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1. Langeweile pur

Melody klappte ihren Laptop zu und legte die Beine hoch. Auch die Recherche hat nicht viel gebracht. Freedom Falls war einfach ein kleines Kaff. Eigentlich war sie ganz verwundert, dass die Internetverbindung bis jetzt so stabil geblieben war. Sie saß in der Empfangshalle, schlürfte einen heißen Kakao und langweilte sich beinahe zu Tode. Irgendwie konnte man hier nichts unternehmen, außer zu warten, bis der Schnee endlich fiel. 

Welche ihrer Freundinnen war nochmal auf die Idee gekommen, Weihnachten hier zu verbringen? Ach ja, Sara meinte, hier gäbe es so tolle Abfahrtspisten, idealen bauschigen Schnee auf dem man wunderbar über die Abhänge brettern könnte. Doch bis jetzt gab es weder Schnee, noch hatte Melody die ach so tollen Abhänge zu Gesicht bekommen. Denn es herrschte purer Sonnenschein bei fünfzehn Grad. Und das mitten im Dezember. Der Wetterfrosch hatte sie ganz schön hereingelegt. Denn als sie den Urlaub spontan vor einer Woche gebucht hatten, hieß es noch, dass es innerhalb der nächsten Tage beginnen würde zu schneien. Jedenfalls hatte das Ted, der Wettermann von Kanal 5 gesagt. Und normalerweise war auf Ted Verlass. Er verstand seinen Job einwandfrei. Melody vertraute ihm sogar so sehr, dass sie morgens nicht einmal mehr aus dem Fenster sah, wenn sie sich für die Arbeit fertig machte. 

Bis jetzt hatte Ted immer recht behalten und sie trug stets die zum Wetter passende Kleidung. Doch dieses mal ... noch falscher konnte er einfach nicht liegen. Beleidigt stürzte sie ihren Kakao hinunter. Jeden Moment sollten ihre Freundinnen aus ihren Zimmern kommen und sich mit ihr hier treffen. Sie wären zu jeder Schandtat bereit und sicher schon total gespannt auf Melodys Rechercheergebnisse. Doch sie musste die Mädels enttäuschen. Dieses Kaff hatte außer Nichts, einfach nur doppelt Nichts zu bieten.

Kaum hatte sie an ihre Freundinnen gedacht, kamen sie auch schon kichernd die Treppe herunter und ließen sich zu Melody auf die Couch plumpsen. Normalerweise würde in dem Kamin vor ihnen jetzt ein schönes Feuer brennen, doch bei diesen beinahe sommerlichen Temperaturen wurde darauf natürlich verzichtet. Melody schwitzte sowieso schon genug. Sie hatte viel zu warme Sachen eingepackt. Klar, sie hatte sich ja dummerweise blind auf den Wetterfrosch verlassen. 

»Also, was unternehmen wir heute, Mädels?«, fragte Leonie in die Runde. Alle Frauen sahen sie fragend an. Sie waren insgesamt zu viert angereist. Keine von ihnen hatte einen Freund oder irgendwelche anderen Verpflichtungen, die sie zu Weihnachten zuhause gehalten hätten. 

Leonie war die typische Draufgängerin, wie sie im Buche steht, die sich an niemanden binden wollte, immer bereit eine neue Flamme zu finden und zu vernaschen. 

Sara gehörte zu den ruhigen grauen Mäusen, die es in Wahrheit jedoch faustdick hinter den Ohren hatten, aber beim Flirten völlig versagten, weshalb Sara niemanden hatte, mit dem sie Weihnachten feiern konnte. 

Nataschas Familie lebte im Ausland, sie konnte sich dieses Jahr das Flugticket einfach nicht leisten und war so gezwungen alleine zu feiern. Und Melodys Eltern verbrachten Weihnachten wie jedes Jahr auf Hawaii, weshalb auch sie zu den Feiertagen alleine gewesen wäre. 

