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Leseprobe

Winternachtsmagie

Birgit Gruber

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dies ist ein Roman.

 

Die Namen der behandelten Personen sind frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten mit real existierenden (lebenden oder toten) Menschen wären reiner Zufall.

 

  1. Prolog

 

 

Magie! Wie vermutlich alle Kinder liebte auch ich Zaubertricks, als ich klein war. Und bis zu einem gewissen Alter glaubt man wirklich, dass es so was wie Zauberei gibt. Das ist so ähnlich wie mit dem Weihnachtsmann. Als ich älter wurde, besaß ich sogar einen Zauberkasten. Aber ich war in dieser Kunst nicht besonders gut, egal wie viel ich übte. Deshalb begnügte ich mich irgendwann mit der Rolle des Zuschauers. Als Teenager guckte ich den Zauberer von Oz und die Shows von Größen wie David Copperfield im Fernsehen. Als dann die Harry-Potter-Reihe erschien, verbrachte ich – wie viele – ganze Nächte lesend auf dem Sofa. Die Vorstellung, dass es Menschen mit besonderen (guten) Kräften gibt, gefällt mir auch heute noch.

Ich möchte unbedingt einmal eine der großen Zaubershows in Las Vages besuchen. Auch wenn es einstudierte Tricks sein sollen, die vorgeführt werden, bin ich dennoch fasziniert von dieser unglaublich toll präsentierten Illusion.

Ja, ich gebe zu, es sprengt ein wenig mein Vorstellungsvermögen, dass man tatsächlich ein Kaninchen im Ärmel verstecken kann, um es dann wie aus dem Nichts hervorzuzaubern. Inzwischen gibt es sogar Zauberkünstler, die aus einem Tablett ein Glas Saft einschenken. Können Sie sich erklären, wie das funktioniert? Also ich mir nicht.

Vielleicht existiert doch mehr zwischen Himmel und Erde, als wir Menschen uns vorstellen können. Eines weiß ich jedenfalls sicher, auch wenn ich so einen Augenblick noch nicht erlebt habe. Sogenannte magische Momente gibt es tatsächlich! Sie nennen sich Liebe!

 

1

 

 

»Sa-rah!!!«, brüllte mein Chef Dr. Dieter Dombauer, sodass die kleine Porzellanfigur, die in meinem Regal direkt an der Wand zum Nachbarzimmer stand, leicht erzitterte.

Hätte ich mein haselnussbraunes Haar nicht zu einem ordentlichen Pferdeschwanz zusammengebunden, stünde es mir angesichts seines Kampfgeschreis vermutlich in allen Richtungen vom Kopf. Aber diesen Fehler hatte ich nur in meiner ersten Woche als Dr. Dombauers Assistentin gemacht. Inzwischen war ich bereits seit über vier Monaten hier und gefühlt um ein Jahr gealtert.

Dabei hatte ich mein gesamtes bisherigen Leben darauf hingearbeitet und tatsächlich meinen Traumjob ergattert. Nun ja, es war nicht alles Gold, was glänzte, und wie hieß es noch so schön: Man solle sich gut überlegen, was man sich wünschte. Es könnte in Erfüllung gehen! Inzwischen verstand ich den Sinn dieser abgedroschenen Kalendersprüche.

Dem berühmt-berüchtigten Rechtsanwalt Dr. Dombauer zur Hand gehen zu dürfen, war für eine Assistentin so etwas wie der Ritterschlag. Zu ihm kamen die Reichen und Schönen, die Wirtschaftsbosse und Lobbyisten. Er hatte Kontakte in die Politik, und seine Kanzlei war die Adresse schlechthin für alle, die es sich leisten konnten. Egal mit welchem Rechtsproblem man zu Dombauer & Kollegen kam, der Erfolg war quasi garantiert.

Wenn man für eine solche Größe arbeitete, gehörte man zu den Besten der Besten meiner Berufssparte, und das Gehalt war entsprechend großzügig bemessen. Dafür verlangte der Herr Anwalt aber auch einiges mehr, als in der Stellenbeschreibung vorzufinden war.

Ich war Tippse, die nette Telefonstimme, seine Vorarbeiterin mit Akteneinsicht, Paragraphenreiterin, der Prellbock für jedermann, der zum Chef vordringen wollte, und nebenbei durfte ich mich auch gerne um diverse Kleinigkeiten kümmern, wie einen Fleck aus dem Sakko entfernen, die depressive Edelkatze bei Bedarf bespaßen und natürlich seinen privaten Terminkalender führen. Der Tag hatte nie genug Stunden und ich keine Wochenenden mehr.

Ja, ich konnte zwar mit Stolz und Recht behaupten, Dombauers persönliche Assistentin zu sein – was mir in Expertenkreisen durchaus anerkennende Blicke einbrachte –, doch leider hatte ich kaum mehr Gelegenheit, in diesen Genuss zu kommen, weil ich ja permanent arbeitete.

»Sarah!«, ertönte schon sein Echo, und ich schoss kerzengerade von meinem Stuhl hoch. Mit acht großen Schritten stand ich vor seinem Schreibtisch.

»Wieso hat das so lange gedauert?«, knurrte er und sah von seinen Unterlagen auf.

Früher hätte ich erwidert, dass schätzungsweise gerade mal fünf Sekunden vergangen sein müssten, bis ich bei ihm erschienen war. Aber das konnte ich mir schenken. Auf solcherlei Kleinigkeiten legte mein Boss keinen Wert. Mit einer derartigen Antwort handelte ich mir höchstens einen Minuspunkt ein.

Also lächelte ich nur freundlich. »Was kann ich für Sie tun?«

»Ich brauche den Vorgang Sandor. Und der Kaffee füllt sich auch nicht von alleine ein«, schnappte er und stellte seine Tasse geräuschvoll vor mir ab.

»Die gesuchte Akte finden Sie auf dem Stapel rechts von Ihnen, gleich die zweite von oben. Kaffee kommt sofort«, erklärte ich höflich und drehte mich auf dem Absatz um.

»Machen Sie die Tür zu, damit mich die Maschine nicht beim Denken stört.«

Ich tat wie geheißen. Während der Kaffeeautomat mahlte, schloss ich für eine Millisekunde die Augen und atmete tief durch. Ich hatte gelernt, mit seinen Allüren umzugehen, trotzdem war es nicht immer einfach. Als heißer Wasserdampf emporschoss und sich allmählich Kaffeeduft in meinem Büro verteilte, ließ ich den Blick über mein kleines Reich schweifen.

