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Wachul, der Alte

 

 

Dana Müller

 

 

Legenden, Band 3

 

Sehnsucht

Wenn sie mich doch nur bemerken würde, dachte Paul Richter. Er beobachtete Emely ganz genau.

Manchmal, wenn er ganz allein war und nicht schlafen konnte, zeichnete er sie aus dem Gedächtnis. Emelys herzförmiges Gesicht mit der kleinen Stupsnase und den vollen Lippen war einzigartig. Für Paul gab es nichts Schöneres auf der Welt.

Schönheit in Vollendung, so hatte er seine letzte Skizze von Emely genannt. Unter der blassen Schminke vermutete er einen wundervollen Teint, auch wenn er Emely nie ungeschminkt gesehen hatte. Für ihn stand die Zeit still, wenn sie ihn aus ihren grünen Augen ansah. Das schwarze Kajal ließ sie noch größer erscheinen, als sie schon waren.

Emely strich ihr schwarzes Haar glatt und zwirbelte die roten Spitzen. Sie stierte gespannt auf den Fernseher. Sie sahen sich gemeinsam mit Maike und Jannik einen Vampirfilm an.

Paul aber bekam davon nicht viel mit, denn er hatte nur Augen für sie. Ihn interessierten Vampire ohnehin nicht sonderlich. Manchmal wünschte er sich dennoch, einer von ihnen zu sein, nur um in den Genuss von Emelys Aufmerksamkeit zu kommen.

Er war froh darüber, dass seine Freunde in den Film vertieft waren, so konnte er unbemerkt Emelys Schönheit bewundern. Wenn sie doch nur ein bisschen mehr unter den Lebenden wäre, dachte er. Sie war besessen von den Beißern. Sie klebte sich sogar Prothesen an die Eckzähne, um sie lang erscheinen zu lassen. Das tat sie immer öfter, sodass Paul anfing, sich ernsthafte Sorgen um ihr Seelenleben zu machen.

»Da«, sagte sie aufgeregt und kaute auf ihrer Unterlippe herum. »Guck hin, jetzt. Er verwandelt sich mit Absicht, um sie zu retten.«

Emely hatte ihn mindestens fünfmal mit diesem Film gequält. Dennoch wirkte sie bei jedem Mal so, als hätte sie ihn nie zuvor gesehen. Er kannte die Szene, in der der Protagonist sein Leben für die Liebe opferte. Oft hatte sich Paul gefragt, ob er denn so weit gehen würde, nur um der Liebe willen. Und dann tauchte Emelys Gesicht vor seinem inneren Auge auf und er wusste genau, er würde es tun. Für sie und nur für sie.

Doch sie sah ihn einfach nicht. Für sie war er wohl nur ein Kumpel, vielleicht der beste Freund.

Paul aber wollte mehr, er wollte ihr Herz, wollte sie voll und ganz. Er wollte sie so sehr, dass er sogar Vampirfilme mit ihr anschaute, obwohl er eher der Zombiefan war.

Ein guter Zombiefilm konnte besser als jeder Sex sein, sagte er sich. Wobei ihm diese Überlegung ziemlich gewagt erschien, denn mit Emely hatte er noch keinen Sex gehabt. In seinen Gedanken war sie vollkommen, also würde auch der Sex mit ihr auf einer anderen Ebene spielen. Sie war engelsgleich und doch bewegte sie sich in Kreisen, in denen die Leute alles andere als Engel waren.

Die meisten von ihnen frönten dem Vampirismus. Paul fand sie total schräg, denn sie tranken Blut. Kein Menschenblut, aber es reichte ihm, zu erfahren, dass sie regelrechte Tierblutpartys feierten. Er wusste nicht, ob sie es taten, weil sie selbst Vampire sein wollten oder um ihre Macht über andere Wesen zu demonstrieren.

Irgendwo hatte er mal gelesen, dass es Völker gab, die das Herz ihres Feindes aßen, um ihn gänzlich in sich aufzunehmen, eins mit ihm zu werden. Ihm bereitete Sorge, dass Emely ebenfalls auf den Geschmack des Blutes kommen könnte. Sie könnte sich Parasiten einfangen, die im Schweineblut lauern und den Körper nach und nach von innen zersetzen. Sie würde es erst merken, wenn es zu spät war und dann ... Diesen Gedanken weiter zu spinnen, erlaubte er sich nicht.