Doch all diese Umstände hatten die vier Freundinnen auf die Idee gebracht, einen gemeinsamen, möglichst günstigen Urlaub zu buchen. Sara schlug vor, nach Freedom Falls zu fahren. Man konnte es gut mit dem Auto erreichen und die Zimmerpreise waren wirklich sehr günstig. Und dann erzählte sie vom Schnee und den Pisten. Sofort waren alle begeistert und der Urlaub war innerhalb der nächsten zehn Minuten geplant und gebucht gewesen. Sie wollten insgesamt zwei Wochen hier verbringen und sich richtig im Schnee austoben. Doch der ließ seit drei Tagen auf sich warten. Danke Ted, dachte Melody erneut. 

»Ich muss euch leider enttäuschen. Hier gibt es einfach nichts, das man unternehmen kann. Wir können allerhöchstens wandern oder bergsteigen gehen«, Melody räusperte sich, »denn Berge haben sie hier zur Genüge.«

»Hey, so mies ist es hier gar nicht«, drängte Sara dazwischen. »Ich war doch schon mal hier und da war es wirklich eine sehr schöne Woche.«

»Da hat es ja auch sicher geschneit«, motzte Leonie.

»Ja, das hat es«, bestätigte Sara.

»Und außerdem hattest du da diesen heißen Flirt am Laufen mit dem Schilehrer, nicht wahr?«, warf Natascha ein.

Leonie und Melody sahen sich verblüfft an. 

»Davon hast du uns nie was erzählt, Sara«, äußerte Leonie und Sara wurde augenblicklich rot wie ein Hummer.

»Wo ist denn der tolle Schilehrer dieses Jahr?« ,stichelte Melody, in der Hoffnung zumindest irgendetwas halbwegs Aufregendes zu erleben. 

Sara sah auf ihre Füße. »Ach, wisst ihr ... wir haben uns seit letztem Jahr nicht mehr gehört. Ich bin sicher, dass er mich schon völlig vergessen hat.«

»Was ist denn zwischen euch gelaufen?«, drängte Leonie Sara, von ihrem Urlaubsflirt zu erzählen.

»Ach ... nur das Übliche.«

»Sie will nicht drüber reden, das merkst du doch, Leonie! Sonst hätte sie uns doch schon längst davon erzählt«, verteidigte Melody ihre Freundin. Ihren Beschützerinstinkt für Sara durfte man einfach nicht unterschätzen. Die beiden waren seit ihrer Kindheit befreundet und Melody hatte immer auf Sara aufgepasst. Sie beschützt. Deshalb kränkte es Melody natürlich, dass Sara ihr nichts von dem Flirt erzählt hatte. Doch das würde sie sich mit Sicherheit nicht anmerken lassen. Sara hatte bestimmt einen Grund, weshalb sie nur Natascha von dem sexy Schilehrer erzählt hatte. Die arme Sara lief mittlerweile schon ganz rot an. 

Melody beschloss, das Thema zu wechseln. »Lasst uns einfach eine Runde durch die Stadt spazieren. Immerhin ist Montag und auch kein Feiertag. Vielleicht kann man hier zumindest doch ganz nett shoppen. Wer weiß?«

Leonie klatschte in die Hände. »Das klingt nach einer großartigen Idee. Ich brauche sowieso noch eine neue Mütze, damit ich bereit bin, wenn der Schnee kommt.«

»Und der wird kommen«, warf Sara mit piepsiger Stimme ein. Bestimmt quälte sie schon das schlechte Gewissen, weil sie so von diesem Ort geschwärmt hatte und es bis jetzt einfach nichts so war, wie sie es ihren Freundinnen angekündigt hatte. 

»Na dann, nichts wie auf ins Kleinstadtgetümmel!«, rief Natascha überschwänglich und sprang von der viel zu bequemen Couch auf.

