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Leseprobe

Die Magie des Königs | Dahlia von Dohlenburg

 

Prolog

Das Vögelchen lag am Boden, den Schnabel aufgerissen, die dünnen Beinchen von sich gestreckt. Seine Flügel waren gebrochen. Zwischen den Federn hindurch schimmerte das frische Blut rot.

Vorsichtig hob Korai es hoch. Es lag zitternd in seinen Händen, das winzige Herz raste.

»Was tust du da?« Mit hochgezogenen Augenbrauen blickte seine Schwester auf ihn herab.

Kriswyn war schon so viel älter als er, fast erwachsen, sie würde wissen, was zu tun war.

Er streckte ihr die Hände entgegen. »Das Vögelchen. Es lag da am Boden.«

Angewidert verzog Kriswyn das Gesicht, schüttelte den Kopf. »Es wird sterben. Leg es wieder hin.«

Sterben? Aber er spürte doch noch die Wärme und das Pochen des Herzens. Es lebte.

Heftig schüttelte Korai den Kopf. »Nein.«

Sie seufzte und streckte die Hand nach ihm aus. »Komm.«

Er wich vor ihr zurück, schloss die Finger vorsichtig um das Vögelchen, zog es an seine Brust. Jetzt spürte er sein eigenes Herz rasen. »Das kann ich nicht. Das Vögelchen darf nicht sterben. Vögel müssen fliegen und frei sein!«

Kriswyn verdrehte die Augen und packte ihn an der Schulter. »Du bist schon fast sechs, also stell dich nicht so an. So ist nun mal der Lauf der Zeit!«

»Nein.« Jetzt schrie er fast und seine Stimme war schrill. Etwas in ihm veränderte sich. Warm pulsierte es in seiner Brust. Das Gefühl breitete sich in seinem Körper aus, floss die Arme hinab bis zu den Fingerspitzen. Es prickelte auf seinen Handflächen.

Ein Fiepen. Das Vögelchen hackte ihm in die Hand, trat mit den Beinchen um sich. Er öffnete die Hände wieder und jetzt saß es dort in seiner Handfläche. Etwas zerzaust, aber keine Spur mehr von Blut. Es krächzte ihn einmal an – es klang entrüstet – und flog fort. Korai lachte auf. »Ich habe es dir doch gesagt. Das Vögelchen muss fliegen!«

Er fühlte sich leicht an, glücklich, aber auch ein bisschen matt, als die Erleichterung durch seinen Körper flutete.

Als er jedoch zu Kriswyn blickte, sah sie nicht erleichtert aus, nicht glücklich. Ihre Augen waren schreckgeweitet, sie hatte die Hände vor das Gesicht geschlagen und war einen Schritt vor ihm zurückgewichen.

In dem Moment fühlte es sich an, als würde eine eisige Hand nach ihm greifen, ihn zu Boden ziehen. »Was ist, Krissi?«

Sie sank vor ihm auf die Knie, schüttelte den Kopf und schlang die Arme um seine Schultern. »Sag das niemandem, hörst du? Niemandem, nicht einmal Mutter. Nein, besonders nicht Mutter. Niemals nie. Verstanden?«

Er verstand nicht, was gerade passiert war und sie so geängstigt hatte. Er verstand nicht, warum Mutter nicht davon erfahren durfte und er nickte zögernd. »Niemals nie.«

Doch lange blieb es nicht ihr Geheimnis.

 

Sein Geburtstag lag ein paar Tage zurück, als Fremde auf ihren Hof kamen.

Zusammen mit Kriswyn saß er auf der Alm, betrachtete die Bergziegen, die in aller Ruhe das saftige Gras auszupften. Der Sommer hatte sich dem Ende zugeneigt, in den Tälern würde bald die Regenzeit beginnen, aber noch hielten die Bergwipfel in ihrem Rücken die Wolken von ihrem Hof fern. Nur die Luft war schon schwüler geworden.

Seine Kleider klebten schweißnass an seiner Haut, Kriswyn wedelte sich mit einer Hand Luft zu.

Von einem Moment auf den nächsten fröstelte ihm und Kriswyn zuckte zusammen, rieb sich über die nackten Oberarme. Ein Wagen zog an der Alm vorbei, von großen prächtigen Tieren gezogen, die Korai noch nie gesehen hatte.

Waren das die Pferde, die manchmal in den Geschichten vorkamen, die Kriswyn ihm vorlas? Er hatte noch nie ein Pferd gesehen, aber außer ihren Ochsen Fleck kannte Korai keine anderen Tiere, die Wagen zogen.

Zwei Frauen saßen auf dem Kutschbock. Aus einem kleinen Fenster im Wagen lugte der dunkle Haarschopf eines Jungen mit schwarzen Murmelaugen hervor, der in Korais Alter sein musste. Korai winkte ihm hektisch. Er sah hier oben nur sehr selten andere Kinder. Noch seltener welche in seinem Alter.

Der Junge starrte ihn mit unbewegter Miene an, während der Wagen an ihnen vorbei Richtung Hof weiterfuhr.

Neben ihm schnappte Kriswyn nach Luft und griff nach seiner Hand. »Die Thien Sathar«, murmelte sie. Worte, die ihm nichts sagten. »Dass sie bis hierher kommen …« Beschwörend sah sie ihn an, mit einem Ausdruck viel zu ernst für ihr Gesicht, das sonst immer lachte.

Wieder fühlte er sich, als würde eine eisige Hand nach ihm greifen. »Was ist?«, quiekte er.

»Erinnerst du dich an unser Geheimnis?« Sie leckte sich hektisch über die Lippen. »Eine von ihnen wird kommen, dich ansehen. Sie dürfen es nicht merken. Was auch immer du da gemacht hast.«

»Aber … aber … ich weiß nicht, wie.«

Sie drückte ihn an ihre Brust. Ihr Herz raste. »Sie dürfen es nicht merken, unter keinen Umständen, verstehst du?«

Er verstand nicht und Tränen brannten in seinen Augen. Was stimmte hier nicht? Was stimmte mit ihm nicht?

Mutter rief nach ihnen und sie klang ängstlich. Vater stand reglos neben ihr; sein Gesicht hatte die Farbe von saurer Milch angenommen.

Korai konnte sich nicht rühren. Ein leises Schluchzen drang ihm über die Lippen. Beruhigend strich Kriswyn ihm über das Haar, hob ihn hoch in ihre Arme. Er war inzwischen so schwer, dass sie unter seinem Gewicht ächzte und schwankte. »Alles wird gut. Alles wird gut.« Ihre zittrige Stimme strafte ihre Worte Lügen.

Sie trug ihn zur Veranda.

Der Wagen hatte ein Stück den Hang hinab gehalten und eine weiß gekleidete Frau stakste den Weg zu ihnen hinauf. Sie hielt einen silbernen Stab umklammert wie einen Wanderstock. Dafür sah er viel zu edel aus. Mehr wie ein Zauberstab aus den Geschichten, die Kriswyn ihm vorgelesen hatte. In den Stab waren Steine in allen Farben des Regenbogens eingelassen, die glitzerten, wenn das Sonnenlicht auf sie traf.

Die Haut der Frau schimmerte wie ein Metall, dessen Namen Korai vergessen hatte. Branze? Mutter sagte oft, dass Kriswyns Haut so aussah, wenn sie viel Zeit draußen verbracht hatte. Doch die Haut der Frau war noch eine Schattierung dunkler. Auf gewisse Weise glich sie Kriswyn und Mutter: das schwarze Haar, die dunkelbraunen Augen.

Ansonsten jedoch war sie ganz anders, irgendwie sonderbar. Etwas an ihr fehlte und es dauerte einen Moment, ehe Korai es zuordnen konnte: Die Augen der Frau strahlten nicht so warm wie Mutters. Nein, sie strahlten überhaupt nicht, sondern schimmerten eisig kalt. Als ihr Blick Korai traf, fröstelte er und ein paar Tropfen Pipi liefen ihm warm an den Schenkeln hinunter.

»Du brauchst keine Angst zu haben, junger Mann«, sagte sie und lächelte. Ein bemüht freundliches, doch schneidendes Lächeln, das die Furcht in ihm nur anschwellen ließ. Sie wandte den Blick von ihm ab, sah jetzt Mutter an und sprach, als wäre Korai gar nicht da.

Bei jedem ihrer Worte bohrten sich Kriswyns Finger tiefer in seine Schultern, bis ein paar seiner Tränen nicht mehr nur der Angst geschuldet waren.

»Euer Sohn hat das rechte Alter erreicht. Heute soll sein Tag der Ernte sein und ich werde prüfen, ob Euer Sohn …«

»Hört auf mit dem leeren Geschwätz.« Mutters Stimme war beißend, wie Korai sie nicht kannte. »Wir wissen doch beide, dass die Schule der Reinigung nur ein Vorwand ist, Kinder loszuwerden, die Ihr in Eurer Welt nicht haben wollt.«

Die Frau machte einen Schritt vor, öffnete den Mund, aber Mutter hob abwehrend die Hand.

»Ja, einer von ihnen wird die Prinzessin heiraten. Doch was ist mit den Hunderten, Tausenden, denen diese Ehre nicht zuteilwird.« Sie schob ihren Unterkiefer vor. »Nein, meinen Sohn rührt Ihr nicht an.«

Die Frau schwieg einen langen Augenblick, in der ihr Gesicht ausdruckslos blieb. »Sprecht Ihr so, weil Ihr etwas zu verbergen habt? Nein? Dann habt Ihr mit großer Wahrscheinlichkeit nichts zu befürchten. Nur die wenigsten sind gezeichnet.« Sie lächelte wieder. »Ich werde nicht gehen, ohne Euren Sohn geprüft zu haben. Notfalls mit Gewalt. Das wisst Ihr, nicht wahr?« Jetzt lag ihr Blick nicht mehr auf Mutter, sondern auf Kriswyn.

Korai lehnte sich zurück, drückte sich gegen die Beine seiner Schwester und spürte, wie sie zitterten.

Mutter ließ die Schultern sinken und ihr Kopf sackte nach vorne. Sie stieß einen langen Seufzer aus. »Ihr habt mich geschlagen.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust und wandte Korai den Rücken zu. Ihre Schultern bebten. »Tut, wozu Ihr hierhergekommen seid.«

Die Frau wandte sich Korai zu, blickte ihn jedoch noch immer nicht an. »Geh, Mädchen.«

Einen kurzen Moment gruben sich Kriswyns Fingernägel noch in seine Schultern, dann ließ sie ihn zurück und er fröstelte wieder.

Kalt. Als wäre er in einer Lawine eingeschlossen.

Die Frau kniete sich jetzt vor ihn, blickte ihm starr in die Augen. »Es wird nicht wehtun. Hab keine Angst«, flüsterte sie so leise, dass nur Korai sie hören konnte.

Aber ihre Worte konnten das Monster in seinem Magen nicht mehr niederkämpfen.

