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Leseprobe

Kurzbeschreibung

Ein Lächeln wie der Frühling.

Die Wärme von Sonnenstrahlen.

Ein Feuer, das sich nicht ersticken lässt.

Gerade neunzehn hat Jared die Hoffnung auf die große Liebe längst aufgegeben. In seinem Herzen herrscht ein ständiger Winter. Doch dann ändert sich alles: Über die Sommerferien ist Orville über zwei Monate zu Gast bei Jareds Familie auf ihrem Landsitz in Derbyshire.

Die Vorstellung, den Sommer mit einem Fünfzehnjährigen zu verbringen, missfällt Jared zunächst, doch bald zieht der lebenslustige Junge ihn in den Bann. Er ist genau so, wie Jared sich wünscht zu sein: charismatisch, wortgewandt und furchtlos. Mit ihm kehrt der Frühling in Jareds Leben ein und lässt den Eispanzer um sein Herz schmelzen.

Und aus einem ihm unerklärlichen Grund scheint dieser ungewöhnliche Junge ihn ebenfalls zu mögen.

Sie umtänzeln einander wie Motten das Licht, Schüchternheit und Unsicherheit stehen ihnen im Weg, doch die gegenseitige Zuneigung gewinnt schließlich. Jareds Herz brennt lichterloh.

Doch kann eine Sommerliebe den langen Winter überstehen?

Bücher von Eliza Dawson

Devon & Aiden

Die Saiten meines Herzens

Raving Hearts-Reihe

Raving Hearts

Yearning for Love

Blazing Love

Love in Disguise

On the Edge

All I Want

Kurzgeschichten

Der Geschmack deiner Lippen

Love Cruise

Hinter Masken

Träume vom Meer

Wenn der Frühling vergeht

Eliza Dawson

Inhalt

Prolog

I. Der Schnee schmilzt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Zwischenspiel I

II. Die Liebe glüht

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Zwischenspiel II

III. Wenn der Frühling zurückkehrt

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Epilog

Danksagung

Bücher von Eliza Dawson

Prolog

Orville Durand war der Frühling nach neunzehn eisig kalten Jahren Winter. Er schmolz mein Herz, das ich längst erstarrt geglaubt hatte. Ich wärmte mich an der Flamme seiner Liebe. Doch eine Flamme, die hell brennt, brennt schnell aus, wenn man sie sich selbst überlässt. Der Frühling verging und ich gebot dem Winter wieder Einlass in mein Leben.

Diesmal glaubte ich, er würde niemals enden. Mein Herz bliebe auf ewig taub und gefühllos. Ich würde nicht in einer Welt mit Jahreszeiten leben, sondern an einem arktischen Pol. Der Frühling würde nicht mehr auf den Winter folgen und gäbe mir nicht das Leben zurück.

Dann in den letzten Tagen eines bitterkalten New Yorker Winters fand ich Orville ganz unverhofft wieder. Diesmal wollte ich ihn nicht loslassen, ihn nicht sterben lassen. Doch das lag nicht nur in meiner Macht …

Ich arbeitete schon einige Jahre in verschiedenen Krankenhäusern und das Piepsen, Pfeifen und Stöhnen der Maschinen war irgendwann zu einem Hintergrundrauschen zusammengeflossen, das ich nur noch wahrnahm, wenn es unerwartet fehlte.

Doch jedes Mal, wenn ich Orvilles Zimmer betrat, hörte es sich falsch an. Das hohe Piepen des EKGs, das stetige Zischen des Beatmungsgeräts. Wenn ich die Augen schloss, bildete ich mir ein, sogar das Tropfen der Infusionen und Katheter zu hören. Nur Orville selbst lag vollkommen still in seinem Bett. Die Haut war blass geworden in den letzten Wochen, die Wangen leicht eingefallen. Er war schon immer eher schmal gewesen, kantig, doch jetzt fing er an, mager zu sein.

Vierundneunzig Tage.

Seine Mutter stand neben dem Bett. In den letzten Wochen war sie ebenso hager geworden. Der Glanz aus ihren Augen und ihrem Haar war verschwunden. Tiefe dunkle Ringe hatten sich unter ihre Augen gegraben. »Die Ärzte sagen, dass es keinen Grund gibt, warum er nicht aufwacht. Warum er auf keine Art der Stimulation reagiert.« Sie griff nach seiner schmalen Hand. »Manchmal frage ich mich, ob er einfach nicht aufwachen will.«

Ich wandte mich von ihr ab und blickte zum Fenster, gegen das unentwegt Hagelkörner prasselten.