»Hast du das gesehen?«, schwärmte sie von dem Filmhelden, der sich nach und nach verwandelte. »Und jetzt ist er stark genug, den bösen Vampir zu töten«, sagte sie euphorisch und schob sich eine Erdnuss in den Mund.

Paul beobachtete sie, während sie kaute. Er war müde und erleichtert, dass er morgen nicht früh raus musste.

Eigentlich studierte Paul auf Lehramt, aber im Augenblick war er krankgeschrieben. Er wollte wirklich Lehrer werden, aber er fühlte sich antriebslos und ausgelaugt. Burnout, so lautete die Diagnose.

Im Moment flüchtete er sich am allerliebsten in Konsolenspiele. Spielfiguren stellten keine Fragen und verlangten nichts. Paul fuhr sich durch sein dunkelbraunes, zerzaustes Haar. Emely reagierte auf seine Geste und erkundigte sich: »Was ist los?«

»Nichts«, antwortete er und kassierte einen Blick, der besagte, dass sie ihn durchschaut hatte. »Okay«, ruderte er zurück. »Ich dachte nur gerade darüber nach, dass ich mal wieder einen Friseur bräuchte«, log er und zog an einer Strähne. Sein Deckhaar war bereits etwa zehn Zentimeter lang geworden.

»Zum Friseur?« Emely schien entsetzt über die Vorstellung, er könnte sich sein Haar abschneiden lassen. »Bitte nicht«, sagte sie flehentlich. »Hast du noch nie von Samson gehört? Er hat seine ganze Kraft verloren, als ihm die Haare abgeschnitten wurden! Von Arnie zu Jim Carry in null Komma nichts«, rief sie ihm ins Gedächtnis.

»Mach dir mal keine Sorgen um meine Männlichkeit oder meine Stärke.«

»Einmal einem Vampir begegnen, das wäre es ja«, schwenkte sie plötzlich um.

Diese Bemerkung ließ Paul schlucken. Bedachte Emely denn gar nicht, dass ihn ihre Kälte verletzte? Waren für sie nur seine Haare wichtig? Wie gerne hätte er ihr um die Ohren gehauen, dass sie es mit ihrem Vampirwahn übertrieb. Aber Paul schwieg.

»Boah, ist ja gut jetzt Emely!« Maike sprengte die neu entstandene Ruhe. Paul hatte ihre Anwesenheit fast verdrängt. Sie stand zwar auf Vampirfilme und -bücher, aber sie war ohne Zweifel genervt von Emelys Vampirglauben.

Weshalb die beiden befreundet waren, verstand Paul sowieso nicht. Während Emely auch optisch der dunklen Seite frönte, gehörte Maike eher zu den Leuten, die lieber ins Solarium und ins Schwimmbad gingen, statt auf Gothicpartys.

Beide waren mit Paul befreundet. Das schien ihm der einzige gemeinsame Nenner der Mädels zu sein. Dummerweise wollte ausgerechnet Maike etwas mehr als Freundschaft von ihm. Aber Paul war in Emely verschossen.

Deutlich hatte er Maike wieder und wieder versichert, nicht mehr als Freundschaft für sie zu erübrigen. Doch das Mädchen mit den platinblonden Haaren war hartnäckig. Sie wollte einfach nicht locker lassen und so war sie in Pauls Freundeskreis gerutscht.

Zu diesem gehörte auch Jannik, der stillste in der Gruppe. Einzig das Knistern aus dem alten Ohrensessel verriet seine Anwesenheit. Er saß mit angezogenen Beinen darin und knusperte an den Chips herum. Aus ihm wurde Paul nicht ganz schlau.

Sie waren seit dem Kindergarten befreundet. Jannik machte alles mit und nahm alles hin. Er sträubte sich gegen nichts, das Paul vorschlug. Jannik schien nichts zu abwegig und auch nichts zu dämlich zu sein. Er freute sich offensichtlich an allem, bei dem er dabei sein konnte. Er war wie ein Geist, hatte sich weder für Emelys Vampirhysterie noch dagegen ausgesprochen.

»Da, da habt ihr das gesehen? Ich sag euch, das kann keine Maske der Welt vollbringen. Der ist echt.« Emely war außer sich vor Euphorie.

»Du spinnst doch«, schmetterte ihr Maike entgegen. »Du hast sie nicht mehr alle. Außerdem, was meinst du, was heutzutage alles in der Maske möglich ist.«

»Maike hat irgendwie recht«, meldete sich plötzlich der stille Jannik aus seinem Sessel. »Es gab schon immer Menschen, die Blut trinken. Sagt mal, dieser Serienkiller, wie hieß der noch? Rod Farrell, glaube ich. Der soll deswegen gemordet haben. Aber was weiß ich schon?«

Die Mädchen waren verstummt und Stille breitete sich im Zimmer aus. Ein aus dem Fernseher dringender Schrei löste die emotionale Starre, in die die Mädchen geraten waren.

