Cover

Titel




Das ewige Haus

von Lisa-Marie Schaundegl



1. Willkommen in der Hölle

Vor vielen Jahren errichtete ein alter Mann ein Haus. Es war groß und reich verziert. Eine Villa mit Charakter. Dieses Gebäude stattete er mit unzähligen Geheimgängen, Technologien und psychologischen Grausamkeiten aus. Der Grund für das Bauen dieser Monstervilla war das gut gehütete Geheimnis des alten Mannes.

Er nahm es mit ins Grab. Hinterließ nur dieses Haus und die Tatsache, dass Besucher niemals wieder gehen konnten. Ein Gefängnis. Für die schlimmsten Verbrecher und furchtbarsten Geheimnisse.

 

ARTHUR

"Wir befinden den Angeklagten für Schuldig!" Arthurs Herzs setzte aus und keuchend fiel er auf seinen Sessel. Die Zuschauer im Saal klatschten oder Schrien. Es herrschte Chaos im Gerichtssaal bis der Richter mit seinen hölzernen Hammer die Anwesenden zur Ruhe rief.

"Das Urteil ist gesprochen. Arthur Pamun, ich verurteile sie zu lebenslänglich in der >Villa<. Ihre Überführung wird morgen stattfinden." Perplex nickend stand Arthur auf und ließ sich ohne wiederstand von den Polizisten wegführen. Die ungeheure Aufregung im Saal bekam er gar nicht mit. Die Aussicht sein Leben in diesem Höllenhaus zu verbringen betäubte alle seine Sinne. Die Handschellen scheuerten über seine empfindliche Haut, doch auch dies schien er nicht wahrzunehmen.

Die Villa war ein Schreckgespenst mit dem die Justizanstalt noch die mutigsten, härtesten Verbrecher gebrochen hatte. Es hieß Monster würden dort drinnen ihr Unwesen treiben und nur wenige Insassen überlebten die erste Woche. Die wenigen die länger überlebten, starben an Hunger oder Krankheit. Die war der letzte Ort an dem Arthur landen wollte.

"Arthur!", schrie seine Mutter ihm zu. Zögerlich blieb er stehen und sah in das tränennasse Gesicht seiner Mutter. Ihre schräg gestellten Augen blickten ihm verzweifelt entgegen und Arthur konnte nicht anders als sich schuldig fühlen. Nun hatte er seiner Mutter auch noch das letzte Kind genommen. Nun war sie alleine.

"Es tut mir so leid, Eomma. Bitte verzeih mir!", versuchte er mit gebrochener Stimme ihr Leid zu lindern. Natürlich half es nichts, natürlich weinte sie und schrie, klammerte sich an ihre Freundin. Arthur wurde weitergezogen und blickte über das Meer an Menschen. Jeder von ihnen war entweder für oder gegen ihn. Sie alle hatten ein Urteil gefällt ohne wirklich zu wissen was geschehen war.

Arthur hatte versucht zu erklären und war kläglich gescheitert. Die Wahrheit würde er wohl mit ins Grab nehmen. Er ging durch die Tür und verließ damit den tobenden Gerichtssaal. Hinter der Tür wartete schon seine Eskorte zur Villa. Der rundliche Polizeichef begrüßte ihn freundlich. Gemeinsam gingen sie durch den menschenleeren Flur zum Polizeiauto, zwei Polizisten hinter ihnen um einen reibungslosen Ablauf zu garantieren.

"Pamun, hast du dich verabschiedet?", fragte Polizeichef Hardt und sah ihn mitleidig an. Er war sich Arthurs Unschuld nur zu deutlich bewusst und konnte doch nichts tun um das Urteil zu ändern. Arthur nickte und zog die Schultern hoch.

"Tun Sie mir einen gefallen und sehen Sie hin und wieder nach meiner Mutter?", fragte er hilfesuchend. Der Polizeichef strich sich über den dichten hellbraunen Bart und nickte bekümmert.

"Natürlich, mein Junge. Ich werde auf sie aufpassen. Schau du nur das du überlebst."