 

Nach einem fünfzehnminütigen Spaziergang erreichten die vier Frauen das Zentrum von Freedom Falls. Die Stadt war wirklich sehr freundlich geschmückt und erstrahlte in den typischen Feiertagsfarben. Rentiere zierten die Laternen und rotweiße Zuckerstangen hingen von den Vordächern der Geschäfte. Der Bürgermeister verstand zwar nicht viel vom Tourismus, aber dafür bewies er eindeutig Talent beim Schmücken seiner winzigen Stadt. Melody konnte nicht anders, als ihren Fotoapparat auszupacken. Dieses tolle Teil hatte sie letztes Jahr von ihrem Exfreund zu Weihnachten bekommen. Er war zwar nicht mehr an ihrer Seite, doch die Kamera funktionierte immer noch tadellos. Wenn ihr schon beinahe keine guten Erinnerungen an die Beziehung mit Marcell geblieben waren, so blieb ihr wenigstens ein Stück materielles Gedankengut, das dazu fähig war neue Erinnerungen festzuhalten. Und genau das wollte sie jetzt tun. Denn sie würde bestimmt nie wieder in so eine urige Kleinstadt wie Freedom Falls kommen. 

Durch die Linse des Apparates wirkte alles noch winziger, als es in der Realität sowieso schon war. Melody war sich sicher, dass sich so gut wie alle Einwohner des Städtchens bestimmt beim Vornamen kannten. Sogar der Frisör betitelte seinen Shop einfach nur mit Frisörgeschäft, also war es wohl für alle klar, dass es hier nur diesen einen Frisör gab. Und wenn der schlecht Haare schnitt, dann liefen alle Einwohner mit derselben miesen Frisur durch die Gegend. Melody grinste bei dem Gedanken amüsiert und das klickende Geräusch bannte den kleinen Frisörladen für die Ewigkeit.

»Was tust du denn da?«, fauchte Leonie, »das ist doch wirklich alles Schrott hier. Davon will ich keine Erinnerungsfotos.«

»Jetzt sei doch nicht so ungehalten. Wir sollten das Beste aus der Situation machen und es einfach genießen«, antwortete Natascha.

Melody schwenkte einstweilen ihren Fotoapparat und suchte nacht einem neuen Motiv.

»Ich beruhige mich erst, wenn in diesem Kaff endlich Schnee fällt«, motzte Leonie.

»Leute«, kam es in verwundertem Ton aus Melodys Mund. Sie konnte kaum glauben, was sie gerade mit ihrer Linse eingefangen hatte. »Seht doch mal.«

»Hm ... die drehen gerade eine Reportage würde ich sagen. Sieht nach einem Fernsehteam aus. Die Frau, die da vor der Kamera steht, ist Rebecca S. George, glaube ich. Sie ist bekannt für ihre fabelhaften Feiertagsberichte über irgendein Dorf im Nirgendwo. Ich wusste gar nicht, dass sie aus Freedom Falls ist.«

Sara war die Erste, der auffiel, was Melody tatsächlich meinte. 

»Das ist doch dieser Wetterfrosch, der neben der Rothaarigen steht, oder? Wie heißt der nochmal?«

»Ted«, drang es durch Melodys knirschende Zähne. »Sein Name ist Ted. Und er hat gesagt, es würde schneien.« Dann schluckte sie schwer und ließ ihre Kamera sinken. »Und er hatte eindeutig unrecht. Ich glaube zum ersten Mal in seiner Karriere.«

»Dann sollten wir ihm jetzt lautstark die Meinung geigen, oder was meint ihr, Mädels?«, forderte Leonie ihre Freundinnen auf. 

Zu Melodys Überraschung war Sara sofort dabei und grölte ohne Umschweife in Richtung Kamera: »Ted du bist ein Wetterschreck! Das Wetter sagst du falsch voraus, deine Karriere die ist jetzt aus!«

Rebecca S. George, die anscheinend Teds Co-Moderatorin mimte, lehnte sich aus dem Bild der Kamera, weil sie kichern musste. Mit so einer Resonanz hatte Melody auf diesen seichten Spruch nicht gerechnet. Eigentlich klang Saras Ansage wie aus dem Kindergarten, aber Leonie stimmte begeistert mit ein. Auch Natascha ließ nicht lange auf sich warten und dann grölten sie es gemeinsam im Chor. Melody kam sich etwas albern dabei vor, machte dann aber doch mit, als Sara sie in die Seite kniff. 

Lachend und ihre Parole wiehernd liefen sie an dem Kamerateam und dem verdutzt dreinblickenden Wettermann vorbei. Einzig Rebecca winkte der lustigen Truppe zu. Sie schien eine gute Portion Humor zu besitzen. Wahrscheinlich würde sich das Blatt wenden, wenn der Spaß auf ihre kosten ging. Aber wenn sich ein Haufen junger Frauen über Ted, den Wetterschreck lustig machten, dann stimmte sogar eine erfolgreiche Journalistin in den Spaß mit ein.

Eilig liefen sie um den nächsten Häuserblock und versteckten sich hinter einer blaugestrichenen Fassade. Ted sah sich immer noch leicht verdutzt um und wusste nicht so recht, wie er auf diese Blamage reagieren sollte. Doch dann zuckte er lediglich mit den Schultern und lächelte in die Kamera. Er hatte den Scherz besser weggesteckt, als Melody vermutet hatte. Sie hatte den Wetterfrosch eigentlich immer für einen eher steifen und festgefahrenen Typ Mann gehalten. Allein die Anzüge die er immer in seinen Berichten trug ... aber gut, anscheinend ließ der Mann doch den ein oder anderen Scherz zu. 

Ihre Freundinnen kicherten immer noch und hielten sich die Hände vor die breit grinsenden Münder. Melody sah sich zu ihnen um und tat es den Mädels gleich. Es tat gut so ausgelassen zu sein. 

»Was sagt ihr dazu, wenn wir den ganzen Urlaub dazu nutzen, Spaß zu haben, die Zeit zu verblödeln und einfach öfter zu sagen, was wir uns denken?«, schlug Melody spontan vor.

»Wir sehen die Leute hier sowieso nie wieder, also können wir ruhig mal etwas kindisch sein. »Ich bin dafür«, antwortete Leonie.

»Dafür!«, meldete sich Natascha und hob die Hand.

Sara zögerte. »Wisst ihr, es war ja jetzt ganz lustig und so, aber ...«

»Aber du hast Angst, dass dich dein Schilehrer sehen könnte?« 

Sara nickte leicht. »Ich habe jetzt nur mitgemacht, weil ich mir dachte, ich hätte sowieso nichts zu verlieren, doch wenn er mich so gesehen hätte ... ach, ich weiß nicht so recht.«

»Gib dir einen Ruck«, erwiderte Melody, »lassen wir einfach mal das gute und sittliche Benehmen hinter uns und hauen auf den Putz. Oder bist du zu feige?«, stichelte sie, mehr im Scherz als ernst. Doch Sara sprang darauf an. Sie grinste Melody direkt an und sprintete plötzlich los, zurück zu dem Standort des Kamerateams. Dort angekommen zog sie ihre Jeans ein Stück herunter, wandte dem Team ihre Kehrseite zu und ließ ihren Stringtanga aufblitzen, in dessen Mitte ein Schneemann prangte. 

»Genau den werden wir dieses Jahr nicht bauen können!«, rief sie und rannte wieder davon. 

Hinter dem Haus riefen Melody, Natascha und Leonie im Chor »Danke Ted!« und rundeten somit Saras Abgang ab.

Kaum befand Sara sich wieder in Sicherheit, erklang schallendes Gelächter. Melody kamen sogar die Tränen. 

»Schnell, lasst uns verschwinden!«, prustete Natascha zwischen den Lachern hindurch, »bevor sie noch nachsehen kommen wo wir sind.«

Die Freundinnen machten sich auf den Weg,

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Cover: Michaela Feitsch
Lektorat/Korrektorat: Ataxis Literatur
Tag der Veröffentlichung: 24.11.2017
ISBN: 978-3-7438-4282-3

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