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Inhalt

 

Miriam Kraus lebt zwei Leben. Tagsüber ist sie Mutter eines von Mathematik geplagten achtjährigen Jungen und einer pubertierenden Sechzehnjährigen. Was keiner wissen darf - nachts strippt sie, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Als sie eines Nachts am Nachhauseweg von einem stinkenden Übeltäter bedrängt wird, tritt ein Unbekannter in ihr Leben, der sie beherzt vor dem Verbrecher beschützt. Durch einen unglücklichen Sturz auf den Kopf ist seine Vergangenheit plötzlich ausgelöscht und Miriam sieht keinen anderen Ausweg, als ihren Retter gegen den Willen ihrer Kinder bei sich aufzunehmen...

 

 

Zitat I

 


Weil die Liebe Vertrauen braucht
und die Lüge das Verzeihen.

 

Kapitel 1

 

Mit einer gekonnten Bewegung drehte sie ihre schulterlangen blonden Haare zu einem Dutt, den sie locker feststeckte. Dann zog sie sich einen dicken auffälligen Lidstrich. Eine routinierte Prozedur, die ihr half, die Rollen zu wechseln. Sie betrachtete die Frau im Spiegel, die ihr auch nach dem letzten Jahr noch immer fremd erschien. Manchmal erschien es ihr unbegreiflich, wie sie hierher gekommen war. Das Leben nahm manchmal seltsame Wege.
Sie entschied sich für einen kirschfarbenen Lippenstift, mit dem sie ihre vollen Lippen konzentriert ausmalte.
Aber es war kein schlechter Weg, denn er füllte – zwar mehr schlecht als recht – ihre Taschen. Und er machte satt, nicht nur sie, sondern auch ihre zwei Kinder.
„Miriam, verdammt! Wo bleibst du? Raus mit dir!“ Die brummige, vom vielen Qualmen heisere Stimme ihres Chefs trieb zur Eile.
Sie schloss den Lippenstift hastig. „Komme!“
Mit einem kurzen Blick in den Spiegel überprüfte sie ihre Erscheinung. Das hellblau-weiß-gestreifte Dienstmädchen-Outfit stand ihr nicht besonders, aber in diesem Fall – wie auch in vielen anderen Fällen – war Diskussion zwecklos.
Durch die Tür erklang gedämpft George Michaels Stimme mit den letzten Takten von „I want your sex“. Sie atmete tief durch und ergriff die Türklinke, die so kalt war, dass es ihr einen Schauer über den Rücken jagte.
Auf dem Weg von den hinteren Räumen zur Bühne kam ihr Carrie entgegen, in einem knappen Höschen, die Kleidung an den Körper gepresst. „Eindeutig Vollmond“, zischte diese durch schmale Lippen und rollte mit den Augen gen Himmel. Miriam warf ihr einen verständnisvollen Blick zu und zuckte mit den Schultern. Dann hastete sie weiter Richtung Bühne so schnell es ihr auf den halsbrecherisch hohen Highheels möglich war. Als die Musik erklang, hatte sie bereits die kühle Stange mit beiden Hände erfasst und die erste Pose eingenommen.
Die Menge applaudierte. Miriam begann, sich sich im Takt der Musik zu bewegen. Ihre Bewegungen waren zu Beginn sanft wiegend und verspielt und wurden mit steigendem Gejohle der Menge aufreizender. Sie reckte und streckte sich, so wie sie es gelernt hatte. In erotischen Posen hob sie ein Bein an, spreizte es dann ab, kreiste das Becken. Mit langsamen, kontrollierten Schritten umtanzte sie die Stange. Wenn das Publikum so mitging, dann war es ihr ein Leichtes geworden, die Kleidung langsam nach und nach fallen zu lassen.
„Fever“, sang Peggy Lee und Miriam ließ nun auch den BH fallen, sodass sie im Stringtanga und Highheels vor dem Publikum stand.
Der letzte Ton verklang. Miriams Blick wanderte zur Bar, hinter der Joe Platten auflegte und ihr zu grinste. Er war ein Riegel von einem Mann, groß und breit. Ein Riese mit einem butterweichen Herz.
Das Publikum applaudierte, einige Männer pfiffen. Miriam deutete eine Verbeugung an und bückte sich, um ihre Klamotten einzusammeln.
„Süße, hast du heute schon was vor?“
Vollmond. An solchen Abenden hatten die Lokalbesucher oft Schwierigkeiten, Grenzen einzuhalten. Auch der Alkohol floss reichlich, mehr als sonst.
Sie packte alle Sachen auf ihren Arm ohne aufzusehen, machte kehrt und versuchte nicht offensichtlich die Flucht zu ergreifen.
Es war in Ordnung, sein Geld auf diese Weise zu verdienen, völlig in Ordnung.
Am Weg zurück durch den dunklen schmalen Gang in die Garderobe bekam sie Gänsehaut. Ein kühler Luftzug streifte sie. Sie blickte sich um und sah, dass die Seitentür geöffnet wurde. Eine junge dunkelgelockte Frau mit Haube steckte ihren Kopf zur Tür herein.
„Hallo, Emmi! Schnell, mach die Tür zu, es ist arschkalt!“ Miriam drückte schützend ihre Kleidung an den Körper. „Warte, ich helf dir!“
„Ja, ja. Hilf mir mal!“ Emma wollte sich mit einer dicken Tasche am Rücken und einem großen Behälter in den Armen durch die schwere Stahlblechtür quetschen, als diese hinter ihr zufiel und ihr Gepäck festhielt. Sie saß fest. Fluchend reichte sie Miriam mit gequälter Miene den Behälter.
„Das ist für dich, Miri. Happy Birthday!“
Miriam ergriff ihn und erschauerte. Verdammte Kälte! Emma trat fest mit einem Bein gegen die Tür und machte einen Satz nach vorn, als die Tür ihre Tasche freigab. Als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, stampfte sie mit ihren dicken schwarzen Stiefeln kräftig auf, sodass der Schnee abfiel.
„Alles Gute zum Geburtstag, meine liebe Miri.“ Emma umarmte Miriam und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. Als diese erschauerte, begann sie mit ihren behandschuhten Händen Miris nackte Schultern zu rubbeln. „Ich dachte, wir verkrümeln uns dann irgendwo, wenn wir hier fertig sind und stoßen auf deinen Geburtstag an.“
Miriam sah schuldbewusst zu ihrer etwas größeren Freundin auf.
„Die Kinder?“
Miriam nickte.
„Komm, bevor wir hier noch erfrieren.“ Emmi eilte voraus und öffnete einige Meter entfernt die Tür zur Garderobe. Miriam schlupfte vor ihr hinein und stellte den Behälter an einem an der Wand stehenden kleinen Holztisch ab. Nachdem Miriam in ihre Jeans und den weißen oversized Pulli geschlüft war, nahmen beide auf den zwei hölzernen Stühlen Platz, die Emma vor einigen Wochen mit weichen lilafarbenen Sitzkissen gemütlicher gestaltet hatte.
„Jo bekommt heute noch Besuch. Da muss ich pünktlich zuhause sein.“
„Schade.“
„Wir holen das nach.“
„Ja, das machen wir. Was hast du denn da Tolles mitgebracht?“Miriam öffnete die Kartonschachtel und erblickte eine Schokotorte, die liebevoll mit roten und weißen Rosen und Herzen aus Marzipan verziert war.
„Mann, mir läuft jetzt schon das Wasser im Mund zusammen!“ Sie warf Emma einen dankbaren Blick zu. „Es tut mir so leid, dass ich schon los muss.“ Sie zog eine bedauernde Grimasse. „Kommst du morgen zu mir und nimmst das gute Stück mit? Da schmeckt sie doch noch?“
„Klar, da ist sie noch besser!“ Emmas Stimme wurde erstickt von dem dem Pulli, den sie sich über den Kopf zog. Miriam zog sich ihre Jeans an und richtete sich auf, als sie erstarrte.
„Emma, verdammt! Hat er es wieder getan?“
Beschämt senkte Emma den Blick. „Nein, ich.....“
„Sag jetzt nicht, du bist die Kellertreppe hinuntergefallen.“
Schweigend streifte Emma ihre Hose von den Beinen.
„Er wird nicht damit aufhören, auch wenn er es verspricht. Verlass dieses Arschloch, Emma!“
„Es tut ihm leid, es war eine blöde Situation. Außerdem war ich daran auch nicht ganz unschuldig.“
„Um Gottes Willen! Das kannst du doch nicht ernst meinen! Du bist der sanfteste und liebste Mensch, den ich kenne.“
„Ich bin auch kein Engel, Miriam.“
„Diese Typen haben alle die gleiche Masche. Du weißt doch, ich hab selbst mit so einem Arsch eine Zeit lang das Bett geteilt.“
Miriam trat an ihre Freundin heran, die vor der Spiegelkommode Platz genommen hatte und umarmte sie vorsichtig von hinten, sodass sie den deutlich erkennbaren faustgroßen Bluterguss an der Schulter nicht berührte. Sie legte ihr Kinn sanft auf Emmas andere Schulter und die Blicke der beiden Frauen trafen sich im Spiegel.
„Bitte, Emma. Lass ihn so nicht mit dir umgehen. Du hast einen liebevollen Menschen verdient, der dich glücklich macht und dich keinen einzigen Tag schlägt.“
In Emmas Augen glitzerten Tränen, als sie nickte.
„Du kommst also morgen zu mir?“
Emma nickte wieder. Dann ergriff sie Miriams Kopf, der noch auf ihrer Schulter lag und schmiegte ihn an ihren Kopf. Sie lächelten sich im Spiegel zu.
„Jetzt hau schon ab, deine Kinder warten auf dich und Danny wird nervös, wenn ich nicht in zehn Minuten topgestylt auf der Bühne stehe.“
Miriam verabschiedete sich mit einem Küsschen auf die Wange ihrer liebsten Freundin und rauschte zur Tür hinaus.
Am Gang kam ihr Danny entgegen, brummig und mit einer Zigarre in der Hand, die beinahe zu seinem ständigen Begleiter geworden war. „Sie ist schon da, Chef. Bis morgen.“
„Bis morgen, Miriam. Aber dann bitte pünktlich. Kinder hin oder her.“
Miriam versuchte, ihr nettestes Lächeln aufzusetzen. „Geht klar!“