»Schließ die Augen.« Sie legte ihm die Hände auf die Schultern. Ihre Kälte vertrieb die letzten Spuren der Wärme, die Kriswyn darauf hinterlassen hatte.

Er presste die Augen zusammen. Er wollte sie nicht ansehen, doch die Dunkelheit hinter seinen Lidern machte ihm jetzt noch mehr Angst. Als wäre er gefangen an einem Ort, an den kein Licht gelangte. In seiner Verzweiflung versuchte er in sich eine Zuflucht zu finden. Einen Ort, der hell und warm war.

Er wollte es nicht, aber seine Gedanken wanderten zurück zu dem Vögelchen von damals. Zu dem kleinen Eichhörnchen, das der Hütehund gerissen hatte. Zu der Ziege, die gestürzt und ihr Bein gebrochen hatte. Sie wanderten zu der pulsierenden Wärme in seinem Inneren, als würden sie an diesen heimeligen Ort vor ihrer Kälte fliehen.

Sie ließ ihn los.

Er wagte es nicht, die Augen wieder zu öffnen.

Er hatte kein Wort darüber verloren, niemals nie. Dennoch wusste er, dass er gerade sein Geheimnis an sie verraten hatte.

»Euer Sohn ist auserwählt.«

Mutter schrie.

Korai rührte sich nicht, konnte es nicht.

»Kriswyn!«, schrie Mutter, »Bring ihn fort! Beschütze ihn.«

Jemand packte ihn. Der warme Geruch seiner Schwester. Sie hob ihn hoch in ihre Arme und lief.

Er öffnete die Augen und blickte über ihre Schulter zurück. Mutter hielt eine Mistgabel, stieß mit ihr nach der Fremden. Ohne Mühe wich diese dem Hieb aus; ihre Lippen bewegten sich, aber Korai konnte nichts verstehen. Mutter schüttelte den Kopf, hob die Mistgabel wieder an.

Ein helles Licht zuckte auf, Mutter schrie und Korai wurde herumgerissen, als Kriswyn hinter ihnen die Tür ihres Hauses zuschlug.

Einen Moment setzte Kriswyn ihn am Boden ab, lehnte sich mit dem Rücken gegen die Tür. Die dunklen Locken hingen ihr wirr ins Gesicht, sie rieb sich mit den Handballen über die Augen. Ihre Brust hob und senkte sich hektisch, während ihr Blick über das Zimmer huschte. Sie hob Korai in ihre Arme, rannte in das Nebenzimmer, wo Vater und Mutter für gewöhnlich schliefen.

Am Fuß des Bettes stand die große Kleidertruhe. Sie hob den Deckel an, setzte Korai zwischen die Kleider und kletterte ihm nach.

Mit einem leisen Klacken schloss sie den Deckel und schwarze Dunkelheit umhüllte sie.

Kriswyn tastete nach ihm und er krabbelte ihr in den warmen Schoß. »Wir müssen jetzt ganz ruhig sein«, flüsterte sie.

Er presste die Lippen aufeinander und nickte, drückte seinen Kopf gegen ihre Brust. Das Pochen ihres Herzens dröhnte in seinen Ohren. Er grub die Finger in den Stoff ihrer Weste, lauschte und hielt – genau wie sie – den Atem an.

Die Haustür knarrte. Schritte auf dem Lehmboden. »Kommt raus. Macht es nicht noch schlimmer.«

Die kalte Stimme ließ Korai frösteln und er kuschelte sich näher an Kriswyn. Ein leises Schluchzen purzelte ihm über die Lippen.

Die Schritte entfernten sich, kamen wieder näher, hielten neben ihnen an.

Er schloss die Augen, presste die Hände auf seine Ohren, wünschte sie mit aller Kraft fort, doch vergeblich.

Knarrend öffnete sich die Kleidertruhe und rötliches Licht blendete ihn. Eisige Finger griffen nach ihm, zogen ihn aus Kriswyns Armen. »Es ist zwecklos, Kinder.«

Die Fremde hob ihn in ihre Arme, sein Körper wurde schlaff, als würde alle Kraft, aller Mut aus ihm herausgesogen. Er blickte über ihre Schulter in Kriswyns schreckgeweiteten Augen, das verheulte Gesicht.

Etwas funkelte in ihren Augen, sie schob den Unterkiefer vor, presste die Lippen aufeinander. Wie ein verwundetes Tier legte sie alles in diesen letzten Angriff. Sie sprang aus der Truhe, stolperte ein paar Schritte unsicher vorwärts, fand Halt und mit all der Kraft, die ihrem zwölfjährigen Körper innewohnte, warf sie sich gegen die Frau.

Die Frau kam nicht einmal ins Wanken. Mit einer leichten Handbewegung schleuderte sie Kriswyn quer durch die Stube, bis sie gegen den Herd schlug und mit einem Stöhnen herabsank. Sie warf Kriswyn einen mitleidigen Blick zu, schüttelte den Kopf, wandte sich wieder der Tür zu. »Dummes Kind. Gib auf.«

Doch das tat sie nicht. Kriswyn griff nach dem Küchenmesser, mit dem Mutter an diesem Morgen den Schinken geschnitten hatte. Mit einem gellenden Schrei stürzte sie vorwärts.

Die Frau seufzte. »Du hättest hören sollen.« Auf dem Absatz drehte sie um, schwenkte leicht die linke Hand und weißes Licht füllte den Raum.

Kriswyns Schrei erstarb, wurde zu einem Schluchzen.

Die Luft roch plötzlich salzig und schwer.

Korai blinzelte einige Male, bis er wieder sehen konnte. Nicht weit von ihm stand Kriswyn, presste eine Hand auf ihren Bauch, wo sich der Stoff ihrer Weste blutig rot färbte. Die andere Hand streckte sie nach ihm aus.

Er wand sich in den Armen der Frau. Das warme Licht. Jetzt brauchte er es. Jetzt musste er es finden und Kriswyn geben. Er kämpfte einen Arm frei, konzentrierte all die Wärme, die er in seinem Inneren trug und streckte ihr die Hand entgegen.

Einen winzigen Augenblick berührten sich ihre Fingerspitzen, es prickelte unter der Haut, er spürte, wie die Wärme in sie hineinfloss.

Dann riss die Frau ihn weiter.

Das Leuchten verschwand aus Kriswyns Augen, als würden sich Wolken über die Sonne schieben. Sie fiel zurück und lag am Boden.

Wie ein zerbrochener Vogel in ihrem eigenen Blut.

Kriswyn

 

Der zahme Vogel hat die Freiheit vergessen, doch wenn die Tür sich ihm öffnet, kehrt die Erinnerung zurück. Und kann nie wieder verloren gehen. Gleich wie verlockend, verführerisch behaglich das Gefängnis ist.

 

Die Nachwehen eines Liedes lagen in der stickigen Luft, als das Vibrieren der Leier verklang und die Würfel fielen. Stille legte sich über das Gasthaus. Langsam, dann schneller schwoll die Stille zu einem Aufseufzen an.

Mit einem breiten Grinsen strich Kriswyn ihren Gewinn ein. »Tut mir leid, Jungs, mich schlagt ihr nicht so einfach.«

Yorik packte sie von hinten, zog sie hoch, drehte sie um und drückte sie mit dem Rücken an die Wand. Seine Lippen pressten sich auf ihre und sie spürte seinen heißen Atem auf ihrer Haut, als er sich langsam zurücklehnte und über ihre Wange strich. Er lehnte sich vor, an ihr Ohr.

Sie gluckste und wickelte eine seiner langen, dunklen Filzlocken um ihren Finger.

»Siehst du den Mann dort hinten, in der Ecke, der sein Gesicht unter seiner Kapuze verbirgt?«, raunte er ihr zu.

Sie blickte über den gefüllten Schankraum, entdeckte den Mann und nickte kaum merklich. Heftig riss sie Yorik an den Schultern herum, drückte ihre Lippen an sein Ohr, während die Männer hinter ihnen johlten. »Ich kümmre mich um ihn, lenk‘ du die anderen ab«, flüsterte sie, löste sich aus der Umarmung, lachte laut auf und schob sich zwischen einigen Männern hindurch.

Yorik nahm seine Leier, zupfte die Saiten ein paar Mal und stimmte ein Lied an, in das bald alle anderen einfielen.

Kriswyn war für sie vergessen.

Neugierig beäugte sie den vermummten Mann. An seinem Kragen steckte eine Brosche aus Bronze, die das Antlitz eines neckisch grinsenden Fuchses zeigte. Das Erkennungszeichen.

Er wirkte etwas unheimlich, wie er selbst seine Hände mit dicken Lederhandschuhen verbarg, aber wer von Valdaverris die Brosche erhielt, dem konnte man vertrauen.

Ungezwungen ließ sie sich auf den Stuhl ihm gegenüber sinken und grinste. »Darf ich mich zu Euch setzen?«

Der Mann stieß ein kurzes Lachen aus, lehnte sich ein Stück vor. »Das habt Ihr doch schon! Was ich zu besprechen habe, ist äußerst vertraulich.« Er nickte in Richtung Treppe. »Ich habe ein Zimmer oben.«

Sie zog einen Schmollmund, stand auf und nahm seine Hand. »Ihr lasst nichts anbrennen.«

Während sie die Treppe hinaufstieg, warf sie Yorik noch einen Blick über die Schulter zu. Wenn sie nach drei Liedern noch nicht zurück wäre, würde er ihnen nach oben folgen. Und der Mann hätte ein Messer in seinem Rücken – sollte er sich nicht als ein äußerst langsamer Redner entpuppen.

Er führte sie in das größte Zimmer des Gasthauses, das Richtung Westen ging und zwei große Glasfenster besaß, durch die das fahle Licht der schmalen Mondsichel fiel. Der Mann entzündete keine Kerze und schob sich in eine schattige Ecke, ohne die Kapuze abzustreifen.

Als die Tür ins Schloss fiel, nahm der Mann die Brosche und reichte sie Kriswyn.

