“, grinste er immer noch.

Mein Gesicht verzog sich zu einem leichten Grinsen, was wiederum Seins verschwinden ließ.

Er brauchte Beweise, die konnte er haben!

„Okay komm mit!“, sagte ich selbstsicher.

Jetzt war er verwirrt. Ich war schon gespannt, auf das Gesicht, dass er machen würde, wenn ich meinen MP3 Player auspackten würde, und ging an ihm grinsend vorbei, in Richtung des Lagers.

Er folgte mir unsicher. „Wo wollt Ihr hin?“, fragte er.

„Komm mit! Du wolltest Beweise, die kannst du haben!“

„Annabelle, Ihr braucht dieses Theater nicht weiter, zu spielen. Sagt mir einfach die Wahrheit!“

„Hör auf zu quatschen, und komm mit!“

Wir gingen in sein Zelt, da wo ich die letzte Nacht geschlafen hatte. Während ich meine Tasche raus kramte, sah er mir misstrauisch zu, sagte aber nichts.

Ich nahm sie und zeigte sie ihm. Na?!

Er sah mich kritisch an, fast belustigt. „Das ist eine Tasche, Annabelle! Zugegeben eine etwas seltsame, aber die Mode ändert sich ja ständig.“

Ich rollte mit den Augen. „Okay, immer noch nicht überzeugt! Wie wär’s dann mit den Inhalt.“

Er verschränkte abwartend seine Arme. Ich öffnete sie, und holte alles raus. Es war nicht viel drin, ein Block, ein Kuli. Meine Bonbons, die Kaugummis, und eine kleine Wasserflasche.

Doch bei jedem Gegenstand den ich rausholte, verengten sich seine Augen mehr und mehr.

„Also das wird dich am meisten Überzeugen.“

Ich nahm mein Handy und meinen Mp3 Player in die Hand und zeigte es ihm.

„Also, das ist mein Handy. Ein Telefon. Sagt dir bestimmt nichts.“

Er erwiderte nichts, sah mich nur fragend an.

„Also, man kann damit Telefonieren. Mit anderen Menschen reden, die ganz weit entfernt sind. Aber das Ding hat irgendwie den Geist aufgegeben. Obwohl es voll aufgeladen war. Würde mir hier allerdings auch nichts nützen. Schätze, ohne Satelliten im Weltall, funktioniert es nicht, und das dauert noch ein paar hundert Jahre.“

Ich schaute ihn abwartend an, doch als er immer noch nichts sagte, machte ich mit der Vorführung weiter.

„Okay, weiter geht’s“, sagte ich und nahm meinen MP3 Player.

Ich drückte den –AN-Knopf, und bettete das wenigstens er noch funktionierten würde.

„Bitte, bitte geh an. … Ja!!! Er läuft. Die Batterie ist noch fast voll!“, rief ich freudig aus und Edward strahlte an.

„Was ist das?“, runzelte er die Stirn.

„Das ist mein MP3 Player“, rasselte ich aufgeregt runter. „… der kann Musik wiedergeben. Es ist elektronisch, sagt dir auch nichts, denn Elektrizität gibt’s hier ja auch noch nicht, aber egal, in das Ding passen etwa tausend Songs!“

Ich war so überglücklich, dass wenigstens er funktionierte.

„Tausend was??“, wiederholte er.

„Lieder!“, lächelte ich freudig. „Willst du eins hören?“

Ich suchte schnell eins raus.

„Da, der ist etwas ruhiger. Ich will dich ja nicht ganz verschrecken. Das ist Radioactive, von den Imagine Dragons“, meinte ich und drückte die Knöpfe.

„Nein…“, erwiderte er mit zusammengezogenen Brauen. „Das … braucht Ihr nicht. Ich habe schon genug gesehen … aber wie seid ihr, … wie ist das passiert?!“

„Ja, das ist die eine Million Dollar Frage, oder sollte ich Pfund sagen? Ich habe absolut keine Ahnung“, blickte ich entmutigt runter und atmete schwer aus.

Er war total verwirrt. Schwieg. Sah sich nachdenklich um.

„Ich verstehe das nicht!“, meinte er dann schließlich. Ungläubig huschte sein Blick über mich.

„Du wirst mich doch jetzt nicht verbrennen, … oder so?!“, fragte ich vorsichtig, denn ich konnte mir keinen Reim aus seinem Gesichtsausdruck machen.

„Ich weiß, wie das aussehen muss …“, beschleunigte sich mein Atem. „Bitte glaub mir, ich sage dir die Wahrheit. Ich bin keine Hexe, oder sonst irgendwas!“

„Hört auf so einen Unsinn zu reden!“, stoppte er ich energisch. Sah mich noch einmal fragend an. „Wie konnte das geschehen?“

Er wirkte genauso durcheinander wie ich, als ich versuchte es zu begreifen.

Es blieb kurz still. Ich ließ ihm erst Mal die Ruhe das alles zu verarbeiten und setzte mich erschöpft auf den Schlafsack.

Es war so erleichternd endlich mit jemanden darüber reden zu können, aber auch gleichzeitig deprimierend. Denn wie sollte er mir Helfen?

„Ich weiß auch nicht wie das Passieren konnte“, erklärte ich. „Ich weiß nur, dass an dem Tag, als wir uns begegnet sind, ich mit meiner Schulklasse eine Führung durch das Windsor Castle hatte, denn in meiner Zeit musst du wissen, ist es so eine Art riesiges Museum, in dem die Königsfamilie nur ein paar Mal im Jahr residiert. Aber sonst steht es leer“, fing ich an zu erzählen. „Wir sind durch das Schloss geführt worden, von Mrs. Williams, unserer Führerin. Ich habe auch eure Bilder an den Wänden gesehen, deines, Johns und das von Blanche. Besonders das von Blanche hat mich verzaubert, und habe…“

„Moment, wer ist Blanche?“, unterbrach er mich.

„Oh, Blanche of Lancaster, das ist Johns Zukünftige“, erklärte ich mit brüchiger Stimme. „Ich kann dir versichern eine Schönheit, und der Maler der es gemalt hat, hätte ein Preis verdient. Echt tolle Arbeit!“ Ich atmete schwer aus, und strich mir eine Strähne aus dem Gesicht. „Auf jeden Fall, habe ich mich in das Bild so verguckt, dass ich meine Gruppe verloren habe, und irrte im Schloss herum, bis ich in einen kleinen Schlossgarten herauskam. Es wird dich freuen, er ist immer noch gut im Schuss, die Rosen, die dort wachsen sind atemberaubend schön …“

„Ihr ward im Secret Garden?“, bremste er mich entsetzt.

„Was?“, blickte ich unkonzentriert hoch. „Secret oder nicht, ich habe keine Ahnung. Wieso, ist das von Bedeutung?“ fragte ich mit einem kleinen Hoffnungsschimmer.

Er sagte nichts, blickte nur misstrauisch auf mich runter, also fuhr ich fort.

„Wie dem auch sei, ich weiß noch, dass ich mich in dem Garten umgeschaut habe, und sonst … nichts mehr. Totaler Blackout.“

„Blackout?“, schürzte Edward die Augen.

„Ähm … ja. Das bedeutet, dass man sich an nichts mehr erinnert“, erklärte ich Edward, der mich nüchtern betrachtete.

Irgendwas schien er etwas vor mir zu verbergen, glaubte ich, als ich seine nachdenkliche und angespannte Mine betrachtete. Aber die Lage, in der ich mich befand, war ja auch angespannt, also führte ich es darauf zurück, und beließ es ihn danach zu fragen.

„Ich weiß noch, dass ich in einen Moment diese Rosen betrachtete, …“, sagte ich. „und im nächsten, mich in diesen gruseligen Wald befand“, atme ich schwer aus.

„Also was sagst du?“, fragte ich beklommen. Ich war total niedergeschlagen, denn sein Gesichtsausdruck verriet nichts.

Er schaute kurz durch das Zelt. „Ja, der Garten meiner Mutter ist wirklich eine Augenweide, da muss ich Euch zustimmen.“

Wie bitte? Ich erzählte ihm, ich kam aus der Zukunft und prallte mit dem Garten seiner Mutter? „Ist das alles, was du dazu sagst?“, schaute ich überrascht hoch. Ein wenig Hilfe hatte ich mir schon erhofft.

„Nein“, räusperte er sich. „Ich verstehe immer noch nicht, wer diese Blanche ist.“

„Oh man Edward …" Stand ich auf. „Das ist doch völlig egal. Die Frage ist, wie komme ich wieder zurück?!“ sagte ich, und tigerte wieder durchs Zelt.

Er bewegte sich nicht, schaute mir nur in seine Gedanken versunken zu.

„Edward, du musst mir versprechen, dass du John und sonst keinem etwas davon erzählst!“

„Ich glaube, das ist gar nicht notwendig“, erwiderte er. „Ich denke, er ahnt schon mehr als Ihr glaubt!“

„Und genau deswegen muss ich so schnell wie möglich verschwinden. Ihr reitet wieder zurück zum Schloss. John kann dann diese Blanche heiraten, und alles läuft wieder so wie es sollte. Friede, Freude, Eierkuchen, oder so in der Art!“

Ich versuchte nicht allzu sehr betroffen zu klingen, aber er hatte es trotzdem gemerkt.

„Annabelle, Ihr geht nirgendwo hin. Auf jeden Fall nicht alleine. Ich muss überlegen, und wenn die Zeit gekommen ist, … werde ich Euch helfen“, sagte er immer noch etwas verwirrt.

Ich schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht länger warten. Wer weiß wie lange dieses Portal, oder was es auch ist, noch offen bleibt. Wenn es überhaupt noch offen ist. Und außerdem halte ich es hier nicht mehr lange aus, das ist alles so verwirrend, besonders die Sache mit J …“, stockte ich schnell. „Ich muss hier weg! Ich gehöre hier nicht hin!“

„Welche Sache meint Ihr?“, fing er meinen Satz auf und seine Augen verengten sich wieder. „Ihr habt meine Fragen von vorhin noch nicht beantwortet!“

„Ich weiß nicht, wovon du sprichst“, versuchte ich seinem Blick auszuweichen.

„Ihr habt, die gleichen Gefühle wie John, nicht war?!“

Ertappt sah ich auf, und wusste nicht, was ich antworten sollte. Fing mich aber schnell wieder.

„Weist du, das Einzige, was jetzt wichtig für mich ist, ist dass, wie ich wieder nach Hause komme. Deine Unterstellungen sind hier total fehl am Platz. Ich bin hier nicht im Urlaub, und John ist auch kein Urlaubsflirt!“

„Ich verstehe nicht, was Ihr mit dieser Aussage meint!“

„Edward, ich würde jetzt gerne allein sein!“

Ich drehte ihm den Rücken zu und packte meine Sachen wieder zurück in die Tasche. Tränen standen in meinen Augen, und ich wollte nicht, dass er sie sieht.

„Ich verstehe“, erklang er leise von ihm. „Dann werde ich Euch alleine lassen. Aber versprecht, dass Ihr nichts Unüberlegtes tut“, befahl er fast. „Ich werde mir schon was einfallen lassen. Annabelle, habt Ihr mich verstanden?“

Er wartete auf meine Antwort, doch ich war nicht mal in der Lage zu nicken.

Er zögerte kurz und verließ das Zelt.

Sobald er aus dem Zelt war, warf ich mich heulend auf den Schlafsack.

Natürlich hatte die Sache was mit John zu tun. Aber nicht nur mit ihm, auch wenn er einer der größten Faktoren war. Denn das, was auch immer zwischen uns war, war ... ich wusste nicht, was es war.

Ich hatte das Gefühl, dass wir beide nicht nur das gleiche empfanden und dachten, sondern dass uns etwas anderes verband.

Was es auch war, ich konnte es mir nicht erklären.

 

 

8

 

 

 

Kapitel 8

 

Bis zum späten Abend lag ich so da, oder war es schon Nacht? Ich wusste es nicht.

Irgendwann richtete ich mich wieder auf, und lief im Zelt auf und ab.

Meine Gedanken ließen mich einfach nicht los.

Edward wusste jetzt Bescheid, aber konnte er mir auch wirklich helfen?

Verdammt! Wie kam ich hier nur wieder weg? Raufte ich mir buchstäblich die Haare.

In den vergangen paar Stunden versuchte ich alles um mich zu erinnern und mir wieder ins Gedächtnis zu rufen, wie ich herkam.

Doch nichts, rein gar nichts. Es war wie ein tiefer Abgrund, alles schwarz.

 

Draußen wurde mittlerweile gesungen und gelacht. Das Fest, von dem mir Jeffrey erzählt hatte, schien loszugehen. Aber ich war so gar nicht in Feierlaune. Mein Kopf schmerzte vor lauter Denkarbeit.

Wie sollte ich hier wegkommen, wenn ich nicht einmal wusste, wie ich herkam? Es hatte irgendwas mit diesem Wald zu tun, das war, das einzige dessen ich mit vollkommen sicher war. Also musste ich wieder zurück, und das so schnell wie möglich, dachte ich, als ich auf einmal von draußen Stimmen vernahm.

 

„Meinst du wirklich, sie hat Lust mit uns zu feiern?“, hörte ich jemanden reden.

„Soviel wie sie diese Tage durchgemacht hat, wird ihr diese Ablenkung genauso gut tun wie uns“, antwortete ein anderer.

Aber diese Stimme kannte ich, es war Jeffrey.

„Annabelle, seid ihr wach?“, spähten die beiden vorsichtig in mein Zelt.

Ich öffnete den Vorhang und kam heraus.

„Hallo“, lächelte ich. „Was gibt’s?“

Vor dem Zelt standen Jeffrey und noch einer. Ich erkannte ihn, es war einer der Boten, die mit John und Edward im Zelt gesprochen hatten.

Die beiden guckten mich fröhlich an.

„Wir feiern heute ein wenig, wisst Ihr noch. Und Ihr seid herzlich eingeladen“, erinnerte mich Jeffrey, mit einem sanften Lächeln.

„Bevor Ihr nein sagt“, fuhr sein Nebenmann dazwischen, „Darf ich mich erst einmal der Lady vorstellen. Mein Namen ist William Evans, Milady.“

Er hatte pechschwarze Haare, war etwa einen halben Kopf kleiner als Jeffrey, und sichtlich aufgeregt, was ihn irgendwie sympathisch machte.

„Es freut mich Euch kennen zu lernen“, erwiderte ich nickend. „Mein Name ist Ann.“

Ich gab, mir alle mühe, genauso zu reden, wie die es hier alle taten. Was Jeffrey sofort bemerkte, und es mit einem breiten Grinsen würdigte.

Ich fand, es witzig, wie galant er sich auf einmal benahm, wie ein Gentleman! Echt süß!

„Wie Ihr seht, ist das Fest schon im vollen Gange“, wies Jeff mich darauf hin. „Kommt, und gesellt Euch zu uns.“

Ich schaute mich um, sah wie die Soldaten ausgelassen sangen und tanzten. Es sah recht amüsant aus. Eine mittelalterliche Party, so was sah man auch nicht alle Tage. Und an einer teilnehmen konnte man ganz sicher nicht, auf jeden fall nicht auf einer echten.

Aber nach dem, was heute alles passierte, hatte ich absolut keine Lust drauf, egal wie Einzigartig es war!

„Hey Jungs, nehmt es mir nicht übel“, sagte ich vorschnell, ohne zu überlegen. „Aber ich bin heute wirklich nicht in der Stimmung für eine Party.“

Die beiden sahen mich verwirrt an. „Ähm … ich meine, ich bin nicht in der Stimmung zu feiern“, ergänzte ich mit einem Lächeln.

William grinste, als wenn er gewusst hatte, dass ich so was sagen würde. Sah kurz zu seinem Freund hinüber, und dann wieder zu mir.

„Das haben wir uns schon gedacht. Aber ein Nein akzeptieren wir nicht! Uns fehlt es etwas an Weiblicher Unterstützung, wie Ihr seht. Um ehrlich zu sein, würde das die Runde ein wenig in Schwung bringen“, versuchte er mich unzustimmen.

Jeffrey nahm mich sanft an der Hand. „Na los Annabelle, tanzt und feiert mit uns. Morgen könnt Ihr Trübsal blasen, heute amüsierten wir uns.“

Seine Stimme klang ganz sanft. Er lächelte, was mich auch schmunzeln ließ und zog mich mit zum Lagerfeuer.

Ich versuchte mich noch ein Mal herauszureden, doch es war zwecklos.

„Jeff warte, ich bin ehrlich Hundemüde, es war ein langer Tag…“

„Annabelle …“, blieb er plötzlich stehen, und rückte näher. Nahm meine beiden Hände, und umschloss sie. Was sollte das denn, blickte ich überrascht auf.

„… bitte tut uns den Gefallen! Habt Spaß und lasst all Eure Sorgen für einen Abend los. In Ordnung? Versucht es wenigsten! Wenn es Euch nicht gefällt könnt Ihr gehen. Abgemacht?“, sah er mich mit einem schiefen Lächeln an.

Ich nickte leicht verwirrt. „Also gut“, stimmte ich misstrauisch zu.

Der benahm sich ja Eigenartig, bemerkte ich.

 

Ich ließ mich von Jeffrey mitziehen, doch dieses mulmige Gefühl ließ mich nicht los.

Als wir uns dem Lagerfeuer näherten, schaute ich wachsam durch die Runde der Soldaten, und konnte erleichternd aufatmen.

Gott sei Dank! Keiner der Brüder war anwesend. Trotzdem nahm ich mir vor, nicht lange zu bleiben.

Ich würde mir schon etwas einfallen lassen, um wieder gehen zu können.

 

Die Stimmung des Festes, war auf dem Höhepunkt. Es wurde gelacht, getanzt und gesungen, und wie es schien, auch eine menge getrunken!

William rannte los, um uns etwas zu trinken, zu holen. Ich sah mich immer wieder um, um jemanden bestimmten nicht zu begegnen, und im Notfall, rechtzeitig verschwinden, zu können.

„Sucht Ihr nach jemanden?“, fragte Jeffrey.

„Ähm … nein“, verneinte ich unschuldig lächelnd. „Ich schau mich nur um.“

Warum grinste er nur so eigenartig, bemerkte ich.

„Hey Jeff, ich wollte dir noch für Heute danken“, sagte ich.

Er sah mich fragend an.

„Na für den Schwertunterricht und die Reitstunde. Das hat ehrlich Spaß gemacht, du bist ein, Guter Freund“, betonte ich.

Er hob leicht seine Augenbrauen und lächelte spielerisch. „Das war mir ein Vergnügen, Milady“, erwiderte er charmant.

O-okay, ich hoffte, das hätten wir geklärt, atmete ich tief aus. Ich wollte hier nicht noch mehr Unannehmlichkeiten, als ich bereits schon hatte.

Endlich kam William zurück, mit drei Bechern in seinen Händen.

„Hier trinkt was, das wird Euch gut tun! Ich denke, Ihr könnt das genau so gut gebrauchen wie wir“, sagte er.

Ich nahm ihm einen Becher ab und roch vorsichtig daran.

„Es ist nur Wein“, bemerkte Jeffrey amüsiert. „Keine Angst, die härteren Sachen haben wir schon vor Wochen geleert“, erklärte er schmunzelnd.

„Ich trinke normal keinen Alkohol“, erwiderte ich.

„Macht nichts, heute Abend tut Ihr´s!“, grinste William, und hielt noch zwei Becher in seinen Händen, für sich und Jeffrey.

„Stoßen wir an, auf unsere Bekanntschaft mit der liebreizenden Lady Ann, die uns heute Abend Gesellschaft leistet“, rief William aus, und hielt seinen Becher hoch in die Runde.

Ich musste lachen. Dieser William, auch wenn, er gerade mal so alt war wie ich, konnte die Menschen um sich herum, mit seiner Stimmung so anstecken, dass man fast alles vergaß.

„Es freut mich auch, Euch kennen gelernt zu haben!“, bedankte ich mich und stoß mit den Beiden an.

Der Abend verlief besser, als ich dachte. Ich bemerkte drei Männer, die am Lagerfeuer saßen und musizierten.

Einen mit einem Gitarrenähnlichen Instrument, den zweiten mit einer kleinen Trommel, und den dritten mit einer Flöte.

Meine Laune stieg von Becher zu Becher. Ich tanzte mit Jeffrey, der dann vom William abgelöst wurde, und mit ein paar anderen, die ich kennengelernt hatte.

William brachte immer wieder neuen Wein. Langsam vergrößerte sich unsere Runde, jedes Mal um zwei, oder drei Personen zu gleich. Und jedes Mal wurde auf unser Kennenlernen anstoßen.

Da war James, Harold, Richard Lyones, Antony, noch ein William, Charles, Tyler, Oliver, Matthew und, und, und. Echt zu viele um sich alle zu merken, besonders, in meinem angetrunkenen Zustand.

Ich hatte endlich mal wieder Spaß, konnte abschalten und für kurze Zeit alles vergessen. William hatte recht, es hatte mir wirklich gut getan.

Jeffrey forderte mich zum Tanzen auf.

„Milady“ , verbeugte er sich mit ausgestreckter Hand vor mir. Es sah so witzig aus, dass ich laut auflachte. „Würdet Ihr mir bitte die Ehre erweisen?“, fragte er höflich, während seine Augen mich unter seinen goldenen Locken musterten.

„Aber selbstverständlich Milord“, spielte ich mit. Legte meine Hand in seine, und er zog mich in die Mitte der Tanzfläche.

Die Schritte hatte ich mir von den anderen abgeguckt, und es machte sogar riesigen Spaß, egal wie Albern es auch aussah.

Die Melodie endete, und die Musikanten spielten jetzt ein langsames Volkslied, zu dem ein paar mitsangen.

Ich machte einen kleinen Knicks vor Jeffrey.

„Danke, Ihr seid wirklich ein guter Tänzer, aber ich bin langsam aus der Puste, also komm gehen wir zum Tisch …“

Drehte mich zum gehen, doch er hielt mich an meiner Hand fest.

„Gewährt mir nur noch diesen einen Tanz, Milady. Dann machen wir eine Pause“, sagte er schmunzelnd.

„Aber … das ist ein langsames Lied“, blinzelte ich verlegen auf. „Ich weiß gar nicht, wie man es hier tanzt!“, stammelte ich unsicher.

Zu Hause tanzten wir eng an einander, aber hier?

Au weia!!

„Wir machen es ganz einfach“, sagte er und zog mich an sich, legte mir seinen Arm um die Hüfte, während er meine Hand nahm und legte sie auf seine Brust.

„So, und jetzt einfach im Takt“, erklärte schief grinsend. „Seht Ihr, so schwer ist es gar nicht.“

Sein Blick verursachte ein leichtes Unbehagen.

„Ja, … nicht viel anderes, als bei mir Daheim“, murmelte ich.

Wir waren die einzigen auf der Tanzfläche. Die anderen um uns herum, bemerkten uns fast gar nicht.

Einpaar sangen zu dem Lied, die anderen schwatzten, und wiederum andere tranken und lachten.

Jeffreys nähe gab mir innerliche Ruhe, und ich fühlte mich wohl. Trotz der kleinen Stimme in meinem Hinterkopf, die mir riet besser aufzupassen.

Er führte mich durch die kleine Tanzfläche, lächelte und wirbelte mich um sich. Es machte Spaß. Ich wusste nicht wieso, aber bei ihm konnte ich loslassen und ich sein.

Ich hatte Vertrauen zu ihm, und das obwohl ich ihn kaum kannte.

„Darf ich abklatschen?“, hörte ich plötzlich hinter Jeff.

Meine Atmung setzte vor Schreck aus.

Nein, was machte der denn hier, erblickte ich John, als Jeffrey zur Seite trat.

Musste er nicht im Zelt liegen und sich ausruhen? Nein, nein, nein, dass lief nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Das entsetzen war mir ins Gesicht geschrieben. Jeffrey bemerkte es, und sah mich entschuldigend an.

„Aber natürlich Cousin“, machte er unfreiwillig Platz.

Wie gelähmt stand ich da, starrte ihn an, fragte mich was ich jetzt tun sollte. Alles in mir schrie … Schnell! Hau ab! Doch ich konnte mich nicht von der Stelle bewegen. Das vertraute Funkeln in seinen leuchtenden Augen umhüllte mich, sodass ich nicht in der Lage war mich, zu bewegen.

„Darf ich um diesen Tanz bitten, Milady?“, lächelte John schief und hielt mir seine Hand hin.

„Was machst du hier?“, piepste ich. Der Schreck steckte mir noch immer tief in den Knochen. „Musst du dich nicht eigentlich noch schonen?“

Er zog mich fest an sich, ohne meine Antwort abzuwarten. Sah mir in die Augen, während er seinen Arm um mich legte, und nahm sanft meine Hand in seine, die er auf seine Brust legte.

Ich spürte seinen Herzschlag gegen meine Handfläche hämmern!

Ooh nein! Wimmerte ich innerlich, und versank in den tiefen seiner Augen.

Er führte mich zu den sanften Flötenklängen, und musterte jede Stelle meines Gesichts.

Sein Herzschlag wurde schneller, was wiederum auch meinen antrieb. Besonders weil seine Finger, die meinen Rücken streichelten, mich hochgradig verwirrten. Es fühlte sich so gut an, zu gut.

Ich verlor jegliches Zeitgefühl. Jede seiner Berührungen brannte wie ein Feuer. Ich konnte überhaupt nichts dagegen tun, mein Körper ergab sich ihm ohne zu kämpfen.

Oh Verdammt, jammerte ich, ich hatte mich doch verliebt.

Das hätte niemals geschehen dürfen. Wie konnte ich es nur so weit kommen lassen!

Ich hätte Heulen können, denn ich wusste, was auf mich zu kommen würde.

Er schenkte mir ein sanftes Lächeln, was mich fast zum dahinschmelzen brachte.

Wie machte er das bloß? Es fühlt sich so gut an, in seinen Armen zu sein, seinen Geruch einzuatmen, in seinen Augen zu versinken …

STOPP!!!!! WAS TAT ICH DENN HIER?! Kam ich wieder zur Besinnung. Wenn das alles vorbei wäre, würde ich Höllenqualen durchleiden. Ich musste es abstellen, doch wie? Aber die wichtigste Frage war, wollte ich das überhaupt?

Stopp Ann! Das kannst du nicht machen. Sei vernünftig, überleg dir was, wies ich mich schwer atmend an.

„Willst du mir nicht antworten?“, fragte ich, als ich meine Sprache wieder gefunden hatte.

„Es geht mir besser wie Ihr seht“, sah er auf mich runter, und wickelte mich mit seinem wundervollen Blick fast wieder ein. „Euch offenbar auch. Ihr scheint Euch großartig zu amüsieren!“, ergänzte er und wies zu Jeff und William.

Ich runzelte die Stirn. Er war doch nicht etwa Eifersü … nein, bestimmt nicht.

„Ich meine, die beiden … und auch der Rest der Truppe, sind ganz hingerissen von Euch.“

Er war Eifersüchtig! Das hatte mir noch gefehlt!

„Was hat das jetzt schon wieder zu bedeuten?“, fuhr ich ihn aufgebracht an.

„Ich meine, sie haben Euch heute Abend keinen Augenblick aus den Augen gelassen, und waren stets in Eurer nähe … das ist schon merkwürdig.“

„Merkwürdig? Was willst du mir damit unterstellen. Ich habe nichts gemacht. Ich hab nur getanzt und mich amüsiert. Ach ja, und ein paar deiner Männer kennengelernt, ist das etwa ein Verbrechen?!“

Er lächelte immer noch sein charmantes Lächeln, das in mir eine Bombe explodieren ließ.

„Außerdem geht es dich überhaupt nichts an, und ich muss mich vor dir nicht rechtfertigen!“

Was fiel dem Kerl ein. So, jetzt war es nicht mehr notwendig sich was auszudenken, um ihn auf Abstand zu halten. Er hatte es von allein geschafft.

Ich war so Sauer, am liebsten hätte ich ihm eine geklatscht.

„Ja“, sagte er. „Das habe ich gesehen, und Ihr könnt auch eine menge Wein vertragen!“

„Was?“ Ich stieß mich von ihm ab, der Alkohol half mir meine Wut aufrecht zu erhalten. „Hast du mich etwa beobachtet? Das ist doch die Höhe! Ein Stalker bist du also auch noch?“

„Was ...?“

„Nichts, was! Wer gibt dir eigentlich das Recht, über mich zu richten?“, schritt ich von ihm zurück. Ich war Stinksauer. „Was denkst du eigentlich wer du bist?!“

„Ann, das habe ich nicht so gemeint“, versuchte er sich zu verteidigen.

„Natürlich hast du das nicht. Du hast überhaupt kein Recht, sich über mich eine Meinung zu bilden. Und eins sage ich dir… “, fauchte ich und hielt ihm meinen Finger hin.

„… so etwas wie heute Morgen, wird nie wieder passieren!“

Ich blickte um mich, und merkte dass unsere kleine Auseinandersetzung nicht ganz unbemerkt blieb.

„Hey, Hey, Hey, was ist hier los?“, kam Jeff angelaufen.

„Nichts! Es ist alles in Ordnung“, stoß ich geladen aus. „Gute Nacht, meine Herrn!“ sagte ich und ging.

Ich wollte nur weg von ihm, egal wohin.

„Ann warte!“, hörte ich ihn rufen.

„Lass mich in Ruhe!“, knurrte ich und lief weiter, vorbei an William, der in einer kleinen Runde stand, und nichts von unseren kleinen Wortgefecht mitbekommen hatte.

„Ann wollt Ihr etwa schon gehen? Die Nacht ist noch Jung“, sagte William, als er mich vorbei stampfen sah. Die Musik wurde wieder schneller. „Kommt trinkt mit uns!“, hielt er mir vergnügt einen Becher hin.

„Ich denke, sie hat heute schon genug getrunken!“, erwiderte John, der mir gefolgt war.

„Du, hast mir gar nichts vorzuschreiben!“

Ich nahm William den Becher ab, und trank diesen auf Ex. Dass es ihm missfiel, konnte ich an seinen Augen ablesen, doch das war mir so egal.

„Danke Jungs, das hat echt Spaß gemacht. Aber ich habe auf einmal riesige Kopfschmerzen bekommen!“,, sagte ich und sah dabei John an, der mich verärgert betrachtete.

„Ann, du benimmst dich wie ein kleines Kind!“, maßregelte er mich.

Was? Wie konnte er es wagen? Dieser, … dieser, … sechshundert Jahre alter, Arroganter, Versnobter… Heißer!… Stoooopp!!! NEIN, NEIN, NEIN!!! Zurückrudern, falsche Richtung!

Ich sah den Ärger in seinen Augen, was mich noch mehr anspornte.

„Aber einer geht noch!“, hielt ich mein Becher zum Nachfüllen hin.

Die Männer jubelten und lachten auf. John schüttelte belustigt den Kopf.

„Ann, was willst du damit beweisen?“, lächelte er amüsiert über mein Benehmen.

William füllte nach, ich nahm ihm den Becher ab und sah John dabei ausdruckslos entgegen.

„Seit wann sind wir per –Du-!“, sagte ich, verengte meine Augen, und kippte auch diesen Becher auf Ex.

John erwiderte nichts, beobachtete nur.

„Kommt schon Jungs!“, rief William in die Runde. „Auf unsere wunderbare Lady Annabelle!“

Alle stimmten mit ein.

Etwas unsicher auf den Beinen, drehte ich mich zu den Männern um.

„Isch wünschh eusch ne ghute Nacht. Und lassd es Krachen!“

John nahm mir den Becher ab, übergab ihn einem seiner Männer.

„Komm schon Ann, wir gehen. Ich bringe dich zurück ins Zelt!“

Nahm er mich am Ellenbogen.

„Lass misch los. Isch kenne den Weg!“, entzog ihm mein Arm und marschierte los.

„Ann, bleib stehen!“, hörte ich John hinter mir.

„Bleeib mir vom Leeib, sagte isch!“

„John, ist alles in Ordnung?“, erkundigte sich Jeffrey hinter uns.

„JA! Es ist alles, in absolut allerbester Ordnung!“, knurrte John. „ANN! Bleib stehen!“

„Lass misch in Ruhe, isch weisch auch ohne disch, wohin ich muss!“

Hoffte ich zu mindestens …

Ich beschleunigte meinen Gang, was allerdings angesichts dieses bodenlangen Monstrums, eine richtige Arbeit war.

„Wo is dieses verdammde Selt. Die seen ja alle gleisch aus.“ Versuchte ich es in der Dunkelheit zu erkennen.

Oh man, langsam fing alles an sich zu drehen!

„Ann, warte!“, hörte ich wieder. Er folgte mir also immer noch. Verdammt!

„Sagh mal, haschtdu was anden Ohren? Verscchhwinde!“

Scheiße, der letzte Becher war wohl doch zu viel! Gott, es drehte sich alles! Ein Eimer Wasser wäre jetzt nicht schlecht, in dem ich meinen Kopf rein stecken konnte. Wie konnte ich mich bloß nur so betrinken?

„Ann, bitte. Es geht dir nicht gut, das sehe ich doch.“

Er war ja immer noch da. Nicht antworten, ignorieren, vielleicht haut er dann ab,blickte ich über meine Schulter.

„Ann, warte verdammt!“, wurde er langsam energischer.

„Du sollscht misch in Ruhe lasen, saghte ich!“

Jetzt war ich mir sicher, der letzte Becher war definitiv zu viel. Mein Körper wollte nicht mehr so wie ich, ich nuschelte ja.

Johns Schritte kamen stetig näher, ich hörte das Laub unter seinen Füßen knirschen.

Verflucht! Warum konnte er mich nicht einfach in Ruhe lassen?

Okay, okay, ich musste mich dieser Auseinandersetzung stellen. Ich musste die Sache, ein für alle Mal aus der Welt schaffen.

Den Kuss hatte es nie gegeben!! So, braves Mädchen, und jetzt immer daran denken. Egal wie süß er ist, er ist nicht für dich bestimmt …

Goooott ist mir schlecht!

Ich blieb stehen, drehte mich leicht schwankend um. „Okayy, was willscht du? Warum folgscht dumir?“, fragte ich, darauf bedacht deutlich zu reden und gerade zu stehen. Meine Knie zitterten. Jetzt war ich doch froh über das lange Kleid.

„Ich denke wir sollten Reden!“, fuhr er sich hektisch durch sein zerzaustes braunes Haar.

Oh man war das Heiß! … zogen sie meine Mundwinkel langsam auseinander … Scheiße, Konzentration!!!

„Ich glaube, ich muss dir etwas erklären, oder besser gesagt erzählen! Aber ich weiß nicht wie.“

„Washeischt, du weischt nicht wie? Schließlisch bist du mir deswegen gefolght!“ Allmählich wurde ich ungeduldig. Er überlegte einen Moment, einen Moment zu lang für mich, denn allmählich war mir nicht nur schlecht, mir war übel.

„Weischt du, langsam ist die Sache nicht mehr witzig. Geh zurück und Feier mit deinen Männern, und lass uns das Ganze vergessen!“

Das war ein ehrliches Angebot. Ich hoffte er würde es annehmen und gehen. Ich atmete tief, drehte mich um und ging wieder in Richtung des Zeltes.

Ach da war es ja. Gott sei Dank.

„Ann jetzt hör mich doch bitte an. Jetzt bleib doch mal stehen!“

Ich hatte wirklich nicht mehr die Kraft mich ihm entgegen zu stellen. Außerdem bekam ich gerade wirklich riesige Kopfschmerzen. Waren wohl die Folgen des Alkohols, und rieb mir die Schläfen.

John stand immer noch da, und bewegte sich keinen Zentimeter.

Ich erlaubte mit noch einem letzten Blick, um in Ruhe schlafen zu können. Er fuhr sich gerade verzweifelt in den Nacken.

Gut, jetzt hast du ihn ja gesehen, also ab ins Zelt, befahl ich mir.

„Verdammt!”, rief er plötzlich aus. „Annabelle, Rose, Catherine Mitchell. Du bleibst jetzt sofort stehen, und hörst mit zu!!!“, schrie er mir wütend nach.

Was…? Stoppte ich Abrupt, und spürte wie der Adrenalinstoß der mich gerade durchfuhr, den Alkoholpegel in mir drastisch senkte.

Was hatte er gesagt …? Aber woher…? „Woher kennst du meinen vollen Namen?“, fuhr ich entsetzt herum. Ich verstand das nicht!

Edward? Nein, dem hatte ich ihn nie genannt! Also woher?!

„Ich sagte doch, ich muss mit dir Reden!“, sprach er, und fixierte mich unter seinen langen Wimpern.

„Ja, du hast mir so einiges zu erklären, Mister CIA Spitzel. Woher kennst du meinen vollen Namen?!“, rammte ich mir die Hände in die Hüften.

Er schürzte verärgert die Augen.

„Doch hast du! … Na ja so zu sagen“, sah er mich aufgebracht an.

„Was heißt hier -so zu Sagen-, stammle nicht so herum, sonst bist du ja auch so selbstbewusst. Du wolltest mir was erzählen! Also hier ist deine Gelegenheit.“

„Weißt du …“, kam er Schrittweise näher. „Die Sache ist nicht so einfach. Du wirst mich für verrückt halten“, blieb er vor mir stehen.

„Oh glaub mir, mit Verrücktheiten kenne ich mich mittlerweile aus. Also los“, forderte ich ihn auf.

„Ann, beruhige dich erst mal“, sprach er auf mich ein. „Wenn du so bist, kann man sich mit dir nicht unterhalten.“.

„Du sollst dich auch nicht mit mir unterhalten. Du sollst mir nur meine Frage beantworten!“ Schrie ich fast auf und schritt auf ihn zu.

„Schrei mich nicht an!“, wurde auch er langsam ärgerlich.

„Ich schreie dich nicht an!“, schrie ich.

„Doch tust du!“

„Dann sag es mir!“

„Erst wenn du dich beruhigst!“

„Darauf kannst du lange warten. Rede!“

„Ich träume von dir! Bist du jetzt zufrieden?!“, schrie er, und sah mich verwirrt an.

Was? Erwiderte ich verstört seinen Blick.

„Ähm, … also … das du von mir geträumt hast, ist nichts Neues“, stammelte ich und schaute verlegen zu Boden.

„Nein, ich meine nicht das Gerede im Fieberwahn“, stellte er richtig. „Ich meine, ich Träume von dir schon seit einer halben Ewigkeit. Ich habe dich schon in meinen Träumen gesehen, bevor wir uns überhaupt begegnet sind.“

Schockiert musterte ich sein Gesicht, öffnete den Mund … nein, er konnte es nicht sein … und schloss ihn wieder. Er meinte es ernst, sah ich seinem Mine an. „Soll dass ein Scherz sein? Also wenn ja, ist es absolut nicht witzig“, schürzte ich die Augen.

Er stand mir direkt gegenüber, und schaute mit seinen leuchtenden Augen direkt auf mich runter.

Nein … ! Ausgeschlossen, er war es nicht, beäugte ich ihn genauer.

Es war nur ein Traum, nichts Reales, versuchte ich mich davon zu überzeugen.

„John, … ich habe Kopfschmerzen, und absolut keinen Nerv für solche Spielchen“, und wand mich ab zum Gehen, als er mich am Arm stoppte.

„Ann, du hast ihn mir genannt. Seit einem Jahr sehe ich dich in jede Nacht in meinen Träumen.“

Was?! Erstarrte ich, und sah ihn wirr entgegen. Das war, … er war es nicht! Nein! „Das ist absolut unmöglich …“, flüsterte ich, sah ihn mir genauer an … und ließ meinen Blick durch Lager schweifen. Das war doch Irrsinn!

„Was denkst du, wie ich mich fühle, wenn meine Fantasien Gestalt annehmen.“

„Ich bin keine Fantasie!“ Du bist eine Fantasie, zischte ich, und sah ihn wieder an.

„Das hab ich auch schon gemerkt. In meinen Träumen warst wesentlich Sympathischer!“, entgegnete er schmunzelnd.

„Du warst im Traum auch viel netter! Und nicht so ein arroganter Kotzbrocken!“, fuhr ich ihn an.

„Was?“, sah er mich überrascht an.

„Du hast mich schon verstanden. Wenn ich gewusst hätte, dass du so ein selbstgefälliger, überheblicher und eingebildeter Aufschneider bist, hätte ich mich nie in dich v….“ …Stopp! Halt den Mund! … Hielt ich noch rechtzeitig inne.

„Hättest du >Was< nicht?“, fragte er mich musternd.

„Vergiss es! Ich bin Müde, und geh jetzt schlafen.“

Er lächelte schief, während ich mich aus seiner Hand befreite.

„Was? Was gibt’s hier zu grinsen?“, bemerkte ich sein zufriedenes Lächeln.

Er schwieg, doch sein Lächeln wurde breiter.

„Was ist so Witzig, kannst du’s mir bitte mal verraten?“

„Also musstest du, wohl doch keine zwei Tage nervenden Mitschüler ertragen? Nur mich.“

Scheiße, er war es. Oh Gott … aber … wie?

„Also weißt du, nachdem ich dich kennen gelernt habe, wären mir meine nervigen Mitschüler lieber gewesen!“, erwiderte ich verworren. Was sollte ich bloß davon halten. Er war es! Aber wie?

Ich musste hier weg! Ich musste erst mal Ordnung in in mir schaffen.

Vielleicht irrte ich mich ja auch, … ja so musste er sein! Ich hatte einfach zu viel getrunken.

„Gute Nacht John!“, wisperte ich durcheinander, und marschierte los.

„Ich vermisse unsere Gespräche unter diesem Vordach“, rief er mir hinterher.

Er meinte wohl, unsere Veranda.

Nein, nein, nein, warum sagte er so was?! Das konnte doch nicht wahr sein, blieb ich stehen und rieb mir schmerzverzerrt die Stirn.

„Ich vermisse es neben dir zu sitzen, und deine Hand zu halten“, sagte er und ich hörte, das er sich mir näherte.

Sprachlos blickte ich zurück, und sah ihn stocksteif entgegen.

„Ann, ich vermisse dich in meinen Träumen“, fügte er hinzu, und blieb vor direkt mir stehen, während sein Blick inbrünstig auf mir lag. „Ich vermisse Dich“, hauchte er, und vereinnahmte mich komplett.

Ich schluckte bei dem Gefühl, den seine Nähe wieder bei mir auslöste. Er sagte nun nichts mehr, blickte nur intensiv auf mich runter.

„Ich denke, … das ist keine gute Idee“, wisperte ich unter heftigem Herzschlag. Wir waren uns einfach zu nah. Das war zu gefährlich.

Er lächelte sanft. „Aber ich mache doch gar nichts“, zuckten seine Augenbrauen, unter seinem einnehmenden Blick, der sich wie leichte Berührungen anfühlte.

„Das … ist absolut unmöglich!“, flüsterte ich fassungslos.

„Ja? Und wie nennst du dann die Tatsache, dass du jetzt hier bist. … bei mir!“ hauchte er.

„Ähm …“, stammelte ich. „Realitätsverlust?“, hauchte ich leicht betäubt, von der Art wie er mich ansah.

„In dieser Traumwelt würde ich liebend gerne bleiben“, erwiderte er, hob zaghaft seine Hand und streichelte kaum merkbar über meine Wange.

Ich hielt den Atem an.

„Solange nur du bei mir bist“, fügte er flüsternd hinzu und neigte sich langsam runter.

„John, … das darfst du nicht, … was ist mit Blanche …“

„Ich kenne keine Blanche“, zuckten seine Augen über mein Gesicht, während sie mich eindringlich musterten.

„John …“, versuchte ich etwas zu sagen, doch es war kaum zu hören.

Oh diese Augen, dieses Funkeln, ich wusste, ich kannte es von irgendwoher.

Ganz langsam näherte er sich und ich erstarrte. Auch wenn ich es wollte, hätte ich mich nicht bewegen können. Jetzt verstand ich auch dieses merkwürdig vertraute Gefühlt, das er in mir auslöste.

Ich schloss die Augen, während er seine Lippen sanft über meine streichelten. Sie fühlten sich heiß an, und brannte wie Feuer.

„Weißt du, wie lange ich darauf gewartet habe“, flüsterte er an meinen Lippen.

Ich spürte seinen tiefen warmen Atem, der mir die Luft raubte, denn auch ich sehnte mich schon lange nach seiner Berührung.

Ungeduldig zuckten seine Augen über mein Gesicht, als könnte er es kaum erwarten, zog mich an sich und küsste mich derart heftig, dass es wie eine Explosion durch meinen ganzen Körper ging.

Das Feuerwerk, es war wieder da! Es fühlte sich so gut an, ihn so nah zu sein. Mit meinen Fingern in sein zerzaustes Haar zu fahren. Ihn zu spüren, zu berühren.

Ich schlang meine Arme um seinen Hals und zog mich noch enger an ihn.

Er ist kein Traum, begriff ich. Endlich konnte ich ihn berühren und fühlen, er war real!

In jeden meiner Träume, habe ich mich danach gesehnt, und jetzt wurde es Wirklichkeit.

Wir verschmolzen fast, verloren uns ineinander. Meine Hände wandelten über seinen Hals, in sein Haar. Streichelt es, fühlte es.

„Ich werde dich nie wieder gehen lassen, das weißt du doch, oder?“, hauchte er zwischen dem Kuss, und druckte mich wieder fest an sich.

Auch ich wollte in diesem Moment, an keinen anderen Ort der Welt sein. Ich hatte das Gefühl, den Boden unter meinen Füssen zu verlieren, zu schweben … es war einfach unglaublich … perfekt …

 

„John!“, hörten wir beide eine Stimme und zuckten auseinander.

Edward stand ein paar Meter entfernt und beobachtete uns Stirnrunzelnd.

Oh nein! Oh nein, oh nein, oh nein! Nicht der schon wieder. Wieso tauchte er immer, in solchen Situationen auf. Immer wenn es peinlich wird.

„Edward“, erwiderte John und lockerte etwas seine Umarmung.

Verdammt! Schaute ich von John durcheinander auf den Boden.

Er war es! Aber … versuchte ich es zu verstehen. Meine Beine fühlten sich wie Pudding an, und ich hatte Angst, dass ich wie ein nasser Sack auf den Boden fiel, sollte er mich loslassen. Dennoch stieg in mir gerade die reine Panik auf, als ich wieder in sein Gesicht hoch blickte, und begriff, dass diese Träume keine Träume waren. Er war Real, und kein Fantasiegebilde. Das musste ich erst mal verarbeiten.

„Kann mir das vielleicht jemand erklären?“, betrachtete Edward uns ernst. Während John den Mund aufmachte, um seinem Bruder zu antworten, wand ich mich blitzschnell aus seiner Umarmung und rannte sofort ins Zelt.

„Ann warte!“, rief er mir hinter her.

Hastig rannte ich in mein Zelt, schloss den Vorhang und sank sogleich zu dem Boden.

Gerettet! Atmete ich schwer.

Eigentlich sollte ich mich bei dir bedanken Edward! Dachte ich, ließ den Kopf nach hinten fallen und versuchte mich wieder zu beruhigen.

Scheiße, scheiße, scheiße … schön durch Atmen Ann! Das durfte doch nicht wahr sein! Schloss für einen Augenblick die Augen, und hörte die wütende Stimme von Edward.

„Was glaubst du eigentlich, was du hier tust?!“, schrie Edward.

„Hör auf Edward, ich bin keine Zwölf mehr, und habe keine Lust auf deine Belehrungen!“

„John, du benimmst dich wie ein Schwachkopf! Was hast du dir nur dabei gedacht?“

„Edward, ich sagte, ich habe keine Lust, mich mit dir darüber zu Unterhalten!!“ knurrte John.

Ein kurzer Seufzer erklang, dem eine kurze Pause folgte.

„Edward, du weißt wie kompliziert, die ganze Sache ist.“

„Besser als du denkst, Bruder!“

„Ich liebe Sie“, sagte John, und mir stockte der Atem.

„Oh John“, schnaubte Edward. „Diese Woche ist es sie, die nächste eine andere. Ich kenne dich doch!“

„Hör auf!“, schrie er energisch zurück. „Du weißt überhaupt nicht wovon du sprichst!“

„Aber du schon!“, belächelte ihn Edward.

„Mach dich nicht Lustig über mich. Ja, ich habe mich in der Vergangenheit amüsiert, du doch auch! Aber das hier, mit ihr, ist … ist …“, stockte er. „… etwas Unbegreifliches. Edward, ich habe ihr alles erzählt.“

„Wirklich, alles? Auch von …?“, fragte Edward mit einem scharfen Unterton. Was? Hörte ich aufmerksam zu.

„John, … Edward … ist alles in Ordnung?“, wurde die beiden unterbrochen. Jeff kam dazu, und die Unterhaltung der Brüder verstummte.

„Ja“, erwiderte Edward „Wir haben uns nur gerade über …“

„… Gérard unterhalten, und wie wir weiter vorgehen werden“, beendete John scharf den Satz.

„Das könnt ihr auch Morgen machen. Heute Entspannen wir uns!“, lachte Jeff heiter auf. „Wie wär’s mit einem Becher Wein John?“

„Machen wir gleich zwei draus!“, antwortete er verärgert.

Schritte erklangen durch das Laub. Waren sie gegangen?

„Edward kommst du?“, fragte Jeff.

„Danke. Aber ich habe noch was mit Wesley zu besprechen. Ich komme später nach“, antwortete er, und wieder hörte ich Schritte, die sich durch das Laub bewegten.

Gott sein Dank, sie waren weg, entspannte ich mich, als sich die Schritte plötzlich in meine Richtung bewegten.

Sofort sprang ich auf, kletterte in den Schlafsack, schloss die Augen und stellte mich schlafend.

Der Vorhang wurde aufgeschoben, aber es geschah eine halbe Ewigkeit nichts. Ein tiefes besorgtes Ausatmen erklang. Es war Edward.

„Annabelle, ich weiß, dass Ihr noch wach seit“, sagte er, und wirkte niedergeschlagen.

Ich öffnete die Augen und setzte mich langsam auf.

„Entschuldige“, blickte ich schuldbewusst auf den Boden. Ich wusste nicht was noch sagen sollte.

Er kam rein, und hockte sich neben mich.

„Ist das wahr? ... Was John mir erzählt hat?“

„Kommt drauf an was du meinst“, murrte ich.

Edward sah mich ungeduldig an.

„Okay, ich weiß, was du meinst. Aber … das ist … kann nicht sein“, blickte ich auf den Boden und schüttelte den Kopf.

Er atmete tief aus. „Na hervorragend!“, erwiderte er und fuhr sich nachdenklich mit beidenHänden durchs Haar. „Hattet Ihr auch, … diese Träume?“

Ich schwieg. Was sollte ich ihm auch antworten? Ich brauchte Zeit. Zeit für mich selbst, um alles, was ich in den letzten Minuten erfahren hatte, zu verarbeiten.

„Annabelle!“, sah er mich abwartend an.

„Ja“, antwortete ich schließlich „Aber du musst mir glauben, ich konnte die Person mir gegenüber nie erkennen. Es war alles wie im Nebel. Woher hätte ich wissen sollen, dass es John war? Schließlich war es nur ein Traum, nichts echtes!“, hielt ich den Blick auf den Boden gerichtet, während ich mich rechtfertigte.

„Seit wann?“, fragte er ruhig.

„Einem Jahr.“

„Und … liebt Ihr ihn?“, fragte er.

Wie konnte er mich das nur fragen? Nachdem, was gerade passiert war, war ich immer noch, mehr als durcheinander. Ich hatte definitiv Gefühle für ihn, starke Gefühlte, die mich fast um den Verstand brachten. Doch ich wollte sie mir nicht eingestehen. Ich durfte sie nicht zulassen.

Ich schaute kurz hoch, und ließ den Blick wieder fallen.

„Das ist nebensächlich.“

„Das habe ich nicht gefragt“, entgegnete er.

„Das solltest du auch nicht fragen!“, erwiderte ich kraftlos.

„Also doch!“ fuhr er sich entrüstet über das Gesicht.

Mir war zum Heulen zu Mute. Es wurde alles zu viel.

Erst dieser unerklärliche Zeitsprung, und jetzt auch noch das mit John. Ich wusste nicht, wo mir der Kopf stand und es lief einfach alles Über. Und zu allen übel, fürchtete ich, dass meine Anwesenheit hier den Verlauf der Geschichte verändern könnte. Wenn das nicht bereits schon der Fall war.

„Edward, ich möchte jetzt allein sein!“, hauchte ich, und versuchte die Tränen, die sich ihren Weg nach draußen bahnten unter Kontrolle, zuhalten.

Ohne etwas zu sagen, stand er auf, und verließ das Zelt.

Ich fuhr mir mit den Händen durch die Haare und drückte die Handflächen gegen die Schläfen.

Es waren so viele Fragen in meinem Kopf, dass er zu platzen drohte. Ich musste es einsehen, das John derjenige war, den ich seit einem Jahr Nacht für Nacht in meinen Träumen traf.

Na Super Ann! Das hast du toll hingekriegt, schimpfte ich mich.

So konnte es nicht weiter gehen. Ich muss hier verschwinden, noch heute!

Ich hielt es nicht mehr aus!

Ich hatte keine Zeit darauf zu warten, was Edward sich etwas einfallen ließ. Ich musste selber handeln! Ich musste zurück in den Wald! Ich muss wieder zurück nach Hause, und dass so schnell wie möglich, bevor es zu spät war.

 

 

 

 

 

Ich schaute mich nach meiner Tasche um, stopfte meine zerfetzte Schuluniform rein und überlegte.

Ich musste dem Pfad zurückverfolgen. Es würde vielleicht ein Tag dauern, vielleicht aber auch mehr, bis ich wieder an der Stelle ankommen würde, wo alles begann. Und ich würde wohl oder übel, eins der Pferde ausleihen müssen. Ich hoffte, bloß sie würden es mir nicht übel nehmen, denn zu Fuß würde es eine halbe Ewigkeit dauern. …

Ja so mache Ichs, überleg nicht lange, geh einfach, wies ich mich an. Strich mir die Haare zurück, und atmete tief aus.

„Los!“ Schmiss mir meine Tasche über die Schulter, und stieg vorsichtig aus dem Zelt.

Schön unauffällig bleiben, sah ich mich vorsichtig um.

Ich schlich um die Zelte und hielt mich im Dunkeln. Ein paar Soldaten liefen singend vorbei, und ich zog schnell den Kopf ein.

Lauft schön weiter, nicht stehen bleiben flüsterte ich den Besoffenen hinterher. Doch sie bemerkten mich gar nicht, denn so betrunken, wie sie waren, merkten sie schon lange nichts mehr.

Wie konnte man sich bloß so sinnlos besaufen? Schüttelte ich darüber den Kopf.

Auf dem Weg zu den Pferden entdeckte ich, eine Schnapsleiche nach der anderen. Das würde doch einfacher werden, als ich dachte, merkte ich.

Schlich mich von Baum zu Baum, Zelt um Zelt und blieb hinter einen der Bäume abrupt stehen.

Drei Männer saßen an dem fast schon erloschenen Lagerfeuer und unterhielten sich. In der Dunkelheit konnte man kaum etwas erkennen, doch ich erkannte, ihre Stimmen.

Es war William, Jeff und …

John! Wie können sie immer noch so nüchtern sein? Soviel wie sie getrunken hatte, war das echt unfassbar.

Ich spähte hinter dem Baum hervor, und versuchte zu erkennen, wo genau sie waren.

Sie saßen an einem der improvisierten Tische und redeten. Ich presste mich an den Baum, atmete flach und sah mich nach einer Möglichkeit um, mich unbemerkt an ihnen vorbei zu schleichen, als John unerwartet mit der Faust gegen die Tischkante schlug, was mich vor Schreck zusammenzucken ließ.

 

„Verdammt!“, knurrte er, stützte sich auf seine Ellenbogen ab und fuhr sich mit beiden Händen in den Nacken.

„Diese Franzosen fangen an lästig, zu werden. Ich dachte, wir hätten sie in der Normandie erledigt, und hätten es endlich hinter uns.“ Tiefes Ausatmen. „Die Männer hätten wirklich eine Verschnaufpause verdient.“

„Reg dich nicht auf John. Mit denen, die noch übrig sind, werden wir auch noch fertig. Sie sind auf unserem Gebiet, unser Land! Sie kennen die Gegend nicht so wie wir. Die paar Franzosen …“, versuchte Jeffrey seinen Cousin besänftigen.

„Also ein paar ist eine Untertreibung Sire, es sind fast hundert …“, redete William und fing Jeffreys verärgerten Blick auf, der ihn vielsagend entgegen starrte.

William zuckte entschuldigend mit den Mundwinkeln. „Aber wir haben in der Normandie zehn Mal so viele bewältigt, den Rest schaffen wir auch noch. Macht Euch keine Gedanken“, ruderte Will zurück, stand auf und ging den Weinkrug nachfüllen.

Die beiden Cousins blieben unter sich.

So, das war jetzt mein Stichwort, Williams Schritte würden meine übertönen. Ich spähte nochmals hinaus, John hatte sich immer noch nicht bewegt. Etwas beschäftigte ihn so dermaßen, dass er sich kaum merkbar die Haare raufte.

Egal, jetzt oder nie. Los!

„John, es kommen ein paar schwierige Zeiten auf uns zu“, hörte ich Jeff, und presste mich wieder an den Baum. „Deswegen dürfen wir uns von nichts und niemanden ablenken lassen! Du weißt, was ich meine!“

John hob den Kopf. „Sagt grade der Richtige!“, verlagerte er sein Gewicht auf den rechten Ellenbogen, und blickte seinem Cousin direkt in die Augen.

„Meinst du, ich habe nicht bemerkt, wie du sie ansiehst?“, prüfte ihn sein Blick.

„Ach was hast du das?!“

„Spiel hier keine Spielchen. Lass die Finger von Ihr!“, warnte ihn John.

„Übertreib Mal nicht, mit deinen Besitzansprüchen Vetter!“, zischte Jeff zurück. „Nicht jede ist für dich bestimmt!“

„Ich denke, du hast keine Ahnung davon, was für mich bestimmt ist!“, fauchte John.

„Ach so … dann klär mich doch Mal auf“, forderte Jeff ihn auf.

John schnaubte und spannte seinen Kiefer an.

„Meinst du, ich hab nicht verstanden, dass du sie für die eine hältst“, sagte Jeff.

John schürzte zornig die Augen.

„Aber nicht jede Annabelle ist die Annabelle. Außerdem war es nichts Reales. Aber sie ist Real und mir zu schade, als eine von deinen Trophäen zu enden!“

Was für Trophäen?! Lugte ich hinter dem Baum hervor.

„Jetzt tue nicht so Scheinheilig, du bist nicht viel besser als ich! Trophäen, das ich nicht lache“, schnaubte John auf. „Was denkst du, warum ich mit dir Reden wollte? Warum glaubst du, war ich so durcheinander?“, machte er eine Pause. „Verdammt Jeff, ich hab gedacht ich werde Verrückt. Ich hab gehofft, dass du mir einen Rat gibst, und du fällst mir so in den Rücken? Ich weiß, dass nicht jede Annabelle, die Annabelle ist, aber diese hier ist es!“, schrie er fast auf.

Jeff musterte ihn einen Moment. „Ich denke, du bist im Moment zu betrunken, um die Sache Objektiv zu betrachten.“

„Objektiv? … Ich bin zwar betrunken, aber nicht betrunken genug, um nicht zu erkennen, das sie dir gefällt.“

Oh man, sie stritten sich hier um mich! Das hatte mir noch gefehlt. Beste Freunde! Von wegen!!

„Und was ist, wenn das so ist?“, erwiderte Jeff seinen Blick.

„Lass deine Finger von ihr!“, stand John wutverzerrt auf.

„Sonst was?“, erhob sich Jeff in die gleiche Haltung, und erwiderte Johns Blick.

„Erlebst du dein blaues Wunder, das schwöre ich dir!“, knurrte John.

Hey, die würden sich doch nicht Prügeln?! Schaute ich entsetzt hinter den Baum hervor.

„Du willst dich wegen ihr prügeln? Jetzt glaube ich wirklich, dass du Verrückt bist. Diese Träume haben dir wohl ziemlich zugesetzt.“

Was? Er wusste Bescheid? Stockte mir den Atem.

Trottel! Wem hatte er noch alles davon erzählt, biss ich schnauben die Zähne zusammen.

„Im Gegenteil, ich habe noch nie klarer Denken können!“, zischte John. „Deswegen warne ich dich nur ein Mal, Cousin hin oder her, halt dich zurück!“

Plötzlich bewegte sich ein Schatten in meiner Nähe. Ich erschrak und schob mich ein wenig um den großen Baum herum, an dem ich mich versteckte.

Da war doch jemand?! Hörte ich einen Ast knacken, unter den Schritten des Schattens.

Verflixt, wer schlich da herum?

Es war zu Dunkel, ich konnte kaum etwas erkennen.

Man war das Gruselig, schärfte meine Augen und atmete erleichtert aus erspähte um wen es sich handelte.

Gott sei Dank ,es war nur Henry, einer der Soldaten.

Der war ja voll Dicht, bemerkte ich sein schwanken. Also wirklich, die hatten sie doch nicht mehr alle, so zu Saufen. Und was, wenn die Franzosen heute angegriffen hätten? Armleuchter!

Er taumelte, und ging an mir vorbei ohne mich zu bemerken.

„Meine Herrn, hier kommt der Nachschub.“ Kehrte William mit dem Wein zurück, und bemerkte die angespannte Stimmung zwischen den beiden.

Stellte den Krug ab, und musterte die sie einen Augenblick.

„Ist etwas passiert?“, fragte er, während er den Wein, in die auf dem Tisch stehenden Becher eingoss.

John beruhte sich, und setzte sich wieder hin.

„Jeff, ich hab die Angelegenheit mit der Sache schon geklärt, und es liegt kein Irrtum vor!“, belegte John mit Nachdruck.

„Wie, du hast es geklärt?“, fragte Jeff überrascht. „Wann?“

„Vorhin! … Erinnerst du dich!“, erwiderte John.

Jeff zog verwundert die Augenbrauen zusammen.

„Aber … John … vielleicht hast du dich geirrt, und … die Sache hat nur eine gewisse Ähnlichkeit!“, sagte Jeff mit einem Unterton. „Ich meine, das … das kann nicht sein!“ Wirkte er durcheinander.

„Darf ich fragen, um welche Sache es sich hier eigentlich handelt?“, blickte William verwirrt von einem zum anderen.

„Will mach dir keine sorgen. Diese Sache hat nichts mit dir zu tun“, erklärte Jeff und gab ihm einen freundschaftlichen Schubs.

„Alles in Ordnung, mach dir keine Sorgen“, bekräftigte John nachdenklich und nahm sein Becher. „Es ist Spät, wir sollten allmählich Schlafen gehen. Wird morgen ein langer Ritt.“

„Ihr macht Euch zu viele Gedanken, Sire“, bemerkte William.

„Das meine ich auch!“, stimmte Jeff zu.

John erwiderte Jeffs Blick, „Das kann ich mir vorstellen!“

Okay, ich hatte keine Zeit für diesen Zickenkrieg, wo standen noch mal die Pferde?

Riss ich mich von den Zweien konkurrierenden Deppen los, und lief behutsam vom Baum zu Baum, Richtung der Pferde, konzentriert mich von niemandem erwischen zu lassen, besonders nicht von Edward.

Wo ist der eigentlich, schaute ich mich sorgfältig um. Ich hatte ihn schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen, und zwar seit dem peinlichen Vorfall mit John.

Schon wieder einem! Rollte ich mit den Augen.

Wenigstens musste ich mir keine Sorgen um John machen, der war beschäftigt. Dennoch Edward könnte irgendwo hier herumschleichen, und in der Dunkelheit würde ich es nicht einmal merken.

Ich hoffte nur, dass er nicht all zu sauer sein würde. Aber ich hatte keine Zeit auf ihn und seinen Einfall zu warten. Ich musste verschwinden, und zwar jetzt. Es reichte mir.

Auch wenn John es war, den ich Nacht für Nacht in meinen Träumen sah, änderte es nicht das Geringste. Es verschlimmerte es sogar!

Mit einem Traum konnte ich leben, aber nicht wenn dieser Traum Realität wurde. Und zwar zur einer Realität, die ich, und auch sonst niemand ändern durfte.

 

 

 

 

 

 

 

9

 

 

Kapitel 9

 

 

Je weiter ich mich entfernte, desto stärker wurden meine Zweifel über meine bevorstehende Tat. Aber ich versuchte dieses schmerzende, ziehende gefühlt in meiner Brust zu ignorieren, und trieb ich mich immer weiter voran. Ich musste unbedingt zurück in diesen Wald, und dafür sorgen, dass ich wieder nach Hause kam. Das hatte höchste Priorität, redete ich mir ein, um mein innerstes zu beruhigen.

Ich war schon drei Tage hier. Mum und Daniel waren wahrscheinlich schon halb krank vor Sorge. Ich wollte mir nicht ausmalen was sich gerade zu Hause abspielte. Wahrscheinlich haben sie schon die halbe Stadt auf den Kopf gestellt, und das FBI informiert.

Mum würde das wirklich tun, dachte ich so drüber nach. Die wäre bestimmt noch in der Lage, den Secret Service einzuschalten.

Gott war die Vorstellung peinlich, schüttelte ich den Kopf und entdeckte dabei die Pferde. Ich nahm mir das Erste, das da stand. Band es los, und führte es ein Stück in den Wald.

„Komm mein Brauner. Brav so!“

Das Pferd ging ohne weiteres mit und machte keine Anstalten. Außerhalb des Lagers stoppte ich den Gaul und sah mich kurz in der Dunkelheit um. Es war alles ruhig, keiner hatte bisher mein Verschwinden bemerkt. Vorsichtig streichelte ich das Pferd den Rücken entlang und entdeckte eine Satteltasche, die an ihm befestigt war. Behutsam öffnete ich diese, und inspizierte sie.

Ein Messer, ein Seil und ein Wassersack, der zur Hälfte gefühlt war, befanden sich darin. Ich nahm das Messer raus, und zog es aus der Scheide.

Perfekt! Blickte ich über die Klinge. Es war nicht groß, aber ausreichend, falls man es in einem Notfall brauchte. Ich legte es in meine Schultasche und widmete mich wieder dem Pferd.

„Ruhig Brauner“, flüsterte ich dem herrlichen Tier zu. „Wir machen einen kleinen Ausflug.“

Ich hob meinen langen Rock an, stellte mein linkes Bein in den Steigbügel und schwang mich auf das Pferd.

Es wieherte kurz auf. „Tscht! Ganz ruhig!“, streichelte ich es an seinem langen Hals entlang.

Okay, Problem eins gelöst. Und wie setzte man es noch mal in Bewegung?

Vorsichtig drückte ich meine Hacken in die Seiten, so wie Jeffrey es mir gezeigt hatte, und das Pferd bewegte sich. Ich lenkte es zum Pfad, und zwar in die entgegengesetzte Richtung, in die wir geritten sind. Immer um sich schauend, ob mich jemand entdeckt hatte. Glück für mich, das sie alle so besoffen waren, dass sie gar nichts mehr merkten.

Der Weg war gut zu erkennen. Die Pferde hatten ihn durch ihr hohes Gewicht frei getrampelt, sonnst hätte ich mich nie in diesem riesigen Wald zurechtgefunden.

 

Ich ritt schon seit mehreren Stunden. Die Sonne stand ganz oben und wärmte mir den Rücken.

Es müsste Mittag sein, überlegte ich. Denn ich kriegte langsam Hunger. Ich öffnete die Satteltasche und holte mir den Wassersack heraus.

Nur einen Schluck sagte ich mir. Es musste für lange reichen.

Langsam hatte ich den Dreh mit dem Reiten raus, so schwer war es eigentlich gar nicht. Besonders nicht, wenn man so ein tolles Pferd hatte.

„Du bist ein tolles Pferdchen. Ein braves Pferdchen.“ Lobte ich, und streichelte es. Verstaute den Wassersack wieder in die Satteltasche und entdeckte ein Anagramm.

Was ist das? - J.G - ? John of Gaut!!!

„Oh verdammt! ... Verdammt, verdammt, verdammt!“

Das war Johns Pferd. Also echt hätte ich mir nicht ein anderes aussuchen können. Das war wieder Mal typisch ich. Er hatte sein Verschwinden bestimmt schon bemerkt, und war bereits auf der Suche danach …!

Egal. Ich konnte es nicht mehr rückgängig machen.

Ich gab dem Gaul die Sporen und ließ es ein wenig schneller laufen.

Ich würde wahrscheinlich bis zum Abend durchreiten müssen, bis ich wieder an der Lichtung ankomme, überlegte ich.

Mit einem Auto wäre ich wahrscheinlich in einer halben Stunde da, aber eine PS-Stärke war besser als gar keine.

Ich hoffte bloß, dass John nicht all zu Sauer sein würde, wenn er bemerkt, dass sein Pferd fehlt. Und Edward, wenn er merkt, dass ich doch weggelaufen war.

Es tut mir leid, aber ich konnte nicht mehr länger warten. Ich musste es versuchen. Für uns alle war es so am besten.

John, Jeff. Jeff, John. Die beiden hatten sich wegen mir, fast in die Haare bekommen. Dass Jeff ein solches Interesse an mir hatte, hatte ich nicht gemerkt.

Aber so wie es aussieht, merkst du vieles nicht. Sonst wärst du nicht, in diesem Schlammassel, schimpfte ich mich.

Ich hielt die Zügel fester, neigte mich etwas nach vorn, die Beine fest um den Rumpf des Pferdes, um besseren Halt zu haben, und wies dem Gaul mit meinen Hacken an, schneller zu laufen.

 

Weiter Stunden vergingen. Wir ritten immer weiter, und ich merkte, dass nicht nur ich aus der Puste war, vom ewigen auf und ab Gehüpfe, sondern Blitz auch.

Den Namen habe ich dem Pferd gegeben, weil es ein Blitz ähnliches Muster auf der Nase hatte. Ich weiß, nicht gerade originell, … aber passend.

„Hey mein Großer, sollen wir eine Pause machen. Du braucht bestimmt ein Schluck Wasser.“

Ich drosselte das Tempo, als in der nähe, einen Bach fließen hörte, und lenkte das Pferd in die Richtung.

„Da, da kannst du dich ausruhen“, redete ich ihm gut zu. „Und mein Hintern auch. Auaaa …“, rieb ich mir die eingeschlafene Stelle.

Wir verließen den Pfad, und kamen am Waldrand an, der an einem Bach grenzte. Die Landschaft war wunderschön, fast Malerisch.

Hinter dem Bach breitete sich eine große Lichtung aus, mit hohem Gras und einem Meer aus Wildblumen, in den verschiedensten Farben, die in der Sonne fast wie unecht schimmerten. Einfach Atemberaubend!

Ich stoppte, und stieg vorsichtig ab. Hob meinen Rock ein wenig höher an, um mich nicht schon wieder im Steigbügel zu verheddern, wie das letzte Mal.

Das war echt Peinlich! Erinnerte ich mich.

„Na Großer, reichen dir fünfzehn Minuten zum Ausruhen?“, streichelte ich das herrliche Tier, nahm es bei den zügeln und führte es zum Bach. Das Pferd neigte seinen Kopf und begann zu Trinken.

„Trink dich satt, wir haben noch einen langen Ritt vor uns.“

Ich legte mich ins weiche Gras und schloss für einen Moment die Augen. Die Müdigkeit holte mich ein. Ich hatte eine Ewigkeit nicht geschlafen. Die Nacht durchgetanzt und durchgeritten, und jetzt war es bestimmt schon später Nachmittag, ich war einfach Hundemüde.

Halte durch, wahrscheinlich ist es nicht mehr so weit, redete ich mir gut zu. Oh man, ich hatte so einen Hunger, an Proviant hatte ich gar nicht gedacht. Moment! Fiel es mir plötzlich ein. Die Karamell Bonbons!

Schnell durchsuchte ich meine Tasche, und wurde fündig.

E-m-m, lecker! Genoss ich die Süße, und legte mich wieder ins Gras. Die Sonne war so angenehm Warm, und das Gras so weich, dass ich mich für einen Moment vergaß und kurz einnickte.

 

Was war das? Schreckte ich aus meinen Sekundenschaf hoch. Doch es war alles ruhig. Nur das Pferd gab ein Geräusch von sich, als es sich schüttelte, und das plätschern des Bachs war zu hören.

Gott ich wurde langsam Paranoid! Entspannte mich und legte mich wieder hin.

 

Da war es wieder! Schrak ich hoch, und sah mich um. Pferdehufe! Erkannte ich als ich genauer hin hörte. Jemand näherte sich in rasendem Tempo, in meine Richtung.

Schnell sprang ich auf, lief zu Blitz, nahm ihn an den Zügeln, und zog ihn in den angrenzenden Wald zurück.

Wer konnte das sein? John, auf der suche nach seinem Pferd? Oder vielleicht Edward? Oder Jeff! Oh nein. Reitet vorbei. Bitte!

Ich kletterte wieder auf das Pferd, und legte mich auf seinen Rücken. Streichelte ich es zur Beruhigung.

„Schön ruhig bleiben Blitz, damit sie und nicht hören“, flüsterte ich.

Ich hoffte, dass sie uns in dem dicht bewachsenen Wald nicht entdecken würden.

Das Herz rutschte mir in die Hose. Wer war das bloß?

Mei Puls raste vor Aufregung, ich konnte nur das Traben hören, aber niemanden sehen. Und es kam immer näher.

Nein, es waren zwei! Jetzt konnte ich sie sehen. Es war keiner den ich kannte. Die beiden Reiter hielten auf den Bach zu, und stoppten die Pferde.

Was sollte ich jetzt machen? Zitterte ich innerlich, als ich sie absteigen sah.

„Schön Ruhig bleiben!“, flüsterte ich dem Pferd zu, und es gehorchte. Ich beobachtete sie. „Sobald sie verschwinden, können wir auch los“, flüsterte ich zu dem Gaul.

„Mateó, donner á l´eau des cheval, je vais faire pipi (Mateó, gib den Pferden Wasser, ich gehe mal pinkeln)“, hörte ich einen rufen, und sah ihn in meine Richtung kommen. Oh nein, das sind Franzosen! Stellte ich fest. Ich konzentrierte mich, um rauszuhören, was sie sagten, doch ich verstand kaum ein Wort. Wir hatten zwar Französisch in der Schule, und ich war eigentlich auch gar nicht schlecht. Aber dieser Dialekt war mir fremd.

Bitte, bitte, lass es nicht dieselben sein, die uns angegriffen haben, bettete ich.

Mein Puls raste schneller, was das Pferd auch spürte, denn es wurde unruhig. Es stampfte mit den Hufen und schnaubte. Die Männer sahen sich aufgeschreckt um, durchblickten den Wald.

„Avez-vouz entendu cela? (Hast du das gehört?)“,fragte einer, und sah bedenklich durch den Wald. Ich erstarrte, und hörte meinen Herzschlag in meinen Ohren hämmern.

Nein, nein, nein. Geh wieder zurück. Komm nicht näher. Folgte ich ihm mit den Augen.

„Tscht, ruhig Blitz. Wir müssen uns ganz leise verhalten“, flüsterte ich, sah hoch und erstarrte.

Ein paar Meter vor mir stand einer der beiden und blickte mir entsetzt ins Gesicht.

„Wér séit I´r?“, schrie er. Ich war wie starr vor Angst, unfähig etwas zu tun, starrte ich ihm nur entgegen.

Er war ungefähr im mittleren Alter, ganz in Schwarz gekleidet, mit einem Kettenhemd darüber, zerzausten dunklen Haaren und einen drei Tage Bart. Über seiner rechten Wange verlief eine tiefe Narbe, die an seinem Mundwinkel endete. Er sah grauenerregend aus! Und seine dunklen Augen, die mich zornig anblitzten, brachte mich zum Zittern.

 

„Wás mácht I´r ´íer?“, schrie er erneut.

„Phillippe? Aves-vous découvert quoi? (Phillippe! Hast du was entdeckt?)“, fragte der andere.

Mein Atem ging im Sekundentakt. Das Pferd konnte meine Angst riechen, denn es stampfte mit den Hufen und schüttelte sich heftig.

Ruckartig riss ich die Zügel um, und trat ihn in die Seiten. Es wieherte, und brauste los!

„Bléibt steén!“, brüllte er wutentbrannt.

„Matéo, rapidement sur le cheval, nous avons découvert! (Matéo, schnell auf die Pferde, wir wurden entdeckt!)“, schrie das Narbengesicht.

Schreckgepackt spornte ich Blitz noch mehr an, und krallte mich in seine Mähne.

„Schneller!“, spornte ich den Gaul an, und blickte über die Schulter.

Nein! Sie waren hinter mir und holten stetig auf.

Ich manövrierte das Pferd um die Bäume herum und kam an den Bach wieder raus. Mit unverminderter Geschwindigkeit sprinteten wir über den Bach. Das Wasser spritzte in alle Richtungen, als wir auf die große Lichtung geschossen kamen und geradewegs auf den schützenden Wald zu hielten. Die Hufe prallten Wuchtartig von der Erde ab, und schleuderten diese samt den schönen Wildblumen in die Luft.

Immer wieder drehte ich mich um, um zu prüfen ob meine Verfolger noch da waren. Und sie waren da! Kamen stetig näher.

„Komm schon!“, trieb ich den Gaul noch schneller an. „Schneller!“, schrie ich dem Gaul zu, und umklammerte den Rumpf des Pferdes mit meinen Beinen fester, denn ich hatte große Mühe, mich bei dieser Geschwindigkeit auf den Pferd zu halten.

Von Seite zur Seite schwingend, krallte ich mich noch fester an den Gaul, und sah das Ende der Lichtung schon in greifbarer Nähe war. Noch nie im Leben freute ich mich so über den schützenden Wald, über die Bäume um mich herum, wo man sich verstecken könnte.

Mit rasendem Tempo schossen wir in den Wald. Meine Verfolger waren immer noch dicht hinter mir, und näherten sich rasend.

„Schneller!“, rief ich Blitz zu, und lenkte ihn um die Bäume und Büsche.

„Bleibt stéen! Ír könnt üns nischt Entkómmén!“, hörte ich nah hinter mir. Blickte nach hinten und erschrak. Sie waren schon fast da.

„Na los!“, rammte ich dem Pferd die Hacken in die Seiten, und es beschleunigte. Blitz wurde Schneller und Schneller, und unsere Verfolger blieben zurück. Ich verspürte die Erleichterung, als ich sie nicht mehr sehen konnte. Doch der Gaul beschleunigte immer weiter. Ich kralle mich an seiner Mähne, versuchte ihn zu bremsen.

„Halt an, du dummes Tier!“

Die extreme Geschwindigkeit brachte in mir das schaudern hervor. Das Pferd lenkte sich von selbst um die Bäume, und ich klammerte mich noch fester an seine Mähne!

Die Hufe schallten so kraftvoll durch den Wald, dass die Vögel aufschracken und aus den Bäumen flogen.

„Blitz, bleib stehen!“, zog ich es an den Zügeln. Es wieherte laut, und erhob sich fast senkrecht auf seine Hinterbeine.

Ich versuchte mich an ihn zu klammern, konnte aber keinen Halt mehr finden, und rutschte bei voller Geschwindigkeit von seinem Rücken, was mich hart auf den Waldboden aufschlagen ließ. Ich rollte ins Laub, bis ich endlich zu stillstand kam.

A-A, mein Kopf A-A-Au, alles drehte sich ...

Jede Stelle meines Körpers schmerzte von dem unerwarteten Aufprall. Ich setzte mich etwas benebelt auf, und merkte dass Blitz nicht mehr da war.

Doch als ob es nicht genug war, hörte ich wieder meine Verfolger.

Steh auf! Renne, schrie mein Unterbewusstsein mich aufgeschreckt an.

I

 

ch richtete mich vorsichtig auf, ein wenig unsicher auf den Beinen, schärfte meine Augen, und sah wie die Männer lachend von ihren Pferden abstiegen. Das Narbengesicht kam voraus, und hinter ihm ein kleiner rundlicher, mit rotem Haar, dessen Gesicht eher einer Ratte ähnelte.

 

„Phillippé, dás ist núr éin kléinés Mädschén!“, richtete er überrascht an seinen Gefährten.

Mein Herz hämmerte in meinen Ohren.

Alarmiert sah ich von einem zum anderen, hin und her, und suchten nach einem Ausweg. Irgendwie musste ich sie doch ablenken können! Verschwinden! Doch wie, oder mit was?

Das Narbengesicht näherte sich langsam, und lachte Teuflisch triumphierend auf.

„Was ist den das?!“, schrie ich, riss meine Augen vor entsetzen auf, während ich mit der ausgestreckten Hand hinter die Beiden zeigte.

 

…Verdammt, … ich glaubte es nicht! Sie fielen tatsächlich darauf rein, und drehten sich um. Das hätte ich niemals erwartet.

Armleuchter dachte ich. Nutzte diesen Gelegenheit, und rannte los.

„Merde, cette salope nous mettre en place. Après! (Verflucht, dieses Miststück hat uns reingelegt. Hinterher!)“

Ich rannte um die Bäume, das Laub knirschte unter meinen Füßen. Meine Atmung wurde hektischer, und ich bekam Seitenstechen.

Renne um dein Leben, brüllte mein innerstes, nicht Aufgeben!

Also wenn ich gewusst hätte, dass ich in der nächsten Zeit, so viel rennen müsste, hätte ich den Sportunterricht nicht geschwänzt, überlegte ich nebenbei. Ich hatte überhaupt keine Kondition!

„Wir ´aben Eusch gleisch!“, sang einer belustigt.

Panisch sah ich mich um, und entdeckte sie.

 

Ich rannte, bis ich keine Luft mehr bekam, stoppte und versteckte mich keuchend hinter einem Baum. Nahm meine Tasche nach vorn, holte das Messer raus und presste es an meine Brust. Fest entschlossen es zu benutzen, wenn es sein sollte.

„´Álóó, wó seit Ír? Kómmt ráus, wir wérden Eúsch já dósch findén!“, sprach einer höhnisch. Mein Herz hämmerte im Sekundentakt.

Krieg jetzt bloß keine Panikattacke! Reiß dich zusammen und verteidige dich! Befahl ich mir.

„Kómmt raús, kómmt raus, wó ímmer Ich séit!“, sang der andere.

Ich umklammerte den Griff des Messers und war bereit. Langsam kamen sie in meine Richtung. Ich hörte die Blätter unter ihren Füßen knirschen.

Aufgescheucht sprangen meine Augen von Links nach rechts, und zurück. Aber ich konnte nicht heraushören von, wo sie kamen, nur das Rascheln des Laubes.

Verfluchtes Mittelalter! Musste man den hier andauernd um sein Überleben kämpfen?! Mein raste Herz vor Aufregung.

„Isch ´ab dísch Süße!“, stand urplötzlich der kleine Rothaarige vor mir, und grinste mich dämonisch an.

„Ná, wás wóllt dú dén mit dém gróssén Méssér?“ hörte ich die Narbenfresse von der anderen Seite.

„Bleibt mir vom Leib, ihr Froschfresser!“, brüllte ich, während ich sie mit dem Messer anvisierte.

„Ísch wéisch níscht Mateó, …“, legte die Nabenfresse seinen Kopf schief.

„ … méinscht dú, wír ´ier einé Lády vór úns áben?“

„Wénn já, dánn ´át sie ábér einé schléschté Èrziehúng génóssén“, antwortete der andere.

Was redete die da? Ich konnte sie, mit ihren Akzent kaum verstehen.

„Was wollt ihr von mir?!“, schrie ich, und schluckte vor Angst. Der Schwarzhaarige verzog seine Mundwinkel.

„Ná jaá, dá dú úns geseén ´ábscht, ´áben wir jétzt éin Próblém, dáss wir Beséitigén mússén!“

Was? Riss ich die Augen auf. Beseitigen? Das war nicht gut! Das war gar nicht gut!

Innerlich wie äußerlich zitternd umklammerte ich den Griff des Messers fester und schwenkte es von einem zum anderen.

„Verschwindet, und keiner wird erfahren, dass ich euch gesehen habe!“, schrie ich mit heiserer Stimme. Doch ihre Blicke verspotten, und lachten mich aus.

„Wéißt dú Phillippe, wír sind schón éiné gánzé Wéilé úntérwégs …“, blickte der Rothaarige seinen Gefährten vielsagend an, der zustimmend nickte.

Was? Was heißt das? Sah ich die beiden verängstigt an. Vorsichtig kamen sie Schrittweise näher.

„Haut ab!“, schrie ich, und richtete das zitternde Messer gegen sie.

„Kómm mon petit, tú dás Méssér wég.“ Näherte sich der Rothaarige. Meine Augen sprangen hin und her, von einem zu anderen. Und das Herz raste so schnell vor Angst, dass mein Atem nicht nachkam.

Das Messer zitterte maßlos in meinen Händen. Ich warf einen schnellen Blick darauf und schluckte schlotternd.

Du wirst jetzt nicht in Panik verfallen!!! Verteidige dich! Koste es, was es wolle!!! Schrie ich mich panisch an.

„Kómmt, séi éin wénig nétt zú úns, mon chrérry“, gab die Narbenfresse von sich.

„Verschwindet, oder ich werde euch miese Schweine abstechen!!“ zischte ich zurück.

„Phillippe, dié kléiné ´át Féuér!“, lachte der Kleine belustigt.

„Ìsch liebé és, wénn sié és einém nischt léischt máschén!“, grinste der andere.

 

Die Beiden kreisten mich ein, dass keine Fluchtmöglichkeiten mehr bestand. Ich spürte die blanke Panik mein bebenden Körper fluteten, die mir Tränen hoch trieb. Alles in mir schrie nach Hilfe!!

Der Rothaarige kam näher, und provozierte mich mit ruckartigen Bewegungen.

„Verschwinde!!“ brüllte ich, und scheuchte ihn mit dem Messer zurück. Doch er lachte! Warum lachte er? Fragte ich mich, und drängte ihn immer wieder mit dem zitternden Messer zurück. Dabei merkte ich zu Spät, dass er bloß meine Aufmerksamkeit auf sich lenken wollte, als der andere von hinten sprang und meine Hände packte, die das Messer umklammerten.

Mit einer Hand hielt er meine Handgelenke, mit der anderen versuchte er mir das Messer abzunehmen. Ich kämpfte um mich zu befreien, wehrte, entwinden mich. Schreiend, tretend, kämpfte ich um das Messer. Doch nichts half, er war zu Stark.

Der kleine Rothaarige lachte triumphierend auf. „Jétzt ´áben wir Èusch, ná wás masch Ír jétzt?!“, sagte er mit weit auseinandergezogenen Mundwinkeln.

Ich wand mich, musste ihm abschütteln. Doch es funktionierte nicht!

„Ísch wérde dísch schón zäéhmen, mon petit!“, sagte das Narbengesicht über mir. Die beiden lachten mich aus, und wurden unvorsichtig.

Geistesgegenwärtig nutzte ich diese Möglichkeit, und biss ihm mit aller Kraft in seinen Oberarm, schmeckte sein Blut.

Mit einem gewaltigen Schrei ließ er mich los. Sofort drehte ich mich um, und trat ihm zwischen die Beine. Holte mit dem Messer aus, und rammte es dem anderen in die ausgestreckte Hand, das ich dort stecken ließ, und rannte los.

Er schrie laut auf, vom unerwarteten Schmerz, so laut das sein Echo durch den Wald schallte.

So schnell ich konnte entfernte ich mich von ihnen, doch ich kam nicht weit. Der Rothaarige erholte sich schneller als gedacht und schleuderte mich zu Boden.