Als sie nach draußen trat, schlug ihr ein eisiger Wind entgegen. Es war Anfang November und die Temperaturen hatten schon ein unangenehmes Maß erreicht. Miriam mochte den Winter nicht besonders. Vereinzelt lagen Schneehäufchen am Gehsteig und am Straßenrand. Sie knirschten, wenn man auf sie trat. Fröstelnd zog sie ihre weiße Wollmütze tiefer über die Ohren, wickelte den Schal fester und überkreuzte die Arme vor ihrem Körper, um ihn so zusätzlich vor der Kälte zu schützen. Mit raschen Schritten eilte sie den Gehsteig der dunklen Gasse entlang, die an vereinzelten Stellen von dämmrig leuchtenden Straßenlaternen erhellt wurde. Sie bog dann nach links in die Cohen-Street. Im Sommer fuhr sie die drei Querstraßen zu ihrer Wohnung immer mit dem Rad. Im Winter wäre das sicher auch möglich, aber seit ihre Großmutter sich im Winter den Hüftknochen gebrochen hatte, weil sie mit dem Rad gestürzt war, vermied sie das. Wahrscheinlich war sie zu vorsichtig, denn am Land draußen lag um diese Jahreszeit viel mehr Schnee. Sie mochte das mildere Klima in der Stadt, außerdem schützten die Häuser deutlich vor dem Wind, der das ganze Jahr über blies.
Miriam hielt den Kopf gesenkt und das Kinn im Mantel vergraben. Es war zwei Uhr früh und die Straßen normalerweise menschenleer. Selten sah man um diese Uhrzeit ein Auto in eine Auffahrt fahren. Als Miriam aufblickte, um sich zu orientieren, erschrak sie. Ein große, dunkle, männliche Gestalt stand etwa dreißig Meter vor ihr am Gehsteig und sah ihr entgegen. Aufgrund der Lichtverhältnisse konnte sie nur die groben Umrisse des Mannes wahrnehmen, der nun eine Zigarette auf den Boden warf und sie zerdrückte.
Ein unangenehmer Schauer lief ihr über den Rücken. Ein Instinkt sagte ihr, dass es besser wäre, die Straßenseite zu wechseln.
Sie wurde langsamer und entschied sich, einen etwas größeren Bogen um den Unbekannten zu machen. Sie trat vom Gehsteig runter auf die Straße und ging mit großem Abstand an der Gestalt vorbei, die wortlos zu ihr hersah. Nachdem sie ihn hinter sich gelassen hatte, beschleunigte Miriam ihre Schritte. Sie wollte dieses mulmige Gefühl so schnell wie möglich loswerden.
Plötzlich vernahm sie schnelle Schritte hinter sich, die rasch näher kamen. Sie wollte sich gerade umdrehen, als eine große kalte Hand sie von hinten über die Schulter umschlang und an der Brust fasste. Der Mann drückte sie fest an sich und keuchte ihr ins Ohr. „Wohin so schnell, Kleine?“
Sie spürte etwas Feuchtes an ihrem Ohr. Der Geruch von Whiskey erfüllte Miriams Nase. Sie war starr vor Schreck. In ihrem Kopf begann es zu rattern. Sooft hatte sie daran gedacht, einmal einen Selbstverteidigungskurs zu machen, es aber immer wieder auf später verschoben.
Sie würde ihn in die Eier treten. Das war sicherlich die effektivste Methode.
Der Fremde griff ihr zwischen die Beine.Plötzlich hörte Miriam ein bedrohliches Brummen, das von einem wilden Tier zu stammen schien. Verwundert bemerkte sie, dass der Laut aus ihrer Kehle kam. Sie hatte ihre Stimme wieder gefunden.
Der Mann riss sie herum und drückte sie mit mit seinem massiven Körper gegen die Steinmauer. Eine schwere Hand presste sich auf ihren Mund. Der Gestank von kaltem Zigarettenqualm stieg ihr in die Nase, als er seinen Kopf zu ihrem neigte und seine Lippen auf ihre Wange drückte und damit eine Speichelspur bis zu ihrem Ohr zog. „Sei still, du willst es doch genauso wie ich,“ zischte er und drückte mit der freien Hand ihr Becken gegen seines. Dann wanderte seine Hand unter ihre Jacke und den Pulli. Mit groben Bewegungen suchte er ihre Brust zu fassen. Miriam brummte wild und versuchte sich mit aller Kraft aus dem Griff des Mannes zu befreien. Sie wand sich und öffnete den Mund, um den Attentäter in einen Finger beißen zu können.
„Au, Miststück!“ Der Mann hob nur kurz die Hand vom Gesicht, um sie sogleich schallend auf ihre Wange niederfahren zu lassen. Miriams Kopf knallte gegen die Steinmauer. Der Schmerz durchfuhr ihren Kopf und sie registrierte einen metallischen Geschmack auf ihrer Zunge.

Plötzlich fühlte sie sich zurückversetzt in längst vergangene Zeiten.
„So was macht man nicht mit mir! Mich so bloß zu stellen,“ hatte er zu ihr gesagt. Dann war seine Hand auf ihrem Gesicht gelandet. Sie hatte sie nicht kommen sehen, sonst hätte sie versucht auszuweichen. Überrascht von dem kräftigen Schlag war sie auf das Bett gefallen. Als er dann über sie herfiel, hatte sie auf ihn eingeredet, von ihr abzulassen. Es tue ihr leid. Doch ihre Worte vermochten ihn nicht zu besänftigen.

Nie wieder wollte sie so etwas erleben! Mit aller Kraft stemmte sie ihre Arme gegen den Angreifer und versuchte wild zuerst mit dem einen, dann mit dem anderen Knie zwischen seine Knie zu treffen.
Ihr wurde schwindelig und sie erkannte, dass sie ihrem Angreifer kräftemäßig vollständig unterlegen war. Würde sie das überleben? Die Kinder, was würde aus ihren Kindern werden?
Plötzlich wurde sie vom Gewicht des Mannes befreit. Im Dunkeln konnte sie eine große schlanke Person wahrnehmen, die ihren Peiniger nun an der Jacke fasste und zu Boden schleuderte. Als der unbekannte Retter auf den am Boden liegenden Mann zustürmte, hob dieser ein Bein und stieß seinen Angreifer kraftvoll in den Bauch. Daraufhin verlor dieser taumelnd das Gleichgewicht und fiel zu Boden. Diesen Moment nutzte der Angreifer, krabbelte auf die Beine und rannte weg.
Miriam stand noch an der Steinmauer, als sie nun wahrnahm, dass der fremde Helfer nicht wieder aufstand. Er lag wenige Meter von ihr am Gehsteig. Er lag am Rücken und sein Kopf hing über die Gehsteigkante runter. Miriam löste sich aus ihrer Erstarrung und kniete neben dem Mann nieder.
Bitte nicht tot sein. Sie fasste in sein Haar und hob seinen Kopf ein wenig an. Er atmete ruhig und gleichmäßig.
Miriam fasste den Mann an der Schulter und versuchte, ihn besser auf den Gehsteig zu ziehen, um seinen Kopf lagern zu können. Es misslang. Schmerzlich wurde sie sich an diesem Tag zum zweiten Mal ihrer fehlenden Kraft bewusst. Da fiel ihr ein, dass sie ihn in die Seitenlage rollen könnte. Sie schob ein Bein über das andere und fasste ihn dann an Schulter und Becken, wodurch sie ihn relativ leicht zu sich auf den Gehsteig drehen konnte. Mit zittrigen Fingern holte sie ihr Handy aus der Jackentasche. Dann zog sie ihre Jacke aus und rollte sie zu einem Kissen, das sie dem Mann unter den Kopf schob.
Sie spürte keine Kälte, als sie den Notruf wählte und ihre Position angab.

