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Sprachlos in Cornwall

 

 

 

Loreen Harper

 

 

 

 

 

 

Roman

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

WIDMUNG





Ziehen manche Menschen das Unglück magisch an?

Kann es gelingen, aus einer ewig erscheinenden Negativspirale auszubrechen?

Es erwartet Dich die Geschichte einer Frau von nebenan, eine Geschichte, die auch dir oder mir so passieren könnte.

Ein Roman, gewidmet allen Rubys da draußen.





PROLOG

 

Der letzte Ton des gesummten Schlafliedes war verklungen.

Der helle Schein des Mondes drang durch die pastellfarbenen Vorhänge des Kinderzimmers. Er legte einen zauberhaften Glanz auf das Gesicht des eingeschlafenen Mädchens. Ihr dunkler Wimpernkranz ergab einen wundervollen Kontrast zur makellosen elfenbeinfarbenen Babyhaut. Ihre vollen blassroten Lippen verzogen sich zu einem zufriedenen Lächeln.

Zärtlich strich die Frau über die rosigen Wangen ihrer Enkelin und zog ihr die Bettdecke noch einmal gerade.

 

Eine Träne suchte sich ihren Weg über ihre Wange, als sie flüsternd zu sprechen begann:

»Möge dein Leben immer so friedvoll bleiben wie in diesem Augenblick. Solltest du dennoch einmal über die Hürden des Lebens stolpern, so merke dir eines:

Liebe, Hoffnung und Vergebung sind die drei Zauberworte, die dir helfen werden, glücklich zu sein.«

 

 

 

 

LUCILLE UND CLARK

Zennor/Cornwall, 1950

 

Es roch nach Herbst. Das langsame und schleppende Klappern der Hufe auf dem Boden, das Schnauben des braunen Wallachs und das Ächzen des maroden Fuhrwerks mit den knarrenden Rädern waren schon von weit her zu hören. Frierend kauerte ein kleiner Junge unter zerrissenen Jutelumpen zwischen ausgeschlagenen Emailletöpfen. Sein Gesicht war gezeichnet von Tränen, die eine helle Spur über sein schmutziges Gesichtchen gezogen hatten. Seine Hände unter seine zerlumpte Jacke zu schieben brachte ihm ein wenig Schutz vor der Kälte. Ein Herbststurm zog vom Atlantik her und drängte immer weiter ins Landesinnere vor.

Der Kutscher hockte zusammengesunken auf dem Bock und hieb mit einem dünnen Stab auf die Flanken des abgemagerten Rosses. Seinen grauen Filzhut hatte er tief in sein gegerbtes Gesicht gezogen. Tief zwischen seinen Schultern eingezogen hielt er seinen Kopf, als würde ihn die Last seiner Sorgen erdrücken wollen. Neben dem Gespann lief eine Frau, eingehüllt in schmutzige Lumpen, einen Schal um ihr strähniges Haar geschlungen. Unter dem langen schwarzen Rock lugten ihre nackten Zehen hervor. Leise stöhnend setzte sie einen Fuß vor den anderen. Immer wieder hielt sie ihre Hände schützend auf ihren Bauch.

Wo auch immer sie entlanggingen, konnten sie die Feindseligkeit der Menschen spüren, riechen.

Kaum erreichten sie ein Dorf, zerrten deren Bewohner ihre Kinder in die Häuser und schlugen ihnen die Türen vor der Nase zu. Obwohl der zweite Weltkrieg schon lange zu Ende war, wurde jeder Fremde mit Argwohn, mit Ängstlichkeit, oft sogar mit Hass empfangen. Niemand war bereit, freiwillig etwas an die Landstreicher abzugeben, die immer wieder in den Dörfern ihr Glück versuchten.

Wie Pfeile bohrten sich die feindseligen Blicke der Dorfbewohner in die Rücken der kleinen Familie, die sichtbar auf deren Mitleid und Hilfe angewiesen war.

Der Mann stieg vom Kutschbock und legte seiner Frau den Arm um die Taille. Ihren Kopf an seine Schulter gelegt, begann sie leise zu weinen. Die tiefen Falten in seinem Gesicht waren der sichtbare Beweis der Herzlosigkeit, die ihnen ständig entgegenschlug. Seit Tagen gab es nichts zu essen; sie wollten nicht viel, doch wenigstens Wasser, Brot und ein trockener Unterstand wären vonnöten gewesen.

Seine Frau würde lieber sterben, als so zu leben, hatte sie ihn am Morgen wissen lassen. Und er? Er fühlte sich so hilflos. Wie ein Versager, der es nicht schaffte, das Wohl seiner Familie zu sichern. Trotz der ausweglosen Situation durfte er den Mut nicht verlieren, er musste seiner Frau und seinem Sohn zumindest ein wenig Schutz für die Nacht bieten. Mit seiner letzten Kraft riss er sich zusammen und nickte ihnen aufmunternd zu. Der arme Mann zählte die Stunden nicht mehr, er hatte jedes Zeitgefühl verloren. Die Hoffnung, seine Familie noch vor Anbruch der Nacht in Sicherheit bringen zu können, schwand mit jedem Schritt. Als ihn sein Sinnieren nach dem Warum unaufmerksam werden ließ, geschah es. Sein Wallach geriet ins Wanken.

Es war das einzige wirklich tiefe Schlagloch auf dem ausgetretenen Weg, das ihnen zum Verhängnis wurde. Als der linke Vorderlauf einknickte, strauchelte das Pferd schmerzvoll wiehernd und brachte die Kutsche mit Poltern und Knirschen zu Fall. Die Töpfe, Decken und die wenigen anderen Güter, die sie besaßen, flogen in den Straßengraben. Der kleine Junge rutschte seitlich vom Karren, rollte die Böschung hinab und verfing sich im Gestrüpp. Mit einem waghalsigen Sprung hatte es seine Mutter gerade noch geschafft, sich vor dem fallenden Gefährt in Sicherheit zu bringen. Kreidebleich war ihr der Schock ins Gesicht geschrieben, als sie ihren Buben aus den dornigen Stauden befreite und an sich drückte. Erst nun spürte sie den stechenden Schmerz im Unterleib und hielt sich eine Hand auf ihren Bauch. Panisch riss sie die Augen weit auf, denn sie wusste, was das bedeutete. Die blutige Schramme an ihrem Arm nahm sie gar nicht wahr.

