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Teil 4 - Schwester voll der Gnade

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    Als Miranda Harper zu sich kam, war es dunkel und sie befand sich im Freien. Sofort, nachdem sie ihre Augen aufgeschlagen hatte, setzte ihr Fluchtinstinkt ein und als sie bemerkte, dass sie nicht aufstehen und rennen konnte, begann sie zu kriechen.

    Ihre gefesselten Hände ertasteten kühle, trockene Erde, durchsetzt mit kleinen Steinchen und Geröll, das sich in ihre Knie und in ihre Handflächen bohrte.

    Langsam, während sie ihren gepeinigten Körper Zoll für Zoll voran schob, kam die Erinnerung zurück.

    Wie es sie zuerst nur geärgert hatte, nicht sehen zu können, was sich außerhalb der Kutsche abspielte! Das Gepolter, die Rufe der Jäger, das Stampfen und Wiehern der Pferde, die Schüsse, die immer wieder Löcher in die Wände ihres rasenden Gefängnisses gestanzt hatten und ... je länger diese bedrohliche Situation, die sich ihrer Kontrolle komplett entzog, andauerte, umso mehr verwandelte sich ihr Ärger in Angst. In eine Angst, die mit jeder Sekunde wuchs. Sie wollte tapfer sein, aber nachdem sie einige Male nur knapp von den Kugeln verfehlt worden war, die für das verdammte Wolfsauge gedacht gewesen waren, war von ihrer Tapferkeit nicht viel übrig geblieben und als die Kutsche sich dann – endlich – überschlug und die Stange, an die dieser Leech sie gefesselt hatte, an einer Seite aus der Halterung brach, war sie sogar irgendwie erleichtert gewesen.

    Sie wurde gegen die Decke geschleudert, gegen die Wände und wieder zu Boden. Ihre Arme, ihre Handgelenke, alles tat weh, war wund und geprellt und pochte oder blutete.

    Sie hatte erwartet, dass sie das Bewusstsein verlieren wurde, hatte es gehofft. Die Machtlosigkeit und das Grauen, das sie in der Gewalt des Wolfsauges erlebt hatte, die allgegenwärtige Todesangst, die jetzt nur noch gieriger an ihren Nerven nagte, zuzusehen, wie dieser seltsame Mann, dieses seltsame Wesen ihre Gefährten aufgefressen hatte, sie zerlegt und ausgenommen hatte, sachlich, wie ein Metzger das Fleisch – all das eben, was in den letzten Wochen passiert war, hatte sie mürbe gemacht und müde und schwach.

    Aber die ersehnte Ruhe war ihr noch nicht vergönnt. Keine Rast für die kleine Miranda.

    Sie unterdrückte ein Kichern.

    Statt in Dunkelheit zu ertrinken, statt aufgrund der Reizüberflutung einfach den Dienst zu verweigern waren ihre Sinne scharf und kristallklar.

    Sie hörte wie die Reiter, die hinter dem Wolfsauge her waren und wahrscheinlich - hoffentlich - gar nicht wussten, dass sie sich in der Kutsche befand, an dem beschädigten Gefährt vorbei preschten.

    Sie hörte auch ihre Rufe, denen sie entnehmen konnte, dass Leech von der Kutsche herunter geschleudert worden war.

    Als sie hörte, wie einer von ihnen brüllte: „Jetzt haben wir ihn!“, da wusste sie, dass sie diese Gelegenheit nutzen musste, denn wahrscheinlich würde es für sie keine weitere geben.

    Sie ließ sich keine Zeit für Feinheiten, sie spähte nicht vorsichtig an den rauch-dunklen, dreckigen Vorhängen vorbei durch das Fenster, sie lauschte nicht weiter nach draußen um sich ein Bild von der Lage zu machen. Sie öffnete einfach nur die, den Männern abgewandte Tür, die ohnehin schon lose in den Angeln hing, und kroch und krabbelte weg.

    Weg von diesem wolfsäugigen Dämon und denen, die ihn jagten. Sicherheit war es, was sie jetzt brauchte. Mit letzter Kraft umrundete sie einen Hügel, und als sie ihn zwischen sich und die Männer gebracht hatte, da kam endlich die Ohnmacht, die sie so sehr herbeigesehnt hatte.

    Und aus eben jener Ohnmacht musste sie gerade erwacht sein.

    Sie sah nach oben.

    Die Sterne und der Mond funkelten kalt und feindselig auf sie herab. Sie hatte Durst.

    Das, was sie von dem Kojoten abbekommen hatte, den Leech für sie und Laymont geschossen hatte, hatte nicht einmal annähernd gereicht um ihren Durst zu stillen. Genaugenommen konnte gar nichts dieses unheilige Verlangen besänftigen, dieses gierige Feuer, das stets in ihr brannte. So war das eben. Sie selbst, ihre ganze Art wurde von diesem Durst von Beute zu Beute, von Opfer zu Opfer getrieben.

    Sie war selbst einmal eine Beute gewesen. Die von Marks und Laymont. In dieser Nacht vor achtundsechzig Jahren hatten sie zuerst ihren Körper gewollt und dann ihr Blut. Und sie hatten beides bekommen.

    Aber dann, kurz bevor ihr Tod eintrat, bevor der Schnitter nach ihr ausholte, hatte Laymont Marks zurückgepfiffen. Er hatte sich über sie gebeugt, sie eine Weile eingehend betrachtet und … irgendwas in ihr gesehen.

    Zu diesem Zeitpunkt hatte sie sich bereits nicht mehr rühren können, vor Schmerz und Blutverlust und Angst. Aber sehen und hören - das hatte sie noch gekonnt.

    „Warte!“, hatte Laymont gesagt. „Sie ist irgendwie anders als die, die wir sonst haben.“

     

    Marks, trunken von ihrem Blut, hatte seinem Freund seinen Willen gelassen. Laymont hatte das Ritual vollzogen und so war sie eine von ihnen geworden.

    Eine Bluttrinkerin.

    Ihre Sklavin zuerst, dann ihre Geliebte, dann ihre Freundin. Jahrzehnte hatte das gedauert, Jahrzehnte, in denen sie sich immer weiter verändert hatte. Von der Beute zum Raubtier, und dann, irgendwann, war sie es, die die Entscheidungen traf und es waren Laymont und Marks, die folgten.

    Sie hatte vergessen, wie es war schwach zu sein, hatte vergessen, wie es war benutzt und gedemütigt zu werden, hatte vergessen, wie es sich anfühlte, Angst zu haben.

     

    Und dann war Leech in ihre Kutsche gestiegen, mit seiner schwarzen Augenklappe, und alles hatte sich wieder geändert.

     

     

    Die Nacht war für Leech die Hölle gewesen. Burns und seine Männer hatten es sich zur Aufgabe gemacht, ihn abwechselnd zu malträtieren, wobei sie untereinander auslosten, wer von ihnen sich welchen Teil von Leechs Körper vornehmen durfte.

    Unter all den Tritten und Schlägen, die Leech über sich ergehen lassen musste, während er an das Hinterrad der Kutsche gefesselt war, flüchtete sich sein Geist in eine stoische Teilnahmslosigkeit. Die Schmerzen wurden von Schlag zu Schlag abstrakter, verloren nach und nach ihre Körperlichkeit.

    Leech tauchte ein in sein Fieber, und Realität, Erinnerungen und Traumbilder vermischten sich.

    Dennoch gab es einen Teil von ihm, irgendwo tief unter der Oberfläche, der noch logisch arbeitete und der registrierte, dass Reginald Burns sorgsam darauf achtete, dass seine Männer es nicht übertrieben.

    Pater Sinclair hatte sich am Feuer sitzend eine Pfeife gestopft und angezündet und sah mit ruhiger Mine zu, während er hin und wieder an seiner Feldflasche nippte.

    Anfangs zumindest, denn nach einiger Zeit verlor er wohl das Interesse und holte eine großes Buch – eine Bibel, vermutete Leech – aus der Satteltasche und begann zu lesen.

    Bevor ihr Spiel den Männern ebenfalls langweilig wurde, trat Burns noch einmal an Leech heran.

    „So wird es von jetzt an jeden Abend laufen, so lange, bis wir in Plainview sind. Ach, was sag´ ich denn da? Morgen Abend möchte der Pfaffe ebenfalls ein Runde mitspielen. Das wird sicher spannend.“

    Burns lachte dreckig.

    „Vermutlich steht sein kleines Pfaffenschwänzchen schon beim Zusehen … verrückter Kerl ... er hat gesagt, er wolle sich noch vorbereiten. Vor-bereiten, hörst Du? Er denkt sich sicher etwas Nettes für Dich aus!“

    Dann ließen sie ihn endlich allein und teilten die Wachen ein.

     

    Die Kutsche war tatsächlich noch fahrtüchtig, eingeschränkt zumindest. Die drei Pferde, die die Hetzjagd unbeschadet überstanden hatten, zogen das Gefährt, und die anderen, die, die lahmten oder zuschanden geritten waren, wurden kurzerhand erschossen und ihr Fleisch bereicherte den Speiseplan, auch wenn der größte Teil wohl am Ende an die Kojoten gehen würde.

    Burns und Pater Sinclair saßen in der zerlöcherten Kabine der Concord, schwiegen sich die meiste Zeit über an oder starrten durch das große Loch nach draußen, das die fehlende Tür hinterlassen hatte.

    Zwei von Burns Männern, Turner und Abott, hatten mit ihren Gewehren auf dem Schoß auf dem Kutschbock Platz genommen. Davids ließ seine Beine hinten vom Gepäckhalter baumeln und beobachtete Leech, der, an den Handgelenken gefesselt und mit einem Seil um den Hals, hinter der langsam dahinkriechenden Kutsche her laufen musste.

    Das war Sinclairs Idee gewesen.

    „Das Laufen wird ihn müde halten und uns wird es nicht weiter bremsen. Wir können ohnehin nicht schneller fahren als Marschgeschwindigkeit. Beide Achsen haben etwas abbekommen und das linke Vorderrad läuft nicht mehr rund.“

    Alle zwei Stunden gaben sie ihm etwas Wasser.

    Immerhin.

    Manchmal konnte er Gesprächsfetzen aufschnappen, aber Burns und Sinclair achteten die meiste Zeit darauf, ihre Stimmen nicht zu laut werden zu lassen, wenn sie denn überhaupt einmal sprachen. So konnte er mit dem Meisten was er aufschnappte nichts anfangen, aber seine Versuche, das leise Gemurmel der Männer zu interpretieren, halfen ihm dabei, bei Bewusstsein zu bleiben.

    Bald verlor er jegliches Zeitgefühl, sein Körper führte die zum Laufen notwendigen Bewegungsabläufe selbstständig aus und nach und nach verlor er sich dann doch in Fieberträumen, aus deren Tiefen er erst wieder auftauchte als die Kutsche anhielt und seine Wärter damit begannen, das Nachtlager aufzuschlagen und ihn wieder mit den Handgelenken an das Hinterrad fesselten.

    „Wir brauchen mehr Holz!“ Das war Pater Sinclairs Stimme.

    „Aber wir haben schon alles, was hier zu finden war, angeschleppt.“

    „Ich brauche heute ein großes Feuer. Wenn hier also nichts Brennbares mehr zu finden ist, dann müssen Sie eben etwas weiter laufen! Los jetzt!“

    Die beiden Männer, Turner und Abott, sahen fragend zu Reginald Burns hinüber, der sich zusammen mit Davids um die Pferde kümmerte.

    Burns nickte ihnen zu und sie machten sich murrend davon.

    Als die Tiere versorgt waren und das mickrige Feuer brannte, wies Pater Sinclair Davids an: „Füttern Sie doch bitte unseren Ehrengast, ja? Er muss bei Kräften sein, denn ich habe vor eine ausführliche Unterhaltung mit ihm zu führen. Er soll mir doch nicht vorzeitig schlapp machen!“

    Davids gehorchte und begann äußerst grob, Leech vom dem viel zu heißen, pampigen Eintopf in den Mund zu zwingen.

    Dieser machte keinerlei Anstalten, zu kauen oder zu schlucken, spuckte das Essen allerdings auch nicht aus. Er ließ seinen Mund einfach offen stehen und starrte Davids mit seinem gelben Wolfsauge an.

    „Pater Sinclair?“, fragte Davids unsicher. „Er will nicht essen!“

    „Dann, in drei Teufels Namen, zwingen sie ihn … oder nein, warten Sie!“

    Sinclair kam zu den beiden herüber, stellte sich neben Davids und betrachtete Leech eine Weile. Dann murmelte er etwas in sich hinein und sagte schließlich:

    „Lassen Sie es gut sein. Bauen Sie das große Kochgestell neben dem anderen auf und füllen Sie den Topf mit Wasser. Und dann gehen Sie und sehen Sie nach Turner und Abott. Wir brauchen wirklich ein anständiges Feuer!“

    Leech, Burns und Sinclair blieben zurück, während Davids in Richtung Süd-Osten verschwand, nachdem er den ersten Teil seines Auftrags erledigt hatte.

    Als er zuerst außer Hör– und dann außer Sichtweite verschwunden war, spuckte Leech das Essen doch aus.

    Der Geschmack der Menschennahrung hinterließ ein schales, schimmelsporiges Gefühl in seinem Mund. Hätte er es geschluckt, wäre ihm vermutlich schlecht geworden. Noch so eine Sache, die sich über die Zeit verändert hatte.

    Leech starrte auf den Boden vor sich, versuchte aber angestrengt, Burns´ und Sinclairs Gespräch zu belauschen.

    „Mister Burns, es ist durchaus Absicht, dass ich Ihre Männer allesamt fortgeschickt habe. Am besten wäre es, wenn ich ganz alleine mit ihm sein könnte. Aber mir ist natürlich bewusst, dass Sie sich nicht einfach so wegschicken lassen werden wie Ihre Handlanger. Deswegen möchte ich Sie warnen, Mister Burns. Sie werden heute einige Dinge zu sehen bekommen, die nicht für die Augen normaler Menschen geeignet sind. Ich muss Sie bitten mir zu versichern, dass Sie, egal was hier und heute vielleicht passieren wird, keinerlei Versuch unternehmen werden, sich einzumischen und dass Sie bis ans Ende ihrer Tage und darüber hinaus, über alle Geschehnisse Stillschweigen bewahren werden.“

    Die Verärgerung war Burns mehr als deutlich anzuhören.

    „Pah. Über was ich spreche oder nicht ist immer noch meine Angelegenheit. Mir gehören nicht acht Zehntel von Plainview, weil ich mir Vorschriften machen lasse. Und am Ende des Tages bin es immer noch ich, der sie bezahlt!“

    „Sie bezahlen mich nicht, Mister Burns, Sie leisten Beitrag zum Wohle meines Ordens. Und der Pakt, den Sie besiegelt haben, der, der mit meinem Eintreffen in Plainview in Kraft getreten ist, nun ja … Sie sollten ihn ernst nehmen, Mister Burns.“

    „Sinclair, reizen Sie mich nicht, ich werden diesen Wisch, diesen Pakt ernst nehmen, aber versuchen Sie nicht, mich mit vagen Andeutungen und Mummenschanz gefügig zu machen.“

    Die Spannung zwischen den beiden Männern dauerte an.

    Einige Sekunden lang sagte keiner der beiden ein Wort. Leech hob vorsichtig den Kopf. Sie maßen sich mit Blicken und am Ende war es Reginald Burns, der zuerst wegsah.

    „Na gut. Ich werde mich nicht einmischen und nicht über das sprechen, was ich sehen werde. Zufrieden, Prediger?“

    „Sehr zufrieden. Mehr wollte ich doch gar nicht.“

    Ein falsches Lächeln umspielte den Mund des Priesters.

    „Dann fange ich am besten mal mit den Vorbereitungen an. Schön, dass wir uns einig geworden sind.“

    Leech beobachtete, wie Pater Sinclair seine Satteltasche aus der Kutsche holte und mit Ihnen zum Lagerfeuer zurückkehrte, wo er ihnen mehrere Gegenstände entnahm.

    Die Umrisse des Paters zeichneten sich dunkel, beinahe schwarz vor dem Feuer ab. Nur dann und wann drehte der Priester sein vor Konzentration verzerrtes Gesicht, so dass Leech den weltabgewandten Ausdruck darauf sehen konnte.

    Reginald Burns hielt sich etwas abseits und auch er beobachtete fasziniert jede der merkwürdig rituell anmutenden Bewegungen des Priesters.

