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Das Leben Jesu

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ellen G. White

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1: „Gott mit uns“ 

Kapitel 2: Das auserwählte Volk

Kapitel 3: „Als aber die Zeit erfüllet ward ...“

Kapitel 4: „Euch ist heute der Heiland geboren“

Kapitel 5: Jesu Darstellung

Kapitel 6: „Wir haben seinen Stern gesehen“

Kapitel 7: Jesu Kindheit

Kapitel 8: Auf dem Passahfest

Kapitel 9: Tage der Auseinandersetzung

Kapitel 10: Die Stimme in der Wüste

Kapitel 11: Die Taufe

Kapitel 12: Die Versuchung

Kapitel 13: Der Sieg

Kapitel 14: „Wir haben den Messias gefunden“

Kapitel 15: Auf der Hochzeit zu Kana

Kapitel 16: In seinem Tempel

Kapitel 17: Nikodemus

Kapitel 18: „Er muß wachsen ...“

Kapitel 19: Am Jakobsbrunnen

Kapitel 20: „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht ...“

Kapitel 21: Bethesda und der Hohe Rat

Kapitel 22: Gefangenschaft und Tod des Johannes

Kapitel 23: „Das Reich Gottes ist herbeigekommen“

Kapitel 24: „Ist er nicht des Zimmermanns Sohn?“

Kapitel 25: Die Berufung am See

Kapitel 26: In Kapernaum

Kapitel 28: Levi-Matthäus

Kapitel 29: Der Sabbat

Kapitel 30: Die Erwählung der Zwölf

Kapitel 31: Die Bergpredigt

Kapitel 32: Der Hauptmann

Kapitel 33: Wer sind meine Brüder?

Kapitel 34: Die Einladung

Kapitel 35: „Schweig und verstumme!“

Kapitel 36: Ein lebendiger Glaube

Kapitel 37: Die ersten Evangelisten

Kapitel 38: „Ruhet ein wenig!“

Kapitel 39: „Gebt ihr ihnen zu essen!“

Kapitel 40: Eine Nacht auf dem See

Kapitel 41: Die Entscheidung in Galiläa

Kapitel 42: Überlieferungen

Kapitel 43: Die Schranken werden niedergerissen

Kapitel 44: Das wahre Zeichen

Kapitel 45: Im Schatten des Kreuzes

Kapitel 46: Die Verklärung

Kapitel 47: Fähig zum Dienst

Kapitel 48: Wer ist der Größte?

Kapitel 49: Auf dem Laubhüttenfest

Kapitel 50: In der Schlinge

Kapitel 51: Das Licht des Lebens

Kapitel 52: Der gute Hirte

Kapitel 53: Die letzte Reise von Galiläa

Kapitel 54: Der barmherzige Samariter

Kapitel 55: Nicht mit äußerlichen Gebärden ...

Kapitel 56: Jesus segnet die Kinder

Kapitel 57: „Eines fehlt dir“

Kapitel 58: „Lazarus, komm heraus!“

Kapitel 59: Die Anschläge der Priester

Kapitel 60: Das Gesetz des neuen Königreichs

Kapitel 61: Zachäus

Kapitel 62: Das Fest im Hause Simons

Kapitel 63: Dein König kommt!

Kapitel 64: Ein verurteiltes Volk

Kapitel 65: Der Tempel wird wieder gereinigt

Kapitel 66: Kampf

Kapitel 67: „Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer ...“

Kapitel 68: Im Vorhof des Tempels

Kapitel 69: Auf dem Ölberg

Kapitel 70: Der Geringste dieser meiner Brüder

Kapitel 71: Aller Diener

Kapitel 72: „Zu meinem Gedächtnis ...“

Kapitel 73: „Euer Herz erschrecke nicht“

Kapitel 74: Gethsemane

Kapitel 75: Jesus vor Hannas und Kaiphas

Kapitel 76: Judas

Kapitel 77: Bei Pilatus

Kapitel 78: Golgatha

Kapitel 79: „Es ist vollbracht!“

Kapitel 80: In Josephs Grab

Kapitel 81: Der Herr ist auferstanden!

Kapitel 82: „Was weinest du?“

Kapitel 83: Der Gang nach Emmaus

Kapitel 84: „Friede sei mit euch!“

Kapitel 85: Noch einmal am See Genezareth

Kapitel 86: „Gehet hin und lehret alle Völker!“

Kapitel 87: „Zu meinem Vater und zu eurem Vater“

Kapitel 1: „Gott mit uns“

 

„‚Sie werden seinen Namen Immanuel heißen‘, das ist verdolmetscht: Gott mit uns.“ Matthäus 1,23.

 

„Die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes“ strahlte „in dem Angesicht Jesu Christi“. 2.Korinther 4,6. Von Ewigkeit an war der Herr Jesus eins mit dem Vater. Er war „das Ebenbild Gottes“ (2.Korinther 4,4), das Ebenbild seiner Größe und Majestät, „der Abglanz seiner Herrlichkeit“. Hebräer 1,3. Er kam auf die Erde, um diese Herrlichkeit zu bezeugen, in diese sündendunkle Welt, um das Licht der Liebe Gottes zu offenbaren — um „Gott mit uns“ zu sein. Deshalb auch wurde von ihm geweissagt: „Sie werden seinen Namen Immanuel heißen.“ Matthäus 1,23.

 

Durch sein Leben mitten unter uns sollte Jesus das Wesen Gottes den Menschen und den Engeln kundtun. Er war das Wort Gottes, durch ihn wurden Gottes Gedanken vernehmbar gemacht. In seinem hohepriesterlichen Gebet sagt Jesus: „Ich habe ihnen deinen Namen kundgetan (barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue) ..., damit die Liebe, mit der du mich liebst, sei in ihnen und ich in ihnen.“ Johannes 17,26; 2.Mose 34,6. Doch diese Offenbarung wurde nicht nur seinen erdgeborenen Kindern geschenkt, vielmehr ist unsere kleine Welt zugleich das Lehrbuch für das Weltall. Gottes wunderbares Gnadenziel, das Geheimnis seiner erlösenden Liebe ist das Thema, das „auch die Engel gelüstet zu schauen“ (1.Petrus 1,12), und sie werden sich damit die ganze Ewigkeit hindurch beschäftigen. Die Erlöstern wie auch die sündlosen Wesen werden in dem Kreuz Christi den Hauptgegenstand ihres Forschens und Preisens sehen. Dann werden sie erkennen, daß die Herrlichkeit, die vom Antlitz Jesu widerstrahlt, der Abglanz seiner aufopfernden Liebe ist. Im Lichte Golgathas wird es deutlich, daß das Gesetz der entsagenden Liebe das auf Erden und im Himmel gültige Lebensgesetz ist; daß die Liebe, die „nicht das Ihre“ (1.Korinther 13,5) sucht, dem Herzen Gottes entspringt, und daß in dem, der „sanftmütig und von Herzen demütig“ war (Matthäus 11,29), sich das Wesen dessen zeigt, „der da wohnt in einem Licht, da niemand zukommen kann“. 1.Timotheus 6,16.

 

Am Anfang offenbarte sich Gott in einem jeden Schöpfungswerk. Christus war es, der die Himmel ausbreitete und auch den Grund der Erde legte. Seine Hand wies den Welten im Universum ihren Platz an und formte die Blumen auf dem Felde. Von ihm heißt es: „Der du die Berge festsetzest in deiner Kraft.“ Psalm 65,7. „Sein ist das Meer, und er hat‘s gemacht.“ Psalm 95,5. Er war es, der die Erde mit Schönheit und die Lüfte mit Gesang erfüllte. Und auf jedes seiner Schöpfungswerke auf Erden, in den Lüften und am Himmel, schrieb er die Botschaft von der Liebe des Vaters.

 

Die Sünde hat zwar das vollkommene Werk Gottes verdorben, die göttliche Handschrift aber ist an ihm erhalten geblieben. Selbst heute noch kündet die Schöpfung von der Herrlichkeit und Güte Gottes. Nichts, abgesehen von dem selbstsüchtigen Herzen der Menschen, lebt für sich selbst. Jeder Vogel in den Lüften, jedes Tier auf der Erde dient einem anderen Leben. Jedes Blatt im Walde; jeder bescheidene Grashalm erfüllt einen Dienst. Jeder Baum und Strauch, ja, jedes Blatt gibt von jener Lebenskraft weiter, ohne die weder Mensch noch Tier leben könnte. Und auch Mensch und Tier ihrerseits dienen dem Leben von Baum, Strauch und Blatt. Durch ihren Duft und ihre Schönheit werden die Blumen der Welt zum Segen. Die Sonne verströmt ihr Licht und schenkt dadurch tausend Welten Freude. Selbst der Ozean, der Ursprung aller Quellen und Flüsse, nimmt die Ströme aller Länder wieder in sich auf. Doch er nimmt nur, um erneut zu schenken. Die Dunstschleier, die von ihm aufsteigen, fallen als Regen auf die Erde nieder, damit sie neue Lebenskeime hervorbringe.

 

Die heiligen Engel freuen sich, wenn sie schenken können, wenn sie gefallenen, sündhaften Menschen Liebe darbieten und unermüdlich über sie wachen können. Himmlische Wesen werben um die Herzen der Menschen und bringen himmlisches Licht in diese dunkle Welt. Durch geduldiges und sanftes Wirken beeinflussen sie das Gemüt, um verlorene Menschen in die Gemeinschaft mit Christus zu führen, die viel fester ist, als sie es sich vorstellen können.

 

Doch wenden wir uns von all diesen geringeren bildlichen Darstellungen ab, dann schauen wir Gott in Jesus Christus. Sehen wir auf Jesus, dann erkennen wir, daß Schenken zur Herrlichkeit Gottes gehört. Jesus sagt von sich, „daß ich ... nichts von mir selber tue“. Johannes 8,28. „Der Vater, von dem alles Leben kommt, hat mich gesandt, und ich lebe durch ihn.“ Johannes 6,57 (GN). „Ich suche nicht meine Ehre“ (Johannes 8,50), sondern die Ehre dessen, der mich gesandt hat. Johannes 7,18. Diese Worte erläutern den erhabenen Grundsatz, auf dem das Leben des Alls beruht. Christus erhielt alles von Gott, er nahm aber lediglich, um seinerseits zu schenken. So wird auch in den himmlischen Vorhöfen verfahren, das gilt auch für Jesu Dienst für alle Geschöpfe: durch den geliebten Sohn wird das Leben des Vaters allem zuteil; über den Sohn kehrt es als Lobpreis und fröhlicher Dienst wieder zum Vater zurück, eine Flut der Liebe gleichsam, die zum erhabenen Ursprung aller Dinge zurückströmt. Durch Christus wird somit der Kreislauf des Segens geschlossen, das Wesen des Gebers aller Dinge und das Gesetz des Lebens enthüllt.

 

Dieses Gesetz wurde ausgerechnet im Himmel übertreten. Die Sünde entsprang der Selbstsucht. Luzifer, der schirmende Cherub, wollte der Erste im Himmel sein. Er trachtete danach, die himmlischen Wesen zu beherrschen, sie dem Schöpfer abspenstig zu machen und ihre Huldigung für sich zu gewinnen. Deshalb verleumdete er Gott und schrieb ihm den Wunsch nach Selbsterhöhung zu. Die eigenen üblen Wesenszüge versuchte er dem liebevollen Schöpfer anzudichten. So täuschte er Engel und Menschen. Er verleitete sie, an Gottes Wort zu zweifeln und seiner Güte zu mißtrauen. Weil Gott ein Gott der Gerechtigkeit und furchterregender Hoheit ist, veranlaßte Satan sie, ihn für hartherzig und unversöhnlich zu halten. Dadurch verführte er die Menschen, sich seiner Rebellion gegen Gott anzuschließen. Eine Nacht der Leiden brach damit über unsere Erde herein.

 

Durch das Mißverstehen der Absichten Gottes wurde die Welt verfinstert. Damit die dunklen Schatten erhellt und die Schöpfung zu Gott zurückgeführt würde, mußte Satans trügerische Macht vernichtet werden. Das aber konnte nicht durch Gewaltanwendung geschehen. Gewaltausübung steht den Grundsätzen der Herrschaft Gottes entgegen. Er erwartet lediglich einen Dienst aus Liebe. Sie aber kann man weder befehlen noch durch Machteinsatz oder Amtsgewalt erzwingen. Nur Liebe erzeugt Gegenliebe. Gott erkennen heißt ihn lieben. Der Gegensatz seines Charakters zu dem Charakter Satans mußte deshalb geoffenbart werden. Nur einer im ganzen Universum konnte dies tun; nur er, der die Höhe und Tiefe der Liebe Gottes kannte, konnte sie auch verkünden. Über der dunklen Erdennacht sollte die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen voller „Heil unter ihren Flügeln“. Maleachi 3,20.

 

Der Erlösungsplan wurde nicht nachträglich erdacht und kam nicht nach Adams Fall zustande. Er war vielmehr die „Offenbarung des Geheimnisses, das ewige Zeiten hindurch verschwiegen geblieben“ war. Römer 16,25 (Menge). Er legte die Grundsätze dar, auf denen von Ewigkeit her Gottes Thron ruhte. Gott und Christus hatten von Anbeginn an vorausgesehen, daß Satan von ihnen abfallen und den Menschen durch die Macht des Betruges in den Fall hineinziehen werde. Gott hat die Sünde nicht gewollt, er hatte sie aber kommen sehen und für diesen schrecklichen Notfall bereits seine Vorkehrungen getroffen. So sehr liebte er die Welt, daß er beschloß, seinen eingeborenen Sohn dahinzugeben, „auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“. Johannes 3,16.

 

Satan hatte gesagt: „Ich will ... meinen Thron über die Sterne Gottes erhöhen ... und gleich sein dem Allerhöchsten.“ Jesaja 14,1314. Von Christus dagegen heißt es: „Er war wie Gott. Aber er betrachtete diesen Vorzug nicht als unaufgebbaren Besitz. Aus freiem Entschluß gab er alles auf und wurde wie ein Sklave. Er kam als Mensch in die Welt und lebte wie ein Mensch.“ Philipper 2,67 (GN). Diese Tat war ein freiwilliges Opfer. Jesus hätte an der Seite des Vaters bleiben, er hätte an der Herrlichkeit des Himmels und der Huldigung der Engel festhalten können. Doch aus eigenem Antrieb legte er die königliche Macht in die Hände des Vaters zurück und stieg vom Thron des Universums herab, damit er Licht zu denen brächte, die im Dunkeln sind, und Leben zu den Verdammten.

 

Vor fast 2000 Jahren erschallte im Himmel, vom Throne Gottes ausgehend, eine Stimme von geheimnisvoller Tragweite: „Siehe, ich komme!“ — „Opfer und Gaben hast du nicht gewollt; einen Leib aber hast du mir bereitet ... Siehe, ich komme — im Buch steht von mir geschrieben —, daß ich tue, Gott, deinen Willen.“ Hebräer 10,5-7. Diese Worte künden von der Erfüllung des Planes, der von Ewigkeit an verborgen war. Christus stand im Begriff, auf unserer Erde zu erscheinen und Mensch zu werden. Deshalb sagt er auch: „Einen Leib ... hast du mir bereitet.“ Wäre er in der Herrlichkeit erschienen, die er bei dem Vater vor der Schöpfung der Welt besaß, dann hätten wir das Licht seiner Gegenwart nicht ertragen können. Damit wir ihn anschauen konnten, ohne vernichtet zu werden, wurde seine Herrlichkeit verhüllt. Seine Göttlichkeit lag unter dem Schleier der menschlichen Natur verborgen — die unsichtbare Herrlichkeit wurde sichtbar in menschlicher Gestalt.

 

Dieser erhabene Plan war in Ur- und Sinnbildern vorgedeutet worden. Der brennende Busch zum Beispiel, in dem Christus dem Mose erschien, offenbarte Gott. Zum Sinnbild für die Darstellung der Gottheit wurde ein armseliger Busch gewählt, der offensichtlich keinerlei Anziehungskraft hatte. Dennoch verhüllte er den Unendlichen. Der barmherzige Gott verbarg seine Herrlichkeit unter einer recht bescheidenen Erscheinungsform, damit Mose ihn schauen und dennoch weiterleben konnte. Mit Israel war Gott bei Tag durch die Wolkensäule und bei Nacht durch die Feuersäule verbunden. So offenbarte er den Menschen seinen Willen und ließ ihnen seine Gnade zuteil werden. Gottes Herrlichkeit wurde abgemildert und seine Majestät verhüllt, damit die schwache Sehkraft des Menschen sie wahrnehmen konnte. Genauso sollte Christus im „nichtigen Leib“ unserer menschlichen Gestalt erscheinen. Philipper 1,21. Nach dem Urteil der Welt verfügte er über keine Schönheit, die ihn angenehm gemacht hätte; dennoch sollte er Gott, das Licht des Himmels und der Erde, verkörpern. Seine Herrlichkeit war verhüllt und seine Erhabenheit und Majestät waren verborgen, damit er den mühseligen und versuchten Menschen recht nahe kommen konnte.

 

Durch Mose befahl Gott den Israeliten: „Sie sollen mir ein Heiligtum machen, daß ich unter ihnen wohne.“ 2.Mose 25,8. In diesem Heiligtum mitten unter seinem Volk ließ er sich nieder. Während der gesamten beschwerlichen Wüstenwanderung war das Sinnbild seiner Gegenwart stets bei ihnen. Ebenso schlug Christus seine Hütte inmitten der Wohnstatt der Menschen auf. Er errichtete sein Zelt gleichsam neben unsern Zelten, um unter uns wohnen und uns mit seinem göttlichen Wesen und Leben vertraut machen zu können. „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingebornen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“ Johannes 1,14.

 

Seit Christus kam, um unter uns zu weilen, wissen wir, daß Gott mit unseren Versuchungen vertraut ist und mit unseren Leiden mitempfindet. Jeder Nachkomme Adams kann nun begreifen, daß unser Schöpfer die Sünder liebt. In jedem Gnadenerweis, in jeder Freudenverheißung, in jeder Liebestat, in jedem Lockreiz, der vom Leben des Heilandes auf Erden ausgeht, erkennen wir den „Gott mit uns“!

 

Satan stellt Gottes Gesetz der Liebe als ein Gesetz der Selbstsucht dar. Er behauptet, es sei unmöglich, seinen Vorschriften zu gehorchen. Den Fall des ersten Elternpaares mit allem Leid, das daraus hervorging, lastet er dem Schöpfer an und verführt die Menschen dazu, in Gott den Urheber der Sünde, des Leides und des Todes zu sehen. Jesus sollte diesen Betrug aufdecken. Als Mensch wie wir sollte er ein Beispiel an Gehorsam geben. Deshalb nahm er unsere menschliche Natur an und machte unsere Erfahrungen. „Daher mußte er in allen Dingen seinen Brüdern gleich werden.“ Hebräer 2,17. Falls wir etwas erdulden müßten, was Jesus nicht zu erdulden brauchte, würde Satan dies so deuten, als reiche die Kraft Gottes nicht für uns aus. Deshalb auch wurde Jesus versucht „allenthalben gleichwie wir“. Hebräer 4,15. Er ertrug jede Versuchung, der auch wir ausgesetzt sind, und er benutzte zu seinen Gunsten keine Kraft, die nicht auch uns uneingeschränkt angeboten wird. Als Mensch trat er der Versuchung entgegen und überwand sie mit der Kraft, die ihm von Gott verliehen wurde. Er sagt: „Deinen Willen, mein Gott, tue ich gern, und dein Gesetz hab ich in meinem Herzen.“ Psalm 40,9. Als er von Ort zu Ort zog, Gutes tat und die vom Satan Gepeinigten heilte, da öffnete er den Menschen das Verständnis für das Gesetz Gottes und für die Art seines Dienstes. Sein Leben bezeugt, daß es auch uns möglich ist, dem Gesetz Gottes zu gehorchen.

 

Durch sein Menschsein kam Christus der Menschheit nahe, durch seine Göttlichkeit blieb er mit dem Throne Gottes verbunden. Als Menschensohn gab er uns ein Beispiel des Gehorsams, als Sohn Gottes schenkte er uns die Kraft zu gehorchen. Christus war es gewesen, der aus dem Busch auf dem Berge Horeb zu Mose gesprochen hatte: „Ich werde sein, der ich sein werde ... So sollst du zu den Kindern Israel sagen: ‚Ich werde sein‘, der hat mich zu euch gesandt.“ 2.Mose 3,14. Das war die Bürgschaft für die Befreiung Israels. Als er nun in menschlicher Gestalt zu uns kam, erklärte er sich als der „Ich bin“. Das Kind in Bethlehem, der bescheidene, demütige Heiland ist Gott, „offenbart im Fleisch“. 1.Timotheus 3,16. Zu uns sagt er: „Ich bin der gute Hirte.“ Johannes 10,11. — „Ich bin das lebendige Brot.“ Johannes 6,51. — „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ Johannes 14,6. — „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“ Matthäus 28,18. „Ich bin“, das ist die Beteuerung jeder Verheißung. „Ich bin“ — habt deshalb keine Furcht. „Gott mit uns“, das sichert uns Befreiung von der Sünde zu und die Kraft, dem Gesetz Gottes zu gehorchen.

 

Als Christus sich demütigte und menschliche Gestalt annahm, offenbarte er einen Charakter, der dem Satans entgegengesetzt ist. Ja, er ging den Weg der Demütigung sogar noch weiter: „Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.“ Philipper 2,8. Wie der Hohepriester die prächtigen Priestergewänder ablegte und im weißen Leinenkleid des einfachen Priesters seinen Dienst versah, so nahm Christus die Gestalt eines Dienenden an und brachte ein Opfer dar, sich selbst, Priester und Opfer zugleich. „Er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hätten.“ Jesaja 53,5. Christus wurde so behandelt, wie wir es verdient haben. Damit wollte er erreichen, daß uns die Behandlung zuteil würde, die eigentlich ihm zukam. Er wurde um unserer Sünde willen, an der er keinen Teil hatte, verdammt, damit wir durch seine Gerechtigkeit, an der wir keinen Teil haben, gerechtfertigt würden. Er erlitt den Tod, den wir hätten erleiden müssen, damit wir sein Leben empfangen konnten. „Durch seine Wunden sind wir geheilt.“ Jesaja 53,5.

 

Durch sein Leben und Sterben hat Christus mehr erreicht als nur die Rettung aus dem durch die Sünde verursachten Untergang. Satan hatte eine ewige Trennung zwischen Gott und Mensch erreichen wollen. Durch Christus aber werden wir enger mit Gott verbunden, so als hätten wir niemals gesündigt. Dadurch, daß er unser Wesen annahm, hat sich der Heiland unlöslich mit uns Menschen verbunden. Für alle Ewigkeit gehört er zu uns. „Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingebornen Sohn gab.“ Johannes 3,16. Er gab ihn nicht nur, damit er unsere Sünden tragen und für uns als Opfer sterben sollte, er schenkte ihn dem gefallenen Menschengeschlecht. Um uns seiner unwandelbaren Friedensgesinnung zu versichern, ließ Gott seinen eingeborenen Sohn Mensch werden, damit er für immer Mensch bliebe. Das ist das Unterpfand dafür, daß Gott seine Verheißung auch erfüllen wird. „Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter.“ Jesaja 9,5. Durch seinen Sohn nahm auch Gott menschliche Natur an, die er damit in den Himmel aufnahm. Der „Menschensohn“ hat Anteil an der Herrschaft über die Welt. Als „Menschensohn“ heißt er: „Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst.“ Jesaja 9,5. Der „Ich bin“ ist der Mittler zwischen Gott und Mensch und legt seine Hände auf beide. Er, „der da ist heilig, unschuldig, unbefleckt, von den Sündern abgesondert“, schämt sich nicht, uns „Brüder zu heißen“. Hebräer 7,26; Hebräer 2,11. Durch Christus wird die Familie auf Erden mit der des Himmels verbunden. Der in die Herrlichkeit aufgenommene Christus ist unser Bruder. Der Himmel ist eingeschlossen in die menschliche Natur, und menschliches Wesen seinerseits entfaltet sich im Herzen dessen, der die unendliche Liebe ist.

 

Gott sagt von seinem Volk: „Wie edle Steine werden sie in seinem Lande glänzen. Denn wie groß ist seine Güte und wie groß ist seine Huld!“ Sacharja 9,1617. Die Erhöhung der Erlösten wird zu einem ewigen Zeugnis der Gnade Gottes werden. „In den kommenden Zeiten“ wird er „den überschwenglichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christus Jesus“ erweisen, „auf daß ... kundwürde ... den Mächten und Gewalten im Himmel die mannigfaltige Weisheit Gottes. Diesen ewigen Vorsatz hat Gott ausgeführt in Christus Jesus, unsrem Herrn“. Epheser 2,7; Epheser 3,1011. Durch Christi Erlösungstat steht Gottes Herrschaft gerechtfertigt da. Der Allmächtige wird als ein Gott der Liebe geoffenbart. Satans Anschuldigungen sind widerlegt, sein Wesen entlarvt. Niemals wieder kann es zu einem Aufruhr kommen, und nie wieder wird die Sünde Eingang in die Schöpfung finden. Für alle Ewigkeit sind die Geschöpfe vor Abfall geschützt. Christi Opfer aus Liebe hat die Bewohner der Erde und des Himmels unauflöslich mit ihrem Schöpfer verbunden.

 

Das Erlösungswerk wird vollständig sein. Dort, wo einst die Sünde herrschte, wird die Gnade Gottes überreich vorhanden sein. Die Erde die Satan als sein Eigentum beansprucht, soll nicht nur losgekauft sondern erhöht werden. Unserer kleinen Welt, die unter dem Fluch der Sünde der einzige dunkle Fleck in Gottes herrlicher Schöpfung war, soll mehr als allen anderen Welten im Universum Ehre erwiesen werden. Hier, wo einst der Sohn Gottes unter den Menschen Wohnung nahm, wo der König der Herrlichkeit lebte, litt und starb, soll dereinst die „Hütte Gottes bei den Menschen“ stehen, wenn er alles neu gemacht haben wird. „Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott, wird mit ihnen sein.“ Offenbarung 21,3. Wenn die Erlösten in der Ewigkeit im Lichte des Herrn wandeln, werden sie ihn für seine unaussprechliche Gabe preisen, für Immanuel — Gott mit uns.

Kapitel 2: Das auserwählte Volk

 

Über tausend Jahre lang hatten die Juden auf die Ankunft des Heilandes gewartet. Auf dies Ereignis gründeten sich ihre lebhaftesten Hoffnungen. Im Lied, in der Weissagung, im Tempeldienst und im täglichen Gebet war sein Name enthalten. Doch als er unter ihnen erschien, erkannten sie ihn nicht. Der Geliebte des Himmels war für sie nur „eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und Hoheit“, und sie erblickten keine Schönheit an ihm, die ihn für sie begehrenswert gemacht hätte. Jesaja 53,2. „Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ Johannes 1,11. Dennoch hatte Gott die Israeliten erwählt; er hatte sie dazu berufen, die Kenntnis seines Gesetzes, der Sinnbilder und Weissagungen, die auf den Heiland hinwiesen, unter den Menschen zu bewahren. Seinem Wunsche entsprechend sollten sie Heilsbrunnen für die Welt sein. Was Abraham in seiner Umgebung, Joseph in Ägypten und Daniel am Hofe zu Babel war, das sollte das Volk der Hebräer unter den heidnischen Völkern sein. Es sollte den Menschen Gott offenbaren.

 

Als der Herr Abraham berief, sagte er: „Ich ... will dich segnen ... und du sollst ein Segen sein ... und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“ 1.Mose 12,23. Das wurde auch von den Propheten wiederholt. Sogar als Israel durch Krieg und Gefangenschaft verheert worden war, galt ihm die Verheißung: „Es werden die Übriggebliebenen aus Jakob unter vielen Völkern sein wie Tau vom Herrn, wie Regen aufs Gras, der auf niemand harrt noch auf Menschen wartet.“ Micha 5,6. Über den Tempel zu Jerusalem kündigte der Herr durch Jesaja an: „Mein Haus wird ein Bethaus heißen für alle Völker.“ Jesaja 56,7. Doch die Israeliten richteten ihre Hoffnungen auf weltliche Größe. Seitdem sie das Land Kanaan betreten hatten, wichen sie von den Geboten Gottes ab und folgten heidnischen Bräuchen. Vergeblich warnte Gott sie durch seine Propheten. Vergeblich wurden sie auch dadurch bestraft, daß heidnische Völker sie unterdrückten. Jeder Sinnesänderung folgte ein um so tieferer Abfall.

 

Wären die Kinder Israel Gott treu geblieben, hätte er sein Ziel erreichen und sie ehren und erhöhen können. Wären sie gehorsam geblieben, so hätte er sie „zum höchsten über alle Völker“ gemacht, „die er geschaffen hat“, und sie wären „gerühmt, gepriesen und geehrt“ worden. 5.Mose 26,19. Mose sagt: „Alle Völker auf Erden werden sehen, daß über dir der Name des Herrn genannt ist, und werden sich vor dir fürchten.“ 5.Mose 28,10. Wenn alle Völker „diese Gebote hören“, müßten sie sagen: „Ei, was für weise und verständige Leute sind das, ein herrliches Volk!“ 5.Mose 4,6. Weil sie aber treulos waren, konnte Gottes Ziel nur durch ständige Trübsal und Demütigung erreicht werden.

 

Sie wurden von Babylon unterjocht und unter die Heiden zerstreut. Im Elend erneuerten viele ihren Glauben an den Bund mit Gott. Als sie ihre Harfen an die Weiden zu Babel hingen und um den heiligen Tempel, der verwüstet lag, Leid trugen (Psalm 137,1-3), da ging von ihnen das Licht der Wahrheit aus, und sie verbreiteten die Erkenntnis Gottes unter den Heiden. Die heidnischen Opferbräuche waren ein Zerrbild des von Gott festgelegten Opferdienstes. Viele, die es mit den heidnischen Bräuchen ernst nahmen, erfuhren durch die Juden, was es mit dem von Gott vorgeschriebenen Opfer auf sich hatte, und nahmen im Glauben die Verheißung eines Erlösers an.

 

Viele Verbannte erduldeten Verfolgung, nicht wenige büßten sogar ihr Leben ein, weil sie sich weigerten, den Sabbat zu mißachten und an den heidnischen Festen teilzunehmen. Als die Götzendiener angestachelt wurden, die Wahrheit auszulöschen, stellte der Herr seine Diener vor Herrscher und Könige, damit diese und deren Untertanen erleuchtet würden. Von Zeit zu Zeit wurden die gewaltigsten Monarchen dazu gebracht, die Überlegenheit des Gottes zu verkünden, den ihre hebräischen Gefangenen anbeteten.

 

Durch die Babylonische Gefangenschaft wurden die Kinder Israel wirksam von der Anbetung der Götzenbilder geheilt. In den folgenden Jahrhunderten erduldeten sie die Unterdrückung durch heidnische Feinde, bis sie zu der festen Überzeugung gelangten, daß ihre Wohlfahrt vom Gehorsam gegenüber dem Gesetz Gottes abhinge. Bei allzu vielen Juden beruhte dieser Gehorsam jedoch nicht auf Liebe. Sie handelten aus selbstsüchtigen Beweggründen und dienten Gott nur äußerlich, um dadurch zu nationaler Größe zu gelangen. Daher wurden sie nicht zu einem Licht der Welt, sondern sie sonderten sich von der Welt ab, um so der Versuchung zum Götzendienst zu entgehen. In den Unterweisungen, die Gott ihnen durch Mose erteilt hatte, war der Umgang Israels mit Götzenanbetern eingeschränkt worden. Diese Belehrungen wurden nun falsch ausgelegt. Israel sollte zwar durch sie daran gehindert werden, sich nach heidnischen Bräuchen zu richten; doch jetzt dienten sie dazu, zwischen sich und den Heiden einen Wall aufzubauen. Jerusalem war in den Augen der Juden der Himmel, und Eifersucht erfüllte sie bei dem Gedanken, Gott könnte den Heiden Gnade erweisen.

 

Nach ihrer Rückkehr aus Babylon widmeten die Juden der religiösen Unterweisung große Aufmerksamkeit. Überall im Lande errichteten sie Synagogen, in denen Priester und Schriftgelehrte das Gesetz auslegten. Sie gründeten auch Schulen, auf denen neben den Künsten und Wissenschaften angeblich auch die Grundsätze wahrer Frömmigkeit gelehrt wurden. Diese Institutionen gerieten jedoch in Verfall; denn während der Gefangenschaft hatten viele Israeliten heidnische Vorstellungen und Bräuche übernommen, die sie nun in den Gottesdienst einschleusten. In vielen Dingen paßten sie sich den Gewohnheiten der Götzendiener an.

 

Als sich die Juden von Gott abwandten, verloren sie weitgehend das Verständnis für die Bedeutung des Opferdienstes, der von Christus selbst eingeführt worden war. In allen seinen Teilen war dieser Dienst ein Sinnbild auf Jesus hin und von Kraft und geistlicher Schönheit erfüllt. Den Juden kam nun die geistliche Sinngebung ihrer Zeremonien abhanden, und so klammerten sie sich an tote Formen. Sie setzten ihr Vertrauen auf die bloßen Opfer und Bräuche statt auf den, auf den diese hinwiesen. Um diesen Verlust zu ersetzen, vervielfältigten die Priester und Rabbiner die eigenen Anforderungen, und je strenger diese wurden, desto weniger fand sich die Liebe Gottes in ihnen. Gradmesser ihrer Frömmigkeit war die Anzahl ihrer kultischen Handlungen, ihre Herzen aber waren voller Stolz und Heuchelei.

 

Bei all diesen peinlich genauen und lästigen Vorschriften war es unmöglich, das Gesetz wirklich zu halten. Wer Gott dienen und dabei den Regeln der Rabbiner gehorchen wollte, plagte sich unter einer schweren Last ab. Er konnte vor den Anklagen seines geängsteten Gewissens nicht zur Ruhe kommen. Auf diese Weise versuchte Satan, das Volk mutlos zu machen, die Vorstellung vom Wesen Gottes zu verfälschen und den Glauben Israels in Verruf zu bringen. Er hoffte, beweisen zu können, was er bei seinem Aufruhr im Himmel behauptet hatte, nämlich daß Gottes Forderungen ungerecht seien und man ihnen nicht gehorchen könne. Selbst die Kinder Israel, so versicherte er, hielten das Gesetz nicht. Die Juden sehnten zwar die Ankunft des Messias herbei, aber sie hatten dennoch keine richtige Vorstellung von seiner Aufgabe. Sie wollten nicht von ihrer Sündenschuld erlöst, sondern vom Römerjoch befreit werden und hielten nach einem Messias Ausschau, der als Eroberer kommen, die Macht ihrer Unterdrücker zerbrechen und Israel zur Weltherrschaft verhelfen sollte. So wurde der Weg für sie bereitet, den Heiland zu verwerfen.

 

Zur Zeit der Geburt Christi härmte sich das Volk unter der Fremdherrschaft ab, außerdem war es von innerem Hader zerrissen. Obwohl den Juden erlaubt worden war, eine eigene Regierung zu behalten, konnte nichts die Tatsache verbergen, daß sie von den Römern unterjocht wurden und daß sie sich mit der Beschneidung der eigenen Macht nicht abfinden konnten. Die Römer behielten sich das Recht vor, den Hohenpriester zu ernennen und abzusetzen. Oftmals erhielt man dieses Amt nur durch List, Bestechung, ja sogar durch Mord. Dadurch griff die Korruption unter den Priestern immer stärker um sich. Doch noch übten sie eine große Macht aus, die sie für selbstsüchtige und gewinnträchtige Ziele einsetzten. Das Volk war ihren hartherzigen Forderungen ausgeliefert und mußte außerdem noch hohe Steuern an die Römer zahlen. Deshalb herrschte überall Unzufriedenheit. Häufig kam es zu Volksaufständen. Geldgier und Gewalttat, Mißtrauen und Gleichgültigkeit im religiösen Leben zehrten am Mark des Volkes.

 

Haß auf die Römer, nationaler Stolz und geistlicher Hochmut ließen die Juden noch immer streng den religiösen Formen anhangen. Die Priester versuchten, den Schein der Heiligkeit aufrechtzuerhalten, indem sie peinlich genau die kultischen Vorschriften beachteten. Das bedrängte und in geistlicher Finsternis lebende Volk wie auch seine machthungrigen Beherrscher ersehnten den Einen, der die Feinde besiegen und das Königreich Israel wiederherstellen würde. Die Weissagungen hatten sie erforscht, doch ohne geistliche Erleuchtung. Sie übersahen daher jene Schriftworte, die auf die Erniedrigung Christi bei seiner ersten Ankunft hinwiesen, und mißverstanden jene anderen, die von der Herrlichkeit seines zweiten Kommens sprechen. Ihr Hochmut verdunkelte ihre Erkenntnis, so daß sie die Weissagungen nach ihren eigenen selbstsüchtigen Wünschen auslegten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 3: „Als aber die Zeit erfüllet ward ...“

 

„Als aber die Zeit erfüllet ward, sandte Gott seinen Sohn ... auf daß er die, so unter dem Gesetz waren, erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen.“ Galater 4,4.

 

Das Kommen des Heilandes wurde bereits im Garten Eden vorhergesagt. Als Adam und Eva zum ersten Mal die Verheißung hörten, warteten sie auf deren rasche Erfüllung. Voller Freude empfingen sie ihren erstgeborenen Sohn in der Hoffnung, daß er der Erlöser sein möchte. Doch die Erfüllung dieser Verheißung ließ auf sich warten. Jene, die sie zuerst empfingen, starben, ohne erlebt zu haben, daß sie sich erfüllt hätte. Von den Tagen Henochs an wurde diese Verheißung durch Patriarchen und Propheten weitergegeben und die Hoffnung auf seine Erscheinung am Leben erhalten, und dennoch kam er nicht. Erst die Weissagung Daniels offenbarte die Zeit seines Kommens, doch nicht alle verstanden diese Botschaft richtig zu deuten. So ging ein Jahrhundert nach dem andern vorüber, und die Stimmen der Propheten verstummten. Die Hand der Unterdrücker lastete schwer auf Israel, und viele sprachen nun: „Es dauert so lange, und es wird nichts aus der Weissagung.“ Hesekiel 12,22.

 

Wie die Gestirne unbeirrbar ihre ewige Bahn ziehen, so erfüllen sich auch die Absichten Gottes. Einst hatte der Herr unter den Sinnbildern einer großen Finsternis und eines rauchenden Ofens Abraham die Knechtschaft Israels in Ägypten kundgetan und dabei seinem Diener erklärt, daß ihr Aufenthalt dort vierhundert Jahre währen würde; danach aber sollten sie „ausziehen mit großem Gut“. 1.Mose 15,14. Das stolze Reich der Pharaonen bekämpfte leidenschaftlich diese Verheißung Gottes. Doch vergebens; denn als die Zeit der Erfüllung gekommen war, „an eben diesem Tage zog das ganze Heer des Herrn aus Ägyptenland“. 2.Mose 12,41. Mit der gleichen Sicherheit war im Rate Gottes auch die Zeit des ersten Advents Christi bestimmt worden. Als die Weltenuhr diese Stunde anzeigte, wurde Jesus in Bethlehem geboren.

 

„Als ... die Zeit erfüllet ward, sandte Gott seinen Sohn.“ Galater 4,4. Er hatte in seiner Vorsehung die Bewegungen der Völker, die Wogen menschlicher Bestrebungen und Einflüsse gelenkt, bis die Welt für das Kommen des Erlösers reif war. Damals waren die Völker unter einer Herrschaft vereinigt; sie redeten allgemein eine Sprache, die auch überall als Schriftsprache galt. Von weither kamen die zerstreut wohnenden Juden nach Jerusalem, um gemeinsam die jährlichen Feste zu feiern. So konnten sie auch nach der Rückkehr in ihre Heimatorte überall die Kunde von der Ankunft des Messias verbreiten. Zu der gleichen Zeit ließ der Einfluß des Heidentums auf das Volk nach. Man war des großartigen heidnischen Gepränges und der Fabeln überdrüssig geworden und sehnte sich nach einer Religion, die das Herz befriedigen konnte. Wohl schien das Licht der Wahrheit von den Menschen gewichen, doch gab es immer noch Seelen, die nach diesem Licht verlangten und die mit Sorge und Unruhe erfüllt waren. Diese Seelen hungerte und dürstete nach der Erkenntnis des lebendigen Gottes, und sie sehnten sich nach der Gewißheit eines Lebens jenseits des Grabes.

 

Die Juden hatten sich von Gott abgewandt; der Glaube war verblaßt und die Hoffnung auf das ewige Heil fast erloschen. Man verstand die Worte der Propheten nicht mehr. Dem größten Teil des Volkes war der Tod ein schreckliches Geheimnis; die Vorstellungen über das Jenseits waren dunkel und ungewiß. Man hörte nicht nur das Klagen der Mütter von Bethlehem, sondern es erfüllte sich, „was gesagt ist von dem Propheten Jeremia, der da spricht: ‚Zu Rama hat man ein Geschrei gehört, viel Weinen und Heulen; Rahel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war aus mit ihnen.‘“ Matthäus 2,1718. Ohne Trost saßen die Juden „am Ort und Schatten des Todes“. Matthäus 4,16. Sehnsuchtsvoll schauten sie nach dem Erlöser aus, dessen Erscheinen die Dunkelheit vertreiben und das Geheimnis der Zukunft offenbaren sollte.

 

Außerhalb des jüdischen Volkes gab es Angehörige fremder Stämme, die das Erscheinen eines göttlichen Lehrers vorhersagten. Diese suchten ernstlich die Wahrheit, und darum schenkte Gott ihnen den Geist der Weissagung. Gleich Sternen am dunklen Nachthimmel waren solche Lehrer, einer nach dem andern, aufgetaucht. Mit ihren Seherworten hatten sie in den Herzen vieler Heiden frohe Hoffnungen entfacht. Seit Jahrhunderten waren die heiligen Schriften ins Griechische übersetzt worden, die damals über weite Gebiete des Römischen Reiches verbreitete Sprache. Dazu kam noch, daß die Juden überallhin verstreut waren und ihre Messiaserwartung in gewissem Grade von den Heiden geteilt wurde. Unter jenen, von den Juden Heiden genannt, befanden sich Männer, die ein besseres Verständnis der göttlichen Weissagungen über den Messias besaßen als die Schriftgelehrten Israels. Sie erwarteten in dem Messias einen Erretter von der Sünde. Philosophen bemühten sich, das Geheimnis der hebräischen Heilsgeschichte zu erforschen. Aber die Verblendung der Juden verhinderte die Ausbreitung des Lichtes. Sie wollten die Kluft, die zwischen ihnen und anderen Völkern bestand, um keinen Preis überbrücken und waren nicht gewillt, ihre Erkenntnis über den Opferdienst anderen mitzuteilen. Zuerst mußte ihr Messias, der wahre Lehrer, kommen und die Bedeutung aller biblischen Schattenbilder erklären.

 

Durch die Natur, durch Bilder und Gleichnisse, durch Patriarchen und Propheten hatte Gott zur Welt gesprochen. Diese Unterweisungen mußten der Menschheit auch in einer menschlichen Sprache gegeben werden. Der Engel des Bundes sollte diese Aufgabe übernehmen. Seine Stimme sollte in seinem eigenen Tempel gehört werden. Christus mußte kommen, um jene Worte zu sprechen, die klar und deutlich verstanden werden konnten. Er, der Schöpfer der Wahrheit, mußte die Wahrheit von der Spreu menschlicher Äußerungen trennen, die ohne Wirkung geblieben waren. Nicht nur mußten die Grundsätze der Herrschaft Gottes und der Erlösungsplan auf das sinnfälligste erklärt, sondern auch die Texte des Alten Testamentes sollten den Menschen ausführlich dargelegt werden.

 

Dennoch gab es unter den Juden standhafte Seelen, Nachkommen jenes geheiligten Geschlechtes, das die Erkenntnis Gottes in sich bewahrt hatte, die noch auf die Erfüllung der den Vätern gegebenen Verheißung warteten. Diese gläubigen Juden stärkten und belebten ihren Glauben immer wieder durch die Worte Moses: „Einen Propheten wird euch der Herr, euer Gott, erwecken aus euren Brüdern gleichwie mich; den sollt ihr hören in allem, was er euch sagen wird.“ Apostelgeschichte 3,22. Oder sie lasen, daß Gott den Einen salben und auf die Erde senden werde, „den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit ... zu verkündigen ein gnädiges Jahr des Herrn“. Jesaja 61,12. Oder sie hörten davon, daß er „wird nicht verlöschen ... bis er auf Erden das Recht aufrichte“, daß „die Inseln warten auf seine Weisung“ und daß die Heiden zu seinem Licht und die Könige zum Glanz, der über ihm aufgeht, ziehen würden. Jesaja 42,4; Jesaja 60,3.

 

Besonders aber belebten sie die Worte des sterbenden Jakob: „Es wird das Zepter von Juda nicht weichen noch der Stab des Herrschers von seinen Füßen, bis daß der Held komme, und ihm werden die Völker anhangen.“ 1.Mose 49,10. Die Tatsache der dahinschwindenden Macht Israels zeugte für das nahe bevorstehende Kommen des Messias. Die Weissagung Daniels schilderte die Herrlichkeit seiner Herrschaft über ein Reich, das allen irdischen Reichen folgen sollte und das „ewig bleiben“ würde. Daniel 2,44. Während nur wenige die Sendung Christi wirklich verstanden, war die Erwartung weit verbreitet, daß er als mächtiger Fürst kommen werde, um in Israel sein Reich aufzurichten und den Völkern die ersehnte Freiheit zu bringen.

 

Die Zeit war erfüllt. Die Menschheit, durch Jahrhunderte der Übertretung immer tiefer gesunken, verlangte nach dem Erlöser. Satan hatte alles getan, um die Kluft zwischen dem Himmel und der Erde tief und unüberbrückbar zu machen. Durch seine Lügen hatte er die Menschen ermutigt, zu sündigen. Es war seine Absicht, die Langmut Gottes zu erschöpfen und dessen Liebe zu den Menschen so zu verdunkeln, daß er schließlich die Welt seiner satanischen Oberhoheit überlassen würde.

 

Satan suchte den Menschen die Erkenntnis Gottes unmöglich zu machen und ihre Aufmerksamkeit vom Tempel Gottes abzuwenden, um sein eigenes Reich aufrichten zu können. Es schien sogar, als wäre seinem Streben nach der höchsten Gewalt ein voller Erfolg beschieden. Zwar hatte Gott in jeder Generation seine Werkzeuge; selbst unter den Heiden gab es Männer, durch die Christus wirken konnte, das Volk aus ihrer Sünde und Erniedrigung herauszuführen. Doch diese Männer wurden verachtet und verabscheut. Viele von ihnen starben eines gewaltsamen Todes. Der dunkle Schatten, den Satan über die Welt geworfen hatte, wurde länger und länger.

 

Satan hatte durch das Heidentum zu allen Zeiten die Menschen Gott abspenstig gemacht; aber seinen größten Sieg erlangte er, indem er den Glauben in Israel verfälschte. Wie den Heiden, die durch ihren Götzendienst die Gotteserkenntnis verloren und immer verderbter wurden, so erging es auch Israel. Die Auffassung, daß der Mensch sich durch seine eigenen Werke selbst erlösen könne, war die Grundlage jeder heidnischen Religion; auch in Israel hatte dieser Grundsatz, von Satan eingepflanzt, Boden gewonnen. Wo immer man ihn befolgt, berauben die Menschen sich selbst jeder Schutzwehr gegen die Sünde. Die Heilsbotschaft wird den Menschen durch menschliche Werkzeuge übermittelt. Doch die Juden wollten das ausschließliche Recht auf die Wahrheit, die das ewige Leben bedeutet, für sich allein. Sie hatten das lebendige Manna gehortet und es dadurch dem Verderben ausgeliefert. Die Religion, die sie für sich allein in Anspruch zu nehmen gedachten, geriet ihnen zum Ärgernis. Sie beraubten Gott seiner Herrlichkeit und betrogen die Welt, indem sie das Evangelium verfälschten. Die Weigerung der Juden, sich Gott zu weihen und der Welt zum Heil zu werden, machte sie zu Werkzeugen Satans, die Verderben über die Welt brachten.

 

Das Volk, das Gott erwählt hatte, Pfeiler und Grundfeste der Wahrheit zu sein, war zu Beauftragten Satans geworden. Sie erfüllten die Aufgabe, die Satan ihnen zugedacht hatte, indem sie Mittel und Wege fanden, das Wesen Gottes falsch darzustellen, und die Welt veranlaßten, ihn als Tyrannen zu betrachten. Sogar die Priester, die ihren Dienst im Tempel versahen, hatten die Bedeutung der gottesdienstlichen Handlungen aus den Augen verloren. Sie hatten längst aufgehört, hinter deren Symbolcharakter den eigentlichen Sinn zu sehen. Im Ablauf des Opferdienstes waren sie zu Akteuren in einem Schaustück geworden. Die Ordnungen, die Gott selbst eingesetzt hatte, wurden zu einem Mittel, die Sinne zu betören und die Herzen zu verhärten. Auf diesem Wege konnte Gott nichts mehr für die Menschheit tun. Dieses ganze System mußte beseitigt werden.

 

Der Betrug der Sünde hatte seinen Höhepunkt erreicht. Alle Wirksamkeit, die Seelen der Menschen moralisch zu verderben, war in vollem Gange. Der Sohn Gottes sah, als er auf die Welt blickte, nur Not und Elend. Mit tiefem Erbarmen erkannte er, wie Menschen Opfer der satanischen Grausamkeit wurden. Voller Mitgefühl blickte er auf jene, die verführt oder getötet wurden und verlorengingen. Sie hatten sich einen Obersten gewählt, der sie gleichsam als Gefangene vor seinen Karren spannte. Irregeleitet und betrogen, bewegten sie sich in einer traurigen Prozession ihrem ewigen Untergang entgegen, dem Tod, in dem keine Lebenshoffnung ist, der Nacht, die keinen Morgen kennt. Satanisches Wirken vermischte sich mit menschlichem Tun. Die Leiber menschlicher Wesen, dazu geschaffen, daß Gott darin wohnte, wurden zu einer Behausung der Teufel. Die Sinne, Nerven, Triebe und Organe der Menschen wurden durch übernatürliche Kräfte angestachelt, der niedrigsten Begierde zu frönen. Den Angesichtern der Menschen war geradezu der Stempel der Dämonen aufgeprägt. Sie spiegelten die Legionen des Bösen wider, von dem sie besessen waren. Solcherart war der Anblick, der sich dem Erlöser der Welt bot. Welch ein Schauspiel für den unendlich Reinen, das zu sehen!

 

Die Sünde war zu einer systematisch betriebenen Kunst geworden, und das Laster wurde als Teil der Religion geheiligt. Die Empörung wider Gott war tief in den Herzen verwurzelt, und die Feindseligkeit der Menschen gegen den Himmel war außerordentlich heftig. Vor dem ganzen Universum zeigte es sich, daß die menschliche Natur, von Gott getrennt, sich nicht über das Menschliche emporschwingen kann. Ein neues Element der Lebensgestaltung und Kraft muß erst durch jenen Einen verliehen werden, der die Welt geschaffen hat.

 

Voller Spannung hatten die nichtgefallenen Welten erwartet, daß sich der Herr aufmachen und die Bewohner der Erde hinwegraffen würde. Und wenn Gott dies getan hätte, dann wäre Satan bereit gewesen, seinen Plan auszuführen, um sich die Ergebenheit der himmlischen Wesen zu sichern. Er hatte erklärt, daß die Grundsätze der Herrschaft Gottes eine Vergebung unmöglich machten. Würde Gott die Welt vernichtet haben, so hätte der Teufel behauptet, daß seine Anklagen gegen Gott wahr seien. Er lauerte darauf, Gott anzuklagen und auch andere Welten in die Empörung hineinzuziehen.

 

Aber statt die Welt zu vernichten, sandte Gott seinen Sohn, sie zu retten. Obwohl überall Verderbtheit und Trotz herrschten, wurde ein Weg der Erlösung der Menschheit vorbereitet. Im entscheidenden Augenblick, gerade da Satan zu triumphieren schien, brachte der Sohn Gottes die frohe Botschaft von der göttlichen Gnade. In allen Zeiten, in jeder Stunde ist die Liebe Gottes dem gefallenen Menschengeschlecht nachgegangen. Ungeachtet seiner Bosheit, empfing es beständig sichtbare Zeichen seiner Gnade. Und als die Zeit erfüllt war, offenbarte die Gottheit ihre Herrlichkeit, indem sie die Fülle heilsamer Gnade über die Welt ausschüttete. Diese Gnade sollte nie aufgehalten oder der Welt entzogen werden, bis die Durchführung des Heilsplanes vollendet wäre.

 

Satan frohlockte, daß es ihm gelungen war, das Bild Gottes bei den Menschen herabzusetzen. Darum kam Jesus auf diese Erde, um im Menschen das Bild seines Schöpfers wiederherzustellen. Niemand außer Christus kann den Charakter, der durch die Sünde zugrunde gerichtet worden war, erneuern. Er kam, die bösen Geister zu vertreiben, die den Willen beherrscht hatten. Er kam, um uns aus dem Staub aufzuhelfen, um unseren entstellten Charakter nach dem Vorbild seines göttlichen Wesens umzuformen und ihn mit seiner eigenen Herrlichkeit zu schmücken.

 

 

 

 

Kapitel 4: „Euch ist heute der Heiland geboren“

 

Auf der Grundlage von Lukas 2,1-20.

 

Der König der Herrlichkeit ließ sich herab, Knechtsgestalt anzunehmen und unter harten und widrigen Verhältnissen auf Erden zu leben. Seine Herrlichkeit wurde verborgen, damit nicht die Majestät seiner äußeren Erscheinung die Aufmerksamkeit der Welt auf ihn lenken sollte. Er vermied allen äußeren Glanz und Aufwand; denn er wußte, daß weder Reichtum noch weltliche Ehren noch Ansehen bei den Menschen eine Seele vom Tode erretten können.

 

Jesus wollte keine Anhänger, die ihm um des Irdischen willen nachfolgten. Nur die Größe der göttlichen Wahrheit sollte die Menschenherzen zu ihm führen. Von dem Wesen des Heilandes war von den Propheten lange zuvor geweissagt worden; und auf das Zeugnis des Wortes Gottes hin sollten die Menschen Jesus als Messias annehmen. Die Großzügigkeit des Erlösungsplanes hatte die Engel in Verwunderung versetzt. Sie beobachteten das Volk Gottes, um zu sehen, wie es den Sohn des Himmels in Menschengestalt aufnehmen würde. Ihrer etliche begaben sich in das Land des auserwählten Volkes. Andere Völker glaubten Fabeln und beteten Götzen an. Die Engel aber kamen in das Land, in dem die Herrlichkeit Gottes offenbart worden war und in dem das Licht der Weissagung geschienen hatte. Unbemerkt gelangten sie nach Jerusalem und kamen zu den berufenen Auslegern der heiligen Schriften und zu den Dienern des Hauses Gottes. Dem Priester Zacharias war bereits, als er vor dem Altar diente, verkündigt worden, daß die Menschwerdung Christi bevorstehe; auch war schon der Vorläufer des Herrn geboren und dessen Sendung durch Wunder und Weissagung bestätigt worden. Die Kunde von seiner Geburt und der wunderbaren Bedeutung seiner Aufgabe hatte sich überall verbreitet. Dennoch rüstete sich Jerusalem nicht, seinen Erlöser zu begrüßen.

 

Mit Erstaunen nahmen jetzt die Boten des Himmels die Gleichgültigkeit des Volkes wahr, das Gott berufen hatte, der Welt das Licht der heiligen Wahrheit mitzuteilen. Das jüdische Volk war bewahrt worden, um zu bezeugen, daß Christus dem Samen Abrahams und dem Hause Davids entstammte; dennoch wußte es nicht, daß die Ankunft des Heilandes jetzt unmittelbar bevorstand. Selbst im Tempel, wo die Morgen- und Abendopfer täglich auf das Lamm Gottes hinwiesen, traf man keine Vorbereitungen, ihn zu empfangen; denn auch die Priester und Lehrer des Volkes wußten nichts davon, daß nunmehr das größte und wichtigste Ereignis aller Zeiten eintreten sollte. Gedankenlos leierten sie ihre Gebete herunter und genügten den förmlichen Vorschriften des Gottesdienstes, um den Menschen zu gefallen; in ihrem Streben nach Reichtum und weltlicher Ehre waren sie jedoch nicht auf die Offenbarung des Messias vorbereitet. Diese Gleichgültigkeit durchdrang das ganze jüdische Land. Eigennutz und Weltsucht machten die Herzen unempfänglich für die Freude, die den Himmel bewegte. Wenige nur sehnten sich danach, den Unsichtbaren zu schauen, und nur diesen wenigen offenbarte sich der Himmel.

 

Engel begleiteten Joseph und Maria auf ihrer Reise von ihrem Heim in Nazareth nach der Stadt Davids. Das Gebot des kaiserlichen Rom, daß sich alle Völker in seinem ausgedehnten Gebiet schätzen ließen, erstreckte sich auch auf die Bewohner der Berge Galiläas. Wie einst Cyrus zur Weltherrschaft berufen wurde, damit er die Gefangenen des Herrn freiließe, so diente jetzt Kaiser Augustus als Werkzeug, um die Absicht Gottes auszuführen, indem er den Anlaß gab, der die Mutter Jesu nach Bethlehem führte. Sie stammte aus dem Geschlecht Davids, und der Sohn Davids mußte in Davids Stadt geboren werden. Aus Bethlehem, so hatte der Prophet gesagt, „soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist“. Micha 5,1. Doch in der Stadt ihrer königlichen Vorfahren kannte und beachtete man Joseph und Maria nicht. Müde und ohne ein Obdach zu haben, zogen sie die lange, enge Straße entlang von einem Ende bis zum andern und suchten vergebens eine Unterkunft für die Nacht. Es gab für sie keinen Platz mehr in den überfüllten Herbergen der Stadt. Endlich gewährte ihnen ein dürftiger Stall Obdach für die Nacht, und hier wurde der Erlöser der Welt geboren.

 

Obschon die Menschen nichts davon wußten, vernahm es der Himmel mit Jauchzen. Mit tiefer, immer inniger werdender Anteilnahme fühlten sich die himmlischen Wesen zur Erde hingezogen. Die ganze Welt schien durch die Gegenwart des Erlösers erhellt. Über den Höhen von Bethlehem sammelte sich eine unzählbare Engelschar. Sie erwartete das Zeichen, um der Welt die Freudenbotschaft mitzuteilen. Wären die Obersten Israels ihrer Berufung treu geblieben, dann hätten sie an der großen Freude teilhaben dürfen, die Geburt des Heilandes zu verkündigen. So wurden sie jedoch übergangen.

 

Der Herr spricht: „Ich will Wasser gießen auf das Durstige und Ströme auf das Dürre.“ Jesaja 44,3. — „Den Frommen geht das Licht auf in der Finsternis.“ Psalm 112,4. So werden denen, die das Licht suchen und es freudig annehmen, helle Lichtstrahlen vom Throne Gottes leuchten.

 

Auf den Feldern, auf denen einst der junge David seine Schafe geweidet hatte, hüteten auch jetzt Hirten des Nachts ihre Herden. In den stillen Nachtstunden sprachen sie miteinander von dem verheißenen Heiland und beteten um das Kommen des Königs auf Davids Thron. „Siehe, des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: ‚Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.‘“ Lukas 2,9-11.

 

Bei diesen Worten zogen Bilder von großer Herrlichkeit an dem inneren Auge der lauschenden Hirten vorüber. Der Erlöser Israels war gekommen! Macht, Erhöhung und Sieg würden die Folge seines Eintritts in die Welt sein. Aber der Engel mußte sie darauf vorbereiten, ihren Heiland auch in Armut und Niedrigkeit zu erkennen. „Das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“ Lukas 2,12. Der Bote des Himmels besänftigte die Furcht der Hirten. Er sagte ihnen, wie sie Jesus fänden. Mit zarter Rücksicht auf ihre menschliche Schwäche gab er ihnen Zeit, sich an die göttliche Herrlichkeit zu gewöhnen. Dann aber ließen sich Freude und Lobpreis nicht länger halten. Die himmlischen Heerscharen erhellten die ganze Ebene mit ihrem Glanz. In das tiefe nächtliche Schweigen der Erde tönte der Jubelgesang: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“ Lukas 2,14.

 

Wenn doch die Menschen heute noch diesen Jubelchor vernehmen könnten! Jene Ankündigung, der damals erklungene Schall, würde sich fortpflanzen bis ans Ende der Zeit und Widerhall finden bis an die Enden der Erde. Und wenn einst die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen wird mit Heil unter ihren Flügeln — dann wird dieser Gesang vielfältig widertönen von der Stimme einer großen Schar, gleich dem Rauschen großer Wasser: „Halleluja! denn der Herr, unser Gott, der Allmächtige, hat das Reich eingenommen!“ Offenbarung 19,6. Als sich die Engel entfernten, schwand auch das Licht, und die Schatten der Nacht breiteten sich aufs neue über die Höhen von Bethlehem. Aber das prächtigste Bild, das Menschenaugen je wahrgenommen haben, blieb im Gedächtnis der Hirten. „Da die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Laßt uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Joseph, dazu das Kind in der Krippe liegen.“ Lukas 2,1516.

 

Mit großer Freude im Herzen gingen sie wieder fort und verkündeten, was sie gesehen und gehört hatten. „Und alle, vor die es kam, wunderten sich der Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten. Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott.“ Lukas 2,18-20. Himmel und Erde sind heute nicht weiter voneinander entfernt als damals, da die Hirten dem Gesang der Engel lauschten. Und der Himmel läßt heute den Menschen seine Fürsorge nicht weniger angedeihen als damals, da einfache Leute bei ihrer gewöhnlichen Beschäftigung zur Mittagszeit Engeln begegneten und in den Weingärten und auf den Feldern mit den Boten Gottes redeten. So kann auch uns auf allen unseren Wegen der Himmel nahe sein. Gott wird seine Engel senden, damit sie die Schritte derer bewahren, die nach seinen Geboten wandeln.

 

Die Geschichte von Bethlehem ist ein unerschöpfliches Thema. In ihr verborgen liegt die „Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes“. Römer 11,33. Wir staunen über das Opfer des Heilandes, der den Himmelsthron mit der Krippe und die Gesellschaft der anbetenden Engel mit jener der Tiere im Stall vertauschte. Tief beschämt stehen vor ihm der Stolz und der Eigendünkel der Menschen. Die armselige Geburt des Heilandes war erst der Anfang seiner außerordentlichen Erniedrigung. Hätte der Sohn Gottes Menschengestalt angenommen, als Adam noch unschuldig im Paradiese lebte, dann schon wäre solche Tat eine geradezu unbegreifliche Herablassung gewesen; nun aber kam Jesus auf die Erde, nachdem das Menschengeschlecht bereits durch vier Jahrtausende im Dienst der Sünde geschwächt worden war. Und dennoch nahm er wie jeder andere die Folgen auf sich, die das unerbittliche Gesetz der Vererbung zeitigte. Das Erleben seiner irdischen Vorfahren lehrt uns, worin diese Folgen bestanden. Mit einem solchen Erbteil belastet, teilte er unsere Nöte und Versuchungen und gab uns das Beispiel eines sündlosen Lebens.

 

Satan hatte Christus im Himmel wegen seiner Stellung vor Gott gehaßt. Dieser Haß steigerte sich, als er entthront wurde. Er haßte den, der es auf sich nahm, ein Geschlecht von Sündern zu erlösen. Dennoch sandte Gott seinen Sohn in diese Welt, über die Satan zu herrschen begehrte, er sandte ihn als ein hilfloses, aller menschlichen Schwachheit unterworfenes Kindlein. Er erlaubte ihm, sich zusammen mit jeder Menschenseele den Gefahren des Lebens auszusetzen und, wie jedes andere Menschenkind auch, den Lebenskampf zu führen — mit dem Wagnis, zu versagen und auf ewig verlorenzugehen.

 

Ein menschlicher Vater ist herzlich besorgt um seinen Sohn. Wenn er seinem Kind ins Auge schaut, so erzittert er bei dem Gedanken an die Gefahren, die das Leben mit sich bringt. Er möchte seinen Liebling vor der Gewalt Satans bewahren und Anfechtung und Kampf von ihm fernhalten. Gott aber sandte seinen eingeborenen Sohn in einen viel heißeren Kampf und in bedeutend größere Gefahren, damit unseren Kleinen der Pfad zum Leben gesichert würde. „Darin steht die Liebe: nicht, daß wir Gott geliebt haben, sondern daß er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden.“ 1.Johannes 4,10. Darüber wundere dich, o Himmel, und staune, o Erde!

 

 

 

 

 

Kapitel 5: Jesu Darstellung

 

Auf der Grundlage von Lukas 2,21-38.

 

Etwa vierzig Tage nach der Geburt Christi brachten Joseph und Maria das Kind nach Jerusalem, um es dem Herrn zu weihen und ein Opfer zu bringen. Dies entsprach dem jüdischen Gesetz, und als Stellvertreter der Menschen mußte Christus in jeder Hinsicht dem Gesetz nachkommen. So wurde durch seine Beschneidung das Gesetz erfüllt. Als Opfergabe der Mutter verlangte das Gesetz ein einjähriges Lamm zum Brandopfer und eine junge Taube oder Turteltaube zum Sündopfer. Für den Fall aber, daß die Eltern zu arm waren, ein Lamm zu bringen, erlaubte das Gesetz, ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben, die eine als Brandopfer, die andere als Sündopfer, anzunehmen.

 

Die dem Herrn dargebrachten Opfer mußten ohne Fehl sein. Sie versinnbildeten Christus. Daran erkennen wir, daß Jesus frei war von körperlichen Gebrechen. So entsprach er auch der Ankündigung eines „unschuldigen und unbefleckten Lammes“. 1.Petrus 1,19. Sein makelloser Körper war stark und gesund. Sein ganzes Leben hindurch lebte er in völliger Übereinstimmung mit den Naturgesetzen. Geistig und körperlich gab er ein Beispiel dafür, was alle Menschen nach dem Willen Gottes sein könnten, wenn sie seinen Geboten gehorchen.

 

Die Sitte, den Erstgeborenen im Tempel darzustellen, stammte aus uralter Zeit. Gott hatte verheißen, den Erstgeborenen des Himmels für die Rettung der Sünder dahinzugeben. Diese Gabe sollte von jeder Familie durch das Darbringen des Erstgeborenen anerkannt werden. Dieser sollte gleichsam als Vertreter Christi unter den Menschen dem Priestertum geweiht werden. Bei der Befreiung Israels aus Ägypten wurde die Darstellung des Erstgeborenen aufs neue geboten. Während die Kinder Israel sich in der Knechtschaft der Ägypter befanden, empfing Mose vom Herrn den Befehl, zum Pharao Ägyptens zu gehen und zu ihm zu sagen: „Israel ist mein erstgeborener Sohn; und ich gebiete dir, daß du meinen Sohn ziehen läßt, daß er mir diene. Wirst du dich weigern, so will ich deinen erstgeborenen Sohn töten.“ 2.Mose 4,2223.

 

Mose entledigte sich seiner Botschaft, erhielt jedoch von dem stolzen König die Antwort: „Wer ist der Herr, daß ich ihm gehorchen müsse und Israel ziehen lasse: Ich weiß nichts von dem Herrn, will auch Israel nicht ziehen lassen.“ 2.Mose 5,2. Daraufhin trat der Herr mit Zeichen und Wundern für sein Volk ein, indem er schreckliche Gerichte über Pharao verhängte. Schließlich wurde dem Würgeengel befohlen, alle Erstgeburt der Ägypter — Menschen und Tiere — umzubringen. Damit die Israeliten dabei verschont blieben, sollten sie ihre Türpfosten mit dem Blut eines geschlachteten Lammes bestreichen. Wo immer die Häuser der Israeliten derart gezeichnet wären, würde der Engel bei der Ausführung seines Auftrages daran vorübergehen.

 

Nachdem der Herr dieses Gericht über Ägypten gebracht hatte, sagte er zu Mose: „Heilige mir alle Erstgeburt ... alles, was zuerst den Mutterschoß durchbricht bei Mensch und Vieh, das ist mein.“ 2.Mose 13,2. Und weiter: „An dem Tage, da ich alle Erstgeburt schlug in Ägyptenland, da heiligte ich mir alle Erstgeburt in Israel, vom Menschen an bis auf das Vieh, daß sie mir gehören sollen.“ 4.Mose 3,13. Als aber der Dienst in der Stiftshütte eingesetzt wurde, erwählte sich Gott den Stamm Levi, damit dieser an Stelle der Erstgeborenen Israels den Dienst im Heiligtum versähe. Dennoch sollte der Erstgeborene weiterhin als des Herrn Eigentum gelten und deshalb durch ein Lösegeld zurückgekauft werden. So hatte das Gesetz der Darstellung des Erstgeborenen eine besondere Bedeutung gewonnen. Während diese einerseits einen Gedächtnisbrauch an die wunderbare Befreiung der Kinder Israel durch den Herrn bedeutete, wies sie anderseits auf die noch wichtigere Erlösung durch den eingeborenen Sohn Gottes hin. Wie das an die Türpfosten gesprengte Blut der Opfertiere die Erstgeborenen Israels vor dem leiblichen Tode bewahrte, so hat das Blut Christi Macht, die Welt vom ewigen Verderben zu erretten.

 

Welche Bedeutung kam demnach der Darstellung Christi zu! Doch der Blick des Priesters vermochte den Schleier nicht zu durchdringen; ihm blieb das dahinterliegende Geheimnis verborgen. Die Darstellung der Säuglinge im Tempel war für ihn ein ganz gewöhnlicher Vorgang. Tag für Tag nahm er, wenn man die Kinder dem Herrn weihte, das Lösegeld entgegen und waltete gewohnheitsmäßig seines Amtes, ohne dabei besonders auf Eltern oder Kinder zu achten, es sei denn, äußere Anzeichen ließen auf Wohlstand oder eine hohe Stellung der Eltern schließen. Maria und Joseph aber waren arm; und als sie mit ihrem Kind kamen, sah der Priester nur ein in einfachste Gewänder gekleidetes Elternpaar aus Galiläa. Nichts an ihrer äußeren Erscheinung erweckte besondere Aufmerksamkeit, zudem brachten sie auch nur die Opfergabe der Armen zum Tempel.

 

So versah der Priester lediglich die Förmlichkeiten, die ihm sein Amt vorschrieb. Er nahm das Kind auf seine Arme und hielt es vor dem Altar empor; dann gab er es seiner Mutter zurück und trug den Namen „Jesus“ in die Liste der Erstgeborenen ein. Er ahnte nicht, daß das Kindlein, das er eben noch auf seinen Armen gehalten hatte, der Herr des Himmels, der König der Herrlichkeit war. Noch weniger kam ihm der Gedanke, daß dieses Kind es war, von dem Mose geschrieben hatte: „Einen Propheten wird euch der Herr, euer Gott, erwecken aus euren Brüdern gleichwie mich; den sollt ihr hören in allem, was er euch sagen wird.“ Apostelgeschichte 3,22. Er ahnte auch nicht, daß dieses Knäblein es war, dessen Herrlichkeit schon Mose zu sehen begehrt hatte. Ein Größerer als Mose lag in seinen Armen, und als er den Namen des Kindes in die Liste eintrug, da schrieb er den Namen des Einen nieder, auf dem die ganze jüdische Heilsgeschichte ruhte. Mit seinem Erscheinen verlor der Opfer- und Gabendienst seine Geltung, fand das Vorbild seine Erfüllung — wich der Schatten dem Wesen.

 

War auch die Wolke der Herrlichkeit vom Heiligtum gewichen, so verhüllte sich doch jetzt in dem Kind von Bethlehem die Herrlichkeit, vor der sich die Engel beugten. Dieses sich seiner noch gar nicht bewußte Kind war nichts anderes als der verheißene Same, auf den schon der erste Altar an der Pforte des Paradieses hinwies. Es war der Held — der Friedefürst. Es war der, welcher sich gegenüber Mose als „Ich bin“ bezeichnet und der hernach in der Wolken- und Feuersäule das Volk Israel geführt hatte. Längst war er von den Sehern angekündigt worden — als der Ersehnte aller Völker, als Wurzel und Reis Davids, als der helle Morgenstern. Der Name des hilflosen Kindes, eingetragen in die Stammesliste Israels, zum Zeichen, daß Er unser Bruder ist, war die Hoffnung der gefallenen Menschheit. Wie jetzt für ihn das Lösegeld gezahlt werden mußte, so wollte er dereinst die Sühne für die Sünden der ganzen Welt auf sich nehmen. Er war der wahre Hohepriester über das Haus Gottes (Hebräer 10,21), das Haupt eines unvergänglichen Priestertums (Hebräer 7,24), der Fürsprecher „zu der Rechten der Majestät in der Höhe“. Hebräer 1,3.

 

Geistliches kann nur geistlich beurteilt werden. Während der Sohn Gottes im Tempel zu der Aufgabe geweiht wurde, die zu erfüllen er gekommen war, erblickte der Priester in ihm nicht mehr als in irgendeinem anderen Kind. Obgleich er selbst weder etwas Besonderes sah noch fühlte, wurde die Tatsache, daß Gott seinen Sohn in die Welt gab, dennoch wohlbekannt. Diese Gelegenheit durfte nicht vorübergehen, ohne daß Christus erkannt würde. „Siehe, ein Mensch war zu Jerusalem, mit Namen Simeon; und derselbe Mensch war fromm und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels, und der heilige Geist war mit ihm. Und ihm war eine Antwort geworden von dem heiligen Geist, er solle den Tod nicht sehen, er habe denn zuvor den Christ des Herrn gesehen.“ Lukas 2,2526.

 

Als Simeon den Tempel betrat, sah er ein Elternpaar ihren erstgeborenen Sohn dem Priester darreichen. Ihr Aussehen zeugte von Armut; Simeon aber verstand die Ankündigungen des Geistes, und er war tief ergriffen, als er erkannte, daß dieses Kindlein, das jetzt dem Herrn geweiht wurde, der Trost Israels war, den zu sehen er sich gesehnt hatte. Dem erstaunten Priester hingegen erschien Simeon wie von Sinnen. Als Maria das Kind zurückerhalten hatte, nahm Simeon es auf seine Arme und stellte es Gott dar. Dabei überkam ihn eine Freude, wie er sie noch nie zuvor empfunden hatte. Er hielt das Christuskindlein hoch und sprach: „‚Herr, nun lässest du deinen Diener im Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen‘, welchen du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht, zu erleuchten die Heiden, und zum Preis deines Volks Israel.“ Lukas 2,29-32. Der Geist der Weissagung erfüllte diesen Gottesmann, und während Maria und Joseph sich über seine Worte wunderten, segnete er das Paar und sprach zu Maria: „Siehe, dieser wird gesetzt zum Fall und Aufstehen vieler in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird — und auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen —, auf daß vieler Herzen Gedanken offenbar werden.“ Lukas 2,3435.

 

Auch die Prophetin Hanna kam hinzu und bestätigte Simeons Zeugnis über Jesus. Während Simeon noch redete, erstrahlte ihr Angesicht von dem Glanz der Herrlichkeit Gottes, und sie dankte aus vollem Herzen dafür, daß sie noch Christus, den Herrn, hatte schauen dürfen. Diese demütigen Anbeter hatten nicht vergeblich in den heiligen Schriften geforscht. Die aber Oberste und Priester in Israel waren, wandelten nicht in den Wegen des Herrn, obgleich auch sie die köstlichen Aussprüche der Propheten kannten. Darum vermochten ihre Augen nicht das Licht des Lebens zu schauen. So ist es noch heute. Es finden Ereignisse statt, auf die der ganze Himmel seine Aufmerksamkeit richtet; aber bei den geistlichen Führern und den Anbetenden im Hause Gottes finden sie kein Verständnis — nicht einmal ihr Auftreten wird beachtet. Man läßt wohl einen historischen Christus gelten, wendet sich aber von dem lebendigen ab. Der Christus, der sowohl durch sein Wort als auch durch die Armen und Leidenden, die um Hilfe flehen, und durch die gerechte Sache, die Armut, Mühsal und Schmach einschließt, zur Selbstverleugnung auffordert, wird heute ebensowenig aufgenommen wie vor zweitausend Jahren.

 

Maria bewegte die vielsagende und tiefgründige Weissagung Simeons in ihrem Herzen. Sooft sie beim Anblick des Kindes in ihren Armen der Worte der Hirten von Bethlehem gedachte, erfüllte sie dankbare Freude und frohe Hoffnung. Nun riefen Simeons Worte ihr die Prophezeiung Jesajas ins Gedächtnis: „Es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn ... Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und die Treue der Gurt seiner Hüften.“ Jesaja 11,125. „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell ... Denn uns ist ein Kind geboren ... und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst.“ Jesaja 9,15.

 

Und doch begriff Maria die Sendung Christi nicht. Simeon hatte von ihm geweissagt, daß er ein Licht sei, das die Heiden erleuchten und gleichzeitig Israel zum Preis gereichen sollte. In diesem Sinne hatten die Engel die Geburt des Heilandes als eine Freudenbotschaft für alle Völker verkündigt. Gott wollte die Juden von der engstirnigen Vorstellung, die sie von der Aufgabe des Messias hatten, abbringen und sie dazu befähigen, ihn nicht nur als den Befreier Israels, sondern auch als den Erlöser der Welt zu betrachten. Doch viele Jahre mußten erst noch vergehen, ehe selbst die Mutter Jesu seine Aufgabe erkannte.

 

Wohl erwartete Maria die Herrschaft des Messias auf dem Thron Davids, doch erkannte sie nicht, daß er erst über eine Leidenstaufe dazu gelangen sollte. Durch Simeon wurde offenbar, daß der Messias einen beschwerlichen Lebensweg vor sich hatte. In den Worten an Maria: „Durch deine Seele wird ein Schwert dringen“ (Lukas 2,3435) deutete Gott deshalb rücksichtsvoll und barmherzig der Mutter Jesu an, welche Pein sie seinetwegen zu erleiden haben würde. Simeon hatte gesagt: „Siehe, dieser wird gesetzt zum Fall und Aufstehen vieler in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird.“ Lukas 2,3435. Ein Aufstehen ist erst nach einem Fall möglich. Wir alle müssen auf den Fels des Heils fallen und zerbrechen, ehe wir durch Christus erhöht werden können. Unser Ich muß entthront und unser Stolz gedemütigt werden, wenn wir die Herrlichkeit des geistlichen Reiches erfahren wollen. Die Juden wiesen diese Ehre von sich, die man erlangt, indem man sich demütig hält; deshalb wollten sie ihren Erlöser nicht aufnehmen. Er erwies sich als das Zeichen, dem widersprochen wurde.

 

„Daß vieler Herzen Gedanken offenbar werden.“ Lukas 2,3435. Im Lichte des Lebens Christi werden die Herzen aller, selbst vom Schöpfer bis zum Fürsten der Finsternis, offenbar. Satan hat Gott als eigennützig und gewalttätig hingestellt, als einen Herrn, der alles für sich verlange und nichts gebe, der den Dienst seiner Geschöpfe zu seiner eigenen Verherrlichung beanspruche, selber aber um ihretwillen keine Opfer bringe. Doch die Gabe Christi offenbart, was im Herzen des Vaters ist; sie bezeugt, daß Gott nur „Gedanken des Friedens und nicht des Leides“ (Jeremia 29,11) für uns hat. Sie bekundet, daß Gottes Abscheu gegen die Sünde zwar stark ist wie der Tod, seine Liebe zum Sünder aber noch stärker. Er wird, nachdem er die Aufgabe, uns zu erlösen, in Angriff genommen hat, alles daransetzen, koste es, was es wolle, um diese Aufgabe zu vollenden. Er wird uns die ganze zu unserem Heil notwendige Wahrheit kundtun, alle Barmherzigkeit erweisen und alle Hilfe von oben gewähren, die wir brauchen. Er häuft Wohltat auf Wohltat, Gabe auf Gabe. Die Schatzkammer des Himmels steht denen offen, die bereit sind, sich von ihm retten zu lassen. Alle Schätze des Weltalls und alles Vermögen seiner unbegrenzten Macht stellt er Christus zur Verfügung mit der Erklärung, daß alles für den Menschen sei, und er solle diese Gaben benutzen, ihn zu überzeugen, daß es weder im Himmel noch auf Erden größere Liebe gebe als die seine. Der Mensch solle erkennen, daß es kein größeres Glück für ihn gebe, als Gott immer zu lieben.

 

Am Kreuz von Golgatha standen Liebe und Selbstsucht einander gegenüber. Hier offenbarten sich beide am deutlichsten. Christus hatte nur gelebt, um zu trösten und zu segnen; Satan dagegen bekundete die ganze Bosheit seines Hasses gegen Gott, indem er den Herrn tötete. Er ließ deutlich werden, daß die von ihm entfachte Empörung nur dem einen Zweck dienen sollte, Gott zu stürzen und den zu vernichten, durch den die Liebe Gottes offenbar wurde. Durch Christi Leben und Sterben werden auch die Gedanken der Menschen enthüllt. Von der Krippe bis zum Kreuz war das Leben Jesu eine beständige Aufforderung, uns selbst zu verleugnen und an seinen Leiden teilzuhaben. An ihm wurden die Absichten der Menschen offenbar. Jesus kam mit der Wahrheit des Himmels und zog alle zu sich, die der Stimme des Heiligen Geistes Gehör schenkten, wohingegen sich die Anbeter des eigenen Ich‘s zum Reiche Satans bekannten. Ihre Haltung gegenüber Christus erwies bei allen, auf wessen Seite sie standen. So spricht sich jeder selbst sein Urteil.

 

Am Tage des Weltgerichts wird sich jede verlorene Seele über die Schwere ihrer Verwerfung der Wahrheit klar sein. Jeder, der bis dahin durch die Übertretungen abgestumpft war, wird angesichts des Kreuzes dessen wahre Bedeutung erkennen. Vor seinem inneren Auge wird Golgatha mit seinem geheimnisvollen Opfer erstehen, und die Sünder werden sich verdammt sehen. Jede lügenhafte Ausflucht bricht dort zusammen, und der Abfall des Menschen kommt in seiner ganzen Abscheulichkeit ans Licht. Jeder sieht dann, welche Wahl er getroffen hat. Jede Frage nach Wahrheit und Irrtum während des langandauernden Kampfes wird beantwortet sein. Gott wird gerechtfertigt dastehen und frei sein von dem Vorwurf, für das Vorhandensein oder die Fortdauer der Sünde die Verantwortung zu tragen. Es wird sich zeigen, daß die göttlichen Verordnungen nicht zur Sünde geführt haben. Es wird sich weiterhin erweisen, daß der Herrschaft Gottes kein Makel anhaftete und daß sie keinen Anlaß zur Unzufriedenheit gegeben hat. Wenn dann die Gedanken und Herzen aller offenbar geworden sind, werden die Getreuen und die Empörer gemeinsam ausrufen: „Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, du König der Völker. Wer sollte dich nicht fürchten, Herr, und deinen Namen preisen: ... denn deine gerechten Gerichte sind offenbar geworden.“ Offenbarung 15,34.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 6: „Wir haben seinen Stern gesehen“

 

Auf der Grundlage von Matthäus 2.

 

„Da Jesus geboren war zu Bethlehem im jüdischen Lande zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise vom Morgenland nach Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden: Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten.“ Matthäus 2,12. Die Weisen aus dem Osten waren Philosophen. Sie gehörten einer großen und einflußreichen Schicht an, die viele Edle, Wohlhabende und Gebildete zu den Ihren zählte. Unter diesen nutzten viele die Leichtgläubigkeit des Volkes aus; andere hingegen waren aufrichtige Männer, die auf die Zeichen der Vorsehung in der Natur achteten und die wegen ihrer Rechtschaffenheit und Weisheit großes Ansehen genossen. Dazu gehörten auch die Weisen, die zu Jesus kamen.

 

Zu allen Zeiten ließ Gott sein Licht in die Finsternis der Heidenwelt hineinleuchten. So durften diese Magier, als sie den gestirnten Himmel beobachteten und das leuchtende Geheimnis des Schöpfers zu ergründen suchten, die Herrlichkeit des Herrn schauen. Auf der Suche nach größerer Erkenntnis wandten sie sich den hebräischen Schriften zu. Ihr eigenes Land barg Schätze der Weissagung, die von dem einstigen Kommen eines göttlichen Lehrers Kunde gaben. Hatte doch ein Bileam, obwohl eine Zeitlang Prophet des lebendigen Gottes, ebenfalls zu den Magiern gehört. Er hatte durch den Heiligen Geist das Gedeihen Israels und das Erscheinen des Messias vorhergesagt, und seine Weissagungen waren durch Überlieferung von Jahrhundert zu Jahrhundert weitergetragen worden. Im Alten Testament aber war das Kommen des Heilandes noch deutlicher angekündigt. Mit Freuden ersahen daher die Magier, daß seine Ankunft nahe bevorstehe und die ganze Welt von der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes erfüllt werde.

 

In jener Nacht, da die Herrlichkeit Gottes die Höhen von Bethlehem überflutete, sahen die Weisen ein geheimnisvolles Licht am Himmel. Als es verblaßte, erschien ein leuchtender Stern und blieb am Himmelsgewölbe stehen. Es war weder ein Fixstern noch ein Planet; deshalb erweckte diese Erscheinung die größte Aufmerksamkeit. Davon, daß jener Stern eine weit entfernte Gruppe strahlender Engel war, konnten die Weisen natürlich nichts wissen. Doch sie gewannen den Eindruck, daß dieser Stern von besonderer Wichtigkeit für sie sei. Sie befragten daraufhin Priester und Philosophen und durchforschten auch selbst die alten Schriften. Dabei fanden sie die Weissagung Bileams: „Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen und ein Zepter aus Israel aufkommen.“ 4.Mose 24,17. Konnte nicht dieser fremdartige Stern als Vorbote des Verheißenen gesandt sein? Sie, die das Licht der Wahrheit vom Himmel schon freudig begrüßt hatten, erhielten es nun in noch größerem Maße und wurden durch Träume angewiesen, den neugeborenen Fürsten zu suchen.

 

Wie Abraham einst auf den Ruf Gottes hin gläubig auszog, ohne zu wissen, „wo er hinkäme“ (Hebräer 11,8), und wie Israel gläubig der Wolkensäule nach dem verheißenen Lande folgte, so zogen auch diese Heiden aus, den verheißenen Heiland zu suchen. Die Länder des Ostens waren reich an Kostbarkeiten, und so traten auch die Magier ihre Reise nicht mit leeren Händen an. Der Sitte entsprechend, Fürsten oder anderen hochgestellten Persönlichkeiten zum Zeichen der Huldigung Geschenke zu überreichen, nahmen sie die erlesensten Erzeugnisse des Landes mit als Weihegabe an den, in dem alle Geschlechter der Erde gesegnet werden sollten. Um den Stern im Auge behalten zu können, mußten die Weisen des Nachts reisen. Die Zeit verkürzten sie sich mit einem Gedankenaustausch über die mündlichen und schriftlichen Aussprüche der alten Propheten bezüglich des Einen, den sie suchten. Während jeder Ruhepause durchforschten sie die Prophezeiungen, und darüber verstärkte sich in ihnen immer mehr die Überzeugung, daß sie von oben geleitet wurden. So gesellte sich zu dem Stern als äußerem Zeichen von innen das Zeugnis des Heiligen Geistes, der ihre Herzen beeinflußte und ihre Hoffnung belebte. Dadurch wurde die lange Reise für sie zu einem frohen Erlebnis, das sie den mühsamen, langwierigen Weg vergessen ließ.

 

Als sie endlich das Land Israel erreichten und, Jerusalem vor ihren Blicken, den Ölberg hinabstiegen, da verweilte der Stern, der auf dem beschwerlichen Weg vor ihnen hergezogen war, über dem Tempel, um nach einiger Zeit ihren Blicken zu entschwinden. Eilenden Schrittes gingen sie nun vorwärts in der zuversichtlichen Erwartung, daß die Kunde von der Geburt des Messias überall Begeisterung ausgelöst hatte. Aber alle ihre Nachforschungen blieben ohne Erfolg. Unmittelbar nachdem sie die Stadt betreten hatten, begaben sie sich zum Tempel. Doch zu ihrem Erstaunen fanden sie niemanden, der etwas von dem neugeborenen König zu wissen schien. Ihre Fragen riefen keine Freudenausbrüche hervor, eher das Gefühl einer unangenehmen Überraschung und Furcht, bisweilen sogar ein Gefühl der Geringschätzung.

 

Die Priester vergruben sich in die Überlieferung. Ihre religiöse Auffassung und ihre Art der Frömmigkeit ging ihnen über alles, während sie die Griechen und Römer als überaus sündige Heiden bezeichneten. Auch die Weisen galten, obschon sie keine Götzendiener waren und in Gottes Augen weit höher standen als diese seine angeblichen Anbeter, bei den Juden als Heiden. Selbst bei den berufenen Hütern der heiligen Schriften fand ihr eifriges Fragen keine Gegenliebe.

 

Die Ankunft der Weisen wurde in Jerusalem schnell bekannt. Ihre ungewöhnliche Botschaft brachte viel Aufregung unter das Volk, die bis in den Palast des Königs Herodes drang. Der listige Edomiter erschrak schon bei der bloßen Erwähnung eines möglichen Nebenbuhlers. Ungezählte Mordtaten hatten seinen Weg zum Thron besudelt. Dazu war er fremdstämmig und beim Volk, das er regierte, verhaßt. Seine einzige Sicherheit war die Gunst Roms. Dieser neue Fürst aber hatte sich auf mehr zu berufen; er war geboren, das Reich einzunehmen. Herodes hatte die Priester in Verdacht, daß sie mit den Fremdlingen gemeinsame Sache machten, um einen Volksaufstand heraufzubeschwören und ihn zu entthronen. Zwar verbarg er sein Mißtrauen, doch er beschloß, sie bei der Ausführung ihrer Pläne zu überlisten. Er ließ die Hohenpriester und Schriftgelehrten zu sich rufen und erkundigte sich bei ihnen, was ihre heiligen Bücher über den Ort lehrten, wo der Messias geboren werden sollte.

 

Diese Erkundigungen des Thronräubers, noch dazu durch die Fremden angeregt, verletzten den Stolz der jüdischen Lehrer. Die offenkundige Gleichgültigkeit wieder, mit der sie sich an die Durchsicht der prophetischen Schriften begaben, erregte die Eifersucht des Herrschers, glaubte er doch, sie suchten nur zu verbergen, was sie von dieser Sache wußten. Mit einer Bestimmtheit, über die sie sich nicht hinwegzusetzen wagten, befahl er ihnen deshalb, genaue Nachforschungen anzustellen und ihm den Geburtsort des von ihnen erwarteten Königs zu nennen. „Sie sagten ihm: Zu Bethlehem im jüdischen Lande; denn also steht geschrieben durch den Propheten: ‚Und du Bethlehem im jüdischen Land bist mitnichten die kleinste unter den Städten in Juda; denn aus dir soll mir kommen der Herzog, der über mein Volk Israel ein Herr sei.‘“ Matthäus 2,56.

 

Hierauf lud Herodes die Weisen zu einer vertraulichen Unterredung ein. Obgleich Zorn und Furcht sein Inneres durchtobten, bewahrte er nach außen seine Ruhe und empfing die Fremden freundlich. Er erkundigte sich, zu welcher Zeit der Stern ihnen erschienen sei, und gab sich den Anschein, als begrüße er freudig die Nachricht von der Geburt Christi. Schließlich gebot er den Weisen: „Ziehet hin und forschet fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr‘s findet, so sagt mir‘s wieder, daß ich auch komme und es anbete.“ Matthäus 2,8. Mit diesen Worten entließ er sie, damit sie nach Bethlehem zögen. Die Priester und Ältesten von Jerusalem waren nicht so unwissend hinsichtlich der Geburt Christi, wie sie vorgaben. Die Nachricht von dem Besuch der Engel bei den Hirten war auch nach Jerusalem gedrungen, nur hatten sie die Rabbiner nicht beachtet. So mußten, obwohl sie selber hätten Jesus finden und die Magier nach seinem Geburtsort bringen können, erst die Weisen kommen und sie auf die Geburt des Messias aufmerksam machen. Sie sprachen: „Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten.“ Matthäus 2,2.

 

Doch aus Stolz und Neid verschlossen die Priester und Rabbiner dem Licht die Tür. Hätten sie dem Bericht der Hirten und Weisen geglaubt, so wären sie dadurch in eine wenig angenehme Lage gebracht worden: sie hätten ihre eigene Behauptung, Vertreter der Wahrheit Gottes zu sein, widerlegt. Auch brachten es diese gebildeten Lehrer nicht fertig, von denen Belehrungen anzunehmen, die sie Heiden nannten. Es war nach ihrer Meinung nicht möglich, daß Gott sie übergangen hätte, um sich dafür unwissenden Hirten und unbeschnittenen Heiden zu offenbaren. So beschlossen sie, diese Nachrichten, die den König Herodes und ganz Jerusalem in Aufregung versetzt hatten, mit Verachtung zu strafen. Sie wollten sich nicht einmal nach Bethlehem begeben, um festzustellen, wie sich die Dinge verhielten. Gleichzeitig verleiteten sie das Volk, die Anteilnahme an dem Jesuskind für schwärmerische Überspanntheit zu halten. Hierdurch bereits begannen die Priester und Rabbiner, Christus zu verwerfen. Ihr Stolz und ihre Hartnäckigkeit steigerten sich schließlich zu bitterem Haß gegen den Heiland. So geschah es, daß Gott den Heiden die Tür öffnete, die die Führer der Juden sich selbst verschlossen.

 

Einsam verließen die Weisen Jerusalem. Als sie aber im Dunkel des Abends die Tore Jerusalems hinter sich ließen, da sahen sie zu ihrer großen Freude wieder den Stern, der sie nach Bethlehem führte. Sie hatten nicht wie die Hirten einen Hinweis erhalten, unter welch ärmlichen Verhältnissen sie Jesus finden würden. Nach der langen Reise waren sie von der Gleichgültigkeit der jüdischen Obersten sehr enttäuscht worden und hatten Jerusalem weniger zuversichtlich verlassen, als sie es betreten hatten. In Bethlehem fanden sie keine Wache, um den neugeborenen König zu schützen, und niemand von den weltlichen Fürsten bildete seinen Hofstaat. Jesus lag in eine Krippe gebettet. Seine Eltern, ungebildete Landleute, waren seine einzigen Hüter. Konnte dieser es sein, von dem geschrieben stand, daß er bestimmt sei, „die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen“, ein „Licht der Heiden“ zum „Heil bis an die Enden der Erde“? Jesaja 49,6.

 

Sie aber „gingen in das Haus und fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an“. Matthäus 2,11. Auch unter der unscheinbaren Hülle erkannten sie die Gottheit Jesu. So gaben sie ihm, als ihrem Heiland, ihre Herzen und „taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe“. Matthäus 2,11. Welch einen Glauben bewiesen sie damit! Auch von diesen Männern des Ostens hätte Jesus sagen können, was er später von dem römischen Hauptmann feststellte: „Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden!“ Matthäus 8,10. Die Weisen erkannten nicht die Absicht des Herodes. Deshalb schickten sie sich an, als sie den Zweck ihrer Reise erreicht hatten, wieder nach Jerusalem zurückzukehren und den König von ihrem Erfolg zu unterrichten. Doch in einem Traum empfingen sie die göttliche Anweisung, keine weitere Verbindung mit Herodes aufzunehmen. So mieden sie Jerusalem und gingen auf einem anderen Weg in ihre Heimat zurück.

 

In der gleichen Weise wurde Joseph aufgefordert, mit Maria und dem Kinde nach Ägypten zu fliehen. „Bleib allda, bis ich dir‘s sage; denn Herodes geht damit um, daß er das Kindlein suche, es umzubringen.“ Matthäus 2,13. Joseph gehorchte ohne Zögern, trat aber der größeren Sicherheit wegen die Reise erst in der Nacht an. Durch die Weisen hatte Gott die Aufmerksamkeit des jüdischen Volkes auf die Geburt seines Sohnes gelenkt. Ihre Nachforschungen in Jerusalem, die dadurch allgemein erweckte Anteilnahme und selbst die Eifersucht des Herodes, die die Aufmerksamkeit der Priester und Rabbiner erzwang, veranlaßte viele, den Weissagungen über den Messias und zugleich dem großen Ereignis, das eben erst geschehen war, Beachtung zu schenken.

Satan aber war entschlossen, das göttliche Licht aus der Welt auszuschließen und unter Anwendung äußerster List den Heiland zu vernichten. Aber Er, der niemals schläft noch schlummert, wachte über seinen geliebten Sohn. Wie er einst Israel mit Manna vom Himmel versorgt und Elia zur Zeit der Hungersnot gespeist hatte, so bereitete er nun Maria und dem Jesuskind in einem heidnischen Land einen Zufluchtsort. Durch die Gaben der heidnischen Magier hatte der Herr ihnen die Mittel für die Reise nach Ägypten und für den Aufenthalt in einem fremden Land verschafft. Die Weisen hatten zu den ersten gehört, die den Erlöser begrüßten; ihre Gabe war die erste gewesen, die ihm zu Füßen gelegt wurde. Welch unvergleichlichen Dienst durften sie damit versehen! Die Gabe eines liebenden Herzens pflegt Gott wohlgefällig zu ehren, indem er sie die höchste Wirksamkeit in seinem Dienst finden läßt. Wenn wir Jesus unser Herz gegeben haben, werden wir ihm auch unsere Gaben darbringen. Bereitwillig werden wir ihm, der uns liebt und sich selbst für uns dahingegeben hat, unser Gold und Silber, unsere köstlichsten irdischen Güter, unsere besten geistigen und geistlichen Fähigkeiten weihen.

 

Herodes wartete inzwischen in Jerusalem ungeduldig auf die Rückkehr der Weisen. Als die Zeit verstrich, ohne daß sie erschienen, wurde sein Argwohn aufs neue wach. Die Abneigung der Rabbiner, ihm den Geburtsort des Messias zu nennen, ließ ihn jetzt vermuten, daß sie seine Pläne durchschaut und daß die Magier ihn absichtlich gemieden hatten. Bei diesem Gedanken geriet er außer sich vor Wut. Nachdem er mit seiner Verschlagenheit nichts ausgerichtet hatte, blieb ihm als letztes Mittel nur noch die Gewalt. So sollte das Geschick dieses jungen Königs denn zum abschreckenden Beispiel werden. Die hochmütigen Juden sollten sehen, was ihrer wartete, wenn sie versuchten, gegen ihn einen Aufruhr anzuzetteln und an seiner Statt einen anderen Herrscher einzusetzen. Sofort sandte Herodes Kriegsknechte nach Bethlehem mit dem Befehl, alle Kinder im Alter von zwei Jahren und darunter zu töten. Die stillen Behausungen der Stadt Davids wurden zum Schauplatz jener Schreckensszenen, die sechshundert Jahre zuvor dem Propheten kundgetan worden waren: „Zu Rama hat man ein Geschrei gehört, viel Weinen und Heulen; Rahel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen.“ Matthäus 2,18.

 

Dieses Unheil hatten die Juden selbst über sich gebracht. Wären sie gläubig und demütig vor Gott gewandelt, dann hätte er in sehr deutlicher Weise dem Zorn des Königs wehren können. Doch sie hatten sich durch ihre Sünden von Gott getrennt und den Heiligen Geist, ihren einzigen Schutz, verworfen. Sie hatten die Schrift nicht studiert in dem Verlangen, dem Willen Gottes nachzukommen. Sie hatten lediglich nach Weissagungen gesucht, die sich für sie günstig auslegen ließen und dafür zu sprechen schienen, daß Gott alle übrigen Völker verachtete. Stolz hatten sie damit geprahlt, daß der Messias als König kommen, seine Feinde besiegen und in seinem Zorn die Heiden zerstampfen werde. Dadurch war der Haß ihrer Herrscher hervorgerufen worden. Vor allem aber hatte Satan die Juden zu einer solchen falschen Darstellung der Sendung Christi verleitet in der Absicht, den Untergang des Heilandes herbeizuführen. Nun aber fiel alles auf ihr eigenes Haupt zurück.

 

Dieses grausame Vorgehen sollte eine der letzten Handlungen sein, mit denen Herodes seine Herrschaft besudelte. Nicht lange nach dem abscheulichen Kindermord in Bethlehem wurde er selbst ein Opfer des Schicksals, dem niemand entkommt: er mußte sterben. Und er starb einen schrecklichen Tod! Joseph, der immer noch in Ägypten weilte, erhielt jetzt von einem Engel Gottes die Aufforderung, nach Israel zurückzukehren. In der Annahme, daß Jesus der Erbe des Thrones Davids sei, wollte er erst Bethlehem zu seinem Wohnort machen; als er aber erfuhr, daß Archelaus an seines Vaters Statt über Judäa regierte, fürchtete er, daß nun der Sohn die Absichten des Vaters gegen Christus ausführen könnte. Von allen Söhnen des Herodes glich Archelaus diesem in seinem Wesen am meisten. Seine Thronbesteigung bereits war von einem Aufruhr in Jerusalem und der Niedermetzelung Tausender von Juden durch die römischen Wachen begleitet gewesen.

 

Abermals erhielt Joseph einen Zufluchtsort angewiesen. Er kehrte nach Nazareth zurück, seinem früheren Wohnsitz, wo Jesus dreißig Jahre seines Lebens zubringen sollte, „auf daß erfüllt würde, was da gesagt ist durch die Propheten: Er soll Nazarener heißen“. Matthäus 2,23. Galiläa stand ebenfalls unter der Herrschaft eines Sohnes des Herodes, doch wies seine Bevölkerung einen viel größeren Einschlag fremden Volkstums auf als Judäa, so daß rein jüdische Fragen in Galiläa weniger Beachtung fanden als in Judäa. Das berechtigte zu der Annahme, daß auch die Sonderstellung Jesu nicht so leicht den Neid der maßgebenden Kreise erregen würde. Derart war die Aufnahme, die der Heiland fand, als er zur Erde kam. Kaum schien es einen Ruheort, eine Zufluchtsstätte für den noch unmündigen Erlöser zu geben. Gott konnte seinen geliebten Sohn nicht den Menschen anvertrauen, selbst nicht zu der Zeit, da er sich um ihr Heil bemühte. Deshalb beauftragte er Engel damit, Jesus zu geleiten und zu schützen, bis er seine Aufgabe auf Erden vollbracht hätte und durch die Hände derer, die zu retten er gekommen war, sterben würde.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 7: Jesu Kindheit

 

Auf der Grundlage von Lukas 2,3940.

 

Jesus verbrachte seine Kindheit und Jugend in einem kleinen Gebirgsort. Doch es gab keinen Platz auf Erden, dem seine Gegenwart nicht zur Ehre gereicht hätte. Selbst Königspalästen wäre es ein Vorrecht gewesen, ihn als Gast zu beherbergen. Er aber ging an den Häusern der Reichen, den Höfen der Könige, den berühmten Stätten der Gelehrsamkeit vorüber und ließ sich in dem unbedeutenden, verachteten Nazareth nieder. Wunderbar in seiner Bedeutung ist der kurze Bericht über die ersten Lebensjahre Jesu: „Das Kind wuchs und ward stark, voller Weisheit, und Gottes Gnade war bei ihm.“ Lukas 2,40. In dem Sonnenglanz, der vom Angesicht seines Vaters ausging, nahm Jesus zu „an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen“. Lukas 2,52. Sein Verstand war rege und scharf und an Überlegung und Weisheit seinen Jahren voraus; dennoch war sein Wesen wundervoll ausgeglichen, und die Entwicklung der Geistes- und Körperkräfte erfolgte entsprechend seines Alters.

 

Als Kind schon erwies sich Jesus als überaus liebenswürdig veranlagt. Stets war er bereit, anderen mit willigen Händen zu dienen. Dazu bewies er eine Geduld, die unerschütterlich war, aber auch eine Wahrheitsliebe, die sich unbestechlich für das Rechte einsetzte. So paarten sich in seinem Leben felsenfeste Grundsatztreue mit der Tugend selbstloser Gefälligkeit. Mit großer Sorgfalt beobachtete die Mutter Jesu, wie sich die Gaben des Kindes entfalteten und seine Anlagen sich vervollkommneten. Voller Freude suchte sie seinen munteren, empfänglichen Sinn zu begeistern. Der Heilige Geist gab ihr Weisheit, gemeinsam mit dem Himmel die Entwicklung des Kindes zu fördern, dessen Vater Gott war.

 

Von jeher hatten die treuen Israeliten große Sorgfalt auf die Erziehung ihrer Jugend verwandt. Der Herr hatte sie unterwiesen, die Kinder schon von klein auf über seine Güte und über seine Größe zu belehren, wie sie sich besonders in seinem Gesetz offenbart und in der Geschichte Israels kundgetan haben. Sie sollten dabei Gesang, Gebet und die Betrachtung der Schrift dem kindlichen Verständnis anpassen. Väter und Mütter mußten ihre Kinder darüber unterrichten, daß das Gesetz Gottes ein Ausdruck seiner Gesinnung sei und daß sich mit der Annahme seiner Grundsätze das Bild Gottes auf den Geist und auf die Seele übertrage. Ein Großteil dieser Belehrung erfolgte mündlich; daneben aber lernte die Jugend auch die hebräischen Schriften lesen, so daß sie sich mit dem Inhalt der auf Pergament geschriebenen alttestamentlichen Zeugnisse vertraut machen konnte.

 

Zur Zeit Christi wurde der Ort oder die Stadt, die nichts für die religiöse Erziehung der Jugend tat, angesehen als stände sie unter dem Fluch Gottes. Dennoch war der Unterricht immer mehr verflacht, und die Überlieferungen hatten in weitem Ausmaß die heiligen Schriften verdrängt. Rechte Erziehung muß die Jugend veranlassen, daß sie den Herrn „suchen ... ob sie wohl ihn fühlen und finden möchten“. Apostelgeschichte 17,27. Die Lehrer der Juden wandten ihre Aufmerksamkeit äußeren Dingen zu. Sie suchten den Verstand mit einem Stoff zu belasten, der für die Schüler wertlos war und erst recht vor der höheren Schule des Himmels nichts galt. So hatte die Erfahrung, die man durch die Annahme des Wortes Gottes erlangt, keinen Raum in ihrem Erziehungswesen. Vor lauter Äußerlichkeiten fanden die Schüler keine Gelegenheit, in stillen Stunden mit Gott zu verkehren. Sie vernahmen nicht, daß seine Stimme zu ihren Herzen redete. Auf ihrer Suche nach Erkenntnis kehrten sie dem Quell der Weisheit den Rücken. Das Wichtigste im Gottesdienst vernachlässigten sie, die Forderungen des Gesetzes wurden entstellt. Man machte dadurch die höhere Bildung zum größten Hindernis für eine rechte Entwicklung. Die Erziehungsweise der Rabbiner hemmte die Kraft der Jugend. Sie wurde schwerfällig und einseitig im Denken.

 

Der junge Jesus wurde nicht in den Schulen der Synagoge unterrichtet. Seine Mutter war seine erste Lehrerin. So erfuhr er aus ihrem Munde und aus den Schriften der Propheten die himmlischen Dinge. Die Worte, die er selber durch Mose zu Israel gesprochen hatte, mußte er nun zu den Füßen seiner Mutter hören und lernen. Auch als er vom Knaben zum Jüngling heranwuchs, kümmerte sich Jesus nicht um die Rabbinerschulen. Er hatte Bildung aus solcher Quelle nicht nötig; denn Gott war sein Lehrer.

 

Die während der Ausübung seines Lehramtes aufgeworfene Frage: „Wie kennt dieser die Schrift, obwohl er sie doch nicht gelernt hat?“ (Johannes 7,15) deutet daher auch nicht an, daß Jesus etwa nicht lesen konnte, sondern nur, daß er keine Ausbildung durch berufene Rabbiner erhalten hatte. Da er sein Wissen in der gleichen Weise erwerben mußte wie wir, beweist seine innige Vertrautheit mit der Schrift, wie fleißig er sich in seinen Jugendjahren mit dem Wort Gottes befaßt hat. Dazu lag das große Buch der Natur ausgebreitet vor ihm. Er, der Schöpfer aller Dinge, vertiefte sich nun selbst in die Lehren, die er mit eigener Hand in Erde, Meer und Himmel gezeichnet hatte. Er hielt sich fern von allen unheiligen Dingen der Welt und sammelte eine Fülle von wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der Natur. Zu diesem Zweck beobachtete er das Leben der Pflanzen, der Tiere und der Menschen. Von frühester Kindheit an aber behielt er das eine Ziel im Auge: andern zum Segen zu leben! Hierzu wurde er durch die ganze Schöpfung ermuntert; sie war ihm eine gute und vielseitige Lehrmeisterin. Ständig trachtete er, dem Sichtbaren Bilder zur Veranschaulichung des lebendigen Wortes Gottes abzugewinnen. Die Gleichnisse, in die er während seines Wirkens seine Belehrungen gern einkleidete, zeigen deutlich, in welch hohem Maße sein Gemüt für die Einflüsse der Natur empfänglich war und er Unterweisungen hinsichtlich des geistlichen Lebens der Alltagswelt entnommen hatte.

 

Während Jesus so die Bedeutung der Dinge zu erfassen suchte, entfaltete sich ihm das Wesen des Wortes und der Werke Gottes. Von Engeln des Himmels begleitet, hegte er heilige Gedanken und pflegte heilige Zwiesprache. Vom ersten Aufdämmern seines Verständnisses an nahm er ständig zu an geistlichen Tugenden und in der Erkenntnis der Wahrheit. Gleich Jesus kann jedes Kind Erkenntnis erlangen. Wenn wir versuchen, durch Gottes Wort mit unserem himmlischen Vater bekannt zu werden, dann werden uns Engel nahe sein, und unser Geist wird gestärkt, unser Wesen geläutert und verfeinert werden. Damit werden wir unserem Heiland ähnlicher. Angesichts all des Schönen und Großartigen in der Natur wendet sich unser Herz Gott zu. In der Berührung mit dem Ewigen durch seine Werke wird der Geist erbaut und die Seele belebt. Der Verkehr mit Gott im Gebet bringt die geistigen und sittlichen Fähigkeiten zur Entfaltung, und die tiefe Betrachtung geistlicher Dinge fördert das geistliche Leben.

 

Das Leben Jesu stand in völligem Einklang mit dem Willen Gottes. Zwar dachte und redete er, solange er Kind war, wie ein Kind; aber kein Makel entstellte das Ebenbild Gottes. Dabei war er nicht frei von Versuchungen. Die Gottlosigkeit der Einwohner von Nazareth war fast sprichwörtlich geworden. Nathanels Frage: „Was kann von Nazareth Gutes kommen?“ (Johannes 1,46), zeigt, deutlich, wie wenig Achtung sie im allgemeinen genossen. Jesus aber erhielt seinen Platz unter ihnen, damit durch sie sein Verhalten auf die Probe gestellt würde. Er mußte, wollte er seine Reinheit bewahren, unablässig auf der Hut sein. Kein Kampf, den auch wir zu bestehen haben, blieb ihm erspart, damit er uns unser Leben lang ein Beispiel sein könne: in Kindheit, Jugend und Mannesalter. Satan war unermüdlich in seinen Anstrengungen, das Kind von Nazareth zu überwinden. Wenn Jesus auch von frühester Jugend an von den Engeln des Himmels behütet wurde, so war sein Leben dennoch ein Kampf gegen die Mächte der Finsternis. Daß jemand auf Erden frei von sündiger Befleckung leben sollte, das war dem Fürsten der Finsternis ein Ärgernis und eine Ursache zur Beunruhigung. Nichts ließ er darum unversucht, Jesus in seine Schlingen zu verstricken. Kein Menschenkind wird je berufen, ein heiliges Leben inmitten solch grimmiger Kämpfe gegen Versuchungen zu führen wie unser Heiland.

 

Die Eltern Jesu waren arm und auf den Ertrag ihrer Hände Arbeit angewiesen. So wurde auch er mit Armut, Selbstverleugnung und Entbehrung vertraut. Diese Erfahrung war ein sicherer Schutz für ihn. In seinem arbeitsamen Leben gab es keine müßigen Stunden, die die Versuchung herausgefordert hätten. Er fand keine Zeit für schlechte Gesellschaft. Soweit es ihm möglich war, verschloß er dem Versucher die Tür. Keine Rücksicht auf Gewinn oder Vergnügen, Beifall oder Tadel konnte ihn dazu verleiten, Unrecht gutzuheißen. Er war klug, das Böse zu erkennen, und stark genug, ihm zu widerstehen. Jesus war der einzige Sündlose, der je auf Erden gelebt hat, obwohl er doch fast dreißig Jahre lang unter den gottlosen Einwohnern von Nazareth wohnte. Diese Tatsache muß alle diejenigen beschämen, die meinen, daß die Gunst des Ortes, des Besitzes oder des Erfolges darüber entscheide, ob jemand ein untadeliges Leben führen könne oder nicht. Vielmehr erziehen uns gerade Anfechtung, Not und Unheil zu Reinheit und Standhaftigkeit.

 

Jesus lebte mit seinen Eltern in einem bescheidenen Häuschen und trug treulich und freudig seinen Anteil an den Lasten des Haushaltes. Der einst Gebieter des Himmels gewesen und dessen Wort die Engel mit Freuden befolgten, war jetzt ein williger Diener, ein liebevoller und gehorsamer Sohn. Er erlernte ein Handwerk und arbeitete mit Joseph zusammen in dessen Zimmermannswerkstatt. In der einfachen Tracht eines gewöhnlichen Arbeitsmannes ging er durch die Straßen der kleinen Stadt zu seiner bescheidenen Arbeit und wieder zurück. Er benutzte seine göttliche Kraft nicht, um seine Lasten zu verringern oder sich die Arbeit zu erleichtern.

 

Die Arbeit, die Jesus als Jüngling und als Mann ausübte, war der Entwicklung von Körper und Geist sehr dienlich. Er arbeitete nicht einfach drauflos, sondern setzte seine Kräfte ein, daß sie gesund blieben, damit er in jeder Weise das Beste leisten konnte. Er war ohne Tadel in seinem Wesen, selbst in seiner Arbeit verschmähte er fehlerhafte Leistungen. Er war als Handwerker ebenso vollkommen, wie sein Charakter vollkommen war. Durch sein Beispiel lehrte er, daß wir die Pflicht haben, fleißig zu sein und unsere Arbeit genau und sorgfältig auszuführen, und daß solche Arbeit ehrbar ist. Nützliche Handarbeit gewöhnt nicht nur die Jugend daran, ihren Anteil an den Lasten des Lebens zu tragen, sondern dient auch der Kräftigung ihres Körpers und der Ausbildung ihrer Fähigkeiten. Jeder sollte sich mit etwas beschäftigen, was ihm selbst und auch andern nützt. Gott hat die Arbeit uns zum Segen gegeben; und nur der Fleißige kann die wahre Schönheit und Freude des Lebens verspüren. Nur die Kinder und jungen Menschen erlangen Gottes Wohlgefallen, die frohgemut die häuslichen Pflichten erfüllen und den Eltern ihre Last tragen helfen. Solche Kinder werden, wenn sie das Heim verlassen, auch nützliche Glieder der Gesellschaft sein.

 

Während seines ganzen Erdenlebens war Jesus eifrig und beständig am Wirken. Weil er viel erwartete, unternahm er auch viel. Nachdem er sein Lehramt angetreten hatte, erklärte er: „Ich muß wirken die Werke des, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.“ Johannes 9,4. Jesus scheute entgegen vielen seiner angeblichen Nachfolger weder Sorge noch Verantwortung. Gerade deshalb aber, weil sie sich dieser Zucht entziehen wollen, sind viele schwach und unfähig. Mögen sie auch vortreffliche und liebenswerte Eigenschaften aufweisen, so sind sie dabei doch kraftlos und nahezu unbrauchbar, wenn es gilt Schwierigkeiten entgegenzutreten oder Hindernisse zu überwinden. Wir brauchen die Zuverlässigkeit und Tatkraft, die Gediegenheit und Lauterkeit, die Christus bewies, und wir müssen sie in der gleichen Schule lernen, die er durchzustehen hatte. Dann wird auch die Gnade, die er empfing, unser sein! Solange unser Heiland unter den Menschen weilte, teilte er das Los der Armen. Da er ihre Sorgen und Nöte aus eigener Erfahrung kannte, vermochte er sie zu trösten und zu ermutigen. Wer wirklich begriffen hat, was Jesu Leben uns lehrt, wird nie daran denken, irgendwelche Klassenunterschiede zu machen, er wird einen Reichen nicht höher achten als einen würdigen Armen.

 

Geschickt und mit frohem Mut ging Jesus seiner Arbeit nach. Es verlangt viel Geduld und Geisteskraft, die Lehren der Heiligen Schrift zu Hause und am Arbeitsplatz zur Geltung zu bringen und bei aller Anspannung durch irdische Geschäfte die Ehre Gottes im Auge zu behalten. Darin wird uns Christus zum Helfer. Er ließ sich von weltlichen Sorgen nie so weit in Anspruch nehmen, daß er keine Zeit mehr gehabt hätte, über ewige Dinge nachzudenken. Oft brachte er die Freude seines Herzens zum Ausdruck, indem er Psalmen und geistliche Lieder sang. Dann wieder hörten die Einwohner Nazareths seine Stimme sich in Lobpreis und Danksagung zu Gott erheben. Durch seinen Gesang hielt er Verbindung mit dem Himmel, und wenn seine Gefährten von ihrer Arbeit müde wurden und klagten, ermunterte er sie durch die lieblichen Weisen aus seinem Munde. Sein Lobpreis schien die bösen Geister zu bannen und seine Umgebung wie der Weihrauch mit Wohlgeruch zu erfüllen. Die Gedanken seiner Zuhörer wurden aus ihrer irdischen Gebundenheit in die himmlische Heimat versetzt.

 

Jesus war der Quell heilsamer Gnade für die Welt, und auch während der Zeit seiner Zurückgezogenheit in Nazareth gingen von seinem Leben Ströme des Mitgefühls und der Zärtlichkeit aus. Die Betagten und Bekümmerten, die Schuldbeladenen, die fröhlich-harmlosen Kinder, die schwache Kreatur in den Hainen und die geduldigen Lasttiere, sie alle wurden glücklicher durch seine Gegenwart. Er, dessen Machtwort die Welten trug, beugte sich herab, einem verwundeten Vöglein zu helfen. Es gab nichts, was nicht seiner Beachtung wert oder seines Dienstes würdig gewesen wäre. Während Jesus so an Weisheit und körperlicher Größe zunahm, nahm er auch zu an Gnade bei Gott und den Menschen. Weil er mit allen zu fühlen vermochte, erwarb er sich auch die Liebe aller. Die Atmosphäre von Hoffnung und Mut, die ihn umgab, ließ ihn in jedem Heim zum Segen werden. Oft forderte man ihn am Sabbat in der Synagoge auf, den vorgeschriebenen Abschnitt aus den Schriften der Propheten zu lesen. Während er las, wurden die Herzen der Zuhörer ergriffen, da ihnen ein neues Licht aus den altvertrauten Worten des heiligen Textes entgegenstrahlte.

 

Doch Jesus vermied es, Aufsehen zu erregen. Während der vielen Jahre seines Aufenthaltes in Nazareth ließ er seine Wunder wirkende Macht nicht offenbar werden. Er trachtete weder nach einer angesehenen Stellung, noch legte er sich hochklingende Namen bei. Still und bescheiden lebte er dahin. Selbst die Schrift schweigt über seine Jugendjahre. Damit erteilt sie uns eine wichtige Lehre. Je mehr sich das Leben eines Kindes in der Stille und Zurückgezogenheit — frei von aller vorsätzlichen Beunruhigung und möglichst im Einklang mit der Natur — abspielt, desto günstiger sind die Aussichten für seine körperliche Erstarkung und geistige Entwicklung. Jesus ist unser Vorbild. Doch während sich viele Menschen gern mit der Zeit seines öffentlichen Wirkens befassen, lassen sie die Lehren seiner Jugendjahre meist unbeachtet. Aber gerade mit seinem Verhalten im häuslichen Kreise ist er den Kindern und der Jugend ein Vorbild. Der Heiland wurde arm, um uns zu lehren, wie wir auch unter bescheidenen Verhältnissen ein Leben inniger Gemeinschaft mit Gott führen können. Er lebte, seinen Vater im Getriebe des Alltags zu erfreuen, ihn zu ehren und zu verherrlichen. Er begann seine Aufgabe damit, daß er dem Stande des kleinen Handwerkers, der sich schwer für sein tägliches Brot abmühen muß, besondere Weihe verlieh. Er diente Gott geradeso gut, wenn er an der Hobelbank schaffte, als wenn er unter der Volksmenge Wunder wirkte. Welches junge Menschenkind nach dem Beispiel Jesu treu und gehorsam den Pflichten seiner einfachen Häuslichkeit nachkommt, darf daher auch jenes Zeugnis für sich in Anspruch nehmen, das der Vater durch den Heiligen Geist Jesus ausstellte: „Siehe, das ist mein Knecht — ich halte ihn — und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat.“ Jesaja 42,1.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 8: Auf dem Passahfest

 

Auf der Grundlage von Lukas 2,41-51.

 

Die Juden betrachteten das zwölfte Lebensjahr als Grenze zwischen Kindheit und Jugend. Der hebräische Knabe wurde nach Vollendung dieses Lebensjahres ein Sohn des Gesetzes und auch ein Sohn Gottes genannt. Er konnte sich während dieser Zeit besonders viel mit den jüdischen Lehren beschäftigen, wie man auch eine rege Beteiligung an den heiligen Festen und Gebräuchen von ihm erwartete. Es stand also völlig mit den üblichen Gewohnheiten in Einklang, daß Jesus im Knabenalter das Passahfest in Jerusalem besuchte. Wie alle andächtigen Israeliten gingen Joseph und Maria jedes Jahr nach der Hauptstadt, um der Passahfeier beizuwohnen. Und als Jesus das geforderte Alter erreicht hatte, nahmen sie ihn mit.

 

Es waren jährlich drei Feste, zu denen alle männlichen Israeliten in Jerusalem vor dem Herrn erscheinen mußten: zum Passahfest, zum Pfingstfest und zum Laubhüttenfest. Von diesen großen Festen wurde das Passahfest am meisten besucht. Aus allen Ländern, in denen Juden verstreut lebten, kamen sie. Auch aus den einzelnen Gegenden Palästinas strömten die Anbetenden zum Fest. Die Reise von Galiläa nach Jerusalem nahm mehrere Tage in Anspruch; die jüdischen Pilger schlossen sich unterwegs zu Gruppen zusammen, damit sie nicht allein zu wandern brauchten und sich so besser schützen konnten. Frauen und Greise legten den oft steilen und felsigen Weg auf Ochsen oder Eseln zurück. Die kräftigeren Männer und die Jugend reisten zu Fuß. Nach unserer Jahresrechnung fiel das Passahfest in die Frühlingszeit, Ende März oder Anfang April; das ganze Land blühte und duftete, und der Gesang der Vögel verlieh allem einen heiteren Glanz. Den ganzen Reiseweg entlang trafen sie auf immer neue denkwürdige Orte aus der Geschichte Israels. Die Eltern erzählten dann ihren Kindern deren Geschichte und berichteten von den Wundertaten Gottes an seinem Volk in der Vergangenheit. Auch verkürzten sie sich die Reise durch Gesang und Musik. Und als sie schließlich in der Ferne die Türme Jerusalems auftauchen sahen, erscholl froh begeistert ihr Triumphgesang:

 

„Nun stehen unsere Füße, in deinen Toren, Jerusalem ... Es möge Friede sein in deinen Mauern und Glück in deinen Palästen!“ Psalm 122,27. Von der Zeit an, da die Hebräer ein selbständiges Volk wurden, begingen sie alljährlich das Passahfest. Gott hatte ihnen in der letzten Nacht ihrer Gefangenschaft in Ägypten, da nichts auf die Stunde ihrer Befreiung hinzudeuten schien, geboten, den sofortigen Auszug vorzubereiten. Er hatte Pharao vor dem Strafgericht, das über die Ägypter kommen sollte, gewarnt und die Hebräer angewiesen, sich in ihren Häusern zu versammeln, ihre Türpfosten mit dem Blut eines geschlachteten Lammes zu besprengen und das gebratene Lamm mit ungesäuertem Brot und bitteren Kräutern zu essen. „So sollt ihr‘s aber essen: Um eure Lenden sollt ihr gegürtet sein und eure Schuhe an euren Füßen haben und den Stab in der Hand und sollt es essen als die, die hinwegeilen; es ist des Herrn Passa.“ 2.Mose 12,11. Und als die Mitternacht über Ägypten heraufzog, wurde alle Erstgeburt der Ägypter erschlagen, und der Pharao sandte die Botschaft an Israel: „Macht euch auf und ziehet weg aus meinem Volk ... Geht hin und dienet dem Herrn, wie ihr gesagt habt.“ 2.Mose 12,31.

 

Die Hebräer verließen als selbständiges und unabhängiges Volk das Land ihrer Knechtschaft. Zum Gedenken aber an ihre wunderbare Befreiung gebot ihnen Gott, alljährlich das Passahfest zu feiern. „Und wenn eure Kinder zu euch sagen werden: Was habt ihr da für einen Brauch?, sollt ihr sagen: Es ist das Passahopfer des Herrn, der an den Kindern Israel vorüberging in Ägypten, als er die Ägypter schlug.“ 2.Mose 12,2627. Allen nachfolgenden Geschlechtern sollte diese wunderbare Befreiungstat Gottes weitergegeben werden. Auf das Passahopfer folgte das sieben Tage dauernde Fest der ungesäuerten Brote. Am zweiten Tag dieses Festes wurde dem Herrn die Erstlingsfrucht der Jahresernte, und zwar eine Garbe Gerste, dargebracht. Alle Gebräuche dieses Festes versinnbildeten das Werk Christi. Die Befreiung Israels aus Ägypten veranschaulichte die Erlösungstat, die durch das Passahfest im Gedächtnis behalten werden sollte. Das geschlachtete Lamm, das ungesäuerte Brot und auch die Erstlingsgabe wiesen auf den Erlöser.

 

Zur Zeit Christi war die Feier des Passahfestes bei den meisten Juden zu einem bloßen Formendienst herabgesunken. Wie groß aber war die Bedeutung dieses Festes für den Sohn Gottes! Zum erstenmal schaute Jesus den Tempel. Er sah die weißgekleideten Priester ihren feierlichen Dienst versehen, gewahrte das blutende Opfer auf dem Altar und beugte sich mit den Gläubigen im Gebet, während die Wolke des Weihrauchs zu Gott emporstieg. Jesus erlebte bewußt die eindrucksvollen Gebräuche des Passahgottesdienstes, deren Bedeutung ihm von Tag zu Tag klarer wurde. Jede Handlung schien mit seinem eigenen Leben in innigstem Zusammenhang zu stehen. Das alles weckte neue Gedanken in ihm. Still und in sich gekehrt schien er einem besonderen Problem nachzudenken. Das Geheimnis seiner Sendung wurde ihm bewußt.

 

Überwältigt von den Erlebnissen, die ihm hier begegneten, hatte er sich von der Seite seiner Eltern entfernt. Er wollte allein sein. Die gottesdienstlichen Handlungen waren längst beendet, da hielt er sich noch immer in den Vorhöfen des Tempels auf, und als die jüdischen Festbesucher Jerusalem wieder verließen, blieb er in der Stadt zurück. Bei diesem Besuch in Jerusalem wollten Jesu Eltern ihn mit den großen Lehrern Israels zusammenbringen. Während er in jeder Einzelheit dem Worte Gottes gehorsam war, richtete er sich jedoch nicht nach den Bräuchen und Gewohnheiten der Schriftgelehrten. Joseph und Maria hofften, er würde den gelehrten Rabbinern mit achtungsvoller Ehrerbietung gegenübertreten und ihre Forderungen mit größerer Sorgfalt beachten. Doch Jesus war im Tempel durch Gott selbst unterrichtet worden, und das, was er auf diese Weise empfangen hatte, begann er sogleich mitzuteilen.

 

Eine mit dem Tempel verbundene Halle diente zu jener Zeit als „Heilige Schule“. Sie wurde nach der Art der alten Prophetenschulen benutzt; die Rabbiner versammelten hier ihre Schüler um sich. Auch Jesus kam in diese Halle und lauschte, zu den Füßen der ehrwürdigen und gelehrten Männer sitzend, deren Belehrungen. Als einer, der nach Weisheit suchte, wollte er von den Rabbinern Aufschluß haben über die alten Weissagungen und über die gegenwärtigen Ereignisse, die auf das Kommen des Messias hinwiesen. Sein Verlangen nach Erkenntnis war groß, und seine Fragen rührten an tiefe Wahrheiten, die seit langem verborgen waren und doch für das Heil der Menschen so große Bedeutung hatten. Er zeigte, wie begrenzt und oberflächlich im Grunde doch die ganze Weisheit der Schriftgelehrten war. Jede Frage enthielt eine göttliche Lehre und ließ die Wahrheit in einem neuen Licht erscheinen. Die Rabbiner sprachen von der wunderbaren Erhöhung, die das Erscheinen des Messias dem jüdischen Volk bringen würde; Jesus aber verwies auf die Weissagungen Jesajas und fragte nach der Bedeutung jener Schriftstellen, die vom Leiden und Sterben des Gotteslammes kündeten.

 

Die Schriftgelehrten erwiderten mit Gegenfragen und konnten ihr Erstaunen über seine Antworten nicht verbergen. Mit der Demut eines Kindes wiederholte Jesus die Worte der Schrift und gab ihnen eine so tiefe Bedeutung, daß sie sich davon keine Vorstellung machen konnten. Hätten sich die Schriftgelehrten zu diesen göttlichen Wahrheiten bekannt, würde das eine Erneuerung des geistlichen Lebens und eine Wiedergeburt des Glaubens zur Folge gehabt haben. Bei Jesu Lehrantritt wären dann viele vorbereitet gewesen, ihn anzunehmen. Die Rabbiner wußten, daß Jesus nicht in ihren Schulen unterrichtet worden war; und doch übertraf er sie in seinem Verständnis der heiligen Schriften bei weitem. Dieses Bewußtsein ließ sie wünschen, daß dieser begabte, nachdenkliche Knabe, der zu den schönsten Hoffnungen berechtigte, ihr Schüler und ein Lehrer in Israel würde. Sie wollten seine weitere Erziehung übernehmen, da sie nur sich die Fähigkeit zutrauten, einen so schöpferischen Geist richtig auszubilden.

 

Jesu Worte waren in die Herzen der Rabbiner gedrungen. Noch nie zuvor hatten Worte aus menschlichem Mund solche Wirkung auf sie auszuüben vermocht. Gott versuchte diesen geistigen Führern seines Volkes Licht zu geben; er benutzte dazu das einzige Mittel, durch das sie erreicht werden konnten. Stolz wie sie waren, hätten sie sich nie dazu verstehen können, Belehrungen durch irgendwelche andere anzuerkennen. Und hätten Jesu Worte den Anschein gehabt, daß er sie belehren wollte, würden sie ihm gar nicht zugehört haben. So aber schmeichelten sie sich, ihn zu lehren oder wenigstens seine Kenntnisse in den Schriften zu prüfen. Jesu Bescheidenheit und Anmut entwaffnete ihre Vorurteile. Unbewußt wurde so ihr Verständnis für das Wort Gottes geöffnet, und der Heilige Geist sprach zu ihren Herzen.

