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Back to Life - Verloren

Kimmy Reeve

 

Back to Life

 

 Verloren

 

 

Back to Life - Verloren

Deutsche Erstausgabe Mai 2015

© Kimmy Reeve

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http://kimmyreeve.wix.com/kimmyreeve

 

Alle Rechte vorbehalten!

Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin. Personen und Handlungen sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

Umschlaggestaltung: Sabrina Dahlenburg

Korrektorat: WordXcellent

Kim Redlich

c/o All about authors

Jaqueline Lipski

Merveldtstr. 221F

45663 Recklinghausen

Dieser Roman wurde unter Berücksichtigung der neuen deutschen Rechtschreibung verfasst, lektoriert und korrigiert.

 

 

 

 

Kurzbeschreibung

 

Die junge Leora Restma steht kurz vor der Scheidung von ihrem Mann Michael Sterov. Seit fünf Jahren lässt sie niemanden an sich heran, bis auf ihre Freundin Sophie, mit der sie eine schreckliche Vergangenheit teilt. Man nahm ihr alles und ließ sie mit einem grausamen Versprechen zurück.

Dann stolpert sie wortwörtlich in den attraktiven Unternehmer Jay David Kingston. Die beiden mögen sich nicht, einigen sich jedoch trotzdem darauf, aufgrund akuten Wohnungsmangels, eine WG zu gründen.

Mit der Zeit wird immer spürbarer, dass zwischen ihnen mehr schwelt, als die vermeintliche Abscheu, auch wenn beide das nicht wahrhaben wollen.

Zu allem Überfluss macht ihr auch noch ihr Ex-Mann das Leben zur Hölle.

Schwere, chaotische Zeiten, die Leora in der gewohnten, selbstbewussten Art zu meistern versucht. Wird es ihr gelingen?

 

Erster Teil der Back to Life Reihe

Kapitel 1

Leora

 

Ich stand in meinem begehbaren Kleiderschrank und überlegte seit gefühlten drei Stunden, was ich anziehen sollte. Wie immer mit dem Gedanken, dass ich einfach nicht genug besaß. Allerdings wusste ich gleichzeitig, dass wohl fast jede Frau diesem Gedanken nachhing, wenn sie vor diese Aufgabe gestellt wurde. Nur, was zog man zu seiner eigenen Scheidung an? Sollte ich mich elegant kleiden: Rock, Bluse, Pumps? Oder lieber doch legere Jeans, Shirt und Ballerinas? Verdammt! Am liebsten hätte ich mir einen Sack übergezogen und es einfach hinter mich gebracht.

Ich war fünfundzwanzig Jahre alt und ließ mich nach zehn Monaten Ehe scheiden. Was war das für ein Armutszeugnis? Immerzu fragte ich mich, warum ich überhaupt geheiratet hatte.

Meine beste Freundin Sophie sagte regelmäßig: »Baby, du bist eine verdammt geile Braut, aber ich habe nie verstanden, was dich dazu bewogen hat, diesen Loser zu heiraten.«

Na toll! Aber wo sie recht hatte …!

Sophie und ich waren seit genau fünfundzwanzig Jahren die besten Freundinnen, und sogar im selben Monat – März - geboren worden. Unsere Mütter hatten sich in der Kinderarztpraxis kennengelernt und von da an waren wir praktisch wie Schwestern aufgewachsen. Da wir beide Einzelkinder waren, war das ziemlich praktisch.

Sie war etwas größer als ich. Mit einem Meter fünfundachtzig überragte sie mich um sieben Zentimeter. Im Gegensatz zu mir hatte sie schwarze lange glatte Haare, wohingegen ich blonde lockige besaß. Durch ihre hellblauen Augen und ihre wahnsinnig langen, schlanken Beine, war sie eine absolute Augenweide.

Das Einzige, was ihre Schönheit schmälerte, war die durchgezogene Narbe in ihrem Gesicht, die von ihrem rechten Ohr bis zu ihrem Mund reichte.

Ich hingegen war alles – nur nicht schlank. Zu mir würde man wohl eher Rubensweib sagen. Was heißen sollte, dass ich von den Maßen 90/60/90 weit entfernt war. Übermäßig war ich nicht aber eben auch kein Model. Meine langen Beine fanden sehr schwer passende Hosen und mein Arsch kam dem eines Pferdes nahe. Auch meine Bauchrolle ließ zu wünschen übrig. Meine Freundin hasste es, wenn ich über mich so redete, wobei ich nur ehrlich war. Schließlich besaß ich einen Spiegel und Selbstlügen brachten einen auch nicht weiter.

Allerdings war ich keine dieser Frauen, die sich in die Ecke setzten, sich selbst bemitleideten und dachten, ist das Leben nicht schwer? Natürlich war das Leben kein Zuckerschlecken aber, wie sagte man so schön: Nur die Harten kommen in den Garten! Wozu ich wohl gehörte, ob ich wollte oder nicht.

Dass ich keine Traummaße besaß, lag nicht am Universum, sondern weil ich meine Finger nicht vom Essen lassen konnte. Tatsächlich litt ich an dem legendären Frustfressen! Nun, und in den letzten Monaten war ich sogar tierisch gefrustet gewesen.

»Zieh deinen schwarzen Rock und die weiße Fledermaustunika mit den schwarzen Pumps an, er soll sehen, was er verloren hat. Der Penner«, sagte Sophie.

Das Thema Michael, durfte ich nur in geringen Mengen anschneiden und den Namen am besten gar nicht erwähnen.

»Ich will zu meiner Scheidung und nicht ins Büro oder auf eine Gala«, erwiderte ich. »Ihm wird es völlig egal sein, was ich trage und ich will es einfach hinter mich bringen. Er soll mich nur endlich in Ruhe lassen.«

Im Grunde wollte ich ihm nicht gegenübertreten. Es lag nicht mal daran, dass er mich betrogen hatte, eher im Gegenteil. Es war die Art, wie er während des letzten Jahres mit unserer Trennung umgegangen war. Mir jagten nicht mehr viele Menschen Angst ein, aber Michael war auf dem besten Wege, dies zu erreichen. Und genau das Ziel verfolgte er.

 

Vor circa einem Jahr waren alle Computer auf der Arbeit ausgefallen. Da ich eine Menge Überstunden angesammelt hatte, beschloss ich, einen halben Tag früher Feierabend zu machen.

Zuvor ging ich noch schnell ein paar Kleinigkeiten einkaufen und begab mich dann auf den Heimweg. Als ich die Tür aufschloss, wehte mir ein leckerer Duft entgegen und ich fragte mich, warum er bereits zu Hause war. Hatte er einen Home-Office-Tag?

Nachdem ich die Tüten in der Küche abstellte und angefangen hatte, sie einzusortieren, vernahm ich ein seltsames Geräusch.

Unsere Wohnung war mehr als hundertvierzig Quadratmeter groß. Die Zimmer waren freizügig aufgeteilt, sodass ich auch nicht ausmachen konnte, woher es kam.

Langsam bewegten sich meine Beine Richtung Flur und ich spähte um die Ecke. Die Schlafzimmertür war zu, während die übrigen Zimmertüren wie immer offen standen. Schließlich ging ich auf den einzigen geschlossenen Raum zu, linste um jede Ecke, an der ich vorbeikam. Ein flaues Grummeln breitete sich in meiner Magengegend aus, als ich zum Stehen kam. Da ich nie einer Konfrontation aus dem Wege gegangen war, straffte ich meine Schultern und öffnete mit erhobenem Haupt, die Tür.