»Das sind alles nur Trittbrettfahrer. Die haben ja keine Ahnung, wie ein echter Vampir ist. Aber wenn ihr einem begegnet, werdet ihr es nicht mal merken«, beschwerte sich Emely.

Paul hielt sich zurück, er hätte gerne seinen Senf dazugegeben. Doch er wusste ganz genau, dass Emely an der Schwelle zum Angepisstsein war. So schienen auch die anderen beiden zu denken, denn sie schwiegen bis zum Ende des Films.

Erst beim Abspann meldete sich Maike noch einmal zu Wort. »Also, so einen Vampir wie in dem Film eben, den hätte ich auch gerne.«

Damit hatte sie offenbar Emely mitten ins Herz getroffen, denn die drehte sich zu ihr um und antwortete pampig: »Vampire stehen nicht auf blonde kleine Tussen, die auf der Suche nach einem Typen sind, der sie auf Händen trägt. Vergiss es!«

Paul war froh, dass sie nicht sauer auf ihn war.

»Weißt du was«, erwiderte Maike schroff und stand auf. »Ich muss mir so was nicht geben. Ich bin keine Tussi. Und wenn du selbst lieber eine Frau nimmst oder was auch immer, und nicht nach dem Mister Right suchst, ist das dein Problem und nicht meins. Ich lasse mich von dir nicht so blöd anmachen.« Sie schnappte sich ihre Daunenjacke und schlüpfte hinein. »Und du«, wendete sie sich an Paul. »Du lass dir mal gesagt sein, dass du mit ihr nur deine Zeit verschwendest«, sagte sie und schloss den Reißverschluss hastig. Dabei klemmte sie sich ihre Haare ein und beschwerte sich. »Boah, alles nur wegen euch und eurem blöden Vampirgehabe.«

Jannik stand auf und wollte ihr helfen, aber sie schmetterte seine Hand von sich, schnappte sich ihre Handtasche und eilte zur Tür hinaus. Mit einem lauten Knall verließ sie die Wohnung und hinterließ drei verdutzte Freunde, die sich nicht erklären konnten, was Maike so aufgeregt hatte.

»Die hat doch ’ne Vollmeise«, beschwerte sich Emely und richtete ihren Pony.

Während bei den Freunden ein wenig Ruhe einkehrte, forderten die Nachrichten ihre Aufmerksamkeit. Paul traute seinen Augen nicht, als das Bild eines verlassenen Gebäudes in Tempelhof über den Fernseher flimmerte.

»Krass, hast du das gehört?«, wollte Emely wissen. »Da ist eine blutleere Leiche gefunden worden.« Mit aufgerissenen Augen starrte sie in den Fernseher und sah aus, als überprüfe sie ihren Glauben.

»Alter, wenn das mal nicht Fake ist.« Jannik wirkte weniger überzeugt.

Aber Emely ließ nichts darauf kommen. »Siehst du? Siehst du?« Sie deutete auf den Fernseher, wedelte aufgeregt mit der Hand und fühlte sich offenkundig bestätigt. »Siehst du, ich habe es euch gesagt. Vampire gibt es. Wer sonst soll diesen armen Kerl da ausgesaugt und ihn in der Ruine zurückgelassen haben, hä?«

»Jetzt komm mal wieder runter«, versuchte Paul Emely zu beruhigen. Sie war total aufgeregt. Paul befürchtete, ihr könnte eine Ader im Kopf platzen. »Die haben gerade gesagt, dass es auch nur ein böser Streich gewesen sein könnte.«

»Wer bitte opfert ein Menschenleben für einen Streich?«, sagte sie.

Paul überlegte kurz. »Na ja«, sagte er. »Ich weiß nicht. Manche würden ziemlich weit gehen für ein paar Klicks, oder was meint ihr?«

Jannik zuckte mit den Schultern.