 

Kapitel 2

 

„Hey, Miriam!“
„Hallo, Jo!“
„Schlafen die Kinder schon?“
„Nein. Sarah sieht fern, irgend so einen Horrorstreifen. Und Benjamin sieht sich das Playboy-Magazin an, das ich ihm mitgebracht habe.“
„Echt?“
„Um Gottes Willen, Miri! Natürlich nicht! Es ist halb elf Uhr nachts, morgen ist Schule und ich habe noch nie ein Playboy-Magazin gekauft!“
„Ja, natürlich. Ich bin ein wenig durcheinander. War `ne blöde Frage.“
„Alles in Ordnung, Miri? Und warum sprichst du so leise?“
„Jo, ich bin im Spital. Es wird ein bisschen später werden, bis ich komme.“
„Um Gottes Willen, Schatz! Ist dir was passiert?“
„Es geht mir gut, mach dir keine Sorgen. Es tut mir leid, aber du wolltest dich ja mit jemandem treffen. Ich weiß nur nicht, wann ich hier wegkomme.“
„Ist schon in Ordnung. Dann muss die Liebe halt warten. Mach dir keinen Kopf, Süße.“
Miriam stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. „Danke, Jo, du bist ein Goldschatz!“
„Keine Sache, ich schmeiß mich jetzt vor deinen Fernseher und warte auf dich.“
„Ich revanchiere mich, Jo.“
„Ich bitte dich!“
Miriam lächelte dankbar in ihr Telefon und sie verabschiedeten sich. Dann ließ sie sich auf einem der unbequemen Holzstühle nieder, um auf die Auskunft der Ärzte zu warten.
Sie dachte daran, wie sie im Krankenwagen hinten mitfahren hatte dürfen. Der Fremde hatte auch auf dem Weg ins Spital sein Bewusstsein nicht wiedererlangt. Unmöglich hätte sie nach Hause gehen können, denn sie fühlte sich verantwortlich für den unbekannten Helfer.
Anfangs war ihr vor Aufregung so übel geworden und sie so bleich gewesen, dass die Rettungsmänner sich auch um sie Sorgen gemacht hatten. Langsam hatte sich ihr Magen jedoch wieder beruhigt. Wenn sie zu dem Mann hinüber gesehen hatte, hatte sie nur seine verwuschelten dunklen Haare erkennen können. An einem Teil der für sie sichtbaren Stirn hatte Blut geklebt.
Schritte näherten sich. Miriam blickte auf und sah eine Frau mittleren Alters in weißer Hose und weißem Mantel auf sich zukommen. Um den Hals trug sie ein rotes Stethoskop.
„Frau Kraus?“
Miriam sprang auf und nickte.
„Der junge Mann ist soweit stabil. Er befindet sich derzeit im Tiefschlaf. Sie kennen den Mann nicht?“
„Nein, er ist mir völlig unbekannt. Er muss zufällig vorbeigekommen sein und hat mir aus einer brenzligen Situation geholfen. Vielleicht hat er mir sogar das Leben gerettet.“ Miriams Blick wanderte in die Ferne und das beklemmende Gefühl, dass sie bei dem Überfall des Täters empfunden hatte, beschlich sie erneut.
Die Ärztin nickte und trat einen Schritt näher an Miriam heran. Sie legte Miriam eine Hand auf die Schulter und fuhr mit einfühlsamer Stimme fort: „Hören Sie, fahren Sie dann nach Hause und wenn Sie möchten, erkundigen Sie sich morgen nach dem Zustand des Patienten.“
Miriam blickte in die freundlichen braunen Augen der Frau, deren apartes Gesicht aus der Nähe älter, aber nicht weniger attraktiv wirkte.
„Sie können zum jetzigen Zeitpunkt nichts für ihn tun.“
„Ist gut. Ich danke Ihnen.“
Schwere Schritte, die von mehreren Personen stammen mussten, näherten sich. Die Ärztin blickte hinter Miriam den Gang entlang. Miriam sah sich um und erblickte zwei Polizisten, die mit großen Schritten auf sie zukamen. Überrascht trafen ihre Augen auf den nun von Mitleid erfüllten Blick der Ärztin.
„Frau Kraus, wir haben aufgrund ihrer Schilderungen gegenüber den Mitarbeitern des Roten Kreuzes auf eigene Faust die Polizei informiert. Ich hoffe, das ist in ihrem Sinne. Sie glauben ja nicht, wie oft wir in unserem Arbeitsalltag mit Gewalt konfrontiert sind. Wir sehen es als unsere persönliche Verpflichtung, Übeltätern Einhalt zu gebieten.“
„Sie haben recht, das wird das Beste sein.“ Die Ärztin drückte Miriams Hand aufmunternd und ließ sie mit den Beamten allein, die neben ihr Platz nahmen und sofort routiniert mit ihrer Befragung begannen.
Eine Stunde später verließ sie das Spital. Ihre Auskünfte gegenüber der Polizei waren dürftig gewesen. Sie konnte nur eine vage Beschreibung des Angreifers machen, da sie sein Gesicht in der Dunkelheit nicht erkennen hatte können. Die Anfertigung eines Phantombildes hätte keinen Sinn gemacht. Die beiden Männer hatten ihr mitgeteilt, dass bei so karger Auskunft die Ermittlungen nur wenig Aussicht auf Erfolg hätten, aber sie hofften, von dem jungen Helfer bald genauere Informationen zu erhalten.
Ausnahmsweise fuhr sie mit dem Taxi nachhause. Trotz dieser Ausnahmesituation überfiel sie ein schlechtes Gewissen, als sie in der Börse nach den Münzen suchte, um den Fahrer zu bezahlen. Die Steinstufen in das vierte Geschoß schienen wie ein hoher Berg, an dessen Gipfel die Geborgenheit der Wohnung auf sie wartete. Aber in diesem Moment erschien ihr selbst die trügerisch. Als sie die Tür öffnete, hüllte sie die wohlige Wärme der Wohnung ein. Müde schlüpfte sie aus ihren Stiefeln und hängte ihren Mantel auf. Dann ging sie ins Wohnzimmer, aus dem gedämpftes Licht drang. Jo lag auf der Couch und las ein Buch. Als diese aufsah, veränderte sich ihr Gesichtsausdruck augenblicklich. „Wie siehst du denn aus?“ Sie sprang auf und kam ihrer Freundin entgegen, um sie in die Arme zu nehmen. „Was ist dir passiert?“
„Ich wurde überfallen. Ein Betrunkener hat mich an eine Wand gedrängt. Bevor Schlimmeres passieren konnte, ist ein Fremder wie aus dem Nichts gekommen und hat mich gerettet.“
„Mann, Miriam! Ich war schon immer dagegen, dass du spätnachts alleine zu Fuß nach Hause gehst. Das machst du ab jetzt nie wieder!“
Die Worte sprudelten jetzt nur so aus ihr heraus. „Sie haben gekämpft. Der Fremde ist auf den Kopf gefallen und bewusstlos geworden. Das Arschloch ist geflohen. Mein Helfer liegt nun im Tiefschlaf im Spital.“
Jo fuhr Miriam sanft über die Haare.
„Hat er dich geschlagen?“
„Ja, und wie. Ich dachte, der Schädel fliegt mir weg.“ Tränen schimmerten in ihre Augen. Sofort umarmte Jo Miriam wieder. Sie sahen sich in die Augen und etwas in Jo`s Blick ließ Miriam fragen: „Wie seh ich aus?“
„Schrecklich, Kleine. Schrecklich!“
Sie gingen gemeinsam ins Bad und Miriam erschrak beim Anblick ihres Gesichtes. Das blonde, sonst ordentlich fallende Haar war ungewohnt zerrauft. Die Wimperntusche war gleichmäßig um die Augen verteilt und ließ sie wie dunkle Höhlen aussehen. Auf ihrer rechten Wange zeichnete sich ein großer roter Fleck ab. Aus ihrer Erfahrung wusste sie, dass der Fleck auch die nächsten Tage noch sichtbar sein und von der Farbe Rot, über Blau bis zu Gelb wechseln, bis er verblassen würde.

Am nächsten Morgen wurde Miriam von lautem Gescheppere im Bad geweckt. Völlig gerädert rollte sie sich im Bett auf die Seite und fragte sich, warum ihr Kopf sich schwer und schmerzhaft anfühlte. Da fielen ihr die Ereignisse des Vortages ein. Mit einer Hand strich sie vorsichtig über die Wange. Sie fühlte sich empfindlich an. Sie blinzelte, bis sich die Augen an das Licht gewöhnten und lag dann eine Weile mit geöffneten Augen da, um wach zu werden.
Wie spät mochte es wohl sein?
Sie schielte zum Wecker am Nachtkasten. Halb sieben. Höchste Zeit, Benjamin aufzuwecken. Ihr lieber Junge, der so früh seinen Vater verlieren hatte müssen. Sie erinnerte sich daran, wie er gestern nach Hause gekommen war. Achtlos hatte er seine Star Wars - Schultasche hinter den Küchentisch geschmissen. Nie wieder würde er in die Schule gehen. Er hatte seiner Mutter angeboten, seine Schulsachen zu verkaufen und in sinnvolle Sachen investieren. Sie würden das Geld ja ohnehin brauchen.
Beschämung hatte sie ergriffen. Es war unangenehm, das aus dem Mund ihres Kindes zu hören. Mit trotzigem Gesicht hatte sich Benjamin auf einen Sessel beim Küchentisch gesetzt, das Gesicht in den Händen vergraben und geweint.
Miriams Herz hatte sich verkrampft. „Mathe?“
Benjamin hatte nur genickt.
„Wir schaffen das.“ Sie hatte ihn in eine Umarmung gezogen und fest gedrückt. „Du bist so ein geschickter Junge.“
Benjamin hatte geschluchzt und zu seiner Mutter aufgeblickt. „Ich habe als einziger alles falsch am Test!“ Dann hatte er die Hände vors Gesicht geschlagen und Unverständliches gemurmelt.
„Was ist, Schatz?“ Sie hatte ihrem Sohn liebevoll übers Haar gestrichen.
„Die anderen haben über mich gelacht.“
„Wer?“
„Tobias und die anderen.“
„Haben sie in dein Heft gesehen?“
„Tobi hat es hochgehalten und allen gezeigt.“
Miriam hatte Wut in sich aufsteigen gefühlt. Dieser verwöhnte Bengel wies deutlich Defizite im sozialen Umgang miteinander auf. Sie hatte Lust gehabt, zur Mutter des Jungen zu marschieren und ihr gehörig die Meinung zu sagen.
Der Gedanke an diesen unausstehlichen Jungen gab ihr plötzlich einen Energieschub, der sie im Nu aus dem Bett katapultierte. Sie schlüpfte in ihre bequemen Leggins und einen warmen Pulli. Der erste Weg führte wie immer zur Kaffeemaschine. Die kräftige und schmackhafte Portion Koffein würde sie bereit für die Anforderungen des Tages machen.
Eine junges Mädchen mit wallendem, fast hüftlangem Haar rauschte in die Küche.
Miriam sah auf. „Morgen.“
Das Mädchen gab brummend unverständliche Laute von sich und riss die Essbestecklade auf. Sie nahm umständlich einen kleinen Löffel heraus und schubste die Schublade mit der Hüfte zu.
Aus den Augenwinkeln beobachtete Miriam ihre Tochter kopfschüttelnd. Diese Pubertät hatte es wirklich in sich!
Als sich Sarah eine Tasse aus dem Schrank nahm, rutschte ihr der Löffel aus der Hand und fiel scheppernd zu Boden. „Blöder Löffel!“ Fluchend hob sie ihn auf und begegnete dabei dem Blick ihrer Mutter. „Was ist?“ Trotzte sie.
„Bitte schmink dir die Augen nicht so dermaßen schwarz, Sarah! Es könnte jemand mit der Angst zu tun bekommen!“
„Lass mich, Mama. Das haben jetzt alle so, das ist modern.“
Miriam bemühte sich, nur innerlich mit den Augen zu rollen. Mittlerweile wusste sie, dass es keinen Sinn machte, jetzt gegen die massiven Schminkversuche zu predigen und auf einem Abschminken zu bestehen. Wenn ihre Tochter im Bus saß, würde sie sich genauso wieder schminken, notfalls auch mit den Sachen ihrer Freundinnen. Es war also sinnlos, die Stimmung morgens weiter gegen Null sinken zu lassen.
Also probierte sie es mit einer netten Geste.
„Soll ich dir den Kaffee runter drücken?“
Sarah presste die Lippen aufeinander und ihre Mundwinkel schienen ein wenig nach oben zu wandern. Es war nicht eindeutig erkennbar, aber doch möglich, dass es ein Lächeln. Miriam reichte Sarah die Tasse.
Überhaupt erkannte Miriam ihre Tochter das letzte halbe Jahr kaum wieder. An sehr anstrengenden Tagen beschlich sie das Gefühl, als Mutter etwas Grundlegendes falsch gemacht und versagt zu haben. Solche Tage zeichneten sich schon frühmorgens ab, wenn Sarah „einäugig“ zum Frühstück erschien. Das hieß, der Kopf sowie der Blick waren meist gesenkt. Sah ihre Tochter unvermutet auf, war ein Auge von Haaren verhangen, das zweite Auge tiefschwarz umrandet. Der Blick aus diesem Auge erinnerte an eine Löwin, die von allen Seiten Gefahr für ihre Jungen vermutet und nicht davor scheut, sie mit ihrem Leben zu verteidigen und zuzubeißen.
Aber es gab auch die guten Tage, an denen sich Sarah nicht in ihrem Zimmer verkroch und sie angenehme Gespräche führen konnten. Schade nur, dass diese rar gesät waren.
„Du könntest heute Nachmittag wieder einmal Geige üben.“ Miriam achtete sehr auf die Formulierung.
Sarah quittierte das nur mit einem angestrengten Seufzer.
Einige Schluck Kaffee machten Miriam sofort wacher und sie beschloss, ihre hormonell unausgeglichene Tochter alleine frühstücken zu lassen und Benjamin aufzuwecken.
Sie konnte nur seine brünetten zerzausten Haare wahrnehmen, die unter der Decke hervorlugten. Unter seiner Bettdecke war es warm und kuschelig. Dicht an ihn herangerückt strich sie ihm über die Wange. „Benni, Schätzchen, guten Morgen.“
Aber Benjamin hörte seine Mutter nicht. Er lag auf der Seite, sein Mund war leicht geöffnet und er atmete tief und leise. Er wirkte wie im Tiefschlaf. Da musste Miriam an den Mann von gestern denken, der sie so selbstlos gerettet hatte. Wer weiß, was geschehen wäre, wäre er nicht wie aus dem Nichts aufgetaucht. Plötzlich spürte sie die kalte harte Steinmauer hinten im Rücken und das Gewicht des Mannes, das sie dagegen drückte.Ein Schauer lief ihr über den Rücken und sie bekam Gänsehaut.
Entschlossen schüttelte sie die Gedanken ab und konzentrierte sich auf ihr Kind. „Aufstehen, Schatz.“
Benjamin atmete grunzend ein und blinzelte seine Mutter an. „Kann ich noch ein bisschen schlafen?“
„Zwei Minuten kuscheln geht sich aus.“ Sie drückte ihren Jungen an sich, küsste ihn auf die Stirn und knuddelte ihn. Lächelnd genoss er die Streicheleinheiten.
„Tschüss,“ tönte es aus dem Vorraum und dem folgte augenblicklich Zufallen der Haustür. Miriam sparte sich den Gruß, den ihre Tochter ohnehin nicht hören konnte.
„So, hopp, jetzt aber aus den Federn!“
Ihre Stimme hatte jetzt einen routiniert energischen Unterton, den Benjamin nur zu gut kannte. Gehorsam rappelte er sich auf und zog sich an, während Miriam in der Küche einen Kakao für ihn zubereitete.
Sie saßen nebeneinander beim Tisch. Sie las Zeitung, während Benjamin müde seinen Kakao schlürfte. Da spürte sie eine zarte Berührung an ihrer Wange.
„Mama, hast du dir weh getan?“
Verdammt, das hatte sie doch überschminken wollen.
„Mmmh, ja. Aber das tut schon gar nicht mehr weh.“ Sie lächelte ihren Jungen aufmunternd an.
„Hat dich jemand geschlagen?“
So ein kluger Junge.
„Ja, Benjamin. Aber mir wurde sofort geholfen.“
Er riss erschrocken die Augen auf.
„Mach dir keine Sorgen. Es ist nichts Schlimmeres passiert.“
„Wird der Mann bestraft dafür?“ Seine Stimme wurde zittrig.
Sie streichelte ihrem Jungen über das Haar.
„Ganz sicher.“ Und wenn es vor dem Jüngsten Gericht ist, dachte Miriam.
Benjamin sah seine Mutter forschend an. Sie war die hübscheste Frau, die er kannte. Ohne die dunklen Ringe unter den Augen, die fast ständig vorhanden waren und die Furche zwischen den Augenbrauen, die ihm noch gar nicht aufgefallen war, wäre sie noch schöner gewesen. „War das Kellnern gestern wieder anstrengend?“
„Ein wenig.“ Sie war eine schlechte Mutter.
„Du musst jetzt gehen.“
Benjamin stand auf und umarmte Miriam fest, die ihm ins Ohr flüsterte: „Und heute Abend üben wir Mathe. Wir üben solange, bis du der Beste bist. Dieser Tobi wird noch vor Neid erblassen.“
„Danke, Mama.“
Miriam begleitete ihren Sohn noch in den Vorraum und half ihm beim Anziehen. Als er zur Tür draußen war, ging sie in ihren Lieblingsraum. Es war der Raum, in dem sie von einem anderen Leben träumte. Wie alle Räume der Wohnung war er klein. Gegenüber der Tür gab es ein kleines Fenster, das eine gelbe Rollgardine zierte. Vor dem Fenster mitten im Raum stand ein dunkler schwerer Schreibtisch. Auf ihm stand liebevoll angefertigtes Modell eines Einkaufszentrums. In wochenlanger Arbeit hatte Miriam es am Computer entworfen. Bei der praktischen Ausführung hatten ihr die Kinder geholfen. Eine ganze Woche dauerte die dreidimensionale Erstellung des Modells. Das waren schöne Stunden und Tage gewesen, in denen sie viel gescherzt und gelacht hatten. Am Ende der Woche waren sie vor dem Entwurf gestanden und hatten sich gegenseitig die Perfektion und Einzigartigkeit des Einkaufscenters zugesichert.
Miriam lächelte. Bis heute hatte sie keine Rückmeldung über den Ausgang des Architektenwettbewerbes erhalten. Die Einsendung lag schon drei Monate zurück und mit jedem Tag schwand der anfängliche Optimismus ein wenig mehr.

 

Kapitel 3

 

„Eine Frau möchte sich nach dem Zustand des jungen Mannes auf 311 erkundigen.“ Die etwas pummelige rothaarige Krankenschwester sprach mit gedämpfter Stimme ins Telefon. „Ja, okay.“ Sie legte auf. „Nehmen Sie Platz, der diensthabende Arzt wird gleich kommen.“
Miriam blieb stehen und betrachtete eine Pinnwand, die an der Wand des Ganges befestigt war und von Dankeskarten von Patienten geziert war.
„Guten Tag.“ Miriam wandte sich um zu dem jungen, weißgekleideten Arzt, der ein Stethoskop um den Hals trug. „Sie haben sich nach dem Zustand des jungen Mannes erkundigt, der gestern Nacht eingeliefert wurde?“
„Ja, genau.“
„Gehören Sie zur Familie?“
„Nein. Er wurde verletzt, als er mir gestern unerwartet Hilfe beim Überfall eines Fremden geholfen hat. Ich bin ihm zu großem Dank verpflichtet und möchte gerne wissen, wie es ihm geht. Ist er aufgewacht?“
Er nickte mit dem Kopf und bekam einen nachdenklichen ernsten Blick. „Kommen Sie doch mit in mein Büro.“
Sie folgte ihm bis zum Ende des langen Ganges, wo sie rechts in ein Untersuchungszimmer einbogen. Sie nahm ihm gegenüber vor dem Schreibtisch Platz und wartete erwartungsvoll.
„Dann sind Sie Fr.....?“ Er machte eine Pause und wartete.
„Kraus.“
Er nickte. „Meine Kollegin hat mir von Ihrem Erlebnis erzählt. Schlimme Geschichte.“ Er spürte Mitleid für die aparte zarte Frau, die zusammengesunken vor ihm saß und nun ebenfalls nickte.
„Hätte mir der mir unbekannte Mann nicht geholfen, hätte wer weiß was passieren können. Wie geht es ihm?“
„Die gute Nachricht ist, dass er aufgewacht ist.“
Der Arzt beobachtete, wie sich ein Lächeln auf dem Gesicht der jungen Frau ausbreitete. Sie atmete merklich auf und wartete gespannt.
„Die weniger gute, dass er an einer Amnesie zu leiden scheint.“
Miriams Augenbrauen wanderten fragend hoch.
„Das ist ein posttraumatischer Zustand von Gedächtnisverlust. Er kann uns weder Angaben zu seiner Person machen, noch zu dem gestrigen Ereignis.“
Schockiert fiel Miriam die Kinnlade hinunter.
„Eigentlich könnte er entlassen werden. Es besteht eine Gehirnerschütterung und eine Platzwunde am Kopf, die genäht wurde. Bis jetzt hat ihn niemand abgängig gemeldet.“
„Also weiß er nicht, wo sein Zuhause ist?“
„Genau.“
„Puh.“ Miriam ließ sich zurückfallen. „Das ist aber echt eine schlimme Sache.“ Sie sah ihrem Gegenüber forschend an. „Wie lange wird dieser Zustand dauern? Doch nicht für immer?“
„Schwer zu sagen. Dieser Zustand kann von einem relativ kurzen Zeitraum, das heißt einigen Stunden bis zu einigen Wochen dauern. Es würde natürlich helfen, wenn sich Angehörige melden und ihn in seinen gewohnte Umgebung bringen würden. Aber bis dahin hängt er sozusagen in der Luft.“
„Darf ich zu ihm?“
„Selbstverständlich, ich zeige Ihnen das Zimmer.“

Miriam klopfte zuerst leise und dann entschlossener an der, als sich niemand meldete. Da hörte sie ein gedämpftes „Herein.“
Sie öffnete, huschte zur Tür hinein und schloss sie leise. Erst jetzt sah sie auf und erblickte einen äußerst attraktiven Mann auf dem einzigen Bett im Raum halbsitzend, der, mit einem Kopfverband versehen, zu ihr hersah.
„Hallo.“ Sie musterte ihn, während sie langsam auf ihn zuging. Er war groß. Sein Haar war dicht und dunkelbraun, seine Gesichtszüge symmetrisch und sympathisch. Die Augenfarbe musste irgendein dunkler Farbton sein, den sie erst aus der Nähe bestimmen würde können. Beim Bett angekommen streckte sie ihm die Hand entgegen. „Miriam Kraus.“
Seine große männliche Hand erfasste ihre, die ihr im Vergleich sehr zierlich vorkam. Sie realisierte ein angenehm warmes Gefühl, als er sie drückte.
„Kennen wir uns?“
„Ja, das heißt … äh ... nein.“
Seine Augen waren dunkelbraun. Sehr schön. Er schien sie mit seinem Blick zu durchdringen und zu analysieren. Miriam musste den Blick senken und sah sich sogleich nach einer Sitzmöglichkeit um. Nicht rot werden. Das ist ein Mann, den eine Frau nicht für sich alleine hat. Solche Männer hatten zehn Frauen an einem Finger. Und wollten sie auch treu sein, verfielen sie irgendwann einer der vielen Verehrerinnen, die um sie buhlten.
„Ich möchte Ihnen danken. Sie haben mich gestern aus einer misslichen Lage befreit.“
„Ach ja?“ Offensichtlich wusste er nicht Bescheid.
„Ich bin gestern Nacht überfallen worden. Ein Fremder hat mich an eine Wand gedrängt. Es hätte wer weiß was noch passieren können, wenn Sie nicht gekommen wären. Ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet.“
Ein Lächeln erschien auf seinen vollen Lippen. „Ja, doch. So etwas wurde mir berichtet. Ich versichere Ihnen, gern geschehen. Leider kann ich mich bei Ihnen nicht vorstellen, ich kenne meinen Namen nicht.“
„Das habe ich bereits gehört. Sie sind auf den Kopf gefallen und das hatte eine Amnesie zur Folge.“
Sie überlegte kurz. „Haben Sie kein Handy bei sich? Oder einen Ausweis?“
„Nein, leider nicht. Ich kann mir das selbst nicht erklären.“ Er griff sich an seine Stirn und stöhnte leise. Dann griff er nach der Fernbedienung für das Bett und stellte den Kopfteil tiefer. „Leider scheint mich auch keiner zu vermissen.“ Sein Blick wurde traurig. „Ein komisches Gefühl. Keine Vergangenheit zu haben.“
Sein Blick traf ihren und es fühlte sich an, als würde sie in dem warmen Braun versinken. „Es tut mir leid.“
„Was meinen Sie?“ Er runzelte die Stirn.
„Wegen mir sind Sie nun in dieser schrecklichen Lage.“ Miriam zwang sich den intensiven Blickkontakt zu unterbrechen und sah zu ihren im Schoß liegenden Händen.
„Nicht Sie haben Schuld, sondern der Fremde, der sie überfallen hat. Haben Sie Anzeige erstattet?“
„Ja.“
Beide schwiegen für einen Moment.
„Wie geht es Ihnen?“
„Ich habe Kopfschmerzen, vor allem beim Bücken, Gehen oder Drehbewegungen. Sonst fühle ich mich okay.“
„Was wollen Sie tun, wenn Sie heute entlassen werden?“
„Ich weiß es noch nicht. Vielleicht gibt es Einrichtungen für Menschen wie mich, die nicht wissen, wohin sie gehören, die mich aufnehmen bis mein Gedächtnis wieder funktioniert.“
„Glauben Sie, dass die Nachfrage nach einer derartigen Institution so hoch ist, dass sie geschaffen wurde?“ Miriam musste gegen ihren Willen und den Ernst der Lage lächeln. Ihr Retter blickte daraufhin so ernst und traurig, dass sie ihre Bemerkung sofort bereute. „Entschuldigen Sie.“
„Schon okay.“ Er grinste schief. „Ist schon irgendwie schon lustig.“
Miriam sprang auf. „Ich muss mal kurz aufs WC.“
Sie eilte auf den Gang und flüchtete auf die Besuchertoilette. Sie stützte sich am Waschbecken ab und sah in den Spiegel. Sie war sich nicht sicher, ob sie ihn fragen sollte. Sie würde die Kinder vor den Kopf stoßen. In anderen Familien wäre es vielleicht ein Einfaches, eine Selbstverständlichkeit gewesen. Aber nicht so in ihrer Familie. Die Kinder würden es wahrscheinlich nicht verstehen. Aber sie musste es tun. Sie würde diesmal besser aufpassen und nicht blind vertrauen.

Miriam ging wieder ins Zimmer 311. Als sie eintrat, war das Bett leer. Sie blickte sich um und sah, dass die Badtür aufgeschoben wurde. Ihr Helfer trat mit gesenktem Kopf ins Zimmer. Als er aufsah und sie erblickte, lächelte er. Dieses Lächeln berührte etwas in ihrem Inneren, ihr Herz begann zu ziehen.
Vermutlich ist sein Anblick so positiv besetzt, weil er mir das Leben gerettet hat. Vielleicht ist das ein eigenes Syndrom, bei dem Gerettete sich einbilden, in ihre Helden verliebt zu sein. Aber ich schalte meinen Kopf nicht aus. Mit mir nicht!
Sie lächelte möglichst verbindlich zurück. Er war von großer Gestalt, etwa einen Kopf größer als sie, und sehr schlank, fast schlacksig. Sein Lächeln verschwand, als er langsam Richtung Bett ging und er stöhnte leise.
„Hören Sie,“ Miriam ging hinter ihm her und wartete, bis er sich auf das Bett gesetzt hatte. „Ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet und möchte Ihnen anbieten, in meiner Wohnung zu bleiben, bis sie wissen, wohin Sie gehören.
Sein Gesichtsausdruck zeigte Erstaunen, das nach wenigen Sekunden einem dankbaren Lächeln wich. „Das würden Sie tun?“
„Ja, das würde ich gerne für Sie tun.“ Und das meinte Miriam auch so, ungeachtet der Schwierigkeiten, die diese Entscheidung eventuell mit sich bringen würde. „Ich gebe dem Personal Bescheid.“

Miriams kleiner froschgrüner Fiat 500 tuckerte durch die Straßen. Es waren etwa zwanzig Kilometer, die sie bis zu ihrer Wohnung zurücklegen mussten.
„Wie soll ich Sie nennen?“
„Weiß nicht.“
„Sie brauchen einen Namen.“
„Warum?“
„Soll ich Sie „Hey“ nennen? Mr. „Hey“?“ Miriam kicherte. „Oder „Fremder“?
„Okay.“ Er lächelte schief und schlug vor: „Nennen Sie mich Ben.“
„Ben?“ Miriam schielte kurz in seine Richtung. „Vielleicht heißen Sie so.“
„Vielleicht...“
„Können Sie die Kurven ein bisschen gemächlicher fahren?“ Er stöhnte wieder leise, lehnte den Kopf an den Sitz und schloss die Augen. „Mir ist übel.“
„Ist gut.“
Sie versuchte, ihn so sachte wie möglich nachhause zu bringen, leicht fiel es ihr aber nicht. Sie musste feststellen, dass sich ihre von den Kindern schon oft als ruckartig bezeichnete Fahrweise nicht so einfach ändern ließ. Sie war sich so unsicher mit der Wahl der optimalen Geschwindigkeit für eine ruhige Kurvenlinie, dass sie sich wie eine Fahranfängerin bei der Prüfung fühlte.
Blödsinn, ärgerte sich Miriam. Beruhig dich mal wieder. Das hier ist keine Prüfung. Und Gott sei Dank scheint dieser … äh … Ben … sowieso zu schlafen.
Miriam parkte umständlich vor ihrer Wohnung zwischen zwei Fahrzeugen ein. Glücklich darüber, dass er auch dieses Manöver zu verschlafen schien, stellte sie den Motor ab.
„Aufwachen.“ Ihre Hand klopfte sanft auf Bens Schulter. „Wir sind da.“
„Ich schlafe nicht. Das Licht ist nur so grell, dass ich meine Augen besser geschlossen halte.“ Er lächelte sie an und fuhr fort, „Ich danke Ihnen für Ihr Angebot. Aber Ihre Fahrweise ist...wie soll ich sagen...etwas gewöhnungsbedürftig.“
„Wenn Sie möchten, können Sie in zwei Tagen auch mit dem Bus zur Kontrolle in das Krankenhaus fahren.“ Miriam zog eine Schnute.
„Nein, nein. Verzeihung...“ Es war ihm anzusehen, dass ihm seine Bemerkungen leid taten. Er bückte sich zu seinen Füßen um das Säckchen mit den Medikamenten und richtete sich vorsichtig wieder auf. In der Zwischenzeit war Miriam schon aus dem Wagen gehüpft, um das Auto herum gelaufen und hatte ihm die Tür geöffnet.
„Danke sehr.“
Das Gebäude vor dem sie gehalten hatten, war nichts Besonderes. Ein Bau aus den Achtzigern, groß und würfelförmig mit weißen Holzfenstern, die wieder einen Anstrich vertragen könnten. Der hellgraue Putz spielte verschiedene Farben. Staub und Abgase hatten ihm genauso zugesetzt wie mitteilungsbedürftige Jugendliche, die mit großteils schwarzen und blauen Farben Nachrichten hinterlassen hatten.

Das Stiegenhaus wirkte dunkel und trostlos auf Ben, als er hinter der netten, ein wenig chaotisch wirkenden Frau die Treppen hinaufstieg. Es war eigenartig, nicht mehr zu wissen, wer man war. Das letzte, an das er sich erinnern konnte, war, dass er aufgewacht war und feststellen musste, nicht zu wissen, wo er war. Nach nur wenigen Minuten war eine Schwester zu ihm gekommen und hatte dann nach dem Arzt geläutet. Der war sofort erschienen und hatte ihn Daten zu seiner Person gefragt. Erst da war ihm bewusst geworden, dass er beim besten Willen keine Ahnung hatte, wer er war.
Der junge Arzt hatte dann bei ihm Platz genommen und ihm in ruhigem Tonfall die Ereignisse der vorigen Nacht, soweit er über diese Bescheid wusste, erzählt. Er hatte ein unangenehmes Druckgefühl im Kopf gehabt, die Schmerzen hielten sich – wahrscheinlich aufgrund der Medikation – in Grenzen. Dieser Druck im Kopf plagte ihn bis jetzt und ließ auch seine Augen sehr lichtempfindlich werden. Deshalb hatte er sie im Auto die meiste Zeit geschlossen gehalten. Das war wahrscheinlich auch besser so gewesen, denn die Fahrweise seines „Schutzengels“ war – gelinde gesagt – gewöhnungsbedürftig. Er betrachtete ihr hellblondes Haar und die seitlichen Konturen ihres sympathischen aparten Gesichtes, als sie nun die Wohnungstür aufschloss. Ihr Aussehen kam seinen früheren Vorstellungen von einem Engel oder dem Christkind auf irritierende Weise sehr nahe. Nur die Locken fehlten. Außerdem hatte sie eine sehr irdische Weise, ihre Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Ihre Mimik schien stets ihre Gefühle unverfälscht zu zeigen. Das war ihm schon bei ihrem ersten Gespräch aufgefallen, in dem sie so offensichtlich zwischen Irritation, Schuldbewusstsein und Besorgnis geschwankt war, dass sie ihm schon leid getan hatte. Doch wenn jemand Schuld an der ganzen Misere war, dann dieser Übeltäter. Ben spürte Wut in sich aufkeimen. Sinnlose Wut, die weder heilsam war, noch ihn in dieser Situation weiterbrachte. Also unterdrückte er sie und lenkte sich gern mit der Betrachtung der Wohnung, in die sie getreten waren, ab.
Schon der Vorraum wirkte überraschend hell und die gesamte Wohnung, über die Miriam ihm einen kurzen Überblick verschaffte, hatte einen besonders einladenden und wohnlichen Charakter. Die Wände waren hellgrün und weiß gehalten, die Möbel durchgehend in weiß und hellbraun. Die graue Wohnzimmercouch schien gemütlich weich zu sein und hatte eine sehr komfortable Größe. Hier ließ es sich aushalten, bis er und sein Gedächtnis sich wieder fanden.
Diese sehr geschmackvoll eingerichtete Wohnung stand in krassem Gegensatz zu dem Wohnhaus, in dem sie sich befanden.
„Haben Sie das eingerichtet?“ Er kam nicht umhin, zu fragen.
„Ja, warum?“
„Sehr geschmackvoll, gefällt mir.“
Sie lächelte.
„Und hier können Sie schlafen.“
Sie waren in ein Zimmer getreten, auf dessen Außenseite der Name Benjamin in bunten Blockbuchstaben stand.
Es war ein in Blau gehaltenes Kinderzimmer mit einem Jugendbett, die Bettwäsche zierte Lightning McQueen aus dem Kinofilm „Cars“.
Seltsam, dachte er, dass mir das einfällt. Vielleicht weiß ich ja bald mehr, bald alles.
Mit diesem Gedankengang wandte er sich zu Miriam um, die hinter ihm stand und stellte fest, dass sie erheitert wirkte und sich gerade ein Kichern verkneifte.
„Was ist los? Sehe ich komisch aus?“ Er fasste sich an den Kopf, auf dem der Kopfverband auf der Nachhausefahrt leicht verrutscht war.
„Nein, das ist es nicht. Ist es Ihnen nicht aufgefallen?“
Ihre zierliche Hand zeigte auf das Namensschild der offenen Tür.
„So ein Zufall!“ entfuhr es nun auch Ben und er stimmte in das Lachen mit ein.
„Ahh.“ Ben griff sich an den Kopf und stakste zum Bett, auf das er ein wenig unkoordiniert plumpste.
„Sie sollten sich ausruhen.“
„Mmhh.“
Als er sich hingelegt hatte, schloss Miriam leise die Tür. Sie lehnte sich neben der Tür mit dem Rücken an die Wand und schloss kurz die Augen.
Wie würden die Kinder reagieren auf diesen Fremden? Sie würden ihn ohne Zweifel als Eindringling betrachten, nach den Erfahrungen, die sie gemacht hatten. Aber soviel ihre Kinder ihr auch bedeuteten, sie hätte es nie und nimmer geschafft, diesen Ben seinem Schicksal zu überlassen, nach dem, was er für sie getan hatte. Es war richtig so, und ihre Kinder mussten sich damit arrangieren. Im Geiste wappnete sie sich bereits wie ein Ritter, der die Rüstung anlegt und ein Schild aufnimmt, um bereit für das nächste Gefecht zu sein.
Konnte das sein, dass er schon schlief?
Sie öffnete die Kinderzimmertür einen Spalt und lugte hinein. Ja, kein Zweifel, dieser Ben schnarchte ruhig und gleichmäßig. Er lag vollständig bekleidet auf Decke und Polster und schien sofort eingeschlafen zu sein.
Als sie ihn so betrachtete, kamen ihr doch Zweifel, ob es nicht einen anderen, einfacheren Weg gegeben hätte, als ihn mit nach Hause zu nehmen. Das Problem war, dass sie sich in seiner Gegenwart befangen fühlte. Es lag daran, dass er ihr zu gut gefiel. Wenn sie ihn ansah, ging ihr das Herz auf und sie hatte Angst, dass man es in ihrem Gesicht lesen konnte. Sie war einfach zu töricht. Aber sie würde ihre Gefühle kontrollieren können, das schwor sie sich – hoch und heilig – und niemand würde es in ihrem Gesicht oder ihren Gesten merken können. Das konnte doch nicht so schwierig sein. Ihr innerer Ritter hob das Schild in der linken Hand ein wenig an und hatte plötzlich auch einen Speer in der Rechten, den er gen Himmel streckte.
Ja, sie konnte und würde es schaffen!

„Mama, wir sind zuhause!“ ertönte es aus dem Vorraum. Die Kinder waren wie üblich am Dienstag gemeinsam nachhause gekommen. Miriam stand am Herd und kochte Chinesisch. „Mmhh, das riecht aber lecker.“ Benjamin kam zur Tür hereingehüpft und umarmte seine Mutter von hinten. „Was kochst du da?“
„Chinesisch süß-sauer mit Ananas und Hühnchen, das magst du doch so gern.“
„Super, Mama, du bist die Beste!“ Benjamin drückte seine Mama nochmals und öffnete dann den Schrank mit den Tellern, um den Tisch zu decken.
Da erschien Sarahs misstrauisches Gesicht in der Tür. „Hat jemand Geburtstag?“
Miriam rührte nochmals in den Töpfen um und drehte die Platten ab. „Nein, nicht dass ich wüsste.“
„Was ist dann los?“
„Kann ich euch nicht einfach grundlos euer Lieblingsessen kochen?“ Miriam packte den Topf mit dem Reis und stellte ihn auf den Untersatz am Tisch.
„Das kommt so gut wie nie vor.“ Sarah nahm Essbesteck aus der Schublade und legte es neben die Teller.
„Bin ich so eine Rabenmutter?“
„Nein, keine Rabenmutter, aber eine durchschaubare Mutter.“
„Gut, dann setzt euch, ich muss mit euch reden.“
Die Kinder, die vor den vollen Töpfen saßen und deren Mägen schon geknurrt hatten, bekamen runde Augen und blickten erwartungsvoll.
„Lass mich raten,“ Sarah lächelte verhalten. „Du bekommst eine Gehaltserhöhung.“
„Schön wär`s.“
Sarahs Mundwinkel bewegten sich wieder in die Waagrechte.
„Haben sich die von der Baufirma gemeldet?“ Nun grinste Ben seine Mutter hoffnungsvoll an.
Miriam stieß die Luft zwischen schmalen Lippen aus und gab sich einen Ruck.
„Nein, leider nichts von beidem. Schade, das wären gute Dinge gewesen.“ Sie stand auf und trat zwischen die beiden, um ihre Hände auf jeweils eine Schulter der Kinder zu legen.
„Es ist so, dass mir gestern Nacht, als ich von der Arbeit nachhause gegangen bin, ein Mann geholfen hat.“
„Bei was geholfen?“ Miriam traf ein verdutzter Blick aus Benjamins Augen.
„Ein anderer Mann wollte mich bestehlen.“
Sarah beobachtete Miriam mit zusammengekniffenen Lippen und ihre Miene spiegelte Skepsis wider.
Mit einem durchdringenden Blick versuchte Miriam ihrer Tochter zu verstehen zu geben, dass sie in der Gegenwart ihres Bruders keine anderen Mutmaßungen diesbezüglich anstellen sollte. Diese schien unmerklich zu nicken.
Braves Mädchen, dachte Miriam.
„Und dir ist nichts passiert?“ Die ängstliche gewordene Stimme Benjamins riss sie aus dem Blickkontakt mit ihrer Tochter.
„Nein, mein Schatz. Denn dann ist eben dieser Mann gekommen und hat den Übeltäter verjagt. Leider ist mein Helfer dabei so übel auf den Kopf gefallen, dass er ins Spital musste.“
„Und ist er noch immer im Spital?“ Benjamin schien bereits weniger schockiert, da seine Mutter ja wohlbehalten vor ihm stand.
„Nein, er ist nicht mehr im Spital...“
„Zum Glück,“ warf Sarah – nun offensichtlich aufatmend – ein. „Dann geht’s ihm also wieder gut.“
„Leider nicht. Er hat ein großes Problem.“
„Was meinst du, Mama?“ Benjamin starrte seine Mutter mit offenem Mund an und wartete gespannt auf die Antwort.
„Er hat sein Gedächtnis verloren.“
„Echt?“ Das Mädchen ließ sich im Sessel zurückfallen und blickte ihre Mutter verdutzt an. „Das ist ja wie im Film!“
Benjamin sah zwischen seiner Mutter und Sarah hin und her. „Wo ist er jetzt?“
Miriam zog den Kopf ein. „In deinem Zimmer.“
Sarah sprang so abrupt auf, dass der Sessel quietschend zurückrutschte und umgefallen wäre, wenn Miriam ihn nicht geistesgegenwärtig ergriffen hätte.
„Verdammt, setz dich!“
„Ich will keine fremden Männer hier! Wenn er hier bleibt, dann ziehe ich zu Jo!“ Sarah kniff wütend die Augen zusammen und baute sich vor ihrer Mutter auf.
Miriam fiel auf, wie groß ihre Tochter schon war, es fehlten ihr nur etwa zwei bis drei Zentimeter auf die Größe ihrer Mutter. Und es tat ihr leid, dass sie sie dieser unangenehmen Situation aussetzen musste.
„Bitte, Schatz. Versuch es zu verstehen. Er hat mir gestern geholfen. Weiß Gott was hätte passieren können, wäre er nicht gekommen. Wegen mir hat er sein Gedächtnis verloren und weiß nicht, wo er hingehört.“
Sarahs übersteigerte Körperspannung ließ merklich nach und Miriam, die ihre Tochter gut kannte, merkte, dass sie begann, nachzudenken.
„Außerdem kann sein Gedächtnis jederzeit wiederkommen.“ Miriams Tonfall war betont ruhig.
„Und dann ist er fort?“
„Ja, Sarah, dann geht er nach Hause.“ Sie strich ihrer Tochter übers Haar und umarmte sie kurzentschlossen.
Miriam war ihrer Tochter nicht böse. Was auf Außenstehende wie die Reaktion eines unkontrollierten Hitzkopfs wirken mochte, war das Bedürfnis einer heranwachsenden jungen Frau, ihre Familie zu schützen.

Es klopfte. Halb elf. Das musste Emma sein. Miriam drehte den leise laufenden Fernseher ab und huschte wie auf Samtpfoten zur Tür.
„Emmi, komm rein.“ Ihr Flüstern war auf dem hallenden Gang schrecklich laut.
Ihre Freundin schlüpfte mit der Kuchenschachtel zur Tür herein und Miriam schloss eilig hinter ihr.
„Danny sagt, du bist krank.“ Mit besorgter Mimik musterte Emma ihre Freundin. „Oder sind die Kinder krank? Mir kannst du es ruhig sagen. Ich versteh das.“
Miriam nahm die Schachtel. „Nichts von alledem.“ Sie küsste ihre Freundin auf die Wange. „Danke. Ich mach uns erst mal einen Kaffee. Dann erzähl ich dir alles.“