Was zum Teufel …?

Ich sah auf mein … unser Ehebett. Die Laken waren verrutscht, zerwühlt und definitiv – genutzt. Mein fassungsloser Blick wanderte zu den beiden Hauptdarstellern darauf. Michael lag zwischen den Beinen, dieser … ja, was? Gott, die war höchstens zwanzig! Und er besorgte es ihr – aber wie! Sein Hintern hob und senkte sich in einem schnellen Rhythmus.

Oh. Mein. Gott.

Das komische Geräusch stammte von dem Mädchen unter ihm. Nach einem zufriedenen Stöhnen hörte es sich nicht an.

Aber was wusste ich schon?

Was mich in Wahrheit so überraschte, war ich selbst.

Sophie und ich hatten öfter über eine derartige Situation spekuliert und uns die abenteuerlichsten Szenen ausgemalt, wie wir reagieren würden. Doch was ich zu diesem Zeitpunkt empfand, war in keiner einzigen meiner ausgedachten Vorstellungen vorgekommen. Das stand fest.

Was mich noch mehr verwunderte, war, dass es nicht einmal wehtat. Das Einzige, was ich spürte, war Wut über seine Respektlosigkeit.

Er hätte sich schließlich ein Hotelzimmer nehmen können.

Nein, Michael war mir nicht sonderlich wichtig! Liebe hatte ich nie für ihn empfunden. Schon, weil ich diesem Gefühl entsagt hatte und nicht mehr daran glaubte. Daher konnte er mir mit diesem Betrug auch nicht wehtun. Außerdem hatte ich schon andere Dinge durchgestanden. Dies war dagegen eine Kleinigkeit.

Vor sechs Jahren hatte ich mir etwas geschworen und das würde ich nicht brechen. Mich würde niemand mehr verletzen.

Niemand!

Schlimm genug, dass mich keiner der beiden bisher wahrgenommen hatte, es galt, dieser unwürdigen Situation ein schnelles Ende zu bereiten. Also räusperte ich mich kurz, holte tief Luft und sagte in völlig ruhigem Ton: »Entschuldigt bitte die Störung. Ich wollte nur fragen, ob du deine Sachen aus dem Kleiderschrank in einen Koffer oder doch lieber in Mülltüten packen möchtest?«

Beide erstarrten und sein Kopf drehte sich langsam in meine Richtung. Mit hochgezogener Augenbraue hielt ich seinem Blick stand.

Mein Mann war sehr dominant und jähzornig. Manchmal wirkte er dabei etwas unheimlich, aber überwiegend ließ er mich kalt. Unvermittelt stand er auf, mit einem Laken um die Hüften gewickelt und starrte mich an.

»Was machst du schon hier?«, knurrte er mit zusammengebissenen Zähnen. »Das ist doch noch gar nicht deine Zeit?«

Für eine Sekunde war ich etwas irritiert. Meine zweite Augenbraue schoss ebenfalls in die Höhe. Warf er mir tatsächlich vor – gab mir sozusagen die Schuld daran, dass ich ihn mit einer anderen erwischt hatte? Doch ich fing mich ziemlich schnell, löste mich vom Türrahmen und ging ein paar Schritte auf ihn zu. Noch immer schauten wir uns in die Augen. Die Anwesenheit seiner kleinen Spielgefährtin war für den Moment vergessen.

»Ist das wirklich dein Ernst?«, konterte ich. »Ich bin gerade etwas verwirrt! Du vögelst mit irgendeiner dahergelaufenen Schlampe in unserem Ehebett und du fragst mich, was ich hier zu suchen habe? Übernimm doch einmal Verantwortung für deine Scheiße.«

Ich wollte eigentlich noch mehr sagen, aber er kam mir bereits gefährlich nah. Allerdings wich ich nicht zurück.

»Ich übernehme Verantwortung«, brummte er. »Du bist deinen ehelichen Verpflichtungen nicht nachgekommen. Sieh dich doch mal an! Wer fickt schon eine abgehalfterte Fregatte, die so fett ist? Du solltest etwas daran ändern und das hast du nicht getan. Also lebe mit den Konsequenzen. Oder haben wir neuerdings Verständigungsprobleme, Darling?«

Eine Ohrfeige wäre weniger schmerzhaft gewesen. Meinen Finger an seiner harten Brust platziert, sah ich zu ihm auf.

»Du bist doch total schizo, Michael!« Es kam bedeutend schärfer. »Du hättest dich vielleicht mal fragen sollen, warum ich so gefrustet war und das Essen dir vorzog. Der Brüller im Bett bist du nun wirklich nicht. Also, lieber ein paar Kilos zu viel auf den Rippen, als einen miserablen Ehemann auf der Matratze. Zieht euch an und verschwindet. Die Diskussion ist beendet!«

Am liebsten hätte ich ausgeholt und meine Faust in sein Gesicht gedonnert.

Blitzschnell packte Michael mein Handgelenk und riss mich an sich.

»Ich werde das nicht akzeptieren!«, flüsterte er mir drohend ins Ohr. »Aber ich werde ein paar Sachen einpacken, mit Nadine gehen und dir etwas Zeit verschaffen. Nutze sie, um über deine Worte nachzudenken, und mach dir eines klar: Ich erwarte eine Entschuldigung. Du dürftest bereits wissen, dass eine Trennung für mich nicht infrage kommt. Du bist meine Frau. Unsere derzeitige Situation, ist alleine deine Schuld. Lass dir nur nicht zu viel Zeit, denn, wie dir sicherlich bewusst ist, verfüge ich nicht über unbegrenzte Geduld.«

Damit ließ er mich los und fing an, seine Sachen und die von seiner Nadine aufzuheben, reichte ihr diese und zog sich selber an.

Als ich an der Tür stand, drehte ich mich noch einmal um und sah ihn fest an, während er seine Reisetasche auf das Bett stellte.

»Ich habe keine Angst vor dir, unsere Ehe ist am Ende. Morgen werde ich meinen Anwalt anrufen und die Scheidung einreichen. Alles Weitere besprichst du ab sofort mit ihm!«

Damit wandte ich mich ab, ging in mein Arbeitszimmer, schloss die Tür, lehnte mich dagegen und wartete auf die Dinge, die nun kommen würden.

Ein paar Minuten später hörte ich, wie beide den Flur betraten. Vor meiner Tür blieb jemand stehen.

»Leora« vernahm ich Michael. »Männer wie ich, lassen sich nicht scheiden. Du hast keine Angst? Baby, die solltest du dir schnellstmöglich angewöhnen!«

Sekunden später fiel die Eingangstür ins Schloss und ich war alleine.

 

»Also, was ziehst du jetzt an, Leo?«, fragte Sophie und holte mich aus meinen Erinnerungen. »Zeig ihm, wer du bist, und dass du dich nicht länger einschüchtern lässt. Heute wird es endlich vorbei sein.«

»Ich weiß«, erwiderte ich leise. »Mir ist einfach nur übel, wenn ich daran denke, dass ich ihm eventuell bei irgendwelchen Meetings begegnen muss.«

In den letzten fünf Jahren war ich ein Workaholic durch und durch gewesen.
Zu Beginn meines Studiums, vor fast fünf Jahren, in Rechtswissenschaften und Personalmanagement, bekam ich eine Teilzeitstelle in dem Wirtschaftskonzern Trainell Inc. So konnte ich meine Ausbildung und eine kleine hübsche Wohnung finanzieren.