Der Raum samt Mobiliar war ganz in Weiß und Hellgrau gehalten. Hell, dezent und gleichzeitig sehr edel. Eine große Dattelpalme brachte etwas Farbe dazu. Ich guckte flüchtig aus dem Fenster. Abgesehen von einigen anderen Hochhäusern, schaute man von hier aus nur in den wolkigen Himmel. Der Ausblick könnte wirklich atemberaubend sein, hier im dreiundzwanzigsten Stock mitten in Mainhattan, wenn man nicht so viel zu tun hätte … Aber heute war sowieso ein typischer Novembertag. Trübes graues Wetter, dazu Nieselregen und bald würde es dunkel werden.

Aus dem Nachbarzimmer drang ein klatschendes Geräusch. Vermutlich hatte Dombauer wieder einen seiner extrem dicken Gesetzesschinken auf den Schreibtisch geknallt. Schnell schnappte ich mir die Kaffeetasse und brachte sie ihm, bevor er mir noch vom Stuhl fiel.

»Haben Sie die Bohnen dafür erst in Guatemala geerntet?«, brummte mein Chef. Es war seine Art, ›Danke‹ zu sagen.

»Kann ich Ihnen sonst noch etwas bringen?«

»Die Hintergrundrecherche zum Behringer-Fall. Ich warte noch darauf!«

Ich nickte und rang innerlich nach Luft. »Ist in Arbeit.«

Er hatte mir die Aufgabe erst am Mittag zugetragen!

»Na dann. Worauf warten Sie?«

Seine Brauen hoben sich verdrossen, und ich bemühte mich um einen stilvollen Abgang.

»Tür zu. Herrgott noch mal!«, wetterte er hinter mir her.

Ich angelte nach dem Griff und zog sie leise ins Schloss. Mal sollte sie offen stehen, damit er mir jederzeit etwas zurufen konnte, dann wieder geschlossen werden. Wie ich es auch praktizierte, es war grundsätzlich immer verkehrt. Ich rollte mit den Augen und fand mich Justus gegenüber.

Lässig saß er mit einer Pobacke auf meinem Schreibtisch und lächelte mich an. Mein Herz machte einen Satz.

»Sarah Winterstein, pass auf, dass deine Augen nicht stehen bleiben. Mit diesem schielenden Eichhörnchenblick siehst du nicht ganz so umwerfend aus wie normalerweise.«

Sofort schoss mir das Blut in den Kopf. Dass er mich auch gerade erwischen musste, wie ich eine Grimasse zog! Dann drangen seine letzten Worte in mein Gehirn vor. Er fand mich umwerfend?

Verstohlen guckte ich an mir hinab. Na ja, hässlich war ich nicht, das stimmte schon. Meine Taille konnte sich durchaus sehen lassen, in dem schicken Businesskostüm in Dunkellila. Die Beine in der feinglänzenden Strumpfhose wirkten durch die hohen Pumps noch länger. Und inzwischen hatte ich auf den Sechs-Zentimeter-Pfennigabsätzen auch recht gut laufen gelernt. Die gehörten nämlich ebenfalls zu den verborgenen Punkten in der Stellenbeschreibung, wie ich sehr schnell hatte erfahren müssen.

Auf ebenjenen stöckelte ich leichthin und gleichzeitig so sexy wie möglich auf Justus zu. Er war einer der Junganwälte, dreiunddreißig Jahre alt und damit fünf Jahre älter als ich. Seit meinem ersten Tag in der Kanzlei hatte ich mein Herz an ihn verschenkt. Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen! Mit seinen braunen Augen, dem aschblonden Haar und seinem charmanten Lächeln, das seine süßen Grübchen hervorbrachte, hatte er mich sofort verzaubert. Außerdem besaß er eine angenehme warme Stimme und wusste zu jeder Gelegenheit das Passende zu sagen.

Obwohl ich mit den jüngeren Anwälten meist nichts zu tun hatte – außer sie erhielten eine Vorladung beim Oberboss! –, hatte ich von Anfang an jede Möglichkeit gesucht und genutzt, die sich mir geboten hatte, um in seine Nähe zu kommen. Es hatte nicht lange gedauert, und ich hatte seine Aufmerksamkeit auf mich gezogen. Ja, sogar mehr noch. Bereits eine Woche später hatte er mich zum Essen eingeladen. Seitdem waren wir Freunde. Hin und wieder auch etwas mehr, wenn Sie verstehen, was ich meine … Das wollte ich gerne ausbauen. Aus ›ab und zu‹ sollte ›dauerhaft‹ werden.

»Justus, was machst du da? Hast du keine Angst, dass der Chef dich entdeckt?«, zischte ich verlegen und warf dabei einen flüchtigen Blick über meine Schulter.

Er lachte leise. »Der ist doch viel zu beschäftigt. Wann ist er denn zuletzt durch diese Tür getreten?«

Natürlich hatte er recht. Wenn Dombauer keine aushäusigen Mandanten- oder Gerichtstermine hatte, war er in der Regel in seinem Büro wie festgewachsen.

»Trotzdem …« Ich schüttelte in Anbetracht von Justus' flapsigem Benehmen den Kopf. Er war ziemlich selbstüberzeugt, und irgendwann würde ihm das vermutlich Ärger bescheren. Denn auch wenn er – soweit ich wusste – hervorragende Arbeit leistete, das Sitzen am Schreibtisch der Chefassistentin würde der Boss garantiert nicht gutheißen. »Wenn er dich so da hocken sieht, ist er in seiner Meinung nur bestätigt, dass keiner in dieser Kanzlei genügend ausgelastet ist. Du kennst ihn doch. Er glaubt, wir sind alle unterbeschäftigt«, flüsterte ich, nun nahe bei ihm, was in meinem Magen ein gewisses Hüpfen meiner Hormone verursachte.

Justus schnaubte. »Klar kenne ich seine Einstellung. Und wir wissen beide, dass das die Untertreibung des Jahrzehnts ist. Ich weiß vor Arbeit nicht wohin. Mir schwirrt der Kopf, und die Zeit sitzt mir im Nacken.«

»Und warum sitzt du dann nicht an deinen Akten?« Ich umrundete ihn, auch wenn es mir schwerfiel, und setzte mich brav.

»Na, um mal durchzuschnaufen. Du bist die schönste Abwechslung, die es gibt in diesem Laden.«

»Oh!«, hauchte ich und blinzelte geschmeichelt.