Fluchend betrachtete der Mann den kaputten Karren. Die Deichsel war gebrochen, es blieb ihm nichts anderes übrig, als das Pferd abzuschirren, das inzwischen wieder auf die Beine gekommen war. Etwas Unverständliches murmelnd, sammelte er alles ein, packte es in die alte Decke und warf sich den Beutel über die Schulter. Er sah den qualvollen Blick seiner Frau und wusste, dass Eile geboten war. Er musste handeln. Rasch handeln. Seine Augen fixierten etwas auf der angrenzenden Wiese. Einen Schuppen. Er konnte ihnen wenigstens ein kleines bisschen Schutz bieten. Bis dorthin mussten sie es schaffen. Er hob seinen Jungen auf das lahmende Pferd und stützte seine Frau, die sich immer wieder vor Schmerzen krümmte, so gut er konnte. Nur noch ein kleines Stück, tröstete er sie. Die Verzweiflung in ihren Augen, die schwerer wog als alles andere, war kaum zu ertragen. Wenig später sank sie erschöpft auf den Scheunenboden. Blut färbte den Strohballen rot.

Zur selben Zeit in Cadgwith

 

Lucille stand am Herd und rührte in der warmen Suppe im Kessel, als die alte Holztür knarrend aufsprang.

Clark, ihr Mann, war nach einer Woche auf dem offenen Meer mit dem Fischkutter nach Hause zurückgekehrt.

Schon als er noch im Türbogen stand, ließen die zusammengezogenen Brauen und der grimmige Blick darauf schließen, dass seine Crew wieder nicht erfolgreich gewesen war. Er musste nichts sagen, ihr war klar, dass das Geld weiterhin knapp sein würde. Einen Festtagsbraten bräuchte sie auch in den nächsten Wochen nicht zubereiten.

Sie wusste, dass ihr Mann die Fischerei hasste. Doch schon sein Vater hatte damit seinen Lebensunterhalt verdient, es gab so kurz nach Ende des zweiten Weltkrieges nicht viele Möglichkeiten, sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. So war es nur logisch, dass er sich seinem Schicksal fügte. Seinen Traum, einmal zur Eisenbahn zu gehen, verwahrte er tief in seinem Herzen. Aufgewachsen inmitten einer Zeit, in der Mord und Totschlag vorgeherrscht hatten, hatte er gelernt, mit sehr wenig auszukommen, und war froh, überhaupt eine Einnahmequelle zu haben. Jeder arbeitsfähige Mann in Cadgwith fuhr mit dem Boot hinaus aufs offene Meer und schuftete als Sardellenfischer. Meist kamen die Mannschaften nur an den Wochenenden nach Hause. Nicht nur die kraftraubende und schwere Arbeit auf See machte ihn mürbe, sondern auch die Tatsache, dass nur wenige von ihnen das Glück hatten, ein eigenes Boot zu besitzen. Die meisten von ihnen heuerten so wie er bei reichen Fischern an und ließen sich für einen kargen Lohn ausnutzen. So erging es auch ihm. Heiß sehnte er den Tag herbei, an dem er sich ein eigenes Fischerboot zulegen könnte und ihm die Halsabschneider den Buckel runterrutschen konnten. Dieser Gedanke war seine Motivation in den tristen Phasen wie dieser. Auf gar keinen Fall wollte er länger von der unfairen Bezahlung der Großfischer abhängig sein. Immer wieder hatte er in der letzten Zeit den Inhalt seiner Spardose auf den Tisch geleert, doch mit den Half-Pennys und den vereinzelten Pennys würde es wohl noch einige Zeit dauern, bis es so weit war.

Mürrisch ließ er seine schweren Stiefel fallen, die mit einem dumpfen Laut im Eingangsbereich liegen blieben. Lucille zog es vor, nichts zu sagen. Sie kannte ihn, er musste erst zur Ruhe kommen, bevor sie ein einigermaßen normales Gespräch beginnen konnte. Schwungvoll rückte er sich einen Stuhl zurecht und nahm hinter dem massiven Holztisch Platz. Er war ein Bild von einem Mann. Sein gewelltes schwarzes Haar fiel im neckisch in die Stirn und verleitete dazu, es ihm liebevoll herauszustreichen.

Es war schon lange her, seit sie seine wunderschönen dunklen Augen vor Freude oder Schalk blitzen gesehen hatte. Aber wenn, dann funkelten sie wie blank geschliffene Edelsteine. Sie hatten die Gabe, schon zu lächeln, bevor die restliche Mimik mithalten konnte. Wenn sich die jungen Mädels im Dorf den Hals nach ihm verrenkten und er sich eitel in dieser Bewunderung aalte, tat sie jedes Mal so, als ob sie es nicht bemerken würde. Aber eines hatte er: Ehrgefühl und Anstand. Seit er ihr vor einem Jahr in der Dorfkirche das Ja-Wort gegeben hatte, hatte er nur noch Augen für sie. »Bis der Tod euch scheidet«, hatte er ihr vor einem Jahr geschworen. »In guten wie in schlechten Zeiten …«

Es duftete angenehm nach Kartoffelsuppe und Cornish Pasty, die sie wieder einmal ohne das notwendige Rinderhack zubereitet hatte. Fleisch zu kaufen war ein seltener Luxus in ihrem Leben. Wenn er erst sein eigenes Boot hätte, dann würde vielleicht auch mehr Wirtschaftsgeld übrig bleiben, um besser einkaufen zu können. Das wärmende Feuer im offenen Kamin und das warme Gefühl im Magen nach dem Verzehr seines Lieblingsessens schafften es, sein Gesicht zu erhellen. Knurrend wie ein zufriedener Grizzly legte er sich nach dem Essen auf das Canapé und sah ihr zu, wie sie den Abwasch erledigte.

Lucille liebte ihren Mann, sein Aussehen, sein Wesen, seinen weichen Kern, den er so oft versteckte. Diesen liebevollen Teil tief in ihm, der leider viel zu selten zum Vorschein kam, weil er von dem harten Panzer umgeben war, den er sich im Laufe seines Lebens zugelegt hatte. Auf das, was jetzt folgen würde, war sie trotzdem nicht erpicht. Sie konnte in seiner Mimik lesen wie in einem offenen Buch. Schon stand Clark auf, legte ihr einen Arm um die Hüfte und schob sie sanft aus der Küche. Mit der anderen Hand drückte er auf den Lichtschalter und zog sie in die angrenzende Kammer.