Dort fing ich als Bürofachkraft in der Rechtsabteilung an. Vor sechs Monaten hatte ich meinen Abschluss gemacht und erhielt einen Festanstellungsvertrag. Da meine bisherige Chefin das Rentenalter erreicht hatte, wurde mir die Position der Abteilungsleiterin angeboten, welche ich sofort annahm. Nebenbei unterstützte ich beratend die Abteilungsleiterin für Personalmanagement – Rose Mitchell. Ich war extrem ausgelastet aber ich liebte meinen Beruf.

Rose war mir eine Freundin geworden. Klein, pummelig, rothaarig und völlig durchgeknallt. Mit ihren fünfundvierzig Jahren, und davon zwanzig Betriebszugehörigkeit, war sie ein alter Hase des Konzerns. Sie hatte sich anfänglich entschieden, für zehn Monate Amerika zu verlassen, um bei dem Aufbau in Berlin mitzuwirken. Daraus waren mittlerweile zehn Jahre geworden, was unter anderem an ihrem jetzigen Ehemann, Tim, gelegen hatte. Eigentlich sollte er nur ein One-Night-Stand sein. Tja, und weitere vier Wochen später, waren sie verheiratet gewesen. Bei ihm handelte es sich um einen gutaussehenden, großen, schlanken Mann mit blonden Locken und grauen Augen. Sehr attraktiv, was ihm allerdings nicht bewusst zu sein schien. Ich mochte ihn sehr. Wenn die beiden sich ansahen, schwebten über ihnen die Schmetterlinge. So war es bei mir und Michael nie gewesen!

Michael.

Meinen Noch-Ehemann hatte ich vor 2 Jahren kennengelernt. Er war der Banker, der die Finanzierungsangelegenheiten für Trainell Inc. abwickelte. Da ich den Ablauf lernen musste, wurde auch ich seinerzeit zu einem solchen Meeting eingeladen.

Von dem Vorstand, Nicolas Trainell sowie seinem Bruder und Vize, Robert Trainell, war ich besonders herzlich empfangen worden. Als ich vor Michael Sterov stand, war ich zugegebenermaßen fasziniert gewesen. Er war kein schöner Mann im herkömmlichen Sinne, wie man ihn vielleicht aus Liebesromanen kennt. Stattdessen besaß er dieses gewisse Etwas, was Frauen sofort in den Bann zog. Mit seinen kurzen schwarzen Haaren, die er zurückgekämmt hatte und seinen blauen Augen, die etwas geschlitzt waren sowie seiner Nase, die nicht zu groß war, sondern perfekt zu seinem Gesicht passte, sah er wirklich lecker aus. Er lächelte mich an und entblößte damit seine schneeweißen Zähne. Ich musste zugeben, beeindruckt gewesen zu sein. Natürlich erkannte ich umgehend, dass er viel älter, als ich war, doch das störte mich nicht.

Nachdem das Meeting beendet war, standen alle auf und verabschiedeten sich voneinander. Abermals nahm Herr Sterov meine Hand und gab mir diesmal einen Handkuss. Ich musste mich zusammenreißen, um nicht zu lachen. Sein Erscheinungsbild ließ vermuten, dass dies nicht besonders gut angekommen wäre.

Schluck!

Unterdessen beobachtete er mich intensiv und teilte mir dann mit, dass er mich wiedersehen wolle. Dies lehnte ich umgehend ab, denn Geschäftliches und Privates, trennte ich, stickt. Er nahm es hin, gab mir allerdings zu verstehen, dass er nicht aufgeben und sein Date mit mir bekommen würde. Dies bewertete ich zu diesem Zeitpunkt nicht besonders.

Selbst schuld!

Nach dem Meeting vergingen sechs Wochen, in denen ich entweder Blumen (gelbe Rosen – ich hasste gelb), von ihm bekam oder täglich angerufen wurde.

Als ich damals mit Sophie darüber sprach, meinte sie, dass ich mit ihm essen gehen sollte, um diesem Stalker endlich Einhalt zu gebieten. Also stimmte ich schließlich einer Verabredung zu.

Nachdem wir einige Male miteinander ausgegangen waren, kam der Tag der Tage. Er brachte mich erneut nach Hause, neigte vor meiner Wohnungstür seinen Kopf zu mir hinab und küsste mich. Nichts was mich aus den Schuhen warf, aber … es gab Schlimmeres.

Wir trafen uns weiterhin und landeten irgendwann im Bett. Fazit? Der Kuss war nicht der Beste und im Bett? – Michael hatte mich nicht unbedingt über den Mount Everest gebracht.

Weitere zwei Monate später, teilte er mir mit, dass er es doch als zweckmäßig erachten würde, wenn wir heiraten würden. Ohne weiter darüber nachzudenken willigte ich ein.

Warum? Mein zukünftiger Ehemann konnte mir auf der Gefühlsebene nicht gefährlich werden.

Bereits nach kurzer Zeit lebten wir uns auseinander. Wir schliefen nicht mehr miteinander, von Unterhaltungen konnte auch keine Rede sein. Schließlich fing ich an zu essen und das Ergebnis – 10 Kilo mehr auf der Waage.

Super!

Innerlich schüttelte ich den Kopf, weil ich an all das nicht mehr denken wollte. Schnaubend nahm ich auf der Bettkante Platz, zog mir eine Strumpfhose über und wurde von Sophie regelrecht taxiert.

»Was ist los?«, brach es schließlich aus mir heraus. »Warum guckst du mich so an? Lass das, ich mag es nicht.«

Seufzend stand sie auf und trat zum Fenster. »Irgendwie habe ich das Gefühl, dass Michael es geschafft hat, dich doch einzuschüchtern. Was ist bloß los mit dir?«

Mein Kopf schnellte hoch. »Was willst du von mir?«, zischte ich. »Sehe ich etwa so aus, als hege ich in irgendeiner Form Interesse an Michaels Spielchen? Ich will den Scheiß einfach nur hinter mich bringen. Damit es endlich vorbei ist!«

 

Seitdem sich vor sechs Jahren unser beider Leben verändert hatte, benahm sie sich manchmal wie eine Mutter, die ihr Kind beschützte. Das Geschehene versuchte ich täglich, zu verdrängen, um irgendwie weiterleben zu können. Gefühle, wie Liebe und Vertrauen, konnte ich nicht mehr zulassen.

Wir waren schon lange nicht mehr dieselben, jungen, naiven und fröhlichen Mädchen von einst. Vor allem ich nicht, schließlich hatte ich nur überlebt. Mehr nicht – und das im wahrsten Sinne des Wortes.

Inzwischen zog ich meinen knielangen Rock über die Strumpfhose und erstarrte mitten in der Bewegung.

Er war zu groß geworden! Yeah, was so ein Jahr ohne Michael alles anrichten konnte!

Unvermittelt stieg Freude in mir auf, was mir den nächsten argwöhnischen Blick seitens meiner Freundin einbrachte. »Warum strahlst du denn auf einmal so? Hast du endlich kapiert, dass du bald Single bist?«

Darauf ging ich gar nicht ein. Wer dachte denn schon an Scheidung, wenn der Rock zu groß geworden war?