Emmas Augen waren vor Erstaunen geweitet, als sie das letzte Stückchen ihres Schokoladekuchens auf die Gabel aufspießte.
„Und jetzt ist er hier bei dir? In Benjamins Zimmer?“
Miriam seufzte. „Denkst du, es ist falsch?“
Emma beugte sich vor und sah ihrer Freundin ernst in die Augen. „Es war richtig, ihn mitzunehmen. Wo soll er denn hin, der arme Kerl. Bei den Minusgraden auf einer Parkbank oder unter der Brücke stell ich mir nicht angenehm vor. Was heißt „nicht angenehm“, das ist ja lebensgefährlich.“ Sie legte ihre Hand auf die von Miriam. „Er hat dir vermutlich das Leben gerettet, als er dich vor diesem Scheißkerl beschützt hat. Und jetzt rettest du seines.“ Aus ihren Augen strahlte Wärme und Zuversicht.
Plötzlich vernahmen sie Schritte. Ihre Blicke wanderten zur Tür, die sich langsam öffnete. Bens dunkler Wuschelkopf erschien. „Hi.“
„Hi.“ Kam es aus dem Munde beider Frauen gleichzeitig.
Sein Blick blieb kurz an den Freundinnen hängen und schweifte dann durch den Raum.„Kann ich mal kurz ins Bad?“
Miriams Mund blieb offen stehen ob des sich ihr bietenden Anblicks. „Sicher.“ Miriam errötete.
„Wo war das noch mal?“ Verwirrt kratzte er sich am Hinterkopf.
„Soll ich es ihm zeigen?“ Der Schalk blitzte aus Emmas Augen und sie zwinkerte Miriam zu. Diese war von dem entblößten muskulösen Oberkörper in der Tür jedoch so in den Bann gezogen, dass sie Emmas Geste nicht bemerkte.
„Lass mal, ich geh schon.“ Miriam folgte Ben, der kehrt gemacht hatte, in den Vorraum.
Leises Stimmengemurmel war zu hören und nach wenigen Sekunden erschien Miriam wieder, mit geröteten Wangen und glitzernden Augen.
„Diesen Adonis hat dir der Himmel geschickt.“
„Ich bitte dich.“ Miriam machte eine wegwerfende Handbewegung.
„Ich bin mir sicher, du bist sein Typ.“ Emma hatte ihre Stimme zu einem Flüstern gesenkt.
Miriams schüttelte entschieden den Kopf. Sie hoffte, dass ihre Freundin ihr nicht ansehen konnte, wie sehr ihr Herz klopfte.
Emma wirkte verwundert. „Aber warum...?“
Miriam fiel ihr ins Wort. „Du weißt nicht, ob er Familie hat - und Kinder. Außerdem....,“ sie machte eine Pause und schenkte ihrer Freundin einen bedeutungsvollen Blick bevor sie beinahe unhörbar fortfuhr, „würde er nicht zu mir passen.“
„Und warum nicht?“ Emma musterte ihre Freundin interessiert und gab plötzlich auf einen erkennenden Laut von sich. „Ach, verstehe, er ist nicht dein Typ.“
„Doch.“
„Dann musst du mir jetzt mal auf die Sprünge helfen. Das ist mir nämlich zu hoch.“
„Schau ihn dir doch mal an.“
„Mach ich dann gern nochmal.“
„Du verstehst mich nicht.“
„Offensichtlich nicht.“
„Er ist zu schön für mich.“
Ein leises Geräusch an der Tür ließ sie aufhorchen. Besagter Adonis steckte seinen Kopf herein. „Gute Nacht.“
„Gute Nacht.“
Ein leises Klicken ließ einen Augenblick später das Schließen von Benjamins Zimmertür erkennen. Emma zog ihre Brauen hoch und öffnete den Mund.
Doch sie wurde jäh von Miriam unterbrochen. „Lass es. Ich kenne meine Chancen am Markt. Und selbst wenn – was hier wirklich nicht zur Debatte steht – sich etwas zwischen uns entwickeln könnte, könnte ich nicht damit umgehen, einen Mann zu haben, der in das Beuteschema unzähliger Frauen fällt. So einen Mann hat man nicht lange für sich alleine.“
Etwas änderte sich in Emmas Mimik, Miriam konnte nur nicht sagen, was es war. „Vielleicht hast du recht.“
„Und jetzt zu dir.“ Der leicht scharfe Tonfall in Miriams Stimme ließ Emma aufhorchen. „Du darfst dich von niemandem schlagen lassen.“ Emma schlug die Augen nieder. „Keiner,“ Miriams Stimme zitterte, „keiner hat das Recht, dich zu schlagen, zu treten, oder ähnliches mit dir zu machen.“ Miriam stand ein wenig auf um mit ihrem Stuhl näher an ihre Freundin heran zu rücken. „Hörst du mich?“ Sie vermeinte ein leichtes Nicken Emmas zu erkennen, war sich jedoch nicht sicher. „Ich kenne diesen Ron nicht. Er mag auch seine guten Seiten haben, davon bin ich überzeugt...“
Emma blickte auf, in ihren Augen glitzerten Tränen.
„...aber er ist ein Mensch, der seine Aggressionen nicht unter Kontrolle hat. Ein Manipulateur, der weiß, wie er den Spieß umdreht. Er mag dich lieben, aber er macht dich nicht glücklich.“
Eine Träne bahnte sich einen Weg über Emmas Wange.
„Ich will, dass du glücklich bist. Und wenn dir jemand wiederholt wehtut, kann ich das nicht zulassen. Verstehst du?“
Emma sah an ihrer Freundin vorbei und ihr Unterkiefer zitterte. „Ich verstehe dich schon.“ Ihre Blicke trafen sich wieder. „Doch du musst mir vertrauen. Ich werde das alleine mit ihm regeln.“
Als sie sich umarmten, spürte Miriam, wie heftig Emmas Herz schlug. Emmas zuerst steifer Körper entspannte sich langsam durch die Umarmung. Außerdem spürte Miriam es auf der Schulter feucht durch ihren Pullover.
Miriam wollte, dass ihre Freundin wusste, wie wichtig sie ihr war. „Du sollst aber wissen, dass du nicht alles alleine schaffen musst. Auch wenn wir uns erst seit zwei Jahren kennen, habe ich dich so in mein Herz geschlossen, dass du für mich zur Familie gehörst.“
Sie nahm minimale Bewegungen von Emmas Körper wahr – und ein leises Wimmern.
„Weinst du?“
„Nein.“ Emma schniefte und wischte sich die Tränen von den Wangen.
Miriam rückte von ihrer Freundin ab und wischte eine übriggebliebene Träne am Kinn weg.
„Versprich mir aber, dass du auf dich aufpasst.“ Miriam atmete hörbar tief ein. Trotz Emmas zuversichtlichen Nickens beschlich sie ein mulmiges Gefühl.

 

Kapitel 4

Als er die Augen öffnete, sah er einen hellblauen Vorhang mit weißen Wolken und gelbgrünen Schmetterlingen und war momentan orientierungslos. Er sah sich um und betrachtete das Kinderzimmer, in dem er sich befand. Da dämmerte es ihm langsam. Er befand sich in der Wohnung dieser chaotischen jungen Frau. Endlich waren auch diese Kopfschmerzen weniger. Es war verrückt. Nicht zu wissen wer man war, woher man kam. Sein Blick fiel auf die Kleidung, die er tags zuvor über den Schreibtischsessel geworfen hatte. Es war frustrierend, nicht mal die kam ihm bekannt vor. Er hatte die Kleidung gestern abgegriffen, aber es war vergebens gewesen. Kein Hinweis auf seine Vergangenheit. Weder eine Kreditkarte, noch eine E-Card – ja, noch nicht mal eine Mitgliedskarte von einem Kaufhaus oder Club oder dergleichen hatte er finden können. Es war ihm ein Rätsel, warum er kein Handy oder eine Geldbörse einstecken gehabt hatte.
Auch aus seiner Kleidung war es ihm nicht möglich, Hinweise abzulesen. Er hatte eine helle bequeme Bluejeans an dem Abend getragen und einen dunklen V-Pullover, darüber einen kurzen Kapuzenmantel. Dazu hatte er schwarze Socken und Lederschuhe getragen. Das Outfit schien nicht das eines Obdachlosen zu sein, das war beruhigend.
Ben setzte sich auf und bewegte probehalber den Kopf in alle Richtungen. Zumindest war das heute schwindelfrei möglich. Er stand auf und schlüpfte in seine Jeans und den Pullover. Erstmals seit er in dieser verqueren Situation war, spürte er so etwas wie ein Hungergefühl. Vielleicht mochte es auch daran liegen, dass er – er sog tief die Luft durch die Nase ein – einen genüsslichen Duft wahrnahm. Mmmh, Eierspeise.
Er öffnete die Zimmertür und folgte dem leisen Stimmengemurmel. Als er auf die Küchentür zuging, knarrten die Dielen und das Gemurmel verstummte. Er drückte die Klinke der Tür nach unten, durch deren Verglasung der fensterlose Vorraum erhellt wurde.
„Morgen.“ Sie stand beim Herd und lächelte ihm zu. „Hunger?“
Sein Blick wanderte zum Tisch, an dem ein Junge ihn mit offenem Mund anstarrte. Ihm gegenüber saß ein jugendliches Mädchen, die Haare zu einem Messie-Dutt. Sie musterte ihn kurz von oben bist unten aus dunkel umrandeten Augen und schmierte dann weiter Nutella auf ihr Toastbrot.
Bens Blick traf wieder auf Miriam, die ihn fragend mit rosigen Wangen ansah.
„Und wie.“ Er nahm auf dem Sessel zwischen den Kindern an der kurzen Tischseite Platz.
Sie stellte einen Teller mit Eiern vor ihn auf den Tisch. „Mund zu.“ Ein sanfter Druck auf Benjamins Kinn reichte und er schloß den Mund.
Eine Gabel nach der anderen schob sich Ben in den Mund und hatte dabei das Gefühl, als fiele das Essen ins Leere.
„Nimm dir doch ein Butterbrot dazu.“
Ja, das würde das Sättigungsgefühl fördern.
„Gibst du mir die Butter, Junge?“ Erst jetzt fiel ihm auf, dass der kleine Mann neben ihm völlig verkrampft wirkte. Er zog nun auch noch den Kopf ein. Es herrschte plötzlich betrückendes Schweigen.
„Hier!“ Mit einem schneidenden Ton knallte das Mädchen die Butter vor Ben auf den Tisch. Es schien, als wollte sie ihn mit ihren Augen erdolchen.
Ben war irritiert und beobachtete, wie Miriam an den Tisch herantrat. Die drei sahen sich an – einige Sekunden – und es schien, als würden sie eine Unterhaltung mit den Augen führen. Seufzend knickte das Mädchen ein. „Sorry.“

Impressum

Tag der Veröffentlichung: 03.04.2017

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