Ihr war nur zu klar, was das bedeutete. Sie waren immer noch kinderlos. Sein vorwurfsvoller Blick gepaart mit verletztem Stolz, mit dem er sie Monat für Monat bedachte, hatte sich fest in ihr eingefressen. Ohne es je ausgesprochen zu haben, wusste sie doch, dass er ihr die Schuld daran gab, noch immer nicht schwanger zu sein. Sie selbst hatte die Männer des Dorfes vor der Kneipe lästern hören. ›Schlappschwanz‹, ›warmer Bruder‹ und ›Pantoffelheld‹ wurde er genannt. Alle Männer im Dorf waren Väter. Die meisten von ihnen waren zwanzig, dreißig Jahre älter als er, doch gerade deshalb sollte es für ihn als Jungspund wohl zu schaffen sein, seiner ›Alten einen Balg anzubauen‹ … Wahrscheinlich hatte er diese derben Sprüche auch selbst schon zu Ohren bekommen.

Ohne viele Umschweife verlangte er von ihr, sich zu entkleiden. Er drehte ihr den Rücken zu, als er aus seinem karierten Flanellhemd und der Arbeitshose stieg. Rasch schlüpfte sie unter die Bettdecke, es war ihr unangenehm, nackt vor ihm zu stehen. Ohne langes Drumherum degradierte er das, was eigentlich ein liebevoller und intimer Akt sein sollte, zur Pflichtübung. Nur wenige Minuten waren es, in denen sie mit zusammengebissenen Zähnen darauf wartete, bis er fertig wurde. Es war ihm völlig einerlei, ob schöne Empfindungen dabei auf der Strecke blieben oder gar nicht erst aufkamen. Es gab für ihn Wichtigeres als Lustempfinden, er wollte endlich Vater werden.

Wenn er wüsste, dass sie selbst gar nicht so unglücklich ob der Tatsache war, noch nicht Mutter zu sein, wäre das wohl das Aus für ihre kurze Ehe.

Sie war doch noch so jung, gerade einmal zwanzig Jahre alt. Sie war doch nicht so früh ihrem Elternhaus entkommen, um hier als verhärmte Hausfrau und Mutter zu verkümmern. Sie hatte doch romantische Träume.

Immer noch lagen sie nackt im Bett, Clark hatte sich bereits umgedreht und schlief den Schlaf der Gerechten, als sie ihre Gedanken etwa drei Jahre zurück in die Vergangenheit lenkte.

Im Vergleich zu diesem Dorf empfand sie ihr ehemaliges Zuhause als regelrecht städtisch. Sie kam aus einem Vorort von St. Ives, etwa dreißig Meilen nördlich, an der entgegengesetzten Küste von Cornwall. Sie war gerade auf dem Weg von der klösterlichen Lehrwerksatt nach Hause gewesen, als ihr klappriges Fahrrad schlapp machte. Wie der Phönix aus der Asche stand plötzlich Clark vor ihr. Mit dem süßesten Augenaufschlag, den sie je gesehen hatte, nahm er ihr das Fahrrad aus der Hand und flickte geschickt den platten Reifen. Verzückt von seiner Hilfsbereitschaft und seinen geschickten Händen verwickelte sie ihn in einen kurzen Smalltalk.

»Wie heißt du überhaupt?«

»Clark, und du?«

»Lucille. Ich war auf dem Weg nach Hause, als das blöde Ding schlappmachte.«

»Du wohnst hier in der Gegend?«

»Ja, nur wenige Meilen entfernt, und du?«

»Ich hatte hier zu tun, wohne aber weiter unten in Cadgwith. Kennst du es vielleicht?«

»Nein!«

»Ist nett dort. Ich muss dann wieder. Vielleicht auf ein anderes Mal«, sagte er und wischte sich mit seinen schmutzigen Händen über die Hose. Sie sah ihm noch nach, als er in den Bus stieg, und setzte sich auf ihr Rad. Mit einem breiten Lächeln ob der netten Begegnung trat sie in die Pedale.

Wann immer sie diesen Platz in den nächsten Wochen betrat, dachte sie wehmütig: aus den Augen, aus dem Sinn. Diese wenigen Minuten hatten sie verzaubert. Er hatte sie verzaubert, das Glitzern in seinen Augen, das schelmische Lächeln, das sie nicht mehr vergessen konnte. Eines Tages nahm sie denselben Bus, in den er damals eingestiegen war. Sie nannte dem Busfahrer ihr Ziel, löste das Ticket und lauschte in der hintersten Bankreihe dem lauten Klopfen ihres Herzens.

Was war sie damals begeistert von dem verschlafenen kleinen Ort gewesen, in dem es schien, als wäre die Zeit stehen geblieben. Als sie am Hafen entlangschlenderte, sah sie ihn dort bei den Fischerbooten, als er gerade dabei war, die Netze zusammenzulegen. Als hätte er gespürt, dass sie näher kam, sah er von der Arbeit auf. Es reichte ein kurzer Blick und es war um sie beide geschehen. Wie ein Blitz durchfuhr sie das Gefühl, sich schon ewig zu kennen.

Immer wieder in den nächsten Wochen zog es sie in das kleine Kaff im äußersten Süden von Cornwall. Küssend und Händchen haltend verging ihnen die Zeit wie im Fluge. Es war Ehrensache für ihn, sie nicht zu mehr zu drängen. Ihrer beider strenge christliche Erziehung gebot es ihnen, mit weiteren körperlichen Kontakten bis zur Ehe zu warten. Ihr war das nur recht, auch sie wollte sich damit Zeit lassen, bis sie sich bereit dazu fühlte. Wann das sein würde, konnte sie nicht erahnen. Liebevoller Umgang miteinander und Zärtlichkeiten waren bei ihr zu Hause kein großes Thema gewesen, so hatte sie sie weder intensiv erfahren noch ein großes Bedürfnis nach diesen Körperlichkeiten.