 

Die Schriftgelehrten mußten einsehen, daß ihre Erwartungen hinsichtlich des Messias durch das Wort der Weissagung nicht gestützt wurden. Sie wollten jedoch die Lehrpunkte, die ihrem Ehrgeiz falsche Hoffnungen erweckt hatten, nicht widerrufen. Sie wollten nicht zugeben, daß ihre Auslegung der heiligen Schriften auf Irrtum aufgebaut war. Sie fragten sich gegenseitig: Woher hat dieser Jüngling sein Wissen, da er doch keine Schule besuchte? Ja, das Licht schien in der Finsternis, die Finsternis aber „hat‘s nicht ergriffen“. Johannes 1,5.

 

Unterdessen befanden sich Maria und Joseph in großer Sorge und Unruhe. Beim Verlassen Jerusalems hatten sie Jesus aus den Augen verloren; sie wußten nicht, daß er in der Stadt zurückgeblieben war. Das Land war damals dicht bevölkert, und die Karawanen aus Galiläa waren sehr groß. Es gab viel Durcheinander, als sie die Stadt verließen. Auf dem Wege nahm die Freude, mit Freunden und Bekannten zu reisen, ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch, und erst bei Anbruch des Abends bemerkten sie seine Abwesenheit; denn als sie zur Rast anhielten, vermißten sie die helfende Hand ihres Jungen. Doch sie waren immer noch unbesorgt, da sie ihn unter ihrer Reisegesellschaft vermuteten. Jung wie er war, hatten sie ihm blind vertraut, und sie hatten erwartet, daß er, wenn nötig, bereit wäre, ihnen zu helfen, indem er ihre Wünsche vorausahnte, so wie er es stets getan hatte. Doch nun erwachten ihre Ängste. Sie suchten ihn überall unter ihrer Reisegesellschaft, aber vergebens. Schaudernd fiel ihnen ein, wie Herodes versucht hatte, das Jesuskindlein zu töten. Trübe Ahnungen erfüllten ihre Herzen, und sie machten sich wegen ihrer Sorglosigkeit große Vorwürfe.

 

Sie kehrten nach Jerusalem zurück und setzten hier ihr Suchen fort. Als sie am nächsten Tag auch den Tempel aufsuchten und sich unter die Gläubigen mischten, fesselte eine vertraute Stimme ihre Aufmerksamkeit. Sie konnten sich nicht irren; keine Stimme war der seinen gleich, so feierlich, ernst und dennoch angenehm klang sie. Sie fanden Jesus in der Schule der Rabbiner. Trotz ihrer großen Freude konnten sie doch ihre Angst und Sorge nicht gleich verwinden. Als sie miteinander allein waren, sagte Maria zu dem Knaben, und ein leiser Vorwurf schwang in ihren Worten: „Mein Sohn, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht.“ Lukas 2,48.

 

„Was ist‘s, daß ihr mich gesucht habt?“ erwiderte Jesus. „Wisset ihr nicht, daß ich sein muß in dem, das meines Vaters ist?“ Lukas 2,49. Dabei zeigte er nach oben, weil er sah, daß Maria und Joseph seine Worte nicht verstanden. Sein Angesicht glänzte, so daß die Eltern sich wunderten. Die Gottheit Jesu durchleuchtete den Menschensohn. Als sie ihn im Tempel fanden, hatten auch sie dem gelauscht, was sich zwischen ihm und den Schriftgelehrten abspielte, und sie hatten sich über seine Fragen und Antworten gewundert. Seine Worte weckten in ihnen eine Reihe von Gedanken, die sie niemals wieder vergessen konnten. Seine Frage an sie erteilte ihnen eine Lektion. „Wisset ihr nicht, daß ich sein muß in dem, das meines Vaters ist?“ Lukas 2,49. Jesus war dabei, das zu erfüllen, wozu er in die Welt gekommen war, doch Joseph und Maria hatten ihre Aufgabe vernachlässigt. Gott hatte ihnen große Ehre erwiesen, indem er ihnen seinen Sohn anvertraute. Heilige Engel hatten den Lebensweg Josephs gelenkt, um Jesu Leben zu schützen. Dennoch hatten Joseph und Maria für einen ganzen Tag den aus den Augen verloren, den sie doch keinen Augenblick vergessen sollten. Und als ihre Besorgnis sich endlich als grundlos erwies, haben sie nicht etwa sich selbst Vorwürfe gemacht, sondern ihm die Schuld gegeben.

 

Es war verständlich, daß Maria und Joseph Jesus als ihr eigenes Kind betrachteten. Er war täglich bei ihnen, sein Leben glich in vieler Hinsicht dem der anderen Kinder, so daß es ihnen schwer fiel, in ihm den Sohn Gottes zu sehen. Sie liefen Gefahr, die ihnen gewährte Segnung der Gegenwart des Heilandes der Welt zu unterschätzen. Der Schmerz, den sie bei der Trennung von ihm empfanden, und der gelinde Vorwurf, den seine Worte enthielten, sollte ihnen die Heiligkeit des ihnen Anvertrauten eindringlich nahebringen. In der Antwort an seine Mutter zeigte Jesus zum ersten Mal, daß ihm seine enge Beziehung zu Gott bewußt war. Vor seiner Geburt hatte der Engel zu Maria gesagt: „Der wird groß sein und ein Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird ein König sein über das Haus Jakob ewiglich.“ Lukas 1,3233. Diese Worte hatte Maria in ihrem Herzen hin und her bewegt; doch während sie daran glaubte, daß ihr Kind der Messias Israels sein sollte, blieb ihr seine Sendung unverständlich. Auch jetzt begriff sie seine Worte nicht, doch sie wußte, daß er auf seine verwandtschaftliche Bindung zu Joseph verzichtet und sich als Sohn Gottes bekannt hatte.

 

Jesus verleugnete keineswegs seine enge Beziehung zu seinen irdischen Eltern. Er kehrte mit ihnen von Jerusalem nach Hause zurück und half ihnen auch bei ihren Alltagspflichten. Das Geheimnis seines Auftrags verbarg er in seinem Herzen und wartete gehorsam auf den vorgesehenen Zeitpunkt, um sein Werk aufzunehmen. Achtzehn Jahre lang, seit er sich als der Sohn Gottes zu erkennen gegeben hatte, achtete er die Bindung, die ihn eng mit dem Zuhause in Nazareth verband, und erfüllte gewissenhaft die Pflichten eines Sohnes, Bruders, Freundes und Bürgers. Als Jesus im Tempel mit seiner Aufgabe vertraut gemacht worden war, zog er sich von der Menge zurück. Er wünschte ohne Aufhebens mit jenen von Jerusalem nach Hause zurückzukehren, die das Geheimnis seines Lebens kannten. Durch den Passahgottesdienst wollte Gott sein Volk von seinen irdischen Sorgen ablenken und sie an sein wunderbares Eingreifen erinnern, als er sie aus der Hand der Ägypter befreite. In diesem Geschehen sollten sie eine Verheißung der Befreiung von der Sünde erkennen. Wie das Blut des getöteten Lammes ihre Häuser in Ägypten geschützt hatte, so sollte auch das Blut Christi ihre Seelen bewahren. Doch sie konnten durch Christus nur gerettet werden, indem sie wahrhaft seinem Leben nacheiferten. Das war der Sinn des symbolischen Dienstes, der die Gottesdienstteilnehmer zu Christus als ihrem persönlichen Heiland wies. Gott wollte, daß sie dahin kommen sollten, über Christi Sendung voller Andacht nachzudenken. Doch sobald die Menge Jerusalem verließ, nahmen die Aufregung der Reise und der gesellige Umgang allzuoft ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch, so daß der Gottesdienst, den sie erlebt hatten, bald vergessen war. Der Heiland war für ihre Gesellschaft nicht interessant genug.

 

Da Joseph und Maria mit Jesus allein von Jerusalem zurückkehren würden, hoffte er ihre Gedanken auf die Weissagungen von dem leidenden Heiland lenken zu können. Auf Golgatha suchte er den Schmerz seiner Mutter zu lindern. Jetzt nun mußte er besonders an sie denken. Maria würde Zeugin seines letzten Ringens sein, und Jesus wollte, daß sie seine Sendung verstand, damit sie darin bestärkt würde, auszuharren, wenn das Schwert ihre Seele durchdringen würde. Lukas 2,35. Wie Jesus von ihr getrennt worden war, und sie ihn mit Schmerzen drei Tage gesucht hatte, so wäre er auch dann wieder für sie drei Tage verlorengegangen, wenn er für die Sünden der Welt geopfert würde. Und wenn er aus dem Grab käme, würde sich ihre Trauer wieder in Freude verwandeln. Doch wieviel besser würde sie den Schmerz über seinen Tod ertragen haben, wenn sie die Texte verstanden hätte, auf die er jetzt ihre Gedanken zu lenken suchte!

 

Hätten sich Maria und Joseph durch ein eifriges und innigeres Gebetsleben mit Gott verbunden, so würden sie die Heiligkeit des ihnen anvertrauten Jünglings besser erkannt haben, und sie hätten Jesus nimmermehr aus den Augen verloren. Durch die Nachlässigkeit eines Tages verloren sie den Heiland, und sie mußten drei Tage mit Kummer und Sorgen suchen, ehe sie ihn wiederfanden. So ergeht es auch uns. Durch unnützes, törichtes Geschwätz oder durch Vernachlässigen des Gebets können wir in kurzer Zeit die Gegenwart des Heilandes verlieren, und es mögen dann viele Tage schmerzlichen Suchens vergehen, ehe wir ihn wiederfinden und auch den verlorenen Frieden wieder gewinnen. Wir müssen auch in unserem Verkehr miteinander darauf bedacht sein, Jesus nicht aus den Augen zu verlieren oder ganz zu vergessen. Lassen wir uns von den irdischen Dingen so sehr in Anspruch nehmen, daß wir keine Gedanken mehr für ihn haben, in dem doch unsere ganze Hoffnung auf ein ewiges Leben gipfelt, trennen wir uns von dem Herrn und seinen himmlischen Heerscharen. Diese heiligen Wesen können nicht sein, wo der Heiland unerwünscht ist und wo seine Abwesenheit nicht bemerkt wird. Darum ist auch bei den Namenschristen häufig eine so überaus große geistliche Entmutigung zu finden.

 

Viele wohnen einer gottesdienstlichen Handlung bei und werden durch das Wort Gottes erfrischt und belebt. Weil sie aber zuwenig nachdenken, zuwenig „wachen und beten“, verlieren sie bald wieder den Segen und fühlen sich verlassener als je zuvor. Oft glauben sie dann, Gott behandle sie zu hart; sie sehen nicht, daß die Schuld allein bei ihnen liegt. Indem sie sich von dem Heiland trennten, haben sie auch das Licht seiner Gegenwart ausgeschlossen. Es würde für uns gut sein, täglich eine stille Stunde über das Leben Jesu nachzudenken. Wir sollten das ganze Erleben Jesu auf Erden in allen Einzelheiten, besonders aber die letzten Tage, an unserem inneren Auge vorüberziehen lassen. Wenn wir in dieser Weise bei dem Opfer verweilen, das er für uns gebracht hat, wird unser Vertrauen zu ihm wachsen, unsere Liebe zu ihm lebendiger werden, und am Ende werden wir tiefer mit seinem guten Geist erfüllt sein. Wenn wir gerettet werden wollen, müssen wir am Fuße des Kreuzes Reue und wahre Demut lernen. Indem wir miteinander verbunden sind, werden wir uns gegenseitig zum Segen sein. Wenn wir Christus angehören, werden unsere lieblichsten Gedanken von seinem Geist erfüllt sein. Wir werden gern von ihm sprechen, und indem wir einander von seiner Liebe erzählen, werden unsere Herzen durch göttlichen Einfluß angerührt werden . Indem wir die Schönheit seines Wesens betrachten, werden wir „verklärt in sein Bild von einer Herrlichkeit zur andern“. 2.Korinther 3,18.

 

 

Kapitel 9: Tage der Auseinandersetzung

 

Von klein auf war das jüdische Kind von den Forderungen der Rabbiner gleichsam eingeschlossen. Strenge Vorschriften regelten jede Handlung bis zu den geringfügigsten Dingen des Lebens. In den Synagogen unterrichteten Lehrer die Jugend in den zahllosen Satzungen, deren Befolgung von ihr als rechtgläubige Juden erwartet wurde. Doch Jesus konnte dem nichts abgewinnen. Von Kindheit an handelte er unabhängig von den Gesetzen der Rabbiner. Sein ständiges Studium galt den Schriften des Alten Testaments, und die Worte: „So spricht der Herr“ führte er stets im Munde.

 

Als ihm die Lage seines Volkes zum Bewußtsein kam, stellte er fest, daß die Erfordernisse der Gesellschaft und die Gebote Gottes in ständigem Widerspruch miteinander standen. Die Menschen wandten sich vom Worte Gottes ab und begeisterten sich für selbsterfundene Lehren. Sie richteten sich nach traditionellen Bräuchen, die keinerlei Wert besaßen. Ihr Gottesdienst bestand lediglich aus Zeremonien; doch die heiligen Wahrheiten, die diese lehren sollten, blieben den Anbetenden verborgen. Jesus erkannte, daß die Menschen bei diesem glaubenslosen Gottesdienst keinen Frieden fanden. Die Freiheit des Geistes, die ihnen zuteil würde, wenn sie Gott in Wahrheit dienten, war ihnen unbekannt. Jesus war gekommen, um die Menschen zu lehren, was Anbetung Gottes bedeutet. Er konnte deshalb der Vermengung menschlicher Vorschriften mit den göttlichen Geboten nicht zustimmen. Zwar griff er die Weisungen und Handlungen der gelehrten Lehrer nicht an, wurde er aber wegen seiner eigenen schlichten Gewohnheiten getadelt, dann rechtfertigte er sein Verhalten durch Gottes Wort.

 

Die Menschen, mit denen Jesus in Berührung kam, versuchte er durch ein ruhiges und entgegenkommendes Verhalten zu erfreuen. Wegen seines sanftmütigen und zurückhaltenden Wesens meinten die Schriftgelehrten und Ältesten ihn leicht durch ihre Lehren beeinflussen zu können. Sie drängten ihn, doch die Lehren und Überlieferungen anzunehmen, die von den Schriftgelehrten aus alter Zeit übermittelt worden waren; er aber fragte nach deren Grund in der Heiligen Schrift. Er war stets gewillt, auf jedes Wort zu hören, das aus dem Munde Gottes kam, er wollte aber keinen menschlichen Überlieferungen gehorchen. Jesus schien die gesamte Heilige Schrift zu kennen, und er bot sie ihnen in ihrer wahren Bedeutung dar. Die Schriftgelehrten waren beschämt, daß ein Kind sie belehrte. Sie erklärten, daß es ihres Amtes sei, die Schrift auszulegen, und daß er verpflichtet sei, ihre Auslegung anzunehmen. Sie waren unwillig darüber, daß er ihren Worten Widerstand entgegensetzte.

 

Sie wußten, daß ihre Traditionen in der Schrift nicht begründet waren, und sie erkannten wohl, daß Jesus ihnen mit seinem geistlichen Verständnis weit voraus war. Dennoch waren sie verärgert, weil er ihren Satzungen nicht gehorchte. Als sie ihn nicht zu überzeugen vermochten, suchten sie Joseph und Maria auf und teilten diesen mit, daß Jesus sich weigere, ihren Vorstellungen zu folgen. Also wurde er getadelt und gerügt. Schon sehr bald hatte Jesus seine Charakterbildung in die eigene Hand genommen. Selbst die Achtung vor seinen Eltern und die Liebe zu ihnen brachte ihn nicht vom Gehorsam gegenüber dem Worte Gottes ab. Handelte er anders, als es sonst in der Familie üblich war, so begründete er dies mit einem „Es steht geschrieben“. Der Einfluß der Rabbiner erschwerte jedoch sein Leben. Bereits in jungen Jahren mußte er die harte Lektion lernen, zu schweigen und geduldig auszuharren.

 

Seine Brüder, wie die Söhne Josephs genannt wurden, stellten sich auf die Seite der Rabbiner. Sie bestanden darauf, daß die Überlieferungen ebenso befolgt werden müßten wie die Gebote Gottes. Ja, sie schätzten diese Vorschriften sogar höher als Gottes Wort. Jesu klare Unterscheidung zwischen falsch und wahr empfanden sie als großes Ärgernis; seinen strikten Gehorsam gegenüber dem göttlichen Gesetz verurteilten sie als Eigensinn. Sie waren allerdings überrascht, welche Kenntnis und welches Wissen er an den Tag legte, wenn er den Rabbinern antwortete, wußten sie doch, daß er von diesen weisen Männern nicht unterwiesen worden war. Es war vielmehr offensichtlich, daß er selbst sie belehrte. Daß Jesu Ausbildung besser war als ihre eigene, erkannten sie wohl, doch nahmen sie nicht wahr, daß er Zugang zum Lebensbaum besaß, zu einer Erkenntnisquelle, die ihnen fremd war.

 

Christus sonderte sich nicht ab und hatte gerade dadurch den Pharisäern erheblichen Anstoß gegeben, daß er in dieser Beziehung von ihren strengen Regeln abwich. Er stellte fest, daß der Bereich der Religion von hohen Mauern umschlossen war, als sei er zu heilig für das Alltagsleben. Diese Trennmauern riß er nieder; denn wenn er mit Menschen in Berührung kam, fragte er nicht: „Was glaubst du? Welcher Religionsgemeinschaft gehörst du an?“ Er half vielmehr allen, die Hilfe brauchten. Statt sich wie ein Einsiedler abzusondern, um dadurch sein frommes Wesen sehen zu lassen, wirkte er ernsthaft zum Wohle der Menschen. Er schärfte ihnen den Grundsatz ein, daß schriftgemäße Religion nicht in der Abtötung des Leibes bestehe und daß reine und unbefleckte Religion nicht nur zu besonderen Zeiten und bei besonderen Anlässen ausgeübt werden sollte. Immer und überall bekundete er sein liebevolles Interesse für die Menschen und verbreitete das Licht einer heiteren Frömmigkeit um sich. Den Pharisäern war all dies anstößig; denn es brachte an den Tag, daß Religion nicht aus Selbstsucht besteht und daß ihre krankhafte pharisäische Hingabe an das eigene Interesse weit von wahrer Frömmigkeit entfernt ist. Das hatte ihre Feindschaft gegen Jesus geweckt, denn sie wollten ihn unbedingt zum Gehorsam gegenüber ihren Satzungen zwingen.

 

Jedes Leid, das Jesus sah, versuchte er zu lindern. Er konnte zwar nur wenig Geld spenden, dafür verzichtete er häufig auf Nahrung, um denen zu helfen, die bedürftiger zu sein schienen als er. Seine Brüder spürten, daß sein Einfluß den ihrigen bei weitem aufwog. Er verfügte über ein Taktgefühl wie niemand von ihnen, ja, keiner trug danach Verlangen. Wenn sie arme und niedergedrückte Menschen barsch angefahren hatten, dann suchte Jesus gerade sie mit ermutigenden Worten wieder aufzurichten. Wer in Not war, den erquickte er mit einem Trunk kühlen Wassers und gab wie selbstverständlich für ihn die eigene Mahlzeit hin. Wenn er Leid linderte, dann paßten die Wahrheiten, die er verkündete, genau zu seinen Liebestaten und prägten sich so dem Gedächtnis fest ein. Dies alles mißfiel seinen Brüdern. Weil sie älter waren als er, meinten sie, er müsse ihnen gehorchen. Deshalb warfen sie ihm vor, er bilde sich ein, ihnen überlegen zu sein, und tadelten ihn, er stelle sich über ihre Lehrer, die Priester und die Oberen des Volkes. Oft bedrohten sie ihn und versuchten sogar, ihn einzuschüchtern. Er aber ließ sich nicht darin beirren, nur den heiligen Schriften zu folgen.

 

Jesus liebte seine Brüder und war gleichbleibend freundlich zu ihnen. Sie jedoch waren eifersüchtig auf ihn und zeigten ihm offen ihren Unglauben und ihre Verachtung. Sie konnten sein Verhalten einfach nicht begreifen, spürten sie doch die großen Gegensätze in seinem Leben. Einmal war er als Sohn Gottes göttlichen Wesens, andererseits aber war er ein hilfloses Kind. Ihm als Weltenschöpfer gehörte die Erde, andererseits war die Armut sein ständiger Lebensbegleiter. Seine Würde und sein Persönlichkeitsbewußtsein hatten nichts mit irdischem Stolz und Hochmut zu tun. Er strebte nicht nach weltlicher Größe, sondern war mit der niedrigsten Stellung zufrieden. Auch darüber ärgerten sich seine Brüder. Sie konnten sich seine heitere Ruhe bei allen Prüfungen und Entbehrungen nicht erklären, wußten sie doch nicht, daß er unserthalben arm geworden war, damit wir „durch seine Armut reich“ würden. 2.Korinther 8,9. Das Geheimnis seiner Sendung konnten sie nicht besser verstehen als die Freunde Hiobs dessen Erniedrigung und Leiden.

 

Jesus wurde von seinen Brüdern mißverstanden, weil er anders war als sie. Sein Maßstab war nicht der ihrige. Weil sie auf Menschen schauten, hatten sie sich von Gott abgekehrt, dessen Kraft ihrem Leben ermangelte. Die religiösen Formen, die sie beachteten, vermochten den Charakter nicht zu ändern. Zwar verzehnteten sie „Minze, Dill und Kümmel“, ließen aber „das Wichtigste im Gesetz, nämlich das Recht, die Barmherzigkeit und den Glauben“, dahinten. Matthäus 23,23. Jesu Beispiel war ihnen ein ständiges Ärgernis; denn er haßte nur eines auf der Welt — die Sünde. Wurde er Zeuge eines Unrechts, so konnte er den Schmerz, den er darüber empfand, nicht verbergen. Unübersehbar war der Gegensatz zwischen den nur äußerlich Frommen, die hinter dem Schein der Heiligkeit die Liebe zur Sünde versteckten, und einem Charakter, dem der Eifer um die Ehre Gottes über alles ging. Weil durch sein Leben das Böse verurteilt wurde, stieß Jesus innerhalb und außerhalb seiner Familie auf Widerspruch. Seiner Selbstlosigkeit und Rechtschaffenheit wegen wurde er verhöhnt. Seine Nachsicht und Freundlichkeit wurde als Feigheit gedeutet.

 

Von all der Bitternis, die das Los der meisten Menschen ist, blieb Christus nichts erspart. Es gab Menschen, die ihn wegen seiner Geburt verachteten. Schon als Kind bedachten sie ihn mit verächtlichen Blicken und übler Nachrede. Hätte er auch nur mit einem einzigen ungeduldigen Wort oder Blick darauf reagiert oder hätte er seinen Brüdern gegenüber durch ein einziges Unrecht nachgegeben, dann wäre er kein makelloses Vorbild mehr gewesen. Dann aber hätte er den Plan zu unserer Erlösung nicht durchführen können. Hätte er eingeräumt, daß es für die Sünde eine Entschuldigung gäbe, dann wäre Satan Sieger geworden und die Welt verlorengegangen. Aus diesem Grunde gestaltete der Versucher Jesu Leben so schwierig wie möglich, um ihn zur Sünde zu verführen.

 

Auf jede Versuchung antwortete Jesus jedoch: „Es steht geschrieben!“ Selten tadelte er das Unrecht seiner Brüder, es sei denn, er hatte ihnen ein Wort Gottes auszurichten. Oft wurde er der Feigheit bezichtigt, weil er sich weigerte, in bösen Dingen mit ihnen gemeinsame Sache zu machen. Auch dann lautete seine Antwort: Es steht geschrieben: „Siehe, die Furcht des Herrn, das ist Weisheit, und meiden das Böse, das ist Einsicht.“ Hiob 28,28. Manche suchten seine Gesellschaft; denn sie fühlten sich bei ihm geborgen. Viele jedoch mieden ihn, weil sie sich durch sein makelloses Leben getadelt vorkamen. Seine jugendlichen Kameraden drängten ihn, so zu leben wie sie. Sie hielten sich gern in seiner Nähe auf, weil er heiter und fröhlich war, und sie freuten sich über seine Anregungen. Seine Gewissensbedenken wiesen sie jedoch mit Ungeduld zurück und behaupteten, er sei engherzig und verbohrt. Auch darauf lautete Jesu Antwort: Es steht geschrieben: „Wie wird ein junger Mann seinen Weg unsträflich gehen? Wenn er sich hält an deine Worte ... Ich behalte dein Wort in meinem Herzen, damit ich nicht wider dich sündige.“ Psalm 119,911.

 

Oft fragte man ihn: Warum willst du eigentlich in allen Dingen unbedingt anders sein als wir? Es steht geschrieben, entgegnete er: „Wohl denen, die ohne Tadel leben, die im Gesetz des Herrn wandeln! Wohl denen, die sich an seine Mahnungen halten, die ihn von ganzem Herzen suchen, die auf seinen Wegen wandeln und kein Unrecht tun.“ Psalm 119,1-3. Fragte man ihn, weshalb er nicht an den Possen der jungen Leute von Nazareth teilnahm, antwortete er: Es steht geschrieben: „Ich freue mich über den Weg, den deine Mahnungen zeigen, wie über großen Reichtum. Ich rede von dem, was du befohlen hast, und schaue auf deine Wege. Ich habe Freude an deinen Satzungen und vergesse deine Worte nicht.“ Psalm 119,14-16.

 

Jesus kämpfte nicht um sein Recht. Oft wurde ihm seine Arbeit unnötig erschwert, weil er entgegenkommend war und sich nicht beklagte. Er gab aber weder auf, noch ließ er sich entmutigen. Er war über solche Schwierigkeiten erhaben, als lebte er im Licht des Angesichtes Gottes. Er rächte sich auch nicht, wenn man ihn grob behandelte, sondern ertrug alle Beleidigungen mit Geduld. Immer wieder wollte man von ihm wissen: Weshalb läßt du dich eigentlich so schlecht behandeln, und das sogar von deinen Brüdern? Er antwortete, daß geschrieben steht: „Mein Sohn, vergiß meine Weisungen nicht, und dein Herz behalte meine Gebote, denn sie werden dir langes Leben bringen und gute Jahre und Frieden; Gnade und Treue sollen dich nicht verlassen. Hänge meine Gebote an deinen Hals und schreibe sie auf die Tafel deines Herzens, so wirst du Freundlichkeit und Klugheit erlangen, die Gott und den Menschen gefallen.“ Sprüche 3,1-4.

 

Seit Jesu Eltern ihn im Tempel gefunden hatten, war ihnen sein Verhalten ein Rätsel. Er ließ sich nicht auf Streitereien ein, sein Verhalten aber war eine ständige Belehrung. Er schien abseits von den andern zu leben. Glückliche Stunden erlebte er, wenn er in der Natur und mit Gott allein war. Sobald es möglich war, verließ er seinen Arbeitsplatz, um durch die Felder zu streifen, in grünen Tälern frommen Gedanken nachzusinnen oder am Berghang unter Waldesbäumen Gemeinschaft mit Gott zu pflegen. Oft weilte er bereits am frühen Morgen in der Einsamkeit, in Nachsinnen versunken, die Schrift durchforschend oder auch im Gebet. Nach solchen Stunden der Ruhe kehrte er nach Hause zurück, nahm seine Pflichten wieder auf und gab ein Beispiel geduldiger Pflichterfüllung.

 

Merkmale des Lebens Jesu waren seine Ehrerbietung und Liebe zu seiner Mutter. Maria glaubte in ihrem Herzen, daß das heilige Kind, das sie zur Welt gebracht hatte, der langverheißene Messias sei, wagte es aber nicht, dies laut zu sagen. Während seines Erdendaseins nahm sie an all seinen Leiden teil. Sorgenvoll erlebte sie die Heimsuchungen in seiner Kindheit und Jugend mit. Verteidigte sie sein Verhalten, das sie für richtig hielt, so setzte sie sich selbst Unannehmlichkeiten aus. Die häusliche Gemeinschaft und die liebevolle mütterliche Betreuung ihrer Kinder war in ihren Augen lebenswichtig für deren Charakterbildung. Josephs Söhne und Töchter wußten das, und sie benutzten die mütterliche Sorge, um zu versuchen, Jesu Handeln nach ihren Maßstäben zu korrigieren.

 

Maria machte Jesus oftmals Vorhaltungen und drängte ihn, sich den Bräuchen der Schriftgelehrten anzupassen. Er aber konnte nicht dazu überredet werden, seine Art, über die Werke Gottes nachzusinnen oder die Leiden der Menschen und sogar der Tiere zu lindern, zu ändern. Als die Lehrer und Priester Maria um Hilfe bei der Beaufsichtigung Jesu baten, war sie sehr bekümmert. Friede zog erst wieder in ihr Herz ein, als Jesus ihr die Schriftworte zeigte, die sein Verhalten rechtfertigten.

 

Manchmal schwankte Maria zwischen Jesus und seinen Brüdern, die nicht glaubten, daß er der Gottgesandte sei. Es gab jedoch reichliche Beweise dafür, daß er göttlicher Natur war. So stellte sie fest, daß er sich für das Wohl anderer Menschen aufopferte. Schon seine bloße Anwesenheit übte daheim einen saubereren Einfluß aus, und sein Leben wirkte innerhalb der Gesellschaft wie ein Sauerteig. Schuld- und makellos lebte er inmitten gedankenloser, grober und unhöflicher Menschen, unter betrügerischen Zöllnern, verderbten verlorenen Söhnen, unreinen Samaritern, heidnischen Soldaten, grobschlächtigen Bauern und dem zusammengewürfelten Pöbel. Hier und da sprach er ein Wort des Mitgefühls, wenn er sah, wie die Menschen trotz Erschöpfung ihre schweren Lasten weitertragen mußten. Er teilte ihre Last mit ihnen und wiederholte so die Lehren von der Liebe, Freundlichkeit und Güte Gottes, die er in der Natur gelernt hatte.

 

Er lehrte die Menschen, die köstlichen Gaben zu erkennen, die ihnen verliehen worden waren und die, richtig eingesetzt, ihnen ewigen Reichtum zusicherten. Jegliche Eitelkeit verbannte er aus seinem Leben und lehrte durch sein Beispiel, daß jeder Augenblick sich in der Ewigkeit auswirken wird. Deshalb soll man ihn als einen Schatz erkennen und ihn nur für heilige Ziele einsetzen. Keinen Menschen hielt er für wertlos, sondern versuchte jedes Menschenherz zu retten. Wo immer er war, stets hatte er eine Lektion bereit, die der Zeit und den Umständen angemessen war. Auch sehr grobe Menschen, die geradezu aussichtslose Fälle waren, versuchte er dadurch mit Hoffnung zu erfüllen, daß er ihnen vor Augen führte, auch sie könnten frei von Tadel und Schuld sein und ein Wesen erlangen, das sie als Kinder Gottes ausweist. Oft begegnete er Menschen, die völlig unter die Herrschaft Satans geraten waren und keine Kraft besaßen, seine Bande zu zerreißen. Solchen entmutigten, kranken, versuchten und gefallenen Menschen pflegte Jesus mit zartestem Mitgefühl zu begegnen und Worte zu ihnen zu sagen, die für sie gerade nötig waren und die sie auch verstehen konnten. Andere wiederum befanden sich geradezu in einem Handgemenge mit dem Seelenfeind. Sie ermunterte Jesus zum Ausharren und versicherte ihnen, sie würden den Kampf gewinnen, weil Gottes Engel ihnen bis zum Siege zur Seite stünden. Wem er auf diese Weise half, war hinfort davon überzeugt, daß man sich auf Jesus voll und ganz verlassen könne, da er die ihm anvertrauten Geheimnisse nicht verraten werde.

 

Jesus heilte Leib und Seele. Jedem Zustand des Leidens, den er bemerkte, galt seine Anteilnahme, und jedem Leidenden brachte er Hilfe, wobei seine freundlichen Worte wie lindernder Balsam wirkten. Niemand konnte behaupten, daß Jesus ein Wunder an ihnen vollbracht habe; doch von ihm strömte eine Kraft — die heilende Kraft der Liebe — aus hin zu den Kranken und Bekümmerten. So wirkte er für die Menschen auf eine unaufdringliche Weise seit seiner Kindheit. Aus diesem Grunde hörten ihn so viele Menschen frohen Herzens an, als er mit seiner öffentlichen Tätigkeit begann. Als Kind, als Jüngling und auch als Mann ging Jesus seinen Weg allein. Makellos und gläubig trat er die Weinkelter allein, und niemand half ihm dabei. Auf ihm lastete das ungeheure Gewicht der Verantwortung für die Errettung des Menschengeschlechts. Er wußte, daß alle, die ihre Grundsätze und Ziele nicht völlig änderten, verlorengehen würden. Dieses Wissen lastete auf seiner Seele, doch niemand ahnte etwas davon. Zielbewußt widmete er sich dem Sinn seines Lebens, das Licht der Welt zu sein.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jesu Wirken in den Tagen der Verheißung

 

Kapitel 10: Die Stimme in der Wüste

 

Aus der Schar der gläubigen Israeliten, die sehnsüchtig auf das Kommen des Messias warteten, erschien der Vorläufer Christi. Zacharias, ein betagter Priester, und sein Weib Elisabeth waren „beide fromm vor Gott“ (Lukas 1,6); ihr ruhiger und heiliger Wandel offenbarte das Licht des Glaubens. Wie ein Stern leuchtete ihr Leben in der geistlichen Finsternis jener Tage. Dieses gottesfürchtige Paar empfing die Verheißung eines Sohnes, der vor dem Herrn hergehen und ihm den Weg bereiten sollte. Zacharias wohnte „auf dem ... Gebirge Judäas“, aber er war nach Jerusalem hinaufgegangen, um eine Woche lang im Tempel zu dienen. Die Priester jeder Ordnung waren verpflichtet, dies zweimal im Jahr zu tun. „Und es begab sich, da er des Priesteramts waltete vor Gott, als seine Ordnung an der Reihe war, traf ihn nach dem Brauch der Priesterschaft das Los, zu räuchern; und er ging in den Tempel des Herrn.“ Lukas 1,89.

 

Er stand vor dem goldenen Altar im Heiligen, der ersten Abteilung des Heiligtums. Die Weihrauchwolke mit den Gebeten Israels stieg zu Gott empor. Plötzlich wurde er sich der Gegenwart eines göttlichen Wesens bewußt. Ein Engel des Herrn „stand zur rechten Hand am Räucheraltar“. Lukas 1,11. Die Stellung des Engels war ein Zeichen der Gunst, doch Zacharias nahm dies gar nicht wahr. Seit vielen Jahren hatte er um das Kommen des Erlösers gebetet; nun endlich sandte Gott einen Boten mit der Nachricht, daß seine Gebete Erhörung finden sollten. Aber diese Gnade erschien Zacharias zu groß, um an sie glauben zu können; Furcht und Selbstanklagen erfüllten ihn.

 

Ihm wurde die frohe Versicherung zugerufen: „Fürchte dich nicht, Zacharias, denn dein Gebet ist erhört, und dein Weib Elisabeth wird dir einen Sohn gebären, des Namen sollst du Johannes heißen. Und du wirst Freude und Wonne haben, und viele werden sich seiner Geburt freuen.“ Lukas 1,1314. „Denn er wird groß sein vor dem Herrn; Wein und starkes Getränk wird er nicht trinken und wird ... erfüllt werden mit dem heiligen Geist. Und er wird der Kinder Israel viele zu Gott, ihrem Herrn, bekehren. Und er wird vor ihm hergehen in Geist und Kraft des Elia, zu bekehren die Herzen der Väter zu den Kindern und die Ungehorsamen zu der Klugheit der Gerechten, zuzurichten dem Herrn ein bereitet Volk. Und Zacharias sprach zu dem Engel: Woran soll ich das erkennen? Denn ich bin alt, und mein Weib ist betagt.“ Lukas 1,15-18.

 

Zacharias wußte sehr gut, wie dem Abraham noch in hohem Alter ein Kind geschenkt wurde, weil dieser dem aufrichtig vertraute, der es verheißen hatte. Doch der betagte Priester denkt einen Augenblick über die Schwachheit des Menschengeschlechts nach. Er vergißt, daß Gott das, was er verheißen hat, auch erfüllen kann. Welch ein Gegensatz zwischen diesem Unglauben und dem reinen kindlichen Glauben Marias, jenes Mädchens aus Nazareth, das dem Engel auf seine wunderbare Ankündigung antwortete: „Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.“ Lukas 1,38. Daß dem Zacharias, wie einst dem Abraham und auch der Maria, ein Sohn geboren wurde, darin liegt eine große geistliche Wahrheit: eine Lehre, die wir nur langsam lernen und so schnell wieder vergessen. Wir sind unfähig, aus uns selbst etwas Gutes hervorzubringen; doch was wir nicht tun können, wird durch die Macht Gottes in jeder demütigen und gläubigen Seele bewirkt. Durch den Glauben wurde das Kind der Verheißung gegeben; durch den Glauben wird auch geistliches Leben geboren, und wir werden befähigt, Werke der Gerechtigkeit zu tun.

Auf die Frage des Zacharias erwiderte der Engel: „Ich bin Gabriel, der vor Gott steht, und bin gesandt, um mit dir zu reden und dir diese frohe Botschaft zu bringen.“ Lukas 1,19 (Zürcher). Fünfhundert Jahre früher hatte Gabriel Daniel den prophetischen Zeitabschnitt angegeben, der bis zum Kommen Christi reichen sollte. Das Bewußtsein, daß das Ende dieses Zeitabschnitts bevorstand, hatte Zacharias veranlaßt, um die Ankunft des Messias zu beten. Und jetzt gerade war der Bote, der die Prophezeiung ausgesprochen hatte, gekommen, um deren Erfüllung anzukündigen.

 

Die Worte des Engels: „Ich bin Gabriel, der vor Gott steht“, zeigen, daß er in den himmlischen Höfen eine hohe Stellung innehat. Als er mit einer Botschaft zu Daniel kam, sagte er: „Es ist keiner, der mir hilft gegen jene, außer eurem Engelfürsten Michael [Christus].“ Daniel 10,21. Von Gabriel spricht der Heiland in der Offenbarung, indem er sagt: „Er [Christus] hat sie durch seinen Engel gesandt und gedeutet seinem Knecht Johannes.“ Offenbarung 1,1. Und Johannes gegenüber erklärte der Engel: „Ich bin dein Mitknecht und deiner Brüder, der Propheten.“ Offenbarung 22,9. Welch ein wunderbarer Gedanke — der Engel, der dem Sohn Gottes an Ansehen am nächsten steht, ist es, der berufen wurde, Gottes Absichten sündhaften Menschen zu offenbaren!

 

Zacharias hatte hinsichtlich der Worte des Engels Zweifel geäußert. Er sollte nichts mehr sprechen, bis sie erfüllt würden. „Siehe“, sagte der Engel, „du wirst verstummen ... bis auf den Tag, da dies geschehen wird, darum daß du meinen Worten nicht geglaubt hast, welche sollen erfüllt werden zu ihrer Zeit.“ Lukas 1,20. Es war die Pflicht der Priester, in ihrem Dienst um Vergebung für allgemeine und nationale Sünden und für die Ankunft des Messias zu beten; doch als Zacharias dies tun wollte, brachte er kein Wort heraus. Er erschien, um das Volk zu segnen, „und er winkte ihnen und blieb stumm“. Lukas 1,22. Sie hatten lange gewartet und schon zu fürchten begonnen, er sei, von Gottes Gericht getroffen, umgekommen. Doch als er aus dem Heiligen heraustrat, leuchtete auf seinem Antlitz die Herrlichkeit Gottes, „und sie merkten, daß er ein Gesicht gesehen hatte im Tempel“. Lukas 1,22. Zacharias teilte ihnen mit, was er gesehen und gehört hatte, und „da die Zeit seines Dienstes um war, ging er heim in sein Haus“. Lukas 1,23.

 

Bald nach der Geburt des verheißenen Kindes konnte er wieder sprechen, „und er redete und lobte Gott. Und es kam eine Furcht über alle Nachbarn; und diese ganze Geschichte ward kund auf dem ganzen Gebirge Judäas. Und alle, die es hörten, nahmen‘s zu Herzen und sprachen: Was, meinest du, will aus dem Kindlein werden?“ Lukas 1,64-66. Alles das trug dazu bei, die Aufmerksamkeit auf die Ankunft des Messias zu lenken, für den Johannes den Weg bereiten sollte. Der Heilige Geist ruhte auf Zacharias, und in folgenden herrlichen Worten weissagte er von der Bestimmung seines Sohnes:

 

„Du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten heißen.

Du wirst vor dem Herrn hergehen, daß du seinen Weg bereitest

und Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk

in Vergebung ihrer Sünden,

durch die herzliche Barmherzigkeit unsres Gottes,

durch welche uns besucht hat der Aufgang aus der Höhe,

auf daß er erscheine denen, die da sitzen in Finsternis und Schatten des Todes,

und richte unsre Füße auf den Weg des Friedens.“ Lukas 1,76-79.

 

„Und das Kindlein wuchs und ward stark im Geist. Und er war in der Wüste, bis daß er sollte hervortreten vor das Volk Israel.“ Lukas 1,80. Vor der Geburt des Johannes hatte der Engel gesagt: „Er wird groß sein vor dem Herrn; Wein und starkes Getränk wird er nicht trinken und wird ... erfüllt werden mit dem heiligen Geist.“ Lukas 1,15. Gott hatte den Sohn des Zacharias zu einer großen Aufgabe berufen, zu der größten, die je einem Menschen anvertraut wurde. Um diese Aufgabe ausführen zu können, mußte der Herr mit ihm zusammenwirken. Und der Geist Gottes wollte bei ihm sein, wenn er den Anweisungen des Engels nachkäme.

 

Johannes sollte als ein Bote Gottes hinausgehen und das göttliche Licht zu den Menschen bringen. Es galt, die Gedanken der Menschen richtungändernd zu beeinflussen. Er mußte ihnen die Heiligkeit der Forderungen Gottes einprägen sowie die Notwendigkeit, seiner vollkommenen Gerechtigkeit zu bedürfen. Wer solch Botenamt ausführen wollte, mußte selbst heilig sein. Er mußte der Tempel des Geistes Gottes sein. Um seine Mission erfüllen zu können, brauchte er einen starken und gesunden Körper sowie große seelische und geistige Stärke. Deshalb mußte es für ihn notwendig sein, seine Neigungen und Leidenschaften zu beherrschen. Er mußte in der Lage sein, sich so in der Gewalt zu haben, daß er ungerührt von den ihn umgebenden Verhältnissen wie die Felsen und Berge in der Wildnis unter den Menschen bestehen konnte.

 

Zur Zeit Johannes des Täufers waren die Habsucht, die Liebe zu Luxus und Pomp weit verbreitet. Sinnenfrohe Vergnügen, Schwelgereien und Trinkgelage lösten körperliche Krankheit und Entartung aus, schwächten das geistliche Wahrnehmungsvermögen und verminderten die Fähigkeit, die Sünde als sündhaft zu empfinden. Johannes sollte ein Reformator sein. Durch sein asketisches Leben und seine einfache Kleidung sollte er die Ausschweifungen seiner Zeit tadeln. Darum wurden den Eltern des Johannes die entsprechenden Anweisungen gegeben — eine Lektion bezüglich der Mäßigkeit, erteilt durch einen Engel vom Thron des Himmels. In der Kindheit und in der Jugend ist der Charakter am leichtesten zu beeinflussen. Die Fähigkeit, sich zu beherrschen, sollte in jener Zeit erlernt werden. Im häuslichen Kreis und am Familientisch wird ein Einfluß ausgeübt, dessen Auswirkungen bis in die Ewigkeit reichen. Die Gewohnheiten, die in den frühen Kinderjahren angenommen werden, entscheiden mehr als irgendeine natürliche Begabung darüber, ob ein Mensch im Lebenskampf siegen oder unterliegen wird. Das Jugendalter ist die Zeit des Säens. Sie bestimmt darüber, welcher Art die Ernte sein wird, sowohl in diesem als auch im zukünftigen Leben.

 

Als Prophet sollte Johannes „bekehren die Herzen der Väter zu den Kindern und die Ungehorsamen zu der Klugheit der Gerechten, zuzurichten dem Herrn ein bereitet Volk“. Lukas 1,17. Indem er den Weg für Christi erstes Kommen bahnte, ist er allen jenen ein Vorbild, die ein Volk auf die Wiederkunft unseres Herrn vorbereiten sollen. Die Welt hat sich der Genußsucht hingegeben. Es wimmelt von Irrlehren und Unwahrheiten. Satans Fallstricke, um Seelen zugrunde zu richten, mehren sich. Alle Menschen, die in der Furcht Gottes die vollkommene Heiligkeit erlangen wollen, müssen Enthaltsamkeit und Selbstbeherrschung lernen. Die Lüste und Leidenschaften müssen den höheren Kräften des Geistes unterworfen bleiben. Diese Selbstdisziplin ist lebenswichtig, wenn wir die geistige Kraft und die geistliche Erkenntnis erhalten wollen, die uns befähigen, die geheiligten Wahrheiten des Wortes Gottes zu verstehen und in die Tat umzusetzen. Aus diesem Grund hat die Mäßigkeit ihren Platz bei der Vorbereitung auf die Wiederkunft Christi.

 

Hätten die Dinge ihren gewohnten Lauf genommen, dann wäre der Sohn des Zacharias als Priester ausgebildet worden. Aber die Ausbildung in den rabbinischen Schulen hätte ihn für seine Aufgabe untauglich gemacht. Gott sandte ihn nicht zu den Lehrern der Theologie, um die Auslegung der Schrift zu lernen. Er rief ihn in die Wüste, damit er von der Natur und dem Gott der Natur lerne.

 

Er fand seine Wohnstätte in einer einsamen Gegend inmitten von kahlen Hügeln, wilden Schluchten und felsigen Höhlen. Es war sein freiwilliger Entschluß, auf die Freuden und den Luxus des Lebens zugunsten der harten Schulung in der Wüste zu verzichten. Dort begünstigte die Umgebung das einfache Leben und die Selbstverleugnung. Da er vom Lärm der Welt nicht gestört wurde, konnte er dort die Lehren der Natur, der Offenbarung und der Vorsehung studieren. Seine gottesfürchtigen Eltern hatten ihm die an seinen Vater gerichteten Worte des Engels oft wiederholt. Schon von seiner Kindheit an war ihm seine Aufgabe vor Augen geführt worden, und er hatte den heiligen Auftrag angenommen. Für ihn war die Einsamkeit der Wüste eine willkommene Zuflucht vor einer Gesellschaft, die fast gänzlich von Mißtrauen, Unglaube und Unanständigkeit beherrscht war. Er vertraute nicht auf seine eigene Kraft, um der Versuchung zu widerstehen, und schreckte vor der anhaltenden Berührung mit der Sünde zurück, damit er nicht das Bewußtsein ihrer außerordentlichen Sündhaftigkeit verliere. Johannes war von Geburt an ein Nasiräer, ein Gottgeweihter. Er hatte sich selbst später für sein ganzes Leben dem Herrn geweiht. Seine Kleidung glich derjenigen der alten Propheten: ein Gewand aus Kamelhaaren, gehalten von einem ledernen Gürtel. Er aß Heuschrecken und wilden Honig (Matthäus 3,4), wie die Wüste es ihm darbot. Dazu trank er das klare Wasser, das von den Hügeln floß.

 

Doch Johannes verbrachte sein Leben nicht in Untätigkeit, in asketischem Trübsinn oder in selbstsüchtiger Abgeschiedenheit. Von Zeit zu Zeit ging er hinaus, um sich unter die Menschen zu mischen, und stets war er ein aufmerksamer Beobachter dessen, was in der Welt vorging. Von seinem stillen Zufluchtsort aus beobachtete er, wie sich die Ereignisse entwickelten. Mit einem durch göttlichen Geist erleuchteten geistigen Sehvermögen studierte er die Charaktere der Menschen, um besser zu verstehen, wie er ihre Herzen mit der Botschaft des Himmels erreichen könnte. Er spürte die Last seines Auftrages und suchte sich in der Einsamkeit durch tiefes Nachdenken und durch das Gebet für sein vor ihm liegendes Lebenswerk innerlich zu sammeln. Obgleich er in der Wüste lebte, blieb er nicht frei von Versuchungen. Nach bestem Vermögen verschloß er Satan jeden Zugang, ohne jedoch dessen Angriffe verhindern zu können. Sein geistliches Empfinden aber war rein; er hatte Charakterstärke und Entschiedenheit gelernt und war imstande, die Schleichwege Satans mit Hilfe des Heiligen Geistes aufzuspüren und der teuflischen Macht zu widerstehen.

 

In der Wüste fand Johannes seine Schule und seinen Tempel. Wie einst Mose von den Hügeln Midians, so war er eingeschlossen von der Gegenwart Gottes und umgeben von den Zeugnissen seiner Macht. Es war ihm nicht vergönnt, sich wie Israels großer Führer mitten in der erhabenen Majestät der einsamen Bergwelt aufzuhalten; doch vor ihm, auf der anderen Seite des Jordans, lagen die Höhen Moabs. Sie sprachen zu ihm von dem, der die Berge gegründet und sie stark gemacht hat. Was in seiner Wildnis düster und schrecklich aussah, veranschaulichte ihm auf lebendige Weise den Zustand Israels. Der fruchtbare Weinberg des Herrn war eine trostlose Einöde geworden. Aber über der Wüste spannte sich der klare, schöne Himmel. Die finsteren Wolken, die sich zum Gewitter sammelten, wurden durch den Regenbogen der Verheißung überwölbt. Gleicherweise strahlte über der Erniedrigung Israels die verheißene Herrlichkeit der Herrschaft des Messias. Die Wolken des Zornes waren vom Regenbogen seiner im Bunde verwirklichten Gnade umgeben.

 

In den stillen Stunden der Nacht las er die Verheißungen Gottes an Abraham, dessen Nachkommen zahllos sein sollten wie die Sterne. Und wenn das Licht des anbrechenden Morgens das Gebirge Moab vergoldete, wirkte es auf ihn wie der, von dem gesagt ist, daß er sei „wie das Licht des Morgens, wenn die Sonne aufgeht, am Morgen ohne Wolken“. 2.Samuel 23,4. Der helle Mittag verkündigte ihm den Glanz der Offenbarung Gottes; „denn die Herrlichkeit des Herrn soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen“. Jesaja 40,5. Ehrfürchtig und doch mit jubelnder Freude forschte er in den prophetischen Schriften nach den Offenbarungen über das Kommen des Messias — des verheißenen Samens, der der Schlange den Kopf zertreten sollte, des Helden, des Friedensbringers, der erscheinen sollte, ehe ein König aufhören würde, auf dem Thron Davids zu regieren. Jetzt war diese Zeit gekommen. Ein römischer Herrscher regierte im Palast auf dem Berge Zion. Gemäß dem untrüglichen Wort des Herrn war der Christus bereits geboren.

 

Die glanzvolle Schilderung des Jesaja von der Herrlichkeit des Messias war seine Lieblingsbetrachtung; immer wieder las er über den Zweig von der Wurzel Isais, von dem König, der in Gerechtigkeit regieren würde und ein „rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande“ (Jesaja 11,4), der „ein Schutz vor dem Platzregen ... der Schatten eines großen Felsens im trockenen Lande“ (Jesaja 32,2) wäre. Israel sollte nicht länger „die Verlassene“ heißen noch sein Land „Einsame“, sondern es sollte vom Herrn genannt werden „meine Lust“ und sein Land „liebes Weib“. Jesaja 62,4. Das Herz des einsamen Johannes war erfüllt von diesem großartigen Bild.

 

Er blickte auf den König in seiner Zierde und vergaß sich selbst. Er sah die Majestät der messianischen Heiligkeit und fühlte sich selbst kraftlos und unwürdig. Er war bereit, als Bote des Himmels hinauszugehen, ohne Scheu vor irdischen Dingen; denn er hatte das Göttliche geschaut. Er konnte aufrecht und ohne Furcht vor weltlichen Königen stehen; denn er hatte sich vor dem König aller Könige gebeugt. Johannes verstand das Wesen des messianischen Reiches nicht völlig. Er erwartete zwar, daß Israel als Staat von seinen Feinden befreit würde; doch das Kommen eines Königs, der gerecht regieren würde, und die Aufrichtung Israels als eine heilige Nation war das große Ziel seiner Hoffnung. Er glaubte, daß auf diese Weise die bei seiner Geburt gegebene Prophezeiung erfüllt werden würde: „Und gedächte an seinen heiligen Bund ..., daß wir, erlöset aus der Hand unsrer Feinde, ihm dieneten ohne Furcht unser Leben lang in Heiligkeit und Gerechtigkeit.“ Lukas 1,72-75.

 

Er sah sein Volk betrogen, selbstzufrieden und in seinen Sünden eingeschlafen. Er sehnte sich danach, es zu einem heiligeren Leben aufzurütteln. Die Botschaft, die Gott ihm gegeben hatte, sollte die Israeliten aus ihrer Trägheit aufschrecken und sie wegen ihrer großen Bosheit erzittern lassen. Bevor der Same des Evangeliums Platz finden konnte, mußte erst der Herzensboden aufgebrochen werden. Bevor sie bei Jesus Heilung suchten, mußten sie sich ihrer Gefährdung durch die Wunden der Sünde bewußt werden.

 

Gott sendet seine Boten nicht, um dem Sünder zu schmeicheln. Er sendet keine Friedensbotschaft, um nicht die Ungeheiligten in tödliche Sicherheit zu wiegen. Er legt schwere Lasten auf das Gewissen des Missetäters und durchdringt die Seele mit Pfeilen, die ihm die Sünde bewußt machen. Die Engel weisen ihn auf die schrecklichen Gottesgerichte hin, um ihn die Notwendigkeit erkennen zu lassen, daß er Hilfe braucht, und ihn zu dem Ausruf zu bewegen: „Was muß ich tun, um gerettet zu werden?“ Dann wird dieselbe Hand, die bis in den Staub demütigte, den Bußfertigen erhöhen. Die Stimme, die die Sünde tadelte und den Stolz und das selbstsüchtige Streben als unwürdig verurteilte, fragt nun mit liebevollster Teilnahme: „Was willst du, daß ich dir tun soll?“

 

Als Johannes mit seiner Aufgabe begann, befand sich das ganze Volk in einem Zustand der Erregung und der Unzufriedenheit, der an Aufruhr grenzte. Mit der Amtsenthebung des Archelaus war Judäa unmittelbar unter die Herrschaft Roms gekommen. Die Tyrannei und Erpressung der römischen Statthalter und ihre entschlossenen Anstrengungen, heidnische Symbole und Sitten einzuführen, hatten Aufstände ausgelöst, die im Blut von Tausenden der Mutigsten in Israel erstickt worden waren. All dies verstärkte den nationalen Haß gegen Rom und erhöhte die Sehnsucht, von der Gewalt der Römer frei zu werden.

 

Inmitten von Zwietracht und Streit erscholl eine Stimme aus der Wüste, Aufsehen erregend und ernst, aber voller Hoffnung: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ Matthäus 3,2. Alle, die diesen Ruf hörten, wurden von einer nie gekannten, zwingenden Macht bewegt. Die Propheten hatten die Ankunft des Messias als ein Ereignis vorhergesagt, das noch in weiter Ferne läge; hier aber erscholl die Botschaft, daß das große Ereignis nahe bevorstehe. Die eigenartige Erscheinung des Täufers erinnerte seine Zuhörer an die alten Seher. Er ähnelte in seinem Auftreten und in seiner Kleidung dem Propheten Elia, in dessen Geist und Kraft auch er das allgemeine Verderben ankündigte und die vorherrschenden Sünden verdammte. Seine Worte waren klar, bestimmt und überzeugend. Viele nahmen an, er sei einer der alten Propheten, auferstanden von den Toten. Das Volk war aufgerüttelt; scharenweise zog es hinaus in die Wüste.

 

Hier verkündigte Johannes das Kommen des Messias und rief die Menschen zur Buße. Er taufte die Gläubigen im Jordan als Sinnbild der Reinigung von der Sünde. So erklärte er anschaulich, daß diejenigen, die sich Gottes auserwähltes Volk nannten, mit Sünde befleckt waren und daß sie ohne Reinigung des Herzens keinen Anteil am Reich des Messias haben können. Fürsten und Rabbiner, Soldaten, Zöllner und Bauern kamen, um dem Propheten zuzuhören. Eine Zeitlang beunruhigte sie die ernste Warnungsbotschaft Gottes. Viele taten Buße und ließen sich taufen. Menschen aus allen Schichten unterwarfen sich den Forderungen des Täufers, um an dem Königreich teilzuhaben, das er ankündigte.

 

Viele Schriftgelehrte und Pharisäer kamen, bekannten ihre Sünden und baten um die Taufe. Sie hatten sich für besser gehalten als andere Menschen und das Volk dazu gebracht, von ihrer Frömmigkeit eine hohe Meinung zu haben; jetzt aber wurde die geheime Schuld ihres Lebens aufgedeckt. Doch Johannes wurde durch den Heiligen Geist gezeigt, daß viele von diesen Männern sich ihrer Sünde nicht wirklich bewußt waren. Sie waren nur Opportunisten. Sie hofften, daß sie als Freunde des Propheten beim kommenden Fürsten gut angeschrieben sein würden. Und sie dachten, sie vermehrten ihren Einfluß auf das Volk, indem sie sich von diesem beliebten jungen Lehrer taufen ließen. Johannes begegnete ihnen mit der alles durchdringenden Frage: „Ihr Otterngezüchte, wer hat denn euch gewiesen, daß ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? Sehet zu, tut rechtschaffene Frucht der Buße! Denket nur nicht, daß ihr bei euch wollt sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Ich sage euch: Gott vermag dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken.“ Matthäus 3,7-9.

 

Gott hatte Israel verheißen: „So spricht der Herr, der die Sonne dem Tage zum Licht gibt und den Mond und die Sterne der Nacht zum Licht bestellt; der das Meer bewegt, daß seine Wellen brausen — Herr Zebaoth ist sein Name —: Wenn jemals diese Ordnungen vor mir ins Wanken kämen, spricht der Herr, so müßte auch das Geschlecht Israels aufhören, ein Volk zu sein vor mir ewiglich. So spricht der Herr: Wenn man den Himmel oben messen könnte und den Grund der Erde unten erforschen, dann würde ich auch verwerfen das ganze Geschlecht Israels für all das, was sie getan haben, spricht der Herr.“ Jeremia 31,35-37. Diese Verheißung ewiger Gunst hatten die Juden falsch ausgelegt. Sie betrachteten ihre natürliche Herkunft von Abraham als Anspruch auf diese Verheißung. Doch sie übersahen die Bedingungen, die Gott gestellt hatte. Bevor er ihnen die Verheißung gab, hatte er gesagt: „Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein ... denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“ Jeremia 31,3334.

 

Einem Volk, in dessen Herzen sein Gesetz geschrieben steht, ist das Wohlwollen Gottes zugesichert. Es ist eins mit ihm. Aber die Juden hatten sich von Gott getrennt. Wegen ihrer Sünden kam das göttliche Strafgericht über sie. Dies war auch die Ursache, daß sie unter die Knechtschaft einer heidnischen Nation gerieten. Ihre Sinne wurden durch Übertretung verdunkelt, und weil der Herr ihnen in der Vergangenheit solch große Gunst erwiesen hatte, beurteilten sie ihre Sünden nur milde. Sie bildeten sich ein, daß sie besser seien als andere Menschen und Gottes Segnungen verdienten. Diese Dinge wurden „geschrieben uns zur Warnung, auf welche das Ende der Welt gekommen ist“. 1.Korinther 10,11. Wie oft legen wir die Segnungen Gottes falsch aus und bilden uns ein, daß wir wegen irgendeiner Tugend begünstigt werden! Gott kann für uns nicht das tun, was er gerne tun möchte. Seine Gaben werden benutzt, um unsere Selbstzufriedenheit zu vergrößern und unsere Herzen in Unglaube und Sünde zu verhärten.

 

Johannes erklärte den Lehrern Israels, daß sie sich durch ihren Stolz, ihre Selbstsucht und Grausamkeit als Otterngezücht ausgewiesen hätten — als tödlichen Fluch für das Volk, statt Kinder des gerechten und gehorsamen Abraham zu sein. Angesichts des Lichtes, das sie von Gott empfangen hatten, waren sie noch schlimmer als die Heiden, über die sie sich so erhaben fühlten. Sie hatten den Felsen vergessen, aus dem sie gehauen, und des Brunnens Schacht, aus dem sie gegraben worden waren. Gott war nicht auf sie angewiesen, um seine Absicht zu verwirklichen. Wie er Abraham aus einem heidnischen Volk herausgerufen hatte, so konnte er auch andere zu seinem Dienst berufen. Ihre Herzen mochten jetzt so leblos erscheinen wie die Steine in der Wüste, aber sein Geist wäre imstande, sie neu zu beleben, daß sie nach seinem Willen handelten und die Erfüllung seiner Verheißung erlebten.

 

„Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt“, sagt der Prophet. „Darum, welcher Baum nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.“ Matthäus 3,10. Der Wert eines Baumes wird nicht nach seinem Namen bestimmt, sondern nach seinen Früchten. Wenn die Früchte nichts wert sind, dann kann der Name den Baum nicht davor bewahren, umgehauen zu werden. Johannes erklärte den Juden, daß ihr Ansehen vor Gott durch ihren Charakter und ihr Leben bestimmt würde. Ein Bekenntnis allein war wertlos. Wenn ihr Leben und ihr Charakter nicht mit Gottes Gesetz übereinstimmte, dann waren sie nicht sein Volk.

 

Seine herzbewegenden Worte überführten seine Zuhörer. Sie kamen zu ihm und fragten: „Was sollen wir denn tun?“ Lukas 3,10. Er antwortete: „Wer zwei Röcke hat, der gebe dem, der keinen hat; und wer Speise hat, tue auch also.“ Lukas 3,11. Und er warnte die Zöllner, ungerecht zu handeln, und die Soldaten, gewalttätig zu sein. Alle, die im Reiche Christi leben wollten, müßten Glauben und Reue beweisen. In ihrem Wandel müßten Güte, Rechtschaffenheit und Treue offenbar werden. Solche Gläubigen würden den Bedürftigen helfen und Gott ihre Gaben darbringen. Sie würden die Wehrlosen beschützen und ihrer Umgebung ein Beispiel praktischer Nächstenliebe sein. So werden auch die wahren Nachfolger Christi von der umgestaltenden Macht des Heiligen Geistes Zeugnis geben. In ihrem täglichen Leben werden sie Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und göttliche Liebe zeigen; andernfalls glichen sie der Spreu, die dem Feuer übergeben werden wird.

 

„Ich taufe euch mit Wasser zur Buße; der aber nach mir kommt, ist stärker als ich, und ich bin nicht genug, ihm die Schuhe abzunehmen; der wird euch mit dem heiligen Geist und mit Feuer taufen.“ Matthäus 3,11. Der Prophet Jesaja hatte erklärt, der Herr werde sein Volk „durch den Geist, der richten und ein Feuer anzünden wird“, von seinen Übertretungen reinigen. Das Wort des Herrn an Israel lautete: „Und will meine Hand wider dich kehren und wie mit Lauge ausschmelzen, was Schlacke ist, und all dein Zinn ausscheiden.“ Jesaja 4,4; Jesaja 1,25. Für die Sünde ist „unser Gott ... ein verzehrend Feuer“ (Hebräer 12,29), ganz gleich, wo sie vorgefunden wird. In allen, die sich ihm unterwerfen, wird der Geist Gottes die Sünde verzehren. Aber wenn Menschen an der Sünde hängen, identifizieren sie sich mit ihr. Dann wird die Herrlichkeit Gottes, welche die Sünde vernichtet, sie selbst vernichten. Jakob rief nach der Nacht des Ringens mit dem Engel: „Ich habe Gott von Angesicht gesehen, und doch wurde mein Leben gerettet.“ 1.Mose 32,31. Jakob hatte sich an Esau schwer versündigt; doch er hatte Reue gezeigt. Seine Übertretung war vergeben und seine Sünde gesühnt; darum war er imstande, die Offenbarung der Gegenwart Gottes zu ertragen. Aber wo immer Menschen vor Gott traten, während sie absichtlich an Bösem festhielten, mußten sie sterben. Bei der Wiederkunft Christi werden die sündigen Menschen verzehrt werden „mit dem Hauch seines Mundes“, und er wird mit ihnen „ein Ende machen durch seine Erscheinung, wenn er kommt“. 2.Thessalonicher 2,8. Das Licht der göttlichen Herrlichkeit, das den Gerechten Leben gibt, wird die Sünder töten.

 

Zur Zeit Johannes des Täufers stand Jesus im Begriff, als der zu erscheinen, der das Wesen Gottes offenbart. Schon durch seine Gegenwart würden die Menschen ihrer Sünden bewußt werden. Aber nur, wer willens war, sich von seiner Sündhaftigkeit reinigen zu lassen, konnte in seine Gemeinschaft aufgenommen werden. Nur wer reines Herzens war, vermochte in seiner Gegenwart zu bestehen. So erklärte der Täufer die Botschaft Gottes an Israel. Viele achteten auf seine Lehre. Sie opferten alles, um der Botschaft gehorsam zu sein. In Scharen folgten sie Johannes von Ort zu Ort; es waren sogar etliche unter ihnen, die hofften, daß er der Messias sei. Als Johannes bemerkte, daß sich die Herzen seiner Zuhörer ihm zuwandten, benutzte er jede Gelegenheit, ihren Glauben auf den zu lenken, dessen Kommen er vorbereitete.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 11: Die Taufe


Auf der Grundlage von Matthäus 3,13-17; Markus 1,9-11; Lukas 3,21-22.


Die Kunde von dem Wüstenprediger und seiner wunderbaren Botschaft verbreitete sich über ganz Galiläa. Sie erreichte die Bauern in den entlegensten Gebirgsorten, drang zu den Fischern am See und fand in diesen einfachen, ernsten Herzen ehrlichen Widerhall. Auch in Nazareth, auch in der Werkstatt Josephs wurde von ihr gesprochen, und einer erkannte den Ruf. Seine Zeit war gekommen. Er verließ seine tägliche Arbeit, nahm Abschied von seiner Mutter und folgte seinen Landsleuten, die zum Jordan hinströmten. Jesus und Johannes der Täufer waren verwandt und durch die Umstände ihrer Geburt eng miteinander verbunden; dennoch kannten sie sich nicht persönlich. Jesus hatte sich bisher in Nazareth aufgehalten, Johannes dagegen in der Wüste von Judäa. Beide hatten, obgleich in völlig verschiedener Umgebung, in größter Abgeschlossenheit gelebt und keine Verbindung miteinander gehabt. Die Vorsehung hatte es so bestimmt. Es sollte nicht der Verdacht aufkommen, beide hätten sich zusammengetan, um einander ihren Anspruch zu stützen und sich gegenseitig zu bestätigen.


Johannes kannte die Ereignisse, die Christi Geburt begleitet hatten. Er wußte auch von Jesu Besuch als Knabe in Jerusalem, von dem Vorgang in der Schule der Rabbiner und von seinem sündlosen Leben. Er glaubte, daß Jesus der Messias sei, wenn ihm auch keine ausdrückliche Gewißheit darüber gegeben war. Die Tatsache, daß Jesus so viele Jahre zurückgezogen gelebt hatte, ohne einen Hinweis auf seine Bestimmung zu geben, hätte Zweifel hervorrufen können, ob er der Verheißene sei. Der Täufer aber wartete voller Glaubenszuversicht, daß Gott zu seiner Zeit alles klärte. Es war ihm offenbart worden, daß der Messias begehren würde, von ihm getauft zu werden, und daß hierbei ein Zeichen seines göttlichen Wesens gegeben werden sollte, wodurch es ihm möglich würde, ihn dem Volke vorzustellen.


Als Jesus zur Taufe kam, erkannte Johannes in ihm eine Reinheit des Charakters, wie er sie bisher noch bei keinem Menschen wahrgenommen hatte. Etwas Heiliges umgab ihn und flößte Ehrfurcht ein. Viele, die zu Johannes an den Jordan gekommen waren, hatten schwere Schuld auf sich geladen und erschienen niedergebeugt von der Last ihrer zahllosen Sünden. Es war aber noch keiner bei ihm gewesen, von dem solch göttlicher Einfluß ausging wie von Jesus. Dies stimmte damit überein, was ihm über den Messias geweissagt worden war. Und dennoch zögerte er, die Bitte Jesu zu erfüllen. Wie konnte er als sündiger Mensch den Sündlosen taufen! Und warum sollte dieser, der keiner Buße bedurfte, sich einer Handlung unterziehen, die als Sinnbild dafür galt, daß eine Schuld abzuwaschen war?


Als Jesus um die Taufe bat, wehrte ihm Johannes, indem er ausrief: „Ich bedarf wohl, daß ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir?“ Jesus antwortete: „Laß es jetzt also geschehen, denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.“ Da gab Johannes nach, führte Jesus hinein in den Jordan und tauchte ihn unter. Als Jesus heraufstieg „aus dem Wasser ... siehe, da tat sich der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen“. Matthäus 3,14-16. Jesus empfing die Taufe nicht im Sinne eines Schuldbekenntnisses. Er stellte sich aber den Sündern gleich und tat alles, was auch wir tun müssen. Sein Leben des Leidens und des geduldigen Ausharrens nach seiner Taufe ist ein Beispiel für uns.


Nach seiner Taufe beugte sich der Heiland am Ufer im Gebet vor Gott, dem Vater. Ein neuer und wichtiger Lebensabschnitt öffnete sich vor ihm. Er ging jetzt, auf einer höheren Ebene, seinem Lebenskampf entgegen. Wohl war er der Fürst des Friedens, doch sein Kommen war eher eine Kampfansage. Das Reich nämlich, das er aufrichten wollte, war das Gegenteil von dem, was sich die Juden wünschten. Er, der die Grundlage aller gottesdienstlichen Handlungen Israels war, würde als deren Feind und Zerstörer angesehen werden. Er, der auf Sinai das Gesetz verkündigt hatte, würde als Gesetzesübertreter verdammt werden. Er, der gekommen war, die Macht Satans zu brechen, würde als Beelzebub angeklagt werden. Niemand auf Erden hatte ihn verstanden; noch während seines Dienstes mußte er allein wandeln. Seine Mutter und seine Brüder hatten seiner Aufgabe kein Verständnis entgegenbringen können. Selbst seine Jünger begriffen ihn nicht. Er hatte im ewigen Licht gewohnt, eins mit Gott; in seinem irdischen Leben jedoch mußte er einsam und allein gehen.


Schicksalsverbunden mußte er die Last unserer Schuld und unseres Elends mit uns tragen. Der Sündlose mußte die ganze Schmach der Sünde fühlen. Der Friedfertige mußte inmitten von Zank und Streit leben; die Wahrheit mußte bei der Falschheit, die Reinheit bei dem Laster wohnen. Jede Sünde, jeder Mißklang, jedes verderbliche Verlangen, das die Übertretung mit sich brachte, quälte ihn. Der Heiland mußte seinen Weg allein wandeln; allein mußte er die schwere Last tragen. Auf ihm ruhte die Erlösung der Welt, obwohl er seiner göttlichen Herrlichkeit entkleidet war und die schwache menschliche Natur angenommen hatte. Er sah und empfand alles und blieb doch seiner Aufgabe treu. Von ihm hing das Heil des gefallenen Menschengeschlechts ab, und er streckte die Hand aus, um die allmächtige Liebe Gottes zu ergreifen.


Jesu Blick schien den Himmel zu durchdringen, während er betete. Er wußte, wie sehr die Sünde die Herzen der Menschen verhärtet hat und wie schwer es für sie sein würde, seine Mission zu erkennen und die Heilsgabe anzunehmen. Er bat den Vater um Kraft, ihren Unglauben zu überwinden, die Fesseln zu sprengen, die Satan um sie gelegt hat, und um ihretwillen den Verderber zu besiegen. Er bat um einen Beweis, daß Gott die Menschen durch den Menschensohn wieder in Gnaden annehmen wolle. Nie zuvor hatten die Engel ein solches Gebet gehört. Sie verlangten danach, ihrem Herrn eine Botschaft tröstlicher Gewißheit zu bringen. Aber der Vater selbst wollte die Bitte seines Sohnes beantworten. Vom Throne Gottes her leuchtete strahlend seine Herrlichkeit. Der Himmel öffnete sich, und eine Lichtgestalt „wie eine Taube“ ließ sich auf des Heilandes Haupt herab als ein Sinnbild für ihn, den Sanftmütigen und Demütigen.


Außer Johannes sahen nur wenige aus der gewaltigen Menschenmenge am Jordan die himmlische Erscheinung. Dennoch ruhte der feierliche Ernst der Gegenwart Gottes auf der großen Versammlung. Alle schauten schweigend auf Christus. Seine Gestalt war in Licht gehüllt, wie es stets den Thron Gottes umgibt. Sein nach oben gewandtes Angesicht war verklärt, wie sie vor ihm noch keines Menschen Antlitz gesehen hatten. Vom geöffneten Himmel herab sprach eine Stimme: „Dies ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe.“ Matthäus 3,17.


Diese bestätigenden Worte wurden denen, die diesem Ereignis beiwohnten, gegeben, um ihren Glauben anzufachen und den Heiland für seine Aufgabe zu stärken. Ungeachtet der Sünden einer schuldigen Welt, die auf Christus gelegt waren, ungeachtet auch der Erniedrigung, die sündige, menschliche Natur angenommen zu haben, nannte die Stimme vom Himmel ihn den Sohn des Ewigen. Johannes war tief bewegt, als er sah, wie Jesus sich als Bittender beugte und unter Tränen seinen Vater um ein Zeichen der Übereinstimmung mit seinem Willen anflehte. Als die Herrlichkeit Gottes ihn umgab und die Stimme vom Himmel zu hören war, da erkannte Johannes das von Gott verheißene Zeichen. Jetzt war es ihm zur Gewißheit geworden, daß er den Erlöser der Welt getauft hatte. Der Heilige Geist ruhte auf ihm, und mit ausgestreckter Hand auf Jesus zeigend, rief er: „Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt!“ Johannes 1,29.


Keiner der Zuhörer — auch nicht Johannes — begriff die wahre Bedeutung der Worte „das Lamm Gottes“. Auf dem Berge Morija hatte Abraham die Frage seines Sohnes gehört: „Mein Vater ... wo ist aber das Schaf zum Brandopfer?“ Der Vater hatte geantwortet: „Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer.“ 1.Mose 22,78. Und in dem Widder, den Gott an Stelle Isaaks sandte, sah Abraham ein Sinnbild dessen, der für die Sünden der Menschen sterben sollte. In diesem Bilde sprach auch Jesaja durch den Heiligen Geist von Christus: „Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer ... der Herr warf unser aller Sünde auf ihn.“ Jesaja 53,76.


Aber das Volk Israel hatte die Lehre nicht verstanden. Viele betrachteten die Sühnopfer nicht anders als die Heiden ihre Opfer; nämlich als Gaben, durch die sie selbst die Gottheit versöhnen könnten. Doch der Herr wollte die Israeliten lehren, daß nur seine eigene Liebe es ist, die sie mit ihm versöhnen kann. Die Worte, die zu Jesus am Jordan gesprochen wurden: „Siehe, das ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe“, schließen das ganze Menschengeschlecht ein. Gott sprach zu Jesus, den er als unseren Stellvertreter sah. Wir werden trotz unserer Sünden und Schwächen nicht von Gott als Unwürdige verworfen; denn er hat uns „begnadet ... in dem Geliebten“. Epheser 1,6. Die Herrlichkeit, die auf Christus ruhte, ist ein Pfand der Liebe Gottes für uns. Sie gibt uns auch einen Hinweis auf die Macht des Gebets und lehrt uns, wie unsere Stimme das Ohr Gottes erreichen kann und wie unsere Bitten in den himmlischen Höfen Erhörung finden können. Durch die Sünde wurde die Verbindung des Himmels mit der Erde unterbrochen, und die Menschen wurden dem Himmel entfremdet; nun hatte Jesus sie wieder mit dem Reich der Herrlichkeit verbunden. Seine Liebe umschloß alle Menschen und reichte bis an den höchsten Himmel. Das Licht, das aus dem geöffneten Himmel auf das Haupt des Heilandes fiel, wird auch uns scheinen, wenn wir ernstlich um Hilfe bitten, der Versuchung zu widerstehen. Die gleiche göttliche Stimme spricht zu jeder gläubigen Seele: Du bist mein Kind, an dem ich Wohlgefallen habe!


„Wir sind nun Gottes Kinder; und es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden. Wir wissen aber, wenn es erscheinen wird, daß wir ihm gleich sein werden; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“ 1.Johannes 3,2. Der Heiland hat den Weg bereitet, damit auch der Sündhafteste, der Bedürftigste, der Unterdrückteste und der Allerverachtetste Zutritt zum Vater finden kann. Alle können ihren Platz haben in den herrlichen Wohnungen, die Jesus hinging zu bereiten. „Das sagt der Heilige, der Wahrhaftige, der da hat den Schlüssel Davids, der auftut, und niemand schließt zu, der zuschließt, und niemand tut auf: ... Siehe, ich habe vor dir gegeben eine offene Tür, und niemand kann sie zuschließen.“ Offenbarung 3,78.







Kapitel 12: Die Versuchung


Auf der Grundlage von Matthäus 4,1-11; Markus 1,12-13; Lukas 4,1-13.


„Jesus aber, voll heiligen Geistes, kam wieder von dem Jordan und ward vom Geist in die Wüste geführt.“ Lukas 4,1. Die Worte im Markusevangelium sind noch bedeutsamer; es heißt dort: „Alsbald trieb ihn der Geist in die Wüste; und er war in der Wüste vierzig Tage und ward versucht von dem Satan und war bei den Tieren.“ „Und er aß nichts in diesen Tagen.“ Markus 1,1213. Der Geist Gottes leitete den Heiland, als er in die Wüste geführt wurde, um versucht zu werden. Jesus hatte die Versuchung nicht gesucht; er ging in die Wüste, um allein zu sein, um über seine Aufgabe, seine Mission, nachzudenken und um sich für den Dornenweg, der vor ihm lag, durch Beten und Fasten Kraft und Stärke zu holen. Satan aber wußte, daß Jesus in die Wüste gegangen war und hielt die Zeit für günstig, sich ihm zu nähern.


In diesem Kampf zwischen dem Fürsten des Lebens und dem Fürsten dieser Welt stand Gewaltiges auf dem Spiele. Nachdem Satan die Menschen zur Sünde verleitet hatte, beanspruchte er die Erde als sein Eigentum und nannte sich ihren Herrn. Da er das erste Elternpaar nach seinem eigenen Wesen beeinflußt und umgewandelt hatte, gedachte er hier sein Reich zu gründen. Er behauptete, die Menschen hätten ihn zu ihrem Oberhaupt gewählt. Durch seine Macht über sie behielt er die Herrschaft über die Welt. Christus aber war gekommen, diesen Anspruch Satans zu widerlegen. Als Menschensohn würde er Gott treu bleiben und dadurch beweisen, daß der Teufel nicht die vollständige Herrschaft über das Menschengeschlecht gewonnen hätte und daß seine Ansprüche auf die Welt unbegründet wären. Alle sollten frei werden, die von Satans Einfluß loskommen wollten. Die Herrschaft, die Adam verloren hatte, sollte wiederhergestellt werden.


Seit der Ankündigung an die Schlange: „Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen“ (1.Mose 3,15) wußte Satan, daß er keine unumschränkte Gewalt über die Welt hatte. Im Menschen war das Wirken einer Kraft spürbar, die seiner Herrschaft widerstand. Gespannt beobachtete er die von Adam und seinen Söhnen dargebrachten Opfer. Er erkannte in diesen Handlungen eine sinnbildliche Verbindung zwischen Himmel und Erde und nahm sich vor, diese Gemeinschaft zu stören. Er stellte Gott in ein falsches Licht und mißdeutete die gottesdienstlichen Handlungen, die auf Christus hinwiesen. Die Menschen wurden dahin gebracht, Gott als ein Wesen zu fürchten, das an ihrem Verderben Gefallen habe. Die Opfer, die Gottes Liebe hätten offenbaren sollen, wurden dargebracht, um seinen Zorn zu besänftigen. Satan erregte die bösen Leidenschaften der Menschen, um seine Herrschaft über sie zu festigen. Als das geschriebene Wort Gottes gegeben wurde, erforschte Satan die Prophezeiungen vom Kommen des Heilandes. Von Geschlecht zu Geschlecht bemühte er sich, die Menschen gegen diese Weissagungen blind zu machen, damit sie den Messias bei seinem Kommen verwürfen.


Mit der Geburt Jesu wußte Satan, daß der Eine gekommen war mit dem göttlichen Auftrag, ihm seinen Herrschaftsanspruch streitig zu machen. Er zitterte bei der Botschaft des Engels, der die Autorität des neugeborenen Königs bezeugte. Ihm war wohl bekannt, welche bevorzugte Stellung Jesus als der Geliebte des Vaters im Himmel innegehabt hatte. Daß dieser Sohn Gottes als Mensch auf die Erde kommen sollte, erfüllte ihn mit Bestürzung und Furcht. Er konnte das Geheimnis dieses großen Opfers nicht fassen. Seine selbstsüchtige Seele konnte eine solche Liebe zu dem irregeleiteten Geschlecht nicht verstehen. Die Menschen selbst begriffen die Herrlichkeit und den Frieden des Himmels und die Freude der Gemeinschaft mit Gott nur unklar; Luzifer, dem schirmenden Cherub, waren diese Segnungen gut bekannt. Seitdem er den Himmel verloren hatte, war er zur Rache entschlossen. Er veranlaßte andere, seinen Sturz mit ihm zu teilen. Und dies gelang ihm am besten dadurch, daß er die Menschen beeinflußte, die himmlischen Dinge zu unterschätzen und ihre Herzen an irdische Dinge zu hängen.


Nur sehr schwer konnte der Herr des Himmels Menschenseelen für sein Reich gewinnen. Von der Zeit seiner Geburt in Bethlehem an stellte Satan ihm unaufhörlich nach. Das Bild Gottes war in Jesus geoffenbart, und Satan hatte beschlossen, den Heiland zu überwinden. Noch kein menschliches Wesen war auf Erden der Macht des Betrügers entronnen. Alle Mächte des Bösen vereinigten sich, Jesu Weg zu verfolgen, um wider ihn zu streiten und ihn nach Möglichkeit zu besiegen.


Bei der Taufe des Heilandes war auch der Teufel unter den Augenzeugen. Er sah, wie die Herrlichkeit Gottes den Sohn umhüllte. Er hörte, wie die Stimme des Herrn die Gottheit Jesu bezeugte. Seit dem Fall Adams hatte der persönliche Verkehr der Menschen mit Gott aufgehört; die Verbindung zwischen Himmel und Erde war nun durch Christus wiederhergestellt worden. Aber nun, da Jesus „in der Gestalt des sündlichen Fleisches“ (Römer 8,3) gekommen war, sprach der Vater jetzt wieder selbst. Einst hatte er durch Christus mit den Menschen geredet, jetzt verkehrte er mit ihnen in Christus. Satan hatte damit gerechnet, daß die Abneigung Gottes gegen das Böse eine ewige Trennung zwischen Himmel und Erde herbeiführen würde. Diese Hoffnung erfüllte sich nicht; denn es wurde offenbar, daß durch den Mittler Jesus Christus nun wieder eine Verbindung zwischen Gott und den Menschen hergestellt war.


Satan erkannte, daß es für ihn darum ging, zu siegen oder aber besiegt zu werden. Von dem Ausgang des Kampfes hing zuviel ab, um ihn seinen Verbündeten, den Geistern in der Luft, zu überlassen; er mußte selbst die Führung in diesem Streit übernehmen. Alle Mächte des Abfalls wurden gegen den Sohn Gottes aufgeboten. Christus wurde zur Zielscheibe aller teuflischen Waffen. Viele betrachten diesen Kampf zwischen Christus und Satan so, als hätte er keine besondere Tragweite für ihr eigenes Leben. Sie nehmen darum auch wenig inneren Anteil an ihm. Und doch wiederholt sich dieser Kampf in jedem Menschenherzen. Keiner verläßt die Reihen Satans, um in den Dienst Gottes zu treten, der nicht den schärfsten Angriffen des Bösen ausgesetzt wäre. Die Verlockungen, denen Christus widerstand, waren derselben Art, wie sie auch an uns herantreten und von uns so schwer überwunden werden. Sie wurden ihm in so viel stärkerem Maße aufgezwungen, wie sein Charakter erhabener war als der unsrige. Mit der furchtbaren Sündenlast der Welt, die auf ihm lag, widerstand der Heiland den fleischlichen Lüsten, der Welt- und der Eigenliebe, die nur zu Vermessenheit führt. In diesen Versuchungen unterlagen Adam und Eva, und auch wir werden leicht von ihnen überwunden.


Satan verwies auf die Sünde Adams, um zu beweisen, daß Gottes Gesetz ungerecht sei und nicht gehalten werden könne. Angetan mit unserer menschlichen Natur, sollte Christus Adams Übertretungen wiedergutmachen. Doch hatte die Sünde noch keine Wirkung auf Adam gehabt, als er von dem Versucher angegriffen wurde; er stand in der Kraft vollkommener Männlichkeit, im Besitz völliger körperlicher und geistiger Gesundheit. Dazu war er noch von der Herrlichkeit des Gartens Eden umgeben und genoß den täglichen Umgang mit himmlischen Wesen. Unter ganz anderen Verhältnissen betrat Jesus die Wüste, um sich mit Satan zu messen. Schon viertausend Jahre lang hatte das Menschengeschlecht an Körperkraft, Seelenstärke und sittlicher Tugend abgenommen; dennoch nahm der Heiland alle Schwachheiten der entarteten Menschheit auf sich. Nur so vermochte er die Menschen aus der tiefsten Erniedrigung zu erretten.


Viele behaupten, daß es für den Heiland unmöglich war, in der Versuchung zu fallen. Sie haben unrecht; denn wie hätte Jesus sonst an Stelle des sündigen Menschen stehen können! Er hätte dann auch nicht den Sieg, zu dem Adam sich nicht durchrang, erkämpfen können. Würden wir in irgendeiner Weise einen schwierigeren Kampf zu bestehen haben als Christus, dann könnte er nicht imstande sein, uns zu helfen. Der Heiland nahm die menschliche Natur an mit all ihren schuldhaften Verstrickungen, selbst mit der Möglichkeit, in den Versuchungen zu unterliegen. Wir haben nichts zu tragen, was nicht auch er erduldet hätte. Sowohl bei dem Herrn als auch bei dem ersten Menschenpaar war die Eßlust der Grund zur ersten großen Versuchung. Gerade hierbei, womit das Verderben seinen Anfang genommen hatte, mußte auch das Erlösungswerk beginnen. Wie Adam durch die Befriedigung der Eßlust in Sünde fiel, so mußte Christus durch die Verleugnung der Eßlust überwinden. „Da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. Und der Versucher trat zu ihm und sprach: Bist du Gottes Sohn, so sprich, daß diese Steine Brot werden. Und er antwortete und sprach: Es steht geschrieben: ‚Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort, das durch den Mund Gottes geht.‘“ Matthäus 4,2-4.


Von Adams Zeit an bis in die Tage Jesu hatte die Genußsucht die Macht der Eßlust und der Leidenschaften so gestärkt, bis sie fast unumschränkt herrschte. Dadurch waren die Menschen verderbt und krank geworden. Es war ihnen daher auch unmöglich, sich selbst zu überwinden. Ihretwegen bestand der Heiland die härteste Prüfung. Um unsertwillen übte er eine Selbstbeherrschung, die noch stärker war als Hunger und Tod. Dieser erste Sieg umschloß noch manches, was in unseren Kämpfen gegen die Mächte der Finsternis von Bedeutung ist. Als Jesus die Wüste betrat, umhüllte ihn die Herrlichkeit seines Vaters. Er pflegte so innige Zwiesprache mit Gott, daß er der menschlichen Schwäche gar nicht achtete. Doch die Herrlichkeit des Vaters wich von ihm, und der Heiland war der stärksten Versuchung ausgesetzt. Jeden Augenblick konnte sie sich seiner bemächtigen. Seine menschliche Natur schreckte vor dem Kampf zurück, der ihn erwartete. Vierzig Tage lang fastete und betete er. Schwach und abgezehrt vor Hunger, erschöpft und verhärmt durch größten Seelenschmerz, war „seine Gestalt häßlicher ... als die anderer Leute und sein Aussehen als das der Menschenkinder“. Jesaja 52,14. Jetzt bot sich Satan die ersehnte Gelegenheit. Jetzt glaubte er Christus überwinden zu können.


Er erschien dem Heiland in der Gestalt eines Himmelsboten und gab vor, auf seine Gebete hin von Gott gesandt zu sein, um ihm das Ende seines Fastens mitzuteilen. Wie einst Abrahams Hand durch einen Engel von der Opferung seines Sohnes Isaak zurückgehalten worden war, so sei er jetzt zu seiner Befreiung gesandt; denn der Vater habe sich schon mit seiner Bereitschaft, den blutgetränkten Leidensweg zu beschreiten, zufriedengegeben. Diese Botschaft brachte er Jesus. Christus war durch das lange Fasten körperlich geschwächt und lechzte nach einer Stärkung, als Satan ihn plötzlich überfiel. Der Versucher zeigte auf die wüst umherliegenden, Brotlaiben ähnelnden Steine und sagte: „Bist du Gottes Sohn, so sprich, daß diese Steine Brot werden.“ Matthäus 4,3.


Obgleich der Versucher als Engel des Lichts erschien, mit den Worten „Bist du Gottes Sohn“ verriet er seinen wahren Charakter. Hierin lag der Versuch, Mißtrauen in das Herz Jesu zu säen. Hätte Jesus dem Versucher nachgegeben, wäre sein Herz von Zweifeln erfüllt worden. Und damit hätte der Teufel erreicht, was er wollte: den Heiland durch das gleiche Mittel zu überwinden, wodurch er schon von Anfang an Erfolge bei den Menschen erzielt hatte. Wie schlau hatte Satan sich einst der Eva im Paradies genähert! „Ja, sollte Gott gesagt haben? ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?“ 1.Mose 3,1. Wohl sprach der Versucher von Gott; aber der Tonfall seiner Stimme verriet seine heimliche Verachtung des Wortes Gottes. Es lag eine schlecht verhehlte Verneinung, ein Zweifeln an der göttlichen Wahrheit darin. Satan war bestrebt, auch in Eva Mißtrauen gegen die Lauterkeit der göttlichen Worte zu erwecken, und versuchte ihr verständlich zu machen, daß es unmöglich der Liebe und Güte Gottes entsprechen könne, die schönen Früchte des Baumes der Erkenntnis den Menschen vorzuenthalten. Auch jetzt versuchte Satan dem Heiland seine eigenen argen Gedanken einzuflüstern. Aus der Bitterkeit seines Herzens kamen die Worte: „Bist du Gottes Sohn ...“ Der Klang seiner Stimme enthüllte seine völlige Ungläubigkeit. Würde Gott seinen eingeborenen Sohn so behandeln? Würde er ihn in der Wüste unter wilden Tieren, ohne Nahrung, ohne Gesellschaft und ohne Trost lassen? Satan gab zu verstehen, daß Gott niemals seinen Sohn in einer derartigen Lage ließe, und wollte Jesus veranlassen, so er Gottes Sohn wäre, sich durch seine göttliche Macht selbst zu helfen. Jesus sollte gebieten, daß die Steine Brot würden.


Die Worte vom Himmel „Dies ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe“ (Matthäus 3,17) hatte auch Satan gut im Gedächtnis behalten. Doch er wollte den Heiland dahin bringen, diesen Worten zu mißtrauen. Gottes Wort war für Christus das Zeugnis seiner geheiligten Mission. Er war gekommen, als Mensch unter den Menschen zu wohnen, es war Gottes Wort, das seine Verbindung mit dem Himmel bezeugte. Satan wollte ihn mit Zweifel gegen das Wort seines Vaters erfüllen. Er wußte, daß der Sieg in dem großen Streit ihm gehören würde, gelänge es ihm, Jesu Vertrauen zu Gott zu erschüttern. Er konnte Jesus überwinden. So hoffte er, daß Jesus unter dem Einfluß von Verzagtheit und quälendem Hunger den Glauben an seinen Vater verlöre und ein Wunder zu seinen Gunsten wirkte. Hätte Jesus den Willen des Versuchers erfüllt, wäre der ganze Erlösungsplan vereitelt worden.


Als sich Satan und der Sohn Gottes zum erstenmal als Gegner gegenüberstanden, war Christus noch der Herr der himmlischen Heerscharen; Satan dagegen wurde wegen seiner Empörung aus dem Himmel ausgestoßen. Jetzt schien die Lage umgekehrt zu sein, und Satan wollte seinen scheinbaren Vorteil gut ausnutzen. Einer der mächtigsten Engel, sagte er, sei aus dem Himmel verbannt worden, und seine [Jesu] Lage deute an, daß er dieser gefallene Engel sei — von Gott vergessen und von den Menschen verlassen. Ein göttliches Wesen aber wäre imstande, sein Anrecht durch ein Wunder zu beweisen. „Bist du Gottes Sohn, so sprich, daß diese Steine Brot werden.“ Matthäus 4,3. Eine solche schöpferische Tat, drängte der Versucher, wäre ein unumstößlicher Beweis der Göttlichkeit und würde den Streit beenden.


Nicht ohne inneren Kampf vermochte Jesus dem Erzverführer zuzuhören. Er wollte aber trotzdem Satan keinen Beweis seiner Gottheit geben oder den Grund seiner Erniedrigung erklären. Er wußte, daß es weder zur Ehre Gottes noch zum Besten der Menschen gewesen wäre, hätte er den Wunsch des Verführers erfüllt. Wäre er auf die Einflüsterungen Satans eingegangen, so hätte dieser wieder sagen können: Gib mir ein Zeichen, damit ich glauben kann, daß du der Sohn Gottes bist. Jeder Beweis aber wäre zu kraftlos gewesen, die aufrührerische Macht in Satans Herzen zu brechen. Und Christus durfte ja seine göttliche Kraft nicht zu seinem eigenen Vorteil einsetzen. Er war gekommen, um Prüfungen standzuhalten, wie auch wir Prüfungen bestehen müssen; er wollte uns durch sein Leben ein Beispiel des Glaubens und der Ergebenheit hinterlassen. Weder jetzt noch später wirkte der Heiland in seinem irdischen Leben Wunder um seiner selbst willen. Seine gewaltigen Werke und Wundertaten geschahen ausschließlich zum Wohle anderer. Obgleich Jesus von Anfang an Satan erkannte, ließ er sich doch nicht herausfordern, um sich mit ihm in Streitfragen einzulassen. Gestärkt durch die Erinnerung an die Stimme vom Himmel, fand er inneren Frieden in der Liebe seines Vaters. Mit dem Versucher wollte er keinerlei Verhandlungen aufnehmen.


Jesus begegnete Satan mit den Worten der Heiligen Schrift: „Es steht geschrieben.“ Matthäus 4,4. In jeder Versuchung war die Waffe seiner Ritterschaft das Wort Gottes. Satan verlangte von Christus ein Wunder als Zeichen seiner Göttlichkeit. Größer aber als jedes Wunder ist das feste Vertrauen auf ein „So spricht der Herr“. Das ist ein Zeichen, das nicht angefochten werden kann. Solange Christus diese Haltung einnahm, konnte der Versucher ihm nichts anhaben.


In der Zeit größter menschlicher Schwäche überfielen die heftigsten Versuchungen den Heiland. So hoffte Satan, den Herrn zu überwinden; waren es doch die gleichen Ränke, durch die er die Menschen unter seinen Einfluß gebracht hatte. Wenn die Kräfte versagten, der Wille geschwächt war und der Glaube aufhörte, in Gott zu ruhen, dann wurden selbst diejenigen besiegt, die lange und mutig um das Recht gekämpft hatten. Mose war ermüdet von der vierzigjährigen Wanderschaft mit Israel durch die Wüste, als sein Glaube für einen Augenblick an der unendlichen Macht des Herrn zweifelte. Er unterlag unmittelbar an der Grenze des verheißenen Landes. So erging es auch Elia, der unerschrocken vor dem König Ahab gestanden hatte und dem ganzen Volk Israel mit seinen vierhundertfünfzig Baalspropheten an der Spitze entgegengetreten war. Nach dem schrecklichen Tag auf dem Karmel, da die falschen Propheten getötet worden waren und das Volk seinen Bund mit Gott erneuert hatte, floh Elia, um sein Leben zu retten, vor den Drohungen der abgöttischen Königin Isebel.


So hat Satan stets aus der menschlichen Schwäche Vorteil gezogen, und er wirkt auch weiterhin in der gleichen Weise. Befindet sich jemand durch besondere Umstände in Not, Krankheit oder sonstigen schwierigen Verhältnissen, so ist Satan sofort da, ihn zu versuchen und zu reizen. Er kennt unsere schwachen Seiten und benutzt sie gegen uns. Er sucht unser Vertrauen zu Gott mit dem Hinweis zu erschüttern, warum ein guter Gott derartige Dinge überhaupt zulasse. Er veranlaßt uns, Gott zu mißtrauen und seine Liebe zu uns anzuzweifeln. Oft tritt der Versucher an uns heran, wie er auch an Jesus herangetreten war, und zeigt uns unsere Schwächen und Unzulänglichkeiten. Er hofft dadurch die Seele zu entmutigen und unsern Halt an Gott zu brechen. Dann ist er seines Opfers sicher. Träten wir ihm aber entgegen wie Christus, wir würden mancher Niederlage entfliehen. Indem wir uns aber mit dem Feind in Unterhaltungen einlassen, verschaffen wir ihm einen Vorteil.


Als Christus dem Versucher sagte: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort, das durch den Mund Gottes geht“ (Matthäus 4,4), wiederholte er die Worte, die er mehr als vierzehnhundert Jahre vorher zu Israel gesprochen hatte. „Gedenke des ganzen Weges, den dich der Herr, dein Gott, geleitet hat diese vierzig Jahre in der Wüste ... Er demütigte dich und ließ dich hungern und speiste dich mit Manna, das du und deine Väter nie gekannt hatten, auf daß er dir kundtäte, daß der Mensch nicht lebt vom Brot allein, sondern von allem, was aus dem Mund des Herrn geht.“ 5.Mose 8,23.


Als die Israeliten in der Wüste waren, sandte ihnen Gott Manna vom Himmel. Er speiste sein Volk gerade zu der Zeit reichlich, als alle Nahrungsmittel fehlten. Aus dieser Erfahrung sollte Israel erkennen, daß der Herr sich in jeder Lebenslage zu dem bekennt, der ihm vertraut und in seinen Wegen wandelt. Der Heiland bewies jetzt durch die Tat die Erfüllung der göttlichen Verheißungen. Durch das Wort Gottes war den Israeliten Hilfe zuteil geworden, und durch dasselbe Wort erwartete der Heiland gläubig Hilfe in der Not. Er wartete auf den Augenblick, der ihm des Vaters Hilfe bringen würde. Aus Gehorsam gegen den Willen seines Vaters befand er sich in der Wüste, und er wollte keine Nahrung annehmen, die er den Einflüsterungen Satans zu verdanken gehabt hätte. Vor dem ganzen Weltall bezeugte er, daß es ein weniger großes Unglück sei, irgendein Leiden zu ertragen, als auch nur im geringsten von den Wegen und dem Willen Gottes abzuweichen.


„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort Gottes.“ Oft kommt der Christ in Verhältnisse, in denen er nicht gleichzeitig Gott dienen und seine irdischen Belange wahrnehmen kann. Dann scheint es vielleicht, als nähme der Gehorsam gegen manche klaren Forderungen Gottes ihm jeglichen Lebensunterhalt. Satan versucht ihm einzureden, daß es nötig sei, seiner Überzeugung ein Opfer zu bringen. Die Erfahrung aber wird uns lehren, daß wir uns in dieser Welt allein auf das Wort Gottes verlassen können. „Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen.“ Matthäus 6,33. Schon für das irdische Leben ist es das Beste, niemals von dem Willen unseres himmlischen Vaters abzuweichen. Wenn wir die Kraft seines Wortes kennen, werden wir nicht den Einflüsterungen Satans erliegen, um Speise zu erhalten oder unser Leben zu retten. Unsere einzige Frage wird sein: Was ist Gottes Wille? Was verheißt er uns? Mit diesem Wissen werden wir seinem Willen folgen und uns auf seine Verheißung verlassen.


In der letzten großen Auseinandersetzung des Kampfes mit Satan werden die Menschen, die Gott treu sind, es erleben, daß sie von jeder irdischen Hilfe abgeschnitten werden. Weil sie sich weigern, Gottes Gesetz zu übertreten, um irdischen Mächten zu gehorchen, wird es ihnen verboten werden, zu kaufen oder zu verkaufen. Ein Erlaß wird schließlich ergehen, daß sie umgebracht werden sollen. Offenbarung 13,11-17. Doch den Gehorsamen ist die Verheißung gegeben: „Der wird in der Höhe wohnen, und Felsen werden seine Feste und Schutz sein. Sein Brot wird ihm gegeben, sein Wasser hat er gewiß.“ Jesaja 33,16. Durch diese Verheißung werden die Kinder Gottes leben. Wenn die Erde, von Hungersnot heimgesucht, verödet, werden sie gespeist werden. „Sie werden nicht zuschanden in böser Zeit, und in der Hungersnot werden sie genug haben.“ Psalm 37,19. Auf jene Zeit der Not blickte der Prophet Habakuk voraus, und seine Worte drücken den Glauben der Gemeinde aus: „Da wird der Feigenbaum nicht grünen, und es wird kein Gewächs sein an den Weinstöcken. Der Ertrag des Ölbaums bleibt aus, und die Äcker bringen keine Nahrung; Schafe werden aus den Hürden gerissen, und in den Ställen werden keine Rinder sein. Aber ich will mich freuen des Herrn und fröhlich sein in Gott, meinem Heil.“ Habakuk 3,1718.


Die wichtigste der Lehren, die uns die Heilige Schrift aus der Versuchungsgeschichte Jesu vermittelt, ist sein Sieg über die menschlichen Triebe und Begierden. Zu allen Zeiten haben gerade die Versuchungen in mancherlei Leidenschaften das Menschengeschlecht am meisten verdorben und herabgewürdigt. Durch den Reiz zur Unmäßigkeit ist Satan bemüht, die geistlichen und sittlichen Kräfte zu vernichten, die Gott den Menschen als unschätzbare Gaben verliehen hat. Denn dadurch wird es dem Menschen unmöglich, die geistlichen Dinge zu würdigen. Durch Befriedigung fleischlicher Lüste versucht Satan, das Ebenbild Gottes in der Seele des Menschen auszulöschen.


Unbeherrschte Genußsucht und die dadurch entstehenden Krankheiten sowie die Entartung, wie sie bei Christi erstem Kommen vorhanden waren, werden in gesteigerter Form auch bei seiner Wiederkunft festzustellen sein. Der Heiland wies darauf hin, daß der Zustand der Welt dann sein wird wie in den Tagen der Sintflut und wie zur Zeit Sodoms und Gomorras. Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens wird böse sein immerdar. Wir leben heute in dieser gefahrvollen Zeit und sollten die große Lehre des Heilandes, die er uns durch sein Fasten gab, beherzigen. Nur nach der unaussprechlichen Qual, die der Heiland erlitt, können wir das Sündhafte unbeherrschter Genußsucht ermessen. Sein Beispiel lehrt uns, daß wir nur dann Hoffnung auf ein ewiges Leben haben können, wenn wir unsere Begierden und unsere Leidenschaften dem Willen Gottes unterwerfen.


Aus eigener Kraft können wir den Begierden des Fleisches nicht widerstehen. Satan wird gerade diese Schwächen benutzen, um uns in Versuchung zu führen. Christus wußte, daß der Feind sich jedem Menschen nahen würde, um aus dessen ererbten Schwächen Vorteile zu ziehen und alle, die kein Gottvertrauen besitzen, durch seine Einflüsterungen zu umgarnen. Unser Herr hat dadurch, daß er uns auf unserem Pilgerpfad vorangeschritten ist, den Weg der Überwindung gebahnt. Es ist nicht sein Wille, daß wir im Kampf mit Satan irgendwie benachteiligt sein sollten. Er will, daß wir uns durch die Angriffe der Schlange nicht einschüchtern oder entmutigen lassen. „Seid getrost“, sagt er, „ich habe die Welt überwunden.“ Johannes 16,33.


Wer gegen die Macht der Eßlust anzukämpfen hat, schaue auf den Heiland in der Wüste der Versuchung. Er blicke auf ihn, wie er am Kreuz Todesqualen litt, wie er ausrief: „Mich dürstet!“ Jesus hat alles ertragen, was Menschen je auferlegt werden könnte. Sein Sieg ist auch unser Sieg. Christus verließ sich auf die Weisheit und Kraft seines himmlischen Vaters. Er sagte: „Gott der Herr hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, daß ich nicht zuschanden werde. Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? ... Siehe, Gott der Herr hilft mir.“ Jesaja 50,7-9. Auf sein vorgelebtes Beispiel hinweisend, fragt er uns: „Wer ist unter euch, der den Herrn fürchtet ... der im Finstern wandelt und dem kein Licht scheint: Der hoffe auf den Namen des Herrn und verlasse sich auf seinen Gott!“ Jesaja 50,10.


Jesus sagte: „Es kommt der Fürst der Welt. Er hat keine Macht über mich.“ Johannes 14,30. Satan vermochte mit seinen Spitzfindigkeiten bei ihm nichts auszurichten. Jesus gab der Sünde nicht nach. Nicht mit einem Gedanken überließ er sich der Versuchung. So soll es auch mit uns der Fall sein. Das Menschliche in Christus war mit dem Göttlichen vereint; der ihm innewohnende göttliche Geist hatte ihn für den Kampf ausgerüstet. Und Jesus kam, um uns zu Teilhabern der göttlichen Natur zu machen. Solange wir durch den Glauben mit ihm verbunden sind, hat die Sünde keine Gewalt über uns. Gott faßt unsere Hand des Glaubens und will uns leiten, damit wir einen festen Halt an der Gottheit Christi haben und einen vollkommenen Charakter entfalten können.


Christus hat uns gezeigt, wie wir dies erreichen können. Wodurch blieb er im Streit gegen Satan siegreich? Durch das Wort Gottes! Nur dadurch konnte er der Versuchung widerstehen. „Es steht geschrieben“, sagte er. Und uns sind „die teuren und allergrößten Verheißungen geschenkt ... daß ihr dadurch teilhaftig werdet der göttlichen Natur, die ihr entronnen seid der verderblichen Lust in der Welt“. 2.Petrus 1,4. Jede Verheißung in Gottes Wort gehört uns. „Von einem jeglichen Wort, das durch den Mund Gottes geht“ (Matthäus 4,4), sollen wir leben. Wenn Versuchungen an uns herantreten, sollen wir nicht auf die äußeren Umstände oder auf unsere Schwächen blicken, sondern auf die Macht des Wortes, dessen ganze Kraft uns gehört. Der Psalmist sagt: „Ich behalte dein Wort in meinem Herzen, damit ich nicht wider dich sündige. Gelobet seist du, Herr! Lehre mich deine Gebote! Ich will mit meinen Lippen erzählen alle Weisungen deines Mundes. Ich freue mich über den Weg, den deine Mahnungen zeigen, wie über großen Reichtum. Ich rede von dem, was du befohlen hast, und schaue auf deine Wege. Ich habe Freude an deinen Satzungen und vergesse deine Worte nicht.“ Psalm 119,11-16. „Im Treiben der Menschen bewahre ich mich vor gewaltsamen Wegen durch das Wort deiner Lippen.“ Psalm 17,4. 1083.

Kapitel 13: Der Sieg


Auf der Grundlage von Matthäus 4,5-11; Markus 1,12-13; Lukas 4,5-13.


„Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben: ‚Er wird seinen Engeln über dir Befehl tun, und sie werden dich auf den Händen tragen, auf daß du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.‘“ Matthäus 4,56. Satan glaubt den Herrn in seinem eigenen Bereich getroffen zu haben. Er bedient sich heuchlerisch göttlicher Worte. Immer noch erscheint er als Engel des Lichts und beweist, daß er mit der Schrift vertraut ist und das Geschriebene versteht. Wie Jesus das Wort der Schrift anwandte, um seinen Glauben zu begründen, so gebraucht Satan es jetzt, um seinen Betrug zu unterstützen. Er betont, daß er nur die Treue des Herrn habe erproben wollen, und lobt dessen Beharrlichkeit. Da der Heiland Gottvertrauen bekundet hat, veranlaßt Satan ihn zu einem erneuten Beweis seines Glaubens.


Doch gleich die nächste Versuchung leitet er ein, indem er Mißtrauen sät. „Wenn du Gottes Sohn bist ...“ Christus wurde versucht, auf dieses „Wenn“ einzugehen; aber er enthielt sich des geringsten Zweifels. Er wollte sein Leben nicht gefährden, nur um Satan einen Beweis seiner Göttlichkeit zu geben. Der Versucher gedachte aus dem Menschsein Christi Vorteil zu ziehen und nötigte ihn zur Anmaßung. Wenn Satan auch zur Sünde reizen kann, so kann er doch niemand zwingen, zu sündigen. Er sagte zu Jesus: „Wirf dich hinab“, weil er genau wußte, daß er ihn nicht hinabstürzen konnte; denn Gott hätte es nicht zugelassen. Auch konnte der Teufel Jesus nicht zwingen, sich selbst hinabzustürzen. Nur wenn der Heiland der Versuchung erlegen wäre, hätte Satans Bemühen Erfolg gehabt. Doch alle Mächte der Erde und der Hölle vermochten ihn nicht dazu zu bestimmen, auch nur im geringsten vom Willen seines himmlischen Vaters abzuweichen.


Der Versucher kann auch uns niemals zwingen, etwas Böses zu tun. Er kann die Gemüter nicht beherrschen, wenn sie sich nicht selbst seiner Herrschaft unterwerfen. Der Wille muß seine Zustimmung geben, und der Glaube muß seinen Halt an Christus lassen, ehe Satan seine Macht über uns ausüben kann. Doch mit jedem sündhaften Verlangen kommen wir ihm entgegen. Sooft wir uns dem göttlichen Gebot widersetzen, öffnen wir dem Versucher eine Tür, durch die er eintreten kann, uns zu versuchen und zu verderben. Und jede Niederlage und jedes Versagen unserseits gibt ihm willkommene Gelegenheit, Christus zu schmähen.


Als Satan die Verheißung anführte: „Er wird seinen Engeln über dir Befehl tun, und sie werden dich auf den Händen tragen“ (Matthäus 4,6), ließ er die Worte aus, „daß sie dich behüten auf allen deinen Wegen“ — auf allen Wegen nämlich, die Gott erwählt hat. Jesus weigerte sich, den Pfad des Gehorsams zu verlassen. Er bekundete völliges Vertrauen zu seinem himmlischen Vater und wollte sich nicht ungeheißen in eine Lage bringen, die Gottes helfendes Eingreifen erfordert hätte, um ihn vor dem Tode zu bewahren. Er wollte die Vorsehung nicht zwingen, zu seiner Rettung einzuschreiten, und dadurch versäumen, den Menschen ein Beispiel des Vertrauens und des Glaubensgehorsams zu geben.


Der Heiland erklärte Satan: „Wiederum steht auch geschrieben: ‚Du sollst Gott, deinen Herrn, nicht versuchen.‘“ Matthäus 4,7. Diese Worte sprach einst Mose zu den Israeliten, als sie in der Wüste Durst litten und verlangten, daß Mose ihnen zu trinken gäbe, indem sie riefen: „Ist der Herr unter uns oder nicht?“ 2.Mose 17,7. Gott hatte wunderbar für sie gewirkt; dennoch zweifelten sie an ihm, als Schwierigkeiten kamen. Sie verlangten einen Beweis, daß Gott unter ihnen weilte. In ihrem Unglauben wollten sie ihn auf die Probe stellen. Satan wollte den Heiland auch veranlassen, die gleiche Sünde zu begehen. Gott hatte bereits bezeugt, daß Jesus sein Sohn sei. Nun nochmals einen Beweis für die Sohnschaft Christi zu fordern, war ein ungerechter Zweifel an Gottes Wort und eine sündhafte Versuchung des Herrn. Dasselbe können wir sagen, wenn wir um etwas beten, was Gottes Verheißung widerspricht. Es würde Mißtrauen bekunden; wir würden dadurch Gott auf die Probe stellen oder ihn versuchen. Wir sollten Gott nie um etwas bitten, nur um zu sehen, ob er sein Wort wahrmachen wird; vielmehr sollen wir bitten, weil er es erfüllen wird. Wir sollten nicht beten, um zu erfahren, ob er uns liebt, sondern darum, weil er uns liebt. „Ohne Glauben ist‘s unmöglich, Gott zu gefallen; denn wer zu Gott kommen will, der muß glauben, daß er sei und denen, die ihn suchen, ein Vergelter sein werde.“ Hebräer 11,6.


Der Glaube ist in keiner Weise mit Vermessenheit zu vergleichen. Der wahre Glaube ist frei davon. Die Vermessenheit ist eine satanische Verfälschung des Glaubens. Der Glaube ergreift Gottes Verheißungen und bringt Frucht im Gehorsam. Die Vermessenheit erhebt auch Anspruch auf die Verheißungen, gebraucht sie aber, um Übertretungen zu entschuldigen, wie Satan es tat. Der wahre Glaube hätte das erste Elternpaar im Garten Eden veranlaßt, der Liebe Gottes zu vertrauen und seinen Geboten zu gehorchen; die Vermessenheit aber verleitete sie, sein Gesetz zu übertreten in der Annahme, seine große Liebe würde sie vor den Folgen der Sünde bewahren. Das ist kein Glaube, der die Gunst des Himmels beansprucht, ohne die Bedingungen zu erfüllen, unter denen die Gnade gewährt wird. Glaube gründet sich auf die Verheißungen und Verordnungen der Heiligen Schrift.


Oft erreicht Satan, wenn es ihm nicht gelang, unser Mißtrauen zu erregen, sein Ziel dadurch, daß er uns zur Vermessenheit verleitet. Wenn er uns veranlassen kann, uns selbst ohne Notwendigkeit einer Versuchung auszusetzen, dann weiß er, daß der Sieg ihm gehören wird. Gott wird alle bewahren, die auf dem Weg des Gehorsams wandeln; wer aber davon abweicht, begibt sich auf Satans Gebiet. Dort aber wird er gewiß untergehen. Der Heiland hat uns geboten: „Wachet und betet, daß ihr nicht in Versuchung fallet!“ Markus 14,38. Ernstes Nachdenken und Beten bewahren uns davor, uns unaufgefordert auf den Weg der Gefahr zu begeben; auf diese Weise entgehen wir mancher Niederlage.


Dennoch dürfen wir nicht den Mut verlieren, wenn uns Versuchungen überfallen. Oft bezweifeln wir Gottes Leitung und Führung, wenn wir in eine schwierige Lage kommen. Aber es war die Leitung des Geistes, die den Heiland in die Wüste führte, um von Satan versucht zu werden. Wenn Gott Prüfungen über uns kommen läßt, dann ist es seine Absicht, daß sie zu unserem Besten dienen. Jesus mißbrauchte die Verheißungen Gottes nicht, indem er sich unnötig in Versuchung begab; als aber die Versuchung dennoch über ihn kam, gab er sich keiner Verzagtheit hin. Lernen wir daraus! „Gott ist getreu, der euch nicht läßt versuchen über euer Vermögen, sondern macht, daß die Versuchung so ein Ende gewinne, daß ihr‘s könnet ertragen.“ 1.Korinther 10,13. Darum: „Opfere Gott Dank und erfülle dem Höchsten deine Gelübde und rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten.“ Psalm 50,1415.


Jesus war auch aus der zweiten Versuchung als Sieger hervorgegangen, und nun zeigte sich Satan in seinem wahren Charakter: nicht als furchterregendes Ungeheuer mit Pferdehufen und Fledermausflügeln, sondern als mächtiger Engel, der er trotz seines Abfalls noch immer war. Er bekannte sich nun offen als Empörer und als Gott dieser Welt. Er zeigte Jesus, den er auf einen hohen Berg geführt hatte, alle Reiche der Welt in ihrer ganzen Herrlichkeit. Sonnenlicht lag über der weiten Flur und schien auf die mit Tempeln und Marmorpalästen geschmückten Städte, auf fruchttragende Felder und auf riesige Weinberge. Die Spuren der Sünde waren verborgen. Jesu Augen, die soeben nur Verwüstung und öde Flächen gesehen hatten, wurden jetzt beim Anblick von so viel unvergleichlicher Schönheit gefesselt. Dazu erklang des Versuchers Stimme: „Alle diese Macht will ich dir geben und ihre Herrlichkeit; denn sie ist mir übergeben, und ich gebe sie, welchem ich will. Wenn du nun mich willst anbeten, so soll es alles dein sein.“ Lukas 4,67.


Die Mission Christi konnte nur durch Leiden erfüllt werden. Vor ihm lag ein Leben voller Kummer und Entbehrung; auf ihn warteten schwere Kämpfe und ein schimpflicher Tod. Er mußte die Sünden der ganzen Welt tragen und die Trennung von der Liebe seines Vaters erdulden. Jetzt erbot sich Satan sogar, auf die ganze Macht, die er sich angemaßt hatte, zu verzichten. Es gab für Christus die Möglichkeit, der furchtbaren Zukunft zu entgehen, wenn er die Oberhoheit Satans anerkannte. Das wäre jedoch gleichbedeutend gewesen mit einer Niederlage in diesem Kampf. Satan hatte im Himmel gesündigt, indem er versuchte, sich über den Sohn Gottes zu erheben. Würde er jetzt siegen, dann hätte die Empörung den Triumph davongetragen.


Als Satan erklärte, daß das Reich und die Herrlichkeit der Welt ihm übertragen seien und er sie geben könne, wem er wolle, sagte er nur teilweise die Wahrheit, um seinem Ziel näherzukommen. Einst hatte er Adam sein Reich entrissen; dieser aber war der Statthalter des Schöpfers auf Erden. Er war kein unabhängiger Regent. Die Erde ist des Herrn, und er hat alle Dinge seinem Sohn übergeben; unter dessen Gewalt sollte Adam herrschen. Als dieser seine Herrschaft in Satans Hände geraten ließ, blieb Christus dennoch der rechtmäßige König. So hatte der Herr auch dem König Nebukadnezar gesagt, daß „der Höchste Gewalt hat über die Königreiche der Menschen und sie geben kann, wem er will“. Daniel 4,14. Satan kann seine angemaßte Gewalt nur soweit ausüben, wie Gott es zuläßt.


Als Satan das Reich und die Herrlichkeit der Welt Christus anbot, beabsichtigte er, daß Christus sein Herrscherrecht als König der Welt aufgeben und die Herrschaft nur unter Satan ausüben sollte. Auf eine solche Herrschaft war auch die Hoffnung der Juden gerichtet. Sie verlangten nach dem Reich dieser Welt. Hätte Christus eingewilligt, ihnen ein solches Reich zu geben, dann wäre er von ihnen mit Freuden aufgenommen worden. So aber ruhte der Fluch der Sünde mit all seinem Elend darauf. Christus gebot dem Versucher: „Hebe dich weg von mir, Satan! denn es steht geschrieben: ‚Du sollst anbeten Gott, deinen Herrn, und ihm allein dienen.‘“ Matthäus 4,10.


Satan, der sich im Himmel empört hatte, bot dem Herrn die Reiche dieser Welt an, um dadurch dessen Huldigung für die Grundsätze des Bösen zu erkaufen. Der Herr Jesus aber ließ sich nicht betören. Er war gekommen, ein Reich zu gründen, in dem Gerechtigkeit herrscht. Diesen Vorsatz war er nicht gewillt aufzugeben. An die Menschen tritt Satan mit den gleichen Versuchungen heran, nur hat er bei ihnen mehr Erfolg als bei Christus. Den Menschen bietet er das Reich dieser Welt an unter der Bedingung, daß sie seine Oberhoheit anerkennen. Er verlangt von ihnen, ihre Rechtschaffenheit zu opfern, das Gewissen zu mißachten und der Selbstsucht nachzugeben. Christus gebietet ihnen, zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit zu trachten; doch der Teufel nähert sich den Menschen und flüstert ihnen zu: „Ihr müßt mir dienen! Ganz gleich, was hinsichtlich des ewigen Lebens wahr ist. Ihr müßt mir dienen, wenn ihr in dieser Welt Erfolg haben wollt. Ich halte eure Wohlfahrt in meiner Hand. Ich kann euch Reichtum, Vergnügen, Ehre und Glück geben. Hört auf meinen Rat! Laßt euch nicht von den eigenartigen Ansichten über Ehrlichkeit und Selbstverleugnung beherrschen! Ich will euch euren Weg bahnen.“ — Mit solchen Einflüsterungen werden die Menschen verführt. Sie sind bereit, nur dem eigenen Ich zu dienen, und Satan ist zufrieden. Während er sie mit der Hoffnung auf weltliche Gewalt lockt, gewinnt er die Herrschaft über ihre Seelen. Er bietet ihnen etwas an, was ihm gar nicht gehört und was ihm bald genommen werden wird. Er betrügt die Menschen um ihren Anspruch auf die Erbschaft der Kinder Gottes.


Satan hatte bezweifelt, daß Jesus der Sohn Gottes sei. In den kurzen Zurückweisungen des Herrn erhielt er jedoch Beweise, die er nicht wegleugnen konnte. Die Gottheit brach aus dem leidenden Menschensohn hervor. Satan vermochte dem Befehl nicht zu widerstehen. Obwohl er sich gedemütigt fühlte und sich im Zorn dagegen aufbäumte, war er gezwungen, sich aus der Gegenwart des Weltheilandes zurückzuziehen. Christi Sieg war ebenso vollständig, wie einst die Niederlage Adams vollständig war.


So können auch wir der Versuchung widerstehen und Satan zwingen, von uns zu weichen. Jesus behielt den Sieg durch seinen Gehorsam und Glauben Gott gegenüber. Durch den Mund der Apostel wird uns gesagt: „So seid nun Gott untertänig. Widerstehet dem Teufel, so flieht er von euch. Nahet euch zu Gott, so nahet er sich zu euch.“ Jakobus 4,78. Wir können uns nicht selbst vor der Macht des Versuchers retten; er hat die Menschheit besiegt, und wenn wir versuchen, aus eigener Kraft zu bestehen, werden wir eine Beute seiner Anschläge; aber „der Name des Herrn ist eine feste Burg; der Gerechte läuft dorthin und wird beschirmt“. Sprüche 18,10. Satan zittert und flieht vor der schwächsten Seele, die ihre Zuflucht in jenem mächtigen Namen findet. Der Apostel Johannes hörte bei seiner Schau des Jüngsten Gerichts eine große Stimme im Himmel: „Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich unsres Gottes geworden und die Macht seines Christus, weil der Verkläger unsrer Brüder verworfen ist, der sie verklagte Tag und Nacht vor unsrem Gott. Und sie haben ihn überwunden durch des Lammes Blut und durch das Wort ihres Zeugnisses und haben ihr Leben nicht geliebt bis an den Tod“. Offenbarung 12,1011.


Nachdem sich Satan entfernt hatte, fiel Jesus erschöpft zu Boden, Todesblässe auf seinem Angesicht. Die Engel des Himmels hatten den Kampf beobachtet, sie hatten gesehen, wie ihr geliebter Herr durch dieses namenlose Leid gehen mußte, um für uns Menschen einen Weg zu bahnen, der uns Rettung bringen kann. Er hatte eine größere Probe bestanden, als sie je an uns herantreten wird. Jetzt, da Christus wie tot dalag, kamen die Engel und dienten ihm. Sie stärkten ihn durch Nahrung und durch die Botschaft von der Liebe seines Vaters und trösteten ihn durch die Versicherung, daß der Himmel über seinen Sieg frohlockte. Nachdem sich der Heiland gekräftigt hatte, fühlte sein Herz Mitleid mit den Menschen, und er ging, seine begonnene Aufgabe zu vollenden und nicht zu ruhen, bis der Feind überwunden und unser gefallenes Geschlecht erlöst wäre.


Niemand kann den Preis unserer Erlösung wirklich begreifen, bis die Erlösten mit dem Heiland vor dem Thron Gottes stehen werden. Dann, da die Herrlichkeiten der ewigen Heimat plötzlich unseren entzückten Sinnen sichtbar werden, werden wir daran erinnert, daß Jesus all das für uns verließ, daß ihm nicht nur die himmlischen Vorhöfe verschlossen waren, sondern er für uns auch das Wagnis des Mißlingens und der ewigen Verlorenheit auf sich nahm. Dann werden wir unsere Kronen zu seinen Füßen niederlegen und in das Lied einstimmen: „Das Lamm, das erwürget ist, ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob.“ Offenbarung 5,11. 1152.



Kapitel 14: „Wir haben den Messias gefunden“

 

Auf der Grundlage von Johannes 1,19-51.

 

Johannes der Täufer predigte und taufte bei Bethabara jenseits des Jordans. Nicht weit von dieser Stelle hatte Gott einst den Lauf des Flusses aufgehalten, bis das Volk Israel hindurchgegangen war. In der Nähe dieses Ortes war auch die Feste Jericho durch himmlische Heere gestürmt worden. Alle diese Erinnerungen wurden wieder wachgerufen und verliehen der Botschaft des Täufers aufsehenerregende Bedeutung. Würde der Gott, der in vergangenen Zeiten so wunderbar gewirkt hatte, wiederum seine Macht für die Befreiung Israels offenbaren? Diese Gedanken bewegten die Herzen des Volkes, das sich täglich in großer Zahl an den Ufern des Jordans versammelte.

 

Die Predigten des Täufers hatten einen so tiefen Eindruck auf das Volk gemacht, daß die geistlichen Oberen nicht mehr darauf verzichten konnten, sich mit ihnen zu beschäftigen. Jede öffentliche Versammlung wurde von den Römern, unter deren Herrschaft die Juden standen, mit Argwohn betrachtet, weil sie darin die Gefahr einer Empörung erblickten, und jedes mögliche Anzeichen eines Volksaufstandes erregte die Befürchtungen der jüdischen Obrigkeit. Johannes hatte die Autorität des Hohen Rates nicht anerkannt und diesen nicht um Erlaubnis für sein Wirken gefragt. Auch hatte er ohne Ansehen der Person sowohl das Volk als auch seine Obersten, Pharisäer und Sadduzäer, getadelt. Das Volk folgte ihm dennoch mit Eifer und, wie es schien, mit wachsender Anteilnahme. Obgleich Johannes beim Hohen Rat nie darum nachgesucht hatte, rechnete ihn dieser als öffentlichen Lehrer unter seine Gerichtsbarkeit.

 

Dieser Körperschaft gehörten gewählte Mitglieder aus dem Priesterstand, aus den Obersten und Lehrern des Volkes an. Der Hohepriester war gewöhnlich der Vorsitzende. Alle Mitglieder dieses Rates mußten Männer im besten Alter sein; gelehrte Männer, die nicht allein in der jüdischen Religion und Geschichte, sondern auch in den allgemeinen Wissenschaften bewandert waren. Sie durften keine körperlichen Gebrechen haben, mußten verheiratet sein und Kinder besitzen, um sich mehr als andere menschlich und rücksichtsvoll benehmen zu können. Ihr Versammlungsort war ein mit dem Tempel verbundener Raum. Zur Zeit der jüdischen Unabhängigkeit vertrat der Hohe Rat oder Sanhedrin, der sowohl weltliche als auch geistliche Gewalt besaß, die höchste Gerichtsbarkeit des Volkes. Obgleich er jetzt den römischen Statthaltern untergeordnet war, übte er dennoch einen großen Einfluß in bürgerlichen und religiösen Fragen aus.

 

Der Hohe Rat konnte nicht gut umhin, eine Untersuchung über das Wirken des Täufers einzuleiten. Einige besannen sich auf die Offenbarung des alten Zacharias im Tempel und erinnerten sich der Weissagung, die den jungen Johannes als Vorläufer des Messias gekennzeichnet hatte. In den Unruhen und Wechselfällen der letzten dreißig Jahre hatte man diese Hinweise nahezu vergessen; nun aber gedachte man ihrer in der Erregung, die durch die Predigt des Täufers entstanden war.

 

Es war schon geraume Zeit her, seit in Israel ein Prophet gewirkt und das Volk eine Umwandlung erlebt hatte, wie sie sich jetzt wieder vorbereitete. Das Gebot, die Sünden zu bekennen, schien neu und überraschend. Die meisten Mitglieder des Hohen Rates scheuten sich hinzugehen und die Warnrufe und Anklagen des Täufers selbst anzuhören. Sie fürchteten, von Johannes ihres sündhaften Lebens überführt zu werden. Unverkennbar war die Predigt des Täufers eine unmittelbare Ankündigung des Messias. Es war wohl bekannt, daß die siebzig Wochen aus der Weissagung Daniels, welche die Ankunft des Messias einschlossen, fast verflossen waren, und jeder wollte an dem Zeitalter der nationalen Herrlichkeit, das dann erwartet wurde, Anteil haben. Die Begeisterung des Volkes war derart, daß sich der Hohe Rat veranlaßt sah, dem Wirken des Johannes entweder zuzustimmen oder es zu verwerfen. Die Macht des Rates über das Volk war schon bedenklich ins Wanken geraten, und es ergab sich die ernste Frage, wie seine Autorität gewahrt werden konnte. In der Hoffnung, zu irgendeinem Entschluß zu kommen, sandte man eine Abordnung von Priestern und Leviten an den Jordan, um sich mit dem neuen Lehrer zu befassen.

 

Eine große Volksmenge lauschte den Worten des Johannes, als die Abgeordneten des Hohen Rates sich dem Jordan näherten. Die hochmütigen Rabbiner trugen ein betont vornehmes Wesen zur Schau, um das Volk zu beeindrucken und die Ehrerbietung des Propheten herauszufordern. Respektvoll, ja geradezu furchtsam teilte sich die Menge beim Herannahen der Priester, um sie vorbeizulassen. Die großen Männer in ihren prächtigen Gewändern, in ihrem selbstbewußten Stolz und in ihrer Würde standen jetzt vor dem „Prediger in der Wüste“.

 

„Wer bist du?“ wollten sie wissen.

Johannes, der ihre Gedanken erriet, erwiderte: „Ich bin nicht der Christus.“

Sie fragten ihn: „Was denn? Bist du Elia?“

Er sprach: „Ich bin‘s nicht.“

„Bist du der Prophet?“

„Nein.“

Da sprachen sie zu ihm: „Was bist du denn? daß wir Antwort geben denen, die uns gesandt haben.

Was sagst du von dir selbst?“

„Ich bin eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Richtet den Weg des Herrn! wie der Prophet Jesaja

gesagt hat.“ Johannes 1,19-23.

 

Die Schriftstelle, auf die Johannes hier verwies, war jene herrliche Weissagung: „Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und prediget ihr, daß ihre Knechtschaft ein Ende hat, daß ihre Schuld vergeben ist ... Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden; denn die Herrlichkeit des Herrn soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des Herrn Mund hat‘s geredet.“ Jesaja 40,1-5.

