Cover

Der Zauber eines Momentes

 

 

 

Tief verborgen zwischen zwei hohen Bergen stand ein kleines, hölzernes Haus mit einer hübschen Veranda, in dem, fernab des beschaulichen Dorfes unten im Tal, eine Familie mit zwei Kindern lebte.

In der Nacht war der erste Schnee in diesem Winter ganz lautlos und unbemerkt auf die Erde gefallen. Er und die wieder durch die Wolkendecke durchbrechende Sonne hatten die Berglandschaft in ein glitzerndes Kristallreich verzaubert. Es war herrlich anzusehen.

Marie, die ältere Tochter der Familie, saß auf den Holzstufen vor dem Haus und kniff die Augen zusammen. Dabei rümpfte sie ihre sommersprossige Nase und knabberte auf ihrer Unterlippe herum. „Hmm, irgendetwas fehlt noch“, überlegte sie angestrengt und betrachtete nachdenklich den großen Schneemann, der direkt vor ihr stand.

So leise sich dieser Mantel aus Schnee auch über das Land gelegt haben mochte, am nächsten Morgen war er auf jeden Fall umso lauter durch Maries Jubelrufe begrüßt worden. Denn dies bescherte ihr nicht nur Unmengen an Spaß mit Schneeballschlachten und beim Rodeln. Nein, es war bei diesem Wetter auch unmöglich, die Schule unten im Dorf zu erreichen. So hatte Marie bereits einige Tage eher Ferien als all die anderen Kinder aus ihrer Klasse.

Da Marie aber einen sehr weisen Lehrer hatte, der ganz offensichtlich den Wetterumschwung bereits in seinen alten Knochen gespürt haben musste, war es gerade einen Tag zuvor geschehen, dass sie im Falle eines größeren Schneeaufkommens eine ganz besondere Aufgabe erhalten hatte.

Marie sollte ohne Hilfe einen Schneemann bauen, der wesentlich größer war als sie selbst, und darüber hinaus ein neues Heft beginnen, um dort hinein alle ihre Abenteuer zu schreiben, die sie mit ihrem Schneemann erleben würde.

Über den ersten Teil der Aufgabe war das Mädchen höchst erfreut gewesen, denn dieser war aus dessen Sicht ein überaus leicht zu erreichendes Ziel. Augenscheinlich war ihr Lehrer nicht mit der Tatsache vertraut, dass Marie die weltbeste Schneemannbauerin aller Zeiten war, wie ihr Vater immer zu sagen pflegte. Mit ihm zusammen hatte sie, wenn ihr Vater Zeit dafür fand, eine unendlich große Anzahl dieser eisigen Geschöpfe gestaltet und darin sehr viel Erfahrung gesammelt. Doch das Schreiben fiel der Achtjährigen auch in der zweiten Klassen noch sehr schwer. Daher hatte sie sich über diesen Teil der Aufgabe ein wenig geärgert. Aber was blieb ihr übrig? Nach den Ferien wollte der Lehrer garantiert ihre Ergebnisse sehen und Marie war immer eine sehr gewissenhafte Schülerin gewesen.

So zögerte sie den ersten Eintrag in das Heft, welches bereits mit einem Stift bestückt neben ihr lag, immer weiter hinaus, indem sie ihren Schneemann immer besser und immer perfekter machen wollte, um so den leeren Seiten, die dort neben ihr lauerten, eiskalt zu entkommen.

Nun saß Marie auf den Holzstufen und grübelte darüber nach, wie sie ihren Schneemann weiter verändern könnte. „Ich soll Abenteuer mit ihm erleben“, flüsterte sie vor sich hin, während sie ihr Gegenüber mit pfiffigen Augen fixierte. „Abenteuer … hmm … Abenteuer kann ich aber nur mit jemandem erleben, der sich bewegt, der lebt.“ Und mit dieser Überlegung kam ihr eine Idee. Ihr Gesicht hellte sich auf und sie sprang so ruckartig auf, dass sie gegen das Heft stieß und der Stift die schneebefreiten Treppenstufen hinunter kullerte. Noch bevor dieser allerdings am unteren Ende der Treppe im Schnee versank, war Marie bereits im Haus, kämpfte sich aus ihren Gummistiefeln und rannte die Treppe zu ihrem Zimmer im ersten Stock hinauf. Nur mühsam ließ sich die Tür öffnen, denn dahinter herrschte alles andere als Ordnung. Bücher, Stofftiere, selbst gemalte Bilder, Fundstücke aus Wiese, Wald und Bach, Bälle, Bausteine, eben alles, was in ein Kinderzimmer hineingehörte, lag kreuz und quer auf dem Boden verteilt und erschwerte ein blockadefreies Eintreten und Durchschreiten dieses Raumes. Ihre Mutter ärgerte sich darüber sehr, welches Chaos in diesem Zimmer vorzufinden war. Doch Marie versuchte ihr immer und immer zu erklären, dass dies nicht UN-ordnung sei, sondern nur eine etwas andere Art von Ordnung. Darüber hinaus, so versuchte sie ihr Sträuben gegen das Aufräumen zu erklären, fände sie sich jedes Mal nach dem Inordnungbringen und Reinemachen in ihrem eigenen Zimmer nicht mehr zurecht. Und dies wohlgemerkt, sei wohl nicht der Sinn und Zweck des Aufräumens.

So bahnte sich Marie einen Pfad durch diese Kinderzimmerlandschaft, stolzierte wie ein Storch über kleine Hügel und umschiffte geschickt die höheren Berge, um dann zu der kleinen Kommode zu gelangen, die neben ihrem Bett stand. Dort waren die ganz besonderen Schätze verborgen. So öffnete sie die Unterste von drei Schubladen, holte eine kleine weiß bemalte Schatulle hervor und klappte den Deckel auf. Vorsichtig zog sie den samtenen, grünen Stoff mit ihrem Zeigefinger und dem Daumen auseinander und es kam ein grauer Stein zum Vorschein.

Es war aber nicht irgendein Stein. Nein, dieser hier, konnte er von seiner Farbe und seiner Beschaffenheit noch so unscheinbar sein wie er wollte, hatte die Form eines Herzens. Als sei es das Kostbarste, das die Welt je erblickt hatte, nahm sie ihn vorsichtig aus seiner schützenden Hülle und führte ihn an ihr Ohr. Wenn es ganz leise um sie herum war, so war sich Marie sicher, konnte sie seinen Rhythmus pochen hören, ein wenig aufgeregt aber gleichmäßig. Entschlossen legte sie ihre Faust um diesen Schatz, zog unten ihre Gummistiefel an und rannte wieder hinaus in den Schnee. Voller Vorfreude blieb sie vor ihrem Schneemann stehen, legte ihre freie Hand über die Augen, um sie vor der Sonne zu schützen und strahlte den Giganten von unten an. „Ich schenke dir mein Herz damit du leben kannst, Herr Schneemann“, sagte sie lachend und bohrte den Stein tief in die Schneekugel, genau an die Stelle, an der ein ordentliches Herz sich aufzuhalten hatte. Mit geschickten Händen füllte Marie das entstandene Loch mit frischem Schnee und drehte sich um, damit sie wieder auf ihrem altangestammten Platz auf den Treppenstufen platziert beobachten konnte, was passieren würde. Doch soweit kam sie gar nicht. Noch hatte das Kind nicht einen Schritt getan, da vernahm es plötzlich eine wunderbar klingende männliche Stimme hinter sich, die zu ihr sprach. „Ich danke dir, Marie. Das war sehr lieb von dir.“ Marie verharrte augenblicklich in ihrer Bewegung. Ihre riesigen, dunklen Kugelaugen wurden noch größer, ihr runder Mund formte sich zu einem O und ihre Sommersprossen wurden bleich. Im nächsten Moment allerdings begriff sie, dass es wirklich der Schneemann war, der dort mit ihr sprach und ihr Mund verzog sich zu einem breiten Grinsen, das so wunderbar ihre Milchzahnlücken zum Vorschein brachte. Blitzschnell drehte sie sich zu ihm um und traute ihren Augen nicht. Vor ihr stand der Schneemann, blickte sie mit gütigen Augen an und lachte fröhlich.

Nun begann der schönste Winter, den Marie je erleben sollte. Sie verbrachte jede eisige Sekunde mit ihrem neuen Freund, dem sie alles erzählte und der ihr geduldig zuhörte und neugierige Fragen stellte. Gemeinsam wanderten sie durch die Schneelandschaft und Marie zeigte ihm ihre Lieblingsplätze. Sie machten Schneeballschlachten und rodelten, sie lachten und sangen und erlebten die wunderbarsten Abenteuer, die man sich vorstellen kann. Natürlich immer nur dann, wenn keiner hinsah, denn ihr Geheimnis wollten sie für sich behalten. Ebenfalls ermunterte der Schneemann sie ihre gemeinsamen Abenteuer aufzuschreiben, was Marie als etwas lästig empfand. Doch der Schneemann sagte zu ihr: „Marie, schreibe die Geschichten nicht für deinen Lehrer auf und auch nicht für deine Kameraden. Nein, schreibe sie ganz allein für dich auf, damit du eine Erinnerung auch in den warmen Jahreszeiten an mich hast und mich nicht vergisst.“ Da hatte Marie schlucken müssen, denn an den Frühling wollte sie nicht denken. Diesen Gedanken vergrub sie tief, damit ihr Herz nicht traurig wurde. Doch sie befolgte den Rat des Schneemannes und fortan sauste jeden Abend vor dem Zubettgehen der Stift über die leeren Seiten und befüllte sie mit Spaß und Abenteuern.

 

Doch es musste so kommen, wie es vorherzusehen war. Die Natur nahm auch in diesem Jahr ihren normalen Gang und einige Wochen später begann der Schnee zu schmelzen. Besorgt lief Marie immer wieder zwischen dem Thermometer an der Hauswand und ihrem Schneemann hin und her und versuchte alles, um ihn jedes Mal wieder aufzubauen, wenn etwas von ihm abfiel, ihn vor dem Ende zu retten. Doch das Ende kam unweigerlich und traf Marie trotz alledem unerwartet hart. Als sie an einem Tag, an dem die Sonne unverhofft kräftig ihre Wärme auf die Erde entließ, von der Schule heimgerannt kam, fand sie nur noch eine große Pfütze und einige Schneeklumpen darin vor. Bitterlich weinend ob des Verlustes ihres Freundes, kramte sie ihre Butterbrotdose aus der Tasche und versuchte sich wenigstens ein kleines bisschen von ihm zu bewahren. Da fiel ihr der Herzstein auf, der in dem Wasser lag, nahm ihn auf und drückte ihn an ihr eigenes Herz.

Der Frühling kam, aber Marie konnte sich nicht an seiner Blütenpracht erfreuen. Der Sommer erschien ihr so grausam mit den vielen sonnendurchtränkten Tagen und im Herbst konnten für Marie die Bäume nicht schnell genug ihre Blätter verlieren. Dann fiel der ersehnte erste Schnee wie ein Segen vom Himmel und Marie konnte es kaum erwarten, ihren Schneemann wieder zum Leben zu erwecken. Kaum stand der Riese vor ihr, da steckte sie den Herzstein in seinen Leib und wartete gespannt auf seine Rückkehr. Doch es geschah nichts. Der Schneemann blieb ein einfacher Mann aus Schnee, ganz seinem Namen getreu. Auch im nächsten Jahr und in den darauf folgenden Jahren geschahen keine Wunder mehr, bis Marie resigniert aufgab und den Herzstein traurig und enttäuscht in seiner Schatulle in die hinterste Ecke der Kommodenschublade verbannte.

 

Es vergingen die Jahre und aus dem Mädchen war eine junge Frau geworden. Marie war in die Stadt gezogen, verdiente ihren Lebensunterhalt mit dem Schreiben von Abenteuergeschichten für Kinder und hasste nichts mehr als den Winter mit seinem vielen Schnee, der nur Arbeit machte und den Verkehr zum Erliegen brachte. Eines Tages schaute sie aus dem Fenster und beobachtete etwas Faszinierendes. Ihr achtjähriger Sohn hatte aus dem Schnee, der in der letzten Nacht ihren Vorgarten in eine weiße Kristalllandschaft verwandelt hatte, einen Schneemann gebaut. Seine flinken Augen huschten nachdenklich über den Riesen und seine sommersprossige Nase rümpfte sich. Sie hörte quasi seine Gedanken. „Hmm, irgendetwas fehlt noch“, überlegte er angestrengt, das wusste sie genau. Sie knabberte auf ihrer Unterlippe herum, fixierte dabei ihren Sohn und ihr Herz begann zu rasen. Sollte sie oben ins Schlafzimmer zu ihrer Kommode gehen und von ganz hinten die Schatulle hervorholen? Sie zögerte einen Moment. Doch wie das bei Erwachsenen so ist, wenn sie zögern. Sie zögerte einen Moment zu lange und die Vernunft ließ sie diese kindische Idee, wie sie nun fand, wie ein Häufchen zertretener Cornflakes auf dem Küchenboden, wegfegen.

Nachdem Marie abends ihren Sohn ins Bett gebracht hatte, ging sie nicht wie gewohnt hinunter, um die Küche aufzuräumen, sondern bog ab in ihr Schlafzimmer. Etwas nagte in ihrem Herzen und ließ es nicht mehr zur Ruhe kommen. Sie ging zu ihrer Kommode, öffnete die unterste der drei Schubladen und beförderte aus den Tiefen dieses Möbelstücks zwei Schulhefte und eine weiß bemalte Schatulle an das Tageslicht. Auf ihrem Bett sitzend begann sie zu lesen, was sie vor so vielen Jahren aufgeschrieben hatte und war wieder verzaubert von diesem Gefühl der Verbundenheit, das ihr Schneemann damals in ihr erweckt hatte. Als die Lektüre sich dem Ende zuneigte, öffnete Marie die Schatulle und entnahm ihr vorsichtig ihren geliebten Herzstein. Langsam führte sie ihn an ihr Ohr und lauschte. Tatsächlich, auch noch nach so vielen Jahren konnte sie dieses Pochen in dem Stein hören. Lächelnd senkte sie ihre Hand in den Schoß und betrachtete nachdenklich den Gegenstand, der sie an ihre Finger schmiegte. Es war Zeit, sich von ihm zu verabschieden, das spürte Marie tief in ihrem Herzen. So traf sie eine Entscheidung. Sie ging hinunter, zog sich warm an und trat vor den Schneemann in ihrem Vorgarten. Dort bohrte sie mit einem traurigen Seufzen den Stein ganz tief in seinen Korpus, genau an der Stellen, an der ein ordentliches Herz zu schlagen hatte. Dann stopfte sie neuen Schnee in das entstandene Loch, blickte dem Schneemann traurig ins Gesicht und flüsterte: „Herr Schneemann, ich glaube, es wird Zeit, Abschied zu nehmen und dich an meinen Sohn weiterzugeben.“ Dann drehte sie sich von ihm weg, um zurück in das Haus zu gehen.

Doch Marie hatte noch nicht einen Schritt getan, da vernahm sie plötzlich seine fast vergessene und doch sofort wiedererkannte, wunderbare Stimme hinter sich, die zu ihr sprach. „Warum tust du das, Marie? Mein Herz schlägt doch nur für dich.“ Marie verharrte augenblicklich in ihrer Bewegung. Ihre riesigen, dunklen Kugelaugen wurden noch größer, ihr runder Mund formte sich zu einem O und ihre Sommersprossen wurden bleich. Im nächsten Moment drehte sie sich zu ihm um und traute ihren Augen nicht. Vor ihr stand der Schneemann und blickte sie mit traurigen Augen an. Marie wusste nicht ob sie lachen oder weinen sollte. Also tat sie beides gleichzeitig. „Du bist niemals zurückgekehrt, Herr Schneemann. Ich dachte, ich hätte mir alles nur eingebildet.“ Da schaute der Schneemann sie überrascht an und antwortete: „Aber du hast doch alles zur Erinnerung aufgeschrieben.“ Daraufhin konnte Marie nur schweigend nicken und fühlte sich schlecht, weil sie ihren besten Freund weiterreichen wollte, wie einen leblosen, kalten Stein. Doch der Schneemann lächelte sie gütig an und fragte: „Nimmst du den Stein wieder mit ins Haus und legst ihn in die Schatulle?“ Da atmete Marie tief durch und versprach ihm, sein Herz sogar mit ins Grab zu nehmen. Doch bevor sie diesem Moment mit ihm ein Ende setzte, stellte sie noch eine letzte Frage. „Herr Schneemann, was hat dich dazu bewogen, nach so vielen Jahren doch noch einmal zu mir zurückzukommen?“

Da lächelte der Schneemann Marie an und antwortete: „Ich habe gespürt, wie verzweifelt du mein Herz abgeben wolltest und befürchtete, dass du dein Leben lang unserer gemeinsamen Zeit nachjagen und darüber unglücklich würdest. Aber so ist das Leben nicht. Egal, wie sehr man sich wünscht, ein Erlebnis noch einmal genau so zu erleben, wie man es in Erinnerung behalten hat. Den Zauber eines Momentes, meine liebe Marie, kann man niemals mehr zurückholen.“

 

Impressum

Tag der Veröffentlichung: 05.12.2017

Alle Rechte vorbehalten

Nächste Seite
Seite 1 /