Dieses Jahr hatte es keinen richtigen Frühling gegeben. Er war direkt in einen brütend heißen Sommer übergegangen, mit einigen eisigen Gewitterstürmen, die die Stadt für zwei, drei Tage abkühlten. Und dann war ebenso plötzlich der Winter über uns hereingebrochen. Ich war im letzten Winter nach New York gekommen, erstaunt darüber, wie kalt die Stadt sein konnte. An ihre anderen Seiten hatte ich mich gerade erst gewöhnt, als alles zerbrach.

»Jared.«

Ich zuckte zusammen, als sie mich ansprach.

»Ich habe lange darüber nachgedacht.«

Gespräche, die so anfingen, endeten nie gut.

»Worüber?«, fragte ich heiser nach, obwohl ich eine dunkle Vorahnung hatte.

»Er würde es nicht wollen, dass wir ihn am Leben erhalten, wenn …«

Das plötzliche Pfeifen in meinen Ohren machte es mir unmöglich zu verstehen, was sie weiter sagte, und ich schüttelte einfach stumm den Kopf.

Sie legte ihre Hand an meinen Oberarm. »Ich weiß nicht, in welcher Beziehung ihr zueinander standet, auch wenn ich es ahne.«

Ich wollte es ihr sagen, ihr entgegen schreien, aber meine Kehle war so eng, dass ich keinen einzigen Ton hervor pressen konnte.

»Ich will meinen Sohn nicht töten«, fuhr sie leise fort. »Ich hoffe einfach, wenn wir die Beatmungsmaschine zurückfahren, wenn er die Kraft finden muss, selbst zu atmen, dass es ihm einen kleinen Schubs gibt zu kämpfen. Wenn dieser Wille tief in ihm noch ist.« Sie schwieg einen Atemzug lang. »Wenn nicht, dann müssen wir ihn gehen lassen.«

»Wann?«, fragte ich kratzig.

»Morgen«, erwiderte sie.

So bald schon.

Ich nickte stumm, verstand nicht, warum Dr. Webster sich darauf einließ. Warum Orvilles Mutter nicht geduldiger war. Aber es war nicht meine Entscheidung. Nichts hiervon war meine Entscheidung. Die Hilflosigkeit trieb mir Tränen in die Augen und ich blinzelte.

Nachdem seine Mutter gegangen war, zog ich den Stuhl näher an Orvilles Bett, ließ mich schwerfällig hineinfallen. Ich schloss die Augen, atmete ein und aus.

Bisher hatte ich stumm an seinem Bett gesessen, das Gewicht meiner Schuld zu schwer auf meinen Schultern, um etwas zu sagen. Und das erste Mal seit vierundneunzig Tagen nahm ich seine Hand.

»Es gibt eine Geschichte, die ich dir schon so lange erzählen wollte. Von einem Jungen, der strahlte wie die Frühlingssonne. Von dem eisigen Klumpen, der mein Herz war und den er mit seiner Wärme schmolz. Ich will dir von all den Dingen erzählen, die ich nie ausgesprochen habe. Die ich hätte aussprechen sollen und von denen ich hoffe, dass du sie jetzt hörst.«

Denn vielleicht war das unser endgültiger Abschied.

Teil I

Der Schnee schmilzt

Kapitel 1

In gewisser Weise ist es falsch, von Orville als meinem Frühling zu sprechen, denn es war Hochsommer, als wir uns kennenlernten. Nur in meiner Seele war es trotz der heißen Temperaturen immer noch Winter.

»Diesen Sommer haben wir einen Gast«, begrüßte mich meine Mutter mit strenger Miene.

Ich wuchtete meine Sporttasche in den Hauseingang, schob mich an ihr vorbei in die schattige Kühle der Eingangshalle. Keine warmen Worte der Begrüßung, nachdem sie mich Wochen nicht gesehen hatte. Aber etwas anderes hatte ich nicht erwartet. »Es freut mich, wieder Zuhause zu sein«, sagte ich steif. »Einen Gast, sagst du?«

»Der Sohn einer Freundin, die ich vor Kurzem wiedergetroffen habe. Du wirst dir ein Zimmer mit ihm teilen.«

»Mutter!«, maulte ich. »Wir haben ein halbes Dutzend Gästezimmer.«

Pikiert sah sie mich an. »Früher hast du nicht so mit mir geredet.«

Ich biss mir auf die Zunge. »Tut mir leid.«

»Orville ist fünfzehn und durchlebt gerade eine schwere Zeit. Seine Eltern stehen kurz vor der Scheidung. Sie versuchen zwar, es vor ihm zu verbergen, aber so etwas funktioniert ja meistens nicht.«

Tat es nicht – ich hatte auch jeden größeren Streit meiner Eltern gespürt, auch wenn ich nicht immer wusste, worum es ging.