Als sie dann die Abschlussprüfung zur Hauswirtschafterin in Händen hielt, gab es für sie kein langes Überlegen mehr. Sie packte ihre wenigen Habseligkeiten und zog in das Dorf ihres Traummannes, wo sie als Näherin in einer kirchlichen Einrichtung unterkam. Dort war sie ihm nahe. Blauäugig, nur aufgrund der wenigen gemeinsamen Stunden, glaubte sie zu wissen, dass er der Mann ihres Lebens war.

Es dauerte nicht lange und sie musste schmerzlich erkennen, dass ihre Träumereien und die Realität sehr weit auseinandergingen. So schön, wie sie es sich ausgemalt hatte, war ihr Neubeginn bei Weitem nicht. Sie, die ›Zugereiste‹, hatte es nicht leicht, sich unter den argwöhnischen Blicken der Dorffrauen zu etablieren. Schon in den ersten Monaten ihres Zusammenseins brach eine Flut von Gehässigkeiten auf sie herein. Ganz bewusst begannen die Weiber schon zu schimpfen, wenn sie noch in Hörweite war.

»Es gibt so viele hübsche Frauen im Dorf, wofür musste Clark eine Fremde hierher zerren«, hörte sie sie keifen.

»Die glaubt wohl, dass sie etwas Besseres ist, nur weil sie für fremde Leute arbeitet. So ein Firlefanz. Die muss sich erst noch in einem eigenen Zuhause beweisen, so eine ›Hochgestochene‹ brauchen wir im Dorf nicht!« Anfangs ärgerte sie sich sehr über den offensichtlichen Neid der Frauen. Keiner von ihnen war es möglich gewesen, einen Beruf zu erlernen. Sie alle waren viel älter als sie selbst. Die jungen Frauen dagegen hatten seit Kriegsende das Dorf längst verlassen, um ihr Glück in einer weniger verschlafenen Gegend zu finden. Sie, die Alten, kannten nichts anderes, als im Haushalt, in den Gärten und Äckern zu schuften. All jene, die selbst noch erziehende Mütter und nicht schon Großmütter waren, hatten selbstverständlich mit ihren Sprösslingen Arbeit bis über beide Ohren. Es war für sie ganz normal, sich in die Pflicht ihrer Männer zu stellen und ihnen zu dienen, sie zu umsorgen, sich ihren Bedürfnissen unterzuordnen, indem sie die Haushaltsführung übernahmen.

Jedes gehässige Wort gegen sie traf sie wie ein Stich mitten ins Herz! Sie hatte ihnen nichts getan, wurde aber wie ein Feind behandelt.

Niemals hätte sie es gewagt, offiziell bei Clark in seinem Haus zu wohnen, so blieb sie nur ab und zu heimlich über Nacht, um zumindest ein paar Schmusestunden mit ihrem Liebsten verbringen zu dürfen.

Mit jedem Mal, bei dem man sie bei ihm ein und aus gehen sah, wurden die Tuscheleien und Mutmaßungen gehässiger.

»Die beiden werden doch wohl nicht schon vor der Ehe …« war wohl deren größtes Problem.

»Sie werden doch wohl nicht in Sünde zusammenleben?» Erst Monate später, als sie heirateten, war der Dorffriede wiederhergestellt.

»Zumindest haben sie Anstand«, wurde gemurmelt.

Als Mr. und Mrs. Whineburg gab es für Lucille nun kein Zurück mehr. So wenig es sie gestört hatte, bis zur Hochzeit mit dem Vollzug ihrer Liebe warten zu müssen, so sehr hatte dieses Warten ihren Mann gequält.

Noch am Tag der Eheschließung forderte er sein Recht ein. Es war das erste Mal, dass sie seine gebieterischen Züge kennenlernte. Sehr bestimmt ließ er sie spüren, wer in ihrer Ehe das Sagen haben würde. Sie hatte gar keine Chance, ihm zu erklären, dass sie sich fürchtete und eine Scheu vor dem Ausleben ihrer Sexualität hatte…

In den ersten Monaten ihrer Ehe schob sie ihre fehlenden Emotionen dabei noch auf ihre Unerfahrenheit, doch auch später konnte sie keinen Gefallen daran finden.

Leise, um ihren Mann nicht zu wecken, stand sie auf und schlüpfte in das lange Nachthemd. Sie hasste es, nackt zu sein, sie fühlte sich schmutzig dabei. Auf diese Art ausgeliefert zu sein, sich nicht wehren zu können, machte ihr Angst.

Tag für Tag ertrug sie den mechanischen Vorgang der Nachkommenszeugung mit angehaltenem Atem. Während der ganzen Zeit ihres noch kurzen gemeinsamen Lebens wäre es ihr nie in den Sinn gekommen, diesem Akt etwas Schönes abzugewinnen. So also fühlte sich eheliche Liebe an? Ab in die Kammer, Lampe auslöschen, Decke hochziehen, Nachthemd aufrollen, Augen zu und durch. Niemals war er grob zu ihr. Nein, er war auf seine ganz eigene, ungelenke Art zärtlich zu ihr, und doch hatte er nicht das nötige Einfühlungsvermögen dafür, sich in sie hineinzuversetzen und auf sie einzugehen. Immer wieder fielen ihr die Erzählungen ihrer Freundinnen aus der Heimat ein, die sich nicht bis zur Ehe aufgespart hatten. Es war ihr schleierhaft, warum die so ein Getue darum gemacht hatten. Lag es an ihr oder würde sich das irgendwann im Laufe der Jahre geben?

Inzwischen waren sie nun bereits mehr als ein Jahr ein Ehepaar und sie konnte immer noch nicht mit der freudigen Nachricht dienen. Ihr graute bereits vor den Abenden, an denen er ihre Hand nahm. Sie hasste es, als Frau funktionieren zu müssen, wenn Clark sein Recht einforderte. Warum nur reichte ihm das positive emotionale Miteinander nicht aus, warum mussten Männer lustgesteuert sein, fragte sie sich immer wieder.