Abwehrend hob sie die Hände. »Nicht so hastig. Da ich Euer Gesicht nicht kenne und wohl nicht kennenlernen werde, wird es das Beste sein, wenn Ihr die Brosche behaltet, bis wir zu einer Übereinkunft gekommen sind.« Sie setzte sich rittlings auf einen Stuhl und musterte ihn mit einem breiten Grinsen auf den Lippen. »Dass Ihr so vorsichtig mit Eurer Identität seid, macht mir doch leichte Sorgen.«

»Tut es das? Bei Eurer Arbeit würde ich doch eher erwarten, dass Ihr für alle Verschwiegenheit dankbar seid.«

»Oh, das bin ich. Nur meine gewöhnliche Klientel zeigt nicht so viel Professionalität wie Ihr.«

Er lachte und ein bisschen klang es wie ein Schnurren, das in seinem Bauch vibrierte. »Ihr habt mich ertappt. Für gewöhnlich würde ich mir nicht die Mühe machen, jemand anderem diese Aufgabe zu übertragen.«

»Dieses Mal ist es nicht gewöhnlich?«

Er nickte. »Ich möchte, dass Ihr mir etwas aus dem Palast des Prinzen stehlt.«

Es folgte ein langes Schweigen, das Kriswyn schließlich mit einem gellenden Lachen durchbrach. »Der war gut. Nein, was soll ich wirklich stehlen?«

»Es tut mir leid, ich scherze nicht. Ich will, dass Ihr mir ein Buch aus seiner Bibliothek besorgt. Ihr werdet fürstlich dafür entlohnt.«

Er warf ihr einen Beutel zu, dessen Gewicht ihr die Arme herab riss, als sie ihn auffing. Ungläubig öffnete sie ihn. Goldstücke. Mehr als sie in den letzten Jahren zusammengespart hatte. Genug, dass sie mit Yorik dieses vermaledeite Land verlassen und die Meere bereisen konnte. Aber in einen Palast einbrechen … das war unmöglich.

Als der Fremde ihr Zögern bemerkte, hob er einen zweiten Beutel an. »Noch einmal so viel, wenn ich das Buch erhalte.«

Kriswyn leckte sich über die Lippen. Atmete tief ein und aus. Sie gab ihm das Gold zurück. »Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie gerne ich diesen Auftrag annehmen würde.« Sie sah sich schon mit Yorik auf dem Deck eines Schiffes, roch das Salz, sah die hohen Eisberge vor sich, die am Ende der Welt hoch in den Himmel wuchsen. Ein Anblick, von dem sie als Kind geträumt hatte, seit sie die Geschichten gehört hatte. Dennoch schüttelte sie entschieden den Kopf. »Was Ihr von mir verlangt ist unmöglich. Niemand kann in den Palast einbrechen.« Der Mann konnte nicht aus Adamantion kommen, wenn er das nicht wusste – dabei musste es doch beim ersten Blick auf die Stadt offensichtlich sein!

Sie grübelte, ob sie es ihm erklären sollte. Vielleicht hatte er sich mehr von ihren Fähigkeiten erhofft. Vielleicht war er naiv genug zu glauben, sie könnte Wunder vollbringen. Doch es gab einfach Dinge, die unmöglich waren. Viel zu viele Dinge. Selbst für sie. Sie setzte an, zu erklären, als er die Hand hob.

»Ich weiß, was Ihr mir sagen wollt«, sagte er belustigt. Er holte tief Luft, legte die Hand auf die Brust und fuhr mit einem theatralischen Tonfall fort. »Adamantion ist die prachtvolle Hauptstadt des mächtigen Königinnenreiches Amere. Eine Stadt, in der die Standesunterschiede so unübersehbar sind wie wohl an keinem anderen Ort der Welt. Der königliche Palast ist hoch erhoben auf einer Insel errichtet, die auf einem Wasserfall thront. An den Seiten prasselt das Wasser malerisch hinab in einen See. So klar, dass man bis zum steinernen Grund sehen kann. Von dort aus schlängelt sich der Ves’qua, der Fluss des Lichts, durch die Stadt bis zum Meer. An sein Ufer schmiegen sich die Viertel der Bauern und Händler, der Metzger, Bäcker und Handwerker, und auch das Viertel der Erinnerten. Doch oben, erhoben über ihnen liegen zur Rechten des Palastes das Tempelviertel, zur Linken das Adelsviertel, in dem sich die Stadtpaläste des Landadels und der Königinnenfamilie befinden.« Er machte eine kurze Pause. »Ihr hört, ich habe den Stadtführer gelesen. Zudem bin ich durchaus nicht blind.«

»Dann müsst Ihr meine Bedenken doch verstehen. Falls es nicht im Reiseführer steht: Es ist nicht nur die schiere Höhe, die zwischen mir und dem Inneren des Palastes steht.« Sie dachte über alles noch einmal gründlich nach, dass sie kein Schlupfloch vergessen hatte. Allein die Höhe zu überwinden war schwierig – zwar führten Wege innerhalb der Stadt hinauf. Treppen, die in den Stein geschlagen waren oder Lastenaufzüge. Jedoch waren diese bewacht und ohne Passierschein gelangte niemand nach oben. Natürlich könnte sie außerhalb der Stadt die Klippe überwinden. Aber in dem Fall würde die Stadtmauer und mit ihr die Lichtkuppel zwischen ihr und der Stadt stehen.

Die Lichtkuppel konnte nichts lebend durchdringen. Sie erinnerte sich, wie sie einmal einen unbedarften Vogel betrachtet hatte, der von außen gegen die Kuppel geflogen war. Es hatte kurz bläulich aufgeleuchtet, dann war an der Seite der Kuppel etwas Schwarzes, Verkohltes heruntergekullert, das kaum mehr an etwas erinnerte, das einmal lebendig gewesen war. Selbst wenn sie es irgendwie in das Adelsviertel schaffen sollte, stand dort eine weitere Lichtkuppel zwischen ihr und dem Inneren des Palastes.

Sie erklärte diese Umstände in ruhigen Worten ihrem Gegenüber, der gleichmütig dasaß, als hätte er auch das die ganze Zeit gewusst und es würde ihn nicht kümmern. »Es gibt keinen Weg. Ich kenne nur wenige Gefahren, die ich nicht überwinden kann – aber der Dornenpalast! Niemanden werdet Ihr finden, der selbstmörderisch genug ist, es zu wagen.«

»Es hat also noch nie jemand geschafft, etwas aus einem der Paläste zu stehlen?«

Sie schüttelte den Kopf. »Oder überhaupt aus dem Viertel. Auch wenn das zumindest einige schon versucht haben. Ihre Überreste fraßen die Geier auf dem Richtplatz.«

»Was, wenn ich Euch einen Weg zeigen könnte, wie Ihr nicht nur unentdeckt in das Adelsviertel gelangt, sondern auch hinein und hinaus aus dem Dornenpalast?«

Kriswyn blinzelte. Hatte sie gerade richtig gehört? Wie sollte er so einen Weg kennen? Und warum wollte er diese Unternehmung nicht selbst wagen, wenn sie doch so gefahrlos war?

Aber wenn er die Wahrheit sprach, würde er ihr und Yorik eine Möglichkeit bieten, unvorstellbare Mengen an Reichtümern anzuhäufen. Genug, dass sie nie wieder arbeiten mussten und den Rest ihres Lebens durch die Welt reisen und ihre Freiheit genießen könnten.

Das klang zu perfekt und gleichzeitig zu verführerisch, es nicht wenigstens zu erwägen.

Sie schluckte die Bedenken herunter, hob den Kopf und blickte ihr Gegenüber forschend an. »Ihr spielt nicht nur mit mir?«

Der Mann schüttelte den Kopf und reichte ihr zwei Pergamentrollen, zusammen mit dem Beutel Gold. »Seht sie Euch an und überlegt, ob Ihr es wagen wollt.« Er zog einen Zettel aus seiner Brusttasche und reichte ihn ihr. »Das hier ist der Titel des Buches. Es ist wertvoll und alt, daher denke ich, dass Prinz Cassian es an einem Ort in seiner Bibliothek aufbewahren wird, wo es von jedem gesehen werden kann.« Er stand auf und zog sich die Kapuze tiefer ins Gesicht. »Ich werde übermorgen Nacht hier auf Euch warten. Ich vertraue auf Euch.«

Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, blickte Kriswyn auf das Gold in ihrer Hand und auf die Karten, die ihr den Weg zu noch größerem Reichtum versprachen. Sollte sie das Abenteuer wagen?

Sie saß noch grübelnd auf dem Stuhl, als Yorik zu ihr trat und sie an der Hand nahm. Er blickte besorgt auf sie herab, doch sie konnte nur den Kopf schütteln. »Ich glaube, ich habe den Weg in unsere Freiheit gefunden.«

 

Yorik starrte auf die Goldmünze in seiner Hand, hielt sie gegen das Licht, biss hinein und verzog schmerzerfüllt das Gesicht. »Die ist echt.«

»Hab ich dir doch gesagt!« Sie saßen auf Kriswyns Bett, die Morgensonne schien durch das Dachfenster hinein. Kriswyn wiegte den Beutel in ihrem Schoß hin und her. »Noch einmal so viel und wir haben ausgesorgt. Wenn wir dann noch ein paar der Villen erleichtern!«

Yorik legte den Arm um sie, schüttelte den Kopf. »Ich denk nicht, dass das eine gute Idee ist. Was, wenn die Karte falsch ist, wenn sie dich in eine Falle führt?«

»Warum sollte man eine solche Falle stellen? Außerdem hat Valdaverris dem Kerl sicher nicht ohne Grund unsere Brosche gegeben.«

Yorik riss die Arme hoch. »Sie ist eine alte Frau, die im Bettlerviertel an der Straßenecke sitzt, Menschen aus ihrem Blut das Schicksal liest und nicht einmal mehr genau weiß, welches Jahr wir schreiben. Ich weiß, du vertraust ihr und sie hat eine gute Menschenkenntnis. Aber das ist einfach zu gefährlich.«

»Valdaverris ist eine weise Frau und, ja, ich vertraue ihr. Sie hätte einem vermummten Mann nichts von uns erzählt, wenn sie keinen Grund gehabt hätte, ihn vertrauenswürdig zu finden. Sie hat uns all die Jahre nicht enttäuscht.«

»Gut, dann ist er vertrauenswürdig, aber muss es denn wirklich sein?« Er nahm ihr den Beutel Gold weg. »Das ist mehr als genug für einen Neuanfang – lass es uns einfach nehmen und verschwinden. Soll er sich jemand anderes suchen.«

Er klang beinahe flehentlich und sie schmunzelte. Gleich wie sehr er es versuchte, er würde ihr das nicht ausreden können.

Es ging ihr längst nicht nur um das Gold. Sie wollte die Erste sein, die dieses Abenteuer wagte. Die Erste, die sich durch geheime Gänge schlich, die Gefahr im Nacken. Was jedoch wichtiger war: Endlich wollte sie sich an denen bereichern, die ihr so viel weggenommen hatten. Ihnen das Gefühl geben, dass sie in ihrem Heim genauso wenig sicher waren, wie die Menschen auf die sie herabblickten.

