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Leseprobe

Beachdating

Birgit Gruber

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dies ist ein Roman.

Die Namen der behandelten Personen sind frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeit mit real existierenden (lebenden oder toten) Menschen wäre reiner Zufall.

 

 

 

 

1

 

 

 

 

Sommer! Endlich! Urlaub! Endlich! Doch leider war der Traum von Strand und Meeresrauschen geplatzt. Dabei war alles schon geplant und gebucht gewesen. Ich hatte mich für Zypern entschieden und seit Wochen die Tage gezählt. Extra einen neuen Bikini hatte ich mir gekauft. Und nun? Für was? Dafür, dass ich nun einen freundlichen Brief meines Reiseveranstalters bekommen hatte. Mit netten Worten wurde mir eröffnet, dass es durch die Pleite einer Fluggesellschaft plötzlich keine Maschine zum vereinbarten Termin mehr gäbe. Ersatz wäre aufgrund der Vielzahl von Reisenden auch nicht möglich. Ja, schier undenkbar. Somit müsse man mir leider mitteilen … blablaba. Kurz, meine Urlaubsreise war storniert worden, ob ich wollte oder nicht.

»Was ist los, Annabell? Wird es nicht langsam Zeit, deine Sachen zusammenzupacken?«, fragte meine Kollegin Petra. Sie saß am Schreibtisch gegenüber von mir und glaubte noch immer, ich würde in achtzehn Stunden im Flieger Richtung Süden sitzen. Ich hatte es nicht fertiggebracht, ihr oder irgendjemandem sonst zu erzählen, dass mein Traum geplatzt war. Die Enttäuschung war zu groß, und wenn ich es aussprach, würde es zur Realität, so empfand ich es zumindest.

In Seelenruhe schob ich einige Papiere auf meinem Schreibtisch von links nach rechts. Klar, dass Petra nicht verstand, warum ich es nicht erwarten konnte, das Büro und die Firma für die nächsten Tage zu verlassen.

Dabei hatte ich mich so auf diesen Urlaub gefreut. Ich hatte hart gespart, um endlich einmal wieder echtes Strandfeeling erleben zu können. Nach meinem Umzug in die neue Wohnung, der mich nicht nur Zeit und Mühe gekostet hatte, sondern auch noch Geld für Möbel, war mein Auto kaputtgegangen. Die Diagnose der Kfz-Werkstatt lautete, um genau zu sein: Schrottreif. Das musste ich erst einmal verdauen. Sicherlich hatte mein Corsa schon etliche Jährchen auf dem Buckel und besaß hier und da ein paar attraktive Rostflecken, aber unter dem Aspekt ›schrottreif‹ hatte ich ihn bis zu diesem Zeitpunkt noch nie betrachtet. Da sich eine Rundumreparatur jedoch keinesfalls lohnen würde, wie mir ausdrücklich versichert wurde, ging also ein Großteil meiner Rücklagen für einen neuen Kleinwagen drauf. Das war vor gut eineinhalb Jahren gewesen. Seitdem lag mein Lebensmittelpunkt in der Arbeit, darum bemüht, meine Reserven wieder aufzufüllen.

Im letzten Sommer hatte es für einen Urlaub bei Weitem noch nicht gereicht. Aber heuer! Als ich vor Monaten meine Reise nach Zypern gebucht hatte, stieß ich mit einem Glas Aperol Spritz mit mir selbst an. Ich war stolz, dass ich es geschafft hatte, finanziell wieder vernünftig gepolstert zu sein, was immer das heißen mochte. Das war wohl für jedermann aus unterschiedlichem Blickwinkel zu betrachten. Meine eigenen Ansprüche hatte ich jedenfalls erreicht. Und der zweite Punkt, der mich stolz machte, war, dass ich mich überhaupt dazu durchgerungen hatte, zu verreisen. Und zwar allein. Das hatte ich bisher noch nie gewagt. Früher waren Urlaube Familienangelegenheit. Meine Eltern, meine Schwester, mein Bruder und ich. Als ich älter und allmählich erwachsen wurde, verreiste ich dann mit Freundinnen oder mit meinem Freund. Nicht so diesmal. Meine Freundinnen praktizierten inzwischen selbst Familienurlaube und einen Freund besaß ich nicht – mehr. Deshalb auch der Umzug und mein knappes Budget.

Karsten, mein Ex-Freund, war ein regelrechter Adrenalinjunkie gewesen und hatte sein Geld in eine abenteuerlustige Sportart nach der anderen gesteckt. Während ich das anfangs noch aufregend fand, wurde es im Laufe der Zeit immer mehr zu einem Problem zwischen uns, zumal er mich häufiger um eine Finanzspritze bat, damit er seine Trips finanzieren konnte. Aber wir passten auch sonst nicht besonders gut zueinander. Ich hatte es versucht – Gott weiß wie sehr –, doch am Ende war eine Trennung das einzig Vernünftige gewesen. Seitdem genoss ich das Single-Dasein. Von Männern hatte ich vorerst genug, und es war auch nicht so, als wäre mir seither ein wirklich interessantes Exemplar über den Weg gelaufen. »Wie auch?«, würde Petra jetzt bestimmt anmerken. »Du arbeitest ja nur noch.«

Ganz unrecht hatte sie damit wohl nicht. Meine sozialen Kontakte beliefen sich auf Familientreffen in allen Variationen. Ob mit meiner eigenen oder mit denen meiner Freundinnen. Die waren nämlich alle unter der Haube. Manche mit, manche von ihnen ohne Trauschein. Aber alle lebten glücklich und zufrieden in festen Beziehungen. Zudem war nun auch noch der Babyboom ausgebrochen. Als wir nach und nach alle die dreißig überschritten, artete es regelrecht zur Epidemie aus. Innerhalb von zwölf Monaten hörte ich dreimal das freudige »Ich bin schwanger« samt dem zugehörigen aufgeregten Gekreische.

