Cover

Leseprobe

Cocktail mit Schuss

Kati Blum ermittelt - Band 4

Birgit Gruber

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dies ist ein Roman.

 

Die Namen der behandelten Personen sind frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten mit real existierenden (lebenden oder toten) Menschen wären reiner Zufall.

 

 

Alle Bände der Reihe „Kati Blum ermittelt“ sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden.

 

1

 

 

 

Der Shaker wirbelte in hohem Bogen durch die Luft. Alle Anwesenden legten ihre Köpfe in den Nacken, um besser sehen zu können. Mit einem geschickten Handgriff fing Leonhard den Edelstahlbecher wieder. Auf seinem Gesicht lag ein spitzbübisches Grinsen, während er ihn eine weitere kleine Pirouette drehen ließ. Dann öffnete er den Deckel und goss die schaumig grüne Flüssigkeit in die zwei vorbereiteten Gläser.

»Zu einer gelungenen Cocktailstunde gehören für den Gast nicht nur das Zusammenschütten verschiedener Zutaten und das Überreichen eines Drinks, sondern auch die Show. Deshalb, Leute, seid ihr jetzt dran. Wer will zuerst?« Er blickte auffordernd in die Runde.

Unter den Umstehenden kam Gemurmel auf. Nina und ich schauten uns an.

Mein Name ist Kati Blum. Als zugezogene Bayreutherin und Witwe um die dreißig arbeite ich seit geraumer Zeit als ›Frühstücksfee‹ im Hotel Zur Sonne, neuerdings mit Option zur Barkeeperin. Um meinen Lebensunterhalt bestreiten zu können, reichte mein freiberuflicher Job als ›Pressemaus‹ für den Lokalteil der Tageszeitung nicht aus. Dass meine Schwiegereltern, bei denen ich nach wie vor in einer kleinen Dienstbotenwohnung lebe, gutbetucht sind und zu Bayreuths Elite gehören, ist dabei irrelevant. Die Queen, so nenne ich insgeheim meine Schwiegermutter Anke, schenkt mir nichts. Wie Sie sich bei dem Spitznamen vielleicht denken können, ist sie gebieterisch, herrisch und unnachgiebig. Der plötzliche frühe Tod ihres einzigen Sohnes, also meines verstorbenen Mannes Thorsten, hat sie noch härter gemacht. Wobei ich zugeben muss, dass hier und da tatsächlich ein Hauch Menschlichkeit zum Vorschein kommt. Es sind zwar höchstens Minuten, aber ich habe mit ihr umzugehen gelernt.

Warum ich noch am Blum`schen Anwesen wohne? Es ist mein Zuhause. Meine Eltern sind vor Jahren nach Australien ausgewandert. Kurz nach meiner Ankunft in Bayreuth habe ich Nina, die beste Freundin aller Zeiten, kennengelernt, und Maria, Ankes Haushälterin, ist für mich sowas wie eine zweite Mutter geworden. Außerdem liebe ich meine kleine Wohnung, auch Baumhaus genannt, weil sie sich über einer Garage gleich neben der Einfahrt zum Blum`schen Anwesen befindet und eine große alte Eiche mit ihren Ästen fast an die Fenster reicht.

»Was ist? Ihr seid hier, um was zu lernen, nicht zum Zuschauen«, meinte Leonhard und schob die fragilen Gläser zur Seite, um Platz zu schaffen.

Wir befanden uns in den Küchenräumen der Bayreuther Berufsschule. Da, wo sonst Berufsanfängern die Grundlagen der kulinarischen Genüsse nähergebracht wurden, erhielten wir heute Abend zum dritten und letzten Mal eine Einführung in die hohe Kunst des Cocktailmixens.

Es handelte sich um einen Kurs der Volkshochschule, an dem ich zusammen mit Nina teilnahm. Insgesamt waren wir zehn Personen, die sich Leonhards Tricks und Tipps aneignen wollten. Alle zum Privatvergnügen, bis auf mich.

Ich sollte nämlich zur Festspielzeit im Hotel Zur Sonne abends für Wohlbefinden und Stimmung sorgen. Mit bunten alkoholgeschwängerten Flüssigkeiten in hübschen Gläsern. Das zumindest war die Idee meiner Chefin Frau Eymold.

»Denken Sie doch mal an die langen warmen Sommernächte im vergangenen Jahr, dazu die Festspielgäste, die nach der Wagner-Oper den Abend ausklingen lassen wollen. Wir können ein schönes Ambiente bieten und heuer Cocktails dazu. Wir brauchen nur jemanden, der sie macht. Und da habe ich an Sie gedacht, Kati.« Ich hatte einwenden wollen, dass ich nicht die geringste Ahnung vom Mixen hatte, doch meine Chefin war mir zuvorgekommen. »Bei der VHS gibt es da jetzt einen Kurs. Ich melde Sie an. Dann haben Sie bis zur Festspielzeit sogar noch ein wenig Gelegenheit zum Üben. Also, was sagen Sie? Könnten Sie sich das vorstellen?«, hatte sie gefragt und mich, euphorisch von ihrer Idee, am Arm gegriffen. »Sie sind jung, hübsch und um kein Wort verlegen. Sie würden perfekt hinter die Bar passen.«

Wie hätte ich bei so vielen Komplimenten Nein sagen können? Und um ehrlich zu sein, besaß ich ein Faible für Cocktails. Wenn ich sie künftig selbst kreieren könnte, würde ich mir sogar Geld sparen, denn billig waren die Dinger nicht.

So kam es also, dass ich nun hier stand. In der riesigen Edelstahlküche der Berufsschule, die mehr an eine Halle erinnerte und das sterile Flair eines Labors besaß. Die Umgebung hatte ich mir anders vorgestellt, aber Nina und ich hatten trotzdem unseren Spaß. Als sie von dem Kurs gehört hatte, wollte sie mich unbedingt begleiten. Warum auch nicht? Die Volkshochschule war für jedermann offen, und zusammen mit ihr war Gaudi garantiert.