Das würde er nicht verstehen. Dann musste es die halbe Wahrheit tun. »Ich habe zugesagt und besitze genug Ehrgefühl, dass ich ihn nicht um seinen Vorschuss erleichtere, ohne zu liefern. Was, wenn wir irgendwann hierher zurückkehren? Dann wäre unser Ruf ordentlich ruiniert.«

Er zögerte einen Moment – seine Diebesehre war sein wunder Punkt –, doch dann schüttelte er den Kopf. »In dem Fall bauen wir uns einen neuen auf. Von denen weiß doch außer Valdaverris niemand, wer wir wirklich sind.«

»Bist du wirklich so naiv, das zu glauben? Ich bin mir fast sicher, dass Tante Esme und Mishai nur so tun, als wüssten sie es nicht.«

Yorik seufzte und massierte sich mit den kräftigen Fingern die Schläfen. »Trotzdem ist es zu riskant. Selbst wenn du in das Adelsviertel gelangst, selbst wenn du den Weg in den Palast findest, werden dort immer noch Wachen sein.«

Sie lachte. »Im Gegensatz zu dir höre ich meinem Cousin ja hin und wieder beim Reden zu.« Sie lehnte sich auf dem Bett zurück. »Mishai regt sich doch regelmäßig darüber auf, dass die Sicherheit in den Palästen vernachlässigt wird, weil sie ja durch die Lichtkuppeln uneinnehmbar sind.«

»Tut er das?« Yorik runzelte die Stirn und kratzte sich am Hinterkopf. »Du hast recht, ich hör ihm nicht sonderlich oft zu und hoffe einfach darauf, dass er mir den Gefallen gleichtut.«

Kriswyn klopfte Yorik auf die Schultern. »Ein Glück also, dass du mich hast.« Ein Grinsen stahl sich auf ihre Lippen. Yorik war so einfach hereinzulegen.

Mishai hatte nie vom Dornenpalast gesprochen und sonst sprach er selten über die Details seiner Arbeit als Leibgarde der Prinzessin. War das Ganze für Tante Esme doch ein rotes Tuch.

Kriswyn war sich jedoch sicher, hätte sie ihn danach gefragt, hätte er so geantwortet. Warum sollte man einen Palast bewachen, in den noch nie jemand eingebrochen war? Sie würde wohl recht haben – und wenn nicht, waren ein paar Wachen noch ihr geringstes Problem. Damit würde sie fertig werden.

Yorik seufzte und legte einen Arm um ihre Schultern, zog sie an seine breite Brust. »Ich weiß nicht, irgendwie habe ich doch ein ungutes Gefühl bei der Sache.«

»Vertraust du mir?«

»Natürlich. Aber … ich kann es nicht wirklich erklären. Irgendetwas in mir flüstert mir zu, dass du nicht dort einbrechen solltest.« Er blickte sie aus dem Augenwinkel an. »Du wirst nicht auf mich hören, richtig?«

Sie grinste neckisch, lehnte sich in seinen Armen zurück und sah ihm in sein viel zu ernst dreinblickendes Gesicht. Sie beugte sich vor, küsste ihn erst sanft auf die Wange und ließ ihre Lippen bis zu seinem Mund wandern. »Natürlich nicht.«

 

In der Nacht machte Kriswyn sich alleine auf den Weg – denn die Karte führte sie zunächst zum See und Yorik war ein erbärmlicher Schwimmer. Es missfiel ihm, sie alleine gehen zu lassen, doch sie ließ sich nicht von ihm umstehen. Alleine war es außerdem viel aufregender.

Sie konnte bis zum Grund des Sees herabblicken, wo einige Fische ihre Runden drehten. Wie rhythmische Trommeln prasselte das Wasser des Ves’qua herab und schäumte noch ein paar Meter tief zu einem sprudelnden Weiß auf.

Verstohlen sah sie sich um. Am Ufer war niemand zu sehen. Sie prüfte noch einmal, ob ihr gewachster Lederbeutel fest genug verschlossen war, sodass das Kleid, das sie zum Wechseln eingepackt hatte, trocken blieb. Dann sprang sie in das kühle Nass und tauchte tief unter den Wasserstrudeln hinweg. Dennoch wurde sie von den Wassermassen nach unten gedrückt, bis ihre Lungen brannten. Sie kämpfte dagegen an, schwamm bis hinter den Wasserfall, tauchte auf und presste sich an die Wand. Keine Handbreit vor ihr entfernt stürzten die Wassermassen mit einer Wucht herab, die sie wohl zerschmettern würde, würde sie jetzt dort hineintreten. Sie tastete sich an der Wand entlang. Auf den Karten waren zahlreiche Anweisungen und Hinweise eingetragen, in einer Schrift, so geschwungen, dass Kriswyn sie kaum hatte entziffern können. Wenn die Bemerkungen stimmten, gab es hinter dem Wasserfall eine kleine Tür zu einem Gang, durch den sie in einen der Gärten des Adelsviertels gelangen würde.

Nach ein paar Schritten spürte sie unter ihren Fingern einen kleinen Knauf, der sich wie die stilisierte Blüte einer Heckenrose anfühlte. Genau, wie es die Anweisungen besagten. Sie drehte ihn und die Tür schob sich nach innen. Hastig huschte Kriswyn hinein und schob die Tür hinter sich wieder zu. Die Luft schmeckte modrig und abgestanden. Aber es war trocken. Im Dunkeln tastete sie nach der Treppe, ließ sich kurz darauf nieder und verschnaufte, bis ihre Augen sich an die Finsternis gewöhnt hatten. Sie erkannte, dass es kleine, schlitzförmige Öffnungen in der Wand gab, durch die spärlich Mondlicht und Luft in den Gang drangen.

Sie knöpfte ihren Lederbeutel auf und zog das ordentliche Kleid hervor, das sie immer tragen musste, wenn sie Botengänge tat. Einem Dienstmädchen standen Weste und Hose nicht an, sagte Tante Esme immer, und jetzt würde ihr das von Nutzen sein. Wenn sie gesehen würde, würde man sie wahrscheinlich nur für eine Magd halten, die nachts für ihren Herrn Erledigungen tat.

Der raue Stoff fühlte sich etwas klamm an, aber noch trocken genug, nicht aufzufallen. Sie streifte sich die nassen Kleider ab, ließ sie am Fuß der Treppe liegen und schlüpfte in das Kleid. Ihr feuchtes Haar verbarg sie unter einer grauen Haube.

Schritt für Schritt kletterte sie die Treppe hinauf. Der Boden unter ihren Füßen war aus hartem, glatten Stein. Jemand hatte sich große Mühe dabei gegeben, diesen Gang anzulegen. Vielleicht war es ein heimlicher Fluchtweg, der inzwischen vergessen war. Zumindest hoffte Kriswyn das und nicht, dass sie am anderen Ende doch Wachen erwarteten.

Sie ging eine viel zu lange Zeit in fast vollständiger Finsternis, tastete sich vorsichtig die Treppe hinauf, bis sie einen ebenen Weg erreichte, dem sie noch weitere hundert Schritte folgte, ehe er abrupt endete. Sie blickte hoch, sah einen Schacht, einige Meter hoch, durch den fahles Licht hinabfiel. Sie lauschte, ob sie Schritte oder Stimmen über sich hörte. Es war still bis auf ihr hektisches Atmen. Sie holte tief Luft, tastete an der Wand nach rauen Steinen, die ihr Halt geben konnten, und zog sich langsam an ihnen hoch.

Oben angelangt erkannte sie, dass über ihr ein Gitter war, überwachsen von Moos. Sie spähte durch die dünnen Schlitze, sah jedoch nichts außer Wolken und der blassen Mondsichel. Ein letztes Mal horchte sie, bevor sie mit dem Ellbogen gegen das Gitter stieß, darauf bedacht, nicht den Halt zu verlieren.

Einmal.

Zweimal.

Vor Schmerzen verzog sie das Gesicht.

Dreimal.

Es knarzte und langsam löste sich das Gitter aus seiner Verankerung. Ein letzter Stoß und es rutschte zur Seite.

Kriswyn schob sich aus der Öffnung und krabbelte zunächst ein Stück, während sie die frische Nachtluft einsog. Sie sank auf die Knie, setzte sich auf und sah sich um. Ein friedlicher kleiner Park, der selbst um diese Uhrzeit im blauflackernden Licht der Straßenlaternen idyllisch wirkte.

Niemand schlief betrunken an den Bäumen. Sie hörte kein Grölen und Lachen und Schreien. Das hier war eine ganz andere Welt als die ihre.

Sie stand auf, strich ihren Rock glatt, dessen Saum jetzt schon braunschmutzig war, und spazierte zu einem der Wege, die aus hellem Stein gelegt worden waren. Ihre dreckigen Schuhe wischte sie im Gras ab, bevor sie darauf trat.

Sie folgte dem Weg, hinaus aus dem Park, der viel größer war, als er auf der Karte gewirkt hatte. Das ganze Viertel war größer und majestätischer, als sie es sich vorgestellt hatte. Sie hatte es immer nur klein und winzig aus der Ferne gesehen. Dass die Prachtbauten wirklich so groß waren! Es erinnerte sie an die Berggipfel und Hänge, in denen sie einen großen Teil ihrer Kindheit verbracht hatte und die ihr damals so riesig erschienen waren. Der Gedanke, dass Menschen in der Lage sein sollten, solche Gebäude zu erschaffen, raubte ihr einen Moment lang den Atem. Wie es sein musste, in einem solchen Gebäude zu leben? Als Kind, bevor sie aufs Land gezogen waren, war ihr ihr winziges Elternhaus unten im Händlerviertel wie eine Villa erschienen. Erst, als sie nach Jahren auf der Alm in die Stadt zurückgekehrt war, war sie sich der Enge und Beklommenheit der Stadthäuser bewusstgeworden. Die krumme und schiefe Bäckerei, in der sie jetzt lebte, gab ihr kaum genug Luft zum Atmen.

Zum ersten Mal verstand sie, warum Mishai der Stadtwache beigetreten war und sich schließlich hochgearbeitet hatte. Er konnte jeden Tag zwischen diesen Häusern umherwandern, die alle für Kriswyn wie Paläste wirkten. Sie drehte sich im Kreis, zog die Sinneseindrücke in sich auf. In der Ferne sah sie den Wartturm des Königinnenpalasts, der sich wie ein Sperr in den Himmel reckte, umgeben vom blauen Schimmern der Lichtkuppel. Wie weit war sie hier wohl noch von der Palastinsel entfernt? Eine Stunde zu Fuß? Zwei? Wie eindrucksvoll musste es aus der Nähe aussehen?

Auch im Westen reckten Mauern sich hoch in den Himmel, weit höher als die umgebenen Gebäude. Dennoch ragten dahinter immer noch Türme hinaus. Das konnte nur der Dornenpalast des Prinzen sein. Ein leichtes bläuliches Schimmern waberte auch über ihm in der Luft als unüberwindbares Schild von einer Mauer zur anderen gespannt. Sie wäre gerne dorthin gegangen, hätte ihre Hände gegen die mächtigen Mauern gepresst, um zu sehen, ob man ihr Alter und ihre Stärke spüren konnte. Aber dazu war jetzt keine Zeit.

Sie schloss einen Moment die Augen, rief sich die zweite Karte ins Gedächtnis, ihren weiteren Weg. Es war nicht mehr weit.