„Lass mich los, du fieses Schwein!“ trat ich nach ihm.

„Dú eléndés Flítschen! Wie kánnst dú es wagén misch zú Beißén únd zú Trettén!“, hörte ich das Narbengesicht näher kommen. Sprang auf und bewegte mich Schritt für Schritt rückwärts.

„Komm noch näher, und ich werde dir noch etwas Schlimmeres antun!“, drohte ich angewidert.

Der Rothaarige holte sich ein Tuch aus der Hosentasche und verband sich seine blutende Hand.

„Anglais maudit chiene! (Verfluchte englische Schlampe!)“, fauchte er zornig.

Hatte er mich gerade Schlampe genannt? Sah ich ruckartig zu ihm. Ja, hatte er! Wenn ich ihn richtig verstanden hatte.

„Haut ab ihr Drecks Kerle!“, brüllte ich, und rannte wieder los. „A-A-Au!!“

Das Narbengesicht fasste mich am Haar, drehte mich in einer einzigen Bewegung um, holte gewaltig aus, und schlug mir mit der ausgestreckten Hand, mit voller Wucht ins Gesicht.

Mit Schwung flog ich ins Laub und schlug hart mit dem Kopf auf den Waldboden auf. Ich schrie qualvoll auf, als ich auf an Boden traf.

Nach und nach verschwamm alles vor meinen Augen. Ich hörte triumphierendes Lachen, ein paar Pferde wiehern, und eine aufbrausend explosive Stimme.

Nein!! Ich sehe nichts, ich erkenne nichts. Versuchte ich wieder zu mir zu kommen.

Steh auf! Kämpf! Renn! Bring dich in Sicherheit!! Schrie mein Unterbewusstsein. Doch es half nichts. Mein Körper gehorchte mir nicht!

Am Rande nahm ich Schreie wahr, doch och konnte nichts erkennen. Alles drehte sich, wurde schwarz, bis ich von dieser riesigen Dunkelheit vollständig verschluckte und umhüllte, wurde.

 

Vögel? … Ich hörte Vögel. Diese Ruhe, die mich bedeckte, war so angenehm.

Oh … mein Kopf … Es tat so weh. … Moment! … Ich bewegte mich!

Warum bewegte ich mich?

Ich versuchte die Augen zu öffnen, doch es ging nicht. Sie gehorchten nicht.

Was war passiert?! Fragte ich mich desorientiert, und spürte meine linke Gesichtshälfte brennen. Ah, die Detonation gegen mein Gesicht. Erinnerte ich mich. Man, hatte der aber einen mächtigen Schlag drauf!

Aua, mein Kopf! Ich hatte bestimmt eine Gehirnerschütterung! Aber warum bewegte ich mich? Ich spürte ein Pferd, … und Arme! … Arme die mich hielten!

Oh nein!! Fuhr alles wieder hoch. Die Widerlichen, Ekelhaften, Dreckigen … ! Mach die Augen Auf! Streng dich an!! Zwang ich mich.

Panikgepackt riss ich die Augen auf, und blickte in den schwarzen Himmel. Es war Nacht, ich sah die Sterne. Ein Schauer durchfuhr meinen Körper. Ich war tatsächlich auf einem Pferd, und es bewegte sich!

Nein, die Franzosen!! Das zittern setzte wieder ein. Im Schock schrak ich ruckartig hoch, und schlug wild um mich.

„Lass mich los, du miese Ratte!!! Dreckiger, perverser Froschfresser!!!“, brüllte ich und versuchte mich zu befreien.

Der Reiter packte meine Handgelenke und drehte sie mir hinter dem Rücken.

„Lass deine Drecksgriffel von mir!“, brüllte ich.

Er drückte mich fest an sich und neigte sich zu meinem Ohr.

„Tscht…“

„Lass mich los, oder ich kratz dir die Augen aus!!“

Doch er presste mich nur noch fester an sich.

„Beruhige dich!“, hörte ich zwischen meinem Zerren.

„Beruhigen? Nimm deine Finger von mir, und dann zeig ich dir, wie ich mich beruhige!!!“

Ich zog und zerrte, und biss am Ende ich ihn in die Brust. „AAAu!“, hörte ich ihn laut schnauben.

„Lass mich los, oder ich reiß dir das Herz raus!!“, zerrte ich.

„Verdammt Ann, komm wieder zu dir. Ich tue dir nichts!“ schrie er zurück, und ließ etwas lockerer.

Was …? Wie …? „John?“ Entsetz sah ich ihm in die Augen.

Dieses Blau, das war John. Ich konnte es nicht fassen! Verstört blickte ich um mich. „Franzosen!!!“ erschauderte ich.

„Ann, es ist alles in Ordnung. Sie sind weg!“, sprach er beruhigend auf mich ein, und ließ mich vorsichtig los. Außer sich blickte ich zu ihm hoch.

„Aber … Wie …? Woher …?“, stotterte ich.

„Wir haben nach dir gesucht, und durch einen Zufall Gott sei Dank gefunden“, lächelte er. „Noch rechtzeitig …“ wurde sein Blick härter. „… bevor dieser Abschaum, dir noch, was Schlimmeres antun konnte!“

Langsam fasste ich mich wieder, das zittern ließ nach. „Wer … Wir …!“ sah ich mich um, und bemerkte erst jetzt, die blicke der anderen.

„Ich und Jeff.“ Lächelte er mich sanft an. Doch dann verzerrte sich sein Gesichtsausdruck, und seine Stimme wurde härter.

„Was hast du dir dabei gedacht?“, zischte er aufgebracht. „Einfach zu verschwinden! Wir haben das ganze Lager nach dir durchsucht, bis Jeff bemerkt, hat das mein Pferd fehlt!“, schrie er, und packte mich an den Schultern. Ich sah ihn wehmütig an.

„Bist du den total von Sinnen? Ich habe Höllenqualen durchlebt, vor Sorge das dir …!“, stoppte er wutverzerrt.

Sein Kiefer spannte sich an, und er atmete schwer. „Tue das nie wieder!“, sagte er und sah mich eindringlich an.

Ich sah ihn schuldbewusst entgegen. Er hatte sich Sorgen um mich gemacht.

Dieses warme Gefühl hüllte mich wieder ein, dass ich immer in seiner Nähe verspürte.

„Entschuldige“, erwiderte ich zerknirscht. Sein Kiefer entspannte sich wieder, und die Wut verschwand aus seinen Augen.

Er ließ meine Schultern los, und drückte mich mit seiner ganzen Kraft an seine Brust.

Es tat etwas weh, trotz alledem war es angenehm, in seinen Armen zu liegen. Meinen Kopf an seine Brust geschmiegt, atmete ich seinen Duft ein.

„Tue das nie wieder!“, flüsterte er mir in mein Ohr.

Ich schmiegte mein Gesicht an seine Brust. So eine Geborgenheit hatte ich nur bei ihm verspürt. Er sollte mich nie wieder loslassen. Ich wollte für immer in seinen Armen liegen. Schloss meine Augen, und genoss diese innerliche Ruhe. Alles in mir entspannte sich.

Du hast mein Hilfeflehen gehört, atmete ich erleichtert aus.

„Annabelle geht es Euch gut?“, hörte ich, und blickte immer noch an Johns Brust gepresst, hoch.

„Jeff“, lächelte ich freudig. Er schmunzelte, und erwiderte mein Lächeln. „Danke, es …“

„Es geht ihr gut!“, schnitt John mir das Wort ab, und antwortete für mich.

„Ich habe Sie gefragt, wenn es dir nichts ausmacht!“, entgegnete Jeff sein Blick.

Was? Schaute ich die beiden nacheinander an. Also wenn Blicke töten könnten …, dachte ich, als ich sie betrachtete.

„Es macht mir, aber was aus!“, schnaubte, John.

„Das ist dein Problem!“

Johns Kiefer spannte sich an. „Provozier mich nicht, das würde nicht gut für dich enden!“, sagte er.

„Drohst du mir etwa, … Cousin?!“, schürzte Jeff die Augen.

„Das ist keine Drohung, das ist eine Warnung!“, stellte John richtig.

Meine Kopfschmerzen ließen allmählich nach, und ich konnte mich wieder einigermaßen konzentrieren, musterte die beiden verstört, und merkte, dass ich mich immer noch an John klammerte.

Nein! Was tat ich da? Das durfte ich nicht. Genau deswegen bin ich überhaupt weggerannt! Hin und her gerissen sah ich zu John. Kämpfte mit meinen Armen, die ihn nicht loslassen wollten. Doch meine Vernunft war stärker. Ich wusste, was ich zu tun hatte. Die Geschichte durfte sich nicht ändern!

„Sollen wir es gleich hier austragen?!“, forderte Jeffrey ihm auf.

„Schluss jetzt“, kam Edward zwischen seinen Männern hervorgeritten.

„Ihr benehmt euch wie zwei Idioten. Was sollen die anderen von euch halten?!“ wies er die beiden zurecht. Verwirrt sah ich von Edward zu John und entzog mich widerwillig seiner Umarmung.

„Ich muss Weg!“, sprach ich wackelig aus.

Sowohl Johns als auch Jeffs Augen sprangen ruckartig auf mich.

„Was? Nein!“ entgegnete John.

„John, ich muss wieder nach Hause“, versuchte ich ihn zu überzeugen. Seine Augenbrauen zogen sich verstört zusammen. Er schüttelte den Kopf.

„Nein. Du gehst nirgendwohin. Das lass ich nicht zu“, erwiderte er verständnislos.

Ich befreite mich aus seiner Umarmung und stieg vorsichtig vom Pferd.

In kleinen Schritten entfernte ich mich von den beiden, die mir fassungslos dabei zusahen.

„Ann, nicht ...", sah er mir nach.

„Annabelle, ich bitte Euch. Denkt noch mal darüber nach! Es ist spät, mitten in der Nacht. Ihr seid verletzt! Wo wollt Ihr den hin?“, redete Jeffrey auf mich ein und stieg vom Pferd.

John starrte mich nur an. Ich weiß nicht, ich konnte seinen Blick nicht richtig deuten. Schmerz, Wut, Zerrissenheit, Fassungslosigkeit und Verzweiflung wechselten in seinen Augen ab. Ich konnte all seine Gefühle spüren, und es tat höllisch weh! Tränen stiegen in meine Augen, doch ich konnte sie noch zurückhalten. Schluckte, und merkte, dass mir nicht nur die Tränen hochkamen, mir war Übel! Die Kopfschmerzen waren wieder da, und noch heftiger als zuvor.

Es drehte sich alles … Warum drehte sich alles?! Taumelte ich leicht nach hinten. Mir war so schwindlig, dass ich dachte, gleich den Boden unter meinen Füßen zuverlieren …

„Annabelle, ist alles in Ordnung?“ hörte ich Jeffs verzerrte Stimme. „Was ist los?“

Ich blinzelte und versuchte mich zu orientieren. Doch von Sekunde zu Sekunde, wurde alles mehr und mehr undeutlicher! John stieg vom Pferd, näherte sich mir. Ich konnte ihn kaum erkennen. Versuchte meine Augen zu schärfen, doch es gelang mir nicht.

„Ann, geht es dir gut?“ fragte mich seine verzerrte Stimme. „Ann? …“ Er stand genau vor mir, blickte unsicher auf mich runter. Ich konnte ihn gerade noch so erkennen.

„Nein … Es dreht sich … alles. Mir ist … Schlecht!“ brachte ich noch heraus, bevor meine Beine nachgaben, und ich Richtung Boden sank.

Alles war wie in Zeitlupe. Ich sah wie Johns Arme mich auffingen. Jeffrey, der dazu kam. Ich bekam kaum Luft. Hilflos blickte ich in ihre verschwommen Gesichter. Hörte eine verzerrte Version meines Namens. Doch das Schwindelgefühl übermahnte mich. Und letztendlich wurde alles Schwarz!

 

„Wie geht es ihr?“ Hörte ich ab und an ein paar Stimmen.

„Sie schläft, aber sie erholt sich.“ sagte jemand.

Ich versuchte mich aus meiner Benommenheit zu befreien, kam aber nicht durch den Schleier, der mich von allem trennte. Schließlich verstummten die Stimmen, und ich blieb wieder allein. Doch sie kamen wieder, in regelmäßigen Abständen, und fragte nach meinem Befinden. Leider konnte ich mich nie lange genug konzentrieren, um zu verstehen, was sie sagten, denn die Bewusstlosigkeit hüllte mich immer wieder ein.

 

 

 

10

 

 

Kapitel 10

 

Warme Sonnenstrahlen die auf mein Gesicht fielen, ließen mich endlich aus meiner Trance erwachen. Ich füllte mich so gut, auf der warmen, weichen, kuscheligen Wolke, in die ich gebettet war. Um mich herum nur Stille.

War ich Tot fragte ich mich. Denn es fühlte sich alles so leicht an. Und diese Ruhe, diese himmlische Ruhe! Vorsichtig öffnete ich meine Augen.

Herrlich. Erblickte ich eine weiße Wolke über mir.

Nein! Das ist keine Wolke! Blieb mein Blick daran kleben. Was ist das?

Das weiße über und um mich herum, war weißer durchsichtiger Stoff, der an Balken befestigt war.

Es war ein Bett! Staunte ich. Ein Himmelbett, wie ich es nur aus Märchen kannte. Genauer gesagt, war es das weichste und gemütlichste, in dem ich je gelegen bin. Irgendwie ähnelte es dem, den ich bei der Führung gesehen hatte. Verwirrt glitt mein Blick runter. Wo war ich? War das ein Traum? Richtete ich mich vorsichtig auf. Aua, mein Kopf schmerzte! Faste ich mir an die Schläfen.

Desorientiert schaute ich mich in dem großen seltsam aussehenden Zimmer um. Das Sonnenlicht das auf mich fiel, kam aus einem der zwei verzierten Fenstern, von dem eins geöffnet war. Skeptisch sah ich mich um, und blieb an der großen Fahne hängen. Nein, … es war keine Fahne. Es war ein Wappen. In rot und blau. Aber so ein Wappen kannte ich nicht.

Wir hatten zwar in der Schule ein paar durch genommen, doch keins von dieser Sorte. Was mich mehr als stutzig machte.

Ich ließ meinen Blick vom Wappen fallen, und sah mich weiter um. Ein Stück unter den Wappen war ein wunderschöner großer Kamin, dessen Feuer den ganzen Raum erwärmte.

Es war ein Bescheidenes Zimmer, spärlich Möbliert, doch auf seine eigene Weise war es auch wunderschön, fast wie unecht. Etwas weiter von dem Kamin, stand ein Schrank, der direkt an einen kleinen Tisch mit einem Stuhl grenzte. Alles aus Holz! Sah ich mir die Möbel an. Man die Leutchen hier standen wohl auf Naturprodukte! Dachte ich.

Selbst das große herrliche Himmelbett, war aus massivem Holz, erkannte ich als meine Augen die stabilen Balken hochfuhren.

 

Stopp! Überflog ich noch einmal den ganzen Raum, und schluckte entsetzt.

Das war das Zimmer, das ich bei der Führung gesehen hatte, … oder so ähnlich. War ich etwa bei der Führung eingeschlafen? Oooh, nein, nein, nein! Mrs. Adams und Mrs. Williams werden mich Umbringen. Das darf doch nicht Wahr sein!

Ein Lufthauch strömte durch das Fenster, und wehte die Vorhänge des Bettes hoch. Allmählich kriegte ich Muffensausen!

Bloß raus hier! Ich musste die anderen finden! Man, hatte ich vielleicht einen verrückten Traum! Dachte ich, während ich rasch die Decke an hob …

„Was zum Teufel … ?“

Irgendjemand hatte mich umgezogen! Denn ich hatte ein langes Omanachthemd an. „Was?! Wann ist das den Passiert?!“, riss ich die Decke von mir runter.

Au weia, Mrs. Adams wird mich Lynchen! Jammerte ich, und schob den Vorhang zur Seite.

Was? ... Stoppte ich in der Bewegung, als ich jemanden auf der Bettkante liegen sah. John? … Nein! Erstarrte ich. Oh Gott! Das war doch kein Traum! Sah ich entsetzt auf ihn runter.

Er saß auf einem Hocker, mit dem Kopf auf dem Bett und schlief.

Ich sah alles was in den vergangenen Tagen passiert war, in einer Rückblende vor meinen Augen ablaufen, und konnte es dennoch nicht glauben.

Wie ich auf John und Edward traf. Der Überfall bei dem er verletzt wurde. Das Weglaufen. Die Kerle die mich attackiert hatten. Der heftige Schlag der mich außer Gefecht setzte hatte, und der Streit. Der Streit zwischen John und Jeff. Danach … war totale Leere.

Das war alles Echt? Wirklich Passiert? Und ich saß immer noch im Mittelalter fest? Schöne Scheiße! Schloss ich für einen Moment die Augen, und riss sie sofort wieder auf.

Aber, … wer hat mich Umgezogen. Doch nicht etwa ER?!! Bloß keine Panik Ann. Oh Gott wäre das Peinlich. Aber warum war er hier? Sah ich auf ihn runter. Er lag neben meinen Kopfkissen, mit in einander gefalteten Armen, auf die er seinen Kopf gebettet hatte, und schlief.

Wie von selbst breitete sich ein Lächeln auf meinem Lippen aus. Dieser Anblick war einfach Himmlisch. Er sah so Friedlich aus. Es juckte mich in den Fingern, ihm durch sein herrliches braunes Haar zu streichen, doch ich widerstand. Er schlief, also legte ich mich zu ihm, und genoss seinen Anblick. Meine Augen wandelten über sein attraktives kantiges Gesicht. Seine lange vollen Wimpern, bis zu den sinnlich geschwungenen Lippen, zu denen es mich hinzog, je länger ich sie betrachtete.

Das ist doch Irrsinn, was tust du da? Schelte mich mein Unterbewusstsein. Doch das war mir in diesem Augenblick egal. Er war da, zum greifen nah, und das genoss ich. Nichts war schöner, als ihm bei Schafen zu zusehen.

Plötzlich knarrte die Tür auf, was mich Erschrocken zusammen zucken ließ. Ich richtete mich schnell auf, und sah von der Tür zu John, der von diesem Geräusch aufwachte.

„Was? Was ist? Ann!“, öffnete er aufgeschreckt die Augen, als im selben Moment eine junge Frau ins Zimmer trat.

„Oh, ich wollte Euch nicht Erschrecken!“, sagte sie. „Endlich seid Ihr Wach. Schönen Guten Morgen! Lady Annabelle, richtig?“

„Nein, Ann ist ihr lieber!“, strahlte John mich an. „Geht es dir gut? Wie Fühlst du dich? ...“

„Also wirklich John!“, unterbrach sie ihn. „Du solltest sie nicht gleich, so mit Fragen überhäufen. Lass sie erst mal zu sich kommen. Außer dem, was tust du schon wieder hier?“, piepste sie empört auf. „Hast du etwa wieder hier übernachtet? Also ehrlich. Das ist das Zimmer einer Lady! Herrenbesuch, ist nicht erlaubt!“

„Hör auf Joan. Ich weiß selber, was ich zu tun, und zu lasen habe. Du brauchst mich nicht zu belehren. Das tun schon meine Eltern und mein Bruder, und von dir kann ich das nicht auch noch gebrauchen!“, belächelte er sie.

Sie schmunzelte erheitert. „Für dich immer noch Lady Joan! Schließlich bin ich die Gemahlin deines Bruders!“

Ich beobachtet die beiden Belustigt. Es war witzig. Sie hatte ehrlich ihren Spaß daran, einander zu Triezen.

„Ach was?“, sagte John.

„Jaaaa!“, schnitt Joan ihm eine Grimasse.

Lächelnd staunte ich über dieses kindische Herumalbern.

„Ähm, Hallo?“, unterbrach ich ihr herumblödeln, und sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf mich.

„Entschuldigung, aber … wo bin ich?“, fragte ich.

„Ihr seid auf Schloss Windsor, Lady Ann“, informierte sie mich, und guckte beim aussprechen meines Namens auf John, der zufrieden grinste.

„Wie geht es dir?“, erkundigte er sich schnell.

„Ich glaube … gut.“

„Ich bin froh, das du endlich wieder Aufge…“

„So, jetzt reicht´s“, Schnitt Joan ihm das Wort ab. „Raus hier! Schließlich möchte sich die Lady vielleicht Frisch machen. Verschwinde, und geh in deine Gemächer, da wo du hin gehörst!“, wies sie ihm Tür. „Und bitte John, nimm ein Bad!“, kam sie näher und rümpfte die Nase.

Grimmig schielte er zu ihr rüber. „Du braucht mir nicht zu sagen, wann ich gehen soll!“, erhob er sich „Das weiß ich selber! … Milady!“, lächelte er mich liebevoll an und ging zur Tür.

„John!“, rief Joan ihm hinterher.

„Ja?“

„Nimm ein Bad!“, wies sie ihn noch einmal an.

„Ja, Lady Joan!“, verbeugte er sich. „Ach übrigens, es heißt Sir John!“, grinste er, und schloss schnell die Tür.

„Gott, was für ein Flegel!“, regte sie sich gespielt auf. „Also manchmal benimmt er sich wie ein kleines Kind. Doch heute mehr als den je! Aber genug von diesem Schlawiner“, schüttelte den Kopf. „Wie fühlt Ihr Euch?!“, kam sie lächelnd ans Bett. Sie war eine ziemlich hübsche Frau, zwischen zwanzig und fünfundzwanzig. Mit langen dunklen Haaren, die sie zu einem dicken Zopf geflochten hatte, und grünen Augen.

„Ich glaube … ganz gut, bis auf die ungeheuren Kopfschmerzen.“

Mein Kopf fühlte sich an, als würde ein Presslufthammer drauf rumhämmern.

„Das kommt bestimmt von dem heftigen Schlag den Ihr abbekommen habt. Ich werde so gleich Mary beauftragen Euch Medizin zu bringen, damit Ihr Linderung findet.“

„Ähm … Danke … ?“

Man, die redete ja noch Geschwollener, als die anderen. Stellte ich fest.

„Ach, Ihr seid ja so Reizend. Die Jungs hatten völlig recht.“

„Was?“, steif sah ich ihr nach, als sie ums Bett ging, und sich auf die Kante setzte.

„Aber was rede ich den da, Ihr seid wahrscheinlich am Verhungern! ... Mary!“, rief sie Richtung Tür.

Was hat das jetzt zu bedeuten? Die Jungs hatten recht! Womit hatten die Jungs recht? Das konnte sie doch nicht tun, einfach so etwas in den Raum werfen, und dann so tun, als wäre nichts!

Die Tür ging auf, und eine ältere Frau, schlicht Bekleidet betrat das Zimmer.

„Mary, würdest du bitte Lady Annabelle das Frühstück auftragen. Ach ja, und bring ein Becher Pestwurzaufguss“, wies sie die Frau an.

Diese nickte. „Ja Milady“, und verließ das Zimmer.

„Ach“, sprang sie unverhofft auf, und lief zum Schrank. Ich saß immer noch steif im Bett, und beobachtete sie genau.

Mensch, die war ja richtig gut drauf, bemerkte ich.

„Ich habe Euch ein paar Kleider bringen lassen. Eures war verdreckt und zerrissen, es wird gewaschen und geflickt, wenn ihr es wünscht“, grinste sie erwartungsvoll. „Aber ich denke, diese werden Euch auch gefallen.“

„Ähm, … danke“, erwiderte ich unsicher.

„Das macht doch nichts“, winkte sie ab. „Hauptsache es geht Euch wieder gut. Wir dachten schon, Ihr wacht gar nicht mehr auf“, sprach sie, und kam wieder zurück ans Bett.

Diese Aussage beunruhigte mich. Wie lange war ich den Weggetreten? Eins, Zwei Tage?

„Ähm, Lady Joan…“

„Liebes, nennt mich doch einfach Joan.“

Na gut , dann Joan. „Wie lang … hab ich denn …“, sah ich sie beunruhigt an. „Geschlafen?“

„Oh, fünf Tage. Ihr habt fünf Tage durch geschlafen. Und nach dem was Euch alles widerfahren ist, habt Ihr das auch Nötig gehabt.“

Fünf Tage!!! Schockiert blickte ich durch den Raum. Das durfte nicht Wahr sein. Das konnte nicht Wahr sein! Ich war fünf Tage weggetreten! Man, der Fausthieb, hatte es aber in sich. Aber, was meinte sie mit –Alles was mir widerfahren ist -?

„Mein Gatte hat mir Erzählt, was Euch geschehen ist“, sah sie mich Mitfühlend an.

„Ach ja?! ...“, grinste ich alarmiert. „Was hat er Euch, den alles … Erzählt?“

„Oh Annabelle, Ihr müsst Euch deswegen doch nicht schämen.“

„Ach nein?“, hob ich überrascht die Augenbrauen.

„Liebes, Ihr könnt doch nichts dafür, dass ihr Überfallen und fast geschändet wurdet.“

Doch plötzlich verwandelte sich ihre Fröhlichkeit in Trauer. Warum guckte sie jetzt bloß so? Blickte ich ihr verstört entgegen.

„Und … es tut mir wirklich Leid … Euch diese traurige Nachricht überbringen zu müssen…“

Oh nein, was kam denn jetzt noch? Welche traurige Nachricht? Ihre Augen füllten sich mit Tränen und sie sah mich bedrückt an.

„Eure Eltern, … haben diesen Überfall leider nicht überlebt“, nahm sie sanft meine Hand.

Wie bitte? Wovon redete sie? Blickte ich nicht mehr durch. „Aber…“, sah ich sie verstört an.

„Es tut mir wirklich Leid“, streichelte sie meine Hand. „Wirklich sehr Leid. Euer Verlust ist kaum in Worten zu beschreiben. Ihr seid noch so Jung!“

Gott! Was für eine Geschichte hatte Edward denen bloß Aufgetischt?!

„Aber keine Angst, Ihr seid jetzt in Sicherheit“, sah sie mich tröstlich an. Ich versuchte Traurig auszusehen, doch ich war eher Verwirrt.

Los Ann … Spiel mit. Die Einzelheiten, wirst du später mit Edward klären.

Es klopfte und die ältere Frau betrat mit einem Tablett, wieder das Zimmer.

„Du kannst es dort auf dem Tisch abstellen Mary“, zeigte sie, auf den kleinen Tisch neben den Schrank. „Danke“, sagte Joan. Die Frau nickte, stellte das Tablett ab, und begab sich zur Tür.

„Danke schön“, sagte ich.

Sie blieb kurz stehen, betrachtete mich Mitleidig. „Gerne doch Milady“, und ging zur Tür.

Ich musste unbedingt mit Edward reden. Was hatte er denen bloß erzählt, das sie mich bemitleideten.

„Ach Mary“, fiel Joan noch etwas ein. „Könntest du noch Wasser aufsetzen, und es nachher her bringen lassen. Ich denke Lady Annabelle möchte sich bestimmt frisch machen“, sagte Joan und sah zu mir.

Die Frau nickte, und schloss die Tür.

„Kommt Esst was, Ihr müsst Euch stärken“, zeigte sie auf das Tablett, auf dem Tisch. Ich stieg aus dem Bett und folgte ihr. Es roch wunderbar. Sie stellte mir den Stuhl zurecht, selber setzte sie sich wieder auf den Bettrand. Ich hockte mich hin, der Duft des Gerichts stieg mir sofort in die Nase. Ich hatte einen Bärenhunger, merkte ich, als den Teller betrachtete.

Auf dem Teller lag Brot, Fleisch mit Kartoffeln und Gemüse, das ich aber nicht ganz Identifizieren konnte. War aber auch egal, es schmeckte super.

„Na, da hat Mary es ja gut mit Euch gemeint. Ihr habt ja schon das Mittagsmahl bekommen!“, sagte Joan, während sie mich mit einem Lächelnd beobachtete, fast wie eine große Schwester.

„Es schmeckt wunderbar! Danke“, zeigte ich mich erkenntlich.

„Na, das will ich doch hoffen. Mary ist eine ausgezeichnete Köchin!“, freute sie sich.

„Ähm Joan“, hielt ich mir die Hand vor dem Mund, und schluckte schnell runter. „Ich möchte nicht Unhöflich erscheinen, aber was genau hat Euch Edward eigentlich über mich erzählt?“

Oh nein! Sie machte es schon wieder, dieses mitleidige Gesicht. Ich sah brummig wieder zum Teller, und blinzelte ein paar Mal durch. Notiz an mich, Edward umbringen! Knirschte ich fast mit den Zähnen.

„Nur von Euren Überfall, und von Euren Leid“, sagte sie. „ Und das sie Euch noch rechtzeitig entdeckt hatten, und Euch zur Hilfe gekommen sind. Bevor diese Schurken Euch noch etwas Schlimmeres antun konnten!“, blickte sie Traurig zu Boden. Doch dann sah sie wieder hoch und lächelte leicht amüsiert.

Man die hatte vielleicht Stimmungsschwankungen! Beobachtete ich sie, wie ihr Lächeln immer breiter wurde.

„Was?“, blieb mir fast der Bissen im Hals stecken. Edward hatte sich doch nicht etwa Verplappert?

„Ach nichts …!“, winkte sie ab.

Was heißt hier nicht? Du lächelst hier, als hättest du im Lotto gewonnen! Sah ich sie gespannt an.

„Raus mit der Sprache, Joan“, bestand ich darauf, und klapperte innerlich mit den Zähnen.

„Mir ist nur aufgefallen, wie besorgt John und Jeffrey über Euer Wohlbefinden waren. So habe ich die Beiden noch nie erlebt. Ich meine John wachte fast jede Nacht an Eurem Bett.“ Was??! „Das fand ich schon etwas seltsam, so Flatterhaft wie er ist“, grinste sie. „Sie haben sich sogar fast geprügelt, wer von ihnen, Euch in Eure Gemächer bringen sollte. Ich denke Ihr habt großen Eindruck bei den Zweien hinterlassen!“

A-a-c-c-h … was du nicht sagst … versuchte ich ein Lächeln.

„Und … wer … hat … ?“, schluckte mühsam runter.

„Keiner!“, lächelte sie Vergnügt, und zuckte mit den Schultern. „Ich habe Wilson, meinen Diener beauftragt, Euch von Edwards Pferd zu nehmen und Euch in die Gemächer zu bringen. Das hat den Beiden so gar nicht gefallen. Dafür hatte es mich amüsiert“, jauchzte sie.

„Moment mal, Edward Pferd?“, hatte ich mich verhört? „Das letzte woran ich mich erinnere, ist das John mich aufgefangen hat. Wie kam ich auf Edward Pferd?“, sah ich sie fragend an. Das kapierte ich nicht!

„Na ja, so weit man mir berichtet hat, konnten sich die beiden selbst dort schon nicht einigen, wer Euch ins Schloss bringen soll. Also nahm Edward Euch auf sein Pferd, um den Streit zu schlichten.“

Das wurde ja immer besser! Ich konnte nicht glauben was ich da hörte.

„Ihr müsst wirklich etwas besonderes sein“, unterbrach sie mich in meinem Gedanken.

„Ich verstehe nicht …“, sagte ich verwirrt.

„Die beiden sind normalerweise, ein Herz und eine Seele. Doch wenn es um Euch geht, möchte keiner Nachgeben“, lachte sie.

„Jaaa … Haaa-ha …“, zwang ich mich zu einen unsicheren Lächeln. Oh man, das war gar nicht gut! Schaute ich entsetzt auf das Tablett.

„Ach ja, ich weiß gar nicht ob ich es Euch erzählen darf. Aber es geht um euch, also dürft Ihr es auch ruhig wissen.“

„Aha, …“, schluckte ich nervös. „Was gibst den sonst noch?“

Ein Schauer lief mir über den Rücken.

„Vor ein paar Tagen, beim Willkommensfest, hatte John ein Gespräch mit seinem Vater, dem König, bei dem es um Euch ging.“

„Wirklich?!“, setzte ich ein überraschtes Gesicht auf, zitterte aber innerlich. „Was hab ich den angestellt?!“

„Nichts!“, lachte sie auf. „John möchte sich um Euch bemühen!“

He??

„Euch den Hof machen!“, verdeutlichte sie. „Das er so etwas Freiwillig mal sagt … Ich dachte ich traue meinen Ohren nicht.“

Ich war wie gelähmt! Am liebsten hätte ich sofort meine Sachen zusammen gepackt, und wäre auf der Stelle aus dem Schloss geflohen.

„Annabelle, Liebes. Das ist doch großartig. Warum guckt Ihr den so Betrübt.“

„Was? Nein! Nein! Das ist überhaupt nicht großartig!“

Joan sah mich verwirrt an. „Aber warum. Das ist doch wunderbar für Euch, in Eurer Lage. Und das Ihr ihn mögt, das könnt Ihr nicht abstreiten. Ich sah wie Ihr ihn betrachtet habt.“

Ooh, mögen ist eine Untertreibung! Meldete sich mein Unterbewusstsein Mensch, hör auf damit, verpacke diese Gefühle in eine Kiste, und stell sie ganz weit weg!!

„Und John ist auch, ganz hin und weg von Euch“, sprach sie weiter. „So habe ich ihn noch nie erlebt. Also verstehe ich Euer Problem nicht. Oder seid Ihr schon Jemandem anderen Versprochen?“

„Was? Nein!“ So was ist bei uns schon längst abgeschafft! „Aber John ist es!“

„Oh, Ihr meint die Tochter aus dem Hause Lancaster“, lächelte sie. „Das ist kein Thema mehr!“

Wie meinte sie das? „Wie meint Ihr das?“, wiederholte ich unbewusst meinen Gedanken.

„Maud hatte sich geweigert, wieder so früh Heiraten. Sehr zum Ärger ihrer lieben Eltern. Anscheinend hatte sie den Tot ihres ersten Mannes noch nicht überwunden. So schien es … Doch als sie am letzten Winterbankett Wilhelm von Bayern kennenlernte, war die Trauer wie weggeblasen. Die beiden Heirateten vor sechs Monaten“, lächelte sie. „Ihr sehr, es gibt absolut kein Hindernis“, sagte sie.

„Aber ich meine doch nicht Maud“, schüttelte ich den Kopf. „Ich meine Blanche, John wird Blanche heiraten.“

„Aber Annabelle, kleines, redet doch nicht solch einen Unsinn. Wer hat Euch den so etwas Erzählt? Blanche of Lancaster ist im Alter von acht Jahren verstorben! Maud war ihr einziges lebendes Kind“, sah sie mich misstrauisch an.

Was?! Riss ich die Augen auf. Ich verstand jetzt gar nichts mehr.

N-nein! Sie konnte nicht Tot sein. Warum sollte sie Tot sein? Laut Geschichte Heiraten die beiden.

Konnte es wirklich sein, dass durch mein Auftauchen die Geschichte verändert wurde?! Gott, was hatte ich angerichtet! Blickte ich durch das Zimmer, während ich versuchte, das was ich gerade gehört hatte zu verarbeiten.

Ich hatte die Geschichte verändert! Schluckte ich fassungslos. Welche Auswirkungen würde das jetzt wohl haben?

Es klopfte, und Mary kam herein.

„Milady, das Wasser für Lady Annabelle ist jetzt fertig. Darf man es rein bringen?“

Sie stand in der Tür, und hinter ihr ein älterer Mann, der eine Badewanne auf Rädern schob.

„Ja, bringt es rein“, winkte Joan sie hinein. Der Man schob die Wanne mit dem dampfenden Wasser rein, und stelle es neben dem Bett ab.

„Danke Harold“, sagte sie. Er verbeugte sich kurz, und machte sich wieder auf den Weg hinaus.

„So, ich werde Euch dann mal allein lassen, damit Ihr euch frisch machen könnt. Ich denke, Ihr könnt diese Erfrischung gut gebrauchen, so verwirrt wie Ihr seit.“ Sie wies mich auf die Sache mit Blanche hin, und schaute mich noch einmal besorgt an.

„Wo die Kleider sind wisst Ihr ja“, ich nickte. „Und Mary wird Euch beim Baden helfen.“

Wie bitte? Beim Baden helfen?! „Ähm, das ist echt sehr nett. Aber ich denke, das packe ich schon alleine.“

Sie sah mich fragend an.

„Ich meine, ich möchte dabei lieber allein sein.“

Ich brauchte doch keine Hilfe beim Baden, wie Alt war ich, vier?! „Aber trotzdem, vielen Dank für das nette Angebot“, lächelte ich steif. Joan blinzelte vergnügt.

„Aber das ist doch wirklich keine große Angelegenheit. Wenn Ihr dabei Eure Privatsphäre haben wollt, verstehe ich das nur all zu gut. Ach ja, die Badetücher liegen auf dem Bett. Und wenn Ihr fertig seid, lasse ich Mary nach Euch schicken. Mein Schwiegervater, der König möchte Euch hier im Schloss willkommen heißen.“

Sie legte mir eine Hand auf die Schulter, und flüsterte mir ins Ohr.

„Ich bin schon ganz Aufgeregt, was er Euch zu sagten hat“, grinste sie, und wand sich an die ältere Frau. „Komm Mary!“

Die beiden gingen, und schlossen die Tür hinter sich.

Wie betäubt schaute ich Richtung Tür. Was sollte das heißen? Was hatte er mir schon zu sagen? Überlegte ich, und setzte mich Geistesabwesend aufs Bett. Joans Worte gingen mir nicht mehr aus dem Kopf.

>Aber Annabelle, Blanche of Lancaster, ist im Alter von acht Jahren verstorben! <

Nein, niemals. Das durfte nicht sein!

Das was sie sagte, und das was ich wusste, passten Absolut nicht zusammen. Ich hatte das Gefühl, dass mein Schädel zersprang. Vom Fausthieb, oder von der verwirrenden Situation, ich wusste es nicht mehr genau. Ich hatte tausend Fragen, und auf keine davon eine Antwort. Schmerzverzerrt rieb ich mir die Schläfen. Es klopfte und Mary trat ein.

„Milady, ich bringe Euch die Medizin gegen Eure Kopfschmerzen“, kam sie ans Bett, und hielt mir einen Becher hin.

„Herzlichen Dank“, atmete ich erleichtert aus. „Das kann ich jetzt wirklich gut gebrauchen. Mein Schädel platzt förmlich.“

Sie übergab mir den Becher. „Verzeiht mir Milady, wenn ich so offen spreche. Aber Ihr solltet weniger Nachdenken. In Euren Zustand ist es nicht ratsam. Ihr müsst Euch noch Ausruhen. Es wird sich schon alles fügen, keine Angst.“

„Danke“, sagte ich beklommen.

„Ihr müsst es trinken solange es Warm ist“, wies sie mich darauf hin „So kann es seine volle Wirkung entfalten.“

Ich bedankte mich noch einmal, und sie ging.

Nachdenklich schaute ich auf den Becher. Sie hatte ja Recht, ich musste mir weniger Sorgen machen, ich musste nur raus finden wie ich wieder zurück in meine Zeit komme.

Aber dafür musste ich mich erinnern, was ich nicht tat. Ich nahm ein Schluck von der dunklen Flüssigkeit, …

„Oooh Gott ist das Widerlich! Was ist das?“, schmeckte ich diesen unidentifizierbaren Geschmack. Eklig! Schloss ich die Augen, und kippte das Zeug schnell runter.

Langsam stieg ich in das warme Wasser, es war herrlich. Auch wenn ich mich nicht richtig ausbreiten konnte, in diesem kleinen Ding, war es trotzdem entspannend.

Die Sache mit Blanche beschäftigte mich noch immer. Sie durfte nicht Tot sein. Ich fragte mich wie ich das wieder korrigieren könnte.

Oh Ann, was denkst du dir eigentlich. Wie sollst du das schon korrigieren können, sie ist Tot! Starrte ich auf das Wasser. Aber vielleicht wenn ich wieder in meine Zeit komme … würde sich alles wieder normalisieren. Dachte ich.

Ich wusste nicht mehr was ich machen sollte, schoss die Augen, und tauchte mein Kopf unter Wasser.

Der Trank gegen die Kopfschmerzen war erstaunlich. Auch wenn er widerlich schmeckte, innerhalb von fünf Minuten verspürte ich die Erleichterung. Als ob sie nie was da gewesen wären, und das heiße Wasser tat das übrige. Ich wusch mir die Haare, und den Körper. Doch als ich zu meinem Gesicht kam, nahm ich ein leichtes kribbeln wahr. Schenkte dem aber keine Beachtung. Stieg aus der Wanne, trocknete mich ab, und ging zum Schrank, wo ich mir ein hellblaues Kleid heraus holte.

Meine Tasche!!! Sah ich perplex auf den Schrankboden. Die hatte ich ja total vergessen! Ich öffnete sie hastig, und kontrollierte den Inhalt.

Alles noch an seinem Platz. Atmete ich erleichtert aus. Edward hatte sie wahrscheinlich an sich genommen, und sie hier verstaut, überlegte ich.

„Danke“, flüsterte ich, und legte sie wieder zurück, versteckt hinter all den Kleidern.

Ich zog mich an, nahm den Kamm der ordentlich neben den Handspiegel auf dem Tisch lag, und kämmte mir die Haare. Flocht mir ein Zopf, und sah in den Spiegel …

„Was. Ist. Das!“, blickte ich verstört in mein Spiegelbild. Über meiner halben linken Gesichtshälfte breitete sich ein großer, leicht blau gelber Bluterguss aus. Ich wusste genau woher er stammt.

Kein Wunder das ich fünf Tage bewusstlos war. Verflixt sah das übel aus. Jetzt kapierte ich auch, warum mich alle so mitleidig anguckten.

Wütend legte ich den Spiegel wieder zurück auf den Tisch, und setzte mich aufs Bett. Ich war jetzt im Schloss, also musste hier irgendwo auch der Garten sein, erinnerte ich mich. Weil die Rosen das letzte waren woran ich mich erinnerte, musste ich sie finden. Vielleicht würde es meinem Gedächtnis nach helfen. Wie hat es Edward noch mal genannt, … Secret Garden? Eigenartiger Name.

Moment …! Secret Garden? Erstarrte ich. Scrade ! Stellte ich mir die Buchstaben im Geiste vor, und setzte die fehlenden ein. Secret Garden!

„Scheiße“, flüsterte ich, als ich die Lösung erkannte. Ich musste diesen Garten finden, koste es was es wollte. Denn auf welche Weise auch immer, es hatte irgendwas mit meinem Erscheinen hier zu tun.

 

Gedankenverloren spielte ich mit meiner Halskette, wartend auf Mary. Doch die Zeit verging, und keiner ließ sich blicken.

Nicht Mary nicht Joan. Also beschloss ich selber das Schloss zu erkunden. Vorsichtig öffnete ich die knarrende Tür, und schaute hinaus. Der Flur war Leer, niemand zu sehen. Ich schloss die Tür, und lief den Gang rechts runter, an einer Treppe vorbei, und bog dann nach links ab. Auch dieser Flur war leer.

Wo waren den alle? Ich lief den Flur entlang und versuchte irgendeine Gemeinsamkeit mit dem Windsor Castel aus meiner Zeit zu finden, doch ohne Erfolg. Alles sah vollkommen anders aus. Statt den prunkvollen und verzierten Wänden, breiteten sich lange Steingänge mit schmalen Fenstern und Fackeln, vor mir aus. Und immer wieder eine Tür, die anscheinend jede in ein Zimmer Führte.

Alles war so dunkel und moderig. Ich kam am Ende des Flures an, ging eine Wendeltreppe hinab. Stieg die letzte Stufe runter und ging ein Stück den Flur entlang, bis ich an einer gigantischen Tür mit wunderschönen Schnitzereien, und einem großen Türgriff stehenblieb.

 

„Vorsicht!“, rief einer der Dienstboten, als er mich fast umrannte. Blieb kurz stehen. „Verzeiht Milady, aber ich bin in Eile“, entschuldigte er sich, und lief gleich weiter.

„Keine Sorge, nichts passiert.“

Wo kam der den her? Sah ich ihm nach.

Ich schaute in die Halle, doch darin war auch keiner. Merkwürdig!

Es war eine riesige Halle mit drei gewaltigen Kerzenleuchtern, oben an der hohen Holzdecke. Allem Anschein nach, war ich in der Großen Halle angelangt.

War das der Vorgänger, von der St. George Hall? Schaute ich mich in dem riesigem Raum um. Irgendwie kam mir der Raum auch bekannt vor.

Langsam betrat ich die Halle, und kam immer wieder an einem riesigen Fenster mit wunderschönen bunten Verzierungen vorbei, die auf den Hof gerichtet waren. Wie auch schon zu meiner Zeit, war das Schloss in einer U-Form gebaut worden.

Wahrscheinlich bin ich den Gängen, zu dem gegenüberliegenden Nebenbau gefolgt. Blickte ich aus dem Fenster. Denn auf der anderen Seite, entdeckte ich den Flur, der mich in mein Zimmer führte.

Das Schloss schien aber noch nicht ganz fertig zu sein, denn überall wurde noch gearbeitet.

Über den gesamten Hof breitete sich eine wunderschöne Grünanlage aus. Ich erinnerte mich an sie. Die Fußballfeld große Rasenfläche, an der wir am Anfang unserer Führung vorbei gegangen waren.

Es war Märchenhaft, fast wie eine Filmkulisse, schaute ich mich noch einmal in der riesigen Halle um. Entlang der gegenüberliegenden Wand, hingen fast lebensgroße Porträts von verschiedenen adligen Personen, die fast wie Wächter über den Raum wachten. Drunter an der Wand verliefen dünne Tische, die sich über die ganze Länge des Raums verteilten, und nur zwischen zwei Kaminen eine Lücke hinterließen.

Es musste der Raum sein, der in meiner Zeit die St. George Hall war … oder würde es werden.

Von der Raumaufteilung, hatte sich gar nicht so viel geändert. War vielleicht nur ein wenig kleiner, oder es kam mir nur so vor.

„Tja, … du musst noch ein wenig auf deine majestätisch-glanzvolle Zeiten warten“, sprach ich zu der großen Halle, die meine Worte mit einem Echo unterstützte. „Aber glaub mir, sie werden kommen, und dann wirst du Glamourös sein.“

Ich ging zu einem anderen Fenster weiter hinten, und sah noch einmal hinaus.

Was soll den das?! Riss ich vor Schreck die Augen auf. Ich starrte aus dem Fernster, und erkannte die Umrisse zweier Männer, die mit ihren Schwertern auf einander einschlugen. Doch diese Umrisse waren mir Vertraut!

Sauer löste ich mich, und rannte wieder zurück zum Ausgang.

„Solche Vollidioten!“, zischte ich durch meine Zähne.

Also ehrlich, hatten die keine Hobbys! Rannte um die Ecke, den Flur runter, und hörte das knallen Stahl auf Stahl. Lief schnell durch die Tür die nach draußen führte, und sah die Zwei auf der Rasenfläche stehen.

 

„Na, wie willst du dich da wieder heraus winden!“

Jeff stand lachend über seinem Cousin, der auf dem Boden lag, und richtete sein Schwert auf ihn. John schubste ihn von den Füßen, kniete sich schnell in einer Drehung auf sein Knie, und hielt ihm jetzt sein Schwert an den Hals.

„Ungefähr so, na was hältst du davon?“, lachte er auf.

„Nicht schlecht, das muss ich mir merken!“, entgegnete Jeff anerkennend.

Mit großen Schritten, und Wut im Bauch, ging ich über die Wiese auf die beiden zu. Unreife, Kampf besessenen Idioten! Schnaubte ich.

„Na los, steh auf“, sagte John und richtete sich auf. Kaum war Jeff oben, riss ihn John wieder runter, und hielt ihn im Schwitzkasten.

„Hey, du kämpfst mit unfairen Mitteln!“, krächzte Jeff.

„Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt. Komm schon, das war doch wohl nicht alles?“, sagte John zu seinem Cousin, der sogleich mit Schwung sich nach hinten Rollte, und ihn mit sich riss. Ich kam an, und schaute finster auf die Zwei runter.

„Sag mal, habt ihr total euren Verstand verloren?“, schrie ich. „Wohl zu oft mit dem Schwert eins übergebraten bekommen, was?“

Die beiden sahen zu mir hoch, standen auf, und klopften sich den Staub von ihren Klamotten.

„Milady“, begrüßten sie mich lächelnd.

„Spart euch euren Milady Quatsch! Seit ihr jetzt vollkommen durchgedreht. Was soll das Ganze? Wollt ihr euch umbringen?“, regte ich mich auf, und merkte gar nicht, wie amüsiert sie mich beobachteten.

„Was gibt’s den hier zu lachen? Ich finde das absolut nicht komisch!“

„Ann, wir haben nur ein wenig herumgealbert und trainiert“, informierte mich John, mit einem lässigen Lächeln.

„Ja, und ich hätte dieses mal gewonnen“, sagte Jeff.

John sah ihn belustigt an. „Davon Träumst du doch!“

„Ach ja, dann bringen wir es doch zu Ende!“

„Na schön!“, stellte sich John bereits wieder in Stellung.

„Stopp!“, schrie ich sie Sauer an. „Habt ihr in der letzten Zeit zu wenig Leute abgeschlachtet, oder was soll das hier?!“

Ich ging auf die beiden zu, und streckte meine Hände aus.

„Na los, her mit den Dingern!“

Also wirklich!

Sie grinsten einander an, und übergaben mir die Schwerter. Langsam schritt ich rückwärts von ihnen zurück, und schleifte die mörderischen Waffen am Boden entlang. Was die zwei ziemlich Spaßig fanden.

Unreife Dummköpfe! Ärgerte ich mich. „Also echt, wie Kleinkinder. Hört auf zu Lachen!“, sah ich sie zornig an. „Echt Kindergarten! Sucht euch ein anderes Spiel zum Spielen. Und zwar eins, wo alle Körperteile da bleiben wo sie hingehören!“

Das gab’s doch nicht! Das Jungs, immer Kämpfen müssen!

Die beiden sahen sich grinsend an.

Die Hecken doch was aus! Hatte ich das üble Gefühl.

„Sie will spielen John!“, sagte Jeff mit einer Anspielung.

Was ? Was ging hier vor?

„Na dann lass uns doch Spielen Jeff!“, erwiderte John, und sahen mich beide gleichzeitig breit grinsend an.

Was ist jetzt los? Versuchte ich ihren Gesichtsausdruck zu deuten.

„Was? … Was guckt ihr so Blöd?“, fragte ich irritiert.

Die beiden sahen sich noch einmal vielsagend an, und kamen dann langsam auf mich zu.

„Heeey Jungs …! Was … wird … das … wenn es fertig ist?“

„Du wolltest doch das wir etwas anderes Spielen, also Spielen wir. Lauf Ann!“, sagte John, mich wölfisch angrinsend. Haben die eine Macke? Riss ich erschrocken die Augen auf.

„Hey, hey, hey. Das hab ich nicht gemeint!“, hob ich schützend meine Handflächen hoch, und ließ die Schwerter fallen. „Jung, lasst den Quatsch!“

Doch sie schlichen sich immer noch langsam an mich ran.

„Jetzt ist aber Schluss! Ihr macht mir Angst!“, rief ich aus, und sah von einem zum anderen.

„Lauft Annabelle, oder wir haben Euch gleich!“, warnte mich Jeff.

„Also echt, ihr Spinnt doch! Aus dem Alter bin ich schon längst raus. Wie alt seit ihr, Zwölf?“

Kurz vor mir kamen sie zum Stillstand, und sahen sich vielsagend an.

„Sie will nicht rennen!“, sagte Jeff.

„Dann wird das aber ein ziemlich kurzes Spiel“, grinste John, und sah mich wieder an.

„Auf sie!!!“, stürmten sie los.

Die meinten, das wirklich Ernst! Erschrak ich, und rannte unter ihren Händen hindurch. Durch den halben Hof, in Richtung einer großen Statue.

„Hey, das ist unfair!“, schrie John.

„Ach was? Und das was ihr macht ist Fair? Hört auf mir dem Schwachsinn!“

Ich rannte um die Statue, gerade Wegs in Edward hinein.

„Edward hilf mir! Die beiden sind verrückt geworden!“, versteckte ich mich hinter seinem Rücken.

„Auszeit meine Herrn“, hob er seine Handflächen.

„John, Jeff, ich muss mit euch Reden“, sagte er, und ich atmete erleichtert aus. Gerettet … ! „Und dann könnt ihr weiter machen, von mir aus“, sagte er, und sah mich schmunzelnd an.

Was??? „Du bist nicht gerade eine Hilfe, weißt du das!“, sagte ich und drückte mich von ihm weg.

„Verzeiht, aber Ihr wolltet doch, das sie etwas ungefährliches Spielen. Ich muss gestehen, ich habe Euch beobachtet“, sagte er reumütig. „Außerdem, scheint es allen großen Spaß zu machen.“

„Und was für welchen“, kam John auf uns zu.

Wütend sah ich ihn entgegen. „Du, hältst dich da raus! Und jetzt zu dir!“, blickte ich sauer zu Edward. „Was heißt hier Allen! Zähl mich nicht hinzu!“

„Lauft Annabelle, wir geben Euch einen Vorsprung“, sagte Jeffrey, und stellte sich zu Edward. Ich schaute kurz durch die Runde der Verrückten, und kam hinter Edwards Rücken hervor.

„Ihr habt sie doch nicht mehr alle!“, blickte speziell zu Edward. „Und mit dir mein Lieber, hab ich noch ein Wörtchen zu Reden.“

Edward zog amüsiert die Augenbrauen hoch.

„Deppen! Da macht man sich Sorgen, und die benehmen sich wie Pubertierende Halbwüchsige!“, sagte ich.

Jeff grinste belustigt, und John zwinkerte mir mit einem lächeln zu.

„Echt Kindergarten!“, wiederholte ich, und stolzierte davon. Hinter mir hörte ich die Männer auflachen.

Ann, lass dich von diesen Mittelalter Typen nicht provozieren! Beruhigte ich mich selbst. Und da erzählte man uns, die hätten Manieren, von wegen!

 

Ich setzte meine Tour gelassen fort. Lief den steingepflasterten Weg, durch einen großen Torbogen entlang, und kam auf der anderen Seite der Schlossanlage heraus.

Vorbei an einem großen künstlich angelegten Berg, an dessen Spitze ein runter Turm stand, und von dem dicke Mauern das Hauptschloss von den restlichen Anlage abschotteten. Genauer Betrachtet hatte sich der Grundriss nicht viel verändert. Einzig allein der Berg war etwas kleiner als in meiner Erinnerung. Es schien, als ob noch überall gearbeitet wurde.

Waren bestimmt die Modernisierungsarbeiten, dachte ich. Ein kleines hölzernes Gebäude fiel mir ins Auge, hinter dem ein großes Gerüst stand. Etwas richtig Gewaltiges schien dort zu entstehen. Dem bereits vorhandenen Umriss nach, zu Urteilen.

Die Kapelle …! Betrachtete ich bewundernd, das noch nicht einmal im Ansatz fertige Gebäude. Wow. Das ich das miterleben durfte war unfassbar!

Lautes Pferdewiehern riss mich aus meinem Staunen heraus, die aus dem langen nebenstehenden Gebäude kamen. Ich lief den gepflasterten Weg entlang, bis zu den großen Holztüren, und ging hinein.

Es war ein Pferdestall, mit vielen Stellen, links und rechts. Langsam schlenderte ich den Gang runter, durch das Heu auf dem Boden, das unter meinen Füßen knirschte. Und entdeckte am Ende des Stalls, eine bekannte Schnauze.

„Blitz!“, eilte ich erfreut zu ihm hin. Er stand in der letzten Box, neben einem weitem Ausgang, und schnaubt auf, als ich bei ihm eintraf.

„Hey mein großer, wie geht es dir?“, streichelte ich ihn über die Nase. „Hast du unseren kleinen Ausflug gut überstanden?“

Er stupste mich mit seiner Nase gegen meine Hand.

„Na was ist, hast du Hunger? Warte mal …“

Ich nahm einen Apfel aus einem Korb, der in der nähe stand und reichte es ihm. „Das schmeckt, was?“, umarmte ich den langen Hals des Pferdes. „Na brauner, was soll ich bloß machen? Kannst du mir das verraten?“, sprach ich zu dem Pferd, während ich mich an ihn anschmiegte.

 

„Da könnte man ja glatt Eifersüchtig werden!“, kam John um die Ecke gebogen. „Womit hat der Gaul das denn verdient? Das würde mich brennend Interessieren!“

„Was willst du hier?“, fragte ich genervt.

„Immer noch das gleiche wie vorher“, grinste er.

„Ach kommt, hört auf mit dem Schwachsinn. Das wird ja langsam Lächerlich!“

„Wirklich?“, lachte er auf. „Weißt du, da du deinen Vorsprung so schlecht genutzt hast, gebe ich dir noch eine Chance.“

„Ich hab überhaupt nicht vor, irgendwas zu nutzen. Ich mach nämlich bei euren kranken Spielchen nicht mit!“

„Das ist aber sehr, sehr Schade!“, kam Jeff um die Ecke, und stelle sich neben seinen Cousin. Schritt für Schritt kamen sie allmählich auf mich zu.

„Ich sagte, ich mach bei eurem dämlichem Spiel nicht mit!“, wiederholte ich, und entfernte mich langsam von Blitz, als plötzlich die Tür hinter mir aufging, und eine ältere Frau mit einem Korb eintrat.

Aufgeschreckt fuhr ich herum, sah sie alarmiert an. Sie betrachtete neugierig die Situation, und begriff sofort.

„Ach Kinder, Kinder. Immer am Herumalbern“, sagte sie amüsiert im vorbei gehen. „Lauf Mädchen!“, lächelte sie. „Wenn die zwei einmal angefangen haben, sind sie nicht mehr zu Stoppen. Das weiß ich aus Erfahrung.“

Was? Sah ich sie mir großen Augen an.

„Oh Tantchen, macht ihr doch nicht solche Angst“, sagte Jeffrey.

„Ja, sie ist ja jetzt schon ganz am zittern!“, fügte John grinsend hinzu.

„Bilde dir da nicht zu viel ein!“, blitzte ich ihn zornig an. „Sagt mal, was stimmt mit euch beiden nicht? Wollt ihr im Ernst sagen, ihr hetzt arme alte Frauen durch die Gegend? Spinnt ihr?“

Die ältere Frau ging an mir vorbei, und legte Äpfel und Karotten in die Fresstruhen der Pferde.

„Hey, so harmlos wie sie tut, ist sie gar nicht!“, sagte Jeff, mit einem unschuldigen Lächeln, an die Frau gerichtet, als diese an ihm vorbei ging.

„Ja, das letzte Mal hat sie dir den Hintern mit einer Schaufel versohlt!“ lachte John laut auf.

„Und hätte ich Euch erwischt, hättet Ihr auch die gleiche Tracht Prügel bekommen!“, sah sie ihn warnend an, und schlenderte zum Ausgang, auf der anderen Seite. John drehte sich um, sah der älteren Dienstmagd hinterher.

„Jappp!“, sagte er etwas gedehnt. „Da muss ich wohl das nächste Mal besser aufpassen.“ Fuhr sich mit der Hand in den Nacken.

„Sieht wohl so aus!“, lachte jetzt Jeff laut auf.

„Das nächste Mal?!“, blitzte ich sie an. „Also ehrlich, ihr solltet euch ein paar neue Hobbys zu legen! Das ganze Kämpfen, Abschlachten und die Verfolgungsjagden steigen euch zu Kopf.“

„Aber das machen wir doch gerade. Wir gehen unseren Hobbys nach, wie du es so schön nennst“, sagte John. „Also rennt, oder wir holen uns unseren Preis gleich ab!“

Was? Preis? Wovon redete er? Sah ich verwirrt von einem zum anderen, und versuchte aus den beiden Schlau zu werden, während sie sich langsam an mich heran schlichen.

So wie es aussah, hatte sie wirklich nicht vor mich in Ruhe zu lassen. Es schien ihnen sogar Spaß zu machen.

„Stopp! Stopp! Stopp! Moment mal! Was für ein Preis?“

„Last Euch überraschen, Milady!“, sagte John, und sein Cousin grinste.

„Ihr spinnt doch! Wohl zu oft auf den Kopf gefallen! Geht und schwingt euch wieder eure Schwerter um die Ohren. Macht doch was ihr wollt, aber nicht mit mir!“, sagte ich, und ging lässig durch die offene Tür neben mir.

„Ach Ann!“, rief John. Ich drehte mich ruckartig um.

„Genug Vorsprung!“, blitzten seine Augen auf, und sie stürmten los. Ich sprang hastig durch die Tür, schloss sie hinter mir, und suchte nach einem Gegenstand um sie zu verbarrikadieren. Sie rüttelten am Griff.

Ich schnappte mir das nächstgelegene, eine Mistgabel, schob sie durch den Türgriff, und rannte um das Gebäude.

Ich nahm den anderen Weg, der um den Berg herum führte, und rannte wieder zurück zum Schloss. Durch einen kleinen Torbogen, vorbei an der Statue, durchquerte ich die Rasenfläche und huschte in das Gebäude.

„Ich hab dich!“, hörte ich John.

Scheiße! Sah ich hinter mich, und entdeckte ihn. Schnell rannte ich in die nächste Tür, schloss sie hastig und lehnte mich mit dem Rücken dagegen.

Völlig außer Atem orientierte ich mich erst Mal. Wo war ich den hier gelandet? Sah ich mich um, als mich das aufgescheuchte Personal, das aus drei Frauen und zwei Männern bestand, misstrauisch musterte. Die Männer befüllten gerade einen großen Topf mit Wasser, und stoppten in ihrer Bewegung, als sie mich sahen.

Küche! Das war die Küche! Atmete ich schwer, und schaute über die verwunderten Gesichter.

Zwei Frauen saßen auf kleinen Hockern, und schälten gerade Kartoffeln, eine ältere, und eine jüngere. Das Mädchen trug ein Kopftuch, worunter sie ihre Haare versteckte, aus dem aber dennoch ein paar blonde Locken hervorschauten. Ich schätzte sie ungefähr in meinem Alter.

Ausdruckslos hob sie ihren Blick, und betrachtete mich von Kopf bis Fuß, worauf hin sie ihre Augen wieder senkte, und sich wieder ihrer Arbeit widmete.

Eigenartige Person, dachte ich, als ich Mary am Ofen entdeckte.

„Hallo Mary“, lächelte ich sie an.

Sie wirkte überrascht. „Milady? Aber was … ?“ fragte sie, als es plötzlich es an der Tür rüttelte.

„Hilfe!!!“, formte ich lautlos mit meinen Lippen.

Sie lächelte. „Ich verstehe. Sir John und Sir Jeffrey!“

Ich nickte, und stemmte mich mit meinem ganzen Gewicht gegen die Tür.

„Diese Kindsköpfe“, sagte sie. „Was steht ihr beiden so nutzlos herum? Los helft der Lady! Stellt euch gegen die Tür!“, richtete sie an die beiden Männer, die sogleich die Eimer abstellten, mich ablösen kamen. Ich nickte den beiden dankbar zu, die heiter meinen Platz übernahmen.

„Kann sie sich nicht selber Helfen“, sagte das Mädchen monoton, ihre Augen auf die Kartoffel gerichtet.

„Schweig du Dirne, und zeig der Lady Respekt! Sonst kannst du deine Arbeit bei den Kühen weiter verrichten!“, erwiderte Mary schroff. Das Mädchen schnaubte, und richtete sich sofort auf. „Respekt?“, sah sie mich noch einmal verächtlich an.

Ich schürzte die Augen, und versuchte zu verstehen was ihr Problem war. Sie betrachtete mich eingehend, wand sich ab und ging zur einen anderen Tür, an Ende des Zimmers.

„Wo gehst du hin?“, rief Mary ihr nach.

„Bevor ich mich hier Beleidigen lasse, gehe ich lieber zu den Kühen. Die verdienen, wenigstens meinen Respekt!“, sagte sie und verließ den Raum.

Mary schüttelte missbilligend den Kopf, und wand sich zu mir. Ich stand immer noch mit zusammen gezogenen Augenbrauen da, und starrte zur Tür, aus der die blonde Magd verschwunden war. Komisch … obwohl wir uns nicht kannten, schien sie mich zu hassen.

„Kommt schnell her!“, hörte ich Mary, die mich zu sich winkte. „Kommt“, sagte sie, und führte mich ans andere Ende der Küche. „Lauft durch diese Tür. Sie führt durch einen schmalen Flur. Am Ende ist eine Wendeltreppe. Die läuft Ihr hoch, links den Flur entlang, und dann rechts. In diesem Gang sind Eure Gemächer“, sagte sie. „Aber Ihr müsst vorsichtig sein, die gnädigen Herren sind schnell.“

„Danke!“, sagte ich, öffnete vorsichtig die Tür und lugte hinaus. Niemand zu sehen! Nickte allen dankend zu, und lief blitzschnell los. Den Flur runter, stürmte die Wendeltreppe hoch, und rannte fast den alten Mann um, der mir heute Morgen die Badewanne gebracht hatte.

„Entschuldigung Harold!“, rief ich im vorbei laufen. „Ach übrigens, danke für das Bad!“

„Gern geschehen Milady. Ach Milady, Ihr solltet lieber nicht zu Euren Gemächern. Sir John wartet da auf Euch“, rief er mir hinterher, was mich ruckartig zum stillstand brachte.

„Ihr solltet oben den Flur links abbiegen, seit vorsichtig am Ende des Gangs. Da ist noch eine Treppe, die führt Euch wieder runter. Danach links ein Stück den Flur runter, bis zu der Tür die Euch ins freie führt.“

„Danke“, sagte ich und lief los.

„Passt auf euch auf. Sir Jeffrey ist auch hier in der Nähe.“

Ich nickte ihm nochmals dankend zu, und lief die nächste links, so wie er es mir geraten hatte.

Man, dieses Schloss hatte eindeutig zu viele Gänge. Man brauchte ja eine Karte um sich hier zu Recht zu finden! Ich blieb stehen, und schaute vorsichtig um die Ecke. Keiner zu sehen. Ich musste mir eingestehen, es machte doch ein wenig Spaß. Ich hatte schon lange keinen solchen Kinderkram mehr gemacht.

Da, die Treppe! Überquerte leise den Flur. Rannte blitzschnell runter, immer über die Schulter blickend, ob mir auch niemand folgt, und stolperte in etwas rein. „Au, Verzeihung!“, entschuldigte ich mich.

„Hab ich Euch!“

Sofort sah ich hoch. Verflucht! Ich war mit voller Wucht in Jeffrey reingerannt. Na wenigsten war es jetzt vorbei, atmete ich erleichtert aus.

„Na Super, jetzt hast du mich! Ich gratuliere, du hast gewonnen“, klopfte ich ihm lobend auf die Schultern, und merkte wie merkwürdig er mich betrachtete.

Was? … Warum … guckt er jetzt … so? Hab ich was im Gesicht?

„Ähm, … du hast gewonnen Jeff. Du … kannst mich jetzt loslassen“, sagte ich etwas verkrampft.

Seine Augen fixierten mich unsicher, unter seinen blonden Locken.

„Ja, … das habe ich“, hauchte er, hielt mich aber dennoch an sich gedrückt.

Oh man! Was passiert hier gerade? Mein stieg Puls mir in die Ohren. Ich schaute ihm nervös entgegen, und merkte, wie sich mein Magen langsam verknotete.

„Und jetzt … möchte ich mir meinen Preis … abholen“, sagte er etwas wackelig.

>>Was??? << Klingelten alle Alarmglocken.

Den Blick auf mir geheftet, beugte er sich runter, und küsste mich sanft auf die Lippen. Ich konnte nichts anderes tun, als ihn wie versteinert anzustarren.

Ähm … ähm … ähm … stotterte mein Unterbewusstsein.

Auch ihm hatte es die Sprache verschlagen.

Er löste sich zaghaft, sah mich noch einmal intensiv an, und presste sogleich wieder seine Lippen auf meine. Drückte mich gegen die Mauerwand, ohne sich von mir zu lösen. Er war zärtlich und zeitgleich fordernd, so dass ich mich kurz von seiner Leidenschaft mitreißen ließ.

Es war vollkommen anderes als mit John. Bei John setzte mein kompletter Verstand aus, es existierten nur wir beide, und unsere Sehnsucht nach einander. Und mit Jeff … ich konnte es gar nicht richtig beschreiben. Er war zärtlich, sanft und anziehend, aber trotzdem. Ich verlor nicht den Boden unter den Füßen!

Keuchend gelang es mir sich von seinen Lippen zu lösen.

„Jeff … Jeffrey … hör auf“, japste ich nach Luft. Er fuhr sanft mit seinen Lippen meinen Hals hinunter, den er mit leichten Küssen bis zu meiner Schulter bedeckte. Es fühlte sich wirklich gut an. Ich schloss benebelt die Augen, versuchte aber dennoch auf ihn ein zu reden. „Jeff … warte …“

Er löste sich von mir, und blickte mich sehnlich an.

„Es tut mir Leid, aber ich kriege dich einfach nicht mehr aus meinem Kopf. Ich weiß, das ist nicht gerade originell, aber es ist die Wahrheit“, hauchte er Qualvoll, während seine Augen mich musterten.

Benommen schaute ich umher, versuchte mich wieder zu sammeln.

„Jeff, du bist mein Freu…“, sprach ich und fühlte wieder seine Lippen auf meinen.

„Lass sie los!“, schrie eine wütende Stimme durch den Turm.

Erschrocken sahen wir gleichzeitig runter. John stand am Ende der Treppe. Man konnte es praktisch hören wie er mit den Zähnen knirschte.

„Ich sagte, Lass … Sie … Los!“, knurrte er zwischen seinen Zähnen. „Finger weg von ihr!“

Langsam ließ Jeff von mir ab, und ging ein Stück zurück. Ich blieb an der Wand kleben, fast so, als bräuchte ich sie als mein Halt.

Was ist das bloß mit diesen Mittelalter Typen, schnappte ich nach Luft. Ich musste mein Gefühlschaos wieder unter Kontrolle bringen. Das war ja nicht mehr zum aushalten. Erst John und jetzt auch noch Jeff! Das war eindeutig zu viel, mein Kopf schwoll an.

„Ich habe Gewonnen!“, sagte Jeff. „Und habe mir nur meinen Gewinn abgeholt … Wie immer!“

Was? Sah ich ihn erschüttert an. Wie meint er das?

„Gemeint war ein Kuss auf die Wange, du weißt wie das läuft!“, fauchte John.

Jetzt verstand ich! Diese Vollpfosten hetzen Frauen durch die Gegend, um von ihnen einen Kuss zu kassieren! Blickte ich entsetzt von einem zum anderen.

Das durfte doch alles nicht wahr sein …! Sah ich die zwei Wutentbrannt an.

„Wieso? Eifersüchtig Cousin?“, zuckte Jeff mit den Augenbrauen.

„Du willst es unbedingt Wissen, oder? Von mir aus, tragen wir es sofort aus!“, knurrte John, und ballte seine Fäuste.

„Ja!“, stimmte Jeff zu. „Von mir aus!“

„Jetzt reichst!“, schrie ich, das es durch den ganzen Turm schallte. „Wie immer?!“, sah ich die zwei fassungslos an. „Wie immer? Hab ich das richtig verstanden? Seid ihr Irre?“

Schuldbewusst blickten sie zu Boden.

„Ann …“, sah John zerknittert hoch.

„Was?“, schrie ich zurück. „Wiest ihr eigentlich wie Demütigend das ist?“, sah noch einmal von einem zum anderen. „Nein, natürlich nicht! Für euch ist es ja, –Wie Immer-!“

„Annabelle …“, versuchte Jeff es zu erklären, und griff nach meinem Arm.

„Nein! Fass mich nicht an!“, entzog mich ihm. „Ich halte das nicht mehr aus!“, schluckte ich die Tränen runter. Drängte ich mich an Jeff vorbei, lief die Treppe runter, und rannte John fast um.

„Ann …“, hörte ich ihn schwermütig sagen.

Ich lief den Flur entlang, und flüchtete durch die Tür. Raus aus dem Gebäude, ließ ich meinen Emotionen freien lauf. Sie sollten meine Tränen nicht sehen. Es war so Entwürdigend! So Verletzend!

Diese Armleuchter! Presste ich mir meine Handflächen gegen die Schläfen. Das ist doch alles nicht zu fassen! Wie kann man nur so Blöd sein! Blickte ich aufgelöst durch die Gegend.

Die beiden folgten mir, und versuchten sich zu entschuldigen.

„Annabelle verzeih mir. Ich wollte dich nicht Kränken …“, redete Jeff auf mich ein. Ich stand mit den Rücken zu ihnen, und hob abwehrend meine Hand.

„Nein! Haut ab! Verschwindet!“, unterbrach ich ihn energisch. „Lasst mich für alle Male in Ruhe!“, rief ich aus. Atmete tief durch, und lief los. Mir war egal wohin, Hauptsache weg, und das, so schnell wie möglich.

Jungs sind im jeden Jahrhundert gleich. Hormon gesteuerte, Gewissenlose Vollidioten!

Die riesigen Kopfschmerzen waren wieder da, und hämmerten mir gegen meine Schädeldecke. So was von bescheuert! Was dachten sie sich eigentlich. Nein! Sie dachten sich rein gar nichts dabei. Für sie ist es ja nur –Wie Immer-!< Stampfte ich durch das Gras zum Nebengebäude.

„Ach, da seid Ihr ja“, rief jemand, ich sah hoch und entdeckte Joan. Unauffällig wischte ich mir meine Tränen weg, und ließ mir ein paar Haarsträhnen ins Gesicht fallen.

„Wo wart ihr denn? Ich habe Euch schon überall gesucht …“, sagte sie und stockte, als sie meine geröteten Augen bemerkte.

„Annabelle. Was ist passiert!“, fragte sie, mit den Blick über meine Schulter. „Ihr zwei, was habt ihr angestellt?!“, rief sie den beiden zornig zu.

„Annabelle, es tut mir …“, versuchte Jeff es noch einmal.

„Nein, sagte ich!“, immer noch ihnen den Rücken zukehrend. Ich konnte, und wollte ihre Rechtfertigungen nicht hören. Ich fühlte mich so hintergangen.

„Joan, es ist alles in Ordnung. Können wir hier nur bitte schnell weg.“

„Aber natürlich“, erwiderte sie. „Und ihr zwei … “, sagte sie scharf. „… solltet euch schämen! Kommt“, nahm mich am Arm und führte mich ins Gebäude.

Wie konnte ich das nur zulassen? Ich bin so Dumm! Aber das wird nicht noch einmal passieren! Blickte ich entschlossen nach vorn. Ich musste mich darauf konzentrieren hier weg zu kommen, und alles unnötige Ausblenden.

„Ann, bitte!“, rief John mir nach, aber ich stellte meine Ohren auf Durchzug.

„Was sollte das, du Idiot?!“, fuhr John, Jeff an.

„Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt! Waren das nicht deine Worte?!“

„Und, … was hast du jetzt davon?!“

Ich hörte seine Antwort nicht, sie war mir auch egal. Sollten sie doch machen was sie wollen. Sich die Köpfe einschlagen, oder sonst was.

Allmählich war ich an Ende meiner Kräfte, und konnte nicht mehr. Die Situation wuchs mir einfach über den Kopf. Am liebsten, hätte ich mich von Joan losgerissen, und wäre in mein Zimmer gerannt. Um mich dort zu verkriechen, und auszuheulen,.

Joan brachte mich wieder zurück ins Schloss und drehte mich dann zu sich.

„Annabelle, Männer sind manchmal Riesen Trottel, wenn sie verliebt sind. Und Jungs …“, zuckte sie mit den Schultern. „… sind es andauernd!“

Danke. Sehr aufbauend! Schaute ich zu Boden.

„Es ist wirklich alles in Ordnung“, sagte ich. „Macht Euch keine Sorgen.“

Sie versuchte mich aufzumuntern, das kannte ich ihr auch an. Aber im Moment fühlte ich mich nur Verraten. Und nichts konnte es besser machen. Sie nahm meine Hand, und hob mein Kinn an.

„Macht Euch keine Gedanken über diese Trottel. Sie sind es nicht wert,“ zog sie ihre Augenbrauen hoch, und lächelte mich an. „Wollt Ihr mir sagen was geschehen ist?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nichts von Bedeutung!“

Absolut nichts! Ich musste mich zusammen reisen. So tun als wäre überhaupt nichts passiert. Denn die einzige Sache, die für mich von Bedeutung war, war der Garten.

Joan blickte mich einfühlsam an. „Wenn Ihr wollt, werde ich mit Edward reden. Damit er ihnen den Kopf wäscht!“

„Nein!“ Das fehlte mir noch! „Das braucht Ihr nicht, wirklich nicht! Ich werde das schon selber klären. Außerdem wird es reichen, wenn ich den beiden in der nächsten Zeit aus den Weg gehe.“

„Das wird sich aber für ziemlich schwierig erweisen, angesichts der Tatsache, das wir Morgen alle zusammen Dinieren!“

Was? Ich hatte nicht unbedingt vor, so lange zu bleiben, sah ich sie an.

„Das ist sehr nett von Euch, dass Ihr mich bei Euren Dinner dabei haben wollt. Aber ich hatte eigentlich vor heute noch abzureisen!“

Verwirrt erwiderte sie meinen Blick. „Aber Annabelle, warum wollt Ihr den so eilig weg? Ihr seid erst heute wieder Aufgewacht. Ihr müsst Euch noch schonen! Und Ihr habt doch niemanden …“, stockte sie. „Es tut mir Leid“, sagte sie schwermütig.

„Das muss es nicht, ehrlich nicht! Ist schon Okay“, erwiderte ich.

„Wisst Ihr …“, lächelte sie. „Ihr benutzt ab und an eigenartige Wörter, die ich noch nie gehört habe. Aber sie sind witzig. Ist das die neu Ausdrucksweise von der jeder spricht?“

„Na ja“, schmunzelte ich ertappt. „Neu ist sie nicht. Aber für Euch wahrscheinlich schon.“

Ich musste ernsthaft besser aufpassen, was, und wie ich es sagte. Und mich der hiesigen Ausdrucksweise, so gut es ging anpassen. Aber die klangen hier alle so Albern! Rollte ich mit den Augen.

„Außerdem könnt Ihr noch nicht fort. Der König erwartet Euer erscheinen bei dem Dinner, er möchte dort etwas Bekannt geben. Und es sind schon alle gespannt Euch kennenzulernen!“, informierte sie mich.

„Alle?“, sah ich sie erschrocken an. „Was heißt alle?!“

Ich durfte doch kein Aufsehen erregen, und nicht noch mehr Personen begegnen. Wer weiß, was das für Folgen haben könnte. Ich war mir nicht einmal sicher welche Konsequenzen, das für meine Zukunft jetzt schon hatte, dass ich hier war. Geschweige den, die Sache mit Blanche!

„Na die gesamte Königsfamilie, und ein paar geladene Gäste. Die Königin ist schon ganz aus dem Häuschen. Sie ist gespannt das Mädchen kennenzulernen, das John so den Kopf verdreht hat …“, stockte sie. „Entschuldigt!“

„Wisst Ihr, ich denke das ist keine gute Idee. Es ist besser für alle, wenn ich so schnell wie möglich verschwinde … ähm, ich meine Abreise. Aber was anderes … “, versuchte ich sie vom Thema ab zulenken. „Ich habe schon so viel Gutes vom Schlossgarten des Windsors gehört. Könnt Ihr mir den mal zeigen?“

„Oh ja, die östliche Terrasse ist wahrlich ein Schmuckstück, da habt Ihr recht. Aber die zeig ich Euch ein anderes Mal. Jetzt erwartet Euch der König“, sagte sie.

„Nein, ich meine nicht die östlich Terrasse. Ich rede von …,“

Wie hat es Edward noch mal genannt? Äh „ … Secret Garden. Das ist doch der kleine Schloss Garten?“

„Aber! ...“, schaute sie mich misstrauisch an, und musterte mich einen Moment. „Woher wisst Ihr davon?“

Ähm, hab ich was Falsches gesagt? Warum guckte sie so?

„Kein fremder weiß von seiner Existenz. Wie kommt Ihr an diese Information?“, fragte sie und starrte mich an.

Scheiße! War ich ins Fettnäpfchen getreten?! Was sollte ich jetzt sagen? Denk nach, denk nach!

„Ähm … Edward, hat mir davon erzählt“, sagte ich etwas verkrampft. „Ich hoffe, er kriegt jetzt keine Schwierigkeiten, … oder so.“

„Oh, das ist etwas vollkommen anderes“, sagte sie erleichtert. „Aber dorthin darf ich Euch leider nicht bringen. Es ist jeden Untersagt diesen Garten zu betreten. Bis auf den König und die Königin, die sich täglich dorthin begibt, um die Rosen zu pflegen. Und natürlich eine handvoll Gärtnern, ist jedem der Zutritt dorthin untersagt. Selbst mir.“

Hee? Das klingt aber Eigenartig! Blickte ich zur Seite.

„Aber genug davon! Kommt wir müssen uns sputen!“, nahm sie mich an die Hand, und zog mich schnell hinter sich.

„Wir müssen uns was?“, fragte ich verwirrt, und stolperte fast über mein Kleid, als sie mich so ruckartig mit zog.

„Wir müssen uns beeilen. König Edward mag es nicht, wenn man ihn warten lässt“, sagte sie und zog mich weiter.

Wir liefen den Flur runter, mit großen Fackeln an den Wänden. Und kamen an der mächtig großen Türen mit den Verzierungen an.

Das ist doch die Große Halle von vorhin. Schaute ich verwirrt. Was war hier los? Hörte ich ein lautes Stimmengewirr aus dem Raum.

 

 

 

 

11

 

 

Kapitel 11

 

 

 

 

Wir betraten den Raum. Während Joan mich durch den Saal schleifte, sah ich mich um. In der vergangenen Stunde schien eine Menge passiert zu sein.

Ein großer langer Tisch wurde in der vorderen Hälfte des Raums aufgestellt, in der anderen Hälfte baute man gerade eine kleine Tribüne auf.

Hin und wieder stieß ich an einen der Dienstboten, die gerade den Tisch deckten.

„Verzeihung!“, rief ich aus, während sie mich weiter zog. „Joan, langsamer. Ich stolpere gleich über mein Kleid“, warnte ich sie.

„König Edward hat schon zwei Mal nach Euch gefragt, und er fragt kein drittes Mal!“, klang sie besorgt und schleppte mich weiter.

Ehrlich war der Mann so furchterregend, dass sie mich so durch die Gegend schleifen musste?!

Wir arbeiteten uns durch die Menge von Dienstboten, die sich wie eine Schar von Ameisen, durch den Saal bewegte. Sie dekorierten, stellten große Kerzenständer auf, und schmückten den riesigen Tisch.

„Was machst du da?“, meckerte einer aus der Dienerschaft. „Der große Kerzenständer gehört auf die andere Seite. Hier kommen nur die Kleinen hin!“

Gott! Was für eine Hektik. Warum waren alle wegen dieses Festessens so aus den Häuschen?

Die Menschenmenge lichtete sich, und ich entdeckte einen großen weißhaarigen Mann, der mit verschränkten Armen über den ganzen Raum wachte.

„Du da!“, schrie er mit einer bass vollen Stimme. „Die Tribüne gehört weiter nach hinten! Sollen sich meine Gäste etwa auf die Füße treten!“

Okay, jetzt verstand ich ihre Sorge. Also wenn man mich in so einen Ton anschnauzen würde, hätte ich auch Muffensausen. Er drehte sich um, und erblickte uns.

Wau, Edward kommt ganz nach ihm, sah ich ihn mir genauer an. Er war groß, kräftig, aber dennoch für sein fortgeschrittenes Alter, auch irgendwie attraktiv. Auf eine Art erinnerte er mich an Sean Connery, in -Der erste Ritter-.

Genauso strahlte auch König Edward, diese gewisse Autorität und Stärke aus. Das aber durch seine vertrauenerweckenden Augen, längst nicht so hart wirkte. Er lächelte und kleine Grübchen bildeten sich auf seinen Wangen.

„Joan! Meine liebste Schwiegertochter“, rief er erfreut aus.

„Euer Einzige.“ Wies sie ihn schmunzelnd darauf hin.

„Noch!“, erwiderte er mit einem charmanten Lächeln. „Und das muss die liebreizende Lady Annabelle Mitchell sein“, wand er sich an mich. Ich lächelte, und er nickte mir zur Begrüßung zu.

Nicht vergessen, Edward umbringen! Sah ich zähneknirschend zur Seite. Es reichte ihn nicht, irgendeine Geschichte über mich zu erfinden. Jetzt erzählte er auch noch jeden, wie ich heiße! Konnte er keinen Namen erfinden?

Joan zog mich am Ärmel. „Annabelle, knicks!“, flüsterte sie mir zu.

Ach so, ja. Ich machte es ihr nach und sah sie entschuldigend an, als wir uns wieder erhoben.

„Meine liebe, es ist mir ein Vergnügen Euch endlich kennen zulernen, und Euch in meinem Haus willkommen zu heißen. Ich habe schon viel von Euch gehört, und ich muss sagen, mein Sohn hat nicht übertrieben!“, sagte er schmunzelnd. Meine Augen weiteten sich vor Schreck. Wie meint er das!

„Keine Sorge, er hat nur Gutes erzählt“, beruhigte er mich. „Es freut mich, dass es Euch wieder besser geht!“

„Danke Majestät", erwiderte ich.

„So könnt Ihr an dem morgigen Dinner teilnehmen.“

Ooh, das ist keine gute Idee! Dachte ich. Er lächelte, und ich stellte fest, dass Edward nicht nur die Augen von ihm geerbt hatte, sondern auch dasselbe freundliche Lächeln.

„Majestät, es freut mich außerordentlich, das Ihr mich zu Eurem Fest einladet“, sagte ich, so vornehm, wie ich konnte. „Aber, ich würde doch gerne noch heute abreisen. Wenn es Euch nichts ausmacht.“

Er sah mich prüfend an, und blickte dann zu Joan. Die ihm mit einem Schulterzucken antwortete.

„Ich danke dir liebe Schwiegertochter, aber ich würde gern mit der jungen Lady alleine sprechen“, sagte er mit einem scharfen Blick.

Okay, jetzt kapierte ich, wieso sie so ein Schiss vor ihm hatte! Schluckte ich vor Schreck. Wau, wer hatte wohl das geerbt!

Sie knickste erneut. „Vater“, verabschiedete sie sich von ihm, lächelte mich noch einmal an, und verschwand aus dem Raum.

„Kommt meine liebe, gehen wir ein Stück“, führte er mich aus der Halle in den Flur.

„Hier entlang junge Lady“, wies er mir mit einer Geste an. Auch in den Fluren sah es nicht besser aus, als in der Halle. Alle rannten beschäftigt an uns vorbei, und wieder zurück. Holten oder brachten was. Alles wurde sorgfältig für den morgigen Tag vorbereitet.

„Lady Annabelle“, sprach er, während er mich durch den Flur führte. „Ich möchte Euch mein tiefstes Mitgefühl ausdrücken, für das, was Euch widerfahren ist“, sagte er, während er seine Hände hinter den Rücken faltete. „Es ist etwas Schreckliches, seine Eltern so jung zu verlieren.“

Ich überlegte mir, was ich ihm antworten könnte, doch mir fiel nichts Originelles ein.