»Okay, wir machen es anders. Jeder sucht sich einen Platz, schnappt sich seinen Shaker, befüllt ihn zu einem Drittel mit Wasser und wirft ihn in die Luft. Auf diese Weise blamiert ihr euch alle gleichzeitig. Ist das ein Deal?«, rief Leonhard jetzt, weil immer noch niemand Anstalten machte nach vorne zu treten. »Ich komme reihum zu jedem und sage euch, was ihr besser machen müsst. Und wenn ihr wisst, wie´s funktioniert, dürft ihr einen echten Cocktail mixen. Egal welchen, das bleibt euch überlassen. Ich gehe mal davon aus, dass ihr fleißig geübt und euch gemerkt habt, was ich euch letzte Woche gezeigt habe.«

Der Mittfünfziger lächelte vergnügt. Er war in seiner Branche sowas wie eine Berühmtheit. Zumindest wollte er uns das weismachen, und da ich bisher keine Barkeeper kannte, glaubte ich ihm einfach. Für sein Alter sah er unverschämt gut aus. Er profitierte ganz offensichtlich vom ›Fluch der Männer‹, die mit Anstieg ihres Lebensalters das gewisse Etwas zum Vorschein brachten. Da konnte manche Frau echt neidisch werden. Aber zum Glück war ich noch nicht so weit. Mit Anfang dreißig saß bei mir bisher alles so straff, wie man erwarten durfte. Ninas Gedanken gingen scheinbar in eine ähnliche Richtung.

»Wenn er das passende Outfit anhat und seinen Auftritt hinter der Theke hinlegt ... Ich glaube, da liegen ihm einige Frauenherzen zu Füßen«, flüsterte sie mir zu.

Ich nickte. »Und dann noch der Alkohol dazu ...«

»Was glaubst du, wie viele er schon abgeschleppt hat?«

»Warum? Stehst du etwa auf den Kerl?« Ich sah meine Freundin aufmerksam an. Nina war praktisch das weibliche Gegenstück zu den Aufreißertypen. Sie war permanent verliebt, und ihre Männer wechselten ebenso schnell wie die Mode. Ihre letzte langfristige Beziehung hatte sie mit einem Landschaftsgärtner, wobei sich ›langfristig‹ im kalendarischen Sinn bei Nina auf elf Wochen bezog. Das war schon rekordverdächtig gewesen und ich wirklich überrascht. Nicht über die Trennung, sondern darüber, dass sie es überhaupt so lange ausgehalten hatte! Er hatte nur Bio gekauft und total gesund gelebt. Das hatte einfach nicht gutgehen können! Nina war Friseurin. Ihr Lebenselixier war, ebenso wie bei mir, Kaffee. Sie liebte Schokocookies und ernährte sich mindestens einmal die Woche von Pizza. Sportlichen Ehrgeiz besaß sie kaum. Kurz, sie war genauso wie ich, vermutlich verstanden wir uns deshalb so toll.

»Na ja, zugegeben, er ist schon ein wenig älter. Aber sei mal ehrlich, er hat was, oder?«, murmelte sie, und in ihren Augen erkannte ich bereits das aufblitzende Jagdfieber.

»Nina!« Kopfschüttelnd rollte ich mit den Augen.

»Was? Nur weil du nicht in die Pötte kommst und mit Lars ein nicht enden wollendes Tänzchen aufführst, muss ich ja wohl nicht ebenso auf Mauerblümchen machen.«

Ich schluckte. Das saß. Lars und ich – das war kompliziert! Er war ein supersexy Kriminalhauptkommissar, der sowohl ziemlich ruppig als auch sehr nett sein konnte. Und ich ... Sagen wir mal, ich bin von Natur aus neugierig und habe ein Händchen, immer zur richtigen Zeit am falschen Ort zu sein. Zu meiner Verteidigung kann ich jedoch sagen, dass ich ihm auch schon das ein und andere Mal geholfen habe, einen Fall aufzuklären. Doch darüber sieht er gern großzügig hinweg, dieser verdammte Sturkopf. Nichtsdestotrotz umkreisen wir uns wie die Motten das Licht. Es gab nicht nur eine unbestreitbare Anspannung zwischen uns, sondern auch eine gewisse Anziehungskraft. Was zwei, drei Gelegenheiten bewiesen, bei denen wir uns geküsst hatten. Doch irgendwie war bisher nie etwas daraus geworden. Wahrscheinlich nagte in uns beiden die Angst, sich die Finger zu verbrennen.

»Ich tanze nicht mit Lars«, zischte ich.

»Solltest du aber mal. Am besten Richtung Bett«, gluckste sie.

»Kati! Nina! Auf geht´s. Ich will eure Shaker fliegen sehen«, forderte Leonhard uns in dieser Minute auf. Was hatte Nina doch für ein Glück! Ich hätte sie sonst glatt erwürgt. Stattdessen legte ich meine aufkommenden Aggressionen in die von mir geforderte Wurftechnik.

Man sah nur einen Silberpfeil, der in die Höhe schoss, gefolgt von einem dumpfen Schlag, als der Becher die Zimmerdecke berührte, mit dem Ergebnis, dass sich ein Wasserregen über Nina und Leonhard ergoss, bevor Ober- und Unterteil des Edelstahlgefäßes geradewegs auf meine Freundin prallten.

»Au!«, jaulte sie und rieb sich die Stellen, an denen sie getroffen worden war. Zuerst den Arm, dann den Kopf. »Pah!«, lautete ihr nächster Kommentar. Das war der Moment, in dem sie sich über die Haare strich und registrierte, dass sie klatschnass waren, ebenso wie Leonhards. Die zwei warfen sich einen verdatterten Blick zu, dann funkelte Nina mich böse an.

»Oh!« Ich biss mir reumütig in die Lippe.

»Oh?!?«

»Das war nicht meine Absicht«, beteuerte ich. Es hätte bestimmt aufrichtiger geklungen, wenn ich dabei nicht gekichert hätte. »Du siehst aus wie ein gebadeter Hund«, gackerte ich los.

