Cover

Leseprobe

Hurt Me

Mia Kingsley

Dark Romance

Copyright: Mia Kingsley, 2016, Deutschland.

Coverfoto: © Artem Furman – fotolia.com

Korrektorat: http://www.swkorrekturen.eu

Alle Rechte vorbehalten. Ein Nachdruck oder eine andere Verwertung ist nachdrücklich nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet.

Sämtliche Personen in diesem Text sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig.

Black Umbrella Publishing

www.blackumbrellapublishing.com

Inhalt

Einführung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Epilog

Über die Autorin

Einführung

Liebe Leserin, lieber Leser,

an dieser Stelle bekommst du dein Safeword, damit du die Geschichte zu jedem Zeitpunkt unterbrechen kannst.

Vielleicht wird es kein Happy End mit Tortenguss und Zuckerperlen geben, wahrscheinlich wird sich die männliche Hauptfigur stellenweise recht widerwärtig benehmen, manchmal ist der Sex nicht einvernehmlich und auf Verhütung wird auch keinen Wert gelegt.

Der vorliegende Text ist rein fiktional. Fiktionale Figuren müssen sich keine Gedanken um Krankheiten machen, dürfen entführt und getötet werden. Das bedeutet niemals, dass es in der Realität auch so ist!

Sollte schon dieses Vorwort nicht deinem Geschmack entsprechen, dann flüstere dreimal das Safeword »Einhorn« und kehre um. Und zwar jetzt!

Im Ernst – geh! Du ruinierst mit deinen moralischen Belehrungen meinen anderen Leserinnen und Lesern den Spaß an dunkler Romantik (ein wenig) mit Thriller-Elementen (ab und zu) und einvernehmlich uneinvernehmlichen BDSM-Sexszenen (vielen).

Ich wünsche viel Spaß beim Lesen und den einen oder anderen (köstlichen) Schauer!

Deine Mia

Kapitel 1

Mit quietschenden Reifen brachte ich den Wagen zum Stehen. Ich war spät zum Abendessen dran, und Dad hasste es, wenn ich nicht pünktlich war. Nicht, dass er mir gegenüber etwas sagen würde, er würde es an Mum auslassen, denn sie war immerhin in den vergangenen einundzwanzig Jahren für meine Erziehung zuständig gewesen.

Hastig griff ich nach der Einkaufstüte auf dem Beifahrersitz und fragte mich dabei immer noch, ob das Kleid die richtige Wahl gewesen war. Ich wollte es zu der großen, jährlichen Sons-of-Las-Vegas-Party tragen. Im Laden hatte ich mich verrucht und sexy gefühlt, jetzt erschien es mir nuttig und zu aufreizend.

Meine Absätze klapperten auf dem Marmorboden, als ich durch die Halle rannte. Wenn ich mich noch vor dem Dinner umziehen wollte, musste ich mich beeilen.

Vor der Treppe blieb ich abrupt stehen. Meine Mutter saß auf der untersten Stufe, die Arme um die Knie geschlungen, und wirkte völlig deplatziert in ihrem Chanel-Kostüm.

»Hey, Mum, was ist los?«

Als sie den Blick langsam hob, schoss heiße Wut durch meinen Bauch. Ihre Wange war sichtlich gerötet, in der Unterlippe hatte sie einen kleinen Riss, der schon nicht mehr blutete. Ich wusste, dass der Riss vom Siegelring meines Vaters stammte, was bedeutete, dass er sie geohrfeigt hatte. Mindestens ein Mal.

Ich ballte die Fäuste, das Plastik der Einkaufstüte knisterte dabei unter meinen Fingern.

Sie knetete nervös ihre Hände und konnte meinem Blick kaum standhalten. »Sweety«, murmelte sie. »Es tut mir so leid. Dein Vater …« Sie brach ab und starrte zu Boden, während ich sie mit schräg gelegtem Kopf musterte und zu ergründen versuchte, was eigentlich los war.

Die großen Flügeltüren schwangen auf, hinter denen sich Dads Arbeitszimmer verbarg.

Ein Raum, den weder Mum noch ich jemals betreten durften. Es sei denn, wir wurden explizit aufgefordert.

Als Kind hatte mich diese Tatsache gestört, als Teenager hatte ich gelernt, mich damit abzufinden.

Die Regeln in unserem Haus waren einfach: Wir stritten niemals beim Essen, und je weniger die Frauen wussten, desto weniger konnten sie im Zweifel vor Gericht aussagen. Abgesehen davon hatten wir uns anstandslos allem zu beugen, was Vater von uns Frauen verlangte, denn er war der Boss und wir zu nichts zu gebrauchen, außer hübsch auszusehen.

Früher hatte ich rebelliert, bis Dad gemerkt hatte, dass ich weitaus kooperativer war, wenn er Mum an meiner Stelle bestrafte. Ich musste nicht fragen – ich wusste, dass die Auseinandersetzung, die meine Eltern gehabt hatten, mich zum Thema gehabt hatte.

Ein kalter Schauer lief über meinen Rücken. Es war eigentlich schon lange her, dass sie sich das letzte Mal über mich gestritten hatten, deswegen ging ich davon aus, dass es nichts Gutes bedeuten konnte.

Schon als ich auf den Raum zuging, hörte ich, wie mein Vater einen Witz erzählte.

»Warum haben Frauen eine Gehirnzelle mehr als Pferde?«

Robert, sein Gast, zuckte mit den Achseln, grinste aber schon in Erwartung der genialen Auflösung. Mein Vater knuffte ihn an der Schulter, bevor er verkündete: »Damit sie beim Treppenputzen nicht aus dem Eimer saufen.«

Die beiden lachten, bis sie mich bemerkten.

»Nelly«, sagte mein Vater und streckte die Arme aus. Er erwartete absoluten Gehorsam und war es gewohnt, dass ganz Las Vegas ihm zu Füßen lag.

Dad strahlte über das ganze Gesicht. Hinter ihm stand seine rechte Hand Robert Gallo – genannt Bob – und lächelte verlegen. Allerdings kaufte ich ihm den Gesichtsausdruck nicht ab. Er war alles andere als ein schüchterner Kerl, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass er einen Grund hatte, verlegen zu sein. Ich rümpfte leicht die Nase, was unter anderem mit dem strengen Knoblauchgeruch zu tun hatte, den Bob absonderte.

Dad winkte mich zu sich und schloss die Türen hinter uns. »Gute Nachrichten, Cara Mia, du musst nicht nach New York gehen.«

Er sprach mit einer Gravität, die mir völlig unverständlich war. Was sollte das heißen? Ich musste nicht nach New York? Ich konnte es kaum erwarten, Las Vegas hinter mir zu lassen. Mich hatte damals schon überrascht, dass er nicht protestiert hatte, als ich ihm mitgeteilt hatte, nicht in der Stadt bleiben zu wollen. Wieso hatte ich nur gedacht, ich würde möglicherweise leicht davonkommen?

Unsicher ließ ich mich in einen der schweren Ledersessel sinken, Bob nahm neben mir Platz. Dad thronte hinter dem wuchtigen Schreibtisch.

»Ich habe einen Mann für dich gefunden. Bob hat sich einverstanden erklärt, dich zu heiraten. Das Business bleibt in der Familie.«

Es dauerte einige Sekunden, bis mein Gehirn die Information verarbeitet hatte. Dann legte ich den Kopf in den Nacken und lachte lauthals. »Auf gar keinen Fall, Dad.«

Was sollte das überhaupt heißen? Hatte sich einverstanden erklärt? Ich war doch kein Trostpreis auf dem Jahrmarkt! Gut, ich trug keine Größe 34 und meine Nase hätte einen Hauch kleiner sein können, aber ich war doch nicht so hässlich, dass ich mir meinen Mann nicht selbst hätte aussuchen können. Vorausgesetzt, ich hätte überhaupt heiraten wollen, was momentan nicht der Fall war.

»Si.« Er sagte es leise, aber mit Nachdruck. Ich kannte diesen Tonfall. Jedes Mal, wenn mein Vater ihn im Beisein eines Gastes benutzt hatte, war dieser für gewöhnlich nicht wieder zu Besuch gekommen. Nie wieder.

Bob warf mir einen Dackelblick zu, aber er konnte mich nicht täuschen. Ich wusste ganz genau, dass es seine Idee gewesen war. Er war schon immer scharf auf mich gewesen und bekam gleich noch das Marchese-Imperium dazu serviert. Ein brillanter Schachzug, das musste ich ihm lassen.

Ich konnte mich noch genau an den Tag erinnern, an dem er angefangen hatte, sein Interesse durchscheinen zu lassen. Es war mein 17. Geburtstag gewesen, als er mich angestarrt hatte, als wäre er ein Hund und ich ein blutiges Steak, das er kaum erwarten konnte, zu verschlingen.

Aber nicht mit mir. Ich würde ganz sicher keine Trophäe an der Seite eines Gangsterbosses werden und permanent lächeln. An der New-York-Universität wartete ein Studienplatz in Englischer Literatur auf mich. Viertausend Kilometer sollten reichen, um mich von meinem Familiennamen reinzuwaschen. Aus diesem Grund hatte ich mich unter Mums Mädchennamen Parker eingeschrieben.

Langsam stand ich auf.

»Nelly, setz dich wieder«, forderte mein Vater. Er musterte mich aus schmalen Augen. »Du wirst tun, was ich sage.«

Bob legte seine Hand auf meine Schulter, als würde er mich trösten wollen. Doch ich schüttelte sie ab, weil seine Berührung mir zuwider war.

Ich spürte, wie Bob immer mehr Druck auf meine Schulter ausübte, bis ich gezwungenermaßen zurück auf den Stuhl sank.

»Nächsten Samstag«, sprach mein Vater ungerührt weiter. »Vor der Party, wenn ohnehin alle Freunde der Familie in der Stadt sind. Du wirst dich damit arrangieren und dich freuen.«

Den letzten Teil des Satzes zischte er und schenkte mir dabei einen eindringlichen Blick aus seinen kalten Augen.

Ohne etwas zu sagen, neigte ich zustimmend den Kopf, bis er zufrieden nickte. »Du kannst gehen.«

Bob ließ mich eher widerstrebend los und wirkte deutlich enttäuscht. Hatte er etwa erwartet, gleich auf dem Schreibtisch vor den Augen meines Vaters die Hochzeitsnacht vollziehen zu können?

Als ich aufgestanden war und mit steifen Schritten zur Tür ging, spürte ich bereits, wie die Verspannungen in meinen Nacken krochen und es hinter meinen Schläfen pochte.

Mum wartete im Flur auf mich und presste die Lippen aufeinander, als ich vor ihr stehen blieb.

»Ich werde Bob nicht heiraten«, flüsterte ich.

Mum streckte nur die Hände aus und umarmte mich fest. »Verlass das Haus für ein paar Stunden«, wisperte sie an meinem Ohr. »Ich versuche, ihn noch einmal umzustimmen.«

»Nein. Das kann ich selbst. Außerdem wird er ausflippen, wenn ich nicht zum Essen erscheine.«

»Das lass meine Sorge sein, Schatz.« Mum strich über mein Haar und deutete mit dem Kopf zur Haustür.

Ich zögerte nicht länger und eilte zurück nach draußen zu meinem Auto. Wenn ich meinem Vater einen Denkzettel verpassen wollte, musste ich mir etwas einfallen lassen.

Als ich die Einkaufstüte und meine Handtasche erneut auf den Beifahrersitz warf, kam mir eine Idee. Wer sagte denn, dass ich herumsitzen und auf meinen Untergang warten musste, wenn ich mich in der Zwischenzeit genauso gut amüsieren konnte?

Kies spritzte in alle Richtungen, als ich beschleunigte und aus der Einfahrt steuerte.

Mein Vater würde seinen harschen Befehl noch bedauern, so viel stand fest.

Noch wusste ich zwar nicht genau, wie ich es ihm heimzahlen würde, aber unter gar keinen Umständen würde ich Bob Gallo heiraten.

Natürlich machte ich mir Sorgen um Mum. Sie hatte mich zwar weggeschickt, trotzdem behagte mir der Gedanke nicht, dass sie meinen Ungehorsam ausbügeln musste.

Ich fuhr über den Strip und versuchte, mir einen Plan zurechtzulegen. Die Fontänen am Bellagio-Brunnen schossen in die Höhe.

Kurzerhand setzte ich den Blinker und schob mich rücksichtslos durch den dichten Verkehr, bis ich die Auffahrt zum Lieblingshotel meines Vaters hinauffahren konnte.

Der Valet nahm mir das Auto ab. Mein Vater hatte eine Suite im Bellagio, die ihm ständig zur Verfügung stand. Allerdings war mir klar, dass es eine dumme Idee wäre, mich dort zu verstecken. Dort würden sie zuerst suchen.

Ich steuerte die Damentoilette im Erdgeschoss an, um meine Lage zu evaluieren. Wie ich Dad kannte, hatte er bereits seine Männer losgeschickt, und wenn ich Glück hatte, blieben mir vier bis sechs Stunden, um so viel Schaden wie möglich anzurichten. Ich würde meinen Unmut ausdrücken.

Mein Vater würde mir nie etwas antun, er würde aber auch nicht nachgeben. Es sei denn, ich machte ihm klar, wie sehr mir seine Idee widerstrebte.

Ich hatte die High Heels und das nuttige Kleid dabei. Die Idee begann sich in meinem Kopf zu formen. Schnell schlüpfte ich aus Shorts und Shirt, nach kurzem Überlegen zog ich auch meine Unterwäsche aus. Das Kleid war zu kurz und eng, um Wäsche darunter zu tragen.

Meine Haare lagen noch einwandfrei und auch an meinem Make-up gab es nichts auszusetzen. Für das Wetter in Las Vegas war ich viel zu blass, was vor allem daran lag, dass ich ein Bücherwurm war, der in der falschen Stadt in die falsche Familie geboren worden war.

Die Klimaanlage ließ mich frösteln, und ich beeilte mich, das Kleid hervorzuholen. Mit den Zähnen biss ich das kleine Plastikfädchen durch, an dem das Preisschild baumelte.

Die Seide streichelte meine Haut und machte mir überdeutlich bewusst, dass ich keine Wäsche trug. Sie umhüllte meine Brüste, schmiegte sich an meinen Po und enthüllte eigentlich viel zu viel.

Aus meiner Handtasche fischte ich den klaren Lipgloss und bepinselte meine Lippen damit, bevor ich mir selbst eine Kusshand zuwarf. Ich hatte ein paar Stunden in Freiheit und würde das Beste daraus machen.

Die Luft im Kasino roch wie immer nach Vanille, angeblich sollte das glücklich machen – bei mir zumindest funktionierte es nicht.

Ich schob der Frau hinter der Glasscheibe die Kreditkarte zu. »1,5 Millionen Dollar, bitte.« Meine Sachen hatte ich an der Rezeption mit der Bitte abgegeben, sie in Dads Suite bringen zu lassen, sodass ich jetzt nur meine Tasche bei mir hatte.

Sie verzog keine Miene und ich behielt mein stoisches Lächeln bei. Mein Vater stritt sich nicht mit mir, es sei denn, es ging um Geld. Je mehr Geld, desto mehr Aufmerksamkeit.

»Sofort, Miss Marchese.«

Um ein Haar hätte ich geseufzt. Jeder hier wusste, wer ich war. Nun gut, nicht jeder, aber fast jeder Angestellte hatte meinen Namen parat. Ich hätte ihr vermutlich auch ein leeres Stück Papier oder einen Kassenzettel von Starbucks hinschieben können, und sie hätte mir trotzdem ohne mit der Wimper zu zucken jede beliebige Summe ausgezahlt.

Sie reichte mir ein kleines Tablett mit Spielchips und ich nahm es erregt entgegen. Wie schnell würde ich diese Summe wohl ausgeben können?

Es war voll – wie jedes Wochenende drängten sich noch mehr Touristen als üblich an den Spieltischen. Zielsicher und mit einem aufreizenden Hüftschwung, den ich mir sonst nicht erlaubte, strebte ich die High-Roller-Lounge an.

Ich machte mir eigentlich nichts aus Glücksspiel, weshalb Dads Leute nicht zuerst in den Kasinos nach mir suchen würden. Mein Blick wanderte herum, bis ich am Roulettetisch hängen blieb. Das war genau das Richtige.

Als ich mich zu den drei Männern gesellte, die bereits dort standen, verkündete der Croupier: »Keine weiteren Wetten.«

Die Kugel sprang über die Zahlen und blieb schließlich in einem schwarzen Feld liegen. Zustimmendes Gemurmel erhob sich.

Lustlos setzte ich das gesamte Geld auf »Rot« und ignorierte die fragenden Blicke meiner Mitspieler. Noch bevor das Rad sich ein zweites Mal drehte, prickelte die Haut in meinem Nacken. Die feinen Härchen richteten sich auf, als würde mir Gefahr drohen.

Kapitel 2

Die verlassene Hütte war bereit, mein Plan war bis ins letzte Detail ausgearbeitet – die Jagd konnte beginnen.