Ich zog ihn aus und tanzte ausgelassen durch mein Schlafzimmer. Sie musterte mich mit hochgezogener Braue und schüttelte ungläubig den Kopf.

Entnervt stöhnte ich auf. »Sophie, der Rock ist mir zu groß geworden! Ist das nicht der Hammer?«

Umgehend blieb ich stehen, kniff die Augen zusammen und überlegte angestrengt, wo mein schwarzer Lieblingsrock abgeblieben war. Vor einigen Monaten hatte ich ihn in die letzte Ecke verbannt, als ich ihn eines Morgens nicht mehr zubekam.

Das war ein traumatisches Ereignis.

Eine Erleuchtung durchfuhr mich schließlich und ich raste in meinen begehbaren Schrank. Nach minutenlangem Wühlen hielt ich ihn in der Hand. Als ich zurück in mein Schlafzimmer ging, schaute ich verzweifelt von meinem Rock zu Sophie und wieder zurück, doch diese schüttelte genervt den Kopf.

Mit geschlossenen Augen schlüpfte ich hinein, führte den Knopf in die Öffnung und zog den Reißverschluss hoch. Voilà! Ich konnte noch atmen, ohne dass der Stoff platzte. Begeisterung flutete mich. Darüber noch schnell die weiße Fledermaustunika, meine schwarzen Pumps und fertig war die Rubensfrau.

Meine blonde Mähne band ich zu einem ordentlichen Pferdeschwanz. Zum Schluss noch etwas Make-up und Lipgloss. Freudig stand Sophie hinter mir und wir schauten zusammen in den Spiegel. Diese Momente liebte ich mit ihr. Wir waren immer noch da und wussten, dass wir zusammenhalten würden.

Wir beide gegen den Rest der Welt.

Kapitel 2

Leora

 

Wir saßen im Auto und starrten das große Gebäude an, in welches wir in wenigen Minuten hineingehen würden.

Das Gericht!

Bei dem Gedanken, Michael gegenüberzutreten, wurde mir übel. Vor allem nach unserem letzten Aufeinandertreffen, welches nicht besonders gut gelaufen war.

 

Vor circa fünf Monaten war ich von der Arbeit nach Hause gekommen, wo ich mit der Anwesenheit meines Noch-Ehemannes überrascht wurde. Michael saß auf der Couch und schaute Fernsehen, als wäre alles in bester Ordnung.

Was gar nicht in Ordnung war? Dass er noch immer einen Wohnungsschlüssel besaß.

Letztendlich hatte ich ihn sehr höflich gebeten, das Appartement zu verlassen und nie wiederzukommen.

Irgendwann kam er mit langsamen Schritten auf mich zu, und ich ergriff die Flucht zur Eingangstür. Doch, sobald ich sie einen Spalt geöffnet hatte, um ihn hinauszuschicken, ging er schneller und knallte sie mit einer Hand grob wieder zu. Erschrocken wirbelte ich herum und erstarrte in der Bewegung. In seinem Blick konnte ich puren Hass, Wut und Zorn ausmachen. Unsanft wurde ich gegen die Tür geschubst. Seine Handflächen legte er rechts und links neben meinen Kopf und kesselte mich mit seinem Körper ein. Panik wallte in mir auf, doch ich wollte ihm nicht die Genugtuung geben. Sein Gesicht kam immer näher, bis seine Nasenspitze meine berührte. An seine Worte konnte ich mich noch genauestens erinnern.

»Leora. Süße, kleine Leora«, säuselte er gefährlich. »Bist du dir sicher, dass du diesen Weg weitergehen möchtest? Ich habe dir bereits gesagt, dass eine Scheidung für mich nicht in Betracht kommt. Und ich meine, was ich sage. Du wirst über diesen Zwischenfall hinwegkommen. Du wirst wieder mit mir zusammenleben und du wirst meine Regeln befolgen. Sollte dies nicht in deiner Absicht liegen, wird es schmutzig. Das verspreche ich dir. Ich wollte dich von Anfang an und bekam dich. Und jetzt werde ich dich nicht aufgeben. Ganz ehrlich, schau dich an. So wie du aussiehst, wird sich kein anderer Mann für dich interessieren. Sei dankbar, dass ich dich noch haben möchte. Sei dankbar, dass dich überhaupt ein Mann wie ich behalten will.«

In Vorspiegelungen falscher Tatsachen war ich unschlagbar, weshalb mein Gesicht keine einzige Regung offenbarte. Mein Ausdruck sollte völlig gefühlskalt wirken. Angesichts seiner Miene, schien ich das durchaus geschafft zu haben. Schließlich löste er sich langsam von mir und ich hob, ohne darüber nachzudenken, meine Hand, um ihn zu ohrfeigen. Meine Handfläche fing sofort an zu brennen, aber das war es mir wert. Mit aufgerissenen Augen starrte er auf mich herab, ich stieß ihn von mir und wich einige Schritte zur Seite.

Doch bevor ich auf seine Beleidigungen etwas erwidern konnte, holte er aus und schlug mich so heftig, dass mein Kopf gegen die Wand knallte, ich abprallte und auf dem Boden landete.

Er warnte mich, dass ich die Scheidung zurückziehen sollte, sonst würde es nur noch schlimmer werden. Mit dieser Drohung verließ er die Wohnung.

Das Ende von Lied: Am nächsten Tag konnte ich nicht zur Arbeit, da mein Gesicht tatsächlich aussah, als wäre ich beim Boxtraining gewesen. Nur, dass ich dabei den Punchingball gemimt hatte. Sehr schön!

Natürlich bekam Sophie heraus, dass ich nicht im Büro erschienen war, daher klingelte es am nächsten Morgen Sturm. Mit gestrafften Schultern und vorgestrecktem Kinn sah ich sie an. Als ich das erschrockene Gesicht meiner Freundin betrachtete, wusste ich, dass sie gedanklich bereits dabei war, Mordpläne zu schmieden.

Auf. Keinen. Fall!

Ohne Umschweife erzählte ich ihr die ganze leidige Geschichte. Danach musste ich die Haustür von innen abschließen und den Schlüssel verstecken, weil sie damit drohte, sich eine Uzi zu besorgen. Diese bräuchte man schließlich nur zu entsichern und müsste dann nur noch draufhalten und abdrücken. Das würde den Bastard (ihre Worte) in wenigen Sekunden durchsieben. Anschließend wollte sie ihn zerhacken und danach verbuddeln.

Meine Freundin, die Killerin! Sie war vielleicht etwas gewaltbereit, aber ich liebte sie. Nur wenn es Michael betraf, ging ihre Fantasie mit ihr durch.

Uff!

 

Wieder in der Gegenwart schüttelte ich den Gedanken an diesen speziellen Vorfall ab und stieg aus dem VW-Beetle. Sophies Wagen war ein tolles Auto, allerdings in Knallgelb. Wie ich gelb hasste! Doch ich war zu nervös, um mit meinem eigenen mattschwarzen Scirocco zu fahren, obwohl ich ihn von Herzen liebte.

Wir stiegen die paar Stufen zum Gebäude hoch. Bevor wir die Drehtür erreichten, schauten wir uns in die Augen, strafften die Schultern, sagten gleichzeitig, »Showtime!«, und gingen hinein.