"Ist es wirklich so schlimm wie man es sich erzählt?" Polizeichef Hardt biss die Zähne zusammen und nickte wieder.

"Shit.", kommentierte Arthur und drängte die Tränen zurück, "ich kann nicht glauben das das wirklich passiert."

"Was hast du erwartet? Dreckiger Terrorist!", knurrte der Polizist hinter ihm und stieß ihn weiter. Hardt sah seinen Untergebenen böse an und öffnete die Tür. Die Sonne schien hell und kräftig vom Himmel, machte diesen Tag noch schwerer für Arthur. Er hätte sich gewünscht im Regen Abschied zu nehmen. So sehnte er sich danach in den Park zu gehen und den Sommer zu genießen. Ohne Mitgefühl schoben ihn die Polizisten in das Auto und stiegen selbst ein.

Polizeichef Hardt blieb mit bekümmerter Miene zurück. Die Polizisten ließen sich zeit, sie hatten es nicht eilig und fuhren mit gemächlichem Tempo durch die Stadt. Jeder konnte ihn im Auto sitzen sehen, jeder erhielt die Gelegenheit ihn zu beschimpfen.

"Haha, sieh mal Pamun, du hast ein paar Fans.", belustigt zeigte der Polizist am Beifahrersitz auf eine Gruppe von Menschen mit Plakaten. >Pamun, stirb< und >Keine Gnade mit Terroristen< stand in erstaunlich bunten Farben auf den Schildern. Arthur seufzte und beschloss sich kleiner zu machen, die Augen zu schließen und die Sonne auf seinem Gesicht zu genießen. Immerhin waren dies die letzten Minuten in Freiheit. Noch war er in Sicherheit, musste weder um sein Leben fürchten noch schwere Entscheidungen treffen. Alles war bereits für ihn entschieden worden. Nach einiger Zeit, die Arthur viel zu kurz vorkam, hielt das Auto. Mit mulmigem Gefühl im Bauch sah er aus dem Fenster auf das Gebäude vor ihm. Eine gigantische Villa, mit Ecktürmen, Steinengeln am Dach und einem gruseligen schwarzen Eingangstor.

Wie der Schlund zur Hölle. Um die Villa verlief ein einfacher Drahtzaun, wohl eher um Neugierige abzuhalten als um jemanden drinnen einzusperren. Das Einsperren machte das Haus schon von alleine, dafür bedarf es keine Hilfsmittel. Die Polizei würde mit einem besonderen Schlüssel das Tor aufsperren und draußen warten bis das Tor vollkommen hinter Arhtur geschlossen war. Danach gab es für ihn kein Entrinnen mehr.

"Wir sind da.", meinte der Fahrer überflüssig und stieg mit seinem Kollegen aus. Arthur wartete mit klopfendem Herzen. Er könnte versuchen zu fliehen. Die Polizisten würden schießen und ihn vermutlich auch treffen, aber es wäre eine Chance.

Allerdings würde er selbst bei einer gelungenen Flucht nicht weit kommen. Er hatte wie alle anderen Straftäter einen Peilsender im Nacken. So verfolgte die Justiz wie viele Gefangene sich in der Villa aufhielten. Dennoch erschien Arthur eine Flucht gerade sehr verlockend. Der Moment verstrich und die Polizisten öffneten die Tür. Routiniert zog der eine ihn aus dem Auto, der andere, vermutlich der bessere Schütze hielt seine Waffe entsichert in den Händen. Die Beiden wussten was in Arthurs Kopf vorging.

Sein Blick war auf die schwarze Tür gerichtet, als der Polizist ihn langsam durch das Drahtgitter zur Villa führte. Arthur sträubte sich, machte sich schwerer, versuchte die Sekunden im Freien hinauszuzögern.

"Bitte. Ich bin unschuldig. Bitte, zwingt mich nicht da rein!", bettelte Arthur und spürte die Kühle die von der Häuserwand ausging. Seine Häscher nahmen keine Rücksicht, zogen ihn weiter, zeigten kein Mitleid bis sie bei Tor standen. Der Polizist mit der gezogenen Waffe holte einen schweren, schwarzen Schlüssel hervor und drückte ihn in das Schloss. Knarrend öffnete sich die Tür und offenbarte ein weiß gestrichenes Erdgeschoss. Es sah gar nicht so schlimm aus.