 

Wenn im Altertum ein König durch weniger bevölkerte Teile seines Gebietes reiste, wurde dem fürstlichen Wagen eine Abteilung Männer vorausgeschickt, um etwaige unebene Wegstellen auszubessern, damit der König ungefährdet und unbehindert reisen konnte. Dieses Bild gebrauchte der Prophet, um das Wirken des Evangeliums zu veranschaulichen. „Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden.“ Wenn der Geist Gottes mit seiner wunderbaren Kraft die Seele berührt und erweckt, wird der menschliche Stolz gedemütigt; weltliche Vergnügungen, Macht und menschliche Ehre werden als wertlos angesehen. Die „Anschläge und alles Hohe, das sich erhebt wider die Erkenntnis Gottes“, werden zunichte, und jeder Gedanke wird gefangengenommen „unter den Gehorsam Christi“. 2.Korinther 10,5. Demut und selbstlose Liebe, die sonst unter den Menschen wenig geschätzt werden, stehen dann hoch im Wert. Dahin geht das Bemühen des Evangeliums, von dem die Botschaft des Täufers ein Teil war.

 

Die Schriftgelehrten setzten ihre Befragung fort: „Warum taufst du denn, wenn du nicht der Christus bist noch Elia noch der Prophet?“ Johannes 1,25. Die Worte „der Prophet“ bezogen sich auf Mose. Die Juden waren der Auffassung, daß Mose von den Toten auferstehen und zum Himmel auffahren würde. Sie wußten nicht, daß er längst auferstanden war. Als der Täufer seinen Dienst aufnahm, dachten viele, er wäre der von den Toten auferstandene Mose, denn er schien sehr genau über die Prophezeiungen und die Geschichte Israels Bescheid zu wissen. Sie dachten auch, daß vor dem Kommen des Messias Elia persönlich erscheinen würde. Dieser Erwartung begegnete Johannes in seiner verneinenden Antwort, doch hatten seine Worte eine sehr viel tiefere Bedeutung. Jesus sagte später, indem er auf Johannes verwies: „So ihr‘s wollt annehmen: er ist der Elia, der da kommen soll.“ Matthäus 11,14. Johannes kam im Geist und in der Kraft des Elia, die Werke zu tun, die auch Elia getan hatte. Hätten die Juden ihn angenommen, dann würde er auch dessen Werk für sie ausgeführt haben. Doch sie nahmen seine Botschaft nicht an; denn, für sie war er nicht Elia. So konnte er für sie nicht die Aufgabe ausführen, die zu erfüllen er gekommen war.

 

Viele von denen, die sich am Jordan versammelten, waren bei der Taufe Jesu dabeigewesen; doch das dort gegebene Zeichen war nur wenigen in seiner Bedeutung bewußt geworden. Während der vorangegangenen monatelangen Tätigkeit des Täufers hatten viele es verschmäht, den Bußruf zu beachten. Dadurch waren ihre Herzen verhärtet und ihr Verstand hatte sich verdunkelt. Als der Himmel bei der Taufe Jesu von ihm Zeugnis ablegte, verstanden sie es nicht. Augen, die sich niemals voller Vertrauen ihm zugewandt hatten, blieb die Offenbarung der Herrlichkeit Gottes verborgen. Ohren, die niemals seiner Stimme gelauscht hatten, hörten auch nicht die Worte des Zeugnisses. So ist es auch heute. Häufig ist die Gegenwart Christi und der Engel in den Zusammenkünften der Menschen offenbar geworden, und dennoch gibt es viele, die nichts davon wissen. Sie nehmen nichts Ungewöhnliches wahr. Doch einigen ist die Gegenwart des Heilandes offenbart, Frieden und Freude beleben ihre Herzen. Sie sind getröstet, ermutigt und gesegnet.

 

Die Abgeordneten des Hohen Rates hatten Johannes weiter gefragt: „Warum taufst du denn?“, und sie warteten auf seine Antwort. Plötzlich, als sein Blick die Menge überflog, strahlten seine Augen, sein Antlitz leuchtete und sein ganzes Wesen war von tiefer Bewegung erfüllt. Mit ausgestreckten Händen rief er: „Ich taufe mit Wasser; aber er ist mitten unter euch getreten, den ihr nicht kennet. Der ist‘s, der nach mir kommen wird, des ich nicht wert bin, daß ich seine Schuhriemen auflöse.“ Johannes 1,26, 27. Das war eine klare, unzweideutige Botschaft, die dem Hohen Rat gebracht werden sollte. Die Worte des Täufers konnten sich auf niemand anders als auf den schon lange Verheißenen beziehen. Der Messias befand sich unter ihnen! Bestürzt blickten die Priester und Obersten um sich, um den zu finden, von dem Johannes gesprochen hatte, aber es war unter der großen Menschenmenge nichts von ihm zu sehen.

 

Als Johannes bei der Taufe Jesu auf ihn als das Lamm Gottes wies, fiel neues Licht auf die Aufgabe des Messias. Der Sinn des Propheten wurde auf die Worte des Jesaja gelenkt, der davon gesprochen hatte, daß er [der Messias] wäre „wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird“. Jesaja 53,7 (Bruns). Während der folgenden Wochen studierte Johannes mit neuerwachter Aufmerksamkeit die Weissagungen und die Lehren des Opferdienstes. Er unterschied zwar nicht klar die zwei Phasen der Tätigkeit Christi — einmal als leidendes Opfer, zum andern als obsiegender König —, doch er sah, daß dessen Kommen eine tiefere Bedeutung hatte, als von den Priestern oder dem Volk erkannt worden war. Als er Jesus bei dessen Rückkehr aus der Wüste unter der Menge erblickte, hoffte er zuversichtlich, daß er dem Volk irgendein Zeichen seiner Göttlichkeit geben würde. Fast ungeduldig wartete er darauf, daß der Heiland seine Mission erklärte; doch kein Wort fiel, und kein Zeichen wurde gegeben. Jesus ging nicht auf die Ankündigung des Täufers ein, sondern mischte sich unter die Anhänger des Johannes und gab weder ein äußerliches Zeichen seiner besonderen Aufgabe, noch unternahm er etwas, um die Aufmerksamkeit auf sich selbst zu lenken.

 

Am nächsten Tag sah der Täufer Jesus herankommen. Erfüllt von der Herrlichkeit Gottes, streckte der Prophet seine Hände aus und rief: „‚Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt!‘ Dieser ist‘s, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, welcher vor mir gewesen ist, denn er war eher als ich. Und ich kannte ihn nicht; sondern auf daß er offenbar würde in Israel, darum bin ich gekommen, zu taufen mit Wasser ... Ich sah, daß der Geist herabfuhr wie eine Taube vom Himmel und blieb auf ihm, und ich kannte ihn nicht. Aber der mich sandte, zu taufen mit Wasser, der sprach zu mir: Über welchen du sehen wirst den Geist herabfahren und auf ihm bleiben, der ist‘s, der mit dem heiligen Geist tauft. Und ich sah es und bezeugte, daß dieser ist Gottes Sohn.“ Johannes 1,29-34.

 

War dieser Christus? Mit heiliger Scheu und Verwunderung sahen die Menschen auf den, der soeben als der Sohn Gottes bezeichnet worden war. Die Worte des Täufers hatten tiefen Eindruck auf sie gemacht; denn sie waren im Namen Gottes zu ihnen gesprochen. Sie hatten ihm Tag für Tag zugehört, wenn er ihre Sünden rügte, und sie waren täglich in der Überzeugung bestärkt worden, daß er vom Himmel gesandt sei. Wer aber war dieser, der größer als der Täufer sein sollte? In seiner Kleidung und Haltung war nichts, was seinen besonderen Rang gekennzeichnet hätte. Er schien ein gewöhnlicher Mensch zu sein, gekleidet mit dem einfachen Gewand der Armen.

 

Unter der Menge waren etliche, die bei der Taufe Christi die göttliche Herrlichkeit gesehen und die Stimme Gottes gehört hatten. Aber seit jener Zeit hatte sich das Aussehen des Heilandes doch stark verändert. Bei der Taufe war sein Angesicht durch das Licht vom Himmel verklärt, jetzt war es bleich, matt und abgezehrt; nur Johannes der Täufer hatte ihn erkannt. Als aber das Volk ihn anschaute, sah es ein Angesicht, in dem sich göttliches Erbarmen mit bewußter Stärke verband. Jeder Blick, jeder Zug sprach von Demut und unermeßlicher Liebe. Ein starker geistlicher Einfluß ging von ihm aus. Während sein Benehmen sanft und anspruchslos war, gewannen die Menschen doch den Eindruck, als sei in ihm eine Macht verborgen, die dennoch nicht ganz unsichtbar bleiben konnte. War dies der Verheißene, auf den Israel so lange gewartet hatte?

 

Jesus kam in Armut und Erniedrigung, damit er sowohl unser Vorbild als auch unser Erlöser sein konnte. Wenn er in königlicher Pracht erschienen wäre, wie hätte er Demut lehren, wie hätte er solch durchdringende Wahrheiten wie in der Bergpredigt äußern können? Wo wäre die Hoffnung der Erniedrigten geblieben, wäre Jesus gekommen, um als König unter den Menschen zu wohnen? Der Menge schien es dennoch unmöglich, daß dieser Eine, von Johannes angekündigt, mit ihren hochfliegenden Erwartungen im Zusammenhang stehen sollte. Dadurch wurden viele enttäuscht und zutiefst verwirrt. Die Worte, die die Priester und Rabbiner so gern hören wollten, daß Jesus nun die Königsherrschaft in Israel wiederaufrichten würde, blieben ungesprochen. Auf solch einen König hatten sie gewartet und nach ihm Ausschau gehalten. Solch einen König wollten sie gern empfangen. Doch einen, der ein Königreich der Gerechtigkeit und des Friedens nur in ihren Herzen errichten wollte, den würden sie nicht annehmen.

 

Am nächsten Tag sah Johannes, in dessen Nähe zwei Jünger standen, Jesus erneut unter dem Volk. Wiederum hellte sich der Blick des Täufers auf von der Herrlichkeit des Unsichtbaren, und er rief aus: „Siehe, das ist Gottes Lamm!“ Diese Worte ergriffen die Herzen der Jünger, obgleich sie deren Sinn nicht ganz verstanden. Was bedeutete der Name, den Johannes ihm gab — „Gottes Lamm“? Der Täufer hatte ihn nicht erklärt.

 

Die Jünger verließen den Täufer und gingen, den Heiland zu suchen. Einer dieser beiden war Andreas, der Bruder des Simon Petrus; der andere war Johannes, der Evangelist. Sie wurden die ersten Jünger Jesu. Getrieben von einem unwiderstehlichen Gefühl, folgten sie ihm und begehrten mit ihm zu reden und schwiegen dennoch vor Ehrfurcht, überwältigt von dem Gedanken: Ist dieser der Messias? Jesus wußte, daß ihm die Jünger folgten. Sie waren die Erstlingsfrucht seines Wirkens, und das Herz des göttlichen Lehrers freute sich, als diese Seelen sich von seiner Gnade bewegen ließen. Dennoch wandte er sich um und fragte: „Was suchet ihr?“ Johannes 1,3839. Er wollte ihnen die Freiheit lassen, umzukehren oder ihren Wunsch auszusprechen. Die Jünger waren sich aber nur eines bewußt: seine Gegenwart erfüllte ihre Gedanken. Sie sprachen: „Rabbi, wo bist du zur Herberge?“ In einer kurzen Unterhaltung am Wege konnten sie nicht das empfangen, wonach sie sich sehnten. Sie wollten mit Jesus allein sein, zu seinen Füßen sitzen und seine Worte hören. Da sprach der Herr zu ihnen: „Kommt und sehet! Sie kamen und sahen‘s und blieben den Tag bei ihm.“ Johannes 1,3839.

 

Wären Johannes und Andreas so ungläubigen Geistes gewesen wie die Priester und Obersten, dann hätten sie nicht als willige Schüler zu den Füßen des Herrn gesessen. Sie hätten sich vielmehr Jesus als Kritiker genaht und über seine Worte gerechtet. So verschließen sich viele den guten Gelegenheiten im geistlichen Leben. Diese Jünger Christi jedoch handelten anders. Sie hatten dem Ruf des Heiligen Geistes in der Predigt des Täufers Gehör geschenkt und erkannten nun auch die Stimme des himmlischen Lehrers. Ihnen waren die Worte Jesu voller Frische, Wahrheit und Schönheit. Göttliche Erleuchtung erhellte die Lehren der alttestamentlichen Schriften und ließ die mannigfaltigen Leitbilder der Wahrheit in einem ganz neuen Licht erscheinen.

 

Es sind Reue, Glaube und Liebe, die die Seele befähigen, die Wahrheit Gottes zu erkennen. Der Glaube, der durch die Liebe wirkt, ist der Schlüssel der Erkenntnis. Jeder, der liebt, kennt auch den Schöpfer. Der Jünger Johannes war ein Mann von ernstem, tiefem Gemüt, heftig und dennoch nachdenklich. Er hatte begonnen, die Herrlichkeit Christi zu erkennen — nicht den weltlichen Prunk und die Macht, auf die zu hoffen er gelehrt worden war, sondern „seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit, wie sie der einzige [Sohn] von seinem Vater hat, voll Gnade und Wahrheit“. Johannes 1,14 (Zürcher). Er war von dem Gedanken an diese wunderbare Erkenntnis ganz in Anspruch genommen.

 

Andreas verlangte danach, die Freude, die sein Herz erfüllte, mitzuteilen; er suchte seinen Bruder Simon und rief: „Wir haben den Messias gefunden.“ Johannes 1,41. Simon bedurfte keiner weiteren Aufforderung. Auch er hatte der Predigt des Täufers gelauscht und eilte zum Heiland. Christus sah ihn an, erkannte seinen Charakter und den Lauf seines Lebens. Seine leidenschaftliche Natur, sein liebendes, teilnahmsvolles Herz, sein Ehrgeiz und sein Selbstvertrauen, die Geschichte seines Falls, seine Reue, sein Wirken und sein Märtyrertod — all das lag offen vor Jesu durchdringendem Blick, und er sagte: „Du bist Simon, des Johannes Sohn; du sollst Kephas heißen, das wird verdolmetscht: Fels.“ Johannes 1,42. „Des andern Tages wollte Jesus wieder nach Galiläa ziehen und findet Philippus und spricht zu ihm: Folge mir nach!“ Johannes 1,43. Philippus gehorchte dieser Aufforderung und bekannte sich sofort als ein Mitstreiter Christi. Philippus rief Nathanael. Dieser war unter der Menge gewesen, als der Täufer Jesus als Lamm Gottes bezeichnet hatte. Als Nathanael Jesus erblickte, war er enttäuscht. Konnte dieser Mann, der die Spuren von Arbeit und Armut an sich trug, der Messias sein? Doch Nathanael konnte sich nicht dazu entschließen, Jesus zu verwerfen; die Botschaft des Johannes hatte ihn überzeugt.

 

Als Philippus ihn suchte, hatte er sich gerade in einen stillen Hain zurückgezogen und dachte über die Ankündigung des Johannes und über die Prophezeiung hinsichtlich des Messias nach. Er betete zu Gott um die Gewißheit, ob der von dem Täufer Verkündigte der Befreier Israels sei. Die Gegenwart des Heiligen Geistes versicherte dem stillen Beter, daß Gott sein Volk besucht und ein „Horn des Heils“ aufgerichtet habe. Philippus wußte, daß sein Freund die Weissagungen durchforschte, und während Nathanael gerade unter einem Feigenbaum betete, fand er ihn. Oft hatten sie an diesem entlegenen Ort, von Laubwerk verborgen, zusammen gebetet. Die Botschaft: „Wir haben den gefunden, von welchem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben“ schien Nathanael eine unmittelbare Antwort auf sein Gebet zu sein. Der Glaube des Philippus war noch schwach, und er fügte seiner Botschaft mit leisem Zweifel hinzu: „Jesus, Josephs Sohn von Nazareth.“ Da wurde Nathanaels Vorurteil aufs neue wach, und er rief aus: „Was kann von Nazareth Gutes kommen?“

 

Philippus ließ sich auf keinerlei Fragen ein. Er wies Nathanaels Fragen ab mit den Worten: „Komm und sieh es!“ Johannes 1,4546. „Jesus sah Nathanael kommen und spricht von ihm: Siehe, ein rechter Israelit, in welchem kein Falsch ist.“ Höchst überrascht sprach Nathanael: „Woher kennst du mich? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Ehe denn dich Philippus rief, da du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich.“ Das genügte. Der göttliche Geist, der sich zu Nathanaels einsamem Gebet unter dem Feigenbaum bezeugt hatte, sprach jetzt zu ihm in den Worten Jesu. Obwohl noch nicht frei von Vorurteil und Zweifel, war Nathanael mit dem aufrichtigen Verlangen nach Wahrheit zu Jesus gekommen, und nun wurde sein Verlangen gestillt. Sein Glaube übertraf noch den Glauben dessen, der ihn zu Jesus gebracht hatte. Er antwortete dem Herrn: „Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel!“ Johannes 1,47-49.

 

Hätte sich Nathanael der Führung der Rabbiner anvertraut, würde er Jesus nie gefunden haben. Aus eigener Erfahrung und Überzeugung wurde er ein Jünger Jesu. Noch heute lassen sich viele Menschen aus Vorurteil vom Guten fernhalten. Wie ganz anders gestaltete sich ihr Leben, wenn sie wie einst Nathanael kommen und sehen würden! Niemand wird zur errettenden Erkenntnis der Wahrheit gelangen, der sich der Führung menschlicher Autoritäten anvertraut. Wir müssen wie Nathanael das Wort Gottes selbst prüfen und um die Erleuchtung durch den Heiligen Geist bitten. Er, der Nathanael unter dem Feigenbaum sah, wird auch uns sehen, wo wir auch beten mögen. Himmlische Wesen sind denen nahe, die demütig nach göttlicher Führung verlangen.

 

Mit der Berufung von Johannes, Andreas, Simon, Philippus und Nathanael begann die Gründung der christlichen Gemeinde. Johannes der Täufer wies zwei seiner Jünger zu Jesus. Der eine von diesen, Andreas, fand seinen Bruder und führte ihn zum Heiland. Dann wurde Philippus berufen, und dieser suchte und fand Nathanael. Diese Beispiele mögen uns die Wichtigkeit der persönlichen Bemühungen an unseren Verwandten, Freunden und Nachbarn zeigen. Es gibt viele, die angeblich in bester Verbindung mit Gott leben; dennoch haben sie sich noch niemals persönlich darum bemüht, auch nur eine Seele zum Heiland zu führen. Sie überlassen diese Arbeit dem Geistlichen. Dieser kann für seine Aufgabe wohl befähigt sein; er kann aber nicht das tun, was Gott den Gliedern seiner Gemeinde aufgetragen hat.

 

Dann gibt es viele, die des Dienstes liebender Herzen bedürfen. Schon mancher ist ins Verderben gekommen, der gerettet worden wäre, wenn seine Freunde, Nachbarn und Bekannten sich um ihn gekümmert hätten. Viele warten sogar darauf, daß man sich persönlich an sie wendet. Besonders in der Familie, in der Nachbarschaft und in der weiteren Umgebung gibt es für uns als Missionare Christi viel zu tun. Wenn wir Christen sind, wird uns eine solche Arbeit Freude machen. Sobald jemand aufrichtig bekehrt ist, verlangt ihn danach, anderen mitzuteilen, welchen köstlichen Freund er in Jesus gefunden hat. Die errettende und heiligende Wahrheit läßt sich nicht im Herzen verschließen. Alle dem Herrn Geweihten werden seine Werkzeuge sein, um anderen Licht zu bringen und ihnen von dem Reichtum seiner Gnade zu erzählen. „Ich will sie und alles, was um meinen Hügel her ist, segnen und auf sie regnen lassen zu rechter Zeit. Das sollen gnädige Regen sein.“ Hesekiel 34,26.

 

Philippus sprach zu Nathanael: „Komm und sieh es!“ Er bat ihn nicht, das Zeugnis eines anderen anzunehmen, sondern Christus mit eigenen Augen zu sehen. Seit Jesus zum Himmel aufgefahren ist, sind seine Nachfolger seine Beauftragten unter den Menschen; und einer der wirksamsten Wege, Seelen für ihn zu gewinnen, besteht darin, seinen Charakter in unserem täglichen Leben beispielhaft zu veranschaulichen. Unser Einfluß, den wir auf andere ausüben, hängt nicht so sehr von dem ab, was wir sagen, als vielmehr von dem, was wir sind. Die Menschen mögen unser vernünftiges Denken bekämpfen und ihm die Stirn bieten, sie mögen unseren Aufforderungen widerstehen, doch ein Leben selbstloser Liebe ist ein Argument, dem sie nicht widersprechen können. Ein konsequentes Leben, das gekennzeichnet ist durch die Sanftmut Christi, ist eine Macht in der Welt.

 

Die Lehre Christi war der Ausdruck einer tief innerlichen Überzeugung und Erfahrung, und jene, die von ihm lernen, werden Lehrer sein nach der himmlischen Weise. Das Wort Gottes, durch jemand verkündigt, der selbst durch das Wort geheiligt ist, hat eine lebenspendende Kraft, die die Hörer fesselt und sie davon überzeugt, daß es eine lebendige Wirklichkeit ist. Wenn jemand die Wahrheit in Liebe empfangen hat, wird er dies durch die Überzeugungskraft seines Auftretens bekunden und durch den Klang seiner Stimme zum Ausdruck bringen. Er tut kund, daß das, was er selbst gehört und gesehen und was ihn berührt hat von dem Wort des Lebens, andere durch die Erkenntnis Christi zur Gemeinschaft mit ihm führen kann. Sein Zeugnis ist Wahrheit für empfängliche Herzen und heiligt den Charakter, sofern es von Lippen kommt, die mit einer glühenden Kohle vom Altar berührt worden sind. Jesaja 6,67.

 

Wer anderen Licht zu bringen sucht, wird selbst gesegnet werden. „Das sollen gnädige Regen sein.“ — „Wer reichlich tränkt, der wird auch getränkt werden.“ Hesekiel 34,26; Sprüche 11,25. Gott könnte sein Ziel, Sünder zu retten, auch ohne unsere Mithilfe erreichen, doch damit wir einen Charakter entfalten können, der dem Charakter Christi gleichkommt, müssen wir zu seinem Werk beitragen. Um zu seiner Freude einzugehen — der Freude nämlich, Seelen zu sehen, die durch sein Opfer erlöst wurden —, müssen wir an seinem Wirken für ihre Erlösung teilhaben.

 

Nathanaels erste Versicherung seines Glaubens — so hingebungsvoll, ernst und aufrichtig — war daher Musik in den Ohren Jesu. Und er „antwortete und sprach zu ihm: Du glaubst, weil ich dir gesagt habe, daß ich dich gesehen habe unter dem Feigenbaum; du wirst noch Größeres als das sehen“. Johannes 1,50. Der Heiland schaute mit Freuden auf die vor ihm liegende Aufgabe, den Armen das Evangelium zu predigen, die zerstoßenen Herzen zu heilen und den Gefangenen Satans die Freiheit zu verkündigen. Eingedenk der köstlichen Segnungen, die er den Menschen gebracht hatte, fügte er hinzu: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf und herab fahren auf des Menschen Sohn.“ Johannes 1,51.

 

Dem Sinne nach sagte Christus: Am Ufer des Jordans öffnete sich der Himmel, und der Heilige Geist kam auf mich herab gleich einer Taube. Dies geschah zum Zeugnis, daß ich Gottes Sohn bin. Und wer dies glaubt, dessen Glaube wird lebendig sein, und er wird sehen, daß der Himmel offen ist, um sich nie wieder für ihn zu schließen; denn ich habe ihn für die Gläubigen geöffnet. Die Engel Gottes steigen hinauf und tragen die Gebete der Notleidenden und Bedrückten zum Vater empor und fahren herab, um den Menschenkindern Segen und Hoffnung, Mut, Hilfe und Leben zu bringen. Unaufhörlich bewegen sich die Engel Gottes von der Erde zum Himmel und vom Himmel zur Erde. Sie waren es auch, durch welche die Wunder des Heilandes an den Kranken und Leidenden gewirkt wurden. So gelangen auch die Segnungen Gottes zu uns, durch den Dienst der himmlischen Boten. Indem der Heiland menschliche Natur annahm, verband er seine Belange mit denen des gefallenen Menschengeschlechts, während er durch seine Göttlichkeit den Thron Gottes in Anspruch nimmt. Dadurch ist Christus der Mittler geworden zwischen Gott und den Menschen — zwischen uns und dem himmlischen Vater. 1281.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 15: Auf der Hochzeit zu Kana

 

Auf der Grundlage von Johannes 2,1-11.

 

Jesus begann seinen Dienst nicht mit großen Worten vor dem Hohen Rat, sondern bei einer häuslichen Familienfestlichkeit in einem kleinen galiläischen Dorf, und zwar anläßlich der Hochzeit zu Kana. Hier offenbarte er seine Macht und bewies dadurch seine Anteilnahme am menschlichen Erleben. Er wollte dazu beitragen, das Leben der Menschen froher und glücklicher zu machen. In der Wüste hatte er selbst den Leidenskelch getrunken; nun kam er, um den Menschen den Kelch der Segnungen zu vermitteln und durch seinen Segen auch die verwandtschaftlichen Beziehungen der Menschen zu heiligen. Vom Jordan kehrte Jesus nach Galiläa zurück. In Kana, nicht weit von Nazareth, sollte bei Verwandten seiner Eltern eine Hochzeit stattfinden. Jesus war mit seinen Jüngern zur Teilnahme am Fest eingeladen.

 

Hier traf er nach längerer Trennung seine Mutter wieder. Maria hatte von den Ereignissen am Jordan anläßlich seiner Taufe gehört. Berichte waren bis nach Nazareth gedrungen, und diese Nachrichten hatten aufs neue alle in ihrem Herzen verborgenen Erinnerungen wachgerufen. Wie das ganze Israel war auch sie tief bewegt von der Sendung des Täufers. Sie erinnerte sich gut der Verheißungen, die bei seiner Geburt gegeben worden waren. Jetzt wurden ihre Hoffnungen abermals belebt durch des Täufers innige Verbindung mit Jesus. Aber auch von Jesu seltsamem Verschwinden in die Wüste hatte sie Kunde erhalten, und ihr Herz war daher von beunruhigenden Ahnungen erfüllt.

 

Von dem Tage an, da Maria die Ankündigung des Engels in ihrem Heim zu Nazareth vernommen hatte, war jedes Zeugnis, das Jesus als Messias auswies, gewissenhaft von ihr bewahrt worden. Sein reines, selbstloses Leben gab ihr Gewißheit, daß er der von Gott Gesandte war. Dennoch wurde sie oft von Zweifeln und Enttäuschungen heimgesucht, und sie sehnte sich nach der Zeit, da seine Herrlichkeit offenbar werden würde. Joseph, der mit ihr das Geheimnis der Geburt Jesu geteilt hatte, war schon gestorben, und Maria hatte niemand, mit dem sie über ihre Hoffnungen und Befürchtungen sprechen konnte. Die beiden letzten Monate waren für sie recht traurig gewesen. Von Jesus, dessen Mitgefühl ihr stets den besten Trost gegeben hatte, war sie getrennt gewesen. Sie hatte viel über die Worte Simeons: „Auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen“ (Lukas 2,35) nachdenken müssen; ihr waren auch die drei Tage schwerer Seelenangst ins Gedächtnis gekommen, an denen sie geglaubt hatte, Jesus für immer verloren zu haben. So hatte sie nun mit sorgendem Herzen seine Rückkehr erwartet.

 

Auf der Hochzeit zu Kana trifft sie Jesus wieder — denselben liebevollen, pflichtgetreuen Sohn. Und doch ist Jesus nicht derselbe geblieben. Sein Aussehen hat sich verändert. Die Spuren seines seelischen Ringens in der Wüste haben sich ihm eingegraben, und ein bisher nicht erkennbar gewesener Ausdruck von Würde und Hoheit zeugt von seiner göttlichen Sendung. Um ihn ist eine Schar junger Männer, deren Augen ehrfürchtig auf ihn sehen und die ihn Meister nennen. Diese Begleiter berichten Maria, was sie bei Jesu Taufe und auch bei anderen Gelegenheiten gehört und gesehen haben, und schließen mit dem Zeugnis: „Wir haben den gefunden, von welchem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben.“ Johannes 1,45.

 

Während die Gäste sich versammeln, scheinen viele von ihnen durch eine Angelegenheit von besonderer Bedeutung in Anspruch genommen zu sein. Eine schlecht unterdrückte Erregung herrscht unter den Anwesenden. Kleine Gruppen stehen zusammen und unterhalten sich mit lebhafter aber leiser Stimme und richten ihre verwunderten Blicke auf den Sohn der Maria. Als Maria der Jünger Zeugnis über Jesus gehört hatte, war ihr Herz von der freudigen Gewißheit erfüllt, daß ihre langgehegten Hoffnungen sich nun bald erfüllen würden. In menschlich begreiflicher Weise mischte sich in die heilige Freude auch der natürliche Stolz einer liebenden Mutter. Als sie die vielen auf Jesus gerichteten Blicke bemerkte, sehnte sie sich danach, ihr Sohn möge der Hochzeitsgesellschaft einen Beweis geben, daß er wirklich der Geehrte Gottes wäre. Sie hoffte, Jesus fände eine Gelegenheit, für sie ein Wunder zu wirken.

 

Eine Hochzeitsfeier in jener Zeit dauerte gewöhnlich mehrere Tage. Bei diesem Fest stellte sich heraus, daß der Vorrat an Wein nicht ausreichte, und diese Wahrnehmung verursachte Sorge und Bedauern. Es war Sitte, bei festlichen Gelegenheiten reichlich Wein zu spenden; ein Verstoß gegen diese Regel wäre ein Mangel an Gastfreundschaft gewesen. Maria hatte bei den Vorbereitungen zum Fest mitgeholfen und sagte jetzt zu Jesus: „Sie haben nicht Wein.“ Diese Worte sollten ein Wink für ihn sein, dem Mangel abzuhelfen. Aber Jesus antwortete: „Weib, was geht‘s dich an, was ich tue? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“ Johannes 2,34.

 

Diese uns schroff erscheinende Antwort drückte jedoch keine Kälte oder Unhöflichkeit aus. Sie entsprach durchaus der damaligen orientalischen Gepflogenheit. Man bediente sich dieser Anrede bei Personen, denen man Achtung erweisen wollte. Jede Handlung Christi auf Erden entsprach dem von ihm selbst gegebenen Gebot: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren!“ Als er am Kreuz seiner Mutter die letzte Fürsorge erwies, indem er sie der Obhut seines Lieblingsjüngers Johannes anbefahl, redete er sie in der gleichen Weise an. Sowohl auf der Hochzeit zu Kana als auch am Kreuz erklärte die in seinem Tonfall, seinem Blick und seinem Verhalten zum Ausdruck kommende Liebe die Bedeutung seiner Worte.

 

Bei seinem Besuch als Knabe im Tempel, als das Geheimnis seiner Lebensaufgabe sich ihm enthüllte, hatte er zu Maria gesagt: „Wisset ihr nicht, daß ich sein muß in dem, das meines Vaters ist?“ Lukas 2,49. Diese Worte enthüllen den Grundton seines ganzen Lebens und Wirkens auf dieser Erde. Alles mußte sich seiner hohen Aufgabe, die zu erfüllen er gekommen war, unterordnen. Jetzt wiederholte er diese Lehre. Die Gefahr lag nahe, daß Maria durch ihre Verwandtschaft mit Jesus ein besonderes Anrecht auf ihn geltend machen wollte und zugleich den Anspruch, ihn in seiner Aufgabe bis zu einem gewissen Grade zu leiten. Dreißig Jahre lang war er ihr ein liebender und gehorsamer Sohn gewesen, und an seiner Liebe zu ihr hatte sich nichts geändert; doch nun mußte er das Werk seines himmlischen Vaters beginnen. Als Sohn des Allerhöchsten und als Heiland der Welt durften ihn keine irdischen Bande bei der Erfüllung seiner Aufgabe beeinflussen. Er mußte bei der Ausübung des göttlichen Willens frei und unbehindert sein. Hierin liegt eine Lehre für uns. Gottes Ansprüche stehen höher als die Bande menschlicher Verwandtschaft. Nichts Irdisches darf so anziehend für uns sein, daß unsere Füße sich von dem Pfad abwenden, den Gott uns gehen heißt.

 

Die einzige Hoffnung auf Erlösung des gefallenen Menschengeschlechts liegt in Christus; selbst Maria konnte nur durch das Lamm Gottes Erlösung finden. Sie besaß keinerlei Verdienste bei sich selbst. Ihre Verbindung mit Jesus brachte sie in kein anderes geistliches Verhältnis zu ihm als irgendeine andere menschliche Seele. Dies war auch in Jesu Worten angedeutet. Er wollte einen Unterschied gewahrt wissen in seinem Verhältnis zu ihr als Menschensohn und als Gottessohn. Das Band der irdischen Verwandtschaft rückte sie keineswegs auf die gleiche Stufe mit ihm. Die Worte „Meine Stunde ist noch nicht gekommen“ wiesen auf die Tatsache hin, daß jede Handlung Christi auf Erden in Erfüllung des Planes geschah, der schon von Ewigkeit her bestanden hatte. Bevor Jesus auf diese Erde kam, lag der ganze Plan in allen Einzelheiten vor ihm. Als er aber unter den Menschen wandelte, wurde er Schritt für Schritt von dem Willen des Vaters geleitet. Er zögerte nicht, zur bestimmten Zeit zu handeln; in dem gleichen Gehorsam wartete er jedoch auch, bis seine Zeit gekommen war.

 

Indem Jesus der Maria sagte, daß seine Stunde noch nicht gekommen sei, antwortete er auf ihren unausgesprochenen Gedanken — auf die Erwartung, die sie gemeinsam mit ihrem Volk hegte. Sie hoffte, er würde sich als Messias offenbaren und in Israel den Thron besteigen. Doch die Zeit war dafür noch nicht reif. Jesus hatte das Schicksal der Menschheit geteilt — nicht als König, sondern als „Mann der Schmerzen und vertraut mit Krankheit“. Jesaja 53,3 (Zürcher).

 

Aber obwohl Maria von der Sendung Christi nicht die richtige Vorstellung hatte, vertraute sie ihm blind. Auf diesen Glauben antwortete Jesus. Das erste Wunder wurde vollbracht, um Marias Vertrauen zu ehren und den Glauben seiner Jünger zu stärken. Die Jünger mußten damit rechnen, zahlreichen und großen Versuchungen zum Unglauben zu begegnen. Ihnen hatten es die Prophezeiungen unbestreitbar klargemacht, daß Jesus der Messias war. Sie erwarteten, daß die religiösen Führer ihn mit noch größerem Vertrauen aufnehmen würden, als sie selbst ihm entgegengebracht hatten. Sie verkündeten dem Volk die wunderbaren Werke Christi und sprachen von ihrem eigenen Glauben an seine Sendung, aber sie waren über den Unglauben, das tiefsitzende Vorurteil und die Feindseligkeit, die die Priester und Rabbiner gegenüber Jesus zeigten, entsetzt und bitter enttäuscht. Die ersten Wunder des Heilandes machten den Jüngern Mut, diesem Widerstand entschlossen zu begegnen.

 

Maria hatte sich durch die Worte Jesu in keiner Weise aus der Fassung bringen lassen und sagte nun zu denen, die bei Tisch aufwarteten: „Was er euch sagt, das tut.“ Johannes 2,5. So tat sie selbst alles, was in ihrer Macht stand, um den Weg für das Werk Christi vorzubereiten. An der Tür standen sechs große steinerne Wasserkrüge, und Jesus gebot den Dienern, diese mit Wasser zu füllen. Es geschah. Da der Wein sofort gebraucht wurde, sagte Jesus: „Schöpfet nun und bringet‘s dem Speisemeister!“ Johannes 2,8. Statt des Wassers, womit die Krüge gefüllt worden waren, floß Wein heraus. Weder der Gastgeber noch die Gäste hatten überhaupt einen Mangel bemerkt. Als aber der Speisemeister den Wein, den die Diener ihm brachten, kostete, fand er ihn bedeutend besser als jeden Wein, den er jemals getrunken hatte, und im Geschmack auch ganz anders als den bisher ausgeschenkten. Er wandte sich an den Bräutigam und sagte: „Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie trunken geworden sind, alsdann den geringern; du hast den guten Wein bisher behalten.“ Johannes 2,10.

 

So wie die Menschen zuerst den besten Wein servieren und nachher den minderwertigeren, so tut es die Welt mit ihren Gaben. Was sie anbietet, mag dem Auge gefallen und die Sinne fesseln, aber es erweist sich als unbefriedigend. Der Wein verwandelt sich in Bitternis, die Fröhlichkeit in Trübsinn. Das, was mit Gesang und Heiterkeit begann, endet in Müdigkeit und Abscheu. Aber die Gaben Jesu sind immer frisch und neu. Das Fest, das er der Seele bereitet, hört nie auf, Befriedigung und Freude zu schenken. Jede neue Gabe vergrößert die Fähigkeit des Empfängers, die Segnungen des Herrn zu schätzen und zu genießen. Er gibt Gnade um Gnade. Daran wird kein Mangel sein. Wenn du in ihm bleibst, verbürgt dir die Tatsache, daß du heute eine reiche Gabe erhältst, für morgen ein noch köstlicheres Geschenk. Die Worte Jesu an Nathanael verdeutlichen die Richtschnur, nach der Gott mit den Kindern des Glaubens verfährt. Mit jeder neuen Offenbarung seiner Liebe erklärt er dem aufnahmebereiten Herzen: „Du glaubst ... du wirst noch Größeres als das sehen.“ Johannes 1,50.

 

Christi Gabe zum Hochzeitsfest war ein Sinnbild. Das Wasser stellte die Taufe in seinen Tod dar, der Wein das Vergießen seines Blutes für die Sünden der Welt. Das Wasser zum Füllen der Krüge wurde von menschlichen Händen gebracht; aber nur das Wort Christi konnte ihm die lebenspendende Kraft verleihen. So ist es auch mit den Bräuchen, die auf den Tod des Heilandes hinweisen. Nur durch die Kraft Christi, die durch den Glauben wirkt, sind sie imstande, die Seele zu erhalten. Das Wort des Heilandes trug reichlich Sorge für das Hochzeitsfest. Ebenso reichlich ist die Gabe seiner Gnade, um alle Sünden auszutilgen und die Seele zu erneuern und zu stärken.

 

Auf dem ersten Fest, das Christus mit seinen Jüngern besuchte, reichte er ihnen den Kelch, der sein Werk für ihre Seligkeit symbolisierte. Bei dem letzten Abendessen gab er ihn wieder, bei der Einsetzung jenes heiligen Mahles, durch das sein Tod verkündigt werden soll, „bis daß er kommt“. Der Schmerz der Jünger beim Scheiden von ihrem Herrn wurde durch die Verheißung einer Wiedervereinigung gemildert. Jesus sagte ihnen: „Ich werde von nun an nicht mehr von diesem Gewächs des Weinstocks trinken bis an den Tag, da ich‘s neu trinken werde mit euch in meines Vaters Reich.“ Matthäus 26,29. Der Wein, mit dem der Herr die Gäste versorgte, und jener, den er den Jüngern als Sinnbild seines Blutes gab, war reiner Traubensaft. Das läßt auch der Prophet Jesaja anklingen, wenn er von dem Most „in der Traube“ spricht und sagt: „Verdirb es nicht, denn es ist ein Segen darin!“ Jesaja 65,8.

 

Es war Christus, der im Alten Testament Israel warnte: „Der Wein macht Spötter, und starkes Getränk macht wild; wer davon taumelt, wird niemals weise.“ Sprüche 20,1. Und er selber beschaffte auch kein solches Getränk. Satan versucht die Menschen dahin zu bringen, sich der Befriedigung der Leidenschaften hinzugeben, die den Verstand verdunkeln und die geistliche Wahrnehmungsfähigkeit betäuben; aber Christus lehrt uns, die niederen Triebe zu beherrschen. Sein gesamtes Leben war ein Beispiel der Selbstverleugnung. Um die Macht der Begierden zu brechen, nahm er an unserer Statt die schwerste Prüfung auf sich, die die menschliche Natur ertragen konnte. Es war Christus, der Johannes den Täufer anwies, weder Wein noch starkes Getränk zu trinken. Er war es auch, der der Frau von Manoah ein ähnliches Gebot gab, enthaltsam zu sein. Und er sprach einen Fluch über den Menschen aus, der seinem Nächsten die Flasche an die Lippen hebt. Christus widersprach seiner eigenen Lehre nicht. Der unvergorene Wein, den er für die Hochzeitsgäste beschaffte, war ein gesundes und erfrischendes Getränk. Es wirkte so, daß der Geschmackssinn mit einem der Gesundheit zuträglichen Appetit in Übereinstimmung gebracht wurde.

 

Als die Gäste auf dem Fest von der Güte des Weines sprachen, wurden Nachforschungen angestellt, die schließlich den Dienern entlockten, welches Wunder hier geschehen war. Eine Zeitlang war die Hochzeitsgesellschaft viel zu überrascht, als daß sie an den gedacht hätte, der das wunderbare Werk vollbracht hatte. Als die Leute ihn schließlich suchten, stellte es sich heraus, daß er sich so still zurückgezogen hatte, daß es selbst von seinen Jüngern unbemerkt geblieben war. Die Aufmerksamkeit der Gesellschaft richtete sich nun auf die Jünger. Zum ersten Mal hatten sie Gelegenheit, ihren Glauben an Jesus zu bekennen. Sie berichteten, was sie am Jordan gesehen und gehört hatten, und in vielen Herzen wurde die Hoffnung wach, daß Gott seinem Volk einen Befreier habe erstehen lassen. Die Nachricht von dem Wunder breitete sich durch jene ganze Gegend aus und wurde auch nach Jerusalem getragen. Mit neuem Interesse erforschten die Priester und Ältesten die Prophezeiungen, die auf Christi Kommen hinwiesen. Man war sehr darauf bedacht, Näheres über die Sendung dieses neuen Lehrers zu erfahren, der unter dem Volk auf eine so unauffällige Weise auftrat.

 

Der Dienst Christi unterschied sich sehr stark von dem der jüdischen Ältesten. Ihr Respekt vor der Tradition und dem äußerlichen Formenwesen hatte die ganze Freiheit, zu denken und zu handeln, zerstört. Sie lebten in ständiger Angst, sich zu verunreinigen. Um die Berührung mit dem „Unreinen“ zu vermeiden, hielten sie sich nicht nur von den Heiden fern, sondern auch von den meisten Angehörigen ihres eigenen Volkes. Sie versuchten nicht, ihnen zum Segen zu sein oder sie als Freunde zu gewinnen. Indem sie sich ständig mit diesen Dingen befaßten, ließen sie ihren Geist verkümmern und engten ihren Lebensbereich ein. Ihr Beispiel ermutigte Menschen aller Schichten zur Selbstsucht und zur Unduldsamkeit.

 

Jesus begann das Werk der Erneuerung, indem er der Menschheit nahekam. Während er dem Gesetz Gottes größte Ehrfurcht erwies, tadelte er die angeberische Frömmigkeit der Pharisäer und suchte das Volk von den sinnlosen Vorschriften, die auf ihm lasteten, frei zu machen. Er suchte die Schranken niederzureißen, die die verschiedenen Klassen der Gesellschaft voneinander trennten, um alle Menschen als Kinder einer einzigen Familie zusammenzubringen. Seine Anwesenheit auf dem Hochzeitsfest sollte ein Schritt in diese Richtung sein. Gott hatte Johannes den Täufer angewiesen, in der Wüste zu leben, damit er vor dem Einfluß der Priester und Rabbiner bewahrt und auf seine besondere Aufgabe vorbereitet würde. Aber die strenge Einfachheit und die Abgeschiedenheit seines Lebens waren nicht als Beispiel für das Volk gedacht. Johannes hatte seine Zuhörer nicht aufgefordert, ihre bisherige Tätigkeit aufzugeben. Er verlangte von ihnen Beweise ihrer Sinnesänderung auf dem Platz, auf den Gott sie gerufen hatte.

 

Jesus tadelte die Genußsucht in allen ihren Formen; dennoch hatte er ein umgängliches, geselliges Wesen. Er nahm die Gastfreundschaft aller Volksschichten an und war in den Häusern der Armen ebenso zu Gast wie in den Palästen der Reichen. Er verkehrte mit Gelehrten und Ungebildeten und versuchte ihre Gedanken von alltäglichen Dingen auf Fragen des geistlichen und des ewigen Lebens zu lenken. Ausschweifendes Leben verurteilte er, und kein Schatten von weltlichem Leichtsinn verdunkelte sein Verhalten. Er fand Gefallen an harmlosem Vergnügen; er billigte durch seine Gegenwart auch geselliges Beisammensein. Eine jüdische Hochzeit bot dazu eine eindrucksvolle Gelegenheit, und die Fröhlichkeit des Festes machte auch dem Herrn Freude. Durch seine Teilnahme an der Hochzeit ehrte Jesus die Ehe als eine göttliche Einrichtung.

 

Sowohl im Alten als auch im Neuen Testament wird das Ehebündnis benutzt, um die liebevolle und heilige Verbindung zwischen Christus und seiner Gemeinde darzustellen. Jesu Gedanken wurden durch die frohe Hochzeitsfeier vorwärts gerichtet auf die Freude jenes Tages, an dem er seine Braut heimführen wird in seines Vaters Haus und an dem die Erlösten sich mit ihrem Erlöser zum Hochzeitsmahl des Lammes vereinigen werden. Er sagt: „Wie sich ein Bräutigam freut über die Braut, so wird sich dein Gott über dich freuen.“ — „Man soll dich nicht mehr nennen ‚Verlassene‘ ..., sondern du sollst heißen ‚Meine Lust‘...; denn der Herr hat Lust an dir.“ — „Er wird sich über dich freuen und dir freundlich sein, er wird dir vergeben in seiner Liebe und wird über dich mit Jauchzen fröhlich sein.“ Jesaja 62,54; Zephanja 3,17. Als dem Apostel Johannes ein Einblick in das Geschehen im Himmel gewährt wurde, schrieb er: „Und ich hörte, und es war wie eine Stimme einer großen Schar und wie eine Stimme großer Wasser und wie eine Stimme starker Donner, die sprachen: Halleluja! denn der Herr, unser Gott, der Allmächtige, hat das Reich eingenommen! Lasset uns freuen und fröhlich sein und ihm die Ehre geben, denn die Hochzeit des Lammes ist gekommen, und seine Braut hat sich bereitet!“ — „Selig sind, die zum Abendmahl des Lammes berufen sind.“ Offenbarung 19,679.

 

Jesus sah in jeder Seele einen Menschen, der aufgefordert werden soll, seinem Reich anzugehören. Er erreichte die Herzen der Menschen, indem er sich als einer unter sie mischte, der um ihr Wohlergehen besorgt war. Er suchte sie auf den Straßen, in ihren Heimen, auf den Booten, in der Synagoge, am Seeufer und auf dem Hochzeitsfest. Er traf sie bei ihrer täglichen Arbeit und interessierte sich für ihre weltlichen Geschäfte. Er trug seine Lehre in die Wohnungen und brachte die Familien in ihren eigenen Heimen unter den Einfluß seiner göttlichen Gegenwart. Seine starke persönliche Anteilnahme half ihm, Herzen zu gewinnen. Er zog sich oft zum stillen Gebet ins Gebirge zurück, doch dies war eine Vorbereitung für sein Wirken unter Menschen, die im tätigen Leben standen. Von diesen Zeiten des Gebets kehrte er zurück, um den Kranken Linderung zu bringen, die Unwissenden zu unterweisen und die Ketten der von Satan Gefangenen zu sprengen.

 

Jesus lehrte seine Jünger durch persönliche Verbindung und durch den Umgang mit ihm. Manchmal lehrte er sie, indem er am Berghang mitten unter ihnen saß; manchmal offenbarte er ihnen die Geheimnisse des Reiches Gottes am Seeufer oder während er mit ihnen des Weges zog. Er hielt ihnen keine langen Moralpredigten, wie es die Menschen heute tun. Wo immer Herzen geöffnet waren, um die göttliche Botschaft aufzunehmen, legte er die Wahrheiten des Heils dar. Er verlangte von seinen Jüngern nicht, dies oder jenes zu tun, sondern sagte nur: „Folge mir nach.“ Auf seinen Reisen durch Land und Städte nahm er sie mit sich, damit sie sehen könnten, wie er das Volk lehrte. Er verband ihre Interessen mit den seinen, und sie schlossen sich ihm bei seiner Tätigkeit an.

 

Das Beispiel Christi, die Angelegenheiten der Menschen zu seinen eigenen zu machen, sollte von allen, die sein Wort predigen, und von allen, die das Evangelium seiner Gnade angenommen haben, befolgt werden. Wir dürfen uns einem geselligen Verkehr nicht entziehen und uns nicht von anderen abschließen. Um alle Menschenklassen zu erreichen, müssen wir ihnen dort begegnen, wo sie sich befinden. Sie werden uns selten aus eigenem Antrieb aufsuchen. Nicht allein von der Kanzel aus werden Menschenherzen von der göttlichen Wahrheit berührt; es gibt noch ein anderes Arbeitsfeld, das wohl geringer, aber ebenso vielversprechend ist. Man findet es im Heim der Niedrigen wie im Palast der Reichen, an der gastfreien Tafel und auch beim harmlosen geselligen Zusammensein.

 

Nicht aus Liebe zum Vergnügen dürfen wir als Christi Jünger den Verkehr mit der Welt pflegen; wir sollen uns nicht mit weltlichen Torheiten befreunden; denn solche Gesellschaft wird uns schaden. Auch soll der Christ niemals Unrecht durch Worte oder Taten, durch Stillschweigen oder durch seine Gegenwart gutheißen. Wohin wir auch gehen, müssen wir Jesus mit uns nehmen und den anderen verkündigen, wie wert uns unser Heiland geworden ist. Wer aber danach trachtet, seinen Glauben zu verheimlichen, läßt viele wertvolle Gelegenheiten, Gutes zu tun, ungenützt vorübergehen. Durch Geselligkeit und Gastfreundschaft kommt die ganze Welt mit der Evangeliumsbotschaft in Berührung, und jeder, der von dem göttlichen Licht berührt wurde, muß den Pfad jener zu erhellen suchen, die nichts von dem Licht des Lebens wissen.

 

Wir alle sollten Zeugen für Jesus werden. Unser Einfluß muß, durch die Gnade Christi geheiligt, verstärkt werden, um Seelen für den Heiland zu gewinnen. Die Welt soll sehen, daß wir nicht selbstsüchtig nur in unseren eigenen Belangen aufgehen, sondern wünschen, daß auch andere die gleichen Segnungen und Vorrechte genießen wie wir. Sie sollen sehen, daß unsere Religion uns nicht unfreundlich oder streng macht. Mögen alle, die bekennen, Christus gefunden zu haben, wie er dem Wohl der Menschen dienen. Wir sollten der Welt nie den falschen Eindruck vermitteln, daß Christen verdrießliche, unglückliche Menschen sind. Wenn wir unsere Augen auf Jesus richten, werden wir einen mitleidsvollen Erlöser sehen und Licht von seinem Angesicht wird auf uns fallen. Wo immer sein Geist regiert, ist Friede. Und auch Freude wird sein, denn es herrscht ein ruhiges, heiliges Vertrauen auf Gott. Christus freut sich über seine „Nachfolger“, wenn sie zeigen, daß sie auch als Menschen Teilhaber der göttlichen Natur sind. Sie sind nicht Statuen, sondern lebendige Männer und Frauen. Ihre durch den Tau der göttlichen Gnade erfrischten Herzen öffnen und weiten sich für die Sonne der Gerechtigkeit. Das Licht, das auf sie scheint, lassen sie durch Taten, die von der Liebe Christi erfüllt sind, auf andere zurückstrahlen.

 

 

 

Kapitel 16: In seinem Tempel

 

Auf der Grundlage von Johannes 2,12-22.

 

„Danach zog er hinab nach Kapernaum, er, seine Mutter, seine Brüder und seine Jünger, und blieben nicht lange daselbst. Und der Juden Ostern war nahe, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem.“ Johannes 2,1213. Auf dieser Reise schloß sich Jesus einer der großen Gruppen an, die sich auf dem Wege nach der Hauptstadt befanden. Er hatte von seiner Aufgabe noch nicht öffentlich gesprochen, so daß er sich unbeachtet unter die Menge mischen konnte. Dabei war das Kommen des Messias, auf das die Predigt des Täufers in besonderer Weise die Aufmerksamkeit gelenkt hatte, oft Thema der Unterhaltung. Mit großer Begeisterung sprach man von der Hoffnung auf die kommende nationale Größe. Jesus wußte, daß diese Hoffnung trügerisch war, denn sie beruhte auf einer falschen Auslegung der Schrift. Mit tiefem Ernst erklärte er die Weissagungen und versuchte die Menschen zu einem gründlicheren Erforschen des Wortes Gottes anzuregen.

 

Die Lehrer der Juden hatten das Volk unterwiesen, daß es in Jerusalem lernen würde, wie man Gott anbetet. Dort versammelten sich während der Passahwoche große Scharen aus allen Teilen des Landes und sogar aus entfernten Gegenden, so daß eine bunte Volksmenge die Tempelhöfe füllte. Viele konnten das Opfer, das als Sinnbild des einen großen Opfers dargebracht werden sollte, nicht mitbringen. Um deren Bequemlichkeit entgegenzukommen, wurden auch Opfertiere in dem äußeren Vorhof des Tempels gekauft und verkauft. Hier kamen alle Klassen von Menschen zusammen, um ihre Opfergaben zu kaufen und alles fremde Geld in die Münze des Heiligtums umzuwechseln.

 

Jeder Jude mußte jährlich einen halben Silberling für „die Versöhnung seiner Seele“ zahlen, und der auf diese Weise gesammelte Betrag diente zum Unterhalt des Tempels. Außerdem wurden große Summen als freiwillige Spende aufgebracht, die in die Schatzkammer des Tempels flossen. Es wurde erwartet, daß alles fremde Geld eingewechselt würde in die Münze, die man Sekel des Heiligtums nannte und für den Dienst im Tempel annahm. Dieser Geldwechsel bot Gelegenheit zu Betrug und Wucher und war zu einem entehrenden Gewerbe geworden, das aber eine gute Einnahmequelle für die Priester bildete. Die Händler verlangten ungewöhnlich hohe Preise für die Opfertiere und teilten ihren Gewinn mit den Priestern und Obersten, die sich dadurch auf Kosten des Volkes bereicherten. Die Anbetenden waren gelehrt worden zu glauben, daß der Segen Gottes nicht auf ihren Kindern und auf ihrem Acker ruhte, wenn sie keine Opfer brächten. Auf diese Weise konnte ein hoher Preis für die Opfertiere gefordert werden; denn wer einen weiten Weg zurückgelegt hatte, wollte nicht in die Heimat zurückkehren, ohne den Opferdienst erfüllt zu haben, zu dem er herbeigeeilt war.

 

Zur Zeit des Passahfestes wurden viele Opfer dargebracht, und der Verkauf im Vorhof war äußerst rege. Die dadurch entstehende Unruhe ließ eher auf einen lärmenden Viehmarkt als auf den heiligen Tempel Gottes schließen. Man hörte erregtes Feilschen, das Brüllen des Rindviehs, das Blöken der Schafe und das Girren der Tauben, vermischt mit dem Geräusch klingender Münzen und dem Lärm zorniger Wortgefechte. Die Unruhe war so groß, daß es die Andächtigen störte, und ihre Gebete wurden übertönt von dem Tumult, der bis in den Tempel drang. Die Juden waren außerordentlich stolz auf ihre Frömmigkeit. Sie bewunderten ihren Tempel und empfanden jedes Wort, das gegen ihn gesprochen wurde, als Lästerung. Sie hielten auch sehr streng auf die Beachtung der mit ihm verbundenen gottesdienstlichen Handlungen; aber ihre Liebe zum Geld hatte alle Bedenken überwunden. Sie waren sich kaum bewußt, wie weit sie von der ursprünglichen Bedeutung des Dienstes abgewichen waren, den Gott selbst eingesetzt hatte.

 

Als der Herr sich einst auf den Berg Sinai herabließ, wurde dieser Ort durch seine Gegenwart geheiligt. Mose erhielt den Auftrag, den Berg einzuzäunen und ihn zu heiligen. Gott erhob warnend seine Stimme und sagte: „Hütet euch, auf den Berg zu steigen oder seinen Fuß anzurühren; denn wer den Berg anrührt, der soll des Todes sterben. Keine Hand soll ihn anrühren, sondern er soll gesteinigt oder erschossen werden; es sei Tier oder Mensch, sie sollen nicht leben bleiben.“ 2.Mose 19,1213. So wurde gelehrt, daß jeder Ort, an dem Gott seine Gegenwart offenbart, ein heiliger Ort ist. Die Vorhöfe des Tempels hätten allen heilig sein müssen; aber Geldgier machte alle Bedenken zunichte.

 

Die Priester und Obersten waren berufen, für das Volk Stellvertreter Gottes zu sein; sie hätten den Mißbrauch des Tempelhofes nicht erlauben dürfen. Sie hätten vielmehr dem Volk ein Beispiel der Rechtschaffenheit und der Barmherzigkeit geben sollen. Statt ihren eigenen Vorteil im Auge zu haben, waren sie aufgerufen, die Lage und die Bedürfnisse der Gläubigen zu bedenken und denen beizustehen, die nicht imstande waren, die erforderlichen Opfertiere zu kaufen. Nichts davon geschah; die Habsucht hatte ihre Herzen verhärtet. Zum Fest kamen Leidende, Bedürftige und Bedrückte, Blinde, Lahme und Taube. Manche wurden sogar auf Betten hingebracht. Es kamen viele, die zu arm waren, um auch nur die geringste Opfergabe für den Herrn zu kaufen; zu arm selbst, sich Nahrung zu besorgen, um den eigenen Hunger zu stillen. Diese wurden durch die Forderungen der Priester sehr bekümmert, die dabei auf ihre Frömmigkeit noch sehr stolz waren und behaupteten, die Belange des Volkes wahrzunehmen. In Wirklichkeit aber kannten sie weder Mitgefühl noch Erbarmen. Die Armen, die Kranken und die Betrübten baten vergeblich um irgendeine Vergünstigung. Ihre Not erweckte kein Mitleid in den Herzen der Priester.

 

Als Jesus den Tempel betrat, überschaute er alles mit einem Blick. Er sah die unredlichen Geschäfte, sah das Elend der Armen, die da glaubten, ohne Blutvergießen keine Vergebung der Sünden zu erlangen; er sah den äußeren Vorhof seines Tempels in einen Ort ruchlosen Schacherns verwandelt. Die heilige Stätte glich einem großen Markt. Christus erkannte, daß hier etwas geschehen mußte. Zahlreiche gottesdienstliche Formen waren dem Volk auferlegt, ohne daß es deren genaue Bedeutung kannte. Die Gläubigen brachten ihre Opfer, ohne zu wissen, daß diese ein Sinnbild des einzigen vollkommenen Opfers waren. Nun stand er, auf den der ganze Gottesdienst hinwies, unerkannt und unbeachtet unter ihnen. Er hatte die Anordnungen bezüglich der Opfer gegeben; er kannte ihren symbolhaften Charakter und sah nun, daß sie verfälscht und mißverstanden wurden. Die Anbetung im Geiste war nahezu geschwunden. Es bestand keinerlei Verbindung zwischen den Priestern und Obersten mit ihrem Gott. Es war Christi Aufgabe, eine gänzlich neue Form des Gottesdienstes einzuführen.

 

Mit durchdringendem Blick erfaßt er von den Stufen des Tempelhofes aus das Bild, das sich ihm bietet. Mit prophetischem Auge schaut er in die Zukunft und überblickt nicht nur Jahre, sondern ganze Jahrhunderte und Zeitalter. Er sieht, daß die Priester und Obersten des Volkes das Recht der Bedürftigen beugen und daß sie verbieten, das Evangelium den Armen zu predigen; er sieht, wie die Liebe Gottes den Sündern verborgen bleibt und wie die Menschen seine Gnade zum Handelsgut stempeln. Jesu Blick drückt Empörung, Macht und Autorität aus, als er auf dieses Treiben schaut. Die Aufmerksamkeit des Volkes richtet sich auf ihn. Die Augen derer, die sich mit dem unehrlichen Handel befassen, blicken starr auf den Herrn; sie können ihren Blick nicht abwenden. Es wird ihnen bewußt, daß dieser Mann ihre geheimsten Gedanken liest und ihre verborgensten Absichten durchschaut. Einige versuchen, ihre Gesichter zu verbergen, als ob ihre bösen Taten darauf geschrieben stünden.

 

Da verebbt der Lärm. Die Stimmen der Händler und Käufer verstummen. Eine peinliche Stille tritt ein, die ein Gefühl des Schreckens auslöst. Es ist, als ob alle vor dem Richterstuhl Gottes stehen, um von ihren Taten Rechenschaft abzulegen. Sie schauen auf Christus und sehen die Gottheit durch seine menschliche Gestalt hindurchleuchten. Die Majestät des Himmels steht als Richter des Jüngsten Tages vor ihnen, zwar nicht umgeben von der Herrlichkeit, die sie dann begleiten wird, aber mit der Macht, die das Innerste durchschaut. Jesu Auge blickt über die Menge, jeden einzelnen erfassend. Seine Gestalt scheint sich in gebietender Würde über alle Anwesenden zu erheben — und göttliches Licht verklärt sein Angesicht. Er spricht, und seine klare, klangvolle Stimme — dieselbe Stimme, die einst auf dem Sinai das Gesetz verkündigte, das die Priester und Obersten jetzt so freventlich übertreten — ertönt und hallt im Tempel wider: „Traget das von dannen und machet nicht meines Vaters Haus zum Kaufhause!“ Johannes 2,16

 

Dann steigt er langsam die Stufen hinab, erhebt die Geißel aus Stricken, die er bei seinem Eintritt in den Hof aufgenommen hat, und gebietet den Händlern, den Tempelbereich zu verlassen. Mit einem Eifer und einer Strenge, wie er sie niemals vordem geübt hat, stößt er die Tische der Geldwechsler um. Die Münzen fallen hell aufklingend auf den marmornen Boden. Niemand wagt, Jesu Autorität in Frage zu stellen; niemand hat den Mut, seinen Wuchergewinn vom Boden aufzulesen. Obwohl Jesus mit der Geißel nicht zuschlägt, erscheint sie doch in seiner hoch erhobenen Hand wie ein flammendes Schwert. Tempeldiener, schachernde Priester, Geldwechsler und Viehhändler mit ihren Schafen und Ochsen eilen davon, getrieben von dem einen Gedanken, dem verzehrenden Feuer der Gegenwart Jesu so schnell wie möglich zu entfliehen.

 

Furcht ergreift die Menge, die von der Göttlichkeit Jesu berührt wird. Hunderte bleicher Lippen stoßen Schreckensrufe aus, selbst die Jünger zittern. Jesu Worte und sein Auftreten entsetzen sie um so mehr, da es nicht nur ungewöhnlich, sondern auch ungewohnt ist. Sie erinnern sich, daß von ihm geschrieben steht: „Der Eifer um dein Haus hat mich gefressen.“ Johannes 2,17.

 

Bald ist die lärmende Menge mit ihren Waren aus der Nähe des Tempels verschwunden. Die Höfe sind frei von unheiligem Handel, und eine tiefe, feierliche Stille legt sich über die Stätte der Verwirrung. Die Gegenwart des Herrn, die vor alters den Berg heiligte, hat jetzt den zu seiner Ehre erbauten Tempel geheiligt.

 

In der Reinigung des Tempels kündigte der Herr seine Aufgabe als Messias an und begann damit sein Werk auf Erden. Jener Tempel, errichtet als Wohnstätte Gottes, sollte für Israel und für die Welt die Wahrheiten Gottes veranschaulichen. Von Ewigkeit her war es die Absicht des Schöpfers, daß jedes geschaffene Wesen — vom glänzenden Seraph bis zum Menschen — ein Tempel Gottes sein sollte. Infolge der Sünde verlor der Mensch dazu die Bereitschaft. Durch das Böse verderbt und verfinstert, vermochte das Herz nicht mehr die Herrlichkeit des Schöpfers zu offenbaren. Durch die Menschwerdung des Sohnes Gottes jedoch ist die Absicht des Himmels erfüllt. Gott wohnt im Menschen, und durch seine errettende Gnade wird das Herz des Menschen wieder zu einem Tempel des Herrn. Es war Gottes Wille, daß der Tempel in Jerusalem ein beständiger Zeuge sein sollte von der hohen Bestimmung, zu der jede Seele berufen war. Aber die Juden hatten die Bedeutung des Hauses Gottes, das sie mit großem Stolz betrachteten, nicht erfassen können. Sie bereiteten sich selbst nicht zu einem heiligen Tempel für den Geist Gottes. Die Höfe des Tempels zu Jerusalem, erfüllt von dem Lärm unheiligen Schacherns, versinnbildeten nur zu getreu den Tempel ihres Herzens, der durch Begierden und verderbte Gedanken verunreinigt war. Durch die Säuberung des Tempels von weltlichen Käufern und Verkäufern offenbarte er seine Aufgabe, das menschliche Herz von der Verunreinigung durch die Sünde — von den irdischen Wünschen, den eigennützigen Lüsten, den schlechten Gewohnheiten, die die Seele verderben — zu reinigen. „Bald wird kommen zu seinem Tempel der Herr, den ihr sucht; und der Engel des Bundes, den ihr begehrt, siehe, er kommt! spricht der Herr Zebaoth. Wer wird aber den Weg seines Kommens ertragen können, und wer wird bestehen, wenn er erscheint? Denn er ist wie das Feuer eines Schmelzers und wie die Lauge der Wäscher. Er wird sitzen und schmelzen und das Silber reinigen, er wird die Söhne Levi reinigen und läutern wie Gold und Silber.“ Maleachi 3,1-3.

 

„Wisset ihr nicht, daß ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Wenn jemand den Tempel Gottes verdirbt, den wird Gott verderben, denn der Tempel Gottes ist heilig; der seid ihr.“ 1.Korinther 3,1617. Kein Mensch kann aus eigener Kraft das Böse ausstoßen, das sich in seinem Herzen eingenistet hat; nur Christus vermag den Tempel der Seele zu reinigen. Aber er erzwingt sich nicht den Eingang. Er dringt nicht in das Herz ein wie einst in den Tempel, sondern er sagt: „Ich stehe vor der Tür und klopfe an. So jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich eingehen.“ Offenbarung 3,20. Er will nicht nur für einen Tag kommen; denn er sagt: „Ich will unter euch wohnen und wandeln ..., und sie sollen mein Volk sein.“ 2.Korinther 6,16. Er wird „unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen“. Micha 7,19. Seine Gegenwart wird die Seele reinigen und heiligen, damit sie ein heiliger Tempel und eine „Behausung Gottes im Geist“ (Epheser 2,22) sein möge.

 

Die Priester und Obersten waren schreckerfüllt vor dem durchdringenden Blick Jesu, der in ihren Herzen las, aus dem Tempelhof geflohen. Auf ihrer Flucht begegneten sie anderen, denen sie zur Umkehr rieten und denen sie berichteten, was sie gehört und gesehen hatten. Christus schaute den Davoneilenden nach. Sie jammerten ihn in ihrer Furcht und in ihrer Unkenntnis des wahren Gottesdienstes. Er sah in diesem Geschehen die Zerstreuung des ganzen jüdischen Volkes durch dessen eigene Bosheit und Unbußfertigkeit versinnbildet. Christus sprach mit der Autorität eines Königs, und in seinem Auftreten und in dem Klang seiner Stimme lag etwas, dem sie nicht widerstehen konnten. Jesu gebietende Worte offenbarten ihnen ihren wirklichen Zustand als Heuchler und Diebe. Als göttliches Wesen durch die Menschheit Christi hindurchleuchtete, sahen sie nicht nur Entrüstung auf seinem Angesicht, sie begriffen auch die Bedeutung seiner Worte. Sie hatten das Empfinden, vor dem Thron des ewigen Richters zu stehen und ihr Urteil für Zeit und Ewigkeit zu hören. Eine Zeitlang waren sie überzeugt, daß Christus ein Prophet sei. Viele hielten ihn sogar für den Messias. Der Heilige Geist erinnerte sie an die Aussprüche der Propheten über Christus. Würden sie sich zu dieser Überzeugung bekennen?

 

Sie wollten nicht Buße tun. Sie kannten Christi Mitleid mit den Armen; sie wußten, daß sie sich durch ihr Verhalten dem Volk gegenüber der Erpressung schuldig gemacht hatten, und weil Christus ihre Gedanken erkannte, haßten sie ihn. Sein öffentlicher Tadel demütigte ihren Stolz, und seinem wachsenden Einfluß auf das Volk begegneten sie mit eifersüchtigen Empfindungen. Sie beschlossen deshalb, ihn zur Rede zu stellen hinsichtlich der Macht, in deren Namen er sie hinausgetrieben hatte, und ihn zu fragen, wer ihm diese Macht gegeben habe.

 

Langsam und nachdenklich, aber mit Haß im Herzen, kehrten sie zum Tempel zurück. Aber welch eine Veränderung war in der Zwischenzeit vor sich gegangen! Als sie die Flucht ergriffen hatten, waren die Armen zurückgeblieben. Sie blickten jetzt Jesus an, dessen Angesicht Liebe und Mitgefühl ausdrückte. Mit Tränen in den Augen sagte er zu den Zitternden, die ihn umstanden: Fürchtet euch nicht! Ich will euch erlösen, und ihr sollt mich preisen; denn dazu bin ich in die Welt gekommen. Sie drängten sich immer näher an den Heiland und baten: Meister, segne uns! Und Jesus vernahm jede Bitte. Mit dem Erbarmen einer liebevollen Mutter beugte er sich über die leidenden Kleinen. Allen schenkte er Aufmerksamkeit. Welche Krankheit ein Armer auch haben mochte, jeder wurde geheilt. Die Stummen öffneten ihren Mund zum Lobe, die Blinden sahen das Angesicht ihres Erlösers, und die Herzen der Leidenden wurden froh.

 

Welch eine Offenbarung wurde den Priestern und Beamten des Tempels durch die Stimmen zuteil, die an ihr Ohr drangen und ihnen Wunderbares verkündigten! Die Versammelten erzählten von den Schmerzen, die sie erlitten hatten, von enttäuschten Hoffnungen, von kummervollen Tagen und schlaflosen Nächten. Ehe aber der letzte Hoffnungsfunke der Leidenden zu verlöschen drohte, hatte der Heiland sie geheilt. Die Last war so schwer, sagte einer, und doch habe ich einen Helfer gefunden. Er ist der Christus Gottes, und ich will mein Leben seinem Dienste weihen. Eltern sagten zu ihren Kindern: Er hat euer Leben gerettet; erhebt eure Stimmen und preist ihn. Die Stimmen der Kinder und Jugendlichen, der Väter und Mütter, der Freunde und Zuschauer vereinigten sich in Lob- und Dankesliedern; Hoffnung und Freude erfüllte die Herzen, und Friede zog in ihre Gemüter ein. Geheilt an Leib und Seele, kehrten sie heim und verkündigten die unvergleichliche Liebe Christi.

 

Bei der Kreuzigung Jesu schlossen sich jene Menschen, die selbst geheilt worden waren, nicht der pöbelnden Menge an, die fortgesetzt schrie: „Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!“ Ihre Anteilnahme galt Jesus, weil sie selbst seine große Barmherzigkeit und wunderbare Macht erfahren hatten. Sie waren sich bewußt, daß er ihr Heiland war, hatte er sie doch an Leib und Seele gesund gemacht. Einige Tage später lauschten sie der Verkündigung der Apostel, und als Gottes Wort in ihre Herzen drang, kamen sie zur Klarheit. So wurden sie zu Mittlern der Güte Gottes und seiner Erlösung.

 

Die Menge, die aus dem Tempelhof geflohen war, kam nach einiger Zeit zögernd wieder zurück. Die Leute hatten sich zum Teil von dem Schrecken, der sie erfaßt hatte, erholt; doch war in ihren Gesichtern noch Unentschlossenheit und Furchtsamkeit zu lesen. Sie blickten mit Erstaunen auf die Taten Jesu und waren überzeugt davon, daß sich in ihm die Weissagungen auf den Messias erfüllt hätten. Für die Sünde der Tempelentweihung trugen die Priester die größte Verantwortung. Auf Grund ihrer Anordnung war der Tempelhof zu einem Marktplatz geworden. Das Volk war daran ziemlich unschuldig. Es hatte sich von der göttlichen Autorität Jesu beeindrucken lassen, doch noch war der Einfluß der Priester und Obersten auf das Volk stärker. Jene betrachteten Christi Wirken als etwas gänzlich Neues und bezweifelten sein Recht, sich gegen das zu stellen, was von den für den Tempel Verantwortlichen gestattet worden war. Sie waren zudem verärgert, weil ihre Geschäftemacherei unterbrochen worden war, und unterdrückten somit das Mahnen des Heiligen Geistes.

 

Wenn überhaupt jemand, dann hätten die Priester und Obersten in Jesus den Gesalbten Gottes erkennen müssen; denn sie besaßen ja die heiligen Schriftrollen, die sein Wirken beschrieben, und sie wußten, daß sich in der Reinigung des Tempels eine bedeutendere Macht bekundete als die von Menschen. So sehr sie auch Jesus haßten, konnten sie sich dennoch nicht dem Gedanken entziehen, daß er ein von Gott gesandter Prophet sei, der die Heiligkeit des Tempels wiederherzustellen habe. Mit aller aus dieser Befürchtung geborenen Achtung wandten sie sich an ihn mit der Frage: „Was zeigst du uns für ein Zeichen, daß du solches tun darfst?“ Johannes 2,18.

 

Jesus hatte ihnen bereits ein Zeichen gegeben. Indem er blitzartig ihren Sinn erhellte und vor ihren Augen jene Werke vollbrachte, die vom Messias erwartet wurden, hatte er einen überzeugenden Nachweis seiner Persönlichkeit erbracht. Deshalb antwortete er auf ihre Frage nach einem Zeichen mit einer Bildrede und deckte damit auf, daß er ihre Bosheit erkannt hatte und voraussah, wohin sie durch diese geführt würden, „Brechet diesen Tempel ab“, sagte er, „und in drei Tagen will ich ihn aufrichten.“ Johannes 2,19.

 

Dieses Wort hat zwiefache Bedeutung. Jesus bezog es nicht nur auf die Zerstörung des jüdischen Tempels und Kultdienstes, sondern auch auf seinen eigenen Tod — die Zerstörung des Tempels seines Leibes. Das aber planten die Juden bereits. Als nämlich die Priester und Obersten zum Tempel zurückkehrten, hatten sie beschlossen, Jesus umzubringen und sich dadurch selbst von dem Störenfried zu befreien. Als er ihnen jedoch ihre Absicht vor Augen führte, begriffen sie ihn nicht. Sie faßten sein Wort so auf, als bezöge es sich allein auf den Tempel in Jerusalem. Darum erklärten sie unwillig: „Dieser Tempel ist in sechsundvierzig Jahren erbaut; und du willst ihn in drei Tagen aufrichten?“ Johannes 2,20. Dabei empfanden sie, daß Jesus ihren Unglauben bestätigt habe, und sie fühlten sich nur noch mehr darin bestärkt, ihn zu verwerfen.

 

Christus hatte nicht beabsichtigt, daß diese seine Worte von den ungläubigen Juden und auch nicht von seinen Jüngern zu jener Zeit verstanden werden sollten. Er war sich vielmehr darüber im klaren, daß sie von seinen Feinden falsch ausgelegt und gegen ihn selbst gerichtet würden. Während seines Verhörs sollten sie als Anklage formuliert und auf Golgatha als Verhöhnung gegen ihn gewandt werden. Hätte er seine Worte erklärt, würden die Jünger von seinem Leiden erfahren haben, und dies hätte ihnen in einem Ausmaß Kummer bereitet, den sie bis dahin noch nicht zu ertragen vermochten. Ferner hätte eine Erklärung den Juden vorzeitig enthüllt, welche Auswirkungen ihre Vorurteile und ihr Unglaube einmal haben würden. Schon hatten sie einen Weg eingeschlagen, den sie beharrlich so lange verfolgen würden, bis man Jesus als Lamm zur Schlachtbank führte. Christus sprach diese Worte zum Wohle derer, die in späterer Zeit an ihn glaubten, wußte er doch, daß sie wiederholt würden. Während des Passahfestes sollten sie Tausenden zu Ohren kommen und in alle Teile der Welt getragen werden. Nach seiner Auferstehung von den Toten würde dann ihre Bedeutung offenkundig sein und für viele zu einem schlüssigen Beweis seiner Göttlichkeit werden.

 

Selbst Jesu Jünger konnten seine Lehren oft nicht begreifen, weil sie sich in geistlicher Finsternis bewegten. Doch wurden ihnen viele seiner Aussagen durch die nachfolgenden Ereignisse verständlich gemacht. Als er sich nicht mehr bei ihnen befand, wurzelten seine Worte fest in ihren Herzen. Auf den Jerusalemer Tempel bezogen, hatten Jesu Worte „Brechet diesen Tempel ab, und in drei Tagen will ich ihn aufrichten“ einen tieferen Sinn, als seine Hörer erfaßten. Christus war Grundlage und Leben des Tempels. Der darin vollzogene Dienst versinnbildete das Opfer des Sohnes Gottes. Das Priesteramt war einst eingesetzt worden, um die Vermittlertätigkeit Christi ihrem Wesen nach darzustellen. Der gesamte Ablauf des Opferdienstes wies im voraus auf den Tod des Heilandes zur Erlösung der Welt hin. Jene Opfer würden ohne jeden Nutzen sein, sobald das große Ereignis geschehen wäre, auf das sie seit Jahrhunderten vorausdeuteten.

 

Der gesamte Zeremonial- und Kultdienst wies sinnbildlich auf Christus hin und besaß deshalb ohne ihn keinen Wert. Als die Juden ihre Verwerfung Christi besiegelten, indem sie ihn dem Tode überantworteten, verwarfen sie zugleich all das, was dem Tempel und dem darin vollzogenen Dienst Bedeutung gab. Der Tempel war nicht länger mehr heilig, er war dem Untergang geweiht. Von jenem Tage an war der mit ihm verbundene Opfer- und Kultdienst bedeutungslos geworden. Wie das Opfer des Kain, waren jene Opfer fortan nicht Ausdruck des Glaubens an den Erlöser. Als sie Christus töteten, zerstörten die Juden in Wahrheit ihren Tempel. Zur Stunde, da Christus verschied, zerriß der innere Vorhang des Tempels von oben bis unten in zwei Hälften — ein Zeichen dafür, daß das einzigartige, endgültige Opfer gebracht worden war und das ganze Opfersystem damit für immer ein Ende gefunden hatte.

 

„In drei Tagen will ich ihn aufrichten.“ Johannes 2,19. Mit dem Tode des Heilandes schienen die Mächte der Finsternis die Oberhand gewonnen zu haben, und sie jubelten über ihren Triumph. Jesus aber ging aus dem von Joseph von Arimathia überlassenen Grab als Sieger hervor. „Er hat die Reiche und die Gewaltigen ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und hat einen Triumph aus ihnen gemacht in Christus.“ Kolosser 2,15. Auf Grund seines Todes und seiner Auferstehung wurde er ein „Diener am Heiligtum und an der wahren Stiftshütte, welche Gott aufgerichtet hat und kein Mensch“. Hebräer 8,2. Menschen errichteten das israelitische Heiligtum, sie bauten auch den jüdischen Tempel, doch das Heiligtum droben im Himmel, von dem das irdische ein Abbild war, wurde von keinem irdischen Baumeister erbaut. „Siehe, ein Mann, sein Name ist Sproß ... er wird den Tempel Jehovas bauen, und er wird Herrlichkeit tragen; und er wird auf seinem Throne sitzen und herrschen und wird Priester sein auf seinem Throne.“ Sacharja 6,1213 (EB).

 

Der auf Christus hinweisende Opferdienst verging; statt dessen wurden die Augen der Menschen auf das wahre Opfer, das für die Sünden der Welt gebracht worden war, gelenkt. Das irdische Priestertum hörte auf; nun schauen wir auf zu Jesus, dem Mittler des Neuen Bundes, und „zu dem Blut der Besprengung, das da besser redet als Abels Blut“. Hebräer 12,24. Der „Weg zum Heiligen“ war noch nicht offenbart, „solange die vordere Hütte stünde ... Christus aber ist gekommen, daß er sei ein Hoherpriester der zukünftigen Güter, und ist durch die größere und vollkommenere Hütte eingegangen, die nicht mit Händen gemacht, das heißt: die nicht von dieser Schöpfung ist ... durch sein eigen Blut ein für allemal ... und hat eine ewige Erlösung erworben.“ Hebräer 9,81112.

 

„Daher kann er auch auf ewig selig machen, die durch ihn zu Gott kommen; denn er lebt immerdar und bittet für sie.“ Hebräer 7,25. Obschon der Mittlerdienst vom irdischen auf den himmlischen Tempel übertragen werden sollte und das Heiligtum und unser großer Hoherpriester für irdische Blicke unsichtbar wäre, würden die Jünger dadurch dennoch keinen Nachteil erleiden. Ihre Verbindung zu Gott erfuhr keinen Bruch, und ihre Kraft wurde infolge der Abwesenheit des Heilandes nicht geringer. Während er im himmlischen Heiligtum dient, ist Jesus durch Gottes Geist ein Diener auch der Gemeinde auf Erden. Er ist dem sinnlichen Wahrnehmungsvermögen entrückt, aber seine beim Abschied gegebene Verheißung „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ (Matthäus 28,20) hat sich erfüllt. Er gibt seine Kraft an schwächere Helfer weiter und ist zugleich mit seiner belebenden Gegenwart unter seiner Gemeinde. „Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes ..., so lasset uns halten an dem Bekenntnis. Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mitleiden mit unsrer Schwachheit, sondern der versucht ist allenthalben gleichwie wir, doch ohne Sünde. Darum lasset uns hinzutreten mit Freudigkeit zu dem Thron der Gnade, auf daß wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden auf die Zeit, wenn uns Hilfe not sein wird.“ Hebräer 4,14-16.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 17: Nikodemus

 

Auf der Grundlage von Johannes 3,1-17.

 

Nikodemus bekleidete ein hohes Amt im jüdischen Lande. Er galt als hoch gebildet, besaß große Gaben und war ein angesehenes Mitglied des hohen Rates. Auch er war durch Jesu Lehren angerührt worden und fühlte sich trotz seiner bevorzugten Stellung zu dem einfachen Nazarener hingezogen. Die Unterweisungen Jesu hatten ihn außerordentlich beeindruckt, und er wollte mehr von diesen wunderbaren Wahrheiten hören.

 

Die Tatsache, daß Christus seine Vollmacht in der Säuberung des Tempel ausgeübt hatte, erweckte gezielten Haß auf Seiten der Priester und Obersten. Sie fürchteten die Macht dieses Fremdlings. Man durfte eine solche Kühnheit von einem unbekannten Galiläer keinesfalls dulden. So waren sie darauf aus, seiner Tätigkeit ein Ende zu setzen. Nicht alle aber stimmten diesem Vorhaben zu. Es gab einzelne, die nicht einem Manne entgegentreten wollten, der so offensichtlich durch Gottes Geist geleitet wurde. Sie erinnerten sich, wie Propheten getötet worden waren, nur weil sie die Sünden der Führer Israels getadelt hatten. Sie waren sich auch darüber im klaren, daß die Unterdrückung der Juden durch eine heidnische Nation eine Folge der Hartnäckigkeit war, mit der sie die göttlichen Ermahnungen zurückgewiesen hatten. So befürchteten sie, daß die Priester und Obersten wegen ihrer gegen Jesus gerichteten Anschläge in die Fußtapfen ihrer Väter treten und neues Unheil über das ganze Volk bringen würden. Auch Nikodemus teilte diese Bedenken. Als in einer Ratssitzung des Sanhedriums besprochen wurde, welche Haltung man Jesus gegenüber einnehmen wolle, mahnte er zu Vorsicht und Mäßigung. Mit Nachdruck wies er darauf hin, daß es gefährlich sei, seine Warnungen in den Wind zu schlagen, wenn dieser Jesus tatsächlich mit göttlicher Autorität ausgestattet wäre. Die Priester wagten es nicht, diesen Rat zu mißachten, und so ergriffen sie eine Zeitlang keine öffentlichen Maßnahmen gegen den Heiland.

 

Nikodemus studierte, seit er Jesus gehört hatte, mit besonderer Sorgfalt jene Weissagungen, die sich auf den Messias beziehen. Je mehr er darin forschte, desto fester wurde er davon überzeugt, daß jener Mann der Eine war, der kommen sollte. Wie viele andere Israeliten war auch er sehr betrübt gewesen über die Entweihung des Tempels. Dann aber wurde er Zeuge jenes Geschehens, als Jesus die Käufer und Verkäufer vertrieb; er nahm die erstaunlichen Bekundungen göttlicher Macht wahr; er beobachtete, wie der Heiland mit den Armen umging und die Kranken heilte, er sah ihre frohen Blicke und hörte ihre jubelnden Dankesworte. Da konnte er nicht mehr daran zweifeln, daß Jesus von Nazareth der von Gott Gesandte war.

 

Darum suchte er eifrig nach einer Gelegenheit, mit Jesus zu sprechen. Er scheute sich aber, ihn öffentlich und am Tage aufzusuchen; denn es wäre für einen Obersten der Juden zu demütigend gewesen, wenn seine Sympathie für einen noch so wenig bekannten Lehrer offenbar geworden wäre. Und wäre solch Besuch dem Hohen Rat zur Kenntnis gekommen, dann hätte er zweifellos dessen Verachtung und Verurteilung auf sich geladen. So entschloß er sich zu einem unauffälligen Besuch bei Nacht und entschuldigte dies damit, daß, ginge er am Tage, auch andere seinem Beispiel folgen könnten. Er hatte in Erfahrung gebracht, daß der Heiland sich gern am Ölberg aufhielt, und nun besuchte er ihn an dieser einsamen Stätte, als alles schon schlief.

 

In der Gegenwart Jesu befiel den großen jüdischen Lehrer eine eigenartige Schüchternheit, die er durch einen Anschein von Gelassenheit und Würde zu verbergen suchte. „Meister“, sprach er Jesus an, „wir wissen, daß du bist ein Lehrer von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.“ Johannes 3,2. Indem er Christi einzigartige Lehrgabe und seine überwältigende Wundermacht hervorhob, hoffte Nikodemus, sich die Möglichkeit zu einem Gespräch zu bahnen. Seine Worte sollten Vertrauen zum Ausdruck bringen, offenbarten in Wirklichkeit aber nur Unglauben. Er anerkannte Jesus nicht als Messias, sondern sah in ihm nur einen von Gott gesandten Lehrer.

 

Statt diesen Gruß zu erwidern, richtete Jesus seine Augen auf den Sprecher, als wollte er in dessen Seele lesen. In seiner unendlichen Weisheit erkannte er in ihm einen nach Wahrheit suchenden Menschen. Er wußte den Grund seines Besuches, und er wollte die Überzeugung, die der Besucher schon besaß, noch vertiefen und kam deshalb gleich zum Kern der Sache, indem er diesem ernst, aber freundlich sagte: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.“ Johannes 3,3. Nikodemus war in der Erwartung zum Herrn gekommen, eine angeregte Diskussion mit ihm zu führen. Jesus aber breitete vor ihm die Grundlagen der Wahrheit aus. Er sagte zu Nikodemus, daß er mehr der geistlichen Erneuerung bedürfe als des theoretischen Wissens, daß er ein neues Herz brauche und nicht nur die Befriedigung seiner Wißbegierde, daß er ein neues Leben von oben her empfangen müsse, bevor er himmlische Dinge wertschätzen könne. Solange nicht diese alles erneuernde Wandlung eingetreten sei, habe es keinen Nutzen für Nikodemus, mit ihm über die ihm innewohnende Vollmacht und seine Aufgabe zu reden.

 

Nikodemus hatte gehört, was Johannes der Täufer über Bekehrung und Taufe verkündigt und wie er die Leute auf den einen hingewiesen hatte, der mit dem Heiligen Geist taufen werde. Auch er empfand, daß es den Juden an geistlicher Gesinnung mangelte und daß sie in hohem Maße von Frömmelei und weltlichem Ehrgeiz geleitet wurden. So hatte er gehofft, daß sich mit dem Kommen des Messias diese Dinge zum Guten wenden würden. Anderseits hatte die herzergreifende Botschaft des Täufers ihn doch nicht von seiner eigenen Schuld überzeugt. Er war ein auf Genauigkeit bedachter Pharisäer und stolz auf seine guten Werke. Auch wurde er von vielen hoch geachtet wegen seiner wohltätigen und großzügigen Gesinnung hinsichtlich der Unterhaltung des Tempeldienstes. Er war sich des göttlichen Wohlwollens gewiß und deshalb erschreckt von dem Gedanken an ein Reich, das für ihn in seiner gegenwärtigen Verfassung zu rein wäre.

 

Das Bild von der Wiedergeburt, das Christus hier gebrauchte, war Nikodemus nicht ganz unbekannt. Die vom Heidentum zum Glauben Israels Bekehrten wurden oft mit neugeborenen Kindern verglichen. Darum mußte Nikodemus auch begriffen haben, daß Jesu Worte nicht buchstäblich gemeint sein konnten. Durch seine israelitische Herkunft aber glaubte er seines Platzes im Reiche Gottes sicher zu sein und vermochte nicht einzusehen, warum er dazu noch einer Bekehrung bedürfe. Deshalb überraschten ihn die Worte des Heilandes. Außerdem verstimmte ihn die unmittelbare Anwendung dieses Bildes auf ihn. Der Stolz des Pharisäers kämpfte in ihm mit dem aufrichtigen Verlangen einer nach Wahrheit suchenden Seele. Er wunderte sich, daß Christus so ohne jede Rücksicht auf ihn als Obersten in Israel sprechen konnte. Verwundert über seine Selbstbeherrschung, antwortete er dem Herrn ironisch: „Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist?“ Johannes 3,4. Damit offenbarte er gleich vielen anderen, denen die gehörte Wahrheit ins Gewissen dringt, die Tatsache, daß der natürliche Mensch nichts vom Geiste Gottes vernimmt. In ihm ist nichts, was auf geistliche Dinge anspricht; denn geistliche Dinge müssen geistlich gerichtet sein.

 

Der Heiland aber ging auf keine langatmige Beweisführung ein. Mit ernster, ruhiger Würde erhob er seine Hand und wiederholte mit Nachdruck: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, daß jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.“ Johannes 3,5. Nikodemus verstand, daß Christus sich hier auf die Wassertaufe bezog und auf die Erneuerung des Herzens durch den Geist Gottes. Ihm wurde bewußt, daß er sich in der Gegenwart dessen befand, den Johannes der Täufer vorausgesagt hatte.

 

Jesus fuhr fort: „Was vom Fleisch geboren wird, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren wird, das ist Geist.“ Von Natur aus ist das Herz böse. „Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer!“ Johannes 3,6; Hiob 14,4. Keine menschliche Erfindung kann eine mit Sünden beladene Seele heilen. „Denn fleischlich gesinnt sein ist Feindschaft wider Gott, weil das Fleisch dem Gesetz Gottes nicht untertan ist; denn es vermag‘s auch nicht.“ Römer 8,7. „Aus dem Herzen kommen arge Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Dieberei, falsch Zeugnis, Lästerung.“ Matthäus 15,19. Die Quelle des Herzens muß gereinigt werden, ehe der Strom klar werden kann. Wer versucht, den Himmel durch seine eigenen Werke, durch das Halten der Gebote zu erreichen, versucht Unmögliches. Es gibt keine Sicherheit für den, der nur eine gesetzliche Religion, eine äußere Frömmigkeit besitzt. Das Christenleben ver- bessert oder verändert nicht das alte Wesen, sondern gestaltet es völlig um. Das Ich und die Sünde müssen sterben; ein neues Leben muß beginnen! Dieser Wechsel kann nur durch das kräftige Wirken des Heiligen Geistes geschehen.

 

Nikodemus konnte es immer noch nicht begreifen, was der Herr ihm bedeuten wollte. Darum benutzte nun Jesus das Bild vom Wehen des Windes, um verständlicher zu werden: „Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist ein jeglicher, der aus dem Geist geboren ist.“ Johannes 3,8. Man hört den Wind in den Zweigen der Bäume, in dem Rascheln der Blätter und Blüten. Und doch ist er unsichtbar. Niemand weiß, woher er kommt und wohin er geht, So geschieht auch das Wirken des Heiligen Geistes am Herzen des Menschen. Dieser Vorgang kann ebensowenig erklärt werden wie das Brausen des Windes. Es mag jemand außerstande sein, genaue Zeit, Ort und einzelne Umstände seiner Bekehrung anzugeben, und dennoch ist er bekehrt. So unsichtbar wie der Wind weht, wirkt Christus beständig auf das Herz ein. Nach und nach, dem einzelnen vielleicht ganz unbewußt, werden Eindrücke hervorgerufen, die die Seele zu Christus ziehen. Diese Eindrücke mögen dadurch empfangen werden, daß man über ihn nachdenkt, in der Heiligen Schrift liest oder das Wort Gottes von seinen Dienern hört. Dann plötzlich, wenn der göttliche Einfluß immer stärker und unmittelbarer geworden ist, ergibt sich die Seele freudig dem Herrn. Viele nennen dies eine plötzliche Bekehrung, und doch war es nur die Folge des langen, geduldigen Werbens des Geistes Gottes.

 

Während der Wind selbst unsichtbar ist, erzeugt er Wirkungen, die man sehen und spüren kann. So offenbart sich das Wirken des Heiligen Geistes in jeder Handlung der bekehrten Seele. Sobald der Geist Gottes in das Herz einzieht, gestaltet er das Leben um. Sündhafte Gedanken werden verbannt, böse Taten vermieden; Liebe, Demut und Frieden nehmen die Stelle von Ärger, Neid und Zank ein. Traurigkeit verwandelt sich in Freude, und auf dem Angesicht spiegelt sich das Licht des Himmels. Keiner sieht die Hand, die die Last aufhebt, oder erblickt das Licht, das von den himmlischen Vorhöfen herableuchtet. Der Segen stellt sich ein, wenn ein Mensch sich im Glauben dem Herrn ergibt. Dann schafft die dem menschlichen Auge unsichtbare Kraft ein neues, dem Bilde Gottes ähnliches Wesen.

 

Es ist dem irdischen Geist unmöglich, das Werk der Erlösung zu verstehen. Dieses Geheimnis übersteigt jede menschliche Erkenntnis! Wer jedoch vom Tode zum Leben durchdringt, der nimmt wahr, daß es sich dabei um eine göttliche Tatsache handelt. Die ersten Früchte unserer Erlösung lernen wir bereits auf Erden über die persönliche Erfahrung kennen. Die endgültigen Auswirkungen reichen bis in die Ewigkeit. Während Jesus redete, drang etwas von dem göttlichen Licht der Wahrheit in des Obersten Seele. Der milde, besänftigende Einfluß des Heiligen Geistes beeindruckte sein Herz. Und dennoch verstand er die Worte des Heilandes nicht völlig. Die Notwendigkeit der Wiedergeburt war ihm nicht so wichtig wie die Art und Weise ihres Zustandekommens, und er fragte mit äußerster Verwunderung: „Wie kann solches zugehen?“

 

„Jesus antwortete und sprach zu ihm: Bist du ein Meister in Israel und weißt das nicht?“ Johannes 3,910. Wem die geistliche Erziehung seines Volkes anvertraut war, sollte gewiß nicht in Unkenntnis über diese wichtigen Wahrheiten sein. Seine Worte enthielten für Nikodemus die Lehre, daß er wegen seiner geistlichen Unwissenheit lieber sehr bescheiden von sich hätte denken sollen, statt sich wegen der klaren Botschaft der Wahrheit zu erregen. Allerdings gab Christus ihm das mit einer solchen Würde und einer in Blick und Sprache aufrichtigen Liebe zu verstehen, daß Nikodemus angesichts seiner demütigenden Lage nicht beleidigt sein konnte.

 

Als Jesus erklärte, daß seine Aufgabe auf Erden nicht darin bestehe, ein zeitliches, sondern ein ewiges Reich zu errichten, war sein Zuhörer doch beunruhigt. Jesus spürte das und fügte hinzu: „Glaubt ihr nicht, wenn ich euch von irdischen Dingen sage, wie werdet ihr glauben, wenn ich euch von himmlischen Dingen sage?“ Johannes 3,12. Konnte Nikodemus die Lehre Christi, die das Wirken der Gnade am Herzen veranschaulichte, nicht verstehen, wie sollte er dann die Natur seines herrlichen himmlischen Reiches erfassen! Vermochte er Christi Wirken auf Erden nicht zu begreifen, dann konnte er auch sein Werk im Himmel nicht verstehen.

 

Die Juden, die Jesus aus dem Tempel getrieben hatte, nahmen für sich in Anspruch, Kinder Abrahams zu sein. Dennoch waren sie vor Jesus geflohen, weil sie die sich in ihm offenbarende Herrlichkeit Gottes nicht ertragen konnten. Mit diesem Verhalten bewiesen sie nur, daß sie von Gottes Gnade noch nicht zubereitet waren, an dem geheiligten Dienst im Tempel Anteil zu haben. Sie waren eifrig darauf bedacht, stets den Anschein der Heiligkeit zu erwecken, dabei vernachlässigten sie jedoch die Heiligkeit des Herzens. Während sie pedantisch den Buchstaben des Gesetzes verfochten, übertraten sie es beständig dem Geist nach. So bedurften sie in ganz besonderer Weise jener Umwandlung, die Christus dem Nikodemus vor Augen geführt hatte — einer geistlichen Neugeburt also, einer Reinigung von Sünden und einer Erneuerung der Erkenntnis und der Frömmigkeit.

 

Im Hinblick auf diese Erneuerung gab es für die Blindheit Israels keine Entschuldigung. Unter dem Einfluß des Heiligen Geistes hatte schon Jesaja geschrieben: „Nun sind wir alle wie die Unreinen, und alle unsre Gerechtigkeit ist wie ein beflecktes Kleid.“ Jesaja 64,5. David betete: „Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, beständigen Geist.“ Psalm 51,12. Und durch Hesekiel ist uns die Verheißung geschenkt worden: „Ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln.“ Hesekiel 36,2627.

 

Bisher hatte Nikodemus diese Schriftstellen mit nur geringem Verständnis gelesen; nun aber begann er ihre Bedeutung zu begreifen. Er erkannte, daß jemand selbst dann, wenn er das Gesetz dem Wortlaut nach strengstens befolgte und es rein äußerlich ins Leben übertrüge, noch kein Recht hätte, das Königreich des Himmels zu betreten. Nach menschlichem Urteil war sein Leben gerecht und ehrenhaft verlaufen, in der Gegenwart Christi aber empfand er, daß sein Herz unrein und sein Leben nicht Gott wohlgefällig war. Nikodemus fühlte sich zu Christus hingezogen. Als der Heiland mit ihm über die Wiedergeburt sprach, verlangte es ihn danach, diese Umwandlung an sich selbst zu erfahren. Wie konnte dies geschehen? Jesus beantwortete die unausgesprochene Frage mit den Worten: „Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muß des Menschen Sohn erhöht werden, auf daß alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.“ Johannes 3,1415.

 

Jetzt konnte Nikodemus den Herrn verstehen; denn dieses Bild der erhöhten Schlange war ihm vertraut. Es machte ihm die Aufgabe des Heilandes auf Erden deutlich. Als seinerzeit die Israeliten durch den Biß der feurigen Schlangen starben, befahl Gott, eine eherne Schlange zu gießen und sie inmitten des Volkes aufzurichten. Dann wurde im ganzen Lager verkündet, daß alle, die auf diese Schlange schauen würden, leben sollten. Wohl wußte das Volk, daß in der Schlange selbst keine Macht war, die helfen konnte; sie war nur ein Sinnbild auf Christus. Wie dieses Bildnis, nach dem Ebenbild der todbringenden Schlangen gemacht, zu ihrem Heil aufgerichtet wurde, so sollte ein Wesen „in der Gestalt des sündlichen Fleisches“ (Römer 8,3) ihr Erlöser sein. Viele Israeliten betrachteten den Opferdienst so, als wäre er in der Lage, sie von ihren Sünden zu befreien. Gott wollte sie lehren, daß der Opferdienst nicht mehr Nutzen zu stiften vermochte als die eherne Schlange; doch ihre Gedanken sollten dadurch auf Christus gerichtet werden. Sie konnten zur Heilung ihrer Wunden oder zur Vergebung ihrer Sünden nichts anderes aus sich selbst tun, als ihren Glauben an die Gabe Gottes zu bekunden: sie sollten aufblicken und — leben!

 

Wer nun von den Schlangen gebissen worden war, hätte zögern können aufzublicken, hätte bezweifeln können, daß in dem ehernen Bilde eine Kraft wirksam sei, hätte eine wissenschaftliche Begründung fordern können — aber keinerlei Erklärung wurde gegeben. Sie mußten dem Worte Gottes, das durch Mose zu ihnen kam, gehorchen und vertrauen. Jede Weigerung, das Bild zu schauen, hätte ihren Untergang besiegelt. Weder durch Streitfragen noch durch lange Erörterungen gelangt eine Seele zur Erkenntnis der Wahrheit. Wir müssen aufblicken zum Heiland — und werden leben! Nikodemus nahm diese Lehre gläubig an. Er forschte in der Schrift, anders als bisher; denn er suchte nicht mehr theoretisches Wissen, sondern göttliches Leben für die Seele. Er begann das Königreich des Himmels zu erkennen, als er sich willig der Leitung des Heiligen Geistes unterwarf.

 

Tausende müßten heute die gleiche Wahrheit verstehen lernen, die Nikodemus im Bilde der erhöhten Schlange gelehrt worden war. Sie verlassen sich darauf, daß sie ihr Gesetzesgehorsam der Gnade Gottes empfiehlt. Werden sie aufgefordert, auf Jesus zu schauen und zu glauben, daß er sie allein durch seine Gnade errette, rufen sie erstaunt: „Wie kann solches zugehen?“ Johannes 3,910. Wie Nikodemus müssen wir bereit sein, das Leben unter den gleichen Bedingungen noch einmal zu beginnen wie der größte aller Sünder. Denn außer Christus ist „kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, darin wir sollen selig werden“. Apostelgeschichte 4,12. Im Glauben empfangen wir die Gnade Gottes; der Glaube selbst aber ist nicht unser Heil. Er bringt nichts ein, sondern ist gewissermaßen nur die Hand, mit der wir Christus festhalten und dessen Verdienste, das Heilmittel gegen die Sünde, in Anspruch nehmen. Ohne die Hilfe des Geistes Gottes können wir ja nicht einmal bereuen. In diesem Sinne sagt die Schrift von Christus: „Den hat Gott durch seine rechte Hand erhöht zum Fürsten und Heiland, zu geben Israel Buße und Vergebung der Sünden.“ Apostelgeschichte 5,31. Christus führt ebenso zur Buße, wie er Schuld vergibt.

 

Auf welche Weise werden wir nun errettet: „Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat“ (Johannes 3,1415), so ist des Menschen Sohn erhöht worden, und wer von der Schlange betrogen und gebissen wurde, kann aufschauen und leben. „Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt!“ Johannes 1,29. Das Licht, das uns vom Kreuz entgegenstrahlt, offenbart die Liebe Gottes. Seine Liebe zieht uns zu sich. Widerstreben wir dieser Zugkraft nicht, werden wir zum Fuße des Kreuzes geführt, um dort die Sünden zu bereuen, die den Heiland ans Kreuz brachten. Dann erneuert der Heilige Geist durch den Glauben den inwendigen Menschen. Die Gedanken und Wünsche werden dem Willen Christi untergeordnet. Herz und Gemüt werden neu geschaffen zum Bilde dessen, der in uns wirkt, um sich alle Dinge untertan zu machen. Dann ist das Gesetz Gottes in Herz und Sinn geschrieben, und wir können mit Christus bekennen: „Deinen Willen, mein Gott, tue ich gern.“ Psalm 40,9.

 

In der Unterredung mit Nikodemus gab Jesus Aufschluß über den Erlösungsplan und über seine Mission. In keiner seiner späteren Reden hat er so völlig, Schritt für Schritt, das Werk erklärt, das in den Herzen aller geschehen muß, die das Himmelreich ererben wollen. Gleich zu Beginn seines irdischen Dienstes öffnete der Herr einem Mitglied des Hohen Rates das Verständnis der Wahrheit. Dieser Mann hatte ein sehr empfängliches Gemüt und war ein verordneter Lehrer Israels. Im allgemeinen aber nahmen die geistigen Führer des Volkes die göttliche Wahrheit nicht an. Nikodemus verbarg die Evangeliumsbotschaft drei Jahre in seinem Herzen, und sie trug anscheinend wenig Frucht.

 

Aber der Heiland kannte den Boden, auf dem er den Samen ausgestreut hatte. Seine Worte, die er zur Nachtzeit auf dem einsamen Berge zu nur einem Zuhörer gesprochen hatte, gingen nicht verloren. Eine Zeitlang bekannte sich Nikodemus nicht öffentlich zu Jesus, aber er beobachtete sein Leben und dachte über seine Lehren nach. In den Sitzungen des Hohen Rates vereitelte er wiederholt manchen Anschlag der Priester, der Jesus verderben sollte. Als schließlich der Heiland am Kreuz erhöht wurde, erinnerte sich Nikodemus der Worte auf dem Ölberg: „Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muß des Menschen Sohn erhöht werden, auf daß alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.“ Johannes 3,1415. Das Licht jener verschwiegenen Unterredung umleuchtete das Kreuz von Golgatha, und Nikodemus sah in Jesus den Erlöser der Welt.

 

Als nach der Himmelfahrt des Herrn die Jünger durch die Verfolgungen zerstreut wurden, trat Nikodemus unerschrocken in den Vordergrund. Er verwandte sein ganzes Vermögen zur Unterstützung der jungen Gemeinde, die die Juden mit dem Tode Christi als ausgetilgt betrachteten. In den gefahrvollen Zeiten stand er, der sich vorher so überaus vorsichtig und abwartend verhalten hatte, fest und unerschüttert wie ein Fels im Meer; er ermutigte den Glauben der Jünger und gab seine Mittel zur Ausbreitung des Evangeliums. Er wurde von denen, die ihn in früheren Jahren geehrt und geachtet hatten, verhöhnt und verfolgt. Er verlor seine irdische Habe; doch sein Glaube, der in jener nächtlichen Unterredung mit Jesus begonnen hatte, schwankte nicht. Nikodemus erzählte Johannes die Geschichte jenes Gespräches, und dieser schrieb sie zur Lehre aller Menschen nieder. Noch heute sind diese Wahrheiten ebenso wichtig wie in jener ernsten Nacht auf dem von Finsternis eingehüllten Berg, in der der jüdische Oberste kam, um von dem einfachen Lehrer aus Galiläa den Weg des Lebens kennenzulernen. 1613.

Kapitel 18: „Er muß wachsen ...“

 

Auf der Grundlage von Johannes 3,22-36.

 

Der Einfluß des Täufers auf das Volk war zeitweise größer als der seiner Herrscher, Priester oder Fürsten. Hätte er sich als Messias ausgegeben und einen Aufstand gegen Rom angezettelt — Priester und Volk wären in Scharen seinem Ruf gefolgt. Jedes Ansinnen, auf das der Ehrgeiz von Welteroberern anspricht, hielt Satan für Johannes den Täufer wie eine Nötigung bereit. Aber seiner Vollmacht gewiß, widerstand Johannes unerschütterlich dem bestechenden Angebot. Er lenkte die ihm zugedachte Aufmerksamkeit auf einen anderen.

 

Von nun an mußte er mitansehen, wie sich die Woge der Volksgunst nicht mehr ihm, sondern dem Erlöser zuwandte. Die Menge um Johannes schmolz mit jedem Tage zusammen. Als Jesus von Jerusalem in die Gegend des Jordan kam, sammelte sich viel Volk, um ihn zu hören. Die Anzahl seiner Nachfolger wuchs beständig. Viele kamen, um sich taufen zu lassen. Da Christus selbst nicht taufte, erlaubte er seinen Jüngern, die Taufhandlung auszuführen, womit er die göttliche Sendung seines Vorläufers voll bestätigte. Die Jünger des Johannes jedoch blickten mit Argwohn auf die wachsende Beliebtheit Jesu. Sie brauchten auf eine Gelegenheit, sein Wirken zu kritisieren, nicht lange zu warten. Zwischen ihnen und den Juden erhob sich die Frage, ob die Taufe die Reinigung des Menschen von der Sünde bewerkstelligen könne. Sie behaupteten, daß sich die Jesustaufe erheblich von der Johannestaufe unterscheide. Bald darauf gerieten sie mit den Jüngern Jesu in eine Auseinandersetzung über die bei der Taufe zu sprechende Formel. Schließlich stritten sie Christus überhaupt das Recht zu taufen ab.

 

Die Jünger des Johannes kamen mit ihren Klagen zu ihm und sprachen: „Meister, der bei dir war jenseits des Jordans, von dem du zeugtest, siehe, der tauft, und jedermann kommt zu ihm.“ Johannes 3,26. Durch diese Worte brachte Satan Johannes in Versuchung. Obwohl seine Aufgabe fast beendet schien, wäre es dem Täufer doch noch möglich gewesen, das Wirken Christi zu behindern. Hätte er sich selbst bemitleidet und Sorge und Enttäuschung darüber geäußert, jetzt überflüssig zu sein, dann hätte er Zwietracht gesät, Neid und Eifersucht genährt und den Fortgang des Evangeliums ernstlich erschwert. Johannes besaß von Natur aus die allen Menschen gemeinsamen Fehler und Schwächen, doch die Berührung durch die göttliche Liebe hatte ihn umgestaltet. Er lebte in einer Atmosphäre — unbefleckt von Selbstsucht und Ehrgeiz und völlig erhaben über die ansteckende Eifersucht. Er brachte der Unzufriedenheit seiner Jünger kein Verständnis entgegen, er ließ vielmehr erkennen, wie ungetrübt er seine Beziehung zum Messias auffaßte und wie freudig er den Einen willkommen hieß, dessen Weg er bereitet hatte.

 

Er sprach: „Ein Mensch kann nichts nehmen, es werde ihm denn gegeben vom Himmel. Ihr selbst seid meine Zeugen, daß ich gesagt habe, ich sei nicht der Christus, sondern vor ihm her gesandt. Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam; der Freund aber des Bräutigams steht und hört ihm zu und freut sich hoch über des Bräutigams Stimme.“ Johannes 3,27-29. Johannes stellte sich als „der“ Freund vor, der die Rolle eines Boten zwischen den Verlobten — Braut und Bräutigam — spielte und der Wegbereiter zur Hochzeit war. Sobald die Braut dem Bräutigam zugeführt war, hatte der Freund seinen Auftrag erfüllt. Er hatte die Verbindung der beiden gefördert und freute sich ihres Glückes. Genauso sah Johannes seine Berufung darin, dem Volk den Weg zu Jesus zu zeigen, und es bedeutete ihm Freude, Zeuge des erfolgreichen Wirkens des Erlösers zu sein. Er sagte: „Diese meine Freude ist nun erfüllt. Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen!“ Johannes 3,2930.

 

Johannes blickte im Glauben auf den Heiland, so daß er den Gipfel der Selbstverleugnung erklimmen konnte. Er erstrebte nicht, Menschen an sich zu fesseln, sondern er wollte ihre Gedanken höher und immer höher führen, bis sie beim Lamm Gottes Ruhe fänden. Er selbst war nur eine Stimme, ein lauter Ruf in der Wüste gewesen. Jetzt nahm er freudig Schweigen und Vergessenwerden in Kauf, damit aller Augen auf das Licht des Lebens schauten.

 

Boten Gottes, die treu zu ihrer Berufung stehen, suchen nicht die eigene Ehre. Die Liebe zu sich selbst geht auf in der Liebe zu Christus. Kein Konkurrenzdenken wird den köstlichen Urgrund der Evangeliumsarbeit beeinträchtigen. Wie Johannes der Täufer haben sie den Sinn ihres Wirkens erkannt und verkündigen: „Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt!“ Johannes 1,29. Sie werden Jesus erhöhen und mit ihm die menschliche Natur. „Denn so spricht der Hohe und Erhabene, der ewig wohnt, dessen Name heilig ist: Ich wohne in der Höhe und im Heiligtum und bei denen, die zerschlagenen und demütigen Geistes sind, auf daß ich erquicke den Geist der Gedemütigten und das Herz der Zerschlagenen.“ Jesaja 57,15.

 

Die von aller Selbstsucht freie Seele des Propheten war von göttlichem Licht erfüllt. Als er sein Zeugnis zur Verherrlichung des Erlösers ablegte, waren seine Worte geradezu ein Gegenstück zu jenem Gespräch, das Christus selbst mit Nikodemus geführt hatte. Johannes sagte: „Der von oben her kommt, ist über alle. Wer von der Erde ist, der ist von der Erde und redet von der Erde. Der vom Himmel kommt, der ist über alle ... Denn welchen Gott gesandt hat, der redet Gottes Worte; denn Gott gibt den Geist nicht nach dem Maß.“ Johannes 3,3134. Christus konnte von sich sagen: „Ich suche nicht meinen Willen, sondern den Willen des, der mich gesandt hat.“ Johannes 5,30. Ihm wird erklärt: „Du hast geliebt die Gerechtigkeit und gehaßt die Ungerechtigkeit; darum hat dich, o Gott, gesalbt dein Gott mit dem Öl der Freude wie keinen andern neben dir.“ Hebräer 1,9. Der Vater „gibt den Geist nicht nach dem Maß“. Johannes 3,34.

 

Genauso verhält es sich mit den Nachfolgern Christi. Wir können das Licht des Himmels nur in dem Maße empfangen, in dem wir bereit sind, unserem Ich zu entsagen. Wir können weder das Wesen Gottes erkennen noch Christus im Glauben annehmen — es sei denn, wir „nehmen gefangen alle Gedanken unter den Gehorsam Christi“. 2.Korinther 10,5. Wer dies tut, erhält den Heiligen Geist in reichem Maße. In Christus „wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig, und ihr habt diese Fülle in ihm“. Kolosser 2,910.

 

Die Jünger des Johannes hatten erklärt, daß jedermann zu Christus komme — aber Johannes sah klarer, er urteilte: „Sein Zeugnis nimmt niemand an.“ Johannes 3,32. So wenige waren demnach bereit, Jesus als der Sünder Heiland anzunehmen. „Wer es [sein Zeugnis] aber annimmt, der besiegelt‘s, daß Gott wahrhaftig ist.“ Johannes 3,33. „Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben.“ Johannes 3,36. Der Streit ist müßig, ob die Christus- oder die Johannestaufe von Sünden reinige. Allein die Gnade Christi verleiht der Seele Leben. Ohne Christus ist die Taufe wie jede andere religiöse Handlung eine wertlose Form. „Wer dem Sohn nicht glaubt, der wird das Leben nicht sehen.“ Johannes 3,36.

 

Der Erfolg des Wirkens Christi, den der Täufer mit solcher Freude anerkannte, wurde auch den Behörden in Jerusalem berichtet. Priester und Rabbiner waren auf den Einfluß des Johannes eifersüchtig gewesen, denn sie mußten mitansehen, wie das Volk die Synagogen verließ und in die Wüste strömte. Aber hier war einer, der mit noch größerer Macht die Massen anzog. Diese Obersten in Israel waren nicht willens, mit Johannes zu sagen: „Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen.“ Johannes 3,30. Mit fester Entschlossenheit machten sie sich daran, jenem Werk ein Ende zu bereiten, das ihnen das Volk abspenstig machte.

 

Jesus wußte, sie würden keine Anstrengung scheuen, um eine Spaltung zwischen seinen und den Jüngern des Johannes herbeizuführen. Ebenso spürte er, daß der Sturm sich bereits zusammenballte, der einen der größten Propheten, der je in diese Welt gesandt worden war, hinwegfegen würde. Um nun keinerlei Mißverständnisse oder Unstimmigkeiten aufkommen zu lassen, brach er unauffällig seine Tätigkeit in Judäa ab und zog sich nach Galiläa zurück. Auch wir sollten, der Wahrheit in Treue zugetan, alles unternehmen, um aufkommende Mißtöne und Mißverständnisse von vornherein zu vermeiden; denn wann immer sich solche einstellen, werden Seelen dabei verlorengehen. Wenn Umstände eintreten, die eine Spaltung befürchten lassen könnten, sollten wir dem Beispiel Jesu und Johannes des Täufers folgen.

 

Johannes war zum Reformator berufen worden. Deshalb befanden sich seine Jünger in der Gefahr, alle ihre Aufmerksamkeit ihm zu schenken in der Annahme, daß der Erfolg seines Werkes von seinen Bemühungen abhinge. Leicht konnten sie die Tatsache übersehen, daß er lediglich ein Werkzeug war, durch das Gott wirkte. Das Werk des Johannes reichte jedoch für die Gründung der christlichen Gemeinde nicht aus. Nachdem er seinen Auftrag durchgeführt hatte, mußte eine andere Arbeit vollbracht werden, die durch sein Zeugnis nicht zustandekommen konnte. Das begriffen seine Jünger nicht. Als sie sahen, wie Jesus auftrat und das Werk fortführte, reagierten sie eifersüchtig und verdrossen.

 

Die gleichen Gefahren bestehen noch heute. Gott ruft jemand in eine bestimmte Arbeit. Hat dieser sie dann seiner Befähigung entsprechen vorangetrieben, ersetzt der Herr ihn durch andere, um durch sie das Werk noch weiter auszudehnen. Aber wie bei den Jüngern des Johannes meinen viele, daß der Erfolg vom ersten Arbeiter abhängt. Die Aufmerksamkeit beschränkt sich auf das Menschliche statt auf das Göttliche, Eifersucht wird geweckt, und Gottes Werk nimmt Schaden. Derjenige, der so zu unverdienter Ehre gelangt, steht in der Versuchung, allzuviel Selbstvertrauen zu entwickeln. Er vergegenwärtigt sich nicht seine Abhängigkeit von Gott. Die Menschen werden unterwiesen, sich auf ihresgleichen zu verlassen. Auf diese Weise verfallen sie dem Irrtum und geraten in Gottesferne.

 

Damit Gottes Werk auf keinen Fall weder Bild noch Aufschrift des Menschen trägt, läßt der Herr von Zeit zu Zeit verschiedene Unternehmen wirksam werden, durch die sich seine Absichten am besten erfüllen. Selig sind jene, die gewillt sind, Demütigungen hinzunehmen und mit Johannes dem Täufer sprechen: „Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen.“ Johannes 3,30.

 

 

 

 

 

 

Kapitel 19: Am Jakobsbrunnen

 

Auf der Grundlage von Johannes 4,1-42.

 

Auf dem Wege nach Galiläa gelangte Jesus auch nach Samaria. Es war mittags, als er das schöne Tal Sichem erreichte, an dessen Eingang der Jakobsbrunnen lag. Ermüdet von der Reise, ließ sich der Heiland zur Rast nieder, während die Jünger hingingen, um Speise zu kaufen. Die Juden und die Samariter waren bittere Feinde und vermieden es, so gut es möglich war, miteinander in Berührung zu kommen. Die Rabbiner erlaubten nur für den Notfall, in Handelsverbindung mit den Samaritern zu treten; jeder gesellige Umgang mit ihnen aber war verpönt. Jede Freundlichkeit oder gefällige Handlung, selbst einen Trunk Wasser oder ein Stück Brot, lehnte der Jude ab. Durchaus in Übereinstimmung mit dieser Sitte ihres Volkes kauften die Jünger lediglich die notwendige Speise. Weiter gingen sie nicht. Von einem Samariter irgendeine Gunst zu erbitten oder nach einer Wohltat zu trachten, lag selbst den Jüngern Christi fern.

 

Jesus saß durch Hunger und Durst ermattet am Brunnen. Er hatte mit seinen Jüngern seit dem Morgen eine lange Wanderung hinter sich, dazu schien jetzt die heiße Mittagssonne voll hernieder. Sein Durstgefühl verstärkte sich bei dem Gedanken, daß kühles, erfrischendes Wasser ihm so nahe und doch unerreichbar war, da er weder Strick noch Krug hatte und der Brunnen eine erhebliche Tiefe besaß. Er teilte das Los aller menschlichen Kreatur, und er wartete, bis jemand käme, um Wasser zu schöpfen. Da kam eine Frau aus Samaria zum Brunnen und füllte ihren Krug mit Wasser; aber sie schien Jesu Gegenwart nicht zu bemerken. Als sie sich wieder zum Gehen wandte, bat der Heiland sie um einen Trunk. Eine solche Bitte würde kein Orientale abschlagen. Im Morgenland galt das Wasser als Gottesgabe. Dem durstigen Wanderer einen Trunk zu reichen, wurde als eine so heilige Pflicht angesehen, daß die Araber der Wüste keine Mühe scheuten, um sie zu erfüllen. Die Feindschaft, die zwischen Juden und Samaritern bestand, hielt jedoch die Frau davon ab, Jesus eine Freundlichkeit zu erweisen; doch der Heiland suchte das Herz dieser Frau zu gewinnen, indem er mit allem Feingefühl, aus göttlicher Liebe heraus, um eine Gunst bat, statt eine zu gewähren. Ein Anerbieten hätte abgeschlagen werden können, Zutrauen aber erweckt Zutrauen. Der König des Himmels kam zu dieser ausgestoßenen Seele und bat um einen Dienst von ihrer Hand. Er, der den Ozean werden ließ, der dem Wasser der großen Tiefe gebot; er, der die Quellen der Erde öffnete, ruhte müde am Jakobsbrunnen und war selbst um einen Trunk Wasser auf die Freundlichkeit einer Fremden angewiesen.

 

Die Frau sah, daß Jesus ein Jude war. In ihrer Überraschung vergaß sie, den Wunsch des Heilandes zu erfüllen, versuchte jedoch, dessen Ursache zu erfahren. „Wie bittest du von mir zu trinken, der du ein Jude bist, und ich ein samaritisch Weib?“

 

Jesus antwortete: „Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, du bätest ihn, und er gäbe dir lebendiges Wasser.“ Johannes 4,910. Du wunderst dich, daß ich dich um eine so geringe Gunst wie um einen Trunk Wasser aus dem Brunnen zu unsern Füßen bitte; hättest du mich gebeten, würde ich dir von dem Wasser des ewigen Lebens gegeben haben.

 

Das Weib verstand Jesu Worte nicht; aber sie fühlte deren ernste Bedeutung. Ihr leichtes, herausforderndes Wesen änderte sich. Sie sagte, in der Annahme, Jesus spräche von dem Wasser dieses Brunnens: „Herr, hast du doch nichts, womit du schöpfest, und der Brunnen ist tief; woher hast du denn lebendiges Wasser? Bist du mehr als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat? Und er hat daraus getrunken ...“ Johannes 4,1112. Sie sah nur einen müden Wanderer vor sich, verstaubt und durstig, und verglich ihn in Gedanken mit dem verehrten Patriarchen Jakob. Sie glaubte, und das ist ja ein ganz natürliches Gefühl, daß kein anderer Brunnen dem gleichen könnte, den die Vorväter gebaut hatten. Sie sah zurück in die Zeit der Väter und schaute vorwärts auf das Kommen des Messias. Und dabei stand die Hoffnung der Väter — der Messias — bei ihr, und sie kannte ihn nicht. Wie viele durstige Seelen befinden sich heute in unmittelbarer Nähe der lebendigen Quelle, dennoch suchen sie die Lebensquelle in der Ferne! „Sprich nicht in deinem Herzen: ‚Wer will hinauf gen Himmel fahren?‘ — nämlich Christus herabzuholen — oder: ‚Wer will hinab in die Tiefe fahren?‘ — nämlich Christus von den Toten heraufzuholen —, sondern was sagt sie: ‚Das Wort ist dir nahe, in deinem Munde und in deinem Herzen.‘ Denn so du mit deinem Munde bekennst Jesus, daß er der Herr sei, und glaubst in deinem Herzen, daß ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet.“ Römer 10,6-9.

 

Jesus beantwortete die ihn betreffende Frage nicht sofort, sondern sagte mit feierlichem Ernst: „Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird ewiglich nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm ein Brunnen des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.“ Johannes 4,1314. Wer seinen Durst an den Quellen dieser Welt stillen will, wird immer wieder durstig werden; die Menschen bleiben unbefriedigt. Es verlangt sie nach etwas, das ihre Seele beruhigt. Dieses Verlangen kann nur einer stillen. Christus ist das Bedürfnis der Welt und die Sehnsucht der Völker. Die göttliche Gnade, die er allein mitteilen kann, ist wie lebendiges Wasser, das die Seele belebt, reinigt und erfrischt.

 

Jesus sagte nicht, daß ein einziger Trunk von dem Wasser des Lebens genügte. Wer von der Liebe Jesu schmeckt, verlangt beständig nach mehr; er sucht nichts anderes. Die Reichtümer, Ehren und Vergnügungen der Welt haben keinerlei Anziehungskraft mehr für ihn, sondern der beständige Ruf seines Herzens lautet: Mehr von dir! Und er, der der Seele ihre Bedürftigkeit offenbart, wartet darauf, den geistlichen Hunger und Durst zu stillen; denn menschliche Mittel und Wege vermögen es nicht. Die Wasserbehälter können leer werden, die Teiche austrocknen, aber unser Erlöser ist eine unversiegbare Quelle. Wir können trinken und immer wieder schöpfen und finden beständig frischen Vorrat. Wer in Christus wohnt, hat die Quelle des Segens in sich, hat „Brunnen des Wassers ... das in das ewige Leben quillt“. Aus dieser Quelle kann er genügend Kraft und Gnade schöpfen, um alle Bedürfnisse zu befriedigen.

 

Als Jesus von dem lebendigen Wasser sprach, sah ihn das Weib verwundert an. Er erregte ihre Teilnahme und erweckte in ihr ein Verlangen nach jener Gabe, von der er sprach. Sie erkannte, daß er nicht das Wasser des Jakobsbrunnens meinte; denn davon trank sie täglich und wurde doch immer wieder durstig. „Herr“, sagte sie zu ihm, „gib mir solches Wasser, auf daß mich nicht dürste!“ Plötzlich gab der Herr der Unterhaltung eine andere Wendung. Ehe diese Frau die Gabe empfangen konnte, die er ihr gern schenken wollte, mußte sie nicht nur ihre Sünde bekennen, sondern auch ihren Heiland erkennen. Er sprach zu ihr: „Gehe hin, rufe deinen Mann und komm her!“ Sie sprach: „Ich habe keinen Mann.“ Mit dieser Antwort hoffte sie alle weiteren Fragen zu umgehen. Doch der Heiland fuhr fort: „Du hast recht gesagt: Ich habe keinen Mann. Fünf Männer hast du gehabt, und den du hast, der ist nicht dein Mann; da hast du recht gesagt.“ Johannes 4,15-18.

 

Die Samariterin zitterte. Eine geheimnisvolle Hand wendete die Blätter ihrer Lebensgeschichte um und brachte das zum Vorschein, was sie für immer zu verbergen gehofft hatte. Wer war dieser Mann, der die Geheimnisse ihres Lebens so genau kannte? Sie mußte zwangsläufig an die Ewigkeit denken, an das zukünftige Gericht, da alles, was jetzt verborgen ist, offenbar werden wird. In diesem Bewußtsein erwachte das Gewissen. Leugnen konnte sie nicht, aber sie versuchte, diesem unangenehmen Gesprächsstoff auszuweichen. Mit großer Ehrerbietung sagte sie: „Herr, ich sehe, daß du ein Prophet bist.“ Johannes 4,19. Dann brachte sie die Rede auf religiöse Streitfragen, um ihr Gewissen zu beruhigen. Wenn dieser Mann ein Prophet war, dann konnte er ihr auch sicherlich alles erklären, was ihr bisher so strittig schien.

 

Geduldig ließ der Heiland der Samariterin bei der Führung des Gesprächs völlig freie Hand. Inzwischen wartete er auf eine Gelegenheit, ihrem Herzen aufs neue die Wahrheit nahezubringen. „Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet“, sprach die samaritische Frau, „und ihr sagt, zu Jerusalem sei die Stätte, da man anbeten solle.“ Vor ihren Blicken lag der Berg Garizim, dessen Tempel verwüstet war. Nur der Altar stand noch. Um den Ort der Anbetung hatte es zwischen Juden und Samaritern Streit gegeben. Einige der samaritischen Vorfahren waren einst zu Israel gezählt worden; aber ihrer Sünden wegen hatte es der Herr zugelassen, daß sie von einem heidnischen Volk überwunden wurden. Schon viele Generationen hindurch lebten sie mit Götzenanbetern zusammen, deren Religion ihre eigene allmählich entstellt hatte. Sie behaupteten allerdings, daß ihre Götzen sie nur an den lebendigen Gott, den Herrscher des ganzen Weltalls, erinnern sollten, nichtsdestoweniger waren sie soweit gekommen, sich vor Götzenbildern zu beugen.

 

Als der Tempel in Jerusalem zur Zeit Esras wieder gebaut wurde, wollten sich die Samariter den Juden bei seinem Aufbau anschließen. Dieses Vorrecht wurde ihnen aber verweigert, und es entstand bittere Feindschaft zwischen beiden Völkern. Die Samariter bauten sich deshalb ihren Tempel auf dem Berge Garizim. Hier beteten sie Gott an in Übereinstimmung mit den mosaischen Gebräuchen, obgleich sie den Götzendienst nicht völlig aufgegeben hatten. Aber das Unglück verfolgte sie. Ihr Tempel wurde von Feinden zerstört; sie schienen unter einem Fluch zu stehen. Dennoch hielten sie an ihren Überlieferungen und an ihrer Form des Gottesdienstes fest. Sie wollten den Tempel zu Jerusalem nicht als Haus Gottes anerkennen und auch nicht zugeben, daß die jüdische Religion der ihren überlegen war.

 

Auf die Frage der Samariterin antwortete Jesus: „Glaube mir, es kommt die Zeit, daß ihr weder auf diesem Berge noch zu Jerusalem werdet den Vater anbeten. Ihr wisset nicht, was ihr anbetet; wir wissen aber, was wir anbeten; denn das Heil kommt von den Juden.“ Johannes 4,2122. Jesus hatte damit bewiesen, daß er frei war von dem jüdischen Vorurteil gegen die Samariter. Er versuchte sogar das Vorurteil der Samariterin gegen die Juden zu beseitigen. Während er darauf verwies, daß der Glaube der Samariter durch den Götzendienst verdorben war, erklärte er, daß die großen Wahrheiten über die Erlösung den Juden anvertraut seien und daß aus ihrem Volk auch der Messias kommen sollte. In den heiligen Schriften hatten sie eine klare Darstellung vom Wesen Gottes und von den Grundsätzen seiner Regierung. Jesus rechnete sich selbst zu den Juden, denen Gott die Erkenntnis über seine Person gegeben hatte.

 

Er wünschte die Gedanken seiner Zuhörerin über alles Äußere und über alle Streitfragen hinauszuheben. „Es kommt die Zeit und ist schon jetzt, daß die wahrhaftigen Anbeter werden den Vater anbeten im Geist und in der Wahrheit; denn der Vater will haben, die ihn also anbeten. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ Johannes 4,2324.