 

***

 

Nach circa einer Stunde, war die ganze Angelegenheit vorbei. Michael hatte mich während der gesamten Zeit nicht einmal angesehen. Mein Anwalt Andre, Sophie und vor allem ich, benötigten direkt Sauerstoff, sodass wir uns umgehend erhoben und das Gebäude verließen.

Frei! Ich war frei. Was auch immer das bedeutete.

Hinter mir machte ich Geräusche aus und wandte mich um. Michael stand einige Meter von uns entfernt und unterhielt sich mit seiner Anwältin neben zwei weiteren Männern, die ich allerdings nicht kannte und auch nicht kennenlernen wollte. Sie machten einen gemeingefährlichen Eindruck auf mich.

Es waren Hünen mit kurz geschorenen Köpfen. Sie sahen aus, als wären sie Mitglied irgendeiner Mafia, denn genauso stellte ich mir immer Mafiosos vor.

Ein Schauder lief mir über den Rücken, als einer der Riesen meinen Blick einfing und mich anstarrte. Ein eiskalter Ausdruck in seinem Gesicht – keine Gefühlsregung. Da war nichts. Rein gar nichts!

Schnell wandte ich mich Andre und Sophie zu, um ihn nicht weiter in meinem Blickfeld zu haben. Wenig später verabschiedeten wir uns von meinem Anwalt und gingen Hand in Hand zu Sophies Wagen zurück.

Es war vorbei.

Kapitel 3

Leora

 

»Leo, die Wohnung ist ein Traum. Süße, du musst sie einfach nehmen!«, kreischte meine Freundin.

Da Michael sich weiterhin weigerte, den Wohnungsschlüssel herauszugeben, blieb mir keine Alternative, als mich nach einer neuen umzusehen. Seit der Scheidung waren einige Wochen vergangen und ja, dieses Appartement war ein Traum. Es war kleiner als mein jetziges, besaß aber auch ein schönes großes Schlafzimmer mit Wandschrank sowie Bad, einen Gästeraum, ebenfalls mit anliegendem Bad, und einer großen Küche, Wohnbereich, Flur und Gäste-WC. Einfach herrlich! Bezahlbar war sie auch, also schlug ich zu. Bevor ich den Mietvertrag unterzeichnete, wollte ich darin noch einige Änderungen vorgenommen haben.

Am gleichen Tag kündigte ich meine derzeitige Wohnung. In dem Mietvertrag, den ich seinerzeit ausgehandelt hatte, war festgelegt, dass bei einer Kündigung von der dreimonatigen Frist abgesehen und diese in eine von drei Wochen umgewandelt wurde.

Das neue Appartement war sofort bezugsbereit, sodass ich direkt ein Umzugsunternehmen beauftragen konnte. Indessen fing ich mit der Organisation an.

Einen Tag vor meinem Umzug, ich hatte noch eine Woche Zeit, bis mein jetziger Mietvertrag auslaufen würde, rief ich meinen neuen Vermieter an, um ihn zu bitten, mir die Schlüssel sowie den überarbeiteten Mietvertrag auszuhändigen.

Das Gespräch traf mich, wie ein Donnerschlag, denn mein netter neuer Vermieter hatte die Wohnung bereits anderweitig vergeben. Die glücklichen Mieter hätten den Vertrag bereits bedingungslos unterzeichnet und damit wäre ich aus dem Rennen.

Was zum Teufel…? Arschloch!

Vielleicht wurde ich etwas lauter, aber ich schrie nicht, als ich ihn fragte, »Ob er denn den Arsch offen hätte?«, was sicherlich nicht gut ankam, denn ich hörte ein Knurren am anderen Ende der Leitung. Daraufhin beschimpfte er mich, dass ich schließlich blöde sei, den Vertrag nicht am selben Tag und ohne weitere Änderungswünsche unterschrieben zu haben. Gut, ich hatte ein paar Extravaganzen angebracht, aber mir deshalb die Wohnung zu verweigern, obwohl er mir mündlich zugesagt hatte, fand ich wirklich … Scheiße!

Nach langem Hin und Her beendete, mein neuer Ex-Vermieter, das Gespräch und ich saß in der Patsche.

Aber so was von!

Leider konnte ich mich zunächst nicht weiter damit beschäftigten, immerhin musste ich mich schnellstmöglich auf den Weg zur Arbeit machen.

Als ich an dem Gebäude, in dem auch die Firma ansässig war, empor sah, überlegte ich, ob ich nicht vielleicht für eine Zeit lang in meinem Büro schlafen könnte. Wäre gleichzeitig auch ziemlich praktisch!

Innerlich die Augen verdrehend, schlenderte ich hinein.

Vor den Aufzügen kam ich zum Stehen, drückte den Knopf und betete innerlich, dass mich niemand ansprechen oder gar mit mir hochfahren würde. Zum Reden verspürte ich keine Lust und genauso wenig, wollte ich mich verstellen. Der Versuch, trotz aller Widrigkeiten, zufrieden zu wirken, ging grundsätzlich in die Hose. Als der Fahrstuhl endlich kam, wollte ich gerade einen Fuß vorwärts bewegen, als hinter mir eine vertraute Stimme meinen Namen rief.

Seufzend drehte ich mich um und vor mir stand Mr. Nicolas Trainell mit einem breiten Grinsen. Wie konnte ein einzelner Mensch nur so ein Lächeln hinbekommen? Das war für mich unbegreiflich.

Der Vorstand des Hauses war ein gutaussehender Mann, der die Frauenherzen höherschlagen ließ. Außer bei mir. Mr. Trainell war circa einen Meter neunzig, mit dunkelbraunen Haaren, die er zu einem männlichen sexy kurzen Haarschnitt trug. Seine Schläfen waren bereits etwas gräulich, was auf sein Alter hinwies. Mit seinen einundsechzig Jahren war Mr. Trainell noch nicht alt, aber er spielte auch nicht in meiner Liga.

»Leora, schön Sie zu sehen! Wie fühlen Sie sich? Ich habe von Ihrer Scheidung erfahren?«
Natürlich konnte er nicht wissen, warum ich mich hatte scheiden lassen. Bis auf Sophie, Jenna – meiner anderen besten Freundin – und Rose, wusste es keiner. Doch darüber hinaus fand ich diesen Mann einfach bezaubernd.

»Um ehrlich zu sein, es geht mir wegen meiner Scheidung ausgezeichnet. Allerdings habe ich zurzeit ein anderes Problem.«

Hallo? Warum musste mir das ausgerechnet bei meinem Boss rausrutschen? Am liebsten hätte ich meinen Kopf gegen die gegenüberliegende Wand gehämmert.

Mit hochgezogenen Augenbrauen schaute Mr. Trainell zu mir herab, als könne er meine derzeit leicht hysterischen Gedanken lesen.

Mist!

Ein Gong!, ertönte und erneut kam eine Fahrgelegenheit vor mir zum Stehen. Vielleicht würde ich es schaffen, diesen zu nehmen? Die Chancen standen gut, denn Mr. Trainell bat mich vorzugehen und kurz darauf befanden wir uns gemeinsam in der engen Kabine. »Was für ein Problem haben Sie denn, Leora? Vielleicht kann ich Ihnen weiterhelfen!«

Innerlich stieg ich von einem Fuß auf den anderen, weil ich mich insgeheim fragte, warum ich ihm überhaupt irgendwas erzählen sollte. Normalerweise bekam keiner etwas aus mir heraus.

»Ich habe meine Wohnung gekündigt, weil mir eine andere zugesagt wurde«, fing ich an. »Diese wurde allerdings an andere Leute vermietet. Und jetzt habe ich noch eine Woche Zeit, meine momentane Wohnung zu verlassen und dann bin ich obdachlos. Mein Vermieter hat sie bereits weitervermieten können. Nun brauche ich erst einmal ein Lagerhaus, um meine Möbel unterzubringen. Ein Platz zum Schlafen wäre auch nicht schlecht und ich kann nur hoffen, demnächst eine passende Wohnung zu finden.«

Ich atmete aus und mein Kopf tat plötzlich weh. Eigentlich tat mir alles weh … und schwindelig war mir auch.

Alles war Mist!

Mr. Trainell bewegte sich neben mir, und als ich zu ihm aufsah, schenkte er mir ein kleines Lächeln. Allerdings war es keines von den, Alles-wird-gut-Lächeln, sondern ein anderes. Und es jagte mir eine Heidenangst ein.

»Leora, kommen Sie in etwa dreißig Minuten in mein Büro. Ich habe da eine Idee.«
Wir erreichten meine Etage, ich nickte ihm unsicher zu, und verließ den Aufzug.

Was geht denn jetzt hier ab?, dachte ich.

 

Eine halbe Stunde später stand ich in der oberen Etage und meldet mich bei Tina, der Chefsekretärin an, um mich meinem Gespräch mit dem Vorstand zu stellen.

»Hey, wie geht es dir?«, begrüßte ich sie. »Mr. Trainell bat mich, kurz in sein Büro zu kommen. Er will etwas mit mir besprechen!«

Natürlich sah Tina mich wie immer mit ihrem Strahlelächeln an. Dieses hatte keine Bedeutung, denn so lächelte sie fortwährend. Sie war nicht besonders groß, dafür gertenschlank und sah mit ihren blonden kurzen Haaren und den braunen Augen, wirklich süß aus. Irgendwie mochte ich sie. Allerdings war sie die Sekretärin des Vorstandes, wohingegen es besser war, eher auf der beruflichen Ebene mit ihr zu kommunizieren.

»Du siehst toll aus«, flötete sie fröhlich. »Die Scheidung scheint dir gut zu bekommen.«

Himmel! Wusste das eigentlich jeder?

»Ja danke, es geht mir wirklich gut« antwortete ich. »Ist Mr. Trainell nun da? Ich möchte ihn nicht warten lassen und auf meinem Schreibtisch häuft sich die Arbeit.«

»Na klar, Süße!«, erwiderte sie mit einem Grinsen. »Er erwartet dich bereits. Du kannst direkt in sein Büro gehen.«

Süße? So nannte mich nur Sophie und das ging mir schon auf die Nerven … ich war schließlich kein Plüschtier.

Mit einem Nicken wandte ich mich ab und marschierte mit erhobenem Haupt in das Büro des Chefs. An der Tür blieb ich, völlig überwältigt von diesem Raum mit Blick auf Berlin, stehen.

Er war riesig und die Einrichtung ganz nach meinem Geschmack in Schwarz und Weiß gehalten. Der Schreibtisch befand sich mitten im Zimmer und ließ Träume wahr werden. Auch er war mit Papieren vollgestopft. Wie beruhigend!

Die beiden Bilder an der Wand fielen mir sofort auf: Salvador Dali. Mein Lieblingsmaler. Surrealismus hatte mich immer schon fasziniert, weshalb mein Boss mir gleich noch mal sympathischer wurde. Es gab kaum Menschen in meinem Umfeld, die meine Begeisterung für diesen Künstler teilten.

Er bemerkte mich nach wie vor nicht. Hinter einem Stuhl vor seinem Tisch kam ich zum Stehen.

»Hallo Mr. Trainell. Sie wollten mich sprechen!«

Daraufhin schaute er zu mir auf.

»Das stimmt«, meinte er und bat mich mit einer Handbewegung zu dem großen Konferenztisch, der am Ende des Raumes stand und mit circa zwölf Stühlen ausgestattet war. Derweil erhob er sich und folgte mir. Mein Chef zog einen Stuhl hervor, auf welchem ich Platz nahm. Erst dann ließ er sich direkt neben mir nieder und betrachtete mich. »Da Sie derzeit ein Wohnungsproblem haben, ist mir eingefallen, dass die Trainell Inc., einige Appartements besitzt. Eines davon steht zurzeit frei und wird seit Längerem nicht genutzt. Damit meine Mitarbeiterin in einer Woche nicht obdachlos wird, möchte ich Sie bitten, diese zu mieten. Ich habe Ihnen die Unterlagen zusammensuchen lassen. Schauen Sie sich die Wohnung an. Den Schlüssel kann Tina Ihnen geben. Was sagen Sie?«

Mit aufgerissenen Augen betrachtete ich ihn und konnte … gar nichts dazu sagen. Ich war wie immer etwas skeptisch, wenn sich Menschen aus unerfindlichen Gründen zu großzügig zeigten. Meist ging das mit einer geforderten Gegenleistung einher.

»Das ist ein tolles Angebot«, begann ich zögernd. »Allerdings kann ich es nicht annehmen. Ich weiß, dass wir Wohnungen besitzen. Diese sollen doch aber ausschließlich unseren Kunden aus dem Ausland zur Verfügung gestellt werden. Außerdem weiß ich, dass das sehr große Appartements sind, die ich mir ganz bestimmt nicht leisten kann. Das wäre für mich einfach zu viel. Trotzdem bin ich Ihnen sehr dankbar, dass Sie darüber nachgedacht haben.«

Mr. Trainell ließ mich nicht aus den Augen. »Sie haben doch im Moment ein Wohnungsproblem, ist das richtig?« Ich nickte und er fuhr fort »Ich habe ein Appartement, das ich Ihnen zur Verfügung stellen könnte. Gut, sie ist nicht günstig, aber vielleicht hat Ihre Freundin Lust, eine Wohngemeinschaft mit Ihnen zu gründen? Oder suchen Sie sich einen anderen Mitbewohner. Somit, wäre Ihr Problem gelöst und Sie könnten umgehend einziehen. Die Appartements sind möbliert. Schauen Sie sich die Wohnung erst einmal an. Ich habe Sie bereits für heute Abend angemeldet. Nehmen Sie sich die Unterlagen mit und entscheiden Sie. Über den Mietpreis können wir gesondert sprechen. Das ist das geringste Problem.«

Damit stand er auf und ging geradewegs zurück zu seinem Schreibtisch, wo er den Knopf der Gegensprechanlage betätigte und Tina bat, den Schlüssel für die besagte Wohnung herauszusuchen. Mit zittrigen Händen nahm ich die Papiere entgegen, die er mir daraufhin übergab, erhob mich und konnte nicht fassen, was gerade passierte.

Mein Bauchgefühl sagte mir, dass es an diesem Angebot einen Haken gab und mein Verstand bestätigte das leicht hysterisch.

Nur wo war dieser Haken? Gut, die Wohnung war zu teuer für mich. Mein Verdienst war nicht schlecht, aber von reich war keine Rede.

Anscheinend war das Gespräch für Mr. Trainell beendet, denn er nahm in seinem Sessel Platz, wünschte mir noch einen schönen Tag und konzentrierte sich auf seine Arbeit.