 

Der nächste Tag war wunderschön sonnig und der Anblick der frischen Triebe und Blüten der Sträucher vertrieb ihre düsteren Gedanken. Der Duft von Frühling wehte durch das offene Fenster, auf dessen Brett der kleine batteriebetriebene Weltempfänger stand. Wann immer sie Zeit hatte, wiegte sie ihre Hüften zu den kratzenden Klängen der Volkslieder, die ihr Gesicht erstrahlen ließen. Mit Wehmut dachte sie dabei an die lustigen Stunden mit ihren Mädels, als sie sich damals auf den Volksfesten vergnügt hatten. Clark hatte keinen Sinn für solchen Firlefanz. Nie würde es ihm einfallen, das mühsam verdiente Geld für solche Absurditäten wie Tanzveranstaltungen auszugeben. Trotzdem hatte er ihr zum Geburtstag, quasi als Trostpflaster, das kleine Radio geschenkt. Sie hütete es wie einen Schatz.

Geistig noch gefangen in den wohlklingenden Melodien, hatte sie nicht bemerkt, dass die Musik längst von den Nachrichten abgelöst worden war. Gerade als sie sich endlich wieder ihrer Hausarbeit zuwenden wollte, spitzte sie die Ohren und trat näher an das Radio heran. Mit Bedacht darauf, es nicht zu verschieben, um den Empfang nicht ganz zu verlieren, drehte sie es lauter. Interessiert lauschte sie der sonoren Männerstimme:

 

»Am frühen Abend wurde in einem verlassenen Heuschuppen in Zennor ein Findelkind gefunden. Das kleine Mädchen ist wohlauf. Die ärztliche Untersuchung ergab, dass es maximal drei Tage alt ist. Es wird gemutmaßt, dass die Landstreicher, die vor wenigen Tagen durch die Dörfer zogen, es einfach zurückgelassen haben …«

 

»Das arme Baby, wie kann man bloß so herzlos sein und es einfach aussetzen! So eine Schweinerei. Dieses Würmchen kann doch nichts dafür, dass es in diese Welt geboren wurde. Im Waisenhaus ist es wenigstens sicher und muss nicht frieren«, schimpfte sie laut vor sich hin. Kopfschüttelnd vor so viel Verantwortungslosigkeit drehte sie das Radio ab und machte sich über den überquellenden Bügelkorb her.

 

Es war bereits dunkel, als Clark leicht taumelnd die Stube betrat. Er, der normalerweise Alkohol zutiefst verabscheute, hatte sich von seinen Kollegen zu einem Umtrunk überreden lassen. Endlich hatten sie wieder einmal Grund zu feiern gehabt. Ein riesiger Schwarm war ihnen in die Netze gegangen. In seinen Augen leuchteten förmlich die Pfundzeichen, als er in beiden Händen die schwer verdienten Geldscheine schwenkte. Sie lächelte ihn an, während er sie in seiner beschwingten Laune mit beiden Händen umfing und sich mit ihr auf das Canapé fallen ließ.

»Lucille, mein Weibchen! Komm her zu mir. Morgen gehen wir einkaufen. Es reicht locker noch einmal für ein saftiges Stück Fleisch. Und du, du darfst dir beim Krämer etwas Schönes aussuchen.«

Ihr war seine alkoholgeschwängerte Gefühlsseligkeit richtiggehend unangenehm. Als er sie noch fester an sich zog, ließ sie sich gespielt erfreut auf seine tollpatschige Art, sie zu küssen, ein. Sie schaffte es nicht, ihn jetzt, da er einmal euphorisch war, zu brüskieren, indem sie sich ihm entzog. Es war ja genau dieses Blitzen in seinen Augen, das sie so sehr an ihm mochte, aber mehr und mehr vermisste.

Später, sie hatte sich wieder angezogen, säuselte er ihr zu:

»Mein Weibchen, wir warten doch schon so lange darauf, endlich Eltern zu werden.«

»Was willst du mir damit sagen?«

Abrupt richtete sie sich auf. Wie sie es hasste, immer und immer wieder darauf angesprochen zu werden. Nicht nur dass sie sich wie eine Maschine fühlte, die man benutzte und wieder weglegte, gab er ihr auch das Gefühl, sie allein wäre schuld daran, dass seine Hoffnungen sich nicht erfüllten.

»Hast du von diesem Findelkind gehört?«

»Das aus dem Radio? Ja, eine schreckliche Geschichte. Und? Was ist damit?«

»Was wäre, wenn wir beide …?«

Mit Zeigefinger und Daumen hielt er zart ihr Kinn fest und zwang sie so, ihm in die Augen zu sehen.

»Clark, bist du nun total verrückt geworden! Wie stellst du dir das denn vor?«

Sein Blick verriet ihr, dass sie nicht mehr zu fragen brauchte. Er hatte sich bereits entschieden. Sie war fassungslos.

»Schau. Niemand kann sagen, wie lange es noch dauern kann, bis du schwanger wirst, und ich bin den Spott meiner Kollegen so leid. Ich will endlich Vater werden.«

Verräterisch pochte es an seinen Schläfen. Sie kannte es gut. Es war sein sichtbares Zeichen tiefer Emotionen, die er nicht auszusprechen wagte. Unfähig, darauf zu reagieren, raffte sie ihre Kleidung zusammen und schlüpfte in Rock und Bluse. Als ihr Blick auf seine sauber gefaltete Wäsche fiel, ärgerte es sie noch mehr, dass offensichtlich nichts an ihm spontan, unüberlegt oder gar gefühlgesteuert war. Wie sonst gelang es ihm, beim ungeplanten Těte-à-těte daran zu denken, seine Socken ordnungsgemäß zu falten? Ihm ging es seit Monaten einzig und allein um das leidige Thema Schwangerschaft. Gäbe es doch einfach diesen blöden Sex und den Zwang, ein Kind zu zeugen, nicht, verbände sie eine Liebe, wie sie sie sich vorgestellt hatte. Er war ein toller Mann, attraktiv, ehrgeizig, die anderen Frauen beneideten sie um ihn.

Als wäre sie auf der Flucht, riss sie die Strickjacke vom Haken und schon fiel die Tür hinter ihr ins Schloss.