Leonhard räusperte sich. »Das war ein ziemlich ehrgeiziger Wurf. Und du hast den Becher nicht richtig verschlossen. Aber es ist ja nur Wasser.«

»Eben.« Ich nickte artig und rang um Fassung.

Ninas Augen verengten sich, gleich würde ich was zu hören bekommen. Sie öffnete den Mund, und ich legte die Ohren an.

»Also, wenn schon, dann wäre wenigstens eine Piña Colada recht gewesen. Da gibt´s jetzt eine ganz neue Produktlinie mit dem Geschmack. Shampoos und Spülungen«, erklärte sie überraschenderweise ruhig und grinste.

Ungläubig blinzelte ich sie an. Die Frau war echt der Hammer! Erleichtert atmete ich aus.

»Dann gehen wir uns mal frischmachen, was, Leonhard?«, erklärte sie weiter und hakte sich auch schon bei unserem Cocktail-Dozenten unter. Daher wehte also der Wind, oder besser gesagt das laue Lüftchen! Baff schaute ich ihnen hinterher und wollte gar nicht wissen, was nun folgen würde.

 

Es dauerte ein wenig, bis wir wieder alle vollzählig beisammen waren. Der Raum war erfüllt von Gekicher, Lachen und gegenseitigen gutgemeinten Ratschlägen. Jeder versuchte sein Bestes. Aber so leicht und elegant wie bei Leonhard sah ›die Show‹ bei keinem der Teilnehmer aus.

Zoltan war der Einzige, der wirklich punkten konnte. Er musste eindeutig Vorkenntnisse besitzen. Die beiden Studentinnen Jessie und Clara wirkten dagegen wie die Comedyeinlage, und genauso lautstark kicherten sie auch. Sie nahmen es offenbar mit Humor, das gefiel mir. Ich schaute weiter um mich. Das Pärchen mir gegenüber – sie hießen Josie und Kai – hatte es inzwischen ganz aufgegeben und schmiss sich einen Shaker gegenseitig zu. Rose – eigentlich Roswitha, doch der Name gefiel ihr nicht, wie sie mir bei unserem ersten Treffen vergangene Woche vertrauensvoll erklärt hatte – war mehr damit beschäftigt, aufzuräumen und zu putzen. Und Uwe besah sich indes lieber, zusammen mit seinem Kumpel Matze, eingehend die Flaschenparade, während sie darüber philosophierten, welche Mixgetränke man damit herstellen konnte.

Ich selbst begutachtete meinen Shaker argwöhnisch und traute mich nicht ihn erneut hochzuwerfen. Was, wenn ich ihn abermals nicht richtig verschloss? Ich dachte an die Bar im Hotel Zur Sonne. Das konnte ja was werden. Wenn mir dort sowas passierte – mit echten Gästen! –, die Eymold würde mich einen Kopf kürzer machen. Was hast du dir da nur wieder aufgehalst?, fragte meine innere Stimme zu Recht, und ich schloss die Augen. Und sah Lars. Sofort riss ich sie wieder auf. Hätte Nina nicht das Gespräch auf ihn gebracht und ich an ihn gedacht, wäre vermutlich gar nichts passiert. Ich hätte meine Gedanken nicht woanders gehabt und mich auf das konzentriert, was ich tat.

Beherzt griff ich nach meinem Shaker, gerade als Nina wieder neben mir auftauchte und mir mit einem breiten Grinsen den erhobenen Daumen entgegenreckte. Meine Brauen wanderten nach oben, aber ich verkniff mir eine Nachfrage.

»Ihr sollt nicht ›Bälle werfen‹ spielen«, rief Leonhard und fixierte Kai und Josie.

»Das klappt aber viel besser. Wir können ja als Duo auftreten«, erklärte Josie lachend.

Unser Mentor nickte grinsend. »Das wäre auch eine Möglichkeit. Okay, ich denke, ihr habt genug geübt. Matze, Uwe, wie ich sehe, überlegt ihr schon, welchen Drink ihr mixen wollt. Also, dann legt mal los und zaubert uns was Leckeres. Das gilt für alle. Außer für euch zwei Hübschen.« Er drehte sich zu Nina und mir um. »Ihr macht erst nochmal einen Probelauf.« Er bedachte uns mit einem ominösen Blick. Unschuldig spitzte ich die Lippen. Nina klimperte mit den Wimpern. Dann taten wir wie geheißen.

 

Eine halbe Stunde später standen wir alle zusammen einträchtig an einer der Küchenzeilen, in deren Mitte elf Cocktails bereitgestellt worden waren. Der Kontrast der schönen Gläser, mit den verschiedenfarbigen Inhalten und ihren südseehaften Verzierungen in Form von Kirschen, Ananasstücken und Schirmchen, zu der tristen Edelstahlfläche wirkte so trostlos, dass es schon wieder etwas hatte.

»Die sehen super aus«, lobte uns Leonhard. »Für die Optik bekommt ihr eine Eins von mir. Jetzt bin ich gespannt, wie sie schmecken.«

»Können wir nicht vorher fix alles aufräumen und saubermachen?«, fragte Rose. Ihr Gesicht war angespannt. Hatte sie etwa Bammel, dass ihr Cocktail nicht schmecken würde?

Mit gerunzelter Stirn griff sich Leonhard einen Strohhalm.

»Jetzt wird probiert. Sonst schmilzt das Eis«, bestimmte er und nippte am ersten Glas.

Gespannt beobachteten alle seine Reaktion.

»Ah! Ein Caipirinha, wie er nicht besser sein könnte«, stellte er zwinkernd fest. »Was haben wir da? Einen Sex on the beach?« Seine Augen huschten zwischen dem Cocktail in seiner Hand und Nina hin und her. Meine Freundin gab ein leises undefinierbares Geräusch von sich.

Nacheinander testete der Profi jedes Gemisch. Als er das letzte Glas wieder abstellte, klatschte er applaudierend in die Hände und schaute wohlwollend in die Runde. »Bravo. Ihr habt wirklich was gelernt! Besser hätte ich sie auch nicht machen können.«

Jessi kicherte. »Du übertreibst. Aber danke schön. Ich glaube, das darf ich im Namen von uns allen sagen.«

Einvernehmlicher Beifall war zu hören.

»Du bist eben ein klasse Lehrer«, rief Uwe.

Leonhard deutete eine leichte Verbeugung an. »Okay. Hiermit erkläre ich den Unterricht für beendet. Lassen wir uns die Cocktails schmecken!«

Ein jeder angelte sich die Mixtur seiner Wahl.

»Aber erst wird saubergemacht! Ich kann so einfach nicht entspannt was trinken!« Roses Ruf durchschnitt das gutgelaunte Gemurmel.

Leonhard seufzte leise, nickte aber zustimmend. »Aufgeräumt werden muss sowieso. Dann erledigen wir es eben gleich.«

Brummend und grummelnd packten alle mit an und verstauten die Sachen wieder in den beiden großen Kisten, die Leonhard mitgebracht hatte, bevor wir uns nochmal versammelten.

»Rose? Nun komm. Alles blitzt«, rief Zoltan sichtlich genervt. Seine tiefe Stimme duldete keinen Widerspruch, dachte ich. Doch sie tat es trotzdem.

»Da sind noch Flecken. Ich mach die nur eben weg. Trinkt ihr schon mal. Ich bin gleich da.«

Leonhard zuckte mit den Schultern, griff nach seinem Glas und hob es hoch. »Ihr seid eine klasse Truppe. Ich wünsche euch viel Vergnügen bei euren künftigen Shakerstündchen.«

Uwe und Matze lachten. Nina entschlüpfte ein Glucksen. Die Zweideutigkeit war mir nicht entgangen. Ich nahm meinen Cosmopolitan. Ich wusste nicht, wer ihn gemixt hatte, aber er schmeckte vorzüglich. Die Stimmung war ausgelassen. Locker lümmelten die Männer in ein Gespräch vertieft an der Küchenzeile. Die Studentinnen schnatterten mit Josie.

»Und?«, fragte ich Nina. »Gab es schon ein ›Shakerstündchen‹? Vorhin? Draußen?«

Mit großen Augen, den Strohhalm im Mund, schaute sie mich an.

»Och. Na ja. Nein, eigentlich nicht. Aber wir haben Telefonnummern ausgetauscht. Er will mir eine Privatstunde geben. Ich bin gespannt, ob er mir noch was beibringen kann.« Aufreizend wippte sie mit den Brauen. Unwillkürlich musste ich lachen. Dann hüpfte sie auf die Anrichte und schob ihren Po darauf.

»Nina! Das gehört sich nicht. Das ist unhygienisch«, schimpfte Rose sofort. Wie aus dem Nichts tauchte sie bei uns auf.

Aber meine Freundin nahm es gelassen. »Ach!«, machte sie nur und vollführte eine wegwischende Handbewegung. »Hast du überhaupt schon mal von deinem Cocktail getrunken? Leg doch mal den Lappen weg und stoß mit uns an.«

Die Frau mittleren Alters kniff nachdenklich die Augen zusammen. Ihr Mund öffnete und schloss sich wieder. Dann drehte sie sich um. Um ihr Glas zu holen? Nina und ich tauschten einen Blick.

»Nett ist sie ja. Aber auch ein wenig seltsam. Findest du nicht?«, fragte ich.

»Ich glaube, die ist Putzfrau von Beruf. Und hat einen echt strengen Chef. Die kann einfach nicht abschalten«, meinte Nina mit baumelnden Beinen und schlürfte den Sahneschaum ihrer Piña Colada.

Ich schaute Rose hinterher. Im Grunde war sie recht attraktiv. Ich tippte auf vierzig Jahre. Sie war schätzungsweise eins siebzig, hatte schulterlanges gewelltes blondes Haar und eine ansehnliche Figur. Die Ersten spülten bereits ihre Gläser sauber und verabschiedeten sich. Wie so oft bildeten Nina und ich das Schlusslicht. Erst als Leonhard, zusammen mit Zoltan, seine Kisten nach draußen zum Auto trug, schickten auch wir uns an zu gehen. Nur Rose wienerte ein letztes Mal noch alles sauber.

Der Flur wirkte trist, doch die Strahlen der Abendsonne, die durch die Fenster drangen, verliehen dem grauen Linoleumboden und den eierschalenfarbenen Wänden einen versöhnlichen Touch. Wir liefen in einigem Abstand zu den Männern, dann setzte Nina zum Sprint an und hielt ihnen die Tür auf. Zoltan trat als Erster ins Freie.

»Also, wir sehen uns demnächst. Ich ruf dich an«, hörte ich sie, mit einem aufreizenden Lächeln auf ihren Lippen, zu Leonhard sagen.

Er schnaufte. Ob das ein gutes Zeichen war? Unsere Wege trennten sich. Während die Männer nach links davongingen, schlenderten wir nach rechts zu unseren Fahrrädern.

Mein geliebtes Hollandrad glänzte im satten Abendlicht. Ich hatte es an eine Straßenlaterne gekettet. Mit dem saftig grünen Busch dahinter war es ein hübsches Fotomotiv.

»Guck mal. Ein richtiges Postkartenidyll, oder?«, sagte ich zu Nina.

»Ich wette, Anke würde das anders sehen«, gluckste sie.

»Allerdings.« Meiner Schwiegermutter war das Rad ein Dorn im Auge. Besonders wenn es vor ihrer hochherrschaftlichen Villa stand. Sie liebte zwar Antiquitäten, aber das ›alte Ding‹ gehörte ihrer Meinung nach nicht dazu und in den Müll. Ich hingegen fand die kleinen Rostflecken, die durch den hellblauen Lack an manchen Stellen hervortraten, authentisch. Sie gaben dem Hollandrad das gewisse Etwas.

»Du kannst ja eine Postkarte davon anfertigen und ihr schicken«, meinte Nina, und wir prusteten los.

Wir hatten uns noch nicht wieder ganz beruhigt, da hörten wir Zoltan aufgeregt rufen. »Leonhard? Leonhard?«

Nina und ich drehten uns um. Leonhard lag am Boden. Zoltan stand über ihn gebeugt.

»Ach du Schreck! Was ist passiert?« Nina setzte sich in Bewegung.

Ich spurtete ebenfalls los. Es waren nur wenige Meter.

»Was ist los? Geht´s dir nicht gut?«, rief Nina und kniete sich neben den liegenden Mann.

Seine Augen schienen seltsam verdreht. Sein Mund stand offen. Meine Freundin zerrte an seinem Arm. Als sie ihn losließ, plumpste er wie ein nasser Sack herunter.

Ich starrte auf den reglosen Körper. So wie er dalag, das sah nicht gut aus. Ein heiß-kalter Schauer durchzog mich. Ich ging in die Hocke und befühlte seine Halsschlagader. Nichts.

»Wir brauchen einen Arzt! Ruft den Notarzt!«, befahl ich. »Ich fühle keinen Puls.«

»Was?« Zoltan sah mich einen Augenblick verwirrt an, dann begann er ohne Weiteres mit einer Herzdruckmassage.

 

2

 

 

 

Trotz Wiederbelebungsversuchen war Leonhard tot. Der Notarzt schüttelte bedauernd den Kopf. Jeder von uns stand geschockt da.

»Aber ...«, hauchte Nina.

»Darauf brauch ich erst mal einen Schnaps«, stellte Zoltan fest.

Den können wir alle jetzt gebrauchen, dachte ich bei mir. Nina stieß mir in die Rippen. Auffordernd schaute sie mich an.

»Was?«, fragte ich.

»Du kennst dich doch aus. Hat Leonhard Ähnlichkeiten mit Thorsten damals?«

»Wie bitte?« Ich schnappte nach Luft. Von wegen ›auskennen‹!

»Na, der arme Kerl muss einen Herzinfarkt erlitten haben. Was sollte ihn sonst so schnell ins Jenseits befördern?«

»Hm.« Es stimmte, dass mein Mann Thorsten an einem Herzinfarkt gestorben war. Beim Müllraustragen. Das muss man sich mal vorstellen. Aber er hatte noch gelebt, als ich ihn gefunden hatte. Ins Krankenhaus hatte er es allerdings nicht mehr geschafft. Er war auf dem Weg dorthin verstorben. Ich biss mir in die Wange. Das war der schlimmste Tag meines Lebens gewesen.

»Also?«

»Ich weiß nicht, was du von mir hören willst«, brummte ich und konnte den Blick nicht von Leonhards Leiche abwenden.

»Ich glaube, mir wird schlecht«, murmelte Rose, die neben uns erschien und den Ernst der Lage begriff. So plötzlich wie sie aufgetaucht war, verschwand sie wieder.

Die Sanitäter schalteten das Blaulicht aus, machten aber keine Anstalten wegzufahren.

»Und wenn ich an seinem Tod schuld bin?«, jammerte Nina auf einmal.

Irritiert sah ich sie an. »Wie denn das?«

»Na, schau mich an. Ich bin das, was man einen heißen Feger nennt. Wenn ich gewusst hätte, dass er ein schwaches Herz hat, dann hätte ich doch nie so aufreizend mit ihm geflirtet.«

»Im Ernst?« Mir blieb die Spucke weg.

»Aber klar. Der Gedanke an unser Date hat ihn womöglich das Leben gekostet«, erklärte sie und fuhr sich beklommen durchs Haar.

Trotz der schrecklichen Lage begann ich zu kichern. Ich konnte nichts dagegen tun. Nina war einfach – unglaublich! Sie war ebenso alt wie ich, allerdings etwas kleiner. Für meinen Geschmack besaß sie eine tolle Figur und eine stylische Frisur, die häufig wechselte. Aktuell präsentierte sie sich passend zu den Frühsommertagen als Blondine. Außerdem war sie kess und witzig. Aber dass ein Mann deshalb gleich einen Herzinfarkt bekam, fand ich dann doch etwas weit hergeholt.

Zoltan trat zu uns. Seine Augenbrauen bildeten einen durchgezogenen Strich. Etwa meinetwegen? Ich verstummte sofort.

»Hier.« Er drückte meiner Freundin ein Cocktailglas in die Hand, dessen Boden mit einer brauen Flüssigkeit bedeckt war.

»Was ist das?«, fragte sie konsterniert.

»Rum. Das Erstbeste, was ich finden konnte.« Er deutete zu einem weißen Audi, dessen Kofferraumklappe offenstand.

»Ist das Leonhards Auto?«, fragte Nina zögerlich.

Der Ungar nickte. »Ich habe gerade die Kisten eingeladen. Als ich mich wieder umdrehte, lag er schon am Boden.« Sein Blick wanderte zu dem leblosen Körper, der nach wie vor auf dem Asphalt lag. Ich fragte mich, warum sie ihn nicht wegbrachten. Seine Augen waren inzwischen geschlossen, trotzdem ließ mich das Bild, wie ich ihn vorgefunden hatte, nicht los. Es war doch alles etwas seltsam. Nina hatte recht. Wenn ich die Situation mit Thorsten damals verglich, war diese hier auffallend anders. In meinem Kopf arbeitete es, und in meinem Magen bildete sich ein Knoten.

Zoltan reichte mir das zweite Glas, das er mitgebracht hatte.

»Trinkt ihr beide mal. Ich bin gleich wieder da«, lehnte ich ab und suchte mir etwas abseits ein ruhiges Plätzchen, um dort mein Handy aus der Tasche zu ziehen.

Nach dem dritten Klingeln ging er ran.

»Ja?«, hörte ich Lars' angenehm tiefe Stimme.

»Hi. Ich bin´s«, krächzte ich in einer Mischung aus Unsicherheit und Aufregung.

»Kati. Du, ist grad ganz schlecht.« Er saß eindeutig im Auto. Das sagte mir der unverkennbare Klang der Freisprechanlage.

Ich ging nicht darauf ein. »Du musst dringend herkommen. Es gibt da was, das du dir anschauen solltest.«

»Ach ja?« Sein süffisanter Tonfall verlor sich auch über die Telefonverbindung nicht.

Ich rollte mit den Augen. Wie bereits erwähnt, war es kompliziert zwischen uns. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, hin und wieder einen zweideutigen Kommentar abzugeben.

»Ich glaube ... Also, es könnte sein ...« Ich holte tief Luft. »Es könnte sein, dass gerade jemand ermordet wurde«, sprudelte es aus mir hervor. So, jetzt war es raus. Ich biss mir auf die Lippen. Seine Antwort würde sicherlich nicht erfreulich ausfallen. Ich kannte ihn lange genug, um zu wissen, dass er sich jegliche Einmischungen in Mordfälle oder sonstige polizeiliche Ermittlungen verbot.

»Was hast du gesagt? Ich glaub, ich hab mich verhört«, tönte es da schon an meinem Ohr. »Ich dachte eben wirklich, du hättest von Mord gesprochen.« Sein Lachen klang gekünstelt.

Ich nahm mich zusammen. »Ganz richtig. Du solltest dich beeilen.«

Dann teilte ich ihm noch schnell die Adresse mit und legte auf, bevor er mich anbrüllen konnte.

 

Als ich mich wieder zu Nina und Zoltan gesellte, kam ein weiteres Auto an. Eine Frau stieg aus, schüttelte dem Notarzt die Hand und ging zu Leonhards Leiche. Erstaunt beobachtete ich, dass sie eine geräumige Tasche öffnete und den Toten genauer in Augenschein nahm. Noch ein Arzt?, fragte ich mich, da brauste ein mir bestens bekannter blauer Passat heran.

Weil die Straße bereits vom Kranken-, Notarztwagen und jetzt auch von dem der zweiten Ärztin belagert war, hielt er etwas weiter vorn. Ungefähr auf unserer Höhe.

»Ist das nicht Lars?«, fragte Nina. »Was macht der denn hier?«

Statt einer Antwort lief ich auf ihn zu.

»Das ging ja schnell!«

Er sprang heraus, nickte nur und ging schnurstracks an mir vorbei.

»Tut mir leid, dass ich zu spät bin.«

Ich schloss mich seinem Stechschritt an. »Keine Sorge, das Opfer ist noch tot.«

Mit einem Ruck blieb er stehen. Seine Mundwinkel zuckten. Doch das legte sich gleich wieder. Seine Stirn war gefurcht. Trotzdem sah er verdammt heiß aus. Wie immer, wenn wir uns eine Zeitlang nicht getroffen hatten, durchflutete mich ein Kribbeln.

»Ich habe nicht mit dir gesprochen«, teilte er mir freundlich beherrscht mit. Den Ton kannte ich. »Ich meinte Frau Doktor Hilmar.« Zur Bestätigung hob er grüßend die Hand in ihre Richtung. Sie winkte kurz zurück. Demnach war die Frau Pathologin, kombinierte ich.

»Was tust du hier überhaupt?«, fragte mich Lars, bevor ich selbst nachhaken konnte.

»Ich hab dir die Adresse gegeben und dich gebeten zu kommen?«

Er schenkte mir einen langen Blick. »Stimmt. Ich dachte noch, der Straßenname würde mir etwas sagen.«

Ich guckte eingeschnappt. »Sag mal, hast du mir überhaupt zugehört? Am Telefon grad?« Ich war verwirrt. Hatte mich eben noch ein richtiges Glücksgefühl durchströmt, weil ich dachte, dass er meinem Gespür vertraute und sogar die Kollegen informiert hatte, zerplatzte die Seifenblase nun innerhalb des Bruchteils von Sekunden. »Du bist gar nicht wegen meines Anrufs gekommen. Stimmt´s?«

»Äh. Nein.«

»Aber ... Wie ...?«

»Der Notarzt hat uns informiert. Fachleute, die sich auskennen.«

Ich starrte ihn an. Was bitte schön wollte er denn damit sagen? Unwillig verschränkte ich die Arme vor der Brust. Doch dann gewann meine Neugier die Oberhand.

»Heißt das, es handelt sich tatsächlich um Mord?«

Er rollte mit den Augen. »Ich muss weiter. Die warten auf mich. Wir unterhalten uns später.«

»Wenn ich dann noch da bin«, brummte ich.

»Keiner verlässt den Tatort. Alle bleiben da, wo sie sind«, befahl er.

»Ich pass schon auf«, sagte Jana.

Ich drehte mich um. Wo war sie denn plötzlich hergekommen?

Jana war Polizistin. Wir hatten uns kennengelernt, als ich mein Hollandrad gegen ein schickes neues Sportmodell tauschen wollte. Das neue hatte einen Haufen Geld gekostet und war mir, kaum dass ich es hatte, gestohlen worden. Das Rad war nicht wieder aufgetaucht, aber wir waren seither befreundet. Was für mich und meine neugierige Nase manchmal durchaus von Vorteil war. Sie hatte mir schon hin und wieder aus der Patsche geholfen.

»Hey, schön dich zu sehen«, meinte ich, und wir tauschten ein Begrüßungsküsschen. Dann bemerkte ich, dass sie eine Rolle des rot-weißen Absperrbands in der Hand schwenkte. »Ein Tatort also.«

Sie zuckte mit den Schultern. »Ich soll hier alles absperren. Aber ich überlege, ob das überhaupt nötig ist. Außer uns ist hier ja keiner.«

Ich ließ meinen Blick schweifen. Sie hatte recht. In den Straßen, die zu den Berufsschulen führten, war abends nichts los. Während tagsüber ein permanentes Kommen und Gehen herrschte, verirrte sich um diese Uhrzeit niemand hierher. Die einzigen Menschen außer uns waren Nina und Zoltan.