 

Mit diesen Worten ist die gleiche Wahrheit ausgesprochen, die Jesus schon Nikodemus offenbart hatte, als er sagte: „Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.“ Johannes 3,3. Menschen werden dem Himmel nicht nähergebracht, indem sie einen heiligen Berg oder einen geweihten Tempel aufsuchen. Die Religion ist nicht auf lediglich äußere Formen und Handlungen beschränkt. Die Religion, die von Gott kommt, ist auch die einzige Religion, die zu Gott führt. Um ihm in der richtigen Weise zu dienen, müssen wir durch den Geist Gottes neu geboren werden. Dieser wird unsere Herzen reinigen und unseren Sinn erneuern und uns die Fähigkeit schenken, Gott zu erkennen und zu lieben. Er wird in uns die Bereitschaft wecken, allen seinen Anforderungen gehorsam zu sein. Dies allein ist wahre Anbetung. Sie ist die Frucht der Wirksamkeit des Geistes Gottes. Jedes aufrichtige Gebet ist durch den Geist eingegeben, und ein solches Gebet ist Gott angenehm. Wo immer eine Seele nach Gott verlangt, dort bekundet sich das Wirken des Geistes, und Gott wird sich jener Seele offenbaren. Nach solchen Anbetern sucht er. Er wartet darauf, sie anzunehmen und sie zu seinen Söhnen und Töchtern zu machen.

 

Jesu Worte machten schon während ihrer Unterhaltung großen Eindruck auf die Samariterin. Weder von den Priestern ihres Volkes noch von den Juden hatte sie jemals solche Gedanken gehört. Als der Heiland ihr vergangenes Leben vor ihr enthüllt hatte, war sie sich ihres großen Mangels bewußt geworden. Sie erkannte den Durst ihrer Seele, den die Wasser des Brunnens von Sichar nimmer zu stillen vermochten. Sie war bisher nie mit etwas in Berührung gekommen, das ihr Verlangen nach Höherem geweckt hatte. Jesus hatte sie überzeugt, daß er ihr Leben genau kannte. Dennoch fühlte sie, daß er ihr Freund war, der Mitleid mit ihr hatte und der sie liebte. Obgleich sie sich durch seine reine Gegenwart in ihrer Sünde verdammt fühlte, hatte er kein Wort des Tadels gesprochen, sondern ihr von seiner Gnade erzählt, die ihre Seele erneuern könnte. Sie wurde von seinem Charakter überzeugt, und sie fragte sich, ob dieser Mann nicht der langersehnte Messias sei. Sie sagte zu ihm: „Ich weiß, daß der Messias kommt, der da Christus heißt. Wenn derselbe kommen wird, so wird er‘s uns alles verkündigen. Jesus spricht zu ihr: Ich bin‘s, der mit dir redet.“ Johannes 4,2526.

 

Als sie diese Worte hörte, glaubte sie in ihrem Herzen; sie nahm die wunderbare Verkündigung aus dem Munde des göttlichen Lehrers an. Das Gemüt dieser Frau war empfänglich; sie war bereit, diese herrliche Offenbarung zu erfassen. Die heiligen Schriften waren ihr lieb und wert, und der Heilige Geist hatte ihre Seele auf eine größere Erkenntnis vorbereitet. Sie kannte die Verheißung des Alten Testamentes: „Einen Propheten wie mich wird dir der Herr, dein Gott, erwecken aus dir und aus deinen Brüdern; dem sollt ihr gehorchen.“ 5.Mose 18,15. Sie hatte sich immer schon danach gesehnt, diese Verheißung zu verstehen. Nun fiel ein Lichtstrahl in ihre Seele. Das Wasser des Lebens — das geistliche Leben —, das Christus jeder dürstenden Seele gibt, war ihrem Herzen geschenkt worden. Gottes Geist wirkte an ihr.

 

Die schlichte Darstellung, die Jesus dieser Frau gab, hätte er den selbstgerechten Juden nicht geben können. Christus war zurückhaltender, wenn er mit ihnen sprach. Was den Juden vorenthalten wurde, was auch die Jünger mit Zurückhaltung behandeln sollten, offenbarte er dieser Samariterin. Jesus sah, daß sie diese Erkenntnis benutzen würde, andere an seiner Gnade teilhaben zu lassen. Die von ihrem Auftrag zurückkommenden Jünger waren überrascht, ihren Meister im Gespräch mit der Samariterin zu finden. Er hatte den erfrischenden und so sehr begehrten Trunk nicht genommen und fand auch nicht die Zeit, die von den Jüngern gebrachte Speise zu sich zu nehmen. Nach dem Fortgang der Frau baten die Jünger ihn, zu essen. Der Heiland aber saß still und nachdenklich; sein Angesicht strahlte von einem inneren Licht, und sie fürchteten, seine Gemeinschaft mit Gott zu stören. Sie wußten, daß er hungrig und matt war, und sie fühlten sich verpflichtet, ihn an seine leiblichen Bedürfnisse zu erinnern. Jesus anerkannte ihre liebevolle Fürsorge und sagte: „Ich habe eine Speise zu essen, von der ihr nicht wisset.“

 

Verwundert fragten sich die Jünger, wer ihm Speise gebracht haben konnte. Doch der Herr erklärte ihnen: „Meine Speise ist die, daß ich tue den Willen des, der mich gesandt hat, und vollende sein Werk.“ Johannes 4,34. Jesus freute sich, daß seine Worte das Gewissen der Samariterin geweckt hatten. Er sah, daß diese Seele von dem Wasser des Lebens gläubig trank, und sein eigener Hunger und Durst waren gestillt. Die Erfüllung seiner Aufgabe, um derentwillen er den Himmel verlassen hatte, stärkte ihn für seine Arbeit und erhob ihn über die menschlichen Bedürfnisse. Es war ihm wichtiger, einer hungernden und dürstenden Seele mit der Wahrheit zu dienen, als selbst leibliche Nahrung zu genießen. Wohlzutun war sein Leben!

 

Unser Heiland dürstet danach, angenommen zu werden; er hungert nach dem Mitgefühl und der Liebe derer, die er mit seinem eigenen Blut erkauft hat. Mit innigem Verlangen sehnt er sich danach, daß sie zu ihm kommen und das Wasser des Lebens empfangen. Wie eine Mutter auf das erste erkennende Lächeln ihres Kindes achtet, das dadurch sein erwachendes Verständnis anzeigt, so wartet Christus auf den Ausdruck dankbarer Liebe, der ihm zeigt, daß das geistliche Leben in den Herzen der Menschen erwacht ist.

 

Die Worte Jesu hatten die Samariterin mit Freude erfüllt. Die wunderbare Offenbarung überwältigte sie fast. Sie ließ ihren Krug stehen und eilte in die Stadt, um den andern diese Botschaft zu bringen. Jesus wußte, warum sie gegangen war; der zurückgelassene Wasserkrug sprach unmißverständlich von der Wirkung seiner Worte. Das samaritische Weib verlangte nach dem lebendigen Wasser. Sie vergaß den Zweck ihres Kommens, vergaß auch des Heilandes Durst, den sie doch stillen wollte. Sie eilte mit freudig erregtem Herzen in die Stadt zurück, um den andern das köstliche Licht mitzuteilen, das sie empfangen hatte. „Kommt, sehet einen Menschen, der mir gesagt hat alles, was ich getan habe, ob er nicht der Christus sei!“ So rief sie den Leuten in der Stadt zu. Und ihre Worte machten tiefen Eindruck; die Gesichter hellten sich auf und bekamen einen anderen Ausdruck, ihre ganze Erscheinung veränderte sich. Sie verlangten danach, Jesus zu sehen, und sie gingen „aus der Stadt und kamen zu ihm“. Johannes 4,2930.

 

Jesus saß noch auf dem Brunnenrand; sein Blick wanderte über die sich vor ihm ausbreitenden reifenden Kornfelder, auf denen die leuchtende Sonne lag. Er machte seine Jünger auf dieses Bild aufmerksam und knüpfte eine Belehrung daran: „Saget ihr nicht: Es sind noch vier Monate, dann kommt die Ernte? Siehe, ich sage euch: Hebet eure Augen auf und sehet in das Feld, denn es ist weiß zur Ernte.“ Johannes 4,35. Während er so sprach, blickte er auf die Schar, die raschen Schrittes dem Brunnen zueilte. Es waren noch vier Monate bis zur Erntezeit des Getreides; aber hier war schon eine Ernte reif für den Schnitter.

 

„Schon empfängt Lohn“, sagte er, „der da schneidet, und sammelt Frucht zum ewigen Leben, auf daß sich miteinander freuen, der da sät und der da schneidet. Denn hier ist der Spruch wahr: Dieser sät, der andere schneidet.“ Johannes 4,3637. Hiermit kennzeichnete Jesus die hohe Aufgabe, die die Verkündiger des Evangeliums Gott gegenüber zu erfüllen haben. Sie sollen seine lebendigen Werkzeuge sein; denn Gott verlangt ihren persönlichen Dienst. Ob wir nun säen oder ernten, wir arbeiten für den Herrn. Einer streut den Samen aus, der andere birgt die Ernte; beide aber empfangen ihren Lohn. Sie erfreuen sich gemeinsam des Erfolges ihrer Arbeit.

 

Jesus sprach zu den Jüngern: „Ich habe euch gesandt, zu schneiden, was ihr nicht gearbeitet habt; andere haben gearbeitet, und ihr seid in ihre Arbeit gekommen.“ Johannes 4,38. Der Heiland schaute hier schon voraus auf die große Ernte am Pfingsttage. Die Jünger sollten dies keineswegs als Ergebnis ihrer eigenen Bemühungen betrachten. Sie setzten lediglich die Arbeit anderer fort. Seit dem Fall Adams hatte Christus fortwährend die Saat des Wortes an seine erwählten Diener weitergegeben, damit sie in die Herzen der Menschen gesenkt würde. Und ein unsichtbarer Mittler, ja eine allgegenwärtige Macht war in aller Stille, aber wirksam tätig gewesen, um die Ernte hervorzubringen. Der Tau, der Regen und der Sonnenschein der Gnade Gottes waren gegeben worden, um die ausgestreute Saat zu erfrischen und zu hegen. Christus war nun im Begriff, die Saat mit seinem eigenen Blut zu tränken. Seinen Jüngern wurde das Vorrecht eingeräumt, mit Gott zusammenzuarbeiten. Sie waren Mitarbeiter Christi und darin Nachfolger der heiligen Männer von alters her. Durch die Ausgießung des Heiligen Geistes zu Pfingsten wurden Tausende an einem Tag gläubig. Das war das Ergebnis der Aussaat Christi, die Ernte seines Wirkens.

 

Jesu Worte, die er zur Samariterin am Brunnen gesprochen hatte, waren auf fruchtbaren Boden gefallen. Wie schnell reifte die Ernte heran! Die Samariter kamen, hörten Jesus und glaubten an ihn. Sie scharten sich um ihn, überhäuften ihn mit Fragen und nahmen seine Erklärungen über alles, was ihnen bisher unverständlich gewesen war, aufmerksam entgegen. Während sie ihm lauschten, begann ihre Unruhe zu weichen. Sie waren gleich einem Volke, das in großer Dunkelheit einem plötzlich aufleuchtenden Lichte nachging, bis es den hellen Tag fand. Sie wurden nicht müde, dem Herrn zuzuhören, und wollten sich nicht mit einem kurzen Gespräch begnügen. Sie wollten mehr hören und wünschten auch, daß ihre Freunde in der Stadt diesen wunderbaren Lehrer hören möchten. So luden sie den Herrn ein, mit ihnen zu kommen und in ihrer Stadt zu bleiben. Zwei Tage weilte Jesus in Samarien, und viele Samariter wurden gläubig.

 

Die Pharisäer verachteten die Einfachheit Jesu. Sie leugneten seine Wunder, forderten aber ein Zeichen, daß er der Sohn Gottes sei. Die Samariter forderten kein Zeichen. Jesus wirkte auch keine Wunder unter ihnen — nur der Samariterin hatte er am Brunnen das Geheimnis ihres Lebens offenbart —, und doch erkannten viele in ihm ihren Heiland. In großer Freude sagten sie zum Weibe: „Wir glauben hinfort nicht um deiner Rede willen; wir haben selber gehört und erkannt, daß dieser ist wahrlich der Welt Heiland.“ Johannes 4,42.

 

Die Samariter glaubten, daß der Messias als Erlöser nicht nur der Juden, sondern der ganzen Welt gekommen war. Der Heilige Geist hatte ihn durch Mose als einen von Gott gesandten Propheten vorausgesagt. Jakob hatte erklärt, daß diesem alle Völker anhangen werden, und Abraham ließ erkennen, daß in jenem Einen alle Völker gesegnet werden sollen. 1.Mose 49,10; 1.Mose 22,18; 1.Mose 12,3; 1.Mose 26,4; Galater 3,16. Auf diese Schriften gründeten die Samariter ihren Glauben an den Messias. Die Tatsache, daß die Juden die späteren Propheten mißdeutet haben, indem sie dem ersten Kommen Jesu allen Glanz und alle Herrlichkeit seines zweiten Kommens zuschrieben, hatte die Samariter veranlaßt, alle heiligen Schriften bis auf die von Mose gegebenen beiseite zu legen. Doch als der Heiland diese falschen Auslegungen hinwegwischte, nahmen viele die späteren Weissagungen an und auch die Worte von Christus selbst, die sich auf das Reich Gottes bezogen.

 

Jesus hatte begonnen, die Scheidewand zwischen Juden und Heiden niederzureißen und der ganzen Welt die Heilsbotschaft zu verkünden. Obgleich er ein Jude war, verkehrte er unbefangen mit den Samaritern und beachtete nicht im geringsten den pharisäischen Brauch seines Volkes. Trotz aller Vorurteile nahm er die Gastfreundschaft dieser verachteten Menschen an. Er schlief unter ihrem Dach, aß mit ihnen an ihrem Tisch die Speise, die ihre Hände bereitet und aufgetragen hatten, lehrte auf ihren Straßen und behandelte sie äußerst freundlich und höflich.

 

Im Tempel zu Jerusalem trennte eine niedrige Mauer den äußeren Hof von allen anderen Teilen der geweihten Stätte. An dieser Mauer stand in mehreren Sprachen zu lesen, daß es nur den Juden erlaubt sei, diese Abgrenzung zu überschreiten. Würde ein Heide es gewagt haben, den umgrenzten Bereich zu betreten, hätte er den Tempel entweiht und diesen Frevel mit seinem Leben bezahlen müssen. Doch Jesus, der Schöpfer des Tempels und zugleich auch dessen Diener, zog die Heiden zu sich durch das Band seiner Zuneigung, während seine göttliche Gnade ihnen das Heil brachte, das die Juden verwarfen.

 

Der Aufenthalt in Samaria sollte für seine Jünger, die noch unter dem Einfluß des jüdischen Fanatismus standen, ein besonderer Segen sein. Sie waren der Auffassung, daß die Treue zum eigenen Volk von ihnen verlangte, Feindschaft gegen die Samariter zu hegen. Sie wunderten sich deshalb über das Verhalten Jesu. Sie konnten es jedoch nicht ablehnen, seinem Beispiel zu folgen, und während der beiden Tage in Samaria trug ihre Loyalität ihm gegenüber dazu bei, daß sie mit ihren Vorurteilen zurückhielten; dennoch waren sie in ihrem Herzen unversöhnt. Nur langsam lernten sie, daß ihre Verachtung und ihre Feindseligkeit der Barmherzigkeit und dem Mitgefühl weichen mußten. Doch nach der Himmelfahrt des Herrn sahen sie seine Lehren unter völlig neuem Vorzeichen. Nach der Ausgießung des Heiligen Geistes erinnerten sie sich der Blicke des Heilandes, seiner Worte, seines achtungsvollen und besorgten Verhaltens gegenüber diesen verachteten Fremden. Als Petrus nach Samaria ging, das Wort zu verkündigen, war sein Wirken von dem gleichen Geist erfüllt. Als Johannes nach Ephesus und Smyrna gerufen wurde, erinnerte er sich der Erfahrung am Brunnen zu Sichem, und er war voller Dankbarkeit gegenüber dem göttlichen Lehrer, der, die Schwierigkeiten, die ihnen begegnen würden, voraussehend, ihnen durch sein eigenes Vorbild geholfen hatte.

 

Der Heiland tut heute noch das gleiche wie damals, als er der Samariterin das Wasser des Lebens anbot. Jene, die sich seine Nachfolger nennen, mögen die Ausgestoßenen verachten und meiden; aber keinerlei Umstände der Herkunft oder Nationalität, keinerlei Lebensumstände können den Menschenkindern seine Liebe entziehen. Einer jeden Seele, wie sündig sie auch sein mag, sagt der Herr: Hättest du mich gebeten, ich würde dir lebendiges Wasser gegeben haben. Die Einladung des Evangeliums soll nicht beschränkt oder nur wenigen Auserwählten mitgeteilt werden, die uns durch seine Annahme zu ehren vermeinen. Die Botschaft soll allen Menschen zuteil werden. Wo immer Herzen für die Wahrheit offen stehen, ist Christus bereit, sie zu belehren. Er offenbart ihnen den Vater und die Art der Anbetung, die dem Herrn, der in aller Menschen Herzen liest, angenehm ist. Zu ihnen spricht er nicht in Gleichnissen; zu ihnen spricht er wie damals zur Samariterin am Brunnen bei Sichar: „Ich bin‘s, der mit dir redet.“

 

Als Jesus sich am Jakobsbrunnen niederließ, um zu ruhen, kam er aus Judäa, wo sein Wirken nur wenig Frucht gebracht hatte. Er war von den Priestern und Rabbinern verworfen worden, und selbst jene, die seine Jünger sein wollten, hatten seinen göttlichen Charakter nicht erkannt. Obgleich der Heiland müde und matt war, benutzte er doch die Gelegenheit, mit der Samariterin zu reden, einer Fremden und Abtrünnigen von Israel, die dazu in offenkundiger Sünde lebte.

 

Der Heiland wartete nicht, bis sich eine ganze Schar von Zuhörern versammelt hatte. Oft begann er auch vor nur wenigen zu lehren; doch die Vorübergehenden blieben einer nach dem andern stehen und hörten zu, bis eine große Menge verwundert und ehrfürchtig zugleich den Worten des göttlichen Lehrers lauschte. Der Diener Gottes darf nicht glauben, zu wenigen Menschen nicht mit demselben Eifer reden zu können wie zu einer großen Versammlung. Es mag nur eine Seele die Botschaft hören; doch wer kann sagen, wie weitreichend ihr Einfluß sein wird? Selbst die Jünger hielten es nicht für lohnend, daß sich der Heiland mit der Samariterin beschäftigte. Jesus aber sprach mit dieser Frau ernster und eifriger als mit Königen, Räten oder Hohenpriestern. Die Lehren, die er ihr mitteilte, sind bis an die entferntesten Enden der Erde gedrungen.

 

Sobald die Samariterin den Heiland gefunden hatte, brachte sie andere Seelen zu ihm. Sie war in ihrer Missionsarbeit wirksamer als die Jünger des Herrn. Diese erblickten in Samaria kein versprechendes Arbeitsfeld, sondern ihre Gedanken waren auf eine große Aufgabe gerichtet, die in der Zukunft geschehen sollte. Darum sahen sie auch nicht die Ernte, die um sie herum zu bergen war. Durch das samaritische Weib, das sie verachteten, waren die Einwohner einer ganzen Stadt zum Heiland gekommen, um von ihm zu hören; sie brachte das empfangene Licht unverzüglich ihren Landsleuten. Diese Frau versinnbildet das Wirken des praktischen Glaubens. Jeder wahre Jünger wird für das Reich Gottes geboren, um ein Missionar zu sein. Wer von dem lebendigen Wasser trinkt, wird selbst eine Quelle des Lebens; der Empfänger wird zum Geber. Die Gnade Christi in der Seele ist gleich einer Quelle in der Wüste, die hervorsprudelt, um alle zu erfrischen, und die in allen, die dem Verschmachten nahe sind, das Verlangen nach dem Lebenswasser weckt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 20: „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht ...“



Auf der Grundlage von Johannes 4,43-54.



Die Galiläer, die vom Passahfest zurückkehrten, berichteten über die wunderbaren Werke Jesu. Das Urteil, das die Würdenträger in Jerusalem über seine Taten fällten, bereitete ihm in Galiläa den Weg. Viele Menschen beklagten den Mißbrauch, der mit dem Tempel getrieben wurde, sowie die Habgier und Überheblichkeit der Priester. Sie hofften, daß dieser Mensch, der ihre Obersten in die Flucht geschlagen hatte, der ersehnte Befreier sei. Jetzt erreichten sie Nachrichten, die ihre größten Erwartungen zu bestätigen schienen. Es wurde berichtet, daß der Prophet erklärt habe, er sei der Messias.



Aber die Bevölkerung von Nazareth glaubte nicht an ihn. Aus diesem Grunde ging Jesus auf dem Wege nach Kana an der Stadt Nazareth vorüber. Der Heiland erklärte seinen Jüngern, daß ein Prophet in seiner eigenen Heimat nichts gelte. Die Menschen bewerten den Charakter von ihresgleichen nach dem, was sie selbst zu erkennen fähig sind. Die Kurzsichtigen und weltlich Denkenden beurteilten Jesus nach seiner niederen Herkunft, seiner einfachen Kleidung und seiner täglichen Arbeit. Sie waren nicht imstande, die Reinheit jenes Geistes zu würdigen, der von keiner Sünde befleckt war.



Die Nachricht von der Rückkehr Christi nach Kana verbreitete sich bald über ganz Galiläa und brachte den Leidenden und Bedrückten viel Hoffnung. In Kapernaum erregte diese Kunde die Aufmerksamkeit eines jüdischen Edelmannes, der in königlichen Diensten stand und dessen Sohn offenbar an einer unheilbaren Krankheit litt. Die Ärzte hatten ihn schon gänzlich aufgegeben. Als der Vater von Jesus hörte, entschloß er sich, bei ihm Hilfe zu suchen. Das Kind war sehr schwach, und er befürchtete, daß es seine Rückkehr nicht mehr erleben werde. Dennoch wollte der Vater selbst zu Jesus gehen und ihm seine Bitte vortragen. Er hoffte, mit seinem innigen Wunsch das Mitgefühl des großen Arztes zu finden.



Als er Kana erreichte, fand er den Herrn inmitten einer großen Menschenmenge. Besorgten Herzens drängte er sich in die Nähe des Heilandes. Sein Glaube begann aber doch wankend zu werden, als er nur einen schlicht gekleideten Mann erkannte, der zudem von seiner Wanderung noch staubbedeckt und angegriffen aussah. Er zweifelte, daß dieser Mann seine Bitte erfüllen könnte, verschaffte sich aber dennoch die Gelegenheit einer Unterredung mit Jesus, teilte ihm sein Anliegen mit und bat ihn, daß er mit in sein Haus käme. Jesus kannte seinen Kummer bereits; denn ehe jener Beamte sein Haus verließ, hatte der Herr seine Niedergeschlagenheit schon gesehen.



Er wußte aber auch, daß der Vater seinen Glauben an ihn, den Messias, von der Erfüllung seiner Bitte abhängig gemacht hatte. Darum sagte er dem ängstlich Wartenden: „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht.“ Johannes 4,48. Ungeachtet aller Beweise, daß Jesus der Christus war, hatte sich der Bittsteller entschlossen, nur dann an ihn zu glauben, wenn er seine Bitte erfüllen würde. Der Heiland verglich diesen zweifelnden Unglauben mit dem einfachen Glauben der Samariter, die kein Wunder oder Zeichen erbeten hatten. Sein Wort, das immer gegenwärtige Zeugnis seiner Göttlichkeit, hatte eine Überzeugungskraft, die ihre Herzen berührte. Christus litt darunter, daß sein eigenes Volk, dem die Weissagungen Gottes anvertraut worden waren, es versäumte, auf die Stimme des Herrn zu hören, die durch seinen Sohn zu ihnen sprach.



Dennoch hatte der königliche Beamte ein bestimmtes Maß an Glauben; er war gekommen, um den ihm am kostbarsten erscheinenden Segen zu erbitten. Jesus aber hatte ein größeres Geschenk für ihn bereit. Er wollte nicht nur das Kind heilen, sondern den Beamten und seine Familie an den Segnungen des Heils teilhaben lassen und in Kapernaum, das bald sein eigenes Arbeitsfeld werden sollte, ein Licht anzünden. Aber der Beamte mußte sich zuerst bewußt werden, daß er Hilfe brauchte, bevor ihn nach der Gnade verlangte. Dieser Edelmann stand für viele in seinem Lande. Sie interessierten sich nur aus selbstsüchtigen Beweggründen für Christus. Sie hofften, durch seine Macht irgendeinen besonderen Nutzen zu haben, und sie machten ihren Glauben davon abhängig, daß er ihnen diese weltliche Gunst gewähre; aber sie waren sich ihrer geistlichen Krankheit nicht bewußt und erkannten nicht, daß sie der göttlichen Gnade bedurften.



Blitzartig erhellten diese Worte Jesu dem königlichen Beamten aus Kapernaum seine innerste Einstellung; er sah, daß er aus eigennützigen Gründen den Heiland aufgesucht hatte. Sein schwankender Glaube erschien ihm in seiner wahren Natur, und mit großem Schmerz erkannte er, daß sein Zweifel seinem Sohn das Leben kosten könnte. Er wußte, daß er sich in der Gegenwart dessen befand, der die Gedanken lesen konnte und dem alle Dinge möglich waren. In seiner Herzensangst flehte er: „Herr, komm hinab, ehe denn mein Kind stirbt!“ Johannes 4,49. Sein Glaube ergriff Jesus, der an Jakob dachte, wie dieser, mit dem Engel ringend, einst ausgerufen hatte: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.“ 1.Mose 32,27.



Gleich Jakob gewann auch dieser den Sieg. Der Heiland konnte sich der Seele nicht entziehen, die sich an ihn klammerte und ihm ihre große Not bekannte. „Gehe hin“, sagte er, „dein Sohn lebt.“ Da verließ der Mann aus Kapernaum mit freudigem Herzen und einem noch nie gekannten Frieden den Heiland. Er glaubte nicht nur, daß sein Sohn gesund würde, sondern er war auch der festen Überzeugung, in Christus den Erlöser gefunden zu haben. Um diese gleiche Stunde erlebten alle, die in Kapernaum am Bett des sterbenden Kindes weilten, eine plötzliche, rätselvolle Veränderung. Die Todesschatten wichen von der Stirn des Kindes, das Fieber ließ nach, die ersten Anzeichen beginnender Genesung machten sich bemerkbar; in die trüben Augen kam wieder Glanz und Verständnis, und den schwachen, abgemagerten Körper erfüllte neue Kraft. Das Kind zeigte keinerlei Anzeichen einer Erkrankung mehr. Die Familie war aufs höchste erstaunt und erfreut.



Die Entfernung zwischen Kana und Kapernaum war nicht so groß. Der jüdische Oberste hätte noch am gleichen Abend nach der Unterredung mit Jesus sein Heim erreichen können. Er beeilte sich aber nicht und erreichte erst am nächsten Morgen wieder Kapernaum. Welch eine Heimkehr war das! Als er ausgegangen war, Jesus zu suchen, hatten Sorgen sein Herz erfüllt; der Sonnenschein schien ihm grausam, und der Gesang der Vögel blanker Hohn. Wie ganz anders ist es heute! Die Natur erscheint ihm verwandelt zu sein, so neu kommt ihm alles vor. Als er sich in der Stille des frühen Morgens auf die Reise begibt, scheint die ganze Schöpfung mit ihm den Herrn zu loben. Kurz vor Kapernaum kommen ihm einige seiner Diener entgegen, die ihn aus der Ungewißheit befreien wollen. Doch er zeigt zu ihrer großen Verwunderung kein Erstaunen über die Nachricht, die sie ihm bringen. Sie wundern sich noch mehr, als er nach der genauen Zeit fragt, zu der sich der Zustand des Kindes zu bessern begann. Sie antworteten: „Gestern um die siebente Stunde verließ ihn das Fieber.“ Johannes 4,52. Im gleichen Augenblick, da des Vaters Glaube die Zusage ergriff: „Dein Sohn lebt“, berührte die göttliche Liebe das sterbende Kind. Nun eilte der Vater, sein Kind zu begrüßen. Er drückte es an sich, und jubelnder Dank gegen Gott für diese wunderbare Genesung erfüllte sein Herz.



Der jüdische Oberste wollte mehr von Christus hören. Als er einige Zeit später des Heilandes Lehren vernahm, wurden er und alle seine Hausgenossen Jesu Jünger. Die ausgestandene Trübsal hatte zur Bekehrung der ganzen Familie geführt. Die Nachricht von dem Wunder aber breitete sich aus und half mit, in Kapernaum, wo danach so viele seiner großartigen Taten geschahen, den Weg für das persönliche Wirken Jesu zu öffnen.



Er, der den königlichen Beamten in Kapernaum segnete, möchte uns gleicherweise segnen; aber wie der betrübte Vater fühlen wir uns oft durch unser Verlangen nach irgendeinem irdischen Nutzen veranlaßt, Jesus zu suchen. Und wenn er uns dann das Erbetene gewährt, vertrauen wir ganz auf seine Liebe. Der Heiland sehnt sich danach, uns einen größeren Segen zu geben als den, den wir erbitten, und er zögert die Antwort auf unsere Bitte hinaus, um uns das Böse in unseren eigenen Herzen zu offenbaren und uns zu zeigen, wie sehr wir seiner Gnade bedürfen. Er möchte, daß wir die Selbstsucht aufgeben, die uns veranlaßt, ihn zu suchen. Indem wir unsere Hilflosigkeit und unsere bittere Not bekennen, sollen wir uns ganz auf seine Liebe verlassen.



Der königliche Beamte wollte die Erfüllung seiner Bitte sehen, ehe er glauben konnte; aber er mußte Jesu Wort glauben, daß seine Bitte erhört und der Segen gewährt worden sei. Hieraus müssen wir lernen. Nicht weil wir sehen oder empfinden, daß Gott uns hört, sollen wir glauben. Wir müssen vor allem seinen Verheißungen vertrauen. Kommen wir im Glauben zu ihm, dann dringt auch jede Bitte in Gottes Herz. Haben wir ihn um seinen Segen gebeten, dann müssen wir glauben, daß wir ihn auch empfangen werden, und müssen ihm danken, daß wir ihn empfangen haben; wir müssen unseren Pflichten in der Gewißheit nachgehen, daß wir den Segen Gottes dann empfangen, wenn wir seiner am meisten bedürfen. Haben wir das gelernt, dann wissen wir auch, daß unsere Gebete erhört sind. Gott will „überschwenglich tun“ nach dem „Reichtum seiner Herrlichkeit“ und nach der „Macht seiner Stärke“. Epheser 3,2016; Epheser 1,19. .





































Kapitel 21: Bethesda und der Hohe Rat


Auf der Grundlage von Johannes 5.


„Es ist aber zu Jerusalem bei dem Schaftor ein Teich, der heißt auf hebräisch Bethesda und hat fünf Hallen, in welchen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte, die warteten, wann sich das Wasser bewegte.“ Johannes 5,2.


Zu bestimmten Zeiten geriet das Wasser dieses Teiches in Bewegung, und es wurde allgemein angenommen, daß das auf das Einwirken einer übernatürlichen Kraft zurückzuführen war und daß derjenige, der nach dem Aufwallen des Wassers als erster in den Teich stieg, von jeder Krankheit, an der er litt, geheilt würde. Hunderte von Leidenden suchten diesen Ort auf, und die Menge war so groß, daß sie, sobald das Wasser sich bewegte, vorwärts stürmte und dabei Männer, Frauen und Kinder, die schwächer waren als sie selber, niedertrat. Viele konnten den Teich nicht erreichen. Andere, die es geschafft hatten, starben an seinem Ufer. Man hatte Hallen errichtet, damit die Kranken sich gegen die Hitze des Tages und die Kälte der Nacht schützen konnten. Gar mancher verbrachte die Nacht in diesen Räumen und schleppte sich Tag für Tag an den Rand des Teiches in der vergeblichen Hoffnung auf Hilfe.


Erneut war Jesus in Jerusalem. Er ging allein, offensichtlich in Gedanken und Gebet versunken, und kam zu dem Teich. Er sah, wie die unglücklichen Leidenden auf das warteten, was sie für ihre einzige Möglichkeit der Heilung hielten. Er sehnte sich danach, seine heilende Kraft zu betätigen und jeden Leidenden gesund zu machen. Doch es war Sabbat. Die Menge ging zum Tempelgottesdienst, und er wußte, daß eine derartige Heilungstat die Voreingenommenheit der Juden stark erregen und dadurch sein Wirken beeinträchtigen würde.


Doch der Heiland wurde Zeuge eines furchtbaren Elendes. Da lag ein Mann, der seit achtunddreißig Jahren ein hilfloser Krüppel war. Seine Krankheit galt zum großen Teil als Folge eigener Sünde und wurde als Gottesgericht angesehen. Verlassen, ohne Freunde und unter dem Eindruck, von der Gnade Gottes ausgeschlossen zu sein, hatte der Leidende viele Jahre des Elends durchlebt. Zu der Zeit, da man das Aufwallen des Wassers erwartete, trugen ihn andere, die sich seiner Hilflosigkeit erbarmten, zu den Hallen. Im günstigen Augenblick jedoch hatte er niemanden, der ihm hineinhalf. Er hatte zwar gesehen, wie das Wasser Wellen schlug, war aber niemals in der Lage gewesen, weiter zu gelangen als bis ans Ufer des Teiches. Stärkere als er stürzten sich stets vor ihm hinein. Den Wettlauf mit der selbstsüchtigen, sich balgenden Menge konnte er nicht gewinnen. Sein beharrliches Bemühen um das eine Ziel sowie seine Angst und anhaltende Enttäuschung zehrten den Rest seiner Kräfte auf.


Der kranke Mann lag auf seiner Matte und hob dann und wann sein Haupt, um auf den Teich zu schauen, als sich ein gütiges, mitleidvolles Antlitz über ihn beugte und die Worte „Willst du gesund werden?“ seine Aufmerksamkeit weckten. Johannes 5,6. Sein Herz wurde von Hoffnung erfüllt. Er fühlte, daß er in irgendeiner Weise Hilfe erwarten durfte. Aber der Schimmer der Ermutigung schwand schnell. Er dachte daran, wie oft er vergebens versucht hatte, den Teich zu erreichen, und rechnete kaum noch damit, am Leben zu sein, wenn das Wasser wieder in Bewegung geriete. Müde wandte er sich ab und sagte: „Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich trägt, wenn das Wasser sich bewegt. Wenn ich hingehe, steigt schon ein anderer vor mir hinein.“ Johannes 5,7 (Bruns).


Jesus fordert diesen Leidenden nicht auf, an ihn zu glauben, sondern sagt schlicht: „Stehe auf, nimm dein Bett und geh!“ Johannes 5,8 (Bruns). An dieses Wort nun klammert sich der Glaube des Mannes. Jeder Nerv und jeder Muskel erbebt von neuem Leben, und heilsame Bewegung erfaßt seine verkrüppelten Glieder. Ohne lange zu fragen, entschließt er sich, der Weisung Christi zu folgen, und alle seine Muskeln gehorchen seinem Willen. Er springt auf seine Füße und stellt fest, daß er ein rüstiger Mann ist. Jesus hatte ihm keineswegs göttliche Hilfe zugesichert. Der Mann hätte im Zweifel verharren und seine einzige Möglichkeit, geheilt zu werden, einbüßen können. Doch er glaubte dem Wort Christi, handelte danach und empfing Kraft.


Durch den gleichen Glauben können wir geistlich geheilt werden. Die Sünde hat uns vom göttlichen Leben getrennt. Unsere Seelen sind gelähmt. Aus uns selbst sind wir ebensowenig fähig, ein geheiligtes Leben zu führen, wie jener gebrechliche Mann ohne Hilfe gehen konnte. Viele sind sich ihrer Hilflosigkeit bewußt und sehnen sich nach jenem geistlichen Leben, das sie in Einklang mit Gott bringt; sie mühen sich jedoch vergeblich, es zu erringen. Voller Verzweiflung rufen sie aus: „Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?“ Römer 7,24. Solche verzweifelten und ringenden Menschen dürfen aufschauen. Der Heiland neigt sich über die mit seinem Blut Erkauften und fragt mit unaussprechlicher Güte und herzlichem Erbarmen: „Willst du gesund werden?“ Er gebietet dir, in Gesundheit und Frieden aufzustehen. Warte nicht, bis du fühlst, daß du gesund geworden bist. Traue seinem Wort, und es wird sich an dir erfüllen. Übergib deinen Willen Christus. Entschließe dich, ihm zu dienen. Sobald du auf sein Wort hin handelst, wirst du Kraft erhalten. Was immer du falsch gemacht haben magst und welche schwere Sünde auch durch lange Duldung deinen Leib und deine Seele gefangenhält. Christus kann und will dich frei machen. Er will der Seele, die „tot“ ist in „Übertretungen“ (Epheser 2,1), Leben verleihen. Er will den Gefangenen, der durch Schwachheit, Unglück und Ketten der Sünde gebunden ist, frei machen.


Nach seiner Heilung bückte sich der Gelähmte, um sein Bett aufzunehmen, das lediglich aus einer Matte und einer Decke bestand. Er empfand tiefe Freude, als er sich wieder aufrichtete und nach dem umblickte, der ihn geheilt hatte. Doch Jesus war in der Menge untergetaucht. Der Mann fürchtete, ihn nicht zu erkennen, wenn er ihn wiedersehen würde. Als er nun mit festem, freiem Schritt davoneilte, Gott lobte und sich seiner neugefundenen Kraft freute, begegnete er mehreren Pharisäern, denen er unverzüglich von seiner Heilung erzählte. Er war betroffen von der Kälte, mit der sie ihm zuhörten.


Mit finsteren Mienen unterbrachen sie ihn mit der Frage, warum er am Sabbat sein Bett trage. Streng erinnerten sie ihn daran, daß es nicht dem Gesetz entspreche, am Tage des Herrn Lasten zu tragen. Vor lauter Freude hatte der Mann vergessen, daß es Sabbat war. Gleichwohl empfand er keinerlei Gewissensbisse, war er doch nur der Weisung jenes Mannes nachgekommen, der eine solche Kraft von Gott besaß. Mutig antwortete er: „Der Mann, der mich gesund gemacht hat, der hat zu mir gesagt: Nimm dein Bett und geh!“ Johannes 5,11 (Albrecht). Sie fragten, wer das getan habe, doch er vermochte es nicht zu sagen. Diese Obersten wußten genau, daß nur einer sich als mächtig erwiesen hatte, solch ein Wunder zu wirken. Sie suchten aber einen ganz eindeutigen Beweis, daß es Jesus gewesen war, um ihn als Sabbatschänder verurteilen zu können. Ihrer Meinung nach hatte er das Gesetz nicht nur dadurch übertreten, daß er den kranken Mann am Sabbat heilte, sondern auch noch durch das frevelhafte Gebot, sein Bett fortzutragen.


Die Juden hatten das Gesetz so entstellt, daß daraus ein knechtisches Joch geworden war. Ihre sinnlosen Vorschriften boten anderen Völkern Anlaß zum Spott. Besonders der Sabbat war durch allerlei sinnlose Verbote so eingeengt worden, daß sie für ihn als den heiligen, ehrwürdigen Tag des Herrn keine Freude mehr empfanden. Die Schriftgelehrten und Pharisäer hatten seine Befolgung zu einer unerträglichen Last gemacht. Einem Juden war es z.B. nicht erlaubt, am Sabbat ein Feuer oder auch nur eine Kerze anzuzünden. Die Folge war, daß die Bevölkerung für zahlreiche Dienstleistungen, die ihr selber durch die bestehenden Vorschriften verboten waren, Heiden zu Hilfe nehmen mußte. Es wurde nicht bedacht, daß derjenige, der andere mit unerlaubten Arbeiten beauftragt, sich ebenso schuldig macht, als hätte er sie selbst ausgeführt. Die Juden meinten, das Heil sei nur ihnen vorbehalten und die bereits hoffnungslose Lage aller Nichtjuden könne durch nichts verschlimmert werden. Gott hat jedoch keine Gebote gegeben, denen nicht alle gehorchen sollten. Sein Gesetz erlaubt keine unvernünftigen und eigennützigen Einschränkungen.


Im Tempel begegnete Jesus erneut dem Geheilten, der gekommen war, für die ihm erwiesene große Gnade ein Sündopfer und ein Dankopfer darzubringen. Als Jesus ihn unter den Anbetenden fand, gab er sich ihm mit den mahnenden Worten zu erkennen: „Siehe, du bist gesund geworden; sündige hinfort nicht mehr, daß dir nicht etwas Ärgeres widerfahre.“ Johannes 5,14.


Der Geheilte war überglücklich, den getroffen zu haben, der ihn gerettet hatte. Von der Feindschaft gegen Jesus nichts wissend, erzählte er den Pharisäern, die ihn gefragt hatten, daß dieser es war, der ihn geheilt hatte. „Weil Jesus solche Werke am Sabbat tat, begannen ihn die Juden zu verfolgen.“ Johannes 5,16 (Albrecht).


Um sich wegen der Anklage der Sabbatschändung zu verantworten, wurde Jesus vor den Hohen Rat gebracht. Wären die Juden damals eine unabhängige Nation gewesen, dann hätte eine solche Anklage ausgereicht, ihn zum Tode zu verurteilen. Ihre Abhängigkeit von den Römern verhinderte dies jedoch. Den Juden war strikt untersagt, die Todesstrafe zu verhängen, und die gegen Christus vorgebrachten Anklagen hatten vor einem römischen Gericht kein Gewicht. Die Pharisäer hofften jedoch, andere Gründe zu finden. Ungeachtet ihrer Bemühungen, seine Aufgabe zu behindern, gewann Jesus sogar in Jerusalem größeren Einfluß auf das Volk als sie. Zahlreiche Menschen, die kein Gefallen an den Tiraden der Rabbiner fanden, wurden durch seine Lehren angezogen. Was er sagte, konnten sie verstehen, und es erwärmte und tröstete ihre Herzen. Er schilderte ihnen Gott nicht als rächenden Richter, sondern als barmherzigen Vater und offenbarte das Wesen Gottes dadurch, daß er es in seinem Wesen widerspiegelte. Seine Worte wirkten wie Balsam für eine verwundete Seele. Durch Worte und Taten der Gnade zerbrach er die drückende Gewalt der alten Überlieferungen und Menschengebote und stellte die Liebe Gottes in ihrer unausschöpflichen Fülle dar.


In einer der ältesten Weissagungen auf Christus heißt es: „Es wird das Zepter von Juda nicht weichen noch der Stab des Herrschers von seinen Füßen, bis daß der Held komme, und ihm werden die Völker anhangen.“ 1.Mose 49,10. Die Menschen sammelten sich um Christus. Aufgeschlossenen Herzens sprachen sie eher auf seine Lehren der Liebe und des Wohlwollens an als auf die von den Priestern geforderten strengen Kulthandlungen. Wären die Priester und Rabbiner nicht dazwischengetreten, so hätte Jesu Lehre eine Reformation herbeigeführt, wie die Welt sie nie erlebt hatte. Aber um ihre eigene Macht aufrechtzuerhalten, waren diese Obersten fest entschlossen, seinen Einfluß zu brechen. Die Anklageerhebung vor dem Hohen Rat und eine öffentliche Verurteilung seiner Lehren sollten dies bewirken helfen; denn noch besaß das Volk große Hochachtung vor seinen religiösen Führern. Wer immer es wagte, sich von den Forderungen der Priester loszusagen oder die dem Volk von ihnen auferlegten Lasten zu erleichtern, wurde sowohl der Gotteslästerung als auch des Verrats für schuldig befunden. Mit dieser Begründung hofften die Rabbiner, Verdacht gegen Christus wecken zu können. Sie unterstellten ihm, er versuche die überkommenen Sitten abzuschaffen und dadurch Zwietracht im Volk zu säen, um den Weg zu einer völligen Unterjochung durch die Römer zu ebnen.


Doch die Pläne, an deren Verwirklichung die Rabbiner so eifrig arbeiteten, hatten einen anderen Urheber als den Hohen Rat. Nachdem Satan vergeblich versucht hatte, Jesus in der Wüste zu überwinden, faßte er alle seine Kräfte zusammen, um ihn in seinem Dienst zu behindern und nach Möglichkeit seine Aufgabe zum Scheitern zu bringen. Was er nicht durch direktes, persönliches Bemühen vollbringen konnte, wollte er durch List erreichen. Dazu war er fest entschlossen. Von dem Ringen in der Wüste hatte er sich erst zurückgezogen, nachdem er gemeinsam mit den ihm verbündeten Engeln reiflich erwogen hatte, wie sie auch weiterhin den Verstand des jüdischen Volkes so mit Blindheit schlagen könnten, daß es seinen Erlöser nicht erkennte. Dabei wollte er sich in der religiösen Welt menschlicher Mitarbeiter bedienen, denen er seinen eigenen Haß auf den Verfechter der Wahrheit einflößte. Er wollte sie verleiten, Christus zu verwerfen und ihm das Leben so unerträglich wie möglich zu machen in der Hoffnung, ihn in seiner Sendung zu entmutigen. Und tatsächlich wurden die führenden Männer Israels Werkzeuge Satans im Kampf gegen den Erlöser.


Jesus war gekommen, „daß er sein Gesetz herrlich und groß mache“. Jesaja 42,21. Er sollte dessen Würde nicht herabsetzen, sondern erhöhen. Die Schrift sagt: „Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte.“ Jesaja 42,4. Er war gekommen, den Sabbat von jenen drückenden Vorschriften zu befreien, die ihn zu einem Fluch statt zu einem Segen gemacht hatten.


Aus diesem Grunde hatte Jesus bewußt am Sabbat das Heilungswunder zu Bethesda gewirkt. Er hätte den Kranken ebensogut an einem anderen Tage der Woche heilen können, oder er hätte es tun können, ohne ihm zu gebieten, sein Bett fortzutragen. Doch das hätte ihm nicht die von ihm gewünschte Gelegenheit verschafft. Weise Absicht lag jedem Handeln Jesu während seines Erdenlebens zugrunde. Was immer er auch tat, es war an sich schon wichtig und wichtig auch in seiner Aussage. Unter den Leidenden am Teich wählte er jenen aus, den es am ärgsten getroffen hatte, um an ihm seine heilende Macht zu bezeugen. Und er gebot dem Mann, sein Bett durch die Stadt zu tragen, um die an ihm gewirkte große Tat bekanntzumachen. Dadurch sollte die Frage aufgeworfen werden, was am Sabbat zu tun erlaubt sei, und dies sollte ihm die Möglichkeit geben, die Einschränkungen der Juden bezüglich des Tages des Herrn öffentlich anzuprangern und ihre Überlieferungen für nichtig zu erklären.


Jesus erklärte ihnen, daß die Heilung des Kranken mit dem Sabbatgebot übereinstimmte. Sie entsprach auch dem Dienst der Engel Gottes, die ohne Unterlaß zwischen Himmel und Erde hinab- und hinaufsteigen, um der leidenden Menschheit beizustehen. Jesus erklärte: „Mein Vater wirket bis auf diesen Tag, und ich wirke auch.“ Johannes 5,17. Alle Tage gehören Gott, um an ihnen seinen Plan für die Menschheit zu verwirklichen. Deuteten die Juden das Gesetz richtig, dann irrte sich der Herr, der durch sein Wirken jedes Lebewesen erquickte und trug, seit er den Grund der Erde gelegt hat. Dann hätte derjenige, der sein Schöpfungswerk als gut bezeichnet und den Sabbat zum Gedenken an dessen Vollendung eingesetzt hatte, seinem Wirken ein Ende setzen und den nie endenden Lauf des Universums anhalten müssen.


Sollte Gott der Sonne verbieten, ihre Funktion am Sabbat zu erfüllen, und ihre belebenden Strahlen daran hindern, die Erde zu erwärmen und die Pflanzenwelt zu erhalten? Müssen die Gestirne an diesem heiligen Tag auf ihren Bahnen stillstehen? Soll der Herr etwa den Bächen gebieten, den Feldern und Wäldern kein Wasser zu spenden, und den Meeren, ihren unaufhörlichen Wechsel zwischen Ebbe und Flut zu unterbrechen? Müssen Weizen und Korn ihr Wachstum einstellen, und soll die reifende Traube das Wachstum ihrer Purpurblüte aufschieben? Dürfen Bäume und Blumen am Sabbat keine Knospen und Blüten treiben?


Falls das so wäre, entgingen dem Menschen die Früchte der Erde und die Segnungen, die das Leben lebenswert machen. Die Natur muß deshalb in ihrem unwandelbaren Lauf fortfahren. Wollte Gott seine Hand auch nur für einen Augenblick zurückziehen, würde der Mensch ohnmächtig werden und sterben. Aber auch der Mensch darf an diesem Tage nicht untätig sein. Die Bedürfnisse des Lebens müssen beachtet, die Kranken versorgt und die dringendsten Wünsche erfüllt werden. Wer es am Sabbat unterläßt, Leidenden zu helfen, wird nicht als unschuldig gelten können. Gottes heiliger Ruhetag wurde für den Menschen geschaffen, und Werke der Barmherzigkeit stehen in voller Übereinstimmung mit seiner Bestimmung. Gott will nicht, daß seine Geschöpfe auch nur eine Stunde lang von Schmerzen geplagt werden, die am Sabbat oder einem anderen Tag gelindert werden können.


Die Erwartungen an Gott sind am Sabbat eher noch größer als an den anderen Tagen. Sein Volk läßt dann alle gewöhnliche Arbeit ruhen und verbringt die Zeit in Andacht und Anbetung. Es erbittet von Gott am Sabbat mehr Gnadenerweise als an anderen Tagen, verlangt nach seiner besonderen Aufmerksamkeit und fleht um seinen reichsten Segen. Gott läßt den Sabbat nicht erst verstreichen, ehe er diese Bitten erhört. Im Himmel ruht die Arbeit nie, und auch der Mensch sollte unaufhörlich Gutes tun. Der Sabbat ist nicht als eine Zeit nutzloser Untätigkeit zu verstehen. Gewiß, das Gesetz verbietet alle weltliche Arbeit am Ruhetag des Herrn. Jede Plackerei zum Erwerb des Lebensunterhalts muß aufhören. Nichts, was weltlichem Vergnügen oder eigenem Nutzen dient, ist an diesem Tage erlaubt; aber wie Gott sein Schöpfungswerk beendete, am Sabbat ruhte und diesen Tag segnete, so soll der Mensch mit den Beschäftigungen seines täglichen Lebens aufhören und diese heiligen Stunden zu heilsamer Ruhe, Andacht und guten Werken verwenden. Christi Werk, den Kranken zu heilen, stimmte völlig mit dem Gesetz überein. Es erwies dem Sabbat Ehre.


Jesus nahm für sich die gleichen Rechte wie Gott in Anspruch, indem er Taten von gleicher Heiligkeit und Art vollbrachte wie sein Vater im Himmel. Aber die Pharisäer wurden immer erzürnter. Ihrer Meinung nach hatte er nicht nur das Gesetz gebrochen, sondern sich selbst Gott gleichgesetzt, weil er erklärte, „Gott sei sein Vater“. Johannes 5,18.


Das ganze Volk der Juden nannte Gott seinen Vater. Hätte Jesus sein Verhältnis zu Gott in ähnlicher Weise beschrieben, dann würden sie sich nicht so erregt haben. Doch sie beschuldigten ihn der Gotteslästerung und zeigten damit, daß sie ihn sehr wohl verstanden, als er diesen Anspruch im höchsten Sinne erhob.


Die Widersacher Christi konnten den Wahrheiten, die er ihren Gewissen nahebrachte, keinerlei Einwände entgegenhalten. Lediglich auf ihre Gewohnheiten und Überlieferungen vermochten sie zu verweisen. Doch im Vergleich mit den Beweisgründen, die Jesus aus dem Worte Gottes und aus dem unwandelbaren Lauf der Natur ableitete, erschienen sie schwach und fad. Hätten die Rabbiner ein echtes Verlangen nach Licht verspürt, dann wären sie zu der Überzeugung gelangt, daß Jesus die Wahrheit gesprochen hatte. Statt dessen entzogen sie sich den Hauptfragen, auf die Jesus bezüglich des Sabbats Wert legte, und suchten Haß gegen ihn zu schüren mit der Begründung, er beanspruche, Gott gleich zu sein. Die Wut der Obersten kannte keine Grenzen. Hätten sie nicht das Volk gefürchtet, würden die Priester und Rabbiner Jesus auf der Stelle umgebracht haben. Doch die Zuneigung des Volkes zu ihm war stark. Viele erblickten in Jesus den Freund, der ihre Krankheiten geheilt und sie in ihren Sorgen getröstet hatte. Sie verteidigten nun auch seine Heilung des Kranken am Teich zu Bethesda. Deshalb mußten die Obersten vorläufig ihren Haß zügeln.


Jesus wies die Beschuldigung der Gotteslästerung zurück. Er erklärte: Meine Vollmacht zu dem Werk, um dessentwillen ihr mich anklagt, beruht darauf, daß ich der Sohn Gottes bin, eins mit ihm in Wesen, Willen und Absicht. In allen seinen Werken der Schöpfung und der Vorsehung wirke ich zusammen mit Gott. „Der Sohn kann nichts von sich selber tun, sondern nur was er sieht den Vater tun.“ Johannes 5,19. Die Priester und Rabbiner stellten den Sohn Gottes gerade um des Werkes willen zur Rede, zu dessen Durchführung er in die Welt gesandt worden war. Durch ihre Sünden hatten sie sich von Gott getrennt, und in ihrem Hochmut gingen sie ihre eigenen Wege. Sie meinten, aus sich selbst zu allen Dingen befähigt zu sein, und sahen keine Notwendigkeit, ihr Handeln von göttlicher Weisheit leiten zu lassen. Der Sohn Gottes aber war dem Willen des Vaters untertan und von seiner Macht abhängig. So weitgehend hatte Christus sein Ich aufgegeben, daß er selber keine Pläne machte. Er unterwarf sich bereitwillig den Plänen, die Gott mit ihm vorhatte und die der Vater ihm Tag für Tag enthüllte. Genauso sollten auch wir uns auf Gott verlassen. Unser Leben wird dann nur noch die Ausführung seines Willens sein.


Als Mose daranging, ein Heiligtum als Wohnstätte für Gott zu errichten, wurde er angewiesen, alles nach dem Muster zu machen, das ihm auf dem Berge gezeigt worden war. Mose erfüllte voller Eifer Gottes Auftrag. Die begabtesten und geschicktesten Männer wurden gerufen, seine Anweisungen auszuführen. Jede Schelle, jeder Granatapfel, jede Quaste, jeder Saum, jeder Vorhang und jedes Gefäß im Heiligtum sollte genau dem ihm gezeigten Modell nachgefertigt werden. Gott der Herr rief ihn auf den Berg und ließ ihn die himmlischen Dinge sehen. Er schützte ihn mit seiner Herrlichkeit und befähigte ihn dadurch, das Vorbild zu sehen. In Übereinstimmung damit ließ er alles anfertigen. So offenbarte er Israel, das er zu seinem Wohnplatz machen wollte, sein herrliches Ideal von einem Charakter. Das Vorbild zeigte er ihnen auf dem Berge, als er das Gesetz vom Sinai gab und er an Mose vorüberging mit dem Ruf: „Herr, Herr, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde.“ 2.Mose 34,67.


Israel hat jedoch seinen eigenen Weg gewählt und nicht nach dem Vorbild gebaut. Christus dagegen, der Tempel, in dem Gott wahrhaftig wohnte, formte jede Einzelheit seines irdischen Lebens nach dem Bilde Gottes. Er sprach: „Deinen Willen, mein Gott, tue ich gern, und dein Gesetz hab ich in meinem Herzen.“ Psalm 40,9. So soll auch unser Charakter „zu einer Behausung Gottes im Geist“ (Epheser 2,22) erbaut werden. Wir sollen „alles nach dem Bilde ... auf dem Berge“ (Hebräer 8,5) und in Übereinstimmung mit Jesus machen, der „euch ein Vorbild gelassen, daß ihr sollt nachfolgen seinen Fußtapfen“. 1.Petrus 2,21.


Christi Worte lehren, daß wir uns unlösbar an unseren Vater im Himmel gebunden fühlen sollen. Wer immer wir auch sein mögen, wir sind von Gott abhängig. Er hält das Schicksal aller in seinen Händen. Er hat uns unsere Aufgabe zugewiesen und uns mit Fähigkeiten und Gaben für diese Aufgabe ausgestattet. Wenn wir den Willen Gott unterwerfen und seiner Stärke und Weisheit vertrauen, werden wir auf sicheren Pfaden geleitet werden, so daß wir den uns zugewiesenen Anteil an seinem großen Plan zu erfüllen vermögen. Wer sich jedoch auf seine eigene Weisheit und Kraft verläßt, trennt sich selber von Gott. Statt im Einklang mit Christus zu wirken, führt er die Absicht des Feindes Gottes und der Menschheit aus.


Der Heiland fährt fort: „Was dieser [der Vater] tut, das tut gleicherweise auch der Sohn ... Wie der Vater die Toten auferweckt und macht sie lebendig, so macht auch der Sohn lebendig, welche er will.“ Johannes 5,1921. Die Sadduzäer meinten, es gäbe keine Auferstehung des Leibes; Jesus aber versichert ihnen, daß eine der größten Taten seines Vaters die Auferweckung der Toten sei und er selber auch die Macht habe, diese Tat zu vollbringen. „Es kommt die Stunde und ist schon jetzt, daß die Toten werden die Stimme des Sohnes Gottes hören, und die sie hören werden, die werden leben.“ Johannes 5,25. Die Pharisäer glaubten an die Auferstehung der Toten. Christus erklärte, daß die Kraft, die den Toten Leben verleiht, sich gerade jetzt unter ihnen befinde und daß sie ausersehen seien, ihre Wirksamkeit zu schauen. Es ist dieselbe Auferweckungskraft, die einer Seele, welche „tot“ ist in „Übertretungen und Sünden“ (Epheser 2,1), Leben spendet. Dieser lebenspendende Geist in Christus Jesus, „die Kraft seiner Auferstehung“ (Philipper 3,10), macht Menschen „frei ... von dem Gesetz der Sünde und des Todes“. Römer 8,2. Die Herrschaft des Bösen ist gebrochen, und durch den Glauben wird die Seele vor der Sünde bewahrt. Wer sein Herz dem Geist Christi öffnet, wird Teilhaber jener mächtigen Kraft, die seinen Leib aus dem Grabe hervorkommen läßt.


Der demütige Nazarener macht seine wahre Größe geltend. Er erhebt sich über alles Menschliche, streift die Gestalt der Sünde und Schmach ab und steht sichtbar vor aller Augen, der Ruhm der Engel, der Sohn Gottes, eins mit dem Schöpfer des Weltalls. Seine Zuhörer sind fasziniert. Niemand hat je solche Worte gesprochen wie er oder ist mit solch königlicher Würde aufgetreten. Was er sagte, war deutlich und klar und erklärte voll und ganz seinen Auftrag sowie die Pflicht der Welt. „Denn der Vater richtet niemand; sondern alles Gericht hat er dem Sohn gegeben, damit sie alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren. Wer den Sohn nicht ehrt, der ehrt den Vater nicht, der ihn gesandt hat ... Denn wie der Vater das Leben hat in sich selber, so hat er auch dem Sohn gegeben, das Leben zu haben in sich selber, und hat ihm Macht gegeben, das Gericht zu halten, weil er des Menschen Sohn ist.“ Johannes 5,22232627.


Die Priester und Obersten hatten sich zu Richtern gesetzt, um das Werk Christi zu verdammen, er aber erklärte, er sei ihr und der ganzen Erde Richter. Die Welt ist Christus übergeben worden, und durch ihn ist jeglicher Segen von Gott auf die gefallene Menschheit gekommen. Sowohl vor wie nach seiner Menschwerdung war er der Erlöser. Sobald die Sünde kam, gab es schon einen Erlöser. Er schenkte einem jeden Licht und Leben, und nach dem Maß des verliehenen Lichtes wird ein jeder gerichtet werden. Christus, der dieses Licht schenkte, jeder Seele mit innigstem Flehen nachging und sich bemühte, sie aus der Sünde heraus zur Heiligung zu führen, ist ihr Anwalt und Richter zugleich. Seit Beginn des großen Streites im Himmel hat Satan seine Sache auf betrügerische Weise verfochten. Christus dagegen hat alles getan, Satans Pläne aufzudecken und dessen Macht zu brechen. Er ist dem Betrüger entgegengetreten und hat durch alle Zeiten hindurch darauf hingewirkt, die in Sünde Gefangenen dem Zugriff dessen zu entwinden, der das Verdammungsurteil über jede Seele bringen will.


Und Gott „hat ihm Macht gegeben, das Gericht zu halten, weil er des Menschen Sohn ist“. Johannes 5,27. Christus hat die Anfechtungen und Versuchungen des Menschen bis zur Neige gekostet und versteht die Schwächen und Sünden der Menschen; er hat um unsertwillen den Verlockungen Satans widerstanden und wird gerecht und barmherzig mit den Seelen umgehen, die zu erretten er sein eigenes Blut vergossen hat. Aus diesen Gründen wurde der Sohn des Menschen dazu bestimmt, das Gericht zu halten. Doch der Auftrag Christi galt nicht dem Gericht, sondern der Erlösung. „Gott hat seinen Sohn nicht gesandt in die Welt, daß er die Welt richte, sondern daß die Welt durch ihn gerettet werde.“ Johannes 3,17. Und vor dem Hohen Rat erklärte Jesus: „Wer mein Wort hört und glaubet dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.“ Johannes 5,24.


Mit der Aufforderung, nicht verwundert zu sein, eröffnete Christus seinen Zuhörern, noch weiter vorausblickend, das Geheimnis der Zukunft: „Es kommt die Stunde, in welcher alle, die in den Gräbern sind, werden seine Stimme hören, und werden hervorgehen, die da Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens, die aber Übles getan haben, zur Auferstehung des Gerichts.“ Johannes 5,2829. Auf diese Zusicherung des künftigen Lebens hatte Israel so lange gewartet in der Hoffnung, es beim Erscheinen des Messias zu empfangen. Das einzige Licht, welches das Dunkel des Grabes zu erleuchten vermochte, umstrahlte sie. Aber Eigensinn macht blind. Jesus hatte die Überlieferungen der Rabbiner verletzt und ihre Autorität mißachtet. Nun wollten sie nicht glauben.


Der Zeitpunkt, der Ort, der Anlaß, die Tiefe der Empfindungen, welche die Versammlung erfüllten — das alles zusammen machte die Worte Jesu vor dem Hohen Rat noch eindrucksvoller. Die höchsten religiösen Würdenträger des Volkes trachteten dem nach dem Leben, der sich selbst als denjenigen bezeichnete, der Israel wiederherstellen wollte. Der Herr des Sabbats wurde vor ein irdisches Tribunal gestellt, um sich wegen der Anschuldigung zu verantworten, das Sabbatgebot übertreten zu haben. Während Christus furchtlos seinen Auftrag darlegte, blickten seine Richter mit Erstaunen und Wut auf ihn; doch seine Worte waren nicht zu widerlegen. Sie konnten ihn nicht verurteilen. Er bestritt Priestern und Rabbinern das Recht, ihn zur Rechenschaft zu ziehen oder seine Aufgabe zu stören. Dazu fehlte ihnen jede Legitimation. Ihre derartigen Ansprüche stützten sich auf ihren eigenen Hochmut und ihre eigene Überheblichkeit. Jesus lehnte es ab, sich ihrer Anklagen schuldig zu bekennen oder sich von ihnen verhören zu lassen.


Statt sich wegen der ihm zur Last gelegten Tat zu rechtfertigen oder seine damit verbundene Absicht zu erläutern, wandte sich Jesus gegen die Herrschenden des Volkes. Der Beschuldigte wurde zum Ankläger. Er tadelte sie wegen ihrer Herzenshärtigkeit und Unkenntnis der heiligen Schriften und behauptete, daß sie das Wort Gottes insofern verwarfen, als sie ihn, den Gott gesandt hatte, zurückwiesen. „Ihr suchet in der Schrift; denn ihr meinet, ihr habt das ewige Leben darin; und sie ist es, die von mir zeuget.“ Johannes 5,39.


Auf jeder Seite der Geschichts-, Lehr- und prophetischen Bücher des Alten Testaments erstrahlt die Herrlichkeit des Sohnes Gottes. Soweit die jüdische Ordnung auf göttliche Anweisung zurückging, war sie eine gedrängte Weissagung der Frohbotschaft. Von Christus „zeugen alle Propheten“. Apostelgeschichte 10,43. Angefangen mit der Weissagung an Adam, über die Zeit der Patriarchen und der Gesetzgebung — immer ebnete das herrliche Licht des Himmels den Fußspuren des Erlösers den Weg. Seher schauten den „Stern“ von Bethlehem, den verheißenen „Helden“ (1.Mose 49,10), während künftige Ereignisse geheimnisvoll an ihnen vorüberzogen. Jedes Opfer deutete auf Christi Tod hin. Mit jeder Wolke des Räuchopfers stieg seine Gerechtigkeit empor. Mit jeder Posaune des „Erlaßjahres“ ertönte sein Name. 3.Mose 25,13. In dem ehrfurchtgebietenden Geheimnis des Allerheiligsten wohnte seine Herrlichkeit.


Die Juden besaßen die heiligen Schriften und glaubten durch lediglich äußere Kenntnis des Wortes das ewige Leben zu finden. Doch Jesus sagte: „Sein Wort habt ihr nicht in euch wohnen.“ Johannes 5,38. Dadurch, daß sie Christus in seinem Wort verworfen hatten, verwarfen sie ihn zugleich als Person. „Doch wollt ihr nicht zu mir kommen“, erklärte er, „daß ihr das Leben hättet.“ Johannes 5,40.


Die jüdischen Obersten hatten zwar die Lehren der Propheten über das Reich des Messias studiert, jedoch nicht in der aufrichtigen Absicht, die Wahrheit zu erkennen, sondern um Beweise zu finden, die ihre ehrgeizigen Hoffnungen stützten. Als Christus in einer Art kam, die ihren Erwartungen nicht entsprach, wollten sie ihn nicht annehmen. Und um sich zu rechtfertigen, versuchten sie nachzuweisen, daß er ein Betrüger sei. Nachdem sie sich einmal auf diesen Weg begeben hatten, fiel es Satan leicht, sie in ihrem Widerstand gegen Christus zu verhärten. Gerade die Worte, die sie als Beweis seiner Göttlichkeit hätten annehmen sollen, deuteten sie gegen ihn. So verwandelten sie die Wahrheit Gottes in eine Lüge, und je unverhüllter der Heiland in seinen Werken der Barmherzigkeit zu ihnen sprach, desto entschlossener widersetzten sie sich dem Licht.


Jesus sprach: „Ich nehme nicht Ehre von Menschen.“ Johannes 5,41. Er suchte weder den Einfluß noch die Bestätigung des Hohen Rates. Dessen Zustimmung konnte ihn nicht ehren. Er war mit der Ehre und Vollmacht des Himmels ausgestattet. Hätte er es gewollt, so wären Engel gekommen, um ihm zu huldigen, und der Vater würde erneut Jesu Göttlichkeit bezeugt haben. Aber um ihrer selbst und um des Volkes willen, dessen Führer sie waren, wünschte er, daß die jüdischen Oberen sein wahres Wesen erkennten und die Segnungen empfingen, die zu bringen er gekommen war.


„Ich bin gekommen in meines Vaters Namen, und ihr nehmet mich nicht an. Wenn ein anderer wird in seinem eignen Namen kommen, den werdet ihr annehmen.“ Johannes 5,43. Jesus kam in der Autorität Gottes. Er trug Gottes Bild an sich, erfüllte Gottes Wort und suchte Gottes Ehre. Dennoch nahmen die Herrscher Israels ihn nicht an. Wenn aber andere kommen und Christi Wesen zur Schau stellen würden, in Wirklichkeit jedoch nach ihrem eigenen Willen handelten und ihre eigene Ehre suchten, dann würden sie diese annehmen. Und warum? Weil derjenige, der seine eigene Ehre sucht, das Verlangen anderer nach Selbsterhöhung anspricht. Auf solche Aufforderungen konnten die Juden eingehen. Einen falschen Lehrer würden sie annehmen, weil er die von ihnen gehegten Meinungen und Überlieferungen guthieße und damit ihrem Stolz schmeichelte. Christi Lehre dagegen deckte sich nicht mit ihren Vorstellungen. Sie war geistlich und forderte Selbsthingabe. Aus diesem Grunde würden sie sie nicht annehmen. Sie kannten Gott nicht, und als er durch Christus zu ihnen sprach, war seine Stimme für sie die eines Fremden.


Wiederholt sich dies nicht in unserer Zeit? Verhärten nicht viele führende Männer, sogar religiöse, ihre Herzen gegen den Heiligen Geist und berauben sie sich nicht dadurch der Möglichkeit, die Stimme Gottes zu erkennen? Verwerfen sie nicht Gottes Wort um ihrer eigenen Überlieferungen willen?


„Wenn ihr Mose glaubtet“, sprach Jesus, „so glaubtet ihr auch mir; denn er hat von mir geschrieben. Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubet, wie werdet ihr meinen Worten glauben?“ Johannes 5,4647. Christus hatte durch Mose zu den Israeliten geredet. Hätten sie auf die göttliche Stimme geachtet, die durch ihren großen Führer gesprochen hatte, dann würden sie sie in den Lehren Christi wiedererkannt haben. Hätten sie Mose geglaubt, so würden sie auch an den geglaubt haben, von dem Mose schrieb. Jesus wußte, daß die Priester und Rabbiner entschlossen waren, ihm das Leben zu nehmen. Dennoch erklärte er ihnen in aller Deutlichkeit seine Einheit mit dem Vater und sein Verhältnis zur Welt. Sie erkannten, daß ihr Widerstand gegen ihn unentschuldbar war. Dennoch ließ ihr mörderischer Haß nicht nach. Furcht bemächtigte sich ihrer, als sie Augenzeugen der überwältigenden Macht wurden, die seinen Dienst begleitete. Dessenungeachtet widersetzten sie sich seinem Ruf und lieferten sich der Finsternis aus.


Es war ihnen in keiner Weise gelungen, das Ansehen Jesu zu untergraben oder ihm die Achtung und Aufmerksamkeit des Volkes zu entziehen, im Gegenteil, viele von ihnen waren von seinen Worten überzeugt. Die Obersten selber hatten tiefe Gewissensbisse gefühlt, als er ihnen mit Nachdruck ihre Schuld zum Bewußtsein brachte. Doch das ließ sie nur noch heftiger reagieren. Sie waren entschlossen, zu töten. Sie sandten deshalb Boten durch das ganze Land, die das Volk vor Jesus warnen sollten, der ein Betrüger wäre. Beobachter wurden ausgesandt, um ihn zu überwachen. Sie sollten berichten, was er redete und tat. Der herrliche Erlöser stand nunmehr ganz deutlich unter dem Schatten des Kreuzes. 200




























Kapitel 22: Gefangenschaft und Tod des Johannes

 

Auf der Grundlage von Matthäus 11,1-11; Matthäus 4,1-11; Markus 6,17-28; Lukas 7,19-28.

 

Johannes der Täufer war der erste, der das Reich Christi verkündigte, und auch der erste, der dafür leiden sollte. Aus der freien Luft der Wüste und weg von der großen Menge, die an seinen Worten hing, wurde er in den Kerker eines Burgverlieses eingeschlossen. Er war Gefangener in der Festung des Herodes Antipas. In dem Gebiet östlich des Jordan, das unter der Herrschaft des Antipas stand, hatte Johannes einen großen Teil seines Wirkens zugebracht. Herodes, der zügellose König, hatte selber der Predigt des Täufers gelauscht und unter dessen Bußruf gezittert. „Herodes fürchtete den Johannes, weil er wußte, daß er ein frommer und heiliger Mann war ... und wenn er ihn gehört hatte, ward er sehr unruhig; und doch hörte er ihn gerne.“ Markus 6,20. Johannes war aufrichtig zu ihm und tadelte ihn wegen seiner unerlaubten Verbindung mit Herodias, der Frau seines Bruders. Eine Zeitlang unternahm Herodes einen schwachen Versuch, die Ketten der Begierde, welche ihn banden, zu brechen; doch Herodias verstrickte ihn um so fester in ihrem Netz und rächte sich an dem Täufer dadurch, daß sie Herodes veranlaßte, ihn ins Gefängnis zu werfen.

 

Das Leben des Johannes war voller emsiger Arbeit gewesen. Daher lasteten die Düsternis und die Untätigkeit seiner Gefangenschaft schwer auf ihm. Als Woche um Woche verstrich, ohne eine Änderung zu bringen, kamen Verzagtheit und Zweifel über ihn. Seine Jünger ließen ihn nicht im Stich. Sie durften das Gefängnis betreten und berichteten ihm von den Taten Jesu. Dabei erzählten sie ihm, wie das Volk sich um Jesus scharte, und sie fragten sich, warum dieser neue Lehrer, wenn er wirklich der Messias war, nichts zur Freilassung des Johannes unternahm. Wie konnte er es zulassen, daß sein treuer Vorläufer der Freiheit und vielleicht gar des Lebens beraubt wird? Diese Fragen blieben nicht ohne Wirkung. Zweifel, wie sie sonst niemals aufgekommen wären, wurden Johannes eingeflüstert. Satan hatte seine Freude daran, die Worte dieser Jünger zu hören und zu sehen, wie sie den Boten des Herrn tief innerlich verwundeten. Wie oft erweisen sich doch gerade die guten Freunde eines Menschen, die ihm so gern ihre Verbundenheit bekunden, als seine gefährlichsten Feinde! Vielfach wirken ihre Worte niederdrückend und entmutigend, statt den Glauben zu stärken.

 

Johannes dem Täufer erging es wie den Jüngern des Heilandes: Auch er hatte das Wesen des Reiches Christi nicht verstanden, sondern wartete darauf, daß Jesus den Thron Davids einnehmen werde. Als aber die Zeit verstrich und der Heiland keinen Anspruch auf königliche Autorität geltend machte, zeigte sich Johannes bestürzt und beunruhigt. Er hatte dem Volk verkündet, daß als Erfüllung der Weissagung des Jesaja dem Herrn der Weg bereitet werden müsse. „Alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden.“ Jesaja 40,4; Jesaja 57,14. Er hatte nach den Gipfeln menschlichen Hochmuts und menschlicher Macht Ausschau gehalten, die erniedrigt werden müßten. Und er hatte auf den Messias als denjenigen hingewiesen, der „seine Wurfschaufel schon in der Hand“ hält und gründlich „seine Tenne fegen“, der „seinen Weizen in die Scheune sammeln; aber die Spreu ... mit unauslöschlichem Feuer verbrennen“ wird. Matthäus 3,12 (Bruns). Gleich dem Propheten Elia, in dessen Geist und Kraft er zu Israel gekommen war, erwartete Johannes, daß der Herr sich als ein Gott offenbaren werde, der mit Feuer antwortet.

 

Seinen Dienst hatte der Täufer als ein Mann versehen, der Unrecht vor hoch und niedrig furchtlos tadelte. Er hatte gewagt, dem König Herodes mit offener Mißbilligung der Sünde entgegenzutreten. Ja, er hatte sein eigenes Leben nicht geschont, wenn es galt, den ihm erteilten Auftrag zu erfüllen. Und nun wartete er in seinem Verlies auf den „Löwen“ aus dem Stamme Juda (1.Mose 49,4), der den Hochmut des Unterdrückers dämpfen und die Armen und Jammernden befreien sollte. Jesus hingegen schien sich damit zufriedenzugeben, Jünger um sich zu sammeln und das Volk zu heilen und zu lehren. Er aß an den Tischen der Zöllner, während das Joch der Römer jeden Tag schwerer auf Israel lastete, König Herodes und seine nichtswürdige Buhlerin taten, was sie wollten, und die Schreie der Armen und Leidenden zum Himmel aufstiegen.

 

Dem einsamen Propheten schien all dies ein Geheimnis zu sein, das seine Fassungskraft überstieg. Es gab Stunden, in denen die Einflüsterungen teuflischer Mächte seinen Geist quälten und der Schatten einer schrecklichen Furcht ihn beschlich. War der seit langem erwartete Erlöser etwa noch gar nicht erschienen? Doch was bedeutete dann die Botschaft, die hinauszutragen es ihn getrieben hatte? Das Ergebnis seines Dienstes hatte Johannes bitter enttäuscht. Er hatte erwartet, daß Gottes Botschaft die gleiche Wirkung haben würde wie das öffentliche Lesen des Gesetzes in den Tagen des Josia und des Esra. 2.Chronik 34,14-33; Nehemia 8,9. Er hatte damit gerechnet, daß es zu einer tiefgehenden Buße und Umkehr zum Herrn kommen würde. Dem Erfolg dieses Auftrages hatte er sein ganzes Leben geweiht. Sollte nun alles umsonst gewesen sein?

 

Johannes war betrübt, als er feststellte, daß seine eigenen Jünger aus Liebe zu ihm Jesus gegenüber Unglauben zeigten. Hatte er an ihnen fruchtlos gearbeitet? Hatte er seinen Dienst vielleicht nicht gewissenhaft genug erfüllt und wurde nun deshalb von dem Fortgang seines Auftrages ausgeschlossen? Hätte Jesus, der verheißene und erschienene Erlöser, nicht die Macht des Unterdrückers gebrochen und seinem Boten Johannes die Freiheit wiedergegeben — vorausgesetzt, dieser wäre in seiner Berufung als treu erfunden worden?

 

Doch der Täufer verlor nicht seinen Glauben an Christus. Die Erinnerung an die Stimme vom Himmel und das Herniederschweben der Taube, die fleckenlose Reinheit Jesu, die Kraft des Heiligen Geistes, die Johannes erfüllt hatte, als er in die Nähe des Heilandes kam, und das Zeugnis der prophetischen Schriften — das alles bezeugte ihm, daß Jesus von Nazareth der Verheißene Gottes war. Matthäus 3,13-17; Markus 1,9-11; Lukas 3,2122; Johannes 1,32-34. Johannes wollte über seine Zweifel und Besorgnisse nicht mit seinen Jüngern sprechen, sondern beschloß, bei Jesus selbst nachfragen zu lassen. Damit betraute er zwei seiner Jünger. Er hoffte, daß ihr Gespräch mit dem Heiland ihren eigenen Glauben stärken und ihren Brüdern Gewißheit bringen würde. Und er selbst sehnte sich nach irgendeinem persönlichen Wort aus dem Munde Christi. Die Jünger kamen zu Jesus mit der Frage: „Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir eines andern warten?“ Matthäus 11,3.

 

Erst kurze Zeit war vergangen, seit der Täufer auf Jesus hingewiesen und verkündigt hatte: „Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt!“ Johannes 1,29. „Der ist‘s, der nach mir kommen wird, des ich nicht wert bin, daß ich seine Schuhriemen auflöse.“ Johannes 1,27. Und jetzt die Frage: „Bist du, der da kommen soll?“ Für menschliches Denken war das überaus bitter und enttäuschend. Wenn selbst Johannes, der treue Wegbereiter, nicht in der Lage war, Christi Aufgabe richtig zu erkennen, wie konnte das dann von der eigensüchtigen Menge erwartet werden?

 

Der Heiland beantwortete die Frage der Jünger nicht spontan. Während sie verwundert über sein Schweigen nachdachten, kamen Kranke und Leidende zu ihm, um geheilt zu werden. Blinde ertasteten sich ihren Weg durch das Volk. Leidende aller Art drängten sich, manche aus eigener Kraft, andere von Freunden getragen, voller Verlangen in die Nähe Jesu. Die Stimme des mächtigen Arztes erreichte das taube Ohr. Ein Wort, ein Berühren mit seiner Hand öffnete die erblindeten Augen, so daß sie das Licht des Tages, die Schönheit der Natur, die Gesichter ihrer Freunde und das Antlitz des Erlösers schauen konnten. Jesus gebot der Krankheit Einhalt und bannte das Fieber. Seine Stimme drang an die Ohren der Sterbenden, und sie standen auf — gesund und kraftvoll. Besessene, die ihrer selbst nicht mächtig waren, gehorchten seinem Wort, der Wahnsinn wich von ihnen, und sie beteten ihn an. Während er Krankheiten heilte, lehrte er das Volk. Die armen Bauern und Arbeiter, von den Rabbinern als unrein gemieden, drängten sich um ihn, und er sprach Worte des ewigen Lebens zu ihnen.

 

So verging der Tag, und die Jünger des Johannes sahen und hörten das alles. Schließlich rief Jesus sie zu sich und gebot ihnen, hinzugehen und Johannes zu berichten, was sie erlebt hatten. Dann fügte er hinzu: „Selig ist, der nicht Ärgernis nimmt an mir.“ Matthäus 11,6; Lukas 7,23. Der Beweis seiner Göttlichkeit wurde darin sichtbar, daß er sich der Nöte der leidenden Menschheit annahm. Seine Herrlichkeit zeigte sich darin, daß er sich zu unserer Niedrigkeit herabließ.

 

Die Jünger überbrachten ihre Botschaft, und Johannes war zufrieden. Er erinnerte sich der messianischen Weissagung: „Der Geist Gottes des Herrn ist auf mir, weil der Herr mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, daß sie frei und ledig sein sollen; zu verkündigen ein gnädiges Jahr des Herrn.“ Jesaja 61,12. Durch seine Werke wies sich Christus nicht allein als Messias aus, sondern er zeigte auch, wie sein Reich gegründet werden sollte. Johannes wurde dieselbe Wahrheit eröffnet wie einst dem Propheten Elia in der Wüste, als „ein großer, starker Wind, der die Berge zerriß und die Felsen zerbrach, kam vor dem Herrn her; der Herr aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der Herr war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der Herr war nicht im Feuer.“ 1.Könige 19,1112. Doch nach dem Feuer redete Gott zu dem Propheten durch eine stille, sanfte Stimme. Genauso sollte Jesus seine Aufgabe erfüllen, nicht mit Waffengeklirr und indem er Throne und Königreiche stürzte. Er sollte vielmehr durch ein Leben der Güte und Hingabe zu den Herzen der Menschen sprechen.

 

Der Grundsatz der Selbstverleugnung in des Täufers eigenem Leben war auch eine Grundregel im Reiche des Messias. Johannes wußte genau, wie fremd all dies den Grundsätzen und Hoffnungen der führenden Männer Israels war. Was er für einen überzeugenden Beweis der Göttlichkeit Christi hielt, würde jene nicht überzeugen. Sie erwarteten einen Messias, wie er nicht verheißen worden war. Johannes verstand, daß die Sendung des Heilandes bei ihnen nur Haß und Verdammung ernten konnte. Er als Wegbereiter mußte den Kelch trinken, den Christus selber bis zur Neige leeren sollte.

 

Die Worte des Heilandes „Selig ist, der nicht Ärgernis nimmt an mir“ (Matthäus 11,6; Lukas 7,23), waren für Johannes ein milder Tadel. Er stieß bei ihm nicht auf taube Ohren. Jetzt verstand er das Wesen des Dienstes Christi besser und beugte sich vor Gott, bereit zu leben oder zu sterben, was immer der Sache, die er liebte, am meisten dienen konnte. Nachdem die Boten des Johannes gegangen waren, sprach Jesus zu dem Volk über den Täufer. Das Herz des Heilandes wandte sich in tiefem Mitgefühl dem treuen Zeugen zu, der im Burgverlies des Herodes lebendig begraben war. Er wollte das Volk nicht in der Meinung bestärken, Gott habe Johannes im Stich gelassen, oder Johannes hätte am Tage der Prüfung im Glauben Schiffbruch erlitten. „Was seid ihr hinausgegangen in die Wüste zu sehen?“ fragte er. „Wolltet ihr ein Rohr sehen, das vom Wind bewegt wird?“ Lukas 7,24.

 

Das hohe Schilf, das am Jordan wuchs und bei jeder Brise hin und her wogte, war ein treffendes Bild für die Rabbiner, die sich zu Kritikern und Richtern über des Täufers Dienst aufgeworfen hatten. Bei jedem Sturm der öffentlichen Meinung schwankten sie bald in diese, bald in jene Richtung. Einerseits wollten sie die Botschaft des Täufers nicht demütig annehmen und ihre Herzen durchforschen, anderseits wagten sie es jedoch aus Furcht vor dem Volk nicht, seinem Wirken offen entgegenzutreten. Aber der Bote Gottes war kein Feigling. Die Volksmenge, die sich um Christus scharte, war Zeuge der Tätigkeit des Johannes gewesen. Sie hatten gehört, wie furchtlos er die Sünde gegeißelt hatte. Mit derselben Deutlichkeit hatte Johannes zu selbstgerechten Pharisäern, priesterlichen Sadduzäern, zu König Herodes und seinem Hofstaat, zu Fürsten und Soldaten, Zöllnern und Bauern gesprochen. Er glich keinem schwankenden Schilfrohr, das sich durch den Luftzug menschlichen Lobes oder Vorurteils bewegen ließ. Selbst im Gefängnis war er in seiner Treue zu Gott und seinem Streben nach Gerechtigkeit derselbe geblieben, der er bei der Verkündigung der Botschaft Gottes in der Wüste gewesen war. In seiner Grundsatztreue stand er fest wie ein Fels.

 

Jesus fuhr fort: „Oder was seid ihr hinausgegangen zu sehen? Wolltet ihr einen Menschen in weichen Kleidern sehen? Siehe, die da weiche Kleider tragen, sind in der Könige Häusern.“ Matthäus 11,8. Johannes war berufen worden, die Sünden und Auswüchse seiner Zeit zu tadeln. Seine schlichte Kleidung wie auch sein entsagungsvolles Leben entsprachen genau dem Wesen seiner Botschaft. Reiche Gewänder und luxuriöses Leben passen nicht zu Dienern Gottes, sondern zu denen, die „in der Könige Häusern“ leben, zu den Herrschern dieser Welt als Zeichen ihrer Macht und ihres Glanzes. Jesus hob bewußt den Gegensatz zwischen der Kleidung des Johannes und der der Priester und der Mächtigen hervor. Diese Würdenträger hüllten sich in prächtige Gewänder und trugen kostbaren Schmuck. Sie stellten sich gern zur Schau und hofften, dadurch das Volk zu blenden und ihm mehr Achtung abzunötigen. Es ging ihnen mehr darum, von Menschen bewundert zu werden, als ein reines Herz zu erlangen, das Gottes Wohlgefallen findet. Auf diese Weise taten sie kund, daß sie nicht Gott, sondern dem Reiche dieser Welt huldigten.

 

„Oder was“, sprach Jesus, „seid ihr hinausgegangen? Wolltet ihr einen Propheten sehen? Ja, ich sage euch: er ist mehr als ein Prophet. Dieser ist‘s, von dem geschrieben steht: ‚Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg vor dir bereiten soll.‘ Wahrlich, ich sage euch: Unter allen, die vom Weibe geboren sind, ist keiner aufgestanden, der größer sei als Johannes der Täufer.“ Matthäus 11,9-11; Maleachi 3,1. Bei der Ankündigung der Geburt des Johannes hatte der Engel dem Priester Zacharias erklärt: „Er [Johannes] wird groß sein vor dem Herrn.“ Lukas 1,15. Was ist Größe aber im Urteil des Himmels? Nicht das, was die Welt für Größe hält; Reichtum, sozialer Stand, vornehme Herkunft oder Intelligenz, für sich allein betrachtet, zählen nicht. Wenn überragende Geisteskraft, losgelöst von jeder höheren Beziehung, Verehrung beansprucht, dann müßten wir auch Satan huldigen, dessen Geistesschärfe noch nie ein Mensch erreicht hat. Es ist nun einmal so: Je größer eine Gabe ist, zu einem desto größeren Fluch entartet sie, sobald sie zum Selbstzweck verfälscht wird. Gott schätzt allein sittliche Werte. Liebe und Reinheit sind die Eigenschaften, die er am höchsten bewertet. In den Augen des Herrn war Johannes groß, als er vor den Abgesandten des Hohen Rates, vor dem Volk und vor seinen eigenen Jüngern keinerlei Ehre für sich selber suchte, sondern sie alle auf Jesus als den von Gott Verheißenen hinwies. Seine selbstlose Freude im Dienst für Christus stellt die höchste Form edler Gesinnung dar, die je ein Mensch offenbaren kann.

 

Alle jene, die sein Bekenntnis zu Jesus vernommen hatten, bezeugten nach seinem Tode: „Johannes tat kein Zeichen; aber alles, was Johannes von diesem gesagt hat, das ist wahr.“ Johannes 10,41. Es war ihm nicht — wie Elia — gegeben, Feuer vom Himmel fallen zu lassen oder Tote aufzuwecken oder — Mose gleich — im Namen Gottes den Wunderstab zu schwingen. Er war gesandt, den nahenden Erlöser anzukündigen und das Volk aufzurufen, sich auf dessen Ankunft vorzubereiten. Seinen Auftrag erfüllte er so gewissenhaft, daß das Volk in Erinnerung an das, was er sie über Jesus gelehrt hatte, bestätigte: „Alles, was Johannes von diesem gesagt hat, das ist wahr.“ Ein solches Zeugnis von Christus zu geben, ist jeder Jünger des Meisters aufgerufen.

 

Als Vorläufer des Messias war Johannes „mehr als ein Prophet“. Matthäus 11,9-11; Maleachi 3,1. Die Propheten hatten das Kommen Christi ja nur aus der Ferne schauen können; Johannes dagegen war es gegeben, ihn selber zu sehen, die Zustimmung des Himmels zu Jesu Messianität zu hören und ihn vor Israel als den von Gott Gesandten darzustellen. Gleichwohl erklärte Jesus: „Der aber der Kleinste ist im Himmelreich, ist größer als er.“ Matthäus 11,11.

 

Der Prophet Johannes war das Bindeglied zwischen den beiden Heilsordnungen. Als Gottes Beauftragter trat er hervor und zeigte die Beziehung von Gesetz und Propheten zur christlichen Heilsordnung auf. Er war das geringere Licht, dem ein größeres folgen sollte. Das Verständnis des Johannes war durch den Heiligen Geist erleuchtet, so daß er Licht über sein Volk ausstrahlen konnte; aber kein anderes Licht schien jemals oder wird jemals auf gefallene Menschen so klar scheinen wie jenes, das von den Lehren und dem Beispiel Jesu ausging. Christus und seine Sendung waren in ihrer Darstellung durch die schattenhaften Opfer nur unklar verstanden worden. Selbst Johannes besaß noch keine rechte Vorstellung vom künftigen unsterblichen Leben, das durch den Heiland geschenkt wird.

 

Abgesehen von der Freude, die Johannes in seiner Aufgabe fand, war sein Leben voller Sorge. Außer in der Wüste wurde seine Stimme nur selten vernommen. Er trug das Los der Einsamkeit. Und es war ihm nicht vergönnt, die Früchte seiner Arbeit zu schauen. Ihm wurde nicht erlaubt, mit Christus zusammen zu sein und Zeuge der Bekundungen göttlicher Macht zu werden, die das größere Licht begleiteten. Er durfte nicht sehen, wie Blinde das Augenlicht wiedererhielten, wie Kranke geheilt und Tote zum Leben auferweckt wurden. Das Licht, das in jedem Wort Christi aufstrahlte und seinen Glanz auf die Verheißungen der Prophetie warf, hat er nicht geschaut. Der niedrigste Jünger, der Christi machtvolle Werke sah und seine Worte hörte, war in dieser Hinsicht Johannes dem Täufer gegenüber bevorzugt und wurde daher von Jesus als „größer“ bezeichnet.

 

Durch die großen Scharen, die der Predigt des Johannes gelauscht hatten, wurde der Täufer im ganzen Land bekannt. Alle nahmen tiefen Anteil am Ausgang seiner Gefangenschaft. Sein makelloses Leben und die ihn begünstigende starke öffentliche Meinung führten zu der Annahme, daß keine ernsten Maßnahmen gegen ihn ergriffen würden. Herodes hielt Johannes für einen Propheten Gottes und war fest entschlossen, ihn freizulassen. Doch aus Furcht vor Herodias schob er seine Absicht auf. Herodias wußte, daß sie auf legale Weise niemals die Zustimmung des Herodes zum Tode des Johannes erlangen würde. So beschloß sie, ihr Ziel durch List zu erreichen. Am Geburtstag des Königs sollte den Würdenträgern des Staates und den Hofbeamten ein Fest gegeben werden. Es würde geschlemmt und getrunken werden. Dadurch würde Herodes nicht so auf der Hut sein, und sie könnte ihn ihrem Willen gefügig machen.

 

Als der große Tag kam und der König mit seinen Würdenträgern aß und trank, sandte Herodias ihre Tochter in den Festsaal, damit sie zur Unterhaltung der Gäste tanzte. Salome befand sich im ersten Stadium des Aufblühens ihrer Weiblichkeit, und ihre üppige Schönheit nahm die Sinne der adligen Zecher gefangen. Die Damen des Hofes pflegten bei solchen Festlichkeiten nicht zu erscheinen, und schmeichlerischer Applaus wurde Herodes dargebracht, als diese Tochter israelitischer Priester und Fürsten zum Vergnügen seiner Gäste tanzte.

 

Der König war vom Wein benommen. Die Leidenschaft herrschte, die Vernunft war entthront. Er sah nur den Festsaal mit den schwelgenden Gästen, die reichgedeckte Tafel, den funkelnden Wein, die blinkenden Lichter und das junge Mädchen, das vor ihm tanzte. In der Unbesonnenheit des Augenblicks wollte er irgend etwas tun, womit er vor den Großen seines Reiches glänzen könnte. Mit einem Schwur gelobte er, der Tochter der Herodias zu geben, was immer sie erbitten mochte, und sei es die Hälfte seines Königreiches. Matthäus 14,67; Markus 6,21-23. Salome eilte zu ihrer Mutter, um sich von ihr raten zu lassen, was sie sich wünschen sollte. Die Antwort kam schnell: das Haupt Johannes des Täufers. Salome kannte nicht den Rachedurst im Herzen ihrer Mutter, und es schauderte sie, diese Bitte vorzutragen; doch die Entschiedenheit der Herodias gewann die Oberhand. Das Mädchen kehrte zurück mit der entsetzlichen Bitte: „Gib mir her auf einer Schüssel das Haupt Johannes des Täufers!“ Matthäus 14,8.

 

Herodes war überrascht und bestürzt. Die ausgelassene Fröhlichkeit wich, und unheilvolles Schweigen legte sich über die Szene. Bei dem Gedanken, Johannes zu töten, wurde der König von Entsetzen gepackt. Aber er hatte sein Wort verpfändet und wollte nicht wankelmütig erscheinen oder als hätte er übereilt gehandelt. Zu Ehren seiner Gäste hatte er den Eid geschworen. Wenn auch nur einer von ihnen ein Wort gegen die Einlösung seines Versprechens vorgebracht hätte, so würde er den Propheten liebend gern geschont haben. Er gab ihnen Gelegenheit, zugunsten des Gefangenen zu sprechen. Sie waren weit gereist, um der Predigt des Johannes zu lauschen. Sie kannten ihn als Mann ohne Makel und als Diener Gottes. Obschon die Bitte des Mädchens sie empörte, waren sie doch zu betrunken, Einspruch zu erheben. Keine Stimme wurde laut, das Leben des von Gott gesandten Boten zu retten. Diese Männer bekleideten hohe Vertrauensämter im Lande, und auf ihnen ruhte schwere Verantwortung; gleichwohl hatten sie sich der Schwelgerei und dem Trunk hingegeben, bis ihre Sinne umnebelt waren. Die leichtfertigen Szenen aus Musik und Tanz hatten ihre Köpfe verwirrt und ihr Gewissen eingeschläfert. Durch ihr Schweigen sprachen sie das Todesurteil über den Propheten Gottes und stillten damit den Rachedurst einer lasterhaften Frau.

 

Herodes wartete vergeblich darauf, von seinem Eid entbunden zu werden. Dann erteilte er widerstrebend den Befehl zur Hinrichtung des Propheten. Bald wurde das Haupt des Johannes vor den König und seine Gäste gebracht. Für immer waren die Lippen dessen verschlossen, der Herodes gewissenhaft vor der Fortführung seines sündigen Lebens gewarnt hatte. Nie mehr sollte man hören, wie diese Stimme Menschen zur Umkehr rief. Das Gelage einer Nacht hatte das Leben eines der größten Propheten gekostet.

 

Wie oft schon fiel das Leben Unschuldiger der Unmäßigkeit derer zum Opfer, die eigentlich Wächter des Rechtes hätten sein sollen! Wer den berauschenden Trank an seine Lippen führt, lädt sich damit die Verantwortung für alles Unrecht auf, das er unter der betörenden Macht berauschender Getränke begehen kann. Durch die Betäubung seiner Sinne beraubt er sich der Fähigkeit, ruhig zu urteilen sowie Recht und Unrecht klar zu unterscheiden. Er ermöglicht es Satan, durch ihn Unschuldige zu unterdrücken und zu vernichten. „Der Wein macht Spötter, und starkes Getränk macht wild; wer davon taumelt, wird niemals weise.“ Sprüche 20,1. Dann kann man sagen: „Das Recht ist zurückgewichen ... und wer vom Bösen weicht, muß sich ausplündern lassen.“ Jesaja 59,1415. Menschen, in deren Händen die Gerichtsbarkeit über das Leben ihrer Mitmenschen liegt, sollten eines Verbrechens für schuldig gesprochen werden, wenn sie sich der Unmäßigkeit hingeben. Wer immer das Gesetz anwendet, sollte selber das Gesetz halten. Er sollte stets die Kontrolle über sich behalten und im Vollbesitz seiner körperlichen, geistigen und sittlichen Kräfte bleiben, um jederzeit über Geisteskraft und hohen Gerechtigkeitssinn verfügen zu können.

 

Das Haupt Johannes des Täufers wurde der Herodias gebracht, die es mit teuflischer Genugtuung entgegennahm. Sie triumphierte in ihrer Rache und gab sich der irrigen Hoffnung hin, daß das Gewissen des Herodes nicht weiter beunruhigt sein werde. Aber sie sollte ihrer Sünde nicht froh werden. Ihr Name wurde berüchtigt und verachtet, während Herodes durch Gewissensbisse mehr gequält wurde als jemals durch die Warnungen des Propheten. Der Einfluß der Predigt des Johannes war keineswegs zum Schweigen gebracht; er sollte für jede Generation bis zum Ende der Zeit erhalten bleiben.

 

Herodes sah seine Sünde immer vor sich. Unaufhörlich suchte er von den Anklagen seines schuldigen Gewissens frei zu werden. Sein Vertrauen zu Johannes blieb ungebrochen. Wenn er sich dessen Leben der Selbstverleugnung, seine ernsten und eindringlichen Vorhaltungen sowie sein gesundes Urteil vor Augen hielt und dann daran dachte, unter welchen Umständen er ihn hatte töten lassen, konnte Herodes keine Ruhe finden. Bei seinen Staatsgeschäften oder wenn Menschen ihm huldigten, trug er zwar ein lächelndes Antlitz und eine würdevolle Miene zur Schau, darunter aber verbarg sich ein verängstetes Herz, stets von der Furcht bedrückt, auf ihm laste ein Fluch. Die Worte des Johannes, daß vor Gott nichts verborgen bleibt, hatten Herodes tief beeindruckt. Seiner Überzeugung nach war Gott an jedem Ort gegenwärtig. Somit war er auch Zeuge der Schwelgerei im Festsaal gewesen, hatte den Befehl zur Enthauptung des Johannes gehört und das Frohlocken der Herodias sowie den Schimpf gesehen, welches dem abgetrennten Haupt des Mannes galt, der sie zurechtgewiesen hatte. Vieles von dem, was Herodes von den Lippen des Propheten gehört hatte, sprach nun weit deutlicher zu seinem Gewissen als bei dessen Predigt in der Wüste.

 

Als Herodes von den Werken Christi hörte, erschrak er aufs äußerste, dachte er doch, Gott habe Johannes von den Toten auferweckt und mit noch größerer Macht ausgesandt, um die Sünde zu verdammen. Er lebte in anhaltender Furcht, Johannes würde sich für seinen Tod rächen und ihn und sein Haus verfluchen. Herodes erntete genau das, was Gott als Folge eines sündigen Wandels genannt hatte: „Ein bebendes Herz ... und erlöschende Augen und eine verzagende Seele, und dein Leben wird immerdar in Gefahr schweben; Nacht und Tag wirst du dich fürchten und deines Lebens nicht sicher sein. Morgens wirst du sagen: Ach daß es Abend wäre! und abends wirst du sagen: Ach daß es Morgen wäre! vor Furcht deines Herzens, die dich schrecken wird, und vor dem, was du mit deinen Augen sehen wirst.“ 5.Mose 28,65-67. Den Sünder klagen seine eigenen Gedanken an. Nichts kann quälender sein als der Stachel eines schuldigen Gewissens, das ihn Tag und Nacht nicht zur Ruhe kommen läßt.

 

Für viele birgt das Schicksal Johannes des Täufers ein tiefes Geheimnis. Sie fragen sich, warum er wohl im Gefängnis hat schmachten und sterben müssen. Das Rätsel dieser dunklen Fügung vermag unser menschliches Denken nicht zu durchdringen. Es kann auch unser Vertrauen zu Gott nicht erschüttern, wenn wir uns vor Augen halten, daß Johannes nur teilhatte an den Leiden Christi. Alle Nachfolger Christi werden die Krone des Opfers tragen. Von selbstsüchtigen Menschen werden sie sicher mißverstanden werden, und Satan wird sie zum Ziel seiner heftigsten Angriffe machen. Dessen Reich hat es genau darauf abgesehen, den Grundsatz der Selbstaufopferung zu beseitigen, und wo immer dieser Grundsatz in Erscheinung tritt, wird Satan dagegen kämpfen.

 

Kindheit, Jugend und Mannesalter des Johannes zeichneten sich aus durch Festigkeit und sittliche Kraft. Als sein Aufruf in der Wüste erklang: „Bereitet dem Herrn den Weg und machet richtig seine Steige!“ (Matthäus 3,3) fürchtete Satan um den Bestand seines Reiches. Das Verwerfliche der Sünde wurde mit solchem Nachdruck aufgedeckt, daß die Menschen erschraken. Satans Macht über viele Menschen, die bisher seiner Herrschaft unterworfen waren, wurde gebrochen. Unermüdlich hatte er sich bemüht, den Täufer seinem Leben vorbehaltloser Hingabe an Gott abspenstig zu machen, jedoch vergeblich. Und auch Jesus hatte er nicht überwinden können. Die Versuchung Jesu in der Wüste war zu einer Niederlage Satans geworden. Deshalb war sein Zorn groß, und er beschloß, Christus dadurch zu treffen, daß er Johannes schlug. Dem einen, den er nicht zur Sünde verleiten konnte, wollte er Schaden zufügen.

 

Jesus hat nichts zur Befreiung seines Dieners unternommen. Er wußte, daß Johannes die Prüfung bestehen würde. Gern wäre der Heiland zu Johannes gegangen, um das Dunkel des Kerkers durch seine Gegenwart zu erhellen. Doch er durfte sich nicht in die Hand der Feinde begeben und dadurch seinen eigenen Auftrag gefährden. Mit Freuden hätte er seinen treuen Diener befreit. Doch um der Tausende willen, die in künftigen Jahren Gefängnis und Tod erleiden mußten, sollte Johannes den Kelch des Leidens leeren. Wenn die Nachfolger Jesu von Gott und Menschen anscheinend verlassen in einsamen Zellen schmachten oder durch Schwert, Folter oder Scheiterhaufen umkommen müßten, würden ihre Herzen bei dem Gedanken gestärkt werden, daß Johannes dem Täufer, dessen Treue Christus selber bezeugt hat, ein ähnliches Schicksal beschieden war.

 

Satan wurde gestattet, das irdische Leben des Boten Gottes abzukürzen. Aber jenes Leben, welches „ist verborgen mit Christus in Gott“ (Kolosser 3,3), konnte der Verderber nicht antasten. Er frohlockte, Christus Leid zugefügt zu haben. Doch Johannes zu Fall bringen, das vermochte er nicht. Der Tod hat ihn lediglich vor der Macht weiterer Versuchung bewahrt. In diesem Streit hat Satan sein wirkliches Wesen offenbart. Nun war das ganze Universum Zeuge seiner Feindschaft gegen Gott und die Menschen geworden.

 

Obgleich nichts Übernatürliches geschah, um Johannes zu befreien, war er doch nicht verlassen. Stets waren himmlische Engel bei ihm und öffneten ihm das Verständnis für die Weissagungen auf Christus und für die kostbaren Verheißungen der Schrift. Sie boten ihm Halt, wie sie auch dem Volk Gottes in den künftigen Jahrhunderten eine Stütze sein sollten. Johannes dem Täufer wie auch allen, die nach ihm kamen, war zugesichert worden: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Matthäus 28,20. Niemals führt Gott seine Kinder anders, als sie es sich selbst wünschten, falls sie bereits am Anfang den Ausgang sehen und die herrliche Frucht schauen könnten, die sie als Mitarbeiter Gottes wirken dürfen. Weder Henoch, der verwandelt in den Himmel aufgenommen wurde, noch Elia, der im Feuerwagen gen Himmel fuhr, war größer oder wurde mehr geehrt als Johannes der Täufer, der einsam im Kerker umkam. „Euch ist die Gnade gegeben, um Christi willen beides zu tun: daß ihr nicht allein an ihn glaubet, sondern auch um seinetwillen leidet.“ Philipper 1,29. Von allen Gaben, die der Himmel Menschen verleihen kann, zeugt die der Gemeinschaft mit Christus in seinem Leiden von größtem Vertrauen und höchster Ehre.

Kapitel 23: „Das Reich Gottes ist herbeigekommen“

 

„Nachdem aber Johannes gefangengelegt war, kam Jesus nach Galiläa und predigte das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ Markus 1,1415.

 

Das Kommen des Messias war zuerst in Judäa verkündigt worden. Als Zacharias im Tempel zu Jerusalem seinen Dienst am Altar versah, wurde ihm die Geburt des Vorläufers vorhergesagt. Auf den Hügeln von Bethlehem verkündeten die Engel die Geburt Jesu, und nach Jerusalem kamen die Magier, um den neugeborenen König zu suchen. Im Tempel bezeugten Simeon und Hanna seine Göttlichkeit. „Jerusalem und das ganze jüdische Land“ vernahm die Predigt des Täufers Johannes, und die Abordnung des Hohen Rates hörte zugleich mit der Volksmenge dessen Zeugnis über Jesus. In Judäa gewann Jesus seine ersten Jünger. Hier verbrachte er einen wesentlichen Teil seines ersten Dienstes. Das Aufleuchten seiner Göttlichkeit bei der Reinigung des Tempels, seine Heilungswunder und die Predigt der göttlichen Wahrheit aus seinem Munde — alles bekundete das, was er nach der Heilung in Bethesda vor dem Hohen Rat dargelegt hatte, nämlich daß er der Sohn des Ewigen war.

 

Hätten die führenden Männer Israels Christus angenommen, dann würde er sie dadurch geehrt haben, daß sie als seine Boten das Evangelium in die Welt hinaustragen sollten. Ihnen wurde die erste Gelegenheit gegeben, Herolde des Reiches und der Gnade Gottes zu werden. Das Volk Israel aber erkannte nicht die Zeit, in der es heimgesucht wurde. Der Neid und das Mißtrauen der jüdischen Führer wuchsen zu offenem Haß an, und die Herzen des Volkes wandten sich von Jesus ab. Der Hohe Rat wies Jesu Botschaft zurück und war fest entschlossen, ihn zu töten. Deshalb verließ Jesus Jerusalem, die Priester, den Tempel, die religiösen Führer und all die Leute, die im Gesetz unterwiesen waren, und wandte sich anderen Menschen zu. Ihnen wollte er seine Botschaft verkündigen und aus ihnen jene aussondern, die sein Evangelium zu allen Völkern tragen sollten.

 

Das Licht und Leben der Menschen wurde in den Tagen Christi von den religiösen Würdenträgern verworfen. Genau dies wiederholte sich in jeder nachfolgenden Generation. Christus mußte sich gewissermaßen immer wieder aus Judäa zurückziehen. Als die Reformatoren das Wort Gottes predigten, hatten sie nicht im Sinn, sich von der bestehenden Kirche zu trennen. Aber die geistlichen Führer duldeten das Licht nicht. Dadurch wurden die Lichtträger gezwungen, sich nach Menschen umzusehen, die sich nach der Wahrheit sehnten. In unseren Tagen werden nur wenige, die sich als Nachfolger der Reformatoren bekennen, von deren Geist getrieben. Nur wenige lauschen der Stimme Gottes und sind bereit, die Wahrheit anzunehmen, wie auch immer sie ihnen dargeboten werden mag. Oftmals werden Menschen, die wirklich den Fußtapfen der Reformatoren folgen, gezwungen, sich von den Kirchen, an denen sie sehr hängen, zu trennen, um die klare Lehre des Wortes Gottes verkündigen zu können. Und häufig werden nach Licht suchende Menschen durch dieselbe Lehre genötigt, die Kirche ihrer Väter aus Gehorsam gegenüber Gott zu verlassen.

 

Die Einwohner von Galiläa wurden von den Rabbinern in Jerusalem als ungesittet und ungebildet verachtet, dem Heiland boten sie jedoch ein günstigeres Wirkungsfeld, denn sie zeichneten sich durch Ernst und Aufrichtigkeit aus. Fanatismus war bei ihnen nur selten anzutreffen. Ihr Denken war für die Wahrheit aufgeschlossener. Jesus ging nicht nach Galiläa, weil er die Abgeschiedenheit oder Einsamkeit suchte. Das Land war damals dicht bevölkert, mit einem weit höheren Anteil von Angehörigen anderer Völker als in Judäa.

 

Als Jesus lehrend und heilend durch Galiläa zog, sammelte sich eine große Menschenmenge aus den Städten und Dörfern um ihn. Sogar aus Judäa und den Nachbarprovinzen kamen viele. Oft mußte er sich vor der Menge verbergen. Die Begeisterung wuchs so sehr an, daß Vorsichtsmaßnahmen erforderlich wurden; denn sonst hätten die römischen Behörden vielleicht einen Aufstand befürchten können. Nie zuvor hatte es für die Welt eine solche Zeit gegeben. Der Himmel war zu den Menschen herabgestiegen. Hungernde und dürstende Seelen, die lange auf die Erlösung Israels gewartet hatten, labten sich jetzt an der Gnade des erbarmungsvollen Heilandes.

 

Der Schwerpunkt der Predigt Christi lautete: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ Markus 1,1415. Die vom Heiland gepredigte Frohbotschaft gründete sich somit auf die Weissagungen. Die Zeit, die nach seinen Worten „erfüllt“ war, umfaßte den Zeitabschnitt, den der Engel Gabriel dem Propheten Daniel genannt hatte: „Siebzig Wochen sind verhängt über dein Volk und über deine heilige Stadt; dann wird dem Frevel ein Ende gemacht und die Sünde abgetan und die Schuld gesühnt, und es wird ewige Gerechtigkeit gebracht und Gesicht und Weissagung erfüllt und das Allerheiligste gesalbt werden.“ Daniel 9,24. Ein Tag bedeutet in der Weissagung ein Jahr. 4.Mose 14,34; Hesekiel 4,6. Die siebzig Wochen oder vierhundertundneunzig Tage stehen somit für vierhundertundneunzig Jahre. Für diesen Zeitabschnitt gilt als Anfangspunkt: „Wisse also und verstehe: Von der Zeit, da das Wort ergeht, Jerusalem wieder aufzubauen, bis der Gesalbte, der Fürst, ersteht, vergehen sieben Jahrwochen und zweiundsechzig Jahrwochen“ (Daniel 9,25; Henne), insgesamt also neunundsechzig Jahrwochen oder vierhundertdreiundachtzig Jahre. Der Befehl zur Wiederherstellung und zum Aufbau Jerusalems wurde durch einen Erlaß des persischen Königs Artaxerxes Longimanus erteilt und im Herbst des Jahres 457 v. Chr. wirksam. Esra 6,14; Esra 7,19. Die vierhundertdreiundachtzig Jahre würden somit im Jahre 27 n. Chr. enden. Gemäß der Weissagung sollte dieser Zeitabschnitt bis auf den Messias, den „Gesalbten“, reichen. Im Jahre 27 n. Chr. empfing Jesus bei seiner Taufe die Salbung mit dem Heiligen Geist und begann kurze Zeit später mit seiner Tätigkeit. Von nun an hieß es: „Die Zeit ist erfüllt.“ Markus 1,1415.

 

Der Engel fuhr fort: „Mit vielen wird er während der einen Jahrwoche [sieben Jahre] einen festen Bund schließen.“ Daniel 9,27 (Henne). Sieben Jahre, nachdem der Heiland seinen Dienst aufgenommen hatte, sollte das Evangelium besonders den Juden verkündigt werden: dreieinhalb Jahre durch Christus selber und anschließend durch die Apostel. „In der Mitte der Woche wird er Schlachtopfer und Speisopfer abschaffen.“ Daniel 9,27. Im Frühjahr des Jahres 31 wurde Christus als das wahre Opferlamm auf Golgatha geopfert. Der Vorhang im Tempel zerriß, um anzuzeigen, daß die Heiligkeit und Sinngebung des Opferdienstes ihr Ende gefunden hatten. Die Zeit war gekommen, daß irdische Opfer aufhörten.

 

Die eine Woche — sieben Jahre — endete im Jahre 34 n. Chr. Damals besiegelten die Juden durch die Steinigung des Stephanus, daß sie das Evangelium endgültig verworfen hatten. Die Jünger wurden durch die Verfolgung „zerstreut“ und „zogen umher und predigten das Wort“. Apostelgeschichte 8,4. Kurze Zeit später bekehrte sich der Verfolger Saulus und wurde der Heidenapostel Paulus. Die Zeit für Christi Kommen, für seine Salbung mit dem Heiligen Geist und für seinen Tod war ebenso genau festgelegt wie der Zeitpunkt, da die Verkündigung des Evangeliums an die Heiden beginnen sollte. Es war ein Vorrecht für das jüdische Volk, diese Weissagungen verstehen und im Wirken Jesu ihre Erfüllung erkennen zu dürfen. Christus hob seinen Jüngern gegenüber mit Nachdruck die Wichtigkeit des Studiums der Weissagungen hervor. Er bezog sich auf die Weissagung Daniels über ihre Zeit mit den Worten: „Wer das liest, der merke auf!“ Matthäus 24,15. Nach seiner Auferstehung legte er seinen Jüngern aus, was in „allen Propheten ... von ihm gesagt war“. Lukas 24,27. Durch alle Propheten hatte der Heiland selbst geredet. „Der Geist Christi ... der in ihnen war“, hat „zuvor bezeugt ... die Leiden, die über Christus kommen sollten, und die Herrlichkeit danach“. 1.Petrus 1,11.

 

Der Engel Gabriel, der dem Sohn Gottes rangmäßig am nächsten steht, überbrachte Daniel die göttliche Botschaft. Gabriel, „seinen Engel“, sandte Christus, um dem geliebten Johannes die Zukunft zu eröffnen. Und seliggesprochen wird, „der da liest und die da hören die Worte der Weissagung und behalten, was darin geschrieben ist“. Offenbarung 1,1-3. „Gott der Herr tut nichts, er offenbare denn seinen Ratschluß den Propheten, seinen Knechten.“ Amos 3,7. „Was verborgen ist, ist des Herrn, unseres Gottes; was aber offenbart ist, das gilt uns und unsern Kindern ewiglich.“ 5.Mose 29,28. Das, was offenbart ist, hat Gott uns gegeben. Sein Segen ist jedem zugesagt, der die prophetischen Schriften mit Ehrfurcht und unter Gebet studiert.

 

Wie die Botschaft vom ersten Kommen Christi das Reich seiner Gnade ankündigte, so kündigt die Botschaft von seinem zweiten Kommen das Reich seiner Herrlichkeit an. Diese zweite Botschaft gründet sich ebenso wie die erste auf das prophetische Wort. Was der Engel dem Daniel über die letzte Zeit ankündigte, soll erst in der Zeit des Endes verstanden werden. Von dieser „Endzeit“ heißt es: „Viele werden es dann durchforschen und so wird die Erkenntnis zunehmen.“ — „Aber die Gottlosen werden gottlos handeln; und kein Gottloser wird Verständnis dafür haben, während die Verständigen es verstehen werden.“ Daniel 12,410 (Menge). Der Heiland selber hat Zeichen seines Kommens genannt, und er spricht: „Wenn ihr dies alles sehet angehen, so wisset, daß das Reich Gottes nahe ist ... Hütet euch aber, daß eure Herzen nicht beschwert werden mit Fressen und Saufen und mit Sorgen der Nahrung und dieser Tag nicht schnell über euch komme wie ein Fallstrick ... So seid nun wach allezeit und betet, daß ihr stark werden möget, zu entfliehen diesem allem, was geschehen soll, und zu stehen vor des Menschen Sohn.“ Lukas 21,313436.

 

Wir leben in der von der Schrift vorhergesagten Zeit. Die Zeit des Endes ist angebrochen. Die Weissagungen der Propheten sind enthüllt, und ihre ernsten Warnungen weisen uns darauf hin, daß das Kommen unseres Herrn in Herrlichkeit nahe bevorsteht. Die Juden hatten das Wort Gottes falsch gedeutet und falsch angewandt und kannten darum die Zeit ihrer Heimsuchung nicht. Die Jahre, in denen Christus und seine Apostel ihnen dienten — die letzten köstlichen Gnadenjahre für das auserwählte Volk —, verbrachten sie damit, Pläne zu entwickeln, wie sie die Boten des Herrn vernichten könnten. Weltlicher Ehrgeiz nahm sie völlig in Anspruch. Vergeblich wurde ihnen das Reich des Geistes angeboten. So geht auch heute das Denken der Menschen völlig in weltlichen Dingen auf. Sie haben keinen Blick für die Erfüllung der Weissagungen und für die Zeichen des bald kommenden Reiches Gottes. „Ihr aber, liebe Brüder, seid nicht in der Finsternis, daß der Tag wie ein Dieb über euch komme. Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis.“ Wir brauchen zwar nicht zu wissen, welche Stunde unser Herr wiederkommt, wohl aber, wann sein Tag nahe ist. „So lasset uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasset uns wachen und nüchtern sein.“ 1.Thessalonicher 5,4-6.

Kapitel 24: „Ist er nicht des Zimmermanns Sohn?“

 

Auf der Grundlage von Lukas 4,16-30.

 

Auf den hellen Tagen des Dienstes Christi in Galiläa lag ein Schatten. Die Bewohner Nazareths wiesen Jesus ab. „Ist er nicht des Zimmermanns Sohn?“ meinten sie. „Heißt nicht seine Mutter Maria und seine Brüder Jakobus und Joseph und Simon und Judas?“ Matthäus 13,55. In seiner Kindheit und Jugendzeit hatte Jesus gemeinsam mit seinen Brüdern an den Gottesdiensten in der Synagoge zu Nazareth teilgenommen. Seit er jedoch seinen Dienst aufgenommen hatte, war er nicht bei ihnen gewesen. Trotzdem war es ihnen nicht verborgen geblieben, was mit ihm geschehen war. Als er nun wieder unter ihnen erschien, steigerten sich ihr Interesse und ihre Erwartung außerordentlich. Hier waren die vertrauten Gestalten und Gesichter derer, die ihn von klein auf kannten. Hier lebten seine Mutter, seine Brüder und seine Schwestern, und aller Augen richteten sich auf ihn, als er am Sabbat die Synagoge betrat und unter den Andächtigen Platz nahm.

 

Bei den gewohnten Gottesdiensten verlas der Älteste einen Abschnitt aus den Propheten und ermahnte das Volk, weiter auf den zu hoffen, der da kommen, ein herrliches Reich gründen und aller Unterdrückung ein Ende bereiten sollte. Er suchte seine Hörer dadurch zu ermutigen, daß er die Beweise für das baldige Erscheinen des Messias wiederholte. Er schilderte die Herrlichkeit seiner Ankunft und hob besonders den Gedanken hervor, daß der Gesalbte als Heerführer kommen und Israel befreien werde. Nahm ein Rabbiner am Gottesdienst in der Synagoge teil, dann erwartete man, daß er die Andacht hielt. Den Prophetenabschnitt hingegen durfte jeder Israelit vorlesen. An diesem Sabbat nun wurde Jesus gebeten, den Gottesdienst zu übernehmen. Er „stand auf und wollte lesen. Da ward ihm das Buch des Propheten Jesaja gereicht“. Lukas 4,1617. Der von ihm gelesene Schriftabschnitt gehörte zu denen, die sich nach allgemeinem Verständnis auf den Messias bezogen:

 

„Der Geist des Herrn ist bei mir, darum weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, daß sie los sein sollen, und den Blinden, daß sie sehend werden, und den Zerschlagenen, daß sie frei und ledig sein sollen, zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.“ Lukas 4,1819; Jesaja 61,12. „Und als er das Buch zutat, gab er‘s dem Diener ... Und aller Augen in der Synagoge sahen auf ihn ... Und sie gaben alle Zeugnis von ihm und wunderten sich, daß solche Worte der Gnade aus seinem Munde gingen.“ Lukas 4,2022. Jesus stand als lebendige Erfüllung der Weissagungen, die sich auf ihn bezogen, vor dem Volk. Als er die Texte, die er gelesen hatte, erläuterte, sprach er vom Messias als einem, der den Unterdrückten hilft, die Gefangenen befreit, die Kranken heilt, den Blinden das Augenlicht wiedergibt und vor der Welt das Licht der Wahrheit offenbart. Seine eindrucksvolle Art und der herrliche Inhalt seiner Worte ergriffen die Hörer mit einer nie zuvor empfundenen Kraft. Der Strom des göttlichen Einwirkens überwand jedes Hindernis. Gleich Mose sahen sie den Unsichtbaren. Als ihre Herzen durch den Geist Gottes bewegt wurden, antworteten sie mit inbrünstigem Amen und priesen den Herrn.

 

Doch als Jesus erklärte: „Heute ist dies Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren“ (Lukas 4,21), fühlten sie sich unvermittelt aufgerufen, über sich selber nachzudenken, und über den Anspruch dessen, der zu ihnen gesprochen hatte. Er hatte sie, die Israeliten, Nachkommen Abrahams, dargestellt, als lebten sie in Knechtschaft. Er hatte zu ihnen gesprochen wie zu Gefangenen, die von der Macht des Bösen erlöst werden müßten; wie zu Leuten, die in der Finsternis lebten und das Licht der Wahrheit benötigten. Sie waren in ihrem Stolz gekränkt, und Befürchtungen wurden in ihnen wach. Jesu Worte deuteten an, daß sein Werk für sie ganz und gar nicht ihren Wünschen entsprechen würde. Ihre Taten könnten zu genau untersucht werden. Obwohl sie den frommen Schein sorgfältig wahrten, schauderte sie doch vor dem prüfenden Blick seiner klaren, forschenden Augen.

 

Wer ist dieser Jesus? fragten sie. Er, der die Herrlichkeit des Messias für sich in Anspruch nahm, war der Sohn eines Zimmermanns und hatte gemeinsam mit seinem Vater Joseph sein Handwerk ausgeübt. Die Leute von Nazareth hatten gesehen, wie er sich bergauf und bergab plagte, sie kannten seine Brüder und Schwestern und wußten über sein Leben und seine Tagesarbeit Bescheid. Sie hatten beobachtet, wie aus dem Kind ein Jugendlicher und aus dem Jugendlichen ein Mann wurde. Obgleich sein Leben makellos geblieben war, glaubten sie dennoch nicht, daß er der Verheißene war.

 

Welch ein Gegensatz tat sich auf zwischen seiner Lehre vom neuen Reich und jener, die sie von ihren Ältesten gehört hatten! Jesus hatte nichts über eine Befreiung von den Römern gesagt. Von seinen Wundern hatten sie gehört, und sie hatten gehofft, er würde seine Macht zu ihrem Vorteil gebrauchen; doch sie hatten keinerlei Anzeichen einer solchen Absicht gesehen. Als sie dem Zweifel die Tür öffneten, verhärteten sich ihre Herzen so sehr, daß sie sich nicht einmal für einen Augenblick erweichen ließen. Satan war entschlossen, zu verhindern, daß an jenem Tage blinde Augen geöffnet oder in Sklaverei gehaltene Seelen befreit würden. Mit aller Kraft bemühte er sich, sie in ihrem Unglauben zu bestärken. Zwar waren sie von der Überzeugung aufgerüttelt worden, daß ihr Erlöser zu ihnen sprach; doch sie legten diesem ihnen gegebenen Zeichen kein Gewicht bei. Lukas 4,22.

 

Nun enthüllte Jesus ihnen ihre geheimen Gedanken als Beweis seiner Göttlichkeit. „Und er sprach zu ihnen: Ihr werdet freilich zu mir sagen dies Sprichwort: Arzt, hilf dir selber! Denn wie große Dinge haben wir gehört, zu Kapernaum geschehen! Tu so auch hier in deiner Vaterstadt. Er sprach aber: Wahrlich, ich sage euch: Kein Prophet gilt etwas in seinem Vaterlande. Aber in Wahrheit sage ich euch: Es waren viele Witwen in Israel zu des Elia Zeiten, da der Himmel verschlossen war drei Jahre und sechs Monate und eine große Teuerung war im ganzen Lande, und zu deren keiner ward Elia gesandt als allein nach Sarepta im Lande der Sidonier zu einer Witwe. Und viele Aussätzige waren in Israel zu des Propheten Elisa Zeiten, und deren keiner ward gereinigt als allein Naëman aus Syrien.“ Lukas 4,23-27.

 

Indem sich Jesus auf Ereignisse aus dem Leben der Propheten bezog, kam er den Fragen seiner Hörer entgegen. Den von Gott zu einem besonderen Dienst berufenen Männern wurde nicht gestattet, etwas für ein hartherziges und ungläubiges Volk zu tun. Wer aber ein empfängliches Herz und die Bereitschaft zum Glauben besaß, erhielt bevorzugt durch die Propheten Beweise seiner göttlichen Macht. In den Tagen Elias hatten die Israeliten Gott den Rücken gekehrt. Sie hielten an ihren Sünden fest und verwarfen die durch die Boten des Herrn gegebenen Mahnungen des Geistes. So verließen sie selber den Weg, auf dem Gottes Segen zu ihnen fließen konnte. Der Herr ging an den Häusern Israels vorbei und fand für seinen Diener eine Bleibe in einem heidnischen Land bei einer Frau, die nicht zu dem auserwählten Volk gehörte. Aber diese Frau fand Gnade, weil sie dem Licht, das sie empfing, gehorcht hatte und weil ihr Herz für das größere Licht, das Gott ihr durch seinen Propheten sandte, empfänglich war. Aus dem gleichen Grunde waren die Aussätzigen zu Elisas Zeit leer ausgegangen. Doch Naëman, ein heidnischer Edelmann, war in den Dingen, die er als recht erkannt hatte, treu gewesen, und er war sich auch bewußt, wie sehr er der Hilfe bedurfte. Bereit, die Gnadengaben Gottes zu empfangen, wurde er nicht allein vom Aussatz geheilt, sondern auch mit der Erkenntnis des wahren Gottes gesegnet.

 

Unser Verhältnis zu Gott hängt nicht davon ab, wieviel Licht wir erhalten haben, sondern davon, was wir aus dem machen, was wir empfangen haben. Deshalb stehen Heiden, die nach bestem Vermögen und Verständnis das Rechte zu tun bemüht sind, Gott näher als Menschen, die großes Licht empfangen haben und angeblich Gott dienen, dieses Licht aber nicht beachten und durch ihr tägliches Leben ihrem Bekenntnis widersprechen. Mit seinen Worten in der Synagoge traf Jesus seine Hörer an der Wurzel ihrer Selbstgerechtigkeit, indem er ihnen nachdrücklich die bittere Wahrheit vor Augen führte, daß sie sich von Gott abgewandt und den Anspruch, sein Volk zu sein, verspielt hatten. Jedes Wort schnitt tief in ihr Herz, als ihnen ihre wirkliche Lage deutlich gemacht wurde. Jetzt verhöhnten sie den Glauben, den Jesus erst in ihnen entfacht hatte. Sie wollten nicht zugeben, daß jener, der aus Armut und Niedrigkeit hervorgegangen war, mehr darstellte als einen gewöhnlichen Menschen.

 

Ihr Unglaube erzeugte Groll. Satan hatte sie in seiner Gewalt, und voller Wut erhoben sie ihre Stimme gegen den Heiland. Sie hatten sich von dem abgewandt, dessen Dienst darin bestand, zu heilen und wiederherzustellen. Nunmehr zeigten sie die Eigenschaften des Verderbers. Als Jesus die den Heiden gewährten Segnungen nannte, stachelte dies den leidenschaftlichen Nationalstolz seiner Hörer so sehr an, daß seine Worte im Tumult untergingen. Diese Leute bildeten sich viel darauf ein, daß sie das Gesetz hielten; doch nun, da ihre Vorurteile angetastet wurden, waren sie fähig, einen Mord zu begehen. Die Versammlung brach jäh ab. Jesus wurde gepackt und aus der Synagoge sowie aus der Stadt gejagt. Alle schienen darauf zu brennen, ihn umzubringen. Sie trieben ihn an den Rand eines Abgrunds, um ihn kopfüber hinabzustoßen. Geschrei und Verwünschungen erfüllten die Luft. Manche warfen gerade mit Steinen nach ihm, als er plötzlich aus ihrer Mitte entschwand. Die himmlischen Boten, die in der Synagoge an seiner Seite gestanden hatten, waren auch hier inmitten der rasenden Menge bei ihm. Sie schirmten ihn vor seinen Feinden ab und brachten ihn an einen sicheren Ort.

 

In gleicher Weise schützten Engel auch Lot und führten ihn sicher aus Sodom hinaus. Desgleichen behüteten sie Elisa in jenem kleinen Gebirgsort. Zwar wimmelten die umliegenden Berge von Pferden und Wagen des Königs von Syrien und von der großen Schar seiner bewaffneten Männer; Elisa aber sah die näher gelegenen Hänge bedeckt von den Heerscharen Gottes — Rosse und Feuerwagen rings um den Diener des Herrn. Zu allen Zeiten waren Engel den treuen Nachfolgern Christi nahe. Die unermeßliche Verschwörung des Bösen ist gegen alle Überwinder aufgeboten. Doch Christus möchte, daß wir auf das Unsichtbare schauen, auf die Heere des Himmels, die sich zu deren Rettung um alle lagern, die Gott lieben. Vor welchen erkannten und unerkannten Gefahren wir durch das Eingreifen der Engel bewahrt worden sind, werden wir nie erfahren. Erst im Licht der Ewigkeit werden wir die Vorsehung Gottes erkennen. Dann wird uns bewußt werden, daß die ganze Familie des Himmels Anteil an der irdischen Familie nahm und daß Boten vom Throne Gottes ausgesandt wurden, die Tag für Tag unsere Schritte begleiteten.

 

Als Jesus in der Synagoge einen Abschnitt aus den Schriftrollen des Propheten Jesaja vorlas, brach er vor dem letzten Teil der Beschreibung des messianischen Werkes plötzlich ab. Nach den Worten „zu verkündigen ein gnädiges Jahr des Herrn“ ließ er die Wendung „und einen Tag der Vergeltung unsres Gottes“ fort. Jesaja 61,2. Diese Aussage ist ebensosehr wahr wie der erste Teil der Weissagung, und durch sein Schweigen hat Jesus diese Wahrheit keineswegs geleugnet. Doch gerade bei dieser letzten Aussage verweilten seine Hörer so gern, und sie sehnten deren Erfüllung herbei. Sie verkündigten die Gerichte Gottes über die Heiden, ohne zu bedenken, daß ihre eigene Schuld weit größer war als die der anderen. Sie selber brauchten die Gnade, die sie den Heiden versagten, am nötigsten. Jener Tag in der Synagoge, an dem Jesus unter ihnen stand, war ihre Gelegenheit, den Ruf des Himmels anzunehmen. Er, der „Freude daran hat, gnädig zu sein“, wollte sie gern vor dem Verderben bewahren (Micha 7,18, Zürcher), das ihre Sünden nach sich zogen.