Einen Mitbewohner? Nie im Leben!

Außer einem Nicken brachte ich nichts zustande, wandte mich ab und verließ das Büro. Am Empfang blieb ich vor Tina stehen, die mir lächelnd die Schlüsselkarte reichte. Sobald ich sie entgegengenommen hatte, machte ich mich auf den Weg nach unten.

 

Bevor ich Feierabend machen wollte, rief ich schnell Sophie an, um mich mit ihr in einem naheliegenden Café zu verabreden. Das Angebot meines Chefs musste ich mit ihr ausdiskutieren. Glücklicherweise hatte sie Zeit.

 

»Und er hat dir die Wohnung einfach angeboten? Wie kommt er dazu?« Ihr Blick wurde streng. »Leo, schläfst du mit deinem Boss?«

Ich trank gerade meinen Kaffee, und fing prompt an zu husten. »Spinnst du? Du kannst so etwas doch nicht fragen, wenn ich gerade schlucke!« Die Zweideutigkeit dieses Satzes fiel mir erst auf, als ich ihn aussprach. Sophies Augen leuchteten, meine wurden hingegen schmal. »Mr. Trainell ist etwa einundsechzig Jahre alt und mein Boss«, fauchte ich. »Er hat mir dieses Angebot einfach ungefragt gemacht. Darüber hinaus erkundigte er sich sogar, ob du nicht Lust hättest, mit mir da einzuziehen. Und wenn nicht, solle ich mir einen Mitbewohner suchen. Als ob das so einfach wäre!«

Fassungslos starrte Sophie mich an und fing plötzlich zu lachen an. Lautstark.

Wie unauffällig!

Schließlich musste auch ich schmunzeln, und als ich ihre Lachtränen sah, stimmte ich mit ein. Lange saßen wir an unserem Tisch, lachten und wischten uns gleichzeitig die Tränen weg. Nachdem wir uns beruhigt hatten, durchforsteten wir die Unterlagen der Wohnung. Von dem Exposé ausgehend, war sie traumhaft, aber viel zu groß. Trotzdem überzeugte Sophie mich, sie wenigstens anzusehen.
Gesagt getan.

Kapitel 4

Leora

 

In Grunewald – natürlich in der High Society Gegend – angekommen, fühlte ich mich etwas fehl am Platz. Die Gegend war traumhaft schön, doch eher für die oberen Zehntausend. Nicht für Menschen wie mich.

Es handelte sich um eine Art Appartementkomplex. Wir stiegen die wenigen Treppen zur Wohnanlage hinauf und traten dann durch die Glastür. In der Lobby blieben wir stehen. Himmel, dachte ich, denn mir blieb im wahrsten Sinne des Wortes die Spucke weg.

Rastlos schaute ich mich um und konnte nicht glauben, dass eine Lobby so aussehen konnte. Überall Pflanzen, ein riesiger Empfang, in der rechten Ecke breite Sessel mit Tischen. Links von mir befand sich eine riesige rote Couch mit Tisch. Die Fliesen auf dem Boden waren groß und in dunklem Grau gehalten. Der Eingangsbereich schrie nach Reichtum und mir wurde ganz anders.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte die Empfangsdame und lächelte freundlich.

»Ja, entschuldigen Sie.« Ich trat an den Tresen und lächelte die junge Frau an. »Mein Name ist Leora Restma. Ich bin bei Trainell Inc. beschäftigt und Mr. Trainell gab mir den Schlüssel für das Appartement 619, damit ich mir dieses anschauen kann. Könnten Sie mir vielleicht sagen, wie ich es finden kann?«

Die Dame, deren Name laut Schild Monika war, sah mich an, als hätte sie soeben eine Eingebung.

»Natürlich, Frau Restma. Mr. Trainell hat Sie bereits auf die Liste setzen lassen, plus Begleitung.« Monika beschrieb uns den genauen Weg zum besagten Appartement und schickte uns zu den Aufzügen.

Im sechsten Stockwerk angekommen, betraten wir den langen Flur. Nach kurzer Zeit fanden wir die Wohnung 619, dass ich mit der Schlüsselkarte öffnete.

Oh. Mein. Gott.

Sophie und ich befanden uns inmitten eines riesigen Wohnzimmers. Ausgestattet mit Möbeln, die ich mir noch nicht einmal im nächsten Leben hätte leisten können. Die große schwarze Eckcouch füllte den halben Raum aus und stand vor dem großen Fenster, welches die ganze Wand einnahm. Darüber war tatsächlich ein Gemälde von Salvador Dali angebracht. Mein Lieblingswerk - Female Figure with Head of Flowers von 1937 -, meiner Meinung nach eine seiner besten Schöpfungen.

Vor dem Sofa befand sich ein schwarz-beiger Tisch, der definitiv als Designerstück durchging. Auf der gegenüberliegenden Seite hing ein Flachbildfernseher, der so groß war, dass der Kinobesuch überflüssig wurde. Um den Bildschirm herum war eine traumhaft schöne Wohnzimmerwand gehalten, ebenfalls in beigem Hochglanz. Eine Musikanlage sowie Soundsystem von Bose rundeten das Bild ab.

Indem man das Wohnzimmer durchquerte, gelangte man durch einen Rundbogen in die Küche. Eine offene, wie sie wohl jede Frau haben will. Schwarz-weiß Hochglanz. Ein amerikanischer Riesenkühlschrank und sämtliche denkbaren E-Geräte. Die Bodenfliesen waren im gleichfarbigen Schwarz gehalten.

Ein Traum!

Zurück im Wohnbereich schlenderten wir den Flur entlang. Es gab zwei Schlafzimmer mit jeweils angrenzendem Bad, wobei beide Räume gleich ausgestattet waren. Die Kingsize-Betten waren in Schwarz und die Kommoden und Highboards in Weiß gehalten. Die begehbaren Schränke jedoch stellten die Highlights dar. Es gab zusätzlich ein mittelgroßes Gäste-WC sowie einen Arbeitsraum, der aussah wie ein vollkommen eingerichteter Arbeitsplatz mit einer großen Schlafcouch. Alles nur vom Allerfeinsten.

OKAY! Ja … ich liebte dieses Appartement!

Wir trauten uns nicht einmal, etwas zu berühren, weil wir ernsthaft Angst hatten, irgendwas zu zerstören. In diesem Fall wären wir wohl bis an unser Lebensende hoch verschuldet.

»Sophie, die Wohnung ist ein Traum!«, gab ich meine Begeisterung zu und folgte meiner Freundin zurück in den Flur. »Ich würde sie sofort nehmen, wenn ich sie mir leisten könnte. Aber jetzt mal wieder zurück ins Hier und Jetzt. Sie ist zwar schön, aber zu teuer. Doch es war herrlich, so was auch einmal zu sehen.«

Damit wandte ich mich um und ging langsam zur Eingangstür zurück, um diesen Traum schnell hinter mir zu lassen.

»Spinnst du jetzt völlig?», rief sie. »Du musst sie nehmen! Die kannst du dir auf keinen Fall durch die Lappen gehen lassen. So eine Chance bekommst du nie wieder! Wir werden einen Mitbewohner für dich finden. Und außerdem hat dein Mr. Trainell doch gesagt, dass ihr über den Preis noch sprechen werdet. Also warte doch erst einmal ab, was er dir für ein Angebot unterbreitet. Wirf nicht immer alles sofort über Bord!«

»Ist noch alles klar bei dir?«, zischte ich. »Soll ich etwa mit einem wildfremden Menschen, den ich nicht kenne, egal ob Männchen oder Weibchen, einfach so zusammenziehen? Herrgott, einen weiteren Psycho brauche ich nicht. Und damit ist die Diskussion beendet! Lass uns gehen!«

Ich erstickte fast an meiner Wut und der aufsteigenden Panik in mir. Seit wann kamen meine Panikattacken überhaupt wieder? Ich hatte sie doch längst im Griff gehabt. Das sollte ich schnell wieder unter Kontrolle bekommen.

Sophie wusste genau, wie ich auf fremde Personen reagierte. Ich hatte nicht viele Freunde, aber diejenigen, die ich so nennen durfte, waren wahre Freunde. Sophie und Jenna. Mehr benötige ich in meinem Leben nicht.

»Gerade du müsstest meinen Standpunkt verstehen«, presste ich zwischen meinen Atemübungen hervor. Im gleichen Augenblick spürte ich ihre Hand an meinem Arm.

»Leo«, hörte ich Sophie flüstern. »Ich weiß, dass du Angst hast, bei mir verhält es sich nicht anders. Aber wir sind so weit gekommen, wir haben so viel hinter uns gelassen. Ich sage doch nicht, dass du mit einem fremden Menschen zusammenziehen sollst, ich dachte eher an jemanden, den wir kennen. Ich würde nie zulassen, dass du dich in Gefahr begibst, okay?«

Nach so vielen Jahren stieg nur allein bei dem Gedanken, dass ich mit fremden Personen zusammen sein sollte, schon die nackte Angst in mir hoch.

»Aber seit wann hast du wieder Panikattacken?«, erkundigte sie sich und betrachtete mich intensiv.

Darauf antwortete ich lediglich mit einem Schulterzucken, wandte mich mit einem Lächeln ab, und marschierte zur Tür. Ich wollte ihr nicht sagen, wie dreckig ich mich momentan fühlte. Sophie machte sich schon genug Gedanken um mich, wenn sie jetzt auch noch erfahren würde, dass meine Attacken zurück waren, würde sie mich wohl gar nicht mehr aus den Augen lassen. Nein, ich wollte darüber nicht sprechen und denken erst recht nicht.

Ohne mich noch einmal umzuschauen, schloss ich hinter mir die Eingangstür, nachdem Sophie sich an mir vorbeigeschoben hatte.

Einen Grund zu Träumen hatte ich nicht, denn die Realität holte einen doch immer wieder ein.

 

Am nächsten Morgen nahm ich mir vor, Tina sofort nach meinem Eintreffen in der Firma anzurufen, um einen Termin mit meinem Boss zu vereinbaren. Nachdem ich aber mein Büro betrat und die Akten auf meinem Tisch liegen sah, verbannte ich dieses Vorhaben in die hinterste Ecke meines Gehirns und stürzte mich in die Arbeit.

Am Nachmittag schrillte mein Telefon, und als ich auf das Display sah, erkannte ich die Nummer vom Empfang. Ich nahm den Hörer ab und hörte sofort Resas piepsige Stimme »Leo? Hier ist eine Blumenlieferung für dich. Einfach wunderschön. Möchtest du, dass sie hochgebracht werden, oder kommst du runter?«

Wer sollte mir Blumen schicken?

»Ich komme runter«, teilte ich ihr mit und legte den Hörer auf.

Angekommen am Empfang, musste ich schwer schlucken. Auf dem Tresen standen mindestens 40 gelbe Rosen und es gab nur einen Menschen, der mir diese hässliche Farbe schicken würde.

Michael.

Wie benommen entnahm ich dem Strauß die darin versenkte Karte und öffnete, mit zittrigen Händen, den Umschlag. Ich erkannte sofort Michaels Handschrift, die würde ich unter tausenden ausmachen können. Mein Blut geriet immer mehr in Wallung, je mehr Wörter ich las –

Leora, ich sagte dir bereits, dass ich nicht aufgeben werde. Du hast einen großen Fehler

begangen. Sieh dich vor.

 

Meine Knie wurden weich wie Pudding und mein Körper fing an zu zittern.

»Leo, ist alles in Ordnung?«, hörte ich Resas Stimme neben mir. »Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen. Möchtest du dich kurz setzen und ich hole dir ein Glas Wasser?«

»Alles gut«, antwortete ich und versuchte, meine aufsteigende Panik unter Kontrolle zu bringen. »Mir ist nur gerade eingefallen, dass ich fast eine Fristsache vergessen hätte. Die Blumen können hier stehen bleiben, wenn es dir nichts ausmacht. In meinem Büro habe ich dafür einfach keinen Platz.« Der Versuch, sie anzulächeln, scheiterte.

Resa nahm mir meine Geschichte nicht ab, das sah ich ihr an, aber sie nickte professionell und schenkte mir ein Lächeln.

»Ach, sei bitte so lieb und nimm keine Blumen mehr für mich an«, bat ich sie, wandte mich ab und verschwand in Richtung Aufzüge.

Nach wenigen Minuten betrat ich wieder mein Büro und ließ mich hinter dem Schreibtisch nieder. Erst dann erkannte ich eine Notiz auf der Tastatur mit dem Hinweis, dass ich umgehend zu Mr. Trainell kommen möge.

Bitte nicht!

Michaels Karte verstaute ich in meiner Tasche und begab mich noch kurz auf die Toilette, wo ich mir etwas Wasser ins Gesicht spritzte und die Augen schloss. Als ich sie wieder öffnete, sah ich eine Frau vor mir im Spiegel, die ich so langsam nicht mehr kannte. Grundsätzlich machte ich um Gefühle einen großen Bogen, ließ keinen an mich ran und vertraute niemandem, außer Sophie und Jenna. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass mein Herz aus Eis bestand oder gar nicht mehr existierte. Wie es so weit hatte kommen können? Auf diese Frage gab es nur eine Antwort.

Nur so konnte ich überleben.

Schließlich straffte ich die Schultern, schlenderte zu den Fahrstühlen und fuhr in die Chefetage. Tina saß an ihrem Schreibtisch und telefonierte. Mit einem erhobenen Finger gab sie mir zu verstehen, dass ich kurz warten möge. Währenddessen holte ich die Schlüsselkarte aus der Mappe, die ich Tina, nachdem sie das Gespräch beendet hatte, übergab.

»Nimmst du die Wohnung jetzt doch nicht?«, erkundigte sie sich erstaunt. »Hast du sie dir denn wenigstens angesehen?«

Ihre Enttäuschung war nicht nachvollziehbar, zumal Tina davon nichts gehabt hätte. Eine Einladung zum Mädels Abend hätte sie garantiert nie erhalten. Also, was sollte das? Innerlich verdrehte ich die Augen.

»Nein. Ich nehme sie nicht«, äußerte ich mich etwas zu bissig. »Und ja, ich habe sie mir angesehen. Sie ist sehr schön und empfehlenswert. Wieso mietest du sie nicht, wenn du sie unbedingt möchtest?«

Sie betrachtete mich mit gerunzelter Stirn und schüttelte ihren Kopf. »Tut mir leid, dass ich gefragt habe. Mr. Trainell wartet auf dich.

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Tag der Veröffentlichung: 24.06.2019
ISBN: 978-3-7487-0810-0

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