»Da will ich nicht«, führte sie weiter aus, »dass er alleine in irgendeinem Zimmer hockt. Er muss Menschen um sich haben. Das habe ich seiner Mutter versprochen.«

Menschen! Ich verkniff es mir anzumerken, dass ein abgeschiedener Landsitz in Derbyshire kein Ort war, wo irgendjemand unter Menschen kam. Ganz im Gegenteil lud Manderley Manor dazu ein, sich dort einsam zu fühlen. Und ich kostete diese Einsamkeit aus, wann immer ich hierher zurückkehrte. »Kann er dann nicht ein Zimmer mit Luke teilen?«

»Luke ist zehn. Welcher Fünfzehnjährige will ein Zimmer mit einem Grundschulkind teilen? Du könntest ihm ein großer Bruder sein, ihn lenken und anleiten. Er soll auch schon sehr … erwachsen für sein Alter sein.« Die Art, wie sie es aussprach, deutete darauf hin, dass er nicht nur in einer guten Art, »erwachsen« war. »Er ist ein sehr talentierter Pianist und hat schon auf großen Bühnen gespielt. Vielleicht könnt ihr euch darüber anfreunden.«

Ich unterdrückte ein Schnauben. Am Klavier war ich immer nur mittelmäßig gewesen, hatte seit Jahren nicht einmal mehr den Flohwalzer gespielt. Nichts würde mich dazu bringen, mich nochmal an das Klavier in der Eingangshalle zu setzen, an das sie mich früher immer geprügelt hatten. Über kein Thema würde ich weniger gerne mit ihm reden. Aber mit Mutter zu diskutieren, würde mich nicht weiterbringen. Ich war neunzehn, ich studierte Medizin, war mit weitem Abstand der Beste meines Jahrgangs, aber für sie war ich immer der kleine Junge, den sie herumkommandieren konnte. Der Junge, der ihre Erwartungen nicht erfüllt hatte. »Gut, ich kümmere mich um ihn.«

»Hattie hat dein … euer Zimmer auch schon zurecht gemacht.« Sie zögerte einen Moment. »Ich glaube auch, dass es dir gut tut. Sonst vergräbst du dich doch nur wieder den ganzen Sommer in deinen Büchern und verlässt das Haus kaum.«

Ich nickte und sagte nichts dazu. Bisher hatte es sie nie gestört, dass ich viel gelernt hatte, statt mich herumzutreiben und Schlagzeilen zu machen. »Wann kommt er?«

»In zwei Wochen. Sobald die Sommerferien in Paris beginnen.«

Ich zog eine Augenbraue hoch, was meine Mutter mit den Augen rollen ließ, da sie das als eine meiner schlechteren Angewohnheiten ansah. Ich räusperte mich und fügte hinzu: »Er ist Franzose?«

»Sein Vater. Mit seiner Mutter habe ich zusammen studiert. Mary ist Engländerin.«

Ich nickte. »Und wie lange bleibt er?«

»Du kennst ihn nicht einmal und kannst es schon nicht erwarten, ihn wieder loszuwerden. An deiner sozialen Kompetenz …«

»Mutter«, unterbrach ich sie. »Ich will nur planen können, wie ich mein Lernpensum für den Sommer aufteile.«

Jetzt nickte sie. »Zwei Monate.«

Meine angespannten Schultern sackten herab. Dann hatte ich zumindest einen Monat lang meine Ruhe, sobald er weg war.

Die kommenden zwei Wochen vergingen viel zu schnell. Luke, der mich seit Ostern nicht mehr gesehen hatte, belagerte mich jeden Tag, sobald er aus der Schule zurück war. Im Gegensatz zu Mutter und Vater freute er sich über meine Rückkehr. Für einen Zehnjährigen musste das große Anwesen furchtbar einsam sein – unsere Eltern waren fast nie da. Bernard, unser Butler, und Hattie, unser Haus- und Kindermädchen waren beiden schon Ende fünfzig. Unser Chauffeur Edward war etwas jünger, aber mit Mitte Dreißig fühlte er sich auch mehr wie ein väterlicher Freund an. Sie waren wie Familie und sorgten sich um uns, besonders Hattie. Aber sie waren nicht das, wonach Luke sich sehnte.

Luke fehlten andere Kinder. Trotz seiner Einsamkeit hatte er seine kindliche Begeisterung selbst für die kleinsten Dinge nicht verloren. Plappernd erzählte er mir Anekdoten aus der Schule, wuselte um mich herum und saß kaum still.

Er war so anders als ich. Ich konnte kaum glauben, dass wir von derselben Mutter geboren worden waren. Ich konnte mich nicht erinnern, jemals so … lebendig gewesen zu sein. Ich betete im Stillen dafür, dass unsere Eltern dieses Lebenslicht nicht ersticken würden, wie sie es bei mir getan hatten. Dass sie seinen Enthusiasmus nicht töteten, indem sie ihn in Bahnen zwangen, in die er nicht wollte.

Über Jahre hinweg hatten sie es bei mir versucht und der erste, einzige kleine Sieg, den ich errungen hatte, war durchzusetzen, dass ich Medizin statt Jura studieren würde. Und dieser Sieg schmeckte schal, weil ich so viele andere Kompromisse eingegangen war, um sie glücklich zu machen.

»Es ist nur eine Phase«, hörte ich immer noch die warnende Stimme meiner Mutter als dumpfes Echo in den Gletschern meiner Seele. »Das wächst sich aus. In ein paar Wochen wirst du darüber lachen, was du mir da für Sorgen gemacht hast. Und dein Vater muss davon nichts erfahren. Er würde dich umbringen, wenn er es wüsste. Verstanden?«

Ich hatte verstanden, ich hatte gehorcht und mir einen Panzer aus Eis angelegt. Ein Panzer, durch den kein Funken Freude mehr bis zu meinem Herzen durchdringen konnte. Ich war überzeugt, dass sich daran nie wieder etwas ändern würde.

Aber ich irrte mich.

Als der große Tag kam – so hatte Luke ihn in seiner Vorfreude genannt – wollte ich eigentlich am liebsten nur auf der Couch liegen und ein gutes Buch lesen. Ich wollte nicht hinausgehen und unseren Gast großartig begrüßen. Es reichte schon, ein Zimmer mit ihm teilen zu müssen. Aber Lukes Aufregung, als die Stunde näher kam, färbte dann doch auf mich ab. Ich konnte mich kaum auf ein Wort konzentrieren und die Buchstaben verschwammen vor meinen Augen. Frustriert legte ich schließlich das Buch zur Seite.

»Was glaubst du, wie er ist?«, fragte Luke und kletterte über die Lehne des Ohrensessels. Er war immer noch so ein kleines Äffchen.

Ich zuckte mit den Schultern. Meine Mutter hatte nicht viel über ihn erzählt. Als wüsste sie selbst nicht, wen sie uns da ins Haus holte. In den letzten Tagen hatte sie mir nicht mehr über ihn verraten als seinen Namen: Orville Durand. Ein seltsamer Name. Aber einer, der einem im Gedächtnis blieb.

Als vor dem Haus die Wagentür der Limousine zuschlug, sprang Luke vom Ohrensessel und stolperte ein paar Schritte auf mich zu. »Er ist da!« Luke packte meine Hand und zog mich hinter sich her bis zur Haustür. Seine kleinen Finger waren ganz feucht.

Bernard hatte bereits geöffnet und war zur Limousine geeilt, wo er sich gemeinsam mit Edward dem Kofferraum zugewandt hatte.

Einen Moment suchte mein Blick hektisch nach unserem Gast, bis er ihn im Vorgarten entdeckte.

Mein Herzschlag stolperte.

In diesem ersten Moment sah Orville aus wie der Prinz aus einem Märchen. Sonnengebadet stand er neben dem Rosenbusch und roch mit geschlossenen Augen an einer der blutroten Blüten, über deren Blätter er mit seinen langen schmalen Fingern strich. Er trug eine schwarze Stoffhose und ein Jackett über einem weißen Hemd, was in der Sommerhitze viel zu warm sein musste, ihn jedoch ungemein elegant aussehen ließ.

Reglos betrachtete ich ihn, vollkommen von ihm in den Bann gezogen.

Ich kann nicht mehr sagen, wie lange wir so dastanden. Erst als der Deckel des Kofferraums zuschlug, löste ich mich aus meiner Starre.

Luke drückte meine Hand und flüsterte mir ins Ohr: »Er ist wunderschön, nicht wahr?« Seine Stimme klang ungewohnt rau, wie ich es bei ihm noch nie gehört hatte. Anscheinend war er genauso wie ich von dem Anblick vereinnahmt gewesen.

Ich nickte und löste meinen Blick endlich von Orville. In dem gleichen Moment, in dem er zu uns sah.

Für den winzigen Bruchteil einer Sekunde trafen sich unsere Blicke. Unbedeutend kurz, aber lang genug, dass mein Herz für einen Schlag aussetzte. Er hatte die schönsten silbernen Augen, in die ich jemals geblickt hatte. Dann lächelte er und mein Herzschlag stockte noch einmal, setzte dann so heftig wieder ein, dass sich ein dünner Riss durch meine Eisschicht zog.

»Bonjour«, rief er uns zu und zwinkerte.

Nachdem wir uns einander vorgestellt hatten, traten wir in die Eingangshalle ein. Als ich Orville jetzt aus der Nähe sah, verflog ein bisschen seines Zaubers. Er reichte mir gerade bis zum Kinn, war feingliedrig und stand genau an der Schwelle zwischen Junge und Mann, in der man nicht genau sagen konnte, ob er das eine oder das andere war. Er war ja auch gerade erst fünfzehn, ermahnte ich mich. Ich hätte ihn erst gar nicht so ansehen sollen. Aus mehrerlei Gründen nicht.

Aber es war nicht nur die Jugendlichkeit, die an seinem Zauber kratzte. Er hatte die Lippen zu einer dünnen Linie zusammengepresst und sah sich abschätzig in der Eingangshalle um.

Wir nutzten sie als Wohnzimmer, obwohl sie wahrlich nichts Wohnliches hatte. Es sagte viel über unsere Familie aus, dass es kein gemütliches Zimmer gab, in dem wir zusammen Zeit verbrachten. Die Halle hatte nichts Privates, sondern zeigte eine prachtvolle Fassade. Die Couchgarnitur und der Ohrensessel aus abgewetztem Leder sahen mehr wie Antiquitäten aus, als dass sie dazu einluden, sich darauf zu lümmeln. Was Luke jedoch nie davon abgehalten hatte, es dennoch zu tun.

Die Wände waren vollgestellt mit Vitrinen, in denen sich richtige Antiquitäten sammelten.

Dieser Raum war nicht zum Wohnen da, sondern um bei gelegentlichen Empfängen damit anzugeben. Das galt besonders für den Flügel, der ein Viertel des Raumes einnahm und auf den jetzt durch die deckenhohen Fenster das Abendlicht schien. Orville würdigte ihn nur eines flüchtigen Blickes und sein Gesichtsausdruck wurde säuerlich.

Ich zog eine Augenbraue hoch, ärgerte mich sogleich über diesen Reflex und ließ sie wieder herabsinken. Mutter wäre jetzt sicher stolz auf mich. Ich musste mir ja nicht anmerken lassen, wie sehr mich der mangelnde Enthusiasmus, den Orville beim Anblick des Klaviers zur Schau gestellt hatte, irritierte. Genauso wie seine ganze fast schon herablassende Art, mit der er mein Zuhause musterte. Ich hatte damit gerechnet, dass er sich sogleich begeistert auf das Klavier stürzen und uns irgendein klassisches Stück vorspielen würde, um mit seinem Talent anzugeben. Zum arroganten ersten Eindruck würde es passen.

Schließlich schnalzte er mit der Zunge. »Manderley Manor? Ernsthaft?« Orville schüttelte sich und lachte. »Hat hier niemand ›Rebecca‹ gelesen? Das Haus brennt zu einer Ruine herunter und niemand ist jemals glücklich dort.«

Das passt doch gut.

»Und dann in Derbyshire!«, sagte er schnippisch. »Wenn, dann hättet ihr es Pemberley nennen sollen.«

»Unsere Großmutter liebte ›Rebecca‹ und hat das Anwesen so umbenannt«, erwiderte ich, vielleicht ein bisschen zu scharf. »Was sie von Jane Austen hielt, ist leider nicht überliefert.«

Er zuckte mit den Schultern, seine Miene wurde noch säuerlicher. »Ich wollte ja nur witzig sein. Aber ihr Briten versteht einfach keinen Humor.«

Ich biss mir auf die Zunge. Was für ein Einstand!

Bernard und Edward schleppten an uns vorbei zwei große Koffer die Treppe hinauf zu unserem Zimmer. Unserem Zimmer. Es fühlte sich immer noch seltsam an, so zu denken. Für die nächsten zwei Monate würde ich es mir mit Orville teilen müssen. Die schöne Zeit der Einsamkeit war vorbei.

»Dort oben ist das Zimmer?« Er streckte sich und ließ müde Schulterknochen knacken. »Ich würde mich gerne kurz hinlegen.« Er sah mich an, mit einer schüchternen Unsicherheit im Blick, die mich jetzt eiskalt erwischte.

Natürlich, ich Idiot, nach dem Flug und der langen Fahrt von London Heathrow hierher musste er erschöpft sein. Das hätte ich mir auch denken können! Kein Wunder, dass sich sein Enthusiasmus in Grenzen hielt.

»Klar doch. Ich zeig dir unser Zimmer.«

Jetzt war es seine Augenbraue, die nach oben wanderte. »Unser Zimmer?«

Meine Mutter hatte ihn anscheinend nicht vorgewarnt. »So schaut es aus.«

Kam es mir nur so vor, oder waren seine ohnehin schon blassen Wangen noch blasser geworden?

Er senkte den Blick und kratzte sich im Nacken. »Okay …«

»Ist das ein Problem für dich?«, fragte ich und versuchte, dabei nicht hoffnungsvoll zu klingen.

Er sah mich an, seine Wangen färbten sich rot und er räusperte sich. »Nein, sicher nicht. Das ist schon in Ordnung. Ich will keine Umstände machen.« Dabei nickte er vor sich hin, als müsse er sich selbst überzeugen. Er zeigte die Treppe hinauf. »Wollen wir?«

Ich nickte und sah ihm einen Moment unschlüssig nach, wie er die Treppe hinaufstieg.

Mit zusammengezogenen Augenbrauen sah Orville sich in meinem, jetzt unserem gemeinsamen Zimmer um. Zwei tiefe Furchen zogen sich senkrecht über seine Stirn. Diese zwei Falten betonten noch, wie makellos seine Haut ansonsten war. Selbst von den typischen Hautunreinheiten, mit denen sich Teenager herumschlugen, war nicht die leiseste Spur zu sehen.

»Das ist kleiner, als ich erwartet hätte.« Er sog die Unterlippe ein. »Nicht, dass ich mich beschweren würde. Und es tut mir leid, dass ich eben so pampig klang. Ich bin nicht gut bei ersten Begegnungen und hinterlasse meist nicht den besten Eindruck. Meine Zunge sitzt manchmal zu locker.« Es erstaunte mich, wie selbstreflektiert er schon war.

»Macht nichts. Ich habe mich ja auch nicht mit Ruhm bekleckert.«

Er lächelte mir wieder schüchtern zu. »Dann vergessen wir einfach, was passiert ist, und fangen noch mal von vorne an?« Er reichte mir die Hand, die ich nach kurzem Zögern ergriff. »Orville Duran.«

»Jared Thompson.«

Er senkte kurz ehrerbietig den Kopf. »Freut mich.«

Ich stieß ein kurzes Lachen aus.

In der Mitte des Raumes drehte er sich auf der Stelle, den Kopf leicht in den Nacken gelegt. Er betrachtete wohl die Fotos an den Wänden, die mich in verschiedenen Stadien meiner Jugend zeigten. Auf den meisten Bildern war ich alleine zu sehen, nur auf den neuesten war Luke bei mir. Kein einziges Bild zeigte mich mit Freunden. Aus dem ganz einfachen Grunde, dass ich keine nennenswerten Freunde hatte. Das wollte ich jetzt allerdings nicht ausführen. Mein neuer erster Eindruck sollte nicht sein, dass ich erbärmlich war.

Er nickte vor sich hin und ließ seinen Blick wieder sinken. Jetzt, wo die Schlafcouch ausgezogen war, war es in der Tat sehr eng in meinem Zimmer. Er trat durch den schmalen Spalt zwischen Couchtisch und Schlafcouch zum verstaubten Bücherregal.

Zuerst sah er sich die Bücher der obersten Reihe an, ließ die Finger über die gebrochenen Buchrücken streichen. Bei einem dicken Buch hielt er inne und stieß ein leises Lachen aus. Ich verstand sofort warum. Über die Schulter warf er mir einen Blick zu. Er hatte ein neckisches Grinsen auf den Lippen. »Davon kenne ich zumindest die Fernsehserie.« Vorsichtig zog er meine Ausgabe von »Grays Anatomie« aus dem Regal und blätterte darin.

»Mit der Serie hat das allerdings recht wenig zu tun«, sagte ich mit belustigtem Unterton.

Er klappte das Buch wieder zu und schob es zurück. »Du studierst Medizin?«

»Ich bin jetzt im zweiten Jahr.«

»Cool. Das würde mich vielleicht auch interessieren, aber …« Er schüttelte den Kopf. »Ich habe ja noch Zeit.«

Er widmete sich der zweiten Regalreihe. Darin standen einige Romane, die sich in einem weitaus besseren Zustand befanden. Wenn ich sie nicht zum Lernen gebrauchte, waren mir meine Bücher heilig.

Deswegen betrachtete ich es mit Unbehagen, als er den Finger auf eines der Bücher legte und es hinauszog. »›Die Chemie des Todes‹?« Er drehte das Buch herum und las den Klappentext. »Willst du in der Forensik arbeiten?«

»Wie kommst du darauf?«

Er wandte sich zu mir um und verdrehte die Augen, als wäre es offensichtlich. Und wenn ich das Regal hinter ihm betrachtete, war es in der Tat naheliegend. Mehr als zwei Drittel der Bücher waren blutrünstige Thriller, was man bereits anhand der Titel und der Gestaltung der Buchrücken erahnen konnte.