Perplex registrierte Arthur die weißen Fließen und die spitzenvorhänge vor den großen Fenstern. Es war ein Vorraum wie sie ihn vor hundert Jahren hatten. Mit Kleiderständer und Kommode. Sogar ein paar Schuhe standen vor dem Eingang. Da war kein Blut oder Schreie zu hören. Alles schien ruhig und friedlich. Arthur atmete erleichtert aus. Vielleicht würde dieses Haus doch nicht sein Ende sein. Die Polizisten lächelten.

Sie kannten diesen Gesichtsausdruck bei den Gefangenen nur zu gut und sie genossen diese leichte Hoffnung auf Überleben, denn sie wussten genau, dass sie vergebens war und spätestens wenn die Tore sich hinter den Gefangenen schlossen und die Monster aus ihren Verstecken krochen, war es aus.

"Es ist Zeit fürs Abendessen also viel Glück.", murmelte der Polizist in Arthurs Ohr und stieß ihn hinein. Das Tor zog er sofort wieder zu und ließ Arthur in dem seltsamen, künstlichen Licht des Vorraumes zurück. Überrascht lief Arthur zu einem der großen Fenster.

Es regnete. Dicke Tropfen fielen von dunklen, wütenden Wolken. Hatte nicht gerade noch die Sonne geschienen? Verwirrt drehte Arthur sich weg und hörte ein lautes Knurren.

Es kam näher und es schien Hunger zu haben.

 

"Lauf, IDIOT!", schrie ihm ein junger Mann entgegen. Er rannte in schnellem Tempo durch den Vorraum, dicht gefolgt von einem zugegeben hässlichen Monster. Groß, lange klauen und dann dieser knospenähnliche Kopf. Die rosafarbene Haut machte die Sache auch nicht besser.

Es sabberte und knurrte, die großen schwarzen Augen auf den jungen Mann fixiert. Es schien Arthur nicht zu bemerken, seine Aufmerksamkeit lag auf dem gewählten Opfer. Völlig irritiert sah Arthur dem Paar nach als sie wieder aus seinem Sichtfeld verschwanden. Erst nach und nach drang die Erkenntnis zu ihm durch, dass er sich wohl besser ein Versteck suchte. Nur wo? Das Erdgeschoss erschien ihm nicht sonderlich sicher, wenn man die beinahe Zusammenkunft mit einem Monster betrachtete, also entschloss er sich dazu die große einladende Treppe hinauf in den ersten Stock zu gehen.

Die gesamte Villa schien alt und eines besseren Worte nicht fündig, ehrgebietend. Als würde jeden Moment ein Graf seine Aufwartung machen. Die Wände waren mit alten Bildern geschmückt und die Fensterrahmen mit Schnitzereien verziert. Würde nicht immer mal wieder Blut an diesen schönen Wänden kleben, sehe es hier wirklich schön aus. Sogar das alte Holzparkett hatte noch Glanz und Farbe. Verwundert versuchte Arthur sich auf die unmittelbare Gefahr zu konzentrieren und sich nicht ablenken zu lassen. Vielleicht wäre der erste Stock sicherer.

Auf Zehnspitzen schlich Arthur und hörte dabei vermehrt Schreie und klatschende Geräusche. Als er im ersten Stock ankam überraschte ihn das grausige Rot an den Wänden. Er hielt es für Blut, doch schnell erkannte er das es doch nur Farbe war. Dumm ausgesucht, seiner Meinung nach. Es gab nun zwei Wege für ihn. Links und Rechts. Beide führten in identische Flure mit mehreren Türen. Ratlos sah Arthur hin und her. Ein bedrohliches Knurren und Schnauben aus dem rechten Gang, beschleunigte seine Wahl erheblich.