 

Ohne einen nochmaligen Ruf zur Buße konnte er sie jedoch nicht aufgeben. Gegen Ende seines Dienstes in Galiläa besuchte er erneut den Ort seiner Kindheit. Seit man ihn damals abgewiesen hatte, sprach man von seiner Predigt und seinen Wundern im ganzen Lande. Jetzt konnte niemand bestreiten, daß er mehr als menschliche Kraft besaß. Die Leute in Nazareth wußten, daß er umherzog, Gutes zu tun und alle zu heilen, die von Satan geknechtet waren. Ringsumher gab es ganze Ortschaften, in denen in keinem Hause auch nur ein Klagelaut wegen Krankheit zu hören war; denn Christus war hindurchgezogen und hatte alle ihre Krankheiten geheilt. Die in jeder Tat seines Lebens offenbargewordene Gnade bezeugte, daß er der Gesalbte Gottes war.

 

Wieder lauschten die Nazarener seinen Worten und wurden vom Geist Gottes bewegt. Doch selbst jetzt wollten sie nicht zugeben, daß dieser Mann, der unter ihnen aufgewachsen war, anders oder größer war als sie selber. Immer noch nagte die bittere Erinnerung an ihnen, daß er beansprucht hatte, der Verheißene Gottes zu sein, gleichzeitig aber ihre Zugehörigkeit zu Israel in Abrede stellte; denn er hatte ihnen ja deutlich gemacht, daß sie der Gnade Gottes weniger würdig seien als heidnische Männer und Frauen. Deshalb lehnten sie ihn trotz der Frage „Woher kommt diesem solche Weisheit und Taten?“ als den Gesalbten Gottes ab. Matthäus 13,54. Um ihres Unglaubens willen konnte der Heiland unter ihnen nicht viele Wunder wirken. Nur einige wenige Herzen öffneten sich seinen Segnungen. Ungern zog er fort, um niemals zurückzukehren.

 

Der einmal eingewurzelte Unglaube behielt die Herrschaft über die Menschen in Nazareth. Ebenso beherrschte er den Hohen Rat und das jüdische Volk. Als die Priester und das Volk zum ersten Male die Offenbarung der Macht des Heiligen Geistes zurückwiesen, war dies der Anfang des Endes. Um zu beweisen, daß ihr erstes Widerstreben berechtigt war, kritisierten sie fortan immerzu die Worte Christi. Ihre Zurückweisung des Heiligen Geistes erreichte ihren Höhepunkt am Kreuz auf Golgatha, in der Zerstörung Jerusalems und in der Zerstreuung des Volkes in alle Himmelsrichtungen.

 

Wie sehr hat Christus sich doch gesehnt, vor den Israeliten die köstlichen Schätze der Wahrheit zu entfalten! Aber sie waren geistlich so verblendet, daß ihnen unmöglich die Wahrheiten seines Reiches enthüllt werden konnten. Sie klammerten sich an ihr Glaubensbekenntnis und an ihre nutzlosen kultischen Formen, als der Himmel ihnen seine Wahrheit zur Annahme anbot. Ihr Geld gaben sie für Spreu und dürre Schalen aus; dabei lag das Brot des Lebens zum Greifen nahe vor ihnen. Warum nahmen sie nicht das Wort Gottes zur Hand und forschten mit Fleiß, um zu erkennen, ob sie sich im Irrtum befanden? Die alttestamentlichen Schriften enthielten über jede Einzelheit des Dienstes Christi klare Aussagen, und immer wieder zitierte er Prophetenworte mit dem Hinweis: „Heute ist dies Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren.“ Lukas 4,21; Lukas 21,22; Johannes 15,25; Johannes 18,9; u.a. Würden sie aufrichtig die Heilige Schrift durchforscht und ihre eigenen Lehrsätze am Worte Gottes geprüft haben, dann hätte Jesus weder über ihre Unbußfertigkeit zu weinen, noch hätte er zu erklären brauchen: „Sehet, euer Haus soll euch wüste gelassen werden.“ Lukas 13,35. Die Beweise, daß er der Gesalbte war, hätten sie kennen, und das Elend, das ihre stolzen Städte in Trümmer legte, hätte abgewendet werden können. Aber vernunftwidriger Fanatismus engte das Denken der Juden ein. Christi Unterweisungen enthüllten ihre Charaktermängel und forderten Umkehr. Wären sie seinen Lehren gefolgt, dann hätten sie ihr tägliches Verhalten ändern und die von ihnen gehegten Hoffnungen aufgeben müssen. Wollten sie im Himmel geehrt werden, dann mußten sie auf die Ehre von Menschen verzichten. Der Gehorsam gegenüber den Worten dieses neuen Rabbi hätte sie in Gegensatz zu den Auffassungen der großen Denker und Lehrer jener Zeit setzen müssen.

 

In Christi Tagen war die Wahrheit unbeliebt. Sie ist es auch heute. Sie war es immer, seit Satan zum ersten Mal dem Menschen Abneigung gegen sie einflößte, indem er ihnen Lügen darbot, die zur Selbsterhöhung führten. Stoßen wir nicht auch heute auf Theorien und Lehren, die nicht im Worte Gottes gegründet sind? Die Menschen hängen ihnen ebenso beharrlich an wie die Juden damals ihren Überlieferungen.

 

Die jüdischen Führer waren voll geistlichem Hochmut. Ihr Streben nach eigener Ehre zeigte sich sogar bei ihrem Dienst im Tempel. In der Synagoge beanspruchten sie die besten Plätze. Auf den Märkten wollten sie gegrüßt werden, und es tat ihnen wohl, ihren Titel aus dem Munde anderer zu hören. Weil echte Frömmigkeit schwand, galt ihr Eifer mehr und mehr ihren Überlieferungen und religiösen Formen.

 

Ihr Verständnis war durch eigensüchtige Vorurteile getrübt; deshalb vermochten sie die Kraft der überzeugenden Worte Christi nicht mit seinem demütigen Leben in Einklang zu bringen. Sie begriffen nicht die Tatsache, daß echte Größe auf äußere Zurschaustellung verzichten kann. Die Armut dieses Mannes hielten sie für völlig unvereinbar mit seinem Anspruch, der Messias zu sein. Sie fragten sich, was seine Anspruchslosigkeit bedeute, wenn er tatsächlich derjenige war, der er zu sein vorgab. Was würde aus ihrem Volk werden, wenn er wirklich auf jede bewaffnete Streitmacht verzichtete? Wie könnten die Macht und der Glanz, welche so lange erwartet worden waren, die Völker veranlassen, sich der Stadt der Juden zu beugen? Hatten nicht die Priester gelehrt, daß Israel die Herrschaft über die ganze Erde ausüben sollte? Sollten sich die großen Religionslehrer etwa geirrt haben?

 

Aber nicht nur der Mangel an äußerem Glanz in seinem Leben veranlaßte die Juden, Jesus zu verwerfen. Er war die Verkörperung der Reinheit, sie aber waren unrein. Er lebte als Beispiel makelloser Unbescholtenheit unter den Menschen. Sein fleckenloses Leben ließ einen Lichtschein auf ihre Herzen fallen. Seine Aufrichtigkeit enthüllte ihre Unaufrichtigkeit. Sie offenbarte die Hohlheit ihrer anmaßenden Frömmigkeit und deckte vor ihnen das verabscheuungswürdige Wesen des Unrechts auf. Ein solches Licht war unerwünscht.

 

Hätte Christus die Aufmerksamkeit auf die Pharisäer gelenkt und ihre Gelehrsamkeit und Frömmigkeit gelobt, dann würden sie ihn mit Freuden begrüßt haben. Als er aber vom Himmelreich als einem Reich der Gnade für alle Menschen sprach, rückte er einen religiösen Gesichtspunkt ins Blickfeld, den sie nicht hinnehmen wollten. Ihr Beispiel und ihre Lehre hatten nie vermocht, den Dienst für Gott begehrenswert erscheinen zu lassen. Als sie sahen, wie Jesus sich gerade um die bemühte, welche sie haßten und von sich stießen, wühlte das die übelsten Leidenschaften ihrer hochmütigen Herzen auf. Ungeachtet ihrer stolzen Erwartung, daß Israel als „der Löwe, der da ist vom Geschlecht Juda“ (Offenbarung 5,5), zur Vorherrschaft über alle Völker erhöht werden solle, vermochten sie das Fehlschlagen ihrer ehrgeizigen Hoffnungen leichter zu ertragen als die Verdammung ihrer Sünden aus dem Munde Christi und den Vorwurf, den sie allein schon durch das Vorhandensein seiner Reinheit auf sich ruhen fühlten.

 

Kapitel 25: Die Berufung am See


Auf der Grundlage von Matthäus 4,18-22; Markus 1,16-20; Lukas 5,1-11.


Über dem Galiläischen Meer dämmerte der Morgen. Die Jünger Jesu hatten eine anstrengende, erfolglose Nachtarbeit hinter sich und waren müde. Sie befanden sich mit ihren Fischerbooten noch draußen auf dem See. Christus war gekommen, um eine ruhige Stunde am Wasser zu verbringen. Die Frühe des Tages ließ ihn auf diese Zeit der Stille hoffen; denn sonst folgte ihm stets eine große Menschenmenge. Doch bald sammelten sich auch hier am See immer mehr Menschen um ihn, und die Zahl wuchs so schnell, daß er von allen Seiten bedrängt wurde. Inzwischen waren auch seine Jünger an Land gekommen. Um dem Druck der Menge zu entgehen, trat Jesus zu Petrus ins Boot und bat ihn, ein wenig vom Ufer abzustoßen. So konnte er besser von allen gesehen und gehört werden, und vom Boot aus lehrte er die am Strand versammelte Menge.


Welch ein Bild bot sich hier den Engeln! Ihr glorreicher Befehlshaber sitzt in einem Fischerboot, das von den ruhelosen Wellen hin und herbewegt wird, und verkündigt der Zuhörermenge, die auf das Seeufer zu drängt, die frohe Botschaft des Heils. Er, der vom Himmel Geehrte, verkündigte dem Volk im Freien die großen Tatsachen seines Reiches. Er hätte jedoch keinen passenderen Rahmen für sein Wirken haben können. Der See, die Berge, die sich ausbreitenden Felder, das Sonnenlicht, das die Erde überflutete — sie alle lieferten Beispiele, um seine Lehren zu veranschaulichen und dem Geist einzuprägen. Und keine Lehre Christi fiel auf unfruchtbaren Boden. Jede Botschaft von seinen Lippen erreichte diesen oder jenen Menschen als Wort des ewigen Lebens.


Des Volkes am Ufer wurde immer mehr; es kamen Greise, die sich mühsam am Stock vorwärts bewegten, kräftige Landleute aus den Bergen, Fischer, die ihre Arbeit auf dem See verlassen hatten, Kaufleute und Rabbiner, Reiche und Gelehrte, Alte und Junge; sie brachten ihre Kranken und Leidenden mit und drängten sich nach vorn, um die Worte des göttlichen Lehrers zu hören. Solche Erlebnisse hatten die Propheten erwartet, und sie schrieben: „Das Land Sebulon und das Land Naphthali, die Straße am See, das Land jenseits des Jordan, das heidnische Galiläa, das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen; und die da saßen am Ort und Schatten des Todes, denen ist ein Licht aufgegangen.“ Matthäus 4,1516.


In seiner Predigt dachte Jesus nicht nur an die Menschenmenge am Ufer des Sees Genezareth, sondern auch an eine andere Zuhörerschaft. Indem er die vor ihm liegenden Zeitalter überblickte, sah er seine treuen Diener im Gefängnis und vor Gericht, in Versuchung, Einsamkeit und Trauer. Jedes Bild der Freude, der Auseinandersetzung und der Ratlosigkeit sah er vor sich. Die gleichen Worte, die er zu den um ihn herum Versammelten sprach, waren auch an diese anderen Menschen gerichtet, so daß sie in Zeiten der Prüfung Hoffnung, im Leid Trost und in der Finsternis himmlisches Licht empfingen. Durch den Heiligen Geist sollte jene Stimme, die vom Fischerboot auf dem See Genezareth aus sprach, vernehmbar sein, indem sie bis zum Ende der Zeit menschlichen Herzen Frieden zuspricht.


Nach seiner Rede ersuchte Jesus den Petrus, auf den See hinaus zu fahren und sein Netz zu einem Fang auszuwerfen. Aber Petrus war entmutigt; denn er hatte die ganze Nacht nichts gefangen. Während der stillen Stunden hatte er an das Schicksal Johannes des Täufers gedacht, der einsam in seinem Kerker schmachtete. Er hatte dann weiter an die Zukunft Jesu und seiner Nachfolger denken müssen und sich mit dem Mißerfolg des Werkes in Judäa und mit der Bosheit der Priester und der Rabbiner beschäftigt. Sogar sein eigener Beruf enttäuschte ihn jetzt, und während er bei den leeren Netzen wachte, schien ihm die Zukunft dunkel und entmutigend. „Meister“, sagte er, „wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich das Netz auswerfen.“ Lukas 5,5.


Die Nacht war die günstigste Zeit für den Fischfang mit Netzen in dem klaren Wasser des Sees; darum erschien es auch als aussichtslos, nach dem Mißerfolg der Jünger zur Nachtzeit nun am Tage das Netz auszuwerfen. Doch Jesus hatte es geboten, und sie gehorchten aus Liebe zu ihrem Meister. Simon und sein Bruder warfen gemeinsam das Netz aus, und als sie es wieder einholen wollten, war es so voller Fische, daß es zu zerreißen begann. Sie mußten Johannes und Jakobus zur Unterstützung herbeirufen. Als sie den Fang gesichert hatten, waren beide Boote randvoll beladen, so daß sie zu sinken drohten.


Petrus jedoch sorgte sich weder um die Boote noch um ihre Ladung; das außergewöhnliche Geschehen offenbarte ihm mehr als alle vorher erlebten Wunder die göttliche Macht Jesu. Er erkannte in ihm den Gebieter über die ganze Schöpfung. Die Gegenwart des göttlichen Meisters offenbarte ihm seine eigene Minderwertigkeit. Liebe zu seinem Herrn, Scham über seinen Unglauben, Dankbarkeit über die Herablassung Jesu und besonders das Bewußtsein seiner Unreinheit in der Gegenwart der ewigen Reinheit überwältigten ihn. Während seine Kameraden die gefangene Beute in Sicherheit brachten, fiel er dem Heiland zu Füßen und rief: „Herr, gehe von mir hinaus! Ich bin ein sündiger Mensch.“ Lukas 5,8.


Es war die gleiche Gegenwart göttlicher Heiligkeit, die den Propheten Daniel vor dem Engel Gottes wie tot zu Boden fallen ließ. Er sagte: „Jede Farbe wich aus meinem Antlitz, und ich hatte keine Kraft mehr.“ Daniel 10,8. Als Jesaja die Herrlichkeit des Herrn schaute, rief er aus: „Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den Herrn Zebaoth, gesehen mit meinen Augen.“ Jesaja 6,5. Dem Menschlichen mit seiner Schwachheit und Sünde stand die Vollkommenheit des Göttlichen gegenüber, und er fühlte sich äußerst unzulänglich und unwürdig. So ist es bei allen gewesen, die Gottes Größe und Erhabenheit schauen durften.


Petrus bekannte: „Gehe von mir hinaus! Ich bin ein sündiger Mensch.“ Dennoch umklammerte er Jesu Füße, damit er nicht von ihm getrennt würde. Der Heiland antwortete: „Fürchte dich nicht! denn von nun an wirst du Menschen fangen.“ Lukas 5,10. So wurde einst auch dem Propheten Jesaja erst dann die göttliche Botschaft anvertraut, nachdem er die Herrlichkeit Gottes und zugleich seine eigene Unwürdigkeit erkannt hatte. Erst als Petrus eingesehen hatte, wie wenig er sich auf sein eigenes Können und wie sehr er sich auf Gott verlassen konnte, wurde er berufen, für den Herrn zu wirken.


Keiner der Jünger hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt Jesus ganz als Mitarbeiter angeschlossen. Sie waren Zeugen vieler seiner Wunder gewesen und hatten zugehört, als er lehrte; doch ihren Beruf hatten sie noch nicht völlig aufgegeben. Die Einkerkerung Johannes des Täufers war für sie alle eine bittere Enttäuschung gewesen. Wenn das Endergebnis der Sendung des Täufers so aussehen sollte, dann konnten sie für ihren Meister nur wenig Hoffnung haben, wo doch alle religiösen Führer sich gegen ihn verbündeten. Unter diesen Umständen hatten sie es als Erleichterung empfunden, für kurze Zeit wieder ihrer Tätigkeit als Fischer nachgehen zu können. Aber nun verlangte Jesus von ihnen, ihr früheres Leben aufzugeben und seine Belange zu ihren eigenen zu machen. Petrus hatte den Ruf angenommen. Als Jesus ans Ufer kam, forderte er auch die drei anderen Jünger auf: „Folget mir nach; ich will euch zu Menschenfischern machen.“ Matthäus 4,19. Sofort verließen sie alles und folgten ihm.


Ehe der Herr Petrus, Jakobus und Johannes aufforderte, ihre Netze und Boote zu verlassen, hatte er ihnen die Versicherung gegeben, daß Gott für ihre Bedürfnisse sorgen würde. Petrus war dafür, daß er sein Boot zur Verkündigung des Evangeliums zur Verfügung gestellt hatte, reichlich entschädigt worden. Er, der „reich ist gegenüber allen, die ihn anrufen“ (Römer 10,12, Bruns), hat gesagt: „Gebet, so wird euch gegeben. Ein voll, gedrückt, gerüttelt und überfließend Maß wird man in euren Schoß geben.“ Lukas 6,38. So hatte Jesus auch den Dienst des Petrus belohnt. Und jedes in seinem Dienst gebrachte Opfer wird belohnt werden nach dem „überschwenglichen Reichtum seiner Gnade“. Epheser 2,7.


In jener traurigen Nacht auf dem See, in der die Jünger von Jesus getrennt waren, wurden sie durch Unglauben und Unwillen über die erfolglose Arbeit schwer bedrückt; aber Jesu Gegenwart belebte ihren Glauben und brachte ihnen Freude und Erfolg. So ist es auch mit uns! Getrennt von Christus, ist unser Wirken fruchtlos, und es ist dann leicht, mißtrauisch zu sein und zu klagen. Ist er aber in unserer Nähe und arbeiten wir unter seiner Leitung, dann freuen wir uns der Gewißheit seiner Macht. Satan will die Seele entmutigen, Christus aber stärkt sie mit Hoffnung und Glauben. Was der Heiland den Jüngern durch dieses Wunder mitteilen wollte, ist auch eine tiefe Lehre für uns: Er, dessen Machtwort selbst die Fische aus der Tiefe sammelte, kann auch die menschlichen Herzen beeinflussen und sie durch das Band seiner Liebe zu sich ziehen, so daß seine Diener „Menschenfischer“ werden.


Diese Fischer von Galiläa waren einfache und ungelehrte Männer; doch Christus, das Licht der Welt, befähigte sie zur Erfüllung des Dienstes, zu dem er sie berufen hatte. Er verachtete keineswegs gute Erziehung, die unter göttlicher Leitung und seinem Dienst geweiht sich nur als segensreich erweisen kann. Er ging aber an den Weisen seiner Zeit vorüber, weil sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt waren, um mit den Leidenden Erbarmen haben und Mitarbeiter Gottes sein zu können. Diese Weisen verschmähten es in ihrem blinden, heuchlerischen Eifer, sich von Jesus belehren zu lassen. Der Heiland sucht die Mitarbeit derer, die offene Kanäle zur Mitteilung seiner Gnade sein wollen. Das Wichtigste, was alle lernen müssen, die mit Gott zusammenarbeiten wollen, ist, nicht so sehr von sich selbst eingenommen zu sein. Erst dann kann ihnen der Charakter Christi nahegebracht werden. Eine solche Ausbildung ist nicht auf den wissenschaftlichen Schulen dieser Welt zu erlangen, sondern sie ist die Frucht jener Weisheit, die allein von dem göttlichen Lehrer vermittelt wird.


Jesus erwählte die einfachen Fischer, weil diese nicht in den Traditionen und in den irrigen Gewohnheiten ihrer Zeit unterwiesen worden waren. Sie waren unverbildete Menschen mit natürlichen Anlagen, demütig und gelehrig — sie waren Männer, die Christus zu seinem Dienst ausbilden konnte. Im Alltagsleben steht so mancher einfache Mann, der treu und geduldig seiner Tagesarbeit nachgeht und der unbewußt eine große Kraft besitzt, die ihn, könnte er sie einsetzen, an die Seite hochgeehrter Männer stellen würde. Es bedarf des Anstoßes einer geschickten Hand, um diese schlummernden Fähigkeiten zu wecken. Solche Männer berief Jesus zu seinen Mitarbeitern und gewährte ihnen den Vorzug, mit ihm in unmittelbarer Verbindung zu stehen. Kein irdischer Großer hatte je solchen Lehrer. Als die Jünger die Schule des Heilandes verließen, waren sie nicht mehr unwissend oder ungebildet. Sie waren an Gemüt und Charakter ihm ähnlich geworden, und die Menschen erkannten an ihrem Wesen den Einfluß Jesu.


Es ist nicht die höchste Aufgabe der Erziehung, bloße Kenntnisse mitzuteilen, sondern vielmehr jene belebende Tatkraft zu vermitteln, die durch eine Verbindung von Herz zu Herz und von Seele zu Seele empfangen wird. Nur Leben kann Leben erzeugen. Welch ein Vorrecht für die Jünger, die drei Jahre lang täglich mit dem göttlichen Leben in unmittelbarer Verbindung standen, von dem jeder lebenspendende Anstoß ausging, der die Welt gesegnet hat! Mehr als seine Gefährten gab sich Johannes, der geliebte Jünger, dem Einfluß jenes wunderbaren Lebens hin. Er sagte: „Das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, welches war bei dem Vater und ist uns erschienen.“ 1.Johannes 1,2. „Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.“ Johannes 1,16.


Die Apostel Christi waren frei von jedem Selbstruhm. Sie schrieben den Erfolg ihrer Arbeit allein Gott zu und bekundeten dies allen Menschen. Das Leben dieser Männer, ihr Charakter, den sie entwickelten, und die mächtige Aufgabe, die Gott durch sie vollbrachte, bezeugen, was Gott für alle jene tun will, die gelehrig und ihm gehorsam sind.


Wer Christus am meisten liebt, wird auch am meisten Gutes tun. Ohne Grenzen ist der Einfluß dessen, der, indem er das eigene Ich beiseite stellt, dem Wirken des Heiligen Geistes Raum gibt und ein gottgeweihtes Leben führt. Wer sich der notwendigen Zucht unterwirft, ohne zu klagen oder auf dem Wege zu verzagen, den wird Gott stündlich und täglich unterweisen; denn Gott sehnt sich danach, seine Gnade den Menschen kundzutun. Wenn seine Kinder die Hindernisse aus dem Weg räumen, wird er das Wasser des Heils in großen Strömen durch die menschlichen Kanäle fließen lassen. Wenn demütige Menschen ermutigt würden, so viel Gutes zu tun, wie ihnen möglich ist, wenn ihr Eifer nicht immer gehemmt würde, dann wären hundert Mitarbeiter für den Herrn da, wo jetzt nur einer ist.


Gott nimmt die Menschen, wie sie sind, und erzieht sie zu seinem Dienst, wenn sie sich ihm überlassen wollen. Der Geist Gottes belebt alle Fähigkeiten der Seele, die ihn aufgenommen hat, und wenn sie sich bedingungslos Gott ergibt, wird sie sich unter der Leitung des Heiligen Geistes harmonisch entwickeln, und sie wird gestärkt werden, die Forderungen Gottes zu verstehen und zu erfüllen. Dann wird auch der schwache, schwankende Charakter stark und beharrlich, und eine beständige Zuneigung läßt ein so inniges Verhältnis zwischen Jesus und seinem Jünger entstehen, daß dieser ihm in seinem Wesen ähnlich wird. Durch die Verbindung mit dem Herrn wird sein Gesichtskreis weiter, sein Unterscheidungsvermögen schärfer, sein Urteil ausgewogener. Wen wirklich danach verlangt, Christus zu dienen, der wird durch die lebenspendende Kraft der „Sonne der Gerechtigkeit“ so gestärkt, daß er viel Frucht bringen kann zur Ehre Gottes.


Menschen mit der hervorragendsten Ausbildung in den Künsten und Wissenschaften haben, was ein demütig-bescheidenes Leben betrifft, gerade mit solchen Christen wertvolle Erfahrungen gemacht, die die Welt ungebildet nennt. Doch diese unbedarften Jünger waren in der besten aller Schulen ausgebildet worden. Sie hatten zu den Füßen des Meisters gesessen, von dem es heißt, es habe „nie ein Mensch so geredet wie dieser“. Johannes 7,46.





Kapitel 26: In Kapernaum

 

Jesus weilte während der Pausen seines Hin- und Herwanderns fast immer in Kapernaum. Darum nannte man Kapernaum „seine Stadt“. Die Stadt lag am Galiläischen Meer [See Genezareth], nahe am Rande oder sogar auf der schönen Ebene von Genezareth.

 

Die tiefe Lage des Sees gibt dem ebenen Land, das seine Ufer säumt, das angenehme Klima des Südens. Hier gediehen in den Tagen Christi Palmen und Ölbäume, es gab hier Obstgärten und Weinberge, grüne Felder und leuchtend blühende Blumen in reicher Fülle, und alles wurde durch die Bäche bewässert, die von den Felsen herabstürzten. Die Küsten des Sees und die Hügel, die ihn in nur geringer Entfernung umgeben, waren mit Städten und Dörfern dicht besiedelt. Auf dem See lagen zahlreiche Fischerboote. Überall regte sich geschäftiges, aktives Leben.

 

Kapernaum selbst eignete sich gut als Mittelpunkt für das Werk des Heilands. Da es an der Hauptstraße von Damaskus nach Jerusalem und Ägypten und auch nach dem Mittelländischen Meer lag, bildete es einen Verkehrsknotenpunkt. Aus vielen Ländern kamen Menschen durch diese Stadt oder rasteten hier auf der Hin- oder Rückreise. Ein buntes Völkergemisch, alle Volksschichten, Hohe und Niedrige, Reiche und Arme, konnte Jesus hier antreffen, und seine Lehren würden in andere Länder und in viele Familien getragen werden. So gäbe es genügend Anregung zum Forschen in den Prophezeiungen, die Aufmerksamkeit würde auf den Heiland gelenkt und seine Botschaft in die Welt getragen werden.

 

Ungeachtet dessen, daß der Hohe Rat gegen Jesus vorging, wartete das Volk gespannt darauf, wie sich seine Mission entwickeln würde. Der ganze Himmel war vor Anteilnahme in Bewegung. Engel bereiteten den Weg für seinen Dienst, bewegten die Herzen der Menschen und zogen sie zum Heiland hin. In Kapernaum war der Sohn des königlichen Beamten, den Christus geheilt hatte, ein Zeuge seiner Macht. Und der Beamte und seine Familie legten freudig von ihrem Glauben Zeugnis ab. Als bekannt war, daß der große Lehrer selber unter ihnen weilte, wurde die ganze Stadt wach. Eine gewaltige Menschenmenge strömte zu ihm. Am Sabbat war die Synagoge überfüllt, so daß viele wieder weggehen mußten, da sie keinen Platz mehr fanden.

 

Alle, die den Heiland hörten, „verwunderten sich seiner Lehre; denn er predigte in Vollmacht“. Lukas 4,32. „Er lehrte mit Vollmacht und nicht wie ihre Schriftgelehrten.“ Matthäus 7,29. Die Lehre der Schriftgelehrten und Ältesten war kalt und formell und hörte sich wie eine routinemäßig auswendig gelernte Lektion an. Für sie besaß das Wort Gottes keine Lebenskraft. Statt dessen wurden ihre eigenen Ideen und Traditionen gelehrt. Sie taten ihren Dienst in gewohnter Weise und gaben vor, das Gesetz zu erklären, aber keine Eingebung von Gott bewegte ihre eigenen Herzen oder die Herzen ihrer Zuhörer. Jesus gab sich nicht mit den verschiedenen, unter den Juden strittigen Themen ab. Es war seine Aufgabe, die Wahrheit zu verkündigen. Seine Worte erhellten die Lehren der Patriarchen und Propheten, und die heiligen Schriften kamen den Menschen wie eine neue Offenbarung vor. Nie zuvor hatten seine Hörer im Worte Gottes einen solch tiefen Sinn wahrgenommen.

 

Jesus begegnete den Menschen, indem er sich in deren Lage versetzte, als einer, der mit ihren Nöten vertraut war. Er ließ die Schönheit der Wahrheit hervortreten, indem er sie auf die unmittelbarste und einfachste Weise darlegte. Seine Sprache war rein, gewählt und klar wie das Wasser eines sprudelnden Baches. Seine Stimme klang jenen, die den eintönigen Reden der Rabbiner zugehört hatten, wie Musik in den Ohren. So einfach seine Lehre war, sprach er doch mit Vollmacht. Dieses Merkmal hob seine Art zu lehren ganz entschieden von der aller anderen ab. Die Rabbiner ließen Zweifel und ein Sowohl-Alsauch anklingen, als könnten die Schriftstellen auch völlig gegensätzlich ausgelegt werden. Die Zuhörer wurden dadurch jeden Tag in immer größere Unsicherheit gestürzt. Für Jesus aber waren die Schriften, aus denen er lehrte, von unbestreitbarer Autorität. Was auch immer das Anliegen sein mochte — er sprach davon mit Vollmacht, als wenn seinen Worten nicht widersprochen werden könnte.

 

Er sprach mit großem Ernst, ohne heftig zu werden. Er sprach als einer, der eine bestimmte Absicht verfolgte. Er machte die Wirklichkeiten der ewigen Welt sichtbar. In jedem Thema wurde Gott offenbart. Jesus suchte den Bann zu brechen, der die Menschen so stark an irdische Dinge bindet. Er rückte die Angelegenheiten dieses Lebens in das richtige Verhältnis zu jenen Dingen, die die Ewigkeit betreffen, doch er übersah keineswegs ihre Bedeutung. Er lehrte, daß Himmel und Erde miteinander verbunden seien und daß eine Kenntnis der göttlichen Wahrheit die Menschen besser darauf vorbereitet, ihre Alltagspflichten zu erfüllen. Er sprach als einer, der mit dem Himmel vertraut und sich seiner engen Beziehung zu Gott bewußt war. Dennoch anerkannte er seine Verbundenheit mit jedem Glied der menschlichen Familie.

 

Seine Botschaften der Gnade unterschieden sich voneinander und waren auf seine Zuhörer zugeschnitten. Er wußte, wie „mit den Müden zu rechter Zeit zu reden“ war; denn seine Lippen waren „voller Huld“ (Jesaja 50,4; Psalm 45,3), damit er den Menschen die Schätze der Wahrheit auf die anziehendste Weise mitteilen konnte. Er hatte Taktgefühl, um den Menschen zu begegnen, die voreingenommen waren, und sie mit bildhaften Vergleichen zu überraschen, die ihre Aufmerksamkeit fesselten. Über die Vorstellungskraft erreichte er das Herz. Seine Beispiele zur Veranschaulichung fand er unter den Dingen des Alltags und obwohl sie einfach waren, lag in ihnen ein wunderbarer tiefer Sinn. Die Vögel in der Luft, die Lilien auf dem Feld, die Saat, der Hirte und die Schafe — mit diesen Beispielen machte Christus unsterbliche Wahrheiten anschaulich. Wann immer sich seine Zuhörer später diesen Dingen aus der Natur gegenübersahen, erinnerten sie sich seiner Worte. In den von Christus benutzten Anschauungsobjekten spiegelten sich ohne Unterlaß seine Lehren wider.

 

Nie schmeichelte Christus den Menschen. Niemals sprach er etwas, um ihre Neigungen zu unterstützen und ihre Phantasie zu erregen, noch pries er sie wegen ihrer geschickten Erfindungsgabe; aber Menschen, die ohne Vorurteile waren und über die Dinge eindringlich nachdachten, nahmen seine Lehre an und entdeckten, daß durch sie ihre Weisheit auf die Probe gestellt würde. Sie staunten über die geistliche Wahrheit, die in der einfachsten Sprache ausgedrückt war. Die Gebildetsten waren von seinen Worten fasziniert, und auch den Ungebildeten waren sie nützlich. Er hatte eine Botschaft für die Analphabeten, und er machte sogar den Heiden verständlich, daß seine Botschaft auch für sie galt.

 

Sein liebevolles Mitgefühl wirkte heilsam auf müde und beunruhigte Herzen. Sogar mitten im Tumult zorniger Feinde war er von einer Atmosphäre des Friedens umgeben. Die Schönheit seines Antlitzes, seine umgängliche Wesensart und vor allem die Liebe, die sich in Blick und Ton äußerte, zog alle zu ihm hin, die nicht durch Unglauben verhärtet waren. Wäre nicht jeder Blick und jedes Wort von dem Geist der Güte und des Wohlwollens beherrscht gewesen, dann hätte er nicht die großen Zuhörerscharen angezogen, die zu ihm kamen. Die Geplagten, die zu ihm kamen, fühlten, daß er als treuer und hingebungsvoller Freund ihre Interessen zu den seinen machte, und sie wünschten noch mehr von den Wahrheiten kennenzulernen, die er lehrte. Der Himmel war nähergerückt. Sie sehnten sich danach, in Jesu Gegenwart zu bleiben, damit der Trost seiner Liebe beständig bei ihnen sei.

 

Jesus beobachtete mit tiefem Ernst, wie sich der Gesichtsausdruck seiner Zuhörer veränderte. Die Gesichter, die Interesse und Freude ausdrückten, erfüllten ihn mit großer Befriedigung. Als die Pfeile der Wahrheit in die Seele drangen, die Schranken der Selbstsucht durchbrachen und Reue und schließlich Dankbarkeit bewirkten, wurde der Heiland froh. Wenn sein Auge über die Zuhörermenge schweifte und er darunter Gesichter erkannte, die er schon gesehen hatte, strahlte sein Angesicht vor Freude. Er sah in ihnen hoffnungsvolle Bürger für sein Königreich. Wenn die klar ausgesprochene Wahrheit einen beliebten Götzen betraf, sah er die Veränderung in dem Gesicht, den kalten, drohenden Blick, der besagte, daß das Licht nicht willkommen war. Wenn er sah, wie Menschen die Botschaft des Friedens nicht annehmen wollten, drang es ihm wie ein Stich tief ins Herz.

 

Jesus sprach in der Schule vom Reich Gottes, zu dessen Aufrichtung er gekommen war, und von seiner Aufgabe, die Gefangenen Satans zu befreien. Seine Rede wurde durch laute Rufe unterbrochen. Ein Wahnsinniger drängte sich durch die Menge und schrie: „Was willst du von uns, Jesus von Nazareth? Du bist gekommen, uns zu verderben. Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes.“ Markus 1,24. Alles geriet in Aufregung und Bestürzung. Die Aufmerksamkeit der Zuhörer wurde von der Rede Christi abgelenkt, und seine Worte blieben unbeachtet. Zu diesem Zweck hatte Satan sein Opfer hierhergeführt. Aber Jesus bedrohte den unsauberen Geist und sprach: „Verstumme und fahre aus von ihm! Und der böse Geist warf ihn mitten unter sie und fuhr von ihm aus und tat ihm keinen Schaden.“ Lukas 4,35.

 

Der Verstand dieses Unglücklichen war von Satan verfinstert worden, aber in des Heilandes Gegenwart hatte ein Lichtstrahl das Dunkel durchbrochen. In dem Kranken erwachte das Verlangen, von der Herrschaft Satans freizukommen; doch der Teufel widerstand der göttlichen Macht. Als der Unglückliche versuchte, Jesus um Hilfe zu bitten, legte der Böse ihm jene üblen Worte in den Mund, und er schrie vor Angst und Furcht. Er begriff ganz gut, daß er sich in der Gegenwart dessen befand, der ihn befreien konnte. Als er aber versuchte, in den Bereich der göttlichen Hand zu kommen, hielt der Wille eines anderen ihn zurück, und die Worte eines anderen wurden von ihm ausgesprochen. Ein schrecklicher Kampf tobte zwischen der Macht Satans und seinem Verlangen nach Freiheit. Jesus, der in der Wüste den Versucher besiegt hatte, wurde hier abermals seinem Feind gegenübergestellt. Der Teufel wandte alle Kräfte an, sein Opfer in der Gewalt zu behalten; denn jetzt zu verlieren, hieße Jesus einen Sieg zu überlassen. Es schien, als ob der Unglückliche im Kampf mit dem bösen Feind, der ihm seine kostbarsten Kräfte geraubt hatte, sein Leben verlieren würde. Aber der Heiland sprach gewaltig und befreite den Gefangenen Satans. Nun stand der vorher Besessene glücklich, wieder sich selbst gehörend, vor der verwunderten und staunenden Menge. Selbst der böse Geist hatte die göttliche Macht des Heilandes bezeugt.

 

Der Geheilte lobte Gott für seine Rettung. Das Auge, das eben noch im Feuer des Irrsinns geglüht hatte, strahlte jetzt klar und vernünftig und floß über von Dankestränen. Die Anwesenden waren stumm vor Staunen. Sobald sie ihre Sprache wiedergefunden hatten, rief einer dem andern zu: „Was ist das für ein Ding? Er gebietet mit Vollmacht und Kraft den unsaubern Geistern, und sie fahren aus.“ Lukas 4,36. Die wirkliche Ursache des Leidens, das diesen Mann zu einem schrecklichen Schauspiel für seine Freunde und zu einer Last für sich selbst gemacht hatte, lag in seinem eigenen Leben begründet. Er war von den Vergnügungen der Sünde verblendet worden und wollte sein Leben in Lustbarkeiten verbringen. Er hatte nicht geahnt, welch ein Schrecken er der Welt und welche Schande er seiner Familie sein würde. Er glaubte seine Zeit mit harmlos scheinenden Torheiten zubringen zu können. Doch einmal auf einer abschüssigen Bahn, sank er rasch immer tiefer. Unmäßigkeit und Leichtfertigkeit verdarben seine guten Eigenschaften, und Satan bemächtigte sich seiner vollständig.

 

Die Reue kam zu spät. Gern hätte er nun Wohlleben und Vergnügen darangegeben, um seine verlorenen Kräfte wiederzuerlangen; aber er schmachtete hilflos in den Fängen Satans. Er hatte sich in Feindesland begeben, und alle seine Fähigkeiten waren von Satan in Besitz genommen worden. Der Versucher hatte ihn mit vielen bezaubernden Vorstellungen gelockt, und als der schwache Mann sich in seiner Macht befand, behandelte er ihn grausam und unbarmherzig und verfolgte ihn mit schrecklichen Heimsuchungen. So ergeht es allen, die der Sünde nachgeben; das verlockende Vergnügen am Anfang ihrer Laufbahn endet in der Finsternis der Verzweiflung oder im Wahnsinn einer zerrütteten Seele.

 

Der gleiche böse Geist, der Jesus in der Wüste versuchte und der sich des Besessenen in Kapernaum bemächtigt hatte, beherrschte auch die ungläubigen Juden. Er ließ sie um sich eine Atmosphäre der Frömmigkeit verbreiten, indem er sie über ihre wahren Beweggründe, die sie veranlassten, den Heiland zu verwerfen, hinwegtäuschte. Ihr Zustand war weitaus heilloser als der des Besessenen, denn sie fühlten keinerlei Bedürfnis, Christus kennenzulernen, und blieben deshalb fest unter der Macht Satans. Die Zeit, in der Christus den Menschen persönlich diente, war auch eine Zeit eifrigster Tätigkeit der Mächte der Finsternis. Stets hatte Satan mit seinen bösen Engeln danach getrachtet, die Herrschaft über Leib und Seele der Menschen zu gewinnen und Sünde und Krankheit über sie zu bringen, um dann Gott für alles Leid verantwortlich zu machen. Jesus offenbarte den Menschen das Wesen Gottes; er brach die Macht Satans und befreite seine Gefangenen. Neues Leben, Liebe und himmlische Kraft bewegten die Herzen der Menschen, und der Fürst des Bösen wurde veranlaßt, für die Herrschaft seines Reiches zu kämpfen. Satan sammelte alle seine Kräfte, um Christi Werk ständig anzugreifen.

 

So wird es auch im letzten großen Kampf zwischen Gerechtigkeit und Sünde sein. Während die Jünger Jesu mit neuem Leben, mit Macht und Kraft aus der Höhe angetan werden, wird auch aus der Tiefe neues Leben erwachen und die Werkzeuge Satans stärken. Großer Eifer wird alle irdischen Kreaturen erfassen. Mit einer in jahrhundertelangem Kampf erworbenen List wird der Fürst dieser Welt in Gestalt eines Engels des Lichts wirken, und große Scharen werden „betrügerischen Geistern und dämonischen Lehren“ (1.Timotheus 4,1, Bruns) anhangen.

 

Zur Zeit Christi waren die Obersten und die Lehrer Israels nicht imstande, dem Werk Satans zu widerstehen. Sie versäumten es, von dem einzigen Mittel Gebrauch zu machen, durch das sie bösen Geistern hätten widerstehen können. Jesus überwand den Bösen durch das Wort Gottes. Die führenden Männer Israels gaben vor, die Ausleger des Wortes Gottes zu sein, aber sie hatten es nur erforscht, um ihre Überlieferungen zu stützen und ihre von Menschen ersonnenen Satzungen durchzusetzen. Durch ihre Deutung unterlegten sie dem Wort Gottes einen Sinn, den Gott niemals gemeint hatte. Ihre geheimnisvollen Erklärungen ließen das verworren erscheinen, was er verständlich gemacht hatte. Sie stritten sich über unbedeutende Einzelheiten und leugneten die wesentlichsten Wahrheiten. So wurde der Unglaube weit verbreitet. Gottes Wort wurde seiner Kraft beraubt, und böse Geister schalteten und walteten, wie sie wollten.

 

Die Geschichte wiederholt sich. Viele maßgebende religiöse Männer unserer Zeit, die die geöffnete Bibel vor sich haben und angeblich ihre Lehren verehren, untergraben den Glauben an die Heilige Schrift als das Wort Gottes. Sie sind damit beschäftigt, das Wort zu zergliedern, und setzen ihre eigenen Ansichten über dessen klarste Aussagen. In ihrer Hand verliert Gottes Wort seine erneuernde Kraft. Darum wuchert der Unglaube und nimmt die Ungerechtigkeit überhand. Wenn Satan den Glauben an die Heilige Schrift untergraben hat, leitet er die Menschen zu anderen Licht- und Kraftquellen. Dadurch dringt er bei vielen unbemerkt ein. Wer sich von der klaren Lehre der Heiligen Schrift und der überzeugenden Macht des Heiligen Geistes abwendet, öffnet dämonischen Einflüssen die Tür. Kritik und Spekulation an der Schrift haben dem Spiritismus und der Theosophie — diesen modernen Formen des alten Heidentums — den Weg bereitet, selbst in den erklärten Kirchen unsers Herrn Jesus Christus Boden zu gewinnen.

 

Neben der Evangeliumsverkündigung sind Kräfte am Wirken, die Werkzeuge der lügenhaften Geister sind. Manch einer läßt sich nur aus Neugierde mit ihnen ein; doch nimmt er dann das Wirken übernatürlicher Kräfte wahr, so läßt er sich mehr und mehr verlocken, bis er von einem Willen beherrscht wird, der stärker ist als sein eigener. Er kann sich der geheimnisvollen Macht nicht mehr entziehen. Die Widerstandskraft seiner Seele ist gebrochen, und er hat keine Schutzwehr gegen die Sünde. Niemand kennt die Tiefen der Erniedrigung, in die er sinken kann, wenn einmal die Schranken des Wortes Gottes und des Heiligen Geistes mißachtet sind. Geheime Sünden oder ihn beherrschende Leidenschaften können ihn zu einem ebenso hilflosen Gefangenen Satans machen, wie es der Besessene zu Kapernaum war. Dennoch ist seine Lage nicht hoffnungslos.

 

Das Mittel, durch das wir den Bösen überwinden können, ist dasselbe, durch das Christus überwand — die Macht des Wortes! Gott beherrscht unser Gemüt nicht ohne unsere Einwilligung; wenn wir aber wünschen, seinen Willen zu kennen und zu tun, gelten uns seine Verheißungen: Ihr „werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen“. Johannes 8,32. „Wenn jemand will des Willen tun, der wird innewerden, ob diese Lehre von Gott sei, oder ob ich von mir selbst rede.“ Johannes 7,17. Durch den Glauben an diese Verheißungen kann sich jeder aus den Schlingen des Irrtums und von der Herrschaft der Sünde befreien.

 

Jeder Mensch kann frei wählen, welche Macht ihn beherrschen soll. Keiner ist so tief gefallen, keiner ist so schlecht, daß er in Christus nicht Erlösung finden könnte. Der Besessene konnte statt eines Gebets nur die Worte Satans aussprechen; dennoch wurde das unausgesprochene Flehen des Herzens erhört. Kein Schrei einer notleidenden Seele wird unbeachtet bleiben, wenn auch die Worte fehlen. Wer ein Bündnis mit Gott eingehen will, bleibt nicht der Macht Satans oder der Schwäche der eigenen Natur überlassen, sondern es wird die Zusicherung Gottes gelten: „Sie suchen Zuflucht bei mir und machen Frieden mit mir, ja, Frieden mit mir.“ Jesaja 27,5. Die Geister der Finsternis werden um die Seelen streiten, die einmal unter ihre Herrschaft geraten sind. Aber die Engel im Himmel werden mit siegreicher Kraft für sie einstehen. Der Herr sagt: „Kann man auch einem Starken den Raub wegnehmen? Oder kann man einem Gewaltigen seine Gefangenen entreißen? So aber spricht der Herr: Nun sollen die Gefangenen dem Starken weggenommen werden, und der Raub soll dem Gewaltigen entrissen werden. Ich selbst will deinen Gegnern entgegentreten und deinen Söhnen helfen.“ Jesaja 49,2425.

 

Während die Menge in der Schule noch vor Schrecken wie gebannt war, zog sich Jesus in das Haus des Petrus zurück, um ein wenig zu ruhen. Aber auch auf dieses Haus war ein Schatten gefallen. Die Schwiegermutter des Petrus lag krank „in hohem Fieber“. Lukas 4,38. Jesus heilte sie, und die Frau stand auf und diente dem Meister und seinen Jüngern. Die Kunde von dem Wirken Jesu verbreitete sich schnell in ganz Kapernaum. Aus Furcht vor den Rabbinern wagte niemand am Sabbat zu kommen, um geheilt zu werden. Sobald aber die Sonne am Horizont verschwunden war, entstand eine allgemeine Bewegung. Aus Wohnhäusern, Werkstätten und von den Märkten strömten die Bewohner der Stadt der bescheidenen Wohnstätte zu, die Jesus beherbergte. Die Kranken wurden auf ihren Betten gebracht, andere schleppten sich an Krücken zu ihm oder wurden von ihren Freunden gestützt, etliche schwankten schwachen Schrittes in die Nähe des Heilandes.

 

Stundenlang gingen und kamen sie; denn niemand wußte, ob der Meister am nächsten Tage noch unter ihnen weilen würde. Nie zuvor hatte Kapernaum einen Tag wie diesen gesehen. Die Luft war erfüllt von dem Triumph und dem Jubel über die Heilungen, und der Heiland selbst nahm Anteil an der Freude, die er hervorgerufen hatte. Als er die Leiden derer sah, die zu ihm kamen, wurde sein Herz von Mitleid bewegt, und er half freudig, ihre Gesundheit und ihr Glück wiederherzustellen. Er beendete seine Aufgabe nicht eher, als bis dem letzten Leidenden geholfen war. Die Nacht war schon weit vorgeschritten, als die Menge sich wieder verlaufen hatte und Stille sich auch über Simons Haus ausbreitete. Der lange, aufregende Tag war vorbei — Jesus suchte nun endlich Ruhe. Doch als die Stadt noch im Schlummer lag, „vor Tage stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete daselbst“. Markus 1,35. So verbrachte Jesus seine Tage hier auf Erden. Manchmal entließ er seine Jünger, damit sie ihr Heim aufsuchen und sich ausruhen konnten. Er selbst aber widerstand freundlich ihren Bemühungen, ihn von seinem Wirken wegzuziehen. Den ganzen Tag hindurch arbeitete er; er belehrte die Unwissenden, heilte die Kranken, gab den Blinden ihr Augenlicht zurück, speiste die Menge, und am Abend oder am frühen Morgen ging er in die heilige Stille der Berge, um mit seinem himmlischen Vater Zwiesprache zu halten. Oft verbrachte er die ganze Nacht im Gebet und in ernstem Nachdenken und kehrte erst bei Tagesanbruch wieder an seine Aufgabe unter den Menschen zurück.

 

In den ersten Morgenstunden des nächsten Tages kamen Petrus und seine Gefährten zu Jesus und berichteten ihm, daß er von den Einwohnern Kapernaums gesucht würde. Die Jünger waren schon über den Empfang sehr enttäuscht gewesen, der ihrem Herrn bisher zuteil geworden war. Die Behörden in Jerusalem suchten ihn zu töten, selbst die Nazarener hatten sein Leben bedroht. Nun wurde er in Kapernaum mit freudiger Begeisterung willkommen geheißen. Das erfüllte die Jünger mit neuer Hoffnung. Vielleicht ließen sich unter den freiheitsliebenden Galiläern die Stützen des neuen Reiches finden. Mit Erstaunen hörten sie deshalb Jesu Worte: „Ich muß auch den andern Städten das Evangelium verkündigen vom Reich Gottes; denn dazu bin ich gesandt.“ Lukas 4,43.

 

In der in Kapernaum herrschenden Erregung lag die Gefahr, daß das Ziel seines Auftrags verlorenging. Es befriedigte Jesus nicht, die Aufmerksamkeit der Menschen als Wundertäter oder Wunderheiler auf sich zu lenken. Er wollte sie vielmehr als ihr Heiland zu sich ziehen. Während das Volk begierig war zu glauben, daß er als König gekommen sei, um ein irdisches Reich zu gründen, wünschte er ihre Gedanken von dem Irdischen auf das Geistliche zu lenken. Ein rein weltlicher Erfolg hätte seine Aufgabe beeinträchtigt. Die Bewunderung der sorglosen Menge berührte ihn recht unangenehm. Sein Leben war frei von jeder Anmaßung. Die Huldigungen, die die Welt den Hohen, Reichen und Begabten darbringt, waren dem Menschensohn fremd. Er bediente sich nicht der Mittel, die Menschen so gern anwenden, um Anhänger zu gewinnen und Huldigungen zu erringen. Jahrhunderte vor seiner Geburt war von ihm geweissagt worden: „Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Recht hinaus. Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte.“ Jesaja 42,2-4.

 

Die Pharisäer versuchten durch genaue Ausführung der vorgeschriebenen Gebräuche, durch die Pracht ihrer Gottesdienste und durch Wohltätigkeit sich auszuzeichnen. Sie bewiesen ihren Eifer für die Religion, indem sie sich in ihren Gesprächen mit ihr beschäftigten. Über Streitfragen wurde unter den verschiedenen Parteien ausgiebig verhandelt, und es war nicht ungewöhnlich, auf den Straßen die erregten, streitenden Stimmen der gelehrten Männer zu hören. Das Leben Jesu stand zu diesem Benehmen in auffallendem Gegensatz. Bei ihm fehlte jede laute und aufdringliche Verhandlungsart, jeder schausüchtige Gottesdienst, jede Tat, die Beifall heischte. Christus war in Gott geborgen, und Gott war in dem Charakter seines Sohnes geoffenbart. Auf diese Offenbarung wollte Jesus die Gemüter des Volkes und ihre Ehrfurcht lenken.

 

Die „Sonne der Gerechtigkeit“ brach nicht mit dem Glanz, der die Sinne blendet, über die Welt herein. Es steht von Christus geschrieben: „Er wird hervorbrechen wie die schöne Morgenröte.“ Hosea 6,3. Sanft und still ergießt sich das Tageslicht über die Erde, zerteilt die Schatten der Finsternis und erweckt die Welt zu neuem Leben. So ging auch die „Sonne der Gerechtigkeit“ auf mit „Heil unter ihren Flügeln“. Maleachi 3,20.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 27: „So du willst, kannst du mich wohl reinigen ...“

 

Auf der Grundlage von Matthäus 8,2-4; Matthäus 9,1-8; Matthäus 8,32-43; Markus 1,40-45; Markus 2,1-12; Lukas 5,12-28.

 

Von allen im Orient bekannten Krankheiten wurde der Aussatz am meisten gefürchtet. Sein ansteckender, unheilbarer Charakter und die schreckliche Wirkung auf seine Opfer entsetzten selbst den Tapfersten. Unter den Juden hielt man den Aussatz für ein göttliches Strafgericht als Folge der Sünde und bezeichnete ihn deshalb als Schicksalsschlag oder „Fingerzeig Gottes“. Da er chronisch, unheilbar und damit tödlich war, wurde er als ein Sinnbild der Sünde betrachtet. Das Zeremonialgesetz erklärte einen Aussätzigen für unrein. Wie ein bereits Toter war er von menschlichen Ansiedlungen ausgeschlossen. Was immer er berührte, wurde dadurch unrein; selbst die Luft wurde durch seinen Atem verdorben. Wer verdächtig war, unter dieser Krankheit zu leiden, mußte sich den Priestern vorstellen, die ihn zu untersuchen und seinen Fall zu entscheiden hatten. Erklärten sie ihn für aussätzig, wurde er von seiner Familie wie überhaupt von dem ganzen Volk getrennt und blieb fortan verurteilt, nur mit denen zusammen zu leben, die in gleicher Weise heimgesucht wurden. Die Forderungen des Gesetzes waren unerbittlich. Selbst für Könige und Oberste gab es keine Ausnahme. So mußte etwa ein Herrscher, der von der schrecklichen Krankheit erfaßt wurde, seine Regentschaft aufgeben und sich von der Gesellschaft fernhalten.

 

Von Freunden und Verwandten getrennt, mußte der Aussätzige den Fluch seiner Krankheit tragen. Er war verpflichtet, sein Unglück offen bekanntzugeben, seine Gewänder zu zerreißen und laute Warnrufe auszustoßen, damit jeder seine ansteckende Nähe meiden konnte. Wenn einer jener einsamen Ausgestoßenen klagend den Ruf „Unrein! Unrein!“ vernehmen ließ, galt dies als ein Signal, das man mit Furcht und Abscheu zur Kenntnis nahm.

 

In der Gegend, in welcher Jesus lebte und wirkte, gab es viele solcher Leidenden. Als die Kunde von Jesu Wirken diese Aussätzigen erreichte, erwachte in ihnen ein Hoffnungsschimmer. Seit den Tagen des Propheten Elisa war es nicht vorgekommen, daß ein Aussätziger geheilt worden war. Sie wagten darum nicht, ihrer Hoffnung nachzugehen und von Jesus etwas zu erwarten, was noch niemand je zuvor von ihm erfahren hatte. In dem Herzen eines dieser Aussätzigen war jedoch der Glaube erwacht; nur wußte er nicht, wie er Jesus erreichen konnte. Wie sollte es für ihn, der von der Verbindung mit seinen Mitmenschen ausgeschlossen war, möglich sein, zum Heiland zu kommen? Und wenn er es versuchte, würde Jesus ihn heilen? Würde er sich herablassen, einen Menschen zu beachten, der unter dem Gericht Gottes stand? Würde er nicht gleich den Pharisäern und Ärzten einen Fluch über ihn aussprechen und ihm befehlen, die Nähe der Menschen zu fliehen? Er dachte an alles, was er von Jesus gehört hatte. Nicht einer, der seine Hilfe erbeten hatte, war abgewiesen worden. Da entschloß sich der Unglückliche, Jesus zu suchen. War ihm auch der Zutritt zur Stadt verwehrt, so war es vielleicht doch möglich, daß er dem Herrn auf einer abgelegenen Gebirgsstraße begegnete, oder er fände ihn, wenn er außerhalb der Stadt lehrte. Diese Hoffnung ließ ihn über alle Schwierigkeiten hinwegsehen.

 

Der Aussätzige wird in die Nähe des Herrn geführt. Jesus lehrt am See, und das Volk hat sich um ihn versammelt. Aus einiger Entfernung hört der Aussätzige dem Worte Jesu zu. Er sieht, daß dieser seine Hände den Kranken auflegt; sieht, daß Lahme, Blinde, Gichtbrüchige und andere Kranke sich nach der Berührung gesund erheben und Gott für ihre Erlösung preisen. Der Glaube wächst im Herzen des Aussätzigen; er nähert sich der Menge immer mehr; er vergißt die ihm auferlegten Beschränkungen, die Gefährdung der Gesunden, übersieht die Furcht und das Entsetzen, womit ihn alle ansehen, und ist nur erfüllt von der seligen Hoffnung, geheilt zu werden. Er selbst bietet einen ekelerregenden Anblick. Die Krankheit hat seinen Leib völlig entstellt; sein verwesender Körper ist schrecklich anzusehen. Entsetzt weichen die Menschen vor ihm zurück. Sie bedrängen sich gegenseitig in ihrer Ungeduld, seine Nähe zu fliehen. Einige versuchen ihn davon abzuhalten, zu Jesus zu gelangen, aber vergebens. Er sieht und hört sie nicht; ihre Schreckensrufe finden kein Echo in ihm. Er sieht nur den Sohn Gottes, er hört nur die Stimme, die den Sterbenden Leben verkündet. Nun er sich zu Jesus durchgedrückt hat, wirft er sich ihm zu Füßen und ruft: „Herr, so du willst, kannst du mich wohl reinigen.“

 

Jesus erwiderte: „Ich will‘s tun; sei gereinigt!“ Matthäus 8,23. Dabei legte er seine Hand auf den Kranken. Sofort ging eine große Veränderung in dem Aussätzigen vor: sein Fleisch wurde gesund, seine Kraft belebte sich und seine Muskeln wurden fest. Die rauhe, schuppige Hautoberfläche des Aussätzigen verschwand, und eine gesunde Hautfarbe, gleich der eines wohlgenährten Kindes, stellte sich ein.

 

Jesus befahl dem Mann, das an ihm vollzogene Wunder nicht weiterzuberichten, sondern sich sofort mit einer Opfergabe zum Tempel zu begeben. Eine solche Gabe wurde damals nur angenommen, wenn die Priester eine Untersuchung des Opfernden vorgenommen und ihn für völlig geheilt befunden hatten. So unwillig sie auch dieser Aufgabe nachkommen mochten, sie konnten sich ihr nicht entziehen.

 

Die Worte der Schrift zeigen, wie nachdrücklich der Heiland dem Geheilten gebot, streng zu schweigen und dafür rasch zu handeln. „Jesus bedrohte ihn und trieb ihn alsbald von sich und sprach zu ihm: Siehe zu, daß du niemand davon sagest; sondern gehe hin und zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis.“ Markus 1,4344. Hätten die Priester die Einzelheiten der Heilung des Aussätzigen gekannt, dann würde ihr Haß sie vielleicht dazu verleitet haben, ein ungerechtes Urteil zu fällen. Jesus wünschte, daß der Geheilte sich im Tempel vorstellte, ehe irgendwelche Gerüchte über das Wunder die Priester erreichten. So allein konnte eine vorurteilsfreie Entscheidung gesichert und dem geheilten Aussätzigen erlaubt werden, sich aufs neue mit seiner Familie und seinen Freunden zu vereinen.

 

Christus hatte noch andere Absichten im Sinn, als er dem Mann zu schweigen gebot. Der Heiland wußte, daß seine Feinde immer darauf aus waren, seine Aufgabe zu behindern und die Leute ihm abspenstig zu machen. Ihm war klar, daß sich andere von dieser furchtbaren Krankheit Betroffene um ihn scharten, wenn die Heilung jenes Leprakranken überall gerühmt würde. Dann aber wäre der Vorwurf unvermeidlich, daß das Volk durch den Kontakt mit ihm verunreinigt würde. Auch würden viele ehedem Leprakranke die Gabe der Gesundheit nicht so nutzen, daß sie für andere oder für sich selbst segensreich wäre. Und wenn er die Aussätzigen um sich versammelte, gäbe er Anlaß zu dem Vorwurf, er übertrete die Verbote des Zeremonialgesetzes. Das aber hätte eine Behinderung seiner Evangeliumsverkündigung zur Folge gehabt.

 

Die nachfolgenden Ereignisse rechtfertigten Jesu warnende Worte. Sehr viele Menschen hatten die Heilung jenes Aussätzigen miterlebt und warteten gespannt darauf, wie die Entscheidung der Priester ausfallen werde. Als dann der Mann zu seinen Freunden zurückkehrte, gab es große Aufregung. Obwohl er von Jesus zur Zurückhaltung ermahnt worden war, bemühte sich der Geheilte nicht weiter, die Tatsache seiner Gesundung zu verbergen. Dies zu verheimlichen, wäre auch wirklich unmöglich gewesen; aber der Mann tat ein übriges und posaunte seine Heilung überall aus. In der Annahme, die ihm von Jesus auferlegte Zurückhaltung sei nur dessen Bescheidenheit zuzuschreiben, verkündete er auf all seinen Wegen die Vollmacht des Wunderheilers. Er konnte nicht begreifen, daß jede Kundgebung dieser Art die Priester und Ältesten mehr in ihrer Absicht bestärkte, Jesus umzubringen. Er empfand nur die Wohltat der wiedergewonnenen Gesundheit als überaus kostbar und freute sich über die neuerwachte Lebenskraft; er war glücklich darüber, seiner Familie und der Gemeinschaft wiedergegeben zu sein, und konnte sich unmöglich dabei zurückhalten, den Arzt zu preisen, der ihn gesundgemacht hatte. Aber das Herausposaunen seiner Heilung hatte tatsächlich zur Folge, daß das Werk des Heilandes behindert wurde. Es führte dazu, daß Menschen in Scharen zu Jesus pilgerten und er sich deshalb genötigt sah, eine Zeitlang seine Aufgabe zu unterbrechen.

 

Jede Handlung Christi hatte weitreichende Absichten. Sie umfaßte mehr, als man vom bloßen Geschehen her zunächst annehmen mochte. So auch im Fall des geheilten Aussätzigen. Während Jesus allen half, die zu ihm kamen, sehnte er sich danach, auch denen wohlzutun, die nicht gekommen waren. Er zog wohl die Zöllner, Heiden und Samariter zu sich, wünschte aber genauso, die Priester und Schriftgelehrten zu erreichen, die in Vorurteil und Überlieferung befangen waren. Er ließ nichts unversucht, sie anzusprechen. Als er den Geheilten Aussätzigen zu den Priestern schickte, gab er ihnen ein Zeugnis, das ihre Vorurteile abbauen sollte.

 

Die Pharisäer behaupteten, daß sich Christi Lehren gegen das Gesetz richteten, das Gott durch Mose mitgeteilt hatte. Diese Anschuldigung widerlegte Jesus mit der Weisung an den wieder rein gewordenen Aussätzigen, ein Opfer darzubringen, wie das Gesetz es verlangte. Das war ein ausreichender Beweis für alle, die sich überzeugen lassen wollten. Die führenden Persönlichkeiten in Jerusalem hatten Späher ausgesandt, die irgendeinen Vorwand suchen sollten, um Christus töten zu können. Dieser antwortete darauf, indem er ihnen einen Beweis seiner Liebe zur Menschheit gab, seiner Hochachtung vor dem Gesetz und seiner Macht, von Sünde und Tod zu erretten. So bezog er das Psalmwort auf sie: „Sie erweisen mir Böses für Gutes und Haß für Liebe.“ Psalm 109,5. Er, der auf dem Berg der Seligpreisungen die Weisung erteilt hatte: „Liebet eure Feinde“ (Matthäus 5,44), erläuterte nun durch sein Handeln den Grundsatz: „Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern dagegen segnet.“ 1.Petrus 3,9.

 

Dieselben Priester, die den Aussätzigen verbannt hatten, bezeugten nun seine Heilung. Dieses Urteil, das öffentlich bekanntgemacht werden mußte und eingetragen wurde, war ein wirksames Zeugnis für Jesus. Und da der Geheilte auf Grund der priesterlichen Untersuchung, die keinerlei Krankheitszeichen an ihm feststellen konnte, wieder in die Gemeinde Israel aufgenommen wurde, war er selbst ein lebender Zeuge für seinen Wohltäter. Mit Freuden brachte er seine Opfergabe und verherrlichte den Namen Jesu. Die Priester waren von der göttlichen Kraft des Heilandes überzeugt. Sie hatten Gelegenheit, die Wahrheit kennenzulernen und durch das Licht gefördert zu werden. Verachteten sie dieses Licht, so würde es von ihnen weichen, um nie wieder zurückzukehren. Von vielen wurde das Licht verworfen. Dennoch war es nicht vergeblich gegeben! Manches Herz wurde bewegt, nur verbarg man es noch. Während Christi Lebenszeit auf Erden schien sein Erlösungswerk bei den Priestern und Lehrern des Volkes auf nur wenig Gegenliebe zu stoßen; nach seiner Himmelfahrt aber „wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam“. Apostelgeschichte 6,7.

 

Jesu Wundertat an dem Aussätzigen veranschaulicht sein Wirken, die Seele von Sünden zu reinigen. Der Mann, der zu Jesus kam, war „voll Aussatz“, dessen tödliches Gift seinen ganzen Körper durchdrang. Die Jünger suchten ihren Meister daran zu hindern, ihn anzurühren; denn wer einen Aussätzigen berührte, verunreinigte sich selbst. Jesus aber wurde dadurch, daß er seine Hand auf den Aussätzigen legte, nicht verunreinigt; seine Berührung übertrug lebenspendende Kräfte, und der Kranke wurde geheilt. So verhält es sich auch mit dem Aussatz der Sünde. Er hat sich tief in den Menschen eingefressen, ist tödlich und kann unmöglich durch menschliche Kraft geheilt werden. „Das ganze Haupt ist krank, das ganze Herz ist matt. Von der Fußsohle bis zum Haupt ist nichts Gesundes an euch, sondern Beulen und Striemen und frische Wunden.“ Jesaja 1,56. Wenn aber der Herr im Herzen des Menschen wohnt, wird kein Makel ihn je erreichen; seine Gegenwart übt eine heilende Kraft auf den Sünder aus. Wer Jesus zu Füßen fällt und im Glauben sagt: „Herr, so du willst, kannst du mich wohl reinigen“, wird die Antwort hören: „Ich will‘s tun; sei gereinigt!“ Matthäus 8,23.

 

In einigen Fällen gewährte Jesus nicht gleich den gewünschten Segen; aber bei dem Aussatz wurde die Bitte sofort erfüllt. Bitten wir um irdische Segnungen, so mag die Erhörung unseres Gebets verzögert werden oder Gott mag uns etwas anderes geben als das Erbetene. Wenn wir aber um Befreiung von der Sünde bitten, hilft er sofort. Es ist sein Wille, uns von der Sünde zu befreien, uns zu seinen Kindern zu machen und uns zu befähigen, ein gerechtes Leben zu führen. Christus hat „sich selbst für unsre Sünden gegeben ... daß er uns errette von dieser gegenwärtigen, argen Welt nach dem Willen Gottes, unsres Vaters“. Galater 1,4. „Und das ist die Zuversicht, die wir haben zu ihm, daß, wenn wir etwas bitten nach seinem Willen, so hört er uns. Und wenn wir wissen, daß er uns hört, was wir auch bitten, so wissen wir, daß wir erlangen, was wir von ihm gebeten haben.“ 1.Johannes 5,1415. „Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, daß er uns die Sünden vergibt.“ 1.Johannes 1,9.

 

Bei der Heilung des Gichtbrüchigen zu Kapernaum lehrte Christus die gleiche Wahrheit. Dies Wunder geschah, um seine Macht, Sünden zu vergeben, zu offenbaren und andere wertvolle Wahrheiten zu veranschaulichen. Es stärkt die Hoffnung und ermutigt, aber es warnt uns auch angesichts des Verhaltens der spitzfindigen Pharisäer. Der Gichtbrüchige hatte ebensowenig Hoffnung auf Gesundung wie der Aussätzige. Seine Krankheit war die Folge eines ausschweifenden Lebens, und sein Leiden wurde durch Selbstvorwürfe noch erhöht. Vor langer Zeit hatte er sich an die Pharisäer und Ärzte gewandt in der Hoffnung, Erleichterung von seinen seelischen Leiden und leiblichen Schmerzen zu finden. Sie aber hatten ihn teilnahmslos für unheilbar erklärt und ihn dem Zorn Gottes überlassen. Die Pharisäer betrachteten Krankheiten als Beweis göttlichen Unwillens; sie hielten sich deshalb von Kranken und Hilfsbedürftigen fern, und doch waren gerade sie, die sich für heilig hielten, oft schuldiger als die Leidenden, die sie verdammten.

 

Der Gichtbrüchige war vollständig hilflos, und da keinerlei Aussicht auf Heilung vorhanden war, wurde er ganz verzagt. Dann hörte er von dem Wunderwirken Jesu. Er vernahm, daß andere, die auch schuldbeladen und hilflos waren wie er, geheilt wurden, ja daß selbst Aussätzige gereinigt worden waren. Die Freunde, die ihm davon berichteten, ermutigten ihn, zu glauben, daß auch er geheilt werden könne, wenn er zu Jesus gebracht würde. Aber seine Hoffnung schwand, als er daran dachte, wodurch er sich seine Krankheit zugezogen hatte. Er fürchtete, der reine Arzt werde ihn nicht in seiner Gegenwart dulden.

 

Er wünschte jedoch nicht so sehr die körperliche Heilung wie eine Befreiung von der Last seiner Sünden. Könnte er Jesus sehen und die Versicherung der Vergebung und des göttlichen Friedens erhalten, dann wollte er leben oder sterben, wie es des Herrn Wille sei. Der Ruf des dem Tode Ausgelieferten war: O könnte ich zu ihm kommen!

 

Da galt es, keine Zeit zu verlieren; schon trug sein welker Körper die Zeichen des Verfalls. Er bat seine Freunde, ihn auf seinem Bett zu Jesus zu tragen. Diese erfüllten ihm gern seinen Wunsch. Aber das Gedränge in und vor dem Hause, in dem der Heiland weilte, war so groß, daß die Freunde mit dem Kranken den Herrn nicht erreichen, nicht einmal in seine Nähe kommen und seine Stimme hören konnten.

 

Jesus lehrte im Hause des Petrus. Um ihn herum saßen nach ihrer Gewohnheit seine Jünger und „die Pharisäer und Schriftgelehrten, die gekommen waren aus allen Orten in Galiläa und Judäa und von Jerusalem“. Lukas 5,17. Diese waren als Kundschafter gekommen, um Anklagematerial gegen Jesus zu sammeln. Außer ihnen drängte sich noch eine bunte Volksmenge zusammen: Wißbegierige, Ehrfürchtige, Neugierige und Ungläubige. Verschiedene Nationalitäten und alle Gesellschaftsklassen waren vertreten. „Und die Kraft des Herrn wirkte, daß er die Kranken heilte.“ Lukas 5,17. Der Geist des Lebens schwebte über der Versammlung; aber die Pharisäer und Schriftgelehrten erkannten seine Gegenwart nicht. Sie hatten kein Heilsverlangen, und die Heilung war nicht für sie. „Die Hungrigen füllet er mit Gütern und läßt die Reichen leer.“ Lukas 1,53.

 

Immer aufs neue versuchten die Träger des Gichtbrüchigen, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen. Stets vergeblich. Der Kranke blickte in namenloser Qual um sich. Wie konnte er die Hoffnung aufgeben, wenn die lang ersehnte Hilfe so nahe war! Auf seinen Vorschlag hin trugen ihn die Freunde auf das Dach des Hauses, brachen es auf und ließen ihn hinab vor die Füße Jesu. Der Heiland unterbrach seine Rede. Er sah das bekümmerte Gesicht des Kranken und die flehend auf ihn gerichteten Blicke. Er verstand den Unglücklichen; er selbst hatte das verzweifelte, verwirrte Gemüt zu sich gezogen. Als der Gichtbrüchige noch zu Hause war, hatte der Heiland sein Gewissen von seiner Schuld überzeugt, und als jener seine Sünden bereute und an die Kraft Jesu, die ihn heilen konnte, glaubte, hatte die lebenspendende Gnade des Heilandes zuerst sein verlangendes Herz erfreut. Jesus hatte beobachtet, wie der erste Schimmer des Glaubens sich in jenem Kranken zu dem Bewußtsein entwickelte, daß er, Jesus, die einzige Hilfe des Sünders sei; er hatte gesehen, daß dessen Glaube mit jedem Versuch, in seine Gegenwart zu kommen, an Kraft gewann.

 

Der Heiland sprach Worte, die wie Musik an das Ohr des Leidenden drangen: „Sei getrost, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“ Matthäus 9,2. Die Last der Verzweiflung hebt sich von des Kranken Seele, der Frieden der Vergebung ruht auf seinem Gemüt und strahlt aus seinem Blick. Die körperlichen Schmerzen sind geschwunden, sein ganzes Wesen ist verwandelt. Der hilflose Gichtbrüchige ist geheilt, der schuldige Sünder hat Vergebung empfangen! Schlicht gläubig nahm er die Worte Jesu als die Gabe eines neuen Lebens an. Er bat um nichts mehr, sondern lag in glücklichem Schweigen da; er war so erfüllt von Glückseligkeit, daß er keine Worte finden konnte. Das Licht des Himmels erleuchtete sein Angesicht, und die Menge sah mit heiliger Scheu auf dieses Geschehen.

 

Die Rabbiner hatten mit größter Spannung gewartet, um zu sehen, wie sich Jesus diesem Kranken gegenüber verhalten würde. Sie erinnerten sich, wie dieser Mann sie um Hilfe angefleht hatte und daß sie ihm Hoffnung und Teilnahme verweigert hatten. Nicht genug damit, war von ihnen auch erklärt worden, daß er unter dem Fluch Gottes stünde. Das alles lebte wieder in ihrem Gedächtnis auf, als sie den Kranken vor sich sahen. Sie nahmen wahr, mit welchem Interesse alle Anwesenden beobachteten, was vor sich ging. Da überfiel sie schreckliche Furcht, sie könnten ihren Einfluß auf das Volk verlieren. Diese Würdenträger tauschten zwar ihre Gedanken nicht sofort aus, sahen sich aber vielsagend an und lasen von ihren Gesichtern ab, daß sie das gleiche dachten: es mußte unbedingt etwas getan werden, um den Gefühlsüberschwang zu bremsen. Jesus hatte erklärt, daß die Sünden des Gelähmten vergeben seien. Dieses Wort hielten die Pharisäer für eine Gotteslästerung. Sie glaubten nun, daß sie diesen Ausspruch als eine Todsünde hinstellen könnten. So sprachen sie in ihrem Herzen: „Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben denn allein Gott?“ Markus 2,7.

 

Jesus schaute sie durchdringend an, so daß sie sich duckten und sich zurückzogen. Dann sagte er: „Warum denkt ihr so Arges in euren Herzen? Was ist leichter, zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Stehe auf und wandle? Auf daß ihr aber wisset, daß des Menschen Sohn Vollmacht hat, auf Erden die Sünden zu vergeben, — sprach er zu dem Gichtbrüchigen: Stehe auf, hebe dein Bett auf und gehe heim!“ Matthäus 9,4-6. Da erhebt sich der Mann, den man auf einer Bahre zu Jesus gebracht hat, mit der Gewandtheit und Kraft der Jugend. Lebensfrisches Blut strömt durch seine Adern, jedes Organ seines Körpers wird wieder tätig, und die Farbe der Gesundheit löst die Blässe des nahenden Todes ab, die auf seinem Angesicht gelegen hatte. „Und er stand auf, nahm sein Bett und ging alsbald hinaus vor allen, so daß sie sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: Wir haben solches noch nie gesehen.“ Markus 2,12.

 

O wunderbare Liebe Christi, die sich herabläßt, den Schuldbeladenen und Kranken zu heilen! Die Gottheit trauert über das Elend der Menschheit und lindert es. Wunderbare Macht, die sich hier vor den Menschenkindern entfaltet! Wer kann noch an der Botschaft des Heils zweifeln? Wer will die Barmherzigkeit des mitleidvollen Erlösers geringachten? Es bedurfte keiner geringeren Schöpferkraft, jenem verfallenden Körper neue Gesundheit zu geben. Dieselbe Stimme, die dem aus Erdenstaub geschaffenen Menschen das Leben zusprach, tat dies auch an dem sterbenden Gelähmten. Und die gleiche Macht, die dem Körper Leben gab, hatte das Herz erneuert. Derjenige, von dem es bei der Schöpfung heißt: „Er sprach, da geschah es. Er befahl, da stand es da“ (Psalm 33,9, Bruns), hatte jener in Übertretungen und Sünden toten Seele durch sein Wort Leben geschenkt.

Die Heilung des Leibes stellte jene Macht unter Beweis, die das Herz erneuert hatte. Christus forderte den Gelähmten auf, sich zu erheben und zu gehen, damit „ihr aber wisset“, wie er sagte, „daß des Menschen Sohn Vollmacht hat, zu vergeben die Sünden auf Erden“. Markus 2,10. Der Gelähmte erfuhr durch Christus Heilung der Seele wie auch des Leibes. Der geistlichen Gesundung folgte die leibliche Wiederherstellung. Diese Lehre sollte nicht übersehen werden. In unseren Tagen leiden Tausende an körperlichen Gebrechen, die es gleich dem Gelähmten nach der Botschaft verlangt: „Deine Sünden sind dir vergeben.“ Markus 2,5. Die Last der Sünde mit der damit verbundenen inneren Unruhe und dem Unbefriedigtsein ist die Ursache ihrer Krankheiten. Erst wenn sie zum Heiland ihrer Seele kommen, können sie Erleichterung finden. Nur er kann den Frieden gewähren, der dem Geist Kraft und dem Leib Gesundheit schenkt.

 

Jesus kam, „daß er die Werke des Teufels zerstöre“. 1.Johannes 3,8. „In ihm war das Leben.“ Johannes 1,4. Er selbst sagt: „Ich bin gekommen, daß sie das Leben und volle Genüge haben sollen.“ Johannes 10,10. Er ist der „Geist, der da lebendig macht“. 1.Korinther 15,45. Und er besitzt immer noch die gleiche lebenspendende Macht, die er auf Erden besaß, als er Kranke heilte und den Sündern ihre Schuld vergab. Er vergibt „dir alle deine Sünde ... und heilet alle deine Gebrechen“. Psalm 103,3. Die Heilung des Gichtbrüchigen hatte eine derartige Wirkung auf das Volk, als hätte sich der Himmel geöffnet und die Herrlichkeit einer besseren Welt offenbart. Als der Geheilte durch die Menge hindurchging, mit jedem Schritt Gott lobte und seine Last trug, als sei sie federleicht, machte ihm alles Volk Platz. Die Menge sah ihn mit ehrfurchtsvollen Blicken an, und die Menschen flüsterten einander zu: „Wir haben heute seltsame Dinge gesehen.“ Lukas 5,26.

 

Die Pharisäer waren vor Erstaunen verstummt und durch ihre Niederlage überwältigt. Sie sahen, daß sich hier keine Gelegenheit bot, das Volk durch ihre Eifersucht aufzuwiegeln. Die wunderbare Heilung, die an diesem Mann vollbracht worden war, den sie einst dem Zorn Gottes übergeben hatten, machte einen so gewaltigen Eindruck auf das Volk, daß die Pharisäer zeitweilig vergessen waren. Sie sahen, daß Christus eine Macht besaß, die sie Gott allein zugeschrieben hatten, und doch stand die bescheidene Würde seines Wesens in auffallendem Gegensatz zu ihrem Hochmut. Sie waren verwirrt und beschämt; sie erkannten wohl die Gegenwart eines höheren Wesens, aber sie bekannten sich nicht zu ihr. Je stärker und zwingender der Beweis war, daß Jesus die Macht besaß, auf Erden Sünden zu vergeben, desto mehr vergruben sie sich in ihrem Unglauben. Sie verließen das Haus des Petrus, in dem sie der Heilung des Gichtbrüchigen durch Jesu Wort beigewohnt hatten, und grübelten über neuen Plänen, um den Sohn Gottes zum Schweigen zu bringen.

Körperliche Krankheit, wie bösartig und tief verwurzelt sie auch gewesen sein mag, wurde durch die Macht Christi geheilt; aber die Krankheit der Seele nahm völligen Besitz von jenen, die ihre Augen dem Licht verschlossen. Aussatz und Gicht waren nicht so schrecklich wie Frömmelei und Unglauben. Im Hause des Geheilten herrschte große Freude, als er zu seiner Familie zurückkehrte und mit Leichtigkeit das Bett trug, auf dem er erst kurz zuvor langsam weggetragen worden war. Alle umringten ihn und weinten vor Freude. Sie wagten kaum, ihren Augen zu trauen, als er nun in voller Manneskraft wieder vor ihnen stand. Jene Arme, die sie kraftlos gesehen hatten, gehorchten wieder seinem Willen; die zusammengeschrumpften, fahl aussehenden Muskeln waren wieder frisch und rosig. Sein Schritt war fest und frei; Freude und Hoffnung leuchteten aus seinem Blick, und ein Ausdruck der Reinheit und des Friedens hatte die Spuren von Sünde und Leiden verdrängt. Frohe Danksagungen stiegen aus dem Kreis dieser Familie empor. Gott wurde verherrlicht durch seinen Sohn, der dem Mutlosen Hoffnung dem Zerschlagenen neue Kräfte gegeben hatte. Dieser Mann und seine Familie waren bereit, ihr Leben für Jesus dahinzugeben; kein Zweifel trübte ihr Vertrauen, kein Unglaube befleckte ihre Treue zu dem, der Licht in ihr verdunkeltes Leben gebracht hatte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 28: Levi-Matthäus

 

Auf der Grundlage von Matthäus 9,9-17; Markus 2,14-22; Lukas 5,27-39.

 

Von den römischen Beamten in Palästina waren keine verhaßter als die Zöllner. Die Tatsache, daß die Steuern von einer fremden Macht auferlegt wurden, bildete für die Juden ein stetes Ärgernis und erinnerte sie ständig daran, daß sie ihre Unabhängigkeit eingebüßt hatten. Hinzu kam, daß die Steuereintreiber nicht allein die Werkzeuge römischer Unterdrückung waren, sondern Erpresser zum eigenen Vorteil, die sich auf Kosten des Volkes bereicherten. Ein Jude, der dieses Amt aus der Hand der Römer annahm, galt als Verräter der Ehre seiner Nation. Als Abtrünniger wurde er verachtet und zu den Verworfensten der Gesellschaft gezählt.

 

Levi-Matthäus gehörte zu dieser Gruppe. Nach den vier Jüngern am See Genezareth berief Christus ihn als nächsten in seinen Dienst. Die Pharisäer hatten Matthäus nur nach seinem Beruf beurteilt, Jesus dagegen sah das Herz dieses Menschen, das bereit war, die Wahrheit zu empfangen. Matthäus hatte den Lehren des Heilandes gelauscht. Während der Geist Gottes in ihm das Bewußtsein der Sündhaftigkeit weckte, sehnte er sich danach, Hilfe bei Christus zu suchen. Er war aber so sehr an die Unnahbarkeit der Rabbiner gewöhnt, daß ihm überhaupt nicht der Gedanke kam, dieser Lehrer könnte ihn beachten. Eines Tages saß der Zöllner an seiner Bude und sah Jesus kommen. Höchst verwundert vernahm er die an ihn gerichteten Worte: „Folge mir nach!“

 

Matthäus „verließ alles, stand auf und folgte ihm nach“. Lukas 5,2728. Er zögerte nicht. Er fragte nicht. Ihm kam gar nicht der Gedanke, nun das einträgliche Geschäft gegen Armut und Ungemach tauschen zu sollen. Ihm genügte es, bei Jesus zu sein, seinen Worten zu lauschen und sich seinem Wirken anzuschließen. Genauso hatten sich schon die zuvor berufenen Jünger verhalten. Als Jesus Petrus und seine Gefährten aufforderte, ihm nachzufolgen, verließen sie auf der Stelle ihre Boote und Netze. Einige dieser Jünger hatten für Verwandte zu sorgen. Sie zögerten jedoch nicht, als die Einladung des Heilandes an sie erging, und fragten auch nicht: Wovon soll ich leben und meine Familie ernähren? Sie gehorchten der Aufforderung. Als Jesus sie später fragte: „Sooft ich euch ausgesandt habe ohne Beutel, ohne Tasche und ohne Schuhe, habt ihr auch je Mangel gehabt?“ konnten sie antworten: „Nie.“ Lukas 22,35.

 

Sowohl Matthäus in seinem Wohlstand als auch Petrus und Andreas in ihrer Armut standen vor der gleichen Entscheidung — jeder traf sie mit der gleichen Hingabe. Angesichts des Erfolges, als die Netze mit Fischen zum Zerreißen voll und die Anreize des gewohnten Lebens am stärksten waren, forderte Jesus die Jünger am See auf, dies alles für die Evangeliumsarbeit aufzugeben. In gleicher Weise wird jede Seele geprüft, was stärker in ihr ist: ihr Verlangen nach weltlichen Gütern oder nach der Gemeinschaft mit Christus. Grundsätze stellen hohe Anforderungen. Im Dienste Gottes kann niemand erfolgreich sein, er bringe denn sein ungeteiltes Herz mit ein und „achte ... alles für Schaden gegen die überschwengliche Größe der Erkenntnis Christi“. Philipper 3,8. Wer den geringsten Vorbehalt geltend macht, kann kein Jünger Jesu, noch viel weniger sein Mitarbeiter sein. Menschen, die das große Erlösungswerk schätzen, werden in ihrem Leben jene Selbstaufopferung offenbaren, die im Leben Jesu sichtbar war. Wohin immer er vorangeht, werden sie ihm freudig folgen.

 

Die Berufung des Matthäus in die Jüngerschaft Jesu erregte großen Unwillen. Es war ein Verstoß gegen die religiösen, gesellschaftlichen und nationalen Bräuche, wenn ein Glaubenslehrer einen Zöllner in sein engstes Gefolge aufnahm. Die Pharisäer hofften durch geschicktes Ausnutzen der Voreingenommenheit des Volkes dessen Gefühle gegen Jesus lenken zu können. Unter den Zöllnern erwachte ein weitgespanntes Interesse. Ihre Herzen fühlten sich zu dem göttlichen Lehrer hingezogen. Aus Freude an seiner neuen Jüngerschaft wollte Matthäus seine früheren Kollegen unbedingt zu Jesus bringen. Deshalb veranstaltete er ein Fest in seinem Hause und lud dazu seine Verwandten und Freunde ein. Es erschienen nicht nur die Zöllner, sondern auch viele andere Leute zweifelhaften Rufes, die von ihren überängstlichen Nachbarn geächtet waren.

 

Das Gastmahl wurde Jesus zu Ehren gegeben, und er zögerte nicht, die Gunstbezeigung anzunehmen, obwohl er sich bewußt war, daß dies für die Sekte der Pharisäer ein Ärgernis bedeutete und ihn zugleich in den Augen des Volkes bloßstellte. Doch „diplomatische“ Rücksichtnahme konnte sein Verhalten nicht beeinflussen. Bei ihm galten äußerliche Unterschiede nichts. Sein Herz sprach auf Seelen an, die nach dem Lebenswasser dürsteten.

 

Jesus saß als Ehrengast zwischen den Zöllnern an der Tafel. Durch sein Wohlwollen und sein umgängliches Wesen zeigte er ihnen seine Wertschätzung der Würde des Menschen, so daß sie danach verlangte, sich seines Vertrauens würdig zu erweisen. In ihre durstigen Herzen fielen seine Worte mit beglückender, lebenspendender Kraft. Neue Impulse wurden geweckt, und diesen Ausgestoßenen der Gesellschaft eröffnete sich die Möglichkeit, ein neues Leben zu beginnen. Bei solchen Zusammenkünften wurden nicht wenige von den Lehren des Heilandes beeindruckt; sie bekannten sich aber erst nach seiner Himmelfahrt zu ihm. Als der Heilige Geist ausgegossen wurde und sich an einem Tage dreitausend Menschen bekehrten, waren viele unter ihnen, die die Wahrheit zuerst an der Tafel der Zöllner gehört hatten. Einige von ihnen wurden Boten des Evangeliums. Für Matthäus selbst war das Verhalten Jesu auf dem Fest eine stete Mahnung. Der verachtete Zöllner wurde zu einem der hingebungsvollsten Evangelisten, der sich in seinem Dienst genau nach dem Beispiel seines Meisters richtete.

 

Als die Rabbiner von der Teilnahme Jesu an dem Fest des Matthäus erfuhren, ergriffen sie die Gelegenheit, ihn anzuklagen, und zwar gedachten sie es mit Hilfe der Jünger zu tun. Indem sie ihre alten Vorurteile wieder hervorkramten, hofften sie, die Jünger ihrem Meister entfremden zu können. Christus bei den Jüngern und die Jünger bei Christus anzuschuldigen, das war ihre Verfahrensweise. Dabei richteten sie ihre Pfeile auf die verwundbarsten Stellen. Seit dem Streit im Himmel hat Satan sich stets dieser Methode bedient, und alle, die Unstimmigkeit und Entfremdung verursachen, sind von seinem Geist getrieben.

 

Die mißgünstigen Rabbiner fragten: „Warum isset euer Meister mit den Zöllnern und Sündern?“ Matthäus 9,11. Jesus wartete nicht die Antwort seiner Jünger auf diesen Angriff ab, sondern erwiderte selbst: „Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Gehet aber hin und lernet, was das ist: ‚Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.‘ Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.“ Matthäus 9,1213; Hosea 6,6. Die Pharisäer beanspruchten, geistlich gesund zu sein und deshalb keines Arztes zu bedürfen. Die Zöllner und Heiden dagegen würden an ihren Seelennöten zugrunde gehen. War es dann nicht Jesu Aufgabe als Arzt, gerade jenen nachzugehen, die seine Hilfe brauchten?

 

Obwohl die Pharisäer eine so hohe Meinung von sich hatten, war ihre Situation in Wirklichkeit viel schlimmer als die Lage jener, die sie verachteten. Die Zöllner waren nicht so frömmlerisch und hochmütig und standen daher dem Einfluß der Wahrheit sehr viel aufgeschlossener gegenüber. Jesus sprach zu den Rabbinern: „Gehet aber hin und lernet, was das ist? ‚Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.‘“ Damit zeigte er ihnen: Ihr behauptet zwar, das Wort Gottes auslegen zu können, von seinem Geist aber habt ihr nichts begriffen.

 

Für den Augenblick waren die Pharisäer zwar zum Schweigen gebracht; in ihrer Feindseligkeit aber wurden sie um so entschlossener. Als nächstes machten sie die Jünger Johannes des Täufers ausfindig und suchten sie gegen den Erlöser aufzuhetzen. Diese Pharisäer hatten den göttlichen Auftrag des Täufers nicht anerkannt. Mit Verachtung hatten sie auf seine enthaltsame Lebensführung, seine Anspruchslosigkeit und seine gewöhnliche Kleidung hingewiesen und ihn zum Fanatiker gestempelt. Seiner Verkündigung hatten sie Widerstand geleistet, und sie hatten das Volk gegen ihn aufzuwiegeln versucht, weil ihre Heuchelei von ihm öffentlich gebrandmarkt worden war. Obwohl der Geist Gottes die Herzen dieser Verächter bewegt und sie ihrer Sünden überführt hatte, widerstrebten sie Gottes Rat und erklärten sogar, Johannes sei von einem bösen Geist besessen.

 

Als jetzt Jesus auftrat, sich unter das Volk mischte und an dessen Tischen aß und trank, beschuldigten sie ihn, „ein Fresser und Weinsäufer“ zu sein. Matthäus 11,19. Dabei hatten sich ausgerechnet die Männer, die diese Anklage vorbrachten, deren selbst schuldig gemacht. Genau wie Satan Gott falsch darstellt und ihm seine eigenen Charakterzüge nachsagt, so handelten diese boshaften Menschen an den Boten des Herrn. Die Pharisäer wollten nicht wahrhaben, daß Jesus mit Zöllnern und Sündern aß, um ihnen, die in der Finsternis lebten, das Licht des Himmels zu bringen. Sie wollten nicht eingestehen, daß jedes von dem göttlichen Lehrer gesprochene Wort wie ein Same war, der zur Verherrlichung Gottes keimte und Frucht hervorbrachte. Sie hatten sich entschlossen, das Licht nicht anzunehmen. Obwohl sie sich dem Dienst des Täufers widersetzt hatten, warben sie jetzt bereitwillig um die Freundschaft seiner Jünger in der Hoffnung, sich ihrer Mithilfe gegen Jesus versichern zu können. Sie schilderten, wie Jesus sich über die alten Überlieferungen hinwegsetze, und verglichen die ernste Frömmigkeit des Täufers mit dem Verhalten Jesu, der mit Zöllnern und Sündern Feste feierte.

 

Gerade damals befanden sich die Johannesjünger in großer Bedrängnis. Das war, ehe Johannes sie mit seiner Botschaft zu Jesus sandte. Ihr geliebter Lehrer saß im Kerker, und sie brachten ihre Tage zu mit Klagen. Jesus unternahm nichts, um Johannes zu befreien. Ja, er schien sogar dessen Lehre in Mißkredit zu bringen. Weshalb schlugen Jesus und seine Jünger einen so erheblich unterschiedlichen Weg ein, wenn Johannes von Gott gesandt war? Die Jünger des Johannes hatten kein klares Verständnis vom Wirken Christi. Sie meinten, es müsse wohl einige Gründe für die Anklagen der Pharisäer geben. Auch sie hielten viele Vorschriften der Rabbiner und hofften sogar, durch Gesetzeswerke gerechtfertigt zu werden. Fasten galt bei den Juden als verdienstvolle Tat; die strengsten unter ihnen fasteten in jeder Woche an zwei Tagen. Die Johannesjünger fasteten gerade gemeinsam mit den Pharisäern, als sie sich mit der Frage an Jesus wandten: „Warum fasten wir und die Pharisäer, und deine Jünger fasten nicht?“ Matthäus 9,14; Markus 2,18.

 

Jesus antwortete ihnen sehr rücksichtsvoll. Er versuchte nicht, ihre irrige Einstellung zum Fasten zu berichtigen; nur in Bezug auf seine eigene Sendung wollte er sie aufklären. Er benutzte dazu dasselbe Bild, das auch der Täufer in seinem Zeugnis von sich und Jesus gebraucht hatte. Johannes hatte gesagt: „Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam; der Freund aber des Bräutigams steht und hört ihm zu und freut sich hoch über des Bräutigams Stimme. Diese meine Freude ist nun erfüllt.“ Johannes 3,29. Die Jünger des Johannes konnten nicht umhin, an diese Worte ihres Lehrers zu denken, als Jesus dieses Bild aufgriff und erwiderte: „Wie können die Hochzeitleute fasten, während der Bräutigam bei ihnen ist?“ Markus 2,19.

 

Der Fürst des Himmels befand sich unter seinem Volk. Gottes größte Gabe war der Welt geschenkt worden. Wohl den Armen; denn Jesus war gekommen, sie zu Erben seines Reiches zu machen. Wohl den Reichen; denn er lehrte sie, wie sie sich ewiger Reichtümer versichern könnten. Wohl den Einfältigen; er würde sie klug zur Seligkeit machen. Wohl den Gelehrten; Jesus wollte ihnen tiefere Geheimnisse offenbaren, als sie je ergründet hatten. Wahrheiten, die von Anbeginn der Welt verborgen gewesen waren, sollten durch das Wirken des Erlösers den Menschen verständlich werden. Johannes der Täufer hatte sich glücklich geschätzt, den Heiland zu sehen. Welch ein Anlaß zur Freude war es doch für die Jünger, die mit der himmlischen Majestät wandeln und sprechen durften! Wie sollten sie da klagen und fasten! Sie mußten ihre Herzen für das Licht seiner Herrlichkeit öffnen, damit sie über alle, die in der Finsternis und im Schatten des Todes lebten, dieses Licht verbreiten konnten.

 

Die Worte Christi entrollten ein prächtiges Bild, über dem ein dunkler Schatten lag, den nur seine Augen wahrnehmen konnten. Er sagte: „Es wird aber die Zeit kommen, daß der Bräutigam von ihnen genommen wird; dann werden sie fasten, an jenem Tage.“ Markus 2,20. Angesichts ihres verratenen und gekreuzigten Herrn würden die Jünger klagen und fasten. In seinen letzten Worten, die er nach dem Abendmahl an sie richtete, heißt es: „Über ein kleines, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals über ein kleines, dann werdet ihr mich sehen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und heulen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll in Freude verkehrt werden.“ Johannes 16,1920.

 

Sobald der Herr aus dem Grab hervorträte, würde sich ihre Traurigkeit in Freude verwandeln. Nach seiner Himmelfahrt sollte er als Person abwesend sein. Durch den Tröster würde er sie jedoch ständig begleiten. Deshalb sollten sie ihre Zeit nicht mit Trauern zubringen. Aber gerade dies wünschte Satan. Sie sollten der Welt den Eindruck vermitteln, betrogen und enttäuscht worden zu sein. Im Glauben sollten sie aufschauen zum himmlischen Heiligtum, wo Jesus für sie seines priesterlichen Amtes waltete. Sie sollten dem Heiligen Geist, seinem Stellvertreter, ihre Herzen öffnen und sich an dem Glanz seiner Gegenwart erfreuen. Doch Tage der Anfechtung und Heimsuchung würden über sie kommen, wenn der Kampf mit den Herrschern dieser Welt und den Anführern des Reiches der Finsternis ausbrechen wird. Wenn Christus dann nicht mehr persönlich bei ihnen weilt, sie aber versäumten, den Tröster zu erkennen, dann allerdings werden sie unbedingt fasten müssen.

 

Durch strenge Befolgung religiöser Formen trachteten die Pharisäer sich selbst zu erhöhen, während ihre Herzen voll Mißgunst und Streitsucht waren. In der Heiligen Schrift heißt es: „Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll. Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit, wenn ein Mensch seinen Kopf hängen läßt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet: Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der Herr Wohlgefallen hat?“ Jesaja 58,45.

 

Wahres Fasten ist nicht nur ein äußerlicher Dienst. Die Schrift bezeichnet als gottgewolltes Fasten: „Laß los, die du mit Unrecht gebunden hast, laß ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg!“ Laß „den Hungrigen dein Herz finden“ und sättige „den Elenden“. Jesaja 58,610. Hierin kommt der wahre Geist und Charakter des Dienstes Christi zum Ausdruck. Sein ganzes Leben war freiwillige Hingabe zur Rettung der Welt. Ob er in der Wüste an der Stätte der Versuchung fastete oder mit den Zöllnern beim Fest des Matthäus aß, er gab sein Leben für die Rettung der Verlorenen. Wahre Frömmigkeit zeigt sich nicht in unnützem Trauern, in leiblicher Erniedrigung und in ungezählten Opfern, sondern in der Hingabe des Ich‘s an einen bereitwilligen Dienst für Gott und die Menschen.

 

Jesus ergänzte seine Antwort an die Johannesjünger mit einem Gleichnis: „Niemand reißt einen Lappen von einem neuen Kleid und flickt ihn auf ein altes Kleid; sonst zerreißt er das neue, und der Lappen vom neuen paßt nicht auf das alte.“ Lukas 5,36. Die Botschaft Johannes des Täufers durfte nicht mit Überlieferung und Aberglaube verquickt werden. Ein Versuch, die Anmaßung der Pharisäer mit der Frömmigkeit des Johannes zu vermischen, ließe die Kluft zwischen ihnen nur noch deutlicher hervortreten.

 

Auch die Grundbegriffe der Lehren Christi konnten mit dem Formengeist des Pharisäismus nicht in Einklang gebracht werden. Christus sollte nicht etwa die durch die Lehren des Johannes aufgerissene Lücke schließen, vielmehr wollte er das Trennende zwischen dem alten und dem neuen verdeutlichen. Diese Tatsache veranschaulichte Jesus mit den Worten: „Niemand füllt jungen Wein in alte Schläuche; sonst zerreißt der junge Wein die Schläuche und wird verschüttet, und die Schläuche kommen um.“ Lukas 5,37. Man verwandte die Lederschläuche zur Aufbewahrung des neuen Weines. Nach einer gewissen Zeit wurden sie trocken und brüchig. Es war sinnlos, sie weiterhin für den gleichen Zweck zu verwenden. Mit diesem alltäglichen Beispiel verglich Jesus den Zustand der jüdischen Führer. Priester, Schriftgelehrte und Oberste verharrten in dem alten Trott der Überlieferungen und Zeremonien. Ihre Herzen waren hart geworden wie die ausgedörrten Weinschläuche, mit denen der Herr sie verglich. Da sie sich mit einer Gesetzesreligion begnügten, konnten sie unmöglich Gefäße der lebendigen, himmlischen Wahrheit werden. Sie hielten ihre eigene Gerechtigkeit für völlig ausreichend und wünschten nicht, daß ihrer Religion auch nur ein neues Glaubenskörnchen hinzugefügt werde. Die guten Absichten Gottes für die Menschen nahmen sie für sich selbst als eine Selbstverständlichkeit hin. Sie verbanden sie mit ihrem eigenen Verdienst — auf Grund ihrer guten Werke. Der Glaube, der durch Liebe tätig ist und das Herz reinigt, fand keinen Platz in der Religion der Pharisäer; denn diese Religion bestand aus frommen Zeremonien und Menschengeboten. Alle Bemühungen, die Lehren Jesu mit der überkommenen Religion zu vereinen, mußten fehlschlagen. Die lebendige göttliche Wahrheit mußte, dem gärenden Wein gleich, die alten, verrotteten Schläuche pharisäischer Überlieferung zum Bersten bringen.

 

Die Pharisäer dünkten sich für zu weise, um belehrt zu werden, für zu gerecht, um Erlösung zu empfangen, für zu hochgeehrt, um der Ehre zu bedürfen, die von Jesus Christus kommt. Der Heiland wandte sich von ihnen ab, um andere zu suchen, die die Botschaft des Himmels annehmen würden. In den ungebildeten Fischern, dem Zöllner am Markt, der Frau aus Samaria und in dem einfachen Volk, das ihm freudig zuhörte, fand er seine neuen Gefäße für den neuen Wein. Werkzeuge im Dienste der Evangeliumsverkündigung sind jene Menschen, die mit Freuden das ihnen von Gott gesandte Licht aufnehmen. Sie sind seine Botschafter, die der Welt die Wahrheit mitteilen sollen. Wenn die Christusgläubigen durch seine Gnade neue Gefäße werden, wird er sie mit neuem Wein füllen.

 

Obwohl die Predigt Christi mit neuem Wein verglichen wurde, war sie doch keine neue Lehre, sondern nur die Offenbarung dessen, was von Anfang an verkündigt worden war. Doch für die Pharisäer hatte Gottes Wahrheit ihre ursprüngliche Bedeutung und Schönheit verloren. Daher war Christi Lehre für sie in fast jeder Hinsicht neu. Sie wurde weder anerkannt noch beherzigt.

 

Jesus verwies auf die Macht falscher Lehre, die imstande ist, die Wertschätzung der Wahrheit und das Verlangen nach ihr auszutilgen. „Niemand“, so sagte er, „der vom alten [Wein] trinkt, will neuen; denn er spricht: Der alte ist milder.“ Lukas 5,39. Jede Wahrheit, die der Welt durch die Patriarchen und Propheten gegeben wurde, erstrahlte in den Worten Christi zu neuer Schönheit. Die Schriftgelehrten und Pharisäer hatten jedoch kein Verlangen nach dem köstlichen neuen Wein. Bevor sie sich nicht der alten Überlieferungen, Gewohnheiten und Bräuche entledigten, war für die Lehren Christi weder in ihrem Herzen noch in ihrem Verstand Platz. Sie klammerten sich an tote Formen und wandten sich von der lebendigen Wahrheit und der Kraft Gottes ab.

 

Dies bewies den Verfall des jüdischen Volkes, und auch in unserer Zeit bestätigt es das Scheitern vieler Menschen. Tausende begehen den gleichen Fehler wie die Pharisäer, die Christi Teilnahme am Fest des Matthäus mißbilligten. Viele widerstreben der Wahrheit, die vom Vater des Lichts herabkommt, statt eine liebgewonnene Idee aufzugeben oder den Götzen ihrer vorgefaßten Meinung zu stürzen. Sie vertrauen dem eigenen Ich, stützen sich auf ihre eigene Klugheit und gestehen sich ihre geistliche Armut nicht ein. Sie dringen darauf, in einer Weise erlöst zu werden, zu der sie durch ein bedeutsames Werk beitragen können. Wenn sie feststellen, daß sie sich an dem Heilswirken Jesu nicht beteiligen können, weisen sie die Erlösung zurück. Ein Gesetzesglaube kann niemals Menschen zu Christus führen; denn er ist ohne Liebe und ohne Christus. In Gottes Augen sind Fasten und Beten, in selbstgerechtem Geist geübt, verabscheuungswürdig. Die feierliche Zusammenkunft zum Gottesdienst, der Ablauf der religiösen Handlungen, die zur Schau gestellte Demut und die großartige Opfergabe künden davon, daß der Täter dieser Werke sich selbst für gerecht hält und einen Anspruch auf das Himmelreich habe. Welch eine Täuschung! Mit unseren eigenen Werken können wir uns niemals die Seligkeit erkaufen.

 

Heute ist es genau wie in den Tagen Christi. Die Pharisäer kennen ihre geistliche Armut nicht. Doch an sie ergeht die folgende Botschaft: „Du sprichst: Ich bin reich und habe gar satt und bedarf nichts! und weißt nicht, daß du bist elend und jämmerlich, arm, blind und bloß. Ich rate dir, daß du Gold von mir kaufest, das mit Feuer durchläutert ist, daß du reich werdest, und weiße Kleider, daß du dich antust und nicht offenbar werde die Schande deiner Blöße.“ Offenbarung 3,1718. Glaube und Liebe sind das im Feuer geläuterte Gold. Für viele büßte das Gold jedoch seinen Glanz ein, und der reiche Vorrat ging verloren. Ihnen bedeutet die Gerechtigkeit Christi soviel wie ein ungetragenes Kleid und eine ungenutzte Quelle. Ihnen wird gesagt: „Ich habe wider dich, daß du die erste Liebe verlässest. Gedenke, wovon du gefallen bist, und tue Buße und tue die ersten Werke. Wo aber nicht, werde ich über dich kommen und deinen Leuchter wegstoßen von seiner Stätte, wenn du nicht Buße tust.“ Offenbarung 2,45.

 

„Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter Geist, ein geängstetes, zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten.“ Psalm 51,19. Bevor jemand im wahrsten Sinne des Wortes ein Christusgläubiger zu sein vermag, muß er von seinem Ich frei sein. Nur aus einem Menschen, der seinem Ich entsagt hat, kann der Herr eine neue Kreatur schaffen. Neue „Schläuche“ können dann mit „neuem Wein“ gefüllt werden. So beseelt die Liebe Christi den Gläubigen mit neuem Leben. In jedem, der auf den Anfänger und Vollender unseres Glaubens blickt, wird das Wesen Christi offenbar werden.

 

Kapitel 29: Der Sabbat

 

Der Sabbat wurde bei der Schöpfung geheiligt. Für den Menschen gemacht, hatte er seinen Ursprung, „als mich [Gott] die Morgensterne miteinander lobten und jauchzten alle Gottessöhne“. Hiob 38,7. Frieden erfüllte die Welt; denn die Erde stand mit dem Himmel in Einklang. „Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ 1.Mose 1,31. Da ruhte er voll Freude über das gelungene Werk.

 

„Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn.“ 1.Mose 2,3. Er sonderte ihn ab zu heiligem Dienst, „weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken“. 1.Mose 2,3. Er gab ihn Adam als Ruhetag. Er war ein Gedächtnistag der göttlichen Schöpfung und daher ein Zeichen der Macht und Liebe Gottes. Die Heilige Schrift sagt: „Er hat ein Gedächtnis gestiftet seiner Wunder.“ Psalm 111,4. „Gottes unsichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit, wird ersehen seit der Schöpfung der Welt und wahrgenommen an seinen Werken, so daß sie keine Entschuldigung haben.“ Römer 1,20. Alle Dinge wurden durch den Sohn Gottes geschaffen. „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott ... Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.“ Johannes 1,1-3. Und da der Sabbat ein Gedächtnistag der Schöpfung ist, ist er ein Zeichen der Liebe und der Macht Christi.

 

Der Sabbat lenkt unsere Gedanken auf die Natur und bringt uns in Verbindung mit dem Schöpfer. Im Gesang der Vögel, im Rauschen der Bäume, im plätschern der Wellen können wir noch die Stimme dessen hören, der mit Adam in der Kühle des Tages redete. Indem wir die Kraft Gottes in der Natur wahrnehmen, finden wir reichen Trost; denn das Wort, das alle Dinge schuf, gibt auch unserer Seele Leben. Er, „der da hieß das Licht aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, daß durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi“. 2.Korinther 4,6. Darum singt der Psalmist:

„Herr, du lässest mich fröhlich singen von deinen Werken, und ich rühme die Taten deiner Hände.

Herr, wie sind deine Werke so groß! Deine Gedanken sind sehr tief.“ Psalm 92,56.

Der Heilige Geist erklärt durch den Propheten Jesaja: „Mit wem wollt ihr denn Gott vergleichen? Oder was für ein Abbild wollt ihr von ihm machen? ... Wißt ihr denn nicht? Hört ihr denn nicht? Ist‘s euch nicht von Anfang an verkündigt? Habt ihr‘s nicht gelernt von Anbeginn der Erde? Er thront über dem Kreis der Erde, und die darauf wohnen, sind wie Heuschrecken; er spannt den Himmel aus wie einen Schleier und breitet ihn aus wie ein Zelt, in dem man wohnt ... Mit wem wollt ihr mich also vergleichen, dem ich gleich sei? spricht der Heilige ... Hebet eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, daß nicht eins von ihnen fehlt. Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber: Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.“ Jesaja 40,18-29. — „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir, weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.“ Jesaja 41,10. — „Wendet euch zu mir, so werdet ihr gerettet, aller Welt Enden; denn ich bin Gott, und sonst keiner mehr.“ Jesaja 45,22. Dies ist die Botschaft, die in der Schöpfung niedergelegt wurde und die durch den Sabbat wachgehalten wird. Bei dem Sabbatgebot an Israel sagte der Herr: „Meine Sabbate sollt ihr heiligen, daß sie ein Zeichen seien zwischen mir und euch, damit ihr wißt, daß ich, der Herr, euer Gott bin.“ Hesekiel 20,20.

 

Der Sabbat war in dem auf Sinai gegebenen Gesetz eingeschlossen; aber er wurde nicht erst damals als Ruhetag verkündigt. Das Volk Israel besaß schon die Erkenntnis dieses Tages, ehe es nach Sinai kam; denn auf dem Wege dahin wurde der Sabbat gehalten. Als einige diesen geweihten Tag entheiligten, tadelte sie Gott und sagte: „Wie lange weigert ihr euch, meine Gebote und Weisungen zu halten?“ 2.Mose 16,28.

 

Nicht nur für Israel war der Sabbat gegeben, sondern für die ganze Welt. Schon im Paradies hatte Gott ihn den Menschen verkündet, und gleich den andern Vorschriften des Gesetzes ist seine Gültigkeit unvergänglich. Von dem Gesetz, zu dem das vierte Gebot gehört, erklärt Christus: „Bis daß Himmel und Erde vergehe, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz.“ Matthäus 5,18. Solange Himmel und Erde bestehen, wird der Sabbat immer ein Zeichen der Macht des Schöpfers sein. Und wenn auf Erden das Paradies wieder erblühen wird, dann wird auch Gottes heiliger Ruhetag von allen, die unter der Sonne leben, gefeiert werden. „Einen Sabbat nach dem andern“ werden die Bewohner der gereinigten neuen Erde „kommen, um vor mir anzubeten, spricht der Herr“. Jesaja 66,23.

 

Keine andere Einrichtung, die den Juden anvertraut war, zeichnete sie so sehr vor den umliegenden Völkern aus wie gerade der Sabbat. Gott wollte, daß die Feier dieses Tages sie als seine Anbeter kennzeichne. Der Sabbat sollte ein äußeres Zeichen ihrer Trennung vom Götzendienst sowie ihrer Verbindung mit dem wahren Gott sein. Um aber den Sabbat heiligen zu können, müssen die Menschen selbst heilig sein und durch den Glauben Teilhaber der Gerechtigkeit Christi werden. Als den Israeliten das Gebot gegeben wurde: „Gedenke des Sabbattages, daß du ihn heiligest“, sagte der Herr auch zu ihnen: „Ihr sollt mir heilige Leute sein.“ 2.Mose 20,8; 2.Mose 22,30. Nur so konnte der Sabbat die Israeliten als Anbetende Gottes kennzeichnen.

 

Als die Juden von Gott abwichen und sich dadurch selbst um die Gerechtigkeit Christi brachten, verlor der Sabbat für sie seine Bedeutung. Satan versuchte sich zu erhöhen und die Menschen von Christus abspenstig zu machen. Er strebte danach, den Sabbat zu ändern, weil dieser das Zeichen der Macht Christi ist. Die Führer Israels handelten nach dem Willen Satans, indem sie den Sabbat mit bedrückenden Menschensatzungen umzäunten. Zur Zeit Christi war der Sabbat so verfälscht worden, daß er mehr dem Charakter selbstsüchtiger, willkürlich handelnder Menschen glich, als daß er das Wesen eines liebenden Gottes und Vaters widerspiegelte. Die Rabbiner bezeichneten Gott im Grunde genommen als ein Wesen, das Gesetze erließ, die zu halten Menschen unmöglich war. Sie veranlaßten das Volk, Gott als einen Tyrannen anzusehen und zu glauben, daß die Beachtung des Sabbats, wie sie von Gott verlangt werde, die Menschen hartherzig und grausam mache. Es war Christi Aufgabe, diese falschen Begriffe zu beseitigen. Obgleich er von den Rabbinern mit schonungsloser Feindschaft verfolgt wurde, bemühte er sich nicht im geringsten, ihren Forderungen zu entsprechen, sondern feierte vielmehr den Sabbat in Übereinstimmung mit dem Gesetz Gottes.

 

Als der Heiland und seine Jünger an einem Sabbat von dem Ort der Anbetung zurückkehrten, gingen sie durch ein reifendes Kornfeld. Jesus hatte seinen Dienst an diesem Sabbat bis zum Abend ausgedehnt, und als sie nun durch das Feld gingen, pflückten die Jünger einige Kornähren, rieben sie zwischen den Händen und aßen die Körner. An keinem andern Tage hätte dies irgendwelches Aufsehen erregt; denn es war gestattet, beim Durchschreiten eines Kornfeldes, eines Obst- oder Weingartens beliebig viel Früchte zu pflücken und zu genießen. Nur an einem Sabbat war so etwas nicht erlaubt, ja, es wurde sogar als Sabbatschändung betrachtet. Nicht nur das Pflücken war eine Art Ernte, sondern auch das Reiben zwischen den Händen galt gewissermaßen als ein Dreschen der Frucht. So wurde die Tat der Jünger von den Rabbinern als doppelte Übertretung des Sabbatgebotes bezeichnet.

 

Die schnüffelnden Spione der Rabbiner beklagten sich bei Jesus und sagten: „Siehe, deine Jünger tun, was am Sabbat nicht erlaubt ist.“ Matthäus 12,2.

 

Als Jesus selbst einmal am Teich Bethesda der Sabbatschändung beschuldigt wurde, verteidigte er sich mit der Bezeugung, der Sohn Gottes zu sein und in Einklang mit dem himmlischen Vater zu handeln. Jetzt, da seine Jünger angegriffen wurden, verwies er die Ankläger auf Beispiele aus dem Alten Testament, auf Handlungen, die am Sabbat von solchen Personen vorgenommen worden waren, die im Dienste Gottes standen.

 

Die jüdischen Lehrer rühmten sich ihrer Kenntnis der heiligen Schriften; in des Heilands Antwort lag jedoch ein Vorwurf hinsichtlich ihrer Unwissenheit der Schriften. „Habt ihr nicht gelesen“, sagte er zu ihnen, „was David tat, da ihn und die mit ihm waren, hungerte: wie er in das Gotteshaus ging und aß die Schaubrote, die er doch nicht durfte essen noch die, die mit ihm waren, sondern allein die Priester?“ Matthäus 12,34. „Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht, und nicht der Mensch um des Sabbats willen.“ Markus 2,27. — „Habt ihr nicht gelesen im Gesetz, wie die Priester am Sabbat im Tempel den Sabbat brechen und sind doch ohne Schuld? Ich sage euch aber: Hier ist Größeres als der Tempel ... Des Menschen Sohn ist ein Herr auch über den Sabbat.“ Matthäus 12,568.

 

Wenn es David erlaubt war, von den Broten im Tempel, die doch für einen heiligen Zweck bestimmt waren, zu essen, um seinen Hunger zu stillen, dann war es auch kein Unrecht von den Jüngern, wenn sie am heiligen Sabbattag Ähren ausrauften, um davon zu essen und ihren Hunger zu stillen. Außerdem hatten die Priester am Sabbat mehr zu tun als an anderen Tagen; dieselbe Arbeit zu weltlichen Zwecken wäre sündhaft gewesen, doch das Wirken der Priester geschah im Dienste Gottes. Sie übten jene Gebräuche, die auf die erlösende Kraft Christi hinwiesen, und ihr Dienst war in Übereinstimmung mit dem Sinn und Ziel des Sabbats. Nun aber war Christus selbst gekommen, und die Jünger, die seinen Auftrag ausführten, waren im Dienste Gottes tätig; alles, was zur Erfüllung dieses Auftrages notwendig war, durfte von ihnen auch am Sabbat getan werden.

 

Christus wollte seinen Jüngern und auch seinen Gegnern zeigen, daß der Dienst für den Herrn allem andern vorgehen sollte. Das Werk Gottes in dieser Welt ist auf die Erlösung der Menschen gerichtet; deshalb steht auch das, was am Sabbat getan werden muß, um diese Aufgabe zu fördern, in Einklang mit dem Sabbatgebot. Diese Lehre betonte der Heiland noch dadurch, daß er sich „Herr des Sabbats“ nannte, der erhaben ist über alle Zweifel und auch über das Gesetz. Der ewige Richter sprach die Jünger Jesu von allem Tadel frei, indem er sich gerade auf jenes Gesetz berief, dessen Übertretung man sie bezichtigte. Jesus begnügte sich nicht damit, seinen Gegnern einen Vorwurf zu machen, sondern er erklärte damit, daß sie in ihrer Blindheit den Sinn des Sabbats verkannt hätten. Er sagte: „Wenn ihr aber wüßtet, was das ist: ‚Ich habe Wohlgefallen an der Barmherzigkeit und nicht am Opfer‘, hättet ihr die Unschuldigen nicht verdammt.“ Matthäus 12,7. Die vielen seelenlosen Zeremonien konnten ihren Mangel an aufrichtiger Rechtschaffenheit und hingebungsvoller Liebe, die immer den wahren Anbeter Gottes auszeichnen, nicht ersetzen.

 

Aufs neue wiederholte Christus die Wahrheit, daß die Opfer, in sich selbst wertlos, nur ein Mittel, nicht aber die Erfüllung wären. Ihre Aufgabe war es, die Menschen zum Heiland zu führen und sie dadurch in Übereinstimmung mit Gott zu bringen. Allein den Dienst aus Liebe schätzt Gott; fehlt diese Liebe, dann sind ihm alle Opfer und Formen ein Ärgernis. Genauso ist es auch mit dem Sabbat. Dieser war dazu bestimmt, die Gemeinschaft der Menschen mit Gott herzustellen. Als jedoch das Gemüt der Menschen von lästigen Satzungen in Anspruch genommen wurde, war Gottes Absicht mit dem Sabbat durchkreuzt; die rein äußerliche Beachtung des Sabbats war ein Hohn.

 

An einem andern Sabbat sah Jesus beim Betreten einer Synagoge einen Mann mit einer verdorrten Hand. Die Pharisäer beobachteten ihn, begierig zu sehen, was er tun würde. Jesus wußte wohl, daß er als Übertreter des Gesetzes angesehen würde, wenn er am Sabbat heilte. Dennoch zögerte er nicht, die Schranken der übernommenen Menschensatzungen, die den Sabbat umzäunten, niederzureißen. Er ließ den leidenden Mann hervortreten und fragte dann: „Soll man am Sabbat Gutes tun oder Böses tun, Leben erhalten oder töten?“ Markus 3,4. Bei den Juden herrschte die Regel, daß, wer eine gute Tat unterließ, gleichzeitig eine böse Tat beging; ein gefährdetes Leben nicht zu retten, bedeutete, es zu töten. So schlug Jesus die Juden mit ihren eigenen Waffen. „Sie aber schwiegen stille. Und er sah sie umher an mit Zorn und ward betrübt über ihr verstocktes Herz und sprach zu dem Menschen: Strecke deine Hand aus! Und er streckte sie aus; und seine Hand ward gesund.“ Markus 3,45.

 

Als Jesus gefragt wurde: „Ist‘s auch recht, am Sabbat zu heilen?“, antwortete er: „Welcher ist unter euch, wenn er ein einziges Schaf hat und es fällt ihm am Sabbat in eine Grube, der es nicht ergreife und ihm heraushelfe? Wieviel mehr ist nun ein Mensch als ein Schaf! Darum darf man wohl am Sabbat Gutes tun.“ Matthäus 12,10-12.

 

Die Pharisäer wagten es aus Furcht vor der Menge nicht, dem Herrn zu antworten. Sie wollten sich selbst keine Schwierigkeiten bereiten. Sie wußten genau, daß er die Wahrheit gesprochen hatte. Lieber würden sie einen Menschen seinen Schmerzen überlassen, als ihre Satzungen übertreten. Dagegen befreiten sie ein Schaf aus seiner Notlage, um dem Eigentümer den Verlust zu ersparen. Mithin ließen sie einem Tier größere Sorge angedeihen als dem Menschen, der doch zum Ebenbild Gottes geschaffen ist. Dies veranschaulicht deutlich die Wirkung aller falschen Glaubensrichtungen. Diese entspringen dem Verlangen, sich über Gott zu erheben, enden aber darin, daß sie den Menschen unter das Tier erniedrigen. Jede Religion, die sich gegen die oberste Gewalt Gottes wendet, betrügt den Menschen um die Herrlichkeit, die er bei der Schöpfung besaß, und die ihm von Christus wiedergegeben werden soll. Jede falsche Religion lehrt ihre Anhänger, gegen die menschlichen Bedürfnisse, Leiden und Rechte gleichgültig zu sein; das Evangelium aber legt hohen Wert auf das Menschentum und sieht den Menschen als Erlösten durch das Blut Christi, der in allen Nöten der liebevollsten Aufmerksamkeit wert ist. Der Herr sagt, „daß ein Mann kostbarer sein soll als Feingold und ein Mensch wertvoller als Goldstücke aus Ophir“. Jesaja 13,12.

 

Als Jesus sich an die Pharisäer mit der Frage wandte, ob es recht sei, am Sabbat Gutes zu tun oder Böses, Leben zu retten oder zu töten, stellte er sie ihren eigenen bösen Absichten gegenüber. Sie trachteten ihm mit bitterem Haß nach dem Leben, während er das Leben retten und den Menschen Glückseligkeit bringen wollte. War es nun besser, am Sabbat zu töten, wie sie es zu tun beabsichtigten, oder Kranke zu heilen, wie er es getan hatte? Was war gerechter: alle Menschen zu lieben und dies durch Taten der Barmherzigkeit zu bekunden oder an Gottes heiligem Tage Mordgedanken im Herzen zu hegen?

 

Durch die Heilung der verdorrten Hand verurteilte Jesus die Gebräuche der Juden und handhabte das Sabbatgebot so, wie Gott es einst gegeben hatte. „Darum darf man wohl am Sabbat Gutes tun“, sagte er. Indem er die sinnlosen Einschränkungen der Juden hinwegräumte, ehrte er das wahre Wesen des Sabbats, während Jesu Ankläger Gottes heiligen Tag entehrten.

 

Viele, die die Meinung vertreten, daß Christus das Gesetz abgetan habe, lehren, daß er den Sabbat brach und sogar die Jünger rechtfertigte, als sie das gleiche taten. Solche Propheten stellen sich in Wirklichkeit den krittelnden Juden gleich und widersprechen dem Zeugnis Christi von sich selbst; denn er sagte: Ich halte meines Vaters Gebote und bleibe in seiner Liebe. Johannes 15,10. Weder der Heiland noch seine wahren Nachfolger brachen das Sabbatgebot. Christus war eine lebendige Verkörperung des Gesetzes, von dessen heiligen Vorschriften er nicht eine einzige in seinem Leben übertrat. Er blickte auf ein Volk von Zeugen, die alle eine Gelegenheit suchten, ihn zu verdammen, und er konnte sie unwidersprochen fragen: „Welcher unter euch kann mich einer Sünde zeihen?“ Johannes 8,46.

 

Der Heiland war nicht gekommen, die Worte der Patriarchen und Propheten umzustoßen; denn er selbst hatte durch diese Männer geredet. Alle Wahrheiten des Wortes Gottes kamen von ihm. Aber all diese unschätzbaren Edelsteine waren in eine falsche Fassung gebracht; ihr köstliches Licht war benutzt worden, dem Irrtum zu dienen. Gott wünschte, daß sie aus der Fassung des Irrtums herausgenommen und in den Rahmen der Wahrheit gebracht würden. Dies aber konnte nur durch göttliche Hand geschehen. Durch die Verbindung mit dem Irrtum hatte die Wahrheit dem Feinde Gottes und der Menschen gedient. Nun war Christus gekommen, sie wieder aufzurichten, damit sie Gott verherrlichen und die Seligkeit der Menschheit schaffen sollte.

 

„Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht, und nicht der Mensch um des Sabbats willen“, sagt Jesus. Die Einrichtungen, die Gott geschaffen hat, dienen dem Wohl der Menschheit. „Es geschieht alles um euretwillen.“ 2.Korinther 4,15. — „Es sei Paulus oder Apollos oder Kephas, es sei Welt oder Leben oder Tod, es sei Gegenwärtiges oder Zukünftiges, alles ist euer, ihr aber seid Christi, Christus aber ist Gottes.“ 1.Korinther 3,2223. Das Gesetz der Zehn Gebote, zu denen der Sabbat gehört, gab Gott zum Besten seines Volkes. „Der Herr hat uns geboten, nach all diesen Rechten zu tun, daß wir den Herrn, unsern Gott, fürchten, auf daß es uns wohlgehe unser Leben lang.“ 5.Mose 6,24. Und durch den Psalmisten erhielt Israel die Aufforderung: „Dienet dem Herrn mit Freuden, kommt vor sein Angesicht mit Frohlocken! Erkennet, daß der Herr Gott ist! Er hat uns gemacht und nicht wir selbst zu seinem Volk und zu Schafen seiner Weide. Gehet zu seinen Toren ein mit Danken, zu seinen Vorhöfen mit Loben; danket ihm, lobet seinen Namen!“ Psalm 100,2-4. Von allen, „die den Sabbat halten, daß sie ihn nicht entheiligen“ (Jesaja 56,6), sagt der Herr: „Die will ich zu meinem heiligen Berge bringen und will sie erfreuen in meinem Bethaus.“ Jesaja 56,7.

 

„Des Menschen Sohn ist ein Herr auch über den Sabbat.“ Diese Worte sind voll Belehrung und Trost. Weil der Sabbat um des Menschen willen gemacht wurde, ist er des Herrn Tag. Er gehört Christus; denn alle Dinge sind durch ihn gemacht. Ohne ihn „ist nichts gemacht, was gemacht ist“. Johannes 1,3. Da er alles geschaffen hat, hat er auch den Sabbat eingesetzt; durch ihn wurde dieser als ein Gedächtnistag des Schöpfungswerkes abgesondert, und so weist der Sabbat auf ihn als den Schöpfer und auch als den, der da heiligt. Im Sabbat liegt die Erklärung, daß er, der alle Dinge im Himmel und auf Erden geschaffen hat und in dem alle Dinge zusammengefaßt sind, das Haupt der Gemeinde ist und daß wir durch seine Macht mit Gott versöhnt sind. Gott sagte, indem er von Israel sprach: „Ich gab ihnen auch meine Sabbate zum Zeichen zwischen mir und ihnen, damit sie erkannten, daß ich der Herr bin, der sie heiligt“ (Hesekiel 20,12) — der sie heilig macht. Also ist der Sabbat ein Zeichen der Macht Christi, uns zu heiligen, und er ist allen gegeben, die Christus heiligt. Als ein Zeichen der heiligenden Macht ist der Sabbat allen gegeben, die durch Christus ein Glied des Israels Gottes werden.

 

Der Herr sagt: „Wenn du deinen Fuß am Sabbat zurückhältst und nicht deinen Geschäften nachgehst an meinem heiligen Tage und den Sabbat ‚Lust‘ nennst und den heiligen Tag des Herrn ‚geehrt‘; ... dann wirst du deine Lust haben am Herrn, und ich will dich über die Höhen auf Erden gehen lassen und will dich speisen mit dem Erbe deines Vaters Jakob; denn des Herrn Mund hat‘s geredet.“ Jesaja 58,1314. Allen, die den Sabbat als Zeichen der Schöpfungs- und Erlösungsmacht Christi annehmen, wird er eine Lust sein, und da sie Christus in diesem Tage sehen, werden sie sich in ihm freuen. Der Sabbat weist sie hin auf die Werke der Schöpfung als Beweis seiner mächtigen Kraft, zu erlösen. Während er an den verlorenen Frieden des Paradieses erinnert, spricht er von dem wiedererlangten Frieden durch den Heiland. Jedes Ding in der Natur wiederholt seine Einladung: „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ Matthäus 11,28.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 30: Die Erwählung der Zwölf

 

Auf der Grundlage von Markus 3,13-19; Lukas 6,12-16.

 

„Und er ging auf einen Berg und rief zu sich, welche er wollte, und die gingen hin zu ihm. Und er ordnete zwölf, daß sie bei ihm sein sollten und daß er sie aussendete, zu predigen.“ Markus 3,1314. Es war unter den schützenden Bäumen am Bergabhang, in nur geringer Entfernung vom Galiläischen Meer, da die Zwölf zum Apostelamt berufen wurden; hier hielt Jesus auch die Bergpredigt. Die Felder und Hügel waren seine Lieblingsstätten, und seine Lehren wurden viel mehr unter freiem Himmel als im Tempel oder in den Schulen verkündigt. Kein Gotteshaus hätte die Volksmenge fassen können, die ihm folgte. Und doch lehrte er nicht nur aus diesem Grund im Freien, sondern auch, weil eine große Liebe zur Natur in ihm lebte. Jeder ruhige Ort der Andacht war ihm ein heiliger Tempel.

 

Unter den Bäumen von Eden erwählten sich die ersten Bewohner der Erde ihr Heiligtum. Hier hatte Christus Umgang mit dem Vater der Menschheit. Nachdem unsere ersten Eltern aus dem Paradies verbannt worden waren, beteten sie Gott weiter auf dem Feld und in Hainen an, und dort begegnete ihnen Christus mit seinem Evangelium der Gnade. Es war Christus, der mit Abraham unter den Eichen von Mamre sprach; mit Isaak, als dieser abends aufs Feld hinausging zum Gebet; mit Jakob auf den Höhen bei Bethel; mit Mose inmitten der Berge von Midian und mit dem jungen David, als dieser seine Schafe hütete. Fünfzehnhundert Jahre lang verließen die Hebräer auf Christi Anweisung hin jedes Jahr eine Woche lang ihre Heime und machten sich Hütten aus grünen Zweigen von schönen Bäumen, Palmwedeln und Zweigen von Laubbäumen und Bachweiden. 3.Mose 23,40.