     

    Sinclairs Mund bewegte sich, unablässig Silben artikulierend, aber kein Laut war zu hören, während er eine Vielzahl verschiedener Zutaten – Pulver in Dosen, farbige Flüssigkeiten in Phiolen und kleine Bröckchen einer wundschorfähnlichen Substanz – aus seinen Satteltaschen hervorkramte und in das siedende Wasser gab.

    Es dauerte nicht lange, dann wehte ein schwer zu beschreibender Duft zu Leech herüber. Zuerst musste der Monsterfresser an Minze denken, an einen kräftigen Kräutersud, aber alsbald gesellten sich schwerere Komponenten hinzu. Erdig und alt roch der Dampf und noch immer fanden die Lippen von Pater Sinclair keine Ruhe.

    Reginald Burns wurde unruhig, stellte Leech fest. Geduld und Gehorsam waren bei Männern wie ihm nur in sehr seltenen Fällen ausgeprägte Eigenschaften. Aber noch gelang es dem Großgrundbesitzer, sich zusammenzureißen, und er beließ es dabei, hin und wieder die Stirn zu runzeln.

    Aber Leech konnte sehen, dass es ihm schwerfiel nicht zu fragen, was der Priester da in dem Topf zusammenbraute.

    Dieser schien nun alle nötigen Ingredienzien beigemischt zu haben und stand auf. Er griff, immer noch lautlos murmelnd, nach dem Kreuz auf seiner Brust. Es auf halber Armeslänge ausgestreckt haltend begann er im Kreis um das Feuer und den Topf herum zu gehen, langsam, mit gemessenen, steif wirkenden Schritten.

    Bei jedem vierten Teil des so beschriebenen Kreises blieb er stehen, kniete sich hin und verharrte für beinahe eine Minute mit gesenktem Haupt, küsste anschließend das Kreuz und setzte das Ritual fort.

    Leech erinnerten die Handlungen des Priesters an das, was er über die Rituale der Wicca oder anderer Hexenkulte gelesen hatte, und diesen Priester auf diese Art handeln zu sehen, kam ihm seltsam unpassend und falsch vor.

    Pater Sinclair beendete die Prozedur, indem er eine Hostie zerbrach und die Krümel über dem Gebräu verstreute. Anschließend nahm er den Topf vom Feuer und stellte ihn in Leechs Nähe auf dem Boden ab.

    Der ganze Vorgang musste den Priester sehr angestrengt haben. Seine Augen lagen tief in den Höhlen und sein Gesicht glänzte vor Schweiß. Er ließ sich ächzend neben Burns nieder und begann sich eine Pfeife zu stopfen.

    „Jetzt heißt es warten.“

    „Warten auf was?“

    „Auf mehrere Dinge. Der Sud muss sich noch ganz verbinden und etwas absetzten, dann brauche ich noch mehr Holz und … nun ja … den Mond.“

    „Den Mond. Aha. Was soll das alles? Sind sie am Ende ein Medizinmann, Sinclair?“

    Der Priester lachte leise.

    „Nein, nein, Mister Burns. Dieser Sud ist … eines der Werkzeuge, die der Orden seinen Streitern an die Hand gibt, um den Willen des Herrn vollstrecken zu können. Sie werden schon sehen – falls Sie es nicht doch vorziehen, die Augen und die Ohren zu verschließen, wenn ich beginne.“

    „Pah! Das glaube ich kaum, Prediger! Allerdings verstehe ich immer noch nicht, was Sie mit dieser „Befragung“ erreichen wollen. Die Sache ist doch klar. Der Mann ist mit dem Teufel im Bunde. Ein Mörder und ein Kannibale noch dazu. Er muss getötet werden, damit ist dem Willen des Herrn dann doch wohl genüge getan, oder etwa nicht?“

    „Der Orden hat seine Erfahrungen mit vielen unheiligen Wesen, Mister Burns. Aber mit so einem wie ihm ...“, er nickte zu dem gefesselten Leech hinüber, „... haben wir noch nie zu tun gehabt, und das, obwohl der Orden alt ist und seine Aufzeichnungen sehr weit zurückreichen. Wäre der Kerl ein normaler Besessener, oder ein Hexer - ich würde ihn sofort hinrichten, aber … „

    Pater Sinclair hielt einen Moment lang inne und studierte Burns´ Gesicht.

    „Was aber?“

    Immer noch zögerte Sinclair, rang mit sich, aber schließlich sprach er weiter.

    „Die Leichenteile, die Sie in dem versteckten Keller im Saloon gefunden haben – sie stammen nicht von Menschen, Mister Burns.“

    Die Worte des Priesters schlugen in Burns Gehirn ein, wie es auch eine Kugel getan hätte.

    „Was? Aber … aber es waren so viele … keine Menschen sagen Sie? Aber das bedeutet ja … das bedeutet …“

    Noch nie hatte Leech seinen selbstgerechten Jäger derart fassungslos gesehen.

    „Ja, Mister Burns, das bedeutet, dass es viel mehr Dämonen und anderes, widernatürliches Gewürm auf Erden gibt als es fromme, gute Menschen wahrhaben wollen.

    „Und er? Er … frisst sie?“

    „Es sieht ganz so aus, nicht wahr? Für den Orden ist das durchaus interessant, wie Sie sicher verstehen werden. Daher die … Befragung.“

    „Dann ist auch er ein Werkzeug des H…“

    „Keine voreiligen Schlüsse! Ich werde heute Nacht herausfinden, was er ist.“

    Langsam gewann Reginald Burns seine Fassung zurück.

    „Nein, er kann kein Werkzeug des Herrn sein. Am Ende hat er so oder so den Tod in meine Stadt getragen. Der arme Reverend, Doc Jenkins, seine Frau, die Leute im Saloon. Das reicht mir, um ihn zu richten. Und die guten Bürger von Plainview sollen es sehen. Ich kann meine Stadt beschützen, Pater Sinclair!“

    Das Gesicht des Predigers zeigte keine Regung, aber Leech meinte, ein belustigtes Blitzen in seinen Augen erkennen zu können.

    „Aber sicher können Sie das! Wenn die Befragung heute Nacht keine Ergebnisse bringt, die ein anderes Handeln nahelegen, werde ich Ihnen mit Vergnügen dabei helfen, Mister Burns.“

    Burns fuhr auf.

    „Was soll das denn heißen? Wir haben einen Pakt, ein Abkommen, wir … „

    Pater Sinclair hob beschwichtigend die Hände.

    „Natürlich, natürlich, keine Sorge! Ah, sehen Sie, da kommen ihre Männer mit dem Holz!“

     

    Turner und Abott traten vorsichtig und mit fragenden Mienen ans Lagerfeuer heran und Pater Sinclair wies sie an, ihre Ausbeute an toten Zweigen und trockenem Büffeldung daneben abzulegen.

    Zögernd gehorchten sie. Die Männer konnten spüren, dass sich zwischen ihrem Anführer und dem Priester etwas verändert hatte.

    Es macht sie nervös, dachte Leech.

    Man konnte Burns in der Tat deutlich ansehen, dass ihm die Worte des Priesters im Kopf herumgingen.

    Pater Sinclair hingegen war die Ruhe selbst. Während er immer wieder an seiner Pfeife sog, bedankte er sich wortreich bei Abott und Turner, segnete die beiden Männer und schloss mit den Worten:

    „Fesseln Sie doch bitte den Gefangenen nach Jesu´ Vorbild, ja? Stehend, die Arme zu den Seiten hin ausgestreckt? Das wäre sehr freundlich. Und dann entfernen sie sich bitte über Nacht von hier. Mister Burns und ich haben einiges mit der Bestie zu klären und das ist nichts für ihre Augen.“

    Ein weiteres Mal sahen die Männer ihren Anführer an, um die Anweisungen des Priesters von ihm abnicken zu lassen.

    Es arbeitete einen Moment lang in Burns Gesicht und Leech rechnete er damit, dass er den Anweisungen von Pater Sinclair widersprechen würde, aber dann winkte er mit einer resigniert wirkenden Geste ab.

    „Tut, was Sinclair sagt. Er versteht sein Handwerk und wird schon wissen, was das Richtige ist!“

    Turner und Abott traten zu Leech heran, lockerten die nötigen Fesseln und rissen ihn so

    Impressum

    Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

    Tag der Veröffentlichung: 26.11.2016
    ISBN: 978-3-7396-8505-2

    Alle Rechte vorbehalten

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