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Adalbert Denner kehrte 1917 mit einem Bein aus der Hölle von Verdun nach Hause zurück und vergrub sich in seinem kleinen geerbten Bauernhof in Kaltennordheim. Als Holzfäller konnte er nicht mehr arbeiten und verschrieb sich daher der Hasenzucht. Verbittert über sein Krüppeldasein sprach er sehr wenig und auch seine Frau hörte manchmal wochenlang kaum ein Wort. Am 14.Mai 1924 zu seinen vierzigsten Geburtstag erhielt Adalbert Besuch von seinem ehemaligen Kriegskameraden Heinrich, welcher Mitinhaber eines Basaltschotterwerkes am Umpfen bei Kaltennordheim war.

Heinrich brachte als ein von allen bestauntes Geburtstagsgeschenk ein Fahrrad mit, welches auf der linken Seite anstatt eine Pedale eine große Feder hatte. Und eine Woche später fing Adalbert als Maschinist im Basaltschotterwerk an, zu dem er seit dem jeden Morgen um 5 Uhr mit seinem Fahrrad radelte. So thronte er nun jeden Tag außer Sonntags über seinem Basaltbrecher, welcher tosend die Basaltbrocken zu Schotter zermalmte. Das Getöse machte Adalbert nichts aus und seine Augen flitzen ständig über das Transportband um entsprechend der Größe der ankommenden Schotterbrocken die Geschwindigkeit des Bandes zu steuern.
Nach zwei Jahren am Brecher machte Adalbert eine Entdeckung am Wellblechdach, welches über dem Basaltbrecher befestigt war, über die er sich Anfangs absolut keinen Reim machen konnte. Unter dem Wellblechdach hingen wie an einem Magnet kleine Basaltsplitter. Zuerst dachte er, die Basaltsplitter würden am Teer fest hängen, mit dem die Blechfugen verklebt waren, aber die Splitter hingen auch in den Vertiefungen der Rillen wo das Blech blank war.
4 Jahre später, am 14. Mai 1927 landete Adalbert Denner am Vormittag gegen 9.00 Uhr mit einem kistenartigen Flugzeug krachend in einem Garten auf dem Sorghof bei Bad Salzungen sternhagelvoll auf einem Apfelbaum und brach sich das rechte gesunde Bein. Das Fluggerät wurde bis auf wenige Leisten und Stofffetzen von einer Windbö weggetrieben und wurde nicht mehr gefunden. Notdürftig geschient wurde er mit einem Pferdefuhrwerk nach Bad Salzungen in das Sulzberger Krankenhaus gebracht und erzählte dabei lallend meinem Großvater, welcher diesen merkwürdigen Transport übernommen hatte, eine Geschichte, wie man in der Rhön fliegen lernen kann. Dabei hielt er sich krampfhaft an dem kleinen Pferdewägelchen fest, weil er bei dem kleinsten Schlagloch fast immer aus dem Wagen gefallen wäre.
Adalbert erzählte die Geschichte unter dem Vorbehalt, dass mein Großvater niemand sagen solle, wie er in den Garten auf dem Sorghof gelangt ist. Adalbert war geflogen!

Jedenfalls begann alles mit diesen Basaltsplittern, welche Adalbert von der Unterseite des Wellblechdaches kratzte. Als Adalbert die ersten Splitter zwischen Daumen und Zeigefinger hielt, bemerkte er, dass die Splitter, wenn er sie wieder los ließ, zum Wellblechdach zurückflogen. Als er einen Basaltsplitter neben dem Dach los ließ, flog der Splitter einfach nach oben in der Luft auf und davon. Verdutzt machte Adalbert mehrmals den Versuch mit den ca. 1- 4 cm großen Basaltsplittern und immer wieder hatten diese Versuche das gleiche Ergebnis. Die Steinsplitter fielen praktisch nach oben statt nach unten. Adalbert hatte als Brotbüchse einen alten Gasmasken-Blechtornister in seinem Rucksack und in diesen begann er nun die Splitter zu sammeln. Er hielt einfach die Büchse mit der Öffnung nach unten und mit kleinen Klick-Geräusch sammelten sich die Basaltsplitter am Boden der Büchse. Er beschloss erst einmal niemand seinen Fund zu zeigen und nahm die "fliegenden Basaltsplitter" zum Feierabend mit nach Hause. In einer kleinen Scheune neben seinem Haus hatte er eine kleine Futterkiste, welche er einfach umdrehte und mit zwei Nägeln an der Scheunenwand festnagelte. In diese Kiste schüttete er dann die Basaltsplitter. Am anderen Tag beobachtete er öfter das Wellblechdach über den Basaltbrecher - und tatsächlich, das Dach begann sich langsam wieder mit Basaltsplittern zu füllen. Und wieder sammelt er die Splitter ein und verstaute sie in seinem Tornister. Nach einigen Tagen prasselten aus dem Brecher wallnussgroße Brocken an das Wellblechdach und als Adalbert damit die Büchse füllte begann auf einmal die Büchse, nachdem er einige Bröckchen in die Büchse warf zu schweben. Er sagte sich, dass er niemals mit einem Rucksack nach Hause fahren könnte, der auf seinem Rücken über seinem Kopf schweben würde und befestigte aus diesem Grunde praktisch veranlagt wie er nun mal war, den Gasmaskentornister mit der Öffnung nach unten an seinem Fahrrad. Von diesem Tag an, wurde Adalberts Fahrrad täglich leichter, bis es vielleicht nur noch hundert Gramm wog. Dieses superleichte Fahrrad kam nun seiner Behinderung entgegen und Adalbert fuhr seitdem nur noch grinsend auf seinem Fahrrad durch die Gegend. Sein "Geheimnis" erzählte nicht einmal seiner Frau. Fortan machte er sich Gedanken, was er mit seinen seltsamen Basaltsplittern anfangen könnte und begann als erstes sein schweres Holzbein, welches er aus dem Lazarett mitgebracht hatte und es ansonsten selten benutzte, mit Basaltsplittern auszustopfen bis es nur noch soviel wie ein Halbschuh wog. Danach begann er seine Holzkrücken auszubohren und füllte die Hohlräume mit Basaltsplitt. Auch seinen Rucksack präparierte er entsprechend und band dann einen Rucksack, wenn er im Dorf herumlief auf seinem Rücken am Gürtel fest. Im Rucksack nähte er bis 4 Säckchen mit Basaltsplitt fest und wenn er mal Sonntags nach dem Kirchgang einige halbe Liter Bier zu sich genommen hatte, packte er sich den ganzen Rucksack mit Basaltsplittern voll und humpelte dann mit Riesen Sätzen durch die Kaltennordheimer Flur. Da er als Eigenbrötler bekannt war, machte sich niemand um ihn herum groß Gedanken, warum er mit seinen Riesen Schritten eilig durch die Gegend raste. Niemand ahnte, dass Adalbert inzwischen sein Körpergewicht mittels der Basaltsplitter auf 30 Kg herunter mogelte und wie ein Flöckchen daher sprang. Dabei ächzte und fluchte er laut vor sich hin, damit keiner sein leichtes Geheimnis enttarnte. Wenn niemand in der Nähe war, sang Adalbert und besonders, wenn er in den Wald ging um Pilze oder Reisig zu holen, sprang Adalbert mit großen Sätzen manchmal johlend im Wald herum.
Nach einem halben Jahr hatte Adalbert in seiner Scheune einige Kisten mit Basaltsplittern gesammelt - aber am Blechdach des Basaltbrechers nahm täglich die Menge der Basaltsplitter ab und versiegte dann völlig. Darüber freute sich Adalbert am meisten, weil er Angst hatte, daß eventuell einer seiner Kollegen auch diese Steine finden konnte, von denen er inzwischen dachte, dass der liebe Gott ihn damit gesegnet hätte, um ihn sein Dasein als Krüppel zu erleichtern. Und so schloß er sich in der Scheune immer öfter ein und nagelte und schraubte sich alle möglichen Gegenstände und Hilfsmittel zusammen, welche er mit Basaltsplittern füllte. Er machte aus zwei Holzeimern einen Eimer mit einem Hohlraum und benutzte diesen Super-light-Eimer zum Schweine füttern. Seiner Frau erzählte er, dass es Balsa-Holz sei, welches leicht wie eine Feder wäre. Auch stopfte er zwei Hasen aus, welche er mit einem dünnen Draht an einem Ziegelstein befestigte und direkt hinter der Türe deponierte falls mal ein ungebetener Gast in die Scheune sehen würde. Der Anblick fliegender Hasen würde sicher jeden vor weiteren Erkundungen abhalten. Mit einer Waage baute er sich eine Hebelvorrichtung um seinen Schatz zu wiegen und kam nach einer Wiegeaktion auf 550 Kg entgegen gesetztes Gewicht. Ihm war schon klar, dass er auf Nimmerwiedersehen davon fliegen würde, wenn er sich mit seinen 90 Kg an 91 Kg Splitt hängen würde und sann nach, wie er das Gewicht ausgleichen könnte. Bei seiner Wiegeaktion hatte er bemerkt, dass das entgegen gesetzte Gewicht der Basaltsplitter in einem Blechbehälter größer ist als in einem Holzbehälter.

Durch seine Erfahrungen mit den "Leichtgewichten" in allen seinen Taschen und im fast obligatorisch immer getragenen Rucksack war Adalbert mutig geworden und sann lange ernsthaft über ein Fluggerät nach. In seiner Scheune baute er sich eine große stabile Kiste und befestigte außen links und rechts je zwei kleinere Holzkisten über die er einen Hebelmechanismus baute, welche über die äußeren Holzkisten vier alte Ölkistenhüllen schob. Die Flugkiste band er mit 4 Stricken an einer Öse der Tenne fest hatte nach wenigen Versuchen das Richtige Mischungsverhältnis für seine ersten Flugversuche in der Scheune. Schob er die Blechhüllen gleichzeitig über alle 4 mit Basaltsplitt gefüllten Seitenkästen, so bewegte sich seine Flugkiste nach oben, zog er vorsichtig ein wenig von der Blechhülle links weg, so drehte sich die Kiste nach links. Als er noch eine zweite Blechhülle über die hinteren zwei Kisten montierte, erreichte er, dass die Flugkiste Schub bekam und schräg noch oben flog. Seine seltsame Kiste flog nach einigen Tagen Übung mit ihm in der Scheune sanft wie ein Zeppelin in alle Ecken und bumste nur ab und zu gegen die Wände, weil das bremsen nicht so ganz klappte. In ihm aber rumorte nun ein Kampf, was die Leute sagen würden, wenn sie nun wüssten, dass er fliegen kann. Und dann noch fliegen unter so seltsamen Umständen. Am liebsten wäre es ihm gewesen, wenn er unsichtbar sein könnte, aber das war er nun mal nicht. Ihm war höchstens am Anfang ein wenig schlecht, wenn er leicht schaukelnd im First der Scheune hing und auf die 6 bis 7 Meter unter ihm liegende Tenne sah.

Auf alle Fälle baut er erst einmal die Kiste um und gab ihr das Aussehen eines kleinen Doppeldeckers, welches er aus einer Fliegerillustrierte, welche damals in Mode kamen entnahm. Mit Leisten Draht und Leinwand bastelte er kurze Tragflächen und verlängerte die Kiste mit einem Hohen- und Seitenleitwerk. Sein Haus lag am Rande des Dorfes und das eine Scheunentor ging auf freies Feld und er erkundete, wie er am besten gedeckt durch Kuhlen und kleine Waldstücke ohne gesehen zu werden, in die Rhönberge um dem Umpfen herum fliegen konnte.

Nach einigen Wochen grübeln, üben und vorbereiten war es dann soweit. Nachdem Adalbert eine halbe Flasche Korn getrunken hatte, kletterte er an einem Sonntag Vormittag als niemand auf den Feldern war und die meisten Leute in der Kirche waren, in sein Fluggerät und schwebte in ein bis zwei Meter Höhe gedeckt zu einer Waldlichtung am Umpfen in der er dann in den leicht nebelumschleierten Rhönbergen verschwand.

Adalbert flog und das gar nicht mal so schlecht. Seine Steuerung funktionierte ausgezeichnet und es störte nur ein wenig das klappernde Geräusch der Propelleratrappe, welche sich ja nur durch den Fahrtwind drehte. Auch merkte Adalbert, dass er nur in Wellen fliegen konnte. Entweder es ging rauf oder entweder es ging runter. Er flog so mit Fahrradtempo ein bis zwei Meter über den Baumwipfeln und hatte sehr Mühe um gegen den Wind anzukommen, welcher ihn mal nach unten und mal nach oben drückte. Sowie er verborgen durch den Höhenzug des Umpfen mehr als 20 Meter über den Baumwipfeln flog, drückte ihn sofort der Wind in eine Richtung in die er nicht fliegen wollte. Nach einigen Stunden "Testflug" schwebte Adalbert wieder zurück und gelangte ohne gesehen zu werden in seine Scheune und trank die andere Hälfte der Flasche aus. In der danach folgenden Zeit baute er nach weiteren Versuchen die Tragflächen und die Leitwerke auf kurze Stummel zurück, damit seine "Maschine" wie er sie inzwischen liebevoll nannte weniger Angriffsfläche dem Wind bieten konnte.
Am 14.Mai 1927 hatte sich Adalbert am frühen Morgen mit seiner Frau gestritten, welcher Adalberts Tun und Handeln langsam wegen der fliegenden Hasen unheimlich vorkam und wahrscheinlich auch etwas von seinen "Versuchen" mitbekam, den Sie verlangte, dass er die "Schirn" - die Scheune nicht mehr betreten solle. Adalbert ging aber trotzdem wütend in die Scheune, leerte fast eine Flasche Korn und stieg danach durch den Wiesendunst senkrecht in die Höhe bis auf Kirchturmspitzehöhe und flog in Richtung Norden zum Umpfen. Dort hat ihn dann eine Windbö erwischt und er war nicht mehr in der Lage durch seinen alkoholisierten Zustand seine Maschine "geregelt" zu fliegen. Nach 20 Km landete er auf dem Apfelbaum auf dem Sorghof. Mein Großvater bog sich auf dem Kutschbock vor Lachen wegen so einem Blödsinn den der Adalbert erzählte und erreichte dadurch, da Adalbert einen puterroten Kopf bekam und erbost seine Jacke aus zog und sie meinem Großvater überreichte.
"So und jetzt lässt du die Jacke mal los", sagte Adalbert und mein Großvater ließ die Jacke los und musste mit ansehen, wie die Jacke langsam wie ein Drachen in die Luft stieg und nach wenigen Minuten in den Wolken verschwand. Am anderen Tag brannte in Kaltennordheim Adalberts Scheune ab. Der Schaden wäre nicht sehr groß gewesen, ein paar Hasen und Heu wäre verbrannt und einige Dorfjungen schworen noch Jahre danach, sie hätten kurz nach dem Brand zwei fliegende Hasen gesehen.

Falls Sie mal am Umpfen vorbei kommen sollten, und sie sehen dort jemand Basaltsteine zerschlagen, dann sagt ihnen derjenige, der die Steine zerbricht, dass das Blech wegen der Splitter vor die Augen gehalten wird. Ich wette, die Unterseite des Bleches bekommen Sie nicht für Geld und gute Worte zu sehen!
Mitte des Jahres Zweitausendundfünf geht ein Mann mit einer kleinen Blechdose in die Zentrale eines großen Energiekonzerns in Berlin. In einer der unteren Etagen wurde er empfangen. Der Mann lies Steinchen fliegen. Aus der kleinen Blechdose an eine große Decke. Man holte eine Leiter und pflückte die Steinchen von der Decke und lies die Steinchen immer und immer wieder fliegen. Nach oben!

Dann telefonierte man in die oberen Etagen. Die von oben sahen sich das an und telefonierten mit einer Ranch.

Bonnies Ranch, Karl-Bonhoefer-Nervenklinik in Berlin-Wittenau. „Da kannste da jleich uff Bonnies Ranch bringen lassen, da biste denn ooch in juten Händen“.
Dort gibt es Jesus, den lieben Gott, Genies, die von LSD und THC gesalbt wurden und Leute, die gesehen haben, wie Steinchen fliegen. Nicht von oben nach unten, sondern von unten nach oben!

© R.Hebstreit 1996/2008

Impressum

Texte: © R.Hebstreit 1996/2008
Tag der Veröffentlichung: 29.09.2008

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