»Ach Sarah, ich habe keine Ahnung, wie ich das alles schaffen soll. Selbst wenn ich die ganze Nacht durcharbeite, glaube ich kaum, dass ich rechtzeitig fertig bin.« Justus seufzte und fuhr sich erschöpft durch sein fülliges Haar. Für einen Moment sah er nicht so perfekt frisiert aus, wie es sich für einen respektablen Anwalt der Kanzlei Dombauer & Kollegen gehörte. Mir aber gefiel er so noch sehr viel besser.

»Das hört sich nicht sonderlich gut an. Was ist denn derart zeitaufwendig?«

»Hintergrundrecherche einer Scheidungssache.« Er rollte mit den Augen.

»Hm. Das kann durchaus dauern«, stimmte ich ihm zu. Ich sprach da aus Erfahrung, blieben solcherlei Nichtigkeiten doch in der Regel an mir hängen. Das war in der Vergangenheit so gewesen und bei meinem neuen Chef nicht anders. Nur, dass mir bei dem bekannten Dombauer nicht der kleinste Fehler unterlaufen durfte. Natürlich sollte niemals ein Detail vergessen werden, das war selbstredend auch in meinen früheren Positionen bei diversen Anwälten so gewesen. Aber bei meinem jetzigen Arbeitgeber waren meine Ergebnisse gleich ›seine‹ Ergebnisse. Das hatte er mir mehr als deutlich klargemacht. ›Wenn Ihnen etwas entgeht, denken meine Mandanten, ich bin nicht fähig, meinen Job zu machen! Meine Klientel ist hochrangig, das brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen!‹, hatte er mir in einem Ton eingebläut, der durchaus Herzrhythmusstörungen verursachen konnte. Was übersetzt so viel hieß, dass ich vermutlich mit einer Kündigung, mindestens aber mit einer Abmahnung rechnen musste, falls – ich betone ›falls‹ – mir jemals so was passieren würde.

Ich sah Justus an und überlegte, ob er auch einmal so werden würde. Er stand noch ganz am Anfang seiner Karriere, musste sich alles selbst erarbeiten. Aber irgendwann würde er ebenfalls eine Assistentin bekommen …

»Was ist? Was geht in deinem hübschen Köpfchen vor?«, fragte er prompt.

»Ähm … Ich dachte nur gerade …« Fieberhaft überlegte ich, was ich antworten könnte. Sollte ich ihm etwa geradeheraus sagen, dass ich eben darüber nachgedacht hatte, ob auch er irgendwann zum erfolgsverwöhnten Egomanen mutieren würde? Außerdem konnte ich mir das bei Justus gar nicht vorstellen. Er war viel zu nett dafür! Und während ich noch darüber sinnierte, bekamen seine Augen einen besonderen Glanz. Sein Gesicht hellte sich auf, und sein verführerischer Mund öffnete sich.

»Sarah, du willst doch nicht andeuten, dass du mich unterstützen möchtest. Das ist ja so was von lieb von dir! Das kann ich gar nicht annehmen. Aber stimmt, du hast schon recht. Es dient der Sache. Immerhin muss ich morgen bei dem Termin alles haben und wie immer bestechen. Sonst rammt mich der Big Boss ungespitzt in den Boden.«

Er griff meine Hand. Sein Händedruck war warm, und die Berührung löste ein wohliges Gefühl in mir aus. Mein Herz überschlug sich kurz. Bis ich mich wieder unter Kontrolle hatte, sprang Justus auf und jubilierte bereits: »Du bist wirklich die Beste!«

Er setzte dazu an, mich zu umarmen, unterließ es dann jedoch. War wahrscheinlich auch besser so. Immerhin waren wir hier im Büro! Hier sollte niemand wissen, ob oder was da privat zwischen uns lief.

»Ich lasse dir gleich alles Nötige zukommen. Wenn du es bis spätestens abends um neun fertig hast, kann ich es ohne Probleme noch mit in meine Vorbereitungen einbauen. Danke, Sarah!«, rief er aufgeregt und eilte zurück in seine eigenen Räume.

Völlig verdattert starrte ich ihm hinterher und versuchte zu begreifen, was da gerade passiert war.

 

***

 

»Oh Mann, Sarah! Warum tust du dir das nur an?«, wollte meine Freundin Katja wissen. Wir waren für den Abend in unserem Stammbistro verabredet gewesen. Schon vor über zwei Stunden. Aber es war weit nach neun Uhr geworden, bis ich endlich eingetroffen war. Mit schwirrendem Kopf hatte ich mich in die Nische neben sie gedrückt.

Es herrschte reges Treiben in dem gemütlichen Lokal. Stimmengemurmel untermalt von hipper Musik erfüllte den Raum. Es wurde getrunken, gegessen und gelacht. Sofort wurde mir warm. Nach der Kühle der Nacht spürte ich die Hitze, die hier drin herrschte, umso mehr. Ich riss mir meinen Schal vom Hals und streifte meinen Mantel ab. Als ich mich gerade in meiner selbstgewählten Zwangsjackenstellung befand, trat Luc, unser Kellner des Abends, an den Tisch.

»Hey Sarah, was kann ich dir bringen?«

»Ähm …« Ich hielt in der Bewegung inne und schielte auf die Karte, die vor mir lag. Da meine Arme noch gefangen waren, reckte ich das Kinn, um einen besseren Blick zu erlangen.

Luc wartete und gluckste leise. Dass er dabei ständig seinen Kugelschreiber klicken ließ, untermalte die Situation noch. Ich schüttelte leicht den Kopf. Die Karte kannte ich so ziemlich auswendig. Jedenfalls die Gerichte, die ich meistens aß.

»Eine Weißweinschorle und die Pasta Arrabiata«, orderte ich ergeben.

»Also wie immer.« Luc nickte.

»Ja.« Ich seufzte. Warum hatte ich gerade jetzt etwas anderes wählen wollen? Immer noch ein wenig verpeilt, schälte ich mich aus dem Mantel und schob ihn heftiger als nötig in die Ecke.

Katja grinste.

»Er kann nichts dafür, dass du dich mal wieder hast einspannen lassen«, wies sie mich zurecht.