Schon lange hatte ich diese Art von Nervenkitzel nicht mehr gespürt. Obwohl ich mir selbst noch sechs Tage gegeben hatte, bevor ich zuschlug, war ich bereits unruhig und voller Vorfreude. Eine Art Vorahnung verfolgte mich bereits seit dem Frühstück, die Gewissheit, dass bald etwas passieren würde. Genauer konnte ich es nicht benennen.

Die hübsche Apothekerin schenkte mir ein reizendes Lächeln, als sie die Papiertüte über den Tresen schob. »Ihre Erkältungsmedizin.«

Die Leute in der Schlange hinter mir bemerkten nicht, dass ich für meine angeblichen Medikamente 500 Dollar bezahlte.

Sie nahm einen Kugelschreiber in die Hand und notierte ihre Telefonnummer auf einem Zettel, den sie mir anschließend reichte. Ihr Zwinkern war nur auf eine Art und Weise zu deuten.

Ich packte die Tüte und sah zu, dass ich verschwand. Welche Art von Frauen gab einem Mann ihre Nummer, der sich gerade auf illegalem Weg genug Betäubungsmittel beschafft hatte, um zwei Pferde eine ganze Weile schlafen zu lassen?

Entweder die Apothekerin war eine Psychopathin, oder sie hatte ein paar Fetische, von denen ich lieber nichts wissen wollte.

Da ich sie auf keinen Fall anrufen würde, knüllte ich den Zettel zusammen und warf ihn draußen vor dem Laden in den Mülleimer. Ich blinzelte in die Sonne und verfluchte wieder einmal Nevada.

Nachdem ich meine Sonnenbrille aufgesetzt hatte, lief ich zu meinem Auto und öffnete den Kofferraum. Die äußerst effektive »Erkältungsmedizin« kam in meine Tasche, in der schon Hand- und Fußfesseln, Klebeband und eine Augenmaske ihr Zuhause gefunden hatten. Ein Schauer lief über meinen Rücken – ein guter Schauer.

Pfeifend warf ich die Klappe zu und stieg in den Wagen. Vielleicht würde ich heute Abend noch ausgehen, um ein wenig der Anspannung loszuwerden, bevor ich mich endgültig dem Racheplan verschrieb.

Wie immer wurde meine Laune besser, als ich darüber nachdachte, wie ich Francesco Marchese das Herz herausreißen würde.

Zuerst hatten sich meine Rachegelüste nur um ihn gedreht, doch schon bald war mir klar geworden, dass er damit viel zu leicht davonkommen würde.

Ich wollte, dass er für den Rest seines Lebens litt – und damit meinte ich nicht die kümmerliche Zeit, die es dauern würde, ihn zu foltern, bis er an den Folgen starb. Nein, ich meinte damit bis in alle Ewigkeit.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich ihn schon eine ganze Weile beobachtet und dann war es mir wie Schuppen von den Augen gefallen.

Ich verfolgte das falsche Ziel. Nicht Francesco war für mich interessant, sondern seine Tochter Eleonore. Wenn ich sie entführte und ihn natürlich wissen ließ, dass ich sie hatte, würde ich ihm die Hölle auf Erden bereiten.

Nachdem ich ihn zerstört hatte, würde ich mich seiner rechten Hand Bob Gallo widmen.

Aufregung kribbelte durch meine Adern, ich konnte mich kaum noch beherrschen. In einer knappen Woche würde das jährliche Mafia-Treffen hier in Las Vegas stattfinden und jeder würde Marchese erneute Treue schwören, der Zeitpunkt wäre perfekt.

Ich würde Eleonore geradewegs von der Party stehlen, und niemand würde auch nur auf die Idee kommen, mich zu verdächtigen, denn immerhin war ich seit mehr als einem Jahr tot.

Die Narbe auf meiner Brust juckte, und ich unterdrückte den Impuls, darüber zu streichen. Aber es war eine gute Erinnerung, mein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.

Nelly, wie ihre Freunde und Familie sie nannten, war ein leichtes Ziel. Sie war ruhig und meist allein unterwegs, was ich sehr leichtsinnig von ihrem Vater fand. Außerdem hatte sie keinen festen Freund oder Verlobten, der mir in die Quere hätte kommen können.

Eigentlich wunderte es mich, denn sie war äußerst attraktiv.

Meine Lippen kräuselten sich, ihr hübsches Äußeres würde meinen Plan erleichtern. Ich war ihr inzwischen ein paarmal gefolgt. Meistens trieb sie sich im Bauman Rare Books im Shoppingcenter des Palazzo-Hotels herum und kaufte seltene Erstausgaben. Überhaupt ging sie nur in die Bibliothek, den Coffeeshop und in Antiquariate, wenn sie das Grundstück der Eltern verließ.

Als Einzelkind konnte sie sich offensichtlich wunderbar alleine beschäftigen. Wenn sie erst einmal in einem der Läden war, hielt sie sich dort stundenlang auf. Für mich bedeutete das einen sicheren Vorsprung, denn es würde dauern, bis ihr Verschwinden auffiel.

Eigentlich hatte ich mich ihr gar nicht nähern wollen, aber manchmal ritt mich ein kleiner Teufel, dem ich nicht widerstehen konnte.

Da Nelly nicht auf ihre Umgebung achtete, hatte ich es im Buchladen gewagt, dicht an ihr vorbeizugehen und einen kleinen Peilsender in ihre Tasche zu schmuggeln. Seitdem wusste ich immer, wo sie sich aufhielt. Denn schon beim dritten Mal, als ich ihr gefolgt war, hatte ich bemerkt, dass sie stets die gleiche kleine gesteppte Ledertasche dabeihatte.

Irgendwie war es mir in Erinnerung geblieben, dass sie nach Zimt gerochen hatte. Ein Duft, der mitten im sommerlichen Nevada mit mehr als 45 Grad im Schatten ziemlich deplatziert gewirkt hatte und trotzdem unwiderstehlich war.

Ich konnte es kaum erwarten, ihr überraschtes Gesicht zu sehen, wenn ich sie in meinen Kofferraum warf und die Klappe sich langsam senkte – der Moment, wenn ihr klar wurde, dass ich es tatsächlich tun und sie entführen würde.

Nachdem ich das Auto dem Parkservice übergeben hatte, schlenderte ich durch die Hotelhalle, mit mir und der Welt im Reinen. Bald schon konnte ich meine Rache üben und ich würde jede Minute genießen.

Wie immer begab ich mich direkt in mein Zimmer. Ich erwartete nicht, dass irgendjemand mich erkannte, denn es erwartete ja auch niemand, mich zu sehen, aber Vorsicht war schon immer besser als Nachsicht gewesen.

Meine Haare waren etwas länger als früher, und ich gab mir nicht mehr sonderlich viel Mühe, mich regelmäßig zu rasieren, aber beim zweiten Hinsehen würden Bob und Francesco mich wahrscheinlich erkennen.

Ich würde mir wie immer etwas aufs Zimmer liefern lassen und dann entscheiden, ob ich noch ausgehen wollte oder nicht.

Als ich die Suite betrat, piepte mein Laptop bereits. Mit gerunzelter Stirn betrachtete ich den Bildschirm und das Programm, das ich benutzte, um Nellys Bewegungen zu kontrollieren.

Das war ungewöhnlich.

Jeder in der Stadt wusste, wie viel Wert Marchese auf das abendliche Essen mit seiner Familie legte. Wirklich jeder. Wer um 19 Uhr an der Tür seines Hauses klingelte, konnte sich genauso gut selbst erschießen.

Deswegen wunderte es mich, dass Nelly sich ausgerechnet jetzt von dort wegbewegte. Bisher war sie jeden Tag gegen späten Nachmittag nach Hause zurückgekehrt und bis zum nächsten Morgen geblieben.

Ich beschloss, es im Auge zu behalten und duschen zu gehen. Vielleicht traf sie sich mit einer Freundin, oder sie hatte doch einen Liebhaber, den ich bisher noch nicht gesehen hatte.

Während ich mich auszog, fragte ich mich, ob sie wohl noch Jungfrau war. Es hatte mich immer gewundert, dass Marchese sie nicht einfach weggesperrt hatte, wie viele andere Capos es mit ihren Töchtern taten.

Aber da seine Nachlässigkeit mein Vorteil war, würde ich mich bestimmt nicht beschweren.

Meine Neugier war so stark, dass ich viel schneller duschte, als ich es eigentlich geplant hatte, und dann zurück zum Laptop ging.

Nelly bewegte sich nicht mehr, und ich konnte meine Verwirrung kaum ausdrücken, dass sie sich ausgerechnet hier im Bellagio befand. Es beunruhigte mich, denn sie ging nie in die Kasinos. Wenn hier nicht in den letzten zwanzig Minuten ein Buchladen eröffnet worden war, konnte ich mir nicht erklären, was sie hier wollte.

Meine Alarmglocken schrillten los, und ich beschloss, dass es das Beste wäre, wenn ich einfach nachsah.

Ich entschied mich für einen Anzug. Es würde mir besser gehen, wenn ich wusste, was los war.

Schon als die Aufzugtüren sich öffneten, waren meine Nerven angespannt, noch angespannter, als sie es ohnehin schon gewesen waren.

Es dauerte eine Weile, bis ich sie ausfindig gemacht hatte. Im Durchgang zur High-Roller-Lounge blieb ich stehen und räusperte mich.

Wo zum Teufel hatte sie diesen … Fummel her?

Nelly saß am Roulettetisch und trug nicht mehr als ein kurzes Kleid und atemberaubend hohe Schuhe. Sonst war sie eher lässig in Jeans und T-Shirt gekleidet. Zwar hatte sie immer High Heels getragen, aber in Verbindung mit dem Fetzen, der die Bezeichnung Kleid gar nicht verdient hatte, schrie alles an ihr: Fick mich.

Ihre Lippen glänzten feucht und jeder Mann im Raum starrte sie an.

Vermutlich war es ihr gar nicht bewusst, denn sie konzentrierte sich auf den Roulettetisch vor ihr. Sie hatte sich vorgebeugt, das Gesicht in die Hand gestützt, und erlaubte dabei jedem Kerl in ihrem näheren Umfeld einen Blick in ihren tiefen Ausschnitt.

Sie schlug die Beine übereinander und zupfte ein wenig an dem knappen Saum herum, bevor sie alle Jetons, die sie hatte, auf das von ihr gewählte Spielfeld schob.

Bevor ich Wurzeln schlug, ging ich zur nächstbesten Kellnerin und steckte ihr ein üppiges Trinkgeld zu, damit sie Nelly einen Drink von mir brachte und dabei vergaß, jeden anderen Mann zu beachten, der Nelly eventuell auch etwas spendieren wollte.

Es war mir egal, dass sie ganz offensichtlich auf Sex aus war und jeder der anwesenden Typen den Boden ablecken würde, auf dem sie lief – sie gehörte mir.

Ich versuchte immer noch, herauszufinden, wie viel des Betäubungsmittels ich wohl brauchen würde. Nelly trug vermutlich eine 42 mit Kurven an allen relevanten Stellen, aber es war nahezu unmöglich, ihr Gewicht zu schätzen. Spätestens, wenn ich ihre Brüste betrachtete, wurde ich abgelenkt.

Selbst wenn sie nicht mein Ziel gewesen wäre, wäre sie mir aufgefallen. Sie war unglaublich attraktiv und faszinierte mich mit ihrer Zurückhaltung. Ein wenig erinnerte sie mich an die glamourösen Filmstars der 1940er Jahre, als man noch nicht für jedes Social-Media-Foto alle Hüllen hatte fallen lassen müssen, um Beachtung zu erfahren.

Umso mehr fragte ich mich, was es mit ihrer rasanten Verwandlung in einen Vamp auf sich hatte.

Die Kellnerin glitt an mir vorbei und hielt Nelly das Glas hin. Ihre vollen Lippen verzogen sich zu einem Lächeln und schmerzhaftes Verlangen ergriff von mir Besitz. Ich konnte es kaum erwarten, sie auf den Knien vor mir zu haben und zuzusehen, wie ebendiese Lippen sich um meinen Schwanz schlossen.

Ich atmete tief durch und zwang mich, ruhig zu bleiben. Früher oder später würde ich sie bekommen, und es gab keinen Grund, dass meine Fantasie jetzt mit mir durchging.

Zuerst musste ich sie in meine Gewalt bringen, bevor ich mich an ihre Erziehung machte.

Ihre grauen Augen weiteten sich, als sie meinem Blick begegneten. Für eine Sekunde fürchtete ich, dass sie mir jeden Gedanken von der Nasenspitze ablesen konnte und schreiend die Flucht ergreifen würde, doch dann schenkte sie mir ein einladendes Lächeln.

Es bedeutete eine riesige Planänderung, aber ich würde ihrer Einladung nachkommen.

Als ich langsam zu ihr ging, bemerkte ich die Enttäuschung auf den Gesichtern der anderen Männer, und meine Zufriedenheit wuchs.

Kapitel 3

Ich begegnete seinem Blick. Wow. Seine Augen waren dunkel wie Onyx und funkelten ebenso kraftvoll. Er starrte mich an, zwinkerte nicht einmal. Sein kräftiger Hautton stand im Gegensatz zu meinem blassen, er hatte volle braune Haare und ein dunkler Bartschatten rundete das Bild ab.

Er bewegte sich nicht. Er lächelte nicht. Er betrachtete mich einfach nur, als hätte er jedes Recht dazu. Mein Magen verkrampfte sich und eine ungewohnte Aufregung machte sich in mir breit.

Mein Atem beschleunigte sich, als ich das aufgeregte Gemurmel hörte. Die Kugel war im falschen Feld gelandet und ich hatte soeben mehr als eine Million Dollar verloren. Mit einem lässigen Schulterzucken wollte ich mich von meinen Mitspielern verabschieden, als eine Kellnerin mit einem Glas auf mich zukam.

Ich wusste, dass es von ihm war, und drehte mich nicht um. Die Flüssigkeit war leuchtend rot, verführerisch-verrucht, und ich konnte den Geruch von Champagner erahnen.

Das Geld hatte ich ausgegeben und stellte mir vor, was mein Dad sagen würde, wenn seine Handlanger mich in den Armen eines Mannes finden würden. Kurz entschlossen schenkte ich meinem Verehrer ein Lächeln, bevor ich den Drink kostete.

Er war umwerfend. Der Alkohol sorgte dafür, dass ich meinen Ärger vergaß und sich meine Laune milderte. Die Perlen prickelten auf meiner Zunge, die fruchtige Säure hinterließ einen angenehmen Geschmack.

Als er aufstand und sein Jackett zuknöpfte, zog es in meinem Unterleib vor Begehren. Er kam direkt auf mich zu und war dermaßen attraktiv, dass ich mich fühlte wie ein Reh im Scheinwerferlicht. Er hatte eine Bestimmtheit an sich, eine natürliche Dominanz, die mich erregte und willenlos werden ließ.

Als er näher kam, sah ich, wie das Hemd über seiner muskulösen Brust spannte. Er strich sein Jackett glatt und deutete eine Verbeugung an.

Ich leckte mir kurz über die Unterlippe, wohl wissend, dass er mich beobachtete, und sagte: »Vermutlich sollte ich mich für den Drink bedanken.«

»Keine Ursache. Es wäre eine Straftat, einer so hübschen Lady keinen Drink auszugeben.« Seine dunkle Stimme jagte einen Schauer über meinen Rücken.

Ich hätte ihn nach seinem Namen fragen können, wo er herkam oder was er in der Stadt machte. Stattdessen entschied ich mich für das Offensichtliche. »Haben Sie hier ein Zimmer?«

Seine Augen weiteten sich überrascht, doch er konnte mich nicht täuschen. Ich sah das feine Lächeln, das seine Mundwinkel umspielte.

Er zog eine seiner dunklen Augenbrauen nach oben. »Das habe ich.« Geduldig wartete ich, bis sein Lächeln sich vertiefte. »Nach Ihnen, Mylady.«

Ich strebte zu den Aufzügen und war zufrieden. Hoffentlich konnte er so fest zupacken, wie seine langen Finger es vermuten ließen. Unauffällig musterte ich seine Hände und fantasierte dabei bereits darüber, sie auf und in mir zu spüren. Tief in mir.

Er zog seine Zimmerkarte durch den Schlitz, um Zugang zum privaten Aufzug zu bekommen. Geräuschlos glitten die Türen auseinander und er ließ mir den Vortritt.

Ich wusste, dass er die Gelegenheit nutzte, um meinen Arsch aus der Nähe betrachten zu können, und ließ ihm seinen Spaß.

Nachdem die Türen sich wieder geschlossen hatten, drehte ich mich zu ihm um. Er wirkte amüsiert. »Hast du einen Namen?«

»Du kannst mich Baby nennen und ich nenne dich Sir.«

Seine

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Tag der Veröffentlichung: 28.11.2016
ISBN: 978-3-7396-8539-7

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