Von Panik ergriffen lief er zu der erst besten Tür und zog sie auf. Ein Badezimmer. Rosa Fließen, eine große Badewanne mit vorgezogenen Duschvorhang und ein Waschbecken nahmen den größten Platz ein. Neben dem Waschbecken gab es auch ein Klo. Ängstlich versuchte Arthur die Tür zu versperren und erkannte erschrocken, das die Tür kein Schloss besaß. Heftig atmend trat er weg von der Tür, klappte den Klodeckel nach unten und setzte sich drauf. Den Kopf zwischen den Knien versuchte er den Aufkommenden Schwindel zu bekämpfen.

"Neu hier?", flüsterte eine fragende Stimme und der Duschvorhang wurde langsam aufgezogen. In der Badewanne lag eine junge Frau, vielleicht achtzehn mit braunen, wilden Locken und dunkler Haut. Sie trug ein unverschämtes Lächeln auf den Lippen. Nervös schluckte Arthur und nickte vorsichtig. Das Knurren außerhalb des Badezimmers wurde lauter.

"Hüpf rein.", hauchte die Frau und ohne nachzudenken kletterte Arthur zu ihr in die Badewanne. Den Duschvorhang zogen sie leise wieder vor und warteten gespannt ob das Monster sich die Mühe machen würde, die Türe zu öffnen. Arthurs Herz klopfte wie ein Presslufthammer, verzweifelt versuchte er nicht zu hyperventilieren. Um sich abzulenken sah er die Frau vor sich näher an. Sie trug ein rotes langes Kleid. Es sah sehr nach einem Ballkleid aus und weiße Handschuhe. Sehr seltsam, aber Arthur wollte sich nicht wegen einem merkwürdigen Kleidungsstil sorgen machen, immerhin gab es hier Monster. Als das Stampfen endlich leiser wurde wagten sie es wieder zu atmen.

"Was war das?", fragte Arthur immer noch bemüht leise zu sprechen.

"Ein Seelenfresser. Es ist Abendessenzeit für sie. Wer jetzt draußen erwischt wird, ist tot."

"Ich hab im Erdgeschoss jemanden gesehen. Einen Mann, er wurde von einem dieser Seelenfresser gejagt." Die junge Frau zuckte unbeeindruckt mit den Achseln.

"Passiert. Die Monster haben ja auch Hunger. Ich bin übrigens Dawn. Wie heißt du?" Etwas schockiert von ihrer Kaltherzigkeit beschloss Arthur vorsichtig zu sein. Schließlich gab es in diesem Haus nicht nur Monster sondern auch Verbrecher.

"Ich heiße Arthur Pamun. Wie lange müssen wir hier drinnen bleiben?" Ächzend verdrehte die Frau ihren Oberkörper und sah zu dem kleinen Badezimmerfenster.

"Also sobald es zwei Mal gedonnert hat, ist es Schlafenszeit für die Seelenfresser. Dann kommen die Sauger und räumen auf. Dazwischen können wir hier raus. Um Mitternacht solltest du aber wieder ein Versteck finden. Da heißt es Mitternachtssnack."

Neugierig nahm Arthur die Informationen auf. Anscheinend herrschte im Haus eine allseits anerkannte Routine.

"Wie lange bist du schon hier?" Dawn drehte sich wieder zu ihm und spielte mit den Perlen auf ihrem roten Ballkleid.

"Nicht so lange. Ich glaub vielleicht ein Jahr. Aber den Tagesablauf hast du schnell drinnen, wenn nicht bist du schnell tot. Viel Wahl bleibt dir also eh nicht."

Zumindest gab es die Chance zu überleben, dachte Arthur, aber dafür würde er verbündete brauchen. Jemand der ihm alles über diesen verflixten Tagesablauf sagen konnte. Und ob er wollte oder nicht, diese seltsame Frau in dem Ballkleid war seine einzige Möglichkeit.

"Darf ich dich noch was fragen?" Dawn zuckte wieder mit den Schultern.

"Wäre es möglich, dass ich bei dir bleibe? Nur bis ich weiß wie ich überlebe?"