»Was heißt denn ›wieder‹?«

»Na, das ist doch nicht das erste Mal, dass Justus dich seine Arbeit machen lässt.«

Ich starrte meine Freundin an. »Nein, das zweite Mal. Und ich habe ihm meine Hilfe angeboten! Das ist ein Unterschied, findest du nicht?«

Katja zuckte mit den Schultern. »Hm. Dann kann ich dir nur den Tipp geben, es nicht zur Gewohnheit werden zu lassen.«

Ich grummelte etwas in meinen nicht vorhandenen Bart.

»Sarah, ich mein es doch nur gut.« Meine Freundin legte vertraulich ihre Hand auf meine. »Seitdem du in dieser Top-Kanzlei arbeitest, erkenne ich dich kaum mehr. Wir sehen uns so selten. Du ackerst wie ein Tier. Hast eigentlich nie Zeit. Du wirkst müde und abgespannt.«

»So ist das eben, wenn man die Chefassistentin eines Dr. Dieter Dombauer ist«, verteidigte ich mich. Aber ihre Worte berührten mich. Sie hatte nicht unrecht. Mein Privatleben war in den letzten Monaten weitestgehend zum Erliegen gekommen. Und auch heute – jetzt! – säße ich nicht hier, wenn Katja nicht derart vehement darauf bestanden hätte, dass wir unsere Verabredung einhielten.

»Und? Ist es das wert?« Sie musterte mich angestrengt.

»Ja. Ich denke schon.«

»Also, ich bin mir da nicht so sicher. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich dir von dem Job niemals erzählt und schon gar kein gutes Wort für dich eingelegt.«

»Was wird das hier? Ein Verhör? Eine Standpauke?« Ich zog meine Hand weg und schnappte mir das Glas, das Luc eben in diesem Moment brachte.

»Essen kommt gleich«, sagte er. Doch der Appetit war mir irgendwie vergangen. Stattdessen genehmigte ich mir einen großen Schluck von der Weinschorle.

»Ich mache mir doch nur ein wenig Sorgen um dich«, beteuerte Katja indes.

Ich schnaufte. Ja, das wusste ich. Wir waren Freundinnen seit dem Kindergarten. Wir hatten miteinander die Schulbank gedrückt, unseren ersten Liebeskummer geteilt, waren immer füreinander da. Wir hatten nie den Kontakt verloren, auch nachdem sich unsere Lebenswege getrennt hatten. Zu Anfang hatten wir uns sogar beide für ein Jurastudium entschieden. Doch während ich mein erstes Staatsexamen abgelegt und mich für eine ›Karriere‹ als Diplomjuristin entschieden hatte, hatte Katja bereits nach dem zweiten Semester lieber etwas Lebensnäheres angestrebt, das Studium geschmissen und war heute glückliche Besitzerin eines gutgehenden Fitnessstudios.

Dort hatte sie auch von der Stelle bei Dombauer gehört. Ein paar unserer Anwälte trainierten nämlich regelmäßig bei ihr. Beim proteinhaltigen Drink an der Bar war es Katja zu Ohren gekommen, und da sie wusste, wie ehrgeizig ich war, hatte sie mir postwendend davon berichtet. Sobald klar gewesen war, dass ich mich beworben hatte, hatte sie selbstredend für mich die Werbetrommel an den entsprechenden Stellen gerührt. Ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie sie unsere armen Paragraphenhengste belabert hatte, als sie auf dem Laufband standen, auf dem Rad saßen oder unter der Hantelbank lagen und ihr nicht entwischen konnten. Ob es letztlich etwas zu meiner Einstellung beigetragen hatte, wusste ich nicht, glaubte es allerdings kaum. Dr. Dombauer war da sehr eigen. Er ließ sich bestimmt nicht dreinreden.

»Also, ich kann dir sagen, dass ich noch genug Arbeit rumliegen habe. Wenn du mich nur treffen wolltest, um mit mir zu schimpfen, dann hätte ich lieber was Sinnvolles gemacht«, brummte ich verstimmt.

»Klar. Und weil du noch nicht genug zu tun hast, erledigst du jetzt auch noch den Job von Justus!« Katjas Brauen zogen sich missmutig zusammen.

»Das hab ich dir doch schon erklärt. Er brauchte mich!«

»Logisch! Was hat er nur gemacht, als du noch nicht da warst?«

Ich sah ihr geradewegs in die Augen. »Warum magst du ihn nicht?«

»Das würde ich so nicht sagen. Ich finde ihn durchaus nett. Er hat einiges auf dem Kasten, auch in sportlicher Hinsicht. Er kann sogar noch witzig sein, wenn er ein paar Kilos stemmt. Deshalb finde ich es auch nicht richtig, dass er dich für seine Zwecke einspannt. Er kann seinen Kram selbst erledigen.«

»Aber –«

»Ja, ja, ich weiß. Du bist von Natur aus hilfsbereit. Das war schon immer dein Problem. Ich erinnere mich da an Sebastian aus der Oberstufe, mit dem treuen Hundeblick. Du hast ihm nicht nur Nachhilfe gegeben, sondern auch seine Aufgaben für ihn erledigt. Ohne dich wäre er wahrscheinlich durchgefallen.«

Sebastian war wirklich ein Fall für die Heilsarmee gewesen. Er war klein, schmächtig und mit Akne im Gesicht übersät gewesen. Hinter seiner Brille hatte er immer ausgesehen wie ein verschrecktes Reh. Wenn man ihn ansprach, war er grundsätzlich zusammengezuckt. Wie hätte ich ihm denn nicht helfen sollen?

Ein Teller voll dampfend heißer Pasta schob sich über die Tischplatte hinweg in mein Blickfeld.

»Guten Appetit«, meinte Luc.

»Danke. Sprachlich war er eben nicht so bewandert«, erklärte ich.

»Wie jetzt? Was erwartest du denn? Soll ich etwa sagen: ›Madame, Ihr Essen. Bon Appetit. Mit besten Grüßen aus der Küche‹?«, antwortete er, weil er sich offenbar angesprochen fühlte.

Irritiert sah ich auf, direkt in Lucs verstimmtes Gesicht. Auch Katja starrte ihn an. Dann lachten wir los.

»Ähm, das wäre wunderbar. Aber mit einem ›Guten Appetit‹ bin ich durchaus zufrieden«, erwiderte ich kichernd. »Entschuldige, du warst gar nicht gemeint.«

»Aha. Tja, dann. Lass es dir schmecken.« Er schenkte mir noch einen misstrauisch verkniffenen Blick.