Es war nicht so, dass ich keine Kinder mochte, irgendwann einmal wollte auch ich welche haben, aber zuerst musste ich den passenden Mann dazu finden. Und so mutierte ich allmählich ungewollt zur Außenseiterin. Während sich für meine Freundinnen alles um Babybrei und Windeln drehte, wurde ich einem noch freien Exemplar an Mann nach dem anderen vorgestellt. Eine jede wollte mich verkuppeln, damit ich endlich wieder so richtig zur Gruppe gehörte. Gartenpartys und Geburtstagsfeiern wurden mir langsam zum Graus. Fand ich es anfangs noch amüsant, welchen Begleiter sie mir diesmal aus dem Hut gezaubert hatten, steigerte es sich mit der Zeit zur anstrengenden Pflichtveranstaltung. Kurz: Es wurde nicht einfacher und so vergrub ich mich zunehmend in meine Arbeit. Immerhin war ich dadurch zur Abteilungsleiterin aufgestiegen.

Umso mehr war ich stolz auf mich, dass ich mir das Schnäppchen nicht hatte entgehen lassen und den Urlaub gebucht hatte. Einzig und allein mit mir. Zugegeben, auch Petra hatte ihren Beitrag geleistet, indem sie mir sagte, ich könne meine vielen angesammelten Urlaubstage nicht verfallen lassen und müsse unbedingt mal wieder etwas ausspannen. Tja, und nun das.

Niemals hätte ich mir vorstellen können, dass die Pleite einer Fluggesellschaft einmal meine Strandträume würde platzen lassen. Doch ebenso wie mir ging es wohl vielen anderen auch. Das Blöde war nur, ich hatte kein Geld, um eben mal schnell ein anderes Reiseziel zu buchen.

»Willst du mir ›die‹ nicht endlich geben?« Petra sah mich immer noch fragend an. Klar, anstatt zu antworten oder fröhlich aufzuspringen, ordnete ich den Stapel Formulare vor mir zum bestimmt fünften Mal. Seufzend beugte ich mich über den Tisch und reichte ihr den Papierberg.

»Keine Sorge, ich werde dich gut vertreten«, meinte sie lächelnd, weil sie mein Seufzen falsch interpretierte. »Genieß deinen Urlaub. Machst sowieso zu viel Überstunden. Und grüß mir das Meer. Ich würde auch gerne die Wellen rauschen hören und das Salzwasser schmecken. Aber du weißt ja, seit wir unseren Wohnwagen haben, fahren wir immer in die Oberpfalz an unseren See. Joachim liebt den halt. Und es ist ja auch wirklich schön dort. Ach, ich freu mich schon!«

»Dauert ja nicht mehr lange.« Gleich nach meiner Woche Urlaub nahm Petra ihren. Wir gaben uns sozusagen die Klinke in die Hand. Dann hielt ich mitten in der Bewegung inne. »Wie hieß der noch gleich?«

»Warte. Ich zeig´s dir.« Mit flinken Fingern tippte sie auf ihrer Tastatur, um mir gleich darauf ihren Bildschirm zuzudrehen. Das funktionierte aber nicht so recht. Brummend schüttelte sie den Kopf. »Komm rüber«, forderte sie mich dann gestenreich auf. Das tat ich und Petra präsentierte mir strahlend zuerst eine Webseite und dann noch mehrere selbst geschossene Fotos. Es sah wirklich nach Urlaub aus. Wasser, Sand, Sonnenuntergang. Und als ich endlich das Firmengebäude für die nächste Woche verließ, hatte ich einen Plan.

 

»Sie haben noch nie gezeltet?«, fragte mich der mit Akne geschlagene Verkäufer, der offenbar witterte mit mir das Geschäft seines Lebens zu machen.

Vehement verneinte ich. Und das bereits zum dritten Mal. Mein Gegenüber konnte das anscheinend gar nicht fassen. Eine kleine Ewigkeit schaute er mich an, bis er schließlich nickte und von null auf hundert zur Hochform auflief.

Ich hörte nur alle paar Minuten: »Dann brauchen Sie das. Und das. Und das selbstverständlich auch.« Innerhalb kürzester Zeit häufte sich vor mir ein Berg an. Perplex sah ich seinem emsigen Treiben wortlos zu.

»Brauchen Sie auch eine Campingtoilette?«, fragte er dann, schon ein wenig außer Atem, kam neben einem Regal mit großen – also wirklich großen! – Kartons zum Stehen und riss mich damit aus meiner Liturgie. Fassungslos starrte ich ihn an. »Eine Campingtoilette? Sie hätten damit Ihr eigenes ungestörtes Plätzchen. Wenn Sie verstehen, was ich meine.« Seine Augenbrauen vibrierten.

Ja, klar! Hielt der mich für bescheuert? Mein eigenes ungestörtes Plätzchen, mitten am Campingplatz, gleich neben meinem Zelt, unter freiem Himmel, in aller Öffentlichkeit. Oder wo sollte ich das Ding aufbauen? Ich stellte mir vor, wie ich da so saß, auf meinem Örtchen und den Nachbarn zuwinkte. Also bitte! Ich wäre bestimmt eine Attraktion. Wäre es dem Kerl nicht todernst mit seiner Frage gewesen, ich wäre vermutlich in schallendes Gelächter ausgebrochen. Doch so wahrte ich den nötigen Ernst und verneinte nachdrücklich meinen Bedarf. Er zog eine Schnute, während ich fand, dass es an der Zeit war, den restlichen Stapel genauer zu inspizieren. Wer wusste schon, was er mir noch alles andrehen wollte? In seinen Augen war ich die perfekte Kundin, die ihn zum Verkäufer des Monats aufsteigen ließ.

Ich fand: Eine Isomatte, einen Schlafsack, der auch minus irgendwas Grad aushielt – Hallo? Es war Hochsommer, und ich wollte jetzt verreisen! –, natürlich ein Zelt – in der Handhabung des Auf- und Abbaus besonders leicht und auch für Anfänger wie mich sehr gut geeignet – eine Campingleuchte, die per Handkurbel aufladbar war, und diverse weitere Kleinigkeiten. Wie zum Beispiel … »Was ist denn das?«, fragte ich verwirrt, weil ich so schnell gar nicht mitbekommen hatte, was der Typ mir alles aus den Regalen geholt hatte.

»Das ist eine Wäschespinne mit Fußgestell. Bestens geeignet fürs Camping. Das Alugestell ist wetterfest.«

Mein Arm, mit dem ich gerade noch das Teil aus dem Haufen hervorziehen wollte, sackte nach unten.

»Brauch ich nicht!« Erbittert schüttelte ich den Kopf. Ich wollte mich im Hotel entspannen und verwöhnen lassen. Wenn das nun schon Geschichte war, dann sollte mich der Teufel holen, aber ich würde in meinem Urlaub garantiert keine Wäsche waschen. Das stand schon mal fest!

Mein Gegenüber sah mich verständnislos an. »Und was soll das sein?«, fragte ich weiter und durchstöberte den Haufen. Ein Karton mit dem Bild eines wabenförmigen Metallgehäuses starrte mir zur Hälfte sichtbar entgegen.

»Oh! Das wird Ihnen gefallen! Das ist ein Campingkocher. Und nicht nur das! Mit diesem kleinen Gerät können Sie nicht nur kochen, Sie können auch Ihr Handy aufladen. Ist das nicht fantastisch?« Er war derart begeistert, dass ich glaubte, er würde sogleich vor Freude anfangen auf und ab zu hüpfen.

Ich runzelte die Stirn.

»Und die passende Kaffeekanne habe ich Ihnen auch schon gleich dazugelegt«, fügte er an, bevor ich Einwände erheben konnte.

Es folgte eine Verhandlung ähnlich wie auf einem Basar. Wir feilschten um jedes Stück. Allerdings nicht wegen des Preises, sondern ob ich es kaufen wollte oder nicht. Wir einigten uns schließlich auf die Grundausstattung, wie Zelt, Schlafsack und so weiter, und letztlich nahm ich auch die Campingleuchte und den Campingkocher samt Kaffeekanne, weil ich befürchtete, er würde gleich in depressive Zustände verfallen, wenn ich es nicht tat. Die Summe, die ich am Ende berappen musste, war höher, als ich gedacht hatte, aber vermutlich normal. Da ich mich bislang nie für Camping interessiert hatte, wusste ich das nicht so genau. Doch ich wollte ihm nichts unterstellen. Und so schleppte ich wenig später meine neu erworbenen Habseligkeiten – meine Vier-Sterne-Luxushoteleinrichtung – zu meinem Auto und war froh, dass ich noch mein Urlaubsgeld für ›vor Ort‹ besaß, welches mit dieser Aktion jetzt aber auch schon um einiges geschrumpft war.

 

 

 

 

 

 

 

 

2

 

 

 

 

Am nächsten Vormittag ging es los. Das Auto war voll bepackt. Nie hätte ich gedacht, dass ich die Stauflächen einmal so gut nutzen würde. Ich hatte im Supermarkt noch fleißig eingekauft und nun neben einer großen Kühlbox mit etwas Wurst, Käse, Butter, Marmelade und was man eben so braucht, auch einen Kasten Wasser und eine Flasche Sekt eingeladen. Dazu meinen Trolley mit Klamotten und eine Reisetasche mit Badesachen und Handtüchern. Damit war mein Kofferraum dann auch ziemlich voll. Das Zelt samt Schlafsack und Luftmatratze hatte neben meinem Kopfkissen und Decke am Rücksitz Platz gefunden. Ich fragte mich, wie Familien das machten, wenn ich allein es schon schaffte, mein Auto so voll zu bekommen. Ob ich vielleicht zu viel eingepackt hatte? Ich biss mir auf die Lippen. Nicht zum ersten Mal überfielen mich Zweifel, ob meine spontane Entscheidung, zu Petras Urlaubssee zu fahren, richtig für mich war. Von Camping verstand ich nicht das Geringste, wie mein gepacktes Auto schon bewies. Das konnte ja heiter werden!

 

Das schöne Oberpfälzer Seenland lag nur gute zwei Autostunden entfernt und so hatte ich mein Reiseziel bereits erreicht, während ich, wenn alles wie geplant verlaufen wäre, jetzt vermutlich gerade erst mit dem Flieger auf die Startbahn rollen würde. Na ja, zumindest konnte ich mir die Sicherheitseinweisungen bezüglich Luftdruckmasken und Schwimmwesten ersparen. Die brauchte ich hier nicht. Obwohl eine Schwimmweste vielleicht sinnvoll wäre, wenn ich im See – der für die nächsten Tage direkt vor meiner Tür liegen würde – zu weit hinausschwamm. Lächelnd bog ich in die letzte Abzweigung ein. Und schon lag er vor mir. Zwischen Autos, Büschen und Bäumen glitzerte mir Wasser entgegen. Viel konnte ich noch nicht erkennen, aber das, was ich sah, war durchaus verheißungsvoll, und meine Vorfreude wuchs. Ich parkte meinen Wagen, stieg aus und sah mich um.

Ein weiteres Auto brauste heran und wirbelte hinter sich weißen Staub auf. Laute Musik und Stimmen drangen daraus hervor. Der Fahrer sang hörbar mit und wiegte das Lenkrad im Takt dazu nach links und rechts, sodass er mit seiner Karre ins Schlingern kam und der Außenspiegel der Beifahrertür meinen Arm streifte. Zumindest dachte ich das. Oder war das nur der Fahrtwind gewesen, den ich gespürte hatte? Erschrocken und völlig unvorbereitet sprang ich zur Seite. Ich schnappte nach Luft, atmete aber lediglich den dünnen Kalkstaub ein.

»Hey, spinnst du?«, rief jemand an meiner Stelle. »Halt sofort an!« Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, dass derjenige ebenfalls im Wagen saß.

»Ist doch nix passiert«, hörte ich eine andere Stimme, während das Auto abbremste und die Hintertür aufgerissen wurde.

Wie ein begossener Pudel blinzelte ich, um das Geschehen vor mir zu verfolgen, während ich mir die Stelle meines Armes rieb, an der ich, wie ich glaubte, getroffen worden war. Soweit ich erkennen konnte, saßen vier männliche Exemplare in dem Wagen. Einer davon war jetzt im Begriff, auf mich zuzukommen.

»Alles okay?«, fragte er, der Stimme nach mein Fürsprecher. Ich hustete und nickte nur. Die Ladung Staub hatte sich mir in Mund und Rachen gelegt, was verhinderte, dass ich den Typen kräftig die Meinung geigen konnte. Die Glücklichen! Der Wortschwall, der mir durch den Kopf ging, war nichts für schwache Gemüter.

»Warte«, meinte nun einer der anderen, der inzwischen auch ausgestiegen war und mein Problem wohl erkannt hatte. Er lief mit einer kleinen Wasserflasche auf mich zu. »Hier.«

Zögernd griff ich danach. Ich nahm nicht so einfach von Fremden etwas an, doch hier handelte es sich eindeutig um einen Notfall. Entweder trank ich einen Schluck oder ich würde vermutlich umkippen. Keuchend schraubte ich an dem Verschluss, aber das Teil war echt gut verschweißt, und so half mir mein Wasserspender ein weiteres Mal. Als die kühle Flüssigkeit meine trockene Kehle entlangfloss, merkte ich, wie meine Lebensgeister wieder zurückkehrten.

Der Mann vor mir grinste mich an. »Besser?«

Nickend räusperte ich mich, bevor ich endlich ein »Ja« herausbekam. Sicherheitshalber trank ich noch einmal. Dabei musterte ich beide verstohlen. Ich tippte darauf, dass sie etwa in meinem Alter waren und ich kam nicht umhin zu bemerken, was für strahlend blaue Augen mein Fürsprecher besaß. Normalerweise erwartete man solche Augen eher bei blonden Haaren, doch seines war dunkel. Aber ich selbst war aschblond und hatte braune Augen, was bestätigte, dass alles andere reines Klischeedenken war.

Außerdem befanden wir uns auf Augenhöhe, somit war er circa eins fünfundsiebzig groß. Sein Gesicht mit den ausgeprägten Wangenknochen wirkte freundlich. Vielleicht fand ich ihn gerade deshalb interessant, um nicht zu sagen attraktiv.

»Gut«, meinte mein Gegenüber erleichtert. »Ich bin übrigens Markus«, stellte er sich vor und reichte mir seine Hand. »Und das ist Elias.«

Elias hieß er also, der Mann mit den schönen blauen Augen. Fast widerwillig löste ich meinen Blick von ihm und schüttelte Markus‘ Hand. Er war kleiner als Elias und leicht untersetzt, aber nicht dick. Sein rundliches Gesicht zierten leicht rötliche Haare und ein ordentlich gepflegter Vollbart.

Erst jetzt bemerkte ich wieder den dumpfen Schmerz, der sich knapp über meinem Ellenbogen am Oberarm ausbreitete. Das würde ein blauer Fleck werden, das war mal sicher. Trotzdem griff ich auch Elias‘ Hand.

»Annabell.«

»Freut mich.« Unsere Blicke trafen sich.

»Tut mir leid, dass du mit Rickys Fahrkünsten konfrontiert wurdest«, meinte er.

»Und? Alles klar?«, rief jemand und mir fiel auf, dass auch die anderen Männer ausgestiegen waren. Alle im gleichen Alter.

»Da kannst du von Glück reden«, rief Markus und drehte sich ihnen kurz zu.

Der Fahrer lehnte an der Tür, halb auf das Dach gestützt, und grinste schief. »Wusste ich´s doch.«

»Das ist Ricky«, klärte Markus mich auf. Entschuldigend sah er mich an. Offenbar schämte er sich etwas für seinen Freund. »Er ist ganz in Ordnung, durchlebt aber gerade eine schwierige Phase. Deshalb haben wir beschlossen, dass ein Männerurlaub genau das Richtige wäre. Der andere ist übrigens Andy.« Er deutete zum Beifahrer. Die beiden Männer hoben zum Gruß die Hand und ich nickte abermals lächelnd, bevor mir wieder einfiel, dass meine guten Manieren hier überhaupt nicht gefragt waren. Solche Rüpel. In ihrem Alter sollte man doch wirklich etwas mehr Rücksicht erwarten dürfen!

Wie aufs Stichwort rief Ricky: »Was ist los? Kommt ihr jetzt? Wir wollen zelten und nicht hier am Parkplatz übernachten.«

»Schon gut.« Markus setzte sich in Bewegung.

Elias zuckte entschuldigend mit den Schultern. »Also dann, nochmal sorry«, sagte er und schlenderte ebenfalls zurück zum Wagen.

Mit gemächlichem Tempo fuhr das Gespann die restlichen Meter bis zum Eingang des Campingplatzes, den ich linkerhand erkennen konnte. Demnach würden wir uns wohl wiedersehen. Als ich mich in gespannter Erwartung umsah, durchlief mich ein leichtes Kribbeln.

Etwas schräg neben dem Campingplatzeingang befand sich ein Haus, das man durchaus als Villa bezeichnen konnte. Ein Schild davor wies es als Restaurant aus. Ich war beeindruckt. Wenn man vom Äußeren auf die Karte schließen konnte, handelte es sich hier nicht um einen Imbiss, sondern um eine Gastronomie mit Ambiente. Neugierig lief ich darauf zu und meine Einschätzung wurde bestätigt. Laut Karte gab es hier tolles italienisches Essen. Aber im Moment hatte es noch geschlossen. Es öffnete erst am frühen Abend. Doch ich war sowieso nicht hungrig. Viel lieber wollte ich kurz die Gegend erkunden und dann mein Zimmer beziehen. Haha.

Ich wandte mich weiter nach rechts und entdeckte Grasflächen, die sich, durch Büsche abgetrennt, terrassenförmig den Hang hinabzogen. Unter mir schimmerte der See durch das Blattwerk hindurch. Gespannt lief ich einen der Wege entlang. Einig Badegäste hatten sich hier und da ein schönes Plätzchen gesucht, aber bisher war noch jede Menge frei. Doch es war auch gerade einmal Mittag. Bestimmt würde sich das noch ändern. Die Liegeflächen waren öffentlich, sodass hier jeder herkommen konnte, nicht nur die Campingplatzbewohner. Dann konnte ich von Weitem die Stelle ausmachen, die ich von Petras Fotos kannte. Der Sandstrand! Er wirkte klein und fein zu den grasbewachsenen Liegeflächen und natürlich gemessen an meinem echten Sandstrand, an dem ich in wenigen Stunden hätte liegen sollen. Ich schüttelte den Kopf und verscheuchte meine Gedanken daran. Ich musste aufhören das hier alles mit meinem ursprünglich geplanten Urlaub zu vergleichen. Ab jetzt galt nur noch das Hier!

Ich lief schneller, bis ich unter meinen Füßen den weichen Sand spürte. Der Ausblick war herrlich, mit unversperrter Sicht auf den großen See. Ich konnte das andere Ufer gegenüber zwar sehen, aber hinüberschwimmen wäre allemal zu weit, wie ich glaubte. Der kleine Strand wurde durch wuchtige Steine vom Wasser getrennt, in dem Kinder tobten und sich einige fleißige Schwimmer tummelten, von denen man nur die Köpfe sah. Eine leichte Brise zog vom See herauf und kühlte für eine Sekunde mein Gesicht. In meinem Jeanskleid wurde mir allmählich richtig warm. Meine aschblonden langen Haare fielen mir in Locken über die Schultern. Die Sonne stach vom blauen Himmel auf mich herab. Kein Wölkchen war zu sehen. Freudig atmete ich einmal tief durch, dann wandte ich mich von dem kühlen Nass ab und drehte mich um. Im Anschluss an den Minisandstrand befanden sich den Hang hinauf sechs riesige Steinstufen. Sie waren halbrund angeordnet und so ausladend angelegt, dass man auf jeder davon angenehm Platz hatte, um ein Handtuch auszubreiten. Ein wenig erinnerte mich das Bild an das antike Theater in Kourion auf Zypern, das ich mir im Reiseführer angeschaut hatte. Auch wenn sich hier hinter einer jeden Stufe noch eine erdige kleine Grasfläche befand, was im antiken Theater natürlich nicht der Fall war. Dennoch freute ich mich über die zufällige Gemeinsamkeit und sah das als gutes Zeichen, dass mein Urlaub schön werden würde.

Frohgemut wählte ich den Weg, der neben den Stufen nach oben führte, und kam an einem Kiosk vorbei, der Eis, Kaffee und Snacks anbot sowie öffentliche Toiletten beherbergte. Ich hatte mein Plätzchen für meine Urlaubszeit gefunden. Da war ich mir sicher. Es gefiel mir ausnehmend gut. Leider war ich da wohl nicht die Einzige, denn bereits jetzt war es schon beachtlich voll. Um hier täglich liegen zu können, musste man schnell sein, das begriff ich sofort. Da ich aber gleich um die Ecke wohnen würde, wäre das bestimmt kein Problem für mich.

 

So jedenfalls dachte ich mir das. Der Campingplatzbetreiber war da anderer Meinung. Mit einer geschätzten Größe von eins fünfundsechzig, schütterem Haar und deutlichem Bauchansatz stand er vor mir und schüttelte seinen runden Kopf.

»Junge Frau, wie denken Sie sich das denn? Es ist Hochsaison. Ferienzeit! Wir sind seit Monaten ausgebucht.«

Mir klappte der Unterkiefer hinunter. Darüber hatte ich mir überhaupt keine Gedanken gemacht. Aber natürlich hatte der Mann recht. Es war dumm von mir, einfach davon auszugehen, dass ich mein eigenes Zelt ohne Buchung oder Reservierung hier aufstellen könnte. Wortlos stand ich da.

Das Häuschen, das sich gleich am Eingang des Platzes befand, war nicht besonders groß. Es beherbergte sowohl das Büro des Campingplatzes als auch ein paar Automaten, die beim Einwurf einiger Münzen Eis und Getränke freigaben. Die Luft war stickig. Das empfand der Mann wohl ebenso. Denn er klappte sein Buch, in dem offenbar die reservierten Stellplätze eingetragen waren, wieder zu und watschelte an mir vorbei nach draußen, um an seinem schattigen Tischchen vor der Tür Platz zu nehmen. Dort hatte ich ihn auch vor wenigen Minuten angetroffen und aufgescheucht.

»Hallo Bernd, na wie geht´s heut so?«, hörte ich eine Männerstimme fragen.

»Ganz gut. Aber ich glaub, das letzte Bier gestern war schlecht«, antwortete der Campingplatzbetreiber und beide lachten.