Noch nie zuvor hatte sie einfach wortlos das Haus verlassen. Wie heiße Glut loderte es in ihrem Kopf und das flaue Gefühl in ihrer Magengegend verstärkte sich von Minute zu Minute. Hätte es die kühle Nachtluft nicht geschafft, ihre aufgeschaukelten Emotionen ein klein wenig einzubremsen, wäre sie übergekocht. Ohne auf den Weg zu achten, marschierte sie drauf los und blickte erst hoch, als sie am anderen Ende des Dorfes angelangt war. Mitten auf der Landstraße, exakt vor dem Richtungspfeil nach Zennor. Genau dort war laut Radiobericht das Waisenhaus, in dem das Findelkind versorgt wurde. Verwirrt ließ sie sich im feuchten Gras nieder und rief sich die letzte Stunde noch einmal ins Gedächtnis. Es war die Mischung aus Hoffnung und Bestimmtheit in seinen Augen, die ihr Kummer bereitete. Sie lehnte sich an einen der Baumstämme, die die Straßenböschung zierten. Nur das monotone Hämmern eines Spechtes war zu hören. Wieder tauchte sie in ihre Gedanken ab.

Clark kam aus einer Großfamilie, und trotz seiner schwierigen Kindheit inmitten des zweiten Weltkrieges und der Nachkriegswirren der heutigen Zeit, die sein Leben geprägt hatten, war es genau das, was auch für ihn Familie bedeutete. Warum verstand er nicht, dass sie andere Vorstellungen hatte, dass sie keine Kinder für ihr Glück brauchte? Merkte er denn nicht, dass dieser krampfhafte Geschlechtsakt sie inzwischen eher voneinander entfernte, anstatt sie zu verbinden? Dass sie sich zudem vor der Verantwortung fürchtete, die ein Kind mit sich brachte?

Tok-Tok, Tok-Tok-Tok, ertönte es hoch über ihr im stets gleichen Takt, immer und immer wieder. Ihr Herzschlag erhöhte sich, ihre Handflächen wurden feucht, als sich im selben Rhythmus Worte in ihrem Kopf formierten. »Mach es. Alles wird gut.« Wie die glasklare Luft nach einem reinigenden Gewitter zum Durchatmen einlud, zerrissen in ihr plötzlich die Kummerwolken und machten einer leuchtenden Erkenntnis Platz.

Es war genau sein aberwitziges Vorhaben, das ihr die Lösung ihres eigenen Dilemmas bringen würde. Wenn sie seinem Plan zustimmen würde, hätte das unliebsame Abendprogramm ein jähes Ende, und diesem Findelkind würde sie immerhin besser gerecht werden, als es ein Waisenhaus könnte. Fröstelnd sinnierte sie noch eine Weile in die inzwischen stockdunkle Nacht. Sie wusste, wie sie sich entscheiden würde.

Festen Schrittes machte sie sich auf den Weg zurück in ihr Dorf. Hörte sie da Vogelgezwitscher oder waren diese fröhlichen Töne nur in ihrem Kopf? Begleitet von einer Leichtigkeit, die sie zuletzt zu Hause in ihrer Heimatstadt empfunden hatte, als sie noch sorglos durchs Leben ging, trällerte sie ein beschwingtes Liedchen vor sich her.

 

Von weit her schon konnte sie sehen, wie das Licht, das durch das kleine Fenster ihres Wohnraumes fiel, den Vorgarten beleuchtete. Er war also noch wach. Sie malte sich aus, wie er wohl reagieren würde, wenn sie das Haus betrat. Entweder war er wütend, weil sie einfach weggelaufen war, oder er machte sich Sorgen um sie. Schließlich war es für ihn alles andere als normal, wenn sie als Frau alleine durch die Finsternis irrte. Am wenigsten glaubte sie daran, dass er die Schuld für ihre Flucht bei sich suchen würde.

Als sie die Klinke drückte, ertönte das bekannte Ächzen der Tür. Das Haus lautlos zu betreten, um ihn, falls er doch schon eingeschlafen war, nicht zu wecken, war nicht möglich. Vorsichtig betrat sie den Raum, zog ihre Jacke und Schuhe aus und betrat den Wohnraum.

Er schlief nicht. Zusammengesunken, seinen Kopf auf den verschränkten Armen abgelegt, saß er am Küchentisch. Irritiert bemerkte sie seine bebenden Schultern und trat behutsam an ihn heran. Alles außer dem Anblick, der sich ihr bot, hätte sie erwartet. Herzzerreißend schluchzend, weinte er hemmungslos. Noch nie hatte sie ihren starken, stolzen Clark so verzweifelt erlebt. Hilflos stand sie vor ihm und wusste nicht, ob sie ihn einfach in den Arm nehmen, ihn trösten, oder darauf warten sollte, bis er zu reden begann. Zart strich sie über sein Knie, als sie sich vor ihn hinhockte. Mit rot geränderten Augen, inzwischen tränenlos, nahm er sie in den Arm.

»Du bist wieder da. Ich hatte schreckliche Angst, dich zu verlieren. Dich mit meiner fixen Idee, endlich Vater zu werden, verscheucht zu haben.«

Nur schluchzend und gestammelt erreichten seine Worte ihr Ohr.

»Ja. Ich bin wieder da und du bedeutest mir unheimlich viel.«

Der tiefe Blick in seine Augen rief ihr den Grund ins Bewusstsein, warum sie damals hierhergezogen war. Seine Augen strahlten wieder die gleiche Tiefgründigkeit aus, die ihr am Anfang ihrer Beziehung Schmetterlinge im Bauch beschert hatten. Damals konnte sie noch nicht ahnen, dass ihre Gefühle durch den Druck der Familienplanung eine ganz andere Färbung bekommen würden. Natürlich waren es immer noch sehr tiefe Emotionen, die allerdings nicht immer in die selbe Richtung liefen wie die ihres Mannes. Trotzdem fühlte sie sich in diesem Moment sehr eng verbunden mit ihm.

»Clark!«

»Ja?«

»Ich bin einverstanden.«

Ungläubig strich er ihr über die Wangen.

»Wirklich?«

Wären seine Gedanken sichtbar, könnte er sie dabei beobachten, wie sie kreuz und quer flitzten. Blitzartig malten sie sich eine mögliche Zukunft aus.

»Bist du dir bewusst, was du da sagst, ist dir klar, was das bedeutet?«

»Ja. Ich habe viel nachgedacht während der letzten Stunden.«

»Bist du dir ganz sicher?«, hakte er noch einmal nach.

Mit der flachen Hand schlug sie bekräftigend auf seine Brust, während ihr tiefer Seufzer im Raum verklang.

»Holen wir uns dieses Findelkind! Es wird unseres sein. Danach können wir immer noch irgendwann eigene Kinder bekommen.«

Nun weinte auch sie, als er ihr ins Ohr flüsterte:

»Ja, das werden wir.«

 

Wenige Wochen später

 

Emsig und mit fast kindlicher Vorfreude, als würden sie einen Streich aushecken, waren sie seit jenem verhängnisvollen Abend dabei, ihr Häuschen kindgerecht zu gestalten. Beschwingt kletterte er auf den Dachboden und schleppte die geschnitzte Holzwiege, in der schon er selbst gelegen hatte, in den kleinen Wohnraum. Sie selbst nutzte jede freie Minute ihrer Zeit, um aus einer Garnitur Bettwäsche Polster und ein Federbett für die Wiege zu fertigen. Ein altes Stück Inlett, das sie zuunterst im Flickkorb fand, kam ihr gerade recht. Darin nähte sie die dicke gewirkte Decke ein und funktionierte sie zur Matratze um. Vorsorglich gehacktes Holz stapelte sich neben dem Kamin, um es warm genug für das Baby zu haben. Wie ein Schwamm saugte sie aus den alten Wirtschaftsbüchern ihrer Großmutter alles notwendige Wissen auf, das sie benötigen würde, wenn das Baby erst einmal im Haus war. Mit eifriger Geschäftigkeit versuchte sie die immer wieder auftretenden Zweifel ihrer Entscheidung zu ignorieren. Wie nach einem gelungenen Schachzug überzog ein zufriedenes Grinsen ihr Gesicht, wann immer ihr die Täuschung mit dem gehäkelten Zierpolster unter der Kittelschürze gelang. Zufrieden stellte sie fest, dass die Bäuerinnen und Fischersfrauen ihr verstohlen auf den Bauch gafften und hinter ihrem Rücken zu tuscheln begannen. Es war wie ein strategisches Spiel für sie. Ein Spiel mit ungewissem Ausgang.

Clark informierte seinerseits seine Kollegen zeitgerecht darüber, dass sie einige Tage verreisen würden, um an einer Familienfeier teilzunehmen. Er freute sich wie ein Schneekönig auf den Tag, an dem er verkünden könnte, endlich Vater zu sein. Er wollte endlich ein Kind aus Fleisch und Blut vorweisen können. Für sie war diese Aktion einzig und allein Mittel zum Zweck.

 

Mit einem bestätigenden Blick in die Augen standen sie am Tag X vor dem großen alten Haus. Wuchtig und übermächtig, wie es war, machte es ihnen Angst. Das Grummeln in den Gedärmen, die feuchten Hände und der erhöhte Pulsschlag waren ihre Begleiter in eine ungewisse Zukunft. Wie zur Bekräftigung, dass sie das Richtige taten, drückte Clark ihre Hand, als sie das Gebäude betraten. Mitten in der Empfangshalle hing ein großer achtarmiger Messinglüster. Die Fliesen waren wie ein Mosaik verlegt. Ihr Blick wanderte weiter, den endlos erscheinenden Gang entlang, an dessen Ende sich eine Tür öffnete.

Eine züchtig in schwarz gekleidete Nonne trat heraus, begrüßte sie mit einem angedeuteten Nicken und führte sie sofort in das Büro der Äbtissin. Am Tag zuvor hatten sie bereits ein Gespräch bei dem zuständigen Stadtamt geführt, wo sie einige Unterschriften zu leisten hatten. Danach ging alles ganz schnell. Es folgte ein kurzer Austausch mit der Mutter Oberin, die ihnen gute Wünsche mit auf den Weg gab und sie ohne weitere aufwendige Bürokratie ins Säuglingszimmer führte. Mit den Worten »Mr. und Mrs. Whineburg, sie dürfen die Kleine mitnehmen«, drehte sie sich um und verließ geschäftig das Zimmer. Es gestaltete sich nicht schwieriger, als beim Krämer im Dorf ein Pfund Kartoffeln zu kaufen. Zusätzlich zur Ausstattung mit Babykleidung und Milchfläschchen packte man ihnen noch ein kleines Plüschhäschen ein.

Bereits wenige Minuten später standen sie als frischgebackene Eltern wieder vor dem Haus und wurden ihrem Schicksal überlassen. Sie wurden das Gefühl nicht los, dass es dem Waisenhaus ganz recht war, so schnell ein junges Paar gefunden zu haben und damit schlicht und ergreifend einen Kostenfaktor losgeworden zu sein.

Unsicher und nun doch überrumpelt schauten sie auf das entzückende Menschenkind. Mit großen dunkelbraunen Augen blickte die Kleine aus dem Korb. Ihre Arme und Beine waren fest in eine Decke gewickelt. Unter dem weißen Häubchen lugte eine Fülle tiefschwarzer Haare hervor. Ihr Gesichtchen war von einem so gesunden Teint, wie sie ihn nur von den Bauern kannten, die den ganzen Sommer lang auf ihren Feldern arbeiteten. Dieses kleine Würmchen wusste nichts davon, wie es zu seiner Familie kam. Es legte sein Schicksal in die Hände dieser beiden Menschen.

 

Nun waren sie also Dad Clark und Mum Lucille. Zwar begann sich der eigenartige Klumpen in ihren Mägen ein klein wenig aufzulösen, aber was sie wirklich fühlten, ließ sich nicht beschreiben. Sollten sie jetzt nicht von Elternliebe durchflutet werden? Unsicher und ein wenig unbeholfen berührte er das kleine Mädchen, strich ihr zart über die Wange. Süß verzog es seinen kleinen Mund, als wollte es lächeln, was in ihm einen Bann brechen lies. Zuversicht machte sich in seinem Blick breit.

Sie selbst jedoch wurde überspült von der Welle ihrer ganzen Naivität, die ihr mit einem Male bewusst wurde. Sie war so jung, hatte keine Ahnung, was auf sie zukommen würde. Als hätte sie die ganze Zeit einen Schatten vor den Augen gehabt, klarte sich ihr Blick nun schlagartig auf und ihr wurde bewusst, dass sie aus einer eigensinnigen Laune heraus eine lebenslange Verantwortung auf sich genommen hatte. Sehr unsicher sagte sie:

»Machen wir das Beste draus!«

Bekräftigend nickte Clark: »Versuchen wir, ihr ein schönes Leben zu bieten.«

Sorgsam befestigten sie den Babykorb auf der Rückbank des Autobusses und traten eine schweigsame Heimfahrt an.