Versöhnlich schnupperte ich. »Hm. Riecht toll.«

»Das will ich meinen«, brummte er und ging seines Wegs.

Katja gluckste noch immer.

Ich schaute sie an und griff nach meinem Besteck. »Manchmal ist er eine echte Dramaqueen. Findest du nicht?«

Ihre Schultern zuckten. »So sind sie, die Prinzen.«

Ich nickte und kam zurück auf unser Gespräch. »Was ist eigentlich aus Sebastian geworden?«

»Ich habe gehört, dass er ein Kellerbüro beim Straßenbauamt hat. Er sitzt wohl in einem Kämmerchen ohne Fenster und brütet über die Verbesserung der Verkehrslage.«

»Aha. Na ja, passt irgendwie zu ihm. Knifflige Dinge mochte er schon immer.«

»Möglich. Aber der Punkt ist doch, dass Sebastian nur einer von vielen war. Du hast ein Talent dafür, dich für andere aufzuopfern.«

Ich verschluckte mich fast. Eine unzerkaute Nudel wanderte gefährlich nahe in Richtung Luftröhre. Ich schlug mir die Hand vor den Mund und würgte verstohlen, während ich überlegte, ob schon einmal jemand an einer Rigatoni erstickt war. ›Sie starb den Nudeltod‹, zog schon die Schlagzeile vor meinem inneren Auge auf. Wie peinlich war das denn?

»Das klingt ja, als wäre ich Mutter Theresa.« Ich keuchte schließlich und ließ die widerspenstige Nudel einen Salto über meine Zunge schlagen. »Das bin ich keinesfalls«, schob ich dann mampfend hinterher. Ich hatte mich eben immer ziemlich leicht mit dem Lernen getan und wollte keinesfalls als Streberin dastehen. Deshalb hatte ich seit jeher versucht, anderen, die nicht so gut waren, zu helfen.

»Das stimmt. Ich würde dich viel eher als zu gutmütig bezeichnen.« Katja grinste schief. »Geht´s wieder?«

»Ja«, knurrte ich, endlich wieder mit leerem Mund.

»Sarah, ich mache mir doch nur Sorgen, dass Justus dich ausnutzen könnte.«

»Tut er nicht«, beharrte ich vehement. »Er ist ein anständiger Kerl. Mit viel Arbeit. Das ist alles. Und bei Dombauer nichts Ungewöhnliches. Die Junganwälte müssen sich beweisen. Er will gut sein, das ist doch nichts Verwerfliches. Und er kann so süß sein und so aufmerksam. Ich hab dir doch erzählt, dass er mir sogar Pralinen mitgebracht hat, nur weil ich mal ein paar Kleinigkeiten für ihn erledigt habe«, geriet ich ins Schwärmen und seufzte. Katja hingegen rollte mit den Augen. Doch bei dem Gedanken an Justus bekam ich das nur ganz am Rande mit. »Er hat diesen speziellen Blick, mit dem er Eisberge zum Schmelzen bringen kann. Da hat die Gegenseite gar keine andere Wahl, als auf seine Forderungen einzugehen.«

»Ja, und du auch nicht, wie es aussieht. Ich kenne ihn. Du musst ihn mir also nicht anpreisen. Ebenso ist mir klar, dass da was zwischen euch läuft. Und du weißt, dass ich dir von Herzen die große Liebe wünsche. Aber Justus ist …«

»Was?«, schnappte ich.

Katja spielte mit dem Glas in ihren Händen.

»Bist du sicher, dass er es ernst meint?«, fragte sie vorsichtig.

Ich dachte daran, wie lange ich ihn kannte. Vier Monate, in denen wir ausgegangen und im Bett gelandet waren. In denen er mich zum Lachen gebracht und verstohlen mit mir in der Kanzlei geflirtet hatte. Eine richtige Beziehung war daraus bislang nicht entstanden. Justus meinte, es wäre nicht der Zeitpunkt für Treueversprechen oder Zukunftspläne. Und ich hatte ihm durchaus zugestimmt. Immerhin war ich noch in der Einarbeitungsphase und Probezeit. Er hingegen steckte andauernd knietief in irgendwelchen Fällen. Wir hatten kaum Gelegenheit, uns in entspanntem Umfeld zu sehen. Doch für ein bisschen Spaß hin und wieder reichte es. Das letzte Mal hatten wir uns vergangene Woche privat getroffen. Als ich da eine Andeutung hatte fallen lassen, dass wir allmählich doch quasi ein Paar geworden seien, hatte er gar nicht reagiert. Aber das würde ich Katja bestimmt nicht auf die Nase binden!

»Wir sind junge aufstrebende Menschen, die im Leben etwas erreichen wollen. Da stört eine feste Bindung bloß«, wiederholte ich deshalb Justus' Worte. Es klang gut in meinen Ohren. Karriereorientiert, erfolgreich, und doch hatte die Aussage einen etwas faden Beigeschmack, wie ich nun feststellte.

Meiner Freundin entging es vermutlich ebenso wenig. Doch sie kommentierte es nicht. Stattdessen drückte sie meinen Arm.

»Wir kennen uns seit Ewigkeiten. Du bist eine hoffnungslose Romantikerin. Ich wünsche dir, dass du dein Glück findest!«

»Ich weiß.« Genauso wie ich wusste, dass sie nicht daran glaubte, dass Justus der Richtige für mich war.

 

2

 

 

»Othello, nun friss doch bitte!« Verzweifelt lief ich dem Kater mit seinem edlen Porzellanschälchen hinterher. Er schaute mich kurz an, bevor er sich umdrehte und weitertrabte, geradewegs auf die weiße Sofalandschaft zu. Meine Hoffnung, dass er seinen Katzenbaum anpeilte, der direkt danebenstand, erstarb, als er geschmeidig auf die Sitzpolster hüpfte und über das Eckteil dahinter in die Tiefe verschwand. Mit dem Schüsselchen in der Hand schmiss ich mich auf die Couch und lugte in das dunkle Dreieck, auf den Boden.

»Othello! Komm da raus«, bettelte ich und hielt seinen Fressnapf etwas tiefer in sein Versteck. »Riech doch mal. Das ist Ente in feiner Sahnesoße.«

Er ignorierte mich. Schaute nicht nach oben, sondern stur auf die Wand. Hätte ich nicht gewusst, dass er da unten hockte, man hätte ihn fast nicht gesehen. Nur die cremeweißen Fellflecken ließen vermuten, dass da etwas lag. Oder saß.

Othello war Dr. Dombauers Perserkater. Ein stattliches Tier mit braun-beiger Farbmaserung. Kopf, Pfoten und Schwanz waren dunkelbraun, der Rest seines Körpers cremefarben. Seine Augen hellblau. Wenn er einen ansah, hatte man das Gefühl, als würde er bis tief in die Seele blicken. Zumindest empfand ich es so. Leider klappte das umgekehrt nicht gleichermaßen. Ich hatte keine Ahnung, was er wollte. Er war zickig, eine Mimose und höchstwahrscheinlich tatsächlich depressiv.

Vermutlich verständlich. Er war ein Scheidungskater. Als sich mein Chef vor einem knappen Jahr von seiner Frau getrennt hatte, hatte er vehement auf das Sorgerecht für Othello bestanden. So hieß es zumindest. Dabei hatte der Mann doch kaum Zeit. Ich tippte ja darauf, dass er seiner Ex nur eins auswischen wollte, da sie laut Hörensagen an dem Tier ganz besonders gehangen hatte. Dombauer mit Schmusekatze konnte ich mir jedenfalls nur schwerlich vorstellen. Oder saß er abends heimlich auf der Couch wie der Bösewicht aus dem James-Bond-Klassiker mit Othello auf dem Arm? Ich gluckste. Das war natürlich eine Möglichkeit. Dr. Dombauer sah zwar nicht böse aus, aber er konnte durchaus zornig herumschreien. Dann verfärbte sich sein Gesicht immer so ungesund rot. Dagegen aber sprach, dass ich noch nie auch nur ein einziges Katzenhaar an seinem Anzug hatte erkennen können. Na ja, er war auch ein Pedant.

Ich schaute mich in dem großzügigen Wohnzimmer um. Alles wirkte pingelig sauber. Was wohl ein wenig mit der Einrichtung zusammenhing. Abgesehen von dem dunklen Holz des Schreibtisches und der Schrankwand erstrahlte alles Übrige in Weiß. Auch die Küche war klinisch bleich. Dass ich nicht geblendet wurde, lag lediglich daran, dass es draußen heute so trüb war. Ich ließ meinen Blick durch die breite Fensterfront des Penthouses schweifen. Obwohl es erst Mittag war, hätte man glauben können, dass die Nacht bald hereinbrechen würde. Plötzlich fühlte ich mich müde und erschöpft.

Allerdings war ich auch schon seit fünf Uhr morgens bei der Arbeit. Da ich gestern Justus geholfen und Katja nicht hatte versetzen wollen, hatte ich meine eigenen Aufgaben nicht mehr fertigbringen können. Für meinen Chef waren persönliche Gründe jedoch niemals der Rede wert. Er erwartete meine Ausführungen zum Fall Sandor pünktlich um neun auf seinem Schreibtisch! Deshalb war meine Nacht kurz gewesen und ich schon vor dem Morgengrauen vom Bett zu meinem Küchentisch gekrabbelt, auf dem Laptop und sämtliche Unterlagen verstreut waren. Da ich, seitdem ich bei Dombauer & Kollegen tätig war, nicht mehr gekocht hatte, war der Raum von mir nach und nach zum anderweitigen Arbeitsplatz umfunktioniert worden.

Ein leises Geräusch erinnerte mich wieder an meine Aufgabe. Ich schaute zurück in die dunkle Ecke und wollte den Kater nochmals rufen. Doch genau in dem Augenblick sprang er hoch, stieß mit dem Kopf gegen die flache Schüssel, die ich noch immer lockenderweise darüber hielt, sodass sie mir aus der Hand glitt. Ich purzelte nach hinten, die Schale schlug einen Salto, und die Filetstückchen in Sahnesoße verteilten sich in hohem Bogen in alle Richtungen über die Sofalehne. Othello musste indes wie ein Pingpongball zurück auf den Boden getanzt sein, um gleich darauf einen zweiten Befreiungsversuch zu starten, der ihm diesmal gelang. Unsanft landete er genau auf meiner Magengrube.

Leicht benebelt starrte ich ihn an. Er stierte zurück. Seine Schnurrhaare vibrierten. Und für eine Millisekunde hätte ich schwören können, dass er mir zuzwinkerte. Doch Katzen konnten weder lächeln noch absichtlich zwinkern. Trotzdem fand ich, dass er zufrieden wie nie aussah, als er über mich hinwegspazierte und sich auf seinem Kratzbaum niederließ.

Ich rappelte mich auf und inspizierte die Bescherung. So sah also Katzenspaß aus? Ein Teil des cremefarbenen Couchbezugs war nun mit bräunlichen Fleischflöckchen gespickt. Auch auf meinem grünen Bleistiftrock fand ich ein paar Spritzer wieder. Der Porzellannapf schien in der Ecke hinter dem Sofa gelandet zu sein. Ich stöhnte.

»Was war das denn? Hast du das mit Absicht gemacht?«, fragte ich das Tier, das jetzt vollkommen entspannt auf seinem Hochsitz lag.

Mit spitzen Fingern klaubte ich sein Futter von meiner Kleidung und stand auf, da klingelte mein Handy. Sofort bildete sich in meinem Magen ein Eisblock. Das konnte nur Dombauer sein! Zögerlich schaute ich mich im Zimmer um. Hatte der Mann hier etwa Kameras eingebaut? Überwachte er, was ich in seinen Räumen tat? Und hatte er nicht nur unseren dämlichen Zusammenstoß miterlebt, sondern auch schon die Sauerei entdeckt, die dabei entstanden war?

Erst jetzt wurde mir das Ausmaß unseres kleinen Unfalls bewusst. Dombauer würde ausflippen, wenn sein klinisch sauberes Zuhause durch meine Wenigkeit verunreinigt wurde. Dabei war ihm garantiert völlig egal, dass sein kleiner Liebling im Grunde der Schuldige gewesen war. Mit wildem Blick suchte ich die Zimmerecken nach Überwachungskameras ab, bevor ich die Schweinerei auf der Wohnlandschaft ins Auge fasste, bis das unaufhörliche Bimmeln meines Handys gefühlt immer lauter wurde. Also wandte ich mich ab und eilte in die Küche. Auf der leeren und auf Hochglanz polierten Anrichte lag das sturmklingelnde Ding. Natürlich war es mein Chef, der mich zu sprechen wünschte. Schnell wusch ich mir die Hände, bevor ich endlich das Gespräch annahm.