Wir schlossen zu ihnen auf.

»Jana!«, jubelte Nina und umarmte sie stürmisch.

Die junge Polizistin ließ es sich gefallen, warf mir aber einen fragenden Blick zu.

»Wie viel Rum habt ihr denn inzwischen vernichtet?«, meinte ich und schaute auf die Flasche zu Zoltans Füßen.

»Ach, nur dreimal nachgeschenkt«, erklärte er.

Nina nickte inbrünstig. »Ja, wegen des Schocks. Das hilft.«

»O-k-a-y.« Jana zog die Brauen hoch.

»Wollt ihr auch was?«, fragte Zoltan freigiebig.

»Danke. Ich bin im Dienst.« Sie tippte auf ihre Uniform.

»So, jetzt zu euch«, tönte Lars' sonore Stimme hinter mir. Mit gezücktem Dienstausweis schritt er auf uns zu. »Lars Winkelmann. Kriminalpolizei Bayreuth.«

Nina kicherte. »Wir wissen, wer du bist.«

Lars' rechte Augenbraue wanderte nach oben.

»Nina. War ja klar, dass du auch mit von der Partie bist. Und wer sind Sie?«, fragte er den Mann zu meiner Linken.

»Ich bin Zoltan. Zoltan Papp.«

»Papp? Wie papperlapapp?«, gackerte meine Freundin. Sie hatte eindeutig schon zu oft ins Glas geschaut.

»Jana, nimmst du bitte die Personalien auf?«, ordnete Lars angestrengt an.

»Von mir? Wieso?« Der Ungar schaute pikiert.

»Die beiden Damen hier sind uns bereits bekannt.«

»Ihr habt öfter mit der Polizei zu tun? Das hätte ich euch gar nicht zugetraut.« Zoltan nickte fast ehrfürchtig.

Ich kaute auf meiner Unterlippe. Der Mann dachte in die völlig falsche Richtung. Was mich jedoch viel mehr beunruhigte, war der Umstand, dass ganz offenbar etwas wie Achtung in seiner Stimme mitschwang.

Lars atmete tief ein. »Also, verratet ihr mir vielleicht endlich, was ihr hier treibt? Und in welcher Verbindung ihr zu dem Toten steht?«

»Wir haben gelernt, wie man richtig gute Cocktails mixt. Leonhard war unser Lehrer«, klärte ich auf.

»Das ist ja toll. Warum habt ihr nicht Bescheid gesagt? Da hätte ich auch mitgemacht«, meinte Jana.

»Ja, oder? Die Volkshochschule machts möglich. Na ja, ›hat es möglich gemacht‹ wäre wohl die bessere Formulierung. Ich meine, ich glaube nicht, dass Leonhard nochmal einen Cocktail mixen wird«, schwafelte Nina.

»Könnten wir wieder auf meine Frage zurückkommen?«, schritt Lars ein.

»Ich habe ihm geholfen, seine Sachen ins Auto zu laden. Eine Kiste er, eine ich. Er hat ziemlich geschnauft und ist recht langsam gelaufen. Ich hab mir gedacht, vielleicht zu viel Alkohol, zu viel geraucht oder so. Also hab ich ihm seine Kiste dann noch abgenommen und im Kofferraum verstaut, als ich wieder zu ihm hinsah, war er einfach umgefallen«, meldete sich Zoltan zu Wort.

»War der Cocktail so stark?«, fragte Jana.

»Den Eindruck hat es eigentlich nicht gemacht.« Nina schüttelte den Kopf.

»Vielleicht hat er schon vorgeglüht?«

»Er wird bestimmt was gewöhnt sein«, mutmaßte ich. »Nach einer Alkoholleiche sah er jedenfalls nicht aus. Deshalb habe ich dich auch angerufen.« Blinzelnd schaute ich zu Lars.

»Du hast ihn informiert?« Nina war überrascht. »Lars, bist du deshalb gekommen? Braucht ihr beiden denn immer eine Leiche, um miteinander Kontakt zu haben?« Ich trat meiner Freundin auf den Fuß, doch sie merkte es kaum. »Was denn? Stimmt doch.«

Ich runzelte die Stirn. Zugegeben, ganz unrecht hatte sie damit nicht. Aber deshalb musste sie es ja nicht so deutlich aussprechen. Ich schielte zu Lars. Seine Miene war undefinierbar. Dann heftete sich sein Blick auf den offenen Kofferraum des weißen Audis.

»Ist das das Auto des Toten?«

Zoltan nickte.

Lars winkte nach Janas Kollegen, der bei den Ersthelfern stand. »Das ist beschlagnahmt. Wir nehmen es mit.«

»Ich dachte, Leonhard hatte einen Herzinfarkt. Doch nicht? Was war es dann? Eine Alkoholvergiftung?« Ninas lose Zunge überschlug sich.

Doch Lars ging nicht darauf ein. »Wer hat sonst noch an dem Kurs teilgenommen?«, wollte er wissen.

»Wir waren zu zehnt. Also mit Leonhard elf. Da wären wir drei, dann Uwe und Matze, Rose ... Wo ist die überhaupt? Die war doch vorhin noch da?« Suchend drehte ich mich um.

»Rose? Sie war zusammen mit euch die Letzte, die gegangen ist?«

»Ich denke schon. Keine Ahnung, wo sie jetzt steckt.«

»Jana, schaust du mal, ob du noch irgendwo jemanden finden kannst?«

»Ihr wurde übel. Du solltest es zuerst am Damenklo versuchen«, teilte Nina hilfreich mit.

»Ähm. Zeigst du mir vielleicht, in welchem Raum ihr wart?«

»Klar.«

Meine beiden Freundinnen verschwanden. Zoltan verabschiedete sich ebenfalls und wurde großzügigerweise entlassen. Plötzlich standen Lars und ich allein da.

»Wie kommt es nur, dass du dich ausgerechnet da rumtreibst, wo jemand tot umfällt?«, meinte er geradeheraus.