 

Bei der Erziehung seiner Jünger zog sich Jesus gern aus der lauten Stadt in die Ruhe der Felder und Höhen zurück. Das entsprach der Lektion der Selbstverleugnung, die er seine Jünger lehren wollte. Während seines Dienstes pflegte er die Menschen unter dem blauen Himmel, an grasreichen Hängen oder an der Küste des Sees um sich zu sammeln. Hier konnte er, umgeben von den Werken seiner eigenen Schöpfung, die Gedanken seiner Hörer vom Künstlichen auf das Natürliche wenden. Im Wachstum und in der Entfaltung der Natur offenbarten sich die Grundsätze seines Reiches. Wenn die Menschen zu den Höhen Gottes aufsahen und die Wunderwerke seiner Hand wahrnahmen, dann konnten sie wertvolle Lehren der göttlichen Wahrheit lernen. Was Christus ihnen sagte, würden sie in den Dingen der Natur wiederfinden. So geht es allen, die mit Christus im Herzen Feld und Wald durchstreifen. Sie werden sich von einer heiligen Macht umgeben fühlen. Die Natur veranschaulicht die Gleichnisse unseres Herrn und wiederholt seine Ratschläge. Durch die Gemeinschaft mit Gott in der Natur wird der Geist erhoben, und das Herz findet Ruhe.

 

Sein erster Schritt galt nun dem Bau einer Gemeinde, die ihn nach seinem Scheiden auf dieser Erde vertreten sollte. Kein prächtiger Tempel stand ihnen zur Verfügung; doch der Heiland führte seine Jünger nach dem stillen Ort, den er liebte. Hier verbanden sich in ihrem Gemüt für immer die heiligen Erfahrungen jenes bedeutsamen Tages mit dem gewaltigen Eindruck der Schönheit von Berg und Tal und See. Jesus berief seine Jünger, um sie als seine Zeugen auszusenden, damit sie der Welt verkündigten, was sie von ihm gesehen und gehört hatten. Ihr Dienst war der wichtigste, zu dem menschliche Wesen je berufen wurden, und stand dem Dienst Christi am nächsten. Sie sollten für die Errettung der Welt mit Gott wirken. Wie im Alten Testament die zwölf Patriarchen als Vertreter Israels galten, so sollten die zwölf Apostel die Evangeliumsgemeinde vertreten.

 

Der Heiland kannte den Charakter der von ihm erwählten Männer; ihre Fehler und Schwächen lagen offen vor ihm. Er kannte die Gefahren, durch die sie hindurchgehen, die Verantwortungen, die auf ihnen ruhen würden, und er fühlte sich zu diesen Auserwählten hingezogen. Allein auf dem Berge, nahe dem See Genezareth, verbrachte er die ganze Nacht im Gebet für sie, während sie am Fuß des Berges schliefen. Mit dem Heraufdämmern des Morgens rief er sie zu sich, um ihnen eine wichtige Botschaft zu übermitteln. Diese Jünger hatten Jesus bereits eine Zeitlang in seinem Wirken geholfen. Johannes und Jakobus, Andreas und Petrus mit Philippus, Nathanael und Matthäus waren enger mit ihm verbunden gewesen als die andern und hatten auch mehr von seinen Wundern gesehen. Petrus, Jakobus und Johannes waren ihm besonders eng verbunden; sie waren fast immer mit ihm zusammen, sahen seine Wunder und hörten seine Worte. Johannes war noch inniger dem Herrn zugetan. Er wurde als der bezeichnet, den Jesus liebhatte. Der Heiland liebte sie alle; aber Johannes besaß das empfänglichste Gemüt, war der jüngste von ihnen und öffnete Jesus sein Herz in kindlichem Vertrauen. Dadurch wurde die Verbindung mit Christus enger und inniger, und er konnte die tiefsten geistlichen Lehren des Heilandes seinem Volk mitteilen.

 

Als Haupt einer der Gruppen, die sich unter den Aposteln herausgebildet hatten, steht der Name des Philippus. Er war der erste Jünger, zu dem Jesus ausdrücklich sagte: „Folge mir!“ Philippus stammte aus Bethsaida, der Stadt des Andreas und Petrus. Er hatte der Lehre des Täufers gelauscht und dessen Ankündigung Christi als des Lammes Gottes vernommen. Philippus suchte aufrichtig nach der Wahrheit, aber es fiel ihm schwer, zu glauben. Obwohl er sich Christus angeschlossen hatte, beweist die Art, wie er Nathanael von ihm erzählte, daß er von der Göttlichkeit Jesu noch nicht völlig überzeugt war. Die Stimme vom Himmel hatte Christus als Sohn Gottes verkündigt. Dennoch war er für Philippus noch „Jesus, Josephs Sohn von Nazareth“. Johannes 1,45. Sein Mangel an Glauben zeigte sich auch bei der Speisung der Fünftausend. Jesus wollte ihn prüfen mit der Frage: „Wo kaufen wir Brot, daß diese essen?“ Johannes 6,5. Die Antwort des Philippus bekundete seinen Kleinglauben: „Für zweihundert Silbergroschen Brot ist nicht genug unter sie, daß ein jeglicher ein wenig nehme.“ Johannes 6,7. Jesus war bekümmert. Obwohl Philippus seine Werke gesehen und seine Kraft verspürt hatte, mangelte es ihm an Glauben. Als die Griechen Philippus nach Jesus fragten, ergriff er nicht die Gelegenheit, sie mit dem Heiland bekannt zu machen, sondern ging zu Andreas. Auch die Worte des Philippus in den letzten Stunden vor der Kreuzigung waren geeignet, den Glauben zu entmutigen. Thomas sprach zu Jesus: „Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; und wie können wir den Weg wissen?“ Der Herr antwortete: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben ... Wenn ihr mich kenntet, so kenntet ihr auch meinen Vater.“ Philippus erwiderte zweifelnd: „Herr, zeige uns den Vater, so ist‘s uns genug.“ Johannes 14,5-8. So schwerfällig und schwach im Glauben war der Jünger, der schon drei Jahre mit Jesus wandelte.

 

In hellem Gegensatz zum Unglauben des Philippus steht das kindliche Vertrauen des Nathanael. Er hatte ein von tiefem Ernst geprägtes Wesen, und sein Glaube hielt sich an die unsichtbare Wirklichkeit. Doch Philippus war ein Schüler in der Schule Christi, und der göttliche Lehrer hatte Geduld mit seinem Unglauben und seiner Trägheit. Nachdem aber der Heilige Geist auf die Jünger ausgegossen worden war, wurde Philippus ein Lehrer nach der göttlichen Weisung. Nun wußte er, wovon er sprach, und er lehrte mit einer Gewißheit, die seine Hörer überzeugte. Während Jesus die Jünger auf ihren Dienst vorbereitete, drängte sich einer unter sie, der nicht dazu berufen worden war. Es war Judas Ischariot, ein angeblicher Nachfolger Christi. Er trat nun vor und bat um einen Platz in dem engeren Jüngerkreis. Mit großem Ernst und scheinbarer Aufrichtigkeit erklärte er: „Meister, ich will dir folgen, wo du hingehst.“ Matthäus 8,19. Jesus wies ihn weder zurück, noch hieß er ihn willkommen, er sagte nur die ernsten Worte: „Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber des Menschen Sohn hat nicht, wo er sein Haupt hinlege.“ Matthäus 8,20. Judas glaubte, daß Jesus der Messias sei, und indem er sich den Jüngern anschloß, hoffte er sich einen hohen Rang in dem neuen Reich zu sichern. Dieser Hoffnung wollte Jesus durch die Erklärung seiner Armut den Boden entziehen.

 

Nach dem Wunsch der Jünger sollte Judas einer der ihren werden. Er war eine achtunggebietende Erscheinung, besaß dazu ein klares Urteilsvermögen und einen praktischen Sinn. Sie empfahlen ihn darum dem Herrn als einen Mann, der ihm bei seiner Aufgabe sehr behilflich sein werde; und sie wunderten sich, ihn von Jesus so kühl empfangen zu sehen.

 

Sie waren sehr enttäuscht, daß Jesus nicht versuchte, die Mitarbeit der führenden Männer Israels zu gewinnen. Sie glaubten, er beginge einen Fehler, daß er sein Werk nicht durch die Unterstützung dieser einflußreichen Männer bekräftigte. Hätte er Judas zurückgewiesen, so würden sie in ihrem Innern die Weisheit Jesu in Zweifel gezogen haben. Die spätere Geschichte des Judas sollte ihnen die Gefahr zeigen, irgendwelche weltlichen Rücksichten zu erwägen, wenn es darauf ankommt, geeignete Männer für das Werk Gottes zu bestimmen. Die Mitwirkung solcher Leute, wie sie die Jünger gern gesehen hätten, würde das Werk Gottes in die Hände seiner ärgsten Feinde gebracht haben.

 

Dennoch war Judas, als er sich den Jüngern anschloß, nicht empfindungslos gegenüber dem göttlichen Charakter des Heilandes. Er fühlte den Einfluß jener Macht, welche die Seelen zu Christus zog. Der Heiland, der nicht gekommen war, das zerstoßene Rohr zu zerbrechen und den glimmenden Docht auszulöschen, wollte auch diese Seele nicht zurückweisen, solange noch ein Verlangen nach Licht in ihr vorhanden war. Jesus kannte das Herz des Judas; er kannte die Tiefen der Bosheit, in denen dieser versinken mußte, wenn er sich nicht durch die Gnade Gottes befreien ließ. Mit der Aufnahme in Jesu Jüngerkreis bekam Judas Gelegenheit, durch das tägliche Zusammensein mit dem Heiland dessen uneigennützige Liebe kennenzulernen. Öffnete er Jesus sein Herz, dann würde die göttliche Gnade den Dämon der Selbstsucht daraus verbannen, und Judas könnte ein Bürger im Reiche Gottes werden.

 

Gott nimmt die Menschen mit ihren menschlichen Charaktereigenschaften und erzieht sie zu seinem Dienst, wenn sie sich bessern lassen und von ihm lernen. Sie werden nicht berufen, weil sie vollkommen sind, sondern trotz ihrer Unvollkommenheit werden sie erwählt, damit sie durch die Erkenntnis und Ausübung der Wahrheit aus göttlicher Gnade in das Ebenbild ihres Meisters umgewandelt werden. Judas hatte die gleichen Möglichkeiten wie die anderen Jünger auch. Er empfing dieselben köstlichen Lehren wie sie; aber der Wandel in der Wahrheit, wie ihn Christus verlangte, widersprach seinen eigenen Wünschen und Absichten. Er wollte seine menschliche Meinung nicht aufgeben, um himmlische Weisheit zu empfangen.

 

Wie nachsichtig behandelte Jesus den, der doch sein Verräter sein würde! Er verweilte in seinen Lehren besonders bei den Grundsätzen der Wohltätigkeit und traf damit die Wurzel des Geizes. Er zeigte Judas das Häßliche der Habsucht, und oft erkannte Judas seinen eigenen Charakter und seine Sündhaftigkeit in der Schilderung Jesu. Er konnte sich aber nicht dazu überwinden, seine Ungerechtigkeit zu bekennen und aufzugeben, sondern setzte selbstherrlich seine betrügerischen Handlungen fort, statt der Versuchung zu widerstehen. Christus war ihm ein lebendiges Vorbild, wie er werden mußte, wenn er den rechten Nutzen aus der göttlichen Vermittlung und dem göttlichen Dienen zöge; aber Lehre auf Lehre ließ er unbeachtet. Jesus gab ihm keinen scharfen Verweis wegen seines Geizes, sondern trug diesen Sünder mit göttlicher Geduld. Er gab Judas aber Beweise, daß er in seinem Herzen lesen konnte wie in einem aufgeschlagenen Buch. Er gab ihm den höchsten Ansporn zum rechten Handeln, und Judas würde keine Entschuldigung haben, verwürfe er das himmlische Licht.

 

Statt im Licht zu wandeln, zog Judas es vor, seine Fehler zu behalten. Er nährte böse Wünsche, rachsüchtige Leidenschaften und finstere, trotzige Gedanken, bis Satan volle Gewalt über ihn hatte. So wurde Judas ein Vertreter des Feindes Christi. Als er mit Jesus in Verbindung trat, besaß er manche guten Charakterzüge, die der Gemeinde hätten zum Segen werden können. Wäre er willig gewesen, das Joch Christi zu tragen, so hätte er einer der ersten Apostel sein können; aber er verhärtete sein Herz, wenn ihm seine Fehler gezeigt wurden, nährte stolz und widerspenstig seinen selbstsüchtigen Ehrgeiz und machte sich dadurch selbst unfähig für die Aufgabe, die Gott ihm gegeben haben würde.

 

Alle Jünger hatten ernste Fehler, als Jesus sie in seinen Dienst rief. Selbst Johannes, der mit dem Sanftmütigen und Demütigen in engste Verbindung kam, war von Natur nicht sanft und hingebend, sondern man nannte seinen Bruder und ihn „Donnerskinder“. Markus 3,17. Jede Geringschätzung, die dem Herrn erwiesen wurde, erregte die Entrüstung und Kampfeslust dieser Jünger; Heftigkeit, der Geist der Rache und der Kritik waren Eigenschaften des geliebten Jüngers; er war stolz und wäre gern der Erste im Reiche Gottes gewesen. Aber Tag für Tag nahm er — im Gegensatz zu seiner eigenen Reizbarkeit — die liebevolle Langmut Jesu wahr und hörte die Lehren der Demut und Geduld. Er öffnete sein Herz dem göttlichen Einfluß und wurde nicht nur ein Hörer, sondern auch ein Täter der Worte des Heilandes. Sein eigenes Ich wurde in Christus verborgen; er lernte, das Joch Christi auf sich zu nehmen und seine Last zu tragen.

 

Jesus tadelte seine Jünger, er ermahnte und warnte sie; aber Johannes und seine Brüder verließen ihn nicht. Sie wählten ihn trotz seiner Verweise, und der Heiland zog sich auch nicht wegen ihrer Schwächen und Mängel von ihnen zurück. Sie teilten bis zum Ende seine Schwierigkeiten mit ihm, nahmen sich seinen Wandel zum Vorbild und ließen ihren Charakter und ihre Eigenheiten durch seinen Einfluß umwandeln.

 

Die Apostel waren ihren Gewohnheiten und ihrer Veranlagung nach sehr verschieden. Unter ihnen befanden sich der Zöllner Levi-Matthäus und der Feuerkopf Simon, der unnachgiebige Feind der römischen Macht; der kühne, von jedem Ereignis bewegte Petrus und der niedrig gesinnte Judas; ferner der treuherzige, aber zaghafte und furchtsame Thomas, Philippus mit seinem trägen Herzen und seinem zweiflerischen Verstand und die ehrgeizigen, freimütigen Söhne des Zebedäus mit ihren Gefährten. Diese alle mit ihren verschiedenen Fehlern, mit angeborenen und angewöhnten Neigungen zum Bösen wurden zusammengebracht, um in Christus und durch ihn in der Familie Gottes zu wohnen und zu lernen, eins im Glauben, in der Lehre und im Geist zu werden. Sie würden Prüfungen, Schwierigkeiten und Meinungsverschiedenheiten zu begegnen haben; aber wenn Christus in ihren Herzen wohnte, konnte keine Uneinigkeit unter ihnen sein. Seine Liebe würde sie dahin bringen, einander zu lieben; die Lehre Jesu würde alle Verschiedenheiten in Einklang bringen und die Jünger so eng verbinden, bis sie gleichen Sinnes und gleichen Urteils wären. Christus ist der große Mittelpunkt, und sie würden sich einander nähern in dem gleichen Verhältnis, wie sie sich dem Mittelpunkt näherten.

 

Nachdem Jesus die Unterweisung der Jünger beendet hatte, sammelte er die kleine Schar um sich, kniete mitten unter ihnen nieder, legte seine Hände auf ihre Häupter und weihte sie mit einem Gebet zu ihrer heiligen Aufgabe. Auf diese Weise wurden die Jünger des Herrn zum Evangeliumsdienst bestimmt.

 

Christus erwählt nicht die unschuldigen Engel als seine Stellvertreter auf Erden, sondern bestimmt dazu menschliche Wesen, die die gleichen Eigenschaften haben wie seine erlösungsbedürftigen Geschöpfe. Christus selbst wurde „gleich wie ein anderer Mensch“ (Philipper 2,7), damit er die Menschheit erreichen konnte; denn nur das Göttliche im Verein mit dem Menschlichen konnte der Welt Heil bringen. Das Göttliche brauchte das Menschliche als Mittel, um eine Verbindung zwischen dem Schöpfer und dem Geschöpf herzustellen. So ist es mit den Dienern und Boten Jesu. Der Mensch bedarf einer Macht, die außer ihm liegt, um in ihm wiederum das Ebenbild Gottes zu erneuern und ihn zu befähigen, Gottes Werk zu tun. Das jedoch läßt das menschliche Werkzeug nicht unwichtig werden. Der Mensch ergreift die göttliche Kraft, Christus wohnt im Herzen des Menschen durch den Glauben, und durch die Verbindung mit dem Göttlichen wird die Kraft des Menschen fähig, Gutes zu tun.

 

Der die schlichten Fischer von Galiläa erwählte, beruft noch heute die Menschen in seinen Dienst, und er ist noch genauso bereit, seine Macht durch uns zu offenbaren, wie er sie durch die ersten Jünger offenbarte. Wie unvollkommen und sündhaft wir auch sein mögen, der Herr will unser Teilhaber sein; er bietet uns eine Lehrzeit bei ihm an! Er ladet uns ein, uns unter den göttlichen Einfluß zu stellen, damit wir, durch innige Gemeinschaft mit Christus verbunden, die Werke Gottes tun können. „Wir haben aber solchen Schatz in irdenen Gefäßen, auf daß die überschwengliche Kraft sei Gottes und nicht von uns.“ 2.Korinther 4,7. Darum wurde auch die Verkündigung des Evangeliums irrenden Menschen und nicht Engeln übertragen. Es ist offenbar, daß die Kraft, welche durch schwache Menschen wirkt, die Kraft Gottes ist. Dadurch werden wir ermutigt zu glauben, daß die Kraft, welche andern helfen kann, die genauso hilfsbedürftig sind wie wir, auch uns aufhelfen wird. Die selbst umgeben sind mit Schwachheit, sollten mitfühlen können mit denen, „die da unwissend sind und irren“. Hebräer 5,2.

 

Wer in Gefahr gewesen ist, kennt die Schwierigkeiten des Weges und kann deshalb denen von Nutzen sein, die sich in gleicher Gefahr befinden. Es gibt Seelen, die vom Zweifel geplagt, mit Gebrechen beladen und schwach im Glauben sind sowie unfähig, den Unsichtbaren zu erfassen; aber ein Freund, den sie sehen können und der zu ihnen kommt an Christi Statt, kann das Bindeglied werden, das ihren schwankenden Glauben an Christus stärkt. Wir sollen mit den Engeln des Himmels zusammenwirken, um der Welt den Heiland nahezubringen. Mit ungeduldigem Eifer warten die Engel auf unsere Mitarbeit; denn der Mensch muß das Werkzeug sein, durch das die Welt Mitteilungen erhält. Wenn wir uns mit ungeteiltem Herzen Christus ergeben, freuen sich die Engel, daß durch unsern Mund Gottes Liebe verkündigt wird.

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 31: Die Bergpredigt


Auf der Grundlage von Matthäus 5; Matthäus 6; Matthäus 7.


Christus versammelte seine Jünger selten allein, wenn er lehren wollte. Er suchte sich nicht nur die Zuhörer aus, die den Weg des Lebens bereits kannten, sondern es war seine Aufgabe, die Masse des Volkes zu erreichen, die in Unwissenheit und Irrtum lebte. Er verkündigte die Lehre der Wahrheit dort, wo sie das verfinsterte Verständnis erreichen konnte. Er selbst war die Wahrheit, mit umgürteten Lenden und segnenden Händen bereit, durch Worte der Warnung, Ermahnung und Ermutigung alle aufzurichten, die ihn suchten.


Obgleich die Bergpredigt besonders für die Jünger bestimmt war, wurde sie vor einer großen Zuhörermenge gehalten. Nach der Berufung zum Apostelamt ging Jesus mit den Jüngern an den See, wo die Menge sich schon am frühen Morgen zu versammeln begann. Außer den fast regelmäßig kommenden Galiläern waren Leute aus Judäa und selbst aus Jerusalem, Peräa, Dekapolis, Idumäa, aus Tyrus und Sidon und aus den phönizischen Städten an der Küste des Mittelländischen Meeres erschienen. „Eine große Menge, die seine Taten hörten, kamen zu ihm.“ Markus 3,8. „Und alles Volk begehrte, ihn anzurühren; denn es ging Kraft von ihm aus und heilte alle.“ Lukas 6,19.


Der schmale Strand aber gewährte — selbst wenn sie standen — nicht genug Platz für alle, die seine Stimme hören wollten; deshalb führte Jesus seine Zuhörer an einen Bergabhang. Als sie eine ebene Fläche erreichten, die einen geeigneten Versammlungsort für die große Menge bot, ließ sich Jesus auf den Rasen nieder. Die Jünger und alle anderen folgten seinem Beispiel. Die Jünger saßen stets in nächster Nähe des Heilandes. Sie ließen sich auch hier durch das andrängende Volk ihren Platz nicht streitig machen. Sie setzten sich ganz dicht in Jesu Nähe, um nicht ein Wort seiner Unterweisung zu verlieren. Sie waren aufmerksame Zuhörer, begierig, die Wahrheiten zu erfassen, die sie allen Völkern und allen Generationen verkündigen sollten.


Heute nun hielten sie sich besonders zu ihrem Herrn, da sie fühlten, es würde sich etwas Außergewöhnliches ereignen. Sie glaubten, daß das Reich Christi bald aufgerichtet würde, und aus den Vorgängen vom Morgen vermuteten sie nun eine entsprechende Äußerung darüber. Große Erwartung herrschte unter den Zuhörern. Die gespannten Gesichter zeugten von tiefer Anteilnahme. Als sich alle an dem grünen Abhang niedergelassen hatten und auf Jesu Worte warteten, wurden ihre Herzen mit Gedanken an die kommende Herrlichkeit erfüllt. Es waren Schriftgelehrte und Pharisäer unter ihnen, die dem Tage entgegensahen, der ihnen die Herrschaft über die verhaßten Römer bringen und die Reichtümer und die Pracht des größten Weltreiches zu eigen geben würde. Die armen Landleute und Fischer hofften ihrerseits auf die Versicherung, daß ihre elenden Hütten, die kärgliche Nahrung, das mühevolle Leben, die Furcht vor der Not vertauscht würden gegen Wohnungen des Überflusses und Tage der Sorglosigkeit. Sie hofften, daß Christus ihnen an Stelle ihres groben Gewandes, das ihnen am Tage Kleid und in der Nacht Decke war, die reichen und kostbaren Gewänder ihrer Unterdrücker gäbe. Alle Herzen wurden von der stolzen Erwartung ergriffen, daß Israel bald als das auserwählte Volk des Herrn von allen Völkern geehrt und Jerusalem zur Hauptstadt eines Weltreichs erhoben würde.


Christus enttäuschte diese Hoffnung auf irdische Größe. In der Bergpredigt versuchte er, ihre durch falsche Belehrung entstandene Vorstellung zu zerstreuen und seinen Zuhörern einen richtigen Begriff von seinem Reich und seinem persönlichen Charakter zu geben, ohne dabei den Irrtum des Volkes unmittelbar anzugreifen. Er sah das Elend der Welt, das die Sünde hervorgebracht hatte; dennoch gab er ihnen keine lebhafte Schilderung ihrer Not. Er belehrte sie eines Besseren, als sie je gekannt hatten. Ohne ihre Ansichten über das Reich Gottes zunichte zu machen, erklärte er ihnen die Bedingungen, unter denen allein sie hineingelangen könnten. Er ließ sie über die Natur dieses Reiches ihre eigenen Schlüsse ziehen. Die Wahrheiten, die er hier lehrte, sind für uns heute nicht weniger wichtig, als sie es für die ihm nachfolgende Menge waren. Wir müssen ebenso notwendig wie sie die Grundlagen des Reiches Gottes kennenlernen.


Die ersten Worte Christi auf dem Berge waren Worte des Segens. Er preist diejenigen glücklich, die ihre geistliche Armut erkennen und ihr Bedürfnis nach Erlösung fühlen; denn das Evangelium soll den Armen gepredigt werden. Nicht den geistlich Stolzen, die behaupten, reich zu sein und nichts zu bedürfen, wird es offenbart, sondern den Demütigen und Zerknirschten. Nur eine Quelle ist dem Sünder heilsam — nur eine Quelle für die geistlich Armen.


Das stolze Herz strebt danach, das Heil zu erwerben. Unser Anrecht jedoch auf den Himmel und unsere Tauglichkeit dafür liegen in der Gerechtigkeit Christi. Der Herr kann zur Erneuerung der Menschen nichts tun, bis der Mensch, überzeugt von seiner Schwäche und frei von aller Überheblichkeit, sich ganz der Herrschaft Gottes übergibt. Erst dann kann er die Gabe empfangen, die Gott ihm schenken will. Der Seele mit einem solchen Bedürfnis wird nichts vorenthalten, sie hat ungehinderten Zutritt zu jenem, in dem alle Fülle wohnt. „Denn so spricht der Hohe und Erhabene, der ewig wohnt, dessen Name heilig ist: Ich wohne in der Höhe und im Heiligtum und bei denen, die zerschlagenen und demütigen Geistes sind, auf daß ich erquicke den Geist der Gedemütigten und das Herz der Zerschlagenen.“ Jesaja 57,15. „Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.“ Matthäus 5,4. Durch diese Worte lehrt Jesus nicht, daß im Leidtragen die Macht liege, die Schuld der Sünde hinwegzunehmen; er billigt keine Scheinheiligkeit oder vorgetäuschte Demut. Das Leidtragen, von dem er spricht, besteht nicht in Trübsinn und Klagen. Während wir aber über die Sünde trauern, sollen wir uns der köstlichen Gnade freuen, Gottes Kinder zu sein.


Wir trauern oft, weil uns unsere bösen Taten unangenehme Folgen bringen. Das aber ist keine Reue. Wahre Reue über die Sünde wirkt nur der Heilige Geist. Der Geist offenbart die Undankbarkeit des Herzens, das den Heiland vernachlässigt und betrübt hat, und bringt uns in Zerknirschung zum Fuß des Kreuzes. Durch jede Sünde wird Jesus aufs neue verwundet. Wenn wir auf ihn blicken, den wir „durchbohrt haben“, trauern wir über die Sünde, die Qual über ihn gebracht hat. Ein solches Leidtragen wird dazu führen, der Sünde zu entsagen.


Der weltlich gesinnte Mensch wird dieses Trauern eine Schwäche nennen. Es ist aber vielmehr die Kraft, die den Reuigen an den Ewigen bindet, und zwar durch Bande, die nicht zerrissen werden können. Es zeigt, daß Engel Gottes der Seele die Gnade zurückbringen, die durch Herzenshärtigkeit und Übertretungen verloren war. Die Tränen des Bußfertigen sind nur Regentropfen, die dem Sonnenschein der Gerechtigkeit vorangehen. Dies Trauern kündet von einer Freude, die zu einem lebendigen Brunnen in der Seele wird. „Allein erkenne deine Schuld, daß du wider den Herrn, deinen Gott, gesündigt hast.“ Jeremia 3,13. „So will ich nicht zornig auf euch blicken. Denn ich bin gnädig, spricht der Herr, und will nicht ewiglich zürnen.“ Jeremia 3,12 (Bruns). Den „Trauernden zu Zion“ schafft er, „daß ihnen Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauerkleid, Lobgesang statt eines betrübten Geistes gegeben werden, daß sie genannt werden, ‚Bäume der Gerechtigkeit‘“. Jesaja 61,3.


Für alle, die in Not und Kummer trauern, gibt es einen Trost, und die Bitterkeit des Grams und der Demütigung ist besser als die Befriedigungen der Sünde. Durch Trübsal offenbart uns Gott die Schandflecke in unserm Charakter, damit wir durch seine Gnade unsere Fehler überwinden. Unsere uns unbekannten Schwächen werden aufgedeckt, und wir werden auf die Probe gestellt, ob wir den Tadel und die Ratschläge Gottes annehmen. Wenn Trübsal über uns hereinbricht, sollen wir nicht zagen und klagen, uns nicht dagegen auflehnen oder uns der Hand Christi entwinden, sondern unsere Seele vor Gott demütigen. Des Herrn Wege sind dem verborgen, der alles in einem ihm wohlgefälligen Licht zu sehen wünscht; sie scheinen der menschlichen Natur dunkel und freudlos, und doch sind Gottes Wege Pfade der Barmherzigkeit, und ihr Ende ist Heil. Elia wußte nicht, was er tat, als er in der Wüste, seines Lebens überdrüssig, den Herrn bat, ihn sterben zu lassen. Der Herr in seiner Barmherzigkeit nahm ihn nicht beim Wort; er hatte noch eine große Aufgabe für ihn bereit, und wenn sie ausgeführt war, sollte er nicht entmutigt und einsam in der Wüste umkommen. Ihm war nicht bestimmt, in den Staub des Todes hinabzusinken, sondern aufzufahren in Herrlichkeit, getragen von himmlischen Wagen, zum Throne Gottes in der Höhe.


Gottes Wort sagt den Bekümmerten: „Ihre Wege habe ich gesehen, aber ich will sie heilen und sie leiten und ihnen wieder Trost geben.“ Jesaja 57,18. „Ich will ihr Trauern in Freude verwandeln und sie trösten und sie erfreuen nach ihrer Betrübnis.“ Jeremia 31,13. „Selig sind die Sanftmütigen.“ Matthäus 5,5. Die Schwierigkeiten, auf die wir stoßen, können durch die Sanftmut, die sich in Christus verbirgt, sehr vermindert werden. Wenn wir die Demut Jesu besitzen, werden wir uns über Geringschätzung, abweisende Antworten, Belästigungen, denen wir täglich unterworfen sind, hinwegsetzen; sie werden unser Gemüt nicht betrüben. Der höchste Beweis christlichen Adels ist Selbstbeherrschung. Wer bei Beleidigungen und Grausamkeiten versäumt, einen ruhigen und vertrauensvollen Geist zu bewahren, beraubt Gott seines Anspruches, in ihm die Vollkommenheit seines Wesens zu offenbaren. Die Herzensdemut ist die Kraft, die den Nachfolgern Christi den Sieg verleiht; sie ist das Zeichen ihrer Verbindung mit den himmlischen Höfen.


„Der Herr ist hoch und sieht auf den Niedrigen und kennt den Stolzen von ferne.“ Psalm 138,6. Die den sanftmütigen und demütigen Geist Christi offenbaren, werden von Gott sorgsam beachtet. Sie mögen von der Welt verachtet werden, doch in seinen Augen sind sie sehr wertvoll. Nicht nur die Weisen, die Großen, die Wohltäter bekommen Zutritt zu den himmlischen Höfen; nicht nur die geschäftigen Arbeiter, die voll Eifer rastlos schaffen, nein, sondern die geistlich Armen, die sich nach der Gegenwart eines in ihnen wohnenden Heilandes sehnen; die von Herzen Demütigen, deren höchstes Streben dahin geht, Gottes Willen zu tun — diese werden reichen Eingang haben. Sie werden zu der Schar gehören, die ihre Kleider gewaschen und sie hell gemacht haben im Blut des Lammes. „Darum sind sie vor dem Thron Gottes und dienen ihm Tag und Nacht in seinem Tempel; und der auf dem Thron sitzt, wird über ihnen wohnen.“ Offenbarung 7,15.


„Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit.“ Matthäus 5,6. Das Bewußtsein der Unwürdigkeit wird das Herz veranlassen, nach der Gerechtigkeit zu hungern und zu dürsten, und dies Verlangen wird nicht enttäuscht werden. Wer Jesus einen Platz in seinem Herzen einräumt, wird seine Liebe erfahren. Allen, die sich danach sehnen, das Ebenbild des göttlichen Charakters zu tragen, wird ihr Sehnen erfüllt werden. Der Heilige Geist läßt die Seele, die auf Jesus schaut, niemals ohne Beistand; er nimmt von dem Reichtum Christi und zeigt ihn ihr, und wenn das Auge auf Christus gerichtet bleibt, hört das Wirken des Heiligen Geistes nicht auf, bis die Seele nach seinem Bilde umgestaltet ist. Die Macht der Liebe wird die Seele reiner und größer machen und für höhere Ziele und für eine tiefere Erkenntnis der himmlischen Dinge befähigen. Dann wird sie „die Fülle haben“. Jeremia 31,14. „Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.“ Matthäus 5,6.


Die Barmherzigen werden Barmherzigkeit erlangen. Und die reines Herzens sind, werden Gott schauen. Jeder unreine Gedanke befleckt die Seele, beeinträchtigt das sittliche Empfinden und trägt dazu bei, die Eindrücke des Heiligen Geistes zu verwischen; der geistliche Blick wird getrübt, so daß die Menschen Gott nicht wahrnehmen können. Der Herr will dem reumütigen Sünder vergeben und vergibt ihm auch; dennoch bleibt die Seele befleckt. Alle unreinen Worte und Gedanken müssen von dem vermieden werden, der die geistliche Wahrheit sicher wahrnehmen möchte.


Aber die Worte Christi schließen noch mehr ein als ein Freisein von gedanklicher Unreinheit, auch mehr als ein Freisein von jenen förmlichen Vergehen, die von den Juden so sorgfältig vermieden wurden. Die Selbstsucht hindert uns daran, Gott zu schauen. Der eigennützige Geist beurteilt Gott gerade so, wie er selbst ist. Solange wir nicht der Selbstsucht entsagt haben, können wir Gott, der die Liebe ist, nicht verstehen. Nur ein selbstloses Herz, ein demütiger und vertrauender Geist wird erkennen, daß Gott „barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue“ (2.Mose 34,6) ist.


„Selig sind die Friedfertigen.“ Matthäus 5,9. Der Friede Christi ist aus der Wahrheit geboren; er ist Übereinstimmung mit Gott. Die Welt befindet sich in Feindschaft mit dem Gesetz Gottes, die Sünder sind‘s mit ihrem Schöpfer und darum auch miteinander. Der Psalmist aber sagt: „Großen Frieden haben, die dein Gesetz lieben; sie werden nicht straucheln.“ Psalm 119,165. Menschen können keinen Frieden schaffen, Menschliche Pläne zur Läuterung und zur Veredelung des einzelnen oder der Gesellschaft werden keinen Frieden vermitteln können, weil sie das Herz nicht erreichen. Die einzige Macht, die wahren Frieden schaffen oder bestehen lassen kann, ist die Gnade Christi. Wenn diese im Herzen Wurzel geschlagen hat, wird sie alle bösen Leidenschaften, die Zank und Entfremdung verursachen, vertreiben. „Es sollen Zypressen statt Dornen wachsen und Myrten statt Nesseln“ (Jesaja 55,13), und „die Wüste und Einöde wird frohlocken, und die Steppe wird jubeln und wird blühen wie die Lilien“. Jesaja 35,1.


Die Menge der Zuhörer wunderte sich sehr über diese Lehren, die den Vorschriften und dem Beispiel der Pharisäer so widersprachen. Das Volk glaubte, das Glück liege im Besitz irdischer Güter, und Ruhm und Ehre der Menschen seien begehrenswert. Es war äußerst angenehm, „Rabbi“ genannt, für weise und fromm gehalten und öffentlich als tugendhaft gepriesen zu werden; hierin schien der Gipfelpunkt irdischer Freude zu liegen. Aber zu jenen zahlreichen Zuhörern sagte der Heiland, daß weltliche Ehre und irdischer Gewinn alles seien, was jene Menschen als Belohnung je empfangen würden. Er sprach mit großer Bestimmtheit, und eine überzeugende Kraft begleitete seine Worte. Die Zuhörer wurden ganz still; ein Gefühl der Furcht überkam alle. Sie sahen einander zweifelnd an. Wer von ihnen würde dann gerettet werden, wenn dieses Mannes Lehren wahr wären! Viele ließen sich überzeugen, daß der Geist Gottes diesen bemerkenswerten Mann trieb und daß seine Gedanken himmlischen und göttlichen Ursprungs waren.


Nachdem Christus das Wesen des wahren Glückes erläutert und den Weg zu ihm gezeigt hatte, betonte er mit großem Nachdruck die Pflichten seiner Jünger, als von Gott erwählte Lehrer andere auf den Pfad der Gerechtigkeit und des ewigen Lebens zu leiten. Er wußte, daß sie oft unter Enttäuschungen und Entmutigungen zu leiden hätten, daß sie auf entschiedenen Widerstand stoßen und daß man sie beschimpfen und ihr Zeugnis verwerfen würde. Jesus wußte genau, daß diese einfachen Männer, die so aufmerksam seinen Worten folgten, in der Ausübung ihres Evangeliumsdienstes Verleumdung, Marter, Gefängnis und Tod erleiden würden. Darum sagte er weiter: „Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn das Himmelreich ist ihr. Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles wider euch, so sie daran lügen. Seid fröhlich und getrost; es wird euch im Himmel wohl belohnt werden. Denn also haben sie verfolgt die Propheten, die vor euch gewesen sind.“ Matthäus 5,10-12.


Die Welt liebt die Sünde und haßt die Gerechtigkeit. Dies war auch die Ursache ihrer Feindschaft gegen Jesus. Alle, die seine große Liebe verwerfen, werden das Christentum als störendes Element betrachten. Das Licht Christi vertreibt die Finsternis, die ihre Sünden zudeckt, und die Notwendigkeit einer Erneuerung wird offenbar. Während alle, die sich dem Wirken des Heiligen Geistes überlassen, den Kampf gegen das eigene „Ich“ beginnen, streiten diejenigen, die der Sünde anhangen, gegen die Wahrheit und ihre Vertreter.


Auf diese Weise entsteht Uneinigkeit; die Nachfolger Christi werden als Unruhestifter unter dem Volk angeklagt. Es ist aber die Gemeinschaft mit Gott, die ihnen der Welt Feindschaft einbringt. Sie tragen die Schmach Christi, sie wandern den gleichen Weg, den der Edelste der Erde voranging, darum sollten sie mit Freudigkeit und nicht unter Klagen die Verfolgungen erdulden. Jede Feuerprobe ist ein Mittel Gottes zu ihrer Läuterung. Jede Läuterung macht sie fähiger, ihre Aufgabe als Mitarbeiter Gottes zu erfüllen. Jeder Kampf hat seinen Zweck in dem großen Streit für die Gerechtigkeit, und jeder wird zur Freude an dem endgültigen Triumph beitragen. Wenn Christi Nachfolger dies im Auge haben, werden sie ihrer Glaubens- und Geduldsprobe bedeutend freudiger entgegengehen, statt sie zu fürchten und zu umgehen. Besorgt, ihre Pflichten der Welt gegenüber zu erfüllen und sich ganz nach dem Wohlgefallen Gottes zu richten, werden seine Diener jeder Verpflichtung ohne Rücksicht auf Menschengunst gewissenhaft nachkommen.


„Ihr seid das Salz der Erde“ (Matthäus 5,13), sagte Jesus. Entzieht euch nicht der Welt, um Verfolgungen zu entgehen. Ihr sollt unter den Menschen bleiben, damit die Würze der göttlichen Liebe sei wie das Salz, um die Welt vor dem Verderben zu bewahren.


Herzen, die den Heiligen Geist an sich wirken lassen, sind Kanäle, durch die Gottes Segnungen fließen. Würden die, welche Gott dienen, von der Erde entfernt werden und würde sich Gottes Geist von den Menschen zurückziehen, dann fiele die Welt infolge der Herrschaft Satans der Verwüstung anheim. Obgleich es die Gottlosen nicht wissen, haben sie die Segnungen dieses Lebens dem Dasein der von ihnen verachteten und unterdrückten Gotteskinder zu verdanken. Aber Christen, die dies nur dem Namen nach sind, gleichen dem Salz, das seine Würze verloren hat; sie haben keinen Einfluß zum Guten in der Welt. Sie sind dadurch, daß sie das Wesen Gottes verdrehen, schlimmer als die Ungläubigen.


„Ihr seid das Licht der Welt.“ Matthäus 5,14. Die Juden wollten die Wohltat des Heils auf ihr eigenes Volk beschränken; aber der Heiland zeigte ihnen, daß das Heil gleich dem Sonnenschein der ganzen Welt gehört. Die Religion der Bibel soll nicht zwischen den Deckeln eines Buches oder innerhalb der Kirchenmauern eingeschlossen sein; sie soll nicht nur dann und wann zu unserer Wohlfahrt hervorgeholt und dann sorgfältig wieder beiseite gelegt werden. Sie muß vielmehr das tägliche Leben heiligen, sich in jedem geschäftlichen Unternehmen, in allen gesellschaftlichen Beziehungen offenbaren.


Der wahre Charakter wird nicht äußerlich gebildet und angelegt; er strahlt von innen heraus. Wollen wir andere auf den Weg der Gerechtigkeit bringen, dann müssen die Grundsätze der Gerechtigkeit in unseren eigenen Herzen gehegt werden. Unser Glaubensbekenntnis mag die Lehrsätze der Religion verkündigen; aber es ist unsere praktische Frömmigkeit, die dem Wort der Wahrheit Nachdruck verleiht. Ein gleichmäßiger Wandel, fromme Gespräche, unerschütterliche Rechtschaffenheit, ein tätiger, wohlwollender Geist und das göttliche Beispiel — das sind die Mittel, durch die der Welt das Licht mitgeteilt wird.


Jesus hat sich nicht bei der Aufzählung des Gesetzes aufgehalten, er ließ den Hörer aber auch nicht schlußfolgern, er sei gekommen, die Gesetzesforderungen aufzuheben. Er wußte, daß Spitzel bereitstanden, die jedes Wort aufgreifen würden, das sie für ihre Zwecke verdrehen könnten. Ferner war ihm bekannt, welches Vorurteil sich in den Vorstellungen vieler seiner Zuhörer festgesetzt hatte. Deshalb sagte er nichts, was ihren Glauben an die Religion und die Satzungen, die ihnen von Mose übermittelt worden waren, hätte ins Wanken bringen können. Christus selbst war ja der Urheber sowohl des Sitten- wie auch des Zeremonialgesetzes. Er war nicht gekommen, das Vertrauen in seine eigene Unterweisung zu zerstören. Vielmehr suchte er die Mauer der überlieferten Satzungen, die ein Hemmnis für die Juden waren, nur deshalb zu durchbrechen, weil er große Hochachtung vor dem Gesetz und den Propheten empfand. Während er einerseits die falschen Deutungen des Gesetzes seitens der Juden ablehnte, bewahrte er auf der anderen Seite seine Jünger sorgfältig davor, sich von den lebendigen Wahrheiten zu trennen, die den Hebräern anvertraut waren.


Die Pharisäer prahlten mit ihrem Gehorsam gegen das Gesetz; in Wirklichkeit kannten sie so wenig von seinen Grundsätzen für das tägliche Leben, daß des Heilandes Worte ihnen wie Ketzerei klangen. Als er den Unrat wegfegte, der die Wahrheit verbarg, glaubten sie, er kehre die Wahrheit selber aus, und sie flüsterten einander zu, daß er das Gesetz geringachte. Er las ihre Gedanken und antwortete ihnen: „Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.“ Matthäus 5,17. Hier widerlegte Jesus die Anklage der Pharisäer. Es war seine Aufgabe, der Welt gegenüber den heiligen Anspruch des Gesetzes, dessen Übertretung man ihn beschuldigte, zu wahren. Hätte das Gesetz Gottes verändert oder verkürzt werden können, dann wäre es nicht erforderlich gewesen, daß Christus die Folgen all unserer Übertretung erlitt; aber er kam, um die Beziehung des Gesetzes zu den Menschen zu erklären und durch sein Leben des Gehorsams dessen Vorschriften zu veranschaulichen.


Gott gab seine heiligen Gebote, weil er die Menschen liebt. Um uns vor den Folgen der Übertretungen zu bewahren, offenbart er im Gesetz die Grundsätze der Gerechtigkeit. Das Gesetz ist ein Ausdruck der Gedanken Gottes. Wird es in Christus angenommen, wird es auch in unser Herz Eingang finden. Seine Gebote erheben uns über die Macht der natürlichen Wünsche und Neigungen und über die Versuchungen, die zur Sünde verleiten. Gott will unser Wohlergehen! Er gab uns sein Gesetz, damit wir im Gehorsam gegen seine Grundsätze Freude ernten möchten. Als einst die Engel bei der Geburt Jesu sangen:


„Ehre sei Gott in der Höhe; und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“ (Lukas 2,14), erklärten sie damit die Grundsätze des Gesetzes, das herrlich und groß zu machen er gekommen war.

Als das Gesetz am Berge Sinai verkündet wurde, enthüllte Gott den Menschen die Heiligkeit seines Charakters, damit sie an ihm ihre eigene Sündhaftigkeit erkennen möchten. Das Gesetz wurde gegeben, um sie ihrer Sünde zu überführen und ihnen die Notwendigkeit eines Heilandes zu offenbaren. Dies sollte geschehen, indem die Grundsätze des Gesetzes durch den Heiligen Geist auf das Herz wirkten. Diese Aufgabe hat es heute noch zu erfüllen. Im Leben Christi werden die Grundsätze des Gesetzes deutlich, und wenn der Heilige Geist das Herz berührt, wenn das Licht Christi den Menschen die Notwendigkeit des Verlangens nach seinem reinigenden Blut und seiner rechtfertigenden Gnade offenbart, ist das Gesetz immer noch das Mittel, uns zu Christus zu bringen, auf daß wir durch den Glauben gerecht werden. „Das Gesetz des Herrn ist vollkommen und erquickt die Seele.“ Psalm 19,8.


„Bis daß Himmel und Erde vergehe“, sagte Jesus, „wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis daß es alles geschehe.“ Matthäus 5,18. Die am Himmel leuchtende Sonne und die Erde, auf der wir wohnen, sind Gottes Zeugen, daß sein Gesetz unveränderlich und ewig ist. Obgleich diese vergehen, werden die göttlichen Gebote bestehen. „Es ist aber leichter, daß Himmel und Erde vergehen, als daß ein Tüpfelchen vom Gesetz falle.“ Lukas 16,17. Die Ordnung der sinnbildlichen Gottesdienste, die auf Jesus als das Lamm Gottes hinwies, mußte mit dem Tode Jesu aufhören; aber die Zehn Gebote sind so unveränderlich wie der Thron Gottes.


„Das Gesetz des Herrn ist vollkommen.“ Psalm 19,8. Deshalb ist jedes Abweichen Sünde. Wer die Gebote Gottes übertritt und auch andere dazu verleitet, wird von Christus schuldig gesprochen. Das Leben des Heilandes im Gehorsam verfocht die Forderungen des Gesetzes. Es erbrachte den Beweis, daß das Gesetz vom Menschengeschlecht gehalten werden konnte, und zeigte, was für einen vorzüglichen Charakter der Gehorsam heranbilden kann. Alle, die wie Jesus gehorsam sind, erklären gleicherweise, daß „das Gebot ... heilig, recht und gut“ ist. Römer 7,12. Anderseits unterstützen alle, die Gottes Gebote übertreten, die Behauptung Satans, daß das Gesetz ungerecht sei und nicht befolgt werden könne. Sie sind Kinder des Erzbösewichts, des ersten Aufrührers gegen Gottes Gesetz. Ihnen Eingang in den Himmel gestatten zu wollen, hieße der Zwietracht und dem Aufruhr Tür und Tor zu öffnen und das Wohlergehen des Weltalls zu gefährden. Niemand, der auch nur einen Grundsatz des Gesetzes vorsätzlich mißachtet, wird in das himmlische Reich Eingang finden.


Die Rabbiner hielten ihre Gerechtigkeit für einen Freibrief für den Himmel; doch Jesus erklärte, daß diese Gerechtigkeit ungenügend und nichts wert sei. Nur äußerliche Zeremonien und eine lediglich theoretische Erkenntnis der Wahrheit machten ihre Gerechtigkeit aus. Die Rabbiner nahmen für sich in Anspruch, fromm zu sein allein durch ihre eigenen Bemühungen im Befolgen des Gesetzes. Doch ihre Werke hatten die Gerechtigkeit vom Glauben getrennt. Während sie die rituellen Handlungen peinlich genau beachteten, führten sie ein unmoralisches und verderbtes Leben. Ihre sogenannte Gerechtigkeit konnte ihnen niemals den Eingang in das Himmelreich verbürgen.


Die größte Täuschung der Menschenherzen zur Zeit Christi war die Ansicht, daß die Gerechtigkeit in der bloßen Zustimmung zur Wahrheit bestände. Es hat sich in allen menschlichen Erfahrungen erwiesen, daß eine theoretische Kenntnis der Wahrheit nicht genügt, um Seelen zu retten; sie allein bringt keine Früchte der Gerechtigkeit hervor. Eifernde Hochachtung vor der sogenannten theologischen Wahrheit wird oft von einem Haß gegen die unverfälschte Wahrheit begleitet. Die dunkelsten Kapitel der Weltgeschichte sind belastet mit Berichten über Verbrechen, die von eifernden, blinden Schwärmern begangen wurden. Die Pharisäer behaupteten, Kinder Abrahams zu sein und das Wort Gottes zu besitzen, und doch bewahrten diese Vorzüge sie nicht vor Selbstsucht, Boshaftigkeit, Habsucht und niedrigster Heuchelei. Sie hielten sich für die besten Religionsbekenner der Welt; aber ihre sogenannte Rechtgläubigkeit hinderte sie nicht, den Herrn der Herrlichkeit zu kreuzigen.


Die gleiche Gefahr besteht noch heute. Viele zählen sich zu den Christen, nur weil sie ein christliches Bekenntnis ablegten; sie übertragen jedoch ihr Glaubensbekenntnis nicht in das praktische Leben. Ihnen fehlen Liebe und Glauben, deshalb haben sie nicht die Kraft und die Gnade empfangen, die aus der Heiligung in der Wahrheit kommen. Die Menschen mögen vorgeben, an die Wahrheit zu glauben; wenn sie aber durch diese nicht aufrichtig, gütig, geduldig, langmütig und himmlisch gesinnt werden, wird sie ihnen zum Fluch und durch ihren Einfluß auch zum Fluch für die Welt. Die Gerechtigkeit, die Christus lehrte, ist Übereinstimmung des Herzens und des Lebens mit dem geoffenbarten Willen Gottes. Sündige Menschen können nur gerecht werden, wenn sie Glauben an Gott haben und eine lebendige Verbindung mit ihm unterhalten. Dann wird wahre Gottseligkeit die Gedanken erheben und das Leben adeln, dann werden auch die äußeren Formen der Religion mit der inneren Reinheit des Christen übereinstimmen. Dann sind auch die im Gottesdienst geforderten Handlungen kein bedeutungsloser Formendienst wie bei den heuchlerischen Pharisäern.


Jesus erklärt jedes einzelne Gebot in dem ganzen Umfang seiner Anforderungen. Statt auch nur ein Tüpfelchen seiner Bedeutung wegzunehmen, zeigt er, wie weitreichend seine Grundsätze sind, und enthüllt den verhängnisvollen Irrtum der Juden, lediglich äußeren Gehorsam zur Schau zu tragen. Er erklärt, daß schon durch einen bösen Gedanken oder einen verlangenden Blick das Gesetz Gottes übertreten wird. Jeder, der sich an der kleinsten Ungerechtigkeit beteiligt, bricht das Gesetz und erniedrigt seinen eigenen sittlichen Charakter. Ein Mord beginnt schon im Herzen; wer Haß im Herzen nährt, betritt damit schon den Pfad des Mörders. Und solcher Menschen Opfer verabscheut Gott.


Die Juden pflegten einen Geist der Wiedervergeltung. In ihrem Haß gegen die Römer sprachen sie schwere Beschuldigungen aus und erfreuten Satan, indem sie solche Eigenschaften bekundeten. Auf diese Weise bildeten sie sich selbst dazu aus, die schrecklichen Taten zu begehen, zu denen er sie anleitete. In dem religiösen Leben der Pharisäer gab es nichts, was den Heiden als Vorbild hätte dienen können. Jesus ermahnte sie, sich nicht durch den Gedanken zu betrügen, daß sie sich im Herzen gegen ihre Unterdrücker auflehnen dürften, noch das Verlangen zu nähren, das erlittene Unrecht zu rächen.


Wohl gibt es auch eine Entrüstung, die selbst bei den Nachfolgern Christi entschuldbar ist. Wenn sie sehen, daß Gott oder sein Dienst entehrt wird oder wenn Unschuldige unterdrückt werden, dann kann ein gerechter Zorn die Seele erregen. Solcher Zorn, aus hohem sittlichem Empfinden geboren, ist keine Sünde. Wer sich jedoch bei jeder vermeintlichen Kränkung bewogen fühlt, dem Ärger oder Groll Raum zu geben, öffnet Satan sein Herz. Bitterkeit und Feindschaft müssen aus der Seele verbannt werden, wenn wir in Harmonie mit dem Himmel leben wollen. Der Heiland geht noch weiter. Er sagt: „Wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und wirst allda eingedenk, daß dein Bruder etwas wider dich habe, so laß allda vor dem Altar deine Gabe und gehe zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder und alsdann komm und opfere deine Gabe.“ Matthäus 5,2324. Viele wirken eifrig für den Herrn, und doch herrschen zwischen ihnen und ihren Brüdern unglückliche Zwistigkeiten, die sie ausgleichen könnten. Gott fordert von ihnen, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um die Einigkeit wiederherzustellen. Bis sie das nicht getan haben, kann Gott sich nicht zu ihrem Dienst bekennen. Des Christen Pflicht hierzu ist sehr deutlich vorgeschrieben.


Gott spendet allen seinen Segen. „Er läßt seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ Matthäus 5,45 (Jubiläumsbibel). „Er ist gütig über die Undankbaren und Bösen.“ Lukas 6,35. Wir sollen ihm auch hierin nachfolgen. Der Heiland sagt: „Segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen ... auf daß ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel.“ Matthäus 5,4445. Dies sind die Grundsätze des Gesetzes. Sie sind die Quellen des Lebens.


Gottes Absichten mit seinen Kindern sind höher, als die höchsten menschlichen Gedanken erfassen können. „Darum sollt ihr vollkommen sein, gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ Matthäus 5,48. Dies Gebot ist eine Verheißung. Der Erlösungsplan hat unsere vollständige Befreiung aus der Macht Satans zum Ziel. Christus sondert immer die reumütige Seele von der Sünde ab. Er kam, die Werke des Teufels zu zerstören, und er hat versprochen, daß der Heilige Geist jeder bußfertigen Seele verliehen werden soll, um sie vor der Sünde zu bewahren. Der mächtige Einfluß des Versuchers soll nicht als Entschuldigung für eine einzige böse Handlung gelten. Satan freut sich, wenn er hört, daß angebliche Nachfolger Christi Entschuldigungen für ihre Charakterfehler vorbringen. Solche Entschuldigungen führen zur Sünde. Für die Sünde gibt es keine Entschuldigung. Das bußfertige, gläubige Gotteskind kann ein geheiligtes, Christus ähnliches Leben erlangen.


Das Hochziel eines christlichen Charakters ist Christusähnlichkeit. Wie der Menschensohn in seinem Leben vollkommen war, so sollen seine Nachfolger in ihrem Leben vollkommen sein. Jesus wurde „in allen Dingen seinen Brüdern gleich“. Hebräer 2,17. Er wurde ein Mensch wie wir und konnte hungrig, durstig und müde werden. Nahrung stärkte ihn, und Schlaf erfrischte ihn. Ihm ging es wie allen Menschen. Außerdem war er der sündlose Gottessohn. Er war Gott „im Fleisch“. 1.Timotheus 3,16. Seinem Wesen sollten wir nachstreben. Von denen, die an ihn glauben, sagt der Herr: „Ich will unter ihnen wohnen und wandeln und will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein.“ 2.Korinther 6,16; 3.Mose 26,1112.


Christus war die Leiter, die Jakob sah, deren Fuß auf der Erde stand und deren Spitze bis zum Himmelstor ragte, dem einzigen Eingang zur ewigen Herrlichkeit. Hätte an dieser Leiter auch nur eine Sprosse gefehlt, um die Erde zu erreichen, müßten wir verlorengehen, Christus dagegen kommt zu uns, wo immer wir sind. Er nahm unsere Natur an und behielt die Oberhand, so daß wir durch sein Wesen überwinden können. „In der Gestalt des sündlichen Fleisches“ (Römer 8,3) führte er ein sündloses Leben. Durch seine Göttlichkeit ergreift er nun Besitz vom Thron des Himmels, während er durch seine menschliche Natur uns nahe ist. Er fordert uns auf, durch den Glauben an ihn die Herrlichkeit des göttlichen Wesens zu erlangen Deshalb sollen wir „vollkommen sein“, gleichwie unser „Vater im Himmel vollkommen ist“. Matthäus 5,48.


Jesus hatte gezeigt, worin Gerechtigkeit besteht, und er hatte auf Gott als die Quelle dieser Gerechtigkeit hingewiesen. Jetzt wandte er sich den praktischen Pflichten zu. Beim Almosengeben, beim Gebet und beim Fasten dürfe nichts geschehen, was die Aufmerksamkeit der andern erregt; nicht um Lohnes willen gute Werke tun! Gebt aufrichtigen Herzens zum Wohl der leidenden Armen; laßt im Gebet die Seele mit Gott verbunden sein; geht beim Fasten nicht mit gebeugtem Haupt und einem Herzen, das dabei nur an sich selbst denkt! Das Herz eines Pharisäers ist ein öder, unfruchtbarer Boden, in dem kein göttlicher Same gedeihen kann. Wer sich Gott ausliefert, wird ihm den wertvollsten Dienst erweisen. Durch Gemeinschaft mit Gott können die Menschen mit ihm zusammenwirken, indem sie seinen Charakter widerspiegeln.


Der aufrichtigen Herzens geleistete Dienst hat eine große Belohnung. „Dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir‘s vergelten.“ Matthäus 6,6. In einem Wandel, der sich unter die Gnade Christi gestellt hat, bildet sich der Charakter; die ursprüngliche Schönheit der Seele wird wiederhergestellt, wir entfalten in uns die Eigenschaften Gottes, und das göttliche Ebenbild strahlt durch alles Menschliche hindurch. Auf den Angesichtern der Frauen und Männer, die ihr Leben mit Gott leben, leuchtet himmlischer Friede. Sie sind von göttlichem Wesen umgeben; für sie hat das Reich Gottes begonnen. Sie besitzen die Freude Christi, die Freude, der Menschheit zum Segen zu leben. Sie haben die Ehre, zu des Meisters Dienst angenommen zu sein; in seinem Namen wird ihnen das Werk Gottes anvertraut.


„Niemand kann zwei Herren dienen.“ Matthäus 6,24. Wir können Gott nicht mit einem geteilten Herzen dienen. Die Religion der Heiligen Schrift übt nicht irgendeinen Einfluß aus unter vielen, sondern ihr Einfluß soll der höchste, weitestreichende sein, der jeden andern beherrscht. Die Religion der Heiligen Schrift soll nicht wie ein wenig Farbe hier und da auf die Leinwand aufgetragen werden, sondern sie soll das ganze Leben durchdringen, als ob die Leinwand in die Farbe getaucht worden wäre, bis jeder Faden des Gewebes durchtränkt ist und die Farbe unveränderlich angenommen hat.


„Wenn dein Auge lauter ist, so wird dein ganzer Leib licht sein. Wenn aber dein Auge böse ist, so wird dein ganzer Leib finster sein.“ Matthäus 6,2223. Reinheit und Beständigkeit des Willens sind die Voraussetzungen, um Licht von Gott zu empfangen. Wen danach verlangt, die Wahrheit zu erkennen, der muß willig sein, alles anzunehmen, was sie offenbart; er darf dem Irrtum keine Zugeständnisse machen. Unbeständig und oberflächlich in der Treue zur Wahrheit zu sein, heißt Finsternis des Irrtums und teuflische Täuschung zu wählen.


Weltliche Klugheit und die unwandelbaren Grundsätze der Gerechtigkeit gehen nicht unmerklich ineinander über wie die Farben des Regenbogens; zwischen beiden ist von dem ewigen Gott eine breite, deutliche Trennungslinie gezogen. Christi Bild unterscheidet sich so auffallend von dem Bilde Satans wie der helle Mittag von der dunkelsten Mitternacht. Nur diejenigen, die in Jesu Fußtapfen wandeln, sind seine Mitarbeiter. Wenn eine Sünde in der Seele genährt oder eine schlechte Gewohnheit im Leben geduldet wird, ist das ganze Wesen unrein, und der Mensch wird ein Werkzeug der Ungerechtigkeit.


Wer den Dienst für den Herrn gewählt hat, darf sich getrost seiner Fürsorge überlassen. Christus wies auf die Vögel unter dem Himmel und auf die Blumen des Feldes; er forderte seine Zuhörer auf, auf diese zu achten, und fragte sie: „Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?“ Matthäus 6,26. Das Maß der Aufmerksamkeit, die Gott irgendeinem Gegenstand schenkt, entspricht dessen Rang im Wertmaß des Lebens. Die Vorsehung wacht über den kleinen braunen Sperling. Die Blumen des Feldes und das Gras, das die Erde wie ein Teppich bedeckt, teilen sich in die Beachtung und Fürsorge unseres himmlischen Vaters. Der erhabene Meister aller Künstler gedenkt der Lilien und gestaltet sie so schön, daß sie die Pracht Salomos in den Schatten stellen. Um wieviel mehr gilt seine Sorgfalt den Menschen, die Gottes Ebenbild und Ruhm sind! Er möchte gern, daß seine Kinder einen Charakter offenbaren, der dem seinen ähnelt. Wie erst der Sonnenstrahl die unterschiedlichen und zarten Farben der Blumen deutlich zeigt, so verleiht Gott der Seele die Schönheit seines eigenen Wesens.


Alle, die das Reich Christi, das Reich der Liebe, der Gerechtigkeit und des Friedens wählen und es höher schätzen als alles andere, sind mit der himmlischen Welt verbunden, und jede Segnung, der sie für dieses Leben bedürfen, steht ihnen zur Verfügung. In dem Buch der göttlichen Vorsehung, dem Buch des Lebens, ist jedem von uns eine Seite gegeben. Auf jeder Seite stehen die Einzelheiten unseres Lebens; selbst die Haare auf unserem Kopfe sind gezählt. Gottes Kinder sind seinem Herzen niemals fern.


„Darum sorget nicht für den andern Morgen.“ Matthäus 6,34. Wir sollen Christus täglich folgen. Gott gibt uns heute keine Hilfe für morgen. Er gibt seinen Kindern nicht alle Anweisungen für die ganze Lebensreise auf einmal; sie würden dadurch nur verwirrt werden. Er sagt ihnen nur so viel, wie sie sich merken und wie sie ausführen können. Die mitgeteilte Kraft und Weisheit ist stets für den unmittelbaren Notfall. „Wenn aber jemandem unter euch Weisheit mangelt, der bitte Gott, der da gern gibt jedermann und allen mit Güte begegnet, so wird ihm gegeben werden.“ Jakobus 1,5. „Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet.“ Matthäus 7,1. Glaubt nicht, daß ihr besser seid als andere, und erhebt euch nicht zum Richter über sie. Da ihr nicht die Beweggründe ihrer Handlungen kennt, seid ihr unfähig, andere zu richten. Wenn ihr aber Kritik übt, dann fällt ihr gewöhnlich euer eigenes Urteil; denn ihr zeigt oft, daß ihr des Teufels Teilhaber darin seid, eure Brüder zu verklagen. Der Herr sagt: „Versuchet euch selbst, ob ihr im Glauben seid; prüfet euch selbst!“ 2.Korinther 13,5. Das ist unsere Aufgabe. „Wenn wir uns selber richteten, so würden wir nicht gerichtet.“ 1.Korinther 11,31.


Ein guter Baum wird gute Frucht bringen! Ist die Frucht ungenießbar, so ist der Baum wertlos. Genauso bezeugen die Früchte unseres Lebens, unsere Taten, in welchem Zustand sich unser Herz und unser Charakter befinden. Mit guten Werken können wir uns die Seligkeit nicht erkaufen; aber sie dienen als Beweis des Glaubens, der durch die Liebe tätig ist und die Seele reinigt. Obgleich die himmlische Belohnung nicht nach dem Verdienst der Werke ausgeteilt wird, steht sie doch im Verhältnis zu den Werken, die durch die Gnade Christi getan worden sind. So verkündigte Christus die Grundsätze seines Reiches und zeigte wie umfassend sie als Richtschnur des Lebens dienen. Um seine Lehre noch verständlicher zu machen, veranschaulichte er sie durch Bilder und Gleichnisse. Es genügt nicht, sagte er, daß ihr meine Worte hört, ihr müßt sie durch tätigen Gehorsam zur Grundlage eures Charakters machen. Das eigene Ich ist nur loser Sand; baut ihr auf Menschenweisheit und Menschengeist, so wird euer Haus fallen. Durch die Stürme der Versuchungen und Prüfungen wird es hinweggefegt werden. Die Grundsätze aber, die ich euch gegeben habe, werden dauern. Darum bekennt euch zu mir! Baut auf mein Wort!


„Wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf den Felsen baute. Da nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und wehten die Winde und stießen an das Haus, fiel es doch nicht; denn es war auf den Felsen gegründet.“ Matthäus 7,2425.







Kapitel 32: Der Hauptmann

 

Auf der Grundlage von Matthäus 8,5-13; Lukas 7,1-17.

 

Christus hatte zu dem königlichen Beamten, dessen Sohn von ihm geheilt worden war, gesagt: „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht.“ Johannes 4,48. Es betrübte ihn, daß sein eigenes Volk äußerliche Beweise seines Messiasamtes verlangte. Immer wieder hatte er sich über ihren Unglauben gewundert. Er war deshalb sehr erstaunt über den Glauben des Hauptmanns, der zu ihm kam. Der Hauptmann zweifelte nicht an der Macht des Heilandes, er bat ihn nicht einmal, persönlich zu ihm zu kommen, um das Wunder zu wirken. „Sprich nur ein Wort“, sagte er voller Glauben und Vertrauen, „so wird mein Knecht gesund.“ Matthäus 8,8.

 

Der Knecht war gichtbrüchig und lag im Sterben. Bei den Römern waren die Diener Sklaven. Sie wurden auf den Märkten gekauft; sie wurden beschimpft und grausam behandelt. Dieser Hauptmann aber war seinem Diener zugetan und wünschte herzlich seine Genesung. Er glaubte, daß Jesus ihn heilen könne. Gesehen hatte er den Heiland zwar noch nicht, aber alles, was er über sein Wirken bisher vernommen hatte, erweckte seinen Glauben. Ungeachtet des Formenwesens der Juden war dieser Römer überzeugt, daß ihre Religion besser sei als die seinige. Er hatte schon die Schranken nationalen Vorurteils und des Hasses, welche die Sieger von den Besiegten trennten, durchbrochen, hatte Achtung vor ihrem Gottesdienst bekundet und den Juden als ein Anbeter Gottes Aufmerksamkeiten erwiesen. In der Lehre Christi, wie sie ihm übermittelt worden war, fand er etwas, was dem Bedürfnis seiner Seele entsprach. Sein ganzes geistliches Verlangen kam den Worten des Heilandes entgegen. Er hielt sich jedoch für unwürdig, in Jesu Nähe zu kommen, und er bat die jüdischen Ältesten, um die Heilung seines Knechtes zu bitten, kannten sie doch den großen Lehrer und würden wissen, so dachte er, wie sie sich ihm nähern mußten, um seine Gunst zu erlangen.

 

Als Jesus nach Kapernaum kam, wurde er von einer Abordnung der Ältesten empfangen, die des Hauptmanns Wunsch vorbrachte und mit den Worten befürwortete: „Er hat unser Volk lieb, und die Synagoge hat er uns erbaut.“ Lukas 7,5.

 

Jesus lenkte seine Schritte nunmehr unverzüglich nach dem Hause des Hauptmanns, kam jedoch wegen der zahlreichen Menschen auf den Straßen nur langsam vorwärts. Die Nachricht seines Kommens eilte ihm voraus. Der Hauptmann in seiner Demut sandte ihm die Botschaft entgegen: „Ach Herr, bemühe dich nicht; ich bin nicht wert, daß du unter mein Dach gehest.“ Der Heiland aber setzte unbeirrt seinen Weg fort. Da wagte es schließlich der Hauptmann, sich ihm zu nähern. Er tat es mit den Worten: „Darum habe ich auch mich selbst nicht würdig geachtet, daß ich zu dir käme; sondern sprich ein Wort, so wird mein Knecht gesund. Denn auch ich bin ein Mensch, der Obrigkeit untertan, und habe Kriegsknechte unter mir; und spreche ich zu einem: Gehe hin! so geht er; und zum andern: Komm her! so kommt er; und zu meinem Knecht: Tu das! so tut er‘s.“ Lukas 7,6-8. Wie ich die Macht Roms vertrete und meine Soldaten mich als höchste Autorität anerkennen, so vertrittst du die Macht des ewigen Gottes, und alle Geschöpfe sind deinem Wort gehorsam. Du gebietest den Krankheiten zu weichen, und sie müssen dir gehorchen; du rufst die Engel des Himmels, und sie müssen dir heilende Kraft mitteilen. Sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund.

 

„Da aber Jesus das hörte, verwunderte er sich über ihn und wandte sich um und sprach zu dem Volk, das ihm nachfolgte: Ich sage euch: Solchen Glauben habe ich in ganz Israel nicht gefunden.“ Lukas 7,9. Und zu dem Hauptmann sagte er: „Gehe hin; dir geschehe, wie du geglaubt hast. Und sein Knecht ward gesund zu derselben Stunde.“ Matthäus 8,13. Die jüdischen Ältesten, die den Hauptmann der Gunst Jesu empfahlen, hatten bewiesen, wie weit sie davon entfernt waren, den Geist des Evangeliums zu besitzen. Sie erkannten nicht, daß der einzige Anspruch, den wir auf Gottes Gnade haben, unsere große Not ist; in ihrer Selbstgerechtigkeit baten sie für den Hauptmann wegen der vielen Gunsterweisungen für „unser Volk“. Der Hauptmann aber sagte von sich selbst: „Ich bin es nicht wert.“ Sein Herz war von der Gnade Christi berührt worden; er sah seine Unwürdigkeit, fürchtete sich aber nicht, um Hilfe zu bitten. Er baute nicht auf sein Gutsein, sondern gab seine große Not als Grund seiner Bitte an. Sein Glaube erfaßte das wahre Wesen Christi; er glaubte an ihn, nicht nur, weil dieser ein Wundertäter war, sondern weil er in ihm den Freund und Heiland der Menschheit sah.

 

So sollte jeder Sünder zu Christus kommen. Er rettete uns, „nicht um der Werke willen der Gerechtigkeit, die wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit“. Titus 3,5. Wenn Satan dir sagt, daß du ein Sünder bist und nicht hoffen kannst, Segnungen von Gott zu empfangen, dann sage ihm, daß Christus in die Welt kam, Sünder selig zu machen. Wir haben nichts, was uns bei Gott empfiehlt; der einzige Grund, den wir anführen können, ist unsere äußerst hilflose Lage, die Jesu erlösende Kraft für uns notwendig macht. Alles Selbstvertrauen aufgebend, dürfen wir zum Kreuz auf Golgatha blicken und sagen: Da ich dir nichts bringen kann, schmieg ich an dein Kreuz mich an.

 

Die Juden waren von Kindheit an über die Aufgabe des Messias unterrichtet worden und besaßen die heiligen Aussprüche der Patriarchen und Propheten und auch die sinnbildlichen Lehren des Opferdienstes; aber sie hatten das Licht nicht beachtet und sahen jetzt in Jesus nicht das Wesen, nach dem sie Verlangen haben sollten. Der Hauptmann jedoch, der im Heidentum geboren, im Götzendienst des kaiserlichen Rom erzogen, als heidnischer Soldat ausgebildet und wahrscheinlich durch seine Erziehung und Umgebung vom geistlichen Leben abgeschnitten war und durch den blinden Eifer der Juden und die Verachtung seiner eigenen Landsleute dem Volk Israel gegenüber noch weiter davon getrennt wurde — dieser Mann erfaßte die Wahrheit, gegen welche die Kinder Israel blind waren. Er wartete nicht darauf, ob die Juden den aufnehmen würden, der sich als ihr Messias ausgab; als „das wahrhaftige Licht, welches alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen“ (Johannes 1,9), ihm erschien, da erkannte er selbst aus der Ferne die Herrlichkeit des Sohnes Gottes.

 

Das war für Jesus ein Pfand für die Aufgabe, die das Evangelium unter den Heiden vollbringen sollte. Mit Freuden sah er dem Sammeln der Seelen aus allen Völkern für sein Reich entgegen; aber mit tiefer Trauer schilderte er den Juden die Folgen der Verwerfung seiner Gnade: „Ich sage euch: Viele werden kommen vom Osten und vom Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich sitzen; aber die Kinder des Reichs werden ausgestoßen in die Finsternis hinaus; da wird sein Heulen und Zähneklappern.“ Matthäus 8,1112. Wie viele bereiten sich jetzt noch diese große Enttäuschung! Wie vielen Menschen in den christlichen Ländern scheint dieses Licht nur, um von ihnen verworfen zu werden, während Heiden die Gnade Jesu ergreifen! In der Nähe von Kapernaum, etwa acht Stunden Wegs entfernt, lag auf einem Tafelland, von dem aus man die landschaftlich schöne Ebene von Jesreel überblicken konnte, das Dorf Nain. Nach dort wanderte nun der Herr Jesus. Viele seiner Jünger und auch etliche Anhänger aus dem Volk waren bei ihm. Auf dem Wege dahin vergrößerte sich die Zahl derer, die sich nach seinen Worten der Liebe und der Teilnahme sehnten, ihm ihre Kranken zur Heilung brachten und die stille Hoffnung hatten, daß er, dem eine so wunderbare Macht zu Gebote stand, sich als König von Israel offenbaren werde. Es war eine frohe, erwartungsvolle Schar, die sich um ihn drängte und ihn auf felsigem Pfad zu dem Bergdorf begleitete.

 

Als sie näher kamen, sahen sie einen Leichenzug, der sich langsamen, schleppenden Schrittes durch die Tore nach der Begräbnisstätte bewegte. Dem Zuge voran trug man in einem offenen Sarg den Verstorbenen. Ihm zur Seite gingen die Hinterbliebenen, deren Wehklagen die Luft erfüllte. Alle Einwohner des Ortes schienen sich versammelt zu haben, um durch ihre Teilnahme ihr Mitgefühl zu bezeugen und dem Toten die letzte Ehre zu erweisen. Es war ein Anblick, der Mitgefühl erwecken mußte. Der Tote war der einzige Sohn seiner Mutter, und sie war eine Witwe. Die einsam Trauernde folgte ihrer einzigen irdischen Stütze, ihrem ganzen Trost, zum Grabe. „Da sie der Herr sah, jammerte ihn derselben.“ Sie aber ging weinend, blind gegen alles, ihres Weges, ohne Jesu Gegenwart zu beachten. Da trat der Herr an die unglückliche Frau heran und sagte sanft: „Weine nicht!“ Er wollte ihre Trauer in Freude verwandeln und sagte dieses tröstende Wort: „Weine nicht!“ Lukas 7,13.

 

„Und trat hinzu und rührte den Sarg an.“ Selbst die Berührung des Toten konnte den Herrn nicht verunreinigen. Die Träger standen still. Das Klagen der Leidtragenden verstummte. Sie sammelten sich alle mit ungewisser Hoffnung um den Sarg. Es war jemand gegenwärtig, der bereits Krankheiten gebannt und Teufel ausgetrieben hatte. War auch der Tod seiner Macht unterworfen? Mit klarer, gebieterischer Stimme ertönen die Worte: „Jüngling, ich sage dir, stehe auf!“ Diese Stimme durchdringt den Toten; er öffnet die Augen. Dann nimmt ihn Jesus bei der Hand und richtet ihn auf. Sein Blick fällt auf die Frau, die weinend neben ihm gestanden, und Mutter und Sohn finden sich in selig-freudiger Umarmung. Die Menge steht schweigend, wie gebannt. „Es kam sie alle eine Furcht an.“ Still und ehrfurchtsvoll standen die Leute eine Weile, als wären sie in der Gegenwart Gottes. Dann priesen sie „Gott und sprachen: Es ist ein großer Prophet unter uns aufgestanden, und: Gott hat sein Volk heimgesucht“. Der Leichenzug kehrte als Triumphzug nach Nain zurück. „Und diese Rede über ihn erscholl in das ganze jüdische Land und in alle umliegenden Länder.“ Lukas 7,14-17.

 

Jesus achtet heute noch auf die Traurigen. Unser Kummer erfüllt ihn mit Teilnahme. Sein Herz, das damals liebte und Mitleid hatte, ist ein Herz von unveränderlicher Güte und Fürsorge; sein Wort, das den Toten ins Leben zurückrief, ist jetzt nicht weniger wirksam als zu jener Zeit, da es sich an den Jüngling von Nain richtete. Er sagt: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“ Matthäus 28,18. Jesu Macht ist im Verlauf der Zeiten weder geringer geworden, noch ist sie durch die ständige Wirksamkeit seiner überströmenden Gnade erschöpft. Allen, die an ihn glauben und auf ihn ihr Vertrauen setzen, ist er ein lebendiger Heiland.

 

Als Jesus der Mutter den Sohn zurückgab, verwandelte er ihre Trauer in große Freude. Und doch war der Jüngling nur in das irdische Leben zurückgerufen worden, um aufs neue all dessen Mühen, Sorgen und Gefahren zu erdulden und um nochmals der Macht des Todes zu erliegen. Aber unsere Trauer um die Toten stillt Jesus durch eine Botschaft unendlicher Hoffnung: Ich bin „der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel der Hölle und des Todes“. Offenbarung 1,18. „Weil nun die Kinder Fleisch und Blut haben, ist auch er der gleichen Art teilhaftig geworden, damit er durch seinen Tod die Macht nähme dem, der des Todes Gewalt hatte, das ist dem Teufel, und erlöste die, so durch Furcht vor dem Tode im ganzen Leben Knechte sein mußten.“ Hebräer 2,1415.

Satan kann die Toten nicht in seiner Gewalt behalten, wenn der Sohn Gottes ihnen gebietet zu leben. Er kann nicht eine einzige Seele im geistlichen Tode bannen, die gläubig Christi Machtwort annimmt. Gott sagt zu allen, die in Sünden tot sind: „Wache auf, der du schläfst, und stehe auf von den Toten.“ Epheser 5,14. Sein Wort ist ewiges Leben. Wie das Wort Gottes, das dem ersten Menschen gebot zu leben, auch uns noch Leben gibt; wie Jesu Wort: „Jüngling, ich sage dir, stehe auf!“ dem Jüngling von Nain Leben gab — so ist das Wort: „Stehe auf von den Toten“ Leben für die Seele, die es annimmt. Gott hat uns errettet „von der Macht der Finsternis und hat uns versetzt in das Reich seines lieben Sohnes“. Kolosser 1,13. Alles wird uns in seinem Wort angeboten; nehmen wir es an, dann sind wir gerettet.

 

„Wenn nun der Geist des, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird derselbe, der Jesus Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen, durch seinen Geist, der in euch wohnt.“ Römer 8,11. „Denn er selbst, der Herr, wird mit befehlendem Wort, mit der Stimme des Erzengels und mit der Posaune Gottes herniederkommen vom Himmel, und die Toten in Christus werden auferstehen zuerst. Danach wir, die wir leben und übrigbleiben, werden zugleich mit ihnen hingerückt werden in den Wolken, dem Herrn entgegen in die Luft, und werden so bei dem Herrn sein allezeit.“ 1.Thessalonicher 4,1617. Dies ist jenes Trostwort, mit dem wir uns, so gebot er, untereinander trösten sollen.

 

Kapitel 33: Wer sind meine Brüder?

 

Auf der Grundlage von Matthäus 12,22-50; Markus 3,20-35.

 

Die Söhne Josephs waren weit davon entfernt, mit dem Wirken Jesu einverstanden zu sein. Was sie über sein Leben und Tun hörten, erfüllte sie mit Verwunderung und Bestürzung. Ganze Nächte verbringe er im Gebet, so hieß es, und tagsüber bedrängten ihn große Scharen von Menschen, so daß er nicht einmal Zeit zum Essen fände. Seine Freunde meinten, daß er sich durch sein Übermaß an Arbeit Schaden zufügen könnte. Für Jesu Verhalten den Pharisäern gegenüber fanden sie keine Erklärung, und manche befürchteten sogar, daß sein Verstand verwirrt werden könnte.

 

All dies erfuhren seine Brüder — auch die Beschuldigung der Pharisäer, Jesus treibe böse Geister durch die Macht Satans aus. Sie fühlten in starkem Maße Schande über sich kommen, weil sie mit ihm verwandt waren. Sie wußten, was für Aufsehen seine Worte und Taten erregten. Nicht nur seine freimütigen Äußerungen machten sie äußerst besorgt; sie waren auch entrüstet, wie er die Schriftgelehrten und Pharisäer anklagte. Sie kamen zu der Überzeugung, daß er von ihnen überredet oder gezwungen werden müsse, diese Handlungsweise aufzugeben. Deshalb veranlaßten sie Maria, sie darin zu unterstützen. Um seiner Liebe willen zu ihr, so dachten sie, könnten sie ihn dahin bringen, sich vorsichtiger zu verhalten.

 

Kurz vorher hatte Jesus zum zweiten Mal das Wunder einer Besessenenheilung an einem blinden und stummen Mann vollbracht. Sofort wiederholten die Pharisäer ihre Anklage: „Er treibt die bösen Geister aus durch ihren Obersten.“ Matthäus 9,34. Christus erwiderte ihnen deutlich: Wenn sie das Wirken des Heiligen Geistes Satan zuschrieben, trennten sie sich selbst von der Segensquelle. Wer gegen Jesus gesprochen habe, weil er dessen göttliche Herkunft nicht erkannte, könne Vergebung erhalten; denn der Heilige Geist vermag ihn dahin zu bringen, seinen Irrtum einzusehen und zu bereuen. Für jede Art von Sünde gilt; Reue und Glauben haben zur Folge, daß die Schuld des Menschen mit dem Blute Christi abgewaschen wird. Wer dagegen das Wirken des Heiligen Geistes zurückweist, verhindert dadurch selbst, daß ihm Bußfertigkeit und Glaube zuteil werden können. Gott arbeitet durch seinen Geist am Herzen eines Menschen. Wer vorsätzlich diesen Geist zurückweist und für teuflisch erklärt, trennt die einzige Verbindung, durch die Gott sich mitteilen kann. Wird der Heilige Geist endgültig verworfen, kann Gott nichts mehr für diesen Menschen tun.

 

Die Pharisäer, an die Jesus diese Warnung richtete, glaubten selbst nicht an die Beschuldigung, die sie gegen ihn vorbrachten. Unter diesen Würdenträgern gab es keinen, der sich nicht zum Heiland hingezogen gefühlt hätte. Sie alle hatten in ihren Herzen die Stimme des Geistes vernommen, die ihnen erklärte, daß Jesus der Gesalbte Israels sei, und sie drängte, sich als seine Jünger zu bekennen. Im Lichte der Gegenwart Jesu war ihnen ihre Gottlosigkeit bewußt geworden, und sie hatten sich nach einer Gerechtigkeit gesehnt, die zu erschaffen sie nicht fähig waren. Doch nachdem sie Jesus verworfen hatten, wäre es für sie zu demütigend gewesen, ihn doch als den Messias anzunehmen. Sie hatten den Pfad des Unglaubens betreten und waren nunmehr zu stolz, ihren Irrtum einzugestehen. Um die Wahrheit nicht anerkennen zu müssen, versuchten sie mit verzweifelter Heftigkeit, die Lehre des Erlösers in Frage zu stellen. Die Beweise seiner Macht und Barmherzigkeit erbitterten sie. Sie konnten ihn nicht hindern, Wunder zu vollbringen, und konnten auch seine Lehre nicht totschweigen. Sie taten aber alles, was in ihrer Macht stand, um Jesus falsch darzustellen und seine Worte zu verfälschen. Noch immer ging ihnen der Geist Gottes nach, um sie von ihrer Schuld zu überzeugen. Viele Hindernisse mußten sie aufrichten, um seiner Macht widerstehen zu können. Die stärkste Kraft, mit der das menschliche Herz in Berührung kommen kann, rang mit ihnen, aber sie wollten sich ihr nicht ergeben.

 

Gott schlägt keineswegs die Augen der Menschen mit Blindheit, er verhärtet auch nicht ihre Herzen, vielmehr sendet er ihnen Licht, um ihre Irrtümer zu berichtigen und sie auf sicheren Wegen zu leiten. Die Zurückweisung dieses Lichtes führt jedoch zur Erblindung der geistlichen Augen und zur Verhärtung des Herzens. Oft geschieht dies allmählich und fast unmerklich. Licht erreicht die Seele durch Gottes Wort, durch seine Diener oder unmittelbar durch das Wirken des Geistes Gottes. Bleibt aber ein einziger Lichtstrahl unbeachtet, so tritt eine teilweise Lähmung des geistlichen Wahrnehmungsvermögens ein, und die zweite Offenbarung des Lichtes wird weniger deutlich erkannt. Auf diese Weise verdichtet sich die Finsternis, bis völlige Nacht im Herzen herrscht. So erging es diesen führenden Juden. Sie waren überzeugt, daß eine göttliche Kraft Christus begleitete. Dennoch widerstrebten sie der Wahrheit und schrieben das Wirken des Heiligen Geistes Satan zu. Damit entschieden sie sich vorsätzlich für betrügerische Machenschaften. Sie lieferten sich Satan aus und wurden hinfort von seiner Macht beherrscht.

 

Eng verbunden mit Christi Warnung vor der Sünde wider den Heiligen Geist ist seine Warnung vor unnützen und bösen Worten. Worte sind ein Spiegelbild der Gedanken des Herzens. „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.“ Matthäus 12,34. Die Bedeutung der Worte liegt nicht nur darin, Charaktermerkmale aufzuzeigen; sie üben selbst eine charaktergestaltende Wirkung aus. Die Menschen werden von ihren eigenen Worten beeinflußt. Oftmals äußern sie in einer von Satan plötzlich hervorgerufenen Aufwallung ihre Eifersucht und ihren üblen Argwohn, obwohl sie selbst nicht wirklich daran glauben; aber ihre Äußerung wirkt auf ihre Gedanken zurück. Ihre eigenen Worte täuschen sie. Was sie auf Satans Veranlassung gesprochen haben, halten sie für wahr. An einer einmal vorgebrachten Meinung oder Entscheidung halten sie fest, weil sie meistens zu stolz sind, sie zu widerrufen. Nun versuchen sie so lange ihr Recht zu beweisen, bis sie schließlich selbst daran glauben. Es ist gefährlich, göttliches Licht in Zweifel zu ziehen, in Frage zu stellen und zu kritisieren. Die Angewohnheit, sorglos und geringschätzig zu kritisieren, fällt auf den eigenen Charakter zurück und begünstigt Unehrerbietigkeit und Unglauben. Manch einer, der dieser Gewohnheit verfallen war, ging, ohne sich der Gefahr bewußt zu sein, so weit, das Wirken des Heiligen Geistes zu tadeln und zu verschmähen. Jesus spricht: „Ich sage euch aber, daß die Menschen müssen Rechenschaft geben am Tage des Gerichts von einem jeglichen nichtsnutzigen Wort, das sie geredet haben. Aus deinen Worten wirst du gerechtfertigt werden, und aus deinen Worten wirst du verdammt werden.“ Matthäus 12,3637.

 

Dann fügte Jesus eine Warnung für diejenigen hinzu, die zwar von seinen Worten beeindruckt waren und ihm freudig zugehört hatten, die sich aber dem Heiligen Geist nicht auslieferten, damit er Besitz von ihnen ergreife. Nicht nur durch Widerstand, auch durch Geringschätzung nimmt die Seele Schaden. Jesus sagt: „Wenn der unsaubere Geist von dem Menschen ausgefahren ist, so durchwandelt er dürre Stätten, sucht Ruhe und findet sie nicht. Da spricht er denn: Ich will wieder umkehren in mein Haus, daraus ich gegangen bin. Und wenn er kommt, so findet er‘s leer, gekehrt und geschmückt. Dann geht er hin und nimmt zu sich sieben andere Geister, die ärger sind als er selbst; und wenn sie hineinkommen, wohnen sie allda.“ Matthäus 12,43-45.

 

Es gab in den Tagen Christi viele Menschen, wie es sie auch heute gibt, über die Satans Herrschaft eine Zeitlang gebrochen zu sein schien. Durch die Gnade Gottes wurden sie von den bösen Geistern frei, die sie beherrscht hatten. Sie erfreuten sich der Liebe Gottes. Aber wie im Gleichnis vom Sämann die auf das Felsige gefallene Saat „nicht Wurzel“ hatte, so blieben diese Hörer des göttlichen Wortes nicht in seiner Liebe. Sie übergaben sich nicht täglich Gott, damit Christus in ihren Herzen wohne. Kehrt dann der böse Geist mit sieben anderen Geistern zurück, „die ärger sind als er selbst“, werden sie völlig von der Macht des Bösen beherrscht.

 

Wenn der Mensch sich Christus ausliefert, ergreift eine neue Kraft Besitz von einem neuen Herzen. Mit ihm ist eine Wandlung vor sich gegangen, die niemand von sich aus zustande zu bringen vermag. Es ist ein außerordentliches Geschehen, wenn die menschliche Natur durch ein übernatürliches Wesenselement durchdrungen wird. Christus macht eine Seele, die sich ihm ergibt, zu seinem Bollwerk, das er in einer aufrührerischen Welt verteidigt. Er erwartet, daß in diesem Bollwerk keine andere als nur seine Autorität gilt. Ein Herz, das sich so in der Obhut der himmlischen Kräfte befindet, ist für Satans Angriffe unüberwindlich. Wenn wir uns jedoch nicht der Macht Christi anvertrauen, wird uns der Böse beherrschen. Es ist unvermeidbar, daß wir uns der einen oder der anderen der beiden großen Mächte unterordnen, die um die Herrschaft in der Welt kämpfen. Wir brauchen uns gar nicht bewußt in

 

den Dienst des Reiches der Finsternis zu stellen, um in seine Gewalt zu geraten; es genügt bereits, wenn wir es unterlassen, uns mit dem Reich des Lichtes zu verbünden. Arbeiten wir nicht mit den himmlischen Kräften zusammen, so wird Satan von unseren Herzen Besitz ergreifen, und zwar für immer [engl.: so wird Satan von unserem Herzen Besitz ergreifen und es zu seiner Wohnstatt machen]. Der einzige Schutz gegen das Böse besteht darin, daß Christus durch den Glauben an seine Gerechtigkeit in uns wohnt. Wenn es nicht zu einer lebendigen Verbindung mit Gott kommt, vermögen wir den unseligen Wirkungen der Eigenliebe und Genußsucht sowie den Verlockungen zur Sünde nicht zu widerstehen. Wir können uns für eine gewisse Zeit, in der wir uns von Satan lossagen, von vielen schlechten Gewohnheiten trennen; aber ohne lebendige Verbindung zu Gott, ohne beständige Hingabe an ihn werden wir doch überwältigt werden. Mangelt es uns an einem persönlichen Verhältnis zu Christus und an einer anhaltenden Gemeinschaft mit ihm, sind wir dem Feinde ausgeliefert und tun schließlich seinen Willen.

 

Jesus sagte: „Es wird mit demselben Menschen hernach ärger, als es zuvor war, So wird‘s auch diesem argen Geschlecht gehen.“ Matthäus 12,45. Niemand verhärtet so sehr wie ein Mensch, der die Einladung der Gnade mißachtet und ihrem Geiste trotzt. Das verbreitetste Merkmal der Sünde gegen den Heiligen Geist ist die beharrliche Mißachtung der Aufforderung des Himmels zur Buße. In dem gleichen Maße, wie Christus verworfen wird, wird die Erlösung abgelehnt und vollzieht sich die Sünde gegen den Heiligen Geist.

 

Das jüdische Volk verwarf Christus und beging damit die unvergebbare Sünde. Wenn wir der Einladung der göttlichen Gnade widerstreben, können wir demselben Irrtum verfallen. Wir beleidigen den Lebensfürsten und bereiten ihm vor Satans Schule und vor den himmlischen Mächten Schande, wenn wir uns sträuben, auf seine bevollmächtigten Boten zu hören, sondern statt dessen den Handlangern Satans unser Ohr leihen, welche die Seele von Christus fortziehen. Solange sich jemand so verhält, gibt es für ihn weder Hoffnung noch Vergebung. Schließlich erstirbt in ihm jedes Verlangen, mit Gott versöhnt zu sein. Als Jesus wieder einmal das Volk unterwies, teilten ihm seine Jünger mit, daß seine Mutter und seine Brüder draußen stünden und ihn zu sehen wünschten. Er durchschaute deren Anliegen „und sprach zu dem, der es ihm ansagte: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder? Und reckte die Hand aus über seine Jünger und sprach: Siehe da, das ist meine Mutter und meine Brüder! Denn wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“ Matthäus 12,48-50.

 

Wer Christus im Glauben annimmt, wird mit ihm enger verbunden sein, als es durch menschliche Verwandtschaft je sein könnte. Wie Christus eins mit dem Vater ist, so werden sie mit ihm eins werden. Weil die Mutter Jesu an ihn glaubte und nach seinen Worten handelte, stand sie der Erlösung näher als durch ihr familiäres Verhältnis. Seine Brüder konnten von ihrer Beziehung zu ihm keinen Nutzen haben, es sei denn, sie nähmen ihn als ihren persönlichen Erlöser an. Wie hilfreich hätte es doch für Jesus sein können, wenn seine irdischen Angehörigen an seine himmlische Herkunft geglaubt hätten und seine Mitarbeiter im Werke Gottes gewesen wären! Ihr Unglaube überschattete das Erdenleben Jesu. Er war ein Teil des bitteren Leidenskelches, den er für uns bis zur Neige leerte.

 

Sehr stark empfand der Sohn Gottes die Feindseligkeit, die im menschlichen Herzen gegen das Evangelium aufloderte. Besonders schmerzlich litt er in seinem eigenen Zuhause darunter; denn sein Herz war voller Freundlichkeit und Liebe, und er schätzte die besorgte Rücksichtnahme im Familienkreis sehr. Seine Brüder wünschten, daß er ihren Gedanken zustimmte, obgleich dieses Ansinnen in keiner Weise seiner göttlichen Aufgabe entsprochen hätte. Ihrer Meinung nach benötigte Jesus ihren Rat. Sie beurteilten ihn von ihrem menschlichen Standpunkt aus und dachten, wenn er nur sagte, was für die Schriftgelehrten und Pharisäer annehmbar wäre, könnte er die unangenehmen Zusammenstöße, die seine Worte jetzt hervorriefen, vermeiden. Sie hielten ihn für überspannt, daß er für sich göttliche Autorität beanspruchte und vor die Rabbiner zu treten wagte, um ihre Sünden zu tadeln. Ihnen war bekannt, daß die Pharisäer nur eine Gelegenheit suchten, Jesus anzuklagen; aber sie waren auch der Meinung, daß er ihnen dazu genügend Anlaß gegeben hätte.

 

Mit ihrem begrenzten Urteilsvermögen konnten sie die Aufgabe nicht erfassen, die zu erfüllen Jesus gekommen war. Deshalb brachten sie auch kein Verständnis für seine Sorgen auf. Ihre groben, gedankenlosen Worte verrieten, daß ihnen das rechte Verständnis für seine Wesensart fehlte; sie erkannten nicht, daß sich in ihm Göttliches und Menschliches vereinigt hatten. Oft sahen sie ihn in seinem Kummer; aber statt ihn zu trösten, verwundeten sie durch ihr Verhalten und ihre Worte sein Herz. So quälten sie sein empfindsames Wesen, mißverstanden seine Beweggründe und begriffen sein Wirken nicht.

 

Seine Brüder stützten sich oft auf die Lehrmeinungen der Pharisäer, die fadenscheinig und veraltet waren, und maßten sich an, den etwas lehren zu können, der alle Wahrheiten verstand und alle Geheimnisse durchschaute. Dreist verdammten sie, was sie nicht verstehen konnten. Ihre Vorwürfe verletzten Jesus bis ins Innerste; seine Seele war beschwert und tiefbetrübt. Sie bekannten offen ihren Glauben an Gott und meinten, für Gott einzutreten. Dabei war er unter ihnen als Mensch, aber sie erkannten ihn nicht. Diese Dinge machten seinen Weg dornig. Christus litt so schmerzlich unter der irrigen Auffassung seiner Angehörigen, daß es für ihn eine Erquickung bedeutete, dorthin zu gehen, wo er auf Verständnis stieß. Besonders ein Heim besuchte er gern, das Heim der Geschwister Lazarus, Maria und Martha. In der Atmosphäre ihres Glaubens und ihrer Liebe fand sein Geist Ruhe. Trotzdem vermochte niemand auf der Erde seinen göttlichen Auftrag wirklich zu begreifen oder die Last, die er für die Menschheit trug, nachzuempfinden. Deshalb fand er Stärkung oftmals im Alleinsein und in der Gemeinschaft mit seinem himmlischen Vater.

 

Wer immer um Christi willen leiden muß und sogar in seiner eigenen Familie auf Verständnislosigkeit und Mißtrauen stößt, mag sich mit dem Gedanken trösten, daß Jesus das gleiche ertragen hat und mit uns fühlt. Er bittet uns, mit ihm Gemeinschaft zu pflegen und uns dort zu erquicken, wo auch er Erquickung fand: in der Verbundenheit mit dem Vater. Alle, die Christus als ihren persönlichen Heiland annehmen, sind keine verlassenen Waisen, die die Anfechtungen des Lebens allein bestehen müssen. Er nimmt sie als Mitglieder in die himmlische Familie auf und bittet sie, seinen Vater auch ihren Vater zu nennen. Sie sind seine „Kleinen“; sie sind dem Herzen Gottes teuer und mit ihm durch die innigsten und festesten Bande verknüpft. Er liebt sie mit überaus großer Freundlichkeit, ja, weit mehr, als unsere Väter und Mütter uns in unserer Hilflosigkeit geliebt haben. So hoch erhaben ist das Göttliche über dem Menschlichen.

 

In den Gesetzen wurde Israel ein herrliches Bild über das Verhältnis Christi zu seinem Volk gegeben. Wenn ein Hebräer durch Armut genötigt war, sich von der Habe seiner Väter zu trennen und sich als Sklave zu verkaufen, war es die Pflicht des nächsten Blutsverwandten ihn und seiner Väter Gut wieder einzulösen. 3.Mose 25,2547-49; Rut 2,20. So übernahm Christus das Werk, uns und unser durch die Sünde verlorenes Erbteil einzulösen; denn er ist uns verwandt. Er wurde unser Bruder, um uns zu erlösen. Der Herr, unser Heiland, steht uns näher als Vater, Mutter Bruder, Freund oder Geliebter. Er spricht: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen: du bist mein! ... Weil du kostbar bist in meinen Augen, wertvoll für mich, und ich dich liebgewonnen habe, darum gebe ich Länder als Lösegeld für dich hin und Völker für dein Leben.“ Jesaja 43,14 (Menge).

 

Christus liebt die himmlischen Wesen, die seinen Thron umgeben. Doch wie läßt sich die große Liebe erklären, mit der er uns geliebt hat? Wir können sie nicht verstehen, wohl aber durch persönliche Erfahrung kennenlernen. Wenn wir an dem brüderlichen Verhältnis zu Christus festhalten, wie herzlich sollten wir dann jenen zugetan sein, die auch seine Brüder und Schwestern sind! Sollten wir nicht unverzüglich die Ansprüche aus unserer verwandtschaftlichen Beziehung zu Gott anerkennen? Sollten wir, da wir in die Familie Gottes aufgenommen sind nicht unseren himmlischen Vater und unsere geistlichen Schwestern und Brüder ehren?

Kapitel 34: Die Einladung

 

Auf der Grundlage von Matthäus 11,28-30.

 

„Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ Matthäus 11,28. Diese Trostworte richtete Jesus an die Volksmenge, die ihm nachfolgte. Der Heiland hatte gesagt, daß die Menschen nur durch ihn Gott erkennen könnten. Er hatte davon gesprochen, daß seinen Jüngern die Kenntnis himmlischer Dinge zuteil geworden war. Aber er ließ in niemandem das Gefühl aufkommen, von seiner Fürsorge und Liebe ausgeschlossen zu sein. Alle Mühseligen und Beladenen dürfen sich ihm nahen. Schriftgelehrte und Rabbiner fühlten trotz ihrer peinlich-genauen Beachtung religiöser Zeremonien einen Mangel, der durch Bußübungen niemals gestillt werden konnte. Zöllner und Sünder mochten vortäuschen, als befriedige sie das Sinnliche und Diesseitige, während ihre Herzen von Furcht und Zweifel erfüllt waren. Jesus schaute auf die Betrübten und Bedrückten, deren Hoffnungen erstickt waren und die nun durch weltliche Freuden das Verlangen ihrer Seele stillen wollten. Sie alle lud Jesus ein, in ihm Frieden zu finden.

 

Voller Güte bat er die Mühseligen: „Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.“ Matthäus 11,29. Mit diesen Worten spricht Christus jeden Menschen an. Ob wir uns dessen bewußt sind oder nicht, jeder einzelne von uns ist müde und beladen. Alle werden von Belastungen niedergedrückt, die ihnen nur Christus abnehmen kann. Unsere schwerste Last ist die der Sünde. Wenn wir sie tragen müßten, würde sie uns erdrücken. Statt dessen ist der Sündlose an unsere Stelle getreten. „Der Herr warf unser aller Sünde auf ihn.“ Jesaja 53,6. Christus hat die Bürde unserer Schuld auf sich genommen. Er will die Last von unseren Schultern nehmen und uns Ruhe schenken. Auch die Last unserer Sorgen und Trübsale will er tragen. Er lädt uns ein, alle unsere Sorge auf ihn zu werfen; denn er trägt uns auf seinem Herzen.

 

Der Erstgeborene des Menschengeschlechtes befindet sich am Thron des Ewigen. Er schaut auf jeden, der ihm als dem Erlöser sein Angesicht zuwendet. Aus eigener Erfahrung kennt er die menschlichen Schwächen und somit auch unsere Bedürfnisse, und er weiß, wo wir besonders angefochten sind; denn er wurde in allen Dingen genauso versucht wie wir, doch ohne Sünde. Verzagtes Gotteskind, er wacht über dir! Macht die Sünde dir zu schaffen? Er macht dich frei. Bist du zu schwach? Er will dich stärken. Bist du zu unwissend? Er will dich erleuchten. Bist du verletzt worden? Er möchte dich heilen. Der Herr „zählt die Sterne“. Psalm 147,4. Ja, „er heilt, die zerbrochenen Herzens sind, und verbindet ihre Wunden“. Psalm 147,3. Seine Einladung lautet: „Kommet her zu mir.“ Matthäus 11,28. Breitet eure Anliegen vor dem Herrn aus, was immer euch ängstigen und heimsuchen mag. Euer Geist wird mit neuem Lebensmut beseelt werden. Der Weg wird bereitet sein, euch von euren Hindernissen und Schwierigkeiten zu befreien. Je mehr ihr eure Schwachheit und Hilflosigkeit erkennt, desto stärker werdet ihr in der Kraft Christi werden. Je drückender eure Bürden sind, desto gesegneter wird der Friede sein, wenn ihr sie auf den großen Lastenträger geworfen habt. Die Ruhe, die Christus verheißt, hängt von Voraussetzungen ab, die einzeln aufgeführt sind. Sie sind so gehalten, daß jeder sie erfüllen kann. Jesus sagt uns genau, wie wir „seine Ruhe“ finden können.

 

„Nehmet auf euch mein Joch.“ Matthäus 11,29. Das Joch ist ein Hilfsmittel für die Arbeit. Zugtiere werden zur Arbeit ins Joch gespannt. Erst durch das Joch vollbringen sie eine gute Leistung. Christus lehrt uns durch dieses Beispiel, daß wir berufen sind, zeitlebens zu dienen. Als seine Mitarbeiter sollen wir sein Joch auf uns nehmen.

 

Das Joch ist das Gesetz Gottes. Es verpflichtet uns zum Dienst. Das erhabene Gesetz der Liebe, das im Paradies offenbart, auf Sinai verkündet und im Neuen Bund ins Herz geschrieben wurde, bindet den menschlichen Arbeiter an den Willen Gottes. Wäre es uns überlassen, unseren eigenen Neigungen zu folgen und dorthin zu gehen, wohin unser Wille uns führte, so fielen wir in die Fallstricke Satans und trügen seine Merkmale an uns. Deshalb setzt Gott uns Grenzen durch seinen Willen, der stark, edel und erhaben ist. Er wünscht, daß wir die Aufgaben unseres Dienstes geduldig und voller Klugheit aufgreifen. Christus selbst hat als Mensch das Joch des Dienstes getragen. Er sprach: „Deinen Willen, mein Gott, tue ich gern, und dein Gesetz hab ich in meinem Herzen.“ Psalm 40,9. „Ich bin vom Himmel gekommen, nicht damit ich meinen Willen tue, sondern den Willen des, der mich gesandt hat.“ Johannes 6,38. Liebe zu Gott, Eifer für Gottes Ehre und Liebe zu der gefallenen Menschheit brachten Jesus auf die Erde, um zu leiden und zu sterben. Das war die treibende Kraft seines Lebens. Uns bittet er, ebenfalls nach diesem Grundsatz zu handeln.

 

Vieler Menschen Herzen stöhnen unter ihrer Sorgenlast, weil sie mit dem Lebensstandard der Welt mithalten wollen. Sie sind in deren Dienst getreten, finden sich mit deren Verworrenheiten ab und eignen sich deren Spielregeln an. Dadurch wird ihr Charakter verdorben, und sie werden ihres Leben überdrüssig. Um ihre Begierden und weltlichen Lüste zu befriedigen, verletzten sie ihr Gewissen und bringen sich zusätzlich in Gewissensnöte. Die ständige innere Zerrissenheit zehrt an ihren Lebenskräften. Unser Herr wünscht, daß sie dieses Joch der Sklaverei ablegen, und er lädt sie ein, sein Joch auf sich zu nehmen. „Mein Joch“, so sagt er, „ist sanft, und meine Last ist leicht.“ Matthäus 11,30. Er bittet sie, zuerst nach dem Reiche Gottes und seiner Gerechtigkeit zu trachten, und verheißt ihnen, daß ihnen dann alle lebensnotwendigen Dinge zufallen werden. Sorge macht blind gegenüber der Zukunft, Jesus aber sieht das Ende vom Beginn an. Er weiß hilfreiche Wege aus jeder Not. Unser himmlischer Vater hat Tausende Hilfen für und bereit, von denen wir nichts ahnen. Wer sich den Leitsatz zu eigen macht, dem Dienst für Gott und für seine Ehre den ersten Platz einzuräumen, wird erleben, daß die Schwierigkeiten schwinden und sich vor seinen Füßen ein ebener Pfad ausbreitet.

 

Jesus sagt: „Lernet von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden.“ Matthäus 11,29. Wir müssen in die Schule Christi gehen und Sanftmut und Demut von ihm lernen. Erlösung ist jenes Geschehen, durch das die Seele für den Himmel zubereitet wird. Diese Erziehung umfaßt die Erkenntnis Christi und das Sichlösen von Gedanken, Gewohnheiten und Geschäften, die man sich in der Schule des Fürsten der Finsternis angeeignet hat. Das Herz muß von allem frei werden, was der Treue zu Gott entgegensteht. Im Herzen Christi, in dem vollkommener Einklang mit Gott herrschte, wohnte echter Friede. Weder machte ihn Beifall übermütig, noch ließen ihn Kritik und Enttäuschung mutlos werden. Selbst inmitten stärksten Widerstandes und grausamster Behandlung war er guten Mutes. Viele jedoch, die seine Nachfolger zu sein behaupten, haben ein ängstliches und ruheloses Herz, weil sie sich scheuen, ihr Vertrauen auf Gott zu setzen. Sie liefern sich ihm nicht völlig aus, weil sie vor den Folgen zurückschrecken, die solch eine Hingabe haben könnte. Wer jedoch diese Hingabe nicht aufbringt, findet keinen Frieden.

 

Eigenliebe erzeugt Unfrieden. Sind wir aber von Gott wiedergeboren, beseelt uns der gleiche Sinn, der in Jesus war und ihn dazu bewegte, sich selbst zu erniedrigen, damit wir selig würden. Wir sollen nicht nach dem höchsten Platz streben, sondern gern zu den Füßen Jesu sitzen, um von ihm zu lernen. Wir müssen begreifen, daß der Sinn unseres Dienstes nicht darin besteht, uns selbst in den Vordergrund zu stellen und großes Aufsehen zu erregen, auch nicht darin, aus eigener Kraft aktiv und diensteifrig zu sein. Der Wert unserer Arbeit hängt davon ab, in welchem Maße sich uns der Heilige Geist mitteilt. Gottvertrauen heiligt die Gedankenwelt. Hier heißt es, sich in Geduld zu fassen.

 

Ochsen werden ins Joch gespannt, um sie beim Ziehen der Wagenladung zu unterstützen und ihnen die Last zu erleichtern. Genauso verhält es sich mit dem Joch Christi. Ist unser Wille im Willen Gottes aufgegangen und wenden wir seine Gaben zum Segen für andere an, so werden wir die Bürde des Lebens leicht finden. Wessen Lebensweg mit den Geboten Gottes übereinstimmt, geht ihn in Begleitung Christi, in dessen Liebe seine Seele Frieden findet. Als Mose betete: „Laß mich deinen Weg wissen, damit ich dich erkenne“, antwortete der Herr: „Mein Angesicht soll vorangehen; ich will dich zur Ruhe leiten.“ 2.Mose 33,1314. Von den Propheten kam die Botschaft: „So spricht der Herr: Tretet hin an die Wege und schauet und fragt nach den Wegen der Vorzeit, welches der gute Weg sei, und wandelt darin, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele!“ Jeremia 6,16. Weiter spricht der Herr: „O daß du auf meine Gebote gemerkt hättest, so würde dein Friede sein wie ein Wasserstrom und deine Gerechtigkeit wie Meereswellen.“ Jesaja 48,18.

 

Alle, die Christus beim Wort nehmen und ihm ihre Herzen übergeben, daß er sie bewahre, und ihr Leben, daß er es ordne, werden Ruhe und Frieden finden. Nichts auf der Welt kann sie betrüben, wenn Jesus sie durch seine Gegenwart glücklich macht. Völlige Hingabe verbürgt völligen Frieden. Der Herr verheißt: „Wer festen Herzens ist, dem bewahrst du Frieden; denn er verläßt sich auf dich.“ Jesaja 26,3. Unser Leben mag einem unentwirrbaren Knäuel ähneln; wenn wir uns aber dem erfahrenen Meister aller Meister anvertrauen, wird er es zu seiner Verherrlichung in ein beispielhaftes Leben und zu einem vorbildlichen Charakter umformen. Ein Charakter, der die Herrlichkeit und damit das Wesen Christi widerspiegelt, wird im Paradiese Gottes willkommen geheißen werden. Ein erneuertes Menschengeschlecht wird in „weißen Kleidern“ mit dem Herrn wandeln, „denn sie sind‘s wert“. Offenbarung 3,4.

 

Da wir durch Christus zur Ruhe eingehen, beginnt der Himmel bereits auf Erden. Wir folgen seiner Einladung: „Kommet ... und lernet von mir.“ Damit nimmt für uns das ewige Leben seinen Anfang. „Himmel“ bedeutet nichts anderes als ein unaufhörliches Näherkommen zu Gott durch Christus. Je länger wir jetzt schon am himmlischen Glück teilhaben, desto größere Herrlichkeit wird uns zugänglich sein. Je mehr wir Gott erkennen, desto tiefer wird unsere Glückseligkeit sein. Wandeln wir in diesem Leben mit Jesus, so werden wir von seiner Liebe erfüllt, und seine Gegenwart wird uns erfreuen. Schon jetzt können wir so viel von Gott empfangen, wie unsere menschliche Natur ertragen kann. Doch was bedeutet das im Vergleich zu dem, was uns verheißen ist! Die Erlösten sind „vor dem Thron Gottes und dienen ihm Tag und Nacht in seinem Tempel; und der auf dem Thron sitzt, wird über ihnen wohnen. Sie wird nicht mehr hungern noch dürsten; es wird auch nicht auf sie fallen die Sonne oder irgendeine Hitze; denn das Lamm mitten auf dem Thron wird sie weiden und leiten zu den lebendigen Wasserbrunnen, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.“ Offenbarung 7,15-17.

 

 

 

 

 

 

Kapitel 35: „Schweig und verstumme!“

 

Auf der Grundlage von Matthäus 8,23-34; Markus 4,35-41; Markus 5,1-20; Lukas 8,22-39.

 

Ein ereignisreicher Tag im Leben Jesu hier auf Erden neigte sich seinem Ende zu. Am See Genezareth hatte er seine ersten Gleichnisse gesprochen und durch sinnreiche Vergleiche aus der Natur das Wesen seines Reiches und die Art und Weise seines Kommens erklärt. Er hatte seine Arbeit mit der eines Sämanns, die Entwicklung seines Reiches mit dem Wachsen eines Senfkorns und der Wirkung des Sauerteiges in einem Scheffel Mehl verglichen. Die Trennung der Gerechten von den Gottlosen am Jüngsten Tage hatte er durch die Gleichnisse vom Unkraut unter dem Weizen und dem Netz mit den Fischen veranschaulicht. Das Wertvolle der Wahrheiten, die er lehrte, hatte er durch das Gleichnis von dem verborgenen Schatz und von der köstlichen Perle dargelegt, während er im Gleichnis von dem Haushalter seinen Jüngern zeigte, wie sie als seine Stellvertreter wirken sollten.

 

Den ganzen Tag über hatte er gelehrt und geheilt. Als es dunkelte, drängte sich die Menge noch immer um ihn. Tagelang schon hatte er den Menschen gedient, ohne sich viel Zeit zum Essen und Ruhen zu gönnen. Die boshafte Kritik und die Entstellungen der Pharisäer, womit sie ihn beständig verfolgten, erschwerten seine Tätigkeit ungeheuer. Jetzt am Ende des Tages war er so ermattet, daß er beschloß, sich an einen stillen Ort auf der andern Seite des Sees zurückzuziehen.

 

Das östliche Ufer des Sees Genezareth war nicht unbewohnt. Es lagen hier und da Ortschaften; dennoch wirkte es im Vergleich mit dem westlichen Ufer öde und wüst. Es hatte eine mehr heidnische als jüdische Bevölkerung und unterhielt nur geringen Verkehr mit Galiläa, so daß Jesus hier die gewünschte Abgeschlossenheit finden konnte. Seine Jünger forderte er auf, ihn zu begleiten. So nahmen ihn diese, nachdem er die Menge verabschiedet hatte, so wie er war, ins Boot und stießen eiligst vom Ufer ab. Doch sie blieben nicht allein. Andere Boote, die am Ufer lagen und schnell mit Menschen besetzt waren, folgten ihnen. Es waren noch viele, die ihn sehen und hören wollten.

 

Endlich war der Heiland von dem Gedränge der Menge befreit. Überwältigt von Müdigkeit und Hunger, legte er sich hinten im Schiff nieder und schlief bald ein. Es war ein ruhiger und angenehmer Abend, und tiefe Stille lagerte über dem See. Plötzlich jedoch überzog Finsternis den Himmel; der Wind fuhr ungestüm aus den Bergklüften hernieder und fegte am östlichen Seeufer entlang, und ein furchtbares Wetter brach herein. Die Sonne war untergegangen, und die Finsternis der Nacht lagerte über dem stürmischen See. Die von dem wütenden Wind zu Schaum gepeitschten Wellen stürzten mit aller Heftigkeit über dem Boot der Jünger zusammen und drohten es zu verschlingen. Die abgehärteten Fischer hatten ihr Leben auf dem See zugebracht und ihr Schifflein durch manchen Sturm sicher ans Ufer gebracht. Jetzt aber versagten ihre Kraft und ihre Geschicklichkeit; sie waren hilflos in der Gewalt des Sturmes, und ihre Hoffnung wich, als sie sahen, daß das Boot voll Wasser schlug.

 

Ganz erfüllt von dem Bestreben, sich zu retten, hatten sie die Anwesenheit Jesu vergessen. Als sie aber bemerkten, daß ihre Rettungsarbeiten vergebens waren und sie den sicheren Tod vor Augen fühlten, erinnerten sie sich, auf wessen Wunsch sie über den See fuhren. Der Heiland war jetzt ihre einzige Hoffnung. In ihrer Hilflosigkeit und Verzweiflung schrien sie: „Meister! Meister!“ Lukas 8,24. Aber die dichte Finsternis verbarg ihn vor ihren Augen; ihre Stimmen wurden von dem Heulen des Sturmes übertönt — es kam keine Antwort. Zweifel und Furcht überfielen sie. Hatte Jesus sie verlassen? War er, der Krankheiten und Dämonen, ja sogar den Tod besiegt hatte, jetzt machtlos, seinen Jüngern zu helfen? Achtete er nicht ihrer Not?

 

Sie rufen noch einmal. Wieder keine Antwort. Nur das Heulen des Sturmes ist zu vernehmen. Schon beginnt das Schiff zu sinken. Noch einen Augenblick — und die gierigen Wellen werden sie verschlungen haben. Plötzlich erhellt ein Blitzstrahl die Finsternis, und da sehen die Jünger ihren Herrn ruhig schlafen. Bestürzt und verzweifelt rufen sie: „Meister, fragst du nichts danach, daß wir verderben?“ Markus 4,38. Wie kann er so friedlich schlafen, während sie in Gefahr sind und mit dem Tode ringen! Ihr Schreien weckt den Herrn schließlich. Ein neuer Blitz erhellt seine Gestalt, und die Jünger erkennen staunend den himmlischen Frieden auf seinem Angesicht und lesen in seinem Blick selbstvergessene, hingebungsvolle Liebe. Ihre Herzen wenden sich ihm zu, und sie stammeln: „Herr, hilf uns, wir verderben!“ Noch nie ist solcher Ruf unbeachtet geblieben. Die Jünger ergreifen noch einmal die Ruder, um einen letzten Rettungsversuch zu unternehmen. Da erhebt sich der Herr. Er steht mitten unter den Jüngern. Der Sturm wütet weiter, die Wellen schlagen über sie hinweg, und Blitze erleuchten des Meisters Angesicht. Er erhebt seine Hand, die so oft Werke der Barmherzigkeit getan hat, und gebietet dem stürmischen See: „Schweig und verstumme!“

 

Der Sturm hört auf. Die Wogen legen sich. Die Wolken weichen, und Sterne leuchten hervor. Das Schiff gleitet wieder auf dem ruhig gewordenen See dahin. Jesus aber wendet sich an seine Jünger und sagt traurig zu ihnen: „Was seid ihr so furchtsam? Wie habt ihr denn keinen Glauben?“ Markus 4,40. Bedrücktes Schweigen bemächtigte sich der Jüngerschar. Selbst Petrus wagte es vor Scheu nicht, das auszusprechen, was sein Herz erfüllte. Die Schiffe, die mitfuhren, um den Heiland zu begleiten, waren in derselben Gefahr gewesen wie das Boot der Jünger. Schrecken und Verzweiflung hatten ihre Insassen ergriffen; aber Jesu Befehl stillte alle Aufregung. Die Gewalt des Sturmes hatte die Boote auseinandergetrieben, und so erlebten alle das Wunder mit. Mit der dem Sturm folgenden Stille war alle Furcht vergessen. Die Leute sprachen unter sich: „Was ist das für ein Mann, daß ihm Wind und Meer gehorsam sind?“ Matthäus 8,27.

 

Als Jesus geweckt wurde, um dem Sturm zu begegnen, bewies er vollkommene Ruhe und Sicherheit. Wort und Blick verrieten nicht eine Spur von Furcht; denn sein Herz war frei davon. Nicht weil er im Bewußtsein der göttlichen Allmacht sich sicher fühlte, nicht als Herr der Erde, des Himmels und der Meere bewahrte er diese Ruhe; jene Macht hatte er niedergelegt, denn er sagte: „Ich kann nichts von mir selber tun.“ Johannes 5,30. Er vertraute aber der Macht seines Vaters; er ruhte im Glauben — im Glauben an die Liebe und Fürsorge Gottes. Die Macht des Wortes, die den Sturm stillte, war die Macht Gottes.

 

Wie Jesus sich im Glauben in der Liebe des Vaters geborgen fühlte, so sollen wir uns in der Fürsorge des Heilandes geborgen wissen. Hätten die Jünger dem Herrn vertraut, dann wären sie auch ruhig und sicher gewesen. Durch ihre Furcht in der Stunde der Gefahr bekundeten sie jedoch Unglauben. In ihrem Eifer, sich selbst zu retten, vergaßen sie Jesus. Erst als sie an sich selbst verzweifelten und sie sich an ihn wandten, konnte er ihnen helfen.

 

Wie oft ist die Erfahrung der Jünger auch die unsrige! Wenn sich die Stürme der Versuchung über uns zusammenziehen, wenn grelle Blitze zucken und die Wogen der Verzweiflung über uns zusammenschlagen, kämpfen wir mit unserer Not allein, und wir vergessen, daß einer gegenwärtig ist, der uns helfen kann. Wir vertrauen unserer eigenen Kraft, bis uns alle Hoffnung verläßt und wir dem Verderben nahe sind. Dann erst denken wir an den Heiland, und wenn wir ihn im Glauben anrufen, wird es nicht vergebens sein. Wohl tadelt er betrübt unseren Unglauben und unser Selbstvertrauen, doch gewährt er uns bereitwillig die Hilfe, die uns not tut. Wo wir auch sein mögen, auf dem Lande oder auf dem Meer: wir brauchen uns nicht zu fürchten, wenn wir Jesus im Herzen haben. Ein lebendiger Glaube an ihn wird das unruhige Meer des Lebens beruhigen und uns aus der Gefahr befreien in einer Weise, die ihm am besten erscheint.

 

Die Stillung des Sturms enthält noch eine weitere geistliche Lehre. Eines jeden Menschen Erfahrung bestätigt die Wahrheit des Schriftwortes: „Die Gottlosen sind wie das ungestüme Meer, das nicht still sein kann ... Die Gottlosen haben keinen Frieden, spricht mein Gott.“ Jesaja 57,2021. Die Sünde hat unseren Frieden zerstört. Solange unser Ich nicht bezwungen ist, finden wir keine Ruhe. Die mächtigen Leidenschaften des Herzens vermag keine menschliche Macht unter Kontrolle zu bringen. Wir sind da so hilflos, wie die Jünger machtlos waren, den Sturm zu stillen. Doch derjenige, der den Wellen des Sees Genezareth gebot, hat jedem Menschen diesen Frieden zugesprochen. Wie hefig der Sturm auch sein mag, wer zu Jesus ruft: „Herr, errette mich!“, wird Rettung finden! Christi Gnade versöhnt die Seele mit Gott und beschwichtigt die menschliche Leidenschaft. In Jesu Liebe findet unser Herz Ruhe. Er „stillt das Ungewitter, daß die Wellen sich legten und sie froh wurden, daß es still geworden war und er sie zum erwünschten Land brachte.“ Psalm 107,2930. „Nun wir denn sind gerecht geworden durch den Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unsren Herrn Jesus Christus“. Römer 5,1. — „Der Gerechtigkeit Frucht wird Friede sein, und der Ertrag der Gerechtigkeit wird ewige Stille und Sicherheit sein.“ Jesaja 32,17.

Am nächsten Morgen, als gerade das Licht der aufgehenden Sonne wie ein Friedensgruß Land und See berührte, kam der Heiland mit den Jüngern ans Ufer. Kaum aber hatten sie das Land betreten, als sich ihnen ein Anblick bot, der schrecklicher war als das Rasen des Sturmes. Zwei Irrsinnige stürzten aus einem Versteck zwischen den Gräbern hervor und auf sie zu, als wollten sie sie in Stücke zerreißen. An ihren Füßen hingen Glieder von Ketten, die sie gesprengt hatten; ihr Körper zeigte blutende Wunden, die sie sich an den scharfen Steinen geholt hatten; ihre Augen stierten wild unter dem langen, wirren Haar hervor; alles Menschliche schien ihnen von den Dämonen, die in ihnen wohnten, genommen zu sein; sie sahen wilden Tieren ähnlicher als Menschen.

 

Die Jünger und andere Begleiter des Herrn flohen vor Schrecken. Bald aber bemerkten sie, daß Christus nicht bei ihnen war. Sie schauten sich um und sahen ihren Herrn dort stehen, wo sie ihn verlassen hatten. Der den Sturm gestillt, der schon früher Satan begegnet war und ihn besiegt hatte, floh nicht vor diesen bösen Geistern. Die Wahnsinnigen hatten sich zähneknirschend und vor Wut schäumend dem Herrn genähert. Da erhob Jesus die Hand, die den wilden Wogen Ruhe geboten hatte, und die Männer vermochten nicht, näher zu kommen. Sie standen wütend, aber hilflos vor ihm. Mit Macht gebot er nun den unreinen Geistern, aus den Männern auszufahren. Seine Worte durchdrangen die umnachteten Sinne der Unglücklichen, und die erkannten, wenn auch noch dunkel, die Gegenwart des Einen, der sie von den bösen Geistern erlösen konnte. Sie fielen dem Heiland zu Füßen, ihn anzubeten. Als sie jedoch die Lippen öffneten, um seine Gnade zu erflehen, sprachen die Dämonen aus ihnen und schrien ihn ungestüm an: „Was willst du von uns, du Sohn Gottes? Bist du hergekommen, uns zu quälen, ehe denn es Zeit ist?“ Matthäus 8,29.

 

Jesus fragte den einen: „Wie heißest du?“ Und dieser antwortet: „Legion heiße ich; denn wir sind viele.“ Markus 5,9. Diese unglücklichen Männer wurden von Dämonen als Mittelspersonen benutzt, Jesus zu ersuchen, sie nicht aus dem Lande zu treiben. Nicht weit davon, am Abhang eines kleinen Berges, weidete eine Herde Säue. In diese wollten die Dämonen fahren. Jesus erlaubte es ihnen, und sofort wurde die Herde von panischem Schrecken ergriffen. Die Säue rasten wild die Klippen hinunter, stürzten sich, da sie ihren Lauf nicht hemmen konnten, in den See und ertranken.

 

Während dieser Zeit war mit den Irrsinnigen eine wunderbare Veränderung vor sich gegangen; es war licht geworden in ihrem Geist, die Augen blickten klug und verständig, die bisher zum Bilde Satans entstellten Gesichter wurden sanft und die blutbefleckten Hände ruhig. Mit freudiger Stimme lobten sie Gott für ihre Erlösung. Die Schweinehirten hatten von den Klippen aus gesehen, was geschehen war, und eilten, die Nachricht von dem Vorgefallenen ihrem Herrn und allen Leuten zu bringen. In Furcht und Bestürzung strömten die Bewohner der ganzen Gegend zu Jesus. Die beiden Besessenen hatten als der Schrecken der Umgebung gegolten. Niemand war seines Lebens sicher gewesen; denn sie hatten sich mit der Wut der Dämonen auf jeden Vorübergehenden gestürzt. Nun waren sie wieder gesittet und vernünftig; saßen zu den Füßen Jesu, lauschten seinen Worten und verherrlichten den Namen dessen, der sie gesund gemacht hatte. Doch die Menschen, die all dies erlebten, freuten sich nicht mit ihnen; der Verlust der Schweine schien ihnen mehr zu bedeuten als die Befreiung dieser Gefangenen Satans.

 

Es war ein Akt göttlicher Gnade, daß dieser Verlust die Tierhalter getroffen hatte. Sie waren ganz erfüllt von ihren irdischen Belangen und kümmerten sich nicht um ihr geistliches Wohl. Jesus wünschte ihre Gleichgültigkeit zu brechen, damit sie seine Gnade annehmen möchten, doch die Trauer und die Entrüstung über den Verlust der Herde machten ihre Augen blind gegen die göttliche Gnade. Die Bekundung einer übernatürlichen Macht erregte den Aberglauben der Menschen und erweckte die Furcht, daß noch weitere Unglücksfälle folgen könnten, solange dieser Fremdling unter ihnen weilte. Sie befürchteten finanziellen Schaden und beschlossen, sich von seiner Gegenwart zu befreien. Die Jesus über den See begleitet hatten, erzählten alles, was in der vergangenen Nacht geschehen war; sie berichteten von ihrer Gefahr in Sturmesnöten und wie Jesus Wind und Meer geboten hatte. Aber alle ihre Berichte blieben wirkungslos. Furchterfüllt drängte sich die Menge um Jesus, und sie bat ihn, diese Gegend zu verlassen. Jesus erfüllte ihren Wunsch, bestieg wieder das Boot und fuhr nach dem gegenüberliegenden Ufer.

 

Die Bevölkerung der Gegend um Gergesa hatten einen lebendigen Beweis von Jesu Macht und Gnade vor sich; sie sahen die Männer, die ihren Verstand wiedererlangt hatten, und doch fürchteten sie über alles, ihre irdischen Güter preisgeben zu müssen. Diese Furcht veranlaßte sie, Jesus, der vor ihren Augen den Fürsten der Finsternis verbannt hatte, wie einen Eindringling zu behandeln und die Gabe des Himmels abzulehnen. Wohl bietet sich heute nicht mehr die Gelegenheit, den Heiland als Mensch von sich zu weisen, wie es die Gerasener taten; aber es gibt noch viele, die sich weigern, seinem Wort zu gehorchen, vor allem dann, wenn dieser Gehorsam das Opfer irgendwelcher irdischen Vorteile einschließen würde. Sie verwerfen seine Gnade und weisen seinen Geist von sich, damit seine Gegenwart ihnen keinen materiellen Verlust bringe.

 

Wie ganz anders empfanden die beiden Geheilten! Sie verlangten nach der Gegenwart ihres Erlösers; bei ihm fühlten sie sich geborgen vor den bösen Geistern, die sie gequält und ihrer besten Kräfte beraubt hatten. Als Jesus sich anschickte, wieder das Boot zu besteigen, hielten sie sich ganz nahe an seiner Seite, knieten vor ihm nieder und baten herzlich, bei ihm bleiben zu dürfen, um immer seine Worte lauschen zu können. Doch der Herr gebot ihnen, heimzugehen und zu verkündigen, was er an ihnen Großes getan hat. Hier war eine Aufgabe für sie zu erfüllen. Sie sollten in ihre heidnische Heimat zurückgehen und von den Segnungen erzählen, die Jesus ihnen erwiesen hatte. Es fiel ihnen schwer sich von dem Heiland zu trennen, zumal sie wußten, welche großen Schwierigkeiten sie nun im Verkehr mit ihren heidnischen Landsleuten begegnen würden. Ihre lange Trennung von der menschlichen Gesellschaft schien sie für die von ihm bezeichnete Aufgabe unfähig gemacht zu haben; doch sobald der Herr ihnen den Auftrag stellte, waren sie bereit, ihn zu erfüllen. Nicht nur ihrer engsten Umgebung erzählten sie von dem Wunderheiland, sie gingen vielmehr durch das ganze Gebiet der Zehn Städte, verkündigten überall Jesu errettende Macht und beschrieben, wie er sie von den bösen Geistern befreit hatte. So empfingen sie durch ihr Missionswerk einen größeren Segen, als wenn sie zu ihrem eigenen Nutzen bei Jesus geblieben wären. Wenn wir die große Heilandsbotschaft verbreiten helfen, werden wir dem Erlöser nähergebracht.