Sie wanderte weiter zwischen den Häusern hindurch, lauschte auf die Stille, die hier über den Straßen lag, und erreichte schließlich einen weiteren Park, in dessen Mitte ein Pavillon stand.

Sie sah sich um. Hier waren nirgendwo Wachen zu sehen. Das hier war wohl ein wahrhaft friedlicher Ort und einen Augenblick lang empfand sie tiefes Bedauern, dass sie den Frieden zerrütten würde.

Doch dann dachte sie an das Gold, an die Freiheit und den Frieden, den es ihr bringen würde. Mit forschen Schritten trat sie in den Pavillon und fand sogleich die Rose, die im Boden eingelassen war. Versteckt zwischen anderen Verzierungen des Mosaiks. Offensichtlich für jeden, der wusste, wonach er suchen musste. Es knackte kurz, als sie Rose eindrückte. Eine Bodenplatte glitt zur Seite und eröffnete ihr einen weiteren geheimen Schacht, an dessen Wand Sprossen in die Dunkelheit hinabführten. Sie holte eine Fackel aus ihrem Lederbeutel und entzündete sie. Als Kriswyn sie in das Loch hielt, konnte sie den Grund nicht erkenne. Was sie dort unten wohl erwartete? Sie holte tief Luft und schlüpfte durch die Öffnung, zog die Platte über sich wieder zu, bevor sie herabkletterte.

Je tiefer sie kam, desto intensiver wurde der dampfige Gestank von Fäkalien und Verwesung. Die Kanalisation. Das hätte sie sich denken können. Als sie den Grund erreichte, stand sie auf einem schmalen Pfad, der an den Abwasserkanälen vorbeiführte.

Sie hoffte, dass sie nicht allzu weit durch die stickigen Tunnel gehen musste. So sehr unterschieden sich die Adeligen doch nicht vom einfachen Volk. Angewidert rümpfte sie die Nase, wartete, bis ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten – hier wollte sie nun wirklich nicht ausrutschen! – und presste sich an der Wand entlang, während Ratten ihr um die Beine huschten.

Das Wasser plätscherte an ihren Füßen vorbei. Bei einem Seitenblick sah sie, dass dicke Klumpen in der bräunlichen Brühe schwammen. Als etwas an ihr vorbei trieb, was kleine Finger, Arme zu haben schien, fing sie an zu würgen, wandte den Blick wieder ab. Sie wollte nicht darüber nachdenken, was alles in dem Kanal herumtrieb. Sie war dankbar, dass die Magie der Königin das Wasser reinigte, bevor es in den Fluss geleitet wurde. Der Ves’qua würde seinen Namen nicht mehr verdienen, wäre es anders.

Sie bog um drei Ecken, ehe sie den in der Wand eingelassenen Rosenknauf entdeckte. Die Tür öffnete sich nach außen, Kriswyn schob sich hindurch und schloss sie hinter sich. Als Erstes atmete sie tief ein und aus. Auch wenn die abgestandene Luft hier drinnen nicht unbedingt erfrischend war, so sagte sie ihr doch um einiges mehr zu. Sie rieb sich die Tränen aus dem Gesicht, die der beißende Gestank ihr in die Augen getrieben hatte.

Eine schmale Treppe führte von der Tür aus hinauf. Der Weg wurde immer enger, bis Kriswyn sich nur noch mit Mühe hindurchzwängen konnte. Jetzt war sie wirklich froh darüber, dass sie alleine gegangen war – mit seinen breiten Schultern und seiner stämmigen Brust wäre Yorik auf halbem Wege stecken geblieben.

Sie zweifelte allmählich, dass dies geheime Fluchtwege waren – die Adligen, mit ihren häufig fülligeren Leibern, würden es kaum hier durchschaffen. Es kam ihr mehr so vor, als seien die Wege von jemandem genau für ihre Zwecke gebaut worden. Auch wenn das irgendwie eine lächerliche Vorstellung war. Wer würde schon für eine Diebin so viel Aufwand betreiben?

Sie hielt die Luft an, während sie sich durch eine besonders enge Passage drückte, und atmete erleichtert auf, als sie die Tür am Ende des Ganges erkannte. Jetzt hieß es ruhig zu sein, damit niemand auf der anderen Seite ihre Schritte hören konnte. Sie schlich auf den Zehenspitzen zur Tür, presste ihr Ohr dagegen und lauschte. Wie sie erwartet hatte, hörte sie nur ihren eigenen Herzschlag.

Sie drehte die Rose, schob die Tür behutsam auf. Es knarrte leise, an ihrem Fuß huschte eine Ratte vorbei in die Halle. Ein weiterer unliebsamer Gast. Kriswyn unterdrückte ein Lachen, während sie auf den Knien durch die Feuerstelle kroch. Der Boden fühlte sich noch eisig kühl an. Kriswyn war erleichtert, dass der Prinz nicht elitär genug war, das magische blaue Feuer über Nacht brennen zu lassen, um die Räume abzukühlen.

Kriswyn richtete sich auf und strich ihren Rock glatt. Ihr Kleid war jetzt nicht nur voller Schlamm und Grasflecken, sondern auch voll von blauem Ruß. Auf ihrem Rückweg würde sie vor niemandem mehr die unbedarfte Magd mimen können.

Sie schritt aus der Feuerstelle hinaus, blickte sich in der leeren Halle um. Dass in den Wänden der Halle um diese Stunde noch vereinzelte Fackeln brannten, erleichterte es ihr, sich zu orientieren. Sie löschte ihre Fackel – die würde sie für den Rückweg brauchen.

Die Halle war größer als der Marktplatz, groß genug, um Hunderten von Gästen Platz zu bieten. So verlassen, wie sie dalag, umgab sie etwas Unheimliches. Eine Gänsehaut kroch Kriswyn über die Arme, den Rücken hinab. Sie zwang sich, nicht mit den Gedanken abzudriften.

Es war nicht mehr weit, sie durfte sich jetzt keine Fehler erlauben. Sie rief sich den restlichen Weg noch einmal ins Gedächtnis. Sie musste die dritte Tür auf der rechten Seite nehmen, dort den Gang bis zum Ende folgen.

An ihrem Ziel angelangt fand sie eine Eichentür, die imposanter war als alle Türen, die Kriswyn zuvor gesehen hatte. Sie erinnerte sie an den Tempel, der sich am Fuß der Klippe gegen den Felsen schmiegte. Eine winzige geistliche Zufluchtsstätte für die einfachen Menschen, die in ihrem Lebtag wahrscheinlich nie das Tempelviertel betreten würden. Doch selbst dort war die Eingangstür weitaus kleiner gewesen, auch wenn sie ihr als junges Mädchen große Ehrfurcht eingeflößt hatte.

Kriswyn schluckte und fragte sich, wie es ihr gelingen sollte, diese Tore aufzustemmen, als sie in sie eingelassen eine zweite, kleinere Tür entdeckte. Vorsichtig drückte sie die Klinke herunter und stellte befriedigt fest, dass sie nicht abgeschlossen war. Sie hatte also recht gehabt, dass die Menschen hier drin vollkommen unbekümmert waren.

Sie schritt durch die Tür und hielt auf der anderen Seite vor Erstaunen den Atem an. Noch nie in ihrem Leben hatte sie so große Fenster aus Glas gesehen. Klares weißes Glas, welches das Schimmern des Mondes in den Saal fallen ließ und gleichzeitig den Blick auf einen blühenden Garten freigab.

Und der Saal! Auf der einen Seite standen wuchtige Tische mit Bänken, auf denen vereinzelt aufgeschlagene Bücher lagen und Tintenfässchen standen. An den Wänden hingen unzählige Gemälde, bis hoch zur Decke. Der Saal selbst war von einer L-Form und die Tische machten nur die kurze Seite aus. Als Kriswyn in die längere Seite abbog, sah sie vor sich mitten im Raum wuchtige Regale voller Bücher, die in fünf Reihen angeordnet waren, bis zur Decke reichten und an denen hohe Leitern lehnten. An den Wänden waren gläserne Vitrinen gereiht, in denen einzelne Exemplare aufgeschlagen lagen.

Es waren so unglaublich viele Bücher, mehr als sie je in ihrem Leben gesehen hatte.

Sie selbst hatte nie mehr als ein einziges Buch besessen. Die abgegriffene Ausgabe lag noch in ihrem Zimmer. Hin und wieder holte Kriswyn sie hervor, getrieben von einer Welle der Nostalgie, und las in den alten Märchen. Märchen, die einst ihre Mutter ihr und sie später ihrem Bruder Korai vorgelesen hatte.

Bei dem Gedanken wurde sie melancholisch, ihr Herz ganz schwer. Sie hatte die Erinnerung an ihn so lange verdrängt, mit anderen erstickt … doch jetzt war nicht die Zeit, sie wieder aufflammen zu lassen.

Kriswyn schüttelte den Kopf, konzentrierte sich wieder auf ihren Auftrag. Sie würde das Buch jetzt finden – hoffentlich war es wirklich an einem auffälligen Ort! – es ihrem Auftraggeber bringen, den Preis kassieren und ihre Vergangenheit hinter sich lassen. So weit, dass sie Kriswyn nicht wieder einholen konnte.

Mutter und Korai waren verloren – durch Trauern würde sie die beiden nicht zurückgewinnen. Selbst wenn der Schmerz, wenn sie ihn zuließ, nach vierzehn Jahren immer noch so brannte, als wäre es gestern gewesen. Sie musste ihr Leben ohne sie leben.

Sie musste nach vorne sehen.

Forschen Schrittes ging sie an den Regalreihen vorbei, blickte in die einzelnen Vitrinen, las die Titel der Bücher, die auf kleinen Schildchen fein säuberlich notiert waren. Zum Glück in einer weit weniger schnörkeligen Schrift als der ihres Auftraggebers. Ihr Buch fand sie schließlich in der letzten Vitrine, deren Ränder mit Gold ausgeschlagen waren. Zulais Bericht vom ersten Kriege. Ein winziger Band, nicht viel größer als ihre Hand, eingeschlagen in rostbraunes Leder. Vorsichtig öffnete sie die Vitrine und zog das Buch hinaus. Einen Moment war sie versucht, ein paar Zeilen zu lesen, aber dann klappte sie es doch zu und presste es an ihre Brust. Wie ein so kleines Ding nur so viel wert sein konnte!

Ein erleichtertes Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus. Sie ging an den Regalreihen vorbei, fuhr mit den Fingern über einige der Buchrücken, bis sie fast das Ende der Regale erreicht hatte.

Maunzend sprang ihr eine fette Katze vor die Füße. Gerade noch konnte Kriswyn ein Aufschreien unterdrücken, lachte dann erleichtert auf. Sie hockte sich hin und strich der Katze über den Kopf. »Du hast mich erschreckt, Fellknäuel!«, flüsterte sie, da bemerkte sie im Augenwinkel, dass die kleine Tür sich öffnete und ein Lichtschein in die Bibliothek hineinfiel. Kriswyn presste sich hastig mit dem Rücken gegen das Regal, traute sich kaum, über die Schulter zu blicken, wer der nächtliche Besucher war. Sie hielt den Atem an, lugte einen winzigen Moment um die Ecke.