»Zufall?«

»Bei dir?«

»Bläst du jetzt ins gleiche Horn wie Nina? Denkst du etwa, ich hab den armen Kerl um die Ecke gebracht, um dich wiederzusehen?«

Ich glaubte ein leises Glucksen zu vernehmen, doch sein Blick war ernst. »Auf jeden Fall gehörst du zum Kreis der Verdächtigen. Genau wie alle anderen aus dem Kurs.«

»Er wurde demnach also ermordet. Und wie? Ich tippe auf Gift. Hab ich recht?«

 

3

 

 

 

Ich mixte Cocktails ohne Ende. Meine Show war perfekt. Die Zuschauer applaudierten begeistert. Sie riefen mir zu, wie super sie schmeckten. Dann fielen sie alle, einer nach dem anderen, tot um. Der Traum verfolgte mich noch immer.

Obwohl ich meinen freien Tag hatte, war ich fast genauso früh auf den Beinen wie sonst auch. Mit einer Kaffeetasse in der Hand lümmelte ich an meiner kleinen Küchenzeile und lieferte mir mit Max, der am Fensterbrett saß, ein Blickduell.

Max ist mein Kater. War er noch vor einigen Wochen ein süßes kleines Fellknäuel, hatte er sich in letzter Zeit zunehmend zu einem Halbstarken gemausert. Inzwischen besaß er eine stattliche Figur, und sein langes weiß-graues Haarkleid glänzte seidig in den ersten Sonnenstrahlen. Als norwegische Waldkatze gehörte er den Rassekatzen an, und das schien er auch zu wissen. Wenn er wollte, konnte er ein richtiger Schmusekater sein, ebenso aber gern eine echte Nervensäge. So wie heute Morgen. Er wollte raus und sich auf die Suche nach einer attraktiven Kätzin begeben oder mit einem anderen Kater seine Kräfte messen. Wahrscheinlich je nachdem, was ihm zuerst über den Weg lief.

Da ich allerdings keine Lust darauf hatte, dass er sich das Markieren angewöhnte, ebenso wenig wie auf horrende Tierarztkosten, die Prügelattacken oft mit sich brachten, oder darauf, Alimente für Katzenbabys zahlen zu müssen, lagen wir seit einigen Tagen im Klinsch.

»Wenn du glaubst, deine Chancen hätten sich verbessert, weil du mich aus dem Bett holst, hast du dich getäuscht«, murmelte ich über den Tassenrand hinweg. Von meinen Albträumen, und dass ich eigentlich froh war aufzuwachen, musste er schließlich nichts wissen.

Sein Schwanz peitschte aufmüpfig hin und her.

»Ich weiß, dass du rauswillst. Und das darfst du bald auch wieder. Aber zuerst machen wir einen Ausflug zu Dr. Mollert.«

Seine Augen zuckten kurz, dann starrte er aus dem Fenster. Ob er wusste, was ich ihm damit sagen wollte? So schlimm war eine Kastration doch auch wieder nicht.

»Das haben Hunderte – was sag ich –, Tausende schon hinter sich. Du wirst es überleben«, beruhigte ich ihn.

Er sprang aufs Sofa und kroch unter die Decke. Ich schätzte mal, das sollte bedeuten, dass er an keiner weiteren Konversation zu diesem Thema interessiert war. Auch gut.

Ich wandte mich ab und schaute hinaus. Die Äste der alten Eiche direkt gegenüber reichten fast bis herüber. Wenn das Fenster offen stand, nahm Max gerne diesen Weg, um zu ›entkommen‹. Unten liefen gerade Maria und Susi vorbei. Wer wen spazieren führte, war allerdings fraglich.

Maria war die Haushälterin des Blum`schen Anwesens und wie eine zweite Mutter für mich, und Susi das neuste Familienmitglied der Blums. Sie war ein Riese von Hund. Eine Deutsche Dogge, die mir bis zur Hüfte reichte und Maria sogar zum Bauch. Wer dem Tier den niedlichen Namen Susi gegeben hatte, wusste ich nicht, aber es musste ein Spaßvogel gewesen sein, denn an ihr war nichts niedlich und süß.

Mein Schwiegervater Klaus hatte sie seiner Gattin erst kürzlich zum Schutz geschenkt, als es jemand auf sie abgesehen hatte. Wer meine Schwiegermutter Anke kannte, den verwunderte das vielleicht nicht. Sie war biestig, herrisch und glaubte die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben, daran änderte auch ihr adrett gepflegtes Aussehen nichts. Sie achtete sehr auf Etikette und gehörte zur Bayreuther High Society. Egal was in der Stadt passierte, es geschah kaum etwas ohne ihr Wissen. Sie können sich vorstellen, dass sie nicht bei jedermann beliebt war. Doch zu dem Zeitpunkt, als Susi einzog, war die Lage tatsächlich ernst gewesen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Jedenfalls gehörte Susi seither zur Familie. Schwiegermama und das Monsterteil verstanden sich überraschenderweise auf Anhieb blendend. Ich persönlich hatte die Vermutung, dass Susi für Anke zu einer Art Ersatzkind geworden war. Nachdem mein Mann Thorsten als ihr einziges Kind plötzlich verstorben war, hatte sie mit Susi nun ein Lebewesen gefunden, auf das sie ihre Liebe übertragen konnte, und der arme Hund vermochte auch nicht zu widersprechen. Ein echter Pluspunkt für ihre Beziehung.

Impressum

Verlag: Zeilenfluss

Texte: Birgit Gruber
Bildmaterialien: ©Shutterstock.com (Dmitry Lobanov, Rohappy, VECTOR FUN)
Cover: Wolkenart – Marie-Katharina Wölk,
Lektorat/Korrektorat: Dr. Andreas Fischer
Satz: Zeilenfluss
Tag der Veröffentlichung: 23.04.2020
ISBN: 978-3-96714-069-9

Alle Rechte vorbehalten

Nächste Seite
Seite 1 /