Ich verzog mein Gesicht. Während die ihren Spaß hatten, stand ich da, ohne zu wissen, was ich denn nun tun sollte. Ich zog meine Sonnenbrille von den Augen, in der Hoffnung, dann einen besseren Durchblick zu bekommen. Kampfgeist machte sich in mir breit. Ich hatte mir meinen Urlaub verdient, verdammt noch mal! Wie Petra schon sagte, ich hatte unzählige Überstunden angesammelt, meine letzten gesellschaftlichen Ereignisse inklusive Blind Dates waren nicht gerade toll gewesen, mein Traumurlaub geplatzt und jetzt das! Mir gefiel es hier! Der See, die kleine Sandoase! Außerdem hatte ich die ganze Campingausstattung im Wagen liegen, für auch nicht gerade wenig Geld. Ich wollte hierbleiben, und das würde ich auch!

Mit durchgestreckten Schultern marschierte ich hinaus an die frische Luft und baute mich vor diesem Bernd auf, der munter mit dem anderen redete. Gemütlich saßen sie im Tisch im Schatten.

»Hm-hm«, räusperte ich mich. Die Männer sahen zu mir auf. »Hören Sie«, begann ich so durchsetzungsfest, wie ich konnte, »mir ist klar, dass ich mich hätte anmelden müssen. Aber ich besitze weder einen Wohnwagen noch ein Wohnmobil.« Ich sah zu den ersten Wohnwägen, die sich gleich hinter dem Eingang reihten. »Ich habe nur ein Zelt. Und das ist nicht mal besonders groß. Haben Sie nicht doch ein kleines Plätzchen für mich?« Erwartungsvoll lächelte ich ihn an. Im Ausnutzen meiner weiblichen Reize war ich noch nie gut gewesen. Ich konnte nur hoffen, dass meine Mimik ausreichte.

Bernd runzelte die Stirn. »Probieren Sie es doch anderswo. Es gibt hier in der Gegend mehrere Seen und mindestens ebenso viele Campingplätze.«

»Ich möchte aber unbedingt hierbleiben. Es gefällt mir! Nur ein klitzekleines Plätzchen. Das reicht schon«, bettelte ich.

Seit wann war ich so flehentlich geworden? Und das wegen eines Campingplatzes? Ausgerechnet ich, die noch nie einen Hauch des Wunsches nach einem Zelturlaub verspürt hatte. Und nun hatte ich das Gefühl, ich könnte nur an diesem einen Ort meinen verkorksten Urlaub noch retten.

Der Mann neben Bernd lächelte zurück, bevor er sich an den Platzwart wandte und fragte: »Alles voll?« Der nickte nur. »Denk ich mir. Aber wenn es sich nur um ein kleines Zelt handelt … Meinst nicht, das könnte noch hinten beim Hydranten hinpassen?«

Meine Hoffnung wuchs.

»Ja, was ist mit dem Platz? Ich bin wirklich überhaupt nicht anspruchsvoll«, stimmte ich in den Vorschlag mit ein, als würde ich mich hier auskennen wie in meiner Westentasche.

»Für wie lange nochmal?«, hakte der Campingplatzbetreiber nach, und ich konnte mein Glück kaum fassen.

»Eine Woche?«

Er presste die Lippen aufeinander.

»Das geht schon«, setzte sich der andere weiter für mich ein. Dankbar nickte ich ihm zu. »Detlef. Hallo«, stellte er sich nun vor, erhob sich ein wenig und reichte mir die Hand.

»Annabell«, antwortete ich freudig und schüttelte sie.

»Der Platz ist schei…«, wollte Bernd brummend einwenden, doch ich unterbrach ihn sogleich.

»Ich bin nicht anspruchsvoll.«

Er war wirklich eine harte Nuss. Ob ich mir den Fleck nicht erst mal anschauen wolle, fragte er mich. Nein, wollte ich nicht. Ich würde ihn nehmen, in jedem Fall!

»Also gut. Von mir aus«, sagte er schließlich tatsächlich, und ich fühlte mich, als hätte ich eine Luxusreise gewonnen. »Aber ich will keine Klagen hören, dass das klar ist!«, ermahnte er mich noch ausdrücklich, während er wieder in das stickige Häuschen ging und sein Buch öffnete.

Zehn Minuten später war ich mit beiden Männern per Du, wie das hier am Gelände so üblich war, und der nette Detlef geleitete mich zu meiner Wohnadresse für die nächsten Tage. Ebenso wie Bernd mochte er vermutlich Mitte fünfzig sein. Aber anders als der Platzwart war er lang und besaß eine schlaksige Figur, die in Sportshorts samt Shirt steckte.

Wir liefen die ›Hauptstraße‹ entlang, wie Detlef flachsend meinte.

»Das hier sind alles Dauercamper. Die sind fast das ganze Jahr hier«, klärte er mich auf.

Interessiert sah ich mich um, während er den einen und anderen grüßte. Links und rechts reihten sich Wohnwägen, mal mit großem, mal mit kleinem Zeltvorbau. Mit Gartenzäunen und Blumen, ja sogar Tomatentöpfen, und einer besaß Weinreben mit echten Trauben. Nur hin und wieder fand sich auch ein Wohnmobil. Ich hatte noch kein einziges Zelt entdeckt. Allmählich wurde mir doch etwas flau. Wir bogen an einer Abzweigung in einen Seitenweg. Auch hier sah es sehr ›wohnlich‹ aus. Dann folgte eine weitere Abbiegung.

»So, da wären wir«, meinte Detlef und blieb stehen. Um ein Haar wäre ich, abgelenkt wie ich war, zuerst in ihn hineingelaufen und dann an einem knallroten Wasserhydranten hängengeblieben. Doch in letzter Sekunde gelang es mir anzuhalten. Prüfend sah ich mich um.

»Das ist doch ein ansehnlich großer Platz«, stellte ich fest und strahlte.

»Na ja …« Detlef grinste und kratzte sich hinterm Ohr. »Freu dich nicht zu früh. Der Platz ist noch leer. Die sollen heute ankommen.« Er zeigte auf ein Schild, das die Nummer 68 auswies. »Dein Platz ist der hier.« Er deutete auf den Wasserhydranten und zeichnete in der Luft ein Viereck.

Ich zog die Augenbrauen nach oben. Also, wenn ich das richtig verstand, gehörte der große Platz meinen zukünftigen Nachbarn, mir hingegen der kleine zwischen Hydrant und einer mächtigen alten Buche, der ungefähr sechs Quadratmeter maß. Aber in räumlichem Denken war ich nicht besonders gut, vielleicht täuschte ich mich auch und der Platz war größer.

 

Er war zumindest groß genug, um mein Zelt aufzubauen. Als es endlich stand, hatte ich gerade mal zwei Fuß breit grüne Wiese drumherum zur Verfügung, allerdings vor dem Eingang immerhin noch so viel Fläche, dass ich mich setzen konnte.

Mein Einzug war eine einzige Tortur gewesen und für einige der Anwohner die Show des Jahres, wie ich zerknirscht feststellen musste. Zum Glück besaß ich die Gabe, über mich selbst lachen zu können, und so nahm ich die Sache mit Humor. Zumindest jetzt, im Nachhinein.

Nachdem Detlef mir meinen Platz gezeigt hatte, ergab sich die Frage, ob ich mit dem Auto herfahren oder es da, wo ich geparkt hatte, stehen lassen wollte. Da mein kleines Fleckchen Grün nicht auch noch mein Auto beherbergen konnte und der Parkplatz zunehmend voller wurde, beschloss ich mein Zeug zu Fuß herzuschleppen. Und so spazierte ich mit meinem Koffer, Kühltasche und Co. hinter Detlef her, der sich freundlicherweise angeboten hatte meine überdimensionale Zelttasche zu tragen.

Eine Frau, die mit Trolley und Butler anreiste, war hier am Campingplatz schlichtweg eine Sensation. Die kleinen Räder meines Rollkoffers gaben stetig dieses obligatorische Geräusch von sich und zogen sämtliche Aufmerksamkeit auf sich.

»Schau mal!« und »Hey, das musst du dir ansehen!« hörte ich mehrere Male. Im Gartenstuhl sitzende und am Zaun stehende fremde Menschen lachten und winkten uns zu. »Na Detlef, wen hast du denn da aufgerissen? Weiß Marion davon?«, rief einer von ihnen, und mein neuer Freund grinste nur.

Vielleicht wäre mein Auftritt erfolgreicher gewesen, wenn hier nicht jedermann Detlef kennen würde und ich tatsächlich einen Butler dabeigehabt hätte. Mit Hut und Sonnenbrille wäre ich eventuell als überkandidelte reiche Tussi durchgegangen. So aber hatte die Situation den faden Beigeschmack eines Blödchens. Dennoch rang ich mich durch, mit hoch erhobenem Kopf und gefrorenem Lächeln im Gesicht die ›Hauptstraße‹ entlangzumarschieren und zumindest so zu tun, als wäre es das Normalste von der Welt, mit einem Trolley hier anzureisen.

Froh, endlich an meinem winzigen Plätzchen angekommen zu sein, stellte sich mir das nächste Problem entgegen. Das Zelt! Einfacher Aufbau, auch für Anfänger geeignet, hatte der Verkäufer großspurig versprochen. Ha! Ich war nicht dumm, nur um das einmal klarzustellen, ich hatte mich bislang nur noch nie mit so etwas befasst. Nun, dafür hatte ich dann wohl die nächste Woche Zeit. So lange würde ich höchstwahrscheinlich benötigen, bis das vermaledeite Ding stand.

Ich musste an Karsten denken, obwohl wir nun schon seit eineinhalb Jahren getrennt waren. Ich weinte ihm keine Träne hinterher, auch wenn wir durchaus schöne Zeiten miteinander verbracht hatten. Aber gerade jetzt in diesem Moment vermisste ich ihn.

Er hätte das Zelt bestimmt in Lichtgeschwindigkeit aufgestellt. Das war seine Welt gewesen. Alles, was es an sportlichen Herausforderungen gab, musste er machen. Egal was es kostete. Bungeejumping von den höchsten Brücken, Fallschirmsprünge, Klettern – auch ohne Sicherung – und vieles mehr. Da war das Aufbauen eines so kleinen Zeltchens reine Nebensache.

Was er wohl sagen würde, wenn er wüsste, dass ich nun freiwillig zeltete? Ein leises Grinsen umspielte meine Mundwinkel bei dem Gedanken daran. Wie oft hatte Karsten sich im Laufe der Zeit beschwert, dass ich nicht genug Abenteuerlust besaß. Wobei ich mit Campen sicherlich auch keinen Blumentopf bei ihm hätte gewinnen können. Meine Stimmung verdüsterte sich. Karsten! Ich war keine Trantüte! Eben nur anders als er. Es gab genügend schöne Dinge im Leben, die er nicht sah! Warum dachte ich jetzt überhaupt an ihn?

Wild fuchtelte ich mit den Stangen herum, bis ich schlussendlich einfach im Schneidersitz am Boden hockte und zum x-ten Mal die Aufbauanleitung studierte. Ob Detlef mir vielleicht helfen könnte? Er hatte meine Sachen abgeladen und war dann zu Marion, seiner Frau, verschwunden. Möglicherweise wollte er bei ihr sein, bevor die Gerüchteküche richtig zu brodeln begann und er Ärger bekam.

Schnaufend ließ ich erst die Anleitung und dann mich selbst ins Gras fallen. Wenigstens war es hier, dank der großen Buche, schattig. Die Temperaturen stiegen weiter an, und die Sonne stach vom blauen Himmel. Weit oben sah ich ein Flugzeug über mich hinwegfliegen. Ob es nach Zypern flog? Wie angenehm doch das Einchecken in so einem Hotel ist, dachte ich mir und warf einen Seitenblick zu dem Haufen aus Stangen und Planen, dann schloss ich die Augen.

»Guck mal, ist die tot?«, hörte ich jemanden fragen.

»Cool! Vielleicht ist das der Campingplatz von Untoten«, juchzte eine Jungenstimme.

»Zombies? Krass!«

»Äh, Tina? Ist das wahr?« Das verunsicherte helle Stimmchen schien etwas weiter weg.

Lautes Geschrei und wildes Durcheinanderreden ließen mich hochfahren. Ich war doch tatsächlich eingeschlafen. Blinzelnd erkannte ich einen Schwarm von Gesichtern vor mir, die mich betrachteten, als wäre ich eine absolute Sehenswürdigkeit. Ein gutes Dutzend Kinder starrten mich an. Zwischen ihnen der Kopf einer Frau meines Alters, die offenbar erleichtert ausatmete, weil ich mich bewegte.

»Alles okay, wie ihr seht«, sagte sie nun in nachdrücklichem Ton und versuchte die Meute auseinanderzutreiben. Widerwillig stoben sie allmählich davon. »Ihnen geht es doch gut?«, erkundigte sie sich, als endlich genug Platz war, um zu mir zu kommen.

Ich stand auf und stieg über die Zeltutensilien, die im Kreis verstreut lagen.

»Ja, danke. Ich bin Annabell und leicht überfordert mit dem hier.« Mit einer schweifenden Handbewegung zeigte ich hinter mich. Mein Trolley stand wie ein Fels in der Brandung inmitten des sonstigen Zeugs.

»Tina.« Die Frau lachte und zog dabei die Stirn kraus. »Das ist dein Platz?«

»Ja, ich habe ihn in letzter Minute ergattert, sozusagen. Klein aber fein.« Ich lächelte zurück.

»Dann sind wir wohl Nachbarn. Der Haufen da«, sie deutete auf den Pulk Kids, der sich an der Ladefläche eines Pickups zu schaffen machte, »gehört zu mir. Zeltlager. Alter zwischen acht und elf.« Sie sagte es so, als erklärte das alles. »Für die nächsten zehn Tage haben ich und Flo«, sie schaute sich suchend um und wies auf einen Haarschopf, der hinter der Fahrerkabine herausschaute, »also Florian, die Meute unter unserem Kommando. Stell dich schon mal auf einige Turbulenzen ein. Erfahrungsgemäß geht es ein wenig wild bei uns zu.«

»Kein Problem.« Ich zwinkerte ihr zu und warf einen Blick auf die Kids. Einsam würde ich mich wohl nicht fühlen.

 

Unter lautem Gewühl erhoben sich bei meinen Nachbarn zwei Zelte in rasender Geschwindigkeit. Dieser Eindruck drängte sich mir jedenfalls auf, während ich noch immer die Aufbauanleitung studierte, Stangen hin und her schob und versuchte den richtigen Durchblick zu erlangen. Als das erste Gemeinschaftszelt bereits stand, baute ich meins nochmal zurück. Irgendwas konnte da, so wie ich es gemacht hatte, nicht stimmen. Erneut versuchte ich die Bodenplane richtig zu verknüpfen und verknotete dabei fast meine Beine.

»Das ist mal ein Anblick«, sagte eine männliche Stimme.

»Hm, nicht schlecht. Wir hätten doch schon früher mal wieder zelten gehen sollen«, hörte ich einen anderen, konnte jedoch den Sprücheklopfer nicht sehen, weil ich mit meinem Oberkörper im Zeltstoff hing.

Mitten in der Bewegung hielt ich inne und überlegte. Meinten die mich? Ich schätzte mal, dass mein Hinterteil mehr oder weniger anmutig von der Zeltöffnung umrahmt wurde. Ich schielte auf mein Jeanskleid. Warum hatte ich mich heute früh, bevor ich losgefahren war, nicht für Shorts entschieden? Weil ich mich innerlich nicht wirklich auf ein Zeltplatzabenteuer eingestellt hatte.

Ich verzog den Mund. Ich konnte es drehen und wenden, wie ich wollte, das hier war eben weder die Ankunftshalle eines Flughafens noch ein Hotel. Augenblicklich ließ ich mich zurückfallen und rollte aus meiner unfertigen Behausung.

»Hey, kennen wir uns nicht?«, kam sofort die Frage, kaum dass ich mich dem Männergespann zugewandt hatte.

Frustriert und verschwitzt schob ich mir eine dicke Haarlocke hinters Ohr und überlegte.

»Annabell? Du zeltest auch hier?«, hörte ich dann Markus, der nun um die Ecke bog. Erfreut lächelte er mich an. Jetzt wusste ich auch, wer der Typ vor mir war. Der Teufelsfahrer!

»Stimmt, wir haben uns am

Impressum

Verlag: Zeilenfluss

Texte: Birgit Gruber
Bildmaterialien: Autorenfoto: Roland Seiler
Cover: Wolkenart.com – Marie-Katharina Wölk, www.wolkenart.com; Bildmaterialien: Shutterstock - ©SusaZoom, ©Tsekhmister, ©Af-rica Studio, ©Rohappy
Lektorat/Korrektorat: Dr. Andreas Fischer
Satz: Zeilenfluss
Tag der Veröffentlichung: 16.07.2019
ISBN: 978-3-96714-012-5

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
In Erinnerung an wunderbare Sommertage, die ausnahmslos Urlaubsflair besaßen.

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