Übertrieben genervt seufzte Dawn, doch schon sekunden später stellte sich ein Lächeln ein.

"Na gut, Badewannenfreund. Aber du musst das mit meinem Freund abklären. Und ich sollte dich warnen, ich bin wegen Mordes hier drin, also versuch keine Dummheiten. Und noch was. Willkommen in der Hölle, Frischfleisch."

Arthur schluckte angespannt und nickte ergeben. Was sollte er auch anderes tun.

 

 

 

2. Was dich umbringen will

Der alte Mann sah aus dem Fenster seines Autos. Er spürte weder die Kälte des offenen Fensters noch die warme Hand seines Kindes. Es schlief neben ihm, unberührt von den Geschehnissen. Der alte Mann jedoch fühlte die Schuld schwer auf seiner Seele lasten.

 

In betretenen Schweigen verbrachten sie die nächste Stunde in der Badewanne. Als es zum zweiten Mal donnerte sprang Dawn auf und zog mit Schwung den Duschvorhang zur Seite. Umständlich hob sie ihr Ballkleid und kletterte aus der Badewanne. Dicht gefolgt von Arthur.

"Wieso trägst du dieses Ding?" Dawn zog ihre Augenbrauen zusammen und öffnete langsam die Badezimmertür.

"Wieso nicht?", war ihre Antwort und schon trat sie auf den Flur. Arthur folgte ihr nur zögerlich und sah sich ängstlich um, bereit sofort zu flüchten. Dawn verschränkte die Arme.

"Wirst du jetzt die ganze Zeit so sein? Die Monster schlafen und solange wir kein Rockkonzert abhalten werden sie auch nicht auftauchen. Also komm und achte auf den Boden und die Wände. Die Sauger sind unangenehm auf der Haut."

Und schon lief sie los. Arthur beherzigte ihren Rat und achtete auf den Boden und die Wände. Überall sah er kleine Wesen mit Rüssel.

"Was tun sie?", fragte er misstrauisch.

"Die Essen was übrig bleibt. Sind sozusagen unsere Hausverwalter, so müssen wir die Leichenteile nicht selbst wegräumen und die Villa bleibt schön." Angewidert verzog Arthur das Gesicht, überall klebte Blut. Vorsichtig sah sie um die nächste Ecke während Arthur hinter ihr wartete.

"Die Reds sind noch nicht an ihrem Platz.", murmelte sie zu sich.

"Wer?" Unwirsch schüttelte seine Führerin den Kopf.

"Schnell, jetzt." Dawn führte ihn zu einem Stiegenaufgang, deutlich schmaler, mit Holzgeländer und unebenen Stufen. Wie der Wind liefen sie die Treppe hinauf und betraten den zweiten Stock. Er war grün und hatte eine deutlich nettere Ausstrahlung.

"Wer sind die Reds?"

"SCH!", fuhr ihn die junge Frau an und zeigte auf ihr Ohr. Arthur lauschte und konnte tatsächlich Menschen hören. Stimmen, sogar leichtes Lachen.

"Komm mit!" Ohne auf seinen leichten Widerstand zu achten zog Dawn ihn in ein Zimmer auf dessen Tür ein großes A mit schwarzer Farbe gezeichnet worden war. Es war ein Schlafzimmer. Allerdings gab es in dem Raum nur eine einzige Farbe. Schwarz. Rasch öffnete Dawn den Kleiderschrank und quetschte sich und Arthur hinein.

"Was ist los? Ich dachte die Monster schlafen?" Dawn zog ein Messer aus den Falten ihres Ballkleides und drückte es hektisch atmend an ihre Brust.

"Die Monster schlafen, aber die Menschen nicht. Ich dachte wir könnten vor den Reds die Treppe hinauf und in mein Lager aber anscheinend sind sie auf meinem Stock auf Beutezug."

"Ich versteh gar nichts mehr." Frustriert wünschte Arthur sich ebenfalls eine Waffe. Wenn es zu einem Kampf kam, wollte er zumindest in der Lage sein sich zu verteidigen. Dawn schloss die Augen und atmete einmal tief durch.

