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Die ersten Vier Träume aus dem Gesamtwerk: Wenn Traumfänger Versagen - Alpträume einer jungen Frau

Wenn Traumfänger versagen

Alpträume einer jungen Frau

 

1. Die Fabrik des Teufels

 

Manchmal weiß man erst was man hätte schätzen sollen, wenn es einem ohne jede Vorwahrung gestohlen wird. Man nahm sie mir einfach weg, als wäre sie ein wertloses Ding, welches kaum auffiel, wenn es erst einmal hinfort war.

Sie war mein höchstes Gut und meine wahre Liebe, meine Schwester.

Das große Unheil geschah an einem warmen sonnigen Tag, an dem wir einen Ausflug ans Meer machten. Das Meer war für uns ein geheimer Ort, an dem es nur uns beide gab. Dort konnten wir all unsere Geheimnisse miteinander teilen und fühlten uns für die Ewigkeit verbunden. Das klare Wasser, die darin schwimmenden Äste und der Sandboden. Ja, das alles fühlte sich so sorglos und unbeschwert an wie unsere Kindheit. Doch es war nur eine Frage der Zeit bis es ein zähes Ende nahm.

Emma war seit einiger Zeit krank und die Ärzte konnten nichts mehr für sie tun. Die Krankheit breitete sich wie ein Lauffeuer in ihrem zerbrechlichen Körper aus und stahl ihr die Kraft weiterzumachen. Dabei war sie erst neun Jahre alt. Ich wusste jeder Tag mit ihr, könnte mein letzter sein, daher beschloss ich jeden Tag mit ihr auch so zu verbringen. Ich wollte es ihr so angenehm wie möglich machen, sodass sie nie wieder Schmerz und Leid empfinden musste. So als würde sie Träumen und nur die wunderbaren Erinnerungen mit auf den Weg in das unendliche Nichts mitnehmen. Sie war doch noch so jung!

Ich vergrub sie liebevoll im Sand ein und starrte sie immer zu nur wortlos an. Sie war wunderschön , bleich wie eine Leiche und verloren.

Unsere Eltern dachten die ganze Zeit über wir würden weiterhin zur Schule gehen. Wenn wir nach Hause kamen war der Fokus bereits wieder auf Emmas Krankheit ausgerichtet und stellte mein Dasein in den Schatten. Ich war niemals eifersüchtig auf sie gewesen, aber ich empfand zu tiefste Trauer meine Seelenverwandte zu verlieren.

Es kümmerte mich nicht, nur die zweite Geige zu sein, denn meiner kleinen Schwester sollte es bis dahin an nichts fehlen. So wahr ich hier stehe und euch diese Geschichte von dem Tot erzähle soll es nur einer wagen mir zu unterstellen ich hätte nicht ihr Bestes im Sinn gehabt.

Sie schaute hoch zum blauen Himmel und schloss ihre müden Augen. Sie ließ sich von der Sommerbrise treiben und machte sich auf die Reise in eine neue unbekannte Welt.

Der Schweiß lief ihr triefend über die Stirn.

Ich hole dir ein Eis, liebste Emma“ sagte ich zu ihr und machte mich auf den Weg zur Strandbar.

Ich hinterließ Fußspuren im Sand, sah aber kein einziges mal zurück, denn ich wollte mich beeilen.

Erdbeere mit Vanille war ihre Lieblingssorte. Ich selbst mochte sie nicht so gerne, aber aß sie trotzdem mit ihr jedes mal mit, denn wir waren Schwestern, die für einander da waren. Es ist lachhaft sich an solch kleinen Dingen festzuhalten, doch was würde mir sonst noch von ihr bleiben?

Ich gab dem Verkäufer mein Taschengeld und erhielt dafür zwei große Kugeln in Eistüten. Es roch köstlich.

Aus der Ferne erklang ein seltsames Geräusch, das mich stark an einen fahrenden Zug erinnerte.

Ich rannte hinunter zum Strand um Emma zu sehen. Doch sie war fort gegangen.

Da sah ich das Verderben direkt vor mir.

Es war der Zug. Der Zug, welcher die verstorben Kinder und deren Seelen an die andere Seite der Welt brachte. Er hielt direkt vor ihr inne.

Die Gleisen waren aus purem Eisen und schienen wie auf der Meeresoberfläche zu schweben. Das Gehäuse war schwarz und machte einen finsteren Eindruck auf mich, doch Emma schien sich schon lange nicht mehr zu fürchten. Sie steckte sich den Daumen in den Mund und sah den Schaffner erstaunt an. Sie hatte sich ihn immer anders vorgestellt. Unheimlicher, doch der hier sah aus wie ein ganz normaler Mann, abgesehen von der zerfallenen Haut. Seine Haare waren nur noch ein weißer Flaum, welcher ihm in alle Himmelsrichtungen vom Kopf stand.

Komm nur herein. Nicht so schüchtern, du kleines hübsches Ding“ und winkte sie zu sich. Er streckte ihr einen großen Lollipop entgegen um sie damit zu ködern.

Da kam plötzlich ein anderer Zug herangefahren. Er war weiß wie Schnee und funkelte im hellsten Gold. Es blendete mich in den Augen. So hatte ich nicht sehen können was gerade direkt vor mir geschah. Doch mein Herz machte einen Aussetzer, denn ich ahnte Schlimmes.

Emma nahm begeistert ihr Geschenk dankend an. Süßigkeiten brachte ihren Willen immer zum Schmelzen. Sie hatte den anderen Zug rein gar nicht bemerkt, denn das Wasser lief ihr im kleinem Mäulchen zusammen.

Ich ließ erschrocken die Eistüten zu Boden fallen und ging in die Knie. Mein Kopf begann unermesslich zu schmerzen und meine Gedanken kreisten nur noch um sie.

Nein, Emma geh nicht!“ schrie ich so laut ich konnte, doch Emma hörte nicht.

Nein, Emma verlass mich nicht!“ wieder nichts.

Ich konnte mir die Tränen nicht verkneifen. Sie flossen wie das Blut gefallener Krieger über meine Wagen und mein Herz verwandelte sich in schweres Blei.

Freudig sprang sie in das Zugabteil und winkte mir zum Abschied, wobei sie ihren Daumen in ihrem Mund ließ und den Lutscher mit Erdbeer-Vanille Geschmack fest umklammert in ihrer linken Hand hielt..

Mir war bewusst, dass sie nicht in den Himmel kam.

Es gab zwei unterschiedliche Züge, mit zwei noch unterschiedlicheren Wegen.

Die Guten Kinder nahmen sie mit und schenkten ihnen das Paradies für alle Ewigkeit.

Die Bösen jedoch brachte man in die Bierbrauerrei des einzig wahren Königs der Unterwelt.

Doch ich erkannte schnell, dass sie nicht in den richtigen eingestiegen war.

Sie war niemals ein schlechtes Kind gewesen, hatte nie unserer Mutter widersprochen oder auch nur eine Süßigkeit beim Bäcker gestohlen so wie ich es getan hatte.

Sie war eine reine Seele gewesen und ich wusste genau, dass der Tod versucht jene, die eines reinen Herzens sind zu täuschen und diese zu unterwerfen.

Es ist vollbracht!“ kreischte der verrückte Schaffner und umschloss mein geliebtes Schwesterlein in seinen gierigen Klauen. Blitze beschlagnahmten das Himmelszelt und schwarze Wolken kamen auf. Ein gigantischer Sandsturm fegte über den Strand hinweg. Es donnerte und auf einmal fiel ich in Ohnmacht.

Als ich wieder zur Besinnung kam war ich halb zugedeckt mit nassem Sand und mein einer Schuh fehlte komischer Weise. Meine Erinnerungen waren verschwommen so wie die Fußspuren im Sand nicht mehr sichtbar waren. Ich hielt Ausschau nach Emma.

Ich sah sie reglos in der Sandgrube liegen, holte sie so schnell wie möglich heraus und überprüfte ihren Puls. Nichts, sie atmete auch nicht mehr. Ihr kleiner Rumpf wirkte wie ausgeräuchert und sie war so bleich wie nie zu vor.

Ich nahm sie in meine Armen und trug sie wohlbehütet nach Hause.

Unsere Eltern hatten uns schon von weitem gesehen, denn die Mutter saß am Fensterbrett, da sie sich schon große Sorgen gemacht hatte, dass wir zu spät kamen. Ich allein tat das immer, aber zu zweit waren wir stets auf die Minute pünktlich gewesen. So wie es sich für brave Kinder gehörte.

Sie haben sie einfach mit genommen. Sie nahmen sie mit in die Fabrik des Teufels

Mein Gesicht war mit Tränen überströmt und ich brachte kein weiteres Wort mehr zu Stande.

Da bemerkten sie es endlich auch. Ihnen war schlagartig klar geworden, dass Emma nicht mehr Emma war. Die Mutter schlug sich entsetzt die Hände vor den Mund um nicht lauthals los zu schreien. Der Vater entriss sie mir und brachte sie in die warme Stube.

Wie konnte das nur passieren? Ich meine, die Zeit war knapp, aber das Ende kam viel zu schnell.“ flüsterte sie rauf und runter wie bei einer alten Kassette.

Warum sie und nicht du?“ fluchte der Vater.

Ich schwieg still, denn auf all ihre Fragen hatte ich keine passenden Antworten. Unergründlich waren die Wege des Schicksals gewesen. Felsenfest war ich davon überzeugt, dass meine unsterbliche Liebe zu ihr sie irgendwie hätte retten können. Ich schwor mir Gerechtigkeit, denn auf der Erde selbst fand man diese viel zu selten. Es war die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Doch wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg!

Nach Emmas Beerdigung schlich ich mich heimlich davon, genau genommen war es meinen trauenden Eltern gleichgültig. Ihre Augen waren blind vor Leid und ihre Ohren taub von all dem Mitleid.

Ich war eingehüllt in trostlosem Schwarz, welches ich auf den Weg zum Meer mir vom Leibe riss, rasch in eine bequeme Hose und einem alten Pullover schlüpfte, und das Schwarze in eine Mülltonne warf. Es war spät geworden und die Sonne war dabei zu entschwinden am Ende des Horizonts.

So schnell ich konnte schwamm ich der unsichtbaren Linie der Zuggleisen nach. Es war so einfach zu erklären, denn ich hatte den Tot mit eigenen Augen gesehen, welcher mir gütig erlaubte ihn aufzusuchen. Jedoch machte er es mir nicht leicht. Er befahl dem Meer hohe Wellen mir entgegen zu rüsten um mich vielleicht sogar für sich zu gewinnen. Ein Kampf auf Leben und Tod. Die Sterne eilten schnell zur Hilfe herbei und versammelten sich hoch über meinem nassen Haupte und gaben mir ihr leuchtendes Licht um die Hoffnung nicht zu verlieren.

Es war so ermattend und anstrengend, dass ich heilfroh war, als ich die Küste des Teufels erblickte. Auf ihr hatte er sich eine riesige Fabrik erbaut um all seine Sklaven dort gefangen zu halten und schuften zu lassen. Er bevorzugte die Seelen der bösen Kinder, denn es erfreute ihn in guter Gesellschaft zu sein. Für ihn bedeutete Verderben Glück und Böse ist das neue Gut.

Die Insel wirkte auf mich wie eine verlassene Wüste, in der es keinen Tropfen Wasser mehr gab.

Schleppend zog ich mich ans Land und machte eine ein sekündige Verschnaufpause. Meine Kleidung war pitschnass und hing schwer an meinem kindlichen Körper. Es war so ungerecht, dass ich bereits drei ganze Jahre älter als mein kleiner Schatz geworden bin. Da hörte ich schillerndes Gelächter in meiner Reichweite. Ich klettere schnell auf einen Felsen und hielt Ausschau aus welcher Richtung das Geräusch kam. Es war nicht weit von mir, nur einen Katzensprung.

klackernde Hufeisen versanken im weichen Sandstrand und vor mir fuhren drei prächtig hässliche Kutschen vorbei und machten Halt als sie mich sahen. In den Kutschen saßen schätzungsweise acht Damen mit albernen Perücken. Ihre Wimpern waren so lang wie ihre Krallen und deren Schminke war übertrieben, als seien sie alle samt in einen Farbtopf gefallen. Doch ihre Haut war so bleich wie bei einer Leiche. Eine Trug einen alten Federhut mit einem toten Truthahn als Hingucker auf der weißen Perücke. Sie tratschten und lachten ausgiebig. Irgendetwas schien total belustigend zu sein. Dieses etwas war ich!

"Oh sie doch nur. Eine Verirrte!"

"Nein, Teuerste eine Verrückte!"

"Aber nein doch, ihr liegt ganz falsch. Schau noch einmal genau hin, bitte ich euch. Eine Lebende" berichtete die dicke Dame mit dem Muttermal oberhalb der Lippe und der abartigen Fettschürze, die ihr bis zu den Knien reichte.

Ich plusterte mich wie ein Hahn auf um meine ungewisse Furcht vor ihnen zu verbergen.

"Und ob ich das tue" und stemmte eisern meine Arme in die Hüfte.

"Gewiss"

"Pardon"

"Und wohin führt dein Weg, wagemutiges Ding?" fragte die abgemagerte, bei der man auf der anderen Kieferseite eine offene Wunde bemerkte, die freie Sicht auf ihre abgefaulten Zähne ermöglichte.

"Ich suche nach meiner Schwester. Ihr Name lautet Emma" und machte einen Schritt auf die Kutsche der darin sitzenden Damen. Ich wollte nicht schreien müssen und auch da mich die Neugierde gepackt hatte, wer sie waren, woher sie kamen, warum sie so viel fragten, wieso sie so hässlich waren.

"Was für ein langweiliger Name. So heißen doch viele junge törichte Mädchen." sagte die neidische Alte, deren Augen an einem einzigen Nerven noch fest hielten, denn sie war so alt, dass sie ihr eigenes Spiegelbild nicht mehr ertrug und versucht hatte sich selbst die Augen auszukratzen.

Bestimmt seid ihr einfach nur neidisch. Alle drei!

Aber wir können dir helfen“bot mir die eine an.

Sie nickten sich gegenseitig zu und befahlen dem Kutscher mich augenblicklich zu knebeln und zu fesseln. Verschnürt wie ein Paket hob er mich hoch und setzte mich zu ihnen. Sie redeten ohne Punkt und Komma. Sie wirkten aufgewühlt und hysterisch. Sie erzählten von der Vergangenheit, ihren Leben und den Träumen, die sie einst hatten.

Du wärst dreist zu fragen, weshalb, wieso, warum und vieles mehr. Doch ich sage dir schlicht darum! Wir waren alles samt Frauen die ihre Seele für ihre Kinder verkauften. Mit dem Teufel kann man herrliche Geschäfte abschließen.

Da gebe ich dir meinen vollsten Zuspruch!“ stimmte die fette Dame dem Gespräch bei.

Ich rollte mit den Augen, denn ihre Stimme kratzten in meinen Ohren. Konnte der Kutscher mir nicht noch das Gehör verweigern? Doch sie schienen einfach keine Ruhe geben zu wollen.

Das macht doch nichts. Wir sind nun hier. Und das in alle Ewigkeit. Es spielt keine Rolle. Es hat absolut keinen Sinn mehr darüber zu diskutieren. Unsere Kinder sind dennoch hier, denn unsere verunreinten Seelen waren keinen Taler für ihn wert. Wäre ich keine Nutte gewesen, so hätte er mein Goldstück gehen lassen.

Da riss mir die Blinde den Knebel aus dem Mund und schrie mich an.

Ist das fair? Nur weil wir Fehler in unserem Leben gemacht haben? Hat er uns nicht übers Ohr gehauen oder liege ich da falsch? Sprich kleines Mädchen!

Ich schwieg wie ein Grab, woraufhin sie mir wütend eine schmierte. Es tat höllisch weh.

Die Pferde hielten vor der verfallenen Fabrik an.

Ich wurde los gemacht und durfte freien Willens wieder allein weiter gehen. Die Stimmen verschwanden aus meinem Geräuschfeld, doch das Gelächter hatte sich in meine Gedanken eingebrannt.

Immer zu verhöhnte es mich in mir drinnen und kalter Angstschweiß floss mir über die Stirn. Dennoch war ich fest entschlossen Emmas Seele wieder zu befreien.

Ich passierte durch den Eingang und wurde gleich sehr höflich von einem alten Tiger empfangen. Sein Fell war grau wie die Einöde in Person und seine Streifen verblasst wie die Farbe meiner Kleidungsstücke. Eine tiefe Narbe schmückte sein Gesicht. Auf eine merkwürdige Weise stand sie ihm doch recht gut.

Guten Tag. Haben sie einen Termin? Termine gibt es immer nur alle dreihundert Jahre zu unsinnigen Zeiten und noch Verständnis loseren Bedingungen. Sie haben also keinen, nehme ich an?“

ich stotterte wild vor mich her.

Ja. Nein

Da schweifte mein Blick von ihm ab und ich sah ein Namensschild an seinem verschlissenen Anzug.

Herr Bummel, haben sie vielleicht einen Bruder namens Bammel?“ ich fragte groß ohne darüber nachzudenken. Was für ein gewaltiger Fehler.

Ich erinnerte mich an die Geburt von Emma. Meine Eltern schenkten ihr ein Plüschtier. Es war ein Tiger gewesen. Er hieß so, doch als kleines Baby brachte sie nur Bummel zustande. Ich war mächtig eifersüchtig auf das Spielzeug gewesen und habe ihn mit einer scharfen Schere stranguliert. Das ließ sie sich nicht gefallen und schnitt mir zur Bestrafung im Schlaf die Haare ab.

Sehe ich so aus als hätte ich eine Familie?

Heftig knurrte er mich an und beugte sich über die Empfangsstation.

Ich schloss aus seiner Reaktion, das er einst einen Bruder hatte.

Bitte sehen sie doch in ihrer Kartei nach, denn ich denke hier liegt ein dummes Missverständnis vor.“ bat ich ihn so schmeichelnd es mir gelang.

Name. Alter. Grund des Dahinscheiden

Emma Willhem. Neun Jahre. Grund unheilbare Krankheit.

Er tippelte mit seinen großen Pfoten die Buchstaben in seinen Computer.

Da machte Herr Bummel plötzlich große Augen, denn er sah es liegt wirklich ein Irrtum vor. Erschrocken stieß er einen Schrei aus.

Denn er selbst wusste am Besten was das für meine Schwester bedeutete. Sein Blick war traurig und er empfand genauso großes Mitleid mit mir wie es meine Eltern taten und die Gäste auf der Beerdigung.

Es tut mir leid, aber einmal eingeschrieben so wird man nie wieder herausgenommen“

Da reichte es mir. Ein angestauter Wutausbruch brach aus mir heraus. Ich zog mich selbst an den Haaren und schlug mir mit der geballten Faust ins Gesicht. Ich hatte recht behalten, aber Recht hatte man nicht in der Unterwelt.

Sofort gab mir der Angestellte einen Termin und vereinbarte eine Führung über das Fabrikgelände mit mir. Er zeigte mir alle Räumlichkeiten und machte mich vertraut mit dem Gelände und dem Fuhrpark.

Es roch überall nach dem Tot. Doch was ich jetzt sah konnte selbst ich nicht glauben. Es war furchterregend. Es hatte zur Mittagspause geläutet und die Kinder versammelten sich in einer gigantischen Mensa um zu Speißen. Sie aßen Eingeweide, Gedärme und blutige Herzen. Sie stopften sich mit einem Genuss, wobei einem das Kotzen kam, in die gierigen kleinen Rachen. Sie kauten nicht einmal, schluckten es im Ganzen runter. Mein Magen drehte sich wegen diesem Anblick wie ein Karussell. Da war es wieder. Das spöttische Gelächter der Huren.

Mitten in der Menge sah ich Emma, die beleidigt an ihrem Daumen lutschte. So schlechtes Essen hatte sie zu Hause nie vorgesetzt bekommen. Welch eine Frechheit. Sie wollte Süßigkeiten und Pommes mit Schnitzeln und dazu noch eine heiße Schokolade.

Die anderen Kinder bewarfen sie mit ihrer Mahlzeit, denn Außenseiter konnte einfach niemand leiden. Schluss, Aus, Ende!

Verehrter Herr Bummel, ich muss sofort, aber sofort mit dem Teufel höchstpersönlich über das Vorkommnis reden!

Diesen Wunsch verweigerte er mir nicht, denn er hatte es versprochen und wollte mir nur behilflich sein, denn er hatte schon viele Mütter gesehen ihre Kinder retten zu wollen, aber noch nie eine Schwester, die solch ein großes Opfer erbrachte.

Wir klopften an der Tür.

Herein!“ bat eine tiefe Stimme.

Er saß in einem alten Schauckelstuhl und starrte in das Kaminfeuer. Ich konnte ihn nicht sehen, aber ich spürte die Macht, die von ihm ausging. Sie zog mich in einen dunklen Bann aus dem niemand mehr entkommen konnte.

Sir. Sie haben wohl etwa Besuch“ flüsterte ihm Bummel ins Ohr.

Das sehe ich selbst. Du solltest weniger arbeiten, oder nein noch besser. Viel, viel mehr. Ich streiche deinen Urlaub. Du wirkst unterfordert“

Jetzt geschah alles ganz schnell. Er sprang aus dem Stuhl, umklammerte mich und bedrohte mich mit seinem Teufelszacken, der heiß war wie Glut. Er war purpurrot. Alles an ihm abgesehen von den weißen Augen. Sie waren leer und unergründlich.

Ihre Augen“ wimmerte ich und versuchte mich auf einen Punkt im Raum zu konzentrieren nur damit ich ihn nicht länger ansehen musste.

Lass mich durch deine hindurch sehen und ich werde dir deine Frage, die dir auf dem Herzen brennt ehrlich beantworten. Sei aber nicht überrascht wenn es genau das ist was du nicht hören willst, naive Ana“

Er küsste mich direkt auf die Lippen und stöhnte auf. Der Kuss war lang, seltsam und irgendwie schön.

Da stieß er mich urplötzlich von sich hinweg, zog mich erneut zu sich und küsste mich noch einmal um sich zu vergewissern, ob ihn der Schein trügt.

Das hätte ich nicht gedacht. Nun ja, kleine Ausrutscher, doch du bist sündenfrei!

Erleichtert fiel mir ein Stein vom Herzen.

Was begehrst du? Was verlangst du für ihre Freiheit?

Er zögerte nicht lange.

Dich!“

Mich?“

Eine lange Pause folgte darauf in der keiner etwas zu sagen pflegte.

Okey, ich bin einverstanden“ brodelte es aus mir heraus.

Erfreut klatschte er in seine Hände und lief noch röter an.

Schnell eilte er zu seinem Schreibtisch, zog ein staubiges Papier hervor und brachte mir einen Füllfehlhalter. Ich war im Lesen und im Schreiben nicht besonders gut, denn ich hatte die Schule schon für lange Zeit nicht mehr besucht. Meine Schwester war mir einfach wichtiger gewesen als meine eigene Zukunft, denn ohne sie gab es keine mehr für mich.

Was nützt mir alle Intelligenz der Welt, wenn mein Charakter miserabel wäre?

Ich unterzeichnete einfach mit einem großen X und einem gebrochenem Herzen.

Außer Rand und band tanzte er einen Freudentanz um den Kamin herum.

Ich hatte mir den Vertrag nicht durchgelesen also bat ich ihn darum mich aufzuklären.

Du wirst putzen, mich pflegen und hegen, mit mir spielen, mich amüsieren, meine Geliebte sein und das bis auch du eines Tages sterben wirst und dann für immer mir gehörst!“

Jaja und wann kann ich nun Emma sehen?“

Ich hatte ihm zwar zugehört, doch seine Worte prallten vor lauter Sehnsucht an mir ab.

Zum einen Ohr rein zum anderen wieder hinaus.

Oh, hat die ungebildete Ana denn nicht lesen können? Du wirst unsichtbar sein. Nach sechs Jahren Arbeit werde ich sie entlassen. Schließlich nimmt sie einem anderen Blach den freien Schlafplatz weg“

Zu tiefst traurig fiel ich zu Boden und umschlang mich selbst, wiegte mich weinend in den Schlaf. Während ich von der Vergangenheit träumte streichelte mit der Teufel mein güldenes Haar, roch daran und deckte mich mit seiner Decke aus Lahm zu. Es machte ihn glücklich mich so zerstört und am Ende zu sehen. Ich war seine Krone, denn nie hatte er außer mir, und wie es auch Emma war, eine unbefleckte Seele gesehen. Durch mich wurde er unsterblich.

So ging es Tag ein und Tag aus. Ich badete ihn in Blut, wusch ihm den Rücken mit Sand aus der Wüste, las ihm Kinderbücher vor und fütterte ihn wie eine Sklavin. Nachts schlich er zu mir ins Bett. Morgens jedoch war er schon verschwunden ehe ich die Augen öffnete.

Die verloren Kinder und Bummel konnten mich ebenfalls sehen, alle außer meiner liebsten Schwester. Das war der hohe Tribut, der mir abverlangt wurde.

Die Jahren vergingen, doch ich wurde nicht älter. Keiner tat es, warum auch, wenn er Kinder lieber mochte als wirkliche Frauen?

In weniger als fünfundsechzig Minuten würde er sie entlassen. Er hatte Emma selbst seine eigene Feuerkutsche für den Aufbruch bereit gestellt und ließ Bummel im Himmel anrufen. Sie waren ständig in Kontakt als seien sie die dicksten Freunde, denn ohne Böse gibt es auch kein Gut und umgekehrt das selbe Spiel. Himmel und Hölle, Himmel und Hölle. Los sag eine Zahl. Unendlich!

Alles stand kurz bevor ohne jegliche Missverständnisse. Eines der anderen Kinder half Emma beim Packen, wobei es ihr immer in die Rippen stieß. Es war nicht neidisch, denn es war ohnehin ein fauler Apfel, der immer so war.

Fünf Minuten noch“ wiederholte Bummel und hielt mich an der Hand.

Weist du, eigentlich habe ich dich ganz gern gewonnen. Du hast das hier alles nicht verdient. Das wird auch der Grund dafür sein. Du wurdest geschändet und deiner Freiheit beraubt und dennoch sind hier alle froh, dich zu haben. Selbst die Kinder, egal ob älter oder jünger haben großen Respekt vor dir, auch wenn sie nicht wissen wie man das buchstabiert.

Das weiß ich auch nicht“ antwortete ich ihm.

Sein Fell war noch glanzloser als sonst. Die Narbe war größer und tiefer in sein Fleisch geschnitten, denn auch er hatte einen großen Preis zu zahlen und eine massive Last auf seinen Schultern zu tragen.

Jetzt war es endlich so weit, all meine Bemühungen würden endlich belohnt werden. Nach all den schleppenden Jahren und der grausamen Verzweiflung. Obwohl ich gestehen muss, es wurde mit jeder einzelnen Minute erträglicher, denn ein Mensch kann sich an alles gewöhnen und lernen etwas zu lieben, was er einst so verabscheute, wenn ihm nichts anderes mehr übrig blieb. Alles genommen und dennoch vermag ich es Emma zu befreien.

Sie schaute mit ihren großen, braunen Rehaugen direkt durch mich hindurch. Sie sah seltsame Umrisse wie eine Art Nebel aber dennoch konnte sie mich nicht sehen.

Ich lief auf sie ganz langsam zu und atmete noch einmal den zuckrigen Duft ihrer weichen Haut ein. Sie roch nach all den schönen Erinnerungen in meinem kaputte Herzen.

Ich hörte den Zug schon von weitem. Engel schienen darauf Lieder für sie zu singen. So wollten sie Emma herzlich begrüßen und ihren Geist für Neues öffnen. Denn als einziges Kind hatte Emma diesen nicht verloren, denn den konnte ihr nicht mal der Herr der Täuschung und Intrigen stehlen. Plötzlich umhüllte sie ein strahlendes Licht und wickelte sie in ein wunderschönes Kleid, welches ihr ausgezeichnet stand. Unsere Mutter und unser Vater wären bei diesem Anblick sehr stolz gewesen. Bummel lief sogar eine einzige Träne über die Schnauze.

Es war Zeit für sie in eine bessere Welt zu gehen.

Doch sie ließ mich nicht zurück. Irgendetwas in ihr bewegte sie nach dem Rauch zu greifen und da hatte sie auch schon meine Hand in ihre Gelegt.

Ich weiß, dass du es bist. Du warst all die Zeit bei mir. Vielleicht bist du taub oder stumm oder sogar blind und kannst mich ebenso wenig sehen wie ich dich, aber wir sind Schwestern. Weder das Leben noch der Tot wird uns jemals trennen

Das waren ihre letzten Worte gewesen ehe sie in den Zug einstieg und der Fabrik zum Abschied winkte.

 

2 . TOM

 

Er stand auf einem alten Holzhocker und strich die Wand grau an.

Seine Arme waren schon ganz taub von der eintönigen Bewegung des Pinsels.

Die Decke war nicht besonders hoch, also zog er seinen Kopf etwas ein um sich nicht an ihr zu stoßen.

Ich ging hinüber zum Hasenkäfig, darin saßen die zwei Zwergkaninchen aus dem letzten Wurf. Wir lebten auf einem bescheidenen Bauernhof und hatten nur das, was wir selbst anbauten oder uns leisten konnten.

Die Hasen waren noch klein und sehr sehr niedlich, denn wie es für Geschwister üblich war wich keins dem anderen von der Seite. Ich liebte sie aus vollstem Herzen, obwohl sie nicht so waren wie du und ich, denn es sind nur Tiere, die eines Tages auf dem Teller laden, doch manchmal waren sie meine einzig, wahren Freunde, die ich noch hatte, denn in unserem Dorf waren viele Menschen erkrankt und man hatte nicht mehr geschafft sie zu heilen.

Wir können froh sein, dass es aus unserer Familie keinen traf und die Krankheitswelle weiter zog und unser Dorf in Frieden weiter machen ließ.

Ich nahm die Hasen, aber eigentlich sind es ja Kaninchen auf den Arm und trug sie hinaus auf das Feld zum fressen. Sie wuchsen schnell und wurden dicker und dicker. Bei diesem Anblick wurde ich traurig, denn ich wusste es war bald soweit für immer Abschied von ihnen zu nehmen.

Ich setzte mich zu ihnen auf das Feld und steckte meine Beine zum Himmel und begutachtete meine Füße. Sie waren klein und krumm, doch ich mochte sie sehr, denn sie konnten mich dort hinbringen, wo immer ich auch sein wollte. Eine leichte Sommerbrise wehte durch mein langes, blondes Haar.

Mit meinen Händen grub ich gedankenverloren Löcher in die Erde und meine Augenlider wurden schwer wie Blei. Ich schien in einen tiefen Schlaf versunken zu sein aus dem ich nicht mehr aufwachte. Die Hasen liefen zurück nach Hause und alarmierten meinen Vater und das ganze Dorf, dass ich noch im Feld lag und mich nicht mehr bewegte.

Ein Suchtrupp fand mich regungslos da liegen und ein starker Holzfäller trug mich nach Hause. Drei Tage lang lag ich im Koma und die meisten hatten um mich schon die Hoffnung aufgeben, zu guter Recht, denn ich war gestorben ohne es zu merken, aber ich träumte auf meiner Reise in den Himmel einen furchtbaren Alptraum.

Er stand auf einem alten Holzhocker und strich die Wand grau an.

Seine Arme waren schon ganz taub von der eintönigen Bewegung des Pinsels so wie ich es leid war ihm dabei zu zusehen. Ich hatte schon so lange von hier weg gewollt, in ein neues Leben angefangen in einer neuen Stadt, doch als Bauernmädchen gibt es nicht viele Wege, die man gehen kann.

Es war erschreckend und unheimlich zu sehen, dass mein Leben so vorherbestimmt war und ich wenig daran ändern konnte, da die Gesellschaft es kaum zu ließ aus mir einen besseren Menschen zu machen. Sie hätten nicht verstanden, dass ich größere Träume träumte und mir anderes vom Leben erhoffte. Ich wäre eine Schande für das ganze Dorf gewesen, wenn ich sie im Stich gelassen hätte um eine berühmte Schauspielerin oder vielleicht eine erfolgreiche Ärztin zu werden. Sie fanden es schlichtweg lachhaft.

Ich sah zum ersten mal klar und sah die Dinge genauer, leider musste ich dazu erst sterben um mir dessen bewusst zu werden, dass ich nie richtig gelebt hatte.

Immer tat ich das, was andere von mir verlangten und erwarteten.

Ich hätte Peter, denn Nachbarsjungen heiraten sollen und für meine Altersvorsorge viele Kinder gebären sollen. Was für eine Ungerechtigkeit.

Ich ging hinüber zum Hasenkäfig und wollte die beiden Geschwister streicheln, doch sie bissen mich in den Finger. Er blutete leicht.

Zaghaft leckte ich mir das Blut vom Finger und schluckte hart, weil ich den metallischen Geschmack nicht besonders ansprechend fand und er auf meiner Zunge schwer haftete.

Ich wurde sauer, denn war ich nicht diejenige gewesen, die ihnen tagtäglich ihr Fressen gab und ihren Stahl sauber machte?

Ich nahm sie heraus und setzte sie in eine alte Blechwanne zur Strafe, damit sie über ihr Fehlverhalten nach denken konnten, dabei vergaß ich, dass es nur hilflose Hasen waren.

Ich ging hinaus in den Garten, die Luft war eisig und ich fror bitterlich. Es war bereits Winter geworden und die Sonne ging schon am frühen Nachmittag unter und kam erst wieder zum Vorschein, wenn der Morgen anbrach.

Ich starrte in die Dunkelheit und begriff, dass sie mein ständiger Begleiter sein würde. Ich konnte es in mir fühlen wie mein schlagendes Herz, dass immer schwächer und schwächer wurde.

Da riss mich eine männliche, tiefe Stimme aus meinen Gedanken.

Es war nicht mein Vater, sondern Tom.

Er war der Arzt in unserem Dorf und kam mich zweimal die Woche besuchen. Darauf freute ich mich immer besonders, denn er brachte mir immer Süßigkeiten vom Becker mit. Er war ein guter Arzt und irgendwo auch ein wenig mein großes Vorbild, weil er Menschenleben retten konnte, was andere nicht zu schaffen vermochten.

Er wollte ein Heilmittel gegen die Pest erfinden um so die armen Seelen zu heilen und diese Seuche auf der Welt auszulöschen. Er war ein großer Mann, nicht nur optisch gewesen. Seine schwarzen Haare waren kurz geschoren wie bei einem Schaf. Die Leute hatten oftmals Angst vor ihm, denn er sprach in verwirrenden Sätzen, die das dumme Volk fürchtete, da sie es nicht verstanden.

Er hatte ein großes Haus am Ende des Hügels und besaß viel Geld. Eine Frau hatte er jedoch nicht genauso wenig wie Kinder.

Vielleicht hatte er all das für seinen Beruf aufgeben müssen. Ich weiß es nicht!

Er grüßte mich herzlich, kniete sich in den Schnee und legte seine Hand auf meine Stirn.

„Du siehst immer schlechter und schlechter aus, aber ich kenne kein so junges Mädchen wie dich, dass so gut damit umgeht wie du.“ er legte eine Pause ein und seufzte schweren Herzens „ Lass uns hinein gehen in die warme Stube zu deinem geliebten Papa. Das Essen wird denk ich auch schon fertig sein.“

Im Wohnzimmer loderte eine kleine Flamme im Kamin, an der wir uns die Hände aufwärmten. Das Licht warf einen seltsamen Schatten auf die grau gestrichene Wand. Er war groß, schmal und unheimlich, so als ob er die Figur eines mageren Menschen besaß. Seine langen schmierigen Hände glitten über meinen Kopf hinweg und seine riesigen Fingernägel wirkten auf mich wie bedrohliche Krallen, so sehr, dass ich vor lauter Angst zusammen zuckte und meine Augenlider fest zusammen kniff.

Tom rüttelte mich aus meinem Angstzustand zurück in die Realität und hielt mir eine Schüssel mit köstlicher, selbstgemachter Kartoffelsuppe unter die Nase. Der Geruch war einfach köstlich. Eigentlich verspürte ich keinen Hunger, der Appetit hatte mich schon vor geraumer Zeit verlassen, aber ich musste etwas zu mir nehmen um normal zu wirken, sodass keine Gerüchte im Dorf verbreitet wurden, meines Vaters zur liebe tat ich all das.

Nach drei Löffeln war es mir bereits zu viel und merkte wie mein Magen rebellierte. Ich ließ meinen Vater und Tom vor dem wärmenden Feuer sitzen und rannte ohne jegliche Vorwarnung davon.

Wie lange habe ich noch mit ihr?“ fragte mein Vater schweren Herzens, obwohl er die entscheidende Antwort lieber nicht hören wollte.

Er legte die Stirn in tiefe Falten und atmete schwer, sein langer Bart ging rauf und runter wie ein Schiff auf hohen Wellen. Er wagte es kaum Tom auch nur anzusehen, also stellte er sich direkt vor die trostlose Wand und wartete darauf, dass sie eine andere Farbe annahm.

Es mag albern klingen, aber für ihren Vater wäre es ein Zeichen Gottes gewesen, wenn sich irgendwo auf der Wand ein weißer Fleck noch befand, der ihm einen Schimmer Hoffnung schenkte oder ein schwarzer Schmutzfleck, der ihm das Teuerste in seinem Leben stahl.

Da fiel Toms Urteil und der Vater sah nichts mehr, sondern hörte nur noch die leeren Worte.

Du wirst sie ein Leben lang an deiner Seite haben. Sie wird dir niemals entrinnen oder dich verraten, selbst wenn sie eines Tages nicht mehr da ist wird sie dich in Gedanken immer begleiten.

Während dessen rannte ich so schnell wie möglich in das Badezimmer um mich zu übergeben. Ich machte halt vor dem Spiegel und sah in mein Schweißgebadetes Gesicht, welches geschmückt war mit dunklen Adern, die unter meiner weißen Haut hervorblitzen und den dunklen Rändern unter meinen Augen. Ich war noch ein Kind, aber ich wusste eine achtjährige hatte nicht so zu aussehen. Ich sah zum ersten mal ganz klar, so klar wie ich es vorher nie getan hatte.

Ich kotzte mir die Seele aus dem Leib und wartete darauf, dass es aufhörte.

Ich wischte mir den kleinen rosigen Mund mit einem Handtuch ab und warf es unbedacht in die Waschtrommel. Doch da hörte ich plötzliches Gelächter, nicht weit von mir entfernt. Ihre Stimmen waren mir gänzlich fremd doch es waren zwei.

Leise schlich ich die Treppe hinauf in mein Kinderzimmer und da sah ich sie.

Sie badeten in schwarzen, schmutzigen Wasser und waren auf einmal gar nicht mehr so süß, wie ich sie in Erinnerung hatte. Oder waren sie nie anders gewesen?

Die beiden Häslein waren grau und hässlich geworden. Keines von den beiden sah mehr nett oder niedlich aus, dem einen hing sogar der Augapfel aus der Höhle und das andere hatte gefährliche Zähne. Sie lachten lauter und lauter, doch niemand außer ich schien sie zu hören.

Mein Kopf drehte sich um mich herum und immer zu würgte ich bei diesem Anblick wie sie in schwarzen, abartigen Wasser ein genüssliches Bad nahmen.

War ich nun verrückt, todkrank oder einfach nur blind gewesen mein ganzes Leben lang?

Draußen war alles zugefroren und leise rieselte der Schnee in Strömen über das verschneite Tal.

Das Kaminfeuer erlosch und alles um mich herum war dunkel.

Er stand auf einem alten Holzhocker und strich die Wand neu an.

Seine Arme waren schon ganz taub von der eintönigen Bewegung des dick borstigen Pinsels.

Die Decke war nicht besonders hoch, denn das Dachgeschoss war klein und somit das perfekte Zimmer für mich. Er zog seinen Kopf etwas ein um sich nicht an ihr zu stoßen, denn auch mein Vater war ein großer Mann, auch wenn man es ihm auf dem ersten Blicke nicht genau ansah.

Ich starrte aus dem Fenster meines Zimmers.

Der Herbst war bereits ins Land eingezogen, die Sonne ging früher unter und der Wind wurde kalt und stürmisch.

Wie ein kleines Kind ohne Sorgen erfreute ich mich an den schillernden Farben des Laubes am Boden. Wie gerne wäre ich in diesem Haufen versunken und hätte tief den Duft der Blätter in mich aufgesogen. Früher war ich in dem Glauben, dass der Baum seine Blätter verlor, weil er vielleicht schrecklich krank war, doch jetzt wusste ich er bereitet sich nur intensiv auf ein langes Nickerchen vor. Der Baum und ich waren uns ziemlich ähnlich, vielleicht sogar Seelenverwandte, denn auch ich verlor meine Haare jedes Jahr ein wenig mehr und mehr und wurde immer müder und müder. Den Frühling habe ich nicht mit bekommen, denn ich hatte immer zu geschlafen.

Ich ging in einen anderen Raum des Hauses, der Raum in dem meine zwei geliebten Hasen ruhen, fressen und leben. Manchmal machen sie tierischen Krach, vor allem nachts, dann wenn alle schon längst in ihren Betten lagen, tief und fest schlafen. Ich nahm eines heraus und setzte es behutsam auf meinen Schoß. Langsam streichelte ich ihm über den Kopf, wobei es verträumt seine Augen schloss und in regelmäßigen Stößen atmete. Es war so weich und zerbrechlich.

Ich war neidisch, vor Hass erfüllt und vor Eifersucht verrückt geworden.

So packte ich das arme Tier und brach ihm das Genick.

Das andere saß nichts ahnend in seinem Stall und glotze ins Nichts und Nirgendwo.

Auch dieses war wunderschön und lag mir sehr am Herzen, doch was hatte das für einen Sinn, wenn die Dinge, die ich so sehr liebte mich eines Tages ohnehin verlassen würden? Nein, es war falsch von mir, denn ich würde sie verlassen und auf dieser grausamen Welt zurück lassen.

Ich weiß nun, dass mein Schicksal besiegelt ist, denn der nette Arzt kam jeden Tag zu Besuch und sah nach mir. Er war schon so etwas wie ein großer Bruder für mich geworden, da er mir jedes mal etwas zum naschen mit brachte. Am meisten schmeckt mir Lakritze, auch wenn sie viele nicht ausstehen können, hatte es doch einen so besonderen Geschmack, den man niemals vergaß.

Ich ging hinauf in das Dachgeschoss zu meinem Vater.

Er strich und strich, doch die Wand nahm niemals Farbe an. Zu dumm, dass er es selbst nicht sehen konnte, dass all seine Bemühungen vergebens waren.

Da stand ein leerer Behälter in einer der grauen Ecken. Ich nahm ihn mit in den anderen Raum und legte behutsam das kalte, steife, regungslose, tote Häschen hinein und ging hinaus in den Garten. Es war frisch geworden, doch die Kälte störte mich nicht weiter. Ich schloss die Augen und genoss den Geruch der frischen Natur. Von weitem sah ich Tom kommen.

Er lief den Kieselsteinweg zu unserem Haus entlang, in der Hand seinen Doktorkoffer in der anderen eine Lakrizstange für das Leckermäulchen.

Ich musste mich beeilen, denn ich wollte dabei alleine sein, es musste schnell über die Bühne gehen.

Doch ich nahm mir eine halbe Ewigkeit Zeit den Hasen, den ich mit bloßen Händen getötet hatte ein schönes, würdiges Grab zu errichten. Ich vergrub es in der feuchten Erde und legte die schönsten und buntesten Blätter darauf.

„Ruhe in Frieden, mein Freund.“ faltete die Hände zusammen.

Das waren meine letzten Worte, die ich mehr zu mir selbst flüsterte als zu Tom der mich bereits in den Armen hielt, nach meinem Vater schrie und hoffte ich würde noch einen kurzen Augenblick durchhalten.

Ich versank im nassen Laub, ließ den Kopf in den Nacken sinken und sah nur schwarz. Da war rein gar nichts, alles dunkel. Doch als ich starb verspürte ich eine Wärme in meinem Herzen und eine Befreiung meiner Seele, sodass ich vor Glück eine einzige Träne weinte, die Augen schloss und ein letztes mal daran dachte, dass auch mein Vater erlöst wurde und vielleicht würde er eines Tages mutig sein, die Farbe der Wand blau zu streichen.

 

3 Spiegel der Seele

 

Manchmal braucht eine Geschichte keine Einleitung, da niemand so genau weiß womit es eigentlich angefangen hat, ob es jemals ein Ende geben wird.

Sie wusste nur, dass zu sehen vermachte, was für die unmenschlichen Menschen im Dunklen verborgen blieb, welches nur die Menschen mit Instinkt und Herz sehen konnten, denn selbst ihre Freude waren bereits blind von den ganzen trügerischen, wunderschönen Bildern der Illusion der heutigen Gesellschaft geworden.

Es war eines freitags Abend, einem verdammt guten Abend um mit seinen Liebsten tanzen zu gehen und all die Sorgen hinter sich zu lassen. Endlich wieder einmal Spaß mit den Menschen zu haben auf die man sich stets verlassen und ihnen vertrauen konnten. Doch bald würde sie merken, dass es eine Sache im Leben gab, die der gesamten Menschheit im Wege steht und es schier unmöglich machen würde einfach nur sorgenfrei das Tanzbein zu schwingen.

Sie zog sich ein knielanges, Figur betonendes Kleid an, kämmte ihr gepflegtes Haar nach hinten und suchte nach ihren schönsten Schuhen, denn sie war gerade dabei sich auf dem Abend mit einem Gläslein Sekt einzustimmen. Das Kleid lag haut eng an ihrem zierlichen und dennoch kurvigen Körper an, sodass es ihr schwer fiel atmen zu können.

Oft spielte es überhaupt keine Rolle, wie sie aussah, denn ihre Freunden empfanden sie so oder so als eine hübsche, junge Frau, da sie von innen heraus leuchtete, heller als jeder Stern am Himmelszelt.

Einst hatte ihre Mutter gesagt, dass ihre Schönheit eine große Bürde, ihr persönlicher Fluch sei mit dem sie lernen musste umzugehen. Damit behielt sie recht, denn sie war von außen so schön, dass sie immer laut schreien musste, damit sie jemand hörte. Oliva musste auf knien gehen, damit man ihr glauben schenkte, denn ihre Schönheit ließ sie unnahbar und unehrlich wirken.

Sie wollte gerade ihr Mobiltelefon in die kleine, glitzernde Handtasche packen als es plötzlich klingelte und einer ihrer besten Freundinnen fragte, wann sie denn endlich am Club sei, weil bereits alle auf sie warteten. Oliva kam sonst nie zu spät.

Sie freute sich tierisch darauf, denn auch die Jungs hatten ihr alle zugesagt und es würde ein gemeinsamer, lustiger und unvergesslicher Abend werden.

Es dauerte nicht lange, da hatten sie alle recht gut getrunken, ihre Sorgen für einen winzigen Augenblick vergessen und schließlich alle Hemmungen fallen lassen wie leblose Plastikhüllen von ihrer eigenen Haut. Hier spielte es keine Rolle, wie sie sich benehmen, denn alle sind hier gleich, gleich schlimm!

Sie war an die frische Luft gegangen um genüsslich ihre Sucht nach Nikotin zu befriedigen. Da erschreckte sie sich fast zu Tode, als sie plötzlich jemand Fremdes an der Schulter anfasste und sie vor lauter Schreck ihre Zigarette zu Boden fallen ließ. Sie ließ sie liegen, denn ihre Schachtel war noch halb voll.

Ach, du bist es bloß, Moritz“ atmete sie erleichtert auf und sah ihn heilfroh an.

Tut mir leid, Liebes. Ich wollte mich nicht so von hinten an dich heran schleichen, aber ich wollte dir nur kurz meinen neuen Freund vorstellen. Sein Name ist Alimo“

Er trat beiseite und hinter ihm kam ein klein geratener, muskelbepackter Araber, mit einer krummen Nase hinter ihm hervor. Er sah Oliva direkt in die Augen, wobei ihr ein kalter Schauer über den Rücken lief. Irgendetwas an ihm kam ihr falsch und boshaft vor, doch er lächelte sie immer zu freundlich an.

Sie zog Moritz sanft von ihm weg und flüsterte leise in sein Ohr : „ Du kennst ihn doch gar nicht. Wie kannst du dann sagen, er wäre jetzt ein neuer Freund von dir?“

Sei doch nicht immer so verklemmt. Komm hab deinen Spaß und lerne mal wieder neue Leute kennen"

Sie schüttelte heftig mit dem Kopf, wobei ihr Haar von einer auf die andere Seite wippte.

Das ist es nicht. Siehst du nicht diese blauen Augen?“

Der junge Mann war vom Hautton her, so dunkel, dass es vermutlich nur eine optische Täuschung war und sie ihr dadurch noch viel intensiver, blauer erschienen, doch das beunruhigende daran war, sie konnte sich nicht in seinen Augen spiegeln.

Sie waren leer und furchtlos.

Oliva, komm gib ihm eine Chance. Du wirst es nicht bereuen. Du bist doch sonst nicht voller Vorurteile anderen gegenüber“ sagte Moritz und hielt ihr bei seinen Worten die Hände ins Gesicht, damit sie seinen Blicken nicht auswich und ihm wirklich zu hörte. Sie roch sein betörendes Parfum und war mehr als glücklich in ihm einen Vertrauten gefunden zu haben, der wusste wie sie wirklich war. Doch manche Menschen schafften es dennoch etwas dunkles, unkontrolliertes in ihr hervor zu bringen und bei genau diesem Jungen hatte sie solch ein verdächtiges Gefühl

Ihr Magen zog sie schmerzhaft zusammen, als sie den Fremden in diese seltsamen Augen blickte  und gleichzeitig ihren besten Freunden in den Armen hielt.

Ihr wurde kalt.

Doch bevor sie wieder in die Club zu den anderen herein gingen reichte er ihr die Hand um sich persönlich bei ihr vorzustellen und schon war ihr klar, wer er wirklich war, auch wenn er es geschafft hatte ihre Freunde zu täuschen. Doch was hatte er nur vor?

Oliva nahm Moritz fest an der Hand und zog ihn durch die betrunkene Masse, damit er nicht wieder in irgendwelche Schwierigkeiten geriet. Ihr war es wurst ob Alimo es schaffte sie im Auge zu behalten und ihnen folgen konnte. Sie hatte ihn hier vorher noch nie gesehen, also nahm sie überzeugt an er würde sich ohnehin verlaufen und hoffte darauf, dass er sie in Ruhe ließ. Er war die typische Sorte von Mann, der auf sie hoffnungslos stand, aber ein einfaches "Nein" nicht akzeptierte.

Auf der Tanzfläche entdeckte sie Molly und Carla miteinander angeregt tanzen. Die beiden kannte sie schone eine halbe Ewigkeit und ging so gut wie jedes Wochenende mit ihnen feiern.

Sie zog Moritz hinter sich her und quetschte sich zu ihnen hindurch.

"Carla. Da bist du ja endlich" sagte sie und wollte mit ihrer Freundin zusammen anstoßen. Doch da erblickte sie auf einmal den unheimlichen Jungen mit den krassen blauen Augen, der seine dreckigen Finger um Carlas Hüften schwang und sie dicht an sich heran zog und mitten auf den Mund küsste.

Ihr wurde bei dem Anblick ganz schlecht.

Oliva beschloss ihre Freundin zur Rede zu stellen, denn sie wusste genau sie würde einen großen Fehler begehen, denn Fremdgehen war in Olivas Augen eine Schade für einen selbst so unehrlich zu seinem Partner zu sein. Sie liebte Carla, doch in diesem Moment ekelte ihre mangelte Selbstschätzung Oliva richtig an, denn sie besaß ja noch nicht einmal den Anstand diskret zu sein.

"Meinst du nicht du hast bereits genug getrunken?" fragte sie Carla und hoffte darauf eine ehrliche Antwort zu bekommen.

Sie stieß Oliva gewaltsam von sich weg und lachte sie höhnisch. Ihr lachen war höllisch und ungezähmt. Es war so laut, dass Oliva dachte der ganze Club würde über ihre altmodischen Werte lachen.

"Was ist nur los mit dir. So kenne ich dich doch gar nicht." und rüttelte die verrückt gewordene Carla an den Schultern.

Da sah sie sie endlich an und als sie das tat meinte Oliva den Verstand zu verlieren. Ihre Augen waren pechschwarz, so schwarz wie die Nacht, schwarz wie die Finsternis, leer wie ihre Seele.

Oliva blinzelte heftig, denn sie hatte sich eingebildet unter Carlas Haut, direkt am Hals entlang würde sich etwas bewegen, dass daran Schuld war weshalb sie auf einmal so seltsame Augen hatte.

Hatte sie es sich nur eingebildet oder hatte auch sie zu viel getrunken von dem süßlichen Alkoholgetränk? Sie blinzelte noch mal und Carla sah wieder ganz normal aus wie sonst auch.

Sie blickte um sich, über die Tanzfläche hinweg doch Alimo war nicht mehr da.

"Moritz?" rief sie, denn auch er war spurlos verschwunden und hatte sie einfach stehen gelassen. Vermutlich ging er hinaus zum Rauchen, in den abgesperrten Bereich, da es der einzige Ort war, an dem man sich ungestört mit Leuten unterhalten konnte und sie akustisch auch verstand. Oliva hätte am liebsten alle fünf Minuten eine rauchen wollen, denn sie liebte denn bitteren Geschmack und den stechenden Geruch. Irgendwo war es auch ein gewisser Moment Ruhe und Selbstsucht , den sie sich gönnte, auch wenn sie sich dessen bewusst war es würde ihrer Gesundheit schaden. Doch wenn kümmerte es schon? Menschen tun andauernd schlimme Dinge womit sie anderen schadeten damit tat sie sich doch nur selbst weh.

Auf ihren Lieblingsschuhen stolzierte sie zu ihrem Freund, Moritz, der auf einem Tisch hockte und sich mit einem Freund unterhielt. Verärgert stürmte sie auf ihn zu, denn schon von weiten hatte sie erkannt, dass er mit Alimo sprach. Irgendetwas war hier faul! Keiner kannte ihn, höchstens eine Stunde seitdem sie da waren und schon hatte dieser Freak es geschafft alle ihre Freunde um den Finger zu wickeln und dafür gesorgt, dass sie sich ihr gegenüber so merkwürdig verhielten.

Brauchst du ein Feuer?“ fragte Alimo Oliva und streckte ihr eins entgegen.

Er lächelte sie an und hielt sie in seinem Blick wie einen Gefangenen gefesselt.

Sie nahm es an ohne sich bei ihm zu bedanken und schenkte ihre Aufmerksamkeit Moritz. Dieser hockte gelangweilt da und sah sie auf einmal finster an und schnippste mit den Fingern die herunter gerauchte, glühende Zigarette gegen Olivas Bein.

Hat dir jemand schon mal gesagt wie unnütz du eigentlich bist?“

Bitte was? Ich glaub ich habe mich gerade verhört“

Sie riss sich am Riemen und versuchte die Tränen noch eine winzige Sekunde zurück zu halten.

Wieso war er nur so hässlich zu ihr?

Das ist alles deine Schuld, dass die Menschen um dich herum so aggressiv werden“ pflaumte sie mit fester Stimme Alimo an.

Bist du dir da so sicher?“ und zeigte auf Moritz, dem es offensichtlich etwas nicht stimmte.

Er hielt sich den Bauch und würgte. Immer wieder tat er dies.

Es war ein abscheulicher Anblick, denn Oliva konnte sehen wie etwas schwarzes unter seiner Haut von seinem Magen aus hoch zum Mund kletterte. Auch seine Augen waren schwarz angelaufen, genauso schwarz wie die von Carla.

Da kotze er auf einmal ein seltsames Lebewesen ohne Augen, Mund und Nase aus.

Es war grün und regelte sich in seiner Kotze wie eine Schlange.

Wie eine Pflanzenschlinge versuchte es ihr Bein zu umwickeln.

Hilflos sah sie sich um Club an und sah, dass er nicht der einzige war, der solch Abartigkeit in Verbindung mit frischem Blut aus sich heraus stieß.

Alimo lachte wie ein Geisteskranker und erhob die Hände zum Himmel.

Es ist der Hass, der in den Menschen keimt wie giftige Pflanzen, die nur darauf warten alles Leben um sich herum auszulöschen“

Er trat näher zu ihr heran und packte sie am Halse und würgte sie so fest er konnte. Seine Fingernägel bohrten sich in ihre Kehle und stahlen ihr die Luft zum atmen.

Aber mit dir hätte ich nicht gerechnet. Ich habe schon auf den ersten Blick gesehen, dass dich dein inneres Auge steuert. Nicht jeder Mensch ist auch in der Lage dazu mit dem Herzen zusehen, denn viele haben den Schlüssel dazu verloren. „ dann stieß er sie zu Boden und befahl den widerlichen, leblosen Grünzeug auch von ihr Besitz zu ergreifen.

Da kam ihr urplötzlich Molly zur Hilfe herbei geeilt und half ihr vom schmutzigen Boden auf.

Alles war bedeckt mit ihnen und sie sahen keinen Ausweg mehr zu entkommen. Doch da hatte Oliva einen Einfall wie sie an Zeit gewinnen würden. Sie griff in ihre Handtasche und holte eine kleine Packung mit Knallerbsen heraus, die sie seit Silvester darin vergessen hatte.

 

In all ihrer elendigen Verzweiflung riss sie den Streifen Pappe ab und schmiss den gesamten Inhalt an Knallerbsen auf den matschigen Boden. Die Ranken des Hasses wurden von den kleinen Lichtblitzen der Knallerbsen geblendet. Oliva packte Molly an der Hand und beide rannten um ihr Leben.

Irgendwo tief in ihr spürte sie aber, dass es kein Entkommen für sie mehr gab. Egal an welchem Ort auf der Erde sie sich verstecken würden, das Gefühl von Wut, Zorn, Neid und Hass würde selbst die höchsten Berge bezwingen um sich in den Köpfen und Herzen der Menschen wie ein schäbiger Parasit einnisten.

Auf ihren hochhackigen Mörderwaffen rannten sie durch die große Alle des Bahnhofes. Das Chaos war selbst hier bereits ausgebrochen. Eine panische Menschenmasse rannte Rolltreppen rauf und runter und versuchte die ekligen, schleimigen Biester von sich los zu machen.

So viele Augen die nun schwarz und leer waren.

Wenige waren noch sie selbst, doch die Massenhysterie ließ auch sie nicht unbefleckt.

Ein Mann mittleren Alters, der auf den ersten Blick harmlos wirkte zückte ohne nach zu denken ein Feuer und holte aus seinem Rucksack, den er immer dabei hatte, da er viel unterwegs war ein Deodorant und zielte auf jeden der ihm zu nahe kam. Ob Frau oder Kind interessierte ihn nicht, denn er wollte nur lebend raus, zu seiner eignen Frau und seinem eignen Kind.

Der wahnsinnig gewordene Typ lief auf uns beide zu, packte mich an den Schultern und blickte mir tief in die Augen.

Folgt mir! Im U-bahnschacht unter uns wurden besondere Spezialeinheiten her geschickt, die dazu da sind die überlebenden, die normalen die Flucht zu ermöglichen“

Sie eilten ihm nach und achteten darauf uns bewusst nicht umzudrehen, da wir dem Schrecken keine Einheit in ihren Gedanken gewähren lassen wollten. Im Stilen wiederholte Oliva immer die Worte – Blicke nach vorne – wir haben es gleich geschafft – Hoffnung!

An der großen Treppe traf Sie ein Mädchen, welches ich schon zur Schulzeiten abgrundtief verachtet hatte, da sie ein oberflächliches Miststück war. Oliva war der Ansicht, dass sich das absolut kein Mensch auf dieser Welt leisten konnte andere zu verurteilen, für Fehler die einst begangen wurden. Am liebsten hätte sie in diesem Augenblick, in dem die Welt ohne Wiederworte drohte unter zugehen die unausstehliche Zicke in den Schacht gestoßen, doch das arme Ding weinte um sein Leben. Es hatte recht wir alle hatten nie richtig gelebt, waren gefangen in dem Vakuum der Gesellschaft uns nie richtig verwirklicht und jetzt war es dafür zu spät. Oliva spuckte sie an, sah ihr direkt in die Augen und flüsterte leise in ihr Ohr: „Jetzt brauchen wir auch keine Freundinnen mehr werden“

Stattdessen ergriff Oliva Mollys zarte, kleine Hand und drückte sie fest an sich. Da klopfte den beiden urplötzlich jemand auf die Schulter.

Oliva befürchtete Schlimmstes und ein eiskalter Schauer, an dem bloßen Gedanke es könnte Alimo sein, der sie ausfindig gemacht hat. Doch er war es nicht!

Ein seltsam gekleideter Mann mit einem Namensschild stand vor den beiden und winkte sie zu sich.

Molly sah sich das Schild genauer an.

Er hatte keinen Namen, sondern war nur eine Nummer.

Wenn ihr überleben wollt steigt ein. Ich bin vom Spezialdienst um die noch Normalen zu retten und unter Quarantäne zu stellen“

Und wie viel kostet das? Mehr als vierzig Euro zahle ich nicht! “ meckerte Molly.

Oliva war einfach nur entsetzt von ihr, denn selbst jetzt war sie noch ein Geizkragen der lieber zu Fuß laufen würde, unterwegs vermutlich infiziert wird von dem ekligen Grünzeug und dann genauso endet wie alle anderen mit schwarzen Augen, die nur noch angetrieben von ihren Aggressionen wurden wie lebende Zombies, aber Hauptsache Geld für das nächste Wochenende zum feiern haben.

Der Fremde schüttelte den Kopf und öffnete die Tür.

Molly stieg ein.

Auf einmal roch sie einen stechenden Geruch, der ihr Brechreiz verursachte.

Er erinnerte Oliva an etwas Verfaultes. Verfaultes Fleisch

Steig ein. Wir fahren los!“ forderte er mich auf.

Nein“

Ich trat einen Schritt näher an den Mann heran, denn sie war sich felsenfest sicher, dass der stinkende Geruch von ihm ausging. Im Augenwinkel beobachtete ich Molly, die eingeschlafen zu sein schien.

Du bist ein kluges Ding. Doch Mädchen, das wird dir nichts nutzen. Wir sind alle hoffnungslos verloren. Verschwende deine Zeit nicht einen Notausgang zu suchen. Den gibt es nicht!“

Nun war er derjenige, der einen Schritt auf mich zu machte, Oliva machte einen zurück.

Da lächelte er mich höhnisch mit der linken Gesichtshälfte mit seinem blauen Auge, ganz ähnlich, ganz gleich wie das von Alimo, an. Er packte sie fest am Handgelenk und spuckte beim reden.

Einst war ich wie du, doch selbst ich konnte ihr nicht entkommen“

Wem?“

Der verdorbenen Menschlichkeit“

Er drehte seinen Kopf, gab ihr seine rechte Gesichtshälfte preis und deutete auf das schwarze, leere Auge.

 

4. Soldat 2.0

 

Oh mein Gott, ich blute ja an der Schläfe“

Hab dich nicht so! Ist doch nur ein Kratzer,Hannah“ spottete Carol, denn sie verstand ihre jämmerliche Art und das wehleidige Getue kein bisschen.

Sie hielt sich schützend die Hand an den Kopf undversuchte das frische Blut mit bloßen Händen aufzufangen. DenTränen nahe wischte sie es an ihrer neuen Jeansjacke ab und hofftedie Schmerzen würden bald verschwinden.

Hannah war sonst solch ein braves, schüchternes undkluges Mädchen gewesen und war noch nie in eine heikle Situationgeraten. Eine Einserschülerin, die jeder mochte und jeder um ihregute Mitarbeit beneidete. Der Neid steht in der Rangliste der siebenTodsünden und es war nur eine Frage der Zeit bis dies auch Hannah zuspüren bekam.

Jetzt stand sie mit ihren zwei Freundinnen und einemwildfremden Kerl, verletzt und desorientiert auf einer großen,stählernen Brücke aus Eisen, in Richtung einer unbekannten Stadtund war ratlos.

Karma kann manchmal ein ganz schönes Arschloch sein,dachte sie sich, denn sie hatte stets fromm und gutmütig gehande,ltwurde aber dennoch in solch einen Schlamassel gezogen, knietiefsteckte sie in einem Suff voller Lügen und Intrigen.

Marissa hatte sich am Geländer angelehnt undtelefonierte weinend mit einer ihrer Freundinnen. Sie schluchzte sobitterlich, dass man kein klares Wort verstand.

Jetzt habt euch mal nicht so, ihr Tussis“sagte der Typ mit tiefer Stimme und verschränkte fordernd die Arme.„ Wenn ich diese Missgeburt erwische. Nie hat er genug. Nichteinmal, dass ich ihm seine Schneidezähne ausgeschlagen habe bringtihn zur Vernunft. Irgendwann hat er ein Messer im Bauch und ist nichtmehr die Nummer eins in seinem Viertel“

Bitte was? Wir sind hier doch in keinemBandenkrieg“ keuchte ich erschrocken auf.

Alle um mich herum schwiegen und mir wurde schlagartigbewusst, dass wir mitten drin steckten.

Langsam ging die Sonne steil am Ende des Horizonts unterund der Himmel färbte sich orangerot.

Sie konnte ihr Pech kaum fassen, denn jetzt war es schonzu spät um noch nach Hause zu fahren. Was hätte sie ihren Elternnur sagen sollen? Dass ihr ein Junge, zwei Köpfe größer als sie eswar, ihr direkt ins Gesicht geschlagen hatte, nur weil sie zu prüdeauf wie er es nannte „ etwas Spaß“ war? Sie konnte auch schlechtsagen sie wäre gegen etwas Massives, Stabiles gestoßen, da ihreErziehungsberechtigten sie ohne weiteres nach Alkoholkonsumausgequetscht hätten und das konnte sie bei ihrem Mundgeruch kaumbestreiten.

Carol leckte sich rachsüchtig das Blut von den Lippenund starrte finster ins Nirgendwo.

Hannah kannte ihre Freundinnen schon eine halbeEwigkeit, seid dem Kindergarten. so lange schon, dass sie gern dieAugen davor verschlossen hatten mit welch schlechten Umgang sieabends um die Häuser zogen.

Besoffene, gewalttätige Schläger mit Matsch in derBirne und einem scharfen Messer in der linken Jackentasche.

Hannah verachtete dieses Gesindel von Abschaum undfragte sich stets was in deren Kindheit und Erziehung falsch gelaufensein musste um solch schändliche Taten zu begehen. Das sie sich inwenigen Augenblicken unsterblich wie die Liebe auf den ersten Blicknun mal so ist, in einen dieser Menschen verlieben würde hätte siesich nie träumen lassen, auch nicht in ihren schlimmsten Alpträumen.

Marissa hatte das Mobiltelefon zurück gepackt in dieTasche ihrer aufgerissenen Hose und es sicher darin verstaut. Es warein teurer Luxusgüter gewesen, denn sie vor ihren Eltern heimlichverstecke, weil diese nur fragen würden „ Woher hast du dasganze Geld, Kleines?“

Marissa war bei weitem das hübscheste Mädchen an derganzen Schule. Hier würde das Sprichwort „Schön aber dumm“ideal passen, wenn es dem so wäre. Eigentlich war sie aufgeweckt undbegabt, doch ihr Äußeres ließ sie das oft selbst vergessen.Marissa hatte definitiv schon Geschlechtsverkehr mit einem Jungengehabt. Er war natürlich älter gewesen, denn die waren reifer undhatten mehr Erfahrung in Sachen Körperliebe. Ob Carol noch Jungfrau war wusste sie nicht,aber es spielte keine Rolle für Hannah, denn sie mochte beide so wiesie waren, wie sie vom Wesen her wirklich waren.

Mit ihnen war sie frei und ungezähmt wie sie es Zuhausenicht sein durfte, konnte.

Unanständig zu sein hat eine menge Vorteile und machthöllisch viel Spaß.

Zugebenen findet sie die meisten Menschen, geschätzteneunzig Prozent der Gesamtheit die sie kannte, von Kopf bis Fuß verblödet, daher konnte es abund an nicht schlecht sein auch dämliche Sachen anzustellen um bei ihnen dazu zu gehören. Hannah hatte sich nie als dumm angesehen, doch zu einemspäteren Zeitpunkt würde sie noch mehr bereuen auf die Party mitgegangen zu sein als jetzt schon der Fall war. Es war nicht nur das vergeugete,verflosseneBlut und die Schmerzen, viel mehr die Wut, die in ihr leise undstill, all die Zeit über, verborgen in Finsternis heranwuchs wie eingiftiger Parasit.

Da klingelte überraschend ein Handy undder Kerl klappte es sofort auf, ohne dabei darauf zu achten, dass er Carol mit dem Ellenbogen direkt ins Gesicht traf. Ein weiterer blauer Fleck entstand.

Tut es arg weh?“ erkundigte sich Hanna fürsorglich beiihr nach und versuchte sie in den Arm zu nehmen.

Was redest du da? Nein, nichts tut weh! Du bist soein Baby“

Scheiße dieser Wichser wird noch sein blauesWunder erleben. Nein, ja, mir geht es gut. Was mit denen ist ist mirdoch egal, solang die mir nicht auf die neuen Autopolster bluten“er würgte Klar habich die Lieferung noch. Der Plan ist trotzdem gescheitert. Sie habenmich auf frischer Tat ertappt. Solche Fotzen. Ich brauch die Kohle.Ja und eine ordentliche Abreibung hat der Mistkerl auch verdient. Undzur Belohnung knall ich mir eine?“

Du tust was?“

Er deutete ihr sie solle gefälligst still sein undlegte sich dabei einen Finger auf die Lippen. Er rollte gestresst mit den Augenund ballte die Fäuste fest zusammen.

Können wir nach Hause?“ fragte sie.

Bist du jetzt total blöd. Was meinst du wasunsere Eltern sagten“ kreischte Marissa total in Panik herum,so laut, dass Hannah dachte die Brücke würde jeden Momenteinstürzen.

Okey. Passt auf Mädels. Ihr werdet mir bei etwashelfen. Ein Ding und ihr bekommt von mir Geld für ein Hotel. Sokönnt ihr euren Eltern sagen ihr übernachtet jeweils bei deranderen?“

Was sollen wir für dich tun?“

Marissa warf sich ihm an den Hals und streichelte überseine männliche, muskulöse Brust wie ein schnurrendes Kätzchen.

Steigt ein. Los!“

Sie stiegen in seinen Wagen ohne groß Widersprüche zugeben. Carol und Hannah nahmen auf der Rückbank platz, schnallten sich verantwortungsvoll an und ließen Marissa be iihrem Lover vorne am Steuer sitzen. Immer zu starrte sie ihn an als sei er ein Ritter in einer weißen Rüstung, rein und unbefleckt wie eine holde Jungfer. Anscheinend war er ein großer Drogendealer, gut in dem was er tat, hatte dennoch einen Streit mit einem anderen Bandenführer und abgesehen davon war es seine Schuld gewesen, weswegen die Mädchen schwer verletzt waren, aber solangsam beschlich Hannah der zweifelnde Gedanke, dass viele Menschen schlechte Dinge tun, aber sie deswegen nicht gleich schlechte Menschen waren, denn offensichtlich lag ihm etwas an Marissa. Seine Hand ruhte die ganze Fahrt über ins Ungewisse auf ihrem Oberschenkelund ab und an schielte er verlegen zu ihr herüber. Verlegene Jungssind verliebte Jungs.

Oder er steht selbst unter Drogen“ flüstertesie leise zu sich selbst und schaute skeptisch aus dem Fenster.

Die Balance des Farbenspiels des Sonnenuntergang ließen ihre wirren Gedanken für einen kurzen Moment ruhen. Sie war ungewiss, aber vielleicht wäre es das letzte mal und gleichzeitigdas erste Mal, dass sie ihm ihre Liebe gestand. Schnell schickte sieihm eine SMS.

Das Innenleben des Wagens roch süßlich penetrant und Hannah war klar es roch nach Gras.

Pass auf!“ schrie Marissa und lenkte das Lenkrad nach rechts.

Das Geräusch des Autos wurde im Wasser des Stadtteichs zäh erstickt. Die prachtvolle Karre war dahin, denn ansonsten hätten sie ihn einfach überfahren und ein junger Mann wäre ums Leben gekommen. Wie aus dem heiteren Nichts tauchte er plötzlich auf der Straße auf und stellte sich ihnen mitten in den Weg. Marissas Kerl stieg wutentbrannt aus dem Auto, seine Schuhe wurden dabei ganz nass, steckte seine Hände in die Jackentasche und ging auf das Schwein zu.

Ginge es nach mir wärst du jetzt Apfelmus. Dubist tot, Junge“

Tot war dein Mädchen als ich ihr das Gehirn heraus gefickt habe. Gebettelt hat sie darum genauso wie ums Crack“ triumphierend lachte der andere Bandenführer und zeigte mit dem Finger auf Marissa, die sich hinter Hannah ganz klein machte und versteckte. Carol tippte geistesabwesend auf ihrem Smartphone als sei nicht Vorort und auch nicht ansprechbar. Vermutlich war sie stark traumatisiert und leicht panisch, sodass sienach einer einfachen Lösung suchte sich abzulenken.

Da sah Hannah wie einer der beiden Geisteswahnsinnigenein Messer aus seiner Taschen hervor zog und ohne groß zu überlegen stellte sie sich ihnen in den Weg. Außer Spott blieb ihr nichts.Marissas Freund hatte sie beiseite gestoßen und schmerzhaft fiel sie auf den Schotter der Fußwege. Jetzt blutete auch noch zu allem Überfluss ihr Ellenbogen. Sie biss fest auf die Zähne und versuchte sich aufzuraffen.

Da sprangen plötzlich vier weitere junge, breit gebaute Männer aus einem Busch hervor und stellten sich gegen sie und ihre Freunde. Die Typen schienen die Lakaiendes gegnerischen Bandenführers zu sein. Nicht das eines der Mädchen jemals freiwillig eine Seite für sich gewählt hätte, oder durfte. Und da sah sie ihn.Ja, Hannahs heimlicher Schwarm, den sie in ihren Mittagspausen der Uni heimlich an schmachtete und jedes mal das Selbe bei ihm bestellte.

Manchmal tritt dich das Schicksal wirklich in den Arsch“ flüsterte sie leise zu sich selbst.

Sie war so enttäuscht, gar gebrochen und gefrustet.

Die Situation spitze sich drastisch zu und man konnte inder Luft quasi riechen, wie die Aggressionen immer hitziger wurden. Dem einen tropfte bereits der planke Schweiß vond er Stirn und spannte die Fäuste an. Jeden Augenblick würde es eine Massenschlägerei geben, die nicht gut enden wird. Mitten drin sie, ihre Freundinnen und der Junge, den sie über alles liebte.

Sie rannte auf Phil zu um ihn vor einem großen Fehler zu bewahren, ihn einfach in den Arm zu nehmen. Er erwiderte ihr Wollen nicht und hielt ihre Hände fest, damit sie ihm nicht zu nahekam.

Nein, nicht du. Du warst immer so freundlich. Du arbeitest beim Bäcker um die Ecke und bedienst höflich deine Kunden. Du sparst dein Geld doch um von hier fort zu gehen – mit mir, oder hast du das schon vergessen?“ ihr stiegen die Tränen in die Augen.

Das bin ich auf Arbeit, nichts weiter.“

Aber ich liebe dich, Phil“

Die einzige Liebe die ich kenne, ist die rohe bloße Gewalt.“ er legte eine Pause ein „ Wenn ich dich so sehe in deinem farbenfrohen, durchweichten Sommereinteiler und wie dir eine nasse Haarsträhne ins Gesicht fällt, dann würde ich dich am liebsten dafür hassen, dass du so naiv bist und denkst ich könnte dich auf die selbe Weise lieben wie du mich. Hannah, ich habe die Lizenz zum sterben. Also verschwinde hier! Es tut mir leid“

Phils blondes Haar leuchtete in der Abendröte und seine Augen wirkten traurig und schwer. So schwer wie seine Schuldgefühle wogen.

Das sagst du nur weil du mich beschützen willst, nicht wahr?“

Die Welt stand still, alles um sie herum war leise und friedlich. Die Zeit hatte selbst den Krieg zwischen den Drogendealern angehalten. Gespannt warteten alle auf seine Antwort. Carol hatte sogar ihr Handy zurück in die Hosentasche gepackt und schenkte den hoffnungslos Verliebten ihre ungeteilte Aufmerksamkeit.

Liebe ist ein Überlebensinstinkt, aber was glaubst du wer gewinnt, wenn ein Krokodil, ein Löwen und ein Affen in einem Raum stecken? Wer wird als Sieger hervorgehen, zu neuem Leben auferstehen?“

Das war das Stichwort und schon hatte sein Anführer seinen Gegner überwältigt und nieder gestochen. Er lag am Boden und war dabei elendig zu verbluten. Die Welt um ihn herum wurde blasser, neblig wie er es gewohnt war. Die Schreie und das Gekreische blendete er vollkommen aus. Er zog ein Feuerzeug hervor und zündete den Stängel erneut an, denn selbst wenn er im sterben lag ließ er es sich nicht nehmen einen letzten Zug sich zu gönnen, damit es endlich schwarz um ihn herum wurde und er keine Schmerzen mehr verspürte.

Heile Welt, heile Welt.

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Texte: Laura Delic - Autorin
Tag der Veröffentlichung: 28.04.2013

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