Es war der Prinz, da war sie sich sicher, auch wenn sie ihn nur ein paar Mal bei den Paraden zu Neujahr und den Sonnenwenden aus der Ferne gesehen hatte. In einer Hand hielt er eine Lampe, in der blaues Licht flackerte, mit der anderen umklammerte er seinen Gehstock. Sie wusste nicht, warum ein junger Mann wie er am Stock ging, aber sie wusste, dass jeder in ihrem Viertel ihn um den silbernen Stock, besetzt mit Edelsteinen, beneidet hätte. Der Stock klackerte bei jedem Schritt, bis der Prinz schabend einen Stuhl zurückzog und sich setzte. Er stieß ein lang gezogenes Seufzen aus.

Kriswyn spähte noch einmal zu ihm herüber. Er hatte den Kopf in die Hände gestützt, die Finger in seinen schwarzen Locken vergraben. Vielleicht würde er sie nicht bemerken.

Da schnurrte die Katze, die sich an Kriswyns Beinen rieb. Das vermaledeite Ding! Katzen waren ihr Schwachpunkt und da merkte sie schon, wie ihre Nase anfing zu kitzeln. Sie drückte das Buch fester an ihre Brust, ein paar Flocken Leder lösten sich und schwebten langsam herab. Direkt auf die Nase der Katze, die ihre schwarzen Augen zusammenpresste und nieste.

Jetzt rutschte der Stuhl wieder weg und die klackernden Schritte kamen näher.

Verdammt, was sollte sie tun? Wenn der Prinz allein war, könnte sie ihm einfach eins überbraten und davonrennen. Aber wenn die Prinzessin eine Leibgarde hatte, würde er nicht auch eine haben, die jetzt vielleicht vor der Tür stand und wartete?

Da sprang die Katze mit einem Satz auf einen der Tische und Kriswyn hörte den Prinzen lachen. »Ach, du bist es nur, fetter Kater. Komm.« Die Schritte des Prinzen entfernten sich wieder und als Nächstes hörte sie das Rücken des Stuhls und dann das befriedigte Schnurren der Katze.

Danke, Katze, da habe ich dir wohl unrecht getan!

Vielleicht konnte Kriswyn es einfach aussitzen. Der Prinz würde doch sicher nicht die ganze Nacht in seiner Bibliothek ausharren.

Da knarrte die Tür abermals und ein zweiter Lichtschein fiel in den Saal. »Habe ich doch recht gehört, dass Ihr Euer Schlafgemach verlassen habt, Eure Hoheit«, sprach ein Mann mit einer hohen, kratzigen Stimme. Sie lugte kurz um die Ecke und sah einen hageren Bediensteten mit dunklem, glattem Haar, das ihm wie ein Vorhang vor die Augen fiel.

Jetzt waren sie schon zu zweit.

»Ach, Skalyorn! Wie sollte ich bloß schlafen in dieser Nacht!«

»Was wollt Ihr denn erreichen, indem Ihr nicht schlaft?« Ein weiterer Stuhl wurde verrückt. »Ich verstehe, dass Ihr Euch sorgt. Es wird Euch jedoch nicht helfen, wenn Ihr bei der Feier verschlafen seid.«

»Das weiß ich doch!« Papier raschelte. »Aber die Rede … warum muss die Feier bei mir sein, Skalyorn? Ashayera weiß genau, dass ich nicht gut darin bin, vor Menschen zu reden. Und dann muss ich gleich so ein wichtiges Fest eröffnen. Ich habe das Gefühl, es geht ihr nur darum, mich vorzuführen, wenn ich dort stotternd stehe und keine Zeile der Rede hervorbringe, die ich die letzten Tage poliert habe.«

Ein Räuspern. »Eure Hoheit, es ist eine große Ehre, den Verlobten Eurer Schwester hier zu empfangen. Es gibt niemanden geeigneter als Euch, dem die Kronprinzessin diese Ehre zuteilwerden lassen könnte. Im Gegenteil wäre es ein großer Affront, würde das Fest in einem anderen Hause stattfinden.«

Der Verlobte der Prinzessin? Kriswyn grübelte einen Augenblick. War es schon so lange her? Ja, Korais zwanzigster Geburtstag wäre in nicht einmal einem Monat. Würde er noch leben. Hätte man ihn am Tag der Ernte nicht aus ihren Armen gerissen. Hätte man ihn nicht an diesen Ort verschleppt, dieser sogenannten Schule, von der nie jemand zurückkehrte.

Falsch, einer kam immer zurück. Ein Einziger.

Eine kleine, hoffnungsvolle Stimme in ihrem Kopf begann zu flüstern. Vielleicht ist er es, der auserwählt wurde und hier in diesem Palast als Verlobter der Prinzessin gefeiert wird. Vielleicht hat er überlebt. Vielleicht …

Er war nur ein Kandidat von Tausenden, warf eine skeptische, realistische Stimme ein. Das Ganze war von Anbeginn an eine Farce. Ein verlogener Vorwand.

Welche zweifelhafte Ehre hatte Kriswyns Familie auseinandergerissen.

Sie schüttelte den Kopf. Jetzt war nicht die Zeit, daran zu denken. Sie stand einer realen Gefahr gegenüber. Sie durfte nicht entdeckt werden. Sie musste sich beruhigen, den stillen Ort tief in sich wiederfinden.

Weiter lauschte sie auf das Gespräch.

»… nicht so aufregen«, sagte der Mann namens Skalyorn. »Es sind nur fünf Tage.«

»Nur? Fünf Tage können so unglaublich lang sein, Skalyorn, wenn es fünf furchtbare Tage sind. Ich wünschte, sie wären vorbei. Ich wünschte, ich hätte meinen Frieden wieder.«

»Kommt dann, Eure Hoheit, legt Euch zur Ruhe. Im Schlaf vergehen die Stunden schneller.«

Stühle rückten wieder und die Schritte entfernten sich.

Erleichtert atmete Kriswyn aus.

»Sag, Skalyorn. Wie war noch gleich sein Name?«

»Korai, Eure Hoheit.«

Kriswyn erstarrte und das Buch rutschte ihr fast aus den Fingern.

Cassian

Als das Krähen eines Raben ihn bei Tagesanbruch weckte, ahnte Cassian bereits, dass dieser Tag furchtbar werden würde. Trotz schlechter Vorzeichen wollte er zumindest den Morgen nicht gleich verloren nennen.

So stieg er aus dem Bett, schlüpfte in sein Morgengewand und machte sich hinab in die Bibliothek, um seinen Tag gebührend zu beginnen: mit einem guten Buch. Vielleicht ein Märchen oder ein Abenteuerroman. Oder eine Historie von Izlolaj oder Jolimaqa, die ihn auf diesen bedeutsamen Tag einstimmen konnte.

Nein, er brauchte Zerstreuung. Eine der Erzählungen von Gahev Wynog, in die er als Kind immer versunken war. Geschichten von Abenteurern, die dem Schicksal trotzten, das Chokh für sie bereithielt, die ihren Weg aus Izrals Reich in die Welt der Lebenden zurückfanden, denen es selbst gelang, die Göttermutter Satharia zu umgarnen, die unempfänglich für alle Schmeicheleien war und Protz und Prunk verabscheut. Abenteurer, die sich Göttern widersetzten und die er sich zum Vorbild nehmen konnte, die kommenden Tage zu überstehen. Das wäre das Beste jetzt.

Er schritt zwischen den Regalreihen hindurch, atmete die schwere Luft ein, die nach altem Papier, Tinte und Leder roch. Staub tanzte im Licht. Wie jeder Morgen der letzten acht Jahre, die er hier alleine lebte, war es ein beschaulicher Morgen.

Noch.

Am Fuße eines der Regale entdeckte er auf den Holzdielen Lederkrümel, wo sie nicht sein sollten, ließ er die Bibliothek doch jeden Tag ausfegen.

Er erinnerte sich an die rotbraunen Flocken in Fetter Katers Fell, die er erst für Gewürze gehalten hatte. Fetter Kater schlich sich doch des Öfteren in die Küche, wenn die Köchin zugange war.

Ein mulmiges Gefühl machte sich in seinem Magen breit. Er eilte an den Vitrinen vorbei und schließlich entdeckte er, was er so sehr befürchtet hatte: Eines der Bücher fehlte. Nicht irgendein Buch, nein, es war ausgerechnet Zulais Bericht vom ersten Kriege. Eine originale Handschrift, von der er das einzige bekannte Exemplar in seiner Bibliothek hatte, das noch existierte. Selbst in den Bibliotheken der Zeitlosen lagen nur Abschriften.

Nun war es fort.

Tränen schossen ihm in die Augen, die er hastig fortblinzelte. Wie viel hatte er für dieses Buch bezahlt? Wie viele Kostbarkeiten, wie viele seiner Gemälde hatte er dafür eintauschen müssen?

Er kramte in seinen Erinnerungen.

Hatte er es vielleicht selbst herausgenommen, um noch einmal darin zu lesen? Nein, die letzten Tage und Wochen war er viel zu sehr mit seiner Rede beschäftigt gewesen. Vielleicht hatte er vergessen, es beim letzten Mal wieder zurück zu räumen und es lag noch auf einem der Tische? Kein Diener würde es wagen, eines seiner Bücher von sich aus wegzuräumen. Er eilte zu den Tischen, suchte jeden Einzelnen ab. Er fand nichts.

Es war verloren.

Aber wie? Hieß es nicht, der Palast wäre uneinnehmbar? Das hatte man ihm als Kind immer erzählt. Dass die Lichtkuppeln sie schützten. Dass sie auf ihre Macht und ihre Sicherheit stolz sein konnten.

Er hatte noch nie davon gehört, dass hier oder in der ganzen Nachbarschaft etwas gestohlen worden wäre. Zumindest nicht von einem Außenstehenden. Doch welche Wache oder welche Dienstmagd würde mit dem Buch etwas anfangen können? Welchen Wert würde es für jemanden haben, der Bücher nicht so zu schätzen wusste wie er?

Er musste mit Skalyorn darüber reden, dass er mit den diensthabenden Wachen sprach. Vielleicht klärte sich alles noch auf. Wenn das Buch jedoch wirklich gestohlen worden war …

Er eilte gerade in Richtung des großen Saales, hielt nach Skalyorn Aussicht, als ihm eine Wache entgegentrat, die das königliche Wappen trug. Der junge Mann kam Cassian entfernt bekannt vor, aber er konnte ihn nicht gleich einordnen.