„Danke für Eure Anteilnahme, Majestät. Und dafür, dass Ihr mich so freundlich empfangen habt.“

Ich versuchte mich an möglichst viele Mittelalter filme zu erinnern, um mich richtig auszudrücken, und, um nicht aufzufallen. Er lächelte mich an. Puh, … es schien zu klappen. Okay weiter. „Majestät, ich möchte nicht undankbar erscheinen, aber ich würde doch lieber heute noch abreisen. Ich muss dringend wieder nach Hause.“

„Ja mein liebes Kind ist den dort noch jemand, der auf Euch wartet?“, fragte er mit einem bohrenden Blick.

Meinte er jetzt etwa das, was ich dachte? Einen Ehemann?!

Hey ich bin erst sechzehn!!!

„Ähm … nicht so, wie Ihr denkt. Aber … ich bin schon ein großes Mädchen, und komme auch gut alleine zurecht“, guckte ich unsicher.

„Ihr wisst, Ihr solange bleiben könnt, wie wollt“, sagte er.

„Majestät, ich danke Euch für dieses verlockendes Angebot …“

Mann, ich wurde ja immer besser! Lobte ich mich selbst, und blieb abrupt stehen.

 

Moment mal!!! Sah mich verwundert um.

Bäume? Blumen? Büsche? Wo sind wir? Dieser Ort kam mir merkwürdig bekannt vor. Ich bin hier schon einmal gewesen! Überlegte ich und erstarrte … Wir waren im Garten! In DEM Garten!!! Ging mir ein Licht auf. Wie waren wir bloß hergekommen? Warum hatte ich nicht besser aufgepasst?!

Meine Augen huschten hin und her, auf der suche nach den Rosen. Doch ich konnte sie nirgends entdecken. Der Garten hatte sich so gesehen gar nicht viel verändert. Wirkte aber dennoch befremdlich auf mich. Ich bekam eine Gänsehaut, als meine Augen die verschiedenen Gewächse überflogen, und nahm nichts mehr wahr. Nur mit einem Ziel vor den Augen schaute ich von einer Stelle zu anderen, wodurch sich meine Atmung beschleunigte, und letztendlich stockte.

„Annabelle!“, hörte ich König Edward meinen Namen rufen, und blickte ihn zerstreut an.

„Annabelle, ist alles in Ordnung? Ihr seid so blass!“

„Alles …“, schluckte ich. „ … bestens … Majestät …“, erwiderte ich abwesend.

„Kommt. Ich möchte Euch den Garten meiner Frau zeigen“, winkte er mich weiter.

Ich folgte ihm, doch hörte praktisch nicht mehr zu.

„Annabelle, seid Ihr noch da?!“, drehte sich der König zu mir um, und sah mich durchblickend an.

„Ähm … ja … äh … ja natürlich!“, sagte ich verstört. „Majestät, darf ich Euch sagten, das ihr einen Wunderschönen … Nein bezaubernden Garten haben.“ Mein Herz hämmerte vor Aufregung.

„Danke sehr. Aber diese Ehre gebührt nicht mir. Meine liebe Frau hat diesen Garten anlegen lassen, … für unsere Kinder“, sagte er, machte eine Pause und führte mich weiter. „Wisst Ihr, was das für ein Garten ist?“, fragte er mich und hob eine Augenbraue.

Worauf wollte er hinaus? „Ich verstehe nicht Majestät!“, erwiderte ich immer noch unter heftigem Herzklopfen.

„Oh doch! Ich denke, das tut Ihr. Wisst Ihr, wie er heißt?“

Ich sah ihn verwundert an. Er verwirrte mich! Was wollte er damit bezwecken?

„Wenn ich richtig liege, ist das der … Secret Garden!“, blickte ich ihn misstrauisch entgegen.

„Das ist korrekt!“, sagte er. „Woher wisst Ihr davon?“, fragte er neugierig. Zerknirscht blickte ich zu Boden. Ich hätte doch lieber den Mund halte sollen!

„Nun!“, wartete er.

„Edward … hat mir davon erzählt.“

Er blickte mich ein Moment nichtssagend an. „Seit Ihr Euch da auch vollkommen sicher? ... Dass es Edward war?“, durchbohrte mich sein Blick.

Das war alles ziemlich verwirrend! Mein Herz fing vor Aufregung an, zu rasen.

„Ja“, antwortete ich. „Wieso?“

„Ich hatte eher angenommen, dass es mein anderer Sohn war", sagte er verblüfft.

„John?“ warf ich kopflos ein.

„Ihr begreift schnell. Das mag ich an einer Frau.“

Ich verstand nicht, was er von mir wollte. Warum stellte er mir diese bizarren Fragen? Komisch!

„Aber Ihr wisst, dass dieser geheime Garten, auch geheim ist?!“, fragte er, während er ein Stück vor mir ging.

„Ja, Majestät“, sagte ich ein wenig verkrampft.

„Woher?“, drehte er sich plötzlich um. Irgendwie schüchterte er mich ein. Sollte ich es ihm sagen. Ich war mir unsicher. Ich wollte nicht, dass Joan meinetwegen Ärger bekam.

„Nun?“, wartete er.

„Majestät, ich verstehe nicht, warum Ihr mir all diese Fragen stellt!“

„Das werde ich Euch am Ende unseres Spazierganges erklären“, lächelte er, und forderte mich auf, weiter zu gehen. Misstrauisch betrachtete ich ihn. Versuchte zu begreifen, was die ganze Aktion zu bedeuten hatte.

Er lächelte. „Kommt, keine Sorge. Es ist nichts Schlimmes.“

Wir gingen schweigend weiter. Vorbei an den verschiedensten Gewächsen. Thujen, die ordentlich in Form geschnitten waren, und an unterschiedlichen Blumen, Bäumen und Büschen, die als Trennwand dienten.

Stellenweise kam mir der Garten bekannt vor, aber nur stellenweise. Wo waren sie bloß? Suchte ich mit meinen Augen jeden Zentimeter ab. Es musste irgendwo hier sein!

„So, und da sind wir auch schon“, sagte er und blieb stehen. „In diesen Teil des Gartens hat meine liebe Phillippa eine Ecke für unsere Kinder angelegt.“

Ich verstand nicht, was er damit meinte, sah ihn fragend an.

„Na ja, es ist vielleicht ein wenig kitschig, und vielleicht auch etwas mystisch. Aber es ist so Brauch in ihrer Familie, also war es mir recht.“

„Majestät, es ist ein sehr schöner Garten, aber, … warum sind wir hier?“

„Nur Geduld“, sagte er geheimnisvoll. „Ich möchte Euch davon erzählen.“

Komischer alter Kauz! Ich blickte nicht mehr durch.

„Nun, jedes unserer Kinder, bekommt im Alter von zehn Jahren sein eigenes langlebiges Gewächs, das es sich selbst aussuchen darf“, blickte er über den Teil des Gartens.

„Das ist sehr interessant, aber …“

„Ich sehe schon, Ihr seid nicht gerade eine geduldige Person!“, unterbrach er mich lachend.

Nein bin ich nicht. Komm endlich zur Sache! Wurde ich langsam unruhig.

„Seht Ihr diesen großen, starken Apfelbaum?!“, fragte er und führte mich hin. Ich nickte. Er war wirklich groß, und prächtig, mit langen starken Ästen.

„Das ist Edwards“, sagte er. „Er hat ihn mit Bedacht ausgesucht. Wegen seiner Stärke, Standfestigkeit und der Frucht, die auch als Nahrung dient. Er war klug den Baum zu wählen. Ich muss zugeben, nicht alle meine Kinder haben so gehandelt.“

Wir gingen einige Schritte weiter, und blieben an einem Nadelbaum stehen. „Und das ist die Fichte von Lionel. Sie ist der Baum des Friedens, … Habt Ihr das gewusst?“, sah er mich fragend an. Ich schüttelte den Kopf. „Na ja, das macht nichts. Ich nämlich auch nicht“, lächelte er. „Sie steht für den Lernprozess, mit anderen Lebensformen und Kulturen zu kooperieren. Um mit Himmel und Erde verbunden zu sein. Sie hilft ruhige und freundliche Bescheidenheit an den Tag, zu legen. Das war eine höchst interessante Wahl, die mein Sohn da getroffen hat. Selbst für mich!“

Interessant, was ein paar Bäume für Symbole haben konnten. So was hätte ich an der Joseph Swan School bestimmt nie gelernt.

„Kommt!“, sagte er. Wir gingen ein paar Schritte weiter, und blieben an einem Fliederbaum stehen.

„Flieder! Eins meiner Lieblingsblumen!“, sah ich ihn erfreut an.

„Wirklich? Dieser Baum gehört zu Edmund, unseren zweitjüngsten. Wisst Ihr, wofür Flieder steht?“

Ich schüttelte interessiert den Kopf. „Es steht für ein zartes Band zwischen zwei Herzen. Jugendliche Unschuld und die Erinnerungen. Außerdem soll sein Duft Harmonie verbreiten.“

„Das klingt wunderschön“, bemerkte ich.

„Der Legende nach“, fuhr er fort. „… verwandelte sich die Nymphe Syrinx, in einen Fliederstrauch, als sie von dem liebestollen Gott Pan verfolgt wurde. Er soll aus den Zweigen, seine erste Flöte geschnitzt haben.“

Wahnsinn! Was der Mann alles wusste. Echt beeindruckend!

„Sie steht für Geheimnis, Dekadenz, innere und geistige Ruhe. Für Inspiration, Frieden und Würde“, machte er eine pause, während er den Baum betrachtete. „Ich muss sagen, dass jedes dieser Gewächse, irgendwie zum Charakter meiner Kinder passt. Thomas unser Jüngster muss noch sechs Jahre warten. Aber auch er macht sich schon seine Gedanken, welche Wahl er treffen soll.“

Das war alles ziemlich interessant, trotzdem verstand ich nicht was, dass alles mit mir zu tun hatte.

„Majestät, ich möchte nicht unhöflich sein. Es ist sehr interessant, was Ihr mir erzählt. Aber ich verstehe nicht wieso!“

„Dazu kommen wir gleich“, sagte er, legte mir seine Hand auf den Rücken, und führte mich weiter. „Wisst Ihr, jedes Kind, darf ein Pergament mit seinen Wünschen und Hoffnungen mit in die Erde vergraben, die ihre Zukunft betreffen“, sagte er, und sah mich dabei ausdrucksvoll an.

Was hatte dieser Blick zu bedeuten?

Seine Augen musterten mich. „Seht Ihr diesen Rosenstrauch?!“, sagte er, mit einem seltsamen Schwung in seiner Stimme.

„Die sind ja atemberaubend!“, staunte ich.

„Gefallen sie Euch? Dies ist der Rosenstrauch …“

Die Rosen! Erstarrte ich, als ich mir diese Rosen genauer ansah. Es waren dieselben, an die ich mich erinnerte. Doch noch bedeutender war das, worum sie sich schlängelten.

Das Tor! Starrte ich auf die eiserne Tür, und sah einen Film vor meinen inneren Augen ablaufen. Ich hörte die sanfte Stimme, die mich immer, und immer wieder zu sich rief … Und ich … Ich folgte ihr … Durch das Tor!

Es war Tor! Das hat mich hergebracht! Jetzt wusste ich es, ich erinnerte mich an alles! Ich musste durch dieses Tor, um wieder nach Hause zu kommen. Bingo!!! Schrie ich innerlich laut auf, und hörte den König sagen …

„Dies ist der Rosenstrauch von John!“, sagte er und sah mich genau an.

„Ach was! … Das hätte ich nie gedacht!“, bemerkte ich sarkastisch.

„Ihr wirkt überrascht? Das war ich auch!“, sagte er. „In der Mythologie gilt die Rose als –Flos sapientiae-. Blume der Weisheit, und Sinnbild des klaren Geistes. Natürlich hat sie, noch eine Menge andere Bedeutungen, aber im Vordergrund steht das Symbol der Liebenden. Wo wir auch schon beim Thema sind“, sagte er mit erhobenen Augenbrauen.

„Ich verstehe nicht?“, erwiderte ich seinen Blick.

„John war schon als Kind sehr eigensinnig", sagte König Edward in einer Drehung zu mir. „Er war schon früh darauf bedacht, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Deswegen wählte er die Liberti Rose, auch Schicksalsrose genannt“, machte eine kurze Pause. „Mein Sohn ist sehr angetan von Euch junge Lady. Er hat mich um Erlaubnis gefragt Euch, zu ehelichen.“

„Was???“, blieb mir die spuke weg.

„Das scheint Euch zu überraschen?“, betrachtete er mich. „Anscheinend denkt er, er habe sich schon genug die Hörner abgestoßen“, lachte König Edward auf.

Dieser Trottel! Blickte ich verstört zur Seite. Dachte er überhaupt nach, bevor er etwas tat?

„Aber ich habe andere Zukunftspläne für ihn“, fuhr der König fort. „Bitte seit mir nicht Böse, doch ich möchte, dass er eine Frau vom hohen Adel ehelicht.“

Abwägend schaute ich von Boden wieder hoch. „Majestät glaubt mir, ich hatte nie so etwas im Sinn!“, erwiderte ich, und schaute zum zugewachsenen Tor. „Und da ich bald Abreise …", sah wieder zu ihm. „… stehe ich Euren Plänen nicht im Weg.“

Er fixierte mich mit seinen Augen. „Es freut mich, dass wir uns verstehen. Denn ich werde Morgen beim Dinner, Johns Verlobung mit Isabella von Kastilien bekannt geben!“, sagte er.

Mein Blick wandelte langsam von ihm, über den Boden, zu den Rosen. Ich spürte, wie mein Herzschlag kurz schmerzhaft aussetzte. Was hätte ich dazu sagen sollen? Es war richtig so! Die Geschichte nahm ihren Lauf. Es musste so sein! Ich sah ins Leere und versuchte mich davon zu überzeugen.

Aber wenn es richtig war, … warum tat es dann so verflucht weh! Spürte ich die Tränen aufsteigen.

„Ach wie schön“, schluckte ich. „Richtet, den beiden meine herzlichsten Glückwünsche aus.“

Meine Stimme versagte bei den letzten Worten, was ihm nicht entging.

„Aber das könnt Ihr doch selbst machen, …“, sah er mich vielsagend an. „… beim Dinner!“

Was? Nein! Das konnte ich nicht, und das wollte ich auch nicht! Alles in mir sträubte sich dagegen. „Ich werde da leider schon fort sein. Aber … … ich freue mich wirklich … für ihn“, spürte ich einen Kloß im Hals und die Tränen, die in meinen Augen standen. Drehte mich wieder zu den Rosen, und versuchte leise durchzuatmen.

Gehetzte Schritte durchbrachen die Stille. Ich entdeckte aus dem Augenwinkel eine Magd, die schnell auf uns zu eilte.

„Majestät!“, rief und winkte sie. „Verzeiht mein Auftauchen hier, aber es gibt ein Problem!“

Er schüttelte genervt den Kopf. „Ich komme gleich“, sagte er und richtete seinen Blick wieder auf mich. „Annabelle, ich möchte mich klarer Ausdrücken! Ihr werdet bei diesem Dinner erscheinen!“, sagte er fast im Befehlston. „Unsere Gäste freuen sich schon darauf Euch kennen, zu lernen.“

„Majestät …“

„Und ich möchte, …", schnitt er mir das Wort ab. „… das Ihr meinem Sohn klar macht, dass von eurer Seite kein Interesse besteht! Habe ich mich da klar ausgedrückt?!“

Sein Blick ließ keinen Widerspruch zu. Ich schluckte meine Tränen runter und sah ihn vorsichtig an. Verstand er eigentlich, was er da von mir verlangt?

Doch als ich in seine Augen sah, erkannte ich, dass er genau wusste, wovon er redete.

„Werdet Ihr den Weg zurück, doch allein wieder finden?“, fragte er.

„Macht Euch keinen Sorgen“, erwiderte ich mit letzter Kraft. Er machte einen Schritt und blieb wieder stehen.

„Und damit wir uns richtig verstehen. Ihr werdet Eure Reisepläne für ein paar Tage verschieben. Ich wünsche Euch noch einen schönen Tag, und genießt Euren Aufenthalt in Windsor“, verabschiedete er sich und schlenderte den Pfad runter.

Ich blieb allein, durcheinander, verstört und den Tränen nah.

Er wollte, dass ich John gratuliere? Das könnte ich nicht über mich bringen. Er sollte ja glücklich werden … aber … ich musste nicht dabei zusehen. Entschlossen schaute ich wieder hoch, auf das zugewachsene Tor.

Schön durchatmen. Du hast es fast geschafft! Du bist kurz vor dem Ziel. Sagte ich mir mit zitterndem Atem. Langsam schritt auf das Tor zu … atmete durch … und legte die Hand auf die Türklinke.

Wenn das hier klappen würde, dann würde, ich ihn nie mehr Wiedersehen. Dachte ich und schloss qualvoll die Augen. Es schmerzte … Mein Herz brach in zwei. Aber es musste so sein, versuchte ich mich davon zu überzeugen. Es musste, es musste, sagte ich und fühlte die Tränen meine Wangen runter rennen. Umfasse die Türklinke festen und drückte sie runter …

Spannung baute sich in mit auf. „Bitte bring mich nach Hause“, flüsterte ich, während ich die Klinke gedrückt hielt, und öffnete die Tür …

„Nein!!!“

Es war zu! Verschlossen! „Nein!!!“, rüttelte ich daran. „Jetzt geh schon auf du blödes Ding!“, drückte ich immer wieder die Klinke runter, und rüttelte daran. „Komm schon!!! Geh auf!!!“, schimpfte ich und verpasste dem Ding einen Tritt. „Lass mich durch!!!“, schluchzte ich, lehnte mich an das kalte Eisen und schlug mit den Fäusten dagegen. „Bitte, Bitte … geh auf …“, flehte ich unter Tränen.

 

„Den Schlüssel dazu besitzt nur Lady Phillippa.“

Erschrocken fuhr ich herum. Neben den Fliederbaum stand Jeffrey und schaute mich niedergeschlagen an. Kaum erblickte ich ihn, verschwanden die Tränen und die Wut kam zurück.

„Ach du bist’s!“, sah ich ihn ausdruckslos an. „Was willst du hier! Müsstest du nicht irgendwo mit deinem Kumpel Krieg spielen, oder arme Dienstmägde für einen Kuss durch die Gegend scheuchen!“

„Schon gut, ich hab’s verstanden. Und ich habe es ja auch verdient“, sah er schuldbewusst auf den Boden.

„Ach was, hast du das?!“, entgegnete ich sarkastisch.

Er atmete tief durch, und kam auf mich zu. „Annabelle, es tut mir leid … lass es mich erklären.“

„Vergiss es!“, entgegnete ich. „Ich brauch eure lahmen Entschuldigungen nicht!“

Was dachte er sich eigentlich, das er hier mit einem reumütigen Hundeblick ankommt, und alles ist vergeben und vergessen?

„Ann, bitte!“, blieb kurz vor mir stehen.

„Jeff, was willst du? Dass ich euch euer dämliches Verhalten vergebe. Glückwunsch habe ich. Also kannst du jetzt gehen!“, sagte ich und drehte mich wieder zum Tor, um daran erneut zu rütteln .

„Das hast du nicht“, bemerkte er.

„Verschwinde Jeff!“, wiederholte ich, immer noch an dem Tor zerrend.

„Annabelle …“

„Was, willst du von mir?“, sah ich ihn ausdruckslos an.

„Dass du es ernst meinst.“

„Tut mir Leid, dieser Dienst steht zurzeit nicht zu Verfügung!“, erwiderte ich und widmete mich wieder dem Tor. Geh schon auf du verdammtes Ding!

„Wie bitte?“, fragte er verwirrt.

„Vergiss es, geh einfach!“

„Ann, jetzt hör auf an dem Tor, zu rütteln. Es ist zu“, sagte er.

Ich atmete deprimiert aus, als mir ein Gedanke kam. Sah zu Jeff …

„Jeff, ich brauch den Schlüssel!“, sagte ich beharrlich.

„Was? Wieso?“, fragte er. „Dahinter ist nur der dichte Wald, sonst nichts“, zog seine Augenbrauen zusammen, als er meine Entschlossenheit sah. „Was willst du dort?“

„Das hat dich nicht zu interessieren. Kannst du mir dabei Helfen, oder nicht?“

„Wie ich schon sagte, …“, sah er mich prüfend an. „… der Schlüssel ist im Besitz von Lady Phillippa.“

„Und?“, zuckte ich fragend mit den Schultern.

„Der Königin! Sie trägt in an einer Kette um den Hals“, informierte er mich.

„Na super. Das ist doch wieder mal typisch mein Glück!“, rollte ich mit den Augen.

Und was nun? Fragte ich mich und spürte ich wieder die Tränen hochsteigen. Lehnte mich an das eiserne Tor, schloss mein Gesicht mit meinen Händen und rutschte langsam an ihm runter. Warum musste das bloß so schwer sein? Ich musste doch einfach nur hindurch, und könnte dann alles Vergessen.

„Geh doch bitte, bitte auf!“, schlug ich mit der Faust, gegen das Tor hinter mir. Jetzt konnte ich mich nicht mehr zurückhalten. Das alles war so niederschmetternd, so aussichtslos, so … ooh man … schluchzte ich.

Ich hatte keine Kraft mehr und verlor allmählich die Hoffnung. Zog meine Knie an mich, und umschlang sie mit meinen Armen. Die ganzen Emotionen, die sich in mir angesammelt hatten, explodierten förmlich.

Jeff sagte nichts. Es war fast, als wäre er nicht da. Doch plötzlich spürte ich seine Hand auf meiner Schulter.

Er kniete sich zu mir runter und versuchte mich zu beruhigen. Seine Hand fühlte sich so schwer an, wie eine große Last.

„Fass mich nicht an!“, schüttelte ich sie ab. „Geh bitte“, wies ich ihn mit heulender Stimme an.

„Annabelle, beruhige dich“, sprach er auf mich ein. Ich blickte völlig aufgelöst hoch, konnte meine Enttäuschung nicht mehr verbergen.

„Was ist denn los?“, wischte er mir die Tränen ab, setzte sich neben mich hin, und legte seinen Arm um mich. Ich ließ mich von ihm trösten. Egal wie Sauer ich vorhin auf ihn war. Jetzt tat es gut, dass er da war.

Ich war mir so sicher, dass dieser Albtraum ein Ende haben würde. Länger hielte ich es nicht mehr aus. Ich musste weg von hier! Weg von John! Weg von allem!

Jeffrey hielt mich in seinen Armen und streichelte mir über das Haar.

Es tat so weh. Ich hatte das Gefühl, das mein Herz in tausend Stücke brach. Warum musste alles so schwer sein, so kompliziert … schluchzte ich in Jeffreys Brust.

Es war zu viel. Zu viele Emotionen auf einmal. Das Heimweh und die riesige Sehnsucht Mutter, fraßen mich auf. Jetzt würde mir ihr bemuttern nichts mehr ausmachen. Ich war so nah dran und kam nicht durch!

Verheult blickte ich hoch. Jeff musterte mich. „Na besser?“, fragte er mit einem aufmunternden, aber unsicheren Lächeln.

„Jeff, …“, schluchzte ich. „… ich weiß, … das muss verrückt klingen. Aber ich muss … durch das Tor“, wanderte mein Blick zu dem zugewachsenen Ding, dem Jeffrey folgte.

„Es bringt … mich wieder, dort hin, wo ich … hingehöre!“, schluchzte ich.

„Annabelle, “ sagte er verwirrt. „Du bist da, wo du hingehörst!“

Ich riss mich los, und schüttelte energisch den Kopf. „Nein!“

Er verstand das nicht!

„Ann, beruhige dich!“, legte er mir beide Hände auf die Schultern. „Du bist ja völlig hysterisch!“

„Du verstehst das nicht!“, drehte ich mich ruckartig zu den Rosen. „Hinter diesem Ding ist meine Zukunft, meine Welt, meine Zeit!“

Er sah mich hilflos an, und zog mich wieder in seine Arme.

„Annabelle, du musst dich beruhigen!“, drückte er mich besorgt an sich. „Es wird alles wieder gut!“

Ich krallte mich in sein Hemd. „Versteh es doch. Ich muss durch. Ich muss durch dieses Tor!“, schluchzte ich in seine Brust. „Da ist mein zu Hause, meine Familie, meine Zukunft!!“ Im wahrsten Sinne des Wortes!

Mir war es egal, was er von mir dachte. Ich konnte nicht mehr! Ich wollte nicht mehr!

„Ann, …“, sagte er und legte sein Kinn an mein Haar. „Wenn du es mir erlauben würdest, …“, machte er, eine Pause und küsste mein Haar. „… wenn du es zulassen würdest. Wäre ich deine Zukunft. Ich würde alles für dich tun. Ich würde mein Leben für dich geben.“

Er wäre was? Blickte ich perplex hoch. Seine blonden Locken fielen ihm leicht über die Augen. Er zog seine Augenbrauen hoch, und zuckte mit den Mundwinkeln. Ich konnte nicht glauben, was ich da hörte.

Ich mochte ihn, … sogar sehr, … Aber auf diese Weise? Diese Frage hatte ich mir nie gestellt.

„Jeff …“

Mein Herz fing an zu rasen. Ich öffnete den Mund, wusste aber nicht was ich sagen sollte. Was sollte ich darauf antworten? Warum machte er so was? War ich denn nicht schon genug durcheinander? „Jeff, ich …“

„Nein, sag nichts“, erwiderte er, und wischte mir eine Träne ab. „Ich möchte nur, dass du weißt, dass du etwas ganz Besonderes für mich bist. Und das du vielleicht über meine Worte nachdenkst“, strich er mir eine Strähne aus dem Gesicht. „Ich weiß, ich bin nicht … John, …“

Bei diesem Namen bekam ich ein Stich ins Herz. „Aber ich habe dir auch einiges zu bieten, … mich, … und meine bedingungslose Liebe“, lächelte, und streichelte mir liebevoll mit dem Daumen über die Wange.

Er blickte mir etwas unsicher in die Augen und lächelte. Langsam näherte sich sein Gesicht, als ob er auf meine Erlaubnis warten würde. Mein Herz fing an vor Aufregung, gegen meine Brust zu schlagen. Eigenartigerweise hatte ich diesmal nichts dagegen. Er fuhr zärtlich mit seinen Fingern über meinen Hals in mein Haar, und mein Atem stockte.

Ich schloss erwartend die Augen … doch es passierte nichts. Er lehnte nur seine Stirn an, meine, und atmete schwer.

„Keine Angst. Ich werde dich nicht Küssen“, flüsterte er mit geschlossenen Augen. „Erst, wenn du es wirklich willst“, hauchte er, und entfernte sich langsam und widerwillig von mir, mit einem gequälten Lächeln.

Ich atmete innerlich erleichternd aus, und öffnete die Augen.

Erst wenn ich es wirklich will? Betrachtete ich ihn. Wollte, ich den das überhaupt? Er war ein guter Freund, zugegeben ein attraktiver guter Freund, aber … ich weiß nicht! Nein, ich konnte mir nicht noch mehr Verwirrung leisten. Schaute auf den Boden, in der Bemühung meine Gedanken zu ordnen, was mir aber schwerer den je fiel.

Verdammt, was sollte das Ganze nur? Fragte ich mich, und ließ mein Blick über den Garten schweifen. Er schwieg, ließ mir die Zeit.

„Komm", sagte er schließlich. Stand auf und hielt mir die Hand hin. „… wir machen einen Spaziergang. Ich zeige dir die Umgebung.“

Ich ergriff sie, und er half mir hoch. Still nebeneinander liefen wir durch den Garten. Ich achtete nicht darauf wohin. Seine Worte kreisten in meinen Kopf, die mich nachdenklich machten. Er wollte meine Zukunft sein. Mochte mich, liebte mich möglicherweise? Ich sah ihn kurz von der Seite an. Auch er schien in Gedanken zu sein. Ich hatte definitiv Gefühle für ihn, stellte ich fest, als ich ihn aus dem Augenwinkel betrachtete. Aber ich konnte noch nicht einordnen welche! Er sagte, ich sei etwas Besonderes … Er hatte ja keine Ahnung! Aber was meinte er damit, als er sagte, dass er mir auch einiges zu bieten hat, … wie John?

Oh verdammt John … Schloss ich kurz die Augen. Die Worte des Königs gingen mir nicht mehr aus dem Kopf. >Und ich möchte, dass Ihr meinem Sohn klar macht, dass von Eurer Seite kein Interesse besteht. < Wie hatte er sich das vorgestellt? Wie sollte ich das machen?

Dass was König Edward von mir verlangte, war nicht umsetzbar. Alles in mir stäubte sich dagegen. Ich konnte mich ja nicht mal selbst davon überzeugen, wie sollte ich es bei ihm schaffen? Meine einzige Hoffnung war das alles hinter mir zu lassen, und die war verschlossen.

Irgendwie musste ich an den Schlüssel kommen, koste es, was es wolle.

 

Wir verließen die Schlossmauern durch ein Tor, hinter den sich eine wunderschöne grüne Landschaft ausbreitete. Eine warme Brise wehte uns entgegen und ließ die Grashalme tanzen.

Wir liefen den Hügel hoch, was doch anstrengend war, besonders in diesem langen Kleid. Ich war nicht daran gewöhnt, so viel Stoff an meinem Körper zu tragen. Es fühlte sich an wie zehn Kilo Zusatzgewicht, die ich mit schleppte.

Ich hob das Kleid an, und Jeffrey zog mich hoch bis zur Hügelspitze. Oben angelangt blieben wir stehen, und genossen die Aussicht. Jeff sah mich an, und lächelte. „Wie findest du es?“, fragte er.

Es war einfach wunderschön, überhaupt nicht mit der Landschaft in meiner Zeit zu vergleichen. Hohe Berge, grüne Täler und ein langer Fluss, der sich ein Stück den Hügel herab ausbreitete.

„Es ist atemberaubend schön“, lächelte ich fasziniert. Das Wasser im Fluss schimmerte wie tausend Diamanten, in der späten Nachmittagssonne. Wildblumen wuchsen am Ufer, und verliehen dem Diamantenschimmer eine glamouröse Umrandung. Dieser Anblick war einzigartig, und ich war froh dies sehen zu dürfen.

Der warme Wind wehte mir durchs Haar und wirbelte mein Kleid umher. Es roch nach frisch gemähtem Gras und Blumen. Und vermittelte eine solche Harmonie und Entspannung, dass ich das erste Mal, seit ich hier war, vollständigen Frieden in mir verspürte. Es war schön die Natur in ihrer ganzen Pracht zu sehen, bevor sich der Fortschritt darüber hermachen konnte, und dort etwas entstehen ließ, was diesen wundervollen Ausblick verunstaltete.

Ich strich mir die Haare aus dem Gesicht und entdeckte riesige Felder, die vereinzelt beackert wurden. Ein Mann schob einen Pflug, der an einen Ochsen gespannt war, und grub die Erde um, dem hinten eine Frau folgte und Samen aussäte.

Ein Stück weiter stand ein kleines Dorf. Gänse und Hühner liefen umher. Schweine in ihren Gehegen quiekten. Und auf der anderen Seite des Dorfes entdeckte ich, Kühe weiden.

Menschen liefen beschäftigt durch die Straßen, und Kinder die herumtollten und spielten.

„Komm“, strahlte er mich an, nahm mich an die Hand, und führte mich den steilen Hügel runter.

„Wo gehen wir hin?“, fragte ich. Er sagte nichts, lächelte nur und führte mich um den großen Felsblock herum. Jeffrey sprang runter, und streckte mir die Arme entgegen. Ich raffte mein Kleid und folgte ihm, sprang vorsichtig runter, und landete in seinen Armen.

„Ähm … Danke“, sagte ich verlegen. Er nahm mich wieder an die Hand und zog mich weiter. Wir liefen durch das hohe Gras, in Richtung der Felder.

„Geht es dir besser?“, fragte er.

„Ja, etwas.“

„Möchtest du mir sagen, was los war?“

„Das kann ich nicht.“

Je weniger er wusste, desto besser war es für ihn.

„Annabelle, warum möchtest du so schnell wieder weg von hier?“

„Wie kommst du drauf?“, sah ich runter auf die hohen Grashalme, und streifte sie mit meinen Handflächen.

„Ich habe dich und den König gehört“, sagte er und hob entschuldigend die Augenbrauen.

„Lauschen Sir Jeffrey, ist eine schlechte Angewohnheit!“, zitierte ich Edward.

„Du klingst wie Edward“, sagte er und lächelte.

„Ach ja?“, lächelte ich zurück. „Wie viel, hast du den mit bekommen?“, schaute ich wieder auf das Gras.

„Nicht viel. Keine Sorge.“ Was meinte er mit, keine Sorge? „Ich habe dich gesucht, um mich bei dir für unser >blödes Benehmen< zu entschuldigen.“ Sagte er. „Na ja, besser gesagt, für meins!“

Er riss ein paar Grashalme ab, und schmiss sie weg. „Es ist nur ein Spiel, das wir schon seit unserer Kindheit spielen. Wir haben uns nichts dabei gedacht.“

„Ist aber ein bescheuertes Spiel!“, erwiderte ich, machte es ihm nach, und riss ein paar Grashalme aus.

„Ja, ein ziemlich Beschertes“, stimmte er mir zu.

„Entschuldigung angenommen.“ Lächelte ich halb. „Und diesmal meine ich es ernst“, drückte seine Hand. „Es war nur so …“

„Erniedrigend?“, beendete er meinen Satz.

„Ja.“

„Wir wollten dich nicht verletzen. Es sollte nur ein Spaß sein“, sagte er, blieb stehen. „Und … na ja … Das mit dem … Kuss …“

Ich sah ihm an, dass es ihm schwerfiel, dieses Thema anzusprechen, deshalb beschloss ich es, einfach auf sich beruhen, zu lassen.

„Jeff ist schon gut. Vergessen wir es einfach“, unterbrach ich ihn. Ich wollte den einzigen Freund, den ich hier hatte, nicht wegen eines Kinderspiels verlieren.

Er lächelte und sah zu Boden. „John … tut es … natürlich genauso leid. Er wollte mit dir Reden. Wird er bestimmt auch noch. Wenn er wieder da ist.“

„Was? Wo ist er!“, sah ich ihn erschrocken an.

„Mit Edward, auf Erkundungstrip.“

Nein! „Du meinst, sie sind zu den Franzosen …?!“

„Woher weißt du das? … Ich mein, dass mit den Franzosen!“

„Ich hab euch belauscht. Jetzt sind wir quitt!“

„Wann?“, fragte er.

„Nach deinem Reitunterricht.“

Wir setzten uns wieder in Bewegung, und er schaute durch das Feld.

„Dann weißt du ja Bescheid“, erwiderte er.

„Wird es zum Kampf kommen?“

„Machst du dir Sorgen?“, sah mich wieder an. „Um John?“

„Wie kommst du drauf?“, biss ich mir auf die Lippe.

Lieber Gott. Bitte, ihm soll nichts geschehen, bettete ich.

„Nein, keine Sorge. Sie schauen sich nur die Lagen an. Wenn es so wäre, wäre ich mitgekommen“, sah er mit einem leeren Blick nach vorn. Eine Weile liefen wir schweigend nebeneinander her. Er riss in Vorbeigehen eine Blume ab, und hielt sie mir mit einem schmunzeln hin. „Eine wunderschöne Blume, für ein wunderschönes Mädchen.“

„Danke“, sagte ich verlegen, und roch an ihr.

Beide in gedankenversunken liefen wir durch das hohe Gras. Ich machte mir doch gewaltige Sorgen um John. Aber nicht nur um John, auch um Edward. Die Erinnerungen an die Nacht, in der wir überraschend überfallen wurden, konnte ich nicht einfach aus meinem Gedächtnis löschen. So etwas Grauenhaftes hatte ich noch nie gesehen. Eine Gänsehaut durchfuhr meinen Körper, als ich mir die Bilder in Erinnerung rief, was meine Besorgnis ins Bodenlose steigen ließ. Wir liefen aus dem grünen hinaus auf ein Feld, wo ich einen Mann entdeckte, gerade sein Feld bestellte.

„Seid gegrüßt Sir Jeffrey“, rief er und hob die Hand zum Gruß. Jeff erwiderte die Geste. „Es freut mich, dass Ihr wohlbehalten wieder zurückgekommen seid“, sagte er. „Milady“, nickte er mir freundlich zu. Ich nickte zurück.

„Ja, mich freut es auch“, sagte Jeff, mit einem Lächeln. „Maxwell, darf ich dir Lady Annabelle vorstellen“, sagte Jeff.

„Lady Annabelle“, lächelte der Mann. „Es freut mich Eure Bekanntschaft, zu machen. Die Beschreibung Eurer Schönheit wird euch nicht gerecht. Ihr seit noch bezaubernder, als Mary es berichtet hat.“

„Ihr kennt Mary?“, fragte ich überrascht.

„Ja Milady. Mary ist meine Schwester. Ich möchte Euch mein tiefstes Mitgefühl ausdrücken. Es ist eine Tragödie, was Euch widerfahren ist.“

Gott!!! Ich werde Edward den Hals umdrehen, wenn er wieder da ist, dachte ich. Es machte sogar schon im Dorf die Runde. „Danke“, erwiderte ich leicht lächelnd mit zugebissenen Zähnen.

„Sir Jeffrey, Sir Jeffrey!“, rief plötzlich eine hohe piepsige Stimme.

Ein kleines blondes Mädchen rannte auf uns zu und breitete ihre Arme aus.

„Ihr seid wieder da!“, sprang sie ihm in die Arme.

„Cathy, du bist aber groß geworden. Und so schwer!“

Sie schwang ihre Arme um seinen Hals und drückte sich fest an ihn. „Ich bin so froh, dass Ihr wieder da seid!“, schmiegte sie ihren Kopf an seine Schulter.

„Wie geht es dir Gold Löckchen?“, strahlte er.

„Wisst Ihr, es ist so viel passiert“, richtete sie sich blitzschnell wieder auf, und begann hastig zu erzählen. „Ihr habt so viel verpasst, ich muss Euch alles erzählen. Wisst Ihr …“

„Cathy!“, unterbrach Maxwell sie.

„Na gut, nur das wichtigste“, rollte sie mit den Augen, und fing wieder hastig an. „Wisst Ihr, die Jungs im Dorf die ärgern mich tagtäglich und lassen mich bei ihren nachgespielten Schlachten nicht mitspielen“, sagte sie und machte einen Schmollmund. Sie war so niedlich, fast wie ein kleiner Engel. „Und wisst Ihr, wisst Ihr …“, brabbelte sie los. „Margret … hat vor ein paar Monaten geheiratet“, sagte sie anspielend.

„Wirklich?“, fragte Jeff interessiert.

„Jaaaaa …“, erwiderte sie mit einem breiten Grinsen. „Joshua! Aber das habe ich schon vor allen anderen gewusst“, verengte sie die Augen und nickte. „Aber Papa wollte es mir ja nicht glauben“, sah sie dem Mann mit dem Pflug an.

„Ja meine Kleine. Da hätte ich wohl besser auf dich hören sollen“, sah er sie schuldbewusst an.

„Wer ist die schöne Lady?“, flüsterte sie Jeffrey ins Ohr, und schielte zu mir. „Ist das Eure Braut?“

Ich sah sie an, und lachte leise auf. Mensch war sie niedlich.

„Nein Gold Löckchen“, schmunzelte Jeffrey. „Ich habe dir doch versprochen, dass du die Einzige für mich bist.“

Sie sah ihn kritisch an. „Ja klar!“, sagte sie und winkte ab. „So!“, kletterte von ihm runter. „Ich muss wieder zurück ins Dorf. Die Jungs brauchen mal wieder eine Abreibung“, schlug sie mit ihrer kleinen Faust in ihre Handfläche. „Peter hat mit vorhin an den Haaren gezogen! Das schreit nach Vergeltung!“, sagte sie mit verengten Augen, und lief davon. „Wiedersehen! Kommt uns mal wieder besuchen!“, rief sie uns winkend zu.

Ihr Vater schüttelte belustigt den Kopf, während er ihr nachsah.

„Der kleine Wirbelwind ändert sich nie“, lachte er auf.

„So soll es auch bleiben“, sagte Jeff. „Das ist eben mein Gold Löckchen.“

Ich war überrascht. Die Kleine war herzallerliebst, und Jeffrey konnte so gut mit ihr.

„Sir Jeffrey, ich würde Euch gern etwas fragen“, sagte Maxwell hörbar besorgt. „Stimmt das, dass die Franzosen sich fünf meinen abwärts postiert haben?“

Jeffrey sah kurz zum Boden, und dann wieder hoch.

„Max, du solltest auf euer Dorf aufpassen. Lass niemanden zu weit hinaus!“

„Ihr wisst, Ihr könnt auf mich zählen! Auch wenn mein Bein nicht mehr so will wie ich, sind meine Arme stark …“

„Maxwell … “, unterbrach Jeffrey ihn. „Ich danke dir! Und ich werde auf dein Angebot zurückkommen, sollte es dazu kommen. Aber zur Aller erst musst du dich um deine Familie kümmern, und die Leute im Dorf.“

„Natürlich Sire. Ich werde meine Augen offen halten.“

„Pass auf dich auf Max.“

„Ihr auch Sir Jeffrey. Lady Annabelle, es war mir ein Vergnügen.“

„Mir auch", erwiderte ich. „Auf Wiedersehen Maxwell“, verabschiedete ich mich.

Wir entfernten uns. Ich sah den Mann nach, der seine Arbeit humpelnd fortsetzte. „Was ist mit seinem Bein?“, fragte ich.

„Er hat keins“, antwortete Jeff, machte eine Pause. „Er verlor es in der Schlacht von Créy. Er kann zwar nicht mehr richtig laufen, doch in seiner Brust schlägt immer noch das Herz eines Soldaten.“

Verstehe, sah ich nach vorn, und ließ das Thema fallen.

 

Geistesabwesend stieg ich die Wendeltreppe hinauf. Der Man vom Feld ging mir einfach nicht mehr aus dem Kopf. Er schien sich genau so große Sorgen um die französischen Truppen zu machen wie ich. Auch wenn Jeff das Ganze runtergespielt hatte, sah ich seinem Gesichtsausdruck dasselbe an, als er Maxwell warnte. Doch wo waren John und Edward. Ich hatte keinen von beiden seit heute Vormittag mehr gesehen. Was mich vor Sorge schon fast verrückt machte. Hoffentlich ging es ihnen Gut!

Johns Verletzung war bestimmt noch nicht ganz verheilt.

„Dummkopf!“, schimpfte ich ihn sauer. Er musste sich ausruhen! Aber nein, was macht er, er stürzt sich gleich wieder in den nächsten Kampf! Ging es hier eigentlich immer so zu? Dreht sich alles nur ums Kämpfen und Überleben? Um Schlachten, um Ehre und Vergeltung? Verteidigung des eigenen Beisitzes?

Das musste doch auf die Dauer müde machen. Obwohl es sich nicht wirklich von meiner Zeit unterschied. Auch bei uns führten die Menschen Kriege, um Ehre und Rache, und verteidigten ihr Land. Und genauso wie hier, auf Kosten anderer. Maxwell tat mir leid. Aber sein Optimismus beeindruckte mich. Auch wenn er sein Bein verlor, gab er sich nicht auf. Er versorgte seine Familie und war sogar bereit aufs Ganze für sie, und seinen Herrn zu gehen. Auch ich musste Kämpfen um mein Ziel zu erreichen. Ich musste wieder nach Hauset. Musste irgendwie an diesen Schlüssel kommen.

Ich musste hier weg. Schüttelte ich ermattet den Kopf, und bog um die Ecke, in den Flur, wo sich mein Zimmer befand. Gedankenversunken blickte ich auf den Boden, als ich etwa auf mich zu kommen sah.

„John!“, sah ich erschrocken hoch, und erstarrte. Er schlenderte den Gang runter auf mich zu und trocknete sein tropfnasses Haar ab.

„Du bist wieder da!“, rief ich freudig aus. Ich war überglücklich ihn in einem Stück wieder zu sehen. „Geht es dir gut? Wo ist Edward?“

„In der Küche, er gönnt sich gerade ein Happen vom Abendbrot“, sagte er, und grinste plötzlich. „Hast du dir Sorgen gemacht?“, umspielte ein verführerisches Lächeln seine Lippen, das mich kurz verwirrte.

Natürlich du Depp! Sah ihn sauer an, und bemerkte erst jetzt, dass er nur in seinen Hosen, und mit einem Handtuch über den Schultern vor mir stand. Meine Augen klebten förmlich an den Wassertopfen, die von seinen noch nassem Haar auf seine Brust runter fielen, und ganz langsam den Weg nach unten über seine ausgeprägten Bauchmuskeln nahmen.

A-A-Au … w-weia … schluckte ich unter heftigem Herzklopfen.

„W-was … was machst du hier", piepste ich. „… so … ähm … nass …?“, und halb nackt! Räusperte mich.

Er lächelte. „Ich war nach dem langen Ritt verschwitzt, und war Schwimmen“, zog er seine Augenbrauen hoch.

Schwimmen? Schaute ich verwirrt drein.

„In der Themse“, verdeutlichte er.

Ja klar … sah ich zu Boden, und rollte mit den Augen. Was sonst!

„Aha!“, brachte ich heraus, und versuchte vorsichtig an ihm vorbeizusehen. Denk an was anderes! Wies ich mich an. Oh man, aber das ging nicht! Nicht wenn er so lächelte, und dann auch noch sooo … vor mir stand! Ich gab ehrlich mein Bestes. Versuchte alles, um ihn nicht anzusehen, aber meine Augen sprangen wie von selbst immer wieder zu ihm zurück. Was mein Atem zum Stocken brachte. Scheiße …! Das war doch schwerer als ich dachte.

Angestrengt suchte er meinen ausweichenden Blick. „Ann, ich wollte mich noch für heute Morgen Entschul…“

„Das ich nicht nötig“, huschten meine Augen flink an ihn vorbei. „Das hat Jeff schon für dich erledigt.“

„Was? Wann?“, erhob sich seine Stimme erstaunt. „Warum denkt eigentlich jeder, dass er sich für mich entschuldigen muss?“, rief er empört aus.

Ich sah vorsichtig hoch, merkte, wie wütend er war.

Ach, war es dem gnädigen Herrn nicht recht, dass man sich für ihn entschuldigte. Betrachtete ich ihn grimmig. Und auf mal war es ganz leicht ihn anzusehen, weil ich nur seinen wütenden Gesichtsausdruck im Visier hatte.

„Heeemmm, … lass mich mal Überlegen!“, tippte ich mir sarkastisch mit dem Zeigefinger auf meine Lippen. „Vielleicht weil du es selber nicht packst! Oder, …“, setzte ich das Spielchen fort.

„Ann, hör auf“, sah er beschämt zur Seite.

„Oder, weil du es einfach nicht für nötig hältst, …“

„Annabelle!“, sagte er scharf. Ich erwiderte seinen Blick. „Ann, es tut mir Leid.“

„Ich weiß“, sagte ich trocken. „Aber weißt du was, vergiss es. Es ist nicht mehr wichtig“, sah ich wieder hilflos zur Seite, weil ich sein Äußeres nicht mehr länger außer Acht lassen konnte.

Jeder einzelne meiner Muskeln spannte sich instinktiv an, um mich daran zu hindern, wie ein verschüchtertes kleines Mädchen auf der Stelle zu treten. Verdammt zieh dir endlich was an! Versuchte ich mich zu sammeln, und den Blick auf die Steinwände zurichten. Mein Mund wurde schlagartig trocken, und ich konnte mich auf nichts anderes mehr konzentrieren, als auf seinen nackten Oberkörper.

Okay Ann! … Bring dich wieder auf andere Gedanken! Komm schon! Das ist nichts Neues, was du da siehst … Wies ich mich angestrengt an.

O-oh man ist er heiß … Ertappte ich mich, wie meine Augen seine fanden.

Er lächelte verschmilzt und trocknete sich mit einem Ende des Handtuchs die Stirn.

Okay, schön durch Atmen. Da war doch etwas, was du von ihm wissen wolltest! Was war es noch …? Ah, ja genau! Der Schlüssel!!! Kam es mir wieder in den Sinn.

„Ann …“, setzte John an.

„John ich brauche deine Hilfe“, unterbrach ich ihn hastig, und wagte einen vorsichtigen Blick.

Denk an den Schlüssel! Du brauchst den Schlüssel, … Gott sah er heiß aus!!! Schmolz ich für einen Moment hin. SCHLÜSSEL!!! Schrie ich innerlich kopfschüttelnd auf.

„Bei was?“, zogen sich seine Augenbrauen zusammen.

„Ich brauch den Schlüssel, … zum Tor im Garten. Du weißt schon, … um das sich die Rosen schlängeln“, stotterte ich unkonzentriert.

„Was?“, sah er mich verwundert an. „Du warst im Secret Garden! Mit wem? Jeff?!“

„Nein“, sah ich ihn an. „Mit deinem Vater. Er hat mit mir einen Rundgang gemacht. Wieso fragst du so?“

„Was hat er dir erzählt?“, schluckt er.

„Nichts. Er hat mir nur den Garten gezeigt.“ Mehr brauchte er nicht zu wissen. „Kannst du mir helfen, oder nicht?“

„Wozu brauchst du ihn? Da draußen ist nichts!“, sagte er stirnrunzelnd.

Entnervt rollte ich mit den Augen. „John! Ja oder nein?!“

Er sah mich misstrauisch an. „Nein!“

Überrascht sah ich hoch. „Was? Warum?“

„Nur meine Mutter hat den Schlüssel“, antwortete er. Holte tief Luft, als wollte er noch etwas hinzufügen, ließ es dann aber doch sein.

„Das weiß ich. Deswegen habe ich gedacht, du könntest mir helfen.“

Sein Blick wandelte kurz nachdenklich zu Seite und schweifte dann wieder zu mir. „Ann … “, sagte er und schritt auf mich zu. „… Ich möchte nicht, dass du noch einmal in diesen Garten gehst!“

Wieso? … Betrachtete ich ihn verwundert.

„Das kannst du mir nicht verbieten“, sagte ich leicht abgelenkt, da er sich mit langsamen Schritten mir immer mehr näherte. Oh Gott, … bleib stehen. Komm nicht näher! Ich spürte wieder meinen Puls rasen. Er kam auf mich zu, während ich mich von ihm fortbewegte.

„John, bleib stehen!“, stoppte ich ihm mit der ausgestreckten Hand, die auf seiner nackten Brust landete. Das fühlte sich so unfassbar gut an. Ooh … Stockte mein Atem. „Und bitte, … Zieh dir bitte, was an!“

Er sah an sich runter, und blickte mich wieder grinsend an.

„Bringe ich Euch etwa in Verlegenheit Milady?“, lächelte er schief, und bewegte sich wieder auf mich zu. Ich taumelte rückwärts, mit gesengtem Blick.

Schau ihm bloß nicht in die Augen! Was du auch tust, nicht in die Augen! Wies ich mich an und Stoß mit dem Rücken gegen die Wand.

„Träum ruhig weiter“, brachte ich stammelnd heraus. Ein paar Zentimeter vor mir blieb er stehen. Stoß seine Handflächen links und rechst gegen die Wand ab, und neigte sich zu mir runter. Mein Herz hämmerte ihm entgegen. Er war zu nah! Viel zu nah!

Das Wasser von seinem Haar tropfte auf mich herab. Meine Hände juckten, und mein Körper sehnte sich an seiner Berührung. Doch mein Verstand schrie mich praktisch an, nach einem Ausweg zu suchen.

Verzweifelt sah ich nach links und rechts, aber seine Arme versperrten mir den Fluchtweg.

„John, .. das darfst du nicht!“, stammelte ich.

Schmerzvoll verengten sich seine Augen. „Warum nicht?!“, zuckten sie über mein Gesicht.

„Das geht nicht … das ist nicht richtig!“, schüttelte ich verzweifelt den Kopf, und war den Tränen nah.

„Aber es fühlt sich richtig an. Das spürst du doch genau so wie ich“, hauchte er verzweifelt.

Oh ja, verflixt. Es fühlte sich Richtig an! Sogar mehr als das! Schluckte ich, und versuchte meine Atmung unter Kontrolle zubringen.

Er beugte sich langsam runter. Hob mein Kinn an, so dass ich gezwungen war, ihn in die Augen zu sehen.

„Ann, es ist vollkommen …“, hauchte er nah an meinen Lippen. Mein Herz und mein Verstand rangen miteinander. Ich wollte ihn Küssen, wollte ihn spüren. Doch meine Vernunft siegte letztendlich und trieb mir schmerzhaft die Tränen hoch. Sein Blick flehte mich um einen Kuss an, um eine Berührung.

Los verschwinde! Mach, dass du hier wegkommst! Schrie meine Vernunft. Ich fühlte seinen näherkommenden Atem, der bereits meine Lippen streifte, und spürte meine bitteren Tränen, die die Wangen runter liefen. Beugte mich blitzschnell unter seinen Arm hindurch, und stürmte in mein Zimmer. Keine Sekunde zu früh, denn sonst hätte ich meinen Gefühlen nachgegeben.

Er blieb zurück. Blieb in der gleichen Haltung stehen. Mit gesenktem Kopf, und schlug verzweifelt mit der Faust gegen die Wand. „Verdammt!!!“, rief er aus.

Schnell schloss ich die Tür hinter mir, und sank heulend zu Boden.

„Und wie es sich richtig anfühlt! Es fühlt sich perfekt an!!“, heulte ich in meine Handflächen.

„Ann“, klopfte er an meine Tür. Ich schwieg. „Verdammt Annabelle mach auf. Irgendwann mal müssen wir darüber Reden. Du kannst mir nicht andauernd aus dem Weg gehen“, sagte er am anderen Ende der Tür.

Mit angezogenen Beinen saß ich an die Tür gelehnt, und versuchte mich mit aller Kraft dagegen zu wehren ihm die Tür zu öffnen.

Umklammerte ich meine Knie. Hielt sie regelrecht fest, um mich daran zu hindern, doch nach zugeben, und ihm die Tür zu öffnen.

„Ann …“, flehte seine Stimme. Ich umklammerte noch fester meine Knie. Atmete stoßweise unter all den Tränen, die nicht enden wollten.

Es wurde Still, er schien gegangen zu sein. Ich fühlte mich so Elend, und wünschte mir so sehr, das er da wäre. Doch das war nur Wunschdenken. Sobald ich wieder zu Hause war, musste ich versuchen, das alles zu vergessen. Über ihn hinwegzukommen.

Aber das würde unmöglich sein, das wusste ich jetzt schon. Es zerriss mich ja bereits, ihn ständig auf Abstand halten zu müssen. Wie sollte es dann werden, wenn ich wieder zu Hause wäre? Es war eine reine Illusion zu, glaubten, dass ich im Stande wäre, mit Wissen zu leben, ihn nie wieder sehen zu können.

Besonders … weil er da schon seit einer halben Ewigkeit tot wäre.

 

 

 

In dieser Nacht träumte ich von meinem zu Hause.

Ich stieg aus dem Schulbus und lief den gewohnten Weg zu unserem Haus. Stieg die Treppen unserer Veranda hoch, und ging ins Haus. Es roch herrlich. Meine Mutter hatte mein Lieblingsessen gekocht, Chicken Enchiladas.

„Annabelle mein Schatz, wie war die Schule?“, kam sie aus der Küche, und umarmte mich. Es fühlte sich so wohltuend an.

„Super Mum!“, drückte ich sie an mich. Sie strich mir die Haare aus den Augen und lächelte mich liebevoll an. „Schätzchen, geh doch schon mal hoch und zieh dich um. Das Essen ist in dreißig Minuten fertig.“

Ich ging die Treppe rauf in mein Zimmer. Schmiss meine Tasche auf den Stuhl, zog mich um, und blickte in den Wandspiegel. „Wo hab ich das den her?“

Der blaue Bluterguss über meiner linken Gesichtshälfte irritierte mich, als ich ihn begutachtete. Ich verließ das Zimmer und ging wieder runter.

„Annabelle Süße, wir sind im Esszimmer!“, hörte ich meine Mutter, als ich die Treppe runter stieg. Entspannt ging ich um die Ecke ins Esszimmer und blieb geschockt im Türrahmen stehen.

Das war nicht unser Esszimmer! Was war hier los? Riss ich meine Augen auf. Es war die große Halle, in den das Dinner stattfinden sollte! Überall brannten Kerzen und Fackeln an den Wänden! Ich überflog verstört den Raum und blieb erschüttert an den großen, reich gedeckten Tisch hängen. Was hatte das zu bedeuten?

„Es macht dir hoffentlich nichts aus", sagte Daniel, der neben meiner Mutter am Tisch saß. „Aber wir habe ein paar deiner Freunde eingeladen.“

Freunde? Betrachtete ich die Personen am Tisch. Jeff, Joan, Edward und John saßen am Tisch … mit einer mir unbekannten Frau.

„Hallo Ann“, stand John auf, um mich zu begrüßen. „Darf ich dir meine Braut vorstellen“, liebevoll lächelnd hielt er ihre Hand. „Blanche.“

Regungslos stand ich da, kriegte kaum Luft. „Was?“, fing ich zu an Zittern.

Die Frau stand auf, gab ihm einen Kuss auf die Wange, und lächelte mich an. Entsetzt blickte ich ihr ins Gesicht.

Er strich ihr über die Wange, so wie er es bei mir immer tat, und so glücklich aus, dass es meinen Herzen einen Stich versetzte. Sie löste sich von ihm, kam um den Tisch herum auf mich zu.

„Hallo Annabelle“, sprach sie mit einer sanften Stimme. „Ich habe schon so viel von dir gehört!“

„Aber das, … das kann nicht sein! Du bist tot!“, zitterte meine Stimme. Was lief hier eigentlich? Sah ich zu Mum und Daniel.

„Nein“, erwiderte sie lächelnd. „Solange Du lebst, lebe ich auch. Aber damit ich überleben kann, musst Du sterben“, zuckte sie mit den schulten, und zog auf einmal ein Messer heraus, mit dem sie auf mich einstach.

„Nein!“, schrie ich aus vollem Hals. Sank zu Boden unter einem stechenden Schmerz, der meinen ganzen Körper durchzuckte. Alle im Raum waren plötzlich verschwunden. Nur sie und ich waren noch da. Blutend lang ich auf den Boden, und die Blutlache um mich herum, wurde größer.

Ringend nach Luft, bewegungsunfähig, starrte ich sie an.

„So ist es gut“, sprach sie beruhigend auf mich ein. Beugte sich zu mir runter. „Merk dir Annabelle. Nur wenn Du ausgelöscht bist, kann Ich leben“, sagte sie, streichelte mein Gesicht, und lächelte mich warmherzig an.

„N-nein“, hechelte ich schwer raus. „Es muss einen anderen Weg geben. Ich muss nicht sterben!“

„Tut mir Leid Annabelle“, sagte sie, und betrachtete mich einen Augenblick. Ich merkte, wie ihr Gesicht sich langsam veränderte, und zu meinem wurde. „Es gibt keinen anderen Weg.“

„Nein …“, schüttelte ich den Kopf und sie Lachte. „N-n-e-ein!!!“, schrie ich mit aller Kraft, und wachte schließlich zittrig und schweißgebadet auf. Wischte mir den Schweiß von der Stirn ab, und setzte mich auf.

„Gott, was für ein Albtraum“, atmete ich schwer. Stieg aus dem Bett, und ging rüber zu dem kleinen Tisch, um mir etwas zu Trinken einzuschenken. Ich hatte einen ganz trockenen Hals. Musste mich förmlich zusammenreisen, um wieder normal zu atmen.

Was hatte das nur zu bedeuten, schaute ich ins Leere, und überlegte.

„Es bedeutet, das du langsam durchdrehst!“, sagte ich mir. Nahm den Krug, goss mir etwas Wasser ein, und ging mit dem Becher zum Fenster.

Draußen war es noch Dunkel, kein Mensch war zu sehen. Ich trank den Becher aus, stellte ihn wieder ab und stieg ins Bett. Zog die Bettdecke weit über mich, so dass ich mich einkuscheln konnte.

„Ganz ruhig Ann. Tief durchatmen! Es war nur ein Traum!“

Ich schloss die Augen, und schlief mühsam wieder ein.

 

 

 

 

 

12

 

 

 

Kapitel 12

 

 

Schwerfällig tauchte ich unter meiner Bettdecke hervor und streckte mich.

Was für eine Nacht! Dachte ich, während ich mir die Augen rieb.

Dieser schreckliche Albtraum hatte mich die halbe Nacht wach gehalten, denn kurz nach dem ich wieder einschlief, kam er wieder und ich sah mich genau wie vorher, inmitten einer großen Blutlache liegen.

Danach traute ich mich nicht mehr, die Augen zu schließen. Lag nur so da und schaute in den Sternenhimmel. Bis ich dann irgendwann doch einschlief und diesmal ohne, mich, als Jack the Ripper.

Wahrscheinlich versuchte mein Unterbewusstsein, die Geschehnisse der letzten Zeit auf diese Weise zu verarbeiten. Aber musste es mir dabei, so eine Angst einjagen, dachte ich, und versuchte mit die Müdigkeit, weg zublinzeln.

 

Ich war immer noch leicht durcheinander von diesem Horrortraum, weswegen ich auch schreckhaft zusammenfuhr, als es plötzlich an der Tür klopfte.

Langsam knarrte die Tür auf, hinter der Mary hineinspähte.

„Guten Morgen Milady!“, kam Mary herein, gefolgt von einem jungen blonden, zierlichen Mädchen, die etwa in meinem Alter war. „Hattet Ihr eine geruhige Nacht?“, fragte sie und schloss die Tür.

Eine, was? Sah ich doof aus der Wäsche.

Das war ehrlich gesagt noch viel zu früh für so ein hochgestochenes Gerede.

Das Mädchen lächelte verlegen. „Habt Ihr gut geschlafen, Milady?“, übersetzte sie für mich und kassiert gleich darauf einen scharfen Blick von der älteren Dienstmagd.

„Dummes Ding!“, schimpfte Mary. „Du sollst nur sprechen, wenn man dich auffordert!“

Das Lächeln im Gesicht des Mädchens verschwand und sie schaute verstört zu Boden.

„Nein, ist schon Gut. Sie hat ja Recht, ich hab das nicht ganz richtig verstanden“, ging ich dazwischen. „Aber Danke für die Nachfrage. Ich hatte zwar einen Albtraum, aber sonst, war die Nacht Top.“

Ich wählte absichtlich dieses Wort, um die beiden zu irritieren. Was mir auch hervorragend gelang, denn jetzt guckten sie blöd aus der Wäsche.

Mary überlegte kurz, fing sich aber schnell wieder. „Das hört sich aber … nicht gut an … glaube ich …“, sagte sie unsicher. „Lady Annabelle, das ist Margret“, schaute sie zu dem eingeschüchterten Mädchen, das neben ihr stand.

Margret? Den Namen hatte ich doch erst gestern gehört.

„Sie ist meine …“

„Nichte, nicht wahr?“, beendete ich den Satz für sie.

„Das stimmt, aber woher wisse Ihr das?“, fragte sie überrascht.

„Keine Panik!“, beruhigte ich sie. „Jeff, … ehm, ich meine Sir Jeffrey, hat mich Gestern ein wenig rum geführt, und dabei haben wir Maxwell und die kleine Cathy getroffen“, erzählte ich.

Mary schien noch eindeutig neben der Spur zu sein, was Margret die Gelegenheit gab unüberlegt rein zu plappern.

„Die kleine ist doch Herzallerliebst, oder?“, sagte sie vorgebeugt.

„Ja, echt Niedlich! Und sie plappert so viel!“, stimmte ich ihr zu.

„Ja, nicht wahr! Das sag ich auch andauernd!“

Während wir uns so entspannt unterhielten, sah uns Mary verwundert zu.

„E-hem!“, räusperte sie sich am Ende. „Es ist mir eine Freude zu sehen, dass Milady sich mit Margret so gut verstehen. Denn im Laufe Eures Aufenthalts im Windsor, wird sie Eure persönliche Magd sein!“, informierte sie mich.

„Meine was? Ich brauch doch keinen Diener!“, zog ich überrascht die Augenbrauen hoch. War das ein schlechter Scherz? Also ehrlich, das hatte mir noch gefällt!

„Milady, der König hat mich ausdrücklich angewiesen, Euch eine Magd zur Verfügung zu stellen. Die für die Dauer Eurer Anwesenheit hier, Euch zur Hand gehen soll.“

Margret sah mich unter ihren gesenkten Blick bittend an.

Warum wollte er, dass ich eine Dienerin bekomme, überlegte ich. Wollte er sichergehen, dass ich nicht alleine bin falls ich John begegne?

Stutzig blickte ich die beiden abwechselnd an, die gespannt auf meine Antwort warteten.

Schnaubte genervt seitlich aus, was meine Haarsträhne hoch wirbelte.

„Na gut, wenn es unbedingt sein muss“, gab ich nach. „Aber ich lass mich nicht Baden!“, fügte noch hinzu.

Mary schmunzelte. „Nein, das braucht Ihr auch nicht“, sah sie mich erleichtert an. „Nun Gut, ich lass Euch dann Mal alleine. Und du, …“, richtete sie im Befehlston an Margret. „ … strengst dich gefälligst an. Ich hab schließlich nicht umsonst ein gutes Wort für dich eingelegt.“

„Ja Tante“, knickste Margret gehorsam.

„Milady“, verabschiedete sich Mary mit einem Knicks, bei dem ich nur blöd guckte und schloss die Tür hinter sich.

Wir sahen zu wie die Tür ins Schloss fiel, blickten einander Schmunzelnd an.

„Die ist aber Streng“, stellte ich Augen rollend fest. Hammer!

„Ihr habt ja keine Vorstellung, wie Streng“, antwortete Margret halb grinsend, was uns beide in lautes Gelächter ausbrechen ließ.

Kopfschüttelnd stieg ich aus dem Bett. Die ganze Situation kam mir gerade vor, wie bei einer schlechten Sitcom. Doch kaum stand ich auf, schon quasselte sie drauf los.

„Milady soll ich Euch Wasser bringen. Möchtet Ihr Euch vielleicht waschen? Oder Frühstück, wollt Ihr Frühstücken? Oder, …“

„Maggi, Maggi, ganz ruhig!“ stoppte ich sie. Sie war für meine Verhältnisse viel zu Übereifrig.

„Wenn du willst, kannst du mir gern Wasser bringen, damit ich mich Waschen kann. Und dann vielleicht eine Kleinigkeit zu Essen, aber bitte, mach dir keine Hektik.“

„Ja Milady“, Schmunzelte sie.

„Ach ja, hör auf mich Milady zu nennen. Du kannst einfach Ann zu mir sagen.“

„Aber Milady, das darf ich nicht. Wenn das jemand hört, werde ich hart bestraft, und meiner Stellung verwiesen.“

„Deiner Stellung, was?“, sah ich sie Stirnrunzelnd an.

Sie Lächelte lieb. „Ich werde Entlassen.“

„Na bitte, geht doch. Du musst mit mir nicht so hochgestochen Reden.“

„Das habe ich schon gemerkt“, erwiderte sie.

„Na schön, wenn dieses Milady Ding unbedingt sein muss … von mir aus“, gab ich Augen rollend nach und ging zum Kleiderschrank.

Ich wollte mir ein Kleid rausholen, während sie das Wasser brachte. Doch kaum war ich dabei den Kleiderschrank zu öffnen, schon eilte sie zu mir.

„Milady, lasst das mich machen“, lief sie zum Kleiderschrank und riss die Tür auf.

„Nein!“, rief ich. „Das musst du nicht! Ich kann das allein!“

Doch zu Spät! Sie riss die Tür auf, zog ein Kleid heraus und damit auch meine Schultasche, die im hohen Bogen aus dem Schrank fiel und sich öffnete.

Die Wasserflasche rollten heraus und mit ihr meine Bonbons und mein Block.

Oh nein, nein, nein, nein, nein!!!

„Verzeiht Milady, das wollte ich nicht“, sprach sie erschrocken und beugte sich runter um alles aufzuheben.

Ich fiel sofort auf die Knie, sammelte alles so schnell ein wie ich konnte und schloss hastig die Tasche.

Margret sah mich misstrauisch an und gab mir die Wasserflasche, die ich vergessen hatte.

„Das ist aber ein seltsamer Krug“, bemerkte sie.

Die Angst stieg mir in die Ohren. „Ja … ich weiß“, stotterte ich. Nahm ich ihr die Wasserflasche ab und verstaute sie schnell wieder in der Tasche.

„Das sind … eh ... nur ein paar …“ überlegte ich. „Erinnerungstücke, von meinen Eltern.“

Oh mein Gott, was sollte ich bloß sagen. Mein Pulsschlag verdreifachte sich sofort. „Ehm, weißt du … siie … sind viel um die Welt gereist …“, ließ ich mir auf die schnelle etwas einfallen und hoffte, dass sie es schlucken würde.

„Und … haben mir immer wieder Souvenirs mitgebracht.“

Bitte, bitte, Schluck es! Bettete ich.

„Solche Gegenstände habe ich noch nie gesehen. Sie sehen sehr Interessant aus. Verzeiht mir bitte, dass ich so Tollpatschig bin. Ich werde mich bessern, ich versprech's.“

„Es ist alles gut. Mach dir keine Sorgen“, stand ich auf und verstaute die Tasche wieder im Schrank. „Ich zieh mich an und du bringst mir Wasser, einverstanden?“, schlug ich ihr unter heftigem Herzklopfen vor.

„Ja Milady“, sah sie mich prüfend an.

Ich nahm ihr das Kleid ab und sie ging.

Erleichtert strich mir durch die Haare, als ich dabei zusah wie Margret die Tür schloss.

Gott sei Dank, noch mal gut gegangen.

Ich wusch mich, zog mich an und aß das Frühstück das meine neue Magd mir gebracht hatte.

Nicht zufassen, ich hatte eine Magd. Wenn ich es jemanden zuhause erzählen würde, würde mir das keiner glauben … Moment! Mann würde mir überhaupt nichts davon glauben. Sie würden mich in die Klapse stecken, reflektierte ich das ganze, während ich aß.

Margret stand währenddessen die ganze Zeit an der Tür und beobachtete mich Stillschweigend.

Also ehrlich, so konnte ich nicht Essen. Es war, als fühlte ich jeden ihrer Blicke. „Ach Margret!“, drehte ich mich zu ihr.

„Ja Milady?“, stand sie sofort parat.

„Du hast mir wirklich viel zu viel gebracht. So viel kann ich niemals runter bekommen. Ich bin jetzt schon fast satt. Magst du nicht ein Happen mit Essen?“

Zerstreut blinzelte sie auf, nicht wissend was sie jetzt tun sollte.

„Milady das geht nicht, ich darf nicht!“

„Ach komm, hör auf mit dem Quatsch. Ich werde es auch niemanden verraten.“

„Also, …“, sagte sie hin und her gerissen. „Es wäre wirklich schade um das gute Essen. Wenn Ihr es nicht wollt, dann muss ich es an die Schweine verfüttern.“

„Also komm, hol die ein Hocker und setz dich zu mir.“

„Wenn Ihr wirklich nichts dagegen habt?“, überlegte sie kurz, schnappte sich den Hocker und kam schnell rüber.

Ich schob ihr den Teller zu und beobachtete wie sie hastig zu Essen begann. Sie schlang es förmlich in sich runter.

„Also ehrlich, Ihr seid die beste Herrin die man sich wünschen kann,“sprach sie zwischen den kauen. „Ich habe heute selbst noch überhaupt nicht gefrühstückt.“

 

Ich schaute zu wie sie das Essen in sich rein haute, und sie erzählte mit dabei von ihren Leben im Dorf.

Von ihrem Vater und seinem schweren Schicksalsschlag. Ihrer kleinen nervigen, vorlauten aber herzallerliebsten Schwester. Den zwei Brüder, die im Kampf gefallen waren. Die Mutter die, die Pest dahingerafft hat. Und schließlich von ihren Joshua, den Mann ihrer Träume, den sie geheiratet hatte.

„Maggie, wie alt bist du?“, fragte ich aus Neugier, denn ich schätzte sie etwa auf mein Alter. Es war unvorstellbar, dass sie schon verheiratet war.

„Ich bin fünfzehn, Milady“, lächelte sie.

„Und du bist schon verheiratet, wieso?“

Ich konnte es nicht begreifen.

„Milady Ihr sagt das so, als wäre das etwas Absonderliches. Ich bin im heiratsfähigen Alter, und wir haben uns schon vor Jahren für einander entschieden.“

„Und wie Alt ist Joshua?“

„Er ist zwanzig und er ist einfach wunderbar. Er ließ mir jeden Wunsch von den Augen ab. Auch wenn wir nicht viel besitzen, sind wir sehr Glücklich“, schwärmte sie seufzend. Man sah es ihr an, sie war glücklich.

Ich konnte es allerdings nicht nachvollziehen, wie man so früh heiraten konnte?

Bei uns war so etwas Gesellschaftsschädigend. Mit fünfzehn in die Ehe zu gehen … einfach unvorstellbar.

Aber Anscheinend war es früher so üblich … trotzdem … für mich das etwas fremdes.

„Auch über Euch sind Gerüchte im Umlauf“, sah sie mich schmunzelnd an.

„Was? Welche?“, schaute ich erschrocken.

„Man erzählt sich, Sir John und Sir Jeffrey, seien über beide Ohren in Euch verliebt. Sie haben sich sogar fast geprügelt. Stimmt das?“, sah sie mich gespannt an.

„Ehm … ich weiß nicht … ich denke nicht“, erwiderte ich verstört.

Mist! Es machte also schon im Dorf die Runde! Schaute ich zur Seite.

„Also bei Sir Jeffrey kann ich das eher glauben. Er ist so Ruhig, Galant und Charmant …“

Ja, das war er, schmunzelte ich.

„Aber Sir John? Er ist der flatterhafteste den ich kenne“, wirkte sie verblüfft. Aha! Was du nicht sagst, verengten sich meine Augen. „Ich muss gestehen, dass ich als Kind auch in ihn verliebt war. Er ist so Apart, Gutaussehend, Redegewandt und so betörend Selbstbewusst …“, zählte sie seufzend auf.

Oh ja! An Selbstbewusstsein fehlt es ihm kein Stück, stimmte ich ihr stumm zu. „Und diese Augen, … die bringen einen um den Verstand“, seufzte sie auf. „Als er früher an mir vorbei ritt, pochte immer mein Herz! Geht es Euch auch so?“, fragte sie.

„Ehm …“

Und wie, wenn nicht noch schlimmer! Sah ich verlegen zu Boden.

„Es … geht so“, antwortete ich und trank aus meinem Becher.

„Es gehen Gerüchte rum, dass er Euch ehelichen will“, plauderte sie offen aus.

„Was?“, verschluckte ich mich. „Ehm, Maggie …“

Sie ließ mich nicht mal den Satz beenden … „Er soll sich sogar,mit dem König darüber gestritten haben …“

„Was!“, erhöhte sich mein Pulsschlag donnern.

„Also, wenn das stimmt und Ihr aus ihm einen Ehrbaren Mann gemacht habt … wie habt Ihr das geschafft?“ fragte sie und sah mich neugierig an.

„Also jetzt bleib mal schön auf dem Teppich!“, stand ich auf und ging um den Stuhl herum. „Ich hab gar nichts gemacht. Das ist alles ein Irrtum! Außerdem werde ich bald abreisen. Es besteht also überhaupt kein Grund so ein Wind um die Sache zu machen.“

„Milady verzeiht mir, wenn ich Euch gekränkt habe!“, stand Margret sofort reumütig auf.

Also das Plappern lag eindeutig in der Familie. Die kleine Cathy war ja noch gar nichts, gegen ihre große Schwester, stellte ich etwas durcheinander fest.

„Nein, ist schon gut, es ist alles in Ordnung. Mach dir keine Gedanken“, blickte ich nachdenklich zur Seite.

Irgendwie musste ich sie loswerden. Ich bekam Kopfschmerzen von der ganzen Flut an Informationen, die sie von sich gab. Aber wie sollte ich das machen?

„Weißt du was, ich gebe dir für den Rest des Tages frei. Na was sagst du?“

„Aber das …“

„Jetzt sag nicht, das geht nicht! Natürlich geht das. Wenn du meine persönliche Magd bist … “ rollte ich mit den Augen. Echt! „ … kann ich dir wohl auch frei geben.“

„Aber Milady, ich muss Euch heute Abend für das Dinner vorbereiten. Das Kleid und den Schmuck abholen …“, zählte sie an ihren Fingern ab.

„Moment mal!“, stoppte ich sie. „Was für Kleid? Was für Schmuck?“

„Ihr wisst nicht nichts davon? Oh Gott, oh Gott, hoffentlich bekomme ich jetzt keinen Ärger. Sir John hat mich vorhin, als ich Euer Frühstück vorbereitet habe damit beauftragt. Er sagte, dass ich später bei der Nähstube und beim Goldschmied vorbei gehen, und diese Sachen für Euch abholen soll“, fing sie wieder an zu plappern. „Es sei ein Geschenk, für das heutige Dinner, Maria die Schneiderin, sie ist eine gute Freundin von mir, hat gemeint, das wird das schönste Kleid, das sie je genäht hat, und dass Ihr die Schönste auf diesem Dinner sein werdet und da ich Euch jetzt kenne, bin ich auch davon überzeugt, wisst Ihr, sie ist die beste Schneid…“

„Maggie, Maggie! Luft holen!“, unterbrach ich sie, denn sie war schon kurz vorm Hyperventilieren.

„Okay, du holst die Sachen ab und dann hast du eben bis zum Abend frei. Gut?“

„Wenn Ihr meint?!“, zögerte sie. „Aber wenn Ihr mich braucht, ich bin in der Küche, Ihr braucht nur nach mir zu rufen und ich bin da!“, fing sie wieder an zu plappern.

Mensch, die kannte ja kein Punkt und Komma. Also auf die Dauer würde das echt anstrengend werden. Gott sei Dank, war ich nicht mehr lange hier, hoffe ich jedenfalls.

„Okay, okay, okay!“, brachte ich sie wieder zum Schweigen. „Also wenn ich dich brauche, dann weiß ich, wo ich dich finde.“

Sie stellte sich gerade hin und grinste mich an.

„Dann geh ich mal die Sachen holen“, sagte sie und ging zur Tür. „Dann sehen wir uns heute Abend Milady?“

„Ja, heute Abend“, wiederholte ich.

„Aber wenn Ihr mich braucht …“

„… finde ich dich in der Küche. Verstanden!“

„Also gut“, grinste sie und schloss die Tür.

 

Gott sei Dank! Atmete ich erleichtert aus. Gott war die anstrengend. Sie war zwar Lieb und nett, aber länger hätte ich das nicht mehr ausgehalten.

Ich wartete ein paar Minuten, um sicherzugehen, dass sie nicht mehr wieder kam, öffnete vorsichtig die Tür und schlich mich leise raus.

Ich musste die Königin finden, denn bislang hatte ich sie nirgendwo gesehen.

Lief den gewohnten Weg durch die Flure zur Wendeltreppe und stieg sie runter.

„Guten Morgen Milady“, begrüßte mich ein entgegenkommender Dienstbote.

„Guten Morgen“, erwiderte ich zaghaft seinen Gruß.

Ich lief an der großen Halle vorbei, wo noch immer alles vorbereitet und dekoriert wurde.

Kam an einem Fenster und … … Was???

Verworren blickte ich hinaus und entdeckte eine zahlreiche Truppe bewaffneter Soldaten, voll Ausgerüstet und Kampfbereit!

Was war hier los?! Schaute ich beunruhigt über die Ansammlung der einsatzbereiten Männer. Wurden wir etwa Angegriffen? Waren wir in Gefahr? Wo wollten sie hin?

Sofort eilte zum Ausgang und trat auf den Hof hinaus, wo Jeffrey mir entgegen kam.

„Guten Morgen Milady“, begrüßte er mich heiter.

Aufgeschreckt blickte ich über die Soldaten. „Spar dir dein Milady! Was ist hier los?!“ blickte ich besorgt über den Hof.

„Nichts Besonderes. Nur Geleitschutz für ein paar Gäste seiner Majestät“, erwiderte er mit einem lässigen lächeln.

„Nichts Besonderes? Und dazu braucht ihr eine ganze Armee?!“, schaute ich aufgebraucht von ihm und überflog noch einmal die Reiter, als ich Edward darunter entdeckte.

„Ann, mach dir keine Sorgen. Das ist Normal“, beruhigte er mich.

„Na du hast leicht Reden. Ich finde das absolut nicht Normal!“, blitzte ich ihn an, als ein Traben sich uns näherte.

Einer der Soldaten stoppte sein Pferd vor uns, und sah in seinen Helm schweigend runter.

„Ist noch was?“, fragte Jeff genervt. Der Reiter nahm sein Helm ab.

John! Fing mein Herz sofort zu rasen an.

„Ich dachte wir hätte alles geklärt?“, warf er Jeff einen eiskalten Blick zu.

„Dachte ich auch“, erwiderte Jeff.

„Halt dich zurück!“, gab ihn John in einem besorgniserregenden Ton zu verstehen. „Oder …!!!“

„Oder was?“, zuckte Jeff mit den Augenbrauen.

Misstrauisch beobachtete ich die beiden. „Hey, hey, hey, kommt mal wieder runter!“, fuhr ich die beiden Streithähne an.

„Wie bitte?“, erwiderte John energisch.

„Ihr sollt euch beruhigen!“, wiederholte ich scharf. Schwachkopf!

„Ich, soll mich beruhigen!“, zog er seine Augenbrauen wütend zusammen. „Wahrend er …“

„John, komm jetzt. Wir müssen los!“, unterbrach ihn Edward.

Zähneknirschend wanderte Johns Blick wieder zu Jeff. „Jeff, ich warne dich!“, knurrte er.

„Das hast du schon getan!“

„Dann tue ich es eben noch Mal!“, spannte er den Kiefern an.

Gott, dieses ganze Platzhirschgehabe ging mir dermaßen auf die Nerven!

Ich schaute von einem zum anderen, und hätte an liebsten beiden eine geklatscht.

„John!!!“ rief Edward erneut.

Widerspenstig warf John uns einen prüfenden Blick zu, bevor er wütend an den Zügeln des Pferdes zog und zornig wieder zu zurück ritt.

 

Einer nach den anderen verließen sie die Schlossmauern.

Irgendwie hatte ich kein gutes Gefühl in der Magengegend, als ich dabei zu sah wie John aus dem Tor ritt. Es fühlte sich an, als verließe mich ein Teil meiner selbst. Am liebst wäre ich mit ihm geritten.

Ich vermisste ihn jetzt schon, wurde mir klar, weswegen ich auch gequält auf den Rasen blickte.

Das konnte nicht so weiter gehen! Ich musste es irgendwie abstellen. Es nahm langsam Überhand, versuchte ich es mir begreifbar zu machen. Diese innere Zerrissenheit würde mich irgendwann noch Mal umbringen!

„Annabelle“, hörte ich Jeff. „Na, wie sieht’s aus? Hast du Lust?“

„Lust?“, sah ich ihn fragend an.

„Picknick. Hast du Lust?“

„Jeff, wie kannst du jetzt ans Essen denken?“, sah ich ihn verwundert an.

Wer wusste schon, in welche Gefahr sich John und Edward gerade begaben, überlegte ich und ließ mein Blick besorgt zum Tor wandern.

Ich kapierte einfach nicht, wie er nur so gelassen bleiben konnte? Schließlich wusste er doch genauso wie ich, dass sich die Franzosen irgendwo in diesen Wäldern versteckten.

Und wenn sie auf sie treffen würden …? Fing mein Puls an zu rasen.

Nein! Es wird schon alles gut gehen, versuchte ich mich zu Beruhigen.

Und außerdem hatte ich eine andere Aufgaben zu erledigen … ich muss die Königin finden, und den Schlüssel, rief ich mir wieder ins Gedächtnis. Das sollte wohl genug Ablenkung sein.

„Ganz einfach, ich habe Hunger“, erwiderte Jeff Schulterzucken. „Also komm, gehen wir.“

„Jeff, ich hab jetzt ehrlich gesagt keine Zeit dafür. Ich muss die Königin finden!“

„Fängst du schon wieder damit an“, seufzte er. „Sie ist nicht da. Sie war in Grosmond, und kommt erst Heute mit den anderen Gästen an. Du siehst wir haben Zeit.“

„Jeff ehrlich, ich bin nicht in der Stimmung für ein Picknick.“

„Na gut“, zuckte er mit den Schultern. „Ist aber Schade, da es schon alles vorbereitet ist.“

Er blickte hinter sich, wo ein Stahlbursche mit zwei Pferden bereit stand.

Wann hatte er denn das organisiert, betrachtete ich ihn Überrascht.

„Ich dachte, du willst picknicken?“

„Ja, aber nicht hier!“, lachte er auf. „Ich hab mir gedacht wir reiten aus. Bringt dich vielleicht auf andere Gedanken.“

„Wie kommst du drauf, dass ich das nötig habe?“

Er zog die Augenbrauen hoch. „Ann, ganz ehrlich? Sie dich mal an. Du wirkst wie ein wandelnder Schatten.“

„Na herzlichsten Dank auch!“, entgegnete ich beleidigt. Ich hatte ja auch eine menge Probleme, um die ich mich kümmern musste!

„Du weißt wie ich es meine“, blickte er nachsichtig. „Ich weiß, dass du andere Dinge in Kopf hast. Aber es wird dir gut tun, vertrau mir.“

Er hatte ja Recht. Ich musste ein wenig abschalten. Und im Moment konnte ich sowieso nichts tun. Die Königin war nicht da, also konnte ich die Zeit auch ruhig mit Jeff verbringen, anstatt wartend in meinem Zimmer.

„In Ordnung“, ließ ich mich Überreden, worauf er erleichtert lächelte. „Aber nicht lange!“, warnte ich.

„Hervorragend!“, rief er aus, packte meine Hand und zog mich zu den Pferden. „Das Reiten hast du doch noch nicht verlernt, du Pferdediebin, oder?!“, belächelte er mich über die Schulter.

„Hey, ich hab’s mir nur ausgeliehen. Außerdem habt ihr es ja wieder! Also reite nicht drauf rum“, erwiderte ich auflachend.

Wie machte er das bloß? Er wusste genau wie er mich wieder aufheitern konnte. Ich fühlte mich so Frei an seiner Seite. Ohne Sorge und Kummer. Musste mir keine Gedanken über mein Benehmen machen, oder die Auswahl meiner Worte. Er nahm mich einfach so hin wie ich war, und das war einfach erlösend.

Wäre da nicht eins … das war er mir Gestern gestanden hatte.

Nein! Daran durfte ich jetzt nicht denken.

 

„Euer Pferd Milady“, sagte er ganz Galant. Nahm den Stahlburschen die Zügel ab und hielt meine Hand, um mir beim aufsteigen zu helfen.

„Ich danke Euch Milord!“, erwiderte ich.

Er wartete bis ich im Sattel saß und schüttelte gleich darauf schmunzelnd den Kopf.

„Was?“

„Breitbeinig Annabelle. Wirklich?“

„Willst du dich jetzt über mein Reit Stil unterhalten, oder Picknicken?“, fragte ich trotzig.

„Also gut, los geht’s“, lachte er auf und schwang sich Stilvoll auf sein Pferd. „Sehr Galant!“, lobte ich ihn.

Er verneigte sich leicht. „Was tut man nicht alles, um eine wunderschöne Lady zu beeindrucken!“, grinste er.

Ich schüttelte belustigt den Kopf und bemerkte wie der Stalljunge uns amüsiert beobachtete, was mich sofort rot anlaufen ließ.

Doch diese Peinlich Situation wurde vom knarren der Tore beendet.

Eine Kutsche fuhr in den Hof hinein, worauf sich Jeffs Gesichtsausdruck schlagartig änderte.

„Mist! Ich habe gehofft wir wären da schon weg“, sah er zu der Kutsche, die sich uns näherte.

„Wer ist das?“, fragte ich. Denn ich merkte ihm seine Nervosität an.

Jeff sah mich einen Moment nachdenklich an, und schaute dann wieder zum näher kommenden Fuhrwerk.

„Reverend Cornelius!“ erwiderte er angespannt und wachsam. „Ann, du tust jetzt genau das was ich dir sage! Verstanden?!“

Ich betrachtete ihn etwas Verwirrt. Er wirkte richtig angespannt. Wieso?

„Milord, ich werde mich jetzt zurück ziehen“, sagte der Stalljunge unruhig.

Jeff nickte und er ging.

Wovor hatten die beiden bloß solche Angst? Sah ich dem Jungen nach, wie er eilig im Stall verschwand.

„Ann überlas das Reden mir“, wies er mich an. „Sag so wenig wie möglich, am besten du schweigst.“

„Jeff, ich verstehe nicht. Wo liegt das Problem?“

„Tue einfach, was ich dir sage!“, sagte er im Befehlston.

Gott! Warum machte er solch eine Panik?

„Okay“,lenkte ich ein. „Wenn es dich beruhigt, tue ich's.“

Ich musterte ihn und blickte wieder zur Kutsche, die vor uns hielt. Ein älterer Mann, vielleicht ende fünfzig lehnte sich aus dem Fenster der Kutschenfenster.

„Euer Hochwürden“, sagte Jeff und verbeugte sich, ritt zur Kutsche und küsste den Ring des Priesters.

Was sollte das denn? Sah ich bei der Aktion skeptisch zu.

Jeff lenkte das Pferd wieder zurück, und signalisierte >Jetzt du! <, gab er mir mit den Augen zu verstehen.

Was? Ich küsse doch nicht seinen Ring! Blitzte ich ihn empört an.

Los!- Wiesen seine Augen ungeduldig mich an.

Ich tat was er sagte, doch war mir nicht ganz wohl bei der Sache.

Ich fand das widerlich. Wer wusste, was oder wenn er vorher angefasst hatte. >>Bäh! << Drehte sich mir Magen um.

Ich drückte leicht die Hacken rein, um das Pferd in Bewegung zusetzen, ritt zur Kutsche …

„Hochwürden“, murmelte ich kaum Hörbar. Beugte mich runter, gab den Ring ein Luftkuss und ritt sofort wieder zurück. Wobei sich mein Mund vor Ekel verzog.

Jeff schien davon amüsiert zu sein, denn ich glaubte ein leichtes zucken seiner Mundwinkel zu erkennen.

So was würde ich nie wieder machen! Fauchte ich mit den Augen.

„Mein geschätzter Earl of Cornwall, …“, sagte der Reverend.

Ehm … hee … schaute ich verblüfft zu Jeffrey.

Earl of Cornwall? Jeff? Also das war neu!

„ … es ist mir eine Freude Euch wieder zu sehen. Und auch noch bei solch einem freudigen Anlass.“

„Mir ist es auch ein Vergnügen Hochwürden. Hattet Ihr eine angenehme Reise?“, erkundigte sich Jeff formell.

„Eine sehr Angenehme. Danke für die Nachfrage“, erwiderte der Priester und blickte dann zu mir, was mich sofort erstarren ließ.

Er hatte die schwärzesten Augen, auf der ganzen Welt. Also es heißt ja die Augen sein der Spiegel zur Seele … meiner Meinung hatte der hier den falschen Beruf erwählt, lief mir durch den Kopf.

„Wollt Ihr mir die junge Lady nicht vorstellen, Milord Cornwall?“, fragte er mich musternd.

Ich hatte das Gefühl, dass seine Augen mich fast verschlangen. Jeff schien meine Angst zu spüren und ritt näher an mich heran.

„Hochwürden, das ist Lady Annabelle. Sie ist für unbestimmte Zeit Gast in Windsor“, sagte Jeff und rückte noch näher.

„Annabelle …“, wiederholte der Priester langsam. „Welch ein wundervoller Name. Es bedeutet die Schöne, liebreizende und Anmutige. Kommt aus dem Italienisch-Französischen, nicht wahr?“, fragte er betont und schaute mich aufmerksam an.

Keine Ahnung, schlag´s im Google nach, blitzte mir durch den Kopf.

„Ehm, …“, kam ich wieder zu sich. „ … ich weiß es nicht, … Hochwürden.“

„Sagt Kind, wo kommt Ihr her?“, fragte er mich bohrend.

Kaum öffnete ich meinen Mund, schon antwortete Jeff für mich.

„Sie kommt aus Gateshead, Hochwürden.“

„Aus Gateshead!“, sah er zu Jeff. „So, so!“, machte eine Pause. „Sagt Milord, steht diese junge Lady unter einem besonderen Schutz? Oder bewacht Ihr sie, und beantwortet ihre Fragen, aus einem anderen Grund?“, kräuselten sich seine Lippen zu einem spitzen lächeln.

Jeff schmunzelte. „Hochwürden, Ihr habt einen sehr scharfen Blick, doch Ihr irrt Euch. Weder steht diese Lady unter meinen Schutz, noch haben ich einen anderen Grund, welcher Euch Sorge bereiten könnte.“

„Das ist aber sehr, sehr Schade“, erwiderte der Priester. „Ich hatte mich schon gefreut zwei Verlobungen zu segnen.“

Vor Verlegenheit versteinert, schielte ich zu Jeff, der davon amüsiert zu sein schien.

„Oh Reverend Cornelius. Wann gebt Ihr es endlich auf mich vermählen zu wollen. Keine Sorge, wenn die Zeit kommt werdet Ihr es als erster erfahren, oder so gut wie, der erste.“

„Milord, Ihr solltet nicht vergessen, der Herr Gott sieht alles!“

„Ich weiß Hochwürden! Deswegen gebe ich mir auch die aller größte Mühe, anständig zu bleiben. Was bei aller Liebe zu unserem Herrn, nicht immer einfach ist. Glaub mir!“, grinste Jeff.

„Nun gut, ich will euch junge Leute nicht aufhalten“, sagte er Stirnrunzelnd. „Milord, Milady, wir sehen uns dann heute Abend“, verabschiedete er sich von uns.

„Habt noch einen Schönen Tag Reverend“, nickte Jeff.

Der Priester lehnte sich wieder in die Kutsche, streckte die Hand heraus und wies den Kutscher an weiter zu fahren.

Wir sahen der Kutsche nach, wie sie sich von uns entfernte.

Erleichtert atmete Jeff aus. „Geschafft!“

„Also ich finde du übertreibst“, sah ich zu ihm. „Er wirkt doch, … na ja … Nett?! Außer vielleicht diese Augen, die sind schon Unheimlich.“

Er sah mich belustigt an. „Nett?“, lachte auf.

„Was den?“, verschränkte ich die Arme.

„Also erstens, ist der Reverend definitiv nicht –Nett-, sondern Verrückt! Und zweitens, wenn er dich in so einer Haltung sieht, wird er nicht mehr von deiner Seite weichen. Also Hände runter! Benimm dich wie eine Lady aus unserer Zeit!“, sagte er, drehte das Pferd und gab ihm die Sporen.

Was? Schaute ich ihm Perplex hinterher.

Wie hatte er das gemeint? Weiteten sich meine Augen vor Schreck.

Hatte Edward doch mehr als meinen Namen verraten?

„Annabelle, komm schon!“, stoppte er.

Bewegungslos sah ich ihm nach. Versuchte einzuschätzen, wie viel er wusste. Dieser Satz hatte mich total aus dem Konzept gebracht. Ich musste herausfinden was uns wie er es gemeinte.

Trat dem Gaul in die Seiten und folgte ihm.

„Komm, wir haben nur ein paar Stunden!“, rief er mir zu und setzte das Pferd wieder in Bewegung.

„Jeff, warte!“, holte ich ihn ein. „Wie hast du das gemeint?!“, fragte ich scheu.

„Nicht jetzt“, grinste er. „Reden wir beim Picknick darüber“, sagte er und spornte sein Pferd an.

„Nein! Jetzt!“, rief ich ihm hinterher.

Er blickte über seine Schulter. „Wenn du mit mir Reden willst, dann musst du mich erst Mal einholen!“, richtete er an mich und ritt er im vollen Tempo von mir davon.

Na warte, Freundchen! Trat ich dem Gaul in die Seiten, worauf es los sprintete.

Wir ritten um die Wette. Kaum holte ich ihn ein, schon trieb er sein Pferd schneller an.

Dich krieg ich noch! Heizte ich das Pferd an. „Komm schon!!!“, schrie ich dem Gaul zu. „Die zwei schaffen wir alle Mal!“

Ich neigte mich runter, und hielt mich so gut ich konnte an den Zügeln und der Mähne fest. „Lauf!!!“

Wir ritte über eine große Wiese, die kein Ende zu nehmen schien. Langsam holte ich ihn ein, und zog an ihm mit einem breiten Grinsen vorbei.

„Hey!!!!!“, regte er sich gespielt auf.

„Du warst eben ein guter Lehrer!“, entgegnete ich auflachend und entfernte ich immer weiter von ihm.

 

Herrlich. Schaute ich unbeschwert in den Himmel und beobachtete wie die weißen Wolken über mir vorbeizogen.

Da, ein Hund der sich die Pfoten leckt … oder war es eine Katze? Ha, Ha! Keine Ahnung, eins von beiden.

Wir lagen auf einer Decke, die Jeff ausgebreitet hatte, und sahen schweigend den vorbeiziehenden Wolken zu.

Ich schloss die Augen, genoss die warme Mittagssonne, die meine Augenlider von innen rot färbte.

>>Entspannung pur<<, atmete ich den frischen Geruch von Gras und Wildblumen ein, der in der Luft lag.

Ein warmer Wind fegte über uns hinweg. Es fühlte sich genau so an wie am Strand von Amelia Island bei Fernandina Beach, in Florida, wo wir früher immer Urlaub gemacht haben, als Dad noch am Leben war.

Der Sand dort, war der weichste über den ich je laufen durfte und das Wasser hatte die perfekte Temperatur.

Es war einfach herrlich. Mein Dad hatte mir dort das Schwimmen beigebracht. Und tollte mit mir so lange im Wasser herum, bis ich Hundemüde auf die Decke zusammenbrach, und mich von den warmen Sonnenstrahlen trocknen ließ.

Es war die schönste Zeit in meinem Leben.

Ich, Mum und Dad, seufzte ich bei der Erinnerung.

„Jeff, das ist einfach genial!“, drehte ich den Kopf in seine Richtung. Er setzte sich auf, den Blick nachdenklich nach vorn gerichtet.

„Wenn ich wüsste, wie du das meinst, könnte ich dir vielleicht eine passende Antwort geben. Aber es klingt, als ob es dir gefällt …“, schenkte er mir ein mühsames Lächeln.

Ich blickte wieder Richtung Himmel, überlegte ob ich es wagen sollte ihn auf seine vorherige Bemerkung anzusprechen.

Es machte mir Angst, besonders jetzt, da er so schweigsam neben mir saß und gedankenverloren nach vorn blickte. Doch ich musste mir nicht mehr den Kopf darüber zerbrechen, er sprach es selbst an.

„Wie ist es so, … da, wo du herkommst?“, fragte er immer noch in die Ferne blickend.

„Hektisch“, antwortete ich zögernd.

Ich war mir nicht sicher, was er hören wollte. „Aber im Grunde, nicht viel anders als hier. Außer … ein paar Ausnahmen vielleicht.“

Wir schwiegen eine Weile, ließen den Wind nochmals über uns hinweg wehen. Die ganze Situation war verwirrend und auch ein wenig beängstigend.

Ich fragte mich, wie er darauf gekommen war, und was ich jetzt machen sollte. Eine Gänsehaut durchfuhr meinen Körper. In meine Gedanken versuchte ich die Frage, die mir auf der Zunge lag richtig zu formulieren, doch egal wie ich es auch drehte und wendete, das Ergebnis war immer das gleiche.

„Jeff, woher weiß du es?“, fragte ich schließlich.

„John“, erwiderte er.

John? Sah ich ihn verwundert an. Mit diesen Namen hatte ich jetzt nicht rechnet.

„Er hat mir immer von seinen Träumen erzählt“, erklärte er und sah mich wieder an. „Vom Ersten, bis zum Letzten“, machte eine Pause. „Ich hab es eigentlich schon an dem Morgen nach Johns Fieberanfall geahnt … und … welche Lady, will nicht Lady genannt werden? Oder den Schwertkampf erlernen“, lacht er auf. „Ich hatte wohl doch Recht, du bist etwas Besonderes.“

„Das ist Quatsch!“, entgegnete ich.

„Und … das breitbeinig Reiten …!“ lachte er erneut auf.

„Hey, ich hab dir doch gesagt, dass Frauen bei uns auch so Reiten!“, schaute ich ihn empört an.

Doch er kriegte sich immer noch nicht ein, was mich letztendlich auch zum Lachen brachte.

„Erzählst du mir davon?“, fragte er.

„Was willst du denn wissen?“, erwiderte ich zaghaft.

„Woher kommst du, … oder, … von wann?“

„Willst du das wirklich wissen?“, fragte ich Unsicher.

„Das ist eine gute Frage“, sah er kurz nachdenklich runter. „Schätze, … ja“, zuckte er mit der Schulter.

„Na schön“, setzte ich mich auf. „Um ehrlich zu sein, weiß ich gar nicht wie ich anfangen soll“, gab ich zu und spielte mit der Decke zwischen meinen Fingern.

„Wie wär’s, wenn du mir sagst wo du herkommst.“

„Das weißt du“, schaute ich zu ihm.

Er sah mich an, neigte den Kopf. „Gateshead? Ist das die Wahrheit?“

Ich nickte.

„Na schön“, holte er tief Luft. „Jetzt kommen wir wohl zu dem schwierigeren Teil, … von wann?“

Ich atmete tief durch, als wenn ich so mehr Mut bekommen würde. „2014.“

Antwortete ich und sah von ihm wieder auf die Decke.

Ich weiß nicht was ich erwartet hatte. Vielleicht so was wie Empörung, Misstrauen, Ungläubigkeit, irgendwas, doch er blieb still.

Ich sah ihn wieder vorsichtig an. Total in sich versunken saß er da, die Knie breit angezogen, auf denen er seine Arme abgelegt hatte, die Hände in einander gefaltet, blickte er in die Ferne.

Na Spitze! Jetzt hatte er einen Schock!

Ich betrachtete das Muster auf der Decke. Fuhr es mit meine Fingern nach und nahm mein Mut zusammen.

„Und, … was sagst du dazu?“, fragte ich unsicher.

Er zuckte leicht mit den Schultern. „Das ich ein Idiot bin … was sich aber nicht mehr ändern lässt.“

„Jeff?“ Irgendwie überkam mich gerade ein ungutes Gefühl.

„Mach dir keine Sorgen. Hat nichts mit dir zu tun“, sagte er mit einem schwermütigen lächeln. Aber irgendwie glaubte ich ihm den Teil nicht.

Er sah so verloren aus. Er schloss für einen Moment die Augen, spannte immer wieder sein Kiefer an und entspannte sich gleich darauf.

„Wie ist den … die Zukunft?“, fragte er schließlich.

„Na ja“, überlegte ich. „Ich habe mir noch nie Gedanken darüber gemacht, wie ich sie beschreiben soll, also …“

Was sollte ich ihm sagen? Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals so ein Gespräch führen würde. Hatte ich wirklich nicht. Wer hätte gedacht, dass ich es eines Tages tun müsste.

„Aber … im Allgemeinen, ähnlich wie hier. An den Verhalten der Menschen hat sich nicht viel geändert. Nur haben wir viel mächtigere und technologisch viel ausgeprägte Hilfsmittel. Was aber auch nicht immer vom Vorteil ist.“

Ich sammelte mich kurz und erzählte weiter. Da er immer noch schweigend da saß. „Unsere Pferde haben zum Beispiel als Fortbewegungsmittel ausgedient. Sie sind eher als Dressur und Rennpferde im Einsatz und werden bei Paraden oder Feierlichkeiten geritten. Aber dafür haben wir Autos, in allen Größen und Pferdestärken“, lachte ich über dieses Wortspiel. „Damit kommt man sehr viel schneller voran.“

„A-U-T-O-S?“, sah er mich neugierig an.

„Ja. Das sind, … wie Kutschen aus Metall, aber ohne Pferde. Sie werde von einem Motor angetrieben … ich denke, du hättest wirklich deinen Spaß daran, so ein Ding zu fahren“, lächelte ich.

„Ohne Pferde, das klingt seltsam.“

„Ja, irgendwie schon“, stimmte ich schmunzelnd zu.

„Und wer regiert England?“

„Momentan Königin Elisabeth die zweite. Aber das ist nur in England so. Die meisten Länder haben die Monarchie schon längst abgeschafft, und werden von Präsidenten und deren Vize-Präsidenten regiert. Hinter denen noch ein großer Beraterstab steht“, erzählte ich so gut ich konnte. Denn in Politik war ich eine Niete. Das was ich wusste, hatte ich aus den Nachrichten. Und um ehrlich zu sein, das Meiste davon, war nicht wirklich Positiv. Doch ich gab mir die größte Mühe es wahrheitsgetreu darzustellen.

„Und du?“, fragte er schließlich. „Wie war dein Leben?“

Wie mein Leben war? Überlegte ich kurz. „Eigentlich ganz Normal“, zuckte ich mit den Schultern. „Wir sind zwar viel umhergezogen, nachdem mein Dad starb. Aber sonst, … schätze ich, lebten wir stink Normal. Mein Alltag war nichts Besonderes. Ich ging zur Schule, kam nach Hause und verkroch mich in meinem Zimmer …“

„Schule?“, schaute er mich fragen an.

„Ja, Schule“, rollte ich mit den Augen. „Ich hab ja schon einige Schulwechsel hinter mir, aber eine Uniform musste ich an keiner davon tragen. Außer in hier England“, schüttelte ich den Kopf.

„Was ist eine Schule?“, fragte er mich seltsam musternd.

Ich betrachtet ihn einen Augenblick, wunderte mich. „Wie? Was ist eine Schule?“, richtete ich die Frage an ihn zurück. Es konnte doch nicht sein, das er nicht wusste, was eine Schule war. Oder hatten sie hier einen anderen Ausdruck dafür.

„Du weißt schon, … da, wo man Lesen und Schreiben lernt!“

„Verstehe“, erwiderte er.

„Kannst du Lesen?“, fragte ich unsicher.

„Natürlich kann ich lesen“, sah er mich an. „Vielleicht nicht so … schnell …“, zuckte er mit den Schultern. „Aber ich Lese“, machte eine Pause. „Bei uns wird es nur von den Geistlichen gelehrt. Und die waren nur darauf fixiert die Bibel zu referieren“, erklärte er und lachte plötzlich auf. „Weist du, … ich erinnere mich da an ein paar Streiche, die ich und John ihnen als Kinder gespielt haben. Wir haben sie an so manchen Tagen, an den Rand des Wahnsinns getrieben.“

„Ach ja, ... was habt ihr den gemacht?“, fragte ich interessiert.

„Nur das Übliche, … Pferdeäpfel auf den Stuhl, die Bibel gegen die Gedichtsbände von Francesco Petrarca ausgetauscht. Was sie im Übrigen zum ausrasten bracht … So eine Schmach dulden wir nicht! Schrien sie immer“, erinnerte er sich und lachte laut auf.

„Und eines Tages überredete John einen Bauernjungen sich als Teufel zu verkleiden. Wir haben ihn mit Russ eingerieben, die Haare mit roten Ton eingeschmiert und ihm Kuhhörner aufgesetzt! Gott die haben fast ein Herzanfall bekommen, so sehr haben sie sich erschrocken, als er auf einmal vor dem Fenster mit einem wehenden Umhang erschien!“, erzählte er lachend.

„Scheint als hattet ihr großen Spaß!“, erwiderte ich sein lachen. „Habt ihr kein Ärger bekommen?!“

„Und was für welchen. König Edward war jedes Mal außer sich vor Wut. Doch das war es Wert!“, grinste er Kopfschüttelnd.

„Das glaub ich gern!“

Aufmerksam hörte ich ihm zu, wie er von ihren Streichen erzählte. Die jedes Mal mehr und mehr ausgefallener waren.

Das man sich so was dämliches ausdenken konnte … schüttelte ich belustigt den Kopf.

„Der letzte war so gut, das wir heute noch darüber Lachen. Wir sind nachts in ihre Kammer eingebrochen, und habe alle Kruzifixe durch den Davidstern ausgetauscht …“, lachte er auf und riss mich damit mit. „Und die Rosenkränze an die Decke geheftet. Das gab so richtigen Ärger! Gotteslästerung und Verschmähung wurde uns vorgeworfen! König Edward hat sich die Haare gerauft! Wir durften als Straffe einen Monat lang die Felder beackern. Aber die Straffe haben wir gern auf uns genommen, für den Spaß den wir dabei hatten.“

„Ihr wart ja richtig erfinderisch!“, kriegte ich mich kaum ein. „Ich wünschte ich wäre dabei gewesen!“

„Ja, dich hätte wir wahrscheinlich als Engel von der Decke baumeln lassen. Das wäre doch was, oder?“, sagte er und wir brachen wieder in lautes Gelächter aus.

„Oh Jeff, wie machst du das bloß?“, kriegte ich mich langsam wieder ein.

„Was?“, grinste er.

„Du bringst mich immer zum Lachen. Und sagst immer das richtige, im richtigen Moment. Ich weiß nicht wie, aber es fällt mir alles leichter mit dir“, sagte ich unüberlegt und schüttelte ausgelassen den Kopf. „Keine Ahnung wie du das machst!“

Er lächelte mich nachdenklich an. Musterte mich eine Weile, was meines Erachtens eine Weile zu lang war, denn es schüchterte mich ein klein wenig ein.

„Lass das!“, wies ich verlegen darauf hin.

Er schaute runter auf die Decke. „Ich … denke wir müssen langsam wieder zurück. Die ersten Gäste werden bald eintreffen“, sagte er und ließ seinen Blick wieder geistesabwesend auf mir ruhen.

„Ehm, … ja, … dann sollten wir los“, versuchte ich seinem verwirrenden Blick auszuweichen.

„Ja, sollte wir“, sagte er wieder zu sich kommend.

Wir richteten uns auf. Jeff holte die Pferde, ich packte alles wieder in den Picknickkorb und stellte ihn zur Seite. Hob die Decke, um sie zu falten.

„Ann lass, ich mach das schon“, wollte er mir die Decke abnehmen.

„Nein, ist schon okay. Ich mach das“, zog ich zurück.

„Ich hab dich schließlich eingeladen, also lass mich das tun!“, redete er auf mich ein.

„Nein! Geh zurück zu den Pferden …“

„Nein! Geh du zu den Pferden!“, Zog er stärker.

„Hey!!!“, ärgerte ich mich gespielt auf.

„ANNN!“, zog er.

„JEEEFF!“

Ich nahm meine ganze Kraft zusammen und zog an der verdammten Decke, was er nicht erwartet hatte und auf mich zu stolperte.

Samt der Decke die zwischen uns war, landete er in meinen Armen.

Eh-hm … Verdammt! So war das eigentlich nicht geplant! Sah ich ihn erschrocken an.

„Keine Angst“, lächelte er schief. „Ich werde dir nicht zu Nahe kommen.“

„Ich … hab keine Angst“, stammelte ich.

Er schaute mich ein Moment intensiv an.

„Das ist schon seltsam“, sagte er Gedankenverloren.

„Was?“

„Ich hätte nie gedacht, dass ich mal Eifersüchtig auf Johns Träume sein werde.“ Er strich mir mit seinem Daumen über die Wange. „Aber jetzt … verstehe ich, warum er so versessen darauf war. Man kann sich doch in einen Traum … verlieben … Besonders wenn er so liebreizend ist wie ….“

Er ließ den Satz unvollendet. „Wir sollten jetzt aufbrechen“, sagte er schließlich und zog sich zurück.

„Ja …“, sah ich verstört runter. „Ich … falte die Decke … du … verstaust den Korb“, sagte ich.

„Gute Idee“, nickte er.

„Ja … denk ich auch“, erwiderte ich sein Nicken.

Benommen gingen wir auseinander, und packten die restlichen Sachen zusammen.

 

Nach einer langen stillschweigenden Strecke, die mir länger vorkam, als der Weg dorthin, ritten wir durch das Haupttor in die Schlossanlage hinein.

„Entschuldige“, sagte er plötzlich.

„Wofür?“

„Für den kleinen Ausrutscher.“

Er wirkte etwas beklommen.

„Ist ja nichts passiert … Jeff, … ich mag dich“, versuchte ich zu erklären, während wir zu den Stallungen ritten. „Ein wenig zu sehr sogar …“

„Jeff!!!!!!“, schrie eine wütende Stimme vor uns.

Wir blickten hoch und entdeckten John, der von der anderen Seite der Anlage mit dem Rest der Truppe und zwei Kutschen entgegen kam.

„Was hat das zu bedeuten?! Wo wart ihr?!“, schrie er zornig.

Langsam ritten wir an ihn vorbei. Wobei ich ein ungutes Gefühl bekam, als ich seine Augen aufblitzen sah.

„Reg dich ab“, antwortete Jeff. „Wir waren nur Picknicken.“

„Ihr wart Was?!“, knurrte John und sah uns Zähneknirschen hinterher, als wir an ihnen vorbei ritten.

Wir hielten bei den Stallungen, wo ein Stahlbursche schon auf uns wartete.

Jeff stieg ab, übergab ihm die Zügel und kam zu mir um mir von Pferd zu helfen.

„Vorsicht, fall nicht runter“, grinste er. „Obwohl ich dich liebend gerne wieder auffangen würde.“

Schmunzelnd rollte ich mit den Augen. „Das hättest du wohl gern.“

„Milady, das würde diesen Tag vollkommen machen.“

Schmeichler! Schwang ich mein Bein zurück. Fühlte wie sich seine Hände sanft um meine Talije schlossen, und er mich behutsam wieder auf die Erde stellte.

„Danke für diesen wunderschönen Vormittag“, sagte ich lächelnd.

„Denn wir bald wiederholen sollten“, erwiderte er.

„Das würde ich gern.“

„Ja, ich auch“, lächelte er.

 

„Verflucht! Was war, am halt dich fern von ihr, nicht zu verstehen?!“, schrie John, sprang ruckartig von Pferd und kann rasend auf uns zu.

Jeff schob mich zur Seite und sah seine Cousin kommen.

„Du hältst dich wohl für besonders Schlau, was?“, zischte John.

„John! …“, versuchte ich auf ihn einzureden.

„Nicht schlauer, als du Cousin!“, antwortete Jeff und kassierte gleich darauf ein Kinnhacken.

„John, hör auf! Was tust du?!“, sah ich ihn geschockt an.

Kaum sprach ich den Satz aus, schon sprang Jeff auf, rammte ihm seine Schulter in den Bauch und riss ihn mit sich zu Boden. Wurde aber sofort im Fall von John über die Schulter geworfen.

Sofort sprangen beide wieder auf und sahen einander unbeugsam an.

„Das war schon lange überfällig!“, knurrte John.

„Bin ganz deiner Meinung!“, zischte Jeff zurück.

Wutentbrannt rannte John wieder auf seinen Cousin los, der ihn auffing und ihn über seine Hüfte warf.

„Jungs, hört auf damit!“, schrie ich. Doch sie hörten mich nicht.

„JOHN!!!“ Versuchte ich an sie ran zu kommen. „JEFF!!!“ Doch ich kam nicht nah genug, ohne mich von ihnen mitreisen zu lassen. Hilfesuchend huschte mein Blick über die Kutschen.

Aus der Ersten ausstiegen gerade ein Mann mittleren Alters, und zwei Frauen heraus. Irritiert sahen sie dem Schauspiel zu.

„Um Gottes willen, Edward, tue doch was!“, rief eine der Frauen.

Langsam mit einem Kopfschütteln, stieg Edward vom Pferd. Wirkte amüsiert von der Vorstellung, die die beiden allen boten und schlenderte ohne große Eile auf sie zu.

Die Soldaten lachten, sprachen durcheinander und zeigten in die Richtung der beiden. Ein paar feuerten sie sogar noch an.

John sprang auf Jeff. Riss ihn runter, drehte sich auf den Rücken und schmetterte ihm sein Ellenbogen in die Brust. Schwang sich sofort auf Jeff, verpasste ihm ein Fausthieb und wurde sofort von Edward hoch gezerrt.

„Lass mich los, Edward!“, schrie er Wutentbrannt. Jeff sprang auf und griff wieder an. John riss sich los.

Die beiden packten einander und rissen sich wieder zu Boden. Genervt rollte Edward mit den Augen und sah den beiden Kopfschüttelnd zu.

„John!!! Jeffrey!!! Schluss Damit!!!!“ Arbeitete sich die Frau aus der Kutsche durch die lachende Menge. „Edward!!!“, schrie sie aufgewühlt.

„Mutter, beruhigt Euch. Lasst die zwei es austragen. Die legen es schon eine ganze Weile darauf an“, antwortete er Ruhig.

Mutter?! Erstarrte ich.

„Edward, entweder du unternimmst etwas dagegen, oder ich tue es!“, rief sie ihm zornig zu.

„Na schön“, gab er nach. „Riley greif dir Jeff, ich übernehme John.“

Mühsam zerrten sie die beiden auseinander. Was eindeutig nicht leicht war, denn sie wehrten sich mir Händen und Füßen.

„Edward, las mich los!“

„John beruhige dich!“, entgegnete Edward.

„Riley, verdammt noch mal, misch dich da nicht ein. Das geht dich nichts an!“, schrie Jeff, und versuchte sich zu befreien.

Zornig stampfte die Königin auf die beiden Streithähne zu.

„Schluss Jetzt!!!!!!“, schrie sie aus vollem Hals, was die beiden wieder zur Besinnung brachte. „Habt Ihr beide vollkommen Euren Verstand verloren?! Was hat dieser Unsinn zu bedeuten?!!!“, schrie sie die beiden an.

„Mutter …“, wollte John sich rechtfertigen.

„Komm mir jetzt nicht mit >Mutter<! So etwas dulde ich nicht!“, kam sie zu ihm, packte ihn am Ohr und zerrte ihn zu Jeff, der dabei belustigt zusah. Sprachlos beobachtete ich wie die Königin ihren Sohn, am Ohr gepackt durch die Anlage schleppte.

„Mutter … a-a-a-u-u. Lasst, bitte, los! Ich bin doch keine zehn mehr, a-a-a!“, jammerte er. Jeff lache, kriegte sich nicht kaum ein.

„Und was Lachst du eigentlich?!“, blitzte sie ihn entgegen, was Jeffs Lachen im Keim erstickte.

„Tantchen, bitte nicht“, sah er sich um, und blickte sie flehend an.

Ohne zu zögern, packte sie auch ihn am Ohr und zerrte beide durch die gesamte Grünanlage zum Schlosseingang.

„Da seid ihr mal kaum ein Jahr weg …“, schimpfte sie Lautstark. „ Kommt nach Hause, und bereitet mir so eine Begrüßung! Was habt Ihr Euch dabei gedacht!!!“, schrie sie.

„Mutter, bitte!!!“

„Tantchen, das könnt Ihr doch nicht machen. Wir sind Erwachsen!“

„Ihr seht doch, dass ich das machen kann! Und ich kann auch noch ganz andere Sachen!“, knurrte sie. „Euch den Hosenboden versohlen, zum Beispiel!“

„Mutter, nicht …!“, flehte John.

„Erwachsen, das ich nicht Lache! Nach einem Jahr unter Edward, hatte ich gehofft, dass er euch eure Flausen ausgetrieben hat. Aber nein! Ihr seid noch schlimmer als vorher!“

„Tantchen, Ihr beschämt uns!“, sagte Jeff.

„Ich, Euch beschämen? Ich?! Das habt Ihr von ganz allein geschafft!“

Sie führte die beiden ins Gebäude, dessen Türen von einer ihr folgenden Dienstmagd eilig geschlossen wurden.

Die Soldaten kriegten sich nicht wieder ein.

„Oh je, das wird noch ein nach Spiel haben“, sah Edward jauchzend auf die geschlossene Tür.

Ich war völlig Sprachlos von der Darbietung der Königin. Die beiden hatten sich nicht mal gewehrt. Ließen sich einfach von ihr mit ziehen, starrte ich mit offenem Mund über die Wiese.

Warum zum Teufel prügelten sie auch überhaupt auf einander ein. Die hätte sich Verletzen können.

 

„Henry, Isabel, Willkommen“, hörte ich König Edward, der aus der Tür rauskam in die vorher die Trottel reingezogen wurden. Er schritt über die Wiese und begrüßen die etwas verstörten Gäste mit einer herzlichen Umarmung.

„Na dieses Jahr, habt ihr euch bei der Begrüßungsvorstellung ja selbst übertroffen. Geht es den Jungs gut?“, fragte der Earl of Grosmond.

„Besser als sie es verdienen“, erwiderte der König, worauf die beiden Männer auflachten.

„Edward, nimm die Armen nicht zu hart ran. Schließlich sind sie noch Jung. Und wenn du dich genau erinnerst, warst du ihn diesem Alter auch kein Unschuldslamm“, schüttelte Lady Isabel amüsiert den Kopf.

„Du hast ein zu gutes Gedächtnis, meine Liebe Isabel. Ich verspreche dir, ich werde nachsichtig sein. Ihr könnt inzwischen schon Eure Gemächer einnehmen. Harold wird Euch dorthin geleiten“, wies er auf den Dienstboten, der wartend an der Tür stand. „Ich werde noch die anderen Gäste begrüßen.“

Die Männer umarmten sich noch mal, und Earl und Lady of Grosmond entfernten sich.

„Peter, es ist mir eine Freude Euch wieder zu sehen. Und das müssen Eure bezaubernden Frauen sein, und Eure wunderschönen Töchter!“ Ging König Edward zu der anderen Kutsche.

Ich sah mir das Ganze genauer an, … der Kerl hatte tatsächlich zwei Frauen. War das zu fassen?

„Ich freue mich dich endlich besuchen zu können, mein lieber Freund. Besonderen bei einem solch freudigen Ereignis. Schade nur, dass mein Sohn nicht dabei sein kann. Aber Maria war der Meinung, dass eine so lange Reise nichts für einen Säugling ist.“

Okay drei Frauen!!! Schossen mir die Augenbrauen in die Höhe. Von Monogamie hielt er wohl nicht viel? Betrachtete ich den großen Mann, mit der geschwollenen Brust.

König Edward hieß sie alle Herzlich Willkommen, und leitete sie an die daneben stehenden Diener weiter.

Etwas Kritisch beäugte ich diese altertümliche Patchwork Familie, und verspürte gleich einen bohrenden Blick der auf mir lag.

Folgte dem unguten Gefühl, sah hoch und erblickte schwarzen Augen, die mich neugierig und urteilend aus einem der Fenster musterten.

Der Reverend.

Seine Augen bereiteten mir ein Schaudern. Ich ließ meinen, immer noch vor entsetzten erstarrten Blick, durch die Menge schweifen und entdeckte Margret, die völlig platt da stand und besorgt zu mir rüber schaute.

 

Die Gäste, und ihre Familienverhältnisse, so ungewöhnlich sie auch waren, rückten in den Hintergrund.

Besonders nachdem, was sich die zwei Deppen gerade geleistet hatten.

Die hatten sich meinetwegen Geprügelt … sah ich überspannt auf den Rasen. Und dabei hatte ich gar nichts getan … Trottel! Schimpfte ich sie innerlich. Hoffte aber, dass ihnen nichts passiert war, denn so wie die sich hin und her schleuderten, musste sie definitiv ein paar Prellungen davon getragen haben.

„Milady, geht es Euch gut?“, hörte ich Margret, die inzwischen zu mir geeilt war. „Ist Euch was geschehen?“

Ich schaute sie durcheinander an. „Es geht mir gut.“

„Annabelle!“, kam Joan über den Hof gerannt. „Was ist passiert?“, fragte sie irritiert. Stoppte und sah mich prüfend an.

„Sie … sind einfach auf einander los gegangen“, sah ich fassungslos durch die Gegend.

„Was?! … Sie haben sich geprügelt?!“, fragte sie schockiert.

Doch ich schweifte ab, schaute einfach nur ins Leer.

„Ehm … ja, Milady“, antwortete Margret für mich, als sie bemerkte dass ich bewegungslos da stand, und vor mich starrte.

„Sir John und Sir Jeffrey … das war einfach unglaublich!“, blickte sie Joan mit großen Augen an.

„Das glaube ich nicht“, schaute sie von Margret zu mir und schmunzelte am Ende. „Sie haben sich Euretwegen geprügelt? Soweit musste es je irgendwann Mal kommen!“

Ich sah sie verstört an. Musste es das? „Joan … verzeiht, aber … ich würde mich jetzt gerne in mein Zimmer zurückziehen“, stammelte ich zerstreut. „Annabelle, kleines, Ihr dürft Euch das nicht so zu Herzen nehmen. Wenn die zwei sich nicht im Zaum halten können …“

Geistesabwesend drehte ich ihr den Rücken zu und ging.

Ich wollte weg, weg in mein Zimmer. Ging wie in Trance über den Rasen, als ich leise Schritte hinter mir vernahm. Margret folgte mir schweigend.

„Maggie, du hast für heute Frei“, sagte ich monoton, ließ sie stehen und ging in das Gebäude.

Unter Tränen betrat ich mein Zimmer. Schloss die Tür ab und sah mich aufgelöst im Raum um.

Wie konnte es nur so weit kommen? Versuchte ich es zu begreifen. Begab mich zum Fenster und blickte entrückt hinaus.

„Milady …“, klopfte es nach ein paar Stunden. Margret öffnete vorsichtig die Tür und kam schließlich rein. „Milady, es wird Zeit. Ich muss Euch für das Dinner vorbereiten.“

Versunken schaute ich aus dem Fenster. „Maggie, ich sagte du hast Frei.“

„Aber Milady, das Dinner ist in zwei Stunden. Ich muss Euch fertig machen.“

„Ich hab nicht vor irgendwohin zu gehen“, erwiderte ich knapp.

„Aber Milady …“

„Bitte, lass mich allein“, sagte ich.

Ich hatte nicht vor auf irgendein Dinner zu gehen. Besonders nicht, nach dem was geschehen war.

Maggie blieb noch eine Weile und betrachtete mich Sorgevoll.

Ich drehte mich nicht um, sagte kein weiteres Wort. Irgendwann, ich merkte es nicht, verließ sie das Zimmer und ließ mich allein.

Ich bewegte mich keinen Zentimeter, blickte zwar aus dem Fenster, sah aber eigentlich nichts. Zu versunken war ich in meine Gedanken.

Diese Prügelei heute, hatte mir den Rest gegeben.

 

„Annabelle, wir müssen bald los“, hörte ich eine Stimme. „Ihr müsst Euch fertig machen.“

Langsam drehte ich mich um und entdeckte Joan an der Tür, gefolgt von Margret.

Petze! Schaute ich zu ihr, woraufhin sie versuchte Entschuldigend zu lächeln.

„Joan, ich gehe nirgendwohin“, sah ich von Margret zu ihr. „Ich wäre heute Abend keine gute Gesellschaft“, sagte ich und bemerkte, dass mein Wortschatz immer besser wurde, und sich anpasste.

Na, wenigstens etwas Gutes, dachte ich.

„Lasst Euch nicht von den heutigen Ereignissen so runterziehen. Außerdem ist die ganze Sache inzwischen bereinigt.“

„Was heißt das?“, fragte ich hellhörig und bemerkte, dass auch Maggie ihre Ohren spitzte.

„Nach langem hin und her Geschreie, haben sich die zwei auf Anweisung der Königin zusammen gesetzt, und anscheinend alles geklärt“, erzählte sie heiter.

Wirklich? Irgendwie war das unglaubwürdig. So wütend wie die zwei waren. „Das ist schön zu hören“, erwiderte ich und sah wieder zum Fenster hinaus.

„Also kommt macht Euch fertig“, sagte sie mit Nachdruck. Wies Margret an mir meine Sachen zu Recht zulegen, worauf sie sich diese sofort in Bewegung setzte.

„Joan ich fühle mich nicht gut“, warf ich ein.

„Kleines, das ist nur die Aufregung“, erwiderte sie.

Nein. Ich fühlte mich wirklich nicht gut. Tief in mir drin, hatte ich ein bedrückendes Gefühl, wie eine böse Vorahnung, die mir ritt, sich so weit wie möglich von dem ganzem hier fernzuhalten.

Aber das konnte ich ihr nicht erzählen, sie würde es nicht verstehen. Und außerdem war es … seine Verlobungsfeier. Ich hatte dort nichts verloren. Und wollte auch nicht dabei sein, wenn man es verkünden würde.

„Bitte Joan, zwingt mich nicht.“

„Annabelle, ich glaube, Ihr versteht es nicht. Wenn der König anordnet, dass man erscheint, dann hat man nicht zu widersprechen. Und er hat, Gott weiß warum, ausdrücklich angewiesen, dass Ihr bei diesem Dinner anwesend sein sollt.“

Warum wollte er nur unbedingt, dass ich an diesem Fest teilnehmen sollte?

Das war merkwürdig! Es war hundertprozentig wegen John. Doch was wollte er damit bezwecken? War das irgendeine erzieherische Maßnahme von ihm? Außerdem nachdem was heute passiert war, war ich der Ansicht dass es besser sei dort nicht aufzutauchen.

Mir drehte sich der Magen um, bei der Vorstellung, wie er und seine Braut durch die Halle stolzierten. Und obendrein war ich mir nicht sicher, ob er das so gelassen hinnehmen würde wenn ich dabei wäre.

Alles in einem, verspürte ich eine große Befangenheit und Abneigung gegen dieses Dinner.

 

 

 

 

13

 

 

 

Kapitel 13

 

„A-u-u-u!!!“

„Verzeiht Milady, ich werde vorsichtiger sein“, kämmte Margret mir die Haare durch.

Ich blickte ins Leere, und Überlegte wie ich diesen Abend überstehen sollte. Joan hatte es trotz meiner zahlreichen Widersprüche geschafft, mich dazu zu überreden. Gott, konnte sie hartnäckig sein!

Alle meine Einwände hatte sie sofort im Keim erstickt. Also ließ ich es zu, mich von Margret frisieren und zu Recht machen zu lassen.

Ich hatte absolut keine Ahnung, was sie mit mir anstellte. Da sie den großen Spiegel, den sie herbringen ließ, abgedeckt hatte. Es war mir aber auch egal, was sie mit mir macht. Mein Äußeres war momentan mein kleinstes Problem. In meinem Kopf schwirrten immer noch die Ereignisse des heutigen Tages. Immer wieder tauchten die Bilder der Schlägerei vor meinen inneren Augen auf.

Ich konnte es nicht fassen, wie das so ausarten konnte.

„Männer!“, schnaubte ich leise auf.

„Habt Ihr was gesagt, Milady?“, fragte mich Margret irritiert.

„Ehm … nein, nein. Es ist alles in Ordnung“, antwortete ich schnell und verfiel wieder in meine Gedanken.

Und dabei hatte der Tag so gut angefangen, dachte ich.

Der Vormittag mit Jeff war wirklich entspannend. Ich hatte mich schon lange nicht mehr, mit jemand so frei gefühlt, dass ich ihm alles erzählen konnte.

Außer mit … John.

Aber ihm durfte ich nichts erzählen. Je weniger er über seine Zukunft wusste, desto besser war es für ihn. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass wenn ich mich ihm öffnen würde, dann gäbe es kein zurück.

Noch konnte ich meine Emotionen im Zaum halten. Doch je länger ich hier war, desto schwerer wurde es. Es nagte an mir, dieses Gefühl, immer an seiner Seite sein zu wollen.

Nein! Verbann es aus deinem Kopf! Wies ich mich an und schüttelte ihn leicht.

„Milady stillhalten“, sagte Margret an meinen Haaren zum zupfend.

Ich tat was sie sagte und bewegte mich nicht mehr. Aus dem Augenwinkel schielte ich auf das Kleid, dass John für mich anfertigen ließ. Das ordentlich ausgebreitet auf meinem Bett lag.

Es war ein Traum aus zartem Flieder. War vielleicht etwas Kitschig ausgedrückt, passte aber wie die Faust auf´s Augen.

Ups, blöde Wortwahl, schmunzelte ich.

Margret hatte Recht die Schneiderin hatte sich die größte Mühe gegeben und es war wunderschön geworden. Allerdings hatte ich auch nicht sonderlich viele Vergleichsmöglichkeiten, denn von der derzeitigen Mode hatte ich keine Ahnung. Aber aus meiner Sicht, war es das schönte Kleidungsstück was ich je tragen durfte und einzigartig dazu.

 

„So wir sind fertig“, sagte Margret, während sie ein Stück zur Seite trat.

„Heißt das, ich darf mich wieder bewegen?“, fragte ich sicherheitshalber.

„Ja, das dürft Ihr“, kicherte sie und hielt mir das Kleid hin.

Ich schlüpfte schnell aus meinem und zog das andere an. Sie lächelte begeistert, als sie den Spiegel enthüllte.

„Ach du Scheiße, Maggie, was hast du getan?!“, starrte ich ungläubig in den Spiegel. War ich das?

„Milady gefällt es Euch nicht?“, guckte sie erschrocken.

„Im Gegenteil! Es wundervoll! Maggie du hast Zauberhände!“

„Aber nein Milady. Ihr ward vorher schon eine Schönheit. Ich habe nur hier und da etwas zugefügt“, sagte sie bescheiden.

Ich konnte meinen Augen nicht trauen, was sie mit meinem Haar angestellt hatte. Drehte mich, um es mir von hinten anzusehen.

Ein perfekter französischer Zopf, von Seite zu Seite, in einer hängenden U-Form geflochten, der mir kleinen Blümchen ausgeschmückt war. Vorne Elegant zur Seite gekämmt. Nicht zu straff und mit ein paar ausgefransten Haarsträhnen versehen. Die Frisur passte Perfekt zum Kleid, das wie angegossen passte. Woher hatte er das nur gewusst!

Ich erkannte fast selbst nicht wieder.

„Ihr seht einfach bezaubernd aus. Maria hatte Recht, Ihr werdet die Schönste sein“, schaute sie voller Bewunderung und hielt mir den Schmuck hin.

„Ehm, danke Maggie. Aber ich bleibe lieber bei meiner eigenen Halskette“ schaute ich auf das Mächtige Kollier in ihren Händen.

Es war einfach zu groß, zu auffällig.

Ich blickte in den Spiegel und konnte nicht glauben, dass ich das war. Auch wenn Joan mich praktisch dazu gezwungen hatte, zu diesen Fest zu gehen, jetzt konnte ich es kaum erwarten. Trotz der ganzen bedenken wegen John, jetzt war ich eher auf seine Reaktion gespannt.

Ich sah einfach unglaublich aus, einfach nicht wie ich selbst. Schaute mich von Kopf bis Fuß an und drehte mich im Kreis. Mein Kleid wirbelte hoch. Ich fühlte mich wie unecht, fast wie eine Romanfigur aus einem alten Film. Lachte.

„Ihr seht einfach wunderschön aus, wie ein Engel“, sah sie mir dabei amüsiert zu und lachte auf.

„Ach jetzt übertreib nicht“, erwiderte ich.

„Also, ich muss mich Eurer Zofe anschließen“, sagte Edward, der angelehnt im Türrahmen stand und mich schmunzelnd beobachtete.

„Milord!“, erschrak Margret und knickste sofort.

Er nickte und sah dann wieder zu mir. „Ihr seht atemberaubend aus, Annabelle“, sagte er, während er ins Zimmer trat. „Wollen wir los?“

Ich schaute ihn durchblickend an. „Sag bloß, Joan hat die abkommandiert um mich abzuholen?“, fragte ich skeptisch.

Er schwieg, grinste nur. „Wirklich?!“, sah ich ihn ungläubig an. „Oh, das glaub ich jetzt nicht! Das hätte ich auch allein geschafft. Du hättest dir nicht solche Umstände machen müssen“, rollte ich mit den Augen.

„Das glaub ich Euch gern. Aber es sind keine Umstände für mich. Ich bringe Euch gerne hin“, sagte er. „Los, machen wir uns auf den Weg.“

Ich schnaubte laut aus. „Also gut, lass es uns hinter uns bringen“, sagte ich und ging voraus.

Stillschweigend folgte er mir. „Es wird bestimmt nicht so Schlimm werden“, erwiderte er.

Oh, bestimmt nicht! Schielte ich zu ihm. Es wird bestimmt nicht so schlimm werden, dabei zusehen zu müssen wie dein Bruder sich mit einer anderen Verlobt.

Wenn es Blanche gewesen wäre, hätte es mir vielleicht nicht so viel ausgemacht, weil es ja so sein musste. Oder … vielleicht doch? Ich wusste es nicht, hoffte es aber.

Edward lief neben mir her und sah mich immer wieder mal an, als wüsste er worüber ich nachdachte.

„Es ist eine ziemlich verworrene Situation, was?“

„Ja ziemlich“, erwiderte ich kleinlaut.

„Annabelle, was Euer kleines Problem angeht, …“

„Welches denn?“, schaute ich hoch. Ich hatte da so einige.

Er schien zu Ahnen woran ich dachte. Eigenartigerweise hatte er was mich anging, immer einen guten Riecher.

„Annabelle, …“, blieb er stehen und wendete mich zu sich.

„Edward, lass es sein!“, schnitt ich ihm das Wort ab. „Du kannst mir dabei sowieso nicht Helfen.“

Aber bei etwas anderen! Fiel mir ein. „Aber du kannst etwas anderes für mich tun.“

Er schürzte die Augen. „Was meint Ihr?“

„Du hast mir doch mal vom Secret Garden erzählt“, sagte ich und beobachtet seine Reaktion.

Kaum merkbar weiteten sich seine Augen, die mich prüfend betrachteten.

Also doch! Hatte ich's doch geahnt!

„Ich glaube du weißt was ich brauche, um mein Problem zu lösen!“, erwiderte ich sein Blick.

„Nicht das ich wüsste“, antwortete er.

Wollte er mich für dumm verkaufen? Er wusste genau wovon ich Redete. Er wusste es schon immer!

„Ich brauch den Schlüssel!“, sah ich ihn scharf an. „Zum Tor, … Johns Tor! Im Garten!“, musterten meine Augen ihn. Denn er Blickte mir immer noch stur, ohne Reaktion in die Augen. „Jetzt tue nicht so, als ob du es nicht gewusst hast“, sagte ich ungeduldig. „An den Tag, als ich es dir erzählt habe, hatte ich schon dieses Gefühl, das du mir was verschweigst!“, sah ich ihn aufgebracht an. Langsam entspannte sich sein Gesichtszüge und er sah Nachdenklich zur Seite.

„Na ja, man kann nicht behaupten das ich Euch etwas verschwiegen habe. Denn das was Ihr meint, … an das habe ich nie geglaubt. In meinen Augen war das immer nur ein alter Aberglaube, nichts weiter. Bis Ihr aufgetaucht seid.“

Wovon Redete er? Was für ein Aberglaube? Versuchte ich zu verstehen.

Aber was mich in diesen Moment noch mehr Ärgerte, war das er es immer noch nicht hin bekam, mit mir normal zu Reden.

„Edward hör auf mit diesen >Ihr< Quatsch. Du weißt genau, dass ich das nicht nötig habe“, sagte ich zornig. „Warum hast du mich nicht aufgeklärt, mir nichts gesagt!“, fuhr ich ihn an.

„Weil das nicht meine Aufgabe ist.“

„Wessen dann!“

„Johns. Er hätte es dir sagen müssen.“

„Ja, natürlich. Gerade er!“, drehte ich mich aufgebraucht von ihm weg. „Von ihm ist keine Hilfe zu erwarten!“, sah ich ihn wieder an. „Ich habe ihn schon gefragt!“

„Und was hat er geantwortet?“, fragte er scharf blickend.

„Dieser Trottel will mir nicht helfen. Er sagt, ich soll mich von dem Garten fernhalten! Ist das zu fassen?!“, sagte ich aufgewühlt.

„Er will dich eben nicht verlieren.“, zuckte er mit den Schultern. „Ist einerseits verständlich. Er liebt dich. Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas Mal sagen würde“, lachte er auf. „Und das über meinen Bruder, den Schwerenöter.“

„Ooh, komm du jetzt nicht auch noch damit an. Die ganze Angelegenheit ist auch so schon schwer genug, auch ohne deine Analyse“, schrie ich ihn im Flüsterton an. „Was denkst eigentlich, wie schwer es für mich ist, diesen Gang jetzt runter zu gehen. In dem Wissen, das er sich heute Abend mit irgendeiner Lady >Sowieso< verloben wird. Meine einzige Chance dem ganzem hier zu entfliehen, ist wieder nach Hause zukommen. Und alles so schnell wie möglich zu vergessen!“, entgegnete ich und merkte wie mir die Tränen hoch stiegen.

„Annabelle es wird alles wider gut“, sagte er, nahm mich fast Väterlich in seine Arme und tätschelte sanft meinen Rücken. „Ich habe dir doch gesagt, dass ich versuchen werde dir zu Helfen. Und ich halte mein Wort. Doch bis dahin musst du Stark sein und die Nerven behalten.“

„Ich weiß nicht, ob ich das kann. Ich habe keine Kraft mehr“, schluchzte ich in seine Brust. „Es fühlt sich alles so Sinnlos an. Je länger ich versuche mich dagegen zu wehren, desto leerer fühle ich mich.“

„Dann hör auf dich dagegen zu wehren, lass es zu“, hob er mein Kinn hoch und lächelte aufmunternd.

„Du weißt ja gar nicht wovon du Redest“, schniefte ich.

„Das höre ich nicht zum ersten Mal“, schmunzelte er. „So, … jetzt wisch dir die Tränen ab, … “, stellte er mich aufrecht an den Schultern hin. „Atme tief durch und lass es uns, wie hast du es noch mal ausgerückt, hinter uns bringen“, lächelte er. Ich sah ihn etwas unsicher an.

„Ann, mach dir keine Sorgen. Du wirst heute einen angenehmen Abend haben, und außerdem siehst einfach Fantastisch aus. Und wirst die Schönste sein …

na ja, fast … da ist ja noch Joan. Sie wird auch wunderschön sein, ist ja meine Frau“, überlegte er. „Ach ja, und meine Mutter. Also bist du in bester Gesellschaft. Aber sonst wirst jeden verzaubern“, lächelte er.

Ich grinste.

„Was ist?“, fragte er.

„Das ist das erste Mal, dass du mich Ann genannt hast“, schmunzelte ich.

Er sah erheitert zur Seite. „Also los … Ann. Gehen wir“, sagte er, legte seine Hand auf meinen Rücken und führte mich die Wendeltreppe runter.

Wir kamen an die große mit Schnitzerei verzierte Tür, die zur großen Halle führte. Ich seufzte. Edward legte beide Hände auf die Türklinken.

„Bereit?“, fragte er.

Ich sah ihn unsicher an. „Wenn nicht, darf ich dann wieder zurück?“, fragte ich fast flehend.

„Oh Annabelle!“, lachte er Kopfschüttelnd auf und öffnete die Türen. Verdammt! Die Aufregung in mir übernahm fast meinen ganzen Körper. Doch nicht für lange.

„Wau!“, hauchte ich bewegungslos in den Raum. Hammer was sie daraus gemacht hatten, flogen meine Augen über die prunkvollen weißen Vorhänge, die an jedem Fenster hingen. Bis zu den großen feierlich geschmückten Kerzenständern, die überall in Raum verteilt waren und der ganzen Atmosphäre etwas Unwirkliches verliehen.

In der rechten Ecke, wo man die Tribüne aufgebaut hatte, saß eine Gruppe von Musikanten, die etwas Langsames im Hintergrund spielten, um die Gespräche der Lord und Ladys nicht zu stören, die an einem langen Tisch in der Raummitte saßen und sich Unterhielten.

Ich blickte über die geladene Gesellschaft, so viel wie ich es angenommen hatte waren es gar nicht, aber dennoch genug.

Die gesamte Königsfamilie war vertreten. Der König und die Königin, deren Kinder Isabella, Lionel und seine Gemahlin Elisabeth, die doch ein paar Jährchen älter zu sein Schien als er. John und Edmund, und nicht zu vergessen Edward und Joan. Nur der kleine Thomas fehlte. Allerdings war er vier Jahre alt, und noch zu klein für so eine Abendliche Veranstaltung.

Außer der Königsfamilie saßen noch die heutigen angereisten Gäste am Tisch. Lord und Lady of Grosmond, die neben einander saßen und mich freundlich anlächelten. Peter der Grausame, wie ich von Joan erfuhr war der Name des Mannes mit der riesigen Patchwork Familie. Zu der seine erste Frau Blanche und Juana gehörte, die die dritte Ehefrau des Mannes war.

So wie Joan es mir geschildert hatte, blieb seine erste Ehe Kinderlos. Weswegen er sich noch eine zweite und dritte Frau nahm. Die zwei Töchter die mit ihm angereist waren, stammen aus seiner zweiten Ehe mit Maria. Die aber heute nicht dabei sein konnte, weil sie erst vor zwei Monaten ihr drittes gemeinsames Kind zur Welt gebracht hatte und den kleinen Alfons die lange Reise noch nicht zumuten wollte. Auch mit Juana hatte er ein gemeinsames Kind, den vier Jährigen Johann, der auch zu hause geblieben war.

Welch eine große glückliche Familie. Betrachtete ich sie skeptisch.

Ein weiterer Gast war der Reverend. Dessen Augen schon wieder unangenehm an mir klebten.

„Komm“, sagte Edward und führte mich hinein.

Vorsichtig betrat ich den majestätisch wirkenden Raum, der jetzt, da er so auf Hochglanz poliert wurde der St. George Halle mehr als ähnelte.

Schritt für Schritt kamen wir den reichlich gedeckten Tisch näher.

Es fühlte sich alles so Unecht an.

Der von Kerzenlicht durchflutete Raum, der riesige Tisch mit all den Speisen und die Menschen die an ihm Platz genommen hatten.

Langsam stiegen meine Augen zur Decke. Einfach unglaublich! Starrte ich die gigantischen Kerzenleuchter an, die jetzt in aller Pracht über uns brannten.

Ich war sprachlos. Also jetzt verstand ich, warum sie alle so eine Hektik gemacht hatten.

„Da seid ihr ja!“, rief König Edward. „Meine Herrschaften, darf ich Euch unseren Gast Lady Annabelle Mitchell vorstellen“, sagte er, während er aufstand und auf uns zukam. „Und, meine große Hoffnung, und Nachfolger, meinen Sohn Edward. Kommt her Kinder setzt euch“, geleitete er uns zu unseren Plätzen. Edward rückte mir einen Stuhl neben Joan zu Recht.

„Nein Sohn, das ist dein Platz“, sagte der König. „Annabelle, Ihr sitzt hier“, stellte er sich neben einen freien Stuhl.

Unsicher folgte ich ihn, zu dem mir angewiesenen Platzt und entdeckte Jeff, der den Platz neben mir hatte.

Er lächelte freudig, als er mich sah, was ich Manierlich erwiderte. Ich war immer noch Sauer auf die zwei. War aber auch erleichtert, dass ich neben jemanden sitzen durfte, den ich kannte.

Aber trotz alledem verspürte ich ein merkwürdiges Gefühl, als ich ein bizarres Grinsen auf König Edwards Gesicht bemerkte.

Wieso wollte er, dass ich unbedingt hier sitzen sollte, fragte ich mich.

„Danke …“, sagte ich und setzte ich mich hin.

Er beugte sich runter, rückte mir den Stuhl gerade. „Ihr seht übrigens bezaubernd aus“, sagte er nah an meinem Ohr. „Und ich bin sicher, mein Sohn findet das auch“, fügte er noch hinzu und blickte hoch. Ich folgte seinem Blick, direkt in Johns Augen. Er saß mir genau gegenüber, neben einem blonden Mädchen das heute angereist war und beobachtete mich und seinen Vater genau.

„Warum tut Ihr das?“, fragte ich beklommen.

„Es hat nichts mit Euch zu tun. Es ist nur ein Test, … für meinen Sohn,“ guckte er wieder auf mich runter. „Leider scheint er durch zufallen,“ sagte er skeptisch. „Aber dennoch wünsche ich Euch noch einen angenehmen Abend“, fügte hinzu und begab sich an seinen Platz.

John schaute immer noch starr zu mir und Jeff rüber, was mich innerlich beunruhigte, und Jeffrey machte die Situation auch nicht einfacher.

Er beugte sich leicht zu mir rüber. „Du siehst hinreisend aus“, sagte er liebevoll lächelnd.

„Danke“, erwiderte ich etwas verstört von Johns bohrendem Blick. „Du bist nicht der erste der mir das sagt.“

Irgendwie fühlte ich mich unwohl und total fehl am Platz. Besonders wie Johns Augen an mich nicht frei gaben. Schließlich löste er sich aus seiner Trance und nickte mir mit einem schiefen Lächeln zu.

Ich zuckte leicht mit den Mundwinkeln und blickte wieder runter.

Wer war das Mädchen neben ihn, fragte ich mich. Ob das seine Verlobte sein würde? Schaute ich kurz zu ihr hoch.

Was soll das?! Mach dich doch nicht so fertig. Auch wenn sie seine Verlobte war, … es musste dir egal sein, sagte mir mein Verstand.

„Sie ist es“, schaute Jeff mich vielsagend an.

„Was?“, fragte ich.

„Du fragst dich doch, ob sie das ist. Das sehe ich doch.“

Na herzlichen Dank! Rollte ich mit den Augen.

Das machte das ganze auch nicht einfacher. Ich schaute ihn innerlich betrübt an, sagte aber nichts.

Der Rest des Abends verlief Ruhig. Der erste Gang wurde serviert. Ein riesiger, nein gigantischer Vogel wurde am anderen Ende des Tisches aufgestellt und transchiert.

Gott, war das ein Riesen Vieh. Wo hatten sie den denn gezüchtet, schaute ich dem Kellner zu, wie er angestrengt den Truthahn transchierte.

Ich entdeckte eine ältere Magd, die mit einem Verzweifelten Blick an uns vorbei eilte und immer wieder unter den Tisch schaute.

Was sucht sie? Sah ich ihr bei ihrer Suche zu, als mich unter dem Tisch etwas streifte.

Erschrocken schaute ich zu Jeff und beugte sofort runter, um nach zusehen was es war. Ein kleiner dunkelhaariger Junge krabbelte gerade an mir vorbei. Er war echt goldig und John wie aus dem Gesicht geschnitten, mit denselben leuchtenden Augen.

„Thomas, mach dass sofort du ins Bett kommst!“, wies Jeff ihn im Flüsterton an. Der kleine Junge lächelte … selbst das Lächeln war das gleiche … streckte uns die Zunge aus und krabbelte munter weiter.

Mit einem breiten Grinsen sahen wir den kleinen nach, lachten auf und kamen wieder unter dem Tisch hervor.

Der kleine war einfach zu Süß um ihn Böse zu sein.

„Wer war das?“, fragte ich.

„Thomas, der jüngste in der Familie“, antwortete Jeff. „Ein niedlicher Spitzbub, was?“

„Ja sehr niedlich.“

„Ich sehe schon, er hat dein Herz im Sturm erobert.“

„Ja, ich bin hin und weg!“, lachte ich auf und bemerkte John, der uns scharf musterte. Auch Jeff entging der strenge Blick seine Cousin nicht.

„Lass uns Essen“, sagte er. „Das riesige Ungetier dort, soll zarter sein als es aussieht“, wies er auf den Truthahn hin.

Ich schmunzelte und widmete mich dem Essen.

Der Vogel schmeckte wirklich sehr gut, aber nach einem Stück bekam ich nichts mehr runter. Ich schaute durch die Menge, alle schienen sich großartig zu Amüsieren. Auch John unterhielt sich angeregt mit seiner jungen und attraktiven Tischnachbarin. Was ihn aber nicht davon abhielt, mir verstohlene Blicke zu zuwerfen, denen ich aber verzweifelt versuchte auszuweichen.

 

„Milord, darf ich Euch noch etwas Wein einschenken?“, hörte ich auf ein Mal gegenüber.

Die blonde Magd, die mich gestern in der Küche verachtend mustertete, stand jetzt aufreizend über John gebeugt und sah ihn vielsagend an.

Was sollte das den werden? Schielte ich rüber und bemerkte, dass auch seine Tischnachbarin aufmerksam wurde.

John wendete sich von ihr ab. „Danke Emma, aber ich brauche nichts“, erwiderte er.

„Vielleicht später, Milord?“, fragte sie betont.

Das gab’s ja nicht! Knirschte meine Eifersucht mit den Zähnen.

Sucht euch ein Zimmer! Schürzte ich die Augen und sah Schockiert zu, wie sie ihn einladend ihr Dekolltee entgegen streckte.

Johns Blick begegnete meinen, worauf er seine Augen sofort zum Tisch fallen. Blickte zornig hoch. „Ich sagte, ich brauche nichts! Später nicht und sonst auch nicht!“, sagte er, was sie unmissverständlich verstand.

Sofort richtete sie sich wieder auf und blickte mir verstimmt entgegen.

„Ja Sire!“, erwiderte sie bitter, an ihn gerichtet aber in meine Augen blickend. „Wenn Ihr es so wollt!“

Ich hielt ihrem heftigen Gesichtsausdruck stand, was ihr sichtlich nicht passte. Irgendwie erinnerte sie mich an Cass, und das waren nicht nur die Locken die sie gemeinsam hatten. Sondern auch dieser selbstgefällige Ausdruck in den Augen.

Missgestimmt drehte sie sich auf ihren Hacken um und stolziert davon.

John hob seine Augen und blickte mich rechtfertigend von der anderen Tischseite an. Ich hielt seinem Blick stand, darauf bedacht keine Emotionen zu zeigen. Aber das konnte ich nicht, also verengte ich vorwurfsvoll die Augen und sah ihm entgegen.

Was war den das gerade für eine Aktion? Unauffälliger ging’s nicht mehr, oder? Gab ich ihm mit mein Blick zu verstehen.

Er blickte Schwermütig entgegen und versuchte zu lächeln.

Er brauchte mich gar nicht so an zugucken, es war mir völlig egal, was oder mit wem er was trieb, redete ich mir ein. Lächelte gleichgültig und wendete mich dann demonstrativ zu Jeff.

„Na erzähl mal, habt ihr alles klären können?“, fragte ich und lächelte übertreiben Interessiert.

„Wie meinst du das?“, betrachtete er misstrauisch mein überbetontes Lächeln.

„Ich meine, euer heutiges aneinander geraten.“

„Ehm, … ja, haben wir“, zog er verwundert die Augenbrauen zusammen. „Ann, warum grinst du so?“, fragte er.

„Ich bin nur Neugierig“, zuckte ich mit den Schultern.

„Nein bist du nicht. Aber egal was du damit bezweckst, es scheint zu funktionieren“, sagte er und sah auf die gegenüber liegende Tischseite.

John schaute immer rüber und spannte unruhig seinen Kiefer an.

Ich rollte mit den Augen und schaute zur Seite.

Trottel, konnte man nicht mal eine einfache Frage stellen, ohne gleich etwas unterstellt zu bekommen, oder beobachtet zu werden? Atmete ich schwer aus.

„Ich weiß, du würdest jetzt gern wo anders sein“, sagte Jeff.

„Wie kommst du denn da drauf!“, verengte ich sarkastisch die Augen.

Er musterte mich einen Augenblick und wendete sich wieder seinem Essen zu.

Auch ich blickte wieder runter auf meinen Teller und stocherte mit der Gabel in meinem Essen rum.

Warum musste ich ihn so anfahren? Er konnte doch schließlich nichts dafür, dachte ich, und schluckte schuldbewusst.

„Jeff, es tut mir leid“, entschuldigte ich mich schließlich, während ich zerknirscht auf den Teller blickte.

„Was? Das du mich benutzt um ihn Eifersüchtig zu machen? Oder das du dein Dampf an mir ablässt?“, fragte er den Blick ebenfalls auf seinen Teller gerichtet.

„Ich wollte das nicht, es tut mir leid“, sagte ich.

„Ich weiß“, erwiderte er und sah wider hoch. „Ach komm, du siehst aus als ob du gleich Hingerichtet wirst.“

„Irgendwie fühlt es sich auch so an“, sagte ich und spürte wieder einen bohrenden Blick.

Ich konnte mir schon denken wer mich so stur anstarrte, und blickte zornig hoch. … aber … es war nicht John. Sein Stuhl war Leer. Er war weg!

Ich schaute durch den Raum, konnte ihn aber nirgendwo finden. Wo war er? Wandelten meine Augen hin und her. Vielleicht bei der Blondine, überlegte ich.

Großer Gott Annabelle! Hör endlich auf damit! Das war doch völlig egal wo er war, schimpfte ich mich.

„Jeff kann ich mit dir Reden?“, hörte ich auf einmal seine Stimme hinter mir und fuhr ruckartig herum.

John stand hinter uns, wartend und vielleicht etwas ungeduldig. Eigenartigerweise vermied er den Augenkontakt mit mir.

„Natürlich“, antwortete Jeff, worauf John ihn nickend in einer Richtung wies und sie sich sofort auf den Weg machten.

Ich wendete mich wieder der Tischgesellschaft zu und suchte nach demjenigen der mich beobachtet hatte. Denn ich hatte immer noch dieses eigenartige Gefühl, beobachtet zu werden. Wenn es nicht John war, wer war es dann. Der König? Guckte ich zum anderen Tischende.

Aber er war es nicht. Er unterhielt sich gerade angeregt mit dem Lord of Grosmond, bemerkte ich.

Die beiden Männer lachten auf, schien anscheinend ein amüsantes Gespräch zu sein. Aber wenn er es nicht war, wer war es dann … ? …

„Du siehst Überwältigend aus, zum dahin schmelzen!“, hörte ich plötzlich nah an meinem Ohr und schrak zusammen. Drehte den Kopf und blickte direkt in Johns blaue Augen, die mir entgegen leuchteten.

Er lächelte schneidig und ging davon.

Wie hypnotisiert schaute ich noch einige Sekunden vor mich hin, als ich wieder dieses Bohren direkt vor mir verspürte.

Der Priester! Er sah mir direkt in die Augen, prüfend, von Kopf bis Fuß.

Ein Schauer lief mir den Rücken runter. Ich schluckte vor Unbehagen, denn seine Augen in mir auslösten.

Er beäugte mich eine Weile und verzog sein Mund zu einem bizarren Lächeln. Ich zuckte nervös mit den Mundwinkeln zurück und wendete mich wieder meinem Teller.

Verdammt! Warum glotzte er nur so?! Raste mein Herz vor Aufregung.

Immer noch spürte ich seinen scharfen Blick auf mir, was mich vor unruhig auf den Stuhl rum rutschen ließ.

„Lady Annabelle“, begrüßt er mich schwungvoll. Ich guckte ihn nervös an.

Was soll ich sagen, Hallo? Guten Abend? WAS? Zerbrach ich mir den Kopf. Hochwürden!!! „Guten Abend Hochwürden“, versuchte ich zu Lächeln und schaute wieder auf meinen Teller.

Jeff hatte Recht, er war irgendwie Eigenartig.

„Ihr seht nicht gerade aus, als ob Ihr Euch gut unterhaltet“, sagte er und rückte auf Jeffs Stuhl.

Alarmiert schielte ich rüber. „Ihr Täuscht Euch“, erwiderte ich und zog mühsam die Mundwinkel hoch. „Es ist mir eine Ehre und Vergnügen zugleich, bei so einem Fest teilzunehmen.“

Schluckte und bemerkte wie intensiv er mich musterte.

„Ja, da habt Ihr wohl Recht. Die Verlobungsfeier eines Prinzen ist wirklich ein besonderes Ereignis.“

„Ja“, sagte ich und zwang mit ein lächeln auf.

„Lady Isabella ist auch eine außergewöhnliche Schönheit, nicht wahr?“, fragte er und sah zu ihr. „Aber anscheinend überhaupt nicht zu vergleichen mit Euch.“

Ruckartig sprangen meine Augen entsetzt zu ihm.

„Ihr braucht überhaupt nicht so schockiert zu gucken. Ich bin zwar Alt, jedoch nicht Blind.“

Sein Blick fuhr durch mich hindurch, als wollte er mich verschlingen. Ich schluckte vor Unbehagen, hielt ihm aber stand.

„Hochwürden, ich würde nicht das eine und nicht das andere von Euch behaupten. Jedoch irrt Ihr Euch“, erwiderte ich etwas beklommen und bemerkte, ... hey, ich wurde ja immer besser und besser.

„Meint Ihr?“, fragte er.

Ich schwieg und nippte an meinem Weinglas. Verdammt wo blieb bloß Jeff? Ich sah mich suchend um, konnte ihn aber nirgendwo entdecken. Nahm noch einen großen Schluck Wein und blickte ungeduldig durch die Runde, als ich bemerkte, wie Lady Isabel of Grosmond mich liebevoll betrachtete.

Ich schenkte ihr ein schüchternes Lächeln, sah runter und nippte wieder an meinem Weinglas.

Allmählich fühlte ich mich ein wenig angeschwipst. Und der Kerl neben mir, starrte mich immer noch so penetrant an.

Gott, was wollte er nur von mir! Das wurde langsam lästig.

Mit dem Alkoholpegel stieg auch mein Mut. Am liebsten hätte ich mich umgedreht und ihn so richtig zur Sau gemacht.

Aber ich widerstand, atmete Flach aus und nahm noch ein Schluck vom Wein.

„Ihr seid eine höchst eigenartige Person. Höchst eigenartige!“, sagte der Reverend, mit einem niederträchtigen Schwung in seiner Stimme.

Dieser Mann jagte mir Angst ein, da war ich mir jetzt Sicher. Denn diese schwarzen Augen, schienen mich auf eine dämonische Weise zu verschlingen. Ich schluckte angespannt. „Meint Ihr? Das finde ich nicht. An mir ist nichts eigenartiges, ich bin völlig Normal.“

Boa, war das ein Ekel Paket! Blickte ich in die andere Richtung, um ihn anzudeuten, dass für mich dieses Gespräch zu Ende war.

Er räusperte sich und rückte näher.

Was sollte das den werden? War meine Körpersprache nicht deutlich genug?! Rückte ich von ihn ab.

„Sagt, ... wo kommt Ihr noch mal her?“, fragte er stochernd.

Ich ignorierte ihn und blickte Stur zur Seite.

„Ich habe das seltsame Gefühl, das es fern dieser Gegend ist, … Eure Heimat“, sagte er.

Genervt schnaubte ich aus. „Hochwürden Ihr wisst wo ich her komme!“

„Das denke ich nicht“, zuckten seine Augenbrauen.

„Warum interessiert Euch das so?“

„Oh, das ist nur die gottgegebene Neugier.“

„Aha!“, erwiderte ich und schaute wieder weg. Doch der Bruder hatte den Wink immer noch nicht kapiert.

„Ich möchte Euch mein persönliches Beileid zu Euren Verlust ausdrücken. So früh die Eltern zu verlieren, … und dann noch auf so eine Art und Weise … ist niederschmetternd, nicht wahr?“, fragte er und fixierte mich wie eine Schlange seine Beute.

„Es ist auf jede Art und Weise niederschmetternd, Hochwürden“, sagte ich und rückte noch ein Stück von ihm ab.

„Ja …“, kräuselten sich seine Lippen. „Dann ist das sicher eine große Erleichterung für Euch, dass Ihr hier so herzhaft empfangen wurdet!“

„Worauf wollt Ihr eigentlich hinaus?“

Verließ mich schließlich die Geduld. Ich drehte mich zu ihm um und schaute ihm direkt in seine pechschwarzen Augen.

„Eigentlich …“, sagte er schmierig lächelnd. „Möchte ich nur erfahren, wie Ihr es angestellt habt.“

„Was?“

Er lachte auf. „Tut nicht so scheinheilig. Jeder Blinde erkennt, dass Ihr den beiden jungen Herrn den Verstand geraubt habt.“

Tickte der noch ganz Richtig?! „Ich habe keine Ahnung wovon Ihr redet.“

„Ach nein!“, wies mich mit seinen Blick Richtung Tanzfläche. „Seht!“

Ich folgte ihm und traf auf Johns Augen, die mich genaustes beobachteten, während er Isabella durch die Tanzfläche führte.

„Und da!“, nickte er ans andere Tischende, wo Jeffrey saß und sich mit Edmund unterhielt.

Aaach, da bist du ja! Sah ich ihn grimmig an.

Auch seine Augen sprangen immer wieder von seinem Gesprächspartner auf mich.

Solche Trottel! Müssten sie mich so Anstarren!

„Ihr bildet Euch da etwas ein!“, antwortete ich, den Blick wieder zum Reverend gerichtet.

„Ach wirklich?“, fragte er mit hochgezogenen Augenbrauen.

„Ja! Wir drei verstehen uns einfach Gut, mehr ist da nicht!“

Seine Augen musterten mich kurz. „Ihr seid wirklich gut!“

Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem teuflischen Lächeln.

„Ich verstehe nicht!“, erwiderte ich gereizt.

Langsam beugte er sich an mein Ohr. „Welchen Zauber habt Ihr angewendet?“ Entfernte sich ein Stück und sah mich mit seinen seelenlosen Augen durchblickend an. „Egal wie gut Ihr auch glaubt zu sein. Ich … habe Euch durchschaut HEXE!“

„Sagt Mal, habt Ihr zu tief ins Glas geschaut?“, empört ich mich. „Ihr glaubt ich bin eine Hexe? Also echt! Ein paar lose Federn in Oberstübchen, was?!“

„Mich könnt Ihr nicht an der Nase herumführen. Ich habe Euer dämonisches Wesen sofort durchschaut.“

Dämonisches Wesen? Von wegen! Guck dich mal im Spiegel an!

„Und es wird die Zeit kommen, da es jeder erkennen wird!“, sagte er, griff blitzartig nach meinem Handgelenk und hielt ihn fest. „Und dann werdet Ihr Brennen!“

Ich konnte die Flammen in seinen Augen erkennen, was mich bis zum Kern erschreckte und versuchte ihm Panisch meine Hand zu entziehen. Doch er lachte nur auf und drückte noch fester zu.

„Lass mich los du Irrer!“, schrie ich im Flüsterton erschrocken auf.

Er krallte sich fester in mich und drückte immer weiter zu.

Mein Arm fing schon an sich bläulich zu färben. „Los lasen, Verdammt!“, zerrte ich.

 

„Milady“, erklang Jeffs Stimme hinter mir.

Sofort gab der Reverend meinen Arm frei und rückte zur Seite.

„Darf ich Euch um diesen Tanz bitten?“, fragte Jeff und hielt mir seine Hand hin, die ich auch sofort ergriff.

„Aber natürlich!“, sprang ich vom Stuhl auf. Mein Herz donnerte wie ein überzogenes Uhrwerk.

Jeff schaute mich besorgt aus dem Augenwinkel an während er mich zur Tanzfläche führte. „Ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte er.

„Jetzt ja!“, erwiderte ich außer Atem. „Bloß weg hier!“

Ich schielte vorsichtig nach hinten und bemerkte, dass die niederträchtigen Augen des Geistlichen mir immer noch folgten.

„Sag mal, dieser Priester hat sie doch nicht mehr alle!“, stellte ich fest und versuchte mich zu beruhigen.

Jeff betrachtete mich ein Moment amüsiert. „Ach, hast du das auch schon bemerkt. Ich hatte dich gewarnt.“

„Ach ja? Warum hast du mich dann mit diesen Verrückten allein gelassen?“, sah ich ihn angesäuert an.

Er lachte auf. „Ich sehe, du hast ihn genauso sehr ins Herz geschlossen, wie wir anderen auch.“

Ha! Scherzkeks! So eine falsche Schlange ist mir noch nie über den Weg gelaufen! Und so was nennt sich Geistlicher!

Wir erreichten die Tanzfläche, stellten uns in Stellung. Während Jeff mir erklärte wie dieser Tanz ging, wandelten meine Augen automatisch an ihn vorbei. Ein paar Tanzpaare weiter, standen John und Isabella, die sich gerade auch zum Tanz bereitstellten und sich für meinen Geschmack zu gut miteinander Unterhielten.

Er lächelte sie an und ließ seinen ganzen Charme spielen, was mir ein Stich versetzte.

Nein, es muss so sein. Es ist Richtig so, redete ich mir ein.

„Annabelle!“, holte mich Jeff wieder in die Gegenwart zurück. „Hast du das verstanden?“, fragte er.

„Entschuldige bitte, ich habe gerade nicht so Richtig zugehört.“

Er warf einen Blick über seine Schulter, nickte verständnisvoll, doch seine Augen sagten was anderes.

Es war mir so unangenehm, dass er das mitbekommen hatte. Ich wollte ihn nicht verletzten.

„Jeff, vielleicht ist es besser, wenn du mich wieder zurück an meinen Platz bringst.“

Ich würde es lieber wieder mit Geistlichen aufnehmen, als ihm weh zu tun. Er war mir inzwischen so ans Herz gewachsen, dass ich es nicht ertragen könnte, wenn er sich meinetwegen Unwohl fühlte. Auch wenn ich ihm nicht die gleichen Gefühle gegenüber brachte, spürte ich doch eine große Verbundenheit zu ihm. Ich mochte ihn, liebte ihn vielleicht sogar. Ich wusste es nicht. Aber auch wenn meine Gefühle für Jeff stark waren, waren die für John noch stärker und zerrissen mich buchstäblich.

Es tat weh, ihn so betrübt zu sehen und es tat weh dass ich so machtlos war etwas dagegen zu tun. Schließlich versuchte ich alles, um John zu ignorieren, aber es klappte einfach nicht. Mein Körper reagierte von ganz allein auf seine Anwesenheit.

„Es tut mir leid“, sagte ich schuldbewusst. „Ich geh lieber … „

„Ann hör auf dir andauernd Sorgen zu machen“, lächelte er schief. „Komm, Handflächen an Handfläche und dann im Kreis“, erklärte er es mir noch ein Mal. Wir stellten uns in Tanzstellung und die Musik erklang.

„Und was hat er getan?“, fragte er während wir uns im Kreis drehten.

Ertappt sah ich hoch.

„Ich Meine den Reverend“, sagte er Schmunzelnd.

Wir wechselten die Richtung.

„Der Kerl ist Irre. Der hält mich doch tatsächlich für eine Hexe!“, erzählte ich und spürte wie der Ärger wieder hochstieg.

Jeff lachte Kopfschüttelnd auf. „Also das übliche. Hat er dir Angst eingejagt?“

„Irgendwie schon!“

„Mach dir nichts draus. Er hält jeden, der nicht seiner Meinung ist, für die Ausgeburt der Hölle.“

Ich kapierte das nicht. „Wenn ihn eigentlich keiner hier haben will, warum zu Teufel habt ihr ihn dann eingeladen. Gibt’s keine anderen Priester in der Nähe?“

„Psst!“, grinste er amüsiert. „Wenn er das hört, errichtet er gleich hier einen Scheiterhaufen.“

Erschrocken blickte ich mich um.

„Aber keine Angst, ich werde dich Beschützen“, belächelte er mich.

„Hey, das ist nicht Witzig!“, sah ich ihn Sauer an. „Der Verrückte Kuttenträger hält mich für eine Hexe, und du reist hier Witzchen. Er denkt ich hätte einen Zauber über Euch gelegt. Also wenn du mich fragst, braucht er dringend mal eine Therapie!“

„Tja, wenn man so drüber nachdenkt … so abwegig ist es gar nicht. Vielleicht hast du es sogar“, rollte er gespielt nachdenklich mit den Augen.

„Jeff!!!“, schrie ich ihn im Flüsterton an.

„Schon gut, schon gut“, lachte er leise auf. „Das war doch nur ein Witz!“

„Nicht Witzig!“, schnaubte ich verärgert. „Absolut, nicht Witzig!!!“

Die Musik endete. Jeffrey verbeugte sich vor mir. „Komm du Zauberwesen, ich bring dich wieder zurück an dein Platz“, sagte er heiter.

„Jeff!“, blitzte ich ihn geladen an.

„Na komm schon, der Verrückte Kuttenträger ist weg“, erwiderte er amüsiert.

Ich sah zum Tisch, und tatsächlich der Ordensbruder war nicht mehr da. Genauer betrachtet, blickte ich durch die Halle, war er nirgendwo!

Eigentlich hätte ich erleichtert sein sollen, denn der Mann jagte mir eine Heiden Angst ein. Allein seine tief schwarzen Augen, die so Seelenlos wirkten, ließen mich erschaudern. Aber es machte mich eher Nervös!

Hoffentlich irrte er nicht irgendwo herum und erzählte jedermann seine verrückten Interpretationen.

Jeff führte mich schweigend wieder zurück zum Tisch.

Ich hatte ihn doch verletzt, erkannte ich. So mies hatte ich mich noch nie gefühlt.

„Jeff, würdest du mir einen Gefallen tun und mich wieder zu meinem Zimmer begleiten. Ich bin schon Müde und habe ein wenig Bammel den Reverend zu begegnen.“

Er sah mich fragend an. „Du möchtest schon gehen? … Ann wenn ich irgendwas gesagt oder getan habe …“

„Jeff, jetzt bist du es aber, der sich zu viele Gedanken macht“, unterbrach ich ihn.

Denn es lag nicht an ihm. Er war perfekt so wie er war. Und es tat schrecklich weh ihn so traurig zu sehen.

„Ich bin nur Müde“, zog ich leicht die Schultern hoch. Doch er schien nicht ganz überzeugt zu sein von meiner Ausrede.

„Juhu, Annabelle! Kommt Kind, kommt setzt Euch zu uns!“, rief Lady Isabel.

Sie saß bei den anderen Frauen und winkte uns zu.

„Ich denke die Ladys haben ganz andere Pläne mit dir“, sagte Jeff lächelnd.

„Echt Jeff, ich habe jetzt kein Bock auf langweiliges Geschwätzt. Können wir uns nicht einfach aus den Staub machen?“, sah ich ihn bittend an.

„Aus dem Staub machen? Gute Wortwahl, muss ich mir merken“, lachte er auf.

„Aber komm. Ob du jetzt kein Bock oder Ziege hast ist denen Egal. Schau die warten schon“, sagte er grinsend, legte seine Hand auf meinen Rücken und führte mich hin.

„Ha, ha! Super Wortspiel. Bock und Ziege, sehr witzig!“, rollte ich genervt mit den Augen.

„Kommt setzt Euch zu uns“, Sagte Joan und rückte mir ein Stuhl zu Recht. Dankend ließ ich mich nieder und lächelte Jeff an, als er mir den Stuhl wieder zurück rückte.

Er wich meinem Blick aus. Lächelte Charmant und nickte allen zu.

„Meine Damen!“

„Oh Phillippa, du hast einen solch hinreisenden Neffen“, schmunzelte Lady Isabel. Jeff sah verlegen zur Seite.

„Ja du hast völlig Recht meine Liebe. Jeffrey ist ein wohlerzogener und charmanter junger Mann“, erwiderte die Königin zufrieden. „Er ist mir mit der Zeit wie mein eigener Sohn ans Herz gewachsen. Auch wenn wir ihn seine Eltern nicht ersetzen können, haben wir unser bestes getan.“

Lächelte sie ihn liebevoll an.

Was? Blickte ich zu Jeff. Er hatte keine Eltern? …

„Ihr seid zu gütig liebe Tante. Es ist mir eine Ehre, dass ihr so von mir denkt. Und ich muss Euch gestehen, dass auch Ihr für mich wie eine Mutter seid“, sagte er ihr lächeln erwidernd und blickte zur Seite, als John gerade Isabella wieder zurück zum Tisch geleitete.

„Ladys“, begrüßte er alle mit seinem unwiderstehlichen Lächeln. „Ihr scheint Euch ja großartig zu Amüsieren“, sagte er und rückte Isabella den Stuhl zu Recht.

Ich schaute durch die Runde und bemerke wie schnell er alle mit seinem selbstsicheren Auftreten um den Finger wickelte.

„Wirklich Ihr seid zu Beneiden liebe Phillippa. Ihr habt nicht nur einen überaus reizenden Neffen, sondern auch einen betörenden Sohn“, bemerkte Lady Juana mit einem Schmunzeln, dem auch Lady Blanche sich anschloss.

Schief lächelnd blickte John zu Boden und sah wieder Siegreich hoch.

Sein benehmen machte mich rasend.

Bleib Ruhig! Tief und Ruhig Atmen! … Musste er allen schöne Augen machen! Das macht er nur, um mich zu Ärgern!

„Ehm … John!“, sagte Jeff etwas unruhig. „Wir sollten die Ladys jetzt am besten alleine lassen“, meinte Jeff über seine Schulter spähend. „Dein Vater erzählt wieder von der Belagerung von Calais. Ich denke wir müssen uns Still und Leise aus den Staub machen!“

John sah ihn verwirrt an. „Aus dem Staub machen? … Wo hast du den das her?“ Innerlich auflachend, schielte ich zu Jeff. Er hat es sich gemerkt!

Jeff wies nickend hinter sich, was John sofort verstand.

„Ach soo!!!“, folgte er den Wink. „Ladys …“, nickte er hastig. „Wir werden uns bestimmt im laufe des Abend noch über den Weg laufen.“

Blickte noch einmal schnell zu seinem Vater. „Los, lass uns abhauen!“, sagte er zu Jeff und die zwei entfernten sich unauffällig, was die Frauen zum auflachen brachte.

„Ooh, das sind meine Strolche!“, sagte die Königin und lachte erneut auf.

Ich sah den beiden belustigt hinterher, wie sie sich gekonnt um den Tisch der großen Eroberer herum manövrierten und entdeckte Edward, der leider nicht so viel Glück hatte und gelangweilt den Geschichten seines Vaters lauschte.

„Annabelle … Annabelle Liebes …!“, Hörte ich plötzlich jemanden meinen Namen rufen und drehte mich Augenblicklich um.

„Ihr seid ja mit Euren Gedanken ganz wo anders“, sagte Königin Phillippa und folgte schmunzelnd meinem Blick.

„Kleines, geht es Euch gut?“, sah mich Lady Isabel besorgt an und nahm meine Hand. Sie war so liebenswert, fast mütterlich, dass ich automatisch an meine Mutter denken musste.

Ich schaute sie schwermütig an. Irgendwie erinnerte sie mich sogar auch ein wenig an sie.

„Ja…“, lächelte ich. „Ich bin nur etwas Müde, das ist alles.“

„Oh kleines, dass ist nur verständlich. So viel wie Ihr in der letzten Zeit durchgemacht habt“, bemerkte Lady Isabel, während sie mit den Daumen über meinen Handrücken streichelte.

Wenn ich in ihre Augen schaute, die meiner Mutter so ähnlich waren, konnte ich mich, warum auch immer nicht verstellen.

Gebrochen schaute ich auf ihre Hand, die meine immer noch warmherzig umschloss.

Sie betrachtete mich Kummervoll. „Mein Kind, nehmt es mir nicht übel, dass ich so Fürsorglich bin. Aber Ihr erinnert mich so sehr an meine Kleine. … sie wäre jetzt im Euren Alter“, lächelte sie Qualvoll.

„Isabel …“, legte die Königin tröstend die Hand auf ihre Schulter. „Die kleine Blanche war wirklich ein Sonnenschein. Du braucht dich doch nicht zu entschuldigen, dass du sie vermisst“, lächelte Königin Phillippa ihre Freundin aufmunternd an.

„Macht Euch keine Sorgen“, erwiderte ich. „Ihr erinnert mich ja auch irgendwie an meine Mum…utter“, gestand ich ihr mit einem Patzer und versank wieder in meine Gedanken.

„Es ist ehrlich nicht zu fassen, dass diese Franzosen so weit in Euer Land vorgedrungen sind, Euer Majestät“, richtete Lady Blanche an die Königin.

„Da habt Ihr bestimmt Recht, aber das ist nicht unsere Angelegenheit“, antwortete die Königin etwas desinteressiert. „Das ist die Sache der Männer, die bereits alle Vorkehrungen getroffen haben“, fügte sie knapp hinzu und nippte an ihrem Weinglas.

Wau! Die könnten sich gar nicht leiden! Bemerkte ich und sah überrascht hoch.

„Das mag sein! Doch hätten sie früher gehandelt, wären die Eltern dieses Mädchen vielleicht noch am Leben“, erwiderte Blanche und sah mich eigenartig an.

Konnte es sein, dass sie Problem mit mir hatte, fragte ich mich. Denn ihre Augen musterten mich eigenartig.

„Meine Liebe. Wenn Ihr so viel von der Kriegsführung versteht, solltet Ihr Euch vielleicht zu den Männern dazu gesellen!“, entgegnete die Königin genervt.

Ich schaute von einer zu anderen und hatte das Gefühl, dass die Situation sich langsam zu spitzte.

Auch Konstanze und Isabella blickten einander verstört an.

„Ich möchte meine Stieftochter nur in Sicherheit wissen, sollte sie in Eure Familie einheiraten!“, sagte Blanche mit einem strengen Blick.

Juana rollte genervt mit den Augen. „Ach komm, hör auf Blanche. Als ob dich das kümmern würde“, entgegnete sie.

„Natürlich kümmert mich das! Ich bin schließlich ihre Stiefmutter! Und sollte sie in diese Familie Einheiraten, muss ihre Sicherheit gewährleistet sein!“, richtete Blanche an Juana.

„Ihr nehmt mir die Worte aus dem Mund, liebe Blanche. Sollte … Eure Stieftochter in unsere Familie einheiraten, wird mein Sohn alles dafür notwendige tun, dass es ihr an nichts fehlt!“

Unmerklich sah ich zu der Königin, die mit einer ausdruckslosen Miene Lady Blanche entgegen blickte.

„Ladys …“, versuchte Joan zu schlichten, doch Lady Blanche schnitt ihr das Wort ab.

„Ich würde mich ja schon damit zufrieden geben, wenn Euer Sohn seine Errungenschaften nicht ins Schloss mit bringen würde“, sagte sie scharf und schaute zu mir.

Wie bitte? Erwiderte ich ihren Blick.

„Wobei er dem Anschein nach, auch hinter den Schlossmauern sein Vergnügen hat!“, sah sie der Blond gelockten Magd nach, die gerade an uns vorbei ging.

„Wie könnt Ihr es wagen so eine Unterstellung zu Äußern!“, knurrte die Königin einen Wutausbruch nah. „Bevor Ihr es wagt mit dem Finger auf ihn zu zeigen, kehr lieber vor Eurer eigenen Haustür!“

Okay, schaute ich stocksteif von einer zu anderen. Ich hätte es vielleicht anders ausgedrückt, aber im Grunde hatte sie Recht.

„Stiefmutter entschuldigt Euch sofort!“, mischte sich Konstanze ein. „Ihr könnt doch nicht solche Äußerungen von euch geben. Ihr benehmt Euch Taktlos und Respektlos, und macht uns noch zum Gespött!“, sah sie ihre Stiefmutter erzürnt an.

„Ich haben dem nichts hinzu zufügen“, sagte Blanche und stand auf. „Komm Isabella, wir gehen! Das ist nicht der richtige gesellschaftliche Verkehr für dich.

Über diese Art von Verbindung müssen wir uns noch ausgeprägt Unterhalten!“, sah sie das blonde Mädchen an.

Ja klar! Schaute ich unauffällig hoch. Aber selber mit zwei weiteren Ehefrauen deines Mannes unter einem Dach leben. Wie Scheinheilig.

Aber vielleicht war genau dass das Problem, überlegte ich. Sie war Eifersüchtig! Nicht nur auf die Nebenfrauen, sondern auch auf die gemeinsamen Kinder!

„Verzeiht liebe Stiefmutter, …“, sagte Isabella. „Aber mit dieser Meinung steht Ihr allein. Ihr könnt gehen, aber ich bleibe. Denn heute Abend wird vielleicht meine Verlobung bekannt gegeben. … mit wenn ist mir Überlassen. Das braucht nicht Euer Sorge zu sein!“, sagte Ibabella und wendete sich wieder der Tischgesellschaft zu.

Wau! Die hatte ja Richtig Feuer! Sah ich sie erstaunt an.

Jap, stille Wasser sind tief, das schien sich hier zu bewahrheiten!

„Wie du meinst Kind! Aber bedenke, wenn er nichts für sie empfindet, warum trägt sie dann dieselbe Halskette wie seine Mutter?“, warf Blanche in den Raum und ging davon.

Was???

Alle Blicke wandelten schlagartig abwechselnd zwischen mir und der Königin, die verständnislos dran blickte.

Ich schaute verstört durch die Runde und blieb an ihrer Halskette hängen.

Die sah ja haargenau aus wie meine, bemerkte ich und sah ich an mir runter. Auch die Königin folgte meinem Blick.

Die Halskette sah ihr nicht Ähnlich, es könnte sogar die gleiche sein!

Aber wie … war das möglich, betrachtete ich sie überrascht.

„Annabelle, wo habt Ihr diese Halskette her?“, fragte die Königin und sah mich prüfend an.

„Phillippa, das könne wirklich deine sein, bis auf den Anhänger“, sagte Lady Isabel of Grosmond verwundert. Auch die beiden Mädchen und Juana sahen mich erstaunt an.

„Ehm … es … ist nicht … so wie Ihr denkt!“, stammelte ich und fühlte mich in die Enge getrieben.

„Annabelle …“, hob die Königin wartend ihre Augenbrauen.

„Eure Majestät …“, schluckte ich und schaute durch die verwirrten Gesichter der Frauen, die mich nicht aus den Augen ließen.

„Es ist absolut nicht so wie Ihr denkt! Diese Kette hat mir meine Mutter zu meinem Geburtstag geschenkt“, sprach ich schnell und schaute noch einmal über die Frauen, die nicht so ganz überzeugt wirkten. „Ehrlich, ich schwör's!“, versicherte ich ihnen.

„Das ist eine ziemlich verblüffende Ähnlichkeit“, sagte Königin Phillippa von meiner Halskette hoch blickend. „Wisst Ihr vielleicht, wo sie diese erworben hat?“

Alle warteten gespannt auf meine Antwort.

„Na ja …“, stammelte ich etwas eingeschüchtert. „Da es ein Geschenk war, kann ich es Euch nicht genau sagen. Ich nehme an bei einem Juwelier in unserer Stadt.“

„Einem Juwelier?“, sah mich Konstanze fragend an. „Was ist das?“

Was? Wie, was ist das?! Schaute ich geschockt.

Oh man, oh man. Wie nennen sie das hier? Durchforstete ich mein Hirn.

„Ein Schmuckverkäufer, … ehm ein Händler.“

Mein Puls beschleunigte sich um das dreifache, denn die fünf Augenpaare die mich betrachteten verunsicherten mich. „Verzeiht Majestät“, sprach ich zittrig. „Ich habe nicht bemerkt, dass wir die gleiche Halskette tragen! Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich sie ganz bestimmt abgenommen!“

Verdammt, ich hätte doch lieber Johns Schmuck anziehen sollen, sah ich verärgert runter.

„Kind, beruhigt Euch“, unterbrach mich die Königin. „Es ist doch nicht so schlimm. Außerdem kann es nicht die gleiche sein. Denn meine ist eine Sonderanfertigung, die ich zu meinem zehnten Geburtstag, von meiner Mutter bekommen habe“, lächelte sie sanfft.

Aber auch wenn sie mich so beruhigend anlächelte, hatte ich das Gefühl dass sie mir etwas verschwieg.

Alle entspannten sich wieder und setzten ihre Unterhaltung fort. Ich atmete erleichtert aus und nahm einen großen Schluck aus meinem Weinglas, der mir von einem der Diener hingestellt wurde.

Versunken in meine Gedanken, starrte ich auf die Halskette der Königin und spielte mit meiner herum.

Hin und her wickelte ich sie um meinen Finger und versuchte zu verstehen, wie das sein konnte.

Auch wenn Königin Phillippa sagte, dass sie sich nur ähnlich sahen, war ich der Meinung, dass sie praktisch Identisch waren. Was mich, warum auch immer beunruhigte, und die Sache mit Lady Blanche von Bourbon, blickte ich nachdenklich von der Halskette zum Tisch. Sie schien mich als eine Bedrohung wahr zu nehmen.

Ob sie mitbekommen hatte, wie John mich angestarrt hat?!

Das mit der Blondine hat sie auf jeden Fall mitbekommen, erinnerte ich mich an ihr aufreizendes Auftreten, nippte am Weinglas und sah wieder zu der Halskette der Königin, an der der Schlüssel hing.

Er war nicht groß, also fiel er auch nicht so auf. War beidseitig gezackt und am Griff im Ring mit verworrenen Mustern überzogen.

Irgendwie kamen sie mir bekannt vor, sie ähnelten den Mustern am Tor.

Keine Ahnung wie, aber ich musste an diesen Schlüssel kommen!

Und dann … atmete ich tief aus, weg hier!

„Lady Annabelle“, ließ mich Konstanzes Stimme aufwachen. „Macht Euch keine Gedanken um die Worte meiner Stiefmutter. Sie ist nur um das Wohlergehen meiner kleinen Schwester besorgt“, sagte sie. „Außerdem bin ich eher der Meinung, dass Sir Jeffrey ein Auge auf Euch geworfen hat. Wenn Ihr mir diese Bemerkung erlaubt.“

„Ehm, …“, starrte ich sie Sprachlos an. Die kleine Isabella kicherte und sah zu Juana, die ebenfalls ein Lächeln auf den Lippen hatte. Königin Phillippa und Lady Isabel schmunzelten, sagte aber nichts.

„Ehm, … ah, … Ihr habt das sicher falsch verstanden …“, stammelte ich. „Wir… wir sind nur …. wir verstehen uns einfach gut“, schaute ich verstört von einer zur anderen.

Man warum sagte das nur jeder?

Langsam hatte ich die Schnauze voll, mich vor jedem Rechtfertigen zu müssen. Ich konnte doch schließlich nichts dafür, dass diese zwei Trottel sich nicht benehmen könnten!

„Kleines schon gut. Also Konstanze, Ihr bringt das arme Mädchen noch in Verlegenheit“, sagte Lady Isabel und tätschelte meine Hand.

„Nein! Ehrlich, dass ist nicht so …“, versuchte ich es Rechtzufertigen, als ich einen von Johns Brüdern erblickte, der sich zu uns gesellte.

„So viele atemberaubende Frauen an einem Fleck. Da fällt einem die Auswahl gar nicht leicht“, schaute er sich schmunzelnd um. „Meine Damen!“, nickte er.

Er hatte eine große Ähnlichkeit mit Edward, vielleicht etwas helleres Haar, Richtung Blond, aber sonst sah man es den beiden an, dass sie Brüder waren,

„Edmund Junge. Gott bist du Groß geworden und so Charmant. Ich hätte dich um ein Haar nicht erkannt“, sagte Lady Isabel lächelnd.

„Ich danke Euch Lady Isabel. Ihr scheint auch von Jahr zu Jahr immer Schöner zu werden“, erwiderte er manierlich ihr Lächeln.

„Ein sehr galanter junger Mann, ist aus deinem kleinen Edmund geworden Phillippa. Und den Charme haben sie alle von ihren Vater geerbt“, richtete sie an die Königin, die zustimmend nickte.

„Ladys ich möchte nicht unhöflich sein, aber darf ich Euch Lady Isabella für einen Tanz entführen?“, fragte er und sah auf sie runter.

Aufgeregt mit leuchtenden Augen wendete sie sich sofort ihm zu, blickte sofort flehend zu ihrer Stiefmutter und großen Schwester, die ihr beide mit einem lächelnd antworteten.

„Aber natürlich dürft Ihr das lieber Sir Edmund!“, sagte sie hibbelig, stand leicht ungeschickt auf, stolperte und fiel Edmund direkt in die Arme.

„Hoppla.“, fing er sie auf.

Die sahen sich ja verdammt tief in die Augen, bemerkte ich und erkannte, dass nicht nur ich dieser meiner Meinung war.

Die zwei entfernten sich Richtung Tanzfläche und Lady Isabel schüttelte schmunzelnd den Kopf.

„Phillippa, ich habe das üble Gefühl dass ihr den falschen Sohn mit dem falschen Mädchen verheiraten wollt“, sagte sie und schaute zu Königin.

„Das Gefühl kriege ich langsam auch“, erwiderte Königin Phillippa Isabels lächeln.

Konstanze sah mit einem schlechten Gewissen zuerst zu ihrer Stiefmutter und dann zu den beiden Frauen.

„Majestät, es tut mir Leid falls meine Schwestern einen falschen Eindruck erweckt hat. Sie ist noch Jung und Impulsiv …“

„Konstanze Ihr bracht Euch für nichts zu Rechtfertigen. Seinen Gefühlen kann man nicht entfliehen, egal wie sehr man es auch versucht. Denn wenn man sie Ignoriert …“ sah sie zu mir. „Werden sie nur noch Stärker und finden ihren Weg ans Licht. Jeder hat sein Schicksal zu erfüllen ...“

Verwirrt erwiderte ich ihren Blick. Galt diese Ansprache etwa mir … oder den anderen, schluckte ich unsicher.

„ … bloß hat es der eine leichter und der andere schwerer“, beendete sie und lächelte.

„Oh Phillippa, dass du so Philosophisch sein kannst, dass habe ich gar nicht gewusst!“ ,lachte Isabel auf.

„Eine sehr gelungene Ansprach Eure Majestät, und jedes Wort davon entspricht der Wahrheit“, stimmte Juana lobend zu.

Ich blickte auf den Tisch, immer tiefer in meine Gedanken versinkend.

Was wollte sie mir damit sagen, rätselte ich herum.

Es hörte sich an, als ob sie mehr wusste als sie Preis gab.

Die Frauen unterhielten sich über belangloses Zeug, dem ich aber nicht mehr weiter folgte.

Ab und an stellte Konstanze mir eine Frage, die ich so gut ich konnte beantwortete, um dann wieder Still in mir zu kramen.

 

 

 

 

14

 

 

 

Kapitel 14

 

 

Grübelnd saß ich an dem Tisch der drei Frauen, tief in meine Gedanken verstrickt. Die Königin wusste sichtlich mehr, als sie preisgab.

Ob sie wohl, diejenige war, die mir helfen konnte, dass alles hier hinter mich zu lassen, überlegte ich, während ich auf ihre Halskette schaute.

Sie hatte den Schlüssel, und zwar da, wo nicht jeder ohne ihre Erlaubnis dran kommen konnte.

Irgendwie war das ein Zeichen für mich, sonst würde der Schlüssel zu genau diesem Tor nicht an ihren Hals hängen.

Und diese Ansprache von vorhin … die war definitiv an mich gerichtet. Denn so wie sie mich dabei anschaute, konnte sie niemanden anderes gemeint haben.

Ich fühlte mich immer noch unwohl, weil ihr Blick, den sie mir dabei zuwarf, mich stark verunsicherte.

Ich hatte es endgültig satt, diesen ganzen Wirrwarr. Es machte mich Müde zu Analysieren, Interpretieren und Recherchieren, um dann am Ende doch in einer Sackgasse zu landen. Und vor allen war ich kein Stück weiter gekommen. Ich hatte das Tor gefunden. Aber würde es mich auch wieder zurückbringen?

Ich setzte all meine Hoffnung darauf, denn einen anderen Anhaltspunkt gab es nicht.

Aber was es mit der identischen Halskette auf sich hatte, das konnte ich mir nicht erklären.

Langsam glaubte ich, nach der Nadel im Heuhaufen zu suchen. Hat man die eigentlich jemals gefunden, fragte ich mich, holte tief Luft und atmete schwer aus.

„Da bin ich wieder Ladys!“, erklang plötzlich Johns heitere Stimme hinter mir, die mich leicht zusammenzucken ließ.

Ich beschloss ihn zu ignorieren und ließ deshalb meine Augen gesenkt. Spürte aber dennoch seinen sehnsuchtsvollen Blick auf mir liegen, den ich aber gekonnt auswich, indem ich starr nach vorne blickte.

„Na, habt ihr euch erfolgreich davon schleichen können?“, fragte Königin Phillippa.

„Ja Mutter! Wie jedes Mal!“, erwiderte er heiter.

„Also Junge, irgendwann wird euch dein Vater doch noch Erwischen und dann gibt’s Ärger“, warnte sie ihn.

„Vielleicht“, zuckte er mit den Schultern. „Aber nicht heute!“, sagte er grinsend er, worauf die Königin schmunzelnd und tadelnd den Kopf schüttelte.

„Aber deswegen bin ich nicht hier“, kam er um meinen Stuhl herum und lächelte.

Mein Herz blieb für eine Sekunde stehen, als ich seine Augen auf mir bemerkte. Warum sah er mich nur so eigenartig an, fragte ich mich und versuchte seinen Blick zu entfliehen.

„Lady Annabelle, darf ich Euch um diesen Tanz bitten?“, fragte er mit einem schiefen Lächeln.

Geschockt blickte ich hoch. Mein Kopf war wie auf einmal wie Leergefegt.

Oh Gott, das war doch jetzt nicht sein Ernst?!

Meine Kehle zog sich zusammen, unter seinen wartenden Blick.

Überleg dir was! Wimmle ihn ab. Das konnte er jetzt doch nicht bringen.

„Eh-m … bitte Entschuldigt …“, stammelte ich unbeholfen. „Aber ich bin schon etwas Müde. Ich … denke, ich werde mich in meine Gemächer zurück ziehen“, erwiderte ich und blickte wieder zum Tisch.

Na los! Geh weg! Sieh mich nicht so an! Wimmerte ich und versuchte die Aufregung in mir zu unterdrücken.

Er zog verwundert die Brauen zusammen und betrachtete mich einen Moment. Mein Herz klopfte dermaßen unter seinen argwöhnischen Augen, dass mein Atem sich unmerklich beschleunigte.

Konstanze nippte unauffällig an ihrem Weinglas und Juana widmete sich ihren fast vollen Teller, während die beiden Frauen ihre Köpfe zusammen steckten und sich diskret etwas zu flüsterten.

Verdammt, sah er denn nicht was er gerade anrichtete?

Beunruhigt schaute ich über den Tisch. Das ganze war mir mehr als Peinlich. Schließlich war es seine Verlobungsfeier! Er sollte sich ausnahmslos seiner Verlobten widmen und nicht mich um einen Tanz bitten.

Besonders nicht wenn die Familie seiner Zukünftigen mit mir an einem Tisch saß.

Unsicher schluckte ich dieses Unbehagen runter und blickte zaghaft hoch.

„Aber … ich denke, dass Lady Isabella, Eure Verlobte, sehr gerne mit Euch Tanzen würde“, ergänzte ich und zwang meine Lippen zu einem Lächeln. Was mir aber komplett misslang, meine Nervosität war bestimmt Meilen weit zu Riechen.

Langsam entspannten sich seine Gesichtszüge zu einem pfiffig lächeln.

„Noch bin ich nicht Verlobt meine Liebe“, sagte er betont.

Sein Blick ging mir durch und durch.

Ach nein? Atmete ich schwer.

„Außerdem Tanzt die von Euch genannte Lady, gerade mit meinem Bruder. Demzufolge bin ich Frei, also gestattet mir bitte diesen einen Tanz!“, funkelten mich seine Augen Siegessicher an.

Man war der Hartnäckig! Wurde ich langsam Ärgerlich. Verengte die Augen und gab ihm damit ein Zeichen, dass er mich in Ruhe lassen sollte.

Doch er ließ sich davon nicht beeindrucken. Blickte mir immer noch Stur entgegen und wartete.

Verschwinde! Geh! Bitte! Warf ich ihm einen Blick zu, den er nicht missverstehen konnte, als ich Lady Isabel unerwartet das Wort ergriff. „Annabelle, liebes, amüsiert Euch solange Ihr Jung seid“, sagte sie mit einem schmunzeln. „Außerdem, wenn ein solch reizender junger Mann, so standhaft darauf beharrt, wird er meiner Erfahrung nach nicht so schnell abzuwimmeln sein!“

Na vielen Dank auch, das war absolut nicht Hilfreich! Was dachte sie sich nur dabei? Lächelte ich gekünstelt zurück.

„Geht schon Kind“, fügte die Königin hinzu. „Tanzt und habt Spaß. Ihr braucht Euch keine Gedanken zu machen. Es ist alles Gut“, lächelte sie.

Verdammt! Ich sah auf meinen Becher und spürte wie in mir die Wut hoch stieg. Warum fiel mir heute jeder in den Rücken?

Ich versuchte mich einigermaßen wieder zu sammeln. John wartete währenddessen und streckte mir zufrieden die Hand entgegen.

Verdammt! Blickte ich hoch … und ergriff sie zögernd.

Er lächelte mich Charmant an. „Ach übrigens, ich habe die Musikanten um eine langsames Stück gebeten“, sagte er zuckersüß. „Ich hoffe es macht Euch nichts aus.“

Na super! Noch besser! Spannte ich vor Wut den Kiefer an und antwortete so freundlich wie ich konnte zwischen meinen zusammengebissenen Zähnen.

„Aber natürlich nicht!“

Was dachte er sich nur dabei, sah ich ihn Überspannt entgegen.

 

Langsam bewegte wir uns Richtung Tanzfläche. Er legte meinen Arm um seinen und grinste Siegreich.

„Hältst du das für eine gute Idee?“, fragte ich Überreizt, den Blick nach vorn gerichtet.

„Die beste, die ich je hatte!“, lächelte er amüsiert.

„Hör auf damit und guck nach vorn!“

„Wieso? … Ich finde die Aussicht zu meiner linken viel angenehmer“. kräuselten sich seine Lippen.

Ich blickte ihm sprachlos entgegen. Er schien es wirklich darauf anzulegen, überlegte ich, als ich König Edwards Blick auffing der uns Stirnrunzelnd beobachtete.

John folgte meinen Augen und nickte seinem Vater frech zu.

Verflucht! Wenn er nicht bald damit aufhören würde, würde es nicht gut Enden, beobachtete ich die wortlose Debatte zwischen Vater und Sohn.

Strahlend wendete sich John von seinem Vater ab und sah mich gelassen an, als hätte er das stumme Wortgefecht gewonnen.

Sein rebellisches Grinsen brachte mich fast aus der Fassung. Wie konnte man nur so uneinsichtig sein?

„Du treibst es noch auf die Spitze! Weißt du das?!“, sah ich ihn aus den Augenwinkeln nervös an. Denn nach König Edwards Miene zu urteilen, war er nicht gerade begeistert.

Er lachte leise auf. „Was mein Vater denkt ist mir egal. Seine Weltanschauung ist ohnehin veraltet. Ich kann tanzen mit wem ich will, und wenn es ihm nicht gefällt ist es sein Problem“, erwiderte er.

Wir kamen auf die Tanzfläche, er stellte sich mir gegenüber und sah mir Liebevoll entgegen.

„Ach denkst das, ja?“, sagte ich und prüfend seine Gelassenheit.

Es konnte ihn doch nicht so völlig kalt lassen, was sein Vater mit ihm nachher machen würde.

Doch er erwiderte nichts, zog seine Augenbrauen hoch und lächelte.

Sollte wohl JA bedeuten.

Dummkopf! Rollte ich verärgert mit den Augen und ich stellte mich in die vorherige Tanzstellung.

„Nein!“, schüttelte er amüsiert den Kopf. „Komm her“, sagte er, zog mich an sich und legte mir die Hand um die Hüfte.

Aber … was? Schaute ich mich Panisch um. „Was tust du da?“

„Tanzen!“, zuckte er mit den Schultern.

„John, das ist viel zu Eng, so dürfen wir nicht Tanzen!“, flüsterte ich und blickte erschrocken zu den anderen Tanzpaaren.

Außer uns tanzten nur zwei weiter paare so Eng zusammen. Edmund mit Isabella und Jeff mit Konstanze. Die anderen bevorzugten lieber den traditionellen Tanz.

„Sagt wer!“, sah er auf mich runter. Mein Herz fing an vor Aufregung zu hämmern. „Ann entspann dich. Solange der Verrückte Kuttenträger nicht da ist, dürfen wir“, lächelte er.

„Wie meinst du das, Verrückter Kuttenträger?“, betrachtete ich ihn verdächtigt.

Er grinste.

„Du hast mit Jeff gesprochen, was“, schürzte ich die Augen.

„Erwischt“, gestand er. „Aber was ich dir noch sagen wollte … du siehst Wunderschön aus. Das Kleid steht dir ausgezeichnet“, bemerkte er.

„Ja … ehm, … ist wohl dein Verdienst“, erwiderte ich verlegen. „Danke übrigens für das Kleid.“

Seine Augen strahlten mich an, was mein Herz mit wärme erfühlte. Ich verlor mich kurz in ihnen und spürte wie seine Finger zärtlich meine rechte Hand runter fuhren und sich in meine ein hackten.

Langsam hob er meine Hand hoch und legte sie sich auf die Brust, wo mir sein Herzschlag entgegen schlug.

„Spürst du das?“, fragte er mich musternd.

„John bitte, tue das nicht!“, sagte ich und blickte zur Seite.

Er drückte meine Hand noch fester gegen seine Brust.

„Spürst. Du. Das?!“, fragte er noch einmal energischer.

Ich schluckte, denn ich fühlte wie sein Herz meinem entgegen schlug.

„Es gehört dir!“, hauchte er.

„John …“

„Nein“, schüttelte er den Kopf und musterte mich innig.

Dieses unbeschreibliche Gefühl, dass ich mit aller Macht versuchte zu unterdrücken, hüllte mich wieder ein. Es fühlte sich an, als wären wir die einzigen auf dieser Tanzfläche, die einzigen im diesen Raum.

In diesen Augenblick, in dem mich seine starken Armen umschlossenen, hätte ich mich am liebsten gehen lassen. Es tat furchtbar weh, mich zusammenreißen zu müssen, denn am liebsten hätte ich mich auf die Zehenspitzen gestellt und ihn auf der Stelle geküsst.

Nein! Ich musste einen kühlen Kopf behalten! Wies ich mich angestrengt an und entdeckte Edmund und Isabella, die sich während des Tanzens verstohlene Blicke zuwarfen.

„John …“, sagte ich und atme tief aus.

„Nein!“, unterbrach er mich. „Du kannst mir nicht Ewig aus dem Weg gehen. Irgendwann müssen wir über alles Reden!“

„Nicht Ewig“, antwortete ich schwermütig. „Nur solange ich hier bin“, sagte ich, blickte zur Seite direkt in König Edwards Augen, der während seiner Unterhaltung mit den anderen Gästen uns Genaustes beobachtete.

„Du weißt, ich muss wieder zurück. Ich kann hier nicht bleiben. Für dich und mich ist es am besten, wenn wir uns in der zwischen Zeit aus dem Weg gehen“, sagte ich in der Hoffnung vernünftig zu klingen, damit er es endlich einsah.

„Für wen ist das, das Beste, für mich oder dich?“

„John versteh es doch …“, versuchte ich es ihm zu erklären, doch er unterbrach mich.

„Was soll ich verstehen? Dass du davonlaufen willst und mich alleine lässt? Ist das wirklich, dass was du willst?“

„Ach komm! Ist ja nicht so, als ob du vor Einsamkeit zergehen würdest!“, erwiderte ich genauso intensiv wie er, mit einer Anspielung auf die blonde Magd.

Er sah mich einen Moment abschätzend an. „Bist du eifersüchtig?“, zog er seine Augenbrauen zusammen.

Genervt rollte ich mit den Augen und schüttelte leicht den Kopf. Klar war ich eifersüchtig, aber das tat hier nichts zur Sache!

„Vergiss es einfach!“, antwortete ich.

„Das ist unfair von dir!“, sagte er.

„Denkst du?!“

„Ja verdammt, denk ich!“, sah er mich verärgert an. „Wie hätte ich ahnen können, dass du wirklich existierst …!“

„Hör auf!“, entgegnete ich. „Du muss dich vor mir nicht rechtfertigen. Und außerdem, sobald ich den Schlüssel habe, bin ich weg. Und du kannst dein gewohntes Leben wieder aufnehmen. Du weißt es ist besser so, ich gehöre hier nicht her!“

„Was redest du? Natürlich gehörst du hierher! Sonst würdest du nicht hier sein, bei mir! Verdammt Ann! …“

„John! Hör auf damit!“

„Womit?!“, schrie er mich im Flüsterton an. „Das du einfach so, aus meinem Leben verschwinden willst?“, hielt er einen Moment inne und sammelte sich. „Weißt du wie lange ich mich danach gesehnt habe dich zu berühren. Wahrhaftig! Nicht nur in meinem Traum! …“

„John!“, forderte ich ihn flüsternd leiser zu sein.

„Weißt du, wie schwer es war, den langen Tag zu überstehen und auf die Nacht zu warten, nur um dich wieder zu sehen? Weißt du wie oft ich dich schon Küssen wollte, aber es dann doch nicht tat, aus Angst verrückt zu werden, weil ich einen Traum nachjage! Wie es aussieht hast absolut keine Ahnung!“

„Ich habe keine Ahnung?!“, empört ich mich. Was bildete er sich ein! „Du weißt überhaupt nicht, wovon du sprichst!“, sprudelte die Wut in mir hoch. „Ich habe in den letzten Monaten von Nacht zu Nacht gelebt. Den Tag praktisch ausgeblendet, nur um in meine Traumwelt zurückkehren zu können, um bei dir zu sein! Verstehst du das?! Ich dachte es wäre alles nur ein Traum! Nichts Reales! Von einer Person die mich verstand und zu der ich mich hingezogen fühlte. Meinst du es war leicht für mich zu akzeptieren dass ich mich in einen Traum verliebt habe?! Ich konnte dich nie genau erkennen!“, zählte ich auf. „Sah nie dein Gesicht. Wusste nicht woher du kommst, und was das alles zu bedeuten hatte! Aber trotzdem entwickelten sich diese Gefühle, die mich kaum den Tag überstehen ließen! Ich glaube Du, hast keine Ahnung davon wie weh das tut!“, schrie ich ihn im Flüsterton wütend entgegen. „Hör auf zu grinsen, das ist absolut nicht witzig!“

„Du hast dich in mich Verliebt?“, lächelte er schief.

„Nein!“, entgegnete ich Sauer. „Ich habe mich in eine nicht existierende Person verliebt! Weil ich dachte, es wäre alles nur ein Traum! Doch jetzt wird langsam alles zum Albtraum, aus dem ich nicht mehr aufwache!“

„Ann, du redest Unsinn!“, sagte er Verstimmt. „Ist das wirklich ein Albtraum für dich, dass wir uns begegnet sind?!“

„John du verstehst rein gar nichts“, erwiderte ich. „Das hier, Du und Ich, das darf nicht sein. Wir kommen aus verschiedenen Welten. Und das üble daran ist, wenn ich hier etwas falsch mache, kann es gewaltige Auswirkungen auf meine Welt haben …“

„Zeit …“, murmelte er.

„Es muss einfach alles so laufen, als wenn ich nie hier gewesen“, blickte ich erschöpft runter. „Außerdem habe ich schon genug angerichtet“, sagte ich und atmete schwer aus. „Blanche ist Tot. Mein auftauchen hat den Grosmonds die Tochter gekostet.“

„Wenn meinst du?“, überlegte er. „Doch nicht etwa deren jüngste Tochter? Aber sie ist schon vor Jahren gestorben, als Kind. Damit hast du doch nichts zu tun.“

„Doch, natürlich! Sie ist Tot, weil ich hier bin! … John, du hättest Blanche heiraten sollen. Nicht Maud, nicht Isabella …“

Schaute ich zu dem blonden Mädchen, die sich gerade prächtig mit Edmund amüsierte. „Verstehst du! Laut Geschichte …“

„Geschichte?! Die Geschichte ist mir Egal. Niemand schreibt mir vor, wie meine Zukunft auszusehen hat. Nicht mein Vater, nicht Du und schon gar nicht die Geschichte. Verdammt Ann, wo kommst du her?! Sag es mir endlich!“, forderte sein Blick unnachgiebig.

„Das brauchst du nicht zu wissen“. Erwiderte ich Kopfschüttelnd. „Denn wenn ich erst mal durch das Tor bin, wird sich alles wieder Korrigieren“, hoffte ich inständig. „Und du … du wirst mich vergessen“, flüsterte ich und blickte niedergeschlagen runter. „Es wird so sein, als hätte es mich nie gegeben.“

Das auszusprechen tat weh und trieb mir die Tränen hoch.

Er sah mich ein Moment lang schweigend an. „Dann werde ich dafür sorgen, dass du dich von diesem Ding fernhältst!“, sagte er entschlossen.

Ich sah hoch und erstarrte. Er wirkte so entschlossen, dass es mir Angst machte.

„Das kannst du nicht machen“, flimmerten meine Augen entsetzt.

„Ach ja? Dann versuch mich Mal davon abzuhalten!“, entgegnete er mit versteinerter Miene. Ich schluckte, während ich seine entschiedene Beharrlichkeit erkannte. Er blickte auf mich runter, schürzte Augen. Sein Herzschlag raste und donnerte mir gegen meine Handfläche.

Er wollte es nicht einsehen, merkte ich an seinem Gesichtsausdruck.

„Du kannst vor mir weg laufen“, sagte er mit Nachdruck. „Aber wohin du auch gehst, ich folge dir, und finde dich!“

Es war Aussichtslos auf ihn einzureden. Denn egal was ich sagen würde, auch wenn er es verstand, er akzeptierte es einfach nicht.

„John, mach es nicht schwerer, als es jetzt schon ist“, flehte ich.

„Nein!“, schüttelte er energisch den Kopf und blieb abrupt stehen. „Ich werde dich nicht gehen lassen!“

Tränen sammelten sich in meinen Augen und rannten mein Gesicht runter.

Ich wischte sie mir weg, doch es folgte neue nach. Es tat so verdammt weh. Warum musste es nur so schwer sein?

„John, es tut mir Leid ... “, sagte ich unter diesen qualvollen Schmerz. Ich wollte ihm noch sagen, dass ich ihn vermissen und nie vergessen werde. Das er immer einen Platzt in meinen Herzen haben würde, wenn es nicht sogar, ganz allein ihm gehören würde. Aber ich konnte es nicht. Ich durfte es nicht.

Er starrte mich entsetzt an. Noch ein letztes Mal blickte ich in seine wunderschönen himmelblauen Augen. Ich wollte mich satt sehen, um mir ihre Farbe einzuprägen. Schluckte beklommen, hievte den langen Rock meines Kleides und ging Richtung Ausgang.

Ich musste hier Raus. Weg von ihm und seinen anklagenden Blick. Und weg von diesen Fest, an dem ich gar nicht hätte teilnehmen dürfen.

Aus den Augenwinkeln sah ich König Edward, der uns beobachtete und mir dankend zunickte.

Ich erwiderte seine Geste nicht, denn ich konnte kaum meine Tränen zurückhalten.

„Nein! Das lass ich nicht zu!“, rief John wutentbrannt durch den Raum. Erschrocken fuhr ich herum und sah in seinen unbeugsamen Blick.

Der Schaal des Echos, der durch die gesamte Halle ging, ließ die Gäste neugierig nach vorn blicken und ihre Köpfe regen. John durchblickte den Raum, blieb zornig an den Augen seines Vaters hängen und bewegte sich sofort auf mich zu.

Ich sah ihn kommen, bekam Panik und schnappte nach Luft.

Was macht er den?! Schaute ich mich um. Fast alle Blicke ruhten auf uns. Doch die meisten an mir.

Jeff, Konstanze, Edmund, Isabella, der König, Joan, Juana, Lady Isabel und die Königin, alle sahen uns verstört an.

Ich fühlte mich in die Enge getrieben. Verschwinde!!! Schrie mein Unterbewusstsein. Lauf!!!

Denn John kam mit großen und entschlossenen Schritten näher. Ich packte den langen Rock mit beiden Händen, rannte zur Tür und schwang sie auf...

„Ann!!!“, schallte seine Stimme hinter mir. Ich sah mich nicht mehr zurück. Rannte in den Flur und schaute mich hektisch um. Wohin sollte ich hin? Welcher Weg war schneller?

„Ann, bleib stehen!“, hörte ich seine Stimme Näher kommen.

Egal in welche Richtung ich rennen würde, er würde mich finden. Schließlich war das sein zuhause und er kannte es besser als ich.

Ich sah wie sich mein Fluchtmöglichkeiten in Luft auflösten und ich vor Aufregung auch fast keine Luft mehr bekam. Es gab nur eine Möglichkeit, ich musste mich verstecken und ihn an mir vorbei ziehen lassen, um danach einen anderen Weg nehmen zu können.

„Ann!“, hörte ich seine Schritte und rannte hinter die Große verzierte Tür.

Mit angehaltenem Atem drückte ich mich fest gegen die Wand und hörte seine energiegeladenen Schritte die Halle verlassen. Er ging an mir vorbei. Entdeckte mich ich nicht. Und lief Richtung Wendeltreppe.

Langsam spürte ich wie die Anspannung von mir abfiel. Jetzt konnte ich mir überlegen welchen Weg ich nehmen konnte, um ihn nicht mehr zu begegnen.

Es war genug für Heute. Ich hatte gewusst, dass ich nicht her kommen sollte. Es war ein Fehler auf Joan zu hören.

Mir hätte egal sein sollen, welche Konsequenzen ich von König Edward zu erwarten hätte. Alles wäre leichter zu ertragen, als das hier.

Vorsichtig lugte ich hinter der Tür hervor. Im Saal brodelte es nur vor Lachen, und angeregter Unterhaltung.

Na ja, für genug Zündstoff haben wir ja auch gesorgt, blickte ich aufgewühlt zum Boden, als ich unerwartet Jeffs Stimme vernahm. „Verdammt“, fluchte er und kam eilig zur Tür gerannt. Stoppte aber, als der König an ihn trat.

„Jeffrey, bring ihn sofort zur Besinnung! Oder ich werde es tun!“, schrie der König im Flüsterton.

Erstarrt drückte ich mich wieder an die Wand, den die beiden standen direkt auf der anderen Seite.

„Majestät, ich denke nicht das ich Euch in dieser Angelegenheit eine Hilfe sein kann“, entgegnete Jeff und entfernte sich von ihm.

„Jeff, bleib stehen!“, rief Edward und stellte sich zu seinem Vater. „Lass die beiden es alleine klären!

Edward! Schielte ich ärgerlich durch einen Spalte, zwischen Tür und Wand. Ich konnte ein Teil seiner ernsten Mine erkennen.

„Edward, geh ihm sofort nach und bring ihn wieder zurück!“, wies ihn der König aufbrausend an.

„Es tut mir Leid, aber das werde ich nicht tun Vater!“, erwiderte Edward.

„Was? Und das in meinem eigenen Haus. Von meinen eigenen Kindern. So ein ungehorsam Dulde ich nicht! In meinem Haus gelten meine Regeln und ihr habt sie zu befolgen! Wollt ihr mich vor meinen Gästen zum Gespött machen?!“, schrie der König leise auf.

Verflucht! Das alles wäre alles nicht passiert, hätte ich mich in meinem Zimmer verbarrikadiert!

„Jeff“, richtete Edward an ihn. „Du kannst eine Lady nicht so einfach stehen lassen. Geh zurück und kümmere dich um sie“, wies er ihn an.

„Ich scheine ihr aber überhaupt nicht zu fehlen“, erwiderte der. „Die amüsiert sich prächtig.“

„JEFF!“, bellte Edward.

„Schon gut, schon gut“, erwiderte Jeff. Ich hörte wie er sich schleppend entfernte und dann amüsiert das Wort an Konstanze richtete.

„Lady Konstanze, … habt Ihr noch Lust auf ein Tänzchen?“

Es blieb kurz Still zwischen Vater und Sohn, bis Edward wieder das Wort ergriff.

„Vater …“, setzte er an, doch der König ließ ihn nicht ausreden.

„Nein Sohn! So ein Benehmen ist nicht Akzeptabel! Er kümmert sich nicht um seine zukünftige Braut. Tanzt mit einer anderen und verlässt wegen ihr das Fest! Seine Verlobungsfeier! Und das alles nur wegen dieser Kleinen?“

Ja … alles nur wegen mir. Gott, warum musste ich an diesen verfluchten Ausflug teilnehmen.

„Du hast gewusst das er sie nicht Heiraten will, …“

„Diese Flausen hat er bestimmt von dir abgeguckt! Hoffentlich tut er nichts Unüberlegtes, wie …“

„Wie ich meinst du wohl! Vater ich bin glücklich mit meiner Wahl, wann begreifst du es?“

Na super! Jetzt bekam auch noch Edward sein Fett weg, schloss ich reuevoll die Augen.

„Glück ist nicht alles im Leben, mein Sohn! Gerade du, als großer Heerführer, müsstest das am besten wissen“, erwiderte sein Vater verstimmt. „Und ich lasse mir von niemand ins Handwerk pfuschen. Nicht von dir und schon gar nicht von diesen kleinen Mädchen. Die Verlobung wird heute Abend bekannt gegeben!“, sagte er bestimmt.

„Mein lieber Gemahl, ich denke wir sollten alles noch einmal in Ruhe überdenken“, erklang die Stimme von Königin Phillippa.

Was? Wird das hier jetzt eine Versammlung? Schielte ich durch den Spalt und entdeckte einen Teil ihres Kleides.

Gott Leute, könnt ihr euer Meeting nicht wo anders fortsetzten. Ich glaubte nämlich nicht, dass meine Beine das noch lange mit machen würden! Schaute ich auf meine Knie, die so stark zitterten dass sogar mein Kleid vibrierte.

„Phillippa du auch?!“, gab König Edward überrascht von sich. „Hab ich den in meinem eigenen Haus nichts mehr zu sagen?! Ich bin der König, verdammt noch Mal!“

„Edward, lass den Jungen Zeit“, redete sie ihm gut zu.

„Um was zu tun? Es gibt nicht zu Überlegen! Ich habe entschieden und so wird es sein! Die Gäste sind da! Die Tafel reich gedeckt! Jetzt fehl nur noch mein Nichtsnutz von Sohn!“, richtete der König aufgebracht an die beiden. „Na holt ihn vielleicht jemand, oder soll ich es vielleicht tun?!“

Keiner der beiden bewegte sich auch nur einen Zentimeter.

„Alles muss man selber machen! Da setzt man Kinder in die Welt und sie Rebellieren dann auch noch gegen ihren eigenen Vater. Das ist wohl der Dank!“, fauchte er und stampfte den Flur runter. „Und die eigene Frau ist auch nicht viel besser …“, schallte seine Stimme durch den Gang.

Edward und seine Mutter lachten amüsiert auf. „Der wird sich schon wieder einkriegen“, sagte die Königin.

„Ja schon, aber wann? Ich möchte Wetten, die nächsten Wochen wird es Vorwürfe regnen“, lachte Edward.

„Komm Sohn“, sagte sie heiter, und die beiden entfernten sich.

Endlich atmete ich befreit auf. Wartete, bis der König nicht mehr zu hören war, blickte hinter der Tür hervor, um mich zu vergewissern, dass niemand mehr da war, als diese auf einmal vor meiner Nase wieder zu gezogen wurde.

Ich erschrak und hielt wieder still. Im Spalt erkannte ich zwei Dienstboten, die die Tür zur Halle wieder schlossen.

Erleichtert atmete ich auf, überlegte, wie ich am besten wieder zu meinem Zimmer kommen konnte, ohne auf John und den König zu treffen und begab mich Leise zum Ausgang.

Überquerte die Rasenfläche und betrat das Gebäude durch einen anderen Eingang.

Mit großen Schritten eilte ich durch den Flur zur Treppe und hastete sie schnell hinauf.

„Ann!“, hörte ich plötzlich hinter mir.

Verdammt! Wie konnte er mich so schnell finden.

Erschrocken blickte ich hinter mich und versuchte die Stufen schneller zu erklimmen.

Das Kleid wurde langsam Schwerer. Ich konnte es nur mit Mühe halten. Musste aufpassen, um nicht darüber zu stolpern.

„Ann, bleib stehen!“, rief er am Fußende der Treppe. Ich versuchte zwei Stufen auf einmal zu nehmen, doch das klappte wegen des langen Rocks nur schwer. „Ann!“, erklang es nah hinter mir. Ich spürte, wie seine Hand mein Arm ergriff, mich herum wirbelte und fest gegen die Wand drückte.

„Das kannst du vergessen!“, funkelte er mich an. „Einfach aus meinem Leben zu verschwinden … das lass ich nicht zu!“, sagte er und seine Augen sprangen aufgeregt über mein Gesicht.

„John, du hast gar keine andere Wahl“, schaute ich atemlos auf die Steinstufen. Ich konnte ihn nicht ansehen, seinen Augen musterten mich zu intensiv.

„Wenn du willst, dass dein Leben wieder geordnete Bahnen annimmt, dann musst du mich gehen lassen!“, murmelte ich.

„Geordnete Bahnen? Ohne dich war mein Leben das reinste Chaos. Eines das sich nur, um das überstehen des Tags drehte, wartend auf die Nacht. Nennst du das ein Leben?“

Ich bekam kein Ton heraus, fühlte mich Hundeelend. Was sollte ich darauf antworten, wenn es mir im Grunde genauso ging.

Das Zittern übernahm meinen ganzen Körper und trieb mir die Tränen hoch.

Ich starrte auf die Steinstufen und sah wie meine Tränen eine nach der anderen von meinem Kinn auf den Boden tropften.

„Ann, ich vermisse dich in meinen Träumen …“, sagte er sanft und wischte mir liebevoll die Tränen von den Wangen. Es fühlte sich so heilsam an, seine Finger auf meiner Haut zu spüren.

„Ich vermisse es, mit dir zu Reden, dein erhellendes Lachen zu Hören, ich vermisse alles an dir!“

Schluchzend legte ich meine Stirn an seiner Brust ab. Ich hatte keine Kraft mehr, war Müde und wusste nicht was ich noch tun konnte. Dabei sehnte ich mich doch selbst, nach alledem was er aufgezählt hatte.

Sanft fuhren seine Finger um mein Gesicht und hoben es am Kinn hoch.

„Ich liebe dich, Annabelle. Und es ist mir egal welche Konsequenzen ich deswegen zu erwarten habe.“

Ich schluckte bei dem vertrauten Blick mit dem er mich bedeckte.

„Ich dich auch …“, flüsterte ich schwach. Diese Worte, die über meine Lippen kamen, waren zwar von mir, aber viel mehr kamen sie von meinem Herzen, dass den Verstand niedergerungen hatte.

Das hätte ich nicht tun dürfen … schellte ich mich gleich darauf. Aber das war mir in diesen Augenblick egal. Es war zu schön, ihn so nah zu sein und es auch einmal zuzulassen.

Sanft umfassten seine Hände mein Gesicht, liebkosten meine Wangen und zogen mich an seine Lippen, die meine mit einem zaghaften Kuss umschlossen. Erst zärtlich, aber dann mit seinem ganzen Verlangen.

Es fühlte sich nach Abschied an. Ich schlang meine Arme um ihn und genoss unseren vielleicht letzten Moment.

Wenn schon ein Abschied, dann ein Würdiger! Sagte mein Unterbewusstsein. Seine Arme umhüllten mich, die Lippen gaben mich nicht Frei.

Die Intensität unserer Gefühle ließ mich erschaudern. Wir verloren uns fast in einander, bekamen nichts mehr mit. Dieses Gefühl war einfach zu schön und sollte niemals aufhören.

„Ich werde dich nie gehen lassen, komme was wolle!“, knurrte er zwischen seinen Küssen und druckte mich fester gegen die Wand.

Schwer atmend hielten wir inne. Er streichelte mir zärtlich über die Wange.

„Ich liebe dich!“, hauchte er und küsste mich wieder sanft auf die Lippen. Sehnsuchtsvoll erwiderte ich seine Zärtlichkeit.

Wie konnte es nur sein, dass ich mich zu einem Menschen, den ich nicht lieben durfte, nicht einmal kennen dürfte, so dermaßen zugehörig fühlte, in einer Welt, in der es mich nicht geben dürfte. Das alles war so niederschmetternd.

„Du bist Mein!“, flüsterte er zwischen unseren Küssen.

 

„JOHN!!!“, erklang eine Bassvolle Stimme. „Was hat dies zu bedeuten!“, schrie König Edward am Fußende der Treppe.

Verlegen blickte ich zur Seite, also das Timing hatte Edward definitiv von seinem Vater geerbt, dachte ich und versuchte mich aus Johns Umarmung zu lösen. Was er aber sofort unterband.

„Ich sagte, ich lass dich nicht gehen!“, sah er mich entschlossener denn je an und blickte zu seinem Vater.

„Es bedeutet, dass diese Verlobungsverhandlungen beendet sind!“

„Das ist Absurd! Lass das Mädchen los und kehr sofort wieder zurück. Wir haben das Haus voller Gäste, die deine Verlobung feiern wollen. Und du Schäkerst hier herum!“, schrie der König wutentbrannt.

John lockerte seinen Griff, hielt mich aber dennoch fest genug, dass ich mich ihm nicht entwinden konnte.

„Vater ich habe gesagt, ich werde sie nicht Heiraten! Und daran hat sich nichts geändert!“

„Das ist nicht akzeptabel! Ich lass mich nicht vor meinen Gästen zum Narren machen! Du lässt das Mädchen jetzt los und kommst sofort runter!“, wies er ihn mit einer Handbewegung an. „Ich habe deine Spielchen mit den Weibern Satt. Du heiratest Isabella und bist ihr ein Ehrenhafter Mann. … komm jetzt Runter!“

„John, lass mich los, lass mich gehen“, sagte ich und versuchte seine Hände von meinen Hüften zu lösen.

„Nein!“, schrie er. „Nein zu dir, …“, blitzte er mich wütend an. „Und, nein zu dir!“, richtete er an seinen Vater.

Jap! Und die Sturheit, hat er wohl an John weiter gegeben! Betrachtete ich ihn verstört.

„Du willst, dass ich heirate? In Ordnung!“, entgegnete John. „Ich heirate Annabelle!“

Der König und ich rissen Zeitgleich die Augen auf. „Was???“, sagten wir im gleichen Moment. Das meint er doch nicht im Ernst?

„Das kannst du nicht Ernst Meinen!“, schrie König Edward empört auf.

Also, da ist wohl einiges vererbt worden! Konnte er Gedanken lesen?

 

„Majestät“, hörten wir eine schwungvolle schlangenartige Stimme, die um die Ecke kam.

„Reverend!“, drehte sich der König erzürnt um. „Seid nicht Beleidigt über meinen Tonfall, aber Ihr habt hier nichts zu suchen. Kehrt wieder zu den anderen Gästen zurück!“, sagte er zornig.

Wow. Der schien ihn ja genauso sehr zu mögen wie ich, beobachtete ich wie König Edward ihm die Richtung wies.

„Aber wie es aussieht, bin ich hier genau richtig“, erwiderte der Priester, faltete seine Hände zusammen und schritt langsam auf ihn zu.

„Dieses kleine Mädchen, war mir von Anfang an nicht geheuer. Sie hat Euren Sohn Verhext … deswegen kann er nicht von ihr ablassen“, sagte er und kräuselte seine Lippen zu einem leichten Lächeln.

„Redet keinen Unsinn, Verhext!“, schnaubte König Edward belustigt auf. „Mit Euren Hexengeschichten kommt Ihr bei mir nicht weit! Mein Sohn ist ein Schürzenjäger, deswegen lässt er nicht von ihr ab!“

„Hey, ich bin immer noch hier!“, fühlte sich John beleidigt.

„Ja, und du kommst jetzt sofort runter, oder ich komme rauf!“

„Vater ich bin kein kleines Kind, das Ihr bestrafen könnt. Ich bin ein erwachsener Mann!“

„Dann benimm dich auch wie einer, und schwing dein Hintern zu deiner Braut!“

„Ich bin bei meiner Braut!“, erwiderte John mit dem Blick auf mich.

Ich schüttelte nervös den Kopf … nein tue das nicht, flehte ich ihn mit den Augen an … doch er lächelte mich nur Sanft an.

„Seht Ihr. Er ist gefangen in ihren Netzen“, feixte der Geistliche Triumphierend. Wie Bitte?! Blickte ich platt runter.

Langsam kriegte ich genug, von diesem dämonischen Priester. Er und seine Äußerungen fingen an mir richtig auf die Nerven zu gehen.

Miese Rate! Knurrte ich innerlich.

„Ihr müsst das Mädchen von ihm fernhalten“, sagt er und sah mich niederträchtig an.

„Sehr Witzig!“, entgegnete der König. „Was glaubt Ihr eigentlich, was ich hier gerade tue!“

„Nein, Eure Majestät. Eine Hexe kann man nicht Verjagen. Man muss sie unschädlich machen“, sagte Reverend Cornelius mit einem direkten Blick in meine Richtung. „Sie muss Verbrannt werden!“

So, jetzt kochte das Fass komplett über! „Du hast doch wohl ein Schuss im Offen!“, rief ich ihm entgegen, weil ich mir sein geschwaffel nicht mehr länger anhören konnte. „Komm mir nur einmal zu Nahe und ich zeige dir, wie sich mein Knie wie von Zauberhand, in deine Murmeln rammt …!“

„Ann!“, sagte John halb grinsend.

„Was? Er hätte es verdient!“, erwiderte ich immer noch gereizt.

Er wies mich in Richtung seines Vaters, und ich begriff. Vor lauter Wut hatte ich vergessen, wo ich mich befand!

Gott Ann! Nicht Plappern! Erst Überlegen! Oh Man! Verdrehte ich die Augen. „Ups.“ Erwiderte ich reumütig und schielte vorsichtig runter.

König Edward sah uns mit einem belustigten Grinsen zu, wandte sich zum Priester und stieß ein Mitleidiges … „Autsch!!!“ hervor.

Empört schaute der Priester von uns zum König. „Majestät, Ihr werdet doch so ein Ordinäres Verhalten nicht dulden! Ich bin schließlich ein Geistlicher! Diese Hexe gehört Eingesperrt und Exekutiert!“, rief er aus und sah mir verächtlich an.

„Ich sag dass jetzt nur ein Mal, Reverend. Geht bevor ich meine Geduld verliere!“

„Majestät, ich bin ein Mann Gottes, …“, sagte er aufgebracht. „ … und deswegen werde ich für Euch Beten, damit Ihr wieder zur Besinnung kommt!“

„Tut was Ihr nicht lassen Könnt, Hochwürden“, erwiderte der König.

Der Geistliche schnaubte auf, und ging in Richtung Halle.

„Und Euch Lady Annabelle, werde ich von nun an nicht mehr aus den Augen lassen“, richtete er an mich. „Ich werde Euer persönlicher Schatten sein!“

„Dann sollte ich wohl, ab jetzt wohl die Sonne meiden?!“, rief ich ihm hinterher. „Ekelpaket!“, hängte ich etwas zu laut nach.

John sah mich belustigt an.

„Was? Sollte ich mir das etwa gefallen lassen?!“

Er lachte und zuckte mit den Schultern. „Also echt, dieser widerliche, schleimige Ordensbruder schlängelt sich um deinen Vater, beschimpft mich als eine Hexe und redet davon mich zu verbrennen! Und du grinst!“, sah ich beleidigt zur Seite. „Lass mich los!“, sagte ich, löste ich seine Arme von mir und verschränke meine vor der Brust. „Echt, der ist nicht eigenartig, der ist Irre!“, ergänzte ich, was die beiden Männer in lautes Gelächter ausbrechen ließ.

Was sollte das jetzt?! Sah ich ihnen verwundert zu.

„Meine liebe Lady Annabelle, … “, räusperte sich König Edward sein Lachen weg. „… es Freud mich zu sehen, dass wir nicht die Einzigen sind, die eine Abneigung gegen diesen, … wie habt Ihr es noch mal so schön formuliert, widerlicher, schleimiger Ordensbruder, haben!“, lachte erneut auf.

„Also so witzig, fand ich das jetzt auch nicht gerade!“, murmelte ich und sah die Zwei betreten an. Sie lachten sich kaputt.

„Ehrlich, wie der Vater so der Sohn!“, schnaubte ich beleidigt und stieg die Treppe hoch. Ging um die Ecke und rannte in mein Zimmer.

„Ann warte!“, rief John mir nach, als er wieder zur Besinnung kam.

Ich lief den Gang entlang bis zu meinem Zimmer, riss hastig die Tür auf und schloss sie schnell wieder hinter mir.

 

 

 

 

„Guten Morgen Milady“, hörte ich Margret, als sie am nächsten Morgen ins Zimmer trat. Schlaftrunken spähte ich hoch. „Milady, Ihr seid ja noch in Euren gestrigen Gewändern!“, sah sie mich überrascht an.

Ich sah kurz an mir herab und vergrub mein Kopf wieder in das Kissen.

Der gestrige Abend war doch nicht so harmlos verlaufen, wie ich es erhofft hatte. Nach dem ich mich von John los reisen konnte, rannte ich in mein Zimmer und lief die halbe Nacht auf und ab.

Ich überlegte hin und her, wie ich an den Schlüssel kommen sollte. Schließlich entschied ich mich, für den einfachen Weg, sie zu fragen. Vielleicht würde sie mir das Ding einfach aufschließen!

Und wenn nicht, musste ich mir eben etwas anderes einfallen lassen.

Aber auch das bescheuerte Gerede des Geistlichen ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Der Kerl war nicht eigenartig, er war eindeutig psychisch krank!

Doch etwas anderes machte mir mehr Sorgen.

John! Er hatte gesagt, er wird mich davon ab halten, komme was wolle. Also musste ich mir etwas einfallen lassen, um ihn nicht mehr zu begegnen.

Eigentlich sollte es nicht so schwer sein, sich in diesem riesigen Schloss unbemerkbar zu bewegen. Ich musste es nur in den Garten schaffen und dort auf die Königin warten.

Stück für Stück überlegte ich, wie ich mein Plan in die tat umsetzten sollte und was ich ihr sagen sollte. Bis zum Morgengrauen saß ich auf dem Bett, als ich dann unbemerkt einschlief.

 

„Maggie was machst du hier so früh?“, redete ich in das Kissen.

„Milady wir haben schon Mittag!“, erwiderte sie.

„Wie Mittag?!“, sah ich ruckartig hoch.

„Wir haben etwa zwei Uhr.“

„Oooh Scheiße!“, sprang ich vom Bett und fing an mein Kleid runter zuziehen. Sofort eilte sie zu mir und half mir aus dem umständlichen Ding.

Während ich mir die Haare wieder entflocht, brachte sie mir Wasser damit ich mich frisch machen konnte.

Gott wie ich das tägliche Duschen vermisste, erinnerte ich mich, während ich mich mit einem Waschlappen wusch, mir ein Kleid aus dem Schrank holte und es hastig über mich zog.

„Milady seid Ihr in Eile?“, fragte Margret verwirrt, als sie mir zusah wie ich mir schnell durch die Haare bürstete.

„Ja bin ich! Ich habe da noch einen wichtigen Termin!“

„Einen Was?“, sah sie mich mit großen Augen an.

„Erklär ich dir ein anderes Mal, wenn ich noch hier bin!“, schnappte mir meine Schultasche aus dem Schrank und rannte zur Tür.

„Ach ja Milady, Sir John sucht nach Euch!“, rief sie mir nach, was mich schlagartig zum stehen brachte.

„Wie meist du das?“, fragte ich erschrocken.

„Er hat schon drei Mal nach Euch gefragt.“

„Und was hast du gesagt?“, fragte ich nervös.

„Das Ihr noch schläft“, antwortete sie unsicher.

„Gut“, überlegte ich. „Sollte er noch Mal fragen, dann sagst du ihn eben das ich immer noch schlafe, Okay?“, sah ich sie flehend an.

„O-ok-ay“, Antwortete sie verunsichert.

„Danke“, erwiderte ich und lief aus dem Zimmer.

 

Inzwischen kannte ich mich in diesem Labyrinth der Flure etwas aus, und nahm eine Abkürzung durch einen kleinen versteckten Gang.

Lief die Treppe runter, die zum Flur führte an dessen Ende sich der Garten befand, als ich zwei Dienstboten erspähte die gerade den Flur entlang kamen. Ich stoppte ruckartig und drückte mich an die Wand.

„Hast du das gestern mitbekommen?“, fragte der eine.

„Was?“

„Sir John hat die Verlobungsverhandlungen aufgelöst.“

Was???! Erstarrte ich. Idiot! Biss ich die Zähne zusammen.

„Nein! … Und jetzt?“

„Keine Ahnung!“, liefen sie an mir vorbei. „Aber ich denke, dass König Edward sich schon etwas einfallen lässt, um ihn dazu zu kriegen.“

„Verflixt, ich war mal wieder in der Küche und habe nichts mitgekriegt!“, sagte der andere, als sie um die Ecke bogen.

 

Warum hatte er das getan, sah aufgelöst zu Boden. Er wusste doch genau, dass es zu nichts führt! … Egal!! Atmete ich durch. Er würde sich schon wieder einkriegen, wenn ich erst Mal weg war, sagte ich mir und kam aus meinem Versteck.

 

Ich lief den Flur runter, in den Garten. Eilte ich den Pfad entlang, vorbei an Edwards Apfelbaum und Lionels Fichte.

Immer wieder um sich blickend, um nicht entdeckt zu werde.

Ich hoffte bloß, dass ich nicht all zu lange auf die Königin warten müsste.

Hatte Joan nicht gesagt, dass die Königin Täglich kommt, erinnerte ich mich an unsere Gespräch. Hoffentlich würde sie sich heute nicht zu viel Zeit lassen!

Hastig rannte ich an den Fliederbaum vorbei und blieb schlagartig stehen, als ich die Königin an den Rosen erblickte, die erschrocken durch mein plötzliches heranbrausen sofort herum fuhr.

„Annabelle was tut Ihr hier?!“, sah sie mich Besorgniserregt an. „Ihr habt hier kein Zutritt!“

„Majestät …“, sagte ich und kam schwer atmend auf sie zu. „Es tut mir Leid, aber ich brauche Eure Hilfe!“

„Hilfe? Ich verstehe nicht!“, schaute sie verärgert. „Ihr solltet jetzt gehen!“, wies sie mit den Augen Richtung Ausgang. „Euer Problem wird warten können, bis ich meine Arbeit beendet habe. Also verlasst bitte diesen Garten“, sagte sie bestimmt.

„Es tut mir Leid, aber das kann ich nicht“, erwiderte ich. „Ich brauch Eure Hilfe hier!“

Sie musterte mich einen kurzen Moment. „Ich hoffe, dass Ihr eine gute Erklärung habt, für das hier. Denn ansonsten, wird das gewaltige Konsequenzen nach sich ziehen!“, zuckte sie mit den Augenbrauen.

Gott, … das würde doch schwieriger werden, als ich gedacht, schluckte ich aufgeregt.

„Majestät, ich weiß nicht, ob ich Euch eine Erklärung liefern kann. Aber glaub mir, dass ich nichts Böses im Sinn habe“, sagte ich noch immer etwas außer Atem.

„Das werden wir noch sehen! Was ist Euer Anliegen?“, fragte sie mit verschränkten Armen.

Mein Anliegen … sah ich nachdenklich auf den Boden. Wie sollte ich es bloß formulieren? Zuckten meine Augen hin und her. Ach Scheiß aufs Formulieren, sah ich ihr entschlossen entgegen.

„Majestät, ich brauche den Schlüssel zu diesem Tor!“, sagte ich energisch und sah auf das eiserne Ding hinter ihr.

Sie prüfte mich mit den Augen. „Wozu?“, fragte sie knapp.

Ich kam ein paar Schritte näher. „Majestät, bitte! Ich muss durch dieses Tor, mehr kann ich Euch sagen. Vertraut mir. Ihr würdet es mir sowieso nicht Glauben!“, flehte ich sie an.

„Annabelle, Ihr benehmt Euch Merkwürdig“, schürzte sie die Augen.

„Ich weiß …“, erwiderte ich mit einem verwirrten Lächeln. Verdammt! Atmete ich aufgeregt ein und aus. „Bitte!“, flehte ich. „Ihr braucht es nur aufzuschließen und mich durch gehen zu lassen, mehr nicht!“, sagte ich aufgelöst und sah immer wieder zum Pfad. Sie folgte meinen Blick und zog die Augenbrauen zusammen. „Bitte, Ihr könnt danach auch wieder abschließen!“, flehte ich.

Sie betrachtete mich einen Augenblick schweigend, als ihre Augen sich kaum merklich weiteten.

Verstört ging ich auf das Tor zu, während ihre Augen mir fassungslos folgten.

„Jetzt verstehe ich!“, sagte sie verblüfft.

„Majestät, bitte! Ich bin schon viel zu lange hier, ich muss wieder zurück!“, drängte ich sie.

„Mein Kind, das, was du vorhast, wird nicht funktionieren“, sagte sie mich neugierig musternd und kam auf mich zu.

Nahm ihre Kette ab und zog den Schlüssel von ihr runter.

Aufatmend sah ich ihr dabei zu. Ja! Ich war am Ziel, schrie ein Teil von mir freudig erregt, während der andere in der Trauer versank.

Denn ich wusste genau, wenn ich jetzt durch dieses Tor ginge, würde das alles ein Ende nehmen. Und ich würde ihn, nie wiedersehen.

„Du kannst es versuchen, aber es wird dich nicht wieder zurückbringen. Egal wohin du auch willst!“, sagte sie und hielt mir den Schlüssel hin. „Denn du bist schon da wo du hin gehörst!“

„Verzeiht Majestät, aber ich denke, Ihr habt keine Ahnung, wo ich hingehöre!“, sagte ich und nahm ihr den Schlüssel ab.

„Oh doch Annabelle, …“, zuckte sie mit den Augenbrauen. „Wenn du durch dieses Tor willst, so denke ich, habe ich eine geringe Ahnung.“

Ich blickte ihr in die Augen und erkannte, dass sie genau wusste, wovon sie sprach. Was mich für einen Moment verwirrte und mir Angst einjagte.

Egal, ich war am Ziel und musste es zu Ende bringen. Das alles musste endlich ein Ende finden. Ich hoffte inständig, dass wenn ich wieder zu Hause wäre, sich alles wieder Korrigieren würde. Sodas der Schaden denn ich angerichtet hatte, wieder behoben wäre.

„Danke …“, sagte ich. Sah auf den Schlüssel in meiner Hand, drehte ihn nachdenklich hin und her und ging gespannt zum Tor.

„Annabelle, …“, sah sie mir nach. „Kennst du die Geschichte dieser Rosen?!“

„Ja Majestät.“

„Dann weißt du auch, zu wem sie gehören!“

 

„Ja, Majestät“, antwortete ich mit einem schlechte Gewissen und blickte wieder zum Pfad.

„Und trotzdem willst du gehen?!“, fragte sie verblüfft.

„Ich muss! Ich gehöre hier nicht her! Es ist nicht meine … Welt, … nicht meine Zeit“, sagte ich schließlich, steckte den Schlüssel ins Schlüsselloch und hielt ein Moment inne.

Ein seltsames Gefühl überfuhr mich, als ob etwas mich davon abhalten wollte. Ob es meine eigene innere Stimme war, oder doch etwas anderes, konnte ich nicht interpretieren. Doch es schrie aus vollen Hals >>Tu es nicht!!! <<

Ich verdrängte dieses Rufen und drehte den Schlüssel um.

„Mutter, lass es nicht zu!“, hörte ich plötzlich Johns abgehetzte Stimme und fuhr erschrocken herum. Er rannte den Pfad entlang auf uns zu, gefolgt von Edward.

„Junge?!“, schaute sie ihn überrascht an.

Ich blickte von ihm auf den Schlüsse. Tränen standen in meinen Augen.

Warum musste er her kommen?! Schluckte ich die Tränen weg. Es war auch so schon schwer!

„Ann tu es nicht!!! Bitte!!!“, sprach er auf mich ein. Ich blickte noch einmal in seine flehenden Augen, die mich beschworen es nicht zu tun.

Was soll’s! Atmete ich stockend. Ein paar Wochen … oder Monate Herzschmerz! Irgendwie überlebe ich das schon! … … Irgendwann, dachte ich und fühlte die Tränen runter rollten.

Ich drehte mich wieder zum Tor, drückte die Klinke runter …

„Moment!“, sagte die Königin, was mich auf zucken ließ. „Was heißt nicht deine Welt, nicht deine Zeit?“, sah sie mich eigenartig an.

Was sollte das, warum tat sie das? Wollte sie Zeit schinden? Es war auch so schon kaum zu ertragen, ihn hier zu sehen.

Ich wollte es doch bloß so schnell wie möglich, hinter mich bringen.

Also Lasst Mich Endlich Gehen!!! Schrien mein innerstes unter Tränen.

Edward sah bedrückt zu Boden. „Annabelle …“

„Nein!“ entgegnete ich aufgelöst. „Du hast es Versprochen!“

Fassungslos blickte John seinem Bruder entgegen.

„Annabelle, es nimmt überhand. Merkst du es nicht!“, redete Edward auf mich ein.

„Das ist egal! Es ist sowieso gleich vorbei!“, sagte ich und sah wieder auf die runter gedrückte Klinke in meiner Hand.

„Du weißt Bescheid?“, sah John seinen Bruder außer sich an.

Edward schwieg schuldbewusst.

„Verdammt Ann!“, drehte er sich wutentbrannt zu mir um. „Du sagst mir jetzt sofort die Wahrheit!!!“

Ich schwieg. Es tat so weh. Tief in mir, riss es mich auseinander.

„Annabelle, …“, sprach die Königin sanft auf mich ein. „Wann wurdest du geboren?“

„Das ist doch jetzt überhaupt nicht wichtig“, antwortete ich kraftlos.

„Kind, wenn du schon gehen möchtest, dann gestatte uns wenigstens diese eine kleine Erklärung“, bat sie mich mit sanfter Stimme.

Ich sah auf die Klinke, und atmete tief aus. „24 August 1998“, antwortete ich schwach. „Ich komme aus dem Jahr 2014.“

Die Königin blickte im ersten Moment erstaunt, doch als der erste Schock nachließ, schaute sie nachdenklich zum Boden. „Jetzt begreife ich auch, das mit der Halskette.“

Ich schaute zu John, der mich schweigend und benommen betrachtete. Er sah so verloren aus.

Mit Tränen unterlaufen Augen, lächelte ich ihn entschuldigend an.

„Es tut mir Leid …“, flüsterte ich schwach und drehte mich wieder zum Tor. Los Ann, zieh es nicht weiter hinaus! Atmete ich tief aus … LOS! … Schwang die Tür auf, und rannte fluchtartig hindurch.

„Nein!!!“, hörte ich John aufschreien.

 

So schnell ich konnte, rannte ich durch den Wald und blinzelte mir die Tränen weg.

Bitte lieber Gott! … Lass es bitte geklappt haben! Bettete ich schluchzend. Entfernte mich immer weiter von dem Tor und immer tiefer in den Wald.

>>> Ann! <<< Bildete ich mir ein, ein Echo aus meinem Namen zu hören. Ignorierte es aber, schüttelte meine tränen weg und lief weiter.

 

 

 

15

 

 

 

Kapitel 15

 

 

Wie gehetzt rannte ich durch den dichtbewachsenen Wald, der jeden meiner rasenden Schritte mit einem Echo widerhallte. Schaute mich immer wieder hoffnungsvoll um, in der Erwartung auf eine Landstraße oder irgendwas anderes zu treffen, was mir den Hinweis gab, dass es geklappt hatte. Und bildete mir wieder ein, ein Echo aus meinem Namen zu hören.

 

Ich lief so lange wie meine Beine und meine Lunge es mit machten. Und blieb schließlich hechelnd und nach Luft ringend an einem Baum stehen. Hielt mich fest und beugte mich vor, um mir das Atmen zu erleichtern.

Jeder meiner Atemzüge schmerzte und stach wie tausend Nadelstiche. Vorsichtig richtete ich mich wieder auf, meine Hand auf den Bauch gepresst um die bohrenden, Seitenstechen, zu mindern und schaute durch den Wald.

 

Nicht stehen bleiben, weiter! Wies ich mich an. Holte angestrengt Luft, sah mich noch einmal orientierungslos um und zwang mich in Bewegung zu bleiben.

Planlos trieb ich mich voran, mit dem Ziel endlich einen Anhaltspunkt zu entdecken …

Was war das?! Sah ich aufgeschreckt hinter mich und durchblickte sorgfältig die zahllosen Bäume, aber es war nichts zu sehen und nichts u hören.

Entweder … war das ein Tier … schaute ich noch mal genauer hin, um sicherzugehen, oder … ich hatte es mir nur eingebildet.

Es war alles verdächtig ruhig, … nur die Vögel zwitscherten.

Also gut weiter! Sagte ich mir, während ich durch die Bäume schaute. Sah wieder nach vorn und erstarrte vor Entsetzen. Mein Herz sprang fast vor Schreck aus der Brust, als ich das Narbengesicht direkt vor mir entdeckte.

„´àllo mon petit! Só trífft man sisch wiedér!“, lachte er Dämonisch.

Was??! … Nein!!! Wie konnte er hier sein …?! Erstarrte ich entsetzt.

Es hatte nicht geklappt, stellte ich erschüttert fest.

Schreck gepackt wendete ich und rannte in die entgegengesetzte Richtung. Doch auch da wurde mir der Weg versperrt. Ein großer breiter, fettleibiger Franzose blockierte mir mit einem breiten Grinsen den Fluchtweg.

Das Blut pochte mir in den Ohren. Angstbebend schaute ich mich ringsum um, und entdeckte einen nach den andren hinter den Bäumen hervor treten.

Ich hatte Recht! Da war doch was! Mein Atem zitterte.

„Was wollt ihr?!“, schrie ich und drehte mich im Kreis von einem zum anderen.

Das Narbengesicht lachte wölfisch, kam langsam auf mich zu und sprach ganz ruhig. „Les saisir! (Ergreift sie!)“, worauf sie mich alle grinsend umkreisten. Alarmiert drehte ich mich im Kreis, von einer Seite zur anderen. Suchend nach einer Lücke zwischen den Männern, durch die ich mich durchzwängen konnte! Doch da war keine! „Bleibt mir vom Leib, ihr … a-a-a-a! Lass mich Los!!!“, brüllte ich, als mich einer von hinten an den Armen packte und sie, wie in einem Schraubstock festhielt.

„Lass Los!!“, versuchte mich zu befreien. Sah, wie die anderen auflachend auf mich zu kamen, und bekam Panik. Ich zerrte, drehte mich und trat um mich, als ich jemanden entdeckte, der sich mir mit einem Sack näherte.

„Geht weg!! Lasst mich in Ruhe!!!“, kamen mir Tränen vor Angst. „Finger Weg von mir ihr miesen, Schweine!“, sah ich den Sack über mich kommen und biss mit ganzer Kraft in seine Hand.

„A-A-A!!! Merde!“, schrie er.

Das Narbengesicht lachte amüsiert auf. Von einem Moment zum anderen, stülpte man mir den Sack über den Kopf und fesselte meinen gesamten Oberkörper. Meine Arme und Beine. Ich bekam vor Aufregung kaum Luft.

Ich zitterte am ganzen Körper, vor Angst und Enttäuschung, und aus dem offensichtlichen Grund dass es nicht geklappt hatte!

Doch das rückte gerade alles in den Hintergrund, im Angesicht dessen was eben geschah.

Warum? Wieso? Was wollte sie? …

Mein Kopf Schwirrte. Es war so Laut! Alle Lachten! Es hatte ihnen offensichtlich Spaß gemacht, ein wehrloses Mädchen zu attackieren und zu fangen!

„Allez, on les amener au camp! (Los, bringen wir sie ins Lager!)“, hörte ich das Narbengesicht auflachen, als mich einer mit deinem Ruck über seine Schulter warf.

Ich verstand nur die Hälfte davon was sie sagten. Trotzdem war das ausreichend um zu kapieren, dass sie von jemandem beauftragt wurden, um mich zu Kidnappen. Aber meine Vokabelkenntnisse reichten nicht aus, um raus zu Hören von wem.

Ich zerrte, zog und zappelte den ganzen Weg. Versuchte die Fesseln an meinen Handgelenken zu lockern.

„Arrête, ou ce qu'il est! (Hör auf, oder es setzt was!)“, erklang eine tiefe Stimme. „Philippe, quand le petit ne s'arrête pas s'agiter, je marteler sa une sur elle! (Philippe, wenn die kleine nicht aufhört zu zappeln, haue ich ihr eins über!)“, sagte die Stimme, worauf ein lautes schallendes Lachen als Antwort erklang.

Nach einem längeren Fußmarsch, hörte ich ein Stimmen durcheinander. Was mich erkennen ließ das wir im Lager angekommen waren. Ein paar amüsierte Anspielungen erklangen, als man mich durch das Camp trug.

Ich merkte wie etwas leichtes, wie ein Stück Stoff über meinen Rücken glitt. Wir schienen da zu sein, denn der Mann blieb stehen.

„Capitaine, comment le paquet (Hauptmann, wir haben das Paket.)“

Zerrend wehrte ich mich gegen das Ungeheuer, das mich über der Schulter trug.

„Apportez-lui à ce sujet (Bring sie darüber.)”, erwiderte jemand.

Mit einem Ruck wurde ich auf den Boden geschmissen. Meine Arme entfesselt, und sofort wieder um etwas drum rum zusammen gebunden.

„A-a-a!“, schrie ich auf, als er den Knoten zu fest zu zog.

„Merci, vous pouvez y aller maintenant Armand (Danke, du kannst jetzt gehen, Armand.)“

Schnelle Schritte entfernten sich von mir, worauf eine Totenstille folgte.

Ich hatte das Gefühl in einem geschlossenen Raum zu sein. War völlig desorientiert, wusste nicht, wo ich war und ob sich noch jemand in der Nähe befand. Doch fühlte ich mich beobachtet!

Dieser Sack über mir, versperrte mir jegliche Sicht und die Luft wurde hier drunter immer knapper.

Jeder Atemzug wurde schwerer und schwerer. Mit meinen Fingern versuchte ich an den Knoten meiner Fesseln zu kommen und die Windungen aufzuschnüren, doch sie saßen bombenfest!

Ein Räuspern durchbrach die Stille, was mich steif aufhorchen ließ.

Ich war doch nicht allein! Irgendjemand war hier! Mit angehaltenem Atem hörte ich langsame Schritte auf mich zu kommen.

Wer war das, und was wollte er?

Ich spitzte die Ohren, doch es wurde wieder Still. Mein Atem kam jetzt Stoßweise vor Aufregung und Angst. Und die Ungewissheit dessen was, oder wer vor mir war, trieb mein Herzschlag ins Unermessliche. Wieder erklang ein Geräusch. Er kniete sich runter und holte etwas klirrendes, Metallisches heraus. Ich schluckte verängstigt, was mich langsam Sauer machte. Andauernd musste man hier um sein Leben fürchten. Ich hatte die Schnauze voll! Genug von Alledem!!

So viel wie ich in den vergangenen Wochen durchmachen musste … um mein Leben rennen, oder es gewaltsam verteidigen … kamen die Bilder des ersten Überfalls hoch.

Und die Verfolgungsjagd, von dem Narbengesicht und er der Rattenfresse.

Anscheinend hatte er es als einziger Überlebt, knirschte ich mit den Zähnen.

Ich hatte bisher noch nie ein Messer zur Selbstverteidigung gebraucht, außer hier! Das machte mich wütend. Und dazu, kam noch die verstrickte Situation mit John, und meine misslungene Heimkehr!

Es war nicht mehr zum aushalten! Ich hatte die Schnauze gestrichen voll! Und was jetzt geschah brachte das Fass zu überlaufen!

Es war mir vollkommen Egal was jetzt passieren würde. Denn die Königin hatte Recht behalten. Das Tor brachte mich nicht wieder zurück. Es hatte nicht funktioniert, warum auch immer. Es war einfach nur Deprimierend! Und da ich keinen weiteren Anhaltspunkt mehr hatte, musste ich einsehen, dass ich am Ende in einer Sackgasse gelandet war.

So wie es aussah, steckte ich hier fest und zwar ohne eine Aussicht auf Wiederkehr, oder einen Rückfahrschein.

Diese Einsicht ließ die Angst aus mir weichen und stattdessen Zorn aufsteigen.

Sollen sie mich doch Töten! Jetzt war alles Egal!

Ich richtete meine Augen entschlossen nach vorn, zu denjenigen der vor mir saß. Spürte seine Nähe! Er saß mir direkt gegenüber, sagte aber kein Wort.

Plötzlich zog er an dem Sack, was mich kurz den Atem anhalten ließ und bohrte eine eiserne Spitze in den Stoff.

Ich erschrak bei dem Anblick der Messerspitze, die auf mein Gesicht gerichtete war. Doch sie fuhr nicht weiter hinein, blieb eine Weile an der Stelle. Als sie sich plötzlich mit einem Ruck nach Oben durch den Stoff schnitt und ich erkannte, dass ich mich in einen Zelt befand.

Ein ernstes Gesicht blickte mir entgegen. Es war ein dunkelhaariger, gelockter Mann, mit stechenden Augen, die mich Genaustes musterten.

Entschlossen konterte ich seinen Blick.

„Madam“, begrüßte er mich prüfend. Ich erwiderte nichts, sah ihn nur Stur entgegen.

„Só schweigsám?“, fragte er leicht erstaunt, wartend auf eine Antwort. Innerlich knirschte ich mit den Zähnen, sagte aber kein Wort. Er zog die Augenbrauen hoch, als wollte er etwas sagen.

„Capitaine …“, erklang eine Stimme, worauf er sich langsam von mir abwendete und über seine Schulter sah.

Ich schaute an ihm vorbei und entdeckte das Narbengesicht, gefolgt von einem anderen das Zelt betreten.

Leichtfüßig schlenderte der zum Tisch, der am Rande des Zeltes stand. Zog ein Stuhl heraus, den er an der Lehne drehte und sich verkehrt rum hinsetzte.

„Le prêtre est là maintenant (Der Priester ist jetzt da)“, beendete er den Satz für das Narbengesicht.

„Amenez-le à l'intérieur (Bringt ihn rein)“, sagte der Mann vor mir. Richtete sich langsam auf, und begab sich auch zum Tisch. Wo der andere mich scharf beäugte.

Seine hell brauen Haare waren von der Sonne ausgebleicht und verstaubt, als ob er gerade erst, von einem langen Ritt kam. Er neigte leicht seinen Kopf und sah mich abschätzend mit seinen großen Augen an. Holte ein Apfel aus seiner Jackentasche und ein Messer aus dem Stiefel, schnitt sich ein Apfelstück ab und legte es sich in den Mund.

„Donc, c'est une bête dangereuse? (Das also ist das gefährlich Beast?)“, nickte er in meine Richtung.

„Semble de cette façon (Scheint so)“, antwortete der Lockenkopf.

Ich verstand nur bruchstückhaft, was sie sagten. Doch das war auch egal, hinter dem Pfahl, an dem ich angebunden war, versuchte ich noch immer meine Fesseln zu lösen.

„Mais il ne regarde pas si dangereux! (Sieht aber gar nicht so gefährlich aus!)“, erwiderte der Apfelfresser und legte sich noch ein Stück in den Mund. „Seulement aigre. (Nur Sauer.)“

„Le prêtre semble être terrifié par elle (Der Priester scheint eine Heidenangst vor ihr zu haben)“, antwortete der Lockenkopf schulterzuckend.

Der Vorhang ging auf, was mich vor Erstaunen und Entsetzen die Luft anhalten ließ. Reverend Cornelius?!

Auch er sah mir versteinert entgegen. „Wieso ist sie noch am Leben?!“, richtete er empört an den Hauptmann. „Monsieur Monnier, Ihr habt mir versichert, dass diese Hexe unschädlich gemacht wird!“, schrie er fast. „Ich habe sie gut entlohnt …“

„Bérúhigt Esch Révérént!“, schnitt ihm der Lockenkopf das Wort ab und ließ sich lässig in den Stuhl fallen. „Die Pláne ´áben sisch étwás geándért!“, sagte er halb grinsend.

Ich blickte voller Ekel dem Priester entgegen. „Du mieser, widerwärtiger Schweinepriester …!“, fauchte ich ihn an.

„Schweig Hexe!“, schrie er gehässig.

„Wenn nennst du hier Hexe, du verräterisches Schwein!“

„Hütte deine teuflische Zunge, Ausgeburt der Hölle …!“

„Reste! (Ruhe!)“, rief der Lockenkopf genervt. „Alain, les amener à le silence! (Alain, bring sie zum schweigen!)”, wies er den Apfelfresser an, der das Messer sofort senkrecht in den Holztisch rammte und sich gemütlich auf den Weg zu mir machte.

Ich sah ihn näher kommen. Zerrte an meinen Fesseln, zog an meinen Handgelenken. „Hau ab! Fass mich nicht an!“, schrie ich.

Er zückte ein Tuch aus seiner Hosentasche, zwang es mir zwischen die Zähne und band es kräftig zu.

Lautstark knurrte ich durch den Knebel, beschimpfte ihn auf übelste. Was aber wegen des Stoffs, nur als einzelne Laute zu vernehmen war.

Er schnaubte ein leichtes Lachen, und schlenderte gemütlich zurück. Zog das Messer wieder aus dem Holz und steckte es zurück in seinen Stiefel.

Mir zugerichtet lehnte er sich wieder gegen die Tischkante und grinste.

„Spirited le petit! (Temperamentvoll die Kleine!)“, sagte er und betrachtete mich.

Bruder Cornelius schnaubte verärgert auf. „Was heißt, die Pläne haben sich geändert, Monsieur Gerard?“, richtete er Sauer an den Lockenkopf.

Gerard?! Sah ich ihn perplex an. Gerard … der Gerard? … Die Pläne hatten sich geändert, … begriff ich jetzt was er damit meinte.

Er wollte John und Edward!

„Dás ´eißt, dás sie mír zúerst áls Lóckvógel dienén wírd!“, erwiderte Gerard Kalt.

„Das haben wir nicht so Vereinbart!“, regte sich der Priester auf.

„Keiné Sórgé Révérend, Èuer Àuftág wírd érledigscht. Wànn … lásst méiné Sórgé séin“. sagte er während er sich vom Stuhl erhob und auf den Priester zu ging. Zückte ein Stück Papier aus seiner Innentasche und übergab es dem Reverend.

„Was ist das?“, schaute dieser verwirrt. Gerard steckte es in seine Kutte.

„Dás Révérend, … bríngt Ìhr ins Schóss“, lächelte er wölfisch. „Ùnd übérgíbt és án Gáunt!“

Reverend Cornelius blickte ihm aufgewühlt entgegen. „Habt Ihr den Verstand verloren? Wie soll ich das erklären? Was soll ich sagen, woher ich das Schriftstück habe?!“

„Dás, íst níscht méiné Ángélégénhéit!“, zuckte Gerard mit den Augenbrauen.

„Aber … Aber …“, geriet der Priester ins Stocken.

„Lui Crée hors de ma vue (Schafft ihn mir aus den Augen)“, richtete Gerard an das Narbengesicht, der sofort den Priester mit einem selbstgefälligen Lächeln am Arm gepackt hinauszog.

Verräterischer Abschaum! Sah ich ihn Zähneknirschend hinterher.

Was er damit angerichtet hatte, war ihm gar nicht bewusst, schaute ich angewidert auf den Zeltausgang.

Der Priester hatte quasi nicht nur sich in die Scheiße geritten, sondern auch alle anderen.

Wie konnte man nur so Versessen und Besessen, so Hasserfühlt und Paranoid sein, regte ich mich auf, und richtete meine Aufmerksamkeit wieder den beiden Männer zu, die eine Landkarte auf den gesamten Tisch ausbreitet hatten und darüber Diskutierten, wie sie ihren Angriff am effektivsten durchziehen könnten.

Die halbe Nacht beobachtete ich sie, wie sie ihren Plan wieder und wieder durchgingen. Hörte angestrengt zu, um wenigstens etwas zu verstehen. Tat ich auch, aber nur einzelne Vokabeln. Nicht genug um ihren Plan zu verstehen. Aber eins verstand ich, dass sie wohl noch eine offene Rechnung mit John und Edward hatten.

Hin und wieder schauten sie zu mir und unterhielten sich anscheinen über mich.

„Elle ne ressemble pas à une sorcière (Sie sieht gar nicht aus wie eine Hexe)“, nickte Alain anspielend in meine Richtung. „Hey, bíscht dú wírklisch éiné ´exé?“, sprach er mich an.

„Wénn sié éiné ´exé wäré, dánn würdé sié dósch níscht ´iér sítzén“, erwiderte Gerard auflachend.

„Wér wéiß, viélléischt íst dás éiné Líst“, kamm Alain spöttisch grinsend um den Tisch. „Viéléischt kánn sié úns dié Zúkúnft vórhérságén“, sagte er mich musternd.

Und wie ich das kann!!! Blitzte ich ihm entgegen.

„Únd úns vérráten, wélsché Strátégié ám érfólgréichstén wäré!“, fügte er hinzu und lehnte sich gegen die Tischkante. „Ná wóllt I´r níscht Rédén? És múss dósch éin Grúnd ´abén, wárúm dér Révérént só éiné Àngst vór Èusch ´at“, sah er mich abwartend an.

„Alain, arrêtez avec le non-sens (Alain, hör auf mit den Unsinn)“, sagte Gerard. „Wír bráuschén i´re ´ilfé níscht, úm diésé Síppé áuszúlöschén!“, schaute Gerard selbstgefällig. Seinen Blickt erwidernd, schäumte ich vor Wut.

„Mal ganz im Ernst!“, sah ich ihn angewidert in die Augen. „Glaubst du wirklich, du kommst damit durch. Ich kenne nämlich tatsächlich die Zukunft, und in der wirst du mit keinem Wort erwähnt!“, sagte ich Scharf.

„Madam, I´r gláubt I´r kénnt dié Zúkúnft?”, zuckte Gerard mit den Mundwinkeln. „Isch ság Èusch mál éins! Isch wérdé méiné Rásché békómmén, kósté és wás és wólle!“, sagte er energisch und kam auf mich zu. „Ùnd wénn isch méin Lébén dábéi lásse! Dòsch … sóllté és dázú kómmén. Néh´mé isch Èusch, dén Gáutbéngél, únd só viélé vón séinér Sippscháfft mít wié isch kánn!“ Blieb er unmittelbar vor mir stehen. „Ná wié géfällt Èsch diésé Zúkúnft?!“, fragte er herausfordernd.

„Du bist ja Krank!“, erwiderte ich angeekelt.

„Madam, Ìr wisscht gár nicht wás isch bin. Ìr sólltét Èuré Wórté ándérs wälén!“

„Du willst etwas anderes?!“, Kochte ich. „Arschloch! Das ist mal was ganz anderes!“, knallte ich ihm hin.

„Ìr ´abt éin schlímmés Múndwérk“, lachte er auf und ging wieder zurück zum Tisch. „`at Èusch dás schón mal jémánd géságt?!“, sah er wieder auf die Karte.

Alain betrachtete mich amüsiert. Ich warf ihm einen giftigen Blick zu.

„Mit der Meinung stehst du nicht allein!“, richtete ich an Gerard. „Aber mit einem liegst du falsch! Sie werden nämlich nicht kommen!“

Sie dachten nämlich, ich wäre weg!

„Òh, máscht Èusch déswégén kéiné Sórgén. Sié wédén kómmén. Déssén séit Èusch géwiss!“

„Du Scheusal!“, zischte ich. Ich verspürte so viel Wut, Ekel und Verabscheuung den zwei Männer mir gegenüber!

„Nó, nó, nó Madam, só spríscht dósch kéiné Lády.“

„Ooh, du weißt gar nicht, was ich bin!“, entgegnete ich wutverzerrt. „Und du, hör auf gefälligst so bescheuert zu grinsen!“, richtete ich an Alain, der mich ein Moment amüsiert betrachtete und auflachte.

„Très amusant! (Sehr amüsant!)“, sagte er schmunzelnd.

 

Ein plötzlicher Aufruhr ließ uns alle aufhorchen. Was ging da vor sich? Sah ich einen Soldaten völlig außer Atem in das Zelt stürmen.

„Capitaine, les Britanniques sont à venir! (Hauptmann, die Engländer kommen!)“, sagte er, holte noch mal Luft. „Ils se sont placés sur le bord! (Sir haben sich am Waldrand postiert!)“

Gerard zog nachdenklich die Augenbrauen zusammen. „Tout le monde doit se préparer à se battre, et plus! (Alle sollen sich kampfbereit machen, und sich Aufstellen!)“, sagte er und sah mich bedenklich an.

„Oui! (Ja!)“, erwiderte der Soldat und rannte sofort wieder hinaus.

„Dèr Révérént ´at sích ánschéinénd beéilt … ödér, …“, sah er mich prüfend an. „… és ´at éinén ándérén Grúnd … wás für éinén Wért ´abt I´r für Gáunt?!“, sah er mich abschätzend an.

Ich antwortete nicht, doch er schien meine Sorge von den Augen abzulesen. Denn mein Herz raste vor Aufregung, in dem Wissen, dass sie sich in der Nähe befanden und diesen Wahnsinnigen entgegen kamen.

„Madam?“, taxierte Gerard mich.

Ich biss meine Zähne zusammen und erwiderte seinen Blick.

Alain betrachtete mich nachdenklich. „Vous savez ce que cela signifie (Du weißt was das bedeutet)“, schaute er von mir zu Gerard.

„Oui!“, erwiderte Gerard dämonisch grinsend. „Dánn wóllten wír sié nischt wártén lássén!“, sagte er und begab sich zum Ausgang.

„Nein!!! … Nein!!!“, schrie ich, zerrte an meinen Fesseln und sah dabei zu, wie die Männer das Zelt verließen.

Ich zog mit aller Kraft, drehte meine Handgelenke, versuchte sie durch die Fesseln zu zwängen, aber es klappte nicht!

Verdammt ich musste mich irgendwie befreien! Ich befand mich am Rande eines Nervenzusammenbruchs.

Sie werden sie umbringen! Pulsierte das Blut in meinen Adern.

Ich musste hier unbedingt raus! Zog noch kräftiger um meine Hände, zu befreien.

Es tat weh!!! Höllisch weh!!! Anscheinend hatte ich schon Schürfwunden an meinen Handgelenken.

Ich bekam sie nicht auf, kam ich zu dem verzweifelten Ergebnis.

Oh Gott, was sollte ich tun? Irgendwie musste man die Dinger doch aufkriegen! Sah ich mich um und suchte nach irgendwas was mir helfen würde meine Fesseln aufzuschneiden.

Ich brauchte irgendwas Scharfes! Aufregung zuckten meine Augen über die Erde, während sie den Boden durchsuchten.

 

Draußen wurde es inzwischen immer lauter und lauter. Das Gemetzel hatte begonnen!

Stahl auf Stahl prallte aufeinander. Wilde Schreie, Kampfgebrüll.

Alles auf einmal und durcheinander!

Unter rasendem Herzschlag drehte ich mich im Kreis um den Pfahl. Durchsuchte den Boden mit meinen Füßen ab, nach irgendwas um meine Fesseln zu lösen. Als plötzlich der Vorhang des Zeltes raschelte und ich bang aufhorchte.

Zaudernd schaute ich auf den Zeltvorhang, der sich Stück für Stück öffnete. Mein Atem setzte aus, als ich plötzlich eine Hand entdeckte, die den Stoff zur Seite schob.

 

 

 

„JEFF!!!“, rief ich erleichtert aus, als ich sein Gesicht erblickte.

Auch er sah erleichtert aus. „Endlich hab ich dich gefunden“, sagte er außer Atem.

Schaute noch einmal prüfend hinaus, schloss den Vorhang und kam schnell rein. „Guten morgen Milady! Wie ich sehe, ist Euch eure Abreise missglückt!“, sagte er mit einem sarkastischen vorwurfsvollen Ton.

Ja gib's mir. Ich weiß, dass ich Mist gebaut hatte, sah ich geknickt runter.

„Wir haben den halben Wald nach dir durchsucht!“, fügte er wütend hinzu, während er um den Pfahl ging.

„Jeff, du kannst es mir nicht verübeln, dass ich es versuchen musste!“, verteidigte ich mich.

„Ja … Ich weiß“, antwortete er. „Wir müssen uns beeilen!“, sagte er und schnitt meine Fesseln mit seinem blutverschmierten Schwert durch.

Er half mir hoch, half mir aus dem Sack, der immer noch über mir gestreift war. Zog mir die Fesseln ab und sah sich meine Handgelenke an.

„Was hast du versucht? Dir die Haut abzuziehen?!“, betrachtete er die Hautabschürfungen.

Die wunden Stellen brannten und zogen zugleich. Doch ich war so froh und erleichtert ihn wieder zu sehen, dass ich ihm meine Arme entriss und ihm um den Hals sprang.

„Du hast mir gefehlt“, drückte ich mich fest an ihm, den Kopf an seine Brust geschmiegt.

Er erwiderte nichts, vergrub sein Gesicht in mein Haar und hielt mich ein Moment an sich gedrückt, bis er sich zaghaft von mir löste.

„Ähm … ich muss … dich irgendwie wieder Heil raus schaffen“, sagte er. „Ann, wir werden jetzt rausgehen! Bleib dicht hinter mir! Klar?“, wies er mich nickend an und sah zum Ausgang.

Ich erwiderte sein Nicken und folgte seinen besorgten Blick.

Draußen ging der Kampf unerbittlich weiter. Ich konnte seine Sorge nachvollziehen, denn die Geräusche, die durch die dünnen Zeltwände drangen, waren alles andere als harmlos.

Vorsichtig nahm ich seine Hand und drückte sie. „Jeff, das wird schon gut gehen“, nickte ich nervös.

Er stimmte mir mit einem Liebevollen lächelnd zu, und wirkte wieder ganz Ernst.

„Egal was passiert, hörst du? Du bleibst hinter mir!“, redete er auf mich ein. „Aber falls du was siehst, gehst du sofort Entdeckung! Hast du das verstanden?!“

„Ja“, erwiderte ich angespannt.

Er schenkte mir ein halbes Lächeln. „Also gut! Los geht’s!“

Ich ließ seine Hand nicht los, während wir uns Richtung Ausgang bewegten. Hielt mich direkt an seinem Rücken, so wie er es verlangte und sah angespannt nach vorn.

Vorsichtig schob er den Vorhang zur Seite und blieb ruckartig stehen. Aber anstatt hinaus bewegten, rückten wir wieder zurück.

„Was ist los?“, fragte ich irritiert.

Er ließ meine Hand los und nahm sein Schwert in beide Hände.

„Bleib hinter mir!“, sagte er im Befehlston. Langsam schritten wir Rückwärts. Er richtete sein Schwert auf den Zelteingang, umklammerte fest den Ledergriff.

Verwundert schaute ich über seine Schulter und hielt den Atem an, als sich etwas durch den Vorhang bewegte.

Zuerst sah ich eine Schwertspitze, dann das halbe Schwert, jenes sich durch den Vorhang des Zelteingangs schob und uns stückweise zurückdrängte.

Schließlich öffnete Alain den Vorhang und kam mit langsamen selbstsicheren Schritten hinein.

„Alain!“, begrüßte Jeff ihn trocken. „Welch ein Jammer, Ihr seid noch am Leben?“, sagte er sarkastisch.

„Wié I´r se´ét“, antwortete der kurz. Hielt sein Schwert auf uns gerichtet und drängte uns weiter zurück.

„Lasst das Mädchen gehen!“, sagte Jeff angespannt. „Und dann können wir unser Gefecht fortsetzen!“

Der Franzose schwang seine Lippen zu einem listigen Lächeln und sah mich aus dem Augenwinkel an.

„Abér warúm?“, blickte er wieder zu Jeff. „Viélléicht kánn Eusch Eueré ´exe já ´elfén. Ùnd … mít Zúschauérn, máscht dás gánzé dósch viél mé´r Spáß. Àußérdém, … és wírd sówiésó nischt lángé dáuérn!“, stoppte und Lachte er auf.

Arrogantes, Mordgieriges Schwein, blickte ich hasserfüllt über Jeffs Schulter.

„Ihr seit ziemlich Siegessicher, Dampier! … Ein wenig zu überheblich für meinen Geschmack!“

„Wénn Ì´r méint …“, zuckte Alain mit den Schultern. „Ìsch würdé és nischt Übér´eblisch nénnén.“

„Sondern?“, fragte Jeff hörbar desinteressiert.

„Ziéstrébisch!“, antwortete Alain.

 

Sie standen sich mit ihren Schwertern Spitze an Spitze gegenüber. Beide mit einem unnachgiebigen Blick.

Man konnte die Anspannung, die zwischen ihnen in der Luft lag, förmlich mit den Händen greifen. Denn so wie beiden sich betrachteten, konnte es nicht mehr lange dauern.

Mein Herz hämmerte immer intensiv vor Aufregung in meiner Brust, dass ich sicher war, Jeff konnte es an seinem Rücken spüren.

„Ann, geh zurück und in Deckung“, sagte er. Drehte leicht den Kopf, behielt aber seinen Gegner im Auge. „Und wenn du eine Chance siehst zu entfliehen, dann Lauf und dreh dich nicht um!“

„Jeff, … nein!“, schüttelte ich energisch den Kopf. „Ich lass dich nicht allein!“ Nicht mit diesen blutgierigen Psychopathen!

„Du sollst tun was ich dir sage!“, erhob er seine Stimme.

Alain schnaubte herabwürdigend. „Wás ist Còrnwáll? Ärgér mit dén Fraúschén? Isch wár schón immér dér Ànsischt, dáss ánglisché Wéibér zú widérspénschtisch sind!“

Was? Widerspenstig? Du barbarischer Blutrünstiger …

„Aber nur, weil Ihr mit diesen Temperament nicht umgehen könnt!“, erwiderte Jeff.

Alain verengte seine Augen und spielte vor Wut mit seinem Unterkiefer.

Urplötzlich schwang er sein Schwert.

Ich sah die scharfe Klinge auf uns zu rasen.

Wie in einer Zeitlupe kam es stetig näher, als ich ruckartig von Jeff zur Seite geschleudert wurde, der sich duckte und den Schwert auswich.

„In Ordnung!“, richtete sich Jeff wieder auf. Nahm sein Schwert in beide Hände, und umklammerte fest den Griff. „Wenn Ihr es so haben wollt!“, sagte er und griff an.

Links, Rechts! Links, Rechts! Klinge auf Klinge, prügelte er fast auf ihn ein. Parierte, stach zu, doch vorbei! Ich landete am anderen Ende des Zeltes und sah dem tödlichen Schauspiel zu.

Nein!!! Zuckte ich zusammen, als das Schwert des Franzosen haarscharf an Jeffs Gesicht vorbei sauste.

Verdammt, war das knapp, schluckte ich vor Schreck.

„Wìscht Ì´r …“, sagte Alain und schwang erneut sein Schwert.

Jeff drehte sich, platzierte Seins senkrecht der Schulter und fing den Angriff ab.

„Èigéntlisch ´óffte isch éuérén Véttér ´iér ánzútréffén. Àbér dáss ´iér ist nósch viél béssér. Wénn isch éuésch únd diésés vórlaúte Wéibsbild úmbringé, wird ér vór Rásche gétriébén, sélbst zú mir kómmén!“, sprach er und bewegte sich von einem Fuß auf dem anderen.

Ich hatte Recht! Sie wollten John, sah ich zu dem blutrünstigen Killer.

„Ihr redet für meinen Geschmack viel zu viel!“, blitzte Jeff ihn an. „Aber Euer Plan hat einen kleinen Fehler!“

„Àsch já?!“, erwiderte Alain.

„Ja! John stürzt sich nämlich niemals kopflos in irgendeinen Kampf. Sei es, für wen auch immer!“

„Àusch nischt für séiné Màitréssé?!“, zuckten Alains Mundwinkel spöttisch. Seine … Was?!! Fielen mir fast die Augen raus.

Wütend holte Jeff aus, doch Alain parierte auflachend. „Àchsó, ánschéinénd téilt Ì´r Èusch diésé Kónkúbiné!“, stichelte er und griff an.

Schlagartig schlug er immer wieder auf Jeff ein, der den Angriffen auswich und sie mit Leichtigkeit zurückwies. Der Stahl prallte mit solch einer Wucht aufeinander, dass meine Augenlider vom Knall aufzuckten.

Ich war wie betäubt von der Brutalität, die, die zwei einander entgegen brachten. So kannte ich Jeff nicht. Er war wie ausgewechselt.

Erbarmungslos und Brutal prügelten sie aufeinander ein. Jeff wehrte jeden Angriff ab. Drehte sich, schlug ihn mit den Ellenbogen ins Gesicht, holte aus aus und stach zu.

Wieder dicht vorbei, doch diesmal streifte er ihn. Das Kettenhemd riss an der Stelle und die Wunde blutete. Alain blieb kurz stehen, fuhr sich über die Verletzung und blickte auf seine blutverschmierten Finger.

„Nischt schléscht Córnwáll!“, nickte er anerkennend und schürzte seine Lippen. Jeff grinste und schwang das Schwert um sein Handgelenk.

„I´r séid viélléicht nischt Gáunt, ábér éin würdigér Gégnér állé mál!“, sagte Alain.

„Danke für die Rosen!“, erwiderte Jeff und verbeugte sich leicht mit einem wachen Lächeln.

Der Franzose schenke ihm ein kurzes hämisches grinsen und prügelte sofort wieder auf ihn los.

Jeff schwang von Oben. Alain schnappte seine Arme und verpasste ihn ein Kinnhacken. Schnell erholt, zog Jeff sein Schwert hinauf und schubste Alain mit dem Fuß zu Boden, der sofort wieder aufsprang und mit schwingendem Schwert auf Jeff zu kam.

Jeff parierte und sprang zurück, als die Klinge Millimeter vor seiner Brust vorbei rauschte, und stach zu.

Diesmal traf er ins Schwarze. Der Franzose schrie schmerzverzerrt auf.

Mit einem Ruck zog Jeff das Schwert wieder heraus und Alain fiel zu Boden.

Schockiert starrte ich auf den schwer atmenden Mann. Hechelnd drückte er die Hand auf seine Wunde.

Jeff betrachtete ihn einen Augenblick, drehte sich um und schloss für einen Moment die Augen. Es sah aus, als hätte er Mitleid mit dem Mann, der ihn gerade noch umbringen wollte. Mit gesengtem Blick kam er auf mich zu, um mir aufzuhelfen und reichte mir seine Hand.

Gequält vor Schmerz blickte Alain uns entgegen, ringend nach Luft! Doch plötzlich verändere sich sein Ausdruck. Mit letzter Kraft zog er sein Messer aus dem Stiefel, holte angestrengt aus …

„JEFF, PASS AUF!!!“

Ruckartig drehte er sich um und schleuderte sein Schwert wie ein Sperr, dessen Klinge wuchtartig in den Mann eindrang und ihn an den Boden fest nagelte.

Mein Atem stockte für einen Moment …

 

Das … war … das unbeschreiblichste was ich je gesehen hatte!

Alain zuckte noch einmal auf und blieb reglos liegen.

Oh Goottt!!!! Ich hatte das Gefühl das mein Sprach - und Denkzentrum versagte. So etwas Grausames hatte ich noch nie zuvor gesehen. Noch nie miterleben müssen. Mein Herz hämmerte tausend Stöße pro Minute! Ich musste würgen, weil mir alles hoch kam!

Mit offenem Mund starrte ich auf das gewaltige Schwert, das in dem blutüberströmten Menschenkörper steckte und begann zu Zittern.

„A-a-h!“

Was?! Er lebte noch?! Hörte ich ein Stöhnen. Doch es kam nicht von Alain, der bewegte sich nicht mehr.

JEFF!!!!!!!!

Wackelig auf den Beinen taumelte er zurück, fiel auf seine Knie und sank zu Boden.

„JEFF!!!“, schrie ich in Panik, sprang auf und rannte zu ihm. „Oh mein Gott, Nein!!!“, blickte ich zittrig an ihm runter und entdeckte Alains Dolch tief in seiner Brust steckten!

„Ooh Nein, nein, nein, nein!!!“, brabbelte ich und spürte mein Hände erzittern, die unkontrolliert und Hektisch über seinen Körper wandelten.

Nein nicht Jeff! Bitte nicht! Flehte ich unter heftigem Zittern!

„Jeff, … es wird alles wieder gut! Hörst du?! Es wird alles wieder gut!“, zuckten meine Augen an ihm rauf und runter. „Ich hole Hilfe …“

„Ann“, unterbrach er mich schwer atmend. Hob den Kopf und sah an sich runter. „Ha! … Da hat er mich … ja schwer … erwischt …“, stoß er schwer heraus, ließ sein Kopf wieder fallen und lächelte gequält.

Zittrig fuhr ich über seine blasse Wange. „Nein!“, schüttelte ich hastig den Kopf und spürte wie Tränen in meine Augen schossen. „Es ist nicht so schlimm! …“ Gott … Selbst meine Stimme zitterte. „Du hast bestimmt schon schlimmeres Überlebt!!!“, nickte ich unter heftigen bibbern. „Du wirst sehen! Es wird schon wieder!“, versuchte ich ihn zu überzeugen.

Bitte bleib bei mir! BITTE, BITTE! Bitte bleib bei mir! Füllten sich meine Augen unmäßig mit Tränen und flossen schließlich unaufhörlich runter.

„Nicht bewegen! Ich holen Hilfe!“, brabbelte ich Hektisch und wischte mir die Tränen weg.

„Ich glaub nicht …“, schöpfte er Atem. „ … das es was bringt …“

Voller Entsetzen starrte ich ihn an. Mein ganzer Körper verkrampfte sich. Er konnte doch nicht so einfach Aufgeben.

Nein das ließ ich nicht zu! Rannten meine Tränen runter und landeten auf ihm. „Was redest du da!“, schrie ich. „Du wirst wieder Gesund! Hörst du!“

„Diesmal … wohl nicht“, sagte er. Sah mich liebevoll an und krümmte sich augenblicklich.

„Nein!“, schrie ich und bekam kaum Luft. „Ich lass dich nicht sterben! Du wirst wieder Gesund! Du kannst mich doch nicht allein lassen … Jeff, bitte … ich brauche dich … bitte halte durch, ich hole Hilfe. Bitte Jeffrey, bitte …“, flehte ich verzweifelt und wollte gehen. Doch er hielt mich am Arm fest.

„Ann, beruhige dich. Du … musst mir … jetzt … zuhören“, sah er mich schwach an. „Verdammt!“, krümmte sich wieder vor Schmerz.

„Nein ! Jeff! Tue das nicht … bitte …gib nicht auf!“

Er holte Luft. „Es tut mir Leid … du … musst vorsichtig sein“, sprach er und verzog qualvoll sein Gesicht.

„Jeff … kämpf … bitte, …! Du bist der beste und liebste Freund, den ich je hatte! Ich liebe dich! Bitte verlass mich nicht! Tue mir das nicht an!“, beschwor ich ihn und wischte mir immer wieder die Tränen ab.

Er lächelte mich bedauernd an und holte wieder schwer Luft.

„Annabelle … hör mir zu … nimm mein Schwert …“

Ich schaute auf die lange Klinge mit einem Schaudern, die immer noch in dem Franzosen steckte und ihn an den Boden tuckerte. Er folgte meinen Blick und schnaubte leicht auf. „Oder doch … lieber seins“, krächzte er noch ein Lachen aus. „Und Schlag … auf alles ein…“, schluckte. „ … was dir mit einer Waffe … entgegen kommt! So wie ich es dir … gezeigt … habe. Du … weißt das … doch …“, holte er angestrengt Luft und seine Augenlider flatterten.

„JEFF?!“, schrie ich als ich merkte das sich seine Lider schlossen.

Er blinzelte auf und sah mich desorientiert an. „Ann … Du … Schaffst … das …“

„Nein. Nicht ohne dich!!!“, schüttelte ich schluchzend den Kopf. Er versuchte mir konzentriert ihn die Augen zu sehen, doch seine Augenlider flatterten.

„Nein, Jeff, nicht!“, wischte ich mit die Tränen ab, aber es half nichts. Sie rannte unaufhörlich weiter. „Verlass mich nicht. Bitte. Ich brauche dich! Was soll ich ohne dich machen? Wer bringt mir den, all die Dinge bei die ich wissen muss? Bitte Kämpf … bitte …“, bebten meine Lippen.

„Ann … I-ich l-l-i“, versuchte er mit seiner letzten Kraft zu sagen. Ich beugte mich runter, nahm sein Gesicht in meine beiden Hände und küsste ihn zärtlich auf seine warmen Lippen. „Jeff, bleib bei mir … ich tue alles was du willst, nur bleib bei mir“, flüsterte ich an seine Lippen und löste mich zögernd von ihm.

„JEEEEFF???!“

Seine Augen waren geschlossen! Ich sah an in ihm runter. Seine Brust bewegte sich nicht mehr! „NEIN!!!!!!!!“, biss ich mir Tränen überschüttet auf die Lippe und sah in sein verschwommenes friedvolles Gesicht.

Er bewegte sich nicht mehr!

„Sprich mit mir!“, schrie ich ihn an. Doch alles Leben schien aus ihn entwichen zu sein. „Nein. Komm schon! Bitte! Bitte!“, zuckten meine Augen über sein Gesicht. Das wundervolle Lächeln, weg! Die vertrauten Augen, geschlossen!

„Wach auf!“, schrie ich. „Steh auf!“

Doch er rührte sich nicht. „Nein!“, fiel ich auf seine Brust. „Steh auf, hab ich gesagt! … Jeff! Bitte! …“, schluchzte ich.

Die Tränen rollten fortlaufend weiter, ich wischte sie mir mit meinem Ärmel weg, doch das half nicht.

Er ist nicht Tot! Niemals! Ich wollte und konnte es nicht wahrhaben!

Packte den Griff des Dolches, zog ihn heraus und schleuderte ihn davon. Nahm den Sack und drückte ihn auf die Wunde.

„Nein, du bist nicht Tod! So was würdest du mir nicht antun! Komm schon Jeff, sieh mich wieder an!“

Nahm ihn bei den Schultern und schüttelte ihn. Doch er reagierte nicht.

„Jeff. Jeffrey, steh auf, Bitte! Du hast gesagt, du würdest alles für mich tun! Also bitte Lebe. Bitte!!! Wach auf. Bitte wach auf! Ich brauche dich doch. Ich liebe dich doch. Komm zurück … bitte …!!!“, wimmerte ich. Legte seinen Kopf in meinen Schoss und wiegte ihn.

Ich hatte ihn verloren! Sagte mir mein Unterbewusstsein.

Neeiinn!!! Das hatte ich nicht! Sei still! Brachte ich es wieder zum Schweigen und wiegte ihn weiter in meinen Armen.

Hysterisch klammerte ich mich an ihn. Versenkte mein Gesicht ihn seiner Brust. Umschlang ihn fester mit meinen Armen. In meiner Trauer hörte ich nichts mehr. Alles wurde nebensächlich. Nur er zählte. Er in meinen Armen.

Dass jemand meinen Namen rief und an mir rüttelte, nahm ich gar nicht wahr. Das alles war Egal. Zu vertieft war ich in meine Trauer! Der Seelenschmerz war zu Enorm und zu Grausam!

Nein ich habe dich nicht verloren … sagte ich mir immer wieder vor.

Man zog an mir! Versuchte mir den Körper zu entreißen! Doch ich klammerte mich nur noch fester an ihm!

„Ann, verdammt noch mal! Komm wieder zu dir!“, schrie die Stimme mich an.

Reglos blickte ich in das Gesicht das mich anbrüllte.

John … sah ich sein verschwommenes Gesicht.

Er sprach auf mich ein, doch ich hörte ihn nicht in meinen Schockzustand. Er schüttelte mich! Schrie!

Ich sah wieder runter, auf den leblosen Körper, der noch warm in meinen Armen lag.

Er ist nicht Tot … nein, er nicht! Versuchte ich mir einzureden.

Doch er bewegte sich nicht! … Rührte sich nicht! Lag leblos in meinen Armen, die ihn nicht loslassen wollten.

Meine Schuld! … Alles meine Schuld! … Ich hab ihn Umgebracht!

„Ann!“, brüllte John. Doch ich konnte mich von Jeff nicht lösen. Streichelte ihm liebevoll seine goldenen Locken aus dem Gesicht und lächelte. Fuhr zärtlich über seine Wange.

Es sah aus, als würde er schlafen. Aber er tat es nicht.

Meine Tränen liefen unaufhörlich und landeten in seinem Goldblonden Haar.

Schon wieder hat mich jemand verlassen. Erst Dad … und jetzt du! … Warum verließen mich jeder. Jeff bitte, komm zurück! Ich kann dich nicht auch noch verlieren! Das verkrafte ich nicht!

Ich beugte mich runter und schmiegte mein Gesicht an seinen Hals. Umarmte ihn so fest dass es weh tat …

„Annabelle!!!“, packte mich John hart an den Schultern und riss mich hoch. Leblos sah ich ihn in die Augen.

John …! Mein John … nein, … nicht mein…! Zuckten meine Mundwinkel, unter all den Tränen.

Geh weg, und bring dich in Sicherheit! Wimmerte ich innerlich.

„Ann wir müssen gehen. Raus aus der Kampfzone! Hörst du mich?!“, schrie er. „Es ist zu gefährlich für dich hier!“

„Es ist Egal …“, hauchte ich und ich ihn ausdruckslos an. „ … ob ich sterbe …“ Es war mir wirklich egal. Ich fühlte mich bereits wie Tot.

„Ich bringe den Menschen die ich liebe nur Unglück. Du musst dich von mir fern halten!“

„Rede nicht so ein Unsinn!“, warf er Energisch ein.

„Nein …“, stoß ich ihn von mir, sah auf Jeff runter und streichelte über sein Haar. Wischte mir die Tränen mit meinem Ärmel weg. „Mein Weg nach Hause existiert nicht. Ich werde meine Familie nie wieder sehen. Nie wieder …“, brach ich auf Jeff zusammen. Nimm mich mit! Ich halte es nicht mehr aus!

„Annabelle, du bist zu Hause. Bei mir!“, rede er hektisch auf mich ein. „Und Jeff …“, sagte er, machte eine Pause und betrachtete den Körper in meinen Armen. „War so überglücklich dir begegnet zu sein. Er hat dich geliebt! Meinst du er würde wollen das du jetzt stirbst?!“

„Und was hat es ihm gebracht?!“, schrie ich ihn Tränen überströmt an.

Ich konnte die Worte >Tot< nicht aussprechen, und wollte es auch nicht. Wenn ich sie erst Mal über meine Lippen brachte, würden sie endgültig sein und dazu war ich noch nicht bereit.

Ich war noch nicht bereit, ihn gehen zu lassen. Solange er noch bei mir war, in meinen Armen und ich noch seine wärme spüren konnte, war er bei mir. Und das würde mir keiner nehmen.

John musterte mich bedenklich. „Ann, wir haben jetzt keine Zeit für so was!“, richtete er unmissverständlich an mich.

„Dann geh. Und bring dich in Sicherheit! Je weiter weg du von mit bist, desto sicherer bist zu!“

„Verdammt!“, schrie er unbeherrscht. Entriss mir den Körper, an dem ich mich so geklammerte und legte ihn über seine Schulter.

„Steh auf!“, schrie er. Packte meine Hand und zerrte mich hoch. „Wir gehen jetzt! Ann, verstehst du das?!“, sah mich prüfend an. „Bleib hinter mir!“, sagte er und zog mich zum Ausgang.

Das hatte Jeff auch gesagt!!! „Nein!“, schüttelte ich panisch den Kopf und zog heftig zurück.

„Ann wir müssen hier weg!“, sagte er bestimmt und zog mich zum Ausgang. Mit aller Intensität wehrte ich mich, das Zelt zu verlassen. Doch als wir Draußen waren und ich das Ausmaß der gegenseitigen Zerstörung sah, blieb ich wie angewurzelt stehen und blickte wie in Trance über das blutige Schlachtfeld.

Das war doch alles sinnlos, … schweifte meine Augen über die kämpfenden Männer.

Sie töten sich gegenseitig … wofür? … Für nichts!

Ich schaute auf die Erde unter meinen Füßen und fühlte wie mein Bewusstsein immer tiefer in einen Dämmerzustand fiel.

Tote abgeschlachtet Körper lagen in Blutlachen über der gesamten Wiese verteilt. Einer sogar direkt vor meinen Füßen.

Leblos blickte ich auf ihn runter. Er lag auf dem Bauch und um ihn herum breitete sich eine rote Pfütze aus, die von der Erde aufgesaugt wurde.

Ich sah zwar auf ihn runter, nahm ihn aber nicht richtig wahr. Schaute wieder hoch und entdeckte noch einen und noch einen. Es waren einfach zu viele.

Massakriert und Missgestaltet, lagen sie über das Schlachtfeld verteilt. Aber das war egal, belanglos! Ich befand mich in einem Nebel, nahm das alles praktisch nicht mehr wahr. Es waren nur irgendwelche Silhouetten, die sich vor meine Augen bewegten. Selbst die klirrenden Kampfgeräusche und die qualvollen Schreie hörte ich nur ganz leicht im Hintergrund.

So wollte ich nicht Leben … und so konnte ich nicht Leben, beobachtete ich wie die Schwerter in die Menschenkörper eindrangen und sie aufschlitzten.

An dieser Epoche war nichts Romantisches, sah ich jetzt ein. Sie brachte einen nur Schmerz und Tod …

„Ann, duck dich!“, hörte ich John, sah zur Seite und bemerkte eine scharfe Klinge, die im Morgenlicht aufblitzte und auf mich zuraste.

John wehrte es dicht vor meinem Gesicht ab und stach den Gegner ab.

„Ann du wirst uns noch beide Umbringen! Komm wieder zu dir!“, schrie er und zog mich weiter, vorbei an den kämpfenden Soldaten.

„Sir John!“, hörte ich eine Stimme. Riley kämpfte sich zu Pferd zu uns durch. Erreichte uns und sprang ab, bevor es stoppte.

„Was ist passiert?“, fragte er und schaute auf den Körper, der über Johns Schulter hing.

„Jeff … er ist …“, stockte er. „Riley nimm ihn und bring ihn hier weg!“ Übergab er ihm den Körper. „Und nimm Annabelle mit. Beschütze sie mit deinem Leben! Ich muss Gerard finden!“, befiehl er und sah sich suchend um.

Was ??? … Nein!!! Sah ich geschockt zu ihm und kam wieder zu mir.

Ich werde dich nicht auch noch verlieren!

„Ja Sire!“, erwiderte Riley. Legte Jeffrey über sein Pferd und schwang sich selbst darauf.

„Geh!“, richtete John an mich.

„Nein! Ich lass dich nicht hier!“, erwiderte ich zitternd. Auf keinen Fall wollte ich ihn hier, in diesen Gemetzel lassen. Seine Worte brachen derartig stakt durch meinen Nebel, der versuchte mich von allen abzuschotten, dass mir den Atem stockte und alles in mir Alarm schlagen ließ.

„Geh mit ihm!“, wies er mich Lautstark im Befehlston an.

„Nein! Das kannst du vergessen!“, erwiderte ich standhaft.

„Sire?!“, wartete Riley ungeduldig.

„Verdammt Ann!“, schrie er. Schubste mich zu Seite und schlug einen näher kommenden Angreifer nieder. „Du gehst jetzt sofort! Keine Widerrede!“

Ich sah ihn Stur in die Augen und bewegte mich keinen Zentimeter.

„Sire, ich kann mich länger warten!“, sagte Riley und wehrte einen Angreifer ab.

„John! … Bring sie hier raus!“, brüllte Edwards Stimme von weiter vorn.

Oh nein! Edward, wo bist du?! Suchten meine Augen in dem Menschengewirr nach ihm. Riley sah sich ungeduldig um. „Sire?“

„Los bring ihn weg! Ich kümmere mich um sie!“, sagte John. Riley zog an den Zügeln und Kämpfte sich durch die Menge.

Geladen schaute John mir in die Augen. „Verdammt Ann! Warum hörst du nie auf mich!“, schrie er wütend.

Aber seine Wut war mit egal. Er sollte nicht mich aus der Gefahrenzone bringen, sondern sich selbst!

Stur entgegnete ich seinen Blick. Er spannte seine Kiefer an und sah plötzlich an mir vorbei. „Runter!“, schrie er. Ich tat was er sagte und fiel zu Boden. Der französische Soldat kam wie aus dem Nichts und schlug heftig auf John ein. Der Angreifer holte von Oben aus und ließ es auf John niederknallen. Der schnappte sich beide enden seines Schwertes, parierte und schubste ihn mit dem Fuß von sich.

Ich riss meinen Kopf nach rechts und erkannte noch einen, der sich uns näherte. „John, Vorsicht!!!“, schrie ich warnend. John rollte sich ab und schleuderte ihn mit dem Fuß über sich hinweg. Sprang wieder auf die Beine und nahm den ersten Angreifer wieder in Empfang, der mit Gebrüll auf in zu stürmte.

John schlug ihm dem Ellenbogen ins dessen Gesicht, schmetterte das Schwert aus seiner Hand und versengte Seins in ihm. Zog sofort das Schwert aus dem sterbenden Körper, wendete die Klinge und rammte es in den anderen hinein. Mit einem Ruck zog er es wieder raus, ergriff meine Hand und zerrte mich hoch. „Komm schon!“

John drückte mich mit seiner freien Hand an seinen Rücken, in der anderen Hand hielt er sein Schwert und arbeitete sich Stück für Stück nach vorn.

„John! Achtung!“, hörten wir Will aufschreien, der sich gerade gegen einen attackierenden zu Wehr setzte. Ich blickte nach hinten, sah den Glanz der Klinge und im gleichen Moment Johns Hand, die mich zu Boden schmiss.

Er hielt das Schwert mit seinem auf. Schlug dem Gegner den Knauf ins Gesicht, und brach ihn die Nase. Holte aus und durchbrach die Panzerung.

„Los! Weiter!“, hievte er mich wieder auf die Beine und schleifte mich gekonnt um die kämpfenden Männer.

„Will!“, schrie er durch das Gedrängel.

Der Junge zog gerade seine Waffe aus einem Gegner und sah zu uns. „Ja?!!“

„Bring sie hier weg!“, brüllte John. Will nickte und kämpfe sich durch.

Entsetzt sah ich zu John. „Was? Vergiss es!“, entgegnete ich.

„Verdammt noch mal Ann, verschwinde hier!“, blitzen seine Augen wie ein Gewitter.

„Wenn du nicht gehst, geh ich auch nicht!“, entgegnete ich standhaft.

„Fang nicht schon wieder damit an! Wir haben jetzt keine Zeit darüber zu Diskutieren!“, erwiderte er Sauer. Unnachgiebig hielt ich seinem Blick stand.

Er sah mich einen Moment abschätzend an und stieß einen tiefen Seufzer aus. Endlich verstand er was ich vorhatte. „Geh mit Will, … ich komme nach.“

„Sag mal hältst du mich für bescheuert?!“, schrie ich geladen. „Das sagt der Held in Film auch immer, kurz bevor er Stirbt!!“

Er zog verstört die Augenbrauen zusammen.

„Ann ich begreife nicht … Will pass auf!!!“, schrie er warnend und sah plötzlich an mir vorbei.

Der Junge drehte sich, warf seinen Angreifer über die Hüfte und stach ihn ab. Sofort bewegte er sich wieder in unsere Richtung und erreichte uns schließlich. John sah mich wieder an. „Ich habe keine Ahnung, was du mir damit sagen willst. Aber ich werde ganz Sicher nicht Sterben!“, versuchte er mich zu Beruhigen. Legte seine Hand auf mein Gesicht und fuhr zärtlich mit den Daumen über meine Wange.

„Gáunt!“, schallte ein unheildrohender Schrei, der sofort unsere Aufmerksamkeit erregte.

„Monnier!“, zischte John und verengte die Augen.

„Isch wússté dás Ì´r kómmén würdét, úm Èuré Màitréssé zú hólén!“, fauchte Gerard Zähneknirschend. „Jétzt könnén wir és beéndén!!!“

John drückte mich an Will. „Pass auf sie auf!“, sagte er und ging Gerard entgegen.

„John … nein!“, rief ich und versuchte mich von Will zu befreien, der mich am Arm gepackt fest hielt.

„Ja, das sehe ich auch so!“, knurrte John. „Doch diesmal werde ich sichergehen, dass Ihr auch Tot seid!!!“

Gerard schrie auf und ließ sein Schwert auf John runter knallen. Schlug von Oben, seitwärts und hinauf, immer und immer wieder! Unerbittlich!

Schwer atmend mit gekreuzten Waffen blieben sie stehen, umkreisten sich wie zwei Wölfe und ließen sich keinen Augenblick aus den Augen.

Gerard schwang hinauf und verfehlte John haarscharf. Heftig schlugen sie immer wieder im Wechsel die Klingen aufeinander.

John drehte sich mit erhobener Schneide, die auf den Hals des französischen Hauptmanns zu raste, … der sich blitzschnell duckte und auswich.

Sofort richtete sich Gerard wieder auf und Griff an. Zog sein Schwert nah an Johns Oberkörper vorbei, das die Rüstung durchschnitt und ihn Streifte.

„Nein!“, schrie ich und versuchte mich aus Wills Griff zu befreien.

Zufrieden schaute Gerard zu mir und grinste unverdrossen. „I´r únd èuér Brúdér, séid dér fránzósíschén Króné nischt würdisch! Ùnd dábéi kánn Èusch nischt mál Èuré ´éxé ´élfén!“, sagte er zähnefletschend.

„Aber Ihr werdet sie auch nicht bekommen!“, entgegnete John und griff wieder an. Schlug heftiger, … zügiger … und entschlossener auf ihn ein. Bis Gerard zu Boden ging und stach mit Wucht sein Schwert in ihn hinein.

Mit einem lauten qualvollen Schrei ging Gerard zu Boden, kämpfe um seine letzten Atemzüge. „Ná lós Gáunt. Bríngt és zú Èndé!“, zischte er unter Schmerzen. Selbst in den letzten Sekunden seines Lebens, war in seinen Augen nichts als abgrundtiefer Hass zusehen.

Angewidert schürzte John die Augen, umfasste sein Schwert fester und drehte die Klinge, bis Gerard keinen Murks mehr von sich gab.

Erschöpft und außer Atem sah er auf den toten Körper runter, betrachtete ihn ein Augenblick, um sicherzugehen das er tot war und entfernte sich letztendlich rückwärts von ihm.

Ich sah mit einem Würgereiz auf den erblassten Mann, denn ich konnte mich immer noch nicht an diese Brutalität gewonnen.

Was für sie normal war, war für mich das reinste Horrorszenario.

Im lauf drehte sich John sofort um und griff nach meinem Arm. „Los! Verschwinden wir hier!“, sagte er schwer Atmend und zog mich hinter her. „Will, Deck uns!“

Hektisch bannten wir uns den Weg durch die Menge. Ich lief wie betäubt hinter ihm her und wagte einen kurzen Blick über seine Schulter.

„Ich sagte, bleib hinter mir!“, richtete John sogleich. Ich tat was er sagte und hielt mich hinter seinem Rücken versteckt.

„Will, ist hinten alles in Ordnung?!“, schrie er zu den Jungen, der gerade einen Angreifer nieder niederschlug.

„Ja! … Ist Sauber!“, erwiderte der auflachend. „Wenn man es so nennen kann!“

Stück für Stück bewegten wir uns nach vorn.

Ich merkte meinen beiden Beschützern, die Anspannung an. Denn sie behielten die kämpfende Meute genaustes im Auge.

Einfach nur Brutal, dachte ich, als ich es mir dann doch erlaubte hinter Johns Schulter hervor zu blicken und mich umzuschauen … was ich aber sofort bereute. Es war so barbarisch. So viel Tod und Blut, … überall!

Obwohl schon so viele niedergestreckte Körper auf dem Schlachtfeld verteilt lagen, waren immer noch genug kämpfende Soldaten da.

Ich schweifte mit meinen Augen über die aufeinander eindreschenden Männer und blieb plötzlich und abrupt an einer Stelle hängen. Nein …

Erschrocken starrte ich auf einen französischer Soldaten, der sich einen Weg in unsere Richtung bannte. Er schlug einen Mann nach den anderen nieder und kam im schnellen Tempo auf uns zu. Holte plötzlich einen Bogen hinter seinen Rücken hervor … legte einen Pfeil ein … und spannte ihn an …

In Panik versetzt zerrte ich an John … schaute zu Will … doch sie schienen ihn nicht zu bemerken …

Es passierte alles so schnell …

Während ich versuchte John panisch zu warnen, schloss der Mann den Pfeil ab.

Ich sah das Geschoss wie in einer Zeitlupe auf uns zu kommen …

„Neieen!“, schrie ich und stellte mich dem Pfeil in den Weg. Ich überlegte nicht, schmiss mich gegen Johns Brust, als er sich gerade zu mir drehte, und …

„A-a-a- … … … “, gefror die Luft in meinem Inneren … … …

 

 

Es tat nicht weh … es brannte nur ein wenig … ich spürte den Schmerz kaum … Zuckte gegen seine Brust, als er mich auffing und sah in seine erschrockenen Augen.

Ich habe dich gerettet, sah ich in sein verstörtes Gesicht, das vor meinen Augen immer undeutlicher wurde, und verlor den Boden unter meinen Füßen.

Spürte seine Arme, die mich an sich drückten, und sah seine Lippen sich ruckartig bewegen. Mein Verstand sagte mir, er schreit … doch ich hörte nichts … nur Stille … Friedvoll und vollkommen.

Ich fühlte zwar ein Leichtes brennen an meinem Rücken, nahm es aber nicht wahr …

Alles wurde auf einmal so leicht. Keine Geräusche, keine Schmerzen, nur sein Gesicht über mir und seine Wärme. Es war so warm in seinen Armen. Nur er und die aufgehende Sonne über mir. Himmlisch!

Er schrie, streichelte meine Wange.

Mit letzter Kraft zwang ich meine Lippen zu einem Lächeln und hörte zum letzten Mal seine Stimme.

„Nein! … Ann!!!!!!!!“

Mein Atem stockte … die Augen flatterten …

Ich habe dich gerettet!

„ANN, … ANN, … , … , … NEIN!!!!!!

 

 

----------- Stille ------------

 

16

 

 

Kapitel 16

 

 

 

 

 

 

„Mum?“

„Hallo Schatz, wie geht es dir?“

„Oh Mum, ich hatte so einen seltsamen Traum. Ich hab geträumt, ich wäre durch ein Tor im Mittelalter gelandet, absurd was? Und musste andauernd ums Überleben kämpfen! Echt verrückt!“

„Klingt interessant Schätzchen. Aber jetzt ist ja wieder alles wieder gut. Wie fühlst du dich?“

„Mein Rücken schmerzt, als wäre mir etwas rein gebohrt worden“, versuchte ich mich zu bewegen, doch es tat höllisch weh. „Was ist passiert?“

Sie lächelte mich liebevoll an und streichelte mir über die Wange.

„Du bist die Treppe runter gestürzt und hast Prellungen. Aber sonst hattest du großes Glück.“

Sie lächelte und streichelte immer noch meine Wange.

Aber irgendwas stimmt hier nicht, sagte mir meine innere Stimme. Ich hatte ein so seltsames Gefühl, als ich mich in diesem großen Krankenhauszimmer umschaute. Es sah alles normal aus, so wie diese Zimmer eben aussahen, und es roch sogar nach Krankenhaus. Aber trotzdem … Irgendwas war hier Faul.

Ich konzentrierte mich auf meine Mutter und versuchte es zu ignorieren.

„Mum es tut mir leid, das ich dich angeschnauzt habe, wirklich. Es war nicht meine Absicht dir weh zu tun. Und ich finde es gut dass du Daniel gefunden hast, er ist toll! Ich denke wir würden diesen Neuanfang, als eine Familie wirklich schaffen“, sagte ich.

„Schätzchen, es Freud mich das von dir zu hören.“

Sie neigte sich zu mir runter und umarmte mich ganz sacht. „Ich habe dich so Lieb, meine kleine Blanche.“

„Was hast du gesagt?!“, sah ich sie verstört an.

„Ich habe dich Lieb Annabelle“, lächelte sie mit Tränen in den Augen, und küsste mich auf die Stirn.

Nein das hat sie nicht gesagt! Guckte ich aufgeschreckt. „Nein das hast du nicht gesagt! Du hast mich Blanche genannt!“

„Nein, habe ich nicht. Wer ist Blanche?“, fragte sie.

„Doch hast du. Mum was geht hier vor?!“, versuchte ich mich unter Schmerzen aufzurichten.

„Annabelle Schätzchen, du solltest liegen bleiben“, wies sie mich an. „Deine Wunde muss Heilen.“

Was? Wunde?

„Welch Wunde? Du hast gesagt, ich habe nur Prellungen!“, sprach ich laut aus, fasste mir an den Rücken und ertastete einen feuchten Verband.

„Was ist das?!“, nahm ich meine Finger wieder nach vorn. „Blut!!!“, schrie ich. „Mum, ich blute!!!“, sah ich sie verstört an.

„Annabelle, beruhige dich. Es wird alles wieder gut“, redete sie auf mich ein.

„Was soll das heißen, Gut! Mum ich blute am Rücken, das ist gar nicht Gut!“, fasste ich wieder nach hinten.

„Schätzchen, das muss so sein“, lächelte sie liebevoll.

„Was redest du da?!“

Sie schwieg und betrachtete mich weiter.

„Mum???“, sah ich sie aufgeschreckt an. „Mum!!!“

„Annabelle ich liebe dich und werde dich vermissen“, sagte sie und streichelte mir noch einmal über die Wange.

„Mum was soll das? Mumm wo gehst du hin!“, verschwamm sie plötzlich vor meinen Augen.

„Mum ich kann dich nicht sehen!“, versuchte ich nach ihr zu greifen. „Mum, bleib hier!!! MUM!!!“, brüllte ich und setzte mich ruckartig auf …

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

17

 

 

 

 

„Aa-u-u!“

Mein Rücken brannte wie Feuer, von der schnellen und ruckartigen Bewegung. Benommen drückte ich meine Hand dagegen, um den Schmerz, der sich auf meinen Rücken ausbreitete einzudämmen, öffnete die Augen, doch es drehte sich alles.

„Oooh“, stöhnte ich und presste die andere Hand gegen meine Schläfe, während ich versuchte durch langsames Blinzeln mich von dem Schwindelgefühl zu befreien. Was mir auch teilweise gelang, ich erkannte einige Umrisse, aber alles verschwommen. Doch nach und nach wurden die Bilder klarer.

Auch mein Kopf tat weh, stellte ich fest, als ich mich bewegte.

Nein, … es alles tat weh. Irgendwie spürte ich jeden Knochen in meinem Körper.

„Oh … Gott …“, flüsterte ich und krallte meine Finger in meine Haare, da mein Schädel gerade begann so richtig, zu brummen.

„Milady??!“, schrie plötzlich eine Stimme ganz laut und verzerrt.

Nicht! So! Laut! Verzog sich mein Gesicht vor Schmerzen.

„Oh mein Gott, Ihr seid wach!!!“, schrie sie aufgeregt.

Ich konnte mich nicht auf sie konzentrieren, weil ich gerade angestrengt versuchte mich wieder zu fangen.

„Milord, …. Milady, … sie ist wach!!!“, entfernte sich die Stimme stetig von mir, worüber ich eigentlich ganz froh war. Es war zu Laut. Das konnte ich im Moment nicht ertragen.

„Margret, was ist los? Warum schreist du?“, hörte ich eine weitere Stimme.

Margret? Wiederholte ich, doch selbst das, tat weh. Und das schwummerige Gefühl, wollte einfach nicht weichen. In Gegenteil es verschlimmerte sich, mir wurde Übel.

„Milady, … Lady Annabelle! … Sie ist wach!“

„Was?!“, stockte die Stimme. „Sag den anderen Bescheid! Beil dich!“

„Ja!“

Langsam lichtete sich der Nebel und ich kam wieder zu mir. Versuchte mich ich umzusehen, und erkannte, die Umrisse eines Zimmers und eines Feuers, dessen Farben in meinen Augen brannten.

Ich sah wieder runter und erkannte weiße Bettwäsche, hörte schnelle Schritte in meine Richtung rasen und abrupt verstummten.

Blinzelnd schaute ich auf und erkannte die verschwommene Gestalt einer Frau. Schnell atmend stand sie vor mir, nichts sagend und kam langsam näher.

„Oh Annabelle, Annabelle, Liebes, Kleines. Du bist wach! Gott sei Dank!“, sagte sie erleichtert. Es hörte sich an, als ob ihr die Tränen kamen, aber sie Lachte. Ich versuchte immer noch meine Augen durch Blinzeln wieder zu schärfen, denn die Gestalt vor mir kam mir bekannt vor. Und ihre Stimme klang so vertraut, es klang nach meiner Mutter.

„Mum? Mum bist du es?“, brachte ich stockend heraus. „Mir ist so Schwindelig. Was ist passiert?“, fragte ich unter den quälenden Schmerz, der jeder meiner Atemzüge unterstützte.

„Oh meine Kleine“, lächelte sie mitfühlend. „Legt dich wieder hin, dann wird es bestimmt besser!“

Sie half mir vorsichtig runter, legte sanft mein Kopf wieder auf das Kissen.

„So ist es gut“, sagte sie und strich mir über das Haar. „Gleich wird es Besser.“

Ich schloss die Augen und versuchte meinen Kopf frei zu bekommen. Allmählich entspannte ich mich, öffnete unsicher die Augen und erkannte die mächtigen Holzbalken des großen Himmelbettes.

Ich war wieder im Schloss, stellte ich immer noch etwas desorientiert, fest. Schaute zu der Person die neben mir auf der Bettkante Platz genommen hatte …

„Na, Besser?“

„Lady Isabel?“, betrachtete ich sie Überrascht. Was machte sie hier? Fragte ich mich und blickte von ihr durch das Zimmer.

Was mache Ich hier? Was war Passiert?! Versuchte ich verzweifelt in meinem Kopf Ordnung zu schaffen. Es fühlte sich an, wie ein großes Durcheinander, durch das ich den Überblick verloren hatte.

„Oh Annabelle, du hast uns so ein Schrecken eingejagt!“, lächelte sie den Tränen nah. „Wir dachte schon du kommst überhaupt nicht mehr zu sich … aber du bist Wach …“ kamen ihr nun doch die Tränen. „Also hast du es Überstanden.“

Nicht weinen ... sah ich sie verstört an. Es ging mir gut, dachte ich zu mindestens … holte Luft und verspürte ein brennendes Ziehen an meinem Rücken.

„A-aa-a!“, stöhnte ich vor unerwarteten Schmerz, schloss die Augen und versuchte so flach zu atmen wie ich konnte. Denn jeder Atemzug tat weh, brannte höllisch und war kaum zu ertragen!

„Schätzchen, was ist los?!“, zuckten ihre Augen voller Besorgnis über mich. „Hast du Schmerzen? …“

„Es geht … schon wieder“, sagte ich, spürte aber immer noch den bohrenden Nachhall. „Was ist passiert?“, fragte ich und bemühte mich den Schmerz zu unterdrücken.

„Du hast eine schwere Verletzung erlitten und hattest überaus großes Glück. Der Pfeil hat knapp dein Herz verfehlt“, sagte sie.

„Pfeil???“, schaute ich verwirrt. Ich verstand immer noch nichts. Versuchte mir das letzte woran ich mich noch erinnern konnte ins Gedächtnis zu rufe, doch alles war so Verworren.

Das Tor! Kam es wie ein Lichtblitz vor meinem inneren Auge. Es brachte mich nicht wieder zurück!

Niederschmettert schloss ich die Augen. Was sollte ich jetzt tun? Wie sollte ich nun wieder zurück kommen?

Die Ratlosigkeit und Enttäuschung darüber, dass es nicht funktioniert hatte übermannte mich für einen Moment, als mir vor Schrecken die Luft stockte und ich die Augen aufriss.

„Die Franzosen!“, kam alles wieder. Blut! Es war überall Blut, … Leichen … und ein … Bogenschütze! Er legte den Pfeil ein und schoss!!!

„John!“, schrie ich und sah panisch zu ihr, während ich versuchte, mich aufzurichten. „Wo ist er! Geht es ihm Gut?!“

„Ja, ja. Es geht ihm gut, bleib liegen“, drückte sie mich wieder sanft auf das Kissen. „Du hast ihn gerettet, weißt du das?“, lächelte sie sanftmütig.

Hatte ich das, überlegte ich und stöhnte auf, als das Brennen wieder meinen Rücken durchfuhr. „Wo ist er?“, fragte ich während ich versuchte ruhig zu Atmen.

„Er ist in der großen Halle, um Edmunds Verlobungsbedingungen zu besprechen.

„Was? Edmunds?!“ Wieso Edmunds? Fragte ich mich, während ich versuchte, das Brennen weg zublinzeln.

„Annabelle, Ihr seid endlich wach!“, kam Königin Phillippa durch die Tür geeilt, gefolgt von Joan. „Wie fühlt Ihr Euch? Habt Ihr Schmerzen, möchtet Ihr etwas zur Linderung? … Mary!“, rief sie worauf die ältere Magd sofort durch die Tür eilte.

„Ja, Eure Majestät?“

„Lass sofort nach dem Arzt rufen! Und setzt Wasser für Pestwurzaufguss auf!“

„Ja Majestät!“, sagte Mary und verschwand.

Die drei Frauen umrundeten mein Bett und sahen mich liebevoll, aber auch Traurig an.

Irgendwas stimmte hier nicht, sagte mir mein Instinkt. Aber ich konnte mich jetzt nicht damit befassen, dafür war ich zu durcheinander. Die Bilder von dem Gemetzel, alles kam im rasenden Tempo hoch.

So viele Tote! So viel Blut! … Überall!

Das was mein Gedächtnis mir zeigte, kam einem Horrorszenario gleich. Irgendwie konnte ich es nicht glauben, dass ich das tatsächlich überlebt hatte.

„Lass mich durch!!!“, schrie eine abgehetzte Stimme im Flur.

„John!!! …“, flüsterte ich und sah aufgeregt in Richtung Tür. Seine Stimme würde ich überall er.

Keuchend stürmte er ins Zimmer und blieb im Türrahmen stehen. „Ann …“, versuchte er zu Lächeln, den seine Mundwinkel zuckten. „Du bist Wach …“, kam er aus dem Türrahmen auf mich zu.

Ich strahlte als wäre eine große Last von meinen Schultern gefallen.

Es ging ihm gut. Ein Lächeln breitete sich auf meinen Lippen aus.

Er kniete sich zu mir ans Bett, nahm meine Hände und umschloss sie mit seinen.

„Du bist Wach … endlich Wach“, musterten mich seine Augen, als ob sie es nicht glaubten.

Ich konnte nichts erwidern, es war einfach zu schon ihn zu sehen. Wie von selbst wurde alles andere aus meinem Sichtfeld ausgeblendet. Ich sah nur ihn.

Du Lebst! Lächelte ich ihm entgegen

„Ich habe dir doch gesagt … tue mir das nie wieder an“, hauchte er während seine Gesichtszuge Qualvoll zuckten. „Weißt du was ich durchlitten habe …?“ Ich hörte das Zittern in seiner Stimme. „Wenn du nicht mehr … aufgewacht wärst … ich weiß nicht, was ich da macht hätte …“

Er schloss Qualvoll die Augen und lehnte seine Stirn an meine Fingerknöchel.

Vorsichtig entfernte sich Lady Isabel von Bett. „Phillippa, ich denke wir sollten die Kinder kurz allein lassen“ richtete sie an die Königin, die ihren Sohn einen Augenblick betrachtete und zustimmen nickte.

Leise verließen sie das Zimmer. Wir waren so auf einander fixiert, dass wir es nicht merkten. Er erhob sich, setze sich zu mir aufs Bett.

„Entschuldige“ zuckte ich Nachsichtig mit den Augenbrauen. „Aber es geht dir gut …“

„Ja, und das nur deinetwegen. … schon wieder“, sagte er und lächelte. „Du bist wirklich mein Schutzengel. Aber jage mir bloß nie wieder so einen Schrecken ein, hast du das verstanden?! Nie wieder!“,

Er strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht und betrachtete mich flehentlich.

„Ich versuch´s“, erwiderte ich, in dem bemühen um ein Lächeln.

Wir betrachteten einander so innig, dass unsere Augen keine Stelle ausließen. „Was soll ich nur mit dir machen, du Sturkopf?“, lächelte er und seine Augen zuckten über mein Gesicht.

„Hey, du bist genauso ein Dickschädel!“, protestierte ich.

„Ja, das Stimmt“ sagte er Schmunzelnd. „Aber nicht so schlimm wie du“, neckte er mich.

„Ja, noch Schlimmer“ erwiderte ich auflachend … Ohhh … Das war ein Fehler! Wieder durchzuckte der brennende Schmerz meinen gesamten Körper.

„A-a-a- …“, stöhnte ich auf.

„Ann?!“, sah er beunruhigt an mir runter.

„Bring … mich bloß nicht … zum Lachen“ sagte ich gespielt Scharf und entspannte mich wieder.

„Ja Milady!“, salutierte er, was mein Mundwinkel wieder zu zucken brachte.

„John!“ schmunzelte ich unter den Nachhall des Schmerzes.

„Entschuldige, ich konnte es mir nicht verkneifen“, lächelte er und wurde auf einmal ganz Ernst. „Ich weiß nicht, wie ich ohne dich hätte Leben sollen …“, flüsterte er.

Sein Qualvoller Blick ging wie ein Stich direkt ins Herz.

„So, als ob es mich nie gegeben hätte“, erwiderte ich leise.

Er zog die Augenbrauen zusammen und betrachtete mich. „In so einer Welt würde ich nicht Leben wollen“, entgegnete er Todernst, neigte sich runter und küsste mich sanft.

Seine Lippen fühlten sich so gut an, so wohltuend. Ich fühlte keine Schmerzen mehr, nur diese übermäßige Sehnsucht nach ihm. Das mit jeder seiner Berührung immer weiter wuchs, bis es meinen Verstand vollständig überrollte und ich mich meinen Gefühlen hingab.

Wie konnte es sein, dass das, was wir für einander empfanden, so Falsch war. Obwohl es sich so Vollkommen anfühlte.

Ich gab nach, ließ mich von ihm mitreisen und wollte ihn nie wieder loslassen.

„Ich liebe dich …“, flüsterte er zwischen seinen Küssen und schmiegte sich an mich.

„Oh, … Verzeihung …“, erklang ein verstörte Stimme. Mary stand plötzlich stocksteif in der Tür. „Ehm … ich … bring Milady eine etwas zu trinken“, sagte sie. „Aber ich komme … ehm … nachher wieder!“, sah sie verlegen zur Seite und schloss hastig die Tür.

Ertappt lachen wir beide auf.

„Ist dir eigentlich aufgefallen, dass immer wenn wir uns Küssen irgendjemand rein platzt“, sagte er schmunzelnd und richtete sich auf.

„Scheit zur Tradition zu werden“, erwiderte ich und fasste an meinen Hals … Nein! Tastete ich ihn hektisch ab. „Wo ist meine Kette!“, sah ich suchend an mir runter. Sie war weg! Nicht mehr da!

„Du hast sie im Getümmel verloren“, sagte er. „Und … deine Tasche leider auch.“

„Was?“

„Es tut mir Leid, ich konnte sie nicht finden. Ich weiß, sie war etwas Besonderes für dich“, schaute er Entschuldigend.

„Ja, … sie war das letzte was ich von meiner Mutter bekommen hatte.“

Jetzt hatte ich nichts mehr. Nicht mal ein Andenken. Jetzt war alles weg. Alles was mich mit meinem zu Hause … und meiner Mutter verband!

Alles in dem Gemetzel verloren! … Moment Mal!!! Sah ich wieder hoch, denn ich hatte das Gefühl, das noch etwas fehlte. Etwas sehr wichtiges. … Nein! … Nicht etwas! … Jemand!!! … Sagte mir meine innere Stimme!

„Was ist los?“, musterte er mich.

„John, wo ist Jeff?“

Er zog verwundert die Augenbrauen zusammen. „Wie meinst du das?“, fragte er mit einen prüfenden Blick. Warum guckte er so?!

„Wo ist er? Ist mit ihm alles in Ordnung?“

„Annabelle …“, wollte er etwas sagten, wurde aber von klopfen an der Tür unterbrochen.

Joan kam herein, gefolgt von einem großen schlanken älteren Mann.

„Doktor Frederic ist hier. Er würde Annabelle jetzt gerne untersuchen“, richtete sie an John, der verstört zu ihr blickte.

Der Mann kam näher, betrachtete mich einen Augenblick. „Guten Morgen“, sagte er. „Ich bin Doktor Frederic, wie geht es Euch?“

Er stellte seine Tasche auf das Bett und öffnete sie.

„Eigentlich … ganz, gut. Bis auf den stechenden Schmerz im Rücken“, gab ich verstört zurück und schaute in Johns verwirrtes Gesicht.

„Sie hat Erinnerungslücken“, fügte John hinzu.

Was hatte ich? „Wie meinst du das?“, sah ich ihn Überrascht an.

„Ich denke, das sollten wir nicht jetzt besprechen!“, wand sich der Doktor an John, der verstört auf den Boden und schließlich zu Joan schaute.

Auch sie mied meinen Blick.

Was hatten sie bloß alle? Irgendwie benahmen sie sich merkwürdig.

„Joan, wo ist Jeff?“, versuchte ich ihren Blick einzufangen.

„Annabelle …“, schluckte sie beklommen.

„Milady …“, unterbrach sie der Doktor. „Das ist nicht der richtige Zeitpunkt. Ihr müsst Euch erst einmal genesen“, richtete er an mich.

„Was heißt nicht der richtige Zeitpunkt. Was geht hier eigentlich vor?!“, schaute ich von einem zum anderen. Was hieß das?! Was hatte ich vergessen?

Krampfhaft versuchte ich mir jede Erinnerung in den Kopf zu rufen, von jedem Ereignis der vergangenen Stunden … und erstarrte augenblicklich …

„Nein!“, fuhren meine Augen entsetzt zu John, der bedrückt meinen Blick erwiderte. „Sag, dass das nicht Wahr ist!“

„Ann …“, sagte r leise und sah geknickt runter.

„Nein …!“, schüttelte ich den Kopf. „Nein, das kann nicht sein! Wo. Ist. Jeff!!!“ Erhob ich zitternd meine Stimme.

Die beiden gaben keinen Ton von sich. Aber ihr Gesichtsausdruck sprach Bände.

„Bitte! Wo ist er?!“, flehte ich es von ihnen zu erfahren und sah ihn fordernd an. Er gab mir keine Antwort.

„Joan?!“ fiel mein Blick beschwörend auf sie. Ach sie schwieg und guckte auf den Boden.

„Nein!!!“, schrie ich aus voller Kraft.

„Lady Annabelle, Ihr müsst Euch beruhigen!“, redete der Doktor auf mich ein.

„Das ist nicht wahr!!!“, schrie ich und setzte mich stöhnend auf.

Es brannte Höllisch brennen, aber ich ignorierte es.

„Ann, du muss dich beruhigen!“, versuchte John nach meiner Hand zu greifen.

Doch ich wimmelte ihn ab. Ich konnte seine Berührung im Moment nicht ertragen. Schwang die Bettdecke auf, stieg aus dem Bett und ging zur Tür.

Das konnte nicht wahr sein! Konnte nicht stimmen! Er war nicht Tot! Sagte ich mir immer und immer wie ein Gebet vor, und lief in meinem langen Nachthemd in den Flur.

Mit jedem Schritt den ich machte durchfuhr mich das schmerzhafte Ziehen, das von meiner Wunde widerhallte.

Ich blendete es so gut es ging aus, denn das war im Augenblick nicht wichtig. Wichtig war nur das, woran ich mich nicht erinnern wollte, denn ich wollte es nicht Wahr haben.

„Nein, das ist ein Irrtum …“, brabbelte ich unter Tränen.

Doch meine Erinnerung, die jetzt mit entsetzlichen Bildern wiederkam, zeigte mit etwas anderes!

Zitternd lief ich durch den Flur. Leugnete es! Stritt es ab! „Das ist nicht Wahr … Niemals …“, murmelte ich. Ich dachte nur, wenn ich dem lang genug Widersprechen würde, würde es nicht stimmen.

„Ann …“, folgte mir John.

„Nein, sei still. Ich will nichts hören!“, stoppte ich ihn abwehrend mit der Hand. „Ich glaube das nicht …“, schüttelte ich heftig den Kopf.

„Ann es tut mir Leid …“, sagte er.

„Du sollst Still sein …“, entgegnete ich laut und lief wieder ziellos den Flur runter.

Ich versuchte es zu begreifen und hatte das Gefühl innerlich zu zerspringen!

„Nein! Er darf nicht Tot sein! Er kann nicht tot sein!“, stammelte und presste meine Hände gegen die Schläfen, die unter einem enormen Druck pulsierten. Ich taumelte den Flur runter ohne richtig zu sehen wohin.

„Ann, bleib stehen!“, packte John meinen Arm und wendete mich.

„Wo ist er?“, flehte ich um eine Antwort.

Er schaute runter und blickte mich leidtragend an.

„Er wurde vor zehn Tagen bestattet“ sagte er. Und während er mit die Antwort gab um die ich so bat zuckten seine Gesichtszüge schmerzvoll.

„Neeein“, schrie ich Hysterisch.

„Es tut mir Leid“, flüsterte er und nahm mich in seine Arme.

„Bitte nicht …“, schluchzte ich in seine Brust. Merkte wie mich die Kraft in meinen Beinen verließ, doch er hielt mich fest so dass ich nicht zusammen sacken konnte.

Mein bester Freund, … Tot und daran trug ich die Schuld!

Hysterisch krallte ich mich fast an sein Hemd. Versuchte es abzustreiten. Doch es war sinnlos, ich wusste das er die Wahrheit sagte

„Es tut mir Leid,“ flüsterte er an mein Ohr und zog mich fester an sich. Tröstete mich, versuchte mich zu beruhigen. Aber es gab nichts, … absolut gar nichts, was mich jetzt Beruhigen konnte.

Er war Tot! Hatte mich Verlassen! Nie wieder würde ich mit ihm Lachen, oder Reden können. Nie wieder … Krallte mich noch fester an John.

 

„Das ist sie!!!“, schrie plötzlich eine zornige Stimme, die mich Erschrocken herumfahren ließ.

Am Ende des Korridors stand Reverend Cornelius, mit einer Handvoll fremder Soldaten. Er sah mir mit seinen niederträchtigen Augen hasserfüllt entgegen, die noch schwärzer wirkten, als ich sie in Erinnerung hatte.

Was. Macht. Der. Denn. Hier!!! Sah ich ihn unter meinen Tränen wutverzerrt an. Das er sich überhaupt traute, hier wieder auf zu tauschen …!!!

„Nehmt die Hexe fest!!!“, schrie er Zähnefletschend und richtete den Finger auf mich.

„Du mieses, … dreckiges, … verräterisches Schwein!!!“, fauchte ich den Ordensbruder an. Stieß mich von John ab und machte einen etwas wackeligen Schritt auf Geistlichen zu. „Wie kannst du es wagen, nachdem was du abgezogen hast noch hier aufzutauchen und mit den Finger auf mich zu zeigen!!!“

„Ann, was geht hier vor?“, fragte John konfus, als er von mir zu dem Priester sah.

„Was hier vorgeht?“, lachte ich fast hysterisch auf. „Dieser teuflische Priester hat gemeinsame Sache mit Gerard gemacht! … Das ist geht hier vor!“, erklärte ich und schaute zu den dämonischen, hinterhältigen Kuttenträger.

„Wie meinst du das?“ ,wirkte John etwas verwirrt.

„Wie kannst du es wagen solche Verleumdungen gegen mich zu äußern, Hexe! Nun nehmt sie schon fest!“, rief der Reverend fordernd an die Wache.

„Stopp! Ihr bleibt wo ihr seid!“, richtete John lautstark und mit einem gravierenden Blick an die Wache.

Die fünf Männer sahen sich ratlos an, wagten es aber nicht sich den Worten des Prinzen zu widersetzen. Stoppten sofort in der Bewegung und traten wieder an ihren Platz.

Vorsichtig rückte John mich zur Seite und stellte sich schützend vor mich.

„Aber Milord …“, protestierte der Priester.

„Reverend …“, sprach John, während er mich dabei nachdenklich betrachtete. „Ist an diesen Behauptungen irgendwas Wahres dran?“, fragte er und nahm den etwas überraschten und sprachlosen Priester genau ins Visier.

„Milord, Ihr zweifelt an dem Wort eines Geistlichen?“, schluckte der vor Entsetzen. „Ihr glaubt eher dieser Hexe, als einem Diener Gottes?“

Diener Gottes! Dass ich nicht lachte, fauchte ich innerlich und ballte meine Hände zu Fäusten.

„John, was ist hier los?“, erklang die Stimme der Königin, die mit Joan und Lady Isabel den Gang runter kamen, angelockt von dem lauten Tumult.

John schenkte ihnen keine Beachtung, wirkte immer noch etwas nachdenklich, schürzte die Augen und betrachtete den Priester mit einem forschen Blick.

„Ihr Wart es doch, der uns diesen Brief überbracht hat“, sah John ihn scharf an.

„Ja, … das habe ich …“, erwiderte der Priester und blickte über die Gesichter der drei Frauen, die ihn prüfend musterten.

„Wie seid Ihr noch mal an ihn gelangt?“, nahm ihn John ins Verhör.

„Das wisst Ihr doch. Ich habe es Euch erzählt“, warf der Reverend ein und blickte aufgeschreckt zu den Soldaten, die ihn verdächtig musterten.

„Erzählt es mir doch noch einmal Reverend. Ich habe so ein schlechtes Gedächtnis“, forderte John ihn argwöhnisch auf.

„Milord Ihr verdächtigt mich des Verrats?“, stammelte der Priester, während seine Augen hin und her zuckten. „Erkennt Ihr den nicht, was diese Hexe mit Euch macht. Sie hat Euch …“

„Beantwortet die Frage meines Sohnes, Hochwürden!“, erklang die bassvolle Stimme des Königs, der mit Lord Grosmond um die Ecke bog.

Die zwei Augenpaare, die den Priester streng musterten, wurden von Sekunde zu Sekunde misstrauischer. Besonders weil sich der Priester, nervös von einem zum anderen wand.

„Na los!“, drängte der König scharf.

Angewidert sah ich zu dem Priester, der allmählich wie eine Maus in der Mausefalle, hilfesuchend von einem zum anderen sah. Und merkte gleichzeitig, dass mir etwas schwummerig wurde.

„Majestät diese Hexe hat Euch den klaren Menschenverstand geraubt. Seht Ihr das nicht?“, versuchte Reverend Cornelius sich raus zu winden.

„Ihr zweifelt an meiner Zurechnungsfähigkeit und meiner Urteilsvermögen?“, fuhr König Edward ihn an.

„Ja … nein …“, wand sich der Reverend wie ein Aal. „Ihr alle steht unter einem mächtigen Zauber, der nur durch das Feuer gebrochen werden kann!“

„Schweigt!“, schrie John. „Könnt Ihr uns nun eine Erklärung bitten oder nicht?“

Der Priester blickte verstört von dem König zu Lord Grossmond, schweifte über die drei Frauen zu John, bis sein Blick Wutentbrannt an mir kleben blieb.

Ich erwiderte sein Minenspiel, ohne mit der Wimper zu zucken.

„Ann?“, sah John mich fragend an.

Der Reverend fletschte die Zähne, als wollte er mir an die Gurgel springen.

Ich hatte keine Angst vor ihm. Schließlich hatte ich nichts zu verlieren.

„Er war da, … an den Abend, … im Zelt“, erzählte ich und sah ihn dabei direkt in seine pechschwarzen Augen, die mich vor Abscheu auffraßen.

„Er hat sie angeheuert um mich zu töten. Doch sein Plan ging nach hinten los. Gerard hatte seine eigenen Pläne, nämlich mich als Lockvogel zu benutzen, um euch zu kriegen.“

Johns Gesichtszüge verhärteten sich.

„Schweig still, du Hexe! Milords sie Lügt! Ihr könnt ihr doch kein glauben schenken! Ihr wisst, dass ich von diesen Verbrechern bei meiner Rückreisen gefangen genommen wurde. Ja ich war in diesen Zelt, …“, lenkte der Priester ein und versuchte sich zu rechtfertigen. „… aber nur weil dieser Franzose wollte, dass ich den Brief an mich nehme und es Euch übergebe. Ja ich habe sie dort gesehen, aber was hätte ich tun können? Ich bin nur ein einfacher Geistlicher. Außerdem wäre es so am besten gewesen“, erklärte er und sah zu John. „Dieses Weib tut Euch nicht gut. Ihr müsst es verstehen. Ich habe es nur für Euch und England getan! Ich wäre sonst Tod, hätte ich nicht das gemacht was er von mir verlangte.“

„Ich verstehe sehr gut Hochwürden! Alles nur für das Wohl des Landes, nicht wahr?!“

Johns Blick wirkte Kalt und seine Stimme monoton.

„Jaaa!“, nickte der Priester übernervös und versuchte zu lächeln.

„Und Ihr scheut Euch nicht einmal davor über Leichen zu gehen“, verzogen sich Johns Gesichtszüge angewidert.

„Milord?“

Der Priester wurde von Sekunde zu Sekunde nervöser. „Nein, es war alles sie!“, zeigte der Reverend mit dem Finger auf mich. „Sie ist Schuld an dem was passiert ist. Sie hat Euch alle Verhext!“, zeigte er nun auf alle im Raum. „Ihr könnt Euren Verstand nicht mehr trauen! Dieses Weibsbild wird Euer Verderben sein, wenn ihr nicht endlich aufwacht! Seht sie euch an, sie ist nicht normal. Es steht in ihren Augen geschrieben, dass sie die Brut Satans ist! Sie ist eine mächtige Hexe und muss unschädlich gemacht werden!“, schrie er wie ein Nervenkranker und drehte sich im Kreis, von einer Person zu anderen, in den Versuch überzeugend zu klingen.

Ich schwieg, hörte ihn einfach nur zu. Es war dem nichts mehr hinzuzufügen. Dieser Mensch war Krank. In unsere Zeit würde er in eine geschlossene Anstalt eingewiesen und von Fachleuten betreut werden.

„Ihr alle werdet Sterben, wenn ihr nicht auf mich hört!“, brüllte er wie ein Wahnsinniger herum. „Diese Hexe …“

„Schweigt!!!“, schrie Lord Grossmond aufbrausend. „Ich höre mir das nicht mehr länger an! Hochwürden ich hoffe, dass Ihr stichhaltige Beweise für derartige Vorwürfe habt!“, fuhr er ihn Scharf an und schritt auf den Priester zu. „Denn wenn nicht, werdet Ihr vor Kardinal dafür zur Verantwortung gezogen, dass Ihr meine Tochter der Hexerei beschuldigt!“

„Was?“, stockte Reverend Cornelius der Atem, genauso wie mir.

Was??? Schaute ich Sprachlos zu Lord Grossmond. Auch John und die anderen schienen genauso Überrascht zu sein. Außer … König Edward. Was sehr eigenartig war. Er wirkte eher gefasst und ruhig.

Ohne mit der Wimper zuzucken, starrte Lord Grosmond dem selbsternannten Diener Gottes entgegen. Nur ein Mal huschten seine Augen zu seiner Gemahlin, die ihn nickend anlächelte.

Er wendete sich wieder dem verängstigten Priester zu, der genauso wenig verstand was hier vor sich ging wie alle anderen.

Warum tat er das? Sah ich durcheinander von ihm auf den Boden. Der sich allmählich anfing zu bewegen.

Ich ignorierte es, konzentrierte mich auf das, was gerade geschah. Er beschützte mich? Aber warum?! Versuchte ich zu verstehen.

Die Luft wurde unmerklich knapper. Angestrengt holte ich jeden Atemzug, doch das schwummrige Gefühl ließ nicht nach und der Boden wackelte noch mehr.

„Lord Grossmond, das könnt Ihr nicht ernst Meinen“, hörte ich den Geistlichen etwas verzerrt aufschreien und sah benommen hoch.

Ja … das konnte er … unmöglich … ernst … meinen, dachte ich, während ich versuchte die Gestalt des Lords einzufangen. Irgendwie sah ich ihn doppelt.

„Kind, du blutest!“, hörte ich Lady Isabel hinter mir.

Was? Drehte ich mich ein wenig wackelig um. Fasste an meinen Rücken und ertastete etwas Feuchtes.

Meine Finger waren rot, als ich sie wieder nach vorn nahm. Das weiße Nachthemd klebte an meinem Rücken.

Ich sah auf den Boden, der sich jetzt nicht nur bewegte, sondern von mir auflöste. Alles drehte sich, wie beim Karussell. Die Personen … verschwommen vor meinen Augen …

 

Ich weiß nicht wie langen ich bewusstlos war, aber irgendwann wurde ich von zwei Stimmen geweckt.

„Doktor, wird sie es schaffen?“, fragte die Stimme von Königin Phillippa.

„Körperlich, denke ich, ja. Aber ihre seelische Verfassung macht mir Sorgen. Der Tod des jungen Lords, hat sie doch ziemlich mitgenommen. Wie sehr, … werden wir erst erfahren, wenn sie wieder zu sich gekommen ist“, antwortete der Arzt.

Ich hörte den beiden zu, ließ meine Augen aber geschlossen. Er hatte Recht, ich fühlte mich besser, Körperlich!

Aber innerlich …. fühlte ich mich Tod, …leer und Gefangen.

Gefangen in der Vergangenheit. Vielleicht hatte ich etwas falsch gemacht, als ich einfach so durch das Tor lief. Vielleicht musste man noch etwas anderes tun. Einen Schalter umlegen, oder an den Mustern drehen. Vielleicht, vielleicht, vielleicht! Es waren zu viele vielleicht!

„Ich werde in den nächsten zwei Tagen, noch einmal nach ihr sehen. Erst dann kann ich meine Diagnose abschließen“, sagte der Arzt. „Majestät, … es wäre an Besten, … verzeiht, wenn ich das vorschlage …“, sagte der Arzt stockend.

„ … Wenn die junge Lady, etwas Abstand von alledem hier bekommt“, beendete er.

„Ich verstehe!“, erwiderte die Königin.

Was sollte das heißen? Sollten sie mich weg Schicken.

„Darf ich Euch noch eine letzte Frage stellen?“, richtete der Arzt vorsichtig an die Königin.

„Aber selbstverständlich.“

„Verzeiht mir. Aber ist … diese junge Lady, tatsächlich die jüngste Tochter der edlen Herrschaften von Grosmont? Ich fragen nur … weil mir zu Ohren gekommen ist, das …“

„Mein lieber Doktor ich darf, nicht viel vertraten“, unterbrach sie ihn. „Aber Ihr könnt Euch dessen sicher sein. Dieses Mädchen ist Blanche of Grosmond“, sagte sie mit Nachdruck.

Ich hörte keine Antwort, keinen Widerspruch. Schließlich fiel die Tür ins Schloss, und es wurde ruhig. Erst nach einigen Sekunden vernahm ich einen tiefen Seufzer, der die Stille durchbrach. Königin Phillippa war noch da, doch sie schwieg.

Auch ich blieb still, in der Hoffnung, dass sie bald gehen würde. Ich war nicht in der Stimmung auf ein bemitleidendes Gespräch oder irgendwas anderes. Mit dem, was ich vor ein paar Stunden erfahren hatte, musste ich selbst fertig werden. Ich wusste bloß nicht, ob ich es konnte.

Er war weg und hinterließ ein tiefes Loch, eine Leere, die von nichts und niemanden mehr zu füllen war.

Ich war schuld, dass er tot war, ich war an die Ursache, sagte ich mir, drückte ich meine Augenlider vor Qual zu und spürte das Wasser in ihnen aufsteigen.

Um meine Wunde nicht weiter zu strapazieren, lag ich auf dem Bauch. Aber selbst wenn ich wollte, hätte ich mich nicht drehen können. Denn es tat weh, höllisch weh, selbst beim Atmen und kostete mich jedes Mal Überwindung.

Ein stechender Schmerz durchzuckte meinen Körper bei jedem Atemzug. Einzig der straffe Verband um meinen Brustkorb hielt mich davor ab, laut aufzustöhnen.

Ich lebte, hatte aber das Gefühl tot zu sein.

Leise Schritte näherten sich in meine Richtung. Ich hielt meine Augen geschlossen und hoffte, dass sie wieder gehen würden.

In meine Gedanken vertieft, durchlief ich das Gespräch zwischen der Königin und dem Arzt. Warum hatte sie ihm bestätigt, dass ich die Tochter der Grosmond wäre, fragte ich mich.

Es war mir unbegreiflich, warum sie das alle taten. Aber auch über die Frage, wohin sie mich fortschicken wollten, zerbrach ich mir den Kopf. Anderseits war es mir auch egal, wohin ich gehen sollte. … oder doch nicht? Doch war es!!!

Ich war zu zerstreut. Teilweise wollte ich hierbleiben, denn wenn ich schon nicht wieder nach Hause konnte, dann wollte ich da bleiben, wo es vertraut war. Aber hier wurde ich überall an Jeff erinnert. Es war aussichtslos, so oder so. Ich wusste, dass ich hier weg musste, schon wegen John. Ich könnte es nicht ertragen ihn Tag für Tag zu sehen.

Vielleicht sollte ich nach dem Tor im Wald suchen, kam mir der Gedanke. Doch wo sollte ich anfangen? Ich hatte mich schon letztes Mal in diesen riesigen Wald verlaufen. Er schien so endlos zu sein. Aber es war meine letzte Hoffnung, also durfte ich nichts unversucht lassen.

Behutsam und darauf Bedacht leise zu sein, holte ich Luft und spürte wieder diesen unaussprechlichen Schmerz.

„Annabelle …“, erklang die Stimme der Königin. „Ich weiß dass du Wach bist“, sagte sie und setzte sich neben mich.

Mist, war ich zu Laut, oder hat sie mein Stöhnen gehört, überlegte ich und öffnete vorsichtig die Augen.

Sie lächelte. „Tut es sehr Weh, … beim Atmen?“, fragte sie mitfühlend.

„Es ist zu ertragen“, erwiderte ich. „Ihr wollt mich weg schicken?“, fragte ich und senkte den Blick.

Sie stieß einen leichten Seufzer aus. „Nicht direkt“, antwortete sie.

„Was heißt –Nicht direkt-.“

„Lord und Lady of Grosmond wollen sich deiner annehmen“, zuckten ihre Mundwinkel schwach.

Warum? Blickte ich verstört hoch. „Warum tun sie das?“, fragte ich.

„Das ist nicht so leicht zu beantworten.“

Ich verstand das nicht. Sie kannten mich schließlich nicht. Wussten rein gar nichts von mir. Nur die Geschichte, die Edward erfunden hatte, um mich zu schützen. Deshalb war es für mich unbegreiflich.

„Weißt du Annabelle, du bist das Ebenbild ihrer kleinen Tochter“, sagte sie mit einem Seufzer. „Und ich weiß das, ich kannte die kleine. Es war ziemlich irritierend, dich das erste Mal zusehen. Du muss wissen sie wäre jetzt ungefähr in deinem Alter … ach, sie war so Herzallerliebst“,erzählte sie und lächelte abwesend. „Sie hatte diese großmütigen großen Augen, die einen das Herz erwärmten und sie sagte immer was sie dachte, auch wenn es ihr meistens großen Ärger einbrachte. Das müsstest du dir vorstellen …“, lachte sie auf. „ … Dieses kleine Persönchen, dass jeden ihre Meinung geigte, ohne auf die Folgen zu achten.“

Das kleine Mädchen von dem sie sprach, erinnerte mich stark an mich selbst. Auch ich bekam immer Ärger, wenn ich meiner Großmutter und allen die es meiner Ansicht nach verdienten, die ungeschminkte Wahrheit ins Gesicht sagte. Ob sie es nun hören wollte, oder nicht.

Dreikäsehoch, misch dich nicht in die Probleme andere Leute ein. Das geht dich nämlich gar nichts an! Schimpfte mich Granny immer.

Meine Mutter sagte, dass wir beide den gleichen Dickschädel hatten und uns deshalb immer in die Haare bekamen. Aber trotz alledem hatte ich meine Granny sehr Lieb.

„Und nur deswegen haben sie mich für ihre Tochter ausgegeben?“, kehrte ich wieder, ins hier und jetzt zurück.

„Ich denke … es hat etwas damit zu tun. Aber … vor allem, haben sie dich in ihr Herz geschlossen. Und da du jetzt keine Familie mehr hast, ...“, sagte sie mit einer Anspielung auf Edwards Lüge. „ … möchten sie dich in ihre aufnehmen“, lächelte sie und wollte aufstehen. „Ich werde dich jetzt Schlafen lassen. Du brauchst Ruhe …“

„Majestät!“, unterbrach ich sie. „Warum hat es nicht funktioniert? … Das Tor meine ich …“

„Oh kleines, es sollte dich nur herbringen, aber nicht zurück“, erwiderte sie meinen niedergeschlagen Gesichtsausdruck. „Du musst wissen, … seit Generationen wird diese Tradition in meiner Familie gepflegt. Dieser Garten … ist die Opfergabe an die Göttin Hekate. Aber ich muss gestehen, dass bisher, so etwas wie das mit dir, noch nie vorgekommen ist. Vielleicht war Johns Wunsch einfach zu Stark, dass sie ihn nicht überhören konnte“, sagte sie und sah mir meine Zweifel an. „Kennst du Hekate?“, fragte sie.

Ich schüttelte leicht den Kopf.

„Das ist aber sehr interessant“, lächelte sie. „Denn ihr Abbild war auf deinem Anhänger eingraviert.“

Wirklich? Schürzte ich die Augen. Dass dort das Bild einer Frau eingraviert war, das hatte ich zwar gesehen, wusste aber nicht wer oder was es war.

Die Königin schmunzelte leicht über meine Unwissenheit.

„Sie ist die große Göttin, aus deren Leib das Licht der Welt und das Schicksal geboren werden“, fing sie an. „Sie ist die Mutter der Seele der Welt und der Natur. Ihre Liebe erfüllt und verbindet alles miteinander. Sie ist der Anfang und das Ende. Und durch diesen Garten können wir uns mit ihr verbinden.“

Ich verstand rein gar nichts. Dieser ganze Wirrwarr von der Göttin, der Mutter der Welt, verwirrte mich nur noch mehr.

„Dieser Garten wurde zu Ehren Hekates angelegt“, versuchte sie es mir zu Erklären. „Die Symbole an diesen Tor, ebnen den Weg des Schicksals und lassen es passieren. John war damals noch ein Kind, aber er wusste warum er sich genau diese Stelle für seine Rose ausgesucht hatte. Er wollte sein Schicksal willkommen heißen, deshalb wählte er auch die Liberty Rosen. Er vergrub seine Wünsche tief in den Wurzeln der Blumen, mit der Bitte an die Göttin, sie in Erfüllung gehen zu lassen.“

Das alles klang einfach zu Absurd. Erwartete sie tatsächlich, dass ich das glaubte? Das mich eine höhere Macht, … eine Göttin, auserwählt und hergebracht hätte?

Götter die Wünsche erfüllten … so was gab es doch nur in Märchen und Fantasy Filmen. Aber nicht im wahren Leben, schüttelte ich innerlich den Kopf.

Obwohl … überlegte ich. Welche anderen Erklärungen gab es denn noch?

Eine realistische und nicht die, die der Fantasie entsprang. Denn ich war in der Vergangenheit, wie sollte ich mir das Rational erklären?

Das alles überstieg meinen Verstand und brachte mich nur noch mehr durcheinander. „Verzeiht Majestät, ich bin ehrlich gesagt nicht so Religiös.“

„Das ist auch nicht nötig“, zuckte sie mit den Schultern. „Du bist hier, und das genügt. John hatte sich einen Schutzengel und eine Seelenverwandte gewünscht. Anscheinend bist du zwei in einem. Allerdings, …“, lachte sie auf. „ … dass seine Seelenverwandte so weit aus der Zukunft kommen würde, hätte ich mir auch nicht gedacht!“

„Heißt das, … das ich … nie wieder zurück kann?“, fragte ich mit brüchiger Stimme.

„Es tut mir Leid Annabelle“, sagte sie schwermütig. „Es war dein Schicksal, dass dich hergebracht hat.“

„Das hieß also, nein“, ließ ich meine Augen auf das Kissen fallen.

Ich konnte das nicht Akzeptieren! Schicksal oder nicht, ich musste es wenigsten versuchen! Meine ganzen Hoffnungen ruhten jetzt auf dem anderen Tor, wenn es das gab.

Bedrückt schaute die Königin auf mich runter, stand schweren Herzens auf und begab sich zur Tür.

„Eins noch!“, hielt ich sie auf. „Jeff, … ich meine Jeffrey. Wo wurde er Beerdigt?“

Ich wollte mich wenigsten von ihm verabschieden. Ihm Danken, dass er für mich da war. Und das er mir so ein guter Freund war. Ihm sagen das ich ihn Vermissen werde, und das ich ihn … immer Liebe werde.

„Er wurde nicht Beerdigt“, erwiderte sie betrübt. „Sein Leichnam … wurde auf der Themse Verbrannt.“

„Verbrannt?“, sah ich sie entsetzt an. Nein! Nicht einmal Verabschieden konnte ich mich. Alle meine Muskeln zogen sich Schmerzhaft zusammen.

Alles wurde mir verwehrt! Alles! Versuchte ich ruhig zu Atmen.

„Aber … wenn du dich Verabschieden möchtest, …“, sah sie mir mein Bestürzung an. „ … am Steg, wo die Zeremonie stattgefunden hat, kannst du ein paar Worte an ihn richten.“

Ich blickte auf das Kissen. „Danke“, erwiderte ich. Wenigsten etwas.

„Aber gern doch Liebes“, sagte sie und schloss die Tür.

 

Nach einer Woche Zwangsbettruhe konnte ich mich wieder einigermaßen Bewegen. Und das erste was ich tat, ich ging zum Steg.

Die ganze Zeit während meiner Genesung, lief pausenlos der Moment seines Todes vor meinem inneren Auge ab. Selbst wenn ich schlief Träumte ich davon. Immer wieder durchlebte ich den Augenblick, als der Dolch in ihn eindrang und wie er um seinen letzten Atemzug rang.

Schweißgebadet und Verheult wachte ich in letzter Minute auf und versuchte mich zu Beruhigen.

Ich hatte es jetzt verstanden, warum ich mich nicht mehr daran Erinnern konnte … Ich wollte es einfach nicht! Mein Bewusstsein hielt diese Erinnerung von mir fern, weil es befürchtete, ich würde es nicht verkraften. Und wie Recht es doch hatte …

Doch als ob das nicht Genug war, ließ auch John nicht locker. Meine Bitte sich von mir fernzuhalten, erfühlte er nur Widerwillig. Aber allmählich schien er daran Gefallen zu finden, sah jedenfalls so aus. Denn er Turtelte bereits fleißig mit den Mägden herum.

Besonders die blonde Magd, Emma, schwirrte um ihn wie die Motte ums Licht. Was mich vor Eifersucht fast Platzen ließ. Aber genau das wollte er. Ich hatte ihn längst Durchschaut! Denn sobald ich aus der Sichtweite war, ließ er sie alle Links liegen.

Schwachkopf! Das machte mich so Sauer. Warum machte er es uns nur so schwer. Ich gab zu, ich vermisste ihn. Mit jeder Faser meines Körpers.

Vermisse es mit ihm zu reden, mit ihm zu lachen, ihn zu berühren. Nach einem Jahr, in dem wir uns jede Nacht in unseren Träumen trafen, war es ein seltsames Gefühl, besonders jetzt, da er in greifbarer Nähe war, ihn von mir zu stoßen. Dabei wollte ich das komplette Gegenteil. Gott, … warum musste ich bloß die Vernünftige sein? Warum könnte er es nicht einsehen, dass ich Recht hatte? Wir mussten versuchen uns von einander zu lösen, besser jetzt als später. Denn später würde es unmöglich sein. Er musste versuchen sein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen, ohne mich. In der Geschichte gab es keinen Platzt für mich, es durfte mich hier nicht einmal geben.

Aber das alles war nicht mehr wichtig, denn Morgen würden wir zum Grosmond Castle aufbrechen, und dann hätte das ein Ende. Ich glaubte nicht, dass er den langen Weg auf sich nehmen würde. Aber wenn doch, dann nicht für lange. Hoffte ich jedenfalls.

Irgendwann würde er es einsehen. Begreifen, dass es so besser ist. Mich Vergessen und Heiraten.

Bei dieser Vorstellung wurde mich ganz Elend. Vielleicht sollte ich es allen leichter machen, und mich Bruder Cornelius selbst ausliefern. Dann wäre es vorbei, zu Ende! Keiner müsste sich mehr Gedanken um mich machen. Und irgendwann würden sie mich vergessen.

Denn auch Bruder Cornelius, der vom Kardinal ausdrücklich darauf hingewiesen wurde, sich von der Tochter der Grosmonds fernzuhalten, oder er würde in den hintersten Teil der Welt versetzt werden, gab trotz dieser Warnung nicht auf.

>Ich werde dich kriegen, du verdammte Hexe! Und ich werde dich Eigenhändig an den Pfahl ketten! Wo du brennen wirst, bis nichts mehr von dir übrig bleibt! < Schrie er, als er das Windsor Castle verließ.

Das alles war doch Aussichtslos. Schüttelte ich den Kopf. Warum hatten sie mich nicht einfach sterben lassen.

Ich fühlte mich so Leer, und so Einsam in meiner Haut. Von mir war nur eine leere Hülle übrig geblieben. Die Tag für Tag, vor sich hin vegetierte und auf das Ende wartete.

 

In sich versunken lief ich durch das dichte Gras, in Richtung des Stegs. Mit jedem Schritt den ich mich näherte, wurde meine Last schwerer, kaum zu ertragen.

Ein leichter Windhauch wehte von der Themse und blies die Grashalme um mich um. Ich strich mir die Strähnen aus dem Gesicht und bemerkte einen kleinen Blondschopf unten am Ufer sitzen.

Cathy, erkannte ich die goldenen Locken.

Warum war sie hier? Betrachtete ich die Silhouette des kleinen Mädchens. Schaute unschlüssig wieder zurück zum Schloss, und überlegte ob ich gehen und später wieder kommen sollte. Aber sie sah genauso verloren aus, wie ich mich fühlte, also beschloss ich zu bleiben und schritt behutsamen auf sie zu.

„Hallo Cathy“, blieb ich neben ihr stehen.

Das kleine Mädchen sah hoch, und schenkte mir ein leichtes Lächeln. „Lady Annabelle“, begrüßte sie mich.

„Was machst du hier Cathy?“, fragte ich.

„Ich komme jeden Tag hierher, um mit Sir Jeffrey zu Reden“, sagte sie. Ihre Augen überflogen die Themse.

Beklommen sah ich auf sie runter. Es schmerzte mich sie so Traurig zu sehen. Denn dieses kleine, zarte Persönchen, das ich so Fröhlich und Aufgeweckt in meiner Erinnerung hatte, sah in diesen einen Moment so Freudlos und Beherrscht aus. Gar nicht wie sie selbst.

„Darf ich mich zu dir setzten?“, fragte ich.

„Natürlich dürft Ihr“, erwiderte sie. „Wollt Ihr auch mit Sir Jeffrey sprechen?“

Ich nickte und ließ mich nieder. „Ja, das würde ich gern“, antwortete ich und folgte ich ihren Blick zum Fluss. „Aber ich bin mir nicht sicher, ob er das auch will …“

Verwundert schaute sie mich mit ihren großen kindlichen Augen an. „Warum nicht? Er hatte Euch sehr gemocht. Das hat jeder Sehen können.“

Ja, … das hatte er. Leider hatte ich nie die Chance ihn zu sagen, wie sehr ich ihn mochte.

„Manchmal habe ich das Gefühl, er ist hier“, sagte sie seufzend. „Hört mir zu, und spendet mir Trost.“

Oh wie sehr hoffte ich, dass er es wirklich tat. Doch ich wusste, dass es ein Wunschtraum bleiben würde.

Andächtig saßen wir nebeneinander. Das kleine Mädchen, das sonst ohne Ende plapperte, wirkte auf einmal so Still und Nachdenklich. Sah auf den Fluss und lächelte. „Wisst Ihr, er war wie ein großer Bruder für mich“, sagte sie schließlich. „Er hat uns oft Besucht, und meinem Vater so oft er konnte geholfen. Er hat mir gezeigt wie man sich mit dem Schwert verteidigt. Natürlich war es nur ein Holzschwert, …“, strahlte sie mich an. „Für ein richtiges war ich viel zu Jung, sagte er. Aber ich konnte den Jungs beweisen, dass ich genauso gut bin wie sie. Und ich bin sogar noch besser“, lächelte sie. „Er war ein guter Lehrer.“

„Ja … das war er,“ schluckte ich, in der Hoffnung meine Tränen damit zurück zuhalten, doch vergebens. Ihre Erinnerung weckte in mir meine.

Meine erste und einzige Unterrichtsstunde, mit ihm im Wald. Er wirkte so verlegen, erinnerte ich mich, als er merkte wie nah wir einander waren.

Dieser kleine Rückblick zauberte ein leichtes Lächeln auf meine Lippen. An diesen Tag war so einiges Passiert. Der Erste Kuss mit John, der eigentlich Wunderschön war, über den ich mich aber furchtbar ärgerte, und zur Beruhigung in den Wald ging. Dort traf ich Jeff.

Ich erinnerte mich, als ob es erst Gestern war, wie überrascht er war mich dort zu sehen. Völlig außer Atem und verschwitzt, hackte er Holz für die kleine Party, die am Abend statt finden sollte.

Seine Locken … lächelte ich, sie hingen ihm immer in den Augen. Er hatte solche gütigen Augen. Und sein Lächeln … das ehrlichste Lächeln der Welt.

„Er war mir der liebste Mensch, nach meinem Vater. Ich freute mich immer, als er uns besuchen kam,“ sagte Cathy, schniefte und wischte sich ihre Tränen mit dem Ärmel weg.

„Er hatte dich sehr Lieb, Cathy“, lächelte ich sie mitfühlend an.

„Ich ihn auch“, erwiderte sie. „Es tut so gut mit jemandem darüber zu Reden“, sagte sie und schwieg wieder.

Geistesabwesend blickten wir auf den Fluss, jede in ihre eigenen Gedanken vertieft.

„Cathy!“ durchbrach Maxwells Stimmen die Stille. „Dachte ich es mir doch, dass ich dich hier findet“, sagte er. „Es ist Zeit, dass du nach Hause kommst. Die Sonne geht bald unter.“

„Ja, Vater“, antwortete sie, stand ohne Eile auf und blickte noch ein Mal über den Fluss. „Bis Morgen Sir Jeffrey“, sagte sie und lächelte, als wenn sie eine Antwort erhalten hätte. „Auf wiedersehen Lady Annabelle“, sah sie auf mich runter.

„Auf wiedersehen Cathy“, verabschiedete ich mich. Ich schaute ihr hinterher, als sie zu ihrem Vater lief, der ihr etwas sagte.

Sie nickte und voraus ging. Maxwell blieb, kam zu mir ans Ufer und blickte auf den vorbei strömenden Fluss.

„Gute Abend Milady“, sagte er. „Es ist ein schöner Abend für einen Spaziergang, nicht wahr?“

„Ja“, antwortete ich abwesend.

„Milady darf ich offen sprechen?“, sah er auf mich runter.

„Natürlich“, erwiderte ich.

„Es ist mir aufgefallen, wie sehr Ihr Euch der Trauer ergibt. Was auch verständlich ist, er lag uns allen sehr am Herzen, besonders meiner kleinen.“

Er blickte über die Schulter, seiner kleinen Tochter hinterher, die ohne große Eile über die Wiese hüpfte.

„Ihr habt denselben erloschenen Blick wie sie“, sagte er und schaute wieder nach vorn. „Aber … das Leben geht weiter. Ich möchte nicht sagen, Ihr sollt nicht um ihn Trauern, Gott behüte. Doch für jede Trauer gibt es ein Ende, und das solltet Ihr nie vergessen. Er würde es nicht wollten, das man sich seinetwegen so aufgibt“, sagte er.

„Ich weiß“, erwiderte ich nachdenklich.

„Ich wünsche Euch noch einen schönen Abend Milady“, sagte er und blickte Sorgevoll auf mich runter.

„Danke Maxwell, dir auch.“

Er seufzte und folgte seiner Tochter.

Eine Zeitlang saß ich bewegungslos, in sich gekehrt am Ufer und rang mit mir selbst. Ich war hergekommen, um mich von ihm zu verabschieden. Doch jetzt, als ich hier saß und auf die langsam dämmernde Landschaft blickte, wusste ich nicht mehr was ich sagen sollte.

Es war eigenartig, aber auf eine sonderbare Art und Weise, spürte ich Jeffreys Gegenwart. Als säße er direkt neben mir und redete mir gut zu.

Es war, als ob ich ihn hören konnte.

Annabelle, du machst dir schon wieder viel zu viele Gedanken. Auch wenn ich weg bin, bin ich immer noch bei dir. In deinen Gedanken und in deinem Herzen. Also hör auf Trübsal zu blasen, sonst kriegst du noch Falten.

Seine Stimme war dermaßen präsent in meinem Kopf, als wäre er direkt neben mir.

„Du fehlst mir so sehr“, schniefte ich und spürte die Tränen eine nach der anderen runter rollten.

Ich weiß. Aber für das was geschehen ist kannst du nichts. Also hör auf dich dafür zu bestrafen.

„Aber es fühlt sich so an Jeff. Es tut mir unendlich Leid! Ich hoffe, du kannst es mir irgendwann ein Mal verzeihen.“

Annabelle, es war nicht deine Schuld.

„Oh doch, es ist alles meine Schuld“, krächzte ich. „Und es tut mir Leid, dass ich dir nie gesagt habe, wie viel du mir bedeutest. Denn das tust du. Sogar mehr, als es mir bewusst war … ist es nicht verrückt, …“ Ich wischte mir mit dem Ärmel über das Gesicht. „… dass ich erst hier, in der Vergangenheit … oh man, wie das Klingt …“, lächelte ich gequält. „ … wieder gelernt habe, einen Menschen so zu Vertrauen und zu Lieben, dass ich ihn in mein Herz gelassen habe. Aber du warst es Wert, und ich bereue nichts. Auch wenn du mich kurz darauf verlassen hast. Oh Gott …“, blickte ich in den Himmel. „ … warum verlassen mich nur alle, die mir etwas bedeuten?“

Aber ich habe dich nicht verlassen. Immer wenn du an mich denkst, werde ich bei dir sein.

„Jeff ….“, schluchzte ich. Ich konnte vor lauter Tränen nichts mehr sehen. Unaufhörlich fühlten sie sich in meinen Augen, und liefen mein Gesicht runter. „Du fehlst mir so sehr, dass es weh tut,“, ließ ich mein Gesicht in den Rock fallen und umklammerte meine Beine fester. „Es tut mir so unendlich, unendlich Leid. Bitte, bitte verzeih mir.“

„Ann?“

Erschrocken fuhr ich herum. „John? Was machst du hier?“, fragte ich erschrocken, und wischte mir schnell die Tränen aus dem Gesicht.

„Man hat mir gesagt, dass du hier draußen bist“, sagte er und kam näher. „Ich wollte nur nachsehen, wie es dir geht. Darf ich mich zu dir setzten?“

Er war der letzte Mensch, den ich erwartet hatte. Auch wenn sich ein Teil von mir darüber freute, unterdrückte ich dieses Gefühl. Es war besser so, für uns beide. Auch wenn ich tief in mir drin, etwas vollkommen anderes wollte.

„Es ist dein Land, du kannst tun und lassen was du willst“, erwiderte ich, in dem Versuch gleichgültig zu klingen. Er seufzte und setzte sich.

Schweigend blickte ich auf die Strömung, bemüht seine Anwesenheit auszublenden und mich auf das zu konzentrieren weswegen ich hier war.

„Wie lang soll das noch so weiter gehen, Ann?“, durchbrach er die Stille.

„Was?“

„Deine Gefühlskälte. Du kapselst dich von allem und jedem ab.“

Für immer. Antwortete ich stumm. „So lange es nötig ist.“

„Und was ist mit mir?“

„Was soll mit dir sein?“, fragte ich monoton.

„Ich vermisse dich.“

Gott warum musste er so etwas sagen. Das alles war auch so schon unerträglich. Ich schluckte diesen bitteren Kloß in mir runter und erwiderte. „Das wird nachlassen.“

„Das ist alles, was du dazu sagst?“, fragte er. Ich spürte ganz genau, dass es ihn verletzt hatte. Aber, wenn es ihm helfen würde, sich von mir zu lösen … oh Gott, ich konnte diesen Gedanken nicht zu Ende denken, er zerstörte mich. Aber ich musste, ich hatte keine Wahl.

„Ich weiß nicht, was du hören willst“, erwiderte ich und blickte zu Boden. Das war eine Lüge. Ich wusste genau, was er wollte, und ich wollte dasselbe. Allerdings würde ich diesem Verlangen nie wieder nachgeben.

Ich wusste schon, warum ich mein ganzes Leben ein Einzelgänger war. Es war dumm von mir, diesen Schutzschild für eine Weile abzulegen. Man sah ja, was es mir gebracht hatte.

„Annabelle, das …“

„Nein!“, unterbrach ich ihn und stand auf. Er folgte mir und sah angespannt auf mich runter. „Es ist alles gesagt, John. Glaub mir, du bist ohne mich besser dran“, sagte ich und wendete mich ab zum Gehen.

„Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich das einfach so akzeptiere?!“, kam er mir hinter her.

„Du hast gar keine andere Wahl“, erwiderte ich.

„Ann!“, packte er ich am Arm.

„Nein John!“, sagte ich und blickte ihm direkt in seine himmelblauen Augen. „Morgen bin ich weg. Und du kannst ein Neuanfang starten.“

„Was ist, wenn ich mit meinen alten Leben voll und ganz zufrieden bin?“, funkelte er mich an. „Ann …“ legte er seine Hand zärtlich an meine Wange.

Oh Mann … es fühlte sich so wohltuend und heilsam an.

Er ließ mein Arm los und umfasste auch mit der anderen Hand mein Gesicht. Ganz vorsichtig näherte er sich mir und ich ließ es zu.

Nur noch ein einziges Mal wollte ich die Wärme seiner Lippen auf den meinen spüren. Seine Sanftheit und Zärtlichkeit.

Zaghaft löste ich mich von ihm und legte meine Stirn an seine.

„Mach's gut John“, sagte ich. „Du wirst mir fehlen.“

Riss mich von ihm los und rannte zurück zum Schloss.

 

 

18

 

 

 

Kapitel 18

 

 

 

Die ganze Nacht bekam ich kein Auge zu. Einerseits aus Angst vor meinen Albträumen, anderseits, weil mich eine menge, Gedanken verfolgten. In denen auch John eine große Rolle spielte. Der Blick, mit dem er mich ansah, als ich mich verabschiedete, ging mir nicht mehr aus meinem Kopf. Aber ich gab mein Bestes, um ihn aus meinen Gedanken zu verbannen, und mich stattdessen der Lösung meines Problems zu widmen.

Ich konnte es einfach nicht akzeptieren, das alle meine Anstrengungen letztendlich doch in einer Sackgasse endeten. Es musste einen Ausweg geben!

 

Edward machte sich vor ein paar Tagen auf den Weg, um sein Versprechen einzuhalten und den Wald, in dem sie mich fanden, zu durchsuchen. Meine ganzen Hoffnungen ruhten jetzt auf seinen Schultern.

Wo er jetzt gerade wohl war? Überlegte ich, während ich auf der Fensterbank in meinem Zimmer saß und in den Sternenhimmel schaute. Vielleicht übernachteten sie wieder an dem Bach, oder sie waren schon in dem Wald. Auf jeden Fall würde es noch einige Tage dauern, bis ich das Resultat seiner Sucher erfahren würde. Ich hoffte bloß, dass sie etwas finden würden.

Oh bitte! Blickte ich zu den Sternen empor und wünschte mir eine Sternschnuppe, der ich meinen Wunsch anhängen konnte.

Ich wusste ganz genau, was ich mir wünsche würde. Allerdings wusste ich auch, über die Konsequenzen die dieser Wunsch mit sich bringen würde.

Es würde mich innerlich Umbringen John verlassen, zu müssen. Aber ich war dazu bereit … Für John!

Ich hatte sein Leben, und das aller anderen auf den Kopf gestellt. Die Vergangenheit eventuell verändert.

Ich hatte Angst auch nur daran zu denken, welche Folgen es für meine Zukunft bereits bedeuten könnte, und das alles war meine Schuld.

Vielleicht sollte ich es wirklich allen leichter machen und mich dem Reverend selbst ausliefern, damit es endlich ein Ende fand.

Aber auch damit würde ich das bereist Geschehene, nicht ungeschehen machen. Es war zu Spät.

Ich hätte nie bei diesem Ausflug mitfahren dürfen. Nie in den Wald landen dürfen. Nie auf John und Edward treffen dürfen. Aber vor allem hätte ich gewusst, wohin mich meine Träume, meine wunderbaren Träume, aus denen ich am liebsten nie wieder aufgewacht wäre, führten … hätte ich gewusst wem ich jede Nacht begegnete, … hätte ich versucht sie zu verhindern, redete ich mir ein. Aber tief in mir drin wusste ich, dass ich keinen Moment, den wir miteinander verbracht hatten, missen wollte.

Er war der Einzige, der mir wirklich zu hörte, der einzige der für mich da war, der einzige den ich nah genug an mich heranließ, um mich zu öffnen, weil ich mich ihm so zugehörig, so verbunden fühlte. Und das obwohl er eigentlich nicht Real war.

Jetzt verstand ich auch, wieso ich sein Gesicht nie sehen konnte. Mich nie an seinen Namen erinnern konnte. Hätte ich geahnt, wer er war und dass er kein Traum war, wäre ich dann auch zu diesem Ausflug mitgekommen?

Mein Kopf war über und über vollgestopft mir Fragen, auf die ich keine Antworten hatte.

… Hätte ich … Würde ich … Was wenn … Wieso ich … Was soll ich tun?

Seit ich begriff, dass das Tor im Garten mich nicht wieder zurückbringen konnte, verlor ich jeden Tag mehr und mehr den Mut. Ich dachte an meine Mutter, und das, was sie gerade durchmachte. Was sie über mein Verschwinden dachte. Vielleicht dachte sie, dass ich einfach abgehauen wäre. Es würde sie wahrscheinlich nicht wundern. Aber sie würde dennoch nach mir suchen.

Die ganze Nacht saß ich grübelnd am Fenster, sah den Mond untergehen und die Sonne aufgehen, bis es schließlich leise Klopfer an der Tür.

„Milady“, kam Maggi vorsichtig rein.

„Guten Morgen Maggi“, sagte ich ohne sie anzusehen. Sie schloss die Tür und blieb an ihr stehen.

„Habt Ihr schon wieder die ganze Nacht nicht geschlafen?“, fragte sie.

„Ich war nicht Müde“, erwiderte ich.

„Ihr schlaft seit Wochen nicht mehr richtig, … sollte ich vielleicht den Arzt rufen?“

„Nein Maggie, es ist alles in Ordnung. Mach dir keine Sorgen.“

Sie seufzte, erwiderte aber nichts.

„Möchtet Ihr, dass ich Euch das Wasser bringe?“, fragte sie schließlich.

„Ja, gerne“, sagte ich und schaute sie endlich an. Sie sah so Traurig aus.

Ich zwang mir ein freundliches Lächeln auf, damit sie aufhörte sich Sorgen zu machen, und schaute wieder aus dem Fenster.

Das Letzte, was ich brauchte, war noch ein Mensch, der sich Sorgen um mich machte.

„Milady ich mache mir große Sorgen um Euch“, hörte ich sie sagen.

Ahnte ich es doch und seufzte innerlich. „Das musst du nicht, es geht mir gut“, antwortete ich kraftlos.

„Doch Milady. Seit Sir Jeffreys … Dahinscheiden, … seid Ihr nicht mehr dieselbe. Ihr esst kaum was, verbringt die meiste Zeit in Euren Gemächern. Und wenn Ihr lächelt, dann ist es eher … erzwungen“, schniefte sie.

Ich schaute wieder zu ihr und bemerkte, wie sie sich heimlich die Tränen wegwischte.

Oh nein … schloss ich bedrückt die Augen. Sie sollte nicht wegen mir Weinen, niemand sollte das.

Was sollte ich machen, ich konnte mich nicht mehr verstellen. Diese Kraft war aufgebraucht und ich fühlte mich so ausgebrannt.

Ich stieg von der Fensterbank und ging zu ihr. „Maggie bitte Wein nicht“, sagte ich, nahm ihre Hände und drückte sie sanft. „Glaub mir, mir geht es gut. Ich muss nur im Moment eine Menge verarbeiten, und ich gebe zu, … ich weiß, nicht ob ich damit umgehen soll.“

Das war das erste Mal seit Wochen, dass ich so offen darüber geredet hatte. Es tat gut, es füllte dieses Loch das tief in mir entstanden war etwas aus.

Aber es war auch bedrückend, denn egal was ich sagte, ganz öffnen durfte ich mich nicht. Keiner durfte die Wahrheit wissen. Und die sie kannten … mit denen konnte ich nicht Reden.

John widerlegte alles was ich sagte, es war zwecklos. Und Edward … war nicht da. Aber selbst wenn, ich glaubte nicht dass er mir eine Hilfe sein konnte. Obwohl er ein sehr guter Zuhörer war.

Der einzige Mensch mit dem ich offen reden konnte, den gab es nicht mehr. Also fraß ich alles in mich hinein, schließlich wollte ich keinen mit Problemen belasten die sie nicht verstehen würden.

Maggie betrachtete mich einen Augenblick und öffnete den Mund, um etwas zu erwidern.

„Maggi, wie wär’s wenn du mir jetzt das Wasser bringst“, kam ich ihr zuvor.

Ich wollte kein Mitleid. Von niemanden!

Sie schloss den Mund und sah mich durchblickend an. „Ja Milady“, sagte sie und ging.

Doch bevor sie die Tür schloss, warf sie mir noch einen prüfenden Blick zu.

Nachdem sie weg war, ging ich wieder zum Fenster. Draußen wurde bereits die Kutsche vorbereitet. Die Pferde vorgespannt und das Gepäck von Lord und Lady of Grosmond aufgeladen.

Ich musste nicht Packen, denn ich besaß nichts. Aber auch wenn, wäre es nur eine Tasche gewesen, die jedoch verloren ging, in der Nacht als Jeffrey … starb.

Kaum rief ich mir seinen Namen in Erinnerung, schon schnürte das mir die Kehle zu. Ich fühlte mich so allein, trotz der vielen Menschen um mich herum. Denn keiner von ihnen konnte es nachvollziehen, welchen Kampf ich in mir ausfocht. Das immense Heimweh und die große Sehnsucht die ich nach meiner Mutter verspürte. Und auch nach all den anderen Dingen, die mir vertraut waren.

Doch ganz besonders nach John.

Ich vermisste ihn unheimlich, immer und überall. Schließlich war er der wichtigste Mensch für mich in dem vergangenen Jahr gewesen. Das konnte ich nicht einfach aus meinem Gedächtnis streichen. Obwohl wir einander näher waren, als je zuvor, hatte ich das Gefühl eine übermäßige Barriere zwischen uns zu haben, die ich aber selbst errichtet hatte. Zum Schutz vor mir, und meinen unbeschreiblichen Drang nach ihm.

Doch je mehr ich mich dagegen wehrte, desto stärker zog es mich zu ihm hin. Mein Herz zersprang jedes Mal, wenn ich ihn sah. Aber auch der Ausdruck in seinen Augen, ließ mich alle seine Quallen spüren. Als ob es mir nicht schon schlecht genug ging …

Emma, die blonde Magd schien jedoch vor Glück in den letzten Tagen, zu zerspringen. Sie strahlte buchstäblich vor Freude, über die Aufmerksamkeit die John ihr zu Teil werden ließ.

Ob da wohl mehr lief als nur die heißen Flirts? Fragte ich mich, und rieft mich gleich darauf zur Besinnung.

Das war vollkommen egal Ann. Er konnte tun und lassen, was er wollte. Das hatte mich nicht zu interessieren! Schellte mich mein Unterbewusstsein.

Aber ihr bescheuertes Grinsen ging mir einfach nicht mehr aus dem Kopf, dass sie mir jedes Mal im vorbei gehen, zu warf. Als ob sie den Hauptgewinn gezogen, oder im Lotto gewonnen hätte. Dabei musste sie es doch wissen, dass John sie nie heiraten könnte. Wieso also strahlte sie so?

„Milady Euer Wasser“, hörte ich Maggi ins Zimmer treten.

„Ja … Danke“, erwiderte ich und wand mich zu ihr.

 

Nachdem ich mich frisch gemacht hatte, begleitete mich Maggi in den Speisesaal, wo das Frühstück serviert wurde.

Alle hatten sich dort bereits eingefunden. Lord und Lady of Grosmond, die nebeneinandersaßen. Der kleine Thomas sowie seine Eltern der König und die Königin. Joan, deren Nachbarstuhl leer war, weil Edward meinetwegen auf Erkundung geritten war.

Ihr gegenüber nannte er einen anderen Grund, welchen, den hatte er mir nicht verraten. Und John, der zwischen den leeren Stuhl von Edward und Edmund saß. Auch Edmund war in den vergangenen Tagen abgereist, und zwar zu Isabella nach Kastilien. Die beiden wollten alles so schnell wie möglich für ihre bevorstehende Hochzeit vorbereiten.

Man, die zwei hatte es doch ganz schön erwischt!

Aber egal, im Moment hatte ich eine andere Bürde zu überwinden. Wo sollte ich mich hinsetzen?

Auf keinen Fall neben John, das würde ich nicht überstehen. Ich erkannte einen freien Stuhl neben den kleinen Thomas und begab mich dort hin.

Mit gesengtem Blick ging ich zu dem von mir ausgewählten Platz, hob die Augen erst, als ich den Stuhl erreichte, und bemerkte dann die Blicke der anderen. „Guten Morgen“, begrüßte ich alle und setzte mich.

„Guten Morgen“, sagte Thomas breit grinsend.

Ich lächelte zurück, doch diesmal war das Lächeln echt. Der Kleine war einfach so niedlich … und erinnerte mich so stark an John. Worauf das Lächeln auf meinen Lippen Stück für Stück verschwand.

„Annabelle, Kleines, hast du schlecht geschlafen? Du siehst so ermattet aus“, fragte Königin Phillippa und schaute kurz an mir vorbei.

Aus dem Augenwinkel erkannte ich Maggi. Dass sie dort stand, hatte ich gar nicht bemerkt. Sie schüttelte leicht betrübt den Kopf, als Antwort auf die Frage der Königin.

Ich schoss resigniert die Augen und sah wieder hoch.

„Ich hatte Kopfschmerzen, deshalb habe ich etwas unruhig geschlafen“, erwiderte ich. Eine kleine Notlüge, denn diese bedauernden Blicke konnte ich nicht ertragen. „Aber ich fühle mich sehr gut. Ihr braucht Euch keine Gedanken zu machen“, fügte ich hinzu und hörte John leise auf schnauben.

Ich biss die Zähne zusammen, um ihm keine Beleidigung an den Kopf zu schmeißen.

Warum war er nur so ein Ignorant. Er wehrte sich mit Händen und Füssen dagegen es zu verstehen, warum es so sein musste.

Holzkopf! Knirschte ich innerlich. Aber auch auf Maggi war ich in diesen Moment mehr als Sauer.

Ich wand mich zu ihr … „Margret du kannst jetzt Frühstücken gehen“, sagte ich trocken, mit einem Gesichtsausdruck der leicht zu deuten war.

Du sitzt tief in der Scheiße Fräulein!

Sie lächelte entschuldigend, knickste … „Ja Milady“, und entfernte sich.

Warum mischte sich hier jeder in Sachen ein die ihn nichts angehen! Rollte ich mit den Augen und blickte über den gedeckten Tisch.

Obwohl es noch früh am Morgen war, war er voll mit den verschiedensten Sachen. Frisches Brot das herrlich duftete, hartgekochte Eier, warme Milch, verschiedene Früchte und etwas das nach Wurst aussah. Ich legte mir ein paar Weintrauben auf dem Gusseisen Teller, da ich keinen Appetit verspürte und aß diese Gedankenverloren.

„Liebes, ist das alles was du zu dir nehmen möchtest?“, sah Lady Isabel mich fragend an.

„Ich habe keinen sonderlichen Hunger“ erwiderte ich und lächelte sie mit meinem, so wie Maggie es nannte, erzwungenen Lächeln an.

„Annabelle du musst etwas mehr zu dir nehmen. Wir haben einen langen Weg vor uns. Und das nächste Gasthaus, ist einen Tagesritt entfernt“, sagte Lord Grosmond.

„Ehm …“ Verdammt, warum konnte sie mich nicht einfach in Ruhe lassen?! Ich hatte halt keinen Hunger. Wenigsten taten John und König Edward so, als Interessierte es sie nicht.

Hin und hergerissen schaute ich von einem zum anderen und bleib an Johns Augen hängen.

Er hob seinen Blick und sah mich durchblickend an. Mit den Ellenbogen auf den Tisch wiegte er einen Becher in seinen Fingern, den er an dem obersten Rand hielt und betrachtete mich dabei Nachdenklich.

„Milord, noch etwas Wasser?“, trat Emma überschwänglich an ihn. Er riss seinen Blick von mir los und grinste sie verspielt an. „Aber gerne doch Emma“, sagte er betont.

Seinen Blick erwidernd beugte sie sich aufreizend vor und goss ihm ganz langsam ein, ohne den Blickkontakt zu unterbrechen.

Ich versuchte zwar nicht hinzusehen, schon meiner Selbstachtung wegen, musste aber dann doch ein paar mal angeekelt rüber schielen.

„Emma ich denke der Becher ist jetzt voll genug!“, bemerkte die Königin mit harter Stimme. „Du kannst jetzt gehen!“

Auch ihr missfiel die Aufmerksamkeit, die John der Magd in den letzten Tagen schenkte.

Emma richtete sich Abrupt auf. „Ja, Majestät“, sagte sie und grinste innerlich, während sie sich abwendete und zur Tür marschierte. Sie stolziert regelrecht würdevoll und aufreizend mit den Hüften schwingend, dass ich ihr am liebsten an die Gurgel gesprungen wäre.

Zähneknirschend verfolgte ich ihren Abgang. Doch bevor sie durch die Tür verschwand, drehte sie sich demonstrativ um und lachte mich siegreich an.

Du blöde Schla … „Annabelle, willst du die Hälfte von meinem Brot abhaben?“, hörte ich plötzlich Thomas und schaute zu den kleinen Jungen.

„Ich schaffe kein ganzes mehr“, sagte er und hielt mir eine Hälfte hin.

„Ehm … gern, … danke“, erwiderte ich etwas verwirrt von dem ruckartigen Übergang vom Zorn zu Zerstreuung, und nahm ihm das Stückchen Brot ab.

„Na sieh mal an. Unser kleiner Charmeur bringt zu Stande, was die anderen nicht geschafft haben!“, lachte König Edward auf.

Der kleine Junge lächelte verlegen und widmete sich wieder seinem Frühstück. John lachte leise auf und schüttelte den Kopf. „Ja, … hat er. Aber weißt du was Thomas, ich geb dir Mal ein guten Rat. Verliebe dich bloß nicht in sie, das bricht dir nämlich nur das Herz.“

„John!“, wand sich die Königin empört an ihn.

Er warf mir einen vielsagenden Blick zu. „Mir ist der Appetit vergangen“, sagte er keinen mehr auch eines Blickes würdigend, und verließ den Speisesaal.

Ich versuchte meine Augen an das Stück Brot zuheften, um ihm nicht hinterher zu sehen, oder überhaupt irgendjemanden ansehen zu müssen. Schluckte mühsam den Bissen runter und starrte auf meinen Teller.

 

Den Rest des Frühstücks wurde geschwiegen. Einzig Sir Henry und König Edward unterhielten sich über belangloses Zeug, damit die Stimmung am Tisch nicht völlig absackte.

Ich aß das halbe Stückchen Brot auf, bedankte mich und verließ das Zimmer.

 

Verloren wanderte ich durch die Gänge. Ziellos.

Mir war es egal wohin. Ich wollte bloß nicht wieder zurück in mein Zimmer, denn das würde bedeuten, dass ich mich von allem verabschieden müsste. Und das wollte ich noch nicht, ich wollte einen Augenblick für mich allein sein.

Johns Flirterei machte mir doch heftiger zu schaffen als ich dachte, und diese … diese … hörte ich plötzlich ein Gelächter auf mich zu kommen.

Emma! … Wenn man an den Teufel denkt! Sah ich sie mit einer der Mägde, grinsend und tuschelnd den Gang auf mich zu kommen.

„Milady!“, sagte sie mit einem Niederträchtigen Lächeln, das sogar ihre Freundin überzogen fand und sie hinweisend am Ärmel zog, als sie an mir vorbei gingen.

Jetzt reichst! Fauchte ich und ballte die Hände zu Fäusten.

„Hey Emma!“, drehte ich mich zu den beiden um.

„Ja Milady“, erwiderte sie übertrieben betont und drehte sich elegant auf ihren Hacken um.

„Wenn du ein Problem mit mir hast, dann sag es mir direkt ins Gesicht und tuschele nicht hinter meinem Rücken!“, verengte ich die Augen. „Oder bist du zu feige es mit mir direkt zu klären?“, fragte ich und beobachtete, wie ihre Augen sich maliziös verengten.

„Aber nein Milady! Wie kommen Milady bloß zu solch einer offenkundigen Schlussfolgerung!“, sagte sie und verzog ihren Lippen zu einem hämischen Lächeln.

Du kleines Flittchen! … Machte ich einen Schritt auf sie zu. Du hast ja keine Ahnung, mir, wem du dich da anlegst!

„Wenn das so ist, …“, erwiderte ich ihr überzogenes Grinsen. „… dann würde ich vorschlagen, du steckst dein arrogantes Lächeln schnell wieder weg. Oder ich tue das für dich!“, blickte ich ihr kalt entgegen und sah, wie sich ihr Kiefer vor Wut anspannte.

Auch sie ballte ihre zitternden Hände zu Fäusten.

Ich sah es ihr an, am liebsten wäre sie mir sofort an den Hals gesprungen. Es hatte auch nicht mehr viel gefällt, hätte ihre Freundin sie nicht am Arm gepackt und sie zurecht gewiesen.

„Emma entsinn dich“, sagte die Magd an ihrer Seite und sah sie vielsagend an.

„Halt die Klappe Myrielle! Das schaffe ich auch ohne deine Hilfe!“, sagte sie und sah wieder zu mir. „Ist es eine Drohung Milady?“, fragte sie zornig.

„Nein“, verzog ich die Mundwinkel zu einem Lächeln, um sie gleich wieder fallen zu lassen und ihr Ernst entgegen zu blicken. „Das ist eine Warnung!“, zuckte ich mit den Augenbrauen. „So was wie dich verspeise ich nämlich zum Frühstück!“

„Ihr nehmt den Mund aber ziemlich voll, für jemanden der die Schlacht bereits verloren hat“, fauchte sie.

Ich machte, einen Schritt auf sie zu und grinste ihr überlegen entgegen.

„Du glaubt, du hast eine Schlacht gewonnen? Jetzt sag ich dir Mal was, …“, sagte ich und sah ich sie von unten nach oben an. „ … wenn ich mich so anstrengen müsste wie du, … um eine Schlacht zu gewinnen“, rollte ich mit den Augen. John konnte man unmöglich als eine Schlacht bezeichnen. „Dann müsste ich von vorne heran einsehen, dass sie nicht zu gewinnen ist.“

„Aber er gehört jetzt mir“, sagte sie.

„Für wie lange? Bis die nächste kommt und er sie Heiratet?“, entgegnete ich.

Diese Antwort schien ihr gar nicht zu gefallen, denn sie presste vor Zorn die Lippen aufeinander.

„Ihr werdet ihn nie bekommen!“, erwiderte sie.

„Du verstehst es wohl einfach nicht. Wenn ich es zulassen würde, würde er dich sofort wie eine heiße Kartoffel fallen lassen, ohne auch mit der Wimper zu zucken. Also tue dir selbst und deiner Selbstachtung einen Gefallen, und such dir jemanden der wirklich etwas für dich Empfindet. Du glaubst du tust mir weh? …“

„Ja, das tue ich“, fuhr sie mir lächelnd ins Wort. „Andernfalls würden wir dieses Gespräch hier gar nicht führen.“

„Nein“, entgegnete ich. „Doch vielleicht ein wenig schon. Aber weißt du was, es hat keine Bedeutung.“ Diese Aussage verwirrte sie. „Denn ich habe nach alledem noch meinen Stolz, und du hingegen …“, zuckte ich mit den Schultern. „ … bist nur eine billige …“

„Emma, Myrielle, macht euch sofort an die Arbeit. Ihr werdet nicht fürs rum stehen bezahlt!“, rief Mary am anderen Ende des Flurs. „Oh Milady, Euch habe ich gar nicht bemerkt. Entschuldigt wenn ich Euch unterbrochen habe.“

„Das macht nichts“, erwiderte ich, immer noch der wutschnaubenden Emma entgegen blickend. „Wir sind hier fertig, nicht wahr?“

„Oh ja“, erwiderte Emma meinen Blick. „Das sind wir tatsächlich.“

„Komm schon Emma!“, zog Myrielle sie von mir weg.

Sie spürte genau so wie wir, dass wenn es so weiter gegangen wäre, es nicht gut geendet hätte.

Am Arm gepackt schleppte sie Emma zur Treppe. „Was denkst du dir eigentlich dabei!“, fuhr Myrielle sie im Flüsterton an.

„Lass mich!“, schnaubte Emma, riss sich los und stampfte davon.

Auch wenn mein Gespräch mit ihr nicht so befriedigen ausgefallen war wie ich es mir erhofft hatte, war ich dennoch zufrieden. Ich hatte ein wenig meinen Dampf abgelassen, was auch bitter nötig war. Wenn sie glaubte, sie könnte mir auf der Nase rum Tanzen und ich würde es einfach so hinnehmen, dann hat sie sich mit der falschen Person eingelassen.

Ich sah den beiden hinterher, wie sie mit Mary um die Ecke verschwanden und schlenderte weiter den Gang entlang.

Es war doch etwas zufriedenstellend, ihr ein Teil meiner Meinung ins Gesicht zu sagen. Vor allem, als ihr das arrogante Grinsen aus dem Gesicht fiel.

Aber eigentlich … konnte sie nichts dafür, dass John ihr Hoffnungen machte. Das war nicht richtig von ihm. Nur um mir eins auszuwischen, mit ihren Gefühlen zu spiele … besonderes wenn sie auch so schon über beide Ohren in ihn verliebt war.

Was wollte er damit beweisen? Das er auch eine andere kriegen konnte? Das sollte er doch auch!

Aber musste es unbedingt Emma sein? Er wusste doch genauso wie ich, dass es keine Zukunft hatte. Sein Vater würde das nie erlauben.

Vertieft in meine Gedanken lief ich die Flure runter und kam am Ende zu einer Treppe, die hinunter in einen großen Garten führte.

Die östliche Terrasse, erkannte ich und blickte über das architektonische Kunstwerk.

Sie war in einem Halbkreis ausgerichtet, in dessen Mitte sich ein runder Brunnen befand, und zu dem vier gerade auf einander liegende Kies bestreute Wege folgten.

Schöne Statuen und Blumenmuster zierten die Rasenflächen dazwischen. Wunderschön und Bemerkenswert.

Ich war schon seit Wochen hier und kein einziges Mal hier gewesen. Warum? Diese Aussicht war auf jeden Fall Sehenswert. Und ich fragte mich, ob sie zu meiner Zeit genauso aussah, denn ich kam leider nicht dazu sie zu Besichtigen. Ganz langsam stieg ich die Treppen runter und sah mich ehrfürchtig um.

Nahm die Einzigartigkeit und Schönheit dieses wunderschönen Gartens in mich auf und schlenderte schließlich den kiesbestreuten Weg zum Brunnen runter. Frauenfiguren mit verschiedenen Gesten und Elefantenstatuetten auf Sockeln zierten den Pfad. Der Garten strahlte in seiner ganzen Pracht, trotz der winterlichen Temperaturen. Denn die Luft war eisig und es roch nach Schnee.

Es fröstelte mich ein wenig, ich schlang die Arme um mich und wanderte weiter, bis ich eine weiße Sitzbank entdeckte, die wie perfekt in diesen märchenhaften Garten passte, und begab mich dort hin.

Ich ließ mich nieder, zog die Beine hoch und bedeckte sie mit meinem langen Kleid, um sie vor der Kälte zu schützen. Umschlang sie und legte den Kopf auf den Knien ab.

Emmas gehässiges Grinsen ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Aber auch Johns wütender Abgang.

Er war Sauer. Zu Recht. In einem anderen Leben würde ich ihm Recht geben, aber in diesem …

Er wollte einfach nicht begreifen, dass es richtig war. Für mich gab es kein Platz in seiner Geschichte oder in der Geschichte überhaupt.

So sehr ich es auch wollte … aber das, was ich wollte, spielte keine Rolle.

Meine Anwesenheit hier hatte auch so schon genug angerichtet. Menschen sind gestorben. Menschen, die mir am Herzen lagen. Einige von ihnen mehr als andere. Von denen ich nie geglaubt hätte, sie je kennenlernen zu dürfen. Aber ich war dankbar, dass ich das durfte.

Eine nach der anderen kullerten die Tränen seitwärts meiner Wange runter.

Es war wie ein Fluch! Ich war verflucht! Alles und jeder, der mir Lieb und teuer war, verließ mich. Ob in der Zukunft oder in der Vergangenheit. Erst mein Dad, dann meine Mum und jetzt Jeff …

Und John … den ich nicht haben durfte, … den Stoß ich selber von mir weg! Warum musste alles so kompliziert sein?

Heulend schniefte ich in mein Kleid. Es tat so weh wie tausend Nadelstiche. Womit hatte ich diesen Schmerz bloß verdient?

„Oh Gott, bitte, bitte erlöse mich …“, bettete ich und spürte, wie mir etwas über die Schultern gelegt wurde. Erschrocken zuckte ich hoch …

„Ich sehe, wir hatten beide die gleiche Idee“, stand Sir Henry vor mir. „Aber ich denke, dass du dich zu dieser Jahreszeit etwas wärmer anziehen musst, wenn du die Aussicht hier genießen willst“, sagte er lächelnd und setzte sich neben mich. Ich wischte mir heimlich die Tränen weg und sah über meine Schultern. Er hatte mir seine Jacke darübergelegt, während er selbst jetzt nur in seinem Leinenhemd da saß.

„Danke“, sagte ich. „Aber ich bin eigentlich nicht wegen der Aussicht hier.“

„Ich weiß“, erwiderte er betrübt. „Ich sehe diesen Schmerz in deinen Augen, den du tagtäglich mit dir trägst.“

Ich schwieg und umfasste meine Beine fester.

„Weißt du, du darfst ihm sein Benehmen nicht verübeln. Er versucht nur zu verstehen, warum du ihn abweist. Eigentlich versteht es keiner von uns, denn ihr beide mögt euch, sogar mehr als das.“

Ich wollte etwas einwenden, doch er schnitt mir das Wort ab. „Und wage bloß nicht es abzustreiten“, sah er mich mit einem gespielten Ernst an, dem ein Lächeln folgte. Ich schloss den Mund und legte das Kinn auf meinen Knien ab.

„Ob wir uns mögen oder nicht, … das ist nebensächlich“, sagte ich.

„Liebe ist nie nebensächlich Annabelle.“

Irgendwie kam mir das bekannt vor. Dachte ich an Edward. „Aber was, wenn diese Liebe auf vielen unglücklichen Menschen basieren würde?“

„Im Moment sehe ich nur zwei ziemlich unglückliche Menschen hier“, sagte er.

„Ihr versteht das nicht“, sagte ich und betrachtete ich nachdenklich das Muster meines Kleides.

„Ich verstehe nur all zu Gut, welche Trauer du empfindest. Auch ich habe lange in meiner Trauer gelebt, … als unser kleiner Sonnenschein starb.“

Der Schmerz in seiner Stimme war unüberhörbar, selbst nach all den vielen Jahren. Ich schloss die Augen und fühlte, wie meine Tränen in mein Kleid fielen.

„Doch die Wege des Herrn sind unergründlich“, sprach er weiter. „Und endlich verstehe ich, was man damit meint. Denn lange Zeit habe ich an ihm gezweifelt. Aber dann, schickte er uns dich meine Kind“, betrachtete er mich innig. „Und du bist ihr in so vielen Dingen ähnlich …“

War ich das? Schaute ich nachdenklich auf mein Kleid. „Habt Ihr mich deshalb für sie ausgegeben und wollt mich bei euch aufnehmen?“

„Nein mein Kind, auch wenn es so scheinen mag.“

„Aber wieso dann?“

„Du hat deine Familie verloren, und wir unsere Tochter. Ich denke, dass wir uns auf eine seltsame Art gegenseitig brauchen. Auch wenn unsere Motive etwas egoistischer aussehen mögen, weil du uns so sehr an sie erinnerst“, sagte er den Blick nach vorn gerichtet. „Weißt du, du würdest uns sehr glücklich machen, wenn du es erwägen würdest, zu unserer Familie zugehören. Ich weiß, die Dinge haben sich in der letzten Zeit ziemlich überschlagen, und einiges wurde über deinen Kopf hinweg entschieden … und vielleicht kommt diese Frage ein wenig zu Spät … aber möchtest du, zu meiner Familie gehören? Zu uns kommen? Und bei uns Leben? Wir verlangen nicht das du den Platzt unserer Tochter einnimmst, keiner von uns tut das. Wir möchten nur, dass du uns die Ehre erweist an deinem Leben teilzunehmen.“

Ich sah in an und merkte, dass er Tränen in den Augen hatte. „Auch wenn du mir jetzt vielleicht noch nicht glauben magst, aber ich haben dich in der Zwischenzeit wie meine eigene Tochter liebgewonnen“, schaute er zu mir.

„Aber Ihr kennt mich doch gar nicht“, wand ich ein.

„So Seltsam es auch klingt, aber seit dem ersten Tag unserer ersten Begegnung, hat mein Herz dich, als mein eigen Fleisch und Blut angesehen. Seltsam, nicht wahr?“

Nicht wirklich, überlegte ich. Denn in diesen einen vergangenen Monat, war so einiges seltsames passiert. Und allem voran stand die Tatsache, dass ich im Jahr 1358 war.

„Nicht im Geringsten“ erwiderte ich und sah ihn leicht lächelnd an.

In diesen einen Moment, in dem mich seine gütigen Augen anstrahlten, glaubte ich ein Stück von meinem Vater in ihm zu erkennen. Er hatte denselben warmherzigen Blick.

„Es wäre mir eine Freude in Eure Familie aufgenommen zu werden“, sagte ich. Auch wenn ich mir etwas unsicher war, was diese Entscheidung anging, wusste ich, dass es mir bei ihnen Gut gehen würde.

Ich wusste sowieso nicht, wohin ich sollte, wenn Edwards Suche erfolglos ausging. Das war die beste Lösung.

Freudestrahlend zogen sich seine Mundwinkel auseinander. Es sah aus, als fiele ihm ein Stein vom Herzen. „Komm meine Kleine, …“, sagte er. „ … ich bringe dich wieder zurück in deine Gemächer, damit du dir noch etwas Ruhe gönnen kannst. In der nächsten Stunde brechen wir auf.“

 

Er begleitete mich zurück in das Schloss, rauf in mein Zimmer. Wo Maggi bereits auf mich wartete.

„Du machst uns mit deiner Entscheidung mehr als Glücklich“, sagte er und gab mir zum Abschied einen Väterlichen Kuss auf die Stirn.

Ich fand nichts egoistisches an ihren Motiven. Im Gegenteil, das war das selbstloseste was mir je geschah.

Ich schloss die Tür zu meinem Zimmer und bemerkte, dass ich immer noch seine Jacke um hatte. Aber es war so Kalt, trotz des Feuers in dem Kamin, dass ich beschloss sie anzubehalten.

Ich hatte noch eine Stunde bis ich dieses Zimmer und dieses Schloss für immer verlassen würde. Auch wenn es eine kurze Zeit war, die ich hier verbringen durfte hatte ich mich an alles gewöhnt.

Cassandras Worte fielen mir plötzlich wieder ein, was mir ein leichtes Lächeln auf die Lippen zauberte. Wenn sie das wüsste, dass ich ihr mal recht geben würde, würde ihr das selbstgefällige Grinsen auf Ewig auf ihren Lippen gefrieren!

Aber trotz allem hatte sie Recht, man konnte sich hier wirklich wohl fühlen.

Ich schaute über das Zimmer, das in den vergangenen Wochen mein zu Hause war und ließ alle Erinnerungen noch Mal Revue passierten.

Wie verstört ich war, als ich hier das erste Mal aufgewachte, erinnerte ich mich.

Da hielt ich das alles noch für einen Traum.

Ich schaute schmunzelnd zum Bett, an dem ich John schlafend vorfand. Er sah so friedlich aus, als sein Kopf neben meinem Kopfkissen ruhte. Ich konnte ihn fast vor mir sehen. Diese Erinnerung wühlte all die Emotionen von damals wieder auf. Ein Knoten bildete sich in meinem Hals und ich schloss schmerzlich die Augen.

Warum machte ich das? Ich wusste doch wohin das führte, dachte ich und atmete stockend aus.

„Milady, geht es Euch nicht Gut?“, machte Maggi auf sich aufmerksam. Ich öffnete die Augen und versuchte, zu lächeln.

Ich wusste, nicht ob sie die Tränen in meinen Augen bemerkte, denn sie schaute mich in letzter Zeit immer so traurig an.

„Ich werde dich vermissen Maggi“, sagte ich und konnte das Wasser in meinen Augen nicht mehr verbergen.

Sie war mir wirklich in der ganzen Zeit ans Herz gewachsen. Auch wenn mir ihr Geplapper anfangs auf die Nerven ging, jetzt würde es mir fehlen. Ihre Lebensfreude würde mir fehlen.

Auch bei ihr brachen alle Dämme und sie kam heulend auf mich zu. Umarmte mich und schluchzte in meine Schulter.

„Ich werde dich auch vermissen Annabelle“, sagte sie, und das war das schönste Abschiedsgeschenk, das sie mir machen konnte. „Du warst die beste Herrin, die man sich wünschen konnte. Und ich bin glücklich dir begegnet, zu sein.“

„Danke Maggi“, sagte ich, löste mich und fächerte mir Luft zu, um die Tränen zu stoppen.

Wir sahen uns schmunzelnd an und lachten über unser Benehmen auf.

Die nächste halbe Stunde saßen wir auf meinem Bett und quatschten über alles und jeden. Erzählten uns Geschichten voneinander.

Natürlich musste ich meine etwas umformen, aber im Grunde blieben sie dieselben.

Diese halbe Stunde verflog wie im Flug und war die schönste seit Wochen. Es war eins dieser Freundinnen Gespräche, die ich aus dem Fernsehen kannte, selbst aber nie hatte. Weil ich Freundschaften mied. Doch ich hatte etwas verpasst, stellte ich fest.

Es war ein schönes und entspanntes Gefühl, sich so ausgelassen mit einer Person zu unterhalten.

„Und … wie geht es für dich jetzt weiter?“, fragte ich.

„Ich weiß nicht“, zuckte sie mit den Schultern. „Wenn man mich hier nicht mehr benötigt, werde ich wohl zu Hause bleiben. Vielleicht kriegen wir ein Paar Kinder. Joshua hat da was angedeutet“, lächelte sie.

„Aber Maggi, du doch noch so Jung.“

„Denkt Ihr … oh, ich meine du. Entschuldige“, grinste sie über ihren Versprecher.

„Macht nichts“, erwiderte ich ihr Grinsen.

„Und wann erklärst du mir, was dieses eine Wort bedeutet? Wie hieß es noch mal …“, überlegte sie.

„Termin“, erinnerte ich mich schmunzelnd.

„Ja genau“, sagte sie.

„Irgendwann mach ich es, versprochen“, sagte ich, als ein Klopfen an der Tür erklang.

Wir warteten, doch es trat keiner ein. Stutzig sahen wir einander an und es klopfte noch einmal.

„Da scheint aber jemand ziemlich Höflich zu sein“, sagte Maggi und ging zur Tür um sie zu öffnen. „Milord?!“, Knickste sie überrascht.

„Guten Tag Maggi. Ich würde gerne mit Lady Annabelle sprechen“, sagte John.

Ich hielt vor Schreck den Atem an.

„Verzeiht Milord …“, schielte Maggie fragend zu mir. Ich signalisierte ihr mit den Händen ihn nicht reinzulassen, was sie verstand. „Aber Milady kann Euch in Moment nicht Empfangen“, sagte sie.

„Ach kann sie das nicht?!“, brauste er auf. „Verflucht jetzt reicht’s mir mit den Höflichkeiten, geh mir aus dem Weg!“, sagte er, schob sie zur Seite und trat ein.

Was … was machte er den?! Sprang ich sofort vom Bett auf.

„John du solltest gehen!“, wies ich bestimmt an.

„Und ich denke, du solltest mich wohl oder übel Empfangen!“, erwiderte er Stur und hielt mir etwas Goldiges hin.

Ich schürzte verwundert die Augen und nahm es ihm ab.

Bonbonpapier! Schaute ich erstaunt hoch. „Wo hast du das her?!“

Er fuhr sich aufgewühlt durch die Haare und sah zu Maggi, die uns verstört betrachtete.

„Ehm … ja … Margret, lässt du uns bitte Mal allein“, versuchte ich die Aufregung in meiner Stimme zu verbergen.

„Ja Ann …, äh … Milady“, sagte sie verwirrt. Trat hinaus und schloss die Tür. Sobald sie weg war, stieg meine Aufregung ins Unermessliche.

„Wo hast du das her?“, wiederholte ich mich.

John sah mich energisch an, löste sich und ging zum Fenster. „Edward!“, sagte er knapp.

„Er ist wieder da?!“, riss ich die Augen auf. „Hat er etwas gefunden? Warum ist er nicht selber hier? Ich muss sofort mit ihm sprechen!“, brabbelte ich übernervös und lief zur Tür.

„Annabelle!“

„John ich habe jetzt keine Zeit. Ich muss …“

„Sie haben nichts gefunden!“, rief er mir nach und stoppte mich damit.

Was? Stand ich bewegungslos in der Tür. Sie haben … nichts gefunden …? Das kann nicht sein! Sie müssen etwas gefunden haben! Sie mussten einfach!

„Woher weißt du das?“, drehte ich mich Zittrig um. Das konnte nicht stimmen! Durfte nicht stimmen! Alles in mir beschwor ihn seine Worte zurück zunehmen, aber er tat es nicht! Warum tat er es nicht?!

„Das liegt doch auf der Hand!“, wies er auf den Gegenstand in meinen Händen.

„Aber … aber …“, stotterte ich und sah auf das Bonbonpapier. „Warum … ist Edward nicht selber hier um mir das zu sagen?“

„Weil ich ihm gesagt habe, dass ich das für ihn übernehmen!“, erwiderte er.

Sie haben nichts gefunden … wiederholte ich seine Worte, während ich das einzige betrachtete, was mir von meiner Weil übrigblieb.

Meine einzige Hoffnung auf die ich gebaut hatte, verschwamm unter meinen Tränen. Stocken holte ich Luft und sah wieder hoch. John fuhr sich gerade entrüstet über das Gesicht.

„Ist er sich Sicher?“, fragte ich in der Hoffnung, seine Antwort würde sich ändern.

„Ja. Sie haben alles durchkämmt.“

Ich ließ meine Augen wieder fallen. Betrachtete das letzte Überbleibsel meines vergangenen Lebens. In das ich, was jetzt zu hundert Prozent sicher war, nie wieder zurückkehren würde.

„Das einzige was sie gefunden haben ist das hier! An einem Baum! … Ich mein, … was ist das Überhaupt!“, drehte er sich missgelaunt um und wies auf mich.

Er meinte das, was ich den Fingern hielt und was ich so innig betrachtete. Ich klammerte mich förmlich daran, an das letzte was von meinem zu Hause übrig war.

„Es ist… ein Bonbonpapier“, wisperte ich.

Es gab kein Ausweg, … ich würde hier nie wieder wegkommen … begriff ich jetzt, was meinen Atem unmerklich beschleunigte.

Wie in Trance ging ich wieder durch die geöffnete Tür zurück zu meinem Bett und setzte mich auf die Kante.

Ich konnte es nicht glauben … wollte es nicht glauben … es war alles vorbei. Zu Ende! Es gab nichts was ich noch tun konnte. Nichts …

Johns Stimme riss mich aus meiner Depression wieder heraus.

„Ein, Was?“, fragte er überreizt.

„Ein Bonbonpapier“, wiederholte ich und fühlte Tränen mein Gesicht runter rennen.

„Na jetzt weiß ich ja Bescheid“, entgegnete er Sarkastisch und riss die Hände in die Luft. „Es ist ein Bonbonpapier!“

„John, ich habe jetzt nicht die Kraft dir zu erklären was das ist!“, erwiderte ich in demselben erregten Ton.

„Natürlich nicht! Du erklärst und erzählst mir ja überhaupt nichts. Weißt du Ann, in unserer Träumen warst wesentlich gesprächiger!“, schrie er fast. „Du redest nicht mit mir! Gehst mir andauernd aus dem Weg! Flüchtest regelrecht!“ Verlor er merklich die Beherrschung. „Warum Ann? Warum tust du das? … Gott!“, fuhr er sich überspannt durchs Haar.

„Ich konnte es dir nicht sagen. … und damit hatte ich auch Recht. Du hättest deine Augen sehen sollen, als du es erfahren hast.“

„Wenn ich es früher erfahren hätte und von dir, anstatt von meinem Bruder. Hätte ich vielleicht anders Reagiert. Ich habe es eigentlich schon geahnt, du hättest es nur bestätigen müssen. … aber nein! Du redest mit jedem anderen außer mir! Edward! Jeff! Wer weiß noch Bescheid?!“

„Niemand“, erwiderte ich.

„Na sie Mal an, es scheint, dass du mir als einzigen Misstraust!“

Er war so wütend, fast rasend und verzweifelt.

„Ich misstraue dir nicht. Ich musste dir nur aus dem Weg gehen“, sagte ich.

„Verflucht Annabelle, warum machst du das?“, ließ er sich Müde auf dem Stuhl nieder, beugte sich vor und krallte sich seine Finger ins Haar. „Du hast mir doch sonst immer Vertraut und alles erzählt“, schüttelte er den Kopf.

„John, … das war nicht Echt.“, erwiderte ich.

„Wie kannst das sagen?“, schaute er wieder hoch. „Du bist hier … wir beide stehen uns gegenüber. Real! Nicht mehr in unseren Träumen“ wand er ein, stand auf und kam ums Bett. „Das hier ist die Realität Ann“, schaute er auf mich runter. „Wir beide zusammen.“

„Du verstehst es einfach nicht“, sagte ich.

„Dann erklär's mir!“, wurde wieder Laut.

„Das kann ich nicht!“, entgegnete ich im selben Ton. „Je weniger du weist, desto besser ist es für dich, … warum verstehst du es nicht? Es ist doch so einfach.“

„Ja, für dich vielleicht“ entgegnete er scharf und fing an durch den Raum zu tigern. „Wenn du glaubst, dass ich mich so einfach abspeisen lasse, dann irrst du dich!“ Blieb er stehen. „Ich weiß du kommst aus der Zukunft. Ziemlich weit sogar. Was ich niemals erahnt hätte, auch wenn das was ich sah, als wir uns trafen eigenartig, fand. Aber jetzt bist du hier und ich lass dich nicht mehr gehen!“

„John, dass, was du willst, könnte alles verändern.“

„Ja wir könnten glücklich werden!“

„Nein, es könnte die Zukunft verändern. Ich, meine Mum oder Granny, könnten nie geboren werde. Geschweige denn von den Veränderungen in deinem Leben. Was das auslösen könnte, kann ich gar nicht errechnen“, versuchte ich es ihm zu erklären und schaute ihn dabei genau an.

„>Könnte< Annabelle ist das richtige Wort. Das heißt nicht, dass es so sein muss!“

„Versteh doch, dein Leben muss nach den historischen Vorlagen verlaufen. Sonst hat das gewaltige Konsequenzen. Wir beide können einfach nicht zusammen sein …“, schluckte ich den stechenden Schmerz runter und sah auf meine Hände, die sich noch immer an das Papierchen klammerten. Es gab kein >könnte in diesem Szenario, denn es gab bereits eine Veränderung.

Eine Wichtige! Blanches Tod! Die beiden würden nie Heiraten, nie Kinder kriegen. Ich erinnerte mich, das Mrs. Williams erzählt hatte, dass seine Nachkommen sehr wichtig für die englische Krone waren. Und jetzt, … durch mein Einmischen würden sie nie geboren werden.

„John, es ist schon etwas passiert“, sagte ich.

„Was?“ Seine Stimme klang überrascht.

„Blanche.“

„Oh Ann, nicht schon wieder“, verdrehte er entnervt die Augen. „Wie lange willst du noch drauf rum reiten. Sie ist viele Jahre vor dir gestorben, …“, sagte er und stoppte Abrupt, als hätte er ein Geistesblitz. „Was wäre, … wenn du Blanche bist.“

„Was? Jetzt drehst du vollkommen durch!“, erwiderte ich.

„Ann, die Grosmonds …“

„ … haben mich nur bei sich aufgenommen“, fiel ich ihm ins Wort.

„Als ihre Tochter!“, fügte er hinzu.

„John, hör auf! Du greifst nach dem letzten Strohhalm.“

„Natürlich tue ich das. Was soll ich den sonst tun?!“

„Nein“, schüttelte ich den Kopf. „Warum bist du wirklich hier? Um mir Schuldgefühle einzureden?“

„So etwas hatte ich nicht vor“, sagte er.

„Also wieso dann? Edward hätte mir auch selber sagen können, dass er nichts gefunden hat“, sah ich ihn abwartend an.

Er stieß einen tiefen Seufzer aus. „Ich wollte dir etwas geben“, sagte er und holte einen schwarzen Samtbeutel aus seiner Jackentasche hervor.

„Was ist das?“, schaute ich verwirrt.

„Ein Geschenk“, sagte er.

„John du musst mir nichts schenken.“

„Sie es dir einfach Mal an“, reichte er es mir rüber.

Ich überlegte einen Moment, nahm es aber dann doch. Zögernd zog ich an dem Bändchen, das um den Beutel geschnürt war.

Er sagte nichts, schaute mir nur Aufgeregt dabei zu. Es schien ihm sehr wichtig zu sein, was ich davon halten würde.

Ich zog das Band ab, neigte den Beutel und ließ den Gegenstand vorsichtig auf meine Hand herausfallen.

„Meine Kette?“, erkannte ich und hielt einen Moment inne. „Wo hast du sie gefunden?“, sah ich hoch.

Er trat etwas auf der Stelle. „Na ja, es ist nicht ganz deine …“, gab er nervös zu.

Misstrauisch beäugte ich die Halskette. Wenn es nicht meine war … überlegte ich.

„Die … Halskette ist ein Geschenk von meiner Mutter … und der Anhänger … von mir. Obwohl ich mir über die Übereinstimmung nicht ganz sicher bin, weil ich ihn mir nie so genau angeschaut habe …“

„Es ist Perfekt!“, unterbrach ich ihn strahlend.

Auch er lächelte, als er meine Freude sah. Ich war so überwältigt, dass ich ihn am liebsten sofort um den Hals gesprungen wäre. Ließ es aber sein, weil das die ganze Situation nur noch verschlimmern würde.

„Gefällt es dir?“, fragte er sichtbar aufgeregt.

„Es ist das schönste Geschenk, dass du mir je machen konntest, Danke“, sagte ich strahlend.

Ich war überglücklich. Auch er schien mehr als Zufrieden zu sein, dass es mir gefiel.

„Ehm …“, fuhr er sich befangen in den Nacken. „Da ich nicht wusste welche Gravur dein Anhänger beinhaltete, habe ich mir die Freiheit genommen etwas von mir ein zu Gravieren. Na ja, … ich dachte … so hast du eine Erinnerung … an mich“, sagte er den Blick auf den Anhänger gerichtet.

Ich sollte es öffnen, gab er mir damit zu verstehen. Ich schaute unschlüssig auf das Medaillon …

Die Angst was drinstehen könnte, schnürte mir die Kehle zu. Aber es war ihm sehr wichtig, dass ich es sehen sollte. Denn er schaute angespannt abwechselnd auf mich und das Medaillon.

Ich zögerte, denn ich wusste was er damit bezwecken wollte. Ich wollte seine Freude nicht zerstören, denn egal was in diesen Medaillon drin stand, es würde meine Meinung nicht ändern.

Irgendwann, würde ich es ganz sicher öffnen. Aber nicht Heute. Das alles tat noch zu sehr weh.

Vielleicht in ein paar Monaten … überlegte ich den Blick auf den Anhänger gerichtet. Aber so wie mein Herz im Moment schmerzte, ahnte ich, dass es doch länger dauern könnte. „John, ich kann …“

 

„Emma? Was tust du hier?!“, schallte die Stimme von Lady Isabel aus dem Flur.

Wie erstarrt schaute ich zur Tür. Sie war offen!

Hatte ich sie nicht geschlossen? Versuchte ich mich zu erinnern.

Oh nein … sie war die ganze Zeit über geöffnet! Mein Puls stieg sekündlich an.

„Milady … ich habe nur …“, stockte sie.

Gelauscht! Sie hatte Gelauscht! Wie viel hatte sie mitbekommen?

Verängstigt blickte ich zu John, der meine Sorge zu spüren schien. Denn er bewegte sich mit großen Schritten zur Tür und riss sie vollständig auf. „Milord!“, erzitterte die Stimme von Emma.

„Was machst du hier!“, knurrte er und trat hinaus.

„Milord, es tut mir Leid. Ich wollte das nicht! Bitte!“, hörte ich ihr Flehen, das sich unter einem wütenden Stampfen entfernte. „Milord … John, bitte … a-a-au-a, du tust mir weh!“

Ich rannte zur Tür und sah wie er sie wütend am Arm gepackt den Flur runter zerrte. „John …!“, flehte sie.

„Für dich immer noch Sir John“, fauchte er Wütend. „Unterstehe dich so Respektlos zu sein“, knurrte er während er sie um die Ecke zog.

Sorgevoll schaute ich zum Ende des Flurs. Was würde er jetzt wohl tun? … fragte ich mich.

War aber mehr darüber besorgt wieviel sie gehört hatte, als was mit ihr geschehen würde.

„Also wenn das nicht unbedingt beabsichtigt war, …“, sagte Lady Isabel, während sie in dieselbe Richtung blickte. „ … hätte ich an eurer Stelle die Tür geschlossen.“

Danke für den Tipp! Meldete sich mein Sarkasmus.

Aber sie hatte Recht, es war meine Schuld. Ich hatte in meiner Trauer vergessen die Tür zu schließen.

Verdammt! Schloss ich die Augen und spürte die Angst in mir hochsteigen.

„Liebes geht es dir gut? Du bist ja so blass“, fragte sie und überblickte mich besorgt.

„Ehm … ja …“ erwiderte ich.

Auweia … hoffentlich hatte sie nicht zu viel gehört, schaute ich wieder in den Gang und fühlte wie sich mein Magen verkrampfte.

„Ach wie schön, du hast ja deine Halskette wieder“, lächelte mich Lady Isabel an und holte mich damit zurück.

„Ehm … nein, das ist nicht meine. Das ist ein Geschenk … von John“, sah ich auf die Kette, die um meine Finger gewickelt war.

„Das ist aber sehr aufmerksam von ihm“, lächelte sie.

„Ja … ist es“, erwiderte ich, als mir wieder der Anhänger und dessen Inhalt einfiel.

Vielleicht sollte ich es mir ja doch ansehen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, es könnte wichtig sein.

„Annabelle ? …“, hörte ich wieder Lady Isabel.

„Ja ? …“, sah ich zerstreut hoch.

„Bist du fertig?“

„Wofür?“, fragte ich durcheinander.

„Wir fahren demnächst. Du muss langsam runter kommen, wir müssen uns noch verabschieden.“

„Ah-h, ja, ja. Ich bin fertig“, kam ich wieder zu mir. „Ich brauch nur noch ein paar Minuten“, sagte ich mit Blick auf den Anhänger gerichtet. Ich musste mich Entscheiden, reinschauen oder nicht.

„Ist schon gut kleines“, sagte sie. „Komm runter, wenn du so weit bist. Wir warten vor der Kutsche.“

Sie ging und ich schloss die Tür hinter mir. Mit dem Blick auf den Anhänger lief ich im Zimmer auf und ab.

Es konnte doch nicht so schwer sein sich zu entscheiden, rollte ich mit den Augen.

Entweder machst du es jetzt, oder du gehst! Wies ich mich an.

„Verdammt!“, blieb ich Sauer stehen. Komm schon, geb dir ein Ruck! Stupste mich mein Unterbewusstsein.

„In Ordnung …“, flüsterte ich, atmete schwer aus und verengte die Augen.

„So schlimm wird es schon nicht sein.“

Ich ging zum Bett, setzte mich auf die Kante und spielte zögernd mit dem Anhänger zwischen meinen Fingern. Fühlte wie mein Puls und meine Nervosität langsam stiegen.

Konzentriert atmete aus, kämpfte noch eine Sekunde mit meiner Unentschlossenheit, … „Okay, mach es auf“, flüsterte ich und legte den Daumen auf den Druckknopf …

Es klopfte unerwartet an der Tür, was mich vor Schreck zusammenfahren ließ.

Es war Zeit, schaute ich zur Tür. Pakte die Kette wieder in den Samtbeutel und verstaute sie in der Tasche meines Kleides.

Ich würde später rein schauen, vertröstete ich mich und hörte es erneut an der Tür klopfen.

„Ich komme“, rief ich, nahm die Jacke von Lord Grosmond und ging zur Tür.

 

 

 

19

 

 

 

Kapitel 19

 

 

 

 

„Emma? Was machst du hier?“ schaute ich überrascht, als ich die Tür öffnete.

Sie stand in der Tür, mit einer ausdruckslosen Mine. Die mich im ersten Moment stutzig werden ließ.

Also sie war die Letzte, die ich erwartet hätte.

„Eure Kutsche … MILADY!“, ließ sie ihre Augen abwertend über mich gleiten.

Okay, unsere Auseinandersetzung von heute Morgen werden wir wohl vertiefen müssen. Geschweige den das Lauschen an der Tür! Schürzte ich genauso abwertend die Augen.

„Ich komme gleich runter“, entgegnete ich trocken.

„Aber sicher Tut. Ihr. Das!“, sagte sie und schritt plötzlich auf mich zu. Automatisch wich ich zurück.

„Was ist dein Problem?“, fragte ich. Betrachtete ich sie skeptisch und sah zu, wie ihre Augen mich Hass erfühlt durchbohrten.

„DU!“, sagte sie knapp.

O-okay, das „Ihr“ war schon Mal Geschichte. Musterte ich ihren Blick und versuchte herauszufinden, was sie vorhatte.

„Du bist mein Problem!“, sagte sie und machte wieder einen beharrlichen Schritt auf mich zu. Doch diesmal wich ich nicht zurück.

„Wenn's weiter nichts ist! …“, erwiderte ich ihr gehässiges Minenspiel. „Dann ist dein Problem in ein paar Minuten gelöst!“

„Leider ist dem nicht so!“, sagte sie und etwas in ihrer Stimme ließ mich erahnen, dass sie unsere morgendliche Auseinandersetzung zu Ende bringen wollte. „Außerdem ist es zu Spät!“, zuckte sie mit den Augenbrauen.

Ich betrachtete sie kurz. Die Art wie ihre Augen mich an funkelten, machte mich misstrauisch.

„Es würde schneller gehen, wenn du mir aus dem Weg gehst“, antwortete ich scharf.

„Nein“, verzog sich ihr Mund zu einem Lächeln, das die Augen nicht erreichte. „So leicht kommst du mir nicht davon! Du hast mein Leben zerstört!“

Wie bitte? Wir kannten uns doch praktisch kaum! „Übertreib Mal nicht! Wir sind uns nur ein paar Mal begegnet!“, entgegnete ich.

„Ich habe ein Jahr auf ihn gewartet!“, fiel sie mir wütend ins Wort. „Ein Jahr! Und dann tauchst du auf?! … Seit er wieder zurück ist, ist er nicht mehr der gleiche! Von dem Zeitpunkt, als sie dich hier angeschleppt haben, hat sich alles verändert!“, schrie sie und bewegte sich weiter auf mich zu. Ich wich zurück, erschrocken über die Heftigkeit ihres Wutausbruchs.

„Er, hat sich verändert! Ich weiß nicht, was du mit ihm angestellt hast, aber er ist nicht mehr derselbe der er war!“

„Jetzt krieg dich Mal wieder ein! Ich hab gar nichts gemacht!“, entgegnete ich. „Wenn du was mit John zu klären hast, dann geh zu ihm!“

„Er war Mein!“, schrie unbeeindruckt weiter. „Mein! Und du hast ihn mir weggenommen!“, flossen ihr die Tränen vor Zorn.

Das, was in ihren Augen aufblitzte, war nicht nur Eifersucht, sonder Verzweiflung.

„Emma …“, versuchte ich etwas zu sagen, doch sie ließ es nicht zu.

„Schweig!“, brüllte sie und kam wieder näher, bis ich mit den Rücken gegen den Bettpfosten stieß.

„Ich habe alles Verloren! Alles! Mein Zuhause! Meine Stellung! Meine Liebe!“, zischte sie. All ihre Gesichtszüge zuckten maßlos in ihren Zorn.

Jetzt verstand ich was sie meinte … Er hatte sie rausgeworfen!

„Emma …“, versuchte ich es ruhiger …

„Schweig!“, fiel sie mir wieder Lautstark ins Wort. „Aber ich werde dafür Sorgen, dass du meinen Schmerz Nachempfinden kannst!“, zischte sie aufbrausend durch die Zähnen. „Du sollst spüren wie es ist, wenn einem das Herz raus gerissen wird!“, bebte ihr Kinn.

Sie wollte, dass ich ihren Schmerz nachempfinde? Dafür war es zu Spät.

So viele Qualen, die ich in der letzten Zeit ertragen musste … Nichts was sie mir antun könnte, würde so schlimm sein, wie das was ich in den letzten Wochen durchlebt hatte.

„Du kannst nichts tun, was schon passiert ist.“, entgegnete ich ihren eiskalten Blick. Wenn sie dachte, das sie die einzige mit einem gebrochen Herzen wäre, dann hatte sie sich geirrt.

Seit dem Zeitpunkt, als mir bewusst wurde wo ich mich befand, und wer John wirklich war … Seit mir klar wurde, dass ich meine Familie nie mehr wiedersehen würde und dass all meine Anstrengungen umsonst waren, zerbrach mein Herz jeden Tag Stück für Stück.

Und schließlich Jeff … nachdem er starb … blieb in mir nur Leere übrig. Eine tiefe Leer, die mit nichts zu füllen war.

So verschieden wie sie dachte, waren wir gar nicht. Sie konnte John nicht haben, und ich durfte nicht. Egal wie sehr ich es mir auch wünschte. Aber das widersprach sich mit meiner Moral. Ich würde niemals, meine Bedürfnisse über seine stellen.

„Du meinst du hast schon genug gelitten?“, schürzte sie Zorn verzerrt die Augen. „Das war noch gar nichts, gegen das was dich erwartet!“, fletsche sie die Zähne.

Ich betrachtete sie, in den Versuch zu verstehen was sie mir damit sagen wollte. Hatte sie vor mich Umzubringen? Denn so wie sie vor Wut zitterte, war es ihr durchaus zuzutrauen.

Auch sie schaute in mein verwirrtes Gesicht und verzog ihre Mundwinkel zu einem gehässigen überlegenen Grinsen. Wendete sich leicht zur Tür, ohne mich aus dem Augen zu lassen.

„Eremit!“, rief sie und das Grinsen vertiefte sich.

>ERE - Was?! < Schaute ich von ihr zu Tür und sah wie eine dunkle Gestalt das Zimmer betrat.

Vollkommen in schwarz gehüllt, von Kopf bis Fuß, stand er bewegungslos in der Tür. Die Kapuze weit nach vorn gezogen, dass man das Gesicht nicht erkennen konnte.

Irgendwie erinnerte mich sein Erscheinungsbild stark an Herr der Ringe. Die schwarze Kapuzengestalt sah dem Nazgûl, dem Ringgeist aus dem Film zum Gruseln ähnlich.

Scheiße! Hielt ich vor Schreck den Atem an. Schlucke vor aufsteigender Angst. Und zuckte schließlich zusammen, als er auf einmal in fließenden Bewegungen, fast Schwebend auf uns zukam.

Emmas grinsen wurde immer breiter, als sie die Angst in meinen Augen erkannte.

„Na! … Immer noch der Ansicht, ich kann dir nichts anhaben?!“, fragte sie mit einem niederträchtigen Grinsen.

Bang blickte ich dem verhüllten Kapuzengeist entgegen. Mein Herzschlag überschlug sich vor Panik. „Wer … ist das?“, fragte ich leicht Zittrig.

„Das wirst du schon früh genug erfahren.“, erwiderte sie.

Die Schadenfreude mit der sie diese Worte aussprach, war beängstigend und ließ mich erschauern.

Wie versteinert sah ich zu, wie sich diese schwarze Kapuzengestalt auf uns zu bewegte.

Ich hatte Recht, sie wollte meinen Tod. Doch würde sie das nicht selber erledigen. Das würde dieses, … dieser, … Oh Gott, wer war das bloß?!

Alles in mir schlotterte von seinem Anblick. Wie unwirklich rückte er immer näher und die Panik in mir wuchs ins unerlässliche, bis ich ein leichtes frösteln spürte.

„Schönen Gruß vom Reverend“, grinste Emma Boshaft.

Reverend … stockte mir der Atem. Er wurde von diesem Priester geschickt … Und sie … sie hat ihn reingelassen?

Okay die Beweggründe des Priesters waren mir einigermaßen klar. Er war total Irre, Ballaballa. Aber sie … was versprach sie sich davon? Meinte sie, sie würde so John zurückbekommen?

„Du … denkst doch nicht, das … du ihn so zurück bekommst?!“, schaute ich zu ihr. Sie zuckte leicht mit den Schultern. „Nein … Aber wer weiß. Vielleicht braucht er eine Schulter zum anlehnen, … nach Deinem … Dahinscheiden“, belächelte sie mich und schaute zu der Gestalt die neben sie trat.

Ich verstand zwar was sie sich davon versprach, aber selbst sie musste doch einsehen, dass dieser Plan nicht funktionieren konnte. Irgendwann würde John es herausfinden und dann?

Ich wollte nicht einmal daran denken, was er dann machen würde.

Sie musste doch wissen, dass er sie niemals Heiraten könnte. Auch wenn er wollte, würde sein Vater es ihm nie erlauben. Schließlich kannte ich die Pläne des Königs und sie war definitiv nicht das was ihm vorschwebte.

„Denkst du wirklich, das er dich Heiratet? Das wird der König nie zulassen“, sagte ich und schaute hin und hergerissen, von ihr zu dem schwarz gehüllten Kapuzenmann.

„Wer sagt dass ich ihn Heiraten will“, entgegnete sie leichtfüßig. „Ich bin mit der Rolle der Geliebten sehr zufrieden.“

Was? Das war nicht ihr Ernst! „Wenn das so ist, verstehe ich nicht warum du das hier tust? Ich stehe dir und deinen Plänen nicht im Weg. Draußen wartet eine Kutsche auf mich. Das heißt, du wirst mich nie mehr wieder sehen“, sagte ich, während meine Augen befangen hin und her sprangen.

„Er liebt Dich!“, erwiderte sie angewidert und ich blieb an ihren verächtlichen Blick hängen. „Und zwar Nur dich. So sehr, dass in seinem Herzen kein Platz für eine andere ist!“, schnaubte sie. „Das er irgendwann Heiraten würde wusste immer. Und das es nicht ich sein werde auch. Aber seiner Leidenschaft war ich mir immer gewiss. Bis … du aufgetaucht bist. Warum bist du, bloß nicht auf dem Schlachtfeld gestorben? Das hätte alles um so vieles einfacher gemacht!“, sagte sie.

Aber ich hatte bei dem Wort >Leidenschaft< bereits abgeschaltet.

Also hatten sie doch mehr als nur heiße Flirts! … Aber warum auch nicht? Zuckte mein Unterbewusstsein Bissig mit der Augenbraue.

Schließlich war er der Sohn des Königs! Er muss nicht fragen, wenn er etwas haben wollte. Er nahm es sich einfach. Und wenn man auch noch so aussah wie er …

OH GOTT! Wurde mir schlagartig Übel.

„Er hätte geheiratet und mich als seine Geliebte behalten. Aber jetzt …“, sagte sie und ließ wieder ihren Blick angewidert über mich gleiten. „ … braucht er niemanden, weil er nur dich will!“

Jetzt verstand ich was sie meinte, als sie sagte ich hätte ihr Leben zerstört. Ihr schöner vorgeplantes Leben, das sie sich an seiner Seite ausgemalt hatte, löste sich im Rauch auf.

„Ich bin fertig“, sagte sie und wand sich an den Kapuzenmann. „Sie gehört dir“, drehte sich um und ging zur Tür.

„Das ist aber keine Liebe“, rief ich ihr nach.

„Daran sieht man, dass du nicht weiß wovon du sprichst“, lächelte sie neckend. „Er hat mich geliebt, indem er mich geliebt hat. Wie weit bist du gekommen?“, fragte sie neckend, drehte sich um, legte die Hand auf den Türknauf und zog sie auf lachend zu.

Oooh … Gott. Kamen mir die Weintrauben hoch.

Doch auf den Beziehungsstatus, den die beiden vor mir hatten, konnte ich mich gerade nicht konzentrieren. Schließlich stand mir gerade eine fiktive Gestalt aus Herr der Ringe gegenüber.

Himmel, die Ähnlichkeit war so verblüffend und beängstigend, dass ich nicht aufhören konnte ihn anzustarren.

„Es wird Zeit dem Schöpfer gegenüber zutreten!“, donnerte es aus der Kapuze. Verdammt! Lief mir ein Angstschauer über den Rücken.

„Wer … wer bist du?“, zitterten meine Stimmbänder. Oh Gott, wenn er jetzt Nazgûl sagt, krieg ich einen Schreikrampf! Sah ich ihm stocksteif entgegen.

„Wer ich bin?“, neigte sich die Kapuze. „Ich bin der Bote Gottes!“

„Hermes?“, schoss es unüberlegt aus mir. Verdammt, mein Mundwerk war wieder Mal schneller als ein Verstand.

Halt die Klappe! Schrie meine innere Stimme Panisch. Warum meldete sich mein Sarkasmus immer im falschen Moment?!

Er erwiderte nichts.

„Kein Sinn für Humor, was? He-he …“, zuckte ich überspannt mir den Mundwinkeln.

Anscheinend nicht! Bemerkte ich und manövrierte mich um den Bettbalken, um mehr Abstand von ihm zu gewinnen.

Diese schwarz umhüllte Gestalt, hinter dessen Umhang man nichts erkennen konnte, jagte mir eine Horror mäßige Angst ein. Ließ meinen Körper versteifen und das Blut wie verrückt in meinen Adern pulsieren.

Es war klar, dass ich es diesmal nicht Überleben würde. Ich stand ihm vollkommen allein gegenüber. Und da alle sich wahrscheinlich schon unten versammelt hatten und auf mich warteten, war die Aussicht auf Hilfe zweifelhaft.

Ohne ein weiteres Wort bewegte er sich auf mich zu, und ich mich von ihm weg. Bis ich gegen die Fensterbank stieß und auf sie runter plumpste.

„Tut Buße vor Gott dem Allmächtigen“, donnerte seine Stimme.

„I-i-ich habe nichts zu Büßen“, erwiderte ich Zittrig. Tastete mit meiner Hand nach irgendwas, womit ich mich wehren könnte und ergriff den Henkel eines Kruges, der vollgefüllt mit Wasser auf dem kleinen Tisch daneben stand.

Ein lautes Pferde wiehern ließ mich erschrocken aus dem Fenster schauten.

Ich entdeckte die Grosmonds, Edward und Joan, und die Majestäten, die vor der Kutsche auf der gegenüberliegenden Seite des Schlosseingangs standen und auf mich warteten.

Auch John saß bereits auf seinem Pferd sowie eine Handvoll Soldaten, die uns Geleitschutz geben sollten.

Perfekt! Schaute ich wieder zu dem Furcht erregenden Wesen vor mir. Verdammt, was sollte ich tun?! Huschten meine Augen zwischen dem Angsteinflößenden Mönch und dem Fenster, auf der Suche nach einem Ausweg. Doch da war keiner! Diesmal nicht!

„Ihr, des Teufels Werkzeug, dürft nicht ungestraft auf Erden wandern“, sagte er und blieb unmittelbar vor mir stehen.

Noch einmal zuckten meine Augen zwischen ihm und dem Fenster, als ich Emma etwas Abseits der Kutsche entdeckte, mit einen selbstgefälligen und zufrieden Grinsen.

„Eure bloße Existenz ist eine Sünde“, dröhnte es wieder.

Nahezu gleichzeitig packte er meinen Hals.

Seine starken langen Finger schlossen sich wuchtartig um meine Kehle und drückten sie fest zu.

Vor Panik schnappte ich nach seinem Arm, versuchte mich zu befreien … Doch er war zu stark und zerquetsche mir meine Kehle.

Ich zog und zerrte, versuchte alles, was in meiner Macht stand. Trat heftig nach ihm, als ich plötzlich etwas über mir aufblitzen sah, dass er aus seiner Kutte hervorzog und gegen mich richtete.

Ein Messer! Nahm mein Verstand die verschwommenen Umrisse des Gegenstands wahr, was meine Furcht noch verstärkte.

„Büßt Eure Sünden! Nur der Allmächtige kann Euch von ihnen lossprechen!“, sagte er, während er den Dolch gegen mich richtete.

Ein unglaublicher Druck breitete sich in meinem Kopf aus, als platzte mir der Schädel.

Heftig nach Luft ringend holte ich mit dem Krug in meiner Hand aus und schmetterte ihn gegen seine Kapuze.

Das Gefäß zerbrach mit einem lauten Knall und katapultierte ihn wuchtartig mit der ausgestreckten Hand gegen das Fenster, wodurch die verzierten Glasscheiben zersprangen und ihn für einige Sekunden außer Gefecht setzten.

Ich riss mich los und fiel kraftlos zu Boden.

Ringend nach Luft massierte ich meinen eingeschnürten Hals. Sah, wie der schwarze Mann sich von den Scherben befreite und sich unbeeindruckt wieder mir zuwendete.

NEIN! Ächzte ich innerlich …

Wollte wegrennen …

Doch meine Beine versagten, zitterten unaufhörlich!

„Lass mich in Ruhe …“, krächzte ich heiser.

„Wehrt Euch nicht gegen das Unvermeidbare. Nur durch meine Hand können Eure Sünden getilgt werden!“, sagte er.

Packte wieder meinen Hals und schleifte mich auf den Boden entlang zur Wand neben dem Kamin.

Erschrocken seinen groben Finger erneut um meinen Hals zu spüren, schnappte ich nach ihnen, versuchte sie von mir zu lösen, oder wenigsten zu lockern um Luft zubekommen.

„Erst werdet Ihr Eure Untat mit Blut bezahlen. Danach mit dem Feuer besiegeln“, hörte ich ihn.

Ohne Mühe, als ob ich nichts wog, hob er mich an der Wand entlang hoch. Einpaar Zentimeter über den Boden und drückte mich gewaltsam gegen das Mauerwerk.

Über den Boden baumelnd, versuchte ich wieder und wieder nach ihm zu treten. Packte haltesuchend seinen ausgestreckten Arm. Fühlte wie sich wieder dieser unbeschreibliche Druck in meinem Kopf aufbaute …

„Kennt Ihr Hiob 38, Vers 11?“ Hörte ich die Kapuzengestalt verzerrt.

Auch wenn ich es wüsste, hätte ich ihm nicht antworten können. Denn seine Finger, die meinen Hals zermalmten, pressten mich hart gegen das Mauerwerk.

Röchelnd kämpfte ich um jeden Atemzug. Versuchte mich an seinem Arm hochzuziehen. Zerrte daran. Schmeckte Blut in meiner Speiseröhre, von den geplatzten Blutgefäßen …

„Hiob 38, Vers 11. Bis hierher sollst du kommen und nicht weiter!“, rauschte seine Stimme in meinen Ohren.

Mein Körper zuckte im Todeskampf, flehend nach etwas Sauerstoff. Meine Finger krallten sich in seine Hand, versuchten sie von meinem Hals zu lösen, doch vergebens, sie waren wie in mich verbissen.

Meine Augen flatterten. Alles wurde verschwommen. Nochmal mit letzter Kraft zog ich mich an ihm hoch und sah wieder den Dolch über mir aufblitzen.

Hörte ein lautes Klingen in den Ohren und fühlte wie meine Augenlider immer schwerer wurden …

„Tretet vor Ihr Heiligen …“, hörte ich verzerrt und entfernt. „Erscheint Engel des Herrn. Empfangt die Seele dieser Sünderin und bringt sie vor das Antlitz des Allmächtigen, wo sie ihr gerechtes Urteil erwartet! Im Namen des Vaters, des Sohnes, und des heil…“, wurde seine Stimmer immer leiser in meinem Kopf.

Ich verlor jedes Gefühl in meinem Körper. Fühlte mich Schwerelos, fast Schwebend.

War es vorbei? Hatte ich es Überstanden? Es fühlte sich so befreiend an. Der Druck in meinem Kopf und auf meine Hals verschwand. Und ich hatte das Gefühl zu Fliegen … bis … ich auf etwas hartem aufschlug …

Der Boden! Rüttelte meine innere Stimme mich Wach.

Spürte wie die Luft wieder ungehindert und mit einem brennenden Schmerz meine Lungen füllte.

Keuchte, Röchelte, schnappte nach ihr. Doch viel zu schnell, denn ich hyperventilierte!

Öffnete sprunghaft die Augen und erkannte drei verschwommene Gestalten, die sich schnell durch den Raum bewegten. Wie schwarze Schatten hinter einem Blickdichten Glas, schwankten sie von einer Seite zu anderen.

Das klingen in meinen Ohre ließ langsam nach, stattdessen traten wilde Schreie an seine Stelle. Lautes Klirren drang zu mir durch, aber ich war mehr damit beschäftigt wieder regelmäßig Luft zu holen.

Stützte mich der einen Hand am Boden ab, die anderen hielt ich schützend vor einem erneuten Übergriff auf meinem Hals. Bemühte mich langsamer zu Atmen, um den brennenden Schmerz erträglicher zu machen.

Blinzelte ein paar Mal durch, was die verschwommenen Gestalten klarer werden ließ, aber sie bewegten sich nicht mehr, lagen flach am Boden.

Benommen schüttelte ich den Kopf und schaute zu den beiden Körpern, die Leblos vor mir auf den Steinfliesen lagen.

Es waren zwei von Edwards Männern. Einer lag nur eine Armlänge von mir entfernt, bewegungslos, mit einer großen und stark blutenden Wunde am Kopf. Auch der andere, deren Beine hinter meinem Bett heraus ragten, rührte sich nicht.

„Ihr seit eine überaus mächtige Hexe“, hörte ich plötzlich und sah ruckartig hoch.

Der Mönch, … er war noch da. Unversehrt und ohne ein Anzeichen von Beanspruchung, stand er über mir und kniete sich schließlich langsam runter. Neigte seinen Kopf und schaute mir direkt in die Augen.

Endlich konnte ich das Gesicht hinter der Kapuze erkennen. Es war ein bärtiger, Kahl rasierter Mann, mit großen freundlichen Augen.

Eigentlich wirkte er sympathisch, was ein großer Widerspruch war, auf Grund der Tatsache, dass er mich umbringen wollte.

„Vielleicht die Mächtigste, der ich begegnet bin“, musterte er mich ein Augenblick. „Lasst es uns beenden“, sagte er.

Angstbebend wimmerte ich um mein Leben. Blickte beschwörend in seine Augen, die mit Milde auf meine trafen.

„Nein … bitte nicht …“, flehte ich mit rauer Stimme.

„Keine Angst. Ich verspreche, es geht schnell“, sagte er und ich spürte, wie mein Herz vor Grauen wieder anfing, schmerzhaft gegen meinen Brustkorb zu hämmern. Immer und immer, unaufhörlich.

Seine Finger legten sich wieder um meinen Hals und drückten mein Gesicht nach oben, entzogen mir die Luft.

Ich spürte die kalte Eisenklinge, die sich schmerzhaft in meinen Hals fraß.

Das vertraute Klingeln und Rauschen in den Ohren setzte wieder ein. Ich fühlte das ich der Ohnmacht nah war und keinen Tropfen Kraft mehr in mir besaß, um mich gegen ihn zu wehren.

Mein Körper war Müde und gab sich geschlagen …

Ich schloss die Augen, wartend auf das Ende. Es würde nicht mehr lange dauern, denn der Schmerz durchzuckte bereits meinen ganzen Körper.

Ich hielt die Luft an, die wenige die noch in meinen Lungen war.

War bereit, gab keinen Ton von mir … … … … … …

Nein … … ich … röchelte …! …?

Was?! … Nein, das war nicht ich!

Der Druck seiner Finger an meinem Hals wurde schwächer, bis er überhaupt nicht mehr zu spüren war.

Ich wagte es aber dennoch nicht die Augen zu öffnen, es sollte endlich zu Ende sein. Mehr Folter konnte ich nicht ertragen.

Drückte meine Augenlider so fest zu wie ich konnte und wartete … wartete … Doch es passierte nichts.

Bis schließlich ein lautes Metall klimpern erklang, das von dem harten Steinboden wider schallte und mich überstürzt die Augen aufschlagen ließ.

Doch das war ein Fehler.

Denn das was ich vor mir sah, konnte mein Verstand nicht verarbeiten, und versetzte mich in eine Starre von gewaltigem ermessen …

O-o-o-oh … me-e-ein-n-n … Fiel in diesen Moment mein Sprach und Denkzentrum aus.

Bewegungslos wie eine Statue starrte ich auf das Bild, das sich vor mir bot … Alles, komplett alles in mir verfiel in eine verheerende Panik Attacke, weil es nicht begreifen konnte, …

… Nein, … es wollte es nicht begreifen, was meine Augen wahrnahmen. …

Das absolute Grauen! Die aufgeklappte Kehle des Mönchs! … Und Blut! … So viel Blut! …

Es floss an ihm runter, und saugte sich in seine Kutte. Die von der dunkel roten Flüssigkeit noch bedrohlicher wirkte.

Die Farbe aus seinem Gesicht war gewichen und die Augen weit aufgerissen. Ich konnte mich nicht bewegen. Verfiel in einen heftigen Schock und chronisches Zittern …

Blut … überall … überall … sein Hals … alles voller Blut … brabbelte ich innerlich unkontrolliert.

„Ann …“

Verwirrt, Aufgelöst, außer sich, starrte ich dem reinen Horror ins Gesicht. Dieses Bild des hingestreckten Mönches, brannte sich in meine Augen … das würde ich nie wieder los werden.

„Ann …!“

Sein Blut, es war überall! Überall um mich herum!

Ich sah kein Ende. Wie ein großes rotes Meer, das mich in sich einschloss.

Ich fühlte mich, als wäre ich gar nicht hier, als wäre das alles nicht Echt und nichts davon wäre Real. Als säße ich außerhalb meines Körpers und sah dem allem als Zuschauer zu.

„ANN!“, spürte ich auf einmal einen kräftigen Schlag gegen meine Wange und erwachte.

„Ann, geht’s dir gut?“, zuckten Johns Augen prüfend über mich. „Es tut mir Leid, ich wollte nicht so Hart zuschlagen. Aber du bist nicht zu dir gekommen. Annabelle, verstehst du mich?“, fragte er vor mir kniend, mit einem überbesorgte Blick und tastete mein Gesicht und meinen Hals ab.

Ich konnte ihn nicht antworten, mein Sprachvermögen war noch nicht zurückgekehrt.

Aber auch wenn ich es könnte, würde es nur ein Krächzen sein.

Er sprach auf mich ein, streichelte meine Wange, versuchte mich zu beruhigen.

Doch ich konnte an nichts anderes denken, als an die Brutalität mit der er den Mönch fast enthauptet hatte.

Er hatte … dem Mönch die Kehle …. durchtrennt … Sah ich ihn schockiert entgegen.

Stockend geleiteten meine Augen zu Boden, wo ich den Mönch in einer roten Blutlache entdeckte, die immer größer wurde, je länger ich darauf schaute. Und erschauderte darauf, als ich mitten in dem roten Meer den Dolch entdeckte, mit dem er mich umbringen wollte.

John folgte meinen großen, vor entsetzen aufgerissenen Augen und schleuderte den Dolch mit einem Satz zur Seite.

Erst als er aus meinem Blickfeld verschwand konnte ich wieder einigermaßen durchatmen. Doch das Zittern ließ dennoch nicht nach.

„Es ist vorbei“, sprach er langsam auf mich ein. „Keiner wird dir noch etwas tun. Verstehst du was ich sage?“, sah er mich prüfend an.

Immer noch etwas benebelt schaute ich langsam an ihn hoch, in seine Augen, die mich beharrlich versuchten zu überzeugen.

Allmählich löste sich meine Statuen starre und ich konnte meinen Kopf etwas bewegen.

„Ann?“, fragte John noch einmal.

Ich nickte schwach. Das war das einzige was ich tun konnte, da meine Sprache noch nicht wieder zurückgekehrt war. John ließ sein Kopf erschöpft sinken und atmete befreit aus. Ich sah ihm zu wie er sich überspannt durch seine Haare fuhr und schließlich mit einem erlösten Lächeln hoch sah.

Es tat gut diese Erleichterung in seinen Augen zu sehen. Es gab mir das Gefühl Sicher zu sein. Dieses unglaubliche Wohlfühlen, das seine Nähe in mir auslöste entkrampfte mich allmählich und das Atmen wurde auch Stück für Stück leichter. Alles nur wegen seiner liebevollen Berührungen und den einnehmenden Blick, mit dem er jeden Zentimeter meines Gesichts bedeckte.

 

„Nein!“, schallte plötzlich ein jähzorniger Schrei durch das Zimmer.

John drehte sich ruckartig um und gab die Sicht auf Emma frei, die mit einem entsetzten wilden Blick auf mich runter schaute.

„Emma mach, dass du hier raus kommst!“, fuhr John sie sofort hart an und richtete sich auf.

Doch sie ignorierte ihn, war nur auf mich fixiert.

„Du lebst?“, wurden ihre Augen vor Entsetzen immer größer. „Wie kannst du das Überlebt haben!“, schrie sie Hysterisch.

„Emma verschwinde hier, sofort!“, schrie nun John.

„Nein!“, nahm sie ihn endlich wahr. Schaute zum Boden zu ihren Füßen, ergriff den Dolch des Mönchs, den John zuvor weg gestoßen hatte und richtete ihn gegen mich.

„Du verdammte Hexe, ich werde dich eigenhändig Umbringen!“, zischte sie und klammerte sich an den Dolch.

„Emma, lass den Dolch fallen!“, sagte John wütend.

„Nein!“, fiel sie ihn Laut ins Wort. „Nicht bevor diese Hexe Tot ist.“

Es war nicht vorbei … Setze meine Erstarrung wieder ein. Ich konnte mich nicht zur Wehr setzen, nicht Mal gegen sie.

Zu mitgenommen war mein innerstes, von dem Gewaltakt, dass es gerade noch miterlebt hatte.

„Emma !“, sprach John in einem Ton der keinen Widerspruch zu ließ. „Gib mir den Dolch.“

„Nein“, ließ sie sich nicht davon beeindrucken und schüttelte heftig den Kopf. „Das werde ich nicht tun! Du gehörst mir … mir! Ich lass nicht zu das diese Hexe dich kriegt … ich liebe dich.“

„Emma, ich gehöre niemanden“, erwiderte John und kam langsam auf sie zu.

„Doch, wir beide. Wir gehören zusammen“, zuckten ihre Augenbrauen beharrlich. Sie war ganz und gar davon Überzeugt. Glaubte fest daran.

„Emma, es GIBT KEIN WIR“ sagte John betont. „Das habe ich mit dir geklärt.“

„Das sagst nur wegen ihr. Sie hat dir komplett den Verstand benebelt. Du bist nicht mehr du selbst!“, wies sie mit der Klinge in meine Richtung und ich zuckte zusammen.

„Wer hat dir das eingeredet?“

Johns Stimme war ganz ruhig. Er versuchte sie in ein Gespräch zu verwickeln, um Näher an sie ran zukommen.

„Niemand hat mir das einreden müssen“, schnaubte sie, immer noch den Dolch auf mich gerichtet. „Ich sehe doch, wie du sie ansiehst. Als gäbe es sonst niemand mehr auf der Welt. Das ist ihr Hexenwerk!“, schrie sie aufbrausend.

„Nein Emma, Annabelle hat nichts damit zu tun. Ich habe dir schon vor meiner Abreise gesagt, dass es aus ist“, sagte er und bewegte sich vorsichtig von einem Fuß auf den anderen.

„Ja, aber ich wusste du meist es nicht Ernst. Ich wusste, sobald du zurückkommst, wird alles wieder so, wie es war“, sagte sie fast flehend und bemerkte, dass er sich ihr langsam näherte.

„Bleib stehen!“, schrie sie und wand sich wie von Sinnen von mir zu ihm.

John stoppte und schaute ihr gefasst entgegen. „Emma bitte, gib mir das Messer. Du willst mir doch nichts tun“, sagte er.

Ich sah die Tränen in ihren Augen. Den ausweglosen beschwörenden Blick.

„Ich würde dir nie irgendwas antun“, flossen ihr die Tränen. „Du bist das Beste in meinem Leben. Wir waren so glücklich. Du kannst doch nicht alles vergessen, was wir beide hatten, nur wegen dieser Dahergelaufenen …“, wand sie sich wieder in meine Richtung.

Ihre Augen quälten fast über vor Hass und Verachtung, den sie für mich empfand.

„Emma!“, schrie John laut auf.

„Nein! Sie ist schuld! Und wenn sie weg ist, können wir wieder glücklich sein!“

„Wenn du sie umbringen willst, dann nur über meine Leiche!“, entgegnete John energisch.

Sie hielt inne und schaute in seine entschlossenen leuchtend Augen.

„Du würdest lieber, Sterben? Für sie? … Als mit mir zusammen zu sein?“

„Es gibt kein zusammen für uns Emma“, wiederholte er streng.

„Nein“, flüsterte sie und zog beschwörend die Augenbrauen hoch. „Bitte.“

Doch er erwiderte nichts.

Ich weiß nicht, was in ihr gerade alles vorging. Es sah fast so aus, als überflutete sie gerade eine riesige Ansammlung von Gefühlten.

Jetzt musste sie es doch endlich einsehen, das dass alles zwecklos war.

Ich hatte versucht es ihr zu erklären, doch sie war so, festgefahren in ihren Unbeirrbaren wusch, für immer mit ihm zusammen zu sein, dass sie es sogar in Kauf nahm, ihn zu teilen und seine Geliebte zu werden.

„Nein“, flüsterte sie erneut. „Ich würde alles für dich tun … alles …“, sagte sie flehend unter Tränen.

„Dann, gib, mir, den, Dolch“, erwiderte John eisern und streckte seine Hand danach aus.

Ein Augenblick hielt sie inne, betrachtete ihn und dann mich.

„Emma“, sagte John.

Doch sie bewegte sich nicht. Sah zwischen uns beiden hin und her und überlegte überspannt.

„Ich liebe dich John und ich kann dich nicht verlieren …“, sagte sie plötzlich.

„Emma, sei vernünftig, gib ihn mir“, wies John mit den Augen auf die Klinge, die sie zitternd mit beiden Händen umklammerte.

„Weißt du …“, sprach sie als hörte sie ihn nicht. „Es gibt nur ein Weg für uns für immer zusammen zubleiben…“

„Emma, bitte“, streckte er die Hand weiter danach aus, doch sie hörte ihn nicht.

„Einen Ort, an dem wir beide Glücklich sein können. …“, zuckten ihre Mundwinkel. „Aber bis es soweit ist … wirst du jeden Tag an mich Denken. Und das, was ich für dich getan habe, nie vergessen …“ , sagte sie, wendete urplötzlich die Klinge und rammte sie sich mit einem Ruck in den Bauch.

„Nein!“, schrie ich und streckte die Hand nach ihr aus, als könnte ich sie aufhalten.

Auch John hatte so etwas nicht erwartet, fing ihren sinkenden Körper auf, bevor sie auf den harten Steinboten aufschlagen konnte.

Nein, nein … Warum? Warum hat sie das getan?! Fühlte ich wie die Panik wieder in mir aufstieg.

Ich sah ihm zu wie er sie vorsichtig ablegte und etwas zu ihr sagte.

Auch ihre Lippen bewegten sich kaum merkbar noch ein letztes Mal, bevor ihre Augen leer wurden und ihr Kopf zur Seite kippte.

Warum nur? … Klapperten meine Zähne. Warum hat sie das getan? Schüttelte den Kopf. Warum ?! Stammelte ich innerlich und blinzelte die Tränenwand weg, die sich vor meinen Augen aufgebaut hatte.

Spürte wie die Tränen rasant meine Wangen runter rannten und eine nach der anderen von meinem Kinn tropften.

Auch John der über Emma kniete, blickte fassungslos in ihr bleiches Gesicht, deren leere Augen offen und anklagend in meine Richtung starrten.

Keiner von uns hätte erwartet, dass sie fähig wäre so etwas zu tun. So etwas Endgültiges … Irreparables.

Nie im Leben hätte ich ihr so was zugetraut.

Aber sie hatte Recht, mit dieser Aktion brannte sie sich für immer in unser Gedächtnis ein. In dem sie sich das Leben nahm, um für immer bei ihm zu sein … was nicht nur Krank war, sondern auch einen gewissen Grad an Besessenheit bewies, würde sie keiner von uns sie je vergessen.

Sie liebte ihn so sehr, dass sie sogar einen Mord für ihn begangen hätte. Was sie letztendlich auch tat. Sie nahm sich ihr Leben.

Wir beide hatten doch mehr gemeinsam als sie dachte. Außer das, dass ich wusste wann es aussichtslos war für etwas zu Kämpfen.

Sie hingegen hielt daran fest, bis zum bitteren Ende. Einem verheerenden bitteren Ende.

Sie wollte ihn um jeden Preis nicht verlassen. Und ich, … ich wollte das auch, wollte aber mein Glück nicht über jeden anderen Menschen auf der Welt stellen.

Auf die eine oder andere Weise, wollte jede von uns, dass er Glücklich wird. Der einzige Unterschied, ich gab mich damit zufrieden dass er ohne mich glücklich werden konnte.

Sie hingegen meinte, dass er das nur mit ihr sein kann.

Ich schaute zu John, der mit sich kämpfte es zu verstehen, warum sie das tat. Warum sie so impulsiv handeln musste.

Er streichelte ihr sanft übers Haar und über und Stirn und schloss tief ausatmend ihre Augen. Es war ihm anzusehen, er gab sich selbst die Schuld an ihrer Tat. Er brauchte es nicht einmal zu sagen, ich sah es in seinem niedergeschmetterten Blick.

Doch er trug nicht die Schuld, … ich war es.

Vier Menschen waren heute gestorben … wegen mir … schon wieder.

Ich schaute über die Leichen, die in meinem Zimmer, verteil auf den Boden lagen und wusste, dass ich die Verantwortung dafür trug. Und zwar für alles, was sich in der Zeit seit meiner Ankunft ereignet hatte.

Ich musste mir eingestehen, dass ich das Ausmaß meiner Einmischung in die Geschichte gar nicht mehr ermessen konnte.

So viele Menschenleben, die auf meine Kosten gingen …

Wie wichtig waren sie für den Entwicklungsgang der Zukunft? Der Zukunft, die ich kannte.

Auch wenn ich angestrengt versuchte mich aus allem raus zuhalten, war ich dem Anschein nach ein Magnet, der alles Üble anzog. Und jeden Menschen, der in meiner Nähe war, ins Verderben zog.

Ich schaute zu John, der immer noch kraftlos und ratlos über Emma kniete. Und überlegte, ob sie wohl auch einen entscheidenden Part in der Geschichte hatte. Vielleicht sogar in seiner. Und wenn ja … wie viel hatte ich kaputtgemacht? Würde sich jetzt sein Leben entscheidend ändern?

Würde er jetzt einen anderen Weg einschlagen, als der, der für ihn vorgesehen war?

Ich bekam Angst, denn die Auswirkungen, die all diese Ereignisse für ihn und sein weiteres Leben bedeuteten, könnten katastrophal sein.

Genau in diesen Moment war er verwirrt, verspürte auch Trauer, Wut und Bestürzung. All diese Emotionen konnte ich nachempfinden, als wären es, meine.

Diese kraftvollen, glanzvollen Augen, die vor Selbstbewusstsein früher nur so strotzten, sahen jetzt gebrochen auf den leblosen Körper vor sich.

Und obwohl er immer so stark und unverwüstlich wirkte, war er in diesen Moment so unbeholfen, wusste nicht, was er tun sollte, was er denken sollte.

Und ich wusste, dass ich eine große Mitschuld daran trug, der Emma mit ihrer Tat die Krönung aufsetze.

 

„John …“, hörte ich Edwards Stimme an der Tür. Schaute hoch und sah, wie er abrupt stoppte und indigniert durch das Zimmer blickte.

Mit langsamen Schritten betrat er vorsichtig den Raum, ließ seinen entsetzten Blick über seine toten Männer, die in ihrem Blut lagen, zu dem Mönch der genau dasselbe grausame Bild bot schweifen, bis schließlich ich sein Blickfeld kreuzte.

„Was ist hier geschehen?“, schaute er zu seinem Bruder, der sich erschöpft gerade die Hände über sein Gesicht zog.

John sah hoch, seine Augen hatten ihren Glanz verloren. Atmete tief durch.

„Er hat Ann angegriffen …“, erklärte er und wies in Richtung des Mönchs, der in einer gekrümmten Stellung, ein paar Meter von mir entfernt lag.

„Die beiden haben eingeschritten, und … das hat sie das Leben gekostet …“, stockte er und schaute runter zu Emma.

„Und sie?“, fragte Edward.

„Sie …“, hielt er ein Moment inne. „ … hat sich selbst das Leben genommen“, sagte John immer noch Fassungslos.

„Wieso?“, fragte Edward verstört.

John antwortete nicht, richtete sich auf und schaute mit einem geräderten Blick zu mir.

Es tut mir Leid! Winselte ich innerlich, als er sich löste und mit langsamen Schritten sich mir bewegte.

Alles was in der letzten Zeit passiert war, ging auf mein Konto.

Seine schwere Verletzung, der Ärger mit seiner Familie, die Sache mit dem Reverend, Jeffs Tod … und schließlich das hier.

Alles führte letztendlich zu mir.

Ich wollte das nicht, sagte ich stumm und schluckte unter aufsteigenden Tränen.

Er setzte sich vor mich auf die Fersen, betrachtete mich eine Weile stumm.

Er sah so Müde und Bedrückt aus. Ich konnte es nachvollziehen, denn ich fühlte mich genauso.

„Jetzt … ist es vorbei“, sagte er schließlich.

Nein war es nicht, sah ich in sein bekümmertes Gesicht. Es würde nie vorbei sein … Nicht solange ich Lebte.

„Es tut mir Leid,“ krächzte ich, den meine Stimmbänder fühlten sich nach wie vor zusammen gequetscht an.

Ich hatte in seinen Leben nur Leid und Qualen eingebracht. Egal wie sehr ich mir früher auch gewünscht hatte ihn Real werden zu lassen … Jetzt da er es war, wünschte ich mir, dass das alles nur ein Traum wäre.

Das nichts von alledem passiert wäre. Das er sein unbekümmertes Leben, so wie es vor mir war Leben könnte. Wo er sich keine Sorgen machen müsste, keine Last verspürte die ich letztendlich doch war.

Keine Trauer empfand, um die Menschen, die eigentlich nicht gehen mussten, aber es dennoch taten.

Und das alles nur, meinetwegen.

„Bitte Entschuldige“, flehte ich um Verzeihung. Doch er zog nur verwirrt die Augenbrauen zusammen und betrachtete mich nachdenklich.

„Was soll ich entschuldigen?“, fragte er.

Ich schluckte schmerzhaft. Er war so ein wundervoller Mensch, eine großartige Persönlichkeit, der ich nur Kummer gebracht hatte. Und er wollte es immer noch nicht einsehen, dass an allem ich die Schuld trug. Doch langsam musste auch er es erkennen. Es war nicht zu übersehen. Nach allen was geschehen war, konnte er es nicht mehr länger ignorieren.

„Ich zerstöre alles. Menschenleben und deine Zukunft. Ich wollte das nicht. Es tut mir, so schrecklich Leid …“, kullerten die Tränen mein Gesicht runter.

„Annabelle …“ Schürzte er verärgert die Lippen und sah mir fest in die Augen. Ich schloss die Lider und spürte jede Einzelne, Tränen, die meine Wangen runter rannte.

Sag es schon. Ich habe es nicht anders verdient, schluckte den Kloß im Hals runter und öffnete die Augen. War bereit für seine Anklage, seinen Hass den er für mich jetzt empfinden musste. Doch da war nichts, sein Blick hielt mich nur fest, eindringlich und einnehmend. Er öffnete den Mund, um etwa zu erwidern, hielt innen, atmete schwer aus, und schüttelte den Kopf.

„Es ist ja sowieso zwecklos mit dir darüber zu diskutieren“, erwiderte er.

Ich verstand das nicht. Selbst nachdem sich Emma vor seinen Augen das Leben genommen hatte, glaubte er nach wie vor nicht daran.

Was musste den noch alles passieren, damit er es einsehen würde? Mich aus seinem Leben verstößt würde …

 

„John, es wäre besser, du bringst sie hier raus“, sagte Edward, der immer noch versuchte sich ein Überblick über die Lage, zu machen.

„Ja“, erwiderte John. „Komm“, lächelte er sanft, schob behutsam seine Hände um meine Talje und stoppte abrupt, als plötzlich König Edward entsetzt in der Tür auftauchte und in das Durcheinander meines Zimmers blickte.

„Was zum Teufel ist hier Geschehen?!“, klang seine Stimme ergriffen.

Das zerschlagen Fenster, der Wasserkrug der in Scherben am Boden lag. Die Leichen die sich im Zimmer befanden und das Blut das am Boden klebte. Das alles bot insgesamt ein grausames Bild.

Er schnappte nach Luft und sammelte sich wieder. „Ihr müsst das sofort wieder beseitigen“, sagte er und schaute nervös in den Flur. „Und zwar bevor eure Mutter davon Wind bekommt.“

John schnaubte leicht lächelnd. „Mein Vater der große Kriegsheld. Vor einem Gegner mit einer Axt in der Hand hat er keine Angst, aber vor meiner Mutter …“, lachte er leise auf.

„Edward? Hast du sie jetzt gefun …“, trat Lord Henry hinter den König und stocke ruckartig, als er das durcheinander erblickte. „Um Gottes Willen …“, verschlug es ihm die Atem. „Annabelle …“, hauchte er entsetzt und drängte sich in das Zimmer.

„Es geht ihr gut“, stoppte ihn Edward, der John mit einem Nicken anwies mit mir sofort den Raum zu verlassen.

John nickte, schob die Arme um meine Talje und mein Beine und hievte mich hoch.

Ich klammerte mich fest an seinem Hals, als wäre es mein Rettungsanker, den ich nie wieder los lassen wollte. Er Küsste mich auf die Stirn und drückte mich fest an sich.

Es war so schön, so schön in seinen Armen, die mich beschützend umhüllten. Am liebsten wäre ich für immer in ihnen gefangen und wünschte mir dass er mich nie mehr wieder los lassen würde. Doch das war nur ein Wunsch.

„Was ist hier geschehen?“, fragte König Edward fahrig.

Edward sah sich noch einmal um und blickte dann zu seinem Vater.

„Reverend Cornelius ist geschehen“, wies er in Richtung des Mönchs.

„Ein Eremit?“, betrachtete Lord Henry den Mönch überrascht.

„Er scheint gute Verbindungen zum Vatikan zu haben“, zuckte Edward mit den Schultern. „Aber trotzt allem, denke ich dass wir uns diese Lage zu Nutzen machen können“, sagte er und ging auf die beiden zu.

„Wie ist das zu verstehen Sohn?“, schürzte der König die Augen.

Edward sah sich nach John um und signalisierte ihn, dass er sofort gehen sollte. Worauf hin sich John prompt in Bewegung setzte, und uns beide an den Männern geschickt vorbei lotste.

„Bring sie in die Essstube“, sagte Edward. „Ich lass währenddessen nach Joan schicken. Sie soll dort mit ihr bleiben, dich brauche ich hier“ ordnete Edward mit einer festen Stimme an.

John nickte und umfasste mich Sorgsam, als wäre etwas höchst Zerbrechliches in seinen Armen und begab sich zur Treppe.

Ich versteckte mein Gesicht in seiner Halsmulde. Schloss die Augen. Zitterte noch leicht, was aber nach ließ. Seine Nähe, seine Berührung und sein Geruch entspannten mich.

Er schaute mich noch einmal prüfend an. „Alles in Ordnung?“, fragte er.

Ich schmiegte mein Gesicht enger an seinen Hals und nickte leicht, da es noch weh tat zu Sprechen.

„Gut“, erwiderte er meine stumme Antwort.

„Edward!“, schallte plötzlich vom anderen Ende des Flurs die Stimme von Königin Phillippa, deren Schritte immer lauter wurden, je näher sie kam.

„Oh nein!“ trat der König nervös in den Flur. „Sie wird mich Umbringen! Beseitigt das Chaos. Ich versuche sie aufzuhalten … Oh Gott … Ich bin ein toter Mann!“, winselte er kleinlaut und ging ihr mit schnellen Schritten entgegen.

Ich schaute aus meinem Versteck hoch und sah wie er sie noch rechtzeitig abfing, bevor sie mein Zimmer erreichen konnte.

„Liebes es ist alles in Ordnung. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen“, legte er den Arm um ihre Talje und führte sie wieder in die entgegengesetzte Richtung.

„Aber …“, betrachtete sie ihn verwirrt. „Ist irgendetwas mit Annabelle?“, fragte sie besorgt.

„Es geht ihr Ausgezeichnet“, hörte ich ihn sagen, als wir die Treppe erreichten und John mich die Stufen runter trug.

Er lachte leise auf über das zappelige Verhalten seines Vaters und schüttelte amüsiert den Kopf.

Auch wenn die Situation für ihn vielleicht Lustig war, mir war überhaupt nicht nach Lachen zu Mute. Ich bekam das Bild von Emma nicht mehr aus dem Kopf, wie sie den Dolch in sich stach.

Wie ihr lebloser Körper am Boden lag, und ihre Augen, … die mich für alles Verantwortlich machten.

„Es tut mir Leid“, flüsterte ich wieder und spürte wie mir die Tränen kamen, die kaum das sie meine Augen verließen, auf seiner Haut landeten.

„Tscht,“ beruhigte er mich, als wir die letzten Stufen runter stiegen. Er schmiegte sein Kinn an mein Haar und drückte mich leicht an sich.

„Du bist jetzt sicher. Ich lass nicht zu, dass dir irgendjemand noch einmal Weh tut.“

Seine Stimme klang sanft, aber dennoch hörte ich diese eiserne Entschlossenheit heraus.

Vielleicht war das der Schock oder der gewaltige Adrenalinstoß, der mich und meinen Körper überlastet hatte.

Fakt war, dass ich da wo ich gerade war, und zwar in seinen sicheren Armen, nie wieder weg wollte.

Da gehörte ich hin. Zu ihm. Es war, als wäre ich jetzt komplett, vollständig. Wie die Hälfte einer Medaille die ihr Gegenstück gefunden hat.

Zärtlich drückte ich mein Gesicht an seine Halsmulde und atmete seinen Geruch ein. „Lass mich nie wieder Los“, flüsterte ich.

Ich spürte, wie sein Brustkorb sich hob und er tief ausatmete. Als fiele auch von ihm eine große Anspannung.

„Nie wieder“, hauchte er. „Versprochen.“

Diese drei kleinen Worte reichten aus, um auch den kleinen Rest meiner Unruhe zu beseitigen.

Ich versuchte an nichts zu denken, abzuschalten und mich nur auf seine Gegenwart zu konzentrieren, seine Nähe. Denn das entspannte mich, brachte Stille in das wilde Durcheinander in meinem Kopf.

Ich schloss die Augen und genoss es.

„John!“, hörte ich jemanden auf uns zu rasen, dessen eilige Schritte von Echo des Flures wieder gegeben wurden.

Joan hastete durch den Korridor und stoppte atemlos vor uns.

„Geht es ihr Gut? Ist sie verletzt? Soll ich nach dem Doktor schicken?“, sprach sie hektisch, während sie sich Johns Tempo anpasste.

Ich ließ meine Augen geschlossen. Lauschte lieber den starken Rhythmus seines Herzschlags, der mich wieder frei und ungehindert atmen ließ.

John neigte sein Gesicht, denn sein Kinn berührte meinen Arm, der um seinen Hals geschwungen war.

„Sie hat bis jetzt nicht viel gesagt, …“, versuchte er mich an Zusehen. Aber ich hatte mich so fest und innig an ihn angeschmiegt, dass er es nicht konnte.

„ … aber ich denke, es geht ihr gut“, antwortete er.

Ich hört Joan tief durchatmen, bevor sie weiter sprach. „Edward hat nach mir schicken lassen“, sagte sie.

Man hörte die starke Besorgnis in ihrem hektischen Atmen. „Ist es wahr, das ein Eremit …?“, fragte sie abgehackt, worauf ein leises Seufzen und ein … „Ich verstehe“, von ihr folgte.

 

20

 

 

Kapitel 20

 

 

 

 

Denn Rest des Weges wurde geschwiegen. Joan sowie John, sagten kein einziges Wort mehr, bis wir die Essstube erreichten.

Sie hielt die große wuchtige Tür auf, als John mich hineinbrachte und mich vorsichtig auf einem Stuhl absetzte. Und schloss wieder sie hinter uns.

Ich zog die Beine fest an, legte mein Kinn auf den Knien ab und umschlang sie schützend mit den Armen.

Jetzt, da ich nicht mehr in der Geborgenheit seiner Arme war, verschwand die wohlige Wärme und dass Wirrwarr, dass seine Nähe von mir abgeschirmt hatte, traf mich wieder mit voller Wucht.

Ich fühlte mich so unsicher und allein. Sah mich selbst als allein Verantwortliche für all das Übel.

Es war als existierte zwei Parteien in mir, ein Ankläger und ein Angeklagter. Und der Ankläger trug gerade das Schlussplädoyer vor, das den Angeklagten die Todesstrafe bringen sollte. Und es war eine Tatsache, dass es für den Angeklagten ziemlich Übel aussah. Vor allem, weil sich der Angeklagte nicht wehrte.

John merkte von der ersten Sekunde, als er mich losließ, dass ich mich verschloss. Kniete sich vor meinen Stuhl auf die Spitzen, und sah mich tröstlich an.

„Ann ich muss jetzt gehen, aber ich komme so schnell wie möglich zurück“, sagte er.

Ich antwortete nicht, starte nur vor mich hin. John atmete schwer aus und stand auf. „Joan, pass auf sie auf, und verschließe die Tür hinter mir. Lass niemanden rein, außer mich und Edward.“

Sie nickte bejahend, und er verließ eilig die Stube.

Joan schloss die Tür und setzte sich leise neben mich. Eine Weile blieb sie Still, selbst in ihre eigenen Gedanken verstrickt. Seufzte schließlich, und juckte ungeduldig auf ihren Stuhl herum.

Doch ich ignorierte ihre Bemühungen, auf sich aufmerksam zu machen. Mir schwirrten, anderen Sachen im Kopf herum.

Alles, was in meinem Zimmer gerade geschehen war, war nur der Anfang, und wer weiß …

„Annabelle“, sprach Joan mich vorsichtig an, und unterbrach meinen Gedankengang. „Möchtest du vielleicht etwas trinken? … Oder etwas zu essen? … Na ja, Essen willst wahrscheinlich nicht, … aber kann ich vielleicht sonst etwas für dich tun?“

Nein, ich wollte im Moment nichts. Ich wollte nur meine Ruhe, um über alles nachzudenken. Also schüttelte ich den Kopf und hoffte, dass es genügen würde. Doch als sie erst mal begonnen hatte zu reden, konnte sie nicht mehr aufhören. Sie löcherte mich förmlich mit Fragen über meine Bedürfnisse.

Ob sie das Fenster öffnen sollte, damit ich frische Luft bekäme, oder ob mir kalt wäre und ich etwas zum Überwerfen wollte, oder vielleicht etwas zur Beruhigung …

Es sprudelte regelrecht aus ihr heraus. Doch die Einzige, die etwas zur Beruhigung brauchte, war wohl sie selbst. Sie steigerte sie derartig rein, dass ich mich fragte, wie sie es schaffte Luft zu holen, so schnell, wie die Einfälle aus ihr heraus schossen.

Gott, hör auf zu Quasseln! Fuhr ich mir angespannt über das Gesicht, in die Haare. Ihre Überfürsorge machte mich Irre. Ich fühlte mich auch so schon wie durch den Fleischwolf gedreht. das konnte ich nicht auch noch gebrauchen. Denn während wir hier rum saßen, kümmerten sich John und Edward um mein verwüstetes Zimmer.

Das Zimmer in dem ich die vergangenen Wochen gelebt, mich wohl, und behütet gefühlt hatte. Und in das ich jetzt, nie wieder zurückkehren wollte. Ich könnte das Grauen, das mir und den anderen dort widerfahren war, nie vergessen.

Mein Hals brannte höllisch und mein Schädel brummte und ihre Fragerei verschlimmerte bloß das hämmern in meinem Kopf.

Ich konnte Emmas Tat noch immer nicht nachvollziehen. Das war doch vollkommener Irrsinn, sich das Leben zu nehmen, im Glauben jemanden so an sich Binden zu können. Das widersprach doch jeder Logik.

Doch mit Logik hatte das ganze wohl nichts zu tun. Sie wollte damit nur erreichen, dass er sie sein Leben lang nicht vergisst. Und ich musste mit Bedauern zugeben, dass sie ihre Mission mehr als erfüllt hatte. Denn keiner von uns, nicht John und ganz sicher nicht ich, würden sie und das was sie getan hatte je vergessen können.

Sich das Leben zu nehmen, schien für sie der letzte Ausweg zu sein. Doch so weit hätte es nicht kommen müssen. Ich hätte etwas tun sollten, etwas unternehmen sollen, um sie aufzuhalten. Doch glaubte ich nicht, dass sie aufzuhalten war.

Und der Reverend, … wie weit würde er gehen um sein Ziel zu erreichen?

Ich war mir sicher, nachdem was heute geschah, würde er nicht so leicht zu stoppen sein. Ich hatte zwar diesen Angriff überlebt, aber wie lange würde der nächste auf sich warten?

So beharrlich wie er war, war ich Überzeugt, dass er nicht so schnell aufgeben würde. Und so lange ich noch am Leben war, war ich eine Gefahr für jeden der sich in meiner Nähe befand.

Wenn Lord Henry oder Lady Isabel meinetwegen etwas zustoßen würde … Schluckte ich Furchtsam und Überlegte …

Das Beste für alle wäre, wenn ich einfach weg laufen würde. Mich Verstecken, Untertauchen, damit mich niemand mehr finden könnte.

Vor allem keiner der mir nahestehenden Menschen. Niemand sollte sich wegen mir einer todbringender Gefahr aussetzten.

Ich schaute hoch und bemerkte, dass Joan immer noch redete. Anscheinen war das ihre Art mit der Situation umzugehen.

„ … … von dem Mary erzählt hat. Es soll beruhigend wirken. Außerdem wird es deinem Rachen gut tun“, sagte sie gerade. Schob behutsam meine Haare zur Seite, und erblickte meinen ramponierten Hals. „Oh mein Gott, Kindchen, dein Hals sieht Schlimm aus. Aber keine sorge, das kriegen wir schon wieder hin. Sobald wir hier raus dürfen, werde ich die Mägde beauftragen Kräuter zu sammeln, und eine Salbe herzustellen. Dein Hals ist im Null Komma Nichts wieder in Ordnung. Mach dir keine Gedanken deswe…“

„Joan“, gab ich einen heiseren Laut von mir.

„Ja?“

„Mir geht’s gut. Du brauchst dir keine Gedanken zu machen.“

Sie stieß einen erleichterten Seufzer aus. „Du glaubst nicht, wie froh ich bin das zu Hören. Aber dennoch denke ich, Mary sollte sobald wie möglich den Dokt…“

„Joan ich brauch wirklich nichts“, fiel ich ihr ins Wort.

„Bist du dir Sicher?“, fragte sie noch Mal nach. „Vielleicht …“

Bitte sein Still! Massierte ich mir angespannt die Schläfen. „Ich bin mir Sicher!“, unterbrach ich sie Schroff.

Sie schaute beklommen runter, und schloss den Mund.

Ich hatte sie zwar zum Schweigen gebracht, fühlte mich aber schrecklich, wie ich das gemacht hatte.

Auch wenn mein derzeitiger Zustand eher einem Nervenbündel glich, hatte ich dennoch nicht das Recht, sie so patzig zu behandeln. Schließlich machte sie nur Sorgen, wie fast jeder hier, was mir mittlerweile Tierisch auf die Nerven ging.

Ich schaute sie aus den Augenwinkeln an. Sie saß ganz ruhig und spielte an ihren Nägeln rum.

„Entschuldige“, murmelte ich reumütig, in meine herangezogenen Knie. „Ich wollte nicht so grob sein.“

Joan seufzte und sah wieder hoch. „Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Ich rede einfach zu viel, wenn ich aufgeregt bin“, lächelte sie zerknittert. Auch ich zog leicht meine Mundwinkel nach oben, um die Entschuldigung zu besiegeln.

 

„Oh glaub mir liebe Schwägerin, das hat nichts mit dir zu tun.“

Erschrocken schauten wir zum Eingang. John stand in der Tür angelehnt an den Rahmen und lächelte.

Wir hatten gar nicht bemerkt, dass er die Tür öffnete und uns beobachtete.

„Sie entschuldigt sie nämlich andauernd. Weil sie denkt an allem schlechten, was in der Welt passiert Schuld zu sein“, sagte er und kreuzte lässig ein Bein über das andere.

„Mach dich nicht Lächerlich!“, maßregelte ihn Joan. „In der momentanen Lage ist das mehr als unangebracht!“

„Das sollte eigentlich auch gar kein Scherz sein“, erwiderte er Ernst.

Ich spürte Joans musternden Blick auf mir, als sie versuchte, das was John gesagt hatte zu verstehen. Reagiert aber nicht. Umfasste meine Beine fester und schaute zu Boden.

Aber das stimmt doch. Seufzte ich innerlich.

„Aber jetzt zu etwas anderen. Warum habt ihr die Tür nicht verriegelt, so wie es angeordnet habe?“, fragte er und sah speziell zu Joan.

Sie schaute zerknirscht zum Riegelbrett der an der Wand neben der Tür angelehnt war, und zuckte reumütig mit den Schultern.

„Entschuldige“, sagte sie. „Aber ich dachte die Gefahr ist gebannt.“

Ich hob leicht den Kopf und sah wie er erstaunt die Augenbrauen hoch zog, und tadelnd den Kopf schüttelte.

Aber auch wenn er auf den ersten Eindruck mürrisch aussah, wirkte er, als wäre er mehr als zufrieden. Als wäre vorhin gar nichts passiert.

Er strahlte solch eine Ruhe aus … dass war Verdächtig. Und ich fragte mich, was diese entspannte Haltung hervorrief.

Denn so wie er in der Tür stand, mit der Schulter am Rahmen, das Bein über das andere gekreuzt, die Arme vor der Brust verschränkt, mit solch einer Gelassenheit und diesen beflügelnden Lächeln, sah er einfach unfassbar gut aus. Wie jemand der nicht Real sein durfte.

Mein Herz versetze mir ein Stich, als ich mir wieder in Erinnerung rief, dass es nichts als Herzschmerz brachte ihn so an zu schmachten. Ich machte mir nur selbst das Leben schwer, und musste endlich damit aufhören, sich irgendwo doch noch Hoffnungen zu machen.

 

„Was soll das werden?“, stand plötzlich Edward neben John in der Tür, und betrachte seine lässige Haltung. „Willst du die Adonisstatue imitieren? Wenn ja, dann begib dich lieber in den Garten“, sagte er im gespielten ernst. „Die Jungfern werden auf dich fliegen“, zwinkerte er ihm neckend zu und Grinste. Seinen vortäuschenden ernsten Blick, konnte er aber nicht lange aufrechterhalte. Vor allem nicht, als John genervt mit den Augen rollte und schnaubte, brach er sofort in lautes Gelächter aus.

Auch Joan ließ nicht lange auf sich warten, kicherte erst leise, bis sie dann angesteckt von Edwards Lachen auch laut auflachte.

Selbst ich konnte mich diesen witzigen, aber lieb gemeinten Kommentar nicht entziehen. Die beiden waren einfach zu ansteckend. Ich versuchte es zwar zu unterdrücken, aber es gelang mir nicht so recht.

„Sehr witzig“, schnitt John ihm eine Grimasse.

„Ja“, erwiderte Edward zustimmend. „Annabelle findet das auch“, wies er meine Richtung, wodurch mein Grinsen gefror. Was?Scheiße!

John beäugte mich schmunzelnd. „Wirklich? Jetzt Lachst du?“, schaute er verblüfft.

Ich zuckte mit den Schultern und presste die Lippen auf einander, weil der Lachanfall den ich angestrengt versuchte zu unterdrückten, immer weiter aufstieg und ich ihn bald nicht mehr zurückhalten könnte.

„Na wenigstes etwas Gutes hat dein kranker Humor. Sie Lacht, das hat sie seit Wochen nicht mehr getan“, richtete John an seinen Bruder.

„Immer zu ihren Diensten Sire“, kasperte Edward weiter herum.

„Hör auf mit dem Schwachsinn“, sagte John. „Ich dachte, du hast hier etwas Wichtiges zu Besprechen?“

„Ist ja auch so“, antwortete Edward und ging, vorbei an John in die Essstube hinein. „Ich wollte bloß die Stimmung etwas auflockern.“

Stimmung auflockern? Verschwand das Grinsen aus meinem Gesicht. Wieso? Schaute ich ihm misstrauisch zu, wie er sich zu dem Tisch bewegte an dem Joan und ich saßen. Rückte einen Stuhl heraus und ließ sich nieder.

John schloss die Tür, lehnte sich dagegen und beobachtete das Ganze.

„So, Spaß beiseite“, sagte er, und diesmal war der Ernst in seinem Gesicht nicht gespielt.

Er beugte sich vor, legte seine Ellenbogen auf dem Tisch ab und verschränkte die Finger in einander.

Ich kam mir vor als säße ich vor dem Schulrektor, bloß hatte diesmal ich nichts ausgefressen, oder vielleicht doch … wenn man das genauer Betrachtete.

Der strenge Blick den Edward mir rüber warf, schnürte meine Unsicherheit. Ich sah vom ihm runter auf meine heran gezogenen Knie und überlegte, was er wohl so wichtiges mit mir zu Besprechen hatte.

Wollten die Grosmonds mich nachdem Überfall doch nicht mehr mitnehmen? Wenn ja, dann konnte ich es ihnen nicht verübeln. Sie wollten sich, und ihr Haus, keiner solchen Gefahr aussetzen. Das verstand ich.

Aber hier konnte ich auch nicht bleiben. Wenn ich nicht mit den Grosmonds weg konnte, dann musste ich eben selber weg. Irgendwohin … ich würde schon zurechtkommen. Viel wichtiger war es, dass ich niemandem mehr Schaden könnte.

„Annabelle, nachdem was heute passiert ist, …“, fing er an. „ … sind wir zu der Überzeugung gekommen, dass Reverend Cornelius nicht vorhat von dir abzulassen. Er wird nicht aufgeben, bis er das erreicht hat was er sich vorgenommen hat. Und das bedeutet, … er trachtet unerbittlich nach deinem Tod.“

Ich schluckte Schmerzhaft, ließ meinen Blick gesenkt und schwieg. Er hatte mir nichts erzählt was ich nicht bereits schon wusste.

„Deswegen sind wir zu dem Entschluss gekommen, dass du sterben musst …“

Was? Schaute ich ruckartig hoch. Auch Joan sah ihren Mann voller Entsetzten entgegen.

„Ihr wollt mich Umbringen?!“, stammelte ich und spürte wie mich wieder die Panik packte.

Schockiert schaute ich zwischen Edward und John. Versuchte zu erfassen was er eben gesagt hatte.

Gerade war ich den Tod von der Schippe gesprungen und jetzt fing das alles wieder von vorne an?

„Annabelle …“, sagte Edward.

„Nein!“, schrie ich. Fühlte wie mein Körper wieder anfing zu Zittern und meine Augen panisch nach einem Ausweg suchten.

Sie sprangen intensiv zwischen den drei Personen, die sich in dem Raum befanden. Den Menschen, den ich am meisten vertraute.

„Ann?“, löste sich John von der Tür, als er die Angst in meinen Augen erkannte. „Es ist nicht so wie du denkst. Hör ihm erst Mal zu!“, sagte er und trat vorsichtig in den Raum.

„Annabelle beruhige dich! Wir wollen dich nicht Umbringen!“, hob Edward beschwichtigend die Hände. „Auf jeden Fall nicht so, wie du denkst. Ich meine, Du als Annabelle musst sterben, damit Du als Blanche weiter Leben kannst!“, erklärte er.

Was? Zog ich verstört die Augenbrauen zusammen. „Aber …“, stammelte ich und fing an zu begreifen.

Sie wollten meinen Tod fingieren, damit der Priester dachte, dass sein Auftrag erfolgreich war. „… Wie habt ihr euch das vorgestellt?“, sah ich die beiden nacheinander an. „Fast jeder hier kennt mich, weiß, wer ich bin! Keiner wird euch abkaufen, dass ich Tod bin, wenn ich nach ein paar Tagen wieder quicklebendig herumlaufe! Das wird niemals Funktionieren …!“, steigerte ich mich rein.

Was dachten sie sich nur dabei? Das war eine Schnapsidee! Die Leute müssten schon blind, doof oder ihnen richtig ergeben sein, um jemanden nicht zu erkennen den sie schon mehrmals gesehen haben.

„Annabelle, mach dir deswegen keine Gedanken. Wir haben alles genau durchdacht und bereits in Wege geleitet. Das wird Funktionieren, vertrau mir!“, sagte Edward voller Überzeugung.

Doch das, was er sagte, gab mir einen Denkanstoß … Was hatten sie denn in Wege geleitet?

Ich betrachtete ihn sorgsam und hörte auf einmal Joan, die mir die Worte aus dem Kopf nahm.

„Was habt ihr in Wege geleitet?“, fragte sie und legte die Stirn in Falten, während sie die beiden Männer genau in Augenschein nahm.

Edward zog wieder die Ellenbogen vom Tisch und ließ sich gegen die Stuhllehne fallen. „Morgen Abend findet die Bestattung statt“, sagte er und schaute von Joan zu mir.

Mir blieb die Luft auf halber Strecke stecken. „Wessen Bestattung?“, fragte ich, ahnte aber die Antwort bereits.

„Deine“, antwortete John von Mitte des Raums.

Was ?… Weiteten sich meine Augen. „Aber …“, geriet ich ins stocken.

Es klang, als wäre alles bereits beschlossen. Das konnten sie doch nicht machen …?! Zuckten meine Augen verstört über den Boden.

Sie konnten doch nicht einfach so, über mich und mein Leben entscheiden … Spürte ich meinen Herzschlag rasen, der auch meinen Atem antrieb. …

Nein! Auf keinen Fall … schüttelte ich vehement den Kopf.

Sie hatten ja wirkliche keine Zeit verloren um ihren Plan in die Tat umzusetzen. Aber dabei hatten sie eins Übersehen … mich!

Ich war nicht bereit dazu … nicht bereit mich aufzugeben, einen anderen Namen anzunehmen, nur weil irgendein Psychopath nach meinem Leben trachtete. Ich würde einen anderen Weg finden. Verschwinden! Abhauen! Untertauchen! Er würde mich niemals finden …

„Nein“, stolperte ich vom Stuhl und stellte mich schützend hinter ihm.

„Das ist nicht nötig! Ihr müsst das nicht tun!“, schüttelte ich heftig den Kopf. Mein ganzes Innerstes geriet ins schwanken. Sträubte sich gegen diese Vorstellung, ihr Vorhaben, ihren Plan, der für sie bereits besiegelt war.

Das war nicht nötig. Ein unnötiges Risiko. Wenn der Reverend herausfinden würde, dass sie mir geholfen haben, mich versteckt haben, würden sie auch nicht mehr sicher sein. Sie würden als Mitverschwörer gelten, Helfer. Oder noch schlimmer, als genau dasselbe für das er mich auch hielt. Schwarzkünstler und Hexer.

Nein, das konnte ich nicht riskieren. Es war zu gefährlich. Besonders im Angesicht dessen, was passieren könnte, wenn man den Garten entdecken würde. Der Reverend hätte dann einen stichhaltigen Beweis, für seine absurden Behauptungen.

Ich sah es praktisch vor mir, wie alles zusammenbrach wie ein wackeliges Kartenhaus. Es bräuchte nur einen Menschen geben, der hinter dieses falsche Spiel kommen würde, der dann eine katastrophale Kettenreaktion auslösen könnte. Eine fatale, irreparable und folgenschwere Reaktion, die zu dem Untergang der ganzen Königsfamilie führen könnte.

Nein so etwas konnte ich nicht zulassen. Es gab nur einen Weg aus diesem Martyrium, ich musste weg, und zwar für immer. Niemand von ihnen dürfte wissen wo ich bin, damit keinem etwas zustoßen könnte.

„Nein, … da mache ich nicht mit“, sagte ich energisch, damit sie hörten wie ernst es mir war.

„Ann sieh es ein, es geht nicht anders“, sagte John mit der gleichen Entschlossenheit. Sein Blick war stur und unnachgiebig.

Ich fühlte mich von ihnen in die Enge getrieben. Das konnte sie nicht ernsthaft von mir verlangen.

Mit allem beharren hielten sie an ihren Plan fest und schienen sich durch nichts und niemanden davon abbringen zulassen.

„Nein“, schüttelte ich den Kopf. „Ich gehe weg, verstecken mich. Der Reverend wird mich niemals finden und somit seit auch ihr sicher.“

Ich versuchte sie davon zu überzeugen. Sah sie flehend an, doch ihre Minen blieben stur.

„Nein!“, wurde ich nun Laut. „Das könnt ihr nicht von mir verlangen! Ich werde bei euren Theater nicht mitspielen, und werde bestimmt nicht den Platz eines toten Mädchens einnehmen! Es gab schon genug durcheinander! Ihr wisst ganz genau was jede Veränderung bedeuten könnte!“, schrie ich und schaute stur zwischen den beiden Männer.

Sie sollten spüren, dass ich mich von ihnen zu nichts zwingen lassen würde. Doch ihr Gesichtsausdruck änderte sich nicht. Im Gegenteil, Johns Augen funkelten mir zornig entgegen.

Es war sinnlos, absolut sinnlos.

Ich hatte keine Lust mehr mir das alles weiter anzuhören. Raffte mein Rock und begab mich zur Tür.

„Wo willst du hin?“, packte John mich am Arm, als ich an ihn vorbei gehen wollte. Sein explosiver Blick ließ mich kurz inne halten und erschaudern. Ich atmete stocken aus und erwiderte seine hitzige Mimik.

„John lass mich los“, sagte ich mit Nachdruck.

„Du gehst nirgendwohin“, erwiderte er stärker.

„Du kannst mich hier nicht festhalten“, sagte ich und zog an meinem Arm. Doch seine Finger ließen mich nicht frei.

„Kann ich nicht?“, fragte er herausfordernd und verengte wütend seine Augen.

„Das würdest du nicht wagen…“

Das würde er doch nicht, oder? Sah ich ihm geschockt entgegen.

„Stell mich doch auf die Probe“, erwiderte er und spannte den Kiefer an. „Du gehst nirgendwohin, und wenn ich dich um deiner Sicherheit Willen im Kerker einsperren muss“, gab er mir mit einem Brauen zucken zu verstehen.

Ich erschrak vor der Konsequenz seiner Worte. Noch immer schaute er beharrlich auf mich runter und fesselte mich förmlich mit damit.

„Um meine Sicherheit geht’s hier doch gar nicht“, erwiderte ich und versuchte seinen Blick stand zu halten. „Du siehst doch in alledem nur eine Chance, um mich hier zu behalten. Aber das kannst du vergessen! Das bringt mich auch nicht dazu!“, wurde meine Stimme immer Lauter.

„Ja, weil du verblendet bist, und das offensichtliche nicht akzeptieren willst!“

Er ließ mich los und wand sich zu mir. „Du bist so darauf fixiert, das richtige zu tun dass du dabei alles übersiehst, alle Zeichen ignorierst …“, schrie er aufbrausend.

Wutentbrannt sahen wir uns beide entgegen. Starrköpfig, ohne zu blinzeln. Keiner war bereit den anderen Nachzugeben.

Er fixierte mich derart standhaft mit seinem unbeugsamen Blick, dass ich mich für einen Sekunde fast darin verlor. Denn auch wenn große Wut in seinen Augen lag, hatten sie an ihrer Leuchtkraft nichts verloren. Im Gegenteil, sie funkelten noch mehr.

Ich blinzelte auf, als ich merkte dass ich dieses Spiel nicht gewinnen könnte. Denn hätten wir uns weiter so intensiv in die Augen geschaut, könnte keiner von uns den anderen widerstehen.

Und auch wenn ich das mehr als alles andere auf der Welt wollte, dürfte ich das nicht zulassen. Also wand ich den Blick als erste ab und begab mich zum Fenster, auf die andere Seite des Zimmers, um genügend Abstand zwischen uns zu haben.

„Verdammt, Annabelle!“, schrie John aufbrausend.

„John beruhige dich. Durchs rum schreien kommen wir auch nicht weiter.“, sagte Edward.

„Ja, weil sie Stur ist!“, entgegnete John lautstark in meine Richtung.

„Ich bin Stur?“, funkelte ich ihn empört an. „Wenn ich Stur bin, dann bist du Starrsinnig!“

„Ja bin ich … und?“, schrie er.

„Na super! Ich gratuliere dir zu deiner Selbsterkenntnis!“, entgegnete ich.

„Ruhe!“, brüllte Edward, schnellte hoch und schlug seine Handflächen gegen die Tischplatte, um uns zum Schweigen zu bringen. Was auch hervorragend funktionierte, denn ich zuckte vor Schreck zusammen.

„Ihr benimmt euch wie Kleinkinder. Es hat kein Sinn einander anzuschreien. Der Plan ist beschlossene Sache …“, schaute er bei diesen Worten zu mir. Und der Ton mit dem er diese Worte aussprach, ließ keinen Platz für irgendwelche Gegenargumentationen. „Und komme was wolle, er wird auf jeden Fall, wie geplant umgesetzt!“, prallte seine feste Stimme an den Steinwänden ab.

Ich schwieg, und versuchte meinen aufsteigenden Wutausbruch im Zaum zu behalten. Auch John riss sich sichtbar zusammen, denn er Atmete schwer.

„Moment Mal“, sagte Joan verstört und zog somit die Aufmerksamkeit auf sich. „Wie könnt ihr eine Bestattung veranstalten, wenn ihr nichts zu Bestatten habt?“, hob sie ihren Blick und sah die beiden durchdringend an.

Das war eine sehr gute Frage und ich war auch schon ungeheuer auf ihre Antwort gespannt. Denn eins stand fest, für eine Beerdigung bräuchte man eine Leiche, und die stand ganz offensichtlich nicht zur Verfügung.

„Euch fehlt der Körper, und ohne Körper ist eine Bestattung nicht durchführbar. Oder habt ihr etwa vor eine Heupupe zu präparieren? Das wird euch niemand abkaufen. Jeder wird den Unterschied bemerken.“ Warf sie ihren Einwand in den Raum, und wartete auf eine Antwort. Die Männer sahen einander zerknirschten an, als trafen sie gerade eine Entscheidung.

„Wir haben eine Leiche“, stoß John hervor.

„Was?“, schoss es aus mir, wie aus der Kanone. Geschockt sah ich die beiden an, und überlegte, bis ich auf einmal die Antwort genau vor meinen Augen erkannte.

„Emma?“, hauchte ich und spürte wie mir die Luft knapp wurde. Sie hatten vor sie an meiner Stelle beizusetzen.

John blickte beklommen zur Seite, und atmete schwer aus. „Ja“, sagte er leise.

„Wartet einen Augenblick, Emma? Unsere Küchenmagd Emma?“, fragte Joan, deren Verwirrung immer größer wurde. Sie blickte in dem ganzen durcheinander nicht mehr durch und das sah man ihr auch an. „Was hat sie den mit dem ganzen zu tun?“, sah sie uns alle fragend an.

„Joan, ich verspreche, ich erkläre dir alles Später. Fakt ist …“, sagte Edward und wurde durch ein Klopfen an der Tür unterbrochen.

„Milord, verzeiht …“, kam einer der Soldaten herein. „Aber es gibt ein kleines Problem … draußen … im Hof.“, sagte er anspielend und betont.

Edward schaute genervt zu John. „John?“

„Schon gut, ich gehe“, sagte er und folgte dem Mann in den Flur.

Doch bevor er die Tür schloss, wand er sich noch einmal zu mir. „Und wehe du läufst weg!“, warnte er mich. „Ich verspreche ich finde dich, und dann ist der Kerker dir sicher!“, sagte er und schloss die Tür.

Es war unüberhörbar das diese Warnung mehr als ernst gemeint war. Und der Blick der dieser Äußerung folgte, ließ mich kurz erschaudern.

Das konnte er doch nicht wirklich ernst Meinen?

Würde er es tatsächlich tun und mich in den Kerker werfen? Nein, das würde er nicht? … Oder? Fragte ich mich und schaute zu Edward.

„Das meint er doch nicht im Ernst?“, sah ich ihn fragend an.

„Annabelle, solltest du so etwas wirklich im Sinn haben, sperre ich dich höchstpersönlich ein“, erwiderte er mit vollen ernst.

Wie bitte? Meine Kinnlade klappte mir fast runter. Die beiden überschritten ihre Grenzen. Außerdem, würde ich so etwas wirklich tun wollen, würde ich sie ganz sicher vorher nicht um Erlaubnis fragen!

„Edward!“, rief Joan ihn zu Recht.

Er seufzte und setzte sich wieder. „Aber da ich denke, dass du so Vernünftig sein wirst und uns nicht auf die Probe stellen wirst, wird das bestimmt nicht nötig sein“, fügte er sanft hinzu.

„Ihr seid doch alle Irre!“ entgegnete ich und wand mich zum Fenster.

 

Die nächste halbe Stunde verbrachte ich schweigend, während Edward uns seinen Plan Stück für Stück erklärte.

Ich hörte ihm nur mit einem halben Ohr zu, da ich mich immer noch maßlos über John ärgerte.

„Annabelle, hast du das alles verstanden?“, hörte ich Edward meinen Namen rufen.

„Was?“ schaute ich zerstreut zu ihm und Joan, die immer noch leicht irritiert wirkte.

Edward schüttelte den Kopf. „Ann, du musst das hier wirklich ernst nehmen, sonst klappt es nicht.“

Ooh, das war mir so was von egal, ob ihr Plan klappen würde. Ich war nach wie vor nicht bereit bei ihrer absurden Inszenierung mitzuwirken, und mich in die Rolle eines toten Mädchens zu zwingen.

Doch das interessierte keinen von ihnen auch im Geringsten. Diesen Standpunkt hatten sie mehr als deutlich klar gemacht.

Ohne etwas zu sagen wand ich mich wieder zum Fenster und hörte Edward einen tiefen Seufzer ausstoßen. Aber das weckte meine Anteilnahme nicht, schließlich kümmerte sie meine Meinung auch nicht.

Ich konzentrierte mich lieber auf meinen Plan unbemerkt aus dem Schloss zu verschwinden. Edward würde bestimmt bald gehen. Nachdem er auch noch den Rest ihres Plans uns unterbreitet hatte.

Na ja, mehr Joan. Denn sie war die einzige, die ihm wirklich zuhörte. Ich rief mir währenddessen sämtlichen Ausgänge in Erinnerung und überlegte welcher der unauffälligste war.

Während ich nachdachte steckte ich meine Hände in die Taschen meines Kleides und ertastete dabei etwas Weiches.

Das Geschenk von John! Das hatte ich ganz vergessen. Ich zog den schwarzen Beutel heraus und betrachtete ihn, bevor ich ihn aufband und die Halskette auf meine Handfläche heraus fallen ließ.

Ihr Anblick rief mir wieder den missglückten Mordanschlag auf mich in Erinnerung. Denn das letzte Mal, als ich sie in den Händen hielt, war ich dabei das Medaillon zu öffnen.

Doch jetzt da alles vorbei war und ich in Sicherheit, zweifelte ich wieder ob ich es öffnen sollte.

Ich nahm das Medaillon zwischen meine Finger. Drehte und wendete es, kämpfte mit mir. Und während ich das tat, drückte ich unbewusst den Druckknopf und das Ding sprang auf …

Die Luft stoppte in meinen Lungen und ich erstarrte. Spürte wie mir die Farbe aus dem Gesicht wich, denn die Worte die dort eingraviert waren, erschraken mich bis aufs Mark.

Es dauerte einige Sekunden bis ich mich von dem Schock erholte, und mich traute die dort stehende Botschaft zu verinnerlichen.

 

 

Für meinen liebsten Engel Annabelle

 

Woher wusste er das? … … … ….

 

Reglos starrte ich auf den Gegenstand in meiner Hand.

 

Verwirrt, weil ich es mir nicht erklären konnte.

 

Sagte er nicht, es sollte etwas persönliches eingraviert sein, … etwas von ihm, … etwas was mich an ihn erinnern sollte?

 

Aber … wenn dem so war … Warum standen dann die Worte meiner Mutter in diesen Medaillon?

In genau derselben Schrift! Ohne jeglichen Unterschied!

 

Ich schaute mir das Medaillon genauer an, von allen Seiten. Es war genau wie meins, eine perfekte Kopie, nur … neu …

Mein Herz begann schneller zu schlagen und hämmerte so heftig gegen meinen Brustkorb, das der Rhythmus meinen Atem zum rasen brachte, während ich das innere des Medaillons zu verstehen und zu verarbeiten versuchte.

Mein Albtraum kam mir plötzlich wieder ins Gedächtnis, und das was Blanche mir dort gesagt hatte.

„Damit ich leben kann, musst du sterben …“, murmelte ich und schaute sofort zu Edward.

Er war nach wie vor mit der Auslegung des Plans beschäftigt, und tat im Grunde das was mein Traum mir gezeigt hatte.

Denn am Ende des Traums veränderte sich ihr Gesicht und wurde zu meinem.

 

Verflucht! Das konnte doch nicht tatsächlich war sein?

War ich Blanche?

War ich in Wirklichkeit diese Frau auf dem prunkvollen Gemälde das mir so ähnelte?

 

Aber … wenn … ja? Dann hätte ich tatsächlich nichts mit ihren Tod zu tun. Ich wäre nicht Schuld daran, dass sie nicht mehr Existierte.

Wenn es wirklich wahr wäre, … dann … sollte ich sie vielmehr Ersetzten …

Ach du Scheiße weiteten sich meine Augen.

„Nein …“, flüsterte ich um Fassung ringend und spürte meine Beine zittern, die drohten dadurch einzuknicken.

Ich lehnte mich gegen die Wand, um meinen Halt zu sichern und starrte in das Innere des Medaillons.

Das war unmöglich … unmöglich …

Sollte ich am Ende doch Blanche sein?

Doch je länger ich darüber nach dachte, desto klarer erschien mir alles.

Unsere Träume. Die Halskette. Blanche, und der skurrile Glauben der Königin. Alle Puzzlestücke setzten sich auf einmal zusammen, und obwohl sich jetzt alles vor mir öffnete, weigerte sich ein Teil von mir es zu akzeptieren.

Es konnte am Ende doch nicht so einfach sein?

Puzzle für Puzzele setzte ich alles zusammen.

Ihr Glaube an die Mutter der Erde, die Göttin Hekate, die ihnen ihr Schicksal weist.

Die Liberty Rosen, auch Schicksalsrosen genannt, die John als Kind unter den Tor gepflanzt hatte, um durch dieses sein Schicksal willkommen zu heißen.

Die Träume die wir von einander hatten, durch die wir uns kennen und lieben gelernt hatten.

Und das Gemälde von Blanche, deren Aussehen mir mehr als glich.

Bis schließlich zu Halskette, die nicht nur ich besaß, sondern auch die Königin. Und auf dem Bild trug Blanche sie auch. Aber es gab von der Halskette nur ein Exemplar.

Also gab es dafür nur eine Erklärung, ich musste schon mal hier gewesen sein.

Somit stand fest, das diese Kette zuerst der Königin gehörte, die diese an mich übergab, genauso wie es heute passiert war. Und viele Jahrhunderte später, gelang sie auf eine unerklärliche Weise zu meiner Mutter, die sie mir zum Geburtstag schenkte, und die mich schließlich hier her brachte.

Somit begann der Kreislauf von vorn!

Was mich wieder zu Blanche brachte. Sie starb als Kind. Aber wenn sie tot war, wie konnte man dann ein Bild von ihr als Erwachsene malen. Es gab nur eine Erklärung … sie war … ICH …

„Ich bin Blanche …“, sah ich es immer noch Fassungslos ein.

„Na endlich“, hörte ich Edward erleichtert sagen.

 

Ich war Blanche. Ich war die Person auf dem prunkvollen Gemälde. Deswegen sah sie mir auch so ähnlich, weil es … „ … Ich war …“ flüsterte ich und sah verstört durch den Raum.

„Annabelle?“, beobachtete mich Edward besorgt. Doch ich nahm ihn nicht wahr.

Ich reihte immer wieder die Puzzlestücke aneinander und kam ständig zum gleichen Ergebnis.

John hatte Recht! Ich zog nachdenklich die Augenbrauen zusammen und sah zur Tür.

Ich musste mit ihm reden. Er musste es mir erklären, wie er auf diese Gravur kam. Ruckartig löste ich mich von der Stelle und steuerte auf die Tür zu, entschlossen ihn zu suchen.

Bevor ich es mir selbst erlauben konnte daran zu glauben, musste er mir erklären wie er auf diese Worte kam.

„Annabelle wo willst du hin? Du darfst die Stube nicht verlassen, man könnte dich sehen!“, rief Edward mir hinterher.

„Ich muss mit John reden!“ entgegnete ich, riss die Tür auf und stürmte in den Flur.

„Um Gottes Willen, was ist denn jetzt schon wieder?!“, hörte ich Edward ermattet ausstoßen.

Ich ignorierte seine Empörung, denn ich musste unbedingt mit John reden und das sofort!

Ich beschleunigte meinen Gang, bis ich fast rannte. Lief zur großen Eingangstür in der nähe der großen Halle, und riss sie auf … als mir auf einmal John gegebüber stand.

Er musterte mich überrascht und verengte die Augen.

„Was machst du hier?“, fragte er scharf und schritt auf mich zu.

Ich wich zurück.

Er schloss achtsam die Tür und sah mich durchblickend an.

„John ich muss mit dir reden“, sagte ich schwer atmend.

„Wolltest du etwa abhauen?!“, zog er wütend die Augenbrauen zusammen.

„Nein“, schüttelte ich den Kopf. „Ich muss wirklich mit dir reden. Sofort.“

Er betrachtete mich Stirnrunzelnd, nahm mich Wortlos am Arm und zog mich Richtung große Halle.

„Hat dir Edward nicht, dass du dich nicht blicken lassen darfst!“, fuhr er mic