Diesmal war ich es, der lachte. »Schon gut, schon gut, ich sehe, wie du auf die Idee kommen konntest. Aber Mord und Totschlag sind mein privates Interesse, nicht mein berufliches.« Wenn ich es so aussprach, klang es verdammt falsch. »Also, nicht in dem Sinne, dass ich gerne in meiner Freizeit Leute umbringe. Die Ermittlungsarbeit und die Jagd nach den Tätern faszinieren mich. Aber gerade, weil ich zu viel darüber gelesen habe, wie schauerhaft es zugehen kann, will ich in dem Bereich nicht arbeiten. Ich will auf andere Weise Leben retten.«

Er zuckte mit den Achseln, hatte diesen leeren Gesichtsausdruck, als wäre ich plötzlich um einiges langweiliger geworden, und stellte das Buch wieder zurück. Er verzog das Gesicht komisch, und es dauerte ein paar Momente, ehe ich begriff, dass er ein Gähnen unterdrückte.

Ich klopfte auf die Lehne der Schlafcouch. »Du wolltest dich ausruhen?«

Ein rosa Schimmer legte sich über seine Wangen und er lächelte scheu.

Sein Blick wanderte durch das Zimmer, bis er auf einen der großen Koffer landete. »Ja, ich würde gerne aus den unbequemen Klamotten raus und mich ein bisschen hinlegen.« Er rührte sich nicht, sondern sah mich nur an, während seine Wangen langsam roter wurden. »Kann ich …?«

Ich kräuselte die Stirn. »Klar doch«, erwiderte ich und fragte mich, warum er so verschämt reagierte.

In gemessenen Schritten ging er zu seinem Koffer und öffnete ihn. Er holte ein verwaschenes T-Shirt und eine Jogginghose heraus, die so gar nicht zu seinem eleganten Aussehen passen wollten. Er trat von einem Fuß auf den anderen. »Wo ist das Badezimmer?«

Ich deutete auf die Tür links neben meinem Schreibtisch.

Hastig verschwand er in dem Zimmer. Hinter der verschlossenen Tür hörte ich das Rascheln seiner Kleider. War es ihm unangenehm, sich vor mir umzuziehen?

Es war nicht so lange her, dass ich selbst fünfzehn gewesen war, und doch hatte ich vergessen, dass das ein Alter war, in dem einem alles unangenehm und peinlich war. Dabei war ich selbst viel schlimmer gewesen und selbst heute war mir nicht ganz wohl bei dem Gedanken, mich vor ihm auszuziehen. Wobei das andere Gründe hatte als reine Scheu. Die Umkleiden in der Schule hatte ich in keiner guten Erinnerung behalten. Ich schüttelte über mich selbst den Kopf und setzte mich an meinen Schreibtisch.

Wenig später kam Orville aus dem Bad zurück, weit weniger gestriegelt als zuvor. »Du hast ja gewartet.«

Ich hob die Schulter. »Ich wollte noch fragen, ob ich dich zum Abendessen wecken soll.«

Bei der Erwähnung des Essens grummelte sein Magen leicht und ein Lächeln huschte über seine Lippen. »Das wäre nicht schlecht.«

Er sah mich kaum an, als er an mir vorbei huschte und unter die leichte Decke schlüpfte, die Hattie auf der Schlafcouch ausgebreitet hat. »Gute Nacht«, murmelte er und kicherte dann.

Einen Moment betrachtete ich ihn, unschlüssig, was ich denken sollte. Auf der einen Seite wirkt er so selbstbewusst, mit seiner scharfen Zunge fast schon arrogant, aber dann hatte er wieder diese Momente, in denen seine Unsicherheit durchschien.

War es tatsächlich nur das Alter? Oder lag noch mehr dahinter?

Kapitel 2

Ich weckte Orville mit einer guten und einer schlechten Nachricht. »Welche willst du zuerst hören?«

»Die Schlechte.«

Das hatte ich erwartet. Ich wollte das Schlechte auch immer zuerst hinter mich bringen. »Meine Eltern werden heute nicht beim Abendessen dabei sein.«

Orville kräuselte die Stirn, als verstände er nicht, was daran die schlechte Nachricht war. Das konnte ich zu gut verstehen.