Er verneigte sich vor Cassian und verkündete mit einer wohlig tiefen Stimme: »Eure Hoheit, Eure Schwester Prinzessin Ashayera erwartet Euch zum Frühstück in der Laube. Sie hat mich gebeten, Euch dorthin zu geleiten.«

Ach, jetzt erinnerte er sich. Der Hauptmann ihrer Leibgarde – ein schneidiger, junger Mann, vielleicht Mitte zwanzig. Er war im Rang so schnell aufgestiegen, dass es zu Getuschel geführt hatte, das selbst Cassian nicht entgangen war.

Wenn er den Hauptmann so betrachtete, konnte er sich vorstellen, dass an den Gerüchten etwas Wahres dran war.

Er nickte ihm knapp zu. Da bemerkte er im Hintergrund, am anderen Ende des Ganges, wie Skalyorn mit einigen der Dienstmägde redete. Er würde ihm noch schnell wegen des Buches Bescheid geben. Er wandte sich dem Hauptmann wieder zu. »Einen Moment noch.« Er eilte in Skalyorns Richtung, doch bevor Cassian nah genug war, ihn zu rufen, oder ihn gar erreicht hatte, war sein Kämmerer mit eiligen Schritten bereits in Richtung der Bedienstetenquartiere verschwunden. Einen Augenblick sah er ihm unschlüssig nach. Ach, er würde es ihm später sagen – Ashayera hasste es, zu warten, und wenn sie einmal ungehalten war, zog sich das durch den ganzen Tag.

Er folgte dem Hauptmann hinaus in den Garten. Dort saß seine Schwester schon, gehüllt in ein Gewand aus grüner Seide, das ihrer dunklen Haut schmeichelte. Sie blickte ihn mit einem Lächeln an, das ein bisschen zu breit war. »Cassian, mein liebster Bruder! So lange haben wir uns nicht mehr gesehen.« Sie stand nicht auf. Vielleicht, weil sie wusste, dass das Sonnenlicht so, wie sie saß, in ihrem dunkelbraunen Haar spielte und ihr eine goldene Krone aufs Haupt zeichnete. Sie lehnte leger in ihrem Stuhl, sodass ihre runden Hüften zur Geltung kamen.

Wenn Ashayera eines konnte, dann war es, sich in Pose zu werfen, dass jedem Betrachter der Kiefer herunterklappte. Cassian beherrschte sich. Schließlich war sie seine Schwester.

»Es freut mich auch, dich zu sehen.« Auch wenn das nicht ganz stimmte. Sie zu sehen, das freute ihn tatsächlich. In den letzten Jahren hatten sie nur selten Gelegenheit dazu gehabt.

Die Gesprächsthemen allerdings, die sie vermutlich anreißen würde, missfielen ihm. Klatsch und Tratsch aus dem Königinnenpalast und dem Adelsviertel interessierte ihn herzlich wenig.

Hin und wieder kam das Thema immer auf junge, heiratswillige Frauen. An denen hatte Cassian noch weit weniger Interesse.

Er mochte es, einfach in seinem Palast für sich selbst zu leben. Was war daran so schwierig zu verstehen? Er glaubte nicht, dass er allein auf Anraten seiner Schwester eine Frau finden würde, mit der er sein Leben teilen wollte. Dafür hatten sie beide zu unterschiedliche Prioritäten.

Heute ging es ihr zum Glück nicht darum, Cassian zu verheiraten und sie hielt sich ebenso wenig mit Klatsch und Tratsch auf, sondern kam direkt zur Sache. Aus einer Kladde zog sie ein Pergament, auf das ein Porträt gemalt war. »Mein Verlobter! Kannst du dir das vorstellen?« Sie verdrehte die Augen. »Sieh ihn dir doch nur mal an!«

Er tat es und musste sich auf die Zunge beißen, dass er nicht anfing, laut zu lachen. Er schielte zu Ashayeras Leibwache, die mit stoischer Miene neben ihr stand. Cassian musterte ihn jetzt genauer. Geschwungene Lippen, ein scharf geschnittenes Gesicht, dunkle Augen, die im Licht honigfarben schimmerten, adrett kurz geschnittenes Haar. Dann glitt sein Blick weiter zu Ashayera und von ihr zurück zum Pergament.

Nein, das war ganz und gar kein Verlobter nach ihrem Geschmack.

Die Augen, von einem wässrigen blau, waren ein bisschen zu groß für sein Gesicht und standen ein Stück zu weit auseinander. Die Nase war etwas krumm, die Lippen zu dünn, der Mund zu breit. Dass die Mundwinkel gleichgültig herabhingen, trug ihr übriges zum Gesamtbild bei. Die Haut war so blass, dass unter den Augen blauen Schatten lagen. Die Haare fielen fein hinab bis auf seine Schultern und waren von einem Blond so hell, dass es fast weiß war. Cassian erinnerte sich nicht daran, jemals einen Mann gesehen zu haben, der so käsig und kränklich aussah. Die Bewohner der Pfeilspitze im Norden waren oft rotblond und hatten blasse Haut, aber nicht so wie er.

Cassian selbst legte beim Malen großen Wert auf Realismus, darauf, die Welt so einzufangen, wie er sie sah. Er wusste jedoch genau, dass das nicht der Stil war, in dem Hofmaler arbeiteten. Man mochte fast meinen, der Maler hatte sich alle Mühe dabei gegeben, den Armen so unvorteilhaft wie möglich darzustellen, anstatt ihm zu schmeicheln. Ein Umstand, der für sein wahres Aussehen nur Böses ahnen ließ. »Vielleicht ist er nur schlecht getroffen?«

»Nein.« Ashayera schnaubte. »Ich sag dir, was es ist: Nevarlyn, diese dumme Kuh, kann mich nicht leiden. Deswegen hat sie mir von allen Kandidaten, die ihr zu Verfügung standen, den hässlichsten ausgesucht.« Sie schauderte. »Stell dir nur vor, meine Tochter wird wie er aussehen!«

Cassian zwang sich zu einem Lächeln. Er musste bei dem vorsichtig sein, was er jetzt sagte. Ihr Aussehen war Ashayera schließlich unsäglich wichtig. »Sorge dich nicht – du bist wunderschön, schön genug, dass deine Tochter, wenn sie nur die Hälfte deiner Schönheit erbt, über alle anderen strahlen wird.«

Ashayera versuchte vergeblich, ihr breites Lächeln unter Kontrolle zu halten. »Danke. Das hast du schön gesagt. Da merkt man dir deine Belesenheit an. Natürlich hast du recht. Dennoch …« Ihr Blick schweifte über den Garten. »Ein hübscher Mann wäre mir lieber gewesen. Das würde es einfacher machen.«

Am liebsten hätte er ihr gesagt, das Aussehen nicht alles war. Dass Menschen wie Bücher waren und man sie nicht nach ihrem Äußeren, sondern nur ihrem Inneren beurteilen sollte. Das war nicht, was sie hören wollte und so schwieg er.

Er war dankbar, als die Stille durch das Läuten der Glocken zerrissen wurde und Skalyorn in die Laube trat. »Eure Hoheiten, die Gäste sind eingetroffen.«

Cassian reckte den Kopf ein Stück in die Höhe und sah das Grüppchen am Eingang des Gartens stehen. Die fünf Thien Sathar, die als Dienerinnen der Göttin dem Königinnenhaus schützend zur Seite standen, waren allesamt versammelt. Ihre Anführerin, Nevarlyn, umgab eine Aura der Macht, die Cassian mit Ehrfurcht erfüllte.

Er erinnerte sich noch an seinen Tag der Ernte. Wie sie die Fingerspitze auf seine Stirn gelegt hatte, ihre Energie seinen Körper einen Moment lang durchfloss und sie ihm schließlich mitteilte, dass er leider – oder zum Glück – nicht besonders war.

Es war eine Erleichterung, hieß es doch, dass er zuhause bleiben konnte und nicht in die Schule der Reinigung musste. Wie all die Jungen, die auserwählt wurden, um eines Tages vielleicht die größte aller Ehren zu erhalten.

Es wäre allerdings sehr verfänglich gewesen, würde er jetzt dort als Auserwählter stehen und seine eigene Schwester heiraten müssen. Das wünschte er wirklich niemandem.

Der Junge – wie war sein Name noch? – unterhielt sich mit Zyriak. Oder eher hörte er mit einer Leidensmiene Zyriak zu. Das war sehr verständlich, führte Zyriak doch bevorzugt lange Monologe darüber, wie wichtig das Militär und vor allem seine Stadtwache war. Er liebte es zu betonen, dass das Königinnenhaus unter keinen Umständen nur mit den Thien Sathar auskommen konnte. Verbrachten sie die meiste Zeit doch ohnehin in der Schule oder mit der Auswahl der Jungen, sodass immer nur eine von ihnen im Palast war.

Wie oft hatte Zyriak ihm das gepredigt, auch wenn Cassian der Letzte war, der da irgendeinen Einfluss hatte? Wahrscheinlich hatte er sich jetzt, für diese besondere Gelegenheit, schon eine lange Liste weiterer Argumente zurechtgelegt, die er in ihrer Anwesenheit anbringen konnte.

Neugierig musterte er den Jungen. Kurt, Kay? Nein, Korai, richtig! Er musterte Korai aus der Ferne. Er sah seinem Porträt schon erschreckend ähnlich, doch irgendetwas umgab ihn, das vom Bild nicht eingefangen werden konnte.

Ähnlich wie Nevarlyn strahlte er etwas Erhabenes aus. Aber nicht nur das. Seine Augen waren hellblau, nicht wässrig, sondern scharf und klar, wie er sich interessiert im Garten umsah. Als könnten sie durch alles sehen. In dem Moment, in dem er in Cassians Richtung blickte, passierte es: Er lächelte.

Und was für ein Lächeln es war! Es schien alles in Korais Gesicht an die richtige Stelle zu rücken, kleine Grübchen in seine Wangen zu schlagen. Wie die Sonne, die eine Gewitterfront unerwartet durchbrach, erfüllte es Korais Gesicht mit einem ungewöhnlichen Strahlen. Hell und doch schattig, geheimnisvoll – ein Lächeln, weise, tief, samtig und voller Versprechungen.

Das Lächeln schien Cassian einzufangen, ihn tief in der Seele zu berühren. Etwas Verschwörerisches lag darin, als wäre es nur für sie beide bestimmt.

Es erinnerte Cassian an eine Blume, die aufblühte, die hoffentlich nie verstarb. Der bloße Anblick versetzte ihm einen Stich ins Herz.

Nun verstand er die Trauermiene, die er auf dem Bild getragen hatte. Kein Maler wäre in der Lage gewesen, dieses Lächeln einzufangen. Cassian wollte es dennoch versuchen.

 

Nervös betrachtete Cassian sich im Spiegel. Die schwere Robe, die er trug, war ihm zu weit. Gleichzeitig endete sie jedoch ein gutes Stück über seinen Knöcheln. Sie war viel zu warm und stickig für das Klima.