"Dieses Haus hat mehrere Stockwerke und Stiegenaufgänge. Besonders Stiegenaufgänge sind wertvoll, denn nur über sie kannst du das Stockwerk wechseln. Die Reds, eine Bande von echten Arschlöchern, wohnen eigentlich im roten Stock, besetzen dort auch dauerhaft genau diesen Stiegenaufgang, deshalb nennen wir ihn den roten Aufgang. Diese Treppe ist der schnellste Weg zu meinem Lager, aber normalerweise nicht passierbar. Ich dachte, weil sie nicht da waren, das sie vielleicht tot sind, oder so und wir schneller nach Hause kämen. Hab mich wohl geirrt. Wir sind nur zu zweit und ich nehme nicht an das du in einem Kampf etwas taugst und diese Bastarde sind immer zu dritt. Gehen vermutlich auch so aufs Klo."

"Was passiert wenn sie uns finden?" Dawn schüttelte den Kopf langsam hin und her, schien zu überlegen.

"Best case szenario, sie vergewaltigen uns, nehmen uns alles ab, was wir haben, lassen uns aber leben."

"Worst case szenario?" Eine Frage die sich Arthur eigentlich selbst beantworten konnte.

"Sie töten uns.", erwiderte Dawn und lauschte auf die Stimmen der Männer. Sie kamen näher und näher, bis sie genau vor ihrem Zimmer standen. Arthur konnte mehrere Stimmen ausmachen und das klirren von Metall, also vermutlich Waffen. Sein Herz raste und schwitzend sah er Dawn an. Diese erschien angespannt, aber absolut ruhig. Zum zweiten Mal in seiner ersten Nacht in dieser Hölle musste Arthur um sein Leben fürchten und er hasste es. Vergeblich versuchte er sich die Sonne draußen vorzustellen, die lachenden Kinder im Park und das sanfte Lächeln seiner Mutter. Alles was er sah, war die Möglichkeit grausam zu sterben.

"Und dann hat er geschrien: Nein, nein, bitte nicht. Haha, hat ihn auch nicht gerettet.", lachte einer der Reds barsch.

"Guter Fick?"

"Oh ja. Er wird ihn sicher auch nicht so schnell vergessen." Zum bersten gespannt warteten sie im Kleiderstand bis die Stimmen endlich leiser wurden und Dawn es für sicher erklärte. So leise sie konnten schlichen sie aus dem schwarzen Schlafzimmer den Flur hinunter. Keiner von ihnen wagte es ein Wort zu sagen, bis sie die nächste Biegung hinter sich hatten. Erst da schien Dawn auszuatmen.

"Es ist nicht mehr weit. Sobald wir mal in unserem Zimmer sind, kann uns nichts passieren."

"Außer du killst mich." Dawn lachte leise und grinste ihn an.

"Dann hätte ich das schon im Badezimmer gemacht." Sie hatte recht. Sie hatte ihr Leben riskiert um mit ihm im Schlepptau durch die Gänge zu schleichen. Alleine wäre sie sicher schneller und geschickter gewesen. Arthur wollte es nicht, doch er begann ihr zu vertrauen. Während die Sauger ihre hässliche Arbeit verrichteten, schlichen sie weiter durch die grünen Flure immer lauschend ob sich jemand näherte.

"Lebt noch jemand im grünen Stock?", fragte Arthur leise und spähte die verschiedenen Flure hinunter. Dawn zuckte mit den Achseln.

"Ja schon, ich glaub aber nicht dauerhaft. Ist nicht so dass wir viel miteinander reden." Sie hielten vor einer Tür wie alle anderen auch, keine Markierung, keine Schrift.

"Sei leise und folge meinen Fußtritten. Wir haben überall Fallen, also pass auf! Noch was, lass mich besser reden.", flüsterte Dawn ihm zu und öffnete die Tür. Ein weiteres Schlafzimmer erwartete ihn. Es war dem schwarzen Schlafzimmer sehr ähnlich. Ein großes Doppelbett mit Baldachin, ein massiver Kleiderschrank, eine Kommode, Spiegel und Nachttische. Es sah sauber aus. Die einzige Lichtquelle war der funkelnde Kronleuchter an der Decke. Unsicher sah Dawn sich um, schien jemanden zu suchen.