Mit den Worten »Ja, das werden wir!« wollte sie wohl die überwallende Angst vor der Zukunft verscheuchen.

 

Die Luft war geschwängert vom Duft unzähliger Blüten. Die Natur war zur vollen Pracht erwacht. Das fröhliche Zirpen der Zilpzalpe, die pausenlos ihren eigenen Namen riefen, spiegelte Clarks zufriedenes Strahlen wider.

Mit einem schmatzenden Kuss verabschiedete er sich und machte sich mit ein paar Flaschen Portwein in der Tasche auf den Weg in die Dorfkneipe. Ganz gegen seine Gewohnheiten hatte er zu einem kleinen Fest unter den Dorfmännern geladen. Er selbst hasste diese Trinkgelage, doch diesmal war es ihm ein Bedürfnis, nicht nur dabei, sondern als wichtigste Person mittendrin zu sein und sich feiern zu lassen.

Kaum hatte er die Tür, ertönte es im Chor:

»Auf Clark Whineburg! Darauf, dass er endlich ein richtiger Mann ist!«

Sie waren alle gekommen. Um die Theke und an den Tischen versammelten sich die meisten seiner Kollegen und auch einige Männer aus der Nachbarschaft. Pete, der Mann, der ihn am meisten aufgezogen und mit seinen gehässigen Sprüchen verletzt hatte, klopfte ihm gönnerhaft auf die Schulter.

»Ich habe euch immer gesagt: ›Mann‹ muss nur warten können«, konterte er und drehte seinem größten Widersacher provokant den Rücken zu. Mit freudigem Funkeln in den Augen verkündete er in die Runde:

»Es ist ein Mädchen, wunderhübsch und kerngesund!«

Feucht-fröhlich machte der Portwein seine Runden, als sie ihn feierten.

 

Er hatte sich so sehr auf diesen Triumph gefreut, wie ein Kind hatte er ihr immer wieder den geplanten Ablauf vorgebetet und betont, wie sehr es ihn freute, endlich seine Ruhe vor Pete zu haben. Sie gönnte es ihm. Von ganzem Herzen.

Sie dagegen war seit dem verhängnisvollen Tag in ein emotionales Loch gefallen. Kein Hochgefühl wollte sich einstellen. War der Preis, den sie zahlen musste, zu hoch? Zwar hatte sie ihr Ziel erreicht, der tägliche programmhafte Beischlaf war Geschichte, aber warum war sie trotzdem nicht glücklich? Es zu benennen, war schier unmöglich. Plötzlich Mutter zu sein, die Verantwortung für ein Menschenkind zu tragen, war ungleich schwerer, als sie es sich in den schlimmsten Träumen hätte vorstellen können. Immer wieder verdrängte sie die aufkommende Panik, nicht zu wissen, was zu tun war. Gähnend schrak sie auf, wann immer das Baby zu schreien begann. Mit, von dem bleichenden Waschmittel roten Händen, trug sie die Kleine zwischen den Mahlzeiten im Raum auf und ab. Mit rot geränderten Augen musste sie sich eingestehen, es sich viel einfacher vorgestellt zu haben. Doch nun war es zu spät. Am meisten erschrak sie über ihre emotionale Distanziertheit, die sie keine echten Empfindungen für das ewig schreiende kleine Bündel aufbringen ließ. Es war ihr nicht möglich, Muttergefühle zu entwickeln. Die Kleine blieb ihr in einem gewissen Maße fremd.

 

Clark hatte es bald nach seiner Feier in der Dorfkneipe vorgezogen, sich aus dem Dorfleben zurückzuziehen. Er fand ein kleines Häuschen abseits des Dorfes in einigem Abstand zu den anderen Bewohnern, in das sie umzogen. Zu sehr fürchtete er sich davor, dass ihm die Dörfler auf die Schliche kommen würden. Ihr selbst war das ganz recht. Ständig beobachtet zu werden, die argwöhnischen Blicke der erfahrenen Hausfrauen und Mütter und diese unglaubliche Verbohrtheit der Dorfbewohner zu spüren, all das blieb ihr so wenigstens etwas erspart. So etwas kannte sie von ihrer Heimatstadt nicht. Und auch Clark, der inmitten dieser Strukturen aufgewachsen war, wurde dieses scheinheilige Getue erst nun so richtig bewusst. Wenn die Dörfler mitbekommen hätten, dass Ruby adoptiert war, hätte man sie wahrscheinlich allesamt aus der Gemeinschaft verstoßen.

So lebten sie fortan nach dem Motto ›Bloß nicht auffallen‹ im Sog des tagtäglichen Einerleis und taten alles dafür, ihr Geheimnis zu bewahren.

 

 

RUBY - KINDERJAHRE

Cadgwith

 

Soweit ich mich zurückerinnere, war meine Kindheit geprägt von Disziplin. Bereits als knapp fünfjähriges Mädchen hatte ich gelernt, dass es besser war, nicht an den strengen Regeln meines Vaters zu rütteln. Er war es, der das Sagen in unserer Familie hatte. Als Kind kam ich in der Familienhierarchie an letzter Stelle, nach meiner Mum. Es wurde mir zur Passion, Wege zu finden, um nicht anzuecken; einen schief hängenden Haussegen ertrug ich schon damals nur schwer. Zucht und Ordnung, eine sehr strenge Erziehung und der Verzicht auf Liebesbekundungen in der Öffentlichkeit waren damals nichts Besonderes, zumindest kannte ich es nicht anders.

 

Wir lebten abgeschieden am Rande meines Heimatdorfes. Mein Vater zog sich mehr und

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Tag der Veröffentlichung: 24.05.2020
ISBN: 978-3-7487-4292-0

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Ziehen manche Menschen das Unglück magisch an? Kann es gelingen, aus einer ewig erscheinenden Negativspirale auszubrechen? Es erwartet Dich die Geschichte einer Frau von nebenan, eine Geschichte, die auch dir oder mir so passieren könnte. Ein Roman, gewidmet allen Rubys da draußen.

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