»Also«, meldete sich Emely wieder zu Wort. »Ich bin mir sicher, dass das ein Wink vom Schicksal ist. Ich weiß genau, wo das Gebäude steht – das ist hier in Tempelhof. Ich kenne es. Ich bin da schon öfter lang gegangen. Wie sieht’s aus, Mann oder Maus?«

Oh nein, dachte Paul. Immer wenn sie diese Frage stellte, gerieten sie anschließend in eine Katastrophe. Beim letzten Mal waren sie fast in einen Brunnen gefallen, nur weil sie der Meinung war, in der Kanalisation könnten sich Vampire aufhalten. Ihm ging ihr Faible für Vampirjagd gewaltig auf die Nerven.

Jeden anderen hätte er deswegen zum Teufel gejagt, nur Emely nicht. »Okay, wenn ich nicht mitkomme, gehst du trotzdem dahin, habe ich recht?«, fragte Paul.

Er kannte die Antwort, aber er wollte seine Entgegnung dramatisch gestalten. Sie sollte dafür argumentieren, sollte zittern und sich Gedanken darüber machen, in welche Gefahr sie ihren Freund katapultierte.

»Außerdem, wenn wir da hingehen – nur angenommen«, sagte er und hielt kurz inne. »Nicht, dass ich dran glaube. Nur angenommen …«, wiederholte er. »Es gibt tatsächlich so was wie Vampire …«

Sie betrachtete ihn mit großen Augen und er genoss es, so angesehen zu werden. Erwartungsvoll, hoffnungsvoll und irgendwie verliebt. Nicht in ihn, eher in das, was er jetzt andeutete, sagte er sich enttäuscht.

»Du meinst«, mischte sich Jannik ein und sprengte den magischen Augenblick, der zwischen Paul und Emely entstanden war. »Wenn wir da ankommen und der Killer …«

Paul fand die Umschreibung gar nicht mal so übel, sie hätte glatt von ihm sein können. Er nickte übertrieben stark. »… ist immer noch da«, unterbrach er seinen Freund.

»Genau, das meine ich«, bestätigte Jannik.

»Also Jungs, ich weiß nicht, warum ihr so einen Schiss habt. Wenn er da ist, wäre das die beste Gelegenheit, hinzugehen und sich eine Portion ewiges Leben abzuholen. Ihr braucht dann nur zu sagen, auf welcher Seite ihr gebissen werden wollt. Das ist doch nicht so schwer«, sagte sie und schaltete den Fernseher aus.

»Was hast du vor«, fragte Paul und ahnte bereits, was Emely durch den Kopf schwirrte.

»Na was wohl«, sagte sie und schnappte sich ihre Jacke. »Ich gehe nachsehen.«

Für Emely

 So sehr Paul auch versuchte, Emely ihr Vorhaben auszureden, er machte alles nur schlimmer. »Emely bitte, was denkst du denn, was passiert, wenn du da auftauchst?«

»Was soll schon passieren? Wir klettern da rein und schauen uns ein bisschen vor Ort um.«

»Ihr habt wohl vergessen, dass das ein Tatort ist, oder?«, meinte Jannik.

Ehe Paul antworten konnte, übernahm Emely das Zepter wieder. »Das sind nur Aufkleber und Absperrbänder. Nichts, was uns aufhalten könnte.« Sie schien sich der Tragweite ihrer Worte gar nicht bewusst zu sein.

Paul hingegen hatte eine ganz andere Vision vor Augen. In dieser tauchten sie dort auf, stiegen über den Zaun, kletterten durch ein fehlendes Fenster oder eine offene Tür und wurden entweder von einem Penner überrascht, weil sie mitten in seinem Schlafzimmer standen, oder aber von der Polizei, die irgendein Anwohner alarmiert hatte.

Emelys Vorstellungen sahen aber bestimmt ganz anders aus. In ihrer Fantasie stiegen sie in den Schuppen ein und tauchten in eine andere Realität ab. Sie stellte sich wahrscheinlich vor, dass es tatsächlich einen Vampir gab, der dem armen Kerl das Blut ausgesaugt hatte. Und sicherlich dachte sie, dass eben dieser Vampir sie

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: Dana Müller © 2018
Bildmaterialien: pixabay.com
Cover: Dana Müller
Lektorat: M.D. Schoppenhorst
Satz: M.D. Schoppenhorst/Dana Müller
Tag der Veröffentlichung: 23.01.2018
ISBN: 978-3-7438-5188-7

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Mitglied des Berliner Autorenzirkels - Wortschatz Die Geschichte basiert auf der Fantasie der Autorin und ist frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen oder Handlungen sind rein zufällig und nicht gewollt. http://danamueller.jimdo.com/ https://www.facebook.com/pages/Dana-Müller/258472350978589 Twitter: @HotTintenfieber

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