"King?", fragte sie in das Zimmer hinein und wartete. Langsam wurde die Tür zum Kleiderschrank geöffnet und ein Mann in seinen Fünfzigern kam heraus. Graues Haar und eine lange Narbe über den linken Auge ließen ihn bedrohlich aussehen. In der Hand hielt er eine Machete.

"Wen hast du da bei dir, Dawn?", fragte er in einem tiefen Bariton. Neugierig sah Arthur den Fremden an. Er war vollkommen schwarz gekleidet, gehüllt in ein ebenso dunkles Cape. Dawn drehte sich zu Arthur.

"Ich hab ihn in der Badewanne kennengelernt. Frischfleisch."

Nun wurde Arthur doch nervös. King sah ihn mit starrem Blick von oben bis unten an. Dann leckte er sich über die Unterlippe und in diesem Moment stellte sich ein mulmiges Gefühl in Arthurs Magengegend ein.

"So so.", meinte King und legte den Kopf schief. Nervös versuchte Arthur zu lachen und gab es schließlich auf. Ängstlich sah er den Flur hinunter und überlegte sich eine Flucht. Vielleicht wäre es ihm Möglich der Machete auszuweichen? Plötzlich lachte King laut und Dawn stimmte mit ein.

"Wir machen nur scherze. Keine Sorge, wir gehen nicht zu den Kannibalen." Arthur wurde starr.

"Es gibt hier Kannibalen?", rutschte es ihm vollkommen schockiert und ungläubig raus. King lachte wieder.

"Hier, mein Junge, gibt es alles. Bring ihn rein Dawn. Dann können wir weiterreden." Trotz der Aussage war sich Arthur nicht sicher. Was wäre, wenn dies eine geschickte Falle war und Dawn der Köder? Die junge Frau seufzte theatralisch.

"Mein Gott, Arthur! Entspann dich. Darf ich dich daran erinnern, dass ich dir das Leben gerettet habe?"

"Ja schon."

"Na dann. Bück dich.", meinte Dawn und erst in diesem Moment erkannte Arthur die Stahldrähte auf der Höhe seines Halses. Überall blitzten diese Drähte. Sehr darauf bedacht wohin er trat bückte er sich unter den Drähten hindurch. Dawn schloss die Tür hinter ihnen während King das Lager aufbaute.

"Helfen die was gegen die Seelenfresser?" Dawn lachte leise und schüttelte den Kopf.

"Wohl kaum, aber sie halten die Sauger draußen." Arthur hob sein Bein und stieg über gleich zwei Drähte.

"Ich dachte, die tun einem nichts?", überlegte er laut und setzte sich neben Dawn auf den Teppichboden. King hatte ein Stockerl mit mehreren Kerzen darauf abgestellt und das große Licht ausgeschalten.

"Tun sie auch nicht. Zumindest wenn du wach bist und dich wehren kannst. Wenn du schläfst ist es fast unmöglich sie zu hören und sie stecken ihre Rüssel gerne in Körperöffnungen."

"Haha und wenn der mal drin ist, kommt er nur bei deinem Tod wieder raus. Ist ein grausiger Tod, mein Junge, das kann ich dir sagen.", fügte King hinzu und zeigte auf das bereitete Lager.

"Romantisch.", scherzte er und zog Dawn zu sich. Die beiden küssten sich leidenschaftlich und blieben schließlich eng umschlungen sitzen. Kings Hand lag um Dawns Schultern.

"Hier mein Stern." King hielt ihr eine Dose mit eingelegtem Gulasch hin. Routiniert stellte sie ein Metalgeschirr über die Kerzen, danach einen kleinen Topf. Der Inhalt der Dose kam dann in den Topf.

"Mehr hast du nicht gefunden?", fragte Dawn etwas enttäuscht. King schüttelte den Kopf.