»Du wirst sie also heute nicht kennen lernen, sondern erst morgen früh beim Frühstück.«

Er nickte. Er fragte nicht nach, warum sie ihren Hausgast nicht direkt am ersten Tag kennenlernen würden, und ich erklärte es ihm nicht weiter. Dafür war ich immer noch zu wütend und verletzt, gleich wie abgestumpft ich nach all den Jahren sein sollte. Aber es schmerzte einfach, Lukes enttäuschtes Gesicht wieder und wieder zu sehen, wenn er, der noch voller Hoffnung war, erkannte, dass wir unseren Eltern nicht wichtig genug waren. Ich hatte gelernt, das Gift herunterzuschlucken, das sich dann in meinem Mund sammelte.

Orville würde ohnehin merken, dass es häufig so ablief. Irgendjemand hatte eine Dinnerparty, die wichtiger war, als den Abend mit den Kindern zu verbringen.

»Und was ist die gute Nachricht?«

»Dass wir heute nichts Gesundes essen werden, sondern Pizza.« Ich grinste ihn an und es kribbelte in meinem Magen, als er zurück lächelte. Dieses Strahlen, das in seine Augen trat, das schelmische Grinsen, ließen wohlig warme Schauer durch meinen Körper jagen.

»Na, dann hoffe ich doch, dass ihr hier zumindest Pizza hinbekommt.«

So, wie Orville sich den Bauch vollschlug, hatten wir die Pizza sehr gut hinbekommen. Aber für mich bestand da von Anfang an kein Zweifel, da Hattie eine ausgezeichnete Köchin war.

»Was willst du in Derbyshire sehen?«, fragte ich ihn in einem Versuch, ein aufmerksamer Gastgeber zu sein. »Hier in der Gegend ist zwar nicht so viel, aber Edward, unser Chauffeur, kann uns überall hinfahren, wo du hinfahren willst.«

Orville hielt beim Essen inne und sah mich einen Moment lang an. »Wenn ich ehrlich bin, habe ich keine Lust auf Touristenkram und darauf, viel herumzufahren.« Er zuckte mit den Achseln. »Es würde mich freuen, wenn du mir einen Ort zeigen würdest, der dir etwas Besonderes bedeutet. Einen Ort, den die Menschen lieben, die hier leben, und der nicht nur dazu dient, Touristen anzulocken. Irgendein Ort, an dem du besondere Erinnerung erschaffen hast. Ein Ort, der mit Gefühlen aufgeladen ist.« Wieder legte sich dieser rosa Schimmer über seine Wange, den ich nicht einordnen konnte. »Wenn ich dich um so etwas bitten darf.«

»Da muss ich mir Gedanken machen«, platzte ich hervor, da ich einen solchen Ort nicht besaß. Zumindest fiel mir auf Anhieb nichts ein, was ich besonders gefunden hätte an Derbyshire. Ich verließ Manderley Manor und unsere Ländereien nur, wenn ich es musste. Wenn meine Eltern mich abends auf Vernissagen mitschleppten oder zu Geschäftsessen oder zu irgendwelchen anderen Anlässen, bei denen man mich herumzeigen konnte. Ansonsten verbrachte ich meine Zeit in der Bibliothek oder wanderte über die flachen Hügel. Ich war schon immer ein Langweiler, aber das musste ich Orville jetzt nicht auf die Nase binden. »Lass mir bis morgen Zeit, dann finde ich schon etwas Schönes, was wir uns ansehen können.«

Orville schüttelte den Kopf. »Es ist nicht die Art Ort, die ich sehen will, wenn du dir da Gedanken machen musst.« Er wandte sich Luke zu, der bisher still gegessen hatte. Etwas, was untypisch für meinen kleinen Bruder war, aber ich schätzte, dass der neue Besuch ihn ein bisschen einschüchterte. Fremden gegenüber war er häufig zu Anfang reserviert. »Hast du vielleicht so einen besonderen Ort?«

Fast erschrocken sah Luke auf. Er blinzelte hastig. »Da ist dieser Spielplatz im nächsten Dorf.« Sein Gesicht wurde feuerrot. »Aber da dürfen nur Kinder bis vierzehn Jahre drauf spielen.«

Orville lachte. Dann sah er zu mir. »Ich schaffe es vielleicht, noch als vierzehn durchzugehen, aber bei deinem Bruder wird es problematisch.«

Luke stieß ein leises Lachen aus. »Er würde da auch keinen Spaß haben, da muss man ja klettern und spielen. Das tut er nicht gerne. Er liest lieber. Ich sehe ihn immer nur mit seinen Büchern.«

Immer nur mit seinen Büchern – da klang er

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Tag der Veröffentlichung: 18.08.2019
ISBN: 978-3-7487-1311-1

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