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Titel

STAR GATE – das Original - 095

  

Miguel de Torres

Die vergessene Stadt

Begegnungen der überraschenden Art – auf Canos

 

Am 17. September 2063 will ein Team von sechs Wissenschaftlern mittels Star Gate von Phönix nach Shan springen, um Kontakt mit dessen Bewohnern aufzunehmen. Doch unmittelbar bevor die Wissenschaftler auf Phönix entmaterialisieren, wird die Gegenstation auf Shan blockiert, da eine Entdeckung durch die Kyphorer droht. Nach den Gesetzen des Äthermorph kommen die Wissenschaftler im nächstgelegenen Star Gate der gleichen Norm heraus, und dieses befindet sich auf dem bislang unbekannten Planeten Canos. Aufgrund von Xybrass’ Manipulationen ist der Steuercomputer des dortigen Star Gates nicht in der Lage, das Wissenschaftler-Team nach Phönix zurückzusenden, was bedeutet, dass dieses für unbestimmte Zeit auf Canos festsitzt, dessen Zivilisation vor etwa hundert Jahren in einem planetaren Krieg ausgelöscht wurde. Das Team entdeckt schließlich die Ruinenstadt Igana (siehe Band 71: »Der Letzte der Canorer« von Tom Cohel). Von dort aus führt eine unterirdische Bahn zur Hauptstadt Canoris, der man sich notgedrungen anvertrauen muss, wenn man einen Weg zurück finden will.

Parallel dazu wird Lino Frascati, ehemaliger Konzernchef von Mechanics Inc., zusammen mit einigen Begleitern gezwungen, auf der Flucht vor Agenten des rivalisierenden Konzerns MAFIA ein uraltes Star Gate unterhalb des einstigen Troja zu benutzen (Band 17: »Invasion der Kyphorer« von Miguel de Torres). Sie materialisieren in einer unbekannten Gegenstation...

Mittlerweile schreibt man den 6. Oktober 2063.

 

Die Hauptpersonen:

Allison Winter, Robert Boyd, Armand Frederic, Sir Archibald Henton, Alonso »Speedy« Gonzales und Karl-Imanuel Speerbergen – die Wissenschaftler rasen durch die Unterwelt von Canos.

Lino Frascati und Felicitas – sie machen eine unglaubliche Entdeckung.

Cengiz Ay – der Grabräuber wähnt sich am Ziel all seiner Wünsche.

Jackson »Jackie« Chan – der Überlebensspezialist soll wieder einmal den Retter in der Not spielen.

 

Impressum:

Urheberrechte am Grundkonzept zu Beginn der Serie STAR GATE - das Original:

Uwe Anton, Werner K. Giesa, Wilfried A. Hary, Frank Rehfeld

Copyright Realisierung und Folgekonzept aller Erscheinungsformen (einschließlich eBook, Print und Hörbuch) by www.hary-production.de

Diese Fassung: © 2014 by HARY-PRODUCTION ISSN 1860-1855

Canadastr. 30 * D-66482 Zweibrücken * Telefon: 06332-481150 * www.HaryPro.de * eMail: wah@HaryPro.de

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Vervielfältigung jedweder Art nur mit schriftlicher Genehmigung von Hary-Production.

Coverhintergrund: Anistasius * Logo: Gerhard Börnsen

Lektorat: Werner Schubert

 

1


Das Rattern des lorenähnlichen U-Bahn-Wagens auf dem angerosteten Gleis nahm Karl-Imanuel Speerbergen nach stundenlanger Fahrt kaum mehr wahr, aber er spürte nach wie vor jeden Zusammenschluss der Schienen als einen Stoß, der ihm durch Mark und Bein ging. Die canorische Untergrundbahn war mindestens hundert Jahre alt, und man konnte es durchaus als Wunder bezeichnen, dass sie so lange nach dem Untergang der Zivilisation dieses Planeten überhaupt noch funktionierte, aber die Zeit hatte ihre Spuren hinterlassen: Das Metall der Schienen hatte sich zusammengezogen und teilweise verformt, so dass der Wagen nicht nur in regelmäßigen Abständen bockte, sondern bisweilen auch wild hin- und herschlingerte. Zum Glück verlief die Strecke bislang kerzengerade; nicht auszudenken, was in einer engen Kurve geschehen würde...

Speerbergen und seine fünf Kollegen waren auf dem Weg nach Canoris, der einstigen Hauptstadt des Planeten Canos, doch sie hatten nicht die geringste Ahnung, wie weit diese entfernt war oder wie lange sie noch fahren mussten. Ihre Geschwindigkeit war schwer zu schätzen; sie befanden sich in einem Tunnel, dessen Wände aus unverkleidetem Fels bestanden. Der Wagen verfügte über keinerlei Kontrollen oder Anzeigen; ein außen angebrachter Hebel konnte nur eine von drei Stellungen einnehmen: vorwärts, stopp und rückwärts. Die Energie bezog er offensichtlich aus einer Mittelschiene, weshalb der einzige Scheinwerfer in regelmäßigen Abständen flackerte. Es war durchaus möglich, dass die Schienen irgendwo unpassierbar waren oder gar ein Einsturz die Weiterfahrt verwehrte. Der Scheinwerfer reichte schätzungsweise hundert Meter weit, aber ob das im Ernstfall genügte, um den Wagen zum Halten zu bringen, war eine Frage, die Speerbergen sich lieber nicht stellte.

Doch sie hatten keine andere Wahl gehabt, als sich diesem Transportmittel anzuvertrauen, so unsicher es auch sein mochte. Ihre einzige Hoffnung, diesen Planeten jemals wieder zu verlassen, lag in der einstigen Hauptstadt.

Speerbergen wandte den Blick in das dämmrige Innere der Lore. Die anderen schliefen trotz des Gepolters; die Erschöpfung war den sogar im Schlaf noch angespannten Gesichtern anzusehen. Allison Winter, die einzige Frau in der Gruppe, der als ausgebildeter Überlebensspezialistin beinahe unisono das Kommando übertragen worden war, schlief mit der Rechten auf dem Schocker in ihrem Gürtel. Ihr Kopf war zur Seite gerutscht, und ihr schulterlanges blondes Haar, nun verschwitzt und strähnig, bedeckte einen Teil der Brust von Armand Frederic, dem französischen Biologen.

Als Speerbergens Blick weiterglitt, begegnete er einem wütenden Glitzern in den Augen von Sir Archibald Henton. Der Earl of Wilksworth schlief also doch nicht; wahrscheinlich hielt ihn die nackte Wut wach. Er war der Einzige gewesen, der Allison Winters Wahl nicht anerkannt hatte, und der Einzige, der sich strikt gegen die Fahrt nach Canoris ausgesprochen hatte. Seine permanente Opposition fußte nicht auf rationalen Argumenten, sondern auf einem völlig überholten Standesdünkel, der es ihm verbat, sich einer »Bürgerlichen« – auch noch einer Frau! – unterzuordnen.

Speerbergen sah wieder nach vorn. Sir Archibald war Geologe und hätte sicher etwas über das an einigen Stellen glitzernde Gestein des Tunnels sagen können, doch seit Beginn der Fahrt hatte er geschwiegen wie ein trotziges Kind.

Wenn diese Fahrt noch lange dauert, dachte Speerbergen, wird es Ärger geben.

Die Strecke war eingleisig, doch ab und zu passierten sie Ausweichstellen. Auf einen Bahnhof waren sie noch nicht gestoßen; es schien, als verbinde die Strecke die Städte Igana und Canoris ohne Haltepunkt, worauf auch der absolut gerade Verlauf des Tunnels hindeutete.

Jetzt zweigte links wieder ein Ausweichgleis ab, das über Hunderte von Metern parallel zur Hauptstrecke verlief. Als er die Weiche passierte, machte der Wagen einen Satz, der Speerbergens Herz einen Schlag aussetzen ließ. Von hinten ertönten verschlafenes Gemurmel und ein unterdrückter Aufschrei, wohl von Sir Archibald. Doch Speerbergen hatte keine Zeit, sich um ihn zu kümmern – im Scheinwerferlicht tauchte auf dem Ausweichgleis eine Reihe von vier, nein, fünf Wagen auf, baugleich mit ihrem eigenen, die dort wohl seit hundert Jahren vergeblich auf ihren Einsatz warteten.

Während er sich noch fragte, warum die Wagen hier mitten auf der Strecke geparkt sein mochten, verlor ihr eigenes Gefährt deutlich an Geschwindigkeit, und abermals glaubte er, sein Herz würde stehen bleiben.

Was passiert, wenn die Energie ausgeht?, fragte er sich. Was könnten sie dann tun, hier unter der Erde? Die ganze Strecke zurücklaufen? Dazu würden sie Tage benötigen, wenn nicht Wochen. Ihre Nahrungsmittel- und Wasservorräte waren viel zu knapp bemessen für so einen Marsch. Welche Alternativen hätten sie? Könnten sie sich irgendwie an die Oberfläche »durchbohren«? Mit Allisons Schocker bestimmt nicht; überdies hatten sie keine Ahnung, wie tief sie sich mittlerweile befanden. Es konnten zehn, aber auch hundert Meter sein. Vielleicht befand sich sogar ein Berg über ihnen.

Der Wagen wurde immer langsamer, und gerade, als Speerbergen die anderen wecken wollte, öffnete sich der Tunnel zu einer Höhle, kreisrund und vielleicht fünfzig Meter durchmessend.

»Eine Abzweigung!«, sagte Sir Archibalds raue Stimme. Er stand plötzlich neben Speerbergen; ihm war die Verringerung der Geschwindigkeit ebenfalls aufgefallen.

»Sogar mehrere!«

Vor ihnen, angeordnet in einem Halbrund, klafften die schwarzen Öffnungen von nicht weniger als fünf Tunnel.

Und dann blieb der Wagen stehen, mitten auf einem kreisrunden Gebilde, bei dem es sich um eine Drehscheibe handeln musste, denn fünf Schienentripel zweigten davon ab und führten zu den Tunnel.

»Sieht so aus, als müssten wir uns entscheiden«, sagte Speerbergen. Dann weckte er die anderen.

»Frühstück mit Toilettenpause!«, rief er betont fröhlich. »Die Damen links, die Herren rechts! Bitte entfernen Sie sich nicht allzu weit vom Reisebus!«

Dann machten sie sich daran, die Abzweigungen zu untersuchen. Sie fanden jedoch keinerlei Hinweise darauf, wohin welches Gleis führte; lediglich die äußerste linke Strecke wies eine leichte Steigung auf, so dass man annehmen konnte, sie führe an die Oberfläche. Doch nachdem sie dem Verlauf im Licht von Allison Winters Taschenlampe ein Stück zu Fuß gefolgt waren, wurde der Tunnel wieder eben.

Speerbergen blickte in den Stollen, der sich in Finsternis verlor, dann zuckte er mit den Schultern. »Sieht nicht so aus, als ginge es hier nach oben. Vielleicht hat man nur eine härtere Gesteinsschicht umgehen wollen?«

»Dennoch sollten wir diese Strecke nehmen«, sagte Sir Archibald. »Vielleicht steigt der Tunnel weiter vorn wieder an. Es ist die einzige Chance, hier herauszukommen! Wenn man von Anfang an auf mich gehört hätte...«

Der Lichtkegel der Taschenlampe fokussierte den Earl, dann sagte eine Frauenstimme: »Ich denke, wir sollten geradeaus fahren. Für eine Verbindung zur Hauptstadt ist die gerade Strecke die wahrscheinlichste!«

»Das denke ich auch«, warf Armand Frederic ein. »Niemand kann garantieren, dass dieser Tunnel hier an die Oberfläche führt!«

Sir Archibald wirbelte herum; sein Zeigefinger fuhr wie ein Pistolenlauf auf den Franzosen zu. »Niemand kann garantieren, dass der gerade Weg zur Hauptstadt führt!«

»Niemand kann irgendetwas garantieren«, mischte sich Alonso »Speedy« Gonzales ein, der Mathematiker. »Aber die Wahrscheinlichkeit spricht tatsächlich für Allisons Theorie. Wir sollten einfach geradeaus weiterfahren.«

Speerbergen sah Robert Boyd an, den sechsten im Bunde. Der nickte nur.

»Also gut«, sagte Speerbergen, »dann ist es wohl so entschieden.« Er wandte sich um, doch Sir Archibalds Hand klammerte sich um seinen rechten Oberarm.

»Nichts ist entschieden! Das hier ist der richtige Weg, sage ich! Wir haben fast all unsere Nahrungsvorräte und unser Wasser verbraucht. Wie lange wollen Sie hier noch durch den Untergrund kurven? Unsere einzige Überlebenschance liegt an der Oberfläche!«

Speerbergen riss sich aus Sir Archibalds Griff los. »Von ›kurven‹ kann keine Rede sein, wie Sie sehr gut wissen. Und es bringt uns gar nichts, wenn wir irgendwo mitten im Dschungel auftauchen. Unsere einzige Chance liegt in der Hauptstadt oder dem, was davon noch übrig ist!«

Mit weit ausgreifenden Schritten ging er zurück zu der runden Höhle, und die anderen folgten ihm. Als er die Drehscheibe erreichte, sah er sich noch einmal zu Sir Archibald um und wies dabei in die Richtung, aus der sie gekommen waren.

»Wir haben dort hinten eine Reihe von Ersatzwagen passiert. Wenn Sie unbedingt wollen, können Sie sich einen davon schnappen und auf Ihrer bevorzugten Route weiterfahren.« Er sah in die Runde, dann fixierte er wieder den Geologen. »Niemand wird Sie daran hindern.«

Sir Archibald blickte sich um und sein rechter Fuß zuckte, als wolle er Speerbergens Vorschlag tatsächlich annehmen. Doch dann presste er seine Lippen zusammen und kletterte als Erster in den Wagen. Die anderen warfen sich belustigte Blicke zu und folgten ihm, und kurz darauf schob Speerbergen den Steuerhebel in die Vorwärtsposition. Der Wagen setzte sich in Bewegung und holperte von der Drehscheibe auf das weiterführende Gleis. Sekunden später war die Höhle in Dunkelheit versunken, und sie ratterten wieder durch einen endlos erscheinenden Tunnel.

Speerbergen musterte das Gesicht der 31-jährigen Allison Winter, die neben ihm stand. Die grüblerischen Falten auf ihrer Stirn verrieten, dass sie sich ihrer selbst nicht so sicher war, wie sie sich gegeben hatte. Wenn sie nur gewusst hätten, wie lange die Fahrt noch dauerte – und was sie an deren Ende erwartete! Diese Ungewissheit war, zumindest für den Informatiker Speerbergen, schlimmer als alle Gefahren, die möglicherweise noch auf sie lauerten.

Er sah sich um: Die anderen hatte es sich wieder auf dem Boden des geräumigen Wagens, der über keinerlei Innenausstattung verfügte, so bequem wie möglich gemacht; lediglich Sir Archibald stand am hinteren Ende und blickte zurück, als ob er einer verpassten Gelegenheit nachtrauere.

Ein Aufschrei Allison Winters ließ Speerbergen herumwirbeln. Eine Woge der Panik türmte sich in ihm auf, als er sah, was der Strahl des Scheinwerfers der Finsternis entriss: Höchstens hundert Meter vor ihnen war der Boden des Tunnels verschwunden; an seiner Stelle klaffte schwarze Leere. Die Schienen führten noch einige Dutzend Meter weiter und endeten dann im Nichts.

Er warf sich auf den Hebel und riss ihn in die Stopp-Position. Der Wagen reagierte sofort und bremste ab, doch es war klar zu erkennen, dass er nicht mehr rechtzeitig zum Stehen kommen würde.

Speerbergen schrie.


2


Ausgeruht und gestärkt durch ein Frühstück, das vom Computer der Star-Gate-Station auf den menschlichen Metabolismus abgestimmt worden war, betrat Lino Frascati in Begleitung von Felicitas, der schwarzen Katze, die Zentrale. Sie hatte nicht viel mit den Zentralen terranischer Raumschiffe oder Raumstationen gemein; es gab nur wenige Kontrollen, und Bildschirme fehlten völlig, doch der ehemalige Konzernchef von Mechanics Inc. wusste, dass der Schein trog – dies hier war tatsächlich das Herz der Star-Gate-Station. Eine Person, die vom Computer als berechtigt anerkannt worden war – und Frascati war

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Tag der Veröffentlichung: 30.08.2015
ISBN: 978-3-7396-1137-2

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