"Morgen werden wir mehr Glück haben, ganz sicher." Verwirrt sah Arthur zwischen den Beiden hin und her, wollte die Zweisamkeit dennoch nicht stören. Während das Essen langsam warm wurde, sah King ihn interessiert an.

"Wie neu bist du?"

"Ist meine erste Nacht." King lachte leise auf. "Wow. Und wie gefällt es dir in unserem kleinen Paradies?", fragte er sarkastisch und ernete einen genervten Blick von Arthur.

"Ist echt super. Ich will nie wieder weg.", entgegnete er ebenso sarkastisch,

"wie lange bist du schon da?" King kratzte sich am glatt rasierten Kinn.

"Äh, schon ne weile. Vielleicht zwanzig Jahre alles in allem." Arthur riss schockiert die Augen auf.

"Solange schon!" "Mein Schatz ist ein Überlebenskünstler.", kommentierte Dawn und rührte langsam im Topf. King grinste und strich über ihre wilden Locken.

"Naja, ich würde es eher Glück nennen. Ich hab in meinen ersten Monaten diese Machete gefunden. Danach konnte ich mir immerhin die anderen Menschen vom Leib halten."

"Wir haben die Reds ja schon kennengelernt. Kann mir gut vorstellen, dass eine Machete da wunder wirkt." King zog die Augenbrauen zusammen und sah Dawn wütend an.

"Die Reds? Was hattest du bei ihrem Stiegenaufgang zu suchen? Du weißt wie gefährlich das ist!" Betreten sah Dawn auf ihre Hände und ließ die Schultern hängen.

"Ich weiß, aber ich wollte schnell zurück. Ich wollte dir doch mein neues Kleid zeigen. Ist es nicht schön?", fragte sie kleinlaut und strich über das Ballkleid. Kings Gesicht wurde sofort milder und liebevoll zog er sie in seine Arme.

"Das Kleid ist mir egal, es ist die Frau darin, die mir wichtig ist. Bitte lass dich nicht von ihnen erwischen." Dawn nickte und Kings aufmerksamkeit galt wieder Arthur als dieser seine nächste Frage stellte. "Das Ding ist echt cool. Wo hast du die Machete gefunden?"

"Das Haus hat sie irgendwo hingelegt. Gegenstände tauchen manchmal einfach auf. Ist mit dem Essen genauso. Aber spar dir deine Fragen für Morgen, Junge. Jetzt sollten wir essen."

Dawn griff unter das Bett und holte zwei alte, silberne Löffel hervor. Entschuldigend sah sie Arthur an. Dieser wehrte ihren Blick mit erhobenen Händen ab.

"Esst nur. Ich werde mir morgen etwas besorgen." King nickte gutmütig, offensichtlich beeindruckt von Arthurs Art. Es gab schließlich kaum genug Essen für zwei und es mit einem Fremden zu teilen, würde Arthur ihnen niemals antun.

"Einverstanden. Ich übernehme die erste Wache, du kannst dich hinlegen, Junge." Schwerfällig stand Arthur auf und streckte sich, sein Verstand fühlte sich benebelt an und so gern er auch wachgeblieben wäre, Müdigkeit drückte seine Augenlieder nach unten.

"Wie lange haben ich?"

"Du übernimmst am besten die letzte Wache.", meinte Dawn kauend, " ich mache die zweite Wache um etwa Mitternacht. Ich weiß worauf ich achten muss, damit uns die Seelenfresser nicht kriegen."

Arthur war zu schläfrig um zu diskutieren. Irgendwann würde er wissen, was sie meinte. Gähnend strich er über das große Doppelbett und nahm an, sie würden sich nacheinander darin zur Ruhe legen. Es war weich und angenehm. Die Decken mit spitze bezogen und mit schweren Daunen gefüllt.

"Was tust du da, Junge?", fragte King und stand ebenfalls

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Tag der Veröffentlichung: 14.02.2020
ISBN: 978-3-7487-2950-1

Alle Rechte vorbehalten

Nächste Seite
Seite 1 /