 

Die beiden vom Wahnsinn Geheilten waren die ersten Missionare, die der Herr in die Gegend der Zehn Städte sandte, das Evangelium zu verkündigen. Nur kurze Zeit hatten sie das Vorrecht gehabt, den Lehren Jesu zu lauschen; nicht eine einzige Predigt hatten sie von ihm vernommen. Sie konnten von sich aus das Volk nicht lehren wie die Jünger, die täglich bei dem Herrn gewesen waren; aber sie bezeugten durch ihr persönliches Erleben, daß Jesus der Messias war. Sie konnten erzählen, was sie wußten, was sie von der Macht Christi gesehen, gehört und erlebt hatten. Dies kann jeder tun, dessen Herz von der göttlichen Gnade berührt worden ist. Johannes, der Lieblingsjünger, schrieb: „Das da von Anfang war, das wir gehört haben, das wir gesehen haben mit unseren Augen, das wir beschaut haben ... vom Wort des Lebens ... was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir euch.“ 1.Johannes 1,1-3. Als Zeugen Christi sollen wir verkündigen, was wir wissen, was wir selber gesehen, gehört und empfunden haben. Wenn wir Jesus Schritt für Schritt gefolgt sind, dann werden wir auch etwas über den Weg erzählen können, den er uns geführt hat. Wir können sagen, wie wir seine Verheißungen erprobt und sie zuverlässig gefunden haben. Wir können Zeugnis darüber geben, was wir von der Gnade Christi erfahren haben. Das ist das Zeugnis, zu dem unser Herr uns aufruft und an dessen Mangel die Welt zugrunde geht.

 

Obwohl die Bevölkerung von Gergesa Jesus nicht angenommen hatte, überließ er sie nicht der selbstgewählten Finsternis. Als sie ihn bat, von ihr zu gehen, hatte sie seine Worte noch nicht gehört. Sie wußte nicht, was sie abwies. Darum sandte er ihr erneut das Licht, und zwar durch solche Boten, bei denen sie sich nicht weigern würde, zuzuhören.

 

Durch die Vernichtung der Schweine wollte Satan die Menschen vom Heiland abwenden und die Verkündigung des Evangeliums in diesem Gebiet verhindern. Aber gerade dieses Ereignis erregte die Menschen mehr als irgend etwas anderes und lenkte ihre Aufmerksamkeit auf Christus. Der Heiland war zwar gegangen, aber zurück blieb als ein Zeuge seiner Macht der Mensch, den er geheilt hatte. Diejenigen, die Werkzeuge des Fürsten der Finsternis waren, wurden Vermittler des Lichts, Botschafter des Sohnes Gottes. Die Menschen gerieten in Erstaunen, als sie von den wunderbaren Neuigkeiten hörten. Überall in diesem Gebiet standen die Tore dem Evangelium offen. Als Jesus in das Gebiet der Zehn Städte zurückkehrte, scharten sich die Menschen um ihn, und drei Tage lang hörten nicht nur die Einwohner einer Stadt, sondern Tausende aus der ganzen Umgebung die Botschaft der Erlösung. Auch die Macht der Dämonen ist letztlich der Herrschaft unseres Heilandes unterworfen, und das Werk des Bösen wird um des Guten willen in Schach gehalten.

 

Die Begegnung mit den beiden Besessenen war für die Jünger sehr lehrreich. Sie zeigte ihnen die Tiefe der Entartung, in die Satan das ganze Menschengeschlecht zu stürzen versucht, dann aber auch die Aufgabe Christi, die Gefangenen aus Satans Macht zu befreien. Jene elenden Geschöpfe, die inmitten der Gräber hausten und von bösen Geistern besessen, in ungezügelten Leidenschaften und ekelerregenden Neigungen geknechtet waren, geben Zeugnis davon, was aus Menschen wird, wenn sie der satanischen Gewalt überlassen bleiben. Satans Einfluß wirkt stets dahin, die Sinne der Menschen zu verwirren, das Gemüt auf Böses zu lenken und zu Gewalttaten und Verbrechen anzuspornen. Er schwächt den Körper, verdunkelt den Geist und erniedrigt die Seele. Wer die Einladung des Heilandes verwirft, ergibt sich dem Teufel.

 

Viele Menschen in jeder Lebensstellung, im Heim, im Geschäft und selbst in der Gemeinde, handeln heute ähnlich. Darum haben Gewalttaten und Verbrechen auf Erden überhandgenommen, und tiefe moralische Finsternis bedeckt wie mit einem Leichentuch die Wohnungen der Menschen. Durch seine lockenden Versuchungen verführt Satan zu immer größerer Sünde, bis völlige Entartung und Verderben die Folge sind. Die einzige Sicherheit vor dieser teuflischen Macht liegt in der Gegenwart Jesu. Vor Menschen und Engeln ist Satan als Feind und Verderber, Christus aber als Freund und Erlöser offenbart worden. Christi Geist wird solche Eigenschaften im Menschen entwickeln, die den Charakter veredeln und seinem Wesen zur Ehre gereichen. Er wird den Menschen heranbilden zur Verherrlichung Gottes nach Leib, Seele und Geist. „Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Zucht.“ 2.Timotheus 1,7. Er hat uns berufen, die „Herrlichkeit“, den Charakter „unseres Herrn Jesus Christus“ zu erlangen und gleich zu sein dem „Ebenbilde seines Sohnes“. 2.Thessalonicher 2,14; Römer 8,29.

 

Menschen, die zu Werkzeugen Satans herabgewürdigt worden sind, können immer noch durch die Kraft Christi zu Boten der Gerechtigkeit umgebildet und von Christus hinausgesandt werden, zu verkündigen, „wie große Wohltat dir der Herr getan und sich deiner erbarmt hat.“ Markus 5,19.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 36: Ein lebendiger Glaube

 

Auf der Grundlage von Matthäus 9,18-26; Markus 5,21-43; Lukas 8,40-56.

 

Als Jesus die Gegend der Zehn Städte verlassen hatte und wieder nach dem westlichen Ufer des Sees zurückgekehrt war, wurde er von einer großen Volksmenge erwartet, die ihn herzlich begrüßte. Er blieb noch längere Zeit am See, lehrte und machte Kranke gesund und begab sich in das Haus des Matthäus, wo er mit Zöllnern beim Fest zusammentraf. Hier fand ihn Jairus, der Oberste der Judenschule.

 

Jairus trat mit allen Anzeichen größter Herzensnot zu Jesus, warf sich ihm zu Füßen und rief: „Meine Tochter liegt in den letzten Zügen; du wollest kommen und deine Hände auf sie legen, daß sie gesund werde und lebe.“ Markus 5,23. Jesus begab sich sofort mit dem Obersten auf den Weg zu dessen Wohnung. Obgleich die Jünger schon oft seine Werke der Barmherzigkeit gesehen hatten, waren sie doch überrascht, daß ihr Herr dem Wunsch dieses hochmütigen Obersten so bereitwillig nachkam. Sie begleiteten mit noch vielen anderen ihren Meister, ungeduldig und erwartungsvoll. Des Obersten Haus war nicht weit entfernt; aber Jesus und seine Begleiter kamen nur langsam vorwärts, denn die Menge drängte von allen Seiten. Trotz der Ungeduld des Vaters unterbrach Jesus aus Mitleid mit dem Volk seinen Weg, heilte hier einen Leidenden und spendete dort einer traurigen Seele reichen Trost. Da drängte sich plötzlich ein Bote durch die Menge und brachte Jairus die Mitteilung, daß seine Tochter gestorben sei; es sei nun nicht mehr notwendig, den Meister zu bemühen. Diese Worte vernahm auch der Heiland, und er sagte zu Jairus: „Fürchte dich nicht; glaube nur, so wird sie gesund!“ Lukas 8,50.

 

Jairus hielt sich enger an den Heiland, und gemeinsam eilten sie nun zum Sterbehaus. Die gemieteten Klageweiber und Flötenspieler hatten sich bereits eingestellt und erfüllten die Luft mit ihrem lauten Wehklagen. Die vielen Menschen und der große Lärm bedrückten den Herrn. Er gebot ihnen Schweigen und sagte: „Was lärmet und weinet ihr? Das Kind ist nicht gestorben, sondern es schläft.“ Markus 5,39. Die Menge war entrüstet über die Worte des Fremdlings. Sie hatte doch den Tod des Mädchens selbst miterlebt. So wurden Jesu Worte verlacht. Er aber forderte die Juden auf, das Haus zu verlassen, nahm die Eltern des Mädchens und die Jünger Petrus, Jakobus und Johannes zu sich und ging mit ihnen in das Sterbezimmer. Jesus näherte sich dem Totenlager, nahm des Kindes Hand und sagte in der vertrauten Sprache ihrer Heimat mit weicher Stimme: „Mägdlein, ich sage dir, stehe auf!“ Markus 5,41.

 

Sofort kam Leben in die regungslose Gestalt des Mädchens; der Puls begann wieder zu schlagen, die Lippen öffneten sich mit einem Lächeln, die Augen taten sich weit auf wie nach einem langen Schlaf. Das Mädchen blickte verwundert auf die Anwesenden. Es stand auf, und die Eltern schlossen ihr Kind mit Tränen der Freude in den Augen in ihre Arme. Auf dem Wege zum Haus des Obersten hatte sich Jesus eine arme Frau genähert, die seit zwölf Jahren an einer schrecklichen Krankheit litt, die ihr das Leben zur Last machte. Sie hatte ihr ganzes Vermögen für Ärzte und Heilmittel ausgegeben, um schließlich doch als unheilbar erklärt zu werden. Ihre Hoffnung belebte sich neu, als sie von den Wunderheilungen Jesu hörte, und sie glaubte fest, daß sie genesen würde, könnte sie nur in seine Nähe kommen. So schleppte sie sich denn mühsam ans Ufer, wo Jesus lehrte, und versuchte durch die Menge hindurchzukommen. Doch vergeblich. Abermals folgte sie ihm, als er aus dem Hause des Levi-Matthäus kam. Und wieder gelang es ihr nicht, sich bis in seine Nähe vorzudrängen. Sie wollte schon den Mut sinken lassen, als der Herr auf seinem Weg durch die Menge in ihre Nähe kam.

 

Nun war die Gelegenheit günstig: Die Frau befand sich in unmittelbarer Nähe des großen Arztes! Aber inmitten der Unruhe konnte sie nicht mit ihm reden, ja kaum einen flüchtigen Blick auf ihn werfen. Schon fürchtete sie, daß ihr diese einzigartige Gelegenheit, Hilfe zu erhalten, verlorengehen könnte. Mit aller Gewalt drängte sie sich noch weiter nach vorn und sagte zu sich selbst: „Wenn ich auch nur seine Kleider könnte anrühren, so würde ich gesund.“ Markus 5,28. Als Jesus vorüberging, streckte sie die Hand aus, und es gelang ihr, den Saum seines Gewandes zu berühren. Im gleichen Augenblick fühlte sie, daß sie geheilt war. Sie hatte in diese eine Berührung ihren ganzen Glaubensmut gelegt, und sofort trat die Kraft vollkommener Gesundheit an die Stelle von Schmerz und Schwäche.

 

Mit dankerfülltem Herzen wollte sich die Frau wieder aus der Menge zurückziehen; aber Jesus blieb plötzlich stehen, und die Menschen folgten seinem Beispiel. Er wandte sich um und fragte mit einer Stimme, die aus dem Lärm der Menge klar herauszuhören war: „Wer hat mich angerührt?“ Lukas 8,45. Ein erstaunter Blick aus den Augen der Umstehenden war die stumme Antwort. Da er in dem großen Gedränge, in dem er sich seinen Weg bahnen mußte, bald hier, bald da angestoßen wurde, wunderten sich die Leute sehr über seine seltsame Frage.

 

Der vorlaute Petrus antwortete Jesus: „Meister, das Volk drängt und drückt dich.“ Lukas 8,45. Jesus aber sprach: „Es hat mich jemand angerührt; denn ich fühlte, daß eine Kraft von mir gegangen ist.“ Lukas 8,46. Der Heiland konnte die Berührung des Glaubens von dem absichtslosen Anrühren im Gedränge wohl unterschieden. Das gläubige Vertrauen sollte nicht ungewürdigt bleiben. Jesus wollte der demütigen Frau Worte des Trostes zusprechen, die ihr eine Quelle der Freude sein würden — Worte, die allen seinen Nachfolgern bis zum Ende der Zeit Segen verhießen. Jesus richtete seinen Blick auf die geheilte Frau und fragte, wer ihn angerührt habe. Sie mußte erkennen, daß ein Verheimlichen unmöglich wäre, trat zitternd hervor, warf sich dem Herrn zu Füßen und erzählte unter Tränen der Dankbarkeit ihre Leidensgeschichte und auf welche Weise sie Heilung gefunden hätte. Jesus sprach mit gütiger Stimme zu ihr: „Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Gehe hin in Frieden!“ Lukas 8,48. Er gab nicht dem Aberglauben Raum, daß allein das einfache Berühren seines Gewandes Heilung bewirkte. Nicht durch äußerliche Berührung, sondern durch den Glauben, der seine göttliche Macht erfaßte, wurde die Frau geheilt.

 

Die staunende Menge, die Christus umdrängte, spürte nichts von seiner lebendigen Kraft. Aber als die leidende Frau ihre Hand ausstreckte, um ihn zu berühren, und dabei glaubte, daß sie geheilt werden würde, fühlte sie die heilende Wirkung. So ist es auch in geistlichen Dingen. Gelegentlich ein religiöses Gespräch zu führen oder ohne inneres Verlangen und ohne lebendigen Glauben zu beten, nützt nichts. Ein bloßes Lippenbekenntnis zu Christus, das ihn lediglich als den Erlöser der Welt anerkennt, vermag niemals die Seele zu heilen. Der Glaube an die Erlösung ist eben nicht nur eine verstandesmäßige Zustimmung gegenüber der Wahrheit. Wer volle Erkenntnis erwartet, bevor er den Glauben ausleben will, kann nicht von Gott gesegnet werden. Es genügt nicht, das zu glauben, was wir über Jesus hören, wir müssen an ihn glauben. Der einzige Glaube, der uns helfen kann, ist der Glaube, der Jesus als persönlichen Heiland annimmt und sein Verdienst sich zueignet. Vielen bedeutet der Glaube nur eine Meinung; aber der seligmachende Glaube ist ein Bündnis mit Gott, das die Seelen schließen, die den Herrn annehmen. Wahrer Glaube ist Leben. Ein lebendiger Glaube bedeutet steten Zuwachs an Kraft, ein zuversichtliches Vertrauen, wodurch die Seele zu einer alles überwindenden Macht wird.

 

Nach der Heilung der Frau wünschte der Heiland, daß sie den empfangenen Segen anerkenne. Die Gaben, die das Evangelium anbietet, sollen nicht wie ein Raub gesichert und heimlich genossen werden. Der Herr fordert uns darum auf, seine Güte zu bekennen. „Ihr seid meine Zeugen, spricht der Herr, und ich bin Gott.“ Jesaja 43,12.

 

Unser Bekenntnis seiner Treue ist das auserwählte Mittel des Himmels, um der Welt Christus zu offenbaren. Wir sollen seine Gnade anerkennen, die durch die heiligen Menschen der alten Zeit bekanntgemacht wurde. Besonders wirksam aber ist das Zeugnis der eigenen Erfahrung. Wir sind in dem Maße Zeugen Gottes, wie wir an uns selbst das Wirken der göttlichen Macht offenbaren. Jeder unterscheidet sich in seinem Leben von dem seiner Mitmenschen, und seine Erfahrung ist wesentlich verschieden von ihren Erfahrungen. Gott wünscht, daß in unserem Lob, das zu ihm emporsteigt, unsere eigene Persönlichkeit mitschwingt. Wird dieses kostbare Bekenntnis zum Lobe seiner herrlichen Gnade von einem wahrhaft christlichen Leben getragen, so hat es eine unwiderstehliche Macht, die für die Rettung von Seelen wirkt.

 

Als die zehn Aussätzigen zum Herrn kamen, um geheilt zu werden, gebot er ihnen, sich den Priestern zu zeigen. Auf dem Wege dorthin wurden sie geheilt. Aber nur einer kam wieder, um Christus die Ehre zu geben. Die andern neun gingen ihres Weges und vergaßen den, der sie gesund gemacht hatte. Wie viele handeln heute ebenso! Der Herr wirkt beständig zum Wohle der Menschheit; er schenkt fortwährend aus seiner Fülle; er läßt die Kranken von den Betten des Siechtums aufstehen; er befreit Menschen aus Gefahren, die sie nicht erkennen; er beauftragt himmlische Engel, Menschen vor Schwierigkeiten zu bewahren und sie zu beschützen „vor der Pest, die im Finstern schleicht, vor der Seuche, die am Mittag Verderben bringt.“ Psalm 91,6. Aber das alles macht keinen Eindruck auf die Menschen. Er hat alle Reichtümer des Himmels gegeben, um sie zu erlösen, und dennoch erkennen sie nicht seine große Liebe. Durch ihre Undankbarkeit verschließen sie ihre Herzen gegen die Gnade Gottes. Sie sind wie ein kahler Strauch in der Steppe und wissen nicht, daß ihnen etwas Gutes geschieht, und ihre Seelen „bleiben in der Dürre der Wüste, im unfruchtbaren Lande.“ Jeremia 17,6.

 

Es gereicht uns zum Segen, jede Gabe Gottes in unserem Gedächtnis zu bewahren. Dadurch wird der Glaube gestärkt, immer mehr zu beanspruchen und zu empfangen. Es liegt eine größere Ermutigung für uns in dem Segen, den wir von Gott selber empfangen, als in allen Berichten über göttliche Segnungen, die anderen zuteil wurden. Die Seele, die sich der Gnade Gottes öffnet, wird wie ein bewässerter Garten sein; ihre Gesundheit wird schnell zunehmen, ihr Licht wird in die Finsternis scheinen, und die Herrlichkeit des Herrn wird an ihr gesehen werden. Laßt uns darum der göttlichen Güte und aller seiner zärtlichen Gnadenbeweise gedenken, laßt uns — dem Volk Israel gleich — Steine der Dankbarkeit zum Zeugnis aufrichten und darauf die köstliche Geschichte schreiben von dem, was Gott an uns getan hat. Indem wir überblicken, wie er mit uns auf unserer Pilgerreise gehandelt hat, werden wir mit einem Herzen überströmenden Dankes sagen: „Wie soll ich dem Herrn vergelten all seine Wohltat, die er an mit tut? Ich will den Kelch des Heils nehmen und des Herrn Namen anrufen. Ich will meine Gelübde dem Herrn erfüllen vor all seinem Volk.“ Psalm 116,12-14.

 

 

 

Kapitel 37: Die ersten Evangelisten

 

Auf der Grundlage von Matthäus 10; Markus 6,7-11; Lukas 9,1-6.

 

Die Apostel hatten als Angehörige des Jesuskreises ihren Herrn durch ganz Galiläa begleitet. Sie hatten alle Lasten und Schwierigkeiten, die über sie kamen, mit ihm geteilt. Sie hatten seinen Unterweisungen gelauscht. Sie waren mit dem Sohn Gottes gewandert und hatten sich mit ihm unterhalten. Aus seinen täglichen Belehrungen wußten sie auch, wie sie ihre künftige Aufgabe an der Menschheit erfüllen mußten. Sooft der Heiland die Bedürfnisse der Volksmenge, die sich um ihn versammelte hatte, stillte, waren die Jünger dabei und eifrig bemüht, dem Herrn bei der Erfüllung seiner schweren Aufgabe beizustehen. Sie ordneten das Volk, brachten die Kranken zum Heiland und sorgten für das allgemeine Wohl; sie beschäftigten sich mit der großen Schar der aufmerksamen Zuhörer, erklärten ihnen die heiligen Schriften und wirkten in verschiedener Weise für deren geistliches Wohl. Sie lehrten, was sie von Jesus gelernt hatten, und bereicherten täglich ihre Erfahrungen. Nur waren sie im Gebrauch der geistlichen Mittel noch nicht selbständig. Sie bedurften für ihre Arbeit, was Geduld und Sorgsamkeit betraf, noch mancher Unterweisung. Christus sandte sie deshalb als seine Stellvertreter hinaus, solange er noch persönlich bei ihnen war, sie auf ihre Fehler und Mängel aufmerksam machen und ihnen mit seinem weisen Rat zur Seite stehen konnte.

 

Die Jünger ließen sich durch die Lehren der Priester und Pharisäer oft in Verwirrung bringen. Solange sie mit Jesus zusammen waren, konnten sie ihm ihre Verlegenheit schildern, und er zeigte ihnen den Unterschied zwischen Schriftwahrheit und Überlieferung. Dadurch hatte er ihr Vertrauen auf Gottes Wort gestärkt und sie in hohem Maße von der Furcht vor den Rabbinern und von den Fesseln der Überlieferung frei gemacht. In der Erziehung der Jünger war das Beispiel des Lebens Jesu bedeutend wirkungsvoller als ein rein theoretischer Unterricht. Als sie von ihm getrennt waren, erinnerten sie sich an jeden Blick und an jedes seiner Worte. Wie oft wiederholten sie im Rededuell mit den Gegnern des Evangeliums diese Worte! Und wenn sie deren Wirkung auf das Volk sahen, waren sie hoch erfreut.

 

Jesus rief die Zwölf zu sich und gebot ihnen, zwei und zwei in die Städte und Dörfer zu gehen. Keiner wurde allein ausgesandt, sondern es ging Bruder mit Bruder, Freund mit Freund. So konnten sie einander helfen, ermutigen, raten und auch zusammen beten. Des einen Kraft vermochte die Schwäche des andern auszugleichen. So wurden später auch die Siebzig ausgesandt. Es war des Herrn Wille, daß die Evangeliumsboten in dieser Weise miteinander verbunden sein sollten; auch in unserer Zeit wäre die Evangeliumsarbeit viel erfolgreicher, wenn dieses Beispiel mehr beachtet würde. Die Botschaft der Jünger war die gleiche, die auch Johannes der Täufer und der Heiland selbst verkündigt hatten: „Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ Matthäus 3,2. Sie sollten nicht mit den Leuten darüber streiten, ob Jesus von Nazareth der Messias sei; sie sollten aber in seinem Namen die gleichen Werke tun, die er auch getan hatte. Er gebot ihnen: „Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, reinigt Aussätzige, treibt böse Geister aus. Umsonst habt ihr‘s empfangen, umsonst gebt es auch.“ Matthäus 10,8.

 

Jesus verwandte während seines Erdendienstes mehr Zeit auf die Heilung der Kranken als auf das Predigen. Seine Wundertaten bezeugten die Wahrheit seiner Worte, daß er nicht gekommen sei, zu verderben, sondern zu erretten! Seine Gerechtigkeit ging vor ihm her, und die Herrlichkeit des Vaters folgte ihm. Wohin er auch ging, die Kunde von seiner Barmherzigkeit eilte ihm voraus. Und wo er vorüber kam, spendete er neues Leben, Gesundheit und Freude. So sammelte sich das Volk um die Jünger, um aus ihrem Munde zu hören, was der Herr getan hatte. Jesu Stimme war für viele der erste Laut, den sie je gehört, sein Name das erste Wort, das sie je gesprochen, und sein Angesicht das erste, das sie je wahrgenommen hatten. Warum sollten sie Jesus nicht lieben und sein Lob verkündigen? Den Städten und Ortschaften, die er auf seinen Reisen berührte, war er gleich einem lebendigen Strom, der Leben und Freude auf seinem Wege verbreitet.

 

Christi Nachfolger sollen in gleicher Weise wirken. Wir sollen die Hungrigen speisen, die Nackten kleiden, die Leidenden und Bedrückten trösten, den Verzagten dienen und die Hoffnungslosen ermutigen; dann wird auch an uns die Verheißung erfüllt: „Deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deine Nachhut sein!“ Jesaja 58,8 (Schlachter). Die Liebe Christi, die sich in selbstlosem Dienst offenbart, wird zur Besserung des Gottlosen wirkungsvoller sein als das Schwert oder das Gericht. Diese sind notwendig, um den Übertreter des Gesetzes zu schrecken; aber ein liebevoller Evangelist kann mehr ausrichten. Oft verhärtet sich das Herz unter einer Zurechtweisung, die Liebe Christi aber wird ein Herz erweichen. Der Missionar kann nicht nur in leiblichen Nöten helfen, er kann vor allem den Sünder zu dem großen Arzt führen, der die Seele von dem Aussatz der Sünde zu reinigen vermag. Es ist Gottes Wille, daß die Kranken, die Unglücklichen, die von bösen Geistern Besessenen seine Stimme durch seine Diener und Boten vernehmen sollen; er will durch menschliche Werkzeuge ein Tröster sein, wie die Welt keinen besseren kennt.

 

Die Jünger sollten auf ihrer ersten Missionsreise nur „zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel“ (Matthäus 10,6) gehen. Hätten sie jetzt den Heiden oder den Samaritern das Evangelium gepredigt, dann würden sie ihren Einfluß bei den Juden verloren haben. Sie hätten das Vorurteil der Pharisäer erregt und würden sich selbst in Auseinandersetzungen verwickelt haben, so daß ihnen schon am Anfang ihrer Missionstätigkeit aller Mut genommen worden wäre. Selbst die Apostel konnten es kaum begreifen, daß das Evangelium allen Völkern gebracht werden mußte, und ehe sie diese Wahrheit nicht selbst fassen und verstehen konnten, waren sie nicht genügend vorbereitet, unter den Heiden zu wirken. Wenn die Juden das Evangelium annehmen würden, sollten sie nach Gottes Willen als seine Boten zu den Heiden ziehen. Deshalb wurde ihnen die Botschaft vom Reich als ersten gebracht.

 

Wo auch der Heiland wirkte, erkannten Menschen ihren bedürftigen Zustand und hungerten und dürsteten nach der Wahrheit. Die Zeit war gekommen, diesen verlangenden Seelen das Evangelium seiner Liebe zu verkündigen. Die Jünger als Jesu Stellvertreter sollten zu all diesen suchenden Menschen gehen. So würden die Gläubigen dahin gebracht werden, sie als göttliche verordnete Lehrer anzusehen, und, wenn der Heiland von ihnen ginge, nicht ohne Lehrer sein.

 

Auf dieser ersten Reise sollten die Jünger nur in die Ortschaften gehen, in denen Jesus schon gewesen war und sich dort Freunde erworben hatte. Die Vorbereitungen für die Reise sollten ganz einfach sein. Nichts durfte ihre Gedanken von der großen Aufgabe ablenken oder in irgendeiner Weise Widerspruch erregen oder gar die Tür zu weiterer Arbeit verschließen. Sie durften nicht das Gewand der Religionslehrer anlegen oder sich in ihrer Kleidung von den einfachen Landbewohnern unterscheiden. Sie sollten nicht in die Schulen gehen und das Volk zum öffentlichen Gottesdienst zusammenrufen; sie sollten ihre Arbeit von Haus zu Haus tun. Dabei durften sie die Zeit nicht mit unnützen Begrüßungen verschwenden oder von einer Familie zur andern gehen, um sich bewirten zu lassen. Aber an jedem Ort sollten sie die Gastfreundschaft derer annehmen, die es wert waren und die sie ebenso freundlich beherbergten, als ob sie den Herrn selbst zu Gast hätten. Mit dem schönen Gruß „Friede sei diesem Hause!“ (Lukas 10,5) sollten sie jedes gastliche Haus betreten. Ein solches Heim würde durch ihre Gebete, ihre Lobgesänge und die Betrachtung der heiligen Schriften im Familienkreis gesegnet werden.

 

Diese Jünger sollten die Vorläufer der Wahrheit sein, um den Weg für das Kommen ihres Meisters zu bereiten. Ihre Botschaft war das Wort des ewigen Lebens, und das Schicksal der Menschen hing von der Annahme oder von der Verwerfung dieser Botschaft ab. Um deren feierlichen Ernst den Menschen nachdrücklicher vor Augen zu führen, gebot Jesus seinen Jüngern: „Wenn euch jemand nicht aufnehmen wird noch eure Rede hören, so geht heraus von jenem Hause oder jener Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen. Wahrlich, ich sage euch: Dem Lande der Sodomer und Gomorrer wird es erträglicher gehen am Tage des Gerichts als solcher Stadt.“ Matthäus 10,1415.

 

Vor Jesu Blick erhellt sich die Zukunft; er sieht das große Missionsfeld, in dem seine Jünger einst für ihn zeugen werden; sein prophetisches Auge überblickt die Erfahrungen seiner Boten durch alle Zeiten hindurch bis zu seinem zweiten Kommen. Er zeigt seinen Nachfolgern die Kämpfe, denen sie entgegengehen; er offenbart ihnen den Plan und die Art des Streites, eröffnet ihnen die Gefahren, denen sie nicht entrinnen können, und sagt ihnen von der Selbstverleugnung, die man von ihnen fordern wird. Er gibt ihnen den Rat, alles gut zu bedenken, damit sie der Feind nicht unvorbereitet überfallen kann. Ihre „Ritterschaft“ richtet sich nicht gegen Fleisch und Blut, sondern gegen die „Mächtigen und Gewaltigen“, gegen die „Herren der Welt, die in dieser Finsternis herrschen“, gegen die bösen Geister unter dem Himmel. (Epheser 6,12). Christi Nachfolger müssen gegen übernatürliche Mächte kämpfen, ihnen ist aber auch übermenschliche Hilfe zugesichert. Alle himmlischen Wesen gehören zu diesem Heer, und einer, der „um so viel größer geworden als die Engel, wie der Name, den er als Erbteil erhalten hat, den ihrigen überragt“. (Hebräer 1,4, Menge). Der Heilige Geist, der Vertreter des Höchsten unter den Heerscharen des Herrn, kommt hernieder, um die Schlacht zu führen. Unsere Schwächen mögen zahlreich, unsere Sünden und Fehler schwer sein; die Gnade Gottes aber ist für alle vorhanden, die ihn von ganzem Herzen suchen. Die Kraft des Allmächtigen ist bei denen, die ihr Vertrauen auf Gott setzen.

 

„Siehe“, sagte Jesus, „ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. Darum seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben.“ Matthäus 10,16. Er selbst hat nie ein Wort der Wahrheit zurückgehalten, es aber stets in Liebe gesprochen. Er bewies im Umgang mit Menschen das größte Zartgefühl und eine bedachtsame, freundliche Aufmerksamkeit; er gebrauchte nie grobe Ausdrücke, sprach nie unnötigerweise ein hartes Wort und bereitete selbst empfindsamen Herzen niemals unnötige Pein. Er tadelte keine menschlichen Schwächen. Furchtlos verurteilte er zwar Heuchelei, Unglauben und Bosheit, aber er konnte seine scharfen Zurechtweisungen nur mit tränenerstickter Stimme aussprechen. Er weinte über Jerusalem, über die Stadt, die er liebte, weil sie sich weigerte, ihn — den Weg, die Wahrheit und das Leben — anzunehmen. Obgleich sie ihn, den Heiland, verwarf, betrachtete er diese Stadt mit mitleidvoller Sorge, und der Kummer über ihr Schicksal quälte sein Herz. Jede Seele war in seinen Augen kostbar. Während er selbst mit göttlicher Würde auftrat, erwies er jedem Glied der Gottesfamilie liebevolle Achtung. In allen Menschen sah er gefallene Seelen, die zu retten er als seine Aufgabe betrachtete.

 

Christi Diener sollen nicht nach den Eingebungen ihres natürlichen Herzens handeln; sie bedürfen einer engen Gemeinschaft mit Gott, damit sich nicht in der Erregung das eigene Ich erhebt und Worte des Zorns ausstößt und dann nicht mehr dem Tau gleicht oder dem sanften Regen, der die welken Pflanzen erfrischt. Das befriedigt Satan; denn das ist seine Art des Wirkens. Der Drache ist zornig, der Geist Satans äußert sich in Ärger und Beschuldigung. Gottes Diener aber sollen Gottes Stellvertreter sein; sie sollen nur in der Währung des Himmels austeilen, nämlich die Wahrheit, die sein Bild und Gepräge trägt. Die Kraft, durch die sie das Böse überwinden, ist die Kraft Christi; seine Herrlichkeit ist ihre Stärke. Sie müssen ihre Blicke auf seine Güte heften, dann können sie das Evangelium mit göttlichem Feingefühl und in entsprechender Sanftmut verkündigen. Der Geist, der auch bei Herausforderungen ruhig bleibt, wird für die Wahrheit überzeugender sprechen können, als es die eindringlichste Beweisführung vermag.

 

Alle, die in Auseinandersetzungen mit den Gegnern der Wahrheit verwickelt werden, haben nicht nur Menschen, sondern Satan und seinen Engeln zu widerstehen. Mögen sie sich dann der Worte Jesu erinnern: „Siehe, ich sende euch wie Lämmer mitten unter die Wölfe!“ Lukas 10,3. Ruhen sie in der Liebe Gottes, wird ihr Gemüt selbst unter persönlichen Kränkungen friedlich bleiben. Der Herr wird sie mit einer göttlichen Waffenrüstung bekleiden, sein Geist wird Herz und Sinn beeinflussen, so daß ihre Stimmen nicht mehr wie Wolfsgebell sind.

 

Ferner unterwies Jesus seine Jünger: „Hütet euch aber vor den Menschen.“ Sie sollten denen, die Gott nicht kannten, weder blind vertrauen noch ihrem Rat folgen, denn dies würde den Werkzeugen Satans zum Vorteil gereichen. Menschliche Erfindungskraft arbeitet Gottes Plänen oft entgegen. Alle, die den Tempel des Herrn bauen, sollen es in Übereinstimmung mit dem Vorbild tun, das als göttliches Muster auf dem „Berg“ gezeigt wurde. Gott wird entehrt und die Botschaft verraten, wenn seine Diener sich auf den Rat von Menschen stützen, die nicht unter der Führung des Heiligen Geistes stehen. Weltliche Weisheit ist Torheit bei Gott. Wer sich auf sie verläßt, wird dem Irrtum verfallen.

 

„Sie werden euch überantworten den Gerichten und ... euch vor Fürsten und Könige führen um meinetwillen, ihnen und den Heiden zum Zeugnis.“ Matthäus 10,1718. Durch Verfolgung wird das Licht ausgebreitet. Die Boten des Evangeliums werden vor die Großen dieser Welt gebracht werden, die sonst wohl nie das Wort der Wahrheit hören würden; denn die Wahrheit war ihnen falsch dargelegt worden. Sie haben falsche Anklagen gegen die Diener Gottes und ihren Glauben gehört. Das Zeugnis derer, die um ihres Glaubens willen vor Gericht gebracht werden, ist häufig die einzige Gelegenheit für sie, die wahre Natur des Evangeliums kennenzulernen. Im Verhör müssen Jesu Jünger antworten, ihre Richter müssen dem abgelegten Zeugnis zuhören, und Gott wird seinen Kindern Gnade geben, dieser gefahrvollen Situation zu begegnen. Der Herr verheißt: „Es soll euch zu der Stunde gegeben werden, was ihr reden sollt. Denn ihr seid es nicht, die da reden, sondern eures Vaters Geist ist es, der durch euch redet.“ Matthäus 10,1920. Wenn der Geist Gottes das Verständnis seiner Diener erleuchtet, so daß sie die Wahrheit in ihrer göttlichen Macht und in ihrer ganzen Bedeutung verkündigen können, werden die Feinde der Wahrheit die Apostel anklagen und unterdrücken. Selbst bei Schaden und in großem Leid, ja noch im Tode sollen die Kinder Gottes die Sanftmut ihres göttlichen Vorbildes offenbaren. So zeigt sich der Unterschied zwischen Satans Werkzeugen und den Stellvertretern Christi, und so allein wird der Heiland vor Herrscher und Volk geehrt.

 

Die Jünger wurden nicht eher mit dem Bekennermut und der Festigkeit der Märtyrer ausgerüstet, bis solche Gnade notwendig war. Dann aber erfüllte sich das Versprechen des Herrn. Als Petrus und Johannes sich vor dem Hohen Rat verantworten mußten, „verwunderten sich“ die Versammelten „und wußten auch von ihnen, daß sie mit Jesus gewesen waren“. Apostelgeschichte 4,13. Von Stephanus steht geschrieben: „Sie sahen auf ihn alle, die im Rat saßen, und sahen sein Angesicht wie eines Engels Angesicht“. Apostelgeschichte 6,15. Die Menschen „vermochten nicht, zu widerstehen der Weisheit und dem Geiste, aus welchem er redete“. Apostelgeschichte 6,10. Und Paulus schreibt über sein eigenes Verhör am Hofe des Kaisers: „Bei meinem ersten Verhör stand mir niemand bei, sondern sie verließen mich alle. Es sei ihnen nicht zugerechnet. Der Herr aber stand mir bei und stärkte mich, auf daß durch mich die Verkündigung reichlich geschähe und alle Heiden sie hörten; so ward ich erlöst aus des Löwen Rachen.“ 2.Timotheus 4,1617.

 

Christi Diener sollten keine Musterrede auswendig lernen, um sich mit ihr zu verteidigen; ihre Vorbereitung muß täglich getroffen werden, indem sie die köstlichen Wahrheiten des Wortes Gottes sammeln und ihren Glauben durch das Gebet stärken. Werden sie dann vor Gericht gestellt, so wird ihnen der Heilige Geist die Wahrheiten ins Gedächtnis zurückrufen, die notwendig sind. Ein ernstes, tägliches Streben, Gott und Jesus Christus, den er gesandt hat, kennenzulernen, wird die Seele kraftvoll und leistungsfähig machen. Die durch fleißiges Forschen in der Schrift erworbene Kenntnis wird ihnen zur rechten Zeit bewußt werden. Wer es aber vernachlässigt, daß ihm die Worte Christi vertraut werden, wer nie die Kraft seiner Gnade in Schwierigkeiten an sich erfahren hat, kann nicht erwarten, daß der Heilige Geist ihm Gottes Wort in Erinnerung bringt. Wir müssen dem Herrn mit ungeteilter Liebe und mit ganzem Vertrauen täglich dienen.

 

Die Feindschaft gegen das Evangelium wird so heftig sein, daß selbst die zartesten irdischen Bande unbeachtet bleiben und Jünger Jesu von ihren eigenen Familienangehörigen dem Tod ausgeliefert werden. „Ihr werdet gehaßt sein von jedermann um meines Namens willen“, sagte Jesus. Er fügte jedoch hinzu: „Wer aber beharret bis ans Ende, der wird selig.“ (Markus 13,13). Dennoch gebot er ihnen, sich nicht unnötigerweise Verfolgungen auszusetzen; er selbst wechselte oft das Arbeitsfeld, um denen zu entgehen, die ihm nach dem Leben trachteten. Als man ihn in Nazareth abwies und die Bewohner seiner Heimatstadt ihn töten wollten, ging er nach Kapernaum, wo seine Lehre die Menschen in Erstaunen setzte; „denn er predigte in Vollmacht“. (Lukas 4,32). So sollen auch seine Diener durch Verfolgungen nicht entmutigt werden, sondern einen Ort aufsuchen, an dem sie für das Heil von Seelen wirken können.

 

Der Diener ist nicht größer als sein Meister! Der Fürst des Himmels wurde Beelzebub genannt, und seine Jünger werden ebenso falsch eingeschätzt werden. Welche Gefahr aber auch drohen mag, Christi Nachfolger müssen ihren Grundsätzen treu bleiben und jede Unaufrichtigkeit verachten. Sie dürfen auch nicht mit der Wahrheit zurückhalten, bis sie die Erlaubnis haben, sie ungehindert zu verkündigen. Sie sind als Wächter gesetzt, die Menschen vor der Gefahr zu warnen. Die Wahrheit, die sie von Christus empfingen, muß allen frei und offen bekannt werden. Jesus sagte: „Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern.“ Matthäus 10,27.

 

Jesus selbst hat den Frieden nie durch Zugeständnisse erkauft. Sein Herz floß über von Liebe zu allen Menschen; aber er übersah dabei nie ihre Sündhaftigkeit. Er war zu sehr der Menschen wirklicher Freund, um schweigen zu können, wenn sie einen Weg gingen, der ihre Seelen in die Verdammnis führte; ihre Seelen, die er doch mit seinem Leben erkauft hatte. Er wirkte dahin, daß der Mensch nicht nur sich selbst, sondern auch seinen höheren, ewigen Zielen treu sein möchte. Die Diener des Evangeliums sind zu der gleichen Aufgabe berufen. Sie müssen sich hüten, um irgendeiner Uneinigkeit willen die Wahrheit zurückzusetzen. Sie sollen „dem nachstreben, was zum Frieden dient“. (Römer 14,19). Der wahre Friede kann jedoch nie erreicht werden, indem man die Grundsätze der Wahrheit aufs Spiel setzt. Niemand kann aber auch seiner Überzeugung treu sein, ohne auf irgendeinen Widerstand zu stoßen. Einem geistlichen Christentum werden die Kinder des Ungehorsams widerstehen; aber Jesus gebot seinen Jüngern: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten und die Seele nicht können töten.“ Matthäus 10,28. Wer treu zu Gott hält, braucht die Feindschaft der Menschen und die Macht Satans nicht zu fürchten. In Christus ist ihm das ewige Leben gewiß. Seine einzige Furcht sollte sein, von der Wahrheit abzuweichen und das Vertrauen zu enttäuschen, mit dem Gott ihn geehrt hat.

 

Der Teufel sucht die Menschenherzen mit Zweifel zu erfüllen und sie zu verleiten, Gott als einen strengen Richter anzusehen. Er verführt sie zur Sünde und veranlaßt dann, daß sie sich selbst für zu verderbt halten, um sich ihrem himmlischen Vater zu nähern oder sein Mitleid zu erwecken. Der Herr versteht alles. Jesus versichert seinen Jüngern, daß Gott ihre Bedürfnisse und Schwächen mitfühlt, daß kein Seufzer ausgestoßen, kein Schmerz empfunden wird, kein Kummer die Seele bedrückt, ohne daß sein Vaterherz dadurch berührt wird.

 

Die Heilige Schrift zeigt uns Gott in seiner erhabenen Höhe nicht untätig, nicht schweigend und einsam, sondern umgeben von tausendmal tausend und zehntausendmal zehntausend heiliger Wesen, die darauf warten, seinen Willen zu tun. Durch Kanäle, die wir nicht erkennen, steht er mit seinem ganzen Reich in lebendiger Verbindung; aber auf unserer kleinen Erde sind die Seelen, für die er seinen eingeborenen Sohn opferte, der Mittelpunkt seiner und des ganzen Himmels Teilnahme. Gott beugt sich von seinem Thron herab, um das Rufen der Unterdrückten zu hören; er antwortet auf jedes aufrichtige Gebet: „Hier bin ich!“ Er richtet die Bedrückten und Erniedrigten auf. Leiden wir, so leidet er mit uns; werden wir versucht oder haben wir irgendwelche Schwierigkeiten, so ist ein Himmelsbote bereit, uns beizustehen.

 

Nicht einmal ein kleiner Sperling fällt auf die Erde, ohne daß Gott darauf achtet. Satans Groll gegen Gott verleitet ihn, alles zu hassen, was Christi Fürsorge genießt. Er trachtet danach, Gottes Schöpfungswerk zu verderben, und freut sich, sogar die stumme Kreatur zu vernichten. Nur durch Gottes schützende Vorsorge werden die Vögel erhalten, um uns durch ihren Gesang zu erfreuen. „Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge.“

 

Jesus fuhr fort: „wer nun mich bekennet vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater.“ Matthäus 10,3132. Ihr sollt meine Zeugen sein auf Erden; Werkzeuge, die meine Gnade verkünden zum Heil der Menschen! Und ich werde euer Vertreter sein im Himmel. Der Vater schaut dann nicht auf eure Fehlerhaftigkeit, sondern auf das Kleid meiner Vollkommenheit, mit dem ihr bekleidet seid. Ich bin der Mittler, durch den der Segen des Himmels auf euch kommen wird. Jeder, der mich bekennt, indem er sich einschließt in das große Erlösungswerk und daran teilnimmt, den werde ich auch bekennen, indem ich ihn zum Teilhaber der Herrlichkeit und Freude der Erlösten mache.

 

Wer Christus bekennen will, muß ihn ständig in sich tragen; er kann nichts mitteilen, was er nicht empfangen hat. Seine Nachfolger mögen seine Lehre in glänzender Beredsamkeit verkündigen, sie mögen mit den Worten des Heilandes arbeiten und ihn doch nicht bekennen, es sei denn, sie besitzen die Sanftmut und Liebe Christi. Ein Geist, der mit dem Geist Christi nicht übereinstimmt, verleugnet ihn, gleichviel welches Bekenntnis er ablegt. Christus verleugnen kann man durch üble Nachrede, törichtes Geschwätz sowie durch unaufrichtige und unfreundliche Worte. Man kann ihn dadurch verleugnen, daß man den Bürden des Lebens ausweicht und sündigen Vergnügungen nachgeht. Christus verleugnet ferner, wer sich der Welt anpaßt, sich unhöflich verhält, sich an seinen eigenen Ansichten berauscht, selbstgerecht ist, an Zweifeln festhält, sich unnötige Sorgen macht und sich trübsinnigen Gedanken hingibt. In all diesen Dingen beweist ein Mensch, daß Christus nicht in ihm ist. „Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater“, sagt Christus.(Matthäus 10,33).

 

Der Heiland warnte seine Jünger vor der Hoffnung, daß die Feindschaft der Welt gegen das Evangelium überwunden werden und im Verlauf der Weltgeschichte jeder Kampf aufhören würde. Er sagte vielmehr: „Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen sei, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“ Matthäus 10,34. Es ist nicht das Wirken des Evangeliums, das diesen Streit hervorruft, sondern dieser ist vielmehr die Folge des Widerstandes gegen sein Wirken. Von allen Verfolgungen ist die häusliche Uneinigkeit und die Entfremdung zwischen Freunden die schwerste. Doch der Heiland sagt: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist mein nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist mein nicht wert. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist mein nicht wert.“ Matthäus 10,3738.

 

Die Aufgabe der Diener Christi umschließt eine heilige Verpflichtung und ist eine große Ehre. „Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf“, sagte Jesus, „und wer mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat.“ (Matthäus 10,40). Kein Liebesdienst, der ihnen im Namen Jesu erwiesen wird, soll unbeachtet oder unbelohnt bleiben. Die gleiche dankbare Anerkennung zollt er dem Schwächsten und Niedrigsten in der Familie Gottes, wenn er sagt: „Wer einen dieser Geringen nur mit einem Becher kalten Wassers tränkt darum, daß er mein Jünger ist, wahrlich, ich sage euch: es wird ihm nicht unbelohnt bleiben.“ Matthäus 10,42. Damit meinte der Heiland alle, die noch Kinder im Glauben und in der Erkenntnis sind.

 

Hiermit beschloß der Heiland seine Unterweisung. Die erwählten Zwölf gingen nun im Namen Christi hinaus, wie ihr Meister ausgezogen war, um „zu verkündigen das Evangelium den Armen ... zu predigen den Gefangenen, daß sie los sein sollen, und den Blinden, daß sie sehend werden, und den Zerschlagenen, daß sie frei und ledig sein sollen, zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn“. Lukas 4,1819.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 38: „Ruhet ein wenig!“

 

Auf der Grundlage von Matthäus 14,1-2; Matthäus 12-13 ; Markus 6,30-32; Lukas 9,7-10.

 

Nach der Rückkehr von ihrer Missionsreise versammelten sich die Apostel bei Jesus und „verkündeten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten. Und er sprach zu ihnen: Geht ihr allein an eine einsame Stätte und ruhet ein wenig. Denn ihrer waren viele, die ab und zu gingen; und sie hatten nicht Zeit genug, zu essen“. Markus 6,3031. Die Jünger kamen zu Jesus und berichteten ihm alles. Ihre enge Verbindung mit ihm ermutigte sie, ihm ihre guten und schlechten Erfahrungen, ihre Freude über die Erfolge ihres Wirkens und den Kummer über ihre Mißerfolge, über ihre Fehler und Schwachheiten mitzuteilen. Sie hatten auf ihrer ersten Missionsreise Fehler begangen, und als sie dem Herrn ihre Erfahrungen ohne Scheu mitteilten, erkannte er, daß sie noch mancher Unterweisung bedurften, aber er sah auch, daß sie Ruhe nötig hatten, nachdem sie übermüdet von ihrer Reise zurückgekommen waren.

 

Wo sie sich jetzt befanden, war ihnen ein Ausruhen nicht gut möglich; denn es waren viele, die kamen und gingen, und sie hatten nicht einmal Zeit zu essen. Das Volk drängte sich um den Herrn und sehnte sich danach, geheilt zu werden und seinen Worten zu lauschen. Viele fühlten sich zu ihm hingezogen, denn sie hielten ihn für die Quelle allen Segens. Manche von denen, die herbeiströmten, um von Christus das köstliche Geschenk der Gesundheit zu empfangen, nahmen ihn als ihren Erlöser an. Andere, die es bis dahin um der Pharisäer willen nicht gewagt hatten, sich zu ihm zu bekennen, wurden durch das Wirken des Geistes bekehrt und legten angesichts der wütenden Priester und Obersten des Volkes ein Zeugnis ab von Christus als dem Sohn Gottes.

 

Doch jetzt wünschte Jesus, sich zurückzuziehen, um mit seinen Jüngern allein zu sein, denn er hatte ihnen noch viel zu sagen. In ihrer Arbeit hatten sie manche Kampfesprobe bestehen müssen und waren verschiedenartigen Widerständen begegnet. Bisher hatten sie Christus in allen Dingen um Rat gefragt. Doch vorübergehend sich selbst überlassen, waren sie manchmal beunruhigt, weil sie nicht wußten, was sie tun sollten. Da hatten sie in ihrer Arbeit viel Ermutigung gefunden, denn Christus hatte sie nicht ohne seinen Geist ausgesandt. Im Vertrauen auf ihn wirkten sie viele Wunder. Doch jetzt war es notwendig für sie, von dem Brot des Lebens zu essen. Sie mußten sich an einen Ort der Ruhe begeben, wo sie Gemeinschaft mit Jesus halten und Anweisungen für ihren zukünftigen Dienst empfangen konnten.

 

„Und er sprach zu ihnen: Geht ihr allein an eine einsame Stätte und ruhet ein wenig.“ Markus 6,3031. Christus ist voller Mitgefühl und Sorge für alle, die in seinem Dienst stehen. Er zeigte hier seinen Jüngern, daß Gott nicht Opfergaben, sondern Barmherzigkeit verlangt. Sie hatten alle Kräfte im Dienst für das leidende Volk aufgebraucht und waren dadurch leiblich und seelisch erschöpft; nun mußten sie ruhen. Als die Jünger den Erfolg ihres Wirkens sahen, standen sie in Gefahr, diesen Erfolg sich selbst zuzuschreiben, geistlichen Stolz zu nähren und dadurch ein Opfer teuflischer Versuchung zu werden. Eine gewaltige Aufgabe lag vor ihnen. Vor allem aber mußten sie lernen, daß sie die Kraft zu ihrer Bewältigung nur bei Gott finden konnten. Gleich Mose in der Wüste Sinai, gleich David in den Bergen von Judäa, gleich Elia am Bache Krith tat es den Jüngern not, den Schauplatz ihrer Tätigkeit zu wechseln, mit Jesus und der stillen Natur Gemeinschaft zu üben und sich auf sich selbst zu besinnen.

 

Während sich die Apostel auf ihrer Missionsreise befanden, hatte der Heiland andere Städte und Dörfer besucht und dort das Evangelium vom Reich gepredigt. Um diese Zeit hatte er auch die Kunde vom Tode Johannes des Täufers erhalten, ein Ereignis, das ihm sein eigenes Schicksal, dem er ja entgegenging, lebhaft vor Augen führte. Die Schatten auf seinem Weg wurden immer dichter; Priester und Rabbiner warteten nur auf eine Gelegenheit, um ihn zu töten; Spione hefteten sich an seine Fersen, und von allen Seiten fand man sich zusammen, um ihn zu verderben. Die Kunde von der Predigt der Apostel in ganz Galiläa erreichte auch König Herodes und lenkte seine Aufmerksamkeit auf Jesus und sein Wirken. „Das ist Johannes der Täufer; der ist von den Toten auferstanden, deshalb wirken in ihm solche Kräfte.“ Matthäus 14,2. So sprach Herodes, und er wünschte Jesus zu sehen. Schon lange quälte ihn ständige Furcht, daß geheime revolutionäre Kräfte am Werke seien, um ihn vom Thron zu stürzen und die Juden vom römischen Joch zu befreien. Unter dem Volk herrschten Unzufriedenheit und Empörung. Es war augenscheinlich, daß Jesu öffentliches Wirken in Galiläa nicht lange andauern konnte. Seine Leidenszeit rückte immer näher, und er sehnte sich danach, für eine Weile die Unruhe der Menge zurückzulassen.

 

Betrübten Herzens hatten die Jünger des Johannes seinen verstümmelten Leib beerdigt „und kamen und verkündeten das Jesus“. Matthäus 14,12. Diese Jünger waren auf Jesus nicht gut zu sprechen gewesen, weil es so ausgesehen hatte, als machte er das Volk von Johannes abspenstig. Gemeinsam mit den Pharisäern hatten sie ihn wegen seiner Teilnahme am Fest des Zöllners Matthäus angegriffen. Seine göttliche Mission war von ihnen angezweifelt worden, weil er den Täufer nicht befreit hatte. Doch nun war ihr Lehrer tot, und sie sehnten sich in ihrem tiefen Kummer nach Trost und für den Fortgang ihres Dienstes nach Führung. Deshalb kamen sie zu Jesus und vereinigten ihre Sache mit der seinigen. Auch sie benötigten eine Zeit ruhiger Gemeinschaft mit dem Heiland.

 

In der Nähe von Bethsaida, an der nördlichen Seite des Sees, lag eine einsame Gegend, die gerade jetzt im schönsten Frühlingsgrün prangte und dem Herrn mit seinen Jüngern eine willkommene Zufluchtsstätte bot. Sie setzten über den See, um diesen Platz zu erreichen. Hier würden sie den lauten, lärmenden Verkehrsstraßen und dem Gewühl und der Unruhe der Stadt entrückt sein. Schon die ruhige, schöne Natur bot genug Erholung und eine angenehme Abwechslung für die Sinne. Hier konnten sie den Worten Jesu lauschen, ohne die ärgerlichen Unterbrechungen, Gegenreden und Anklagen der Schriftgelehrten und Pharisäer hören zu müssen; hier konnten sie für kurze Zeit die köstliche Gemeinschaft mit dem Herrn wahrhaft genießen.

 

Die Ruhe, die sich Jesus mit seinen Jüngern gönnte, bedeutete nicht etwa Nachsicht gegen sich selbst. Die Zeit, die sie in der Zurückgezogenheit verbrachten, war auch nicht mit Zerstreuungen ausgefüllt; vielmehr redeten sie gemeinsam über das Werk Gottes und über die Möglichkeit, ihm zu größerer Wirksamkeit zu verhelfen. Die Jünger waren mit Christus gewesen und konnten ihn deshalb verstehen. Zu ihnen brauchte er nicht in Gleichnissen zu reden. Er berichtigte ihre Irrtümer und verdeutlichte ihnen, wie sie am besten sich dem Volke nähern könnten. Dabei öffnete er ihnen mehr und mehr die köstlichen Schätze der göttlichen Wahrheit. So wurden sie mit göttlicher Kraft belebt und mit Hoffnung und Mut beseelt.

 

Obgleich Jesus Wunder wirken konnte und auch seinen Jüngern diese Macht verliehen hatte, empfahl er seinen ermüdeten Mitarbeitern, einen ländlichen Platz aufzusuchen und dort zu ruhen. Als er ihnen sagte, daß die Ernte groß und der Arbeiter wenige seien, wollte er nicht, daß sie nun unaufhörlich arbeiten sollten, sondern er fügte hinzu: „Darum bittet den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter in seine Ernte sende.“ Matthäus 9,38. Gott hat jedem seine Aufgabe nach seiner Befähigung zugewiesen, und er will nicht, daß einige durch eine allzu große Verantwortung beschwert werden, während andere gegenüber ihren Mitmenschen weder Last noch Sorge fühlen.

 

Christi Worte des Mitgefühls gelten heute noch seinen Mitarbeitern, wie sie damals den Jüngern galten. „Geht ... an einen einsamen Ort und ruht ein wenig!“ Markus 6,31 (Bruns). So sprach er zu den Müden und Erschöpften. Es ist unklug, sich beständig dem Druck der Arbeit und der Anspannung auszusetzen, selbst wenn diese Zeit dazu dient, für das geistliche Wohl anderer zu sorgen; denn dadurch wird die eigene Frömmigkeit vernachlässigt und die Kräfte des Geistes, der Seele und des Körpers werden überanstrengt. Wohl müssen die Jünger Jesu Selbstverleugnung üben und Opfer bringen; aber sie müssen auch dafür Sorge tragen, daß durch ihren Übereifer Satan nicht aus ihrer menschlichen Schwäche Vorteile gewinnt und das Werk Gottes dadurch geschädigt wird.

 

Die Rabbiner hielten es für das Wesen der Religion, stets regste Betriebsamkeit zu entfalten. Sie bewiesen ihre überlegene Frömmigkeit durch äußerliche Leistungen. Sie trennten dadurch ihre Seele von Gott und vertrauten allein sich selbst. In der gleichen Gefahr stehen die Menschen heute noch. Nimmt ihre Regsamkeit zu und ist ihr Wirken für Gott erfolgreich, laufen sie Gefahr, sich auf ihre menschlichen Pläne und Methoden zu verlassen, weniger zu beten und weniger Glauben zu üben. Wir verlieren gleich den Jüngern unsere Abhängigkeit von Gott aus den Augen und versuchen, uns aus unserer Betriebsamkeit einen Heiland zu machen. Es ist nötig, beständig auf Jesus zu blicken, um zu erkennen, daß es seine Kraft ist, die alles schafft. Während wir eifrig für das Heil der Verlorenen wirken sollen, müssen wir uns Zeit lassen, um nachzudenken, um zu beten und das Wort Gottes zu betrachten; denn nur die unter anhaltendem Gebet ausgeführte und durch das Verdienst Christi geheiligte Arbeit wird am Ende zum Guten wirken.

 

Kein Leben war mehr erfüllt von Arbeit und Verantwortlichkeit als das Leben Jesu. Und doch, wie oft finden wir ihn im Gebet! Wie beständig war seine Verbindung mit Gott! Immer wieder lesen wir in seiner Lebensgeschichte Berichte wie diese: „Und des Morgens vor Tage stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete daselbst.“ Markus 1,35. „Es kam viel Volks zusammen, daß sie hörten und durch ihn gesund würden von ihren Krankheiten, Er aber entwich in die Wüste und betete.“ Lukas 5,1516. „Es begab sich aber zu der Zeit, daß er auf einen Berg ging, zu beten; und er blieb über Nacht im Gebet zu Gott.“ Lukas 6,12.

 

In seinem Leben, das ganz dem Wohl anderer geweiht war, hielt der Heiland es für notwendig, den Trubel der Reisewege und die ihm Tag für Tag nachfolgende Menge zu meiden, seine Aufgabe und die Berührung mit der menschlichen Not manchmal zu unterbrechen, die Zurückgezogenheit zu suchen und eine ungestörte Gemeinschaft mit dem Vater zu pflegen. Eins mit uns, als Teilhaber unserer Nöte und Schwachheiten, war er ganz von Gott abhängig und suchte überall in der einsamen Natur im Gebet göttliche Kraft, um den kommenden Pflichten und Schwierigkeiten gewachsen zu sein. In einer Welt der Sünde ertrug Jesus seelische Kämpfe und Qualen; in der Gemeinschaft mit Gott aber entledigte er sich aller ihn fast erdrückenden Lasten und fand Trost und Freude.

 

Christus brachte die Sehnsucht der Menschen zu dem Vater des Erbarmens. Als Mensch flehte er vor dem Thron Gottes, bis sein Menschsein von göttlichem Wesen durchdrungen war. Durch die beständige Gemeinschaft empfing er Leben von Gott, um es der Welt mitzuteilen. Das muß auch unsere Erfahrung sein. „Geht ... an einen einsamen Ort“, sagt der Heiland auch uns. Markus 6,31 (Bruns). Würden wir stets an dieses Wort denken, könnten wir bestimmt stärker und nützlicher wirken. Die Jünger suchten Jesus, um ihm alles Erlebte mitzuteilen, und er ermutigte und belehrte sie. Wenn wir uns heute die Zeit nähmen, zu Jesus gingen und ihm unsere Nöte und Besorgnisse vorbrächten, wir würden nicht enttäuscht werden; er würde uns beistehen und uns die rechte Hilfe sein. Wir müssen unserem Heiland, dessen Name ist „Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst“, mehr Unbefangenheit, mehr Vertrauen und Zuversicht entgegenbringen. Von ihm steht geschrieben: „Die Herrschaft ruht auf seiner Schulter.“ Jesaja 9,5. Er ist wirklich der beste Ratgeber; ihn dürfen wir um Weisheit bitten, er „gibt allen Menschen gern und macht ihnen deswegen keine Vorhaltungen“. Jakobus 1,5 (Bruns).

 

Jeder, der von Gott geleitet wird, offenbart eine Lebensform, die sich von der Welt mit ihren Sitten und Gewohnheiten stark unterscheidet. Um den Willen Gottes ausreichend zu erkennen, müssen wir persönliche Erfahrungen im geistlichen Leben haben. Wir müssen Gott zu jedem einzelnen von uns sprechen hören, und wenn jede andere Stimme schweigt und wir ruhig auf ihn harren, wird durch das Stillesein die Stimme Gottes uns vernehmbar werden. Er sagt: „Seid stille und erkennet, daß ich Gott bin!“ Psalm 46,11. Hier allein kann wahre Ruhe gefunden werden; eine solche Vorbereitung nur ist wirkungsvoll für die Arbeit im Werke Gottes. Inmitten der hastenden Menge und des Druckes der irdischen Arbeit wird die Seele, die sich auf diese Weise erfrischt, von Licht und Frieden umgeben sein; das Leben wird Wohlgeruch atmen und eine göttliche Macht offenbaren, die die Menschenherzen zu erreichen vermag.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 39: „Gebt ihr ihnen zu essen!“


Auf der Grundlage von Matthäus 14,13-21; Markus 6,32-44; Lukas 9,10-17; Johannes 6,1-13.


Der Herr Jesus hatte sich mit seinen Jüngern an einen entlegenen Platz zurückgezogen; aber auch hier wurde die so seltene Ruhestunde bald gestört. Die Jünger glaubten einen Ort aufgesucht zu haben, wo sie mit ihrem Meister allein wären; aber sobald die Menge den göttlichen Lehrer vermißte, fragte sie nach seinem Verbleiben. Einige konnten die Richtung angeben, die Jesus mit seinen Jüngern eingeschlagen hatte, und so folgte man seinen Spuren, viele zu Fuß, andere in ihren Booten über den See. Das Passahfest stand vor der Tür. Von nah und fern sah man Scharen von Pilgern, die auf dem Wege nach Jerusalem waren, sich versammeln, um Jesus zu sehen. Immer mehr kamen hinzu, bis es ohne Frauen und Kinder fünftausend Menschen waren. Noch ehe der Heiland das Ufer erreicht hatte, wartete schon eine große Menge auf ihn. Er konnte jedoch unbemerkt landen und kurze Zeit mit seinen Jüngern allein verbringen.


Von einem Hügel aus sah er auf die unruhige Menge vor sich; sein Herz wurde bei ihrem Anblick von tiefem Mitgefühl bewegt. Gestört und seiner Ruhe beraubt, wurde er darüber nicht ungeduldig. Mit der ständig zunehmenden Volksmenge wuchs auch seine Bereitschaft, ihr zu helfen. „Es jammerte ihn derselben, denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben.“ Markus 6,34. Er verließ seinen Zufluchtsort und fand bald einen Platz, wo er dem Volk am besten dienen konnte. Von den Priestern und Obersten hatten diese Menschen keine Hilfe erhalten können. Nun aber flossen die heilenden Wasser des Lebens von Christus, da er der Menge den Weg der Seligkeit zeigte. Das Volk hörte andächtig auf die Worte der Barmherzigkeit, die so bereitwillig von den Lippen des Sohnes Gottes zu ihm kamen. Es hörte die gnadenreichen Worte, so schlicht und so klar, daß sie wie der Balsam von Gilead (Jeremia 46,11) in die Seele flossen. Die Heilung von Jesu göttlicher Hand brachte den Sterbenden Freude und Leben, den Kranken Erleichterung und Gesundheit. Dieser Tag erschien ihnen wie der Himmel auf Erden, und niemand dachte daran, wie lange er schon nichts gegessen hatte.


Endlich neigte sich der Tag. Die Sonne sank im Westen, doch das Volk verweilte noch. Jesus hatte den ganzen Tag gelehrt und geheilt, ohne zu essen und zu ruhen; er sah blaß aus vor Mattigkeit und Hunger, und die Jünger baten ihn, seine Arbeit einzustellen. Der Heiland aber wollte sich der Menge, die ihn bedrängte, nicht entziehen.


Schließlich nötigten ihn die Jünger, die Volksmenge um ihrer selbst willen zu entlassen, da viele von weither gekommen waren und seit dem Morgen nichts gegessen hatten. Sie könnten vielleicht in den benachbarten Orten Nahrung kaufen. Jesus aber sagte: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ Markus 6,37. Dann wandte er sich an Philippus und fragte ihn: „Wo kaufen wir Brot, daß diese essen?“ Das sagte er nur, um den Glauben des Jüngers zu prüfen. Philippus warf einen Blick auf die Volksmenge und hielt es für unmöglich, genügend Speise für diese riesige Menschenansammlung zu besorgen. Er antwortete daher: „Für zweihundert Silbergroschen Brot ist nicht genug unter sie, daß ein jeglicher ein wenig nehme.“ Johannes 6,7. Darauf erkundigte sich Jesus, wieviel Nahrung unter der Menge vorhanden sei, und er erfuhr von Andreas : „Es ist ein Knabe hier, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; aber was ist das unter so viele?“ Johannes 6,9. Da ließ sich der Herr die Brote und die Fische bringen und gebot den Jüngern, das Volk sich in Gruppen zu fünfzig und hundert Mann auf der Wiese lagern zu lassen, um der Ordnung willen und damit alle sehen konnten, was er tun wollte. Als dies geschehen war, nahm er die Speise, „sah auf gen Himmel und dankte und brach‘s und gab die Brote den Jüngern, und die Jünger gaben sie dem Volk. Und sie aßen alle und wurden satt und hoben auf, was übrigblieb von Brocken, zwölf Körbe voll“. Matthäus 14,1920.


Er, der dem Volk den Weg zu Frieden und Glück zeigte, sorgte nicht nur für ihre geistlichen, sondern auch für ihre leiblichen Bedürfnisse. Die Versammelten waren müde und matt geworden; unter ihnen befanden sich auch Mütter mit Säuglingen auf dem Arm und mit kleinen Kindern, die sich an ihren Kleidern festhielten. Viele hatten stundenlang gestanden, da sie von Jesu Worten so ergriffen waren, daß sie nicht daran gedacht hatten, sich zu setzen; auch war das Gedränge derart groß, daß die Gefahr bestand, einander zu treten. Jesus wollte ihnen Gelegenheit geben, zu ruhen, und forderte sie auf, sich zu setzen. Es wuchs reichlich Gras dort, und alle konnten sich bequem lagern.


Der Heiland wirkte nur dann ein Wunder, wenn einem wirklichen Bedürfnis abzuhelfen war. Jedes Wunder diente dazu, das Volk zu dem Baum des Lebens zu führen, dessen Blätter die Menschen gesunden lassen. Die Speise, die von den Jüngern ausgeteilt wurde, enthielt eine große geistliche Lehre. Es war ein bescheidenes Mahl: Fische und Gerstenbrot. Sie bildeten die tägliche Nahrung der Fischer am Galiläischen Meer. Christus hätte dem Volk eine reiche Tafel decken können; aber eine Nahrung, die lediglich dem Gaumenkitzel diente, würde wenig nützliche Lehre für sie enthalten haben. Der Heiland aber wollte durch diese Speisung zeigen, daß die natürliche Vorsorge Gottes für den Menschen verfälscht worden war. Noch nie haben Menschen die größten Delikatessen, die für den verwöhntesten Geschmack aufgetischt wurden, mehr Genuß bereitet als die Ruhe und diese einfache Speise, die Christus ihnen, fernab aller menschlichen Behausungen, verschaffte.


Huldigten die Menschen heute einfachen Gewohnheiten und lebten sie in Übereinstimmung mit den Naturgesetzen wie einst die ersten Menschen im Paradies, dann könnten alle Bedürfnisse der menschlichen Familie leicht befriedigt werden. Es würde weniger scheinbare Mängel geben und mehr Gelegenheit vorhanden sein, nach Gottes Weise zu leben. Nur Eigennutz und unnatürlicher Geschmack haben Sünde und Elend in die Welt gebracht durch Überfluß auf der einen und Mangel auf der andern Seite.


Jesus wollte das Volk nicht dadurch an sich ziehen, daß er das Verlangen nach Wohlleben befriedigte. Jener großen, müden und hungrigen Menge war die einfache Kost nach dem langen und aufregenden Tag nicht nur eine Versicherung seiner Macht, sondern auch seiner barmherzigen Fürsorge in den allgemeinen Bedürfnissen ihres Lebens. Der Heiland hat seinen Nachfolgern nicht die Leckerbissen der Welt versprochen. Ihre Speise mag einfach, vielleicht sogar dürftig sein; ihr ganzes Leben mag in Armut dahingehen; er aber hat sein Wort gegeben, daß für alle ihre Nöte gesorgt werden soll, und er hat ihnen etwas verheißen, das weit besser ist als irdisches Gut — den bleibenden Trost seiner Gegenwart!


In der Speisung der Fünftausend hebt Jesus den Schleier von der natürlichen Welt und offenbart die Macht, die beständig zu unserem Besten schafft. Durch das Reifen der Ernte bewirkt Gott täglich ein Wunder; durch natürliche Vorgänge geschieht das gleiche Werk wie bei der Speisung dieser Menge. Menschen bereiten den Boden und säen den Samen; aber das Leben von Gott bringt den Samen zum Keimen. Luft, Regen und Sonnenschein bringen hervor „zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre“. Markus 4,28. Gott ist es, der täglich die Millionen durch das Erntefeld der Erde ernährt. Die Menschen sind aufgefordert, ihn in ihre Sorge um das Korn und um die Zubereitung des Brotes miteinzubeziehen. Doch gerade da verlieren sie den Blick für das Wirken Gottes und geben ihm nicht die ihm gebührende Ehre; sein Wirken wird natürlichen Kräften oder menschlichen Werkzeugen zugeschrieben, so daß sich der Mensch an Gottes Statt drängt. Die aus göttlicher Gnade verliehenen Gaben werden eigennützig angewandt. Sie werden damit zum Fluch statt zum Segen. Gott versucht das alles zu verhindern. Er will unsere abgestumpften Sinne neu beleben, damit sie seine große Güte unterscheiden und ihn für das Wirken seiner Macht ehren können; er will, daß wir ihn in seinen Gaben erkennen, damit diese uns nach seiner Absicht zum Segen werden. Um dies zu erreichen, wirkte Jesus seine Wunder.


Nachdem die Menge gesättigt war, blieb noch viel Speise übrig. Der Herr, dessen unermeßlicher Macht alle Hilfsquellen zu Gebote standen, befahl: „Sammelt die übrigen Brocken, daß nichts umkommen.“ Johannes 6,12. Diese Worte bedeuten mehr, als nur die Brotreste in die Körbe zu legen. Sie enthielten eine doppelte Lehre. Wir sollen nichts verschwenden und keinen zeitlichen Vorteil ungenutzt lassen. Wir sollen nichts geringachten, das irgendeinem menschlichen Wesen noch dienlich sein kann. Sammelt alles, was der Not der Hungernden abzuhelfen vermag. Die gleiche Sorgfalt sollen wir auch in geistlichen Dingen üben. Als die Körbe voll Brocken gesammelt wurden, dachten die Gesättigten an ihre Freunde daheim und wünschten, daß auch sie an dem Brot, das Jesus gesegnet hatte, teilhaben könnten. Der Inhalt der Körbe wurde unter die Menge verteilt und in die ganze umliegende Gegend mitgenommen. So sollten diejenigen, die beim Feste waren, andern von dem Brot geben, das vom Himmel kommt, um den Hunger der Seele zu stillen; sie sollten wiederholen, was sie über die wunderbaren Dinge Gottes gelernt hatten; nichts sollte verlorengehen, kein einziges Wort, das ihr geistliches Heil betraf, unnütz auf die Erde fallen.


Das Wunder von den Broten lehrt uns ferner unsere Abhängigkeit von Gott. Als der Herr die Fünftausend speiste, war in der Nähe keine Nahrung zu bekommen. Wahrscheinlich standen ihm keine Mittel zur Verfügung. Er befand sich mit den mehr als fünftausend Menschen in der Einsamkeit. Zwar hatte er die Menge nicht eingeladen, sie war ihm vielmehr ohne Aufforderung gefolgt; aber er wußte, daß sie hungrig und müde sein würde, nachdem sie so lange seinen Worten gelauscht hatte. Er selbst empfand ja dieses Bedürfnis, zu essen. Sie waren weit von zu Hause entfernt, und die Nacht brach herein. Viele von ihnen besaßen kein Geld, um sich Nahrung zu kaufen. Er, der um ihretwillen vierzig Tage in der Wüste gefastet hatte, wollte es nicht zulassen, daß sie hungrig in ihre Heime zurückkehrten. Die göttliche Vorsehung hatte Jesus an diesen Ort geführt, und er vertraute darauf, daß sein himmlischer Vater auch für die notwendigen Mittel sorgen würde, um dem Mangel abzuhelfen.


Wenn wir in schwierige Situationen geraten, sollten wir uns auf Gott verlassen und bei allem, was wir tun, Weisheit und Urteilsvermögen zeigen; sonst auferlegen wir uns durch sorgloses Handeln selbst Prüfungen. Wir sollten uns nicht dadurch in Schwierigkeiten stürzen, daß wir die Mittel außer acht lassen, die Gott bereithält, und nicht die Fähigkeiten mißbrauchen, die er uns gegeben hat. Christi Mitarbeiter sollten seinen Weisungen uneingeschränkt folgen. Es ist Gottes Werk, und wenn andere durch uns gesegnet werden sollen, müssen seine Absichten durchgeführt werden. Unser Ich darf nicht zum Mittelpunkt gemacht werden und Ehren empfangen. Wenn wir nach unseren eigenen Vorstellungen planen, wird Gott uns auch unseren eigenen Fehlern überlassen. Folgen wir jedoch seinen Weisungen und geraten dabei in Schwierigkeiten, dann wird er uns aus ihnen befreien. Wir brauchen nicht entmutigt aufzugeben, sondern dürfen in jeder Notlage von ihm Hilfe erbitten; denn ihm stehen unbegrenzte Mittel zu Verfügung. Oftmals sehen wir uns von lauter Prüfungen umgeben. Dann müssen wir uns in vollem Vertrauen auf Gott stützen. Er will jeden Menschen bewahren, der in Anfechtung gerät, wenn er Gottes Wege zu gehen bemüht ist.


Christus bittet uns durch den Propheten: „Brich den Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“ Jesaja 58,7. Er hat uns geboten: „Gehet hin in alle Welt und prediget das Evangelium aller Kreatur.“ Markus 16,15. Aber wie oft sinkt uns der Mut und verläßt uns der Glaube, wenn wir sehen, wie groß die Not ist und wie gering die Mittel in unseren Händen sind! Wie Andreas, der auf die fünf kleinen Brote und die zwei kleinen Fische sah, erklären wir: „Was ist das unter so viele!“ Johannes 6,9. Oftmals zögern wir und sind nicht bereit, alles zu geben, was wir besitzen. Wir schrecken davor zurück, ein Opfer zu bringen oder gar uns selbst für andere hinzugeben. Aber Jesus hat uns geboten: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ Markus 6,37. Sein Gebot enthält eine Verheißung, steht doch die gleiche Macht dahinter, die die große Schar am Ufer des Sees speiste.


In der Fürsorge Christi für die natürlichen Bedürfnisse einer hungrigen Menge liegt eine tiefe geistliche Lehre für alle seine Mitarbeiter. Der Heiland empfing vom Vater, er teilte seinen Jüngern aus, diese gaben der Menge, und unter dieser gab einer dem andern. So empfangen alle, die mit Christus verbunden sind, von ihm das Brot des Lebens, die himmlische Speise, und teilen sie andern mit. Jesus nahm die wenigen Brote im vollen Vertrauen auf Gott. Obgleich es nur so viel Speise war, daß sie gerade für seine Jünger gereicht hätte, lud er diese doch nicht ein, zu essen, sondern verteilte das Brot an sie und gebot ihnen, es dem Volk weiterzugeben. Die Nahrung vermehrte sich in seinen Händen, und die Hände der Jünger, die sich ihm, dem Brot des Lebens, entgegenstreckten, blieben nie leer; der kleine Vorrat reichte für alle. Nach der Sättigung des Volkes wurden die Brocken gesammelt, und Christus aß nun mit seinen Jüngern von der so gnädig gewährten Speise.


Die Jünger stellten gleichsam die Verbindung dar zwischen Christus und dem Volk. Diese Tatsache sollte seinen Nachfolgern heute eine große Ermutigung sein. Christus ist der Mittelpunkt, die Quelle aller Kraft; seine Boten müssen ihre Stärke von ihm empfangen. Die Verständigsten, die am meisten geistlich Gesinnten können nur das geben, was sie empfangen haben; aus sich selbst haben sie nichts, um die Bedürfnisse auch nur einer Seele zu befriedigen. Wir können nur das mitteilen, was wir von dem Herrn erhalten haben, und wir können nur empfangen, wenn wir es andern mitteilen. Indem wir beständig austeilen, empfangen wir auch immerzu, und zwar in dem Maße, in dem wir geben. So können wir beständig glauben, vertrauen, empfangen und weitergeben.


Der Bau des Reiches Gottes wird vorwärtsgehen, wenn auch scheinbar langsam und wenn auch ungeheure Schwierigkeiten den Fortschritt zu hemmen scheinen. Es ist aber das Werk Gottes, und Gott selbst wird für die Mittel sorgen und Helfer senden; treue, ernste Jünger, deren Hände mit Speise für die hungernde Menschheit gefüllt sind. Gott gedenkt, aller, die in Liebe arbeiten, um das Wort des Lebens den Verschmachtenden zu bringen, die ihrerseits wieder die Hände ausstrecken nach Speise für hungrige Seelen.


In unserem Wirken für den Herrn liegt die Gefahr nahe, uns zu sehr darauf zu verlassen, was der Mensch mit seinen Fähigkeiten und Gaben leisten kann. Dadurch verlieren wir den Meister aus den Augen und erkennen oftmals nicht unsere persönliche Verantwortung. Wir laufen Gefahr, unsere Last auf eine Gemeinschaft abzuwälzen, statt uns auf Christus, die Quelle aller Kraft, zu verlassen. Es ist ein großer Irrtum, im Wirken für Gott auf menschliche Weisheit oder auf Zahlen zu vertrauen. Ein erfolgreiches Wirken für den Herrn hängt nicht so sehr von der Anzahl der Mitarbeiter oder deren Fähigkeiten ab, als vielmehr von der Lauterkeit des Wollens und der wahren Einfalt eines ernsten, alles von Gott erwartenden Glaubens. Persönliche Verantwortung muß getragen, persönliche Pflichten müssen aufgenommen und persönliche Anstrengungen gemacht werden für die, welche nichts von Christus wissen. Statt die Verantwortung auf Personen zu legen, von denen wir meinen, daß sie begabter seien als wir selbst, sollten wir nach unseren Kräften schaffen und wirken.


Wenn die Frage an dich herantritt: „Wo kaufen wir Brot, daß diese essen?“, laß deine Antwort nicht eine Erwiderung des Unglaubens sein. Als die Jünger des Herrn Anordnung hörten: „Gebt ihr ihnen zu essen!“, tauchten vor ihnen alle möglichen Schwierigkeiten auf. Sie fragten sich: „Sollen wir in die Dörfer gehen, um Speise zu kaufen?“ Wenn es heute den Menschen an dem Brot des Lebens mangelt, fragen die Kinder Gottes: „Sollen wir jemand aus der Ferne holen, der sie speise?“ Was sagte Christus? „Lasset sie sich setzen.“ Lukas 9,14. Und dann speiste er sie. Wenn du von bedürftigen Seelen umgeben bist, dann wisse, daß Christus auch gegenwärtig ist. Verbinde dich mit ihm — bringe deine Gerstenbrote zu Jesus! Die uns zur Verfügung stehenden Mittel scheinen für das Werk nicht auszureichen. Gehen wir aber im Glauben voran und vertrauen wir auf die allmächtige Bereitwilligkeit Gottes, so werden sich uns reichlich Hilfsquellen öffnen. Ist das Werk von Gott, dann wird er auch selbst für Mittel sorgen, um es durchzuführen; er belohnt das schlichte, aufrichtige Vertrauen zu ihm. Unser Weniges wird sich bei weisem und sparsamen Gebrauch im Dienste des Herrn vermehren. In der Hand Christi blieb der geringe Vorrat unverringert, bis die Menge gesättigt war. Gehen wir mit glaubensvoll ausgestreckten Händen zur Quelle aller Kraft, dann werden wir selbst unter den allerschwierigsten Verhältnissen in unserer Arbeit unterstützt werden und imstande sein, auch andern das Brot des Lebens zu geben.


Der Herr sagt: „Gebet, so wird euch gegeben.“ Lukas 6,38. „Wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten; und wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen ... Gott aber kann machen, daß alle Gnade unter euch reichlich sei, damit ihr in allen Dingen allewege volle Genüge habt und noch reich seid zu jedem guten Werk; wie geschrieben steht: ‚Er hat ausgestreut und gegeben den Armen; seine Gerechtigkeit bleibt in Ewigkeit.‘ Der aber Samen reicht dem Säemann und Brot zur Speise, der wird auch euch Samen reichen und ihn mehren und wachsen lassen die Früchte eurer Gerechtigkeit. So werdet ihr reich sein in allen Dingen, zu geben in Lauterkeit, welche durch uns wirkt Danksagung an Gott.“ 2.Korinther 9,6-11.
















Licht und Schatten über den Wegen des Heilandes


Kapitel 40: Eine Nacht auf dem See


In der Dämmerung eines Frühlingsabends aß die Menge auf der weiten, grünen Ebene die Speise, die ihnen der Heiland verschafft hatte. Die Worte Jesu, die sie an jenem Tage gehört hatten, waren ihnen wie Offenbarungen Gottes vorgekommen; die Werke der Heilung, die sie sehen durften, konnten nur durch göttliche Kraft bewirkt worden sein. Das Wunder der Brote aber berührte jeden persönlich; jeder einzelne hatte Anteil an dieser Segnung. Zu Moses Zeit hatte der Herr die Kinder Israel in der Wüste durch Manna gespeist, und wer war dieser, der sie heute gespeist hatte, anderes als der, von dem Mose geweissagt hatte? Kein Mensch konnte aus fünf Gerstenbroten und zwei kleinen Fischen genügend Speise schaffen, um damit Tausende hungriger Seelen zu sättigen. Und sie sagten zueinander: „Das ist wahrlich der Prophet, der in die Welt kommen soll.“ Johannes 6,14.


Den ganzen Tag waren sie immer mehr davon überzeugt worden. Jene krönende Handlung nun gibt ihnen die Gewißheit, daß der lang erwartete Erlöser unter ihnen weilt. Die Hoffnung aller Anwesenden wird immer größer: Er ist es, der Judäa zu einem irdischen Paradies machen wird, zu einem Land, in dem Milch und Honig fließen, er kann jeden Wunsch erfüllen; er kann die Macht der verhaßten Römer brechen; er kann Juda und Jerusalem befreien und die in der Schlacht verwundeten Soldaten heilen; er kann Heere mit Nahrung versorgen, Völker besiegen und auch Israel die lang ersehnte Herrschaft geben.


In ihrer Begeisterung sind sie bereit, Jesus sofort zum König zu krönen. Sie sehen, daß er sich keinerlei Mühe gibt, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken oder sich ehren zu lassen. Hierin unterscheidet er sich wesentlich von den Priestern und Obersten, und sie befürchten, daß er nie einen Anspruch auf Davids Thron geltend machen wird. Sie beraten gemeinsam und kommen überein, Gewalt anzuwenden und ihn als König von Israel auszurufen. Die Jünger schließen sich der Menge an und erklären, daß der Thron Davids das rechtmäßige Erbe ihres Herrn sei. Nur Jesu Bescheidenheit, sagen sie, veranlasse ihn, diese Ehre auszuschlagen. Möge doch das Volk seinen Befreier erheben, dann werden die hochmütigen Priester und Obersten gezwungen sein, den mit göttlicher Macht ausgestatteten Heiland zu ehren.


Es werden nun eilig Vorbereitungen getroffen, diesen Plan auszuführen. Doch der Herr bemerkt ihre Absicht und kennt besser als das Volk die Folgen einer solchen Handlung. Schon jetzt trachten die Priester und Obersten ihm nach dem Leben und beschuldigen ihn, daß er das Volk gegen sie aufwiegele. Der Versuch des Volkes, ihn auf den Thron zu setzen, würde nur Gewalttat und Aufruhr nach sich ziehen und das geistliche Reich in Gefahr bringen. Dieser Entwicklung mußte umgehend Halt geboten werden. Jesus ruft seine Jünger und befiehlt ihnen, sofort das Boot zu besteigen und nach Kapernaum zurückzufahren, während er selbst das Volk entlassen werde.


Noch nie zeigten die Jünger so wenig Neigung, der Anordnung ihres Herrn nachzukommen. Sie hatten schon lange auf einen allgemeinen Volksaufstand gehofft, um Jesus auf den Thron zu heben. Sie konnten sich nicht mit dem Gedanken vertraut machen, daß diese Begeisterung ohne Erfolg bleiben sollte. Die zum Passahfest versammelte Volksmenge wollte den neuen Propheten sehen, und den Jüngern schien die Zeit gekommen, ihren geliebten Meister auf den Thron zu heben. In dieser Begeisterung wurde es ihnen wirklich schwer, ohne Jesus fortzugehen und ihn an diesem einsamen Platz zurückzulassen. Sie wagten Einwände gegen seinen Befehl; aber der Herr sprach nun mit solcher Autorität, wie er sie ihnen gegenüber noch nie gezeigt hatte. Sie wußten jetzt, daß ihr weiteres Widerstreben nutzlos sein würde, und wandten sich schweigend dem See zu.


Jesus gebietet nun der Menge, sich zu zerstreuen. Sein Auftreten ist so bestimmt, daß sich niemand zu widersetzen wagt. Die Worte des Lobes und der Begeisterung ersterben auf ihren Lippen; die Schritte derer, die ihn greifen wollen, verhallen, und der frohe, lebhafte Blick weicht aus ihren Augen. Es befinden sich Männer mit starkem Willen und fester Entschlossenheit unter der Menge; doch die königliche Haltung Jesu und die wenigen ruhigen und befehlenden Worte unterdrücken jeden Tumult und vereiteln ihre Absichten. Sie erkennen in ihm eine Macht, die über aller irdischen Gewalt steht, und unterwerfen sich ohne jede Frage.


Als Jesus allein war, „ging er hin auf einen Berg, zu beten“. Markus 6,46. Stundenlang flehte er zu Gott. Seine ernsten Bitten galten nicht sich selbst, sondern den Menschen. Er betete um Kraft, den Menschen den göttlichen Charakter seiner Sendung zu offenbaren, damit Satan ihr Verständnis nicht blind machen und ihr Urteil irreleiten könne. Der Heiland wußte genau, daß die Zeit seines irdischen Wirkens bald vorüber wäre und daß nur wenige ihn als ihren Erlöser annehmen würden. In bitterem Schmerz und tiefem seelischem Ringen betete er für seine Jünger, denen noch schwere Prüfungen bevorstanden. Ihre lang gehegten Hoffnungen, die sich auf einen im Volk allgemein verbreiteten Irrtum gründeten, würden in schmerzlicher und demütigender Weise zunichte werden. Statt seine Erhebung auf den Thron Davids würden sie seine Kreuzigung schauen. Dies wäre seine wahre Krönung; aber die Jünger würden auch das nicht erkennen. Darum kämen kräftige Versuchungen über sie, die sie aber schwerlich als solche ansähen. Ohne den Heiligen Geist zur Erleuchtung ihrer Sinne und zur Erweiterung ihres Verständnisses mußte ihr Glaube unterliegen. Es schmerzte den Heiland, daß sich ihre Vorstellungen von seinem Reich in so bedeutendem Maße auf weltliche Erhöhungen und Ehren beschränkten; die Sorge für sie lastete schwer auf seinem Herzen, und in bitterem Schmerz und unter heißen Tränen brachte er seine Bitten zu Gott.


Die Jünger hatten ihr Boot nicht gleich vom Ufer abgestoßen, wie es ihnen von Jesus geboten worden war. Sie warteten noch einige Zeit in der Hoffnung, daß er nachkäme. Als aber die Dunkelheit der Nacht schnell hereinbrach, traten sie „in das Schiff und kamen über das Meer nach Kapernaum“. Johannes 6,17. Sie hatten Jesus mit unbefriedigtem Herzen verlassen und waren ungeduldiger über ihn als je zuvor, seit sie ihn als ihren Herrn anerkannt hatten. Sie murrten, weil es ihnen nicht geglückt war, ihn als König auszurufen, und sie machten sich Vorwürfe, seinem Befehl so schnell nachgekommen zu sein, da sie vielleicht doch ihre Absicht erreicht hätten, wenn sie entschiedener aufgetreten wären.


Unglaube erfüllte ihr Herz und ihr Gemüt; die Liebe nach weltlicher Ehre hatte sie verblendet. Sie wußten, daß Jesus von den Pharisäern gehaßt wurde, und sie waren eifrig darauf bedacht, ihn zu erhöhen, wie es ihm zukäme. Mit einem Lehrer verbunden zu sein, der mächtige Wunder wirken und gleichzeitig als Betrüger geschmäht werden konnte, war eine Prüfung, die sie nur schwer zu ertragen vermochten. Sollten sie immer für die Nachfolger eines falschen Propheten gehalten werden? Würde Christus niemals seine Gewalt als König geltend machen? Warum offenbarte er, der doch solche Macht besaß, nicht seinen wahren Charakter und machte dadurch auch ihren Weg müheloser? Warum hatte er Johannes den Täufer nicht vor seinem gewaltsamen Ende bewahrt? Unter solchen Gedanken gerieten sie selbst in geistliches Dunkel, bis sie sich schließlich fragten: Konnte ihr Herr ein Betrüger sein, wie es die Pharisäer behaupteten?


Die Jünger waren an jenem Tage Zeugen der wunderbaren Werke Christi gewesen; es hatte den Anschein gehabt, als ob der Himmel sich zur Erde herabneige. Die Erinnerung an jene herrlichen und glorreichen Stunden hätte sie mit Glauben und Hoffnung erfüllen sollen. Wenn sie sich dann aus der Fülle ihres Herzens über all diese Dinge unterhalten hätten, wären sie bestimmt nicht in Versuchung geraten. Ihre Enttäuschung jedoch nahm alle anderen Gedanken gefangen; die Worte Jesu: „Sammelt die übrigen Brocken, daß nichts umkomme“, blieben unbeachtet. Es waren segensreiche Stunden für die Jünger gewesen; aber jetzt hatten sie alles vergessen. Sie befanden sich mitten auf dem unruhigen See. Ihre Gedanken selbst waren stürmisch erregt und ohne Vernunft, und der Herr gab ihnen etwas anderes, um ihre Seele zu beschäftigen und ihre Gedanken abzulenken. Das tut Gott häufig, wenn die Menschen sich selbst Mühsal und Sorgen schaffen. Es war ganz unnötig, daß sich die Jünger Schwierigkeiten bereiteten; die Gefahr näherte sich ihnen schnell genug.


Ein heftiges Unwetter war heraufgezogen und fand die Jünger gänzlich unvorbereitet; es brach unvermutet los nach einem herrlichen Tag. Als der Sturm sich plötzlich erhob, fürchteten sie sich. Ihre Unzufriedenheit, ihren Unglauben, ihre Ungeduld hatten sie schnell vergessen. Jeder von ihnen arbeitete mit aller Kraft, um das Boot vor dem Sinken zu bewahren. Von Bethsaida bis zu dem Ort, an dem sie Jesus erwarteten, war es nicht weit. Bei günstigem Wetter brauchten sie zur Überfahrt nur einige Stunden. Jetzt aber wurden die Jünger immer weiter von ihrem Ziel abgetrieben. Sie arbeiteten bis zur vierten Nachtwache an den Rudern; dann gaben sich die erschöpften Männer verloren.


In Sturm und Dunkelheit hatte der See ihnen ihre Hilflosigkeit gezeigt, und sie sehnten sich nach der Gegenwart ihres Meisters.


Jesus hatte sie nicht vergessen; der Wächter am Ufer sah die furchterfüllten Männer mit dem Sturm kämpfen. Nicht einen Augenblick verlor er seine Jünger aus den Augen, sondern er verfolgte mit großer Aufmerksamkeit das vom Sturm umhergeworfene Boot mit seiner wertvollen Last; denn diese Männer sollten das Licht der Welt sein. Besorgt, wie eine Mutter über ihre Kinder, wachte der Heiland über seine Jünger. Als ihre Herzen wieder demütig waren, als sie ihren unheiligen Ehrgeiz bezwungen hatten und wieder aufrichtig um Hilfe flehten, wurde sie ihnen zuteil.


In dem Augenblick, da sie sich verloren glauben, erkennen sie in dem Aufleuchten eines Blitzes eine geheimnisvolle Gestalt, die sich ihnen auf den Wogen nähert. Sie ahnen nicht, daß es Jesus ist, und halten den, der ihnen zu Hilfe kommen will, für einen Feind. Schrecken ergreift sie. Die Ruder, die sie mit festem Griff umklammert halten, entfallen ihnen; das Boot wird zum Spielball der Wellen. Ihre Blicke sind durch die Erscheinung gefesselt — ein Mensch geht auf den schäumenden Wogen des wütenden Sees. Sie glauben, es sei ein Geist, der ihnen ihren Untergang ankündigt, und sie schreien vor Furcht. Die Gestalt kommt immer näher. Es scheint, als wolle sie vorübergleiten. Da erkennen sie ihren Herrn, und sie rufen und flehen um Hilfe. Der Heiland wendet sich ihnen zu, und seine Stimme besänftigt ihre Furcht: „Seid getrost, ich bin‘s; fürchtet euch nicht!“ Matthäus 14,27.


Kaum können die Jünger dieses Wunder begreifen, da gerät Petrus in hellste Begeisterung. Er ruft: „Herr, bist du es, so heiß mich zu dir kommen auf dem Wasser.“ Und Jesus spricht: „Komm her!“ Matthäus 14,2829. Solange Petrus seinen Blick unverwandt auf Jesus richtet, wandelt er sicher; kaum blickt er aber stolz zu seinen Gefährten im Boot zurück, verliert er die Verbindung mit seinem Herrn. Der Wind stürmt noch heftig, die Wogen gehen hoch und drängen sich zwischen ihn und den Meister. Nun fürchtet sich Petrus. Für einen Augenblick ist Christus seinem Blick verborgen; da wird sein Glaube unsicher und schwankend, und er beginnt zu sinken. Aber während die Wogen ihn mit dem Tod bedrohen, wendet Petrus seinen Blick von dem tobenden Wasser ab, auf den Heiland hin und ruft: „Herr, hilf mir!“ Sofort ergreift Jesus die ausgestreckte Hand mit den Worten: „O du Kleingläubiger, warum zweifeltest du?“ Matthäus 14,3031.


An der Hand seines Heilandes betrat Petrus wieder das Schiff. Er war gedemütigt worden und verhielt sich still. Er sah keine Ursache mehr, sich vor den Gefährten zu rühmen; denn er hätte durch Unglauben und Überheblichkeit beinahe sein Leben verloren. Wie oft gleichen wir dem Petrus, wenn Schwierigkeiten auf uns zukommen! Wir schauen dann auf die brausenden Wogen, statt unsern Blick auf den Herrn zu heften. Unsere Füße gleiten aus, und die stolzen Wellen gehen über uns hinweg. Jesus hatte Petrus nicht geboten, zu ihm zu kommen, damit er umkomme; er fordert auch uns nicht auf, ihm nachzufolgen, um uns dann zu verlassen. „Fürchte dich nicht“, sagt er, „denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, daß dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen. Denn ich bin der Herr, dein Gott, der Heilige Israels, dein Heiland.“ Jesaja 43,1-3.


Jesus kannte den Charakter seiner Jünger. Er wußte, wie schwer ihr Glaube geprüft werden würde. Durch die Erfahrung auf dem See wollte er die Schwäche des Petrus offenbaren und ihm zeigen, daß seine Sicherheit nur darauf beruhe, der göttlichen Macht beständig zu vertrauen. Inmitten der Stürme der Versuchungen konnte er nur dann sicher wandeln, wenn er, frei von überheblichem Selbstvertrauen, sich ausschließlich auf den Herrn verlassen würde. Gerade dann, als Petrus meinte, stark zu sein, war er schwach; erst als er seine Schwäche erkannte, konnte er das Bedürfnis seiner Abhängigkeit von Gott sehen. Hätte er aus der Erfahrung auf dem See gelernt, dann wäre er auch nicht unterlegen, als die große Prüfung an ihn herantrat.


Tag um Tag unterweist Gott seine Kinder. Durch die Dinge des täglichen Lebens bereitet er sie darauf vor, daß sie die größere Aufgabe übernehmen können, zu der seine Vorsehung sie berufen hat. Sieg oder Niederlage in der großen Lebensentscheidung hängt davon ab, wie sie mit den täglichen Prüfungen fertig werden. Wer seine dauernde Abhängigkeit von Gott nicht erkennt, wird in der Versuchung unterliegen. Wir glauben vielleicht, sicher zu stehen und nicht fallen zu können. Wir mögen vertrauensvoll sagen: Ich weiß, an wen ich glaube, nichts kann meinen Glauben an Gott und sein Wort erschüttern! Aber Satan ist nicht müßig. Er denkt unablässig darüber nach, wie er aus unseren menschlichen Mängeln Vorteile ziehen und unsere Augen gegen unsere wahren Bedürfnisse blind machen kann. Nur durch wahrhafte Erkenntnis unserer Schwächen, nur durch den unverwandten Blick auf Jesus können wir sicher wandeln.


Kaum hatte Jesus seinen Platz im Boot eingenommen, hörte der Sturm auf. „Und alsbald war das Schiff am Lande, wohin sie fuhren.“ Johannes 6,21. Der Schreckensnacht folgte das sanfte Licht der Morgenröte. Die Jünger und noch andere, die sich mit ihnen im Boot befanden, beugten sich mit dankerfülltem Herzen zu den Füßen Jesu und sagten: „Du bist wahrlich Gottes Sohn!“ Matthäus 14,33.


Kapitel 41: Die Entscheidung in Galiläa


Auf der Grundlage von Johannes 6,22-71.


Christus wußte, daß ein Wendepunkt in seinem Dasein erreicht war, als er es den Menschen untersagte, ihn zum König auszurufen. Die Volksmenge, die ihn heute auf den Thron heben wollte, hätte sich am nächsten Tag von ihm abgewandt. Sobald ihr selbstsüchtiger Ehrgeiz enttäuscht worden wäre, hätte sich ihre Liebe in Haß und ihr Lob in Fluch verwandelt. Doch obwohl Christus dies wußte, unternahm er nichts, um die Krise abzuwenden. Von Anfang an hatte er seinen Nachfolgern keinerlei Hoffnung auf irdische Belohnungen gemacht. Einem Mann, der sein Jünger werden wollte, sagte er: „Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber des Menschen Sohn hat nicht, wo er sein Haupt hinlege.“ Matthäus 8,20. Hätten die Menschen zugleich Christus und die Welt besitzen können, würden sie ihn in Scharen ihrer Treue versichert haben. Eine solche Hilfe aber konnte er nicht annehmen. Viele seiner Anhänger damals wurden von der Hoffnung auf ein weltliches Königreich angezogen. Sie sollten eines besseren belehrt werden. Die tiefe geistliche Bedeutung des von ihm vollbrachten Speisungswunders war von ihnen nicht verstanden worden. Sie aber wollte er ihnen darlegen. Diese neue Offenbarung würde jedoch eine strengere Prüfung nach sich ziehen.


Überall sprach man über das Speisungswunder, und schon früh am nächsten Morgen strömten die Leute nach Bethsaida, um Jesus zu sehen. Sie kamen in großer Zahl über Land und auch über den See. Die ihn am Abend zuvor verlassen hatten, kehrten zurück in der Annahme, ihn dort noch anzutreffen; denn es war kein Boot vorhanden, mit dem er zum anderen Seeufer hätte übersetzen können. Ihr Suchen blieb jedoch ergebnislos. Deshalb wandten sich viele wieder nach Kapernaum, um ihn dort zu suchen.


Inzwischen befand er sich nach nur eintägiger Abwesenheit wieder in der Landschaft Genezareth. Gleich bei seiner Ankunft „erkannten die Leute ihn alsbald und liefen im ganzen Land umher und hoben an, die Kranken umherzutragen auf Betten, wo sie hörten, daß er war“. Markus 6,5455. Nach einiger Zeit ging er in die Synagoge. Dort fanden ihn die Leute, die aus Bethsaida gekommen waren, und erfuhren, wie er den See überquert hatte. Die Jünger erzählten der staunenden Menge in allen Einzelheiten von der Heftigkeit des Sturms, dem stundenlangen fruchtlosen Rudern gegen widrige Winde, der Erscheinung des auf dem Wasser wandelnden Christus, von der Furcht, in die sie dadurch gerieten, und wie Christus sie beruhigte, von dem Wagnis des Petrus, dessen Ausgang und wie plötzlich der Sturm aufhörte, so daß das Boot anlegen konnte. Viele aber, die mit diesem Bericht nicht zufrieden waren, sammelten sich um Jesus und fragten ihn: „Rabbi, wann bist du hergekommen?“ Johannes 6,25. Sie hofften, noch einmal von ihm selbst eine Schilderung des Wunders zu hören.


Jesus aber befriedigte ihre Neugier nicht. Traurig erwiderte er: „Ihr suchet mich nicht darum, daß ihr Zeichen gesehen habt, sondern weil ihr von dem Brot gegessen habt und seid satt geworden.“ Johannes 6,26. Sie suchten ihn nicht aus achtbaren Beweggründen. Das Brot hatte sie gesättigt, und nun erwarteten sie, weitere irdische Wohltaten zu empfangen, wenn sie sich an ihn hielten. Der Heiland aber beschwor sie: „Verschafft euch doch nicht die Speise, die vergänglich ist, sondern die Speise, die für das ewige Leben vorhält.“ Johannes 6,27 (Menge). Mit anderen Worten: Trachtet nicht nur nach irdischem Gewinn! Laßt es nicht euer Hauptanliegen sein, für das diesseitige Leben zu sorgen, sondern strebt nach geistlicher Speise, das heißt, nach jener Weisheit, die bis ins ewige Leben fortwirkt und die allein der Sohn Gottes schenken kann; „denn Gott, der Vater, hat ihn dazu ermächtigt“. Johannes 6,27 (GN).


Augenblicklich war das Interesse der Hörer geweckt. Sie riefen aus: „Was sollen wir tun, daß wir Gottes Werke wirken?“ Johannes 6,28. Sie hatten vieles und Schweres geleistet, um sich vor Gott angenehm zu machen. Bereitwillig hätten sie jeder neuen Vorschrift zugestimmt, durch deren Befolgung sie sich ein größeres Verdienst verschaffen konnten. Ihre Frage bedeutete eigentlich: Was sollen wir tun, um uns den Himmel zu verdienen? Welchen Preis müssen wir zahlen, um das künftige Leben zu erlangen? „Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Das ist Gottes Werk, daß ihr an den glaubet, den er gesandt hat.“ Johannes 6,29. Als Preis fordert der Himmel die Annahme Jesu. Der Weg zum Himmel geht über den Glauben an „Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt“. Johannes 1,29.


Die Menschen aber wollten diese Erklärung nicht als göttliche Wahrheit annehmen. Jesus hatte genau das getan, was die Weissagungen über die Taten des Messias vorausgesagt hatten; aber die Menschen vermißten, was ihre selbstsüchtigen Hoffnungen sich als sein Wirken vorgestellt hatten. Gewiß, Christus hatte die Menge mit Gerstenbroten gesättigt. Doch war Israel in den Tagen Moses nicht vierzig Jahre durch Manna ernährt worden? Weit größere Segenstaten erwartete man vom Messias. Unzufriedenen Herzens fragen sie, weshalb Jesus, wenn er schon so viele wunderbare Taten vollbrachte, deren Zeugen sie wurden, dem jüdischen Volk nicht Gesundheit, Kraft und Reichtum schenkte, es nicht von den Unterdrückern befreite und ihm nicht zu Macht und Ansehen verhalf. Daß Jesus zwar der Gesandte Gottes, nicht aber der König Israels sein wollte, war für sie ein Geheimnis, das sie nicht ergründen konnten. Seine Weigerung wurde mißverstanden. Viele schlossen daraus, daß er auf seinen Ansprüchen deshalb nicht zu bestehen wagte, weil er selbst an dem göttlichen Charakter seiner Sendung zweifelte. So öffneten sie sich dem Unglauben, und die Saat, die Satan ausgestreut hatte, brachte die entsprechenden Früchte: Mißverständnisse und Abfall.


Jetzt fragte ihn ein Schriftgelehrter halb spöttisch: „Was tust du denn für ein Zeichen, auf daß wir sehen und glauben dir? Was wirkest du? Unsre Väter haben das Manna gegessen in der Wüste, wie geschrieben steht: ‚Er gab ihnen Brot vom Himmel zu essen.‘“ Johannes 6,3031. Die Juden ehrten in Mose den Spender des Manna und priesen so den Mittler, wobei sie den aus den Augen verloren, der die Tat eigentlich vollbracht hatte. Ihre Vorfahren hatten gegen Mose gemurrt, an ihm gezweifelt und seine göttliche Mission geleugnet. In der gleichen Gesinnung verwarfen die Nachkommen dieser Männer jetzt den, der ihnen die Botschaft Gottes ausrichtete. „Da sprach Jesus zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben.“ Johannes 6,32. Der Spender des Manna stand vor ihnen. Christus selbst hatte ja die Hebräer durch die Wüste geführt und sie täglich mit Himmelsbrot gesättigt. Diese Nahrung war ein Sinnbild für das wahre Himmelsbrot. Der lebenspendende Geist, ein Ausfluß der unendlichen Fülle Gottes, ist das wahre Manna. „Denn“, so sagte Jesus, „das Brot Gottes ist das, welches aus dem Himmel herabkommt und der Welt Leben gibt.“ Johannes 6,33 (Menge).


Einige Hörer meinten noch immer, daß Jesus auf irdische Nahrung hinwies, und riefen aus: „Herr, gib uns allewege solch Brot.“ Daraufhin wurde Jesus deutlich: „Ich bin das Brot des Lebens.“ Johannes 6,3435. Das Bild, das Jesus gebrauchte, war den Juden vertraut. Schon Mose hatte unter dem Einfluß des Heiligen Geistes den Israeliten gesagt, „daß der Mensch nicht lebt vom Brot allein, sondern von allem, was aus dem Mund des Herrn geht“. 5.Mose 8,3. Und der Prophet Jeremia hatte geschrieben: „Dein Wort ward meine Speise, sooft ich‘s empfing, und dein Wort ist meines Herzens Freude und Trost.“ Jeremia 15,15. Selbst die Rabbiner kannten ein Sprichwort, wonach das Essen von Brot in geistlichem Verständnis Studium des Gesetzes und Erfüllung guter Werke bedeutete, und oft hieß es, daß bei der Ankunft des Messias ganz Israel gesättigt würde.


Die Lehren der Propheten enthüllten den tiefen geistlichen Sinn, der in dem Brotwunder steckte. Diese Bedeutung wollte Christus seinen Hörern in der Synagoge erschließen. Hätten sie die Schrift verstanden, dann würden sie auch erfaßt haben, was seine Worte bedeuteten: „Ich bin das Brot des Lebens.“ Johannes 6,3435. Erst einen Tag zuvor war die große, ermattete und müde Volksmenge durch das Brot gesättigt worden, das er gespendet hatte. Wie sie durch dieses Brot körperlich gekräftigt und erfrischt worden waren, so hätten sie durch Christus geistliche Kraft für das ewige Leben erhalten können. Er fuhr deshalb fort: „Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.“ Johannes 6,3435. Aber er fügte auch hinzu: „Ihr habt mich wohl gesehen, glaubt aber doch nicht.“ Johannes 6,36 (Menge).


Sie hatten Christus durch ein Zeugnis des Heiligen Geistes, durch eine Offenbarung Gottes, erkannt. Die lebenden Beweise seiner Macht hatten sie tagtäglich vor Augen gehabt. Trotzdem fragten sie nach einem weiteren Zeichen. Hätten sie es auch erhalten, so wären sie doch weiterhin ungläubig geblieben. Konnte das Gesehene und Gehörte sie nicht überzeugen, dann hatte es keinen Sinn, ihnen noch wunderbarere Dinge zu zeigen. Der Unglaube findet für den Zweifel stets einen Grund und diskutiert den sichersten Beweis hinweg.


Wiederum rief Christus jenen starrsinnigen Herzen zu: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.“ Johannes 6,37. Alle, die ihn im Glauben annähmen, so versicherte er, werden das ewige Leben erlangen. Nicht ein einziger könnte verlorengehen. Weder die Pharisäer noch die Sadduzäer brauchten sich weiterhin über das künftige Leben zu streiten. Und niemand brauchte länger in hoffnungslosem Leid um seine Toten zu trauern. „Denn das ist der Wille meines Vaters, daß, wer den Sohn sieht und glaubt an ihn, habe das ewige Leben; und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tage.“ Johannes 6,40.


Die Volksführer waren jedoch beleidigt und sprachen: „Ist dieser nicht Jesus, Josephs Sohn, des Vater und Mutter wir kennen? Wie spricht er denn: Ich bin vom Himmel gekommen?“ Johannes 6,42. Sie wollten dadurch Vorurteile erwecken, indem sie verächtlich auf Jesu niedrige Herkunft anspielten. Voller Geringschätzung erinnerten sie an sein Leben als Arbeiter in Galiläa sowie an seine Familie, die arm und von geringem Stande war. Die Ansprüche dieses ungelehrten Zimmermannes wären, so behaupteten sie, keiner Aufmerksamkeit wert. Das Wunderbare seiner geheimnisvollen Geburt nahmen sie zum Anlaß, von einer zweifelhaften Herkunft zu sprechen und die irdischen Umstände seiner Geburt als Makel hinzustellen.


Jesus versuchte nicht, das Geheimnis seiner Geburt aufzuhellen. Er beantwortete weder die Fragen bezüglich seiner himmlischen Herkunft noch die, wie er auf dem See hatte wandeln können. Überhaupt lenkte er die Aufmerksamkeit nicht auf die Wunder, die sein Leben auszeichneten. Freiwillig hatte er auf hohes Ansehen verzichtet und statt dessen Knechtsgestalt angenommen. Seine Worte und Taten aber bezeugten wer er wirklich war. Alle, deren Herzen der göttlichen Erleuchtung geöffnet waren, erkannten in ihm den eingeborenen Sohn „vom Vater, voller Gnade und Wahrheit“. Johannes 1,14.


Das Vorurteil der Pharisäer lag tiefer, als aus ihren Fragen hervorging, es wurzelte in der Verderbtheit ihrer Herzen. Jedes Wort und jede Tat Jesu rief in ihnen Widerstand hervor; denn der Geist, den sie hegten, fand bei ihm keinen Widerhall. „Nur der kann zu mir kommen, den der Vater, der mich gesandt hat, zu mir führt. Und ich werde jeden, der zu mir kommt, am letzten Tag vom Tod erwecken. Die Propheten haben geschrieben: ‚Gott selbst wird sie alle unterweisen. Wer den Vater hört und von ihm lernt, der kommt zu mir.‘“ Johannes 6,4445 (GN). Niemand wird je zu Christus kommen, der nicht darauf eingeht, daß die Liebe des Vaters uns zu ihm führt. Gott zieht alle Herzen zu sich. Nur wer dem Widerstand leistet, weigert sich, zu Christus zu kommen.


Mit den Worten: „Gott selbst wird sie alle unterweisen“ bezog sich Jesus auf die Weissagung des Jesaja: „Alle deine Söhne sind Jünger des Herrn, und großen Frieden haben deine Söhne.“ Jesaja 54,13. Dieses Schriftwort wandten die Juden auf sich an. Sie rühmten sich damit, daß Gott ihr Lehrer sei. Jesus aber wies ihnen nach, wie vergeblich solch ein Anspruch ist; denn er sagte: „Wer den Vater hört und von ihm lernt, der kommt zu mir.“ Johannes 6,4445 (GN). Nur durch Christus konnten sie Kenntnis über den Vater erlangen. Die menschliche Natur konnte die Erscheinung seiner Herrlichkeit nicht ertragen. Wer von Gott gelernt hatte, lauschte der Stimme des Sohnes und erkannte in Jesus von Nazareth den, der durch sein Wesen und durch Offenbarung den Vater darstellte.


„Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, der hat das ewige Leben.“ Johannes 6,47. Johannes, der Lieblingsjünger, hatte diesen Worten gelauscht; durch ihn erklärte der Heilige Geist den Gemeinden: „Das ist das Zeugnis, daß uns Gott das ewige Leben gegeben hat, und solches Leben ist in seinem Sohn. Wer den Sohn hat, der hat das Leben.“ 1.Johannes 5,1112. Jesus versprach: „Ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tage.“ Johannes 6,44. Christus wurde eins mit uns im Fleisch, damit wir im Geiste eins würden mit ihm. Kraft dieses Einsseins werden wir aus dem Grabe wieder hervorkommen, nicht nur als Bekundung der Macht Christi, sondern weil durch den Glauben sein Leben zu dem unsrigen wurde. Wer das wahre Wesen Christi erkennt und ihn in seinem Herzen aufnimmt, hat das ewige Leben. Durch den Geist wohnt Christus in uns, und der Geist Gottes, den unser Herz im Glauben empfängt, ist der Beginn des ewigen Lebens.


Das Volk hatte Christus auf das Manna hingewiesen, das ihre Vorfahren in der Wüste gegessen hatten, als wäre die Gewährung dieser Speise ein größeres Wunder gewesen als das, was Jesus getan hatte. Er aber zeigte, wie bescheiden diese Gabe war im Vergleich zu den Segnungen, die er schenken wollte. Das Manna konnte nur die irdische Existens sichern. Es konnte weder den Tod verhindern noch Unsterblichkeit gewährleisten. Das Himmelsbrot dagegen sollte die Seele nähren und ihr zum ewigen Leben verhelfen. Der Heiland sagte deshalb: „Ich bin das Brot des Lebens. Eure Väter haben das Manna gegessen in der Wüste und sind gestorben. Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, auf daß, wer davon isset, nicht sterbe. Ich bin das lebendige Brot, vom Himmel gekommen. Wer von diesem Brot essen wird, der wird leben in Ewigkeit.“ Johannes 6,48-51. Diesem Bild fügt Christus noch ein weiteres hinzu. Nur durch Sterben konnte er den Menschen Leben schenken, und mit den folgenden Worten nennt er seinen Tod das Mittel der Erlösung; denn er sagt: „Und das Brot, das ich geben werde, das ist mein Fleisch, welches ich geben werde für das Leben der Welt.“ Johannes 6,51.


Die Juden wollten gerade in Jerusalem das Passahfest begehen zur Erinnerung an die Nacht der Befreiung Israels, in welcher der Todesengel die Familien der Ägypter heimsuchte. Nach dem Willen Gottes sollten sie im Passahlamm das Lamm Gottes sehen und in diesem Bild jenen annehmen, der sich selbst für das Leben der Welt hingab. Die Juden aber hatten das Sinnbild zur höchsten Bedeutung erhoben und verstanden seinen Sinn nicht mehr. Daher erkannten sie in ihm nicht den Leib des Herrn. Die gleiche Wahrheit, die das Passahfest versinnbildete, wurde auch von Christus gelehrt. Aber sie wurde noch immer nicht begriffen. Doch jetzt riefen die Rabbiner ärgerlich aus: „Wie kann dieser uns sein Fleisch zu essen geben?“ Johannes 6,52. Sie taten so, als verstünden sie seine Worte in dem gleichen buchstäblichen Sinne wie Nikodemus, als dieser fragte: „Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist?“ Johannes 3,4. Bis zu einem gewissen Grade begriffen sie, was Jesus meinte, sie wollten es aber nicht zugeben. Bewußt deuteten sie seine Worte falsch in der Hoffnung, das Volk gegen ihn aufzubringen.


Christus milderte dennoch seine sinnbildliche Darstellung nicht etwa ab, er wiederholte die Wahrheit vielmehr mit noch kraftvolleren Worten: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Werdet ihr nicht essen das Fleisch des Menschensohnes und trinken sein Blut, so habt ihr kein Leben in euch. Wer mein Fleisch isset und trinket mein Blut, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken. Denn mein Fleisch ist die rechte Speise, und mein Blut ist der rechte Trank. Wer mein Fleisch isset und trinket mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm.“ Johannes 6,53-56.


Christi Fleisch zu essen und sein Blut zu trinken heißt, ihn als persönlichen Heiland anzunehmen sowie daran zu glauben, daß er uns unsere Sünden vergibt und daß wir in ihm vollkommen sind. Wenn wir mit seiner Liebe verbunden sind, in ihr bleiben, sie in uns aufnehmen, dann werden wir seiner Natur teilhaftig. Was die Speise für den Körper bedeutet, das bedeutet Christus für unser Herz. Nahrung nützt uns nichts, wenn wir sie nicht essen und sie dadurch nicht zu einem Bestandteil unseres Leibes wird. Genauso ist Christus für uns wertlos, wenn wir ihn nicht als unsern persönlichen Heiland anerkennen. Eine bloße theoretische Kenntnis wird uns nichts nützen, wir müssen vielmehr von ihm leben, ihn in unser Herz aufnehmen, so daß sein Leben unser Leben wird. Seiner Liebe und Gnade müssen wir ähnlich werden.


Doch auch diese Bilder stellen das besondere der Beziehungen des gläubigen Menschen zu Christus nur ungenügend dar. Christus sagte: „Wie mich gesandt hat der lebendige Vater und ich lebe um des Vaters willen, so wird auch, wer mich isset, leben um meinetwillen.“ Johannes 6,57. Wie der Sohn Gottes durch seinen Glauben an den Vater lebte, so sollen auch wir durch den Glauben an Christus leben. Jesus hatte sich dem Willen Gottes so völlig ausgeliefert, daß allein der Vater in seinem Leben sichtbar wurde. Obwohl er in allen Dingen genauso versucht wurde wie wir, sah ihn die Welt unbeeinträchtigt von dem Bösen, das ihn umgab. Auch wir sollen in dem gleichen Maße überwinden wie Christus.


Bist du ein Nachfolger Christi? Wenn ja, dann ist alles, was über das geistliche Leben geschrieben steht, für dich geschrieben. Du kannst es erlangen, wenn du dich mit Jesus vereinst. Läßt dein Eifer nach? Ist deine erste Liebe erkaltet? Dann nimm wiederum die Liebe an, die Christus dir anbietet. Iß sein Fleisch und trinke sein Blut, und du wirst mit dem Vater und dem Sohne eins werden. Die ungläubigen Juden wollten die Worte des Heilandes nur wörtlich verstanden wissen. Das Zeremonialgesetz verbot ihnen den Blutgenuß. Sie legten daher Christi Rede als eine Lästerung aus und stritten sich untereinander darüber. Sogar viele Jünger erklärten: „Das ist eine harte Rede; wer kann sie hören?“ Johannes 6,60.


Der Heiland antwortete ihnen: „Ist euch das ein Ärgernis? Wie wenn ihr nun sehen werdet des Menschen Sohn auffahren dahin, wo er zuvor war? Der Geist ist‘s, der da lebendig macht; das Fleisch ist nichts nütze.“ Johannes 6,61-63. Das Leben, das Christus der Welt schenkt, ist in seinem Wort enthalten. Durch sein Wort heilte Jesus Kranke und trieb Dämonen aus. Durch sein Wort stillte er den Sturm und weckte Tote auf. Die Menschen bezeugten, daß sein Wort voller Kraft war. Er sprach Gottes Wort, wie er es durch die Propheten und Lehrer des Alten Testaments gesprochen hatte. Die ganze Bibel ist eine Offenbarung Christi, und der Heiland wollte den Glauben seiner Nachfolger deshalb an das Wort binden. Wenn er nicht mehr sichtbar unter ihnen weilte, dann sollte das Wort ihr Kraftquell sein. Wie ihr Meister, so sollten auch sie leben „von einem jeglichen Wort, das durch den Mund Gottes geht“. Matthäus 4,4.


Wie unser Körper durch Nahrung am Leben erhalten wird, so unser geistliches Leben durch Gottes Wort. Jedes Menschenherz soll aus dem Wort Gottes für sich selbst Leben empfangen. Wie wir um unser selbst willen essen müssen, um ernährt zu werden, so müssen wir uns auch Gottes Wort aus freiem Antrieb zu eigen machen. Wir sollen es nicht bloß durch die Vermittlung anderer Menschen empfangen, sondern sorgfältig die Bibel erforschen und Gott um die Hilfe des Heiligen Geistes anflehen, damit wir sein Wort auch verstehen. Wir sollten uns einen Vers vornehmen und uns ernsthaft bemühen, den Gedanken zu erfassen, den Gott für uns dort hineingelegt hat. Bei diesem Gedanken sollten wir so lange verweilen, bis wir ihn ganz in uns aufgenommen haben und wir wissen, was der Herr sagt.


Mit seinen Verheißungen und Warnungen wendet sich Jesus ganz persönlich an mich. Gott liebte die Welt so sehr, „Daß er seinen eingebornen Sohn gab“, damit auch ich an ihn glaube und nicht verlorengehe, sondern das ewige Leben erlange. Johannes 3,16. Die Erfahrungen, die das Wort Gottes berichtet, sollen meine Erfahrungen werden. Gebet und Verheißung, Gebot und Warnung gehen mich ganz persönlich an. „Ich bin mit Christus gekreuzigt. Ich lebe; doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dargegeben.“ Galater 2,1920. Werden so im Glauben die Grundsätze der Wahrheit aufgenommen und sich angeeignet, dann werden sie zu einem Wesensbestandteil des Menschen und zur bewegenden Kraft seines Lebens. Das Wort Gottes, das ins Herz eindringt, formt die Gedanken und gestaltet die Charakterentwicklung.


Schauen wir mit Augen des Glaubens beständig auf Jesus, dann werden wir stark werden. Gott wird seinem hungernden und dürstenden Volk die herrlichsten Offenbarungen schenken und es erfahren lassen, dass Christus ein persönlicher Erlöser ist. Alle, die sein Wort in sich aufnehmen, merken bald, dass es Geist und Leben ist. Das Wort überwindet (engl.: zerstört) die irdische Natur und verleiht in Jesus Christus neues Leben. Der Heilige Geist naht sich der Seele als Tröster. Durch die umwandelbare Macht der Gnade wird das Ebenbild Gottes im Jünger Jesu wiederhergestellt, er wird „eine neue Kreatur“. Die Liebe verdrängt den Haß, und das Herz wird dem göttlichen Herzen ähnlich. Das ist eingeschlossen in dem Wort: „Der Mensch lebt ... von einem jeglichen Wort, das aus dem Mund Gottes geht.“ Das auch bedeutet es, das Brot zu essen, das von Himmel kommt.


Christus hatte über die Beziehung zwischen ihm und seinen Nachfolgern eine heilige und ewige Wahrheit ausgesprochen. Er wußte, wie jene, die den Anspruch erhoben, seine Jünger zu sein, beschaffen waren. Seine Worte stellten ihren Glauben auf die Probe. Er teilte ihnen mit, daß sie glauben und sich nach seinen Lehren richten sollten. Wer immer ihn aufnahm, der sollte von seinem Wesen und seinem Charakter erfüllt werden. Dies aber hieß, daß sie ihre Lieblingsneigungen aufgeben mußten. Dazu gehörte ferner die völlige Übergabe des eigenen Ichs an Jesus. So wurden sie aufgerufen, aufopferungsvoll, bescheiden und demütig zu sein. Sie sollten — wie der Mann von Golgatha — den schmalen Weg gehen, wenn sie die Gabe des ewigen Lebens und die Herrlichkeit des Himmels empfangen wollten.


Diese Prüfung war zu schwer. Die Begeisterung der Menschen, die ihn gewaltsam entführen und zum König machen wollten, erkaltete. Diese Unterredung in der Synagoge, so erklärten sie, habe ihnen die Augen geöffnet. Jetzt seien sie eines Besseren belehrt worden. Für sie waren seine Worte geradezu das Eingeständnis, daß er nicht der Messias sei und daß aus einer Verbindung mit ihm kein irdischer Gewinn erwachsen könne. Seine Wunder wirkende Kraft hatten sie begrüßt; sie waren froh, von Krankheit und Leid befreit zu werden. An seinem aufopfernden Leben wollten sie jedoch nicht teilhaben. Sie kümmerten sich auch nicht um das geheimnisvolle geistliche Reich, von dem er sprach. Die unaufrichtigen und selbstsüchtigen Menschen, die zu ihm gekommen waren, hatten kein Verlangen mehr nach ihm. Falls er seine Macht und seinen Einfluß nicht dazu verwenden würde, sie von den Römern zu befreien, dann wollten sie mit ihm nichts mehr zu tun haben.


Jesus sagte ihnen unmißverständlich: „Es sind etliche unter euch die glauben nicht.“ Und er fügte hinzu: „Darum habe ich euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, es sei ihm denn von meinem Vater gegeben.“ Johannes 6,6465. Sie sollten begreifen, daß sie sich deshalb nicht zu ihm hingezogen fühlten, weil ihre Herzen dem Heiligen Geist nicht aufgetan waren: „Der natürliche Mensch ... vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen; denn es muß geistlich verstanden sein.“ 1.Korinther 2,14. Nur im Glauben erschaut die Seele die Herrlichkeit Jesu, eine Herrlichkeit, die ihr so lange verborgen bleibt, bis durch den Heiligen Geist der Glaube im Herzen entzündet ist. Durch die öffentliche Zurechtweisung ihres Unglaubens wurden diese Jünger Jesus noch mehr entfremdet. Sie waren außerordentlich ungehalten. Aus dem Wunsch heraus, den Heiland zu kränken und der Bosheit der Pharisäer gefällig zu sein, wandten sie ihm den Rücken und verließen ihn voller Verachtung. Sie hatten ihre Wahl getroffen und sich der Form ohne Geist, der Hülse ohne Kern zugewendet. Ihren Entschluß haben sie später nicht wieder rückgängig gemacht; denn sie „wandelten hinfort nicht mehr mit ihm“. Johannes 6,66.


„Er hat seine Worfschaufel in der Hand; er wird seine Tenne fegen und den Weizen in seine Scheune sammeln.“ Matthäus 3,12. Jetzt war solch eine Zeit der Reinigung gekommen. Die Worte der Wahrheit trennten die Spreu vom Weizen. Viele wandten sich jetzt von Jesus ab, weil sie zu eitel und zu selbstgerecht waren und allzusehr die Welt liebten, um ein Leben der Demut auf sich zu nehmen. Auch heute verhalten sich viele Menschen so. Auch heute werden Mensch so geprüft wie damals die Jünger in der Synagoge zu Kapernaum. Wenn ihnen die Wahrheit nahegebracht wird, so erkennen sie, daß ihr Leben nicht mit dem Willen Gottes übereinstimmt. Sie begreifen zwar, daß sie sich von Grund auf ändern müßten, sind aber nicht bereit, diese selbstverleugnende Aufgabe auszuführen. Deshalb ärgern sie sich, wenn ihre Sünden aufgedeckt werden. Beleidigt wenden sie sich ab, wie damals die Jünger, und murren dabei: „Das ist eine harte Rede; wer kann sie hören?“ Johannes 6,60.


Lob und Schmeichelei würden ihnen zusagen, die Wahrheit aber ist ihnen nicht willkommen; sie können sie nicht ertragen. Wenn die Menge nachfolgt, wenn sie gesättigt wird und Triumphgeschrei ertönt, dann schreit sie ihr Lob mit lauter Stimme hinaus. Sobald aber Gottes Geist die Volksmenge durchforscht, ihre Sünden offenbart und sie auffordert, die Sünden abzulegen, dann kehrt sie der Wahrheit den Rücken und folgt Jesus nicht mehr nach. Als diese unzufriedenen Jünger sich von Christus abwandten, überkam sie ein anderer Geist. Ihn, der ihnen einst so anziehend erschienen war, fanden sie nicht mehr fesselnd. Sie suchten jetzt seine Feinde auf; denn mit ihnen stimmten sie nun in Gesinnung und Haltung überein. Sie mißdeuteten seine Worte, verfälschten seine Aussagen und bestritten seine Beweggründe. Ja, sie unterstützen dies dadurch, daß sie alles sammelten, was gegen ihn verwendet werden konnte. Durch diese falschen Berichte wurde eine Empörung erzeugt, die sein Leben gefährdete.


Rasch verbreitete sich die Nachricht, daß Jesus selbst bezeugt habe, nicht der Messias zu sein. Dadurch entstand in Galiläa eine allgemeine Stimmung gegen ihn wie ein Jahr zuvor in Judäa. Wehe dem Volke Israel! Es verwarf seinen Erlöser, weil es nach einem Eroberer Ausschau hielt, der ihm irdische Macht verleihen sollte. Es wünschte sich Speise, die vergänglich ist, nicht aber Speise, „die für das ewige Leben vorhält“. Johannes 6,27 (GN).


Wehen Herzens sah Jesus jene, die bisher seine Nachfolger gewesen waren, sich von ihm, dem Leben und Licht der Menschen, abwenden. Das Bewußtsein, daß man sein Mitleid nicht schätzte, seine Liebe nicht erwiderte, seine Gnade verachtete und seine Erlösung ablehnte, erfüllte ihn mit unsäglicher Sorge. Diese Entwicklung machte ihn zu einem Mann der Schmerzen, der mit Kummer vertraut war. Ohne jene daran zu hindern, die ihn verließen, wandte sich Jesus den Zwölfen zu mit der Frage: „Wollt ihr auch weggehen?“ Johannes 6,67. Petrus antwortete ihm mit der Gegenfrage: „Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.“ Und er fügte hinzu: „Wir haben geglaubt und erkannt, daß du bist der Heilige Gottes.“ Johannes 6,6869.


„Wohin sollen wir gehen?“ Die Lehrer Israels hingen dem bloßen Formenwesen sklavisch an. Die Pharisäer und Sadduzäer lagen miteinander in ständigem Streit. Wer Jesus verließ, geriet damit unter Eiferer für Bräuche und Zeremonien sowie unter ehrgeizige Menschen, die nur ihren eigenen Ruhm suchten. Die Jünger hatten, seit sie Christus angenommen hatten, mehr Friede und Freude empfunden als in ihrem ganzen Leben zuvor. Wie sollten sie sich nun denen wieder zuwenden, die den Freund der Sünder verachteten und verfolgten? Schon lange hatten sie nach dem Messias Ausschau gehalten. Jetzt war er endlich erschienen, und sie konnten sich nicht von ihm ab- und denen zuwenden, die ihm nach dem Leben trachteten und sie selbst verfolgt hatten, weil sie seine Jünger geworden waren.