Er fragte sich manchmal, ob ihre Vorfahren kleinwüchsige, pummelige Frostbeulen gewesen waren. Oder vielleicht war er nur zu groß geraten.

Der dunkelgrüne Samt legte sich weich auf die Haut. Sofort fing Cassian an zu schwitzen und der Stoff fühlte sich klebrig an. Ob es wirklich an der Hitze oder vielleicht an der Aufregung lag, das konnte Cassian nicht sagen. Er strich die Robe glatt, betrachtete die Stickereien am Kragen und an den weiten Ärmeln.

Bilder von der Schlacht um Adamantion, in der die weise Königin Nydra die Aldeger zurückgeschlagen hatte. Der linke Ärmel zeigte den Beginn der Schlacht, zwei machtvolle Armeen, die sich auf den beiden Seiten des Flusses gegenüberstanden. Am Kragen war die Schlacht in vollem Gange. Die Königin verweilte auf dem Marmorturm, der sich damals dort einsam erhob und um den herum sich heute der Palast in den Himmel reckte. Magie floss aus ihren Armen hinab über das Schlachtfeld. Auf dem rechten Ärmel war die Schlacht schließlich beendet. Sieger standen auf Bergen von Leichen, andere hielten die Verstorbenen im Arm. Eine Mahnung, dass kein Krieg ohne Verluste auskam.

Cassian mochte die Stickereien, die ganze Geschichte, die sie erzählten. Aber er wusste, für die meisten anderen waren es die zahlreichen Edelsteine, die in den Stoff eingenäht waren, und nicht die Botschaft, die die Robe wertvoll machten.

So sehr er die Robe mochte, so war sie doch zu schwer auf seinen Schultern. Er wollte nicht hinausgehen, vor den Menschen reden. Er hatte es noch nicht einmal geschafft, sich Korai vorzustellen.

Ashayera hatte sich schnell in den Vordergrund gedrängt. Es ging ja schließlich um sie und nicht um ihn. Danach hatten bereits die Vorbereitungen begonnen und für nichts Anderes war Zeit geblieben.

Cassian versuchte, sich seine Rede ins Gedächtnis zu rufen. Da war nichts außer einer gähnenden Leere in seinem Kopf. Die Angst, heute nicht nur so vielen Menschen, sondern auch seiner Mutter gegenüberzutreten, lähmte ihn. Er hatte sie so lange nicht mehr gesehen. Nicht seit ihrem Streit.

Er raufte sich die Haare, als es an der Tür klopfte, eine Dienerin eintrat und seine Schwester ankündigte. Ohne eine Antwort von ihm abzuwarten, stolzierte Ashayera in das Zimmer. In ein schimmerndes Kleid aus Seide gehüllt, das mehr ihrer Haut freigab, als es verbarg. In ihrem Haar steckte ein silbernes Diadem. Ihr einziger Schmuck. Sie hatte selbst ihr Amulett abgelegt, das sie sonst immer trug. Ganz so, wie die Göttermutter ohne Tand auskam, erstrahlte sie einer Göttin gleich. »Du bist wunderschön«, sprudelte es ihm über die Lippen.

Sie schüttelte den Kopf. »Ja, ich bin wunderschön. Aber niemanden wird das heute interessieren. Alle sind nur wegen ihm da.« Sie verschränkte die Arme. »Ich hasse das. Es dreht sich nicht um ihn, später, wenn es darum geht, dieses Land zu regieren. Ich werde die Königin sein und er, er wird …« Sie hielt inne und blickte Cassian an. Sie wirkte schuldbewusst, als hätte sie fast etwas Verbotenes gesagt.

Sie wusste es schließlich, was man vor ihm verborgen hielt. Was mit Vater geschehen war und was für ein Schicksal Korai zuteilwerden würde. Er war sich sicher, dass sie es ihm nie sagen würde – er war nur der Prinz, das zweite, nutzlose Kind. Der Zwillingsbruder, ohne den Ashayera gut hätte auskommen können.

Er schob die düsteren Gedanken beiseite, lächelte und nickte. »Mach dir keine Sorgen – es ist nur ein Monat, bis du die Königin bist und er vergessen.«

»Ein Monat kann furchtbar lang sein.« Sie setzte sich auf das Bett, spielte in ihrem langen Haar, das zu feinen Locken aufgedreht worden war. »Um ihn allein mache ich mir keine Sorgen.« Sie warf Cassian einen scharfen Blick zu. »Du repräsentierst heute unsere Familie. Versau es bitte nicht.«

Cassian spürte, wie ihm die Hitze ins Gesicht schoss und sicher seine Wangen dunkel färbte. »Ich versuch es.«

Sie seufzte. »Versuchen allein reicht nicht. Du musst es auch tun. Denk daran, heute bist du es, der von uns beiden im Mittelpunkt steht. Du und dieser Junge! Wenn du mir als Gastgeber schon den Rang abläufst«, sie schritt zu ihm und kniff ihm in die Wange, »mach etwas daraus.« Mit den Worten verschwand sie erhobenen Hauptes aus seinem Zimmer und die Unruhe in seinem Magen überschlug sich. Übelkeit stieg in ihm auf und er kämpfte sie mühsam nieder.

Es waren nur ein paar Worte, ein paar Worte, die er sagen musste, um die Gäste zu begrüßen. Viel musste es nicht sein.

Doch er spürte, dass es mehr war, als er geben konnte. Er war nicht wie Ashayera, die überall gerne im Mittelpunkt stand – er schmiegte sich lieber in die sicheren Schatten. Nur heute konnte er das nicht. Er wischte sich die nasskalten Hände an der Robe ab, bevor er in den Saal trat.

Alles war bis ins Detail geplant. Er hatte seine kurze Rede auswendig gelernt und musste sie nur wiederholen.

Wie unsäglich viele Menschen im Saal waren! Ihre Gespräche verstummten, während er durch den langen Gang zum Tor schritt, durch das Korai Einlass erhalten sollte. Alle Blicke lagen auf ihm und er konnte kaum den Kopf aufrecht halten.

Lass mich keinen Fehler machen! Ich muss nur meine Worte aufsagen.

Er umklammerte seinen Gehstock, zuckte jedes Mal beim Klang zusammen, wenn er auf den harten Boden schlug. Es schallte so sehr.

Wie eine Ewigkeit erschien es ihm, bis er an seinem Platz angelangte, der bereits von Wachen und Thien Sathar gesäumt war. Er blickte auf die leere Feuerstelle, ausgebrannt, so fühlte er sich gerade auch.

Ein letztes Mal wischte er sich durch sein Gesicht, bevor er sich den Gästen zuwandte. Seine Mutter stand in der ersten Reihe, neben Ashayera, bedachte ihn keines Blickes. An Ashayeras Seite stand ihre Leibwache. Der Gesichtsausdruck des Mannes war säuerlich. Daneben stand Onkel Zyriak, der ihn mit kritischen Blicken bedachte.

Seine Kehle schnürte sich zu. Hektisch blickte Cassian über die Menge, bis er Skalyorn entdeckte. Ein freundliches Gesicht unter Hunderten, aber auch Sorge stand darin geschrieben.

Es gab niemanden, der ihn in diesem Moment aufmuntern könnte.

Cassian räusperte sich und holte tief Luft. »Meine Damen, meine Herren! Fürstinnen und Fürsten! Kronprinzessin Ashayera!« Sie trat kurz vor, machte einen Knicks, bei dem ein Raunen durch den Raum glitt. »Königin Daneela.« Seine Mutter nickte nur knapp. Das reichte aus, um mit ihrer Erhabenheit das Raunen verstummen zu lassen.

Cassian schluckte, die Worte entglitten ihm und eine peinliche Stille folgte, die wahrscheinlich gar nicht so lang war, Cassian jedoch wie eine Ewigkeit erschien. Der Schweiß trat ihm auf die Stirn und er musste gegen ein Zucken im linken Bein ankämpfen. Schließlich holte er tief Luft, sprach mit fester Stimme weiter. »Ich heiße Euch alle willkommen in meinem Heim, um hier die Verlobung meiner Schwester zu feiern.« Er nickte in ihre Richtung und sie ließ es sich nicht nehmen, kurz neben ihn zu treten und sich zu verbeugen. Die Massen klatschten und riefen laut ihren Namen und es dauerte eine Weile, ehe sie so weit verstummt waren, dass er weitersprechen konnte. »Ihr seid heute nicht hierhergekommen, um mich sprechen zu hören und viel zu sagen habe ich nicht.« Einige Gäste lachten und Cassian versuchte sich an einem Grinsen, befürchtete aber, dass er kläglich scheiterte. »Lasst uns nun den Verlobten meiner Schwester willkommen heißen, unseren zukünftigen König und höchsten Priester, Korai an’Yelia!« Er trat zur Seite und deutete auf die Tür. Zwei Wachen eilten sofort herbei, um sie zu öffnen.

Erst sah Cassian nur einen Umriss im Schatten, dann begannen die Trommeln, und langsam, in ihrem stetigen Rhythmus trat Korai hinaus in den Saal.

Er trug nur einen Lendenschurz, der aus dem gleichen grünen Samt wie Cassians Robe war und fast bis zum Boden reichte. Auf seine weiße Haut waren in dunklem Grau verschlungene Muster und Zeichen gemalt, deren Wirkung durch den Kontrast verstärkt wurde. Er trug eine Maske, die aus zahlreichen silbernen Plättchen bestand, die an die Schuppen einer Schlange erinnerten. Sie bedeckte die obere Hälfte seines Gesichts, ließ nur einen schmalen Schlitz für die Augen frei, die Korai noch geschlossen hielt. Schwarze Federn waren in seine Haare geflochten. Die silbernen Siegelarmbänder, die seine magischen Kräfte einschlossen, klimperten an seinen Handgelenken. Er hielt einen ebenso silbernen Stab in Händen.

Auf seiner Brust lag ein Anhänger, in Form einer Rose, mit einem purpurnen Stein, der schwach leuchtete. Irgendwie stach es aus dem Bild heraus, als gehörte es nicht zum Ritual. Als wäre es ein Teil, der Korai gänzlich eigen war. So besonders wie alles an ihm.

Er öffnete die Augen und schlug den Stab im Rhythmus der Trommeln auf den Boden. Cassian spürte, wie ein Vibrieren durch seinen Körper ging. Beim Blick in Korais Augen lief es ihm kalt den Rücken herunter. So viel Stärke lag in ihnen, dass daneben selbst Nevarlyn und seine Mutter verblassten.

In langsamen Schritten ging er zur Feuerstelle und, als sie in seinem Rücken lag, wurde der Rhythmus der Trommeln schneller. Korai legte den Kopf in den Nacken,

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG Sonnenstraße 23 80331 München Deutschland

Tag der Veröffentlichung: 08.09.2017
ISBN: 978-3-7438-3187-2

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