»Wo sind Sie?«, donnerte er los, kaum dass ich das Telefon an mein Ohr hielt.

»Bei Ihnen?«

»Wollen Sie jetzt witzig sein?«

»Ähm. Nein. Es ist die Wahrheit.« Ich lehnte mich gegen die freistehende Kochzeile und betrachtete mein verzerrtes Gesicht in der Glastür direkt gegenüber. Ich hatte schon besser ausgesehen, stellte ich dabei missmutig fest.

»Ich sehe Sie aber nirgendwo«, bellte Dombauer. »Bringen Sie mir die Vermögensaufstellung der Billers. Sofort.«

Ich atmete tief durch. »Herr Dombauer, das mache ich selbstverständlich als Erstes, wenn ich wieder zurück bin.«

»Aha!«, rief er wie aus der Pistole geschossen. Als hätte er mich ertappt und dingfest gemacht. »Sie sind also doch nicht da. Jetzt bin ich aber froh. Sonst hätte man mich noch für unzurechnungsfähig erklären können, was?«

Das konnte man hin und wieder tatsächlich in Betracht ziehen, dachte ich bei mir. Wenn er diese Art an den Tag legte … Die mochte vor Gericht oder bei Prozessgegnern gefürchtet und durchaus zielführend sein, doch im Alltag war sie schlichtweg am Rande des Erträglichen.

»Ich füttere gerade Othello. So wie Sie es wollten«, erinnerte ich ihn.

»Othello?«, fragte er zurück, ganz so, als müsste er erst überlegen, wer das sein sollte. »Und was dauert da so lange?«, brummte er dann eine Nuance gnädiger gestimmt. »Hat er Sie um Ihren hübschen Finger gewickelt? Singen Sie ihm noch ein Schlaflied, oder was? Sie sollen ihn zum Fressen bringen. Das ist alles. Wenn Sie damit schon überfordert sind, muss ich mir das mit Ihrer Probezeit noch mal überlegen!«

Sofort spannten sich meine Schultern an, und ich richtete mich gerade auf. Dabei konnte er mich doch gar nicht sehen. Die Idee mit den Überwachungskameras war bestimmt nur ein wenig paranoid von mir. Ganz im Gegensatz zu meiner Einschätzung seiner Reaktion, sein verschmutztes Sofa betreffend. Diesbezüglich konnte ich bereits jetzt schon seinen cholerischen Anfall bildlich vor mir sehen. Wie versteinert starrte ich durch die Tür geradewegs auf das Korpus Delikti in einiger Entfernung und fragte mich, wie ich das spurlos sauber bekommen sollte.

»Ich bin eigentlich –« ›Schon auf dem Rückweg‹, wollte ich sagen.

Doch er unterbrach mich. Brummte »Moment« und drückte mich weg.

Mozarts fünfte Symphonie dudelte in mein Ohr, und die entspannenden Klänge wirkten in diesem Moment irgendwie surreal auf mich. Mein Hirn arbeitete auf Hochtouren. Wenn ich jetzt die Wohnung verließ, hatte nicht nur Othello nichts im Magen, ich hätte ebenfalls keine Möglichkeit, sauber zu machen. Aber ich konnte es doch auch nicht so zurücklassen?! In dem Bemühen, ruhig zu bleiben und wenigstens irgendetwas zu tun, öffnete ich einige Schranktüren, um einen Lappen zu suchen. Ich stieß auf eine Packung mit Schokocrunchys, ein Glas Nussnougat-Brotaufstrich und eines mit Erdnussbutter. Ansonsten war das Fach leer. In der Tür daneben fand ich ein Päckchen Mehl und eines mit Zucker, noch neu verpackt, zwei Tüten Nudeln und fünfmal Milchreis-Fix. Es war schon interessant, zu erfahren, wie sich mein Chef ernährte. Alles sah unbenutzt aus, aber ich schätzte auch, dass er täglich zum Essen ging. Ich wollte gerade hinter die unteren Türen spitzen, als er plötzlich wieder am Hörer war.

»Sie sind noch in meiner Wohnung?«, rief er, und ich fühlte mich wie ertappt. Ich schoss hoch und stieß mit meinem Kopf gegen die Ecke der Dunstabzugshaube.

»Ja«, krähte ich und verzog schmerzlich das Gesicht.

»Gut. Dann gehen Sie jetzt in mein Schlafzimmer.«

Ich öffnete eines meiner zusammengekniffenen Augen, während ich mir den Hinterkopf rieb. »Wie bitte?«

»Sie sollen in mein Schlafzimmer gehen. Es ist die letzte Tür rechts vom Gang«, forderte er.

Ich öffnete das zweite Lid, drehte mich um und stierte durch die Glastür in den Flur, dann suchte ich erneut die Decken nach Kameras ab. Vielleicht war meine Vermutung vorhin doch nicht so weit hergeholt gewesen, wie ich gedacht hatte? Wollte er jetzt eine Peepshow von mir sehen? Mir klappte der Unterkiefer herunter.

»Sind Sie da?«, tönte er. »Rechts neben dem Spiegelschrank steht ein kleiner Koffer. Bringen Sie ihn mit ins Büro. Ich muss heute noch nach Wien. Buchen Sie einen Flug und veranlassen Sie alles Nötige.«

Ich sollte ihm nur den Koffer mitbringen! Dass ich die Luft angehalten hatte, merkte ich erst jetzt. Erleichtert atmete ich aus.

»Okay. Mache ich«, erklärte ich und löste mich aus meiner Erstarrung.

 

***

 

Als ich das nächste Mal Dombauers Penthouse betrat, war es bereits wirklich dunkel. Bepackt mit einer Tüte Putzmittel und sonstigen kleinen Helferlein, schlüpfte ich in die Wohnung. In der Küche ließ ich alles fallen und schälte mich aus meinem Wintermantel. Seit Stunden zählte ich die Minuten, aus Angst, das Katzenfutter könnte sich sekündlich mehr in den hellen Sofastoff brennen. Ich konnte nur hoffen, dass es nicht so war. Aber das würde ich gleich feststellen. Was ich tun sollte, wenn ich die Flecken nicht herausbekam, darüber wollte ich gar nicht nachdenken.

Da ich jedoch ein optimistischer Mensch war, sah ich es als glückliche Fügung des Schicksals, dass mein Chef die Nacht in einem anderen Land verbrachte. Hinzu kam, dass er selbst mich noch ein weiteres Mal für den Abend in sein Domizil beordert hatte. Natürlich wegen des Katers, aber auch um den Hausmeister einzulassen, der ein klemmendes Fenster im Schlafzimmer reparieren sollte. Der Mann hatte zwar einen Generalschlüssel, wie Dombauer mir mitgeteilt hatte, aber mein Boss wollte ihn nicht unbeobachtet in seinen Räumen herumspazieren lassen.

So hatte ich also genügend Zeit für eine gründliche Reinigungsaktion, um dann hoffentlich alles picobello zu hinterlassen. Und das würde ich! Selbst wenn ich bis in die Morgenstunden durchschrubben musste! Meinen Job wollte ich mir von einer depressiven Katze jedenfalls nicht kaputtmachen lassen!

Wo war das Vieh überhaupt? Ich schaute mich um, sah ihn aber nirgends. Bevor ich ins Wohnzimmer ging, streifte ich mir die Pumps von den Füßen.

Ah, tat das gut!

Meine bestrumpften Zehen reckten und streckten sich. Die armen Dinger. Den ganzen Tag im Büro in den hohen Hacken herumzulaufen, war eine Sache. Einen Einkaufsmarathon damit hinzulegen, eine andere. Im Supermarkt war die Hölle los gewesen.

 

Ein kleiner Junge, der glaubte, mit seinem Einkaufswagen ein Formel-1-Rennen hinlegen zu müssen, war mir dabei besonders gefährlich erschienen. Aber auch einige Rentnerinnen, die sich eingehend die Adventskränze besehen und darum gestritten hatten, welcher schöner war, ihr jeweiliges Objekt der Begierde in ungeahnte Höhe oder weit neben sich gehalten hatten, hatte ich umkreisen müssen. Und obwohl ich gedacht hatte, ich hätte einen großen Bogen in ausreichendem Abstand um die Damen gezogen, hatte es eine von ihnen doch geschafft, mir einige Fichtenzweige ins Gesicht zu schleudern. Die Frau hatte es kaum bemerkt, meine linke Wange, die nun ein paar Kratzspuren aufwies, dafür umso mehr.

Erst da war mir bewusst geworden, dass Weihnachten vor der Tür stand und der erste Advent schon am Sonntag war. Einen Moment lang war ich stehen geblieben und hatte überlegt, mir selbst einen Kranz mitzunehmen. Denn ich liebte Weihnachten – eigentlich. Aber seitdem ich meinen ›Traumjob‹ hatte, schien sich die Welt in gewisser Weise ohne mich weiterzudrehen. Ich arbeitete nur noch. Wie konnte ich denn um Haaresbreite Weihnachten verpassen?! Meine Freundin Katja war plötzlich vor meinem inneren Auge aufgetaucht, die mir seit Wochen predigte, dass ich kaum noch ein eigenes Leben besaß. In diesem Moment war mir zum ersten Mal richtig klar geworden, dass sie recht hatte.

Als das nächste Adventsgesteck gefährlich in meine Nähe gerückt war, hatte ich schon dankend danach greifen wollen. Doch ich hatte ehrlich bezweifelt, dass es sich um eine aufmerksame Geste handelte. Die Frauen waren sich nach wie vor uneins gewesen. Vielleicht hätten sie es in ihrem Eifer gar nicht gemerkt, wenn ich das Ding gegriffen und in meinen Wagen gelegt hätte. Vielleicht aber doch. Und dann wären sie höchstwahrscheinlich wutentbrannt auf mich losgegangen. Damit hatte man definitiv rechnen müssen, wenn man sich das Spektakel so angesehen hatte. Also hatte ich es lieber sein lassen und war stattdessen zur Kasse gestiefelt. Wegen Othello musste ich mein hart verdientes Geld jetzt auch noch in Putzmittel investieren!

 

Ich starrte auf die gut gefüllte Tüte, dann ging ich ihn suchen.

Doch als ich das düstere Wohnzimmer betrat, raubte es mir schier den Atem. Durch die breite Fensterfront erstrahlte Frankfurts nächtliches Lichtermeer. Was für ein Ausblick! Ich tappte über den flauschig weichen Teppich auf die Balkontür zu. Ich konnte nicht anders und musste nach draußen treten, um das Panorama in seiner Gänze zu sehen.

Der Steinboden war kalt. Trotzdem lief ich mit meinen fast nackten Füßen weiter. Die Penthouseterrasse wirkte endlos groß. Sie führte wie ein L um die Wohnung herum. Edle Sitzgelegenheiten und einige Palmen in riesigen Kübeln standen da. Ich lehnte mich über das Geländer und nahm den grandiosen Anblick in mich auf. Die Stadt hatte die Weihnachtsbeleuchtung angebracht. Das war mir bislang ebenso nicht aufgefallen. Dafür jetzt! Der Verkehrslärm war in dieser Höhe nur noch ein leises Brummen. Kühler Novemberwind schlug mir ins Gesicht. Trotzdem fühlte ich mich so entspannt, glücklich und frei wie lange nicht mehr. Es fehlten nur noch ein Glas Grog und leise Weihnachtsmusik im Hintergrund. Sinatra würde perfekt passen. Und einige Schneeflocken natürlich …

Ich wusste nicht, wie lange ich so dastand und meinem Geist freien Lauf ließ. Erst als sich meine Füße wie Eisklötze anfühlten und meine vom Einkaufsstress erhitzte Körpertemperatur rapide gefallen war, stieß ich mich vom Geländer ab. Es war an der Zeit, das zu tun, wofür ich hergekommen war. Allein der Gedanke an das verschmutzte Sofa ließ nun auch meine Eingeweide gefrieren.

Nach Dombauers Anruf hatte ich die Wohnung einfach in dem Zustand verlassen, wie sie war. Wahrscheinlich war das keine gute Idee gewesen. Ich hätte zumindest die Fleischbröckchen abkratzen sollen, damit die Flecken nicht tiefer ins Gewebe einzogen. Aber

Impressum

Verlag: Zeilenfluss

Texte: Birgit Gruber
Bildmaterialien: ©Shutterstock.com (Bokeh Blur Background, yanikap, Luna Vandoorne)
Cover: Wolkenart.com – Marie-Katharina Becker, www.wolkenart.com
Korrektorat: Dr. Andreas Fischer
Satz: Zeilenfluss
Tag der Veröffentlichung: 06.10.2021
ISBN: 978-3-96714-173-3

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