„Wohin sollen wir gehen?“ Auf keinen Fall fort von den Lehren Christi, von seinen Beispielen der Liebe und Gnade und hin zur Finsternis des Unglaubens und zur Schlechtigkeit der Welt! Der Heiland wurde von vielen verlassen, die Zeugen seines Wunderwirkens gewesen waren. Petrus dagegen drückte den Glauben der Jünger aus: „Du bist der heilige Gottes.“ Der bloße Gedanke, diesen Anker für ihre Seelen verlieren zu können, verursachte ihnen Furcht und Schmerz. Ohne Heiland zu sein hieß für sie, auf finsterer, stürmischer See umherzutreiben. Viele Worte und Taten Jesu erscheinen dem begrenzten Verstand geheimnisvoll; aber jedes Wort und jede Tat diente einer ganz bestimmten Absicht im Erlösungswerk und sollte ein besonderes Ergebnis zeitigen. Wären wir fähig, Jesu Absichten zu begreifen, dann erschiene uns alles wichtig, vollkommen und in Übereinstimmung mit seiner Sendung.


Während wir jetzt das Handeln Gottes und seine Wege noch nicht zu begreifen vermögen, können wir dennoch seine große Liebe wahrnehmen, die all seinem Handeln am Menschen zugrunde liegt. Wer in der Nähe Jesu lebt, der versteht vieles vom Geheimnis der Gottseligkeit. Er wird die Gnade anerkennen, die Verweise erteilt, das Wesen des Menschen prüft und das Trachten seines Herzens ans Licht bringt. Als Jesus diese Prüfung durch die Wahrheit vornahm, die so viele seiner Jünger veranlaßte, sich abzuwenden, war er sich vorher darüber im klaren, daß dies das Ergebnis seiner Worte sein würde. Dennoch hatte er sein Gnadenwirken zu erfüllen. Er sah voraus, daß jeder seiner geliebten Jünger in der Stunde der Versuchung eine schwere Prüfung zu bestehen haben würde. Sein Todeskampf in Gethsemane, der Verrat an ihm und seine Kreuzigung mußten für sie eine überaus schwere Prüfung sein. Würde es zuvor keine Erprobung gegeben haben, dann hätten sich viele aus selbstsüchtigen Beweggründen dem Jüngerkreis angeschlossen. Als der Herr in der Gerichtshalle verurteilt wurde, als die Volksmenge, die ihm als König zugejubelt hatte, ihn auszischte und schmähte, als die höhnende Schar schrie: „Kreuzige ihn!“, weil ihr weltlicher Ehrgeiz enttäuscht worden war, hätten diese selbstsüchtigen Nachfolger Jesu die Treue aufgekündigt und dadurch die wahren Jünger zusätzlich zu deren Kummer und Enttäuschung über den Zusammenbruch ihrer schönsten Hoffnungen noch in bittere, belastende Sorge gestürzt. In jener dunklen Stunde hätte das Verhalten jener, die sich von ihm abwandten, andere mitziehen können. Jesus führte deshalb die Entscheidung herbei, solange er durch seine Anwesenheit den Glauben seiner wahren Nachfolger stärken konnte.


Als mitleidsvoller Erlöser, der genau wußte, welch Geschick auf ihn zukam, ebnete er voller Mitgefühl den Weg für seine Jünger. Er bereitete sie auf die abschließende Versuchung vor und stärkte sie damit für die letzte Prüfung.


Kapitel 42: Überlieferungen

 

Auf der Grundlage von Matthäus 15,1-20; Markus 7,1-23.

 

Die Pharisäer und Schriftgelehrten, die Jesus auf dem Passahfest zu sehen hofften, hatten ihm eine Falle gestellt. Doch Christus kannte ihre Absichten und blieb der Versammlung fern. Da er nicht zu ihnen ging, „kamen zu Jesus Pharisäer und Schriftgelehrte“. Matthäus 15,1. Kurze Zeit schien es, als ob die Galiläer Jesus als den Messias annehmen würden und die Macht der Priesterherrschaft in jener Gegend gebrochen werden sollte. Der Auftrag der Zwölf, der die Ausdehnung des Werkes Christi anzeigte und die Jünger unmittelbar mit den Rabbinern in Berührung brachte, erregte aufs neue die Eifersucht der führenden Männer in Jerusalem. Ihre Spione, die von ihnen zu Beginn des irdischen Dienstes Christi nach Kapernaum gesandt worden waren und die versucht hatten, den Heiland wegen Übertretung des Sabbats anzuklagen, waren verwirrt worden. Trotzdem zeigten sich die Rabbiner entschlossen, ihr Vorhaben durchzuführen. Es wurden andere Abgeordnete ausgesandt, um Jesu Tun und Treiben zu beobachten und irgendeine Beschuldigung gegen ihn zu finden.

 

Abermals wurde die Nichtbeachtung der überlieferten Vorschriften, mit denen das Gesetz Gottes belastet worden war, Grund zur Klage gegen ihn. Diese Satzungen waren angeblich dazu bestimmt, die Beachtung des Gesetzes zu schützen, wurden jedoch über das Gesetz selbst gestellt. Wenn sie aber mit den Zehn Geboten in Widerspruch gerieten, wurden die Vorschriften der Rabbiner vorgezogen.

 

Eine der strengsten Vorschriften war die zeremonielle Reinigung. Die vor dem Essen zu beachtenden Formen zu vernachlässigen, galt als schwere Sünde, die sowohl in dieser als auch in der zukünftigen Welt bestraft werden würde. Man hielt es für eine Tugend, den Übertreter solcher Verordnungen unschädlich zu machen. Die Reinigungsverordnungen waren sehr zahlreich. Ein ganzes Menschenleben reichte kaum aus, um sie alle kennenzulernen. Das Leben derer, die ernstlich versuchten, den Anforderungen der Rabbiner nachzukommen, war ein einziger Kampf gegen zeremonielle Verunreinigung, eine endlose Reihe von Waschungen und Reinigungen. Während das Volk sich mit all den unbedeutenden Unterschieden und Vorschriften beschäftigte, die Gott gar nicht verlangte, wurde seine Aufmerksamkeit von den bedeutsamen Grundsätzen des Gesetzes abgelenkt.

 

Christus und seine Jünger führten diese zeremoniellen Waschungen nicht aus, und die Abgesandten der Pharisäer machten diese Vernachlässigung zum Grund ihrer Anklage. Sie wagten jedoch keinen unverhüllten Angriff auf den Herrn, sondern kamen zu ihm und beschuldigten seine Jünger. Vor allem Volk fragten sie ihn: „Warum übertreten deine Jünger die Satzungen der Ältesten? Sie unterlassen die Waschung der Hände vor dem Essen.“ Matthäus 15,2.

 

Wenn die Botschaft der Wahrheit Seelen mit besonderer Kraft ergreift, regt Satan seine Helfer an, einen Streit über geringfügige Fragen vom Zaune zu brechen, und sucht auf diese Weise die Aufmerksamkeit von dem wirklichen Geschehen abzulenken. Sowie ein gutes Werk begonnen wird, sind Krittler bereit, über Äußerlichkeiten und Förmlichkeiten zu streiten, um die Gemüter von den lebendigen Wahrheiten abzubringen. Wenn es den Anschein hat, als ob Gott auf besondere Weise für sein Volk wirken will, sollte dieses sich nicht verleiten lassen, auf Streitfragen einzugehen, die er Seele nur zum Verderben gereichen können. Die wichtigsten Fragen für uns sind: Habe ich den seligmachenden Glauben an den Sohn Gottes? Lebe ich mein Leben in Übereinstimmung mit dem Gesetz Gottes? „Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Wer dem Sohn nicht glaubt, der wird das Leben nicht sehen.“ Johannes 3,36. „Und an dem merken wir, daß wir ihn kennen, wenn wir seine Gebote halten.“ 1.Johannes 2,3.

 

Jesus versuchte nicht, sich oder seine Jünger zu verteidigen; er ging gar nicht auf die Beschuldigung ein, sondern zeigte nur den Geist, der diese Eiferer für menschliche Satzungen beseelte. Er zeigte ihnen durch ein Beispiel, was sie schon wiederholt getan und gerade jetzt wieder getan hatten, ehe sie gekommen, ihn zu suchen. Er sagte ihnen: „Gar fein hebt ihr Gottes Gebot auf, auf daß ihr eure Satzungen haltet. Denn Mose hat gesagt: ‚Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren‘, und: ‚Wer Vater oder Mutter flucht, der soll des Todes sterben.‘ Ihr aber sagt: ‚Wenn einer spricht zu Vater oder Mutter: Korban, das heißt Opfergabe, soll sein, was dir sollte von mir zukommen, so laßt ihr ihn hinfort nichts tun für seinen Vater oder seine Mutter.‘“ Markus 7,9-12. Sie setzten das fünfte Gebot als unwichtig beiseite, handelten aber sehr genau nach den Überlieferungen der Ältesten. Die Tempelsteuer bezeichneten sie als eine Pflicht, die zu erfüllen heiliger sei als die Unterstützung der Eltern; es sei sogar ein Unrecht, den Eltern etwas von dem zu geben, das dem Tempel geweiht war. Ein pflichtvergessenes Kind brauchte nur das Wort „Korban“ über sein Eigentum auszusprechen, so wurde es dadurch Gott geweiht. Es durfte wohl sein Hab und Gut während seiner Lebensdauer für sich verwenden, aber nach seinem Tode wurde es dann dem Tempel zugesprochen. So hatte das Kind stets die Freiheit, während seines Lebens und nach seinem Tode die Eltern unter dem Deckmantel der Hingabe an Gott zu entehren und zu betrügen.

 

Niemals hatte Jesus, weder durch Worte noch durch Taten, die Verpflichtung des Menschen, dem Herrn Opfergaben zu bringen, eingeschränkt, war es doch selbst, der die Anweisungen des Gesetzes hinsichtlich des Zehnten und der Gaben gegeben hatte. Er lobte auch, als er auf Erden war, das arme Weib, das alles, was es hatte, in den Gotteskasten legte. Doch der scheinbare Eifer der Priester und Rabbiner für Gott war nur ein Vorwand, um ihr Verlangen nach Selbsterhöhung zu verdecken. Das Volk wurde dadurch betrogen; es trug schwere Bürden, die nicht Gott ihm auferlegt hatte. Selbst die Jünger waren nicht gänzlich frei von dem Joch, das durch ererbtes Vorurteil und rabbinische Autorität auf sie gelegt war. Indem Jesus den wahren Geist der Rabbiner zeigte, wollte er alle echten Diener Gottes von der Last der Überlieferungen befreien.

 

Den verschlagenen Spähern rief er zu: „Ihr Heuchler, gar fein hat Jesaja von euch geweissagt und gesprochen: ‚Dies Volk ehrt mich mit seinen Lippen, aber ihr Herz ist ferne von mir; vergeblich dienen sie mir, weil sie lehren solche Lehren, die nichts als Menschengebote sind.‘“ Matthäus 15,7-9. Christi Worte waren eine Anklage gegen das Pharisäertum. Er wies darauf hin, daß sich die Rabbiner über Gott erhoben hatten, indem sie ihre Gebote über die göttlichen Verordnungen setzten. Die Abgesandten von Jerusalem waren wuterfüllt. Sie konnten den Herrn nicht als einen Übertreter des mosaischen Gesetzes anklagen; denn er sprach ja als dessen Verteidiger gegen ihre Überlieferungen. Die erhabenen Vorschriften des Gesetzes, die er gelehrt hatte, zeigten einen auffallenden Gegensatz zu den kleinlichen Regeln, die sich Menschen ausgedacht hatten.

 

Jesus erklärte der Menge und danach besonders seinen Jüngern, daß die Verunreinigung nicht von außen, sondern von innen heraus geschehe. Reinheit und Unreinheit betreffen die Seele: die böse Tat, das böse Wort, der schlechte Gedanke, jede Übertretung des Gesetzes verunreinigten den Menschen, aber nicht die Vernachlässigung äußerlicher, von Menschen beschlossener Verordnungen. Die Jünger bemerkten den Zorn der Kundschafter, als ihre Falschheit aufgedeckt wurde. Sie sahen die feindlichen Blicke und hörten, wie sie unzufriedene und rachsüchtige Worte murmelten. Sie dachten nicht daran, wie oft ihr Herr schon bewiesen hatte, daß er in den Herzen der Menschen wie in einem aufgeschlagenen Buch lesen konnte, und berichteten ihm von der Wirkung seiner Worte. Sie hofften, daß er die aufgebrachten Beamten Jerusalems beschwichtigen würde, und sagten: „Weißt du auch, daß die Pharisäer an dem Worte Ärgernis nahmen, als sie es hörten?“ Matthäus 15,12.

 

Jesus antwortete: „Alle Pflanzen, die mein himmlischer Vater nicht gepflanzt hat, die werden ausgerissen.“ Matthäus 15,13. Die von den Rabbinern so hoch geachteten Gebräuche und Überlieferungen entstammten dieser Welt und nicht dem Himmel. Wie hoch auch ihr Ansehen beim Volk war, im Urteil Gottes konnten sie nicht bestehen. Alles menschliche Gedankengut, das die Stelle der Gebote Gottes eingenommen hat, wird an jenem Tage als wertlos angesehen, da „Gott wird alle Werke vor Gericht bringen, alles, was verborgen ist, es sei gut oder böse.“ Prediger 12,14.

 

Noch immer werden menschliche Weisungen an die Stelle der Gebote Gottes gesetzt; selbst unter den Christen gibt es Einrichtungen und Gebräuche, die keine bessere Grundlage haben als die Überlieferungen der Väter. Solche Einrichtungen, die auf rein menschlicher Grundlage beruhen, haben die göttlichen Bestimmungen verdrängt; die Menschen halten an ihren Überlieferungen fest, verehren ihre menschliche Gewohnheiten und hassen alle, die ihnen ihren Irrtum zu beweisen suchen. In dieser Zeit, da wir angehalten sind, andere auf die Gebote Gottes und den Glauben an Jesus aufmerksam zu machen, erleben wir die gleiche Feindschaft, die sich zur Zeit Christi offenbarte. Es steht geschrieben: „Der Drache, ward zornig über das Weib und ging hin, zu streiten wider die übrigen von ihrem Geschlecht, die da Gottes Gebote halten und haben das Zeugnis Jesu.“ Offenbarung 12,17.

 

„Alle Pflanzen, die mein himmlischer Vater nicht gepflanzt hat, die werden ausgerissen.“ Matthäus 15,13. Gott gebietet uns, an Stelle der Autorität der sogenannten Kirchenväter das Wort des ewigen Vaters, des Herrn des Himmels und der Erde, anzunehmen. Hier allein finden wir die reine Wahrheit. Der Psalmist sagte: „Ich habe mehr Einsicht als alle meine Lehrer; denn über deine Mahnungen sinne ich nach. Ich bin klüger als die Alten; denn ich halte mich an deine Befehle.“ Psalm 119,99100. Möchten doch alle, die sich unter die menschliche Autorität — seien es die Gebräuche der Kirche oder die Überlieferungen der Väter — beugen, die Warnung beachten, die in Christi Worten liegt: „Vergeblich dienen sie mir, weil sie lehren solche Lehren, die nichts als Menschengebote sind.“ Matthäus 15,9.

 

Kapitel 43: Die Schranken werden niedergerissen

 

Auf der Grundlage von Matthäus 15,21-28; Markus 7,24-30.

 

Nach dem Zusammentreffen mit den Pharisäern zog sich Jesus von Kapernaum zurück, durchquerte Galiläa und kam nach dem Hügelland an der Grenze von Phönizien. Nach Westen hin sah man unten in der Ebene die alten Städte Tyrus und Sidon mit ihren heidnischen Tempeln, ihren herrlichen Palästen, den großen Märkten und den vielen Schiffen im Hafen. Hinter dem Küstenstreifen dehnte sich die blaue Fläche des Mittelländischen Meeres, über dessen Weite hinweg die Apostel das Evangelium in das Herz des Weltreiches Rom tragen sollten. Aber die Zeit dazu war noch nicht gekommen. Zunächst galt es, die Jünger für ihren Auftrag recht vorzubereiten. In dieser Gegend hoffte Jesus die dazu nötige Abgeschiedenheit zu finden, die er in Bethsaida vergebens gesucht hatte. Doch das war nicht der einzige Grund seiner Reise.

 

„Siehe, ein kanaanäisches Weib kam aus jener Gegend und schrie ihm nach und sprach: Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich mein! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt.“ Matthäus 15,22. Die Einwohner dieser Gegend stammten aus dem alten Geschlecht der Kanaaniter, waren Götzendiener und wurden von den Juden verachtet und gehaßt. Zu diesen gehörte auch die Frau, die jetzt zu Jesus kam. Sie war eine Heidin und daher von den Vorzügen ausgeschlossen, deren sich die Juden täglich erfreuten. Damals lebten viele Juden unter den Phöniziern, und die Kunde von Christi Wirken war bis in dieses Gebiet gedrungen. Einige Leute hatten seinen Worten gelauscht und seine wunderbaren Taten bezeugt. Diese Frau nun hatte von dem Propheten gehört, er heile — so wurde berichtet — alle Krankheiten. Die Kunde von der großen Macht Jesu hatte die Hoffnung im Herzen der Frau geweckt. Sie entschloß sich, von Mutterliebe getrieben, dem Herrn die Heilung ihrer Tochter ans Herz zu legen. Sie wollte ihm ihren Kummer bringen. Er mußte ihr Kind heilen. Sie hatte bei den heidnischen Göttern Hilfe gesucht, aber vergebens. Manchmal dachte sie: Was kann jener jüdische Lehrer schon für mich tun? Doch die Nachricht ging um, er heile alle Krankheiten, ganz gleich, ob jene, die zu ihm kamen, reich oder arm waren. Das kanaanäische Weib entschloß sich, ihre einzige Hoffnung nicht fahren zu lassen.

 

Christus kannte die Lage dieser Frau. Er wußte auch von ihrem Verlangen, ihn zu sehen, und stellte sich ihr in den Weg. Er tröstete die Frau und gab seinen Jüngern gleichzeitig einen lebendigen Anschauungsunterricht, den er ihnen nicht vorenthalten konnte; denn dazu war er mit seinen Jüngern in diese Gegend gezogen. Jesus wollte, daß sie die große Unwissenheit sehen und erkennen sollten, die in den Städten und Dörfern rings um Israel herrschte. Dieses Volk, dem jede Gelegenheit gegeben war, die Wahrheit zu verstehen, hatte keine Ahnung von den Nöten derer, die um sie herum lebten. Es machte auch keinerlei Anstrengung, diesen armen Seelen zu helfen und sie aus der Finsternis herauszuziehen. Die Scheidewand, die jüdischer Stolz aufgerichtet, hielt sogar der Jünger Mitleid mit der heidnischen Welt zurück. Diese Schranke wollte Christus niederreißen.

 

Jesus erfüllte nicht sofort die Bitte des Weibes; er empfing vielmehr die Heidin in der gleichen Weise, wie es auch die Juden getan hätten. Er wollte dadurch seinen Jüngern die kalte und herzlose Art der Juden in einem solchen Falle vor Augen führen, um dann durch seine erbarmende Liebe zu zeigen, wie sie handeln sollten.

 

Die Frau ließ sich durch den scheinbar unfreundlichen Empfang nicht entmutigen. Und als Jesus weiterging, als hörte er das kanaanäische Weib überhaupt nicht, folgte sie ihm und wiederholte fortwährend ihre Bitte. Die Jünger waren über diese Zudringlichkeit empört und baten ihren Herrn, die Frau wegschicken zu dürfen; sie sahen ja, daß sich Jesus nicht mit der Frau beschäftigen wollte, und nahmen an, daß er das Vorurteil der Juden gegen die Kanaaniter teilte. Doch Christus, der auch dieser Frau ein barmherziger Heiland war, sagte ihnen: „Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.“ Matthäus 15,24. Obgleich diese Worte mit der Ansicht der Juden übereinzustimmen schienen, lag in ihnen in Wirklichkeit ein Tadel für die Jünger, den sie später auch verstanden, als sie sich daran erinnerten, was der Herr ihnen oft gesagt hatte: daß er in die Welt gekommen sei, alle selig zu machen, die an ihn glauben.

 

Das kanaanäische Weib brachte ihre Bitte mit immer dringlicherem Ernst vor, fiel zu Jesu Füßen nieder und rief: „Herr, hilf mir!“ Aber der Herr wandte sich offenbar abermals von ihren Bitten ab, wie es auch die gefühllosen Juden in ihrem Vorurteil getan haben würden, und antwortete: „Es ist nicht fein, daß man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.“ Matthäus 15,2526. Dies kam im Grunde genommen der Behauptung gleich, daß es nicht gerecht sei, die Segnungen, die Gottes auserwähltem Volk galten, an Fremde und Ausländer zu verschwenden. Jesu Antwort hätte jeden weniger ernsthaft suchenden Menschen äußerst entmutigt. Aber die Frau spürte, daß für sie eine günstige Gelegenheit gekommen war. Auch in dieser scheinbar ablehnenden Antwort Jesu erkannte sie sein Mitgefühl, das er nicht verbergen konnte. Sie sagte: „Ja, Herr; aber doch essen die Hunde von den Brosamen, die von ihrer Herren Tisch fallen.“ Matthäus 15,27. Während die Kinder der Familie an des Vaters Tisch gespeist werden, vergißt man auch die Hunde nicht; denn sie haben ein Anrecht auf die Brosamen, die von der reichgedeckten Tafel fallen. Empfing nun Israel so viele Segnungen, sollte es für diese Frau keinen Segen geben? Sie wurde als „Hund“ betrachtet. Hatte sie nicht dadurch wenigstens den Anspruch eines Hundes auf die Brosamen der göttlichen Barmherzigkeit?

 

Jesus hatte den Ort seiner Tätigkeit gewechselt, weil die Schriftgelehrten und Pharisäer ihm nach dem Leben trachteten; sie hatten gemurrt und geklagt, hatten Unglauben und Bitterkeit bekundet und das ihnen so bereitwillig angebotene Heil verworfen. Nun trifft der Heiland hier eine Frau aus dem unglücklichen und verachteten Geschlecht der Kanaaniter, das nichts von der Gnade Gottes und seinem Wort weiß; dennoch überläßt sich diese Frau sogleich dem göttlichen Einfluß Christi und vertraut blind seiner Macht, ihre Bitte erfüllen zu können. Sie bittet um die Brosamen, die von des Herrn Tisch fallen! Wenn sie schon dieses Vorrecht eines Hundes haben darf, ist sie auch gewillt, wie ein Hund angesehen zu werden. Sie kennt kein nationales oder religiöses Vorurteil, keinen Stolz, der ihr Handeln beeinflussen könnte. Sie anerkennt einfach Jesus als ihren Erlöser, der imstande ist, alles zu tun, worum sie ihn bittet.

 

Der Heiland ist befriedigt. Er hat ihren Glauben geprüft und durch sein Verhalten ihr gegenüber gezeigt, daß sie, die man als eine Ausgestoßene betrachtete, nicht länger mehr ein Fremdling ist, sondern ein Kind in der Familie Gottes. Als solche hat sie auch das Recht, an den Gaben des Vaters teilzuhaben. Christus erfüllt ihre Bitte und beendet damit auch die Belehrung für seine Jünger. Er blickt die Frau freundlich an und sagt ihr: „O Weib, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst!“ Matthäus 15,28. Von diesem Augenblick an war ihre Tochter gesund, und der böse Geist plagte sie nicht mehr. Die Mutter aber ging dankbar und frohen Herzens hinweg und bekannte Jesus als ihren Heiland.

 

Dies war das einzige Wunder, das Jesus während dieser Reise wirkte. Nur um diese Tat vollbringen zu können, war er nach Tyrus und Sidon gegangen. Er wollte die betrübte Frau trösten. Gleichzeitig wollte er seinen Jüngern für die Zeit, da er nicht mehr bei ihnen sein würde, ein Beispiel seiner Barmherzigkeit an einem Menschen eines verachteten Volkes geben. Er wünschte die Jünger aus ihrer jüdischen Enge und Abgeschlossenheit herauszuführen und in ihnen die Freude am Dienst über die Grenzen des eigenen Volkes hinaus zu wecken.

 

Jesus wollte gern das tiefe Geheimnis der Wahrheit enthüllen, das Jahrhundertelang verborgen geblieben war, daß nämlich die Heiden mit den Juden Erben sein sollten, „Mitgenossen der Verheißung in Christus Jesus ... durch das Evangelium“. Epheser 3,6. Diese Wahrheit lernten die Jünger nur langsam, und der göttliche Lehrer erteilte ihnen darin eine Lektion nach der anderen. Als er den Glauben des Hauptmanns von Kapernaum belohnte und den Bewohnern Sichems das Evangelium predigte, hatte er bereits gezeigt, daß er die Unduldsamkeit der Juden nicht mitmachte. Immerhin, die Samariter besaßen einige Gotteserkenntnis, und der Hauptmann hatte Israel gegenüber Wohlwollen gezeigt; jetzt aber brachte Jesus die Jünger mit einer Heidin in Verbindung, die — wie sie meinten — genausowenig wie irgend jemand anders ihres heidnischen Volkes eine Gunst von ihm erwarten könnte. Der Herr wollte ein Beispiel geben, wie solch ein Mensch zu behandeln sei, hatten doch die Jünger gedacht, daß er das Geschenk seiner Gnade zu großzügig verteilte. Er wollte ihnen zeigen, daß seine Liebe nicht auf eine Rasse oder eine Nation begrenzt sei.

 

Als Christus sagte: „Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel“ (Matthäus 15,24), gab er den Jüngern eine tiefe Lehre. Durch die Wundertat an dem kanaanäischen Weibe erfüllte er seine Aufgabe. Diese Frau gehörte zu den „verlorenen Schafen“, die die Israeliten retten sollten; denn diese Aufgabe war ihnen aufgetragen worden. Sie aber hatten ihre Bestimmung vernachlässigt, so daß Christus nun dieser Aufgabe nachkam. Die Jünger erkannten durch diese Tat deutlicher als je die vor ihnen liegende Aufgabe an den Heiden. Ein weites Arbeitsfeld außerhalb Judäas erwartete sie. Sie sahen Menschen mit Sorgen beladen, die den Begünstigteren unter ihnen unbekannt blieben. Und doch fanden sich unter denen, die zu verachten man sie gelehrt hatte, Menschen, die nach der Hilfe des Heilandes verlangten, die nach der Wahrheit hungerten, welche den Juden so reichlich gegeben worden war.

 

Später wandten sich die Juden immer nachdrücklicher von den Jüngern ab, weil diese erklärten, Jesus sei der Retter der Welt. Außerdem war die trennende Wand zwischen Juden und Heiden durch den Tod Christi niedergebrochen. Diese und andere ähnliche Lehren wiesen auf das nicht durch Sitte und Volkstum eingeschränkte Werk des Evangeliums hin; sie übten einen machtvollen Einfluß auf die Nachfolger Christi aus und zeigten ihnen den Weg zu ihrer Aufgabe.

 

Des Heilandes Besuch bei den Phöniziern und das Wunder, das er dort wirkte, verfolgte einen noch weiterreichenden Zweck. Nicht allein für die betrübte Frau, sondern auch für seine Jünger und für alle, zu deren Wohl sie arbeiteten, hatte er die Tat vollbracht, auf „daß ihr glaubet, Jesus sei der Christus, der Sohn Gottes, und daß ihr durch den Glauben das Leben habet in seinem Namen“. Johannes 20,31. Dieselben Mächte, die vor achtzehnhundert Jahren Menschen von Christus fernhielten, wirken auch heute noch. Der Geist, der die trennende Wand zwischen Juden und Heiden aufrichtete, ist noch immer am Werk. Stolz und Vorurteile haben starke Mauern zwischen den Menschen aufgerichtet. Christus und seine Sendung sind falsch dargestellt worden. Viele empfinden, daß sie im Grunde genommen vom Dienst des Evangelium ausgeschlossen sind. Laß in ihnen aber nicht das Gefühl aufkommen, von Christus getrennt zu sein. Menschen oder Satan vermögen keine Schranken aufzurichten, die der Glaube nicht durchdringen kann.

 

Die kanaanäische Frau hatte in gläubigem Vertrauen die Schranken durchbrochen, die zwischen Juden und Heiden aufgerichtet waren. Sie ließ sich nicht entmutigen, und ungeachtet der Geschehnisse, die sie hätten zum Zweifel führen können, vertraute sie der Gnade Jesu. Der Heiland will, daß auch wir ihm so vertrauen; denn der Segen seiner Erlösung gilt jedem einzelnen. Nichts kann den Menschen hindern, der Verheißungen Christi durch das Evangelium teilhaftig zu werden, es sei denn, er entschiede sich gegen Gott.

 

Gott kennt keine sozialen Unterschiede. Er verachtet menschliche Rangordnungen; denn vor ihm sind alle Menschen gleich. „Er hat gemacht, daß von Einem aller Menschen Geschlechter stammen, die auf dem ganzen Erdboden wohnen, und hat bestimmt, wie lange und wie weit sie wohnen sollen, damit sie Gott suchen sollten, ob sie wohl ihn fühlen und finden möchten; und fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeglicher unter uns.“ Apostelgeschichte 17,2627. Ohne Unterschied des Alters, des Standes, der Nationalität oder religiöser Vorrechte sind alle eingeladen, zu ihm zu kommen und zu leben. „Wer an ihn glaubt, der soll nicht zuschanden werden.“ Römer 9,33. Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Knecht noch Freier. Galater 3,28. „Reiche und Arme begegnen einander; der Herr hat sie alle gemacht.“ Sprüche 22,2. „Es ist über sie allzumal der eine Herr, reich für alle, die ihn anrufen. Denn, wer den Namen des Herrn wird anrufen, soll gerettet werden.“ Römer 10,1213.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 44: Das wahre Zeichen

 

Auf der Grundlage von Matthäus 15,29-39; Matthäus 16,1-12; Markus 7,31-37; Markus 8,1-21.

 

„Da er wieder fortging aus der Gegend von Tyrus, kam er durch Sidon an das Galiläische Meer, mitten in das Gebiet der Zehn Städte.“ Markus 7,31. Hier hatte Jesus die Besessenen geheilt, hier hatte das Volk, erregt über die Vernichtung der Schweineherden, ihn gedrängt, das Land zu verlassen. Doch in der Zwischenzeit war ihnen so viel Wunderbares von dem Heiland bekanntgeworden, daß sie den Wunsch hatten, ihn wiederzusehen. Als Jesus wieder in dieses Gebiet kam, scharte sich das Volk um ihn. Man brachte „zu ihm einen, der taub und stumm war“. Jesus heilte diesen Mann nicht nur — wie es sonst zu geschehen pflegte — durch das Wort, sondern nahm ihn beiseite, legte seine Finger in dessen Ohren und berührte dessen Zunge, dann sah er auf zum Himmel und klagte über die Ohren, die sich weigerten, auf die Wahrheit zu hören, und über die Zungen, die es unterließen, den Erlöser anzuerkennen. Bei dem Wort „Tu dich auf!“ erhielt der Taube seine Sprache wieder. Entgegen der Aufforderung, die Heilung für sich zu behalten, ging er hinweg und verkündete allen das Erlebnis seiner Heilung. Markus 7,32ff.

 

Jesus ging auf einen Berg, wohin ihm auch die Menge folgte, die weiter Kranke und Lahme zu ihm brachte und sie zu seinen Füßen niederlegte. Er heilte sie alle; und die Menge — Heiden, die sie waren — pries den Gott Israels. Drei Tage lang versammelten sie sich um den Heiland, schliefen nachts unter freiem Himmel und drängten sich am Tage in seine Nähe, um seine Worte zu hören und seine Werke zu sehen. Dann hatten sie keine Nahrung mehr. Der Heiland aber wollte sie nicht hungrig von sich gehen lassen und gebot seinen Jüngern, ihnen Speise zu geben. Diese aber offenbarten abermals ihren Unglauben. Obgleich sie in Bethsaida erlebt hatten, daß durch Jesu Segen der kleinste Vorrat ausreichte, um die gewaltige Volksmenge zu speisen, brachten sie — im Vertrauen auf seine Macht, es für die hungrige Schar vervielfältigen zu können — doch nicht das Wenige, das sie besaßen. Außerdem waren die Menschen in Bethsaida Juden und diese hier nur Ungläubige und Heiden. Das jüdische Vorurteil beherrschte noch immer die Herzen der Jünger. Sie sagten zu Jesus: „Woher sollen wir so viel Brot nehmen in der Wüste, daß wir so viel Volks sättigen?“ Matthäus 15,33. Sie gehorchten dann aber doch den Worten ihres Meisters und brachten, was sie hatten: sieben Brote und zwei Fische. Die Menge wurde gespeist, und sieben Körbe mit Brocken blieben übrig. Viertausend Männer, dazu Frauen und Kinder, wurden auf diese Weise gestärkt, und Jesus schickte sie alle mit frohem, dankbarem Herzen wieder nach Hause.

 

Jesus aber bestieg mit seinen Jüngern ein Boot und fuhr über den See nach Magdala, am Südende der Ebene von Genezareth. An der Grenze von Tyrus und Sidon war sein Gemüt durch das Vertrauen des kanaanäischen Weibes erfrischt worden, und die heidnischen Bewohner des Zehn-Städte-Gebietes hatten ihn freudig aufgenommen; doch als er nun wieder in Galiläa an Land ging, wo er seine göttliche Macht am gewaltigsten gezeigt, die meisten Werke der Barmherzigkeit getan und die wichtigsten Lehren gepredigt hatte, begegnet man ihm mit verächtlichem Unglauben.

 

Einige Vertreter der reichen und hochmütigen Sadduzäer — jener Partei der Priester, Zweifler und Großen des Volkes — hatten sich einer Abordnung der Pharisäer angeschlossen, obgleich sich diese beiden Sekten sonst in bitterer Feindschaft gegenüberstanden. Die Sadduzäer warben um die Gunst der regierenden Macht, um ihre eigene Stellung und Autorität aufrechtzuerhalten; die Pharisäer hingegen nährten den allgemeinen Haß gegen die Römer und sehnten sich nach der Zeit, da sie das Joch der Unterdrücker abwerfen konnten. Nun aber verbanden sich beide Parteien gegen Christus. Gleich und gleich gesellt sich gern! Wo es auch sein mag, verbindet sich das Böse mit dem Bösen, um das Gute zu vernichten.

 

Jetzt kamen die Sadduzäer und Pharisäer zu Christus und verlangten ein Zeichen vom Himmel. Als zur Zeit Josuas das Volk Israel zum Kampf gegen die Kanaaniter nach Beth-Horon zog, stand auf des Anführers Befehl die Sonne still, bis der Sieg erkämpft war. Viele ähnliche Wunder verzeichnet die Geschichte Israels. Jetzt verlangten die Juden ein solches Zeichen von Jesus. Er aber wußte, daß die Juden solcher Zeichen nicht bedurften. Diese rein äußerlichen Zeichen konnten ihnen gar nichts nützen; sie bedurften keiner Erleuchtung ihres Verstandes, sondern einer Erneuerung ihres Herzens.

 

Jesus sagte ihnen: „Über des Himmels Aussehen könnt ihr urteilen; könnt ihr dann nicht auch über die Zeichen der Zeit urteilen?“ Matthäus 16,3. Die Worte Jesu, gesprochen in der Kraft des Heiligen Geistes, der ihnen über ihre Sünde die Augen öffnete, waren das Zeichen, das Gott ihnen zu ihrem Heil gegeben hatte. Es waren außerdem noch eine Reihe klarer himmlischer Zeichen geschehen, die Jesu Sendung bezeugten: der Gesang der Engel vor den Hirten, der Stern, der die Weisen leitete, und die Stimme vom Himmel bei Christi Taufe.

 

„Und er seufzte in seinem Geist und sprach: Was sucht doch dies Geschlecht ein Zeichen?“ Markus 8,12. „Es wird ihm kein Zeichen gegeben werden denn das Zeichen des Propheten Jona. Denn gleichwie Jona drei Tage und drei Nächte in des Fisches Bauch war, so wird des Menschen Sohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein.“ Matthäus 12,3940. Wie einst Jonas Predigt den Niniviten ein Zeichen war, so sollte Jesu Predigt auch seiner Generation ein Zeichen sein. Doch welch ein Unterschied in der Aufnahme des Wortes! Die Bewohner der großen Heidenstadt zitterten, als sie die Warnung Gottes hörten; Könige und Fürsten demütigten sich, Reiche und Arme riefen gemeinsam den Gott des Himmels an und erfuhren seine Barmherzigkeit. „Die Leute von Ninive werden auftreten beim Gericht mit diesem Geschlecht“, sagte der Heiland, „und werden es verdammen; denn sie taten Buße nach der Predigt des Jona. Und siehe, hier ist mehr als Jona.“ Matthäus 12,41.

 

Jedes Wunder Jesu war ein Zeichen seiner Gottheit. Er erfüllte genau die Aufgabe, die von dem Messias geweissagt worden war; aber die Pharisäer empfanden diese Werke der Barmherzigkeit als ausgesprochenes Ärgernis. Die jüdischen Obersten standen dem Elend des Volkes herzlos und gleichgültig gegenüber. In vielen Fällen hatten ihre Selbstsucht und Unterdrückung die Leiden verursacht, die Christus heilte. So blieben seine Wunder ihnen ein beständiger Vorwurf.

 

Was den göttlichen Charakter Jesu besonders hervorhob, war für die Juden Anlaß, ihn zu verwerfen. Der größte Wert seiner Wunder lag in der Tatsache, daß diese zum Segen der Menschen geschahen. Der eindringlichste Beweis, daß er von Gott gesandt war, lag darin, daß sein Leben das Wesen Gottes offenbarte. Er tat Gottes Werke und sprach Gottes Worte. Und solch Leben ist das größte aller Wunder.

 

Wenn in unserer Zeit die Wahrheit verkündigt wird, dann rufen viele wie einst die alten Juden: „Zeigt uns ein Zeichen! Wirkt ein Wunder!“ Christus tat kein Zeichen auf Befehl der Pharisäer, ebensowenig wirkte er auf Satans Einflüsterungen in der Wüste irgendein Wunder. Er teilt auch uns keine Kraft mit, damit wir uns selbst rechtfertigen oder den Forderungen des Unglaubens und des Stolzes nachkommen können. Dennoch ist das Evangelium in seiner Verkündigung nicht ohne Zeichen seines göttlichen Ursprungs. Ist es kein Wunder, daß wir uns aus den Fesseln Satans befreien können? Feindschaft gegen Satan liegt nicht in der Natur des menschlichen Herzens; sie erwächst in uns vielmehr durch die Gnade Gottes. Wenn eine Seele, die von einem launischen und eigensinnigen Willen beherrscht wurde, nun frei wird und sich völlig dem göttlichen Einfluß hingibt, oder wenn ein Mensch, der starken Irrtümern erlegen war, zur Erkenntnis der Wahrheit kommt — dann ist ein Wunder geschehen! Wenn ein Mensch sich bekehrt, Gott lieben lernt und seine Gebote hält, erfüllt sich die Verheißung Gottes. „Ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben.“ Hesekiel 36,26. Die Veränderung im menschlichen Herzen, die Umgestaltung des menschlichen Charakters ist ein Wunder, das einen lebendigen Heiland offenbart, der für das Seelenheil der Menschen wirkt. Ein beständiges Leben in Christus ist ein großes Wunder. Das Zeichen, das stets die Predigt des Wortes Gottes begleiten sollte, ist die Gegenwart des Heiligen Geistes, die das Wort an denen, die es hören, zu einer belebenden Kraft macht. Das ist Gottes Zeugnis vor der Welt von der göttlichen Sendung seines Sohnes.

 

Die Herzen derer, die ein Zeichen von Jesus begehrten, waren durch Unglauben so verhärtet, daß sie die Gottgleichheit seines Charakters nicht erkannten. Sie sahen nicht, daß seine Sendung eine Erfüllung der Schrift war. Im Gleichnis vom reichen Mann und armen Lazarus sagte Jesus von den Pharisäern: „Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie auch nicht glauben, wenn jemand von den Toten aufstünde.“ Lukas 16,31. Kein Zeichen weder im Himmel noch auf Erden würde ihnen von Nutzen sein.

 

Jesus „seufzte in seinem Geist“ (Markus 8,12), wandte sich von den Kritikastern ab und betrat wieder das Boot seiner Jünger. In sorgenvoller Stille fuhren sie zurück. Sie kamen jedoch nicht dort an Land, wo sie abgefahren waren, sondern schifften in Richtung Bethsaida, in dessen Nähe die Speisung der Fünftausend erfolgt war. Als sie das Ufer erreichten, sagte Jesus: „Sehet zu und hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer!“ Matthäus 16,6. Seit den Tagen Moses war es bei den Juden Sitte, zum Passahfest allen Sauerteig aus dem Haus zu entfernen. Sie waren unterwiesen worden, im Sauerteig ein Sinnbild der Sünde zu sehen. Die Jünger jedoch verstanden Jesus nicht. Bei ihrem plötzlichen Aufbruch von Magdala hatten sie vergessen, Brot mitzunehmen. Sie hatten nur einen einzigen Laib bei sich. Sie meinten nun, Jesus beziehe sich auf diesen Umstand und warne sie davor, Brot bei den Pharisäern oder Sadduzäern zu kaufen. Mangel an Glauben und geistlicher Einsicht hatte sie schon häufig dazu verleitet, seine Worte in ähnlicher Weise mißzuverstehen. Jesus tadelte sie wegen ihrer Auffassung, daß derjenige, der mit einigen Fischen und Gerstenbroten Tausende gespeist hatte, mit dieser ernsten Warnung nur vergängliche Nahrung meinte. Es bestand die Gefahr, daß die Jünger durch das listige Denken der Pharisäer und Sadduzäer mit Unglauben infiziert und dadurch veranlaßt würden, von den Werken Christi geringschätzig zu denken.

 

Die Jünger neigten zu der Auffassung, daß ihr Meister der Forderung nach einem Zeichen vom Himmel hätte nachgeben sollen. Sie waren überzeugt, daß er dazu fähig war und daß ein solches Zeichen seine Gegner zum Schweigen gebracht hätte. Sie erkannten nicht die Heuchelei dieser Kritiker. Monate später, als „kamen etliche Tausend zusammen, so daß sie sich untereinander traten“, wiederholte Jesus seine Warnung. „Da fing er an und sagte zuerst zu seinen Jüngern: Hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer, welches ist die Heuchelei.“ Lukas 12,1.

 

Der Sauerteig im Mehl wirkt unmerklich und überträgt sein Gären auf den ganzen Teig. So durchdringt auch die Heuchelei, wenn sie im Herzen gehegt wird, den Charakter und das ganze Leben. Ein treffendes Beispiel der Heuchelei der Pharisäer hatte Christus bereits angeprangert mit der Verurteilung der Korban-Sitte, durch welche die Vernachlässigung der Kindespflicht mit einem Anschein von Großzügigkeit gegenüber dem Tempel bemäntelt wurde. Die Schriftgelehrten und Pharisäer führten trügerische Grundsätze ein. Sie verbargen so die wahre Absicht ihrer Lehren und nutzten jede Gelegenheit, sie den Herzen ihrer Zuhörer einzuflößen. Diese Falschen Grundsätze wirkten, sobald sie angenommen wurden, wie Sauerteig im Mehl und durchdrangen und verwandelten das ganze Wesen. Diese trügerischen Lehren waren es, die es dem Volk so schwer machten, den Worten Christi zu glauben.

 

Der gleiche Einfluß geht heute von jenen aus, die das Gesetz Gottes derart zu erklären versuchen, daß es mit ihren Lebensgewohnheiten übereinstimmt. Diese Gruppe greift das Gesetz nicht offen an, sondern vertritt spekulative Theorien, die dessen Grundsätze aushöhlen. Ihre Erklärungen haben das Ziel, die Macht des Gesetzes zu zerstören.

 

Die Heuchelei der Pharisäer war das Ergebnis ihrer Selbstsucht. Die Selbstverherrlichung war das Ziel ihres Lebens. Das führte sie dazu, die Schrift zu verfälschen und falsch anzuwenden, und machte sie blind für die Sendung Christi. Sogar die Jünger Christi standen in Gefahr, sich diesem geheimen Übel hinzugeben. Jene, die sich als Nachfolger Jesu ausgaben, aber nicht alles aufgegeben hatten, um wirklich seine Jünger zu sein, wurden in hohem Maße von dem Denken der Pharisäer beeinflußt. Oft schwankten sie zwischen Glauben und Unglauben, und sie erkannten nicht die Schätze der Weisheit, die in Christus verborgen waren. Sogar die Jünger hatten in ihrem Herzen nicht aufgegeben, für sich selbst Großes zu erstreben, obwohl sie äußerlich alles um Jesu willen verlassen hatten. Diese Gesinnung war es, die schließlich den Streit auslöste, wer unter ihnen der größte sei. Sie war es auch, die zwischen ihnen und Christus stand, die in ihnen so wenig Mitleid mit ihm bei seinem selbstlosen Opfer hervorrief und die es ihnen so schwer machte, das Geheimnis der Erlösung zu verstehen. Wie der Sauerteig, wenn er sein Werk vollenden darf, zu Verderbnis und Verfall führt, so zieht eine selbstsüchtige Gesinnung die Verunreinigung und den Ruin der Seele nach sich.

 

Wie weitverbreitet ist unter den Nachfolgern des Herrn — wie damals schon — diese feine, trügerische Sünde! Wie oft sind unser Dienst für Christus und unsere Gemeinschaft untereinander getrübt durch den geheimen Wunsch nach Selbsterhöhung! Wie rasch stellt sich das Verlangen nach Eigenlob und menschlichem Beifall ein! Eigenliebe und der Wunsch nach einem bequemeren als dem von Gott verordneten Weg führen dazu, die göttlichen Weisungen durch menschliche Theorien und Traditionen zu ersetzen. Zu seinen eigenen Jüngern sprach Jesus die mahnenden Worte: „Hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer!“

 

Die Religion Christi ist eine Religion der Aufrichtigkeit. Eifer um die Ehre Gottes ist der Beweggrund, den der Heilige Geist ins Herz pflanzt, und nur das durchdringende Wirken des Geistes kann dieses Motiv einpflanzen. Nur Gottes Macht vermag Selbstsucht und Heuchelei zu verbannen. Dieser Wandel ist das Zeichen seines Wirkens. Ob unser Glaube in der richtigen Weise ausgeübt wird, können wir daran erkennen, daß er die Selbstsucht und allen Schein ausrottet und daß wir nicht die eigene, sondern Gottes Ehre suchen. „Vater, verherrliche deinen Namen!“ Johannes 12,28. war das Schlüsselwort des Lebens Christi, und wenn wir Christus folgen, wird es auch das Motto unseres Lebens sein. Wir werden ermahnt, zu wandeln „gleichwie er gewandelt ist“. 1.Johannes 2,6. „An dem merken wir, daß wir ihn kennen, wenn wir seine Gebote halten.“ 1.Johannes 2,3.

 

Kapitel 45: Im Schatten des Kreuzes

 

Auf der Grundlage von Matthäus 16,13-28; Markus 8,27-38; Lukas 9,18-27.

 

Das Werk Christi auf Erden ging seiner Vollendung entgegen. Klar umrissen lagen die Dinge der nächsten Zukunft vor Jesus. Schon vor seiner Menschwerdung hatte er den ganzen Leidensweg übersehen, den er gehen mußte, um die Verlorenen zu retten. Er wußte um den Schmerz, der seine Seele wie ein Schwert durchdringen würde, er kannte jede Beleidigung, die auf ihn gehäuft würde, jede Entbehrung die er ertragen mußte — denn alles lag offen vor ihm, noch ehe er seine Krone und sein königliches Gewand abgelegt, noch ehe er den himmlischen Thron verlassen hatte, um seine Gottheit mit menschlicher Natur zu bekleiden. Er konnte seinen Weg von der Krippe bis nach Golgatha verfolgen, und im Bewußtsein aller kommenden Leiden sagte er: „Siehe, ich komme; im Buch ist von mir geschrieben: Deinen Willen, mein Gott, tue ich gern, und dein Gesetz habe ich in meinem Herzen.“ Psalm 40,89.

 

Jesus hatte den Erfolg seiner Sendung stets vor Augen; sein irdisches Leben, obgleich voller Arbeit und Selbstaufopferung, wurde durch die Aussicht erhellt, daß sein Werk nicht vergebens sein würde. Denn indem er sich selbst für das Leben der Menschen dahingab, würde er die Welt zur Treue gegen Gott zurückgewinnen. Obgleich er erst die Bluttaufe empfangen mußte und die Sünden der Welt schwer auf seiner Seele lasteten, obgleich der Schatten unsagbaren Schmerzes auf ihn fiel, erwählte er dennoch um der Freude willen, die vor ihm lag, das Kreuz und achtete der Schande nicht.

 

Seinen Jüngern waren die kommenden Ereignisse noch unbekannt; aber die Zeit war nahe, da sie Zeugen seines letzten Ringens werden mußten. Sie mußten sehen, wie der, den sie geliebt und dem sie vertraut hatten, in die Hände seiner Feinde überantwortet und ans Kreuz geschlagen würde. Bald mußte er sie verlassen. Dann mußten sie der Welt allein gegenübertreten — ohne den Trost seiner Gegenwart. Der Heiland wußte, daß bitterer Haß und Unglaube sie verfolgen würden, und er wollte sie auf diese Prüfungen vorbereiten.

 

Jesus war mit seinen Jüngern in eine Stadt in der Nähe von Cäsarea Philippi gekommen. Diese Stadt lag außerhalb des galiläischen Landes, in einer Gegend, in der noch Götzendienst herrschte. Die Jünger waren hier dem Einfluß der Juden entzogen und kamen nun mit dem Heidentum in engere Berührung. Überall sahen sie hier die Zeichen und Merkmale heidnischen Aberglaubens, den es in allen Teilen der Welt gab. Jesus wünschte, daß der Anblick dieser Dinge ihr Verantwortungsgefühl gegenüber den Heiden wecken möge. Darum entzog er sich während seines Aufenthalts in diesem Gebiet dem öffentlichen Dienst am Volk und widmete sich mehr seinen Jüngern.

 

Ehe er ihnen von seinen bevorstehenden Leiden erzählte, ging er ein wenig abseits und betete, daß ihre Herzen bereit seien, seine Worte aufzunehmen. Als er sich wieder zu ihnen gesellte, sagte er ihnen nicht sofort, was er ihnen zu sagen hatte, sondern gab ihnen erst Gelegenheit, ihren Glauben an ihn zu bekennen, damit sie dadurch für die kommenden Schwierigkeiten gestärkt würden. Er fragte sie: „Wer sagen die Leute, daß des Menschen Sohn sei?“ Matthäus 16,13. Die Jünger mußten aber betrübt erwidern, daß das Volk Israel seinen Messias nicht erkannt hätte. Wohl hatten einige, die Augenzeugen seiner Wunder gewesen waren, ihn als Sohn Davids erkannt; wohl hatte die Menge, die in der Nähe von Bethsaida gespeist worden war, ihn zum König über Israel ausrufen wollen. Manche wollten ihn sogar als Propheten annehmen — aber sie alle glaubten nicht, daß er der Messias sei.

 

Jesus stellte nun eine andere Frage an sie: „Wer saget denn ihr, daß ich sei? Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!“ Matthäus 16,1516. Schon von Anfang an hatte Petrus geglaubt, daß Jesus der Messias sei. Viele andere, die durch die Predigt des Täufers Christus angenommen hatten, gerieten über seine Mission in Zweifel, als Johannes der Täufer gefangengenommen und getötet wurde; sie bezweifelten dann auch, daß Jesus wirklich der Messias wäre, auf den sie so lange gewartet hatten. Viele seiner Jünger, die mit Bestimmtheit angenommen hatten, daß ihr Herr seinen Platz auf Davids Thron einnehmen werde, verließen ihn, als sie erfuhren, daß Jesus dazu niemals gewillt war. Nur Petrus und seine Gefährten blieben ihm treu. Der Wankelmut derer, die ihn gestern priesen und heute verdammten, konnte den Glauben des wahren Nachfolgers Jesu nicht untergraben. Petrus erklärte: „Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!“ Er wartete nicht auf königliche Ehren, um seinen Herrn krönen zu können, sondern nahm ihn in seiner Niedrigkeit an.

 

Petrus hatte den Glauben der Zwölf ausgesprochen. Dennoch waren sie noch weit davon entfernt, das Werk Christi auf Erden zu verstehen. Der Widerstand und die falschen Darstellungen der Priester und Ältesten verursachten ihnen, obwohl sie sich dadurch nicht von Christus trennen ließen, viel Unruhe; sie konnten ihren Weg nicht klar erkennen. Der Einfluß aus ihrer Jugendzeit, die Lehren der Rabbiner und die Macht der Überlieferung trübten noch immer ihre Erkenntnis der Wahrheit. Von Zeit zu Zeit wurden sie durch die hellen Lichtstrahlen, die von Jesus ausgingen, erleuchtet; dann aber waren sie auch wieder wie Menschen, die im dunkeln umhertasten. An diesem Tage aber, ehe sie der großen Prüfung ihres Glaubens gegenübergestellt wurden, war die Kraft des Heiligen Geistes in ihnen. Ihre Augen waren für kurze Zeit von dem Sichtbaren abgewandt, um das Unsichtbare zu sehen. Und sie erkannten hinter seiner menschlichen Gestalt die Herrlichkeit des Sohnes Gottes.

 

Jesus antwortete Petrus und sprach: „Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut hat dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel.“ Matthäus 16,17.

 

Die Wahrheit, die Petrus hier ausgesprochen hatte, ist die Grundlage für das Bekenntnis des Gläubigen. Sie ist, wie Jesus selbst erklärt hat, das ewige Leben. Diese Erkenntnis zu besitzen, war jedoch kein Grund, sich selbst zu verherrlichen. Weder durch eigene Weisheit noch durch eigene Leistung war Petrus diese Erkenntnis zuteil geworden. Nie kann ein Mensch aus sich selbst heraus zur Erkenntnis des Göttlichen gelangen. Sie „ist höher als der Himmel: was willst du tun? tiefer als die Hölle: was kannst du wissen?“ Hiob 11,8. Nur der Geist der Kindschaft kann uns die Tiefen der Gottheit offenbaren, die „kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist“. 1.Korinther 2,9. Gott aber hat sie „offenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit“. 1.Korinther 2,10. „Der Herr ist denen Freund, die ihn fürchten; und seinen Bund läßt er sie wissen.“ Psalm 25,14. Die Tatsache, daß Petrus die Herrlichkeit Christi erkannte, war ein Beweis, daß er „von Gott gelehrt“ war. Ja, in der Tat, „selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut hat dir das nicht offenbart“! Matthäus 16,17.

 

Jesus sprach weiter: „Ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich bauen meine Gemeinde, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.“ Matthäus 16,18. Das Wort Petrus bedeutet Stein — rollender Stein! Petrus war nicht der Fels, auf den die Gemeinde gegründet wurde; ihn überwältigten die Pforten der Hölle, als er seinen Herrn unter Fluchen und Schwören verleugnete. Die Gemeinde dagegen wurde auf einen Grund gebaut, den die Pforten der Hölle nicht überwältigen konnten. Mose hatte Jahrhunderte vor dem Kommen Christi auf den Fels des Heils für Israel hingewiesen; der Psalmist hatte von dem „Fels meiner Stärke“ gesungen, und bei Jesaja steht geschrieben: „Darum spricht Gott der Herr: Siehe, ich lege in Zion einen Grundstein, einen bewährten Stein, einen kostbaren Eckstein, der fest gegründet ist.“ Jesaja 28,16. Petrus selbst, getrieben durch den Heiligen Geist, wendet diese Weissagung auf Jesus an, wenn er sagt: „Ihr habt ja geschmeckt, daß der Herr freundlich ist. So kommt denn nun zu ihm, als dem lebendigen Stein, der von Menschen wohl verworfen, von Gott aber als besonders wertvoll auserwählt wurde! Und so laßt auch ihr euch als lebendige Steine aufbauen zu einem geistlichen Haus, zu einer heiligen Priesterschaft.“ 1.Petrus 2,3-5 (Bruns).

 

„Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“ 1.Korinther 3,11. „Auf diesen Felsen will ich bauen meine Gemeinde“, sagte der Herr. Matthäus 16,18. In der Gegenwart Gottes und aller himmlischen Wesen, in der Gegenwart der unsichtbaren Heere der Hölle gründete Christus seine Gemeinde auf den lebendigen Felsen. Er selbst ist dieser Felsen — sein eigener Leib, der für uns verwundet und zerschlagen wurde. Die Pforten der Hölle werden die auf diesem Grund erbaute Gemeinde nicht überwältigen.

 

Wie schwach erschien die Gemeinde, als Jesus diese Worte sprach! Sie zählte nur eine Handvoll Gläubige, gegen die sich alle Macht der bösen Kräfte richten würde — und doch sollten die Nachfolger Christi sich nicht fürchten! Auf den Fels ihrer Stärke gegründet, konnten sie nicht besiegt werden. Sechstausend Jahre lang hat der Glaube auf Christus gebaut; sechstausend Jahre lang haben die Fluten und Stürme satanischer Wut gegen den Fels unseres Heils gewütet, aber er steht unerschüttert. Petrus hatte die Wahrheit ausgesprochen, die die Grundlage ist für den Glauben der Gemeinde, und Jesus ehrte ihn nun als den Vertreter aller Gläubigen. Er sagte ihm: „Ich will dir des Himmelreichs Schlüssel geben, und alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel los sein.“ Matthäus 16,19.

 

„Des Himmelreichs Schlüssel“ sind die Worte Christi. Alle Worte der Heiligen Schrift sind seine Worte und sind hierin eingeschlossen. Diese Worte haben die Macht, den Himmel zu schließen und auch zu öffnen; sie erklären die Bedingungen, unter denen Menschen angenommen oder verworfen werden. So wird das Werk derer, die Gottes Wort verkündigen, ein Geruch des Lebens zum Leben oder des Todes zum Tode. Ihr Werk hat ewige Folgen.

 

Der Heiland übertrug das Anliegen des Evangeliums nicht Petrus persönlich. Später, als er die Worte wiederholte, die er hier zu Petrus sprach, bezog er sie unmittelbar auf die Gemeinde; sie wurden ihrem Inhalt nach auch zu den Zwölfen als den Vertretern aller Gläubigen gesprochen. Hätte Jesus einem der Jünger eine besondere Autorität verliehen, dann würden wir sie nicht so oft darüber streiten sehen, wer der größte unter ihnen wäre; sie würden sich dem Wunsche ihres Meisters unterworfen und den geehrt haben, den er erwählt hätte. Statt einen zum Ersten zu berufen, sagte Jesus seinen Jüngern: „Ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen ... Und ihr sollt euch nicht lassen Lehrer nennen; denn einer ist euer Lehrer, Christus.“ Matthäus 23,810.

 

„Christus ist eines jeglichen Mannes Haupt.“ 1.Korinther 11,3. Gott, der alle Dinge unter seine Füße getan hat, „hat ihn gesetzt zum Haupt der Gemeinde über alles, welche da ist sein Leib, nämlich die Fülle des, der alles in allen erfüllt“. Epheser 1,2223. Die Gemeinde ist auf Christus gebaut; sie soll ihm als ihrem Haupt gehorchen; sie soll sich auch nicht auf Menschen verlassen oder von Menschen beherrscht werden. Viele meinen, daß eine Vertrauensstellung in der Gemeinde ihnen das Recht gibt, anderen vorzuschreiben, was sie glauben und was sie tun sollen. Gott aber anerkennt solchen Anspruch nicht; denn der Heiland sagt: „Ihr aber seid alle Brüder.“ Matthäus 23,8. Alle sind der Versuchung ausgesetzt, alle dem Irrtum unterworfen, auf kein sterbliches Wesen können wir uns als Führer verlassen. Der Fels des Glaubens ist die lebendige Gegenwart Christi in der Gemeinde; darauf kann sich auch der Schwächste verlassen, und die sich am stärksten dünken, werden sich als die Schwächsten erweisen, wenn sie nicht Christus zu ihrer Stärke machen. „Verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verläßt und hält Fleisch für seinen Arm.“ Jeremia 17,5. Der Herr „ist ein Fels. Seine Werke sind vollkommen“. 5.Mose 32,4. „Wohl allen, die auf ihn trauen!“ Psalm 2,12.

 

Nach dem Bekenntnis des Petrus gebot Jesus den Jüngern, niemandem zu sagen, daß er Christus sei. Diesen Auftrag gab er ihnen wegen des entschlossenen Widerstandes der Schriftgelehrten und Pharisäer; außerdem hatten das Volk und selbst die Jünger eine so falsche Vorstellung von dem Messias, daß eine öffentliche Ankündigung ihnen nicht den richtigen Begriff von seinem Wesen und seiner Aufgabe geben würde. Aber Tag für Tag offenbarte er sich ihnen als Heiland. Auf diese Weise wollte er ihnen ein richtiges Verständnis seines Wirkens als Messias geben.

 

Noch immer erwarteten die Jünger, Christus als weltlichen Fürsten herrschen zu sehen. Obgleich er so lange sein Vorhaben verborgen hatte, glaubten sie, daß er nicht immer in Armut und Verborgenheit bliebe und daß die Zeit nahe sei, da er sein Reich aufrichten würde. Daß der Haß der Priester und Rabbiner die Oberhand behalten, daß Christus von seinem eigenen Volk verworfen, als Betrüger verurteilt und als Verbrecher gekreuzigt werden würde, das kam den Jüngern nie in den Sinn. Aber die dunkle Stunde der höllischen Macht kam immer näher. Jesus mußte seine Jünger mit dem ihnen bevorstehenden Kampf vertraut machen. Er war traurig, als er ihre kommenden Nöte und Ängste voraussah.

 

Bisher hatte Jesus noch nicht über seine Leiden und seinen Tod gesprochen. Wohl hatte er in seiner Unterredung mit Nikodemus gesagt: „Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muß des Menschen Sohn erhöht werden, auf daß alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben“ (Johannes 3,1415), aber die Jünger hatten diese Worte nicht gehört und würden sie auch gar nicht verstanden haben, wenn sie sie gehört hätten. Jetzt aber waren sie bei ihrem Meister, lauschten seinen Worten, sahen seine Werke und stimmten trotz aller Niedrigkeit, die ihn umgab, trotz des Widerstandes der Priester und des Volkes dem Zeugnis des Petrus über ihn zu: „Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn.“ Jetzt war die Zeit gekommen, die Zukunft zu entschleiern. „Seit der Zeit fing Jesus Christus an und zeigte seinen Jüngern, wie er müßte hin nach Jerusalem gehen und viel leiden ... und getötet werden und am dritten Tage auferstehen.“ Matthäus 16,21.

 

Sprachlos vor Erstaunen und Kummer hörten ihm die Jünger zu. Der Heiland hatte das Bekenntnis des Petrus von ihm als dem Sohn Gottes angenommen; nun schienen seine Worte von Leiden, Not und Tod unbegreiflich. Petrus konnte nicht länger an sich halten: „Herr“, rief er und faßte seinen Meister fest bei der Hand, als wollte er ihn vor dem ihm drohenden Unheil bewahren, „das verhüte Gott! Das widerfahre dir nur nicht!“ Matthäus 16,22. Petrus liebte seinen Herrn. Und dennoch lobte ihn Jesus nicht, als er so ungestüm das Verlangen bekundete, seinen Herrn zu schützen. Petri Worte konnten dem Herrn in der großen Prüfung, die seiner wartete, weder Trost noch Hilfe sein; auch standen sie nicht in Einklang mit der Gnadenabsicht Gottes gegenüber einer verlorenen Welt; schließlich stimmten sie auch mit den Lehren der Selbstverleugnung nicht überein, die Jesus durch sein Beispiel geben wollte. Petrus wollte das Kreuz in dem Werke Christi nicht sehen. Der Eindruck, den seine Worte machten, widersprach daher dem Einfluß, den Jesus auf die Gemüter seiner Nachfolger ausüben wollte. Das veranlaßte den Herrn auch zu dem strengsten Verweis, der je über seine Lippen kam: „Hebe dich, Satan, von mir! denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.“ Markus 8,33.

 

Satan wollte Jesus entmutigen und ihn von seiner Mission ablenken, und Petrus in seiner blinden Liebe lieh dieser Versuchung seine Stimme. Der Fürst alles Bösen war der Urheber dieses Gedankens; er flüsterte dem Petrus jenen voreiligen Wunsch ein. In der Wüste hatte Satan dem Heiland die Herrschaft der Welt unter der Bedingung angeboten, daß er den Pfad der Erniedrigung und Aufopferung verlasse; jetzt kam er mit der gleichen Versuchung zu dem Jünger, um dessen Blick auf die irdische Herrlichkeit zu lenken, damit er das Kreuz, auf das der Herr die Augen der Jünger richten wollte, nicht wahrnehme.

 

Durch Petrus trat Satan nun wiederum mit der Versuchung an Jesus heran; aber dieser beachtete sie diesmal nicht; seine Gedanken waren bei seinen Jüngern. Satan war zwischen Jesus und Petrus getreten, damit des Jüngers Herz nicht ergriffen würde von jener Zukunftsschau, die Christi Erniedrigung um seinetwillen zeigte. Jesus sprach die scharfen Worte nicht zu Petrus, sondern zu dem, der Petrus von ihm zu trennen versuchte. „Hebe dich, Satan, von mir!“ Dränge dich nicht länger zwischen mich und meinen irrenden Diener, laß mich Petrus von Angesicht zu Angesicht sehen, damit ich ihm das Geheimnis meiner Liebe offenbaren kann!

 

Es war eine bittere Lehre für Petrus, die er nur langsam begriff; es wurde ihm schwer, zu verstehen, daß seines Meisters Weg durch Leiden und Erniedrigung gehen müsse. Der Jünger schreckte unwillkürlich zurück vor einer Leidensgemeinschaft mit seinem Herrn; in der Hitze des Feuerofens jedoch mußte er den Segen einer solchen Gemeinschaft lernen. Lange nachdem seine Gestalt durch die Last der Jahre und der Arbeit gebeugt war, schrieb er: „Ihr Lieben, lasset euch die Hitze nicht befremden, die euch widerfährt, daß ihr versucht werdet. Meinet nicht, es widerführe euch etwas Seltsames, sondern freuet euch, daß ihr mit Christus leidet, auf daß ihr auch zur Zeit der Offenbarung seiner Herrlichkeit Freude und Wonne haben möget.“ 1.Petrus 4,1213.

 

Jesus erklärte nun seinen Jüngern, daß sein Leben der Selbstverleugnung für sie beispielgebend sein sollte; dann rief er das Volk, das sich in der Nähe aufhielt, zu sich und sagte: „Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir.“ Matthäus 16,24. Das Kreuz erinnerte an die Macht Roms; es war das Sinnbild der schmählichsten und grausamsten Todesart. Die niedrigsten Verbrecher mußten das Kreuz selbst zur Richtstätte tragen; hiergegen sträubten sie sich oft mit so verzweifelter Heftigkeit, bis sie schließlich überwältigt wurden und man ihnen das Kreuz auf ihren Schultern festband. Jesus aber gebot seinen Nachfolgern, das Kreuz freiwillig auf sich zu nehmen und ihm nachzufolgen. Seine Worte, die die Jünger nur unklar verstanden, wiesen sie hin auf die Notwendigkeit, sich in die bittersten Leiden zu schicken, ja sogar den Tod um Christi willen auf sich zu nehmen. Eine größere Hingabe konnten die Worte des Heilandes nicht ausdrücken. Er selbst hatte dies alles auch um ihretwillen auf sich genommen. Ihn verlangte nicht nach dem Himmel, solange wir Sünder verloren waren; er vertauschte die himmlischen Höfe gegen ein Leben der Schmach und tiefsten Beleidigungen; er litt um unsertwillen den Tod der Schande. Er, der reich war an den unschätzbaren Gütern des Himmels, wurde arm, damit wir durch seine Armut reich würden. Wir aber müssen den Weg gehen, den auch er ging.

 

Menschen zu lieben, für die Jesus gestorben ist, heißt das eigene Ich zu kreuzigen. Wer ein Kind Gottes ist, sollte sich als Glied einer Kette fühlen, die vom Himmel bis auf die Erde herabreicht, um die Welt zu retten. Er sollte eins sein mit Christus in seinem Gnadenplan und mit ihm vorangehen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Der Christ muß stets erkennen, daß er sich Gott geweiht hat und daß er nun durch seinen Charakter das Wesen Gottes der Welt offenbaren soll. Die opferbereite Hingabe, die Teilnahme und Liebe, die das Leben Christi kennzeichneten, müssen auch im Leben der Nachfolger Christi sichtbar werden.

 

„Wer sein Leben erhalten will, der wird‘s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird‘s finden.“ Matthäus 16,25. Selbstsucht bedeutet Tod! Kein Organ des Körpers könnte leben, wenn es seine Wirksamkeit nur auf sich selbst beschränken wollte. Würde das Herz sein Lebensblut nicht in Hand und Kopf leiten, verlöre es bald seine Kraft. Wie unser Blut, so durchdringt die Liebe Christi alle Teile seines geheimnisvollen Leibes. Wir sind untereinander Glieder; jede Seele, die sich weigert, den andern als Bruder anzusehen, wird umkommen. „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? Oder was kann der Mensch geben, damit er seine Seele wieder löse?“ Matthäus 16,26.

 

Über seine gegenwärtige Armut und Demütigung hinaus richtete Jesus den Blick seiner Jünger auf sein Kommen in Herrlichkeit; nicht in der Pracht einer irdischen Krone, sondern mit göttlicher Herrlichkeit und inmitten der himmlischen Heerscharen; „alsdann wird er einem jeglichen vergelten nach seinen Werken“. Matthäus 16,27. Zu ihrer Ermutigung gab er ihnen noch die Verheißung: „Wahrlich, ich sage euch: Es stehen etliche hier, die nicht schmecken werden den Tod, bis daß sie des Menschen Sohn kommen sehen in seinem Reich.“ Matthäus 16,28. Doch die Jünger verstanden ihn nicht. Die Herrlichkeit, von der Jesus sprach, schien ihnen weit entfernt; ihre Augen waren auf das Näherliegende gerichtet, auf das irdische Leben in Armut und Erniedrigung und unter schweren Leiden. Mußten sie ihre glühenden Erwartungen vom messianischen Reich aufgeben? Sollten sie ihren Herrn nicht auf dem Thron Davids sehen? War es denn möglich, daß der Heiland wie ein einfacher, heimatloser Wanderer leben mußte, um schließlich verachtet, verworfen und getötet zu werden? Tiefe Traurigkeit überfiel ihre Herzen; denn sie liebten ihren Meister. Zweifel beunruhigten ihr Gemüt; denn es erschien ihnen unbegreiflich, daß der Sohn Gottes solch grausamen Demütigungen ausgesetzt werden sollte. Sie fragten sich, warum er freiwillig nach Jerusalem ginge, um das Schicksal zu erleiden, das ihn dort, wie er ihnen gesagt hatte, erwartete. Wie konnte er ein solches Verhängnis auf sich nehmen und sie in noch größerer Finsternis zurücklassen, als jene gewesen ist, in der sie herumtappten, ehe er sich ihnen offenbart hatte!

 

Die Jünger meinten, daß Jesus für Herodes und Kaiphas in der Gegend von Cäsarea Philippi unerreichbar wäre. Dort hätte er weder den Haß der Juden noch die Macht der Römer zu fürchten. Warum konnte er nicht dort, weit entfernt von den Pharisäern, wirken? Warum sollte er sich selbst dem Tode überantworten? Wenn er sterben mußte, wie konnte dann sein Reich so unverrückbar aufgerichtet werden, daß die Pforten der Hölle es nicht überwältigen würden? Das alles war ihnen ein großes Geheimnis. Gerade jetzt fuhren sie an den Ufern des Galiläischen Meeres entlang und näherten sich der Stadt, in der alle ihre Hoffnungen zerschlagen werden sollten. Sie erlaubten sich dem Herrn gegenüber keine Einwendungen; aber untereinander sprachen sie leise und in tiefer Betrübnis über die Zukunft. In all ihren Zweifeln aber klammerten sie sich an den Gedanken, daß irgendein unvorhergesehenes Ereignis das Schicksal, das ihren Herrn erwartete, wenden möge. So trauerten, zweifelten, hofften und fürchteten sie sechs lange, trübselige Tage hindurch.

 

Kapitel 46: Die Verklärung

 

Auf der Grundlage von Matthäus 17,1-8; Markus 9,2-8; Lukas 9,28-36.

 

Der Abend bricht schon herein, da ruft Jesus drei seiner Jünger — Petrus, Jakobus und Johannes — zu sich und führt sie über Felder und unebene Wege auf einen einsamen Berg. Der Heiland und die Jünger haben den Tag mit Wandern und Lehren verbracht; nun ermüdet sie der ziemlich beschwerliche Weg merklich. Auch Christus, der seelische und körperliche Lasten von den Leidenden nahm, der Kranke gesund gemacht, Besessene geheilt und neues Leben in schwache Körper hat strömen lassen, ist gleich den Jüngern vom Aufstieg ermattet.

 

Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne liegen noch auf dem Gipfel des Berges und vergolden mit ihrem versinkenden Schein den Pfad der vier Wanderer. Doch bald ist dies letzte Licht des Tages, das noch über Hügeln und Tälern lag, erloschen; das Dunkel der Nacht zieht herauf und umhüllt auch die einsamen Wanderer. Das Düstere in der Natur scheint in Einklang zu stehen mit ihrem kummervollen Leben, um das sich immer dichtere Wolken zusammenballen. Die Jünger wagen nicht, den Herrn nach Ziel und Zweck der Wanderung zu fragen; zu oft schon hat er ganze Nächte in den Bergen im Gebet zugebracht. Er, der Schöpfer der Berge und Täler, fühlt sich in der freien Natur zu Hause und genießt deren Stille. Die Jünger folgen, wohin er sie führt; dennoch wundern sie sich, warum ihr Meister diesen beschwerlichen Aufstieg unternimmt, da sie ja sehr müde sind und er selbst auch der Ruhe bedarf.

 

Endlich macht Jesus halt; allein geht er jetzt ein wenig seitwärts und klagt unter Tränen dem himmlischen Vater seine große Not. Er bittet um Kraft, die Prüfung um der Menschen willen zu ertragen. Er muß sich neu stärken an dem Allmächtigen; nur dann kann er getrost der Zukunft entgegensehen.kann er über die Zukunft nachdenken. Er legt seinem Vater auch seine Herzenswünsche für seine Jünger vor, damit in der Stunde der Finsternis ihr Glaube nicht wanken möchte. Nachttau fällt auf seine Gestalt; er merkt es nicht. Er achtet auch nicht der immer tiefer werdenden Dunkelheit. Die Stunden verrinnen. Anfangs vereinigen die Jünger ihre Gebete mit dem Gebet des Herrn in aufrichtiger Hingabe: bald aber hat die Müdigkeit sie überwältigt und — sie schlafen ein [engl.: nach einiger Zeit aber werden sie von Müdigkeit überwältigt und schlafen ein, obwohl sie versuchen, an dem Geschehen weiterhin Anteil zu nehmen]. Jesus hat ihnen von seinem Leiden erzählt und sie mitgenommen, um mit ihnen im Gebet vereint zu sein; gerade für sie betet er. Er hat die Traurigkeit der Jünger gesehen und sehnt sich danach, ihren Kummer durch die Versicherung zu bannen, daß ihr Glaube nicht vergebens sei. Doch nicht alle Zwölf können die Offenbarung, die er geben will, aufnehmen; nur die drei, die Zeugen seiner Seelenangst in Gethsemane sein sollen, hat er erwählt, mit ihm auf dem Berge zu sein. Er bittet seinen Vater, ihnen doch die Herrlichkeit zu zeigen, die er bei ihm hatte, ehe die Welt erschaffen war, daß sein Reich den menschlichen Augen offenbart und die Herzen der Jünger gestärkt werden möchten, dieses Reich zu schauen. Er fleht um eine Offenbarung seiner Göttlichkeit, damit sie in der Stunde seiner tiefsten Leiden getröstet sind durch die Erkenntnis, daß er wahrhaftig Gottes Sohn ist und sein schmählicher Tod zur Erfüllung des Erlösungsplanes gehört.

 

Sein Gebet wird erhört. Während er sich demütig auf dem steinigen Boden vor Gott beugt, öffnet sich plötzlich der Himmel, die goldenen Tore der Stadt Gottes gehen weit auf, ein heiliger Glanz wirft sein Licht bis auf den Berg hinab und umhüllt die Gestalt Jesu. Das Göttliche in ihm leuchtet durch das Menschliche und begegnet der von oben kommenden Herrlichkeit; die hingestreckte Gestalt erhebt sich und steht in göttlicher Majestät auf dem Gipfel des Berges. Die Seelenqual ist von ihm gewichen; sein Angesicht leuchtet „wie die Sonne“, und seine Kleider sind „weiß wie das Licht“. Matthäus 17,2. Die Jünger erwachen; sie sehen die flutende Herrlichkeit, die den ganzen Berg erleuchtet, und schauen in Furcht und Staunen auf die glänzende Gestalt ihres Meisters. Als ihre Augen sich an das blendende Licht gewöhnt haben, sehen sie, daß Jesus nicht allein ist; zwei himmlische Wesen unterhalten sich mit ihm. Es sind Mose und Elia; Mose, der auf dem Sinai mit Gott geredet hatte, und Elia, dem die große Gnade widerfuhr, daß er den Tod nicht zu schmecken brauchte.

 

Auf dem Berge Pisga hatte fünfzehnhundert Jahre zuvor Mose gestanden und das verheißene Land von ferne geschaut; aber um seiner bei Meriba begangenen Sünde willen durfte er es nicht betreten. Ihm wurde nicht die Freude zuteil, die Scharen Israels in das Erbe ihrer Väter zu führen. Seine schmerzliche Bitte: „Laß mich hinübergehen und sehen das gute Land jenseits des Jordan, dies gute Bergland und den Libanon“ (5.Mose 3,25) wurde nicht erhört. Seine Hoffnung, die vierzig Jahre lang die Dunkelheit der Wüstenwanderung erhellt hatte, wurde nicht erfüllt; ein Grab in der Wüste war das Ziel jener Jahre der Last und drückenden Sorge. Und doch hatte er, der „überschwenglich tun kann über alles, was wir bitten oder verstehen“ (Epheser 3,20), auch in diesem Fall die Bitte seines Dieners erhört. Mose kam in das Reich des Todes, aber er blieb nicht lange in der Gruft; Christus selbst rief ihn heraus zu neuem Leben. Satan, der Betrüger, hatte den Leib Moses seiner Sünde wegen beansprucht; aber Christus, der Heiland, nahm ihn aus dem Grabe zu sich.

 

Mose war auf dem Verklärungsberg Zeuge von Christi Sieg über Sünde und Tod; er war ein Sinnbild für alle, die bei der Auferstehung der Gerechten aus den Gräbern hervorgehen werden. Elia, der verklärt wurde, ohne den Tod gesehen zu haben, war das Vorbild derer, die bei Christi Wiederkunft auf Erden leben und „verwandelt werden; und dasselbe plötzlich, in einem Augenblick, zur Zeit der letzten Posaune“ (1.Korinther 15,5152), wenn „dies Verwesliche wird anziehen die Unverweslichkeit“. 1.Korinther 15,54. Jesus war mit dem Licht des Himmels bekleidet; so wird er zum andernmal erscheinen ohne Sünde zur Seligkeit; denn er wird kommen „in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln“. Markus 8,38. Nun war das Versprechen, das Jesus seinen Jüngern gegeben hatte, erfüllt. Auf dem Berge wurde ihnen — im kleinen — das zukünftige Reich der Herrlichkeit gezeigt: Christus, der König, Mose, der Vertreter der auferstandenen Gläubigen, und Elia, der Vertreter derer, die verwandelt werden „in einem Augenblick“.

 

Die Jünger erfassen den Vorgang noch nicht; aber sie freuen sich, daß der geduldige Lehrer, der Sanftmütige und Demütige, der als schutzloser Fremdling hin und her gewandert ist, von den Begnadeten Gottes geehrt wird. Sie glauben, daß Elia gekommen sei, die Regierung des Messias zu verkündigen, und daß das Reich Christi jetzt aufgerichtet werden soll. Die Erinnerung an ihre Furcht und Enttäuschung wollen sie für immer verbannen. Hier, wo die Herrlichkeit Gottes offenbart wird, möchten sie verweilen. Petrus ruft begeistert aus: „Herr, hier ist für uns gut sein! Willst du, so wollen wir hier drei Hütten machen, dir eine, Mose eine und Elia eine.“ Matthäus 17,4. Sie glauben zuversichtlich, daß Mose und Elia gesandt wurden, ihren Meister zu schützen und sein Königreich auf Erden aufzurichten.

 

Aber das Kreuz muß der Krone vorangehen! Nicht die feierliche Krönung Jesu zum König ist das Thema ihrer Unterhaltung, sondern sein Tod, der ihn in Jerusalem erwartet. In menschlicher Schwachheit, beladen mit Kummer und fremder Schuld, ging Christus seinen Weg allein inmitten der Menschen. Als die Finsternis der herannahenden Prüfung auf ihn eindrang, war er einsam und allein in einer Welt, die ihn nicht kannte. Selbst seine geliebten Jünger, die völlig in ihren Zweifeln und Sorgen und in ihrer ehrgeizigen Hoffnung aufgingen, hatten das Geheimnis seiner Sendung nicht erfaßt. Er hatte inmitten der Liebe und Gemeinschaft des Himmels gelebt; aber in dieser Welt, deren Schöpfer er war, war er einsam. Nun hatte der Himmel seine Boten zu ihm gesandt; keine Engel, sondern Menschen, die auch Kummer und Leid ertragen hatten, die auch mit dem Heiland mitfühlen konnten in den Nöten des irdischen Lebens. Mose und Elia waren Christi Mitarbeiter gewesen und hatten sein Verlangen nach dem Heil der Menschheit mit ihm geteilt. Mose hatte sich für Israel verwandt, indem er sagte: „Vergib ihnen doch ihre Sünde; wenn nicht, dann tilge mich aus deinem Buch, das du geschrieben hast.“ 2.Mose 32,32. Elia hatte die Einsamkeit kennengelernt, als er dreieinhalb Jahre lang während der Teuerung den Haß und das Unglück des Volkes ertragen hatte. Allein hatte er auf dem Karmel für Gott gestanden; allein war er in Angst und Verzweiflung in die Wüste geflohen. Diese Männer, die Gott vor den Engeln erwählte, welche den Thron umstanden, waren erschienen, um mit Jesus über seinen Leidensweg zu reden und ihn mit der Versicherung zu trösten, daß der ganze Himmel an seinem Leben und Sterben Anteil nähme. Die Hoffnung der Welt, das Heil jedes einzelnen, das war das Thema ihres Gespräches.

 

Die vom Schlaf überwältigten Jünger bemerkten nur wenig von dem, was zwischen ihrem Meister und den himmlischen Boten vorging. Weil sie nicht wachten und beteten, entging ihnen auch das, was Gott ihnen mitteilen wollte: das Verständnis für die Leiden Christi und die Herrlichkeit, die darauf folgen sollte. Sie verloren den Segen, den sie empfangen hätten, würden sie Jesu Selbstaufopferung mit ihm geteilt haben. Diese Jünger waren zu träge, um zu glauben, und sie erkannten kaum den Schatz, mit dem der Himmel sie reich machen wollte. Dennoch empfingen sie großes Licht. Sie erhielten die Gewißheit, daß der Himmel die Sünde des jüdischen Volkes, die in der Verwerfung Christi bestand, kannte. Ihnen wurde ein besseres Verständnis der Aufgabe des Erlösers geschenkt. Sie sahen mit ihren Augen und hörten mit ihren Ohren Dinge, die über das menschliche Verstehen hinausgingen. Sie schauten seine Herrlichkeit und erkannten, daß Jesus wirklich der Messias war, von dem die Patriarchen und Propheten geweissagt und verkündigt hatten, und daß er von allen Wesen des Himmels geehrt wurde.

 

Während sie noch das herrliche Schauspiel betrachteten, „überschattete sie eine lichte Wolke. Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören“. Matthäus 17,5. Als die Jünger die Herrlichkeit dieser Wolke schauten, die die Herrlichkeit der vor dem Volk Israel in der Wüste herziehenden Wolke übertraf, als sie Gottes Stimme hörten, die einst in gebietender Majestät den Berg erzittern ließ, fielen sie erschreckt zu Boden und blieben mit verhüllten Angesichtern auf der Erde liegen, bis Jesus zu ihnen trat, sie anrührte und durch seine wohlbekannte Stimme alle Furcht vertrieb; seine Worte: „Stehet auf und fürchtet euch nicht!“ (Matthäus 17,7) beruhigten sie. Als sie ihre Augen wieder öffneten, war die himmlische Erscheinung vergangen, Mose und Elia waren verschwunden, und sie standen auf dem Berg mit dem Heiland allein.

Kapitel 47: Fähig zum Dienst

 

Auf der Grundlage von Matthäus 17,9-21; Markus 9,9-29; Lukas 9,37-45.

 

Jesus hatte die ganze Nacht mit den Jüngern auf dem Berge verbracht. Erst als der Morgen graute, stiegen sie wieder in die Ebene hinab. In Gedanken versunken, schwiegen die Jünger in ehrfürchtiger Scheu; selbst Petrus sprach kein Wort. Gern hätten sie noch länger an jener heiligen Stätte verweilt, die von himmlischem Licht verklärt worden war und wo Jesus seine Herrlichkeit offenbart hatte; aber es gab noch viel für das Volk zu tun, das von nah und fern herbeigekommen war und nach Jesus verlangte.

 

Am Fuße des Berges hatte sich diese Volksmenge unter Leitung der zurückgebliebenen Jünger versammelt, aber niemand wußte, wohin Jesus sich begeben hatte. Als nun der Heiland sich näherte, befahl er seinen Begleitern, über das Geschehene Stillschweigen zu bewahren: „Ihr sollt dies Gesicht niemand sagen, bis des Menschen Sohn von den Toten auferstanden ist.“ Matthäus 17,9. Sie sollten diese Offenbarung in ihrem Herzen bewegen, sie aber nicht öffentlich kundtun; denn die Menschen würden sie verächtlich und lächerlich machen. Ebensowenig sollten die zurückgebliebenen Apostel davon erfahren, da auch sie jenes Ereignis nicht begriffen, bis Jesus von den Toten auferstanden wäre. Wie schwer sogar die drei von Jesus bevorzugten Jünger das Geschehen auf dem Berge verstehen konnten, davon zeugt die Tatsache, daß sie sich — ungeachtet alles dessen, was Jesus ihnen von dem ihm bevorstehenden Leidensweg gesagt hatte — untereinander fragten, was denn die Auferstehung der Toten zu bedeuten habe. Trotz ihres Nichtverstehens fragten sie Jesus nicht nach der Bedeutung seiner Worte. Seine Erklärung über die nächste Zukunft hatte sie so traurig gestimmt, daß sie keine weitere Aufklärung wünschten. Sie hofften sogar, daß alle diese Ereignisse niemals eintreten möchten.

 

Als das in der Ebene versammelte Volk den Heiland kommen sah, liefen viele ihm entgegen und begrüßten ihn mit größter Ehrfurcht und Freude; dennoch bemerkte Jesus sofort, daß die Leute sehr verlegen und unruhig waren. Auch die Jünger schienen niedergeschlagen zu sein. Das war auf ein Ereignis zurückzuführen, das sich soeben zugetragen und ihnen bittere Enttäuschung und Demütigung beschert hatte.

 

Während sie am Fuße des Berges warteten, hatte ein Vater seinen Sohn zu ihnen gebracht, damit sie diesen von einem bösen Geist, der ihn sehr quälte, befreiten. Jesus hatte den Jüngern Macht über unreine Geister verliehen, als er die Zwölf aussandte, in Galiläa zu predigen. Solange sie glaubensstark die ihnen aufgetragene Aufgabe ausführten, gehorchten die Geister ihrem Wort. Auch jetzt geboten sie dem bösen Geist in Jesu Namen, sein Opfer zu verlassen; aber der Dämon spottete ihrer nur durch eine größere Entfaltung seiner Macht. Die Jünger konnten sich ihre Niederlage nicht erklären und erkannten, daß sie sich und ihrem Meister einen schlechten Dienst erwiesen hatten. Unter der Menge befanden sich Schriftgelehrte, die diese Gelegenheit benutzten, um die Jünger zu demütigen. Sie drängten sich an die Apostel heran, verwickelten sie in schwierige Fragen und versuchten zu beweisen, daß sie und ihr Meister Betrüger seien; hier, erklärten die Rabbiner triumphierend, sei ein böser Geist, den weder die Jünger noch Christus selbst besiegen könnten. Die Gunst des Volkes neigte sich auf die Seite der Schriftgelehrten, und Verachtung und Spott für die Jünger erfüllte die Menge.

 

Aber plötzlich verstummten die Anklagen. Jesus und seine drei Gefährten hatten sich dem Volk genähert, und nun ging die Menge ihm in überraschend schnellem Gefühlsumschwung entgegen. Die letzte Nacht hatte durch die Gemeinschaft mit der himmlischen Herrlichkeit bei dem Heiland und seinen Begleitern ihre Spuren hinterlassen. Auf ihren Angesichtern ruhte ein Glanz, der den Beobachtern Ehrfurcht abnötigte. Die Rabbiner zogen sich scheu zurück, das Volk aber hieß den Herrn willkommen. Jesus ging erstaunlicherweise zuerst auf den Besessenen zu, als hätte er das eben Geschehene miterlebt, richtete dann seinen Blick auf die Schriftgelehrten und sagte: „Was streitet ihr euch mit ihnen?“ Markus 9,16.

 

Die vorher so lauten und kühnen Reden verstummten jetzt; drückende Stille lag über der ganzen Versammlung. Da bahnte sich der Vater des Besessenen einen Weg durch die Menge, fiel dem Herrn zu Füßen und klagte ihm seinen ganzen Kummer und seine Enttäuschung. „Meister“, sagte er, „ich habe meinen Sohn hergebracht zu dir, der hat einen sprachlosen Geist. Und wo er ihn erwischt, so reißt er ihn ... Ich habe mit deinen Jünger geredet, daß sie ihn austrieben, und sie konnten es nicht.“ Markus 9,1718. Jesus blickte auf die ehrfürchtig schweigende Menge, auf die heuchlerischen Schriftgelehrten und die verwirrten Jünger; er las Unglauben in aller Herzen und sagte schmerzerfüllt: „O du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen?“ Er gebot dem betrübten Vater: „Bringet ihn her zu mir!“ Markus 9,19. Der Knabe wurde gebracht. Sobald der Blick des Heilandes auf ihn fiel, warf der unreine Geist den Knaben in schmerzhaften Zuckungen zur Erde; dieser wälzte sich, schäumte und erfüllte die Luft mit gräßlichen Schreckenslauten.

 

Wieder standen sich der Herr des Lebens und der Fürst der Mächte der Finsternis gegenüber — Christus bei der Erfüllung seines Dienstes, „zu predigen den Gefangenen, daß sie los sein sollen, und den Blinden, daß sie sehend werden, und den Zerschlagenen, daß sie frei und ledig sein sollen“ (Lukas 4,18), und Satan, der versuchte, seine Beute in seiner Gewalt zu behalten. Engel des Lichts und Scharen böser Geister drängten sich ungesehen heran, um dem Kampf zuzuschauen. Für Augenblicke erlaubte Jesus dem bösen Geist, seine Macht zu entfalten, damit die anwesende Menge das folgende Erlösungswerk besser erfassen konnte.

 

Die Menge schaute mit angehaltenem Atem auf das Schauspiel, das sich ihren Augen bot; im Herzen des Vaters wechselten Furcht mit Hoffnung. Jesus fragte: „Wie lange ist‘s, daß ihm das widerfährt?“ Und der Vater berichtete von vielen Jahren des Leidens und der Not; dann rief er in höchster Verzweiflung: „Kannst du aber was, so erbarme dich unser und hilf uns!“ Markus 9,2122. Durch die Worte „Kannst du aber was“ zeigte auch der Vater, daß er an der Macht Christi zweifelte. Jesus antwortete: „Wie sprichst du: Kannst du was? Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ Markus 9,23. Es liegt nicht an der unzureichenden Macht Christi, die Gesundheit des Sohnes hängt allein von dem Glauben des Vaters ab. Er erkennt dies und bricht über seine eigene Schwäche in Tränen aus. Mit dem Ruf „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ (Markus 9,24) klammert er sich zuversichtlich an Jesu Barmherzigkeit.

 

Nun wendet sich der Heiland an den Besessenen und sagt: „Du sprachloser und tauber Geist, ich gebiete dir, daß du von ihm ausfahrest und fahrest hinfort nicht in ihn!“ Markus 9,25. Man hört einen Schrei und erlebt einen qualvollen Kampf; es scheint, als ob der Dämon seinem Opfer das Leben entreißt; der Knabe liegt ohne Bewegung und anscheinend leblos da. In der Menge flüstert man sich zu: „Er ist tot.“ Jesus aber ergreift seine Hand, richtet ihn auf und übergibt ihn seinem Vater — vollkommen gesund an Leib und Seele! Vater und Sohn loben den Namen ihres Erlösers; die Menge aber ist erschüttert von der „Herrlichkeit Gottes“, während sich die Schriftgelehrten, besiegt und verstimmt, in verbissenem Trotz schweigend abwenden.

 

„Kannst du aber was, so erbarme dich unser und hilf uns!“ Markus 9,2122. Wie viele sündenschwere Herzen haben jenes Gebet schon an Gott gerichtet! Und allen antwortet der mitleidvolle Heiland: „Was heißt hier: ‚Wenn du kannst‘? ... Wenn du nur Vertrauen hast, ist alles möglich.“ Markus 9,23 (GN). Der Glaube verbindet uns mit dem Himmel; er verleiht uns auch die Kraft, den Mächten der Finsternis gewachsen zu sein. In der Person Jesu Christi hat der Vater die Möglichkeit gegeben, jede sündhafte Neigung zu überwinden und jeder Versuchung, wie stark sie auch sein mag, zu widerstehen. Viele jedoch bemerken, daß ihnen der Glaube fehlt, und deshalb halten sie sich von Christus fern. Wenn sich doch solche Seelen in ihrer Hilflosigkeit an die Barmherzigkeit ihres mitfühlenden Heilandes klammerten und nicht auf sich, sondern auf den Herrn blickten! Er, der die Kranken heilte und die bösen Geister austrieb, als er hier auf Erden wandelte, ist derselbe mächtige Erlöser auch heute noch. Der Glaube kommt durch das Wort Gottes, also ergreife die Verheißung: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.“ Johannes 6,37. Wirf dich Jesus zu Füßen mit dem Ruf: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Markus 9,24. Du kannst niemals verderben, wenn du so handelst, und wirst nimmer verzagen!

 

In kurzer Zeit haben die drei Jünger die höchste Herrlichkeit, aber auch die tiefste Erniedrigung gesehen. Sie sahen den Menschen, verklärt in Gottes Ebenbild und entartet zur Ähnlichkeit Satans. Sie haben Jesus von dem Berge, wo er mit den himmlischen Boten gesprochen hat und wo er von der Stimme aus der strahlenden Herrlichkeit als der Sohn Gottes anerkannt worden ist, herabsteigen sehen, um jenem schmerzlichen und abstoßenden Schauspiel zu begegnen, jenem besessenen Knaben mit den verzerrten Gesichtszügen und den in krampfartigem Schmerz knirschenden Zähnen, dem keine menschliche Macht Befreiung bringen konnte. Und nun beugt sich dieser mächtige Erlöser, der noch vor kurzer Zeit verklärt vor den verwunderten Jüngern stand, zu dem Opfer Satans herab, das sich in Krämpfen vor ihm windet, um es aufzurichten und an Leib und Seele gesund seiner Familie zurückzugeben.

 

An diesem Beispiel wurde das Erlösungsgeschehen verdeutlicht. Der Göttliche, der noch von der Herrlichkeit seines himmlischen Vaters erfüllt ist, beugt sich herab, um das Verlorene zu retten. Es veranschaulichte auch die Aufgabe der Apostel. Ihr Leben sollte sich nicht nur in der Gemeinschaft Jesu auf dem Bergesgipfel, nicht nur in Stunden geistlicher Erleuchtung, sondern auch in der Arbeit für die verlorenen Seelen erfüllen. Die Jünger mußten lernen, daß Menschen, die unter der Gewalt Satans stehen, auf das Evangelium und auf ihre Fürbitte warten, um wieder frei zu werden.

 

Die neun Jünger dachten immer noch an ihre bittere Niederlage. Sobald sie mit ihrem Herrn allein waren, fragten sie ihn: „Warum konnten wir ihn nicht austreiben?“ Jesus antwortete ihnen: „Um eures Kleinglaubens willen. Denn ich sage euch wahrlich: Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so könnt ihr sagen zu diesem Berge: Hebe dich von hinnen dorthin! so wird er sich heben; und euch wird nichts unmöglich sein. Aber diese Art fährt nur aus durch Beten und Fasten.“ Matthäus 17,19-21. Ihr Unglaube, der ihnen ein tieferes Mitgefühl mit Jesus verwehrte, und die Oberflächlichkeit, mit der sie die ihnen anvertraute heilige Aufgabe betrachteten, verursachten ihre Niederlage im Kampf mit den Mächten der Finsternis.

 

Jesu Worte über sein Leiden und Sterben hatten Trauer und auch Zweifel in den Jüngern erweckt; die Erwählung der drei Jünger Petrus, Johannes und Jakobus, die Jesus auf den Berg begleiten durften, hatte die Eifersucht der Zurückbleibenden hervorgerufen. Statt ihren Glauben zu stärken, indem sie beteten und über Jesu Worte nachdachten, gaben sie ihrer Entmutigung und ihrem persönlichen Kummer Ausdruck. In diesem Zustand war von ihnen der Kampf mit den bösen Geistern aufgenommen worden. Um einen solchen Kampf siegreich führen zu können, mußten sie bei ihrer Aufgabe eine andere Gesinnung offenbaren. Ihr Glaube mußte durch ernstes Gebet, durch Fasten und tiefe Herzensdemut gestärkt werden; sie mußten vom eigenen Ich abrücken und sich mit dem Geist und der Kraft Gottes erfüllen lassen. Nur ernstes, anhaltendes Gebet zu Gott im Glauben — in einem Glauben, der zu völliger Abhängigkeit von ihm und zu rückhaltloser Hingabe an sein Werk führt — kann uns die Hilfe des Heiligen Geistes im Kampf gegen Fürsten und Gewaltige, die Herrscher der Finsternis dieser Welt, und gegen die bösen Geister unter dem Himmel bringen.

 

„Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn“, sagte Jesus, „so könnt ihr sagen zu diesem Berge: Hebe dich von hinnen dorthin! so wird er sich heben.“ Obgleich ein Senfkorn winzig klein und unscheinbar ist, enthält es doch den gleichen geheimnisvollen Lebenskeim, der das Wachstum des größten Baumes erzeugt. Wenn das Senfkorn in den Schoß der Erde kommt, vereinigt es sich mit dem, was Gott zu seiner Nahrung vorgesehen hat; so entwickelt es schnell ein kräftiges Wachstum. Wenn unser Glaube diesem Senfkorn gleich ist, werden wir das Wort Gottes und alle von dem Schöpfer bestimmten Hilfsmittel ergreifen. Dadurch wird unser Glaube erstarken und uns mit himmlischer Kraft ausstatten. Die Hindernisse, die der böse Feind in unseren Weg legt und die sich so oft scheinbar unüberwindlich vor uns auftürmen, werden der Forderung des Glaubens weichen. „Euch wird nichts unmöglich sein.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 48: Wer ist der Größte?

 

Auf der Grundlage von Matthäus 17,22-27; Matthäus 18,1-20; Markus 9,30-50; Lukas 9,46-48.

 

Als Jesus nach Kapernaum zurückkehrte, begab er sich nicht zu den wohlbekannten Stätten, an denen er das Volk gelehrt hatte, sondern suchte mit seinen Jüngern unauffällig das Haus auf, das vorübergehend sein Heim werden sollte. Während seines restlichen Aufenthaltes in Galiläa war es sein Ziel, lieber seine Jünger zu unterweisen, statt unter der Menge zu wirken. Auf seiner Reise durch Galiläa hatte Jesus wiederum versucht, seine Jünger auf die Ereignisse, die ihm bevorstanden, seelisch vorzubereiten. Er erzählte ihnen, daß er nach Jerusalem gehen müsse, um dort zu sterben und aufzuerstehen. Dann fügte er die seltsame und ernste Ankündigung hinzu, daß er an seine Feinde verraten werden sollte. Die Jünger verstanden seine Worte auch jetzt noch nicht. Obwohl große Sorge sie überschattete, waren ihre Herzen mehr mit Rangstreitigkeiten erfüllt. Sie zankten sich untereinander, wer im künftigen Reich der Größte wäre. Diesen Streit aber suchten sie vor Jesus zu verbergen. Deshalb gingen sie nicht wie gewöhnlich dicht an seiner Seite, sondern schlenderten hinter ihm her, so daß er vor ihnen her ging, als sie in Kapernaum eintrafen. Jesus durchschaute ihre Gedanken und wollte ihnen Rat und Belehrung erteilen. Dazu wartete er aber eine stille Stunde ab, in der ihre Herzen für seine Worte aufgeschlossen waren.

 

Bald nachdem sie die Stadt erreicht hatten, kam der Steuerbeamte, der die Tempelabgaben sammelte, zu Petrus mit der Frage: „Pflegt euer Meister nicht den Tempelgroschen zu geben?“ Matthäus 17,24. Es handelte sich dabei nicht um eine bürgerliche Steuer, sondern um einen Betrag, den jeder Jude jährlich für den Unterhalt des Tempels zu zahlen hatte. Die Weigerung, diesen Beitrag zu entrichten, galt als Untreue dem Tempel gegenüber, und das war in den Augen der Rabbiner eine besonders schwere Sünde. Die Einstellung des Heilandes zu den Gesetzen der Rabbiner und sein deutlicher Tadel für die Verteidiger der Tradition lieferte einen Vorwand für die Anschuldigung, er trachte danach, den Tempeldienst umzustoßen. Nun sahen seine Feinde eine günstige Gelegenheit, ihn in Verruf zu bringen. In dem Mann, der die Tempelsteuer erhob, fanden sie einen bereitwilligen Verbündeten. Petrus hielt die Frage des Steuereinnehmers für eine Unterstellung, die Christi Treue zum Tempel berührte. Eifrig auf die Ehre seines Meisters bedacht, antwortete er rasch, ohne erst zu fragen, daß Jesus die Steuer bezahlen werde.

 

Petrus verstand jedoch nur teilweise die Absicht des Fragestellers. Es gab nämlich einige Volksschichten, die von der Tempelsteuer befreit waren. Als zur Zeit Moses die Leviten zum Dienst am Heiligtum ausgesondert wurden, erhielten sie unter dem Volk kein Erbteil. Der Herr sagte: „Darum haben die Leviten noch kein Erbteil und kein Besitztum. Der Herr selbst ist ihr Erbteil.“ 5.Mose 10,9 (Bruns). Noch in den Tagen Christi galten die Priester und Leviten als besonders geweiht für den Tempeldienst. Sie brauchten deshalb keinen Jahresbeitrag für den Tempelunterhalt zu entrichten. Auch die Propheten waren davon befreit. Indem die Rabbiner den Tempelgroschen von Jesus forderten, übergingen sie seinen Anspruch, ein Prophet oder Lehrer zu sein, und behandelten ihn wie einen gewöhnlichen Sterblichen. Hätte er sich geweigert, die Steuer zu entrichten, so hätte man das als Untreue dem Tempel gegenüber ausgelegt, während andererseits die Bezahlung der Steuer als Rechtfertigung dafür gegolten hätte, daß sie Jesus als Prophet verwarfen.

 

Erst kurz zuvor war Jesus von Petrus als Sohn Gottes anerkannt worden; nun aber hatte dieser eine günstige Gelegenheit verpaßt, das Wesen seines Meisters darzulegen. Durch seine Antwort an den Steuereinnehmer, daß Jesus den Beitrag bezahlen werde, hatte er in der Tat die falsche Vorstellung von ihm bekräftigt, die Priester und Obere in Umlauf setzen wollten. Als Petrus heimkam, spielte der Heiland nicht auf das an, was vorgefallen war, sondern fragte ihn: „Was meinst du, Simon? Von wem nehmen die Könige auf Erden Zoll oder Steuer: von ihren Kindern oder von den Fremden?“ Petrus antwortete: „Von den Fremden.“ Jesus entgegnete ihm: „So sind die Kinder frei.“ Matthäus 17,2526. Während die Bürger eines Landes für den Lebensunterhalt ihres Königs Steuern zahlen müssen, sind die Kinder des Monarchen davon befreit. Genauso sollte Israel, das erklärte Volk Gottes, den Dienst für ihn unterhalten. Jesus aber war als Sohn Gottes dazu nicht verpflichtet. Wenn Priester und Leviten wegen ihrer Bindung an den Tempel von der Zahlung befreit waren, so erst recht Jesus, für den der Tempel das Haus seines Vaters war.

 

Hätte Jesus die Steuer widerspruchslos gezahlt, dann würde er die Richtigkeit der Forderung anerkannt und dadurch die eigene Göttlichkeit geleugnet haben. Er hielt es für richtig, diesem Begehren entgegenzutreten, und lehnte deshalb die Forderung ab, auf der es beruhte. Dadurch, wie er für die Zahlung sorgte, gab er Kunde von seiner Göttlichkeit. Es wurde offenbar, daß er mit Gott eins war. Da er somit kein Untertan des Reiches war, brauchte er auch nichts zu zahlen. „Gehe hin an das Meer“, wies Jesus Petrus an, „und wirf die Angel, und den ersten Fisch, der heraufkommt, den nimm; und wenn du sein Maul aufmachst, wirst du ein Zweigroschenstück finden; das nimm und gib‘s ihnen für mich und dich.“ Matthäus 17,27. Obwohl Christus seine Gottheit in ein menschliches Gewand gehüllt hatte, offenbarte dieses Wunder doch seine Herrlichkeit. Es war offensichtlich, daß er es war, der durch David erklärt hatte: „Alles Wild im Walde ist mein und die Tiere auf den Bergen zu Tausenden. Ich kenne alle Vögel auf den Bergen; und was sich regt auf dem Felde, ist mein. Wenn mich hungerte, wollte ich dir nicht davon sagen; denn der Erdkreis ist mein und alles, was darauf ist.“ Psalm 50,10-12.

 

Als Jesus deutlich machte, daß er die Steuer nicht zu zahlen brauche, ließ er sich deswegen nicht auf einen Streit mit den Juden ein. Sie hätten doch nur seine Worte falsch ausgelegt und gegen ihn gekehrt. Um dadurch, daß er nicht zahlte, keinen Anstoß zu erregen, tat er das, was von Rechts wegen nicht von ihm verlangt werden konnte. Diese Lehre sollte für seine Jünger von großem Wert sein, denn bald würde ein deutlicher Wandel in ihrer Beziehung zum Tempeldienst eintreten. Christus aber lehrte sie, sich nicht unnötig gegen die bestehende Ordnung zu wenden. Soweit als möglich sollten sie keinerlei Anlaß bieten, daß ihr Glaube mißdeutet werden konnte. Christen sollten zwar keinen einzigen Grundsatz der Wahrheit aufgeben; dennoch sollten sie möglichst jeglichem Streit aus dem Weg gehen.

 

Während Petrus zum See ging, weilte Christus mit den übrigen allein im Hause. Diese rief er zusammen und fragte sie: „Was habt ihr miteinander auf dem Weg verhandelt?“ Markus 9,33. Die Anwesenheit Jesu und seine Frage ließen die Angelegenheit in einem völlig andern Licht erscheinen als vorher auf dem Wege, als die Jünger sich herumgestritten hatten, und so schwiegen sie aus Scham und Schuldgefühl. Jesus hatte ihnen mitgeteilt, daß er ihretwegen sterben müßte. Ihr selbstsüchtiger Ehrgeiz stand jetzt in schmerzlichem Gegensatz zu seiner selbstlosen Liebe.

 

Jesus sagte ihnen, daß er sterben und wiederauferstehen werde, und versuchte dadurch, mit ihnen ein Gespräch über die große Glaubensprüfung anzuknüpfen, die ihnen bevorstand. Wären sie bereit gewesen, das aufzunehmen, was er ihnen mitteilen wollte, so wären ihnen bittere Not und Verzweiflung erspart geblieben. Seine Worte hätten sie in der Stunde der Verlassenheit und Enttäuschung getröstet. Obwohl er so deutlich über das gesprochen hatte, was ihn erwartete, entfachte die Erwähnung der Tatsache, daß er bald nach Jerusalem ziehen müsse, in den Jüngern erneut die Hoffnung, daß die Aufrichtung des Reiches unmittelbar bevorstehe. Dies hatte die Frage veranlaßt, wer dann die höchsten Ämter einnehmen sollte. Als Petrus vom See zurückgekehrt war, erzählten ihm die Jünger, was der Heiland sie gefragt hatte. Schließlich wagte es einer von ihnen, von Jesus wissen zu wollen: „Wer ist doch der Größte im Himmelreich?“ Matthäus 18,1.

 

Der Heiland scharte die Jünger um sich und erwiderte: „So jemand will der Erste sein, der soll der Letzte sein von allen und aller Diener.“ Markus 9,35. In diesen Worten lagen ein Ernst und ein Nachdruck, die den Jüngern unverständlich waren. Von dem, was Christus wahrnahm, sahen sie nichts. Noch verstanden sie das Wesen des Reiches Christi nicht, und diese Unkenntnis war die scheinbare Ursache ihres Streites. Der wahre Grund lag jedoch tiefer. Dadurch, daß er das Wesen des Reiches erklärte, konnte Christus ihren Streit vorübergehend schlichten, dessen eigentliche Ursache aber wurde nicht berührt. Selbst nachdem sie über alles Bescheid wußten, hätte jede Rangfrage den Streit wieder aufleben lassen können. Nach Christi Weggang wäre dadurch Unheil über die Gemeinde hereingebrochen. Im Streit um den ersten Platz bekundete sich der gleiche Geist, mit dem der große Kampf im Himmel begonnen und der letztlich auch Christus vom Himmel auf die Erde gebracht hatte, um dort zu sterben. Vor Jesus erstand das Bild Luzifers, des „schönen Morgensterns“, der an Herrlichkeit alle Engel überstrahlte, die den Thron Gottes umgaben, und der durch die engsten Bande mit dem Sohn Gottes verbunden war. Luzifer hatte gesagt: „Ich will ... gleich sein dem Allerhöchsten.“ Jesaja 14,12-14. Dieser Wunsch nach Selbsterhöhung hatte Streit im Himmel verursacht und viele der Heerscharen Gottes aus seiner Gegenwart verbannt. Hätte Luzifer wirklich dem Allerhöchsten gleich sein wollen, dann würde er nie den ihm zugewiesenen Platz verlassen haben; denn das Wesen des Allerhöchsten zeigt sich in selbstlosem Dienen. Luzifer wollte zwar die Macht Gottes, aber nicht dessen Charakter. Für sich erstrebte er den höchsten Platz, und jedes Lebewesen, das von dem gleichen Geist beseelt ist, wird sich wie Luzifer verhalten. Auf diese Weise werden Entfremdung, Zwietracht und Streit unvermeidlich. Die Herrschaft fällt dem Stärksten zu. Das Reich Satans ist ein Reich der Machtentfaltung. Jedermann sieht im andern ein Hindernis für das eigene Vorwärtskommen oder eine Stufenleiter, auf der er eine höhere Stellung erklimmen kann.

 

Während Luzifer es für ein erstrebenswertes Ziel hielt, Gott gleich zu sein, entäußerte Christus, der Erhöhte, „sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward gleich wie ein andrer Mensch und an Gebärden als ein Mensch erfunden. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.“ Philipper 2,78. Jetzt stand ihm das Kreuz unmittelbar bevor, seine Jünger aber waren so voller Selbstsucht, dem wahren Urgrund des Reiches Satans, daß sie mit ihrem Herrn weder übereinstimmten noch ihn verstanden, als er zu ihnen von seiner Erniedrigung sprach. Überaus besorgt und dennoch mit ernstem Nachdruck versuchte Jesus diesem Übel abzuhelfen. Er zeigte den Jüngern, welcher Grundsatz im Himmel herrscht und worin nach dem Maßstab Gottes wahre Größe besteht. Wen Stolz und Ehrsucht bewegen, denke nur an sich selbst und an den Lohn, der ihm zustünde, nicht aber daran, wie er Gott die verliehenen Gaben zurückerstatten könne. Ins Himmelreich kämen solche Menschen nicht, da man sie den Reihen Satans zurechnen würde.

 

Der Ehre geht die Erniedrigung voraus. Soll jemand vor den Menschen eine hohe Stellung einnehmen, dann erwählt der Himmel dazu jemanden, der sich — wie Johannes der Täufer — vor Gott demütigt. Der Jünger, der einem Kind am ähnlichsten ist, leistet für Gott die beste Arbeit. Wenn er sich nicht selbst erhöht, sondern Seelen retten will, dann können die himmlischen Wesen mit ihm zusammenwirken. Wem am stärksten bewußt ist, wie dringend er der Hilfe Gottes bedarf, wird darum beten, und der Heilige Geist wird seine Blicke auf Jesus lenken. Das wird ihn stärken und seine Seele wieder aufrichten. So eins geworden mit Christus wird er alles tun, Seelen für ihn zu gewinnen, die sonst in ihren Sünden zugrunde gehen müßten. Er ist zu seinem Dienst berufen und hat selbst dort noch Erfolg, wo viele gelehrte und weise Männer scheitern.

 

Wenn sich Männer aber selbst erhöhen und meinen, für den Erfolg des großen Planes Gottes unersetzlich zu sein, dann sorgt Gott dafür, daß sie nicht zum Zuge kommen. Dadurch wird erwiesen, daß Gott von ihnen nicht abhängig ist. Das Werk kommt deswegen nicht zum Stillstand, weil sie von ihm ausgeschlossen sind; es geht sogar mit größerer Kraft voran. Es genügte nicht, daß die Jünger Jesu über das Wesen seines Reiches unterrichtet wurden. Vor allem mußten ihre Herzen umgestaltet werden, damit sie mit den in diesem Reiche herrschenden Grundsätzen übereinstimmten. Jesus rief deshalb ein kleines Kind zu sich, stellte es mitten unter die Jünger, nahm es liebevoll in die Arme und sagte: „Wenn ihr nicht umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“ Matthäus 18,23. Die Schlichtheit, Selbstvergessenheit und zutrauliche Liebe eines kleinen Kindes sind jene Eigenschaften, die der Himmel schätzt. Sie kennzeichnen wahre Größe.

 

Wieder erklärte Jesus den Jüngern, daß die Merkmale seines Reiches nicht irdische Würde und Prachtentfaltung sind. Zu seinen Füßen vergißt man all diese Unterschiede. Reiche und Arme, Gelehrte und Unwissende sind dann vereint und denken nicht mehr an Standesunterschiede oder weltliche Rangstellungen. Alle sind als bluterkaufte Seelen versammelt und hängen in gleicher Weise von dem ab, der sie mit Gott versöhnt hat. Ein aufrichtiges und reumütiges Herz ist in Gottes Augen kostbar. Der Herr drückt den Menschen sein göttliches Siegel auf, nicht auf Grund ihres Ranges, ihres Reichtums oder ihres Wissens: Allein ihr Einssein mit Christus zählt dabei. Der Herr der Herrlichkeit ist mit jenen zufrieden, die von Herzen demütig und bescheiden sind. Schon David sagte: „Du gibst mir den Schild deines Heils ..., und deine Huld macht mich groß.“ Psalm 18,36.

 

„Wer dies Kind aufnimmt in meinem Namen“, sagte Jesus, „der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat.“ Lukas 9,48. „Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße! ... Ich sehe aber auf den Elenden und auf den, der zerbrochenen Geistes ist und der erzittert vor meinem Wort.“ Jesaja 66,12. Die Worte des Heilandes riefen in den Jüngern ein Gefühl des Mißtrauens gegenüber der eigenen Haltung hervor. Auf keinen von ihnen war Jesu Entgegnung gemünzt. Dennoch veranlaßte sie Johannes zu der Frage, ob er in einem besonderen Fall richtig gehandelt habe. Wie ein Kind trug er Jesus die Angelegenheit vor: „Meister, wir sahen einen, der trieb böse Geister in deinem Namen aus, aber er folgt uns nicht nach; und wir verboten‘s ihm, weil er uns nicht nachfolgt.“ Markus 9,38.

 

Jakobus und Johannes meinten für die Ehre ihres Herrn einzutreten, als sie diesem Manne wehrten. Doch nun dämmerte es ihnen, daß sie auf ihre eigene Ehre bedacht gewesen waren. Sie erkannten ihren Irrtum und nahmen Jesu Tadel hin: „Ihr sollt‘s ihm nicht verbieten. Denn niemand, der ein Wunder tut in meinem Namen, kann bald übel von mir reden.“ Markus 9,39. Niemand, der in irgendeiner Weise Jesus freundlich begegnete, sollte zurückgewiesen werden. Es gab viele, die durch das Wesen und Wirken Christi tief berührt waren und deren Herzen sich ihm im Glauben auftaten. Die Jünger, die die Beweggründe der Menschen nicht erkannten, sollten sich daher hüten, diese Menschen zu entmutigen. Wenn Jesus nicht länger persönlich unter ihnen weilte und das Werk ihren Händen anvertraut wäre, dann sollten sie sich nicht engherzig erweisen und andere ausschließen, sondern das gleiche umfassende Mitgefühl bekunden, das sie bei ihrem Meister gesehen hatten.

 

Der Umstand, daß jemand nicht auf allen Gebieten mit unseren persönlichen Vorstellungen und Meinungen übereinstimmt, berechtigt uns noch nicht dazu, ihm die Arbeit für Gott zu verbieten. Christus ist der große Lehrer. Uns steht es nicht an, zu richten oder zu befehlen, sondern demütig sollte jeder von uns zu Jesu Füßen sitzen und von ihm lernen. Jedes Menschenherz, das Gott zubereitet hat, ist ein Werkzeug, durch das Christus seine verzeihende Liebe vermitteln will. Wie sorgfältig sollten wir darum sein, um ja keine Lichtträger Gottes zu entmutigen und dadurch die Strahlen zu unterbrechen, mit denen er die Welt erleuchten möchte!

 

Die Härte oder Kälte, mit der ein Jünger Jesu jemandem gegenübertritt, den Christus zu sich zieht, entspricht dem Verhalten des Johannes, der einen Mann daran hinderte, Wunder im Namen Christi zu tun. Die Folge kann sein, daß der Zurückgewiesene den Weg des Feindes einschlägt und verlorengeht. Ehe jemand so etwas täte, „dem wäre es besser, daß ihm ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ins Meer geworfen würde“. Er fügte hinzu: „Wenn aber deine Hand dir Ärgernis schafft, so haue sie ab! Es ist dir besser, daß du als ein Krüppel zum Leben eingehest, als daß du zwei Hände habest und fahrest in die Hölle, in das ewige Feuer, wo ihr Wurm nicht stirbt und ihr Feuer nicht verlöscht. Wenn dir dein Fuß Ärgernis schafft, so haue ihn ab! Es ist besser, daß du lahm zum Leben eingehest, als daß du zwei Füße habest und werdest in die Hölle geworfen.“ Markus 9,42-45.

 

Weshalb diese ernste Sprache, die nachdrücklicher nicht sein kann? Weil „des Menschen Sohn ... gekommen“ ist, „selig zu machen, was verloren ist“. Matthäus 18,11. Sollen sich seine Jünger weniger um die Seelen ihrer Mitmenschen kümmern als der Herrscher des Himmels? Jede Seele hat einen unendlichen Preis erfordert. Wie furchtbar ist da die Sünde, eine Seele zur Abkehr von Christus zu bewegen, so daß für sie die Liebe, die Erniedrigung und der Todeskampf des Erlösers vergeblich waren! „Weh der Welt der Ärgernisse halben! Es muß ja Ärgernis kommen.“ Matthäus 18,7. Die Welt wird sich unter Satans Einfluß ganz sicher den Nachfolgern Christi widersetzen und ihren Glauben zu zerstören trachten. Wehe aber demjenigen, der Christi Namen angenommen hat und dennoch Satans Werk ausführt! Unserem Herrn wird von denen Schmach zugefügt, die ihm zu dienen behaupten, dabei aber sein Wesen entstellen, so daß Tausende getäuscht und auf den falschen Weg geführt werden.

 

Jede Gewohnheit oder Handlung, die zur Sünde führt und Christus zur Schande gereicht, sollten wir unbedingt ablegen, wie groß das Opfer auch sein mag. Was Gott entehrt, kann dem Menschen nicht zum Segen sein. Kein Mensch, der die ewigen Grundsätze des Rechts verletzt, kann Anteil an den Segnungen des Himmels haben. Schon eine einzige Lieblingssünde vermag den Charakter zu verderben und andere Menschen in die Irre zu leiten. Wenn man die Hand oder den Fuß abhacken oder das Auge ausreißen sollte, um den Leib vom Tode zu erretten, wieviel mehr sollte man da eine Sünde ablegen, deren Folge der Tod ist.

 

Beim alttestamentlichen Gottesdienst wurde jedem Opfer Salz hinzugefügt. Dieser Brauch wie auch das Darbringen von Weihrauch bedeutete, daß nur die Gerechtigkeit Christi diesen Dienst für Gott annehmbar machen konnte. Auf diesen Brauch bezog sich Christus mit den Worten: „Jedes Opfer wird mit Salz gesalzen ... Habt Salz bei euch und habt Frieden untereinander!“ Markus 9,4950. Alle, die sich selbst darbringen als ein „Opfer, das da lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei“ (Römer 12,1), müssen das rettende Salz — nämlich die Gerechtigkeit unseres Heilandes — erhalten. Dann erst werden sie zum „Salz der Erde“ und halten das Übel von den Menschen fern, so wie auch das Salz vor dem Verderben schützt. Wenn aber „das Salz kraftlos wird“ (Matthäus 5,13), wenn die Frömmigkeit nur Lippendienst ist und die Liebe Christi fehlt, dann fehlt es an Kraft zum Guten. Solch ein Leben übt auf die Welt keinen rettenden Einfluß mehr aus. Eure Kraft und Tüchtigkeit bei der Errichtung meines Reiches, so will Jesus sagen, hängen davon ab, daß ihr von meinem Geist erfüllt werdet. Ihr müßt an meiner Gnade teilhaben, um ein „Geruch des Lebens zum Leben“ zu sein. 2.Korinther 2,16. Dann wird es keine Rivalität, keine Selbstsucht und kein Streben nach dem höchsten Rang mehr geben. Dann erfüllt euch die Liebe, die nicht das ihre sucht, sondern das Wohl des andern.

 

Möchte doch der reuige Sünder aufschauen zu „Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt“! Johannes 1,29. Das Anschauen wird ihn umwandeln. Seine Furcht wird sich in Freude, seine Zweifel in Hoffnung verkehren, und Dankbarkeit wird in ihm aufblühen. Johannes 16,20. Sein steinernes Herz wird zerbrochen. Eine Flut der Liebe ergießt sich in seine Seele. Christus wird in ihm zum Lebensquell, der „in das ewige Leben quillt“. Johannes 4,14. Unser Ich schreit nicht länger nach Anerkennung, sobald wir sehen, wie Jesus, der mit Sorgen und Kummer beladene Mann, für die Rettung der verlorenen, schwachen, verachteten und verlachten Menschen wirkt und dabei von Stadt zu Stadt zieht, bis er seinen Auftrag erfüllt hat. Und wenn wir ihn in Gethsemane erblicken, wo sein Schweiß in großen Blutstropfen herabfällt, oder am Kreuz, wo er im Todeskampf stirbt, dann trachten wir nicht länger nach Lob. Ein Blick auf Jesus beschämt uns wegen unserer Gemütskälte, Trägheit und Selbstsucht. Wir sind dann bereit, alles oder nichts zu sein, so daß wir unserem Meister von ganzem Herzen dienen können. Froh werden wir Jesus unser Kreuz nachtragen und Versuchung, Schande oder Verfolgung um seinetwillen ertragen.

 

„Wir aber, die wir stark sind, sollen der Schwachen Unvermögen tragen und nicht uns selber zu Gefallen leben.“ Römer 15,1. Niemand, der an Christus glaubt, sollte geringgeschätzt werden, mag sein Glaube auch schwach sein und seine Schritte unsicher wie die eines kleinen Kindes. Durch all das, wodurch wir anderen gegenüber im Vorteil sind — z.B. Erziehung, Bildung, Charaktergröße, christliches Verhalten, religiöse Erfahrung — sind wir Schuldner der weniger Begünstigten. Soweit es in unserer Macht steht, sollen wir ihnen dienen. Sind wir stark, dann sollen wir die Hände der Schwachen stützen. Engel der Herrlichkeit, die jederzeit das Antlitz des Vaters im Himmel schauen, freuen sich, diesen „Kleinen“ dienen zu dürfen. Furchtsame Seelen, die noch unangenehme Wesenszüge an sich haben, sind ihnen besonders anvertraut worden. Die Engel sind immer dort anwesend, wo sie am dringendsten gebraucht werden, bei denen, die am härtesten gegen das eigene Ich kämpfen müssen und deren Umgebung am trostlosesten ist. An diesem Dienst sollen die wahren Nachfolger Christi teilhaben.

 

Falls sich einer dieser Kleinen dazu hinreißen läßt, dir Unrecht zuzufügen, dann ist es deine Aufgabe, ihn wieder zurechtzubringen. Warte nicht, bis er den ersten Versuch zur Versöhnung unternimmt. „Was meint ihr?“ fragt Jesus. „Wenn irgendein Mensch hundert Schafe hätte und eins unter ihnen sich verirrte: läßt er nicht die neunundneunzig auf den Bergen, geht hin und sucht das verirrte? Und wenn sich‘s begibt, daß er‘s findet, wahrlich, ich sage euch, er freut sich darüber mehr als über die neunundneunzig, die nicht verirrt sind. Also ist‘s auch bei eurem Vater im Himmel nicht der Wille, daß eins von diesen Kleinen verloren werde.“ Matthäus 18,12-14. In der Gesinnung der Sanftmut, die darauf achtet, „daß du nicht auch versucht werdest“ (Galater 6,1), geh zu dem Irrenden und „halte es ihm vor zwischen dir und ihm allein“. Matthäus 18,15. Setze ihn nicht dadurch der Schande aus, daß du andern sein Vergehen unterbreitest. Verunehre Christus nicht dadurch, daß du die Sünde oder den Irrtum eines Menschen, der den Namen Christi trägt, der Öffentlichkeit preisgibst. Oftmals muß man dem Irrenden offen die Wahrheit sagen; er muß veranlaßt werden, seinen Irrtum einzusehen, damit er sich ändern kann. Du bist aber nicht dazu berufen, ihn zu richten oder zu verurteilen. Versuche auch nicht, dich selbst zu rechtfertigen, sondern hilf ihm, sich zu bessern. Seelische Wunden müssen besonders rücksichtsvoll und mit äußerstem Feingefühl behandelt werden. Nur eine Liebe, wie sie von dem Leidensmann auf Golgatha ausstrahlt, kann hier helfen. Voller Mitleid soll der Bruder mit dem Bruder umgehen, und er darf wissen, daß er im Falle des Erfolges eine „Seele vom Tode erretten und ... eine Menge von Sünden“ bedecken konnte. Jakobus 5,20.

 

Doch auch diese Mühe mag nutzlos sein. In solchem Falle sagte Jesus: „Nimm noch einen oder zwei zu dir.“ Matthäus 18,16. Möglicherweise hat ihr gemeinsamer Einfluß dort Erfolg, wo der einzelne erfolglos geblieben war. Da sie in der Auseinandersetzung neutral sind, werden sie wahrscheinlich auch unparteiisch handeln. Dadurch aber erhält ihr Rat bei dem Irrenden größeres Gewicht.

 

Will er jedoch auch auf sie nicht hören, dann, aber auch erst dann, soll die Angelegenheit der Gesamtheit der Gläubigen unterbreitet werden. Die Gemeindeglieder als Stellvertreter Christi sollen sich im Gebet vereinen und in aller Liebe darum bitten, daß der Missetäter sich bessern möge. Der Heilige Geist wird durch seine Diener reden und den Irrenden auffordern, zu Gott zurückzukehren. Der Apostel Paulus sagt im Auftrage Gottes: „Gott vermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasset euch versöhnen mit Gott!“ 2.Korinther 5,20. Wer diese gemeinsamen Vorschläge ablehnt, der hat das Band zerrissen, daß ihn mit Christus verknüpfte, und sich von der Gemeinde losgesagt. Hinfort, so sagt Christus, „sei er dir wie ein Heide und Zöllner“. Matthäus 18,17. Man soll aber nicht meinen, daß er damit von der Gnade Gottes abgeschnitten sei. Seine bisherigen Brüder sollen ihn nicht verachten oder vernachlässigen, sondern ihn mit Güte und aufrichtigem Mitgefühl behandeln — wie ein verlorenes Schaf, das Christus noch immer zu seiner Herde zurückzuführen sucht.

 

Die Lehre Christi, wie man Irrende behandeln soll, wiederholt in besonderer Form die Unterweisung, die Israel durch Mose erteilt wurde: „Du sollst deinen Bruder nicht hassen in deinem Herzen, sondern du sollst deinen Nächsten zurechtweisen, damit du nicht seinetwegen Schuld auf dich ladest.“ 3.Mose 19,17. Das bedeutet, daß jemand, der die von Christus eingeschärfte Pflicht vernachlässigt, Irrende und Sünder auf den rechten Weg zu bringen, ihrer Sünde teilhaftig wird. An Übeltaten, die wir hätten verhindern können, sind wir genauso mitschuldig, als hätten wir sie selbst begangen.

 

Aber allein dem Übeltäter sollen wir sein Unrecht vor Augen führen. Unter uns darf der Fall nicht zu einem Gegenstand der Erörterung und des Tadels werden. Selbst dann, wenn die Angelegenheit bereits der Gemeinde unterbreitet wurde, ist es uns nicht gestattet, sie andern gegenüber zu wiederholen. Wenn ungläubige Menschen von den Fehlern der Christen erfahren, geraten sie dadurch lediglich ins Straucheln, und wenn wir immer wieder auf diese Vorfälle zurückkommen, so können sie auch uns schaden; denn durch Anschauen werden wir verwandelt. Trachten wir danach, das Fehlverhalten eines Bruders zu bessern, wird uns Christi Geist dazu veranlassen, ihn möglichst vor der Kritik seiner Mitbrüder und noch weit mehr vor dem Urteil der Ungläubigen zu schützen. Auch wir sind ja dem Irrtum unterworfen und benötigen Christi Barmherzigkeit und Vergebung. Wie wir von Christus behandelt werden wollen, so sollen wir es nach seinem Wunsch auch untereinander tun.

 

„Was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel los sein.“ Matthäus 18,18. Ihr seid Gesandte des Himmels, und die Folgen eures Handelns reichen in die Ewigkeit hinein. Diese große Verantwortung brauchen wir jedoch nicht allein zu tragen. Christus weilt nämlich dort, wo Menschen seinem Wