Cover

Leseprobe

Kurzbeschreibung

Liebe, Herzschmerz und die Suche nach sich selbst …

Begleite drei Paare mit Ecken und Kanten, die lernen müssen, über sich selbst hinauszuwachsen, um am Ende ihr Glück zu finden!

Die Eliza Dawson Collection I enthält die folgenden drei Gay-Romance-eBooks:

Die Saiten meines Herzens

Alden Winfield ist ein begnadeter Geiger und er träumt von nichts anderem, als auf den Bühnen der Welt zu spielen. Sein ganzes Leben hat er auf dieses Ziel hin ausgerichtet – er hat keine Zeit für Freunde und erst recht nicht für Liebe. Er braucht nichts mehr als seine Musik. Nichts mehr als die Violine in seinen Händen.

Doch dann macht eine Krankheit seinen Traum zunichte und die Zukunft, die Alden bis ins kleinste Detail geplant hatte, ist nur noch ein Scherbenhaufen. Was soll jetzt aus seinem Leben werden?

Die Hoffnungslosigkeit droht ihn zu ersticken und um den Schmerz einen Moment zu vergessen, will er sich Trost erkaufen: Vom Straßenstrich gabelt er Luke auf, der nicht nur hübsch, sondern auch sehr scharfzüngig ist. Ihre Begegnung verläuft jedoch ganz anders als geplant und nachdem sich ihre Wege wieder trennen, geht Luke ihm nicht mehr aus dem Kopf …

Wenn der Frühling vergeht

Ein Lächeln wie der Frühling.

Die Wärme von Sonnenstrahlen.

Ein Feuer, das sich nicht ersticken lässt.

Gerade neunzehn hat Jared die Hoffnung auf die große Liebe längst aufgegeben. In seinem Herzen herrscht ein ständiger Winter. Doch dann ändert sich alles: Über die Sommerferien ist Orville über zwei Monate zu Gast bei Jareds Familie auf ihrem Landsitz in Derbyshire.

Die Vorstellung, den Sommer mit einem Fremden zu verbringen, missfällt Jared zunächst, doch bald zieht der lebenslustige Junge ihn in den Bann. Er ist genau so, wie Jared sich wünscht zu sein: charismatisch, wortgewandt und furchtlos. Mit ihm kehrt der Frühling in Jareds Leben ein und lässt den Eispanzer um sein Herz schmelzen.

Und aus einem ihm unerklärlichen Grund scheint dieser ungewöhnliche Junge ihn ebenfalls zu mögen.

Sie umtänzeln einander wie Motten das Licht, Schüchternheit und Unsicherheit stehen ihnen im Weg, doch die gegenseitige Zuneigung gewinnt schließlich. Jareds Herz brennt lichterloh.

Doch kann eine Sommerliebe den langen Winter überstehen?

Zerbrochene Spiegel und schwarze Katzen

Jules war nie abergläubisch, bis ihm ein zerbrochener antiker Spiegel zum Verhängnis wird.

Um die Schulden zurückzuzahlen, nimmt er eine Stelle als Haushälter bei dem Eigenbrötler Alan an. Er will einfach nur seinen Job gut machen, aber sein griesgrämiger Chef und dessen grantiger Kater Jigsaw machen ihm das Leben schwer.

Am liebsten würde Jules alles hinschmeißen, aber die Schulden baumeln wie ein Damoklesschwert über ihm.

***

Zu Anfang will Alan Jules einfach nur loswerden und wieder seine Ruhe haben. Doch je mehr Zeit er mit dem warmherzigen jungen Mann verbringt, umso mehr Risse bekommt sein Panzer. Kann es wirklich sein, dass er sich nach und nach in ihn verliebt?

Doch sein eigenes Temperament und lang gehegte Schuldgefühle stehen ihm selbst im Weg. Denn wie soll er Jules’ Herz erobern, wenn er nicht mehr daran glaubt, Liebe überhaupt zu verdienen?

Bücher von Eliza Dawson

Devon & Aiden

Die Saiten meines Herzens

Wenn der Frühling vergeht

Raving Hearts-Reihe

Raving Hearts

Yearning for Love

Blazing Love

Love in Disguise

On the Edge

All I Want

Kurzgeschichten

Der Geschmack deiner Lippen

Love Cruise

Hinter Masken

Träume vom Meer

Eliza Dawson Collection I

Eliza Dawson

Inhalt

Die Saiten meines Herzens

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Wenn der Frühling vergeht

Prolog

I. Der Schnee schmilzt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Zwischenspiel I

II. Die Liebe glüht

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Zwischenspiel II

III. Wenn der Frühling zurückkehrt

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Epilog

Zerbrochene Spiegel und schwarze Katzen

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Epilog

Eine Bitte in eigener Sache

Bücher von Eliza Dawson

Die Saiten meines Herzens

1

Der Tag, an dem ich meine große, meine einzige Liebe verlor, begann vollkommen unspektakulär. Gut, man musste vielleicht ein bisschen abgebrüht sein, um den Vortag eines großen Wettspielens mit aufreibenden Generalproben und allgemein flatternden Nerven unspektakulär zu finden. Aber ich spielte Violine, seit ich sechs Jahre alt war, und fast genauso lange stand ich auf der Bühne im Wettstreit mit anderen. Ich hatte keine Angst davor, vor kritischem Publikum und unter großem Druck zu spielen. Ich beherrschte meine Stücke und die Herausforderung befeuerte nur meinen Ehrgeiz. Das Einzige, was wirklich an mir nagte, war meine größte und einzige Konkurrenz als zittriges Nervenbündel zu erleben.

»Paganinis Caprice No. 24 schüchtert dich doch nicht etwa ein, Andrews?«, fragte ich Jaden mit einem süffisanten Lächeln und schob mir die Brille ein Stück die Nase hinauf. Seit er im Herbst mit mir an der Juilliard angefangen hatte, waren wir irgendwie zu Freunden geworden. Ich hatte nie beabsichtigt mich mit ihm oder irgendwem anzufreunden – dafür studierte ich nicht hier. Aber auf wundersame Weise hatte es sich in den letzten Monaten so ergeben, dass mein entspanntes Einzelgängertum ein Ende gefunden hatte. Was aber nicht bedeutete, dass ich ihm ein leichtes Spiel machen würde. Notfalls war ich bereit für einen Sieg zu psychologischen Spielchen zu greifen. Obwohl sie bei ihm ganz offensichtlich nicht notwendig waren.

Er schlang seine Arme um mich wie ein kleines Klammeräffchen und drückte den Kopf an meine Schulter. »Ach Alden, wäre ich doch nur so gelassen wie du!«

Ich verkniff mir Kommentare über mehr als ein Jahrzehnt Routine und Erfahrung, klopfte ihm einfach auf die Schulter. »Falls du morgen durchstehst, wird das schon noch werden.«

Bellamy, der Leiter unserer Fakultät, betrat die Bühne der Paul Recital Hall und winkte Jaden zu sich. Ich lehnte mich in meinem Platz zurück, um mir sein Spiel anzuhören. Auf jede kleine Schwäche wollte ich achten, damit ich eben diese Stellen besonders gut spielen konnte.

Ich knetete meine Hände, die sich ungewohnt steif und erhitzt anfühlten. Selbst die leichten Bewegungen schmerzten in den Gelenken. In letzter Zeit waren sie häufiger ein bisschen angeschwollen, aber noch nie ganz so schlimm wie heute. Bisher dachte ich, dass es einfach an der feuchten Kälte lag. Meine Finger reagierten immer empfindlich auf den Winter. Aber doch nicht so empfindlich … Vielleicht hatte ich es die letzten Wochen doch etwas übertrieben. Und selbst ich konnte nicht leugnen, dass so ein Wettspielen ein bisschen mehr Stress bedeutete. Nach der Generalprobe würde ich mich den Rest des Tages erholen und mir eine Massage gönnen. Entspannung war ohnehin die beste Vorbereitung. Das Stück hatte ich längst verinnerlicht, da brauchte ich es nicht mehr zu üben. Wegen Jaden musste ich mir da ohnehin nicht so einen großen Stress machen. Klassik war nicht seine Stärke, sondern meine.

Jetzt stand er auf der Bühne, die Violine in der Hand, sah winzig und verloren aus. Sein Blick wanderte über die leeren Stuhlreihen des Konzertsaals. Ich ließ mich zu einem Daumen hoch hinreißen, verweigerte ihm aber zumindest ein aufmunterndes Lächeln. Schließlich hatte ich ein Image zu wahren. Jaden legte die Violine auf die Schulter, setzte den Bogen an und schloss die Augen. Würdigte die Noten keines Blickes. Das schwierigste Stück für Violine, das es gab, wollte er nach ein paar Wochen Übung aus dem Gedächtnis spielen. Wie arrogant.

Genau wie ich. Ein Lächeln zupfte mir an den Mundwinkeln, aber ich unterdrückte es.

Sein Bogen glitt geschwind, seine Finger flitzten von einer Saite zur nächsten, entlockten der Violine genau die richtigen Töne an genau den richtigen Stellen. Er war gut, verdammt gut. Am Anfang hatte ich ihn dafür gehasst, sogar versucht, ihn mit allen Mitteln aus der Juilliard zu ekeln, aber jetzt? Ich liebte die Herausforderung. Ohne ihn wäre das Wettspielen einfach nur langweilig. Wo lag der Reiz, wenn der Sieger von Anfang an feststand? Nicht, dass Jaden eine ernstzunehmende Chance gegen mich hätte.

Er setzte die Violine am Ende des Stücks ab und blickte ängstlich zwischen Bellamy und mir hin und her. Seine Wangen waren leicht gerötet, und ich war mir nicht sicher, ob das von der Aufregung kam oder er so angestrengt gespielt hatte. Bellamy nickte knapp – er war nicht der Typ, der seine Schüler mit Lob überhäufte, gleich wie gerechtfertigt es war – und schickte Jaden von der Bühne.

»Oh mein Gott, wie war ich?«, fragte er nervös, als er sich wieder zu mir setzte.

Ich zuckte gleichgültig mit den Schultern. »Ach, ganz okay. Ich muss mich morgen nicht blamieren, gegen dich zu gewinnen.«

Er grinste breit. »Also war ich gut.« Dann nickte er in Richtung Bühne. »Du bist an der Reihe.«

Ich streckte die Finger. Die Gelenke knackten ungewohnt laut. Ich hatte es wohl wirklich übertrieben. Ich nahm meinen Violinenkoffer und ging zur Bühne, die Schultern zurück, das Kinn leicht nach oben gereckt. Ich wusste, was die anderen über mich redeten.

Alden Winfield – ein reicher, überheblicher Schnösel, einziger Sohn des einflussreichsten Medienmoguls der USA, der Intrigen mit der Muttermilch aufgesaugt hatte. Aber auch der unangefochtene Virtuose an der Geige, der jede Konkurrenz in den Schatten stellte. Genau das, was sie denken sollten. Ich stand auf der Bühne, atmete die Luft ein, die hier doch irgendwie anders war, blinzelte gegen das Licht der Scheinwerfer an, blickte durch die leeren Ränge und nickte schließlich Bellamy zu. Er lächelte wohlwollend. »Ich bin gespannt, wie du dich im letzten halben Jahr entwickelt hast, Al.«

Er war der Einzige, der mich so nennen durfte. Und das nur, weil er mich zehn Jahre lang unterrichtet hatte. Ich holte meine Violine hervor, strich zärtlich über das geölte, polierte Holz. Ich wusste, dass es nur Einbildung war, aber der harzige Geruch von Fichten und Ahorn stieg mir in die Nase. Ich atmete ihn ein, spürte für einen Moment nur mich und das Instrument, das ich so sehr mein ganzes Leben geliebt hatte. Ich nahm den Bogen heraus, klemmte die Violine unter mein Kinn und setzte an zu spielen.

Die ersten Töne entlockte ich mühsam den Saiten. Meine Finger fühlten sich ungewohnt träge an. Es kostete mich große Anstrengung, mit der Linken schnell genug die Griffe zu wechseln. Verdrießlich presste ich die Lippen aufeinander. Das war nur die Generalprobe, ermahnte ich mich. Vielleicht wäre es gar nicht so verkehrt, Jaden ein bisschen in Sicherheit zu wiegen. Außerdem war noch keine halbe Minute vergangen. Ich konnte es noch rumreißen. Trotzdem stieg mir der kalte Schweiß auf die Stirn.

Beim Übergang zum Pizzicato passierte es: Als ich die erste Saite anschlagen wollte, krampften meine Finger um den Bogen, der kurz ruckte und gegen die Saiten schlug, die aufjaulten wie ein verwundetes Tier. Dann rutschte mir der Bogen aus der Hand und landete mit einem dumpfen Knall auf der Bühne. Benommen blickte ich einen Moment auf meine Finger, die eine unnatürliche Haltung eingenommen hatten. Wie die Klauen eines Biests. Erst dann registrierte ich den Schmerz, der in meiner Hand pulsierte und meinen Arm hinauf jagte.

Ich stieß einen Laut aus, der erschreckend wie das Jaulen der Violine klang.

»Alles in Ordnung?«, Bellamy stand dicht vor mir, hielt mich an den Schultern fest. Meine Knie wurden weich.

Ich starrte auf meine Hand, über die ich die Kontrolle noch nicht wiedererlangt hatte, und schüttelte den Kopf.

»Rheumatoide Arthritis?« Ungläubig starrte ich den Arzt an. »Ich bin neunzehn, keine neunzig.«

»Es kann auch junge Menschen treffen, selbst Kinder.« Der Arzt hob die Schultern. »Und noch ist es nur ein Verdacht. Wenn ich mir Ihre Hände so ansehe …«

Meine Hände. Das Wertvollste, was ich besaß.

Ich hörte ihm nicht mehr zu. Alfred, mein Chauffeur, hatte mich von der Probe gleich ins Saint Jude Hospital gefahren, wo mein Vater gut mit der Leiterin befreundet war und es ein Leichtes gewesen war, sofort mit einem der Ärzte auf der Inneren zu sprechen. Aber anscheinend hatte ich einen Dilettanten erwischt. Anders konnte ich mir nicht erklären, was er da sagte. Es musste doch eine simplere Diagnose geben. Magnesiummangel oder irgendetwas anderes, was zu Muskelkrämpfen und schmerzenden Gelenken führen konnte. Ich ernährte mich zwar überaus gesund und nahm auch jeden Morgen meine Vitamine, aber … Es musste etwas Harmloses sein. Etwas, was morgen wieder weg war. Vielleicht war es doch nur die Kälte des New Yorker Winters, die mir in den Knochen steckte. »Wann wird es wieder besser sein?«, fiel ich ihm ins Wort.

Der Arzt sah mich mit einem schiefen Lächeln an. »Das erklärte ich ja gerade, auch wenn ich bereits den Verdacht hatte, dass Sie mir nicht mehr zuhörten.« Er sagte es nicht herablassend, mehr auf eine leicht augenzwinkernde Art, dennoch spannte sich mir vor Wut der Kiefer an. »Wenn ich mit meinem Verdacht richtig liege, könnten es Wochen oder Monate sein, bis der Schub vollständig abklingt. Und selbst dann wären die Beschwerden nicht gänzlich verschwunden. Geduld ist das Wichtigste.«

Wochen oder Monate? Die lodernde Wut flaute ab und ließ eine Kälte zurück, die mich zittern ließ. »Und wenn Sie mit ihrem Verdacht nicht richtig liegen, Dr. …?«

Dünnlippig lächelte er. »Wie ich eben sagte, ich bin Brodie Blackbourne. Chefarzt der Abteilung für innere Medizin – meine Schwerpunkte sind Onkologie und Rheumatologie. Vielleicht bin ich dadurch in der Tat etwas voreilig, was meine Diagnose angeht, aber ich habe in meiner Laufbahn schon sehr viele Fälle von rheumatoider Arthritis gesehen und behandelt.«

»So alt sehen Sie gar nicht aus«, rutschte es mir heraus.

Er schmunzelte. »Das fasse ich als Kompliment auf. Aber jedenfalls passen die Symptome, die Sie beschrieben haben, zu meinem Verdacht, ebenso die Schwellungen und Rötungen an Ihren Gelenken, die ich bei der Untersuchung festgestellt habe. Auf den Röntgenbilder ist eine subchondrale Osteoporose an den Fingergelenken erkennbar, was meinen Verdacht weiter untermauert. Mit einer Blutuntersuchung will ich im nächsten Schritt klären, ob Sie Rheumafaktoren im Blut haben. Bis das Ergebnis vorliegt, kann ich Ihnen Schmerzmittel aufschreiben. Und, tja, falls ich falsch liege, könnte es auch einfach nur Verschleiß und Überbelastung sein, die ihren Tribut zollen. Oder …« Er zuckte mit den Achseln. »Es könnte noch tausende Erklärungen geben, die wir dann nach und nach überprüfen würden.«

Toll, wie hilfreich. »Mit den Schmerzmitteln … könnte ich damit morgen spielen? Ich habe ein Wettspielen, auf das ich mich die letzten Wochen vorbereitet habe.«

Er zögerte einen Moment und rieb sich über das Kinn. Dann stieß er ein Seufzen aus. »Es gäbe eine Möglichkeit, aber die behagt mir nicht.«

Was ihm behagte oder nicht behagte, war mir vollkommen egal. »Und die wäre? Kosten spielen keine Rolle.«

Trocken lachte er auf. »Die Kosten sind nicht das Problem.« Er schüttelte den Kopf. »Ich könnte Ihnen Steroide in die Fingergelenke spritzen. Dann würden sie recht schnell abschwellen und die Schmerzen nachlassen – einige Kollegen von mir machen das bei Musikern, die an Arthritis erkrankt sind. Aber so lange, wie ich mir nicht hundertprozentig sicher bin, dass es eine rheumatoide Arthritis ist, werde ich es bei Ihnen nicht tun. Steroide spritze ich nicht leichtfertig.«

Steroide. Das klang wirklich nicht gut. Und bei der Vorstellung, wie er mir eine Nadel in die Gelenke rammte, wurde mir flau im Magen. »Und wenn ich nur die Schmerzmittel nehme?«

»Sie können es gerne versuchen, ich würde aber davon abraten. Wenn es nur Überbelastung ist, könnte es dadurch noch schlimmer werden. Ganz davon ab, dass die Schmerzmittel keine Garantie dafür sind, dass Sie tatsächlich schmerzfrei sein werden. Oder dass die geschwollenen Gelenke brav mitspielen und Sie sich nicht furchtbar auf der Bühne blamieren.«

Hitze kroch mir in die Wangen, wenn ich an die entsetzten Blicke und das Getuschel zurückdachte, das losgebrochen war, nachdem der erste Schockmoment vergangen war. Ich war mir fast sicher, dass ich jemanden lachen gehört hatte. Ihren Spott wäre ich mir sicher, wenn ich mich morgen wieder auf die Bühne wagte und genauso versagte. Diesmal nur vor großem Publikum. »Wenn Sie recht haben, kann ich dann jemals wieder spielen? Ich meine, professionell spielen.«

Mitleidig sah er mich an. Da wusste ich schon die Antwort. »Wenn Sie gerade keinen Schub haben und die Finger es zulassen, können Sie gerne aus Spaß an der Musik spielen. Aber so, wie Sie es bisher getan haben? Stunden jeden Tag? In einem Orchester auf der Bühne?« Er schüttelte den Kopf. »Es tut mir leid, aber ich fürchte nein.«

»Aber Sie sagten doch, mit den Steroiden …«

»Das ist keine Dauerlösung. Die Musiker, die meine Kollegen behandeln, sind Profis am Ende ihrer Laufbahn, die hin und wieder ein Konzert spielen. Aber Sie sagten, Sie studieren Violine, spielen jeden Tag. Hätten noch fünfzig, sechzig Jahre Karriere vor sich.« Er schüttelte den Kopf. »Ich erkenne jetzt ja schon die fortgeschrittene Osteoporose an Ihren Gelenken, die so oder so mit der Zeit schlimmer werden wird. Die Steroide würden das noch zusätzlich beschleunigen, wenn ich sie regelmäßig spritze. Von anderen Nebenwirkungen fange ich erst gar nicht an. Und den Krankheitsverlauf können sie ohnehin nicht aufhalten. Es tut mir aufrichtig leid, aber wenn ich richtig liege, sollten Sie sich einen anderen Traum suchen.«

Benommen nickte ich. Er musste sich irren. Etwas anderes durfte nicht sein.

Ich drückte Jadens fünften Anruf weg. Ich wollte nicht mit ihm reden. Obwohl er vermutlich einer der Wenigen an der Juilliard war, der mich nicht mit Häme übergießen wollte, sondern ernstlich besorgt war. Das hatte ich daran gemerkt, wie er mich nach dem Auftritt angesehen hatte. Aber Sorge und Mitleid wollte ich gerade genauso wenig. Ich wollte einfach nur alles um mich herum vergessen.

In solchen Situationen stopfte ich mir den Bauch mit Schokoladeneiscreme voll und sah mir irgendeine alte Komödie an. Normalerweise. Aber Dr. Blackbourne hatte mir eine Infobroschüre mitgegeben, worauf man alles achten müsste, wenn man Rheuma hatte. Und ernährungstechnisch stand Schokolade auf der No-Go-Liste, genau wie irgendwie alles andere, was ich gerne zum Trost futterte. Ich blickte hinab auf meine Finger, die sich inzwischen so fremd anfühlten. Sie schmerzten immer noch, auch wenn es dank der Schmerzmittel nur noch ein dumpfes Pochen und Puckern war, wie bei einer Entzündung, die es, wenn Dr. Blackbourne recht hatte, ja auch war. Wenn er recht hatte, was er aber nicht durfte und … Bei den Gedanken fingen meine Augen an, verräterisch zu jucken.

Ach, Scheiß drauf. Ich stiefelte in die Küche, holte mir aus dem Vorratsschrank Schokolade und Chips in allen Variationen und eine Flasche Cola. Aus dem Gefrierschrank kramte ich die Familienpackung Schokoladeneiscreme hervor, die zwar schon angebrochen war, aber ich war ja auch keine ganze Familie. Wenn es Rheuma war, würde es ohnehin nicht mehr besser werden. Nicht mehr dauerhaft. Und wenn ich mich doch nur überanstrengt hatte, dann würde mir die Fressorgie auch nicht großartig schaden.

Ich schaltete den Fernseher ein, zappte durch ein paar Programme, bis ich bei einem Film hängenblieb, der von den Frisuren ausgehend irgendwann in den Achtzigern spielen musste. Lange vor meiner Geburt. Ich erkannte Goldie Hawn und Kurt Russel, entschied, erstmal dabei zu bleiben. Von der Handlung bekam ich allerdings wenig mit, da ich die meiste Zeit damit verbrachte, die Eiscreme in mich hinein zu löffeln und, nachdem die Packung leer war, knirschend Chips zu knabbern. Inzwischen waren Goldie und Kurt von Julia Roberts und Richard Gere abgelöst worden.

Gerade, als es zur großen, unvermeidlichen Liebeserklärung kommen sollte, klingelte mein Handy. Unbekannte Nummer. Vielleicht das Krankenhaus? Aber hatte ich diese Nummer dort angegeben? Und konnte Dr. Blackbourne die Ergebnisse jetzt überhaupt schon haben? Es waren zwar schon ein paar Stunden vergangen, seit mir eine Krankenschwester Blut abgezapft hatte, aber Laborarbeit dauerte ja auch seine Zeit.

Zögernd nahm ich ab. »Hallo?«

»Alden, Liebster, ist alles in Ordnung?«

Orville. Ich biss die Zähne aufeinander. Woher hatte der Arsch meine Nummer? »Was rufst du an?«, blaffte ich ihn an.

»Ich hab gesehen, was passiert ist.«

Natürlich hatte er sich die Generalprobe angesehen. Er hatte gerade erst zum Frühjahrssemester auf die Juilliard gewechselt, um hier seinen Master im Klavierspiel zu machen. Und mit dem erklärten Ziel, mein Herz zu erobern. Bei einer Verabredung vor einem Monat war er grandios gescheitert. Und zu der hatte ich mich auch nur hinreißen lassen, weil mich die vorweihnachtliche Romantik angesteckt hatte. Noch eine Chance würde er nicht bekommen. Jetzt erst recht nicht. »Und?«

»Ich wollte hören, wie es dir geht.«

»Fick dich.«

»Also nicht gut.«

»Wer hat dir meine Nummer gegeben?«

»Niemand.« In seiner Stimme schwang seine Belustigung mit. Bevor er bei unserer Verabredung alles in den Sand gesetzt hatte, hatte ich diesen Schalk charmant gefunden. Jetzt fand ich ihn einfach nur ätzend. »Dein blondes Freundchen hat sich geweigert, aber als er von Bellamy kurz abgelenkt war, hab ich mir sein Handy aus seiner Jackentasche stibitzt und mir deine Nummer rausgesucht. Aber, Junge, Junge, der hat da auch ein paar Fotos drauf, da könnte man ihn glatt mit erpressen, wenn er denn …«

»Wag es nicht«, zischte ich ihn an. Mein Schädel fing an zu Pochen und ich massierte mir die Schläfen.

»Keine Sorge. Das war nur ein Scherz. Und er hat sein Handy auch schon längst wieder zurück. Wahrscheinlich hat er gar nicht gemerkt, dass ich es mir ausgeborgt hatte.«

»Das hoffe ich für dich.« Wohl oder übel müsste ich gleich Jaden anrufen, um sicher zu sein, dass Orville mich nicht angelogen hatte. Ihm traute ich alles zu. Alles, was ich auch mir zutraute und ich wusste ja, dass ich kein Chorknabe war, wenn es um Intrigen ging.

Ich legte ohne Verabschiedung auf, speicherte die Nummer unter »Arschloch« – kaum hatte ich das getan, rief Arschloch auch schon wieder an. Ich nahm ab. »Nur, damit du Bescheid weißt, ich werde deine Nummer jetzt blockieren. Bye bye!«

»Warte! Es tut mir leid. Alles. Wie oft muss ich dir das sagen?«

Ich zögerte. Ich sollte ihm keinen Knochen hinwerfen, aber er wirkte für einen Moment aufrichtig. »Eine Million Mal ist nicht genug, wenn du immer wieder Dinge tust, mit denen du unter Beweis stellst, dass du genau das Arschloch bist, was ich in dir sehe.«

Er seufzte. »Tut mir leid. Ich hätte deinem Freund nicht sein Handy klauen sollen, aber ich hab mir Sorgen um dich gemacht und keinen anderen Ausweg gesehen. Ich … Du weißt, was du mir bedeutest.«

»Und du weißt, was du mir bedeutest. Einen feuchten Dreck.« Einen Moment schwebte mein Daumen über dem roten Hörer. Ich sollte einfach auflegen. Aber ich konnte es nicht. »Mein Arzt sagt, ich werde vielleicht nie wieder spielen können. Was bedeute ich dir jetzt noch?«

Er erwiderte nichts.

Ich legte auf und tat das, was ich den ganzen Nachmittag schon tun wollte: Ich weinte.

2

»Du musst heute nicht hier sein.« Jaden sah mich an, mahlte mit dem Kiefer. Seine Hände zuckten. Ich glaubte, er wollte mich an die Hand nehmen, traute es sich aber nicht.

Ich wusste auch nicht, ob ich wollte, dass er meine Finger berührte. Gestern hatte ich noch mit ihm telefoniert, ihm schluchzend und halb erstickt von der vorläufigen Diagnose erzählt, von der Angst, dass es sich bewahrheiten würde. Ein Gefühlsausbruch, den er von mir nicht gewohnt war, und auf den er nur ein paar stotternde Worte erwidert hatte. Meine plötzliche Offenheit hatte ihn vollkommen überrumpelt.

Bisher hatte ich mich kühl gegeben, unnahbar, ihn auf Distanz gehalten und behandelt, als wäre seine Freundschaft nicht mehr als ein notwendiges Übel. Ein Wunder, dass ich sie dadurch nicht verloren hatte. Aber vielleicht hatte er einfach von Anfang an hinter meine Maske geblickt und längst erkannt, was ich wirklich brauchte, bevor ich es tat: Jemand, der mich stützte, wenn die Welt um mich herum zusammenbrach. Etwas, von dem ich mir eingeredet hatte, es könnte nicht passieren. Durch die Macht und das Geld meiner Eltern hatte ich mich in Sicherheit gewägt und vergessen, dass es Dinge gab, die man mit Geld nicht regeln konnte. Dinge, die ich nur mit der Unterstützung anderer durchstehen konnte.

Doch jetzt fiel es mir schwer, Jaden überhaupt anzusehen. Nicht nur, weil ich mich verwundbar gezeigt hatte. Auch, weil er all das hatte, was ich fürchtete, zu verlieren.

Seit ich mich erinnern konnte, war Musik das gewesen, was mir am meisten bedeutet hatte. Mein einziger Motor, das, was ich über alles liebte. Das einzige, wodurch ich mich wirklich ausdrücken konnte, wenn mir die Worte versagten. Für meine Violine hatte ich so viele Opfer auf mich genommen. Ich hatte so viel Zeit darin investiert, perfekt spielen zu lernen, dass ich etliche Dinge versäumt hatte, die für andere Kinder und Jugendliche normal gewesen waren. Freunde zu finden, zum Beispiel, war eines davon.

Was würde aus mir werden, wenn ich meine Violine verlor? Wenn ich nichts mehr wäre, als das verwöhnte Balg eines reichen Medienmoguls, der irgendwann sein Erbe antreten und verprassen würde? Ich wollte mehr als das sein, viel mehr – vielleicht war das ein Grund für meine Verbissenheit gewesen. Ich war mit einem goldenen Löffel im Mund geboren worden, aber Talent konnte man nicht kaufen. Meine Fähigkeiten hatte ich mir hart erarbeitet. Unter Schweiß und Tränen. Ich war nicht nur ein dummes Kind der High Society in dritter Generation. Mein Vater war in den Reichtum und die Berühmtheit hineingeboren worden und hatte sich nie darum geschert, mehr als das zu werden, was die Menschen in ihm sehen wollten. Und ich wusste nur zu gut, was man über ihn erzählte. Dafür musste ich nur einen Blick auf Twitter und Facebook werfen. Das meiste waren keine schmeichelhaften Kommentare. So etwas wollte ich nicht über mich lesen. Genauso wenig wollte ich der gescheiterte Wunderknabe sein, gebrandmarkt als ewiger Versager. Da musste es doch mehr geben. So viel mehr, zu dem ich bestimmt war. Das hier konnte doch nicht schon alles gewesen sein. Einen Moment verschwamm mein Blick hinter Tränen, die ich nur mühsam fortblinzeln konnte.

Zögernd legte Jaden seine Hand an meine Schulter. »Du musst dir das Wettspielen nicht ansehen.«

»Aber ich will es sehen. Wenn ich dir schon den Sieg überlasse, will ich zumindest sicherstellen, dass du dem auch würdig warst.« Ich zwang mich zu einem schiefen Grinsen. »Wo ist Miles?« Miles war zwei Jahre über uns, aber Jadens bester Freund und dadurch aus Mangel an echten Alternativen auch irgendwie mein bester Freund.

»Erste Reihe, auf einem der reservierten Plätzen.«

»Dachte ich mir.« Ein Kloß bildete sich in meiner Kehle und ich schluckte. »Viel Erfolg.«

Jaden sah mich kurz an, dann zog er mich in die Arme. »Ich werde für dich spielen.« Seine Stimme klang kratzig. Bevor wir beide anfangen würden, theatralisch loszuheulen, verabschiedete ich mich und verließ die Garderoben.

In der ersten Reihe waren noch die Plätze frei, die für meine Familie reserviert waren. Das sah ich schon aus der Ferne. Aber meine Eltern wären ohnehin nicht hier gewesen. Sie jetteten irgendwo durch die Weltgeschichte, besuchten Wohltätigkeitsgalas hier, Filmfestspiele dort. Aber wahrscheinlich spielte mein Vater wieder Golf in Mar-a-Lago und verlor jede Runde haushoch, während meine Mutter sich mit gerade Ende dreißig zwischen den Trophäenfrauen der anderen wie eine alte Schabracke fühlte. Aber obwohl sie sich meistens darüber beklagten, kosteten sie diese Zeiten immer aus. Sie hatten nicht einmal zurückgerufen, nachdem ich sie auf der Mailbox über meine Situation informiert hatte. Meinem Vater war es vermutlich nur recht, wenn ich die Juilliard abbrach und etwas »Anständiges« studierte, wie er es ausdrückte. Bei dem Gedanken legte sich schon ein bitterer Geschmack über meine Zunge. Mühsam schob ich die Gedanken an sie beiseite.

Der andere leere Platz war für Melody. Ich hatte noch nicht den Mut gefunden, mit meiner Schwester zu sprechen. Ich hatte immer für sie gespielt, aber jetzt konnte ich das nicht mehr. Deswegen hatte ich ihr die Notlüge aufgetischt, dass das Wettspielen verschoben werden musste. Doch ewig würde ich es nicht vor ihr verheimlichen können.

Ich wandte den Blick von den leeren Plätzen ab. Schnell entdeckte ich Miles. Neben ihm saßen noch Jadens Verlobter und ein Mann in den mittleren Jahren, der dann wohl sein Großvater sein musste, obwohl er dafür zu jung aussah. Beide schenkten mir kaum Beachtung, als ich sie knapp grüßte, und nickten mir mit einem abschätzigen Seitenblick zu. Miles dagegen sprang auf, machte einen zögerlichen Schritt auf mich zu und umarmte mich dann kurz. »Jaden hat erzählt, was passiert ist und dass du nicht teilnehmen kannst. Ich hätte nicht erwartet …«

»Ich … ich …« Ich brach ab, schluckte, rang nach Worten. Warum fiel es mir nur so schwer, meine Gefühle zurückzuhalten? Meine ganzes Leben hatte ich doch nichts anderes getan. »Ich wollte Jaden spielen hören. Vielleicht zum letzten Mal. Wenn ich wirklich nie wieder selbst spielen kann, ich weiß nicht, ob ich dann noch in der Lage sein werde, jemand anderes spielen zu hören. Ob es nicht zu sehr wehtut. Und dann möchte ich, dass seine Caprice No. 24 das letzte Violinenstück ist, das ich gehört habe.« Ich wandte den Blick von Miles ab, beschämt von dem Geständnis.

Miles berührte mich an der Wange, drehte mein Gesicht so, dass ich ihn ansehen musste. Er sah mich mit feuchten Augen an, seine Unterlippe bebte. »Oh, Alden«, flüsterte er und zog mich eng in seine Arme. »Wart es nur ab, es wird sicher alles gut werden und dann …«

Das Licht im Saal ging aus, das Gemurmel erstarb und wurde von einem erwartungsvollen Raunen ersetzt. Hastig setzten wir uns. Ich spürte Miles Blick auf mir, versuchte, ihn zu ignorieren. Gleich, wie er mich ansah, gleich, was er mir sagte, ich konnte ihm nicht glauben. Denn ich wusste bereits zu genüge, dass die Dinge nicht immer gut wurden.

Jadens Sieg, an dem ich keinen Moment gezweifelt hatte, schmeckte bittersüß. Er hatte das Stück gut gespielt, viel besser noch als gestern. Aber in unserem Jahrgang hatte er ohnehin keine Konkurrenz. Mehr. Ich blickte auf meine Hände, die zitterten. Bildete ich mir das ein oder waren die Fingergelenke noch stärker angeschwollen als heute Morgen ? Die Tabletten hatten den Schmerz betäubt und ich hatte versucht zu ignorieren, dass etwas anders war als gestern. Aber jetzt, nachdem ich den Abend im Publikum gesessen hatte, statt hinter oder auf der Bühne zu sein, konnte ich es nicht mehr leugnen. Die Tabletten wirkten nicht gegen jeden Schmerz.

Ich sollte bleiben und Jaden gratulieren, aber gerade schenkte mir niemand seine Aufmerksamkeit und ich schlich mich davon, bevor Miles oder Jaden noch irgendetwas sagen konnten.

Alfred wartete mit der Limousine auf einem Parkplatz in der Nähe der Paul Recital Hall. Er blickte mich durch den Rückspiegel an – manchmal glaubte ich, dass sein Gesicht nur aus buschigen Augenbrauen, schmalen Augen und Tränensäcken bestand. »Wohin soll ich Sie bringen, Mr. Winfield?«

Wohin nur? Das Penthouse wäre leer und verlassen, sollten meine Eltern nicht überraschend aus Sorge um mich nach Hause zurückgekehrt sein. Wovon ich allerdings nicht ausging. Selbst wenn, hatte ihre Gegenwart selten etwas Tröstliches. Wenn ich als Kind krank gewesen war, hatte sich meistens irgendeine meiner Nannys um mich gekümmert. Die brauchte ich inzwischen nicht mehr, sodass niemand mehr auf mich wartete, außer Alfred, wenn ich ihn rief. Die Gegenwart meines Chauffeurs war allerdings nicht, was ich jetzt brauchte. Doch ich wollte nicht allein sein, nicht schon wieder.

»Bringen Sie mich zu Melody«, erwiderte ich rau.

Er nickte und bog in die Amsterdam Avenue ein. Über die Feiertage war Melody bei uns Zuhause gewesen, oder eher bei mir. Etwas, was ich sehr genossen hatte. Aber dann hatte sich ihr gesundheitlicher Zustand verschlechtert. Seit Anfang Januar war sie wieder auf der Pflegestation des Saint Jude Hospitals untergebracht, wo sie die Hälfte ihres Lebens verbracht hatte.

Mein Magen grummelte, als ich die geschäftige Eingangshalle des Krankenhauses betrat, auch wenn mein Weg mich diesmal in eine andere Abteilung führte. Mit dem Aufzug fuhr ich in den obersten Stock, durchquerte einen Stelzenbau, der das Hauptgebäude mit einem kleineren Nebengebäude verband, in dem die betuchteren Patienten untergebracht wurden. Um ihn zu betreten, musste ich mich bei einem Sicherheitsmann ausweisen.

Die Flure des Saint Judes lagen um diese Uhrzeit schon still und verlassen. Nur gedämpft hörte ich die Sirenen der Krankenwagen, die die Notaufnahme anfuhren. In diesem abgelegenen, unwirklichen Bereich fühlte ich mich, als wäre ich mutterseelenallein in einer fremden Welt. Eine ruhige Oase inmitten des Chaos, das mich gerade umgab.

»Mr. Winfield?«

Gut, nicht ganz so mutterseelenallein, wie es mir gerade lieb gewesen wäre. Ich sah von meinen Schuhspitzen, auf die ich meinen Blick gerichtet hatte, hoch in Dr. Blackbournes Gesicht. Ausgerechnet er, natürlich. Der letzte Mensch, den ich gerade sehen wollte.

Eine tiefe Furche grub sich in seine Stirn, als er mich betrachtete. »Was für ein seltsamer Zufall. Ich habe eben noch an Sie gedacht.«

Wenn Ärzte das sagten, war es überaus selten ein Grund zur Freude.

»Ich wollte Sie eigentlich um diese Uhrzeit nicht mehr belästigen«, fuhr er fort, »aber ich habe die Ergebnisse des Bluttests.«

Er sah nicht freudestrahlend oder erleichtert aus, das konnte ebenfalls nichts Gutes bedeuten. Ich schloss die Augen. »Sagen Sie es mir schon.«

Schnaubend holte er Luft. »Das Ergebnis ist so ausgefallen, wie ich es erwartet hatte.« Im Ohr klang das Echo von Paganinis Caprice No. 24 nach. Das Stück, das ich jetzt wohl nie mehr würde spielen können. Für einen Moment stand meine Welt still, bevor Dr. Blackbourne sie wieder anstieß. »Aber Sie sollten sich vielleicht setzen. Kommen Sie doch mit in mein Büro.«

Als wäre ich ein kleines Kind, dem er den Weg weisen musste, legte er eine Hand in meinen Rücken und deutete mit der anderen in die Richtung, aus der ich gerade gekommen war. Ich tat einen Schritt von ihm weg und warf ihm den wütendsten Blick zu, zu dem ich mich in der Lage fühlte. »Wieso? Sie haben mir doch schon den Todesstoß versetzt. Was sollte jetzt noch kommen?«

Zerknirscht sah er mich an. »Die Rheumafaktoren in Ihrem Blut waren sehr ausgeprägt. Das deutet in der Regel auf einen schweren erosiven Krankheitsverlauf hin. Der Gelenkverschleiß wird also sehr rasch schlimmer werden, wenn wir nicht dagegenwirken. Wir sollten uns schnellstmöglich zusammensetzen und uns Gedanken über eine Therapie machen.«

Schlimmer. Therapie. Ich nickte benommen.

»Morgen«, murmelte ich.

Heute wollte ich noch so tun, als wäre das alles nur ein Albtraum, aus dem ich jeden Moment aufwachen konnte.

Die Pflegestation im Saint Jude war luxuriös ausgestattet. Ledergarnituren und ein riesiger Fernseher befanden sich im Aufenthaltsraum. An einem Kaffeevollautomaten konnte man sich fast jede erdenkliche Kaffeespezialität ziehen. In der Cafeteria gab es eine schier unendliche Auswahl an Kuchen und Gebäck. Aber es war und blieb ein Krankenhaus – alles hier sah steril aus und in den Duft von frischem Kaffee, Schokolade und Früchten mischte sich der schwere Geruch von Desinfektionsmittel. Ich stand ein paar Minuten unschlüssig vor Melodys Zimmertür und trank einen doppelten Espresso. Was wahrscheinlich auch nicht gut bei Rheuma war.

Sollte ich es ihr wirklich anvertrauen? Ihr Herzschaden war schlimmer geworden, die Chancen, ein passendes Transplantat zu finden, nicht besser. Nur Dank unseres Vermögens war sie trotz ihrer Behinderung überhaupt auf der Warteliste gelandet. Und das immer noch recht weit unten. Und selbst eine erfolgreiche Transplantation würde ihr nur fünf oder zehn Jahre erkaufen. Und wäre die Transplantation nicht erfolgreich …

Sollte ich ihr da noch mehr Sorgen machen, indem ich ihr meine Probleme neben ihren eigenen auf die Schultern packte? Besser nicht, aber jetzt, wo ich hier war, wollte ich sie sehen. Ich stellte die Kaffeetasse auf einem Geschirrwagen ab, holte tief Atem und klopfte an.

»Herein?« Allein ihre helle Stimme gedämpft durch die Tür zu hören, ließ eine schwere Last von mir abfallen.

Ich trat in ihr Zimmer. Sie saß aufrecht im Bett, in ihrem Schoß lag ein Buch. Natürlich hatte sie wieder gelesen. Sie liebte es, Geschichten in ihrem Kopf entstehen zu lassen und so all die Dinge zu erleben, die sie in der Wirklichkeit nicht erleben konnte. Mein Blick huschte über den Titel. »Die Reise auf der Morgenröte«, ihr Lieblingsbuch aus der Narnia-Reihe. Sie hatte mich oft damit geneckt, dass ich sie an Eustace erinnerte. Kein sehr charmanter Vergleich, obwohl selbst er sich am Ende zum Guten wandelte. Vielleicht war dann noch nicht alle Hoffnung für mich verloren.

Sanft lächelte ich Melody an. Sie war die Einzige, der mein Lächeln gehörte. »Hallo, Schwesterchen.«

Ihre Augen leuchteten auf, als sie mich ansah. »Bruderherz, ich hab eben noch an dich gedacht.«

Ich nahm einen Stuhl, zog ihn an ihr Bett und setzte mich. »Dann sind wir schon zwei.« Schief grinste ich sie an. »Ich hab eben auch wieder einmal an mich gedacht.«

Sie lachte auf, schüttelte den Kopf. »Ach, Alden, du bist mir einer.« Ein paar Lachtränen rieb sie sich aus den Augenwinkeln. »Wann wird denn dein Konzert nachgeholt?«, fragte sie aufgeregt und griff nach meiner Hand. Ich unterdrückte es, vor Schmerz zusammenzuzucken. Ich hätte noch ein paar Tabletten nehmen sollen, bevor ich zu ihr fuhr. »Du weißt, wie gerne ich dich spielen höre.«

»Es war nicht nur mein Konzert und …« Sie jetzt anzulügen fiel mir schwerer, als ich erwartet hatte. Ich sah sie nicht an, sondern betrachtete die weiße, karge Wand. »Ich weiß es noch nicht. Bald, hoffe ich.«

Sie drückte meine Hand fester; ich biss die Zähne zusammen. »Alden, irgendetwas stimmt doch nicht. Das sehe ich dir an. Und lüg deine große Schwester nicht an.«

»Nur um dreizehn Minuten.«

Sie lächelte breit. »Aber ich bin älter als du. Also sag schon.«

Das lief nicht wie geplant. Aber was in letzter Zeit tat das schon? Ich zog meine Hand aus ihrer, legte die Hände in meinen Schoß und betrachtete sie. »Das Wettspielen wurde nicht verschoben. Es fand heute statt. Nur ohne mich.«

»Aber wieso das denn? Du bist doch der Beste von allen.« Es rührte mich immer, wie sehr sie sich um meinetwillen ereiferte. Wie ihre Wangen rot wurden, ihr ganzer Körper sich anspannte und sie die Augen zu dünnen Schlitzen zusammenkniff. »Oder wollten sie die anderen nicht gleich entmutigen? Aber das wäre doch auch ungerecht. Du hast es verdient, auf der Bühne zu stehen. Und das Publikum hat verdient, dich spielen zu hören.«

Es lag mir auf der Zunge, ihr zuzustimmen. An einer weiteren Lüge festzuhalten. Doch ich fand die Kraft dazu nicht. »Meine Hände, sie funktionieren nicht mehr so wie früher. Deswegen konnte ich nicht spielen.«

Die Wut floss mit einem Mal aus ihr heraus und sie riss die Augen in Entsetzen so weit auf, wie sie konnte, blinzelte dann. Zaghaft berührte sie mich an der Wange. »Deine Hände? Gehen sie kaputt, so wie mein Herz langsam kaputt geht?«

»So ungefähr.« Ich zog die Nase hoch. »Ich hoffe, dass dein Herz etwas länger hält.«

Ihr Gesichtsausdruck wurde traurig. »Ich würde mein Herz dafür geben, deine Hände wieder ganz zu machen.«

»Sag so etwas nicht.«

»Ach, mein Herz ist doch nicht so wichtig. Wenn es kaputt geht, kann ich ein neues haben. Dafür haben Mum und Dad mich doch auf diese Liste setzen lassen. Aber deine Hände, die sind unersetzlich. Ich liebe es so sehr, dich spielen zu hören.«

»Und du brauchst dein Herz, um mir zuhören zu können. Vergiss das nicht.«

Sie nickte, legte zögernd ihre Hand über meine. »Tut es weh?«

»Ein bisschen.«

»Wird es wieder besser werden?«

»Ich weiß nicht, irgendwann vielleicht. Ein bisschen. Es gibt wohl bessere und schlechtere Phasen. Aber der Arzt meinte, die schlechten werden noch viel schlimmer werden. Und … ich werde nie wieder spielen können.«

Ihre Augen weiteten sich. »Nie wieder?«

Ich zwang mir ein Lächeln ab. »Für dich werde ich es gerne manchmal noch versuchen, aber nicht mehr auf der Bühne. Nie wieder so, wie ich es mir mein Leben lang erträumt habe. Nie wieder Stücke wie Paganinis Caprice No. 24.«

»Oh, Bruderherz.« Sie legte ihre Arme um mich und zog mich an ihre Brust. »Es tut mir so leid, so unendlich leid für dich.«

Ich nickte, ließ mich gegen sie sinken und schluchzte. Bei ihr hatte ich keine Angst, ihr meine Tränen zu zeigen. »Wenn der Arzt recht behält, wenn es nie wieder besser wird, was wird dann aus mir? Aus meinen Träumen?«

»Es gibt unendlich viele Träume. Du wirst neue finden. Wenn dein Herz geheilt ist. Mein Herz kann vielleicht nicht mehr heilen, aber für deines besteht noch Hoffnung.«

»Aber meinem Herzen geht es doch gut.«

»Nein, dein Herz ist gebrochen.« Sie lachte. »Und die Leute nennen dich ein Genie und mich einfältig, wo du so einfach Dinge nicht verstehst.«

»Nur dumme Menschen reden so«, flüsterte ich und für den Moment fühlte ich mich in ihren Armen warm und geborgen.

Irgendwann würde ich vielleicht einen neuen Traum sehen. Wenn mein Herz Zeit hatte zu heilen.

Aber was sollte ich bis dahin tun?

3

Ich betrachtete Bellamys Stradivari, die in einem Gestell auf einem seiner Aktenschränke stand. Wehmütig zog sich mein Herz zusammen. Bisher war mir nie bewusst gewesen, wie sehr man Herzschmerz auch körperlich spüren konnte. Doch beim Anblick der wertvollen Violine fühlte es sich an, als würden Saiten in meiner Brust zerreißen. Saiten, die ich nie wieder anschlagen konnte.

Seit ich ein kleiner Junge war und das erste Mal in diesem Büro saß, hatte ich insgeheim davon geträumt, dass Bellamy mir seine hoch geschätzte Stradivari irgendwann vermachen würde. Als seinem besten Schüler, der würdig war, seine großen Fußstapfen auszufüllen. Jetzt würde Jaden vielleicht eines Tages darauf spielen.

Bellamy saß mit gefalteten Händen hinter seinem wuchtigen Schreibtisch. Er sah mich so ernst an, wie er es noch nie vorher getan hatte. Selbst dann nicht, als ich gegen Jaden intrigiert hatte und er mich am liebsten von der Juilliard geschmissen hätte. »Du willst aufhören? Die Juilliard ganz verlassen?«

Meine Kehle zog sich zu, Tränen stiegen mir in die Augen. Aber ich musste doch mein Gesicht vor ihm wahren, gleich wie lange wir uns kannten, wie sehr er für mich zu einem Vaterersatz geworden war. »Von wollen kann nicht die Rede sein«, sagte ich zittrig und knetete die schmerzenden Hände. »Aufhören ist das letzte, was ich will, aber mit diesen Händen kann ich keine Violine mehr spielen. Nicht mehr auf einem durchgehenden Niveau, das der Juilliard angemessen wäre.«

»Es gäbe andere Dinge, die du tun könntest. Du hast ein perfektes Gehör, ein unnachahmliches Gefühl für Musik. Und so viel Talent, dass es mich schmerzen würdest, wenn du es wegwirfst.«

Heftig schüttelte ich den Kopf. »Ich ertrage es kaum, in diesem Büro zu sitzen. An der Juilliard gibt es keine Zukunft mehr für mich.« Hier lag meine Vergangenheit. Mehr als die Hälfte meines Lebens hatte ich in den Hallen verbracht. Seit ich mit acht dem Juniorprogramm beigetreten war, war dieser Ort für mich mehr ein Zuhause gewesen, als jeder andere Ort zuvor. Aber jetzt konnte er das nicht mehr sein. Denn jetzt war er mit all dem verbunden, was ich verloren hatte. Mit den Träumen und Hoffnungen, die ich all die Jahre gepflegt hatte. Die Aussicht, zumindest ein paar Jahre auf den Bühnen der Welt zu spielen, hatte mein Herz an eine bessere Zukunft glauben lassen.

Jetzt hatte ich nur noch Trümmer und Schmerz.

Ich verbeugte mich vor Bellamy, bevor er weiter versuchte, mich umzustimmen, und eilte in zügigen Schritten aus seinem Büro.

Jaden und Miles sahen mich mit wässrigen Augen an.

»Jetzt tut nicht so, als würdet ihr mich wirklich vermissen«, sagte ich barsch und versuchte, mir nicht anmerken zu lassen, dass ich sie vermissen würde.

Miles zog die Nase hoch. »Die erste Zeit warst du so angenehm wie ein Zeckenbiss, aber …« Er brach ab und rieb sich mit dem Handrücken über die Augen.

»Wir sind doch irgendwie zusammengewachsen«, schloss Jaden seinen Satz. Seine Unterlippe bebte. »Ich hätte nie erwartet, das jemals zu sagen, aber ich will mit niemand anderem im Streichquartett spielen als mit dir.«

Verdammt, warum mussten die beiden jetzt so rührselig sein? Ich wollte mich doch nur verabschieden. »Aber das musst du. Ich werde nie wieder spielen.« Nur noch für Melody, wenn sie mich darum bat. »Lebt wohl«, presste ich hervor.

Jaden streckte eine Hand nach mir aus. »Das klingt so endgültig. Wir können doch sicher …«

»Können wir nicht. Weil ich euch nicht wiedersehen will. Wenn ich gleich aus … diesem Gebäude gehe, will ich nicht mehr zurückblicken, nie wieder.« Hab jetzt keinen Gefühlsausbruch, Alden Winfield! Ich zog die Nase hoch. Es gab noch mehr, was mir durch den Kopf schoss. Dass sie mich an das erinnerten, was ich verloren hatte, und diese Erinnerungen zu sehr wehtaten. Dass ich das, gleich wie sehr ich sie mochte, nicht ertragen konnte. Dass ich nur noch vergessen wollte. Doch das alles sagte ich nicht. Stattdessen reckte ich das Kinn hoch, rümpfte die Nase und zuckte mit den Achseln. »Ich muss an meine Zukunft denken. Und da kann ich euch nicht gebrauchen. Hier wart ihr ganz praktisch, um mir Gesellschaft zu leisten, mehr aber auch nicht. Daran ändert auch eure Sentimentalität nichts.«

Beide tauschten einen Blick aus, nickten. Dann wandte Miles sich wieder an mich. »Nimm dir die Zeit, die du benötigst, um das alles zu verarbeiten. Wenn du Freunde brauchst, sind wir trotzdem für dich da. Wir wissen schließlich, dass du nur nach außen eine zickige Kratzbürste bist.«

Ich drehte mich um, ohne ein weiteres Wort, und ging. Ich blinzelte gegen die Tränen an, die sich in meinen Augen sammelten. Warum wurde ich denn jetzt so furchtbar sentimental?

Ich hätte erst gar nicht hierherkommen sollen. Ich hätte Bellamy eine E-Mail schreiben sollen, wie ich es bei den anderen Professoren getan hatte – dass uns so viele Jahre verbanden, bedeutete gar nichts. Miles und Jaden hätte ich einfach kommentarlos aus meinem Leben streichen sollen, wie ich es bei allen sogenannten Freunden zuvor getan hatte. Abschiede taten doch nur weh. Ein zusätzlicher Schmerz, der vollkommen unnötig war.

Ich konnte ohne Freunde und Vertraute leben, das hatte ich lange genug unter Beweis gestellt. Ich hatte Melody und das war genug. War es immer gewesen und würde es immer sein.

Abrupt hielt ich inne. Nein, was machte ich mir vor? Ich hatte immer Melody und meine Violine gehabt. Das Instrument war in so vielen einsamen Momenten mein bester Freund gewesen. Alles, was ich an Stütze brauchte. Jetzt …

Ich hatte Melody noch. Das müsste genügen. Irgendwie.

Hastig schritt ich vorwärts, starrte hinab auf den Boden, versuchte, alles um mich herum auszublenden.

Die Flure, die mir als kleiner Junge wie ein Labyrinth erschienen waren, an dessen Ende ich Drachen und Schätze zu finden glaubte. Die Flure, die immer überschaubarer und heimeliger wurde, umso größer ich wurde. Dieser Ort, an dem ich erwachsen geworden war, und den ich jetzt für immer verlassen würde.

Ich lauschte nicht auf das Flüstern und Tuscheln, dass mich wie eine Brandung umspülte. Keiner von ihnen war von Bedeutung. Keinen von ihnen würde ich jemals wiedersehen. Was sie dachten und über mich erzählten, berührte mich nicht. Sollten sie sich freuen, mich los zu sein. Das war mir egal.

Vollkommen egal!

Ich war fast an der Tür, als mir ein Schatten in den Weg trat. Ich blickte auf. Orville. Natürlich. Er war einen halben Kopf größer als ich und sah aus seinen stechenden, silbernen Augen zu mir herab. »Du gehst? Ohne dich bei mir zu verabschieden?«

»Warum sollte ich mich auch bei dir verabschieden? Dich nicht mehr sehen zu müssen, ist das einzige Positive, was ich meiner Situation abgewinnen kann.« Und das stimmte sogar. Seit er an die Juilliard gekommen war, hatte seine Gegenwart und sein penetrantes Flirten mich bis aufs Blut gereizt.

Er verzog das Gesicht. »Autsch. Es tut mir leid, wie das zwischen uns gelaufen ist und es war ja nicht alles schlecht, das weißt du.«

»Du wirst ja nicht müde, es mir zu sagen.« Ich trat einen Schritt zur Seite, um an ihm vorbei zu gehen, aber er spiegelte meine Bewegung. »Lass mich einfach gehen, okay?«

»Dafür bedeutest du mir zu viel.«

Heiße Wut wallte in mir aus. »Das ist doch nur heiße Luft.« Ich ballte die Hände zu Fäusten und bereute es sofort, als der Schmerz meine Arme hinauf schoss. »Außer meiner Musik kennst und … liebst du doch nichts an mir.«

Er sah verletzt aus. Etwas, was ich bei ihm noch nie gesehen hatte. »Das ist nicht wahr. Die kleinen Einblicke in den Menschen hinter der Musik, die du mir erlaubt hast, haben mir sehr gefallen. Ich will für dich da sein. Gerade jetzt.«

Dieses schwulstige Gerede, das er sich nach einer Verabredung, keinen drei Stunden Gespräch, herausnahm, widerte mich an. Ich tat einen Schritt zurück. Er folgte mir.

»Sei nicht so, Alden«, säuselte er und legte eine Hand in meinen Nacken, zog mich zu sich, versuchte, mich zu küssen.

Ich drehte den Kopf weg. Am liebsten hätte ich nach ihm geschlagen, ihn gebissen.

Er beugte sich nah an mein Ohr, seine Hand glitt über meinen Hals. »Lass mich dir doch helfen, deine Probleme zu vergessen. Zumindest für heute Nacht.«

Als ob er mir dabei helfen könnte. Und er wollte doch nur meine Schwäche ausnutzen, um mich ins Bett zu kriegen. Das Arschloch würde nicht bekommen, was er wollte.

Aber vielleicht hatte er nicht ganz unrecht. Vielleicht sollte ich versuchen, es zu vergessen. Und mir dabei Hilfe holen.

4

Lange war ich nicht mehr alleine mit meinem Jaguar durch Manhattan gefahren. Noch nie hatte mein Weg mich durch Harlem nach Washington Heights geführt. In eine Welt, die so anders als meine war. So weit weg von meinem normalen Umfeld, dass ich mich auf eine seltsame Weise sicher fühlte. Unbeobachtet. Dabei lagen gerade alle Blicke auf meinem teuren Wagen, der so wenig in diese heruntergekommene Gegend gehörte, wie ein wilder Löwe in einen Käfig.

Der Gedanke an einen Zoo ließ meine Mundwinkel nach oben zucken. Der Vergleich passte zu dem, was ich gerade vor mir sah. Zwei unterschiedliche Wesen, die sich neugierig und fasziniert begafften. Nur das uns keine Gitterstäbe trennten. Gitterstäbe, die einsperrten, aber auch schützten.

Ich sah zwischen den jungen Männern hin und her, die trotz der Januarkälte leicht bekleidet in der Nebenstraße herumlungerten und jedes vorbeifahrende Auto aus hungrigen, ausgehöhlten Augen anstarrten. Unschlüssig suchte ich nach dem, der für mein Vorhaben am besten geeignet war.

Ich hatte noch nie mit irgendjemandem Sex gehabt. Sowohl an Gelegenheit, als auch an Interesse meinerseits hatte es gemangelt. Deswegen hatte es mir auch nie etwas ausgemacht, mit neunzehn noch Jungfrau zu sein und nie eine Beziehung geführt zu haben. Sogar ein Schönling wie Orville hatte das Feuer in mir nicht entfachen können. Selbst als ich ihn noch mochte. Vielleicht war auch mehr an mir kaputt als nur meine Hände …

Deswegen hatte ich mir zuerst Gedanken über Alternativen gemacht, die mir beim Vergessen meiner trostlosen Situation helfen könnten. Doch Drogen jeder Art schieden aus. Ich wusste nicht, wie sie sich mit den Medikamenten vertragen würden, die Dr. Blackbourne mir verschrieben hatte, und deren Liste an Neben- und Wechselwirkungen so lang war, dass ich sie erst gar nicht gelesen hatte. Und Drogen könnten mich töten. Das konnte ich trotz allem meiner Familie nicht antun. Auch wenn meine Eltern sich bisher nicht einmal zu einem Anruf hatten hinreißen lassen. Doch Melody würde es treffen und ihr verletzliches Herz brechen. Das war etwas, was ich nicht zulassen konnte. Ich wollte für sie da sein, so lange, wie ich es konnte.

Andere Arten von Nervenkitzel – Fallschirmsprünge, illegale Straßenrennen, Jagdausflüge – bedurften mehr Zeit für Vorbereitung und Recherche, als ich mir nehmen wollte. Ich brauchte etwas, was mir jetzt half, sofort. Ich musste vergessen, da hatte Orville vollkommen recht, und so wenig ich auch über Sex wusste, so wusste ich doch, dass es dabei half, alle Sorgen für einen Moment zurückzudrängen.

Ich suchte mir einen Jungen in knappen Shorts und einem Glitzertop aus, der im Gegensatz zu den anderen nicht so aussah, als sollte er besser in einem Krankenhaus sein, statt auf der Straße. Sein goldblondes Haar reflektierte das spärliche Sonnenlicht, das durch die Wolken drang. Es sah aus, als hätte er einen Heiligenschein. Wie ironisch.

Ich schluckte, nahm meinen Mut zusammen und fuhr mit dem Wagen dicht an ihn heran, ließ das Fenster auf der Beifahrerseite herunter. Er beugte sich herab, sah mich aus amüsiert funkelnden, grünen Augen an. Sein Blick war keck, aufgeweckt, nicht verzweifelt und leer, wie ich es erwartet hatte. Nicht so wie die Augen aussahen, die mir aus dem Spiegel entgegenblickten. Und seine Lippen sahen rosig aus. Wie es sich wohl anfühlen würde, sie zu berühren?

Er musterte mich und das Innere des Wagens skeptisch, eine Augenbraue hochgezogen. „Hast du dich verfahren?“

„Nein.“ Ich mahlte mit dem Kiefer. „Willst du einsteigen?“

„Das hängt davon ab, was du willst. Und was du zahlst.“

„Den üblichen Preis für die üblichen Leistungen.“ Geld war nicht das Problem, aber es ihm in den gierigen Rachen werfen wollte ich auch nicht.

„Also, zwanzig für einen Blowjob, vierzig für einen Fick.« Er zwinkerte mir zu. »Wenn du beides willst, kriegst du es im Sonderangebot für fünfzig, weil ich dich ganz niedlich finde.“

Das war günstiger, als ich erwartet hatte. Für eine Verabredung in einem guten Restaurant und ein paar Drinks hätte ich mehr bezahlt. Und hätte mich dann noch mit Smalltalk herumgeschlagen, auf den ich keinen Bock hatte. Im Anschluss hätte ich denjenigen noch abwimmeln müssen – an Orville hatte ich da eindrucksvoll bewiesen, dass mir das trotz meiner Kratzbürstigkeit nicht so wirklich gelang.

Ich wollte nur meine Jungfräulichkeit verlieren und die furchtbaren letzten Tage für ein paar Augenblicke vergessen. Nicht meine große Liebe finden.

Mit einem flauen Gefühl im Magen blickte ich hinab auf meine Hände.

Meine große Liebe hatte ich verloren und eine andere gab es für mich nicht. Ich öffnete die Verriegelung der Tür. „Einverstanden, steig ein.“

Er rutschte auf den Beifahrersitz, schnallte sich an. „Ach ja, ich mach’s nur mit Gummi. Auch das Lutschen.“

Ich zuckte mit den Achseln. „Meinetwegen.“

Scharf darauf, mir irgendetwas von ihm einzufangen, war ich ja auch nicht. Meinen Eltern wollte ich nicht noch irgendwelche Geschlechtskrankheiten erklären. Wahrscheinlich würden sie dann die Schuld für meine Krankheit in meinem liederlichen Sexleben suchen, das bisher nicht mal existierte. Aber an meine Eltern wollte ich jetzt nicht denken, nur an den Mann, der neben mir saß. Er hatte ein hübsches Profil und ordentliche Zähne – also nahm er kein Meth. Falls diese Details, die ich aus »Breaking Bad« über Drogen gelernt hatte, überhaupt etwas mit der Realität zutun hatten. Aber wenn ich mir die anderen gescheiterten Existenzen so ansah, die sich hier herumtrieben … Ich schüttelte den Kopf und fuhr wieder an. „Wohin?“, fragte ich ihn und er lachte glockenhell.

„Meine Bleibe wäre dir sicher nicht schick genug.“ Sein Blick wanderte durch den Wagen, anerkennend pfiff er zwischen den Zähnen. „Ein F-Type SVR Coupé. Sieht man hier nicht oft, oder nie, um genau zu sein.«

»Du kennst dich gut mit Sportwagen aus.«

Er zuckte mit den Schultern. »Träumen nicht alle kleinen Jungen von schicken Sportwagen? Zwei Straßen von hier gibt es ein Stundenhotel, dass ganz ordentlich ist. Aber ich fürchte, in deinem Navi wirst du das nicht finden.“

„Dann wirst du mein Navi sein. Kein Ungeziefer?“

Er prustete. „Nicht? Du willst also keine Bettwanzen, wo du dir doch schon für den Kick was von der Straße aufgabelst, statt dir einen Callboy ins Hilton zu bestellen.“ Ich warf ihm einen scharfen Blick zu und er hob entschuldigend die Arme. „Tut mir leid, mein lockeres Mundwerk. Wenn du lieber einen haben willst, der brav die Klappe hält, schmeiß mich ruhig wieder raus und schnapp dir einen der anderen.“

„Passt schon.“ Mit dem Mundwerk verwunderte es mich erst recht, dass er so wohlgenährt und gesund aussah. Wie viele Leute zahlten denn dafür, sich von einem Stricher so behandeln zu lassen?

Du bezahlst dafür, flüsterte eine Stimme in meinem Kopf.

Ja, aber ich war auch verzweifelt. Nichts anderes als verzweifelt. »Wohin?«

»Dort entlang.« Wild fuchtelnd erklärte er mir den Weg. Nachdem er mich um ein paar Ecken gelotst hatte, beugte er sich vor und deutete auf ein fünfgeschossiges Gebäude mit blinden Fenstern. Architektonisch hatte es den Charme eines Plattenbaus, an dem außen der Putz abblätterte. Aber dieses Gebäude erfüllte ja auch nicht den Zweck, das Auge zu erfreuen. Meine Augen sollte der junge Mann neben mir erfreuen. „Das ist das Hotel«, erklärte er. »Es ist ein bisschen teurer als die, wo ich meistens hingehe, aber es hat eine Tiefgarage. Sonst fürchte ich, kannst du dir in zwei Stunden ein Taxi rufen.“

Ich lachte trocken und fuhr hinab in die Tiefgarage, die auf mich trotz Wachmann keinen allzu sicheren Eindruck machte.

Durch einen Seiteneingang betraten wir das Hotel, ohne einer Menschenseele zu begegnen, wählten anhand von Bildern ein passendes Zimmer aus. Die Preise waren für zwei Stunden angegeben. So lange würden wir wahrscheinlich nicht brauchen. Ich stellte dennoch zur Sicherheit im Handy einen Alarm ein. „Beim Gehen bezahlst du unten an der Rezeption beim Ausgang“, erklärte der Stricher, nach dessen Namen ich nicht mal gefragt hatte. Eine Anonymität, die mir plötzlich unbehaglich war. Wollte ich mein erstes Mal wirklich mit jemandem haben, dessen Namen ich nicht einmal kannte?

Frag ihn, flüsterte die kleine Stimme in meinem Hinterkopf. Aber ich nickte nur, folgte dem Stricher durch die schmalen Flure, zwei Treppen hinauf. Der Boden war fleckig, von den Wänden blätterte teilweise die Tapete ab. Es sah so heruntergekommen aus, wie ich mich gerade fühlte. Und in der Luft hing der penetrante Geruch von kaltem Rauch gemischt mit Lufterfrischer.

Wir betraten ein muffiges Zimmer, das kleiner war, als es auf dem Foto gewirkt hatte. Aber am wichtigsten waren ohnehin nur das Bett – ein ordentliches King Size – und die Dusche. »Wasch dich erstmal ordentlich«, murrte ich ihn an und setzte mich auf das Bett. Die Matratze quietschte unter mir, obwohl ich alles andere als schwer war.

Er verneigte sich vor mir. »Wie Ihr wünscht!« Er huschte ins Bad und wenige Augenblicke später hörte ich das Plätschern der Dusche.

Mein Herzschlag raste. Was tat ich hier? Ich wollte vergessen, ja, aber ich war aus dem einen Grund noch Jungfrau, weil ich keinen Sex wollte. Mit niemandem. Warum sollte das jetzt plötzlich mit einem x-beliebigen Stricher von der Straße anders sein?

Aber jetzt war ich einmal hier, da konnte ich doch nicht im wahrsten Sinne des Wortes den Schwanz einziehen. Was wäre das für eine Blamage? Nicht nur vor diesem Stricher, sondern vor allem vor mir selbst. Wir ziehen das jetzt durch. Wie ein richtiger Mann es tun würde. Irgendwie wird das schon.

Nervös sah ich mich im Zimmer um. Auf dem Nachttisch stand eine Schale mit Kondomen. Gut, daran, selbst welche mitzubringen, hatte ich nicht gedacht. Ich zog meine Schuhe aus – Sportschuhe von Armani, die wahrscheinlich teurer als die Zimmereinrichtung gewesen waren – und stellte sie ordentlich vor einen kleinen Sessel, dessen Leder an einigen Stellen schon löchrig und eingerissen war. Zitternd holte ich Atem, knöpfte mein Hemd auf, streifte es ab und legte es über die Lehne des Sessels, ebenso Hose, Socken und Boxershorts. Der Teppichboden fühlte sich klebrig an und ich trat von einem Fuß auf den anderen. Ich fühlte mich unglaublich … nackt, was vermutlich daran lag, dass ich bis auf die Brille auf meiner Nase vollkommen nackt war. So hatte mich niemand mehr gesehen, seit ich ein Kind gewesen war. Auf dem Bett lagen Handtücher und ich schlang eines davon um meine Hüften. Obwohl die Heizung das kleine Zimmer ordentlich aufgeheizt hatte, zitterte ich und hatte eine Gänsehaut.

Das Plätschern des Wassers verstummte. Ängstlich blickte ich zur Badezimmertür.

Inzwischen schrie die Stimme in meinem Kopf, was ich gerade für einen Unsinn machte. Ich sollte mich wieder anziehen, meine Sachen schnappen und einfach verschwinden, bevor irgendetwas passierte, was ich nur bereuen konnte. Meine Kehle zog sich immer enger zu. Als baumelte ich an einem Strick von der Decke und wäre drauf und dran zu ersticken.

Die Badezimmertür öffnete sich quietschend. Hastig wandte ich den Blick ab.

»Entschuldige, dass ich dich warten gelassen habe. Ich musste das heiße Wasser auskosten und mich ein bisschen aufwärmen.«

Ich dachte an die knappen Kleider, den wenigen Stoff, der ihn vor der Winterkälte schützte. »Frierst du nicht furchtbar dort draußen?«

»Zum Glück muss ich nie lange warten, bis mich jemand ins Warme entführt.«

Immer noch konnte ich mich nicht überwinden, ihn anzusehen, und starrte stattdessen auf das verwaschene Blümchenmuster der Tagesdecke. »Wie heißt du?«

»Wie auch immer du willst.«

Bevor ich mich zurückhalten konnte, hatte ich den Kopf gehoben und ihm einen genervten Blick zugeworfen. Zumindest hing mein Blick an den feinen Zügen seines Gesichts. Auch wenn mir nicht entgangen war, dass er splitterfasernackt war und das Wasser von seiner Haut perlte. Er hatte sich kein Handtuch mit ins Bad genommen.

»Gut, ich heiße Luke.« Er schürzte die Lippen. Seine Augen funkelten belustigt. »Sind wir fertig mit dem Kreuzverhör und bereit für mehr?«

Ich nickte, obwohl ich alles war, nur nicht bereit.

»Du siehst mich gar nicht richtig an.« Seine Mundwinkel zuckten. »Bist du etwa verschämt und schüchtern?«

Erst wollte ich nicken, dann schüttelte ich den Kopf, zwang mich, ihn ausgiebig zu betrachten. Er war schmal und zierlich gebaut, seine Rippen konnte man durch die Haut zählen – vielleicht war er doch nicht so wohlgenährt, wie ich erst gedacht hatte, und es war nur der Vergleich mit den anderen, der ihn gesund und kräftig aussehen ließ. Seine Haut war blass und er war kaum behaart. Nur wenige Haare kräuselten sich goldschimmernd auf seiner Brust und um den Bauchnabel herum. Tiefer traute ich mich noch nicht, zu blicken. An seinen Armen waren keine Einstiche, dafür Kratzer und blaue Flecken, die erschreckend wie Handabdrücke aussahen. Am Oberarm hatte er eine verkrustete, runde Stelle, über deren Ursprung ich nicht so genau nachdenken wollte. Ich schluckte, wandte den Blick von ihr ab und ließ ihn tiefer an ihm … an Luke herab wandern.

Auf eine etwas ausgehungerte Art war er hübsch. Es gefiel mir, wie seine Hüftknochen spitz hervorstachen. Mein Blick klebte daran und an der Linie dunkleren Haars, die von seinem Bauchnabel aus tiefer führte, als würde sie einen Weg beschreiben, dem mein Blick folgen sollte. Ich schluckte. Warum traute ich mich nicht, mir seinen Schwanz anzusehen? Warum fühlte es sich so sehr an, als würde ich eine Grenze überschreiten, die ich nicht überschreiten sollte, wollte?

Panik stieg in mir auf.

»Du bist wirklich schüchtern«, flüsterte er, diesmal weniger neckend, weniger amüsiert. »Du hast sowas wohl noch nie gemacht. Jemanden dafür bezahlt.«

Ich schlug die Augen nieder, wie die verschämte Jungfrau, die ich war, und nickte. »Ich habe so etwas … ich glaube das hier war eine ganz dumme Idee. Tut mir leid.«

Luke stieß ein leises Seufzen aus und ich sah wieder zu ihm auf. »Schon gut. Wenigstens hab ich eine heiße Dusche gekriegt.« Er zuckte mit den Achseln. »Aber das Zimmer bezahlst du trotzdem.« Er drehte sich um. Jetzt den Blick herab wandern zu lassen und auf seinen Hintern zu starren, war gar nicht so schwierig. Er war wirklich hübsch. Und nett. Für einen Stricher. Dennoch löste er nicht die geringste Regung in mir aus. Kein wohliges Schaudern, kein Kribbeln, kein Ziehen im Schritt – nichts von den Dingen, von denen die anderen immer erzählten.

Selbst zum Vergessen war ich zu kaputt.

Heftig blinzelte ich, rieb mir mit dem Handrücken über die Augen. Ich blickte auf meine Hände, die geschwollenen, schmerzenden Gelenke. Hände, die gebrochen waren und nie wieder heilen würden. Zumindest war ich die letzten Minuten zu abgelenkt gewesen, darüber nachzudenken. Ich räusperte mich. »Den Fünfziger kannst du trotzdem haben. Für deine Umstände.«

Luke drehte sich zu mir um, zog eine Augenbraue hoch und prustete dann los. »Du bist echt komisch. Und nein, ich nehme keine Almosen. Ich arbeite für mein Geld. Und es sieht nicht so aus, als ginge es dir jetzt besser als vorher. Also hab ich nichts getan, um mir das Geld zu verdienen.«

»Warte.« Der Gedanke war seltsam und ich wusste selbst nicht, woher er gekommen war. »Ich muss so oder so die zwei Stunden fürs Zimmer bezahlen, oder?«

»Ja.«

Ich warf einen Blick auf die Uhr. »Dann haben wir noch gut anderthalb Stunden. Ich will, dass du die Zeit mit mir verbringst.« Damit ich nicht allein bin, fügte ich in Gedanken hinzu. »Und für die Zeit bezahl ich dich natürlich.«

Er schüttelte den Kopf, kam dann aber zu mir und setzte sich neben mich auf das Bett. »Na gut.« Er warf mir einen Seitenblick zu. »Und wie sollen wir die Zeit verbringen, damit sie den Fünfziger wert ist?«

Es fühlte sich an, als würde seine Körperwärme auf mich abstrahlen, so dicht saß er neben mir. Er war immer noch nackt, wir waren beide immer noch nackt. Nur der dünne Stoff des Handtuchs trennte uns. Ich drehte mich zu ihm um, betrachtete ihn aus der Nähe. Seine Wimpern waren dicht und lang. Unter dem rechten Auge hatte er eine feine Narbe, wie von einem Kratzer. Er hatte Grübchen in den Wangen und auf dem linken Wangenknochen drei kleine Muttermale, die den Gürtel des Orion formten. Vorsichtig streckte ich die Finger nach ihm aus, als wäre er ein schreckhaftes Tier, das jede zu schnelle Bewegung vertreiben könnte. Meine Fingerspitzen strichen über seine Haut. Er fühlte sich so warm und lebendig an.

Ich will ihn küssen, schoss es mir durch den Kopf. Küssen, festhalten, spüren, dass ich nicht allein war.

Doch im Gegensatz zu einem schnellen Fick konnte man sowas nicht kaufen.

Ich schloss die Augen, stieß einen Seufzer aus und lehnte meine Stirn gegen seine. Ein Beben ging durch meine Schultern, ich zog die Nase hoch und konnte das Schluchzen nicht zurückhalten.

Kühl berührten mich seine Fingerspitzen an den Oberarmen, wanderten tastend über meinen nackten Rücken. »Ist etwas Furchtbares passiert?«, flüsterte er kratzig, und ich nickte. Er zog mich an sich, presste sich gegen mich und ich spürte seine feuchte, warme Haut auf meiner. Seine Rippen, die gegen meine stießen.

Verzweifelt schlang ich die Arme um ihn, rollte mich über ihn und hielt ihn einfach nur fest, atmete den Geruch seiner Haut und Haare ein. Ich hob den Kopf, sah in sein Gesicht. Der verwirrte Ausdruck in seinen Augen. »Kann ich dich einfach nur festhalten, und kannst du mich einfach nur festhalten, bis es wieder besser ist?«

Er lachte leise auf, bewegte sich unter mir, dass das Handtuch verrutschte und uns kein Stoff mehr trennte. Er fühlte sich so warm und weich an, trotz seiner kantigen Knochen. Er sah zu mir auf und jetzt erst entdeckte ich hinter dem kecken Funkeln in seinen Augen einen Schimmer von Furcht, Verzweiflung und Schmerz. »Wir haben nur noch anderthalb Stunden. Kann es in der Zeit besser werden?«

»Nein.«

Lukes Hand lag warm in meinem Nacken. »Das tut mir leid.«

Die anderthalb Stunden vergingen viel zu schnell. Ich wollte nicht gehen, ich wollte Luke nicht wieder loslassen. Nie wieder. Wir hatten kein einziges Wort mehr gesprochen, uns einfach fest in den Armen gehalten. Unsere Körper hatten sich aneinandergedrängt, nicht hungrig, nur verzweifelt.

Erkaufte Zärtlichkeit, nicht mehr, aber es tat so gut. Seine nackte Haut auf meiner. Zu spüren, wie er atmete, wie sein Herz schlug. Das grollende Magengrummeln und sein verschämtes Lachen.

Das Klingeln meines Handys erinnerte uns eine Viertelstunde vorm Ende der zwei Stunden, dass es Zeit war, sich anzuziehen. Zeit war, sich zu trennen und nie wiederzusehen. Genau wie zuvor konnte ich ihn kaum ansehen, aber auch Luke wirkte weniger selbstsicher, als er in seinen knappen Kleidern wieder vor mir stand. »Wir müssen dann wohl«, sagte er und wippte von einem Fuß auf den anderen. Ich folgte ihm zurück in den Flur, der jetzt noch viel enger und erstickender wirkte. Er führte mich einen anderen Weg, der uns zu einer kleinen Rezeption brachte, hinter der eine ältere Frau mit grauen Haaren saß. Sie würdigte mich keines Blickes, musterte nur den Zimmerschlüssel und das Geld, das ich ihr reichte. Sie schob mir eine Quittung zu und winkte uns durch.

Vor der Tür blieb Luke stehen. »Du warst mit Abstand der komischste Kunde, den ich bisher hatte.« Er schüttelte den Kopf, lächelte und fast hätte ich es erwidert. »Aber es war ein gutes komisch, kein schlechtes.« Er knibbelte an dem Schorf an seinem Oberarm und für einen Moment verfinsterte sich sein Blick.

»Soll ich dich zurückfahren?«, fragte ich kleinlaut, nickte in Richtung der Tiefgarage.

»Nein, ich glaub, ich mach für heute Feierabend.«

»Ich kann dich nach Hause fahren«, bot ich an und begriff dann erst, wie dämlich dieses Angebot war. Er würde mir nicht verraten, wo er wohnte. Das wäre dumm und leichtsinnig.

»Danke, aber ich geh lieber zu Fuß. Krieg noch ein bisschen frische Luft.«

Meine Kehle wurde eng bei dem Gedanken, mich von ihm zu verabschieden. »Bist du immer dort an der Straße?«

Er grinste neckend. »War ich so gut im Nichtstun, dass du mich wiedersehen willst?«

»Ja«, flüsterte ich, ganz ohne mein übliches Gift. »Du warst genau das, was ich gebraucht habe.«

Er blinzelte, wurde tatsächlich rot. »Wenn du nach mir suchst, wirst du mich dort finden.« Er wandte sich von mir ab. »Mach’s gut.«

Ich blickte ihm einen Moment nach, wie er die winterliche Straße entlang ging. Die Hände in den Taschen der viel zu kurzen Shorts vergraben. Er hatte nicht einmal eine Jacke, die ihn vor dem scharfen Wind schützte. So arm war er.

Ich blinzelte. Ich hatte ihn nicht bezahlt, verdammt. Ich rannte ihm nach. »Warte.«

Er drehte sich nicht zu mir um, obwohl er mein Rufen gehört haben musste.

Als ich fast bei ihm war, griff ich nach seiner Hand. »Warte, Luke, dein Geld.«

Er blickte mich über die Schulter an und ich sah, dass er weinte. »Wie peinlich. Normalerweise werde ich nicht so emotional«, presste er mit einem schiefen Lächeln hervor. »Ich … ich will dein Geld nicht. Du warst genau das, was ich gebraucht habe. Das will ich nicht abwerten, indem ich es zu einer einfachen Transaktion mache.« Er senkte den Blick. »Vielleicht ist es doch am besten, wenn du nicht mehr nach mir suchst.« Er riss sich von mir los und ging zügig die Straße entlang.

»Luke«, murmelte ich, blickte ihm nach. Mehr als seinen Namen wusste ich nicht von ihm und dennoch schmerzte mich der Moment des Abschieds.

5

»Ach, mein armes Baby!«, jammerte meine Mutter, drückte mich an ihren Busen und wuschelte mir mit den Fingern durchs Haar. Etwas, was ich schon immer gehasst hatte, aber diesmal ohne Widerworte über mich ergehen ließ.

Endlich hatten sich meine Eltern herbequemt, um an meinem Unglück Anteil zu nehmen. Es war auch gerade erst eine Woche vergangen, seit ich das letzte Mal auf der Bühne gestanden hatte. Eine Woche, die unglaublich lang und ereignisreich gewesen war.

Der letzte, der mich im Arm gehalten hatte, war Luke. Das war vor fünf Tagen. Fünf Tage, die sich unendlich angefühlt hatten. Seitdem war ich mehrmals die Straße abgefahren, hatte ihn jedoch nicht zwischen den anderen entdeckt. Ich hatte erwartet, dass dadurch nach und nach mein Interesse an ihm abflauen würden, aber im Gegenteil war es inzwischen in eine Mischung aus Neugier und Sorge umgeschlagen. Was faszinierte mich nur so sehr an einem Stricher, dessen Lebensrealität nicht weiter von meiner entfernt sein könnte? Aber vielleicht war es auch gerade dieser Kontrast, der mich reizte.

»Es ist wirklich bedauerlich«, riss der melodische Bariton meines Vaters mich wieder aus meinen Gedanken. »Wir haben so viel Geld in deine Ausbildung investiert und jetzt war das alles für die Katz.«

Natürlich war das Geld das, woran er zuerst dachte.

»Und du hättest die Zeit in eine sinnvollere Ausbildung stecken können, wenn wir das geahnt hätten. Stattdessen haben wir uns von deinen Lehrern bequatschen lassen, die alle dein Talent so lobten.«

Auch ein Gedanke, der typisch für ihn war.

Argwöhnisch sah er mich an. »Konnte Dr. Blackbourne klären, wo es herkommt?«

Mit anderen Worten: Konnte Vater mir oder jemand anderem die Schuld daran geben, dass Zeit und Geld verschwendet worden waren? Ich zuckte mit den Schultern. »Alles mögliche könnte es ausgelöst haben.« Immer wieder hatte ich mich die letzten Tage in stillen Momenten – also denen, in denen ich nicht nach Luke suchte – gefragt, ob irgendetwas, was ich getan hatte, daran schuld war. Hatte ich mich falsch ernährt? Hatte ich die ersten Warnzeichen übersehen, weil ich die schmerzenden Knochen auf die Winterkälte geschoben hatte? Hatte ich mich zu sehr verausgabt, mir keine ausreichenden Pausen gegönnt und jetzt rebellierte mein Körper gegen mich? Oder hatte ich durch meine intrigante, kratzbürstige Art den Zorn Gottes auf mich gezogen?

Oder hatte ich einfach nur Pech gehabt?

Keiner der Gedanken war in irgendeiner Weise tröstlich.

»Und jetzt?«, fragte mein Vater weiter.

»Dr. Blackbourne hat mir verschiedene Medikamente aufgeschrieben, die die Schmerzen lindern und den Krankheitsverlauf ausbremsen sollen.« Ganz aufhalten konnten sie ihn nicht. Und genauso wenig umkehren. Das hatte er mir ruhig und besonnen erklärt. Sie konnten nur daran arbeiten, dass es mir so lange wie möglich so gut wie möglich ging. Mit keinem Geld der Welt konnte ich mir gesunde Hände erkaufen.

Mein Vater schüttelte den Kopf. »Nein, ich meine deinen beruflichen Werdegang. Jetzt, wo du nicht mehr an der Juilliard studierst. An welche Universität willst du im Herbst? Stanford? Harvard? Princeton? Das MIT? Ich habe Verbindungen, das weißt du. Dir steht jeder Weg offen.«

Jeder Weg, der ihm gefiel.

Meine Mutter zog die Nase hoch. »Die Columbia Universtiy wäre doch nicht schlecht. Dann kann er wenigstens seine Freunde weiter sehen. Und Melody.«

Ich hatte noch nicht so weit gedacht, aber nickte. Ich hatte zwar keine Freunde mehr, aber ich wollte Melody nicht verlieren. Vor allem, wo meine Eltern sich selten genug an sie erinnerten und nur an den Feiertagen Zeit für sie fanden. Dass meine Mutter an sie gedacht hatte, verwunderte mich. Aber sie war ja auch nur ein Nachsatz, hinter meinen Freunden, die es nicht gab – aber sowas bekamen meine Eltern ja nicht mit. Für mich fanden sie ja auch nie Zeit. »Columbia wäre nicht schlecht.«

»Und welches Fach?«

Ich hob die Schultern. Vor einer Woche war mein Leben aus den Fugen geraten. Darüber, wie es weitergehen sollte, hatte ich noch nicht nachgedacht. Aber das interessierte meinen Vater vermutlich wenig. Für ihn musste alles Zackzack gehen und die einzige Richtung, in die man blicken durfte, war die Zukunft. Etwas, was ich für mich noch gar nicht sehen konnte. »Wirtschaft?«, warf ich wenig überzeugend in den Raum. Mich interessierte das Fach nicht im Geringsten, aber meinen Vater würde es glücklich machen.

Und prompt nickte er. »Ja, damit kann man wenigstens was anfangen. Und bis du da anfangen kannst, wirst du ein Praktikum in der News Today machen, damit du weißt, was einmal auf dich zukommt.«

Ich schnaubte. Für die Zeitung meines Vaters zu arbeiten, war das Allerletzte, was ich wollte.

»Nicht in der Redaktion, natürlich. Aber die Führungsetage solltest du dir ansehen.«

»Natürlich, Vater.«

Mein Mangel an Enthusiasmus fiel ihm nicht auf. So wie ihm vieles nicht auffiel. Keiner von ihnen fragte, was ich wollte, was ich brauchte.

»Am ersten Februar fängst du an.«

Das war schon in drei Tagen. Benommen nickte ich. »Ich muss aber regelmäßig für die Kontrollen ins Krankenhaus. Je nachdem, wie die Tabletten anschlagen, wollte Dr. Blackbourne auch ein paar alternative Therapien ausprobieren«, merkte ich an.

Mein Vater verdrehte die Augen. »Da wirst du schon Zeit für finden.«

»Gut.«

Er zog sich sein Jackett an. »Wir müssen dann wieder los.«

»Ihr seid doch gerade erst …«

»Jetzt stell dich nicht so an, als wärst du wieder neun und lägst mit Keuchhusten im Bett.«

Da waren sie auch nicht dagewesen. Da hatte Barb, meine Nanny, sich um mich gekümmert und mir ihren widerlichen Ingwertee runtergezwungen.

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Tag der Veröffentlichung: 18.08.2019
ISBN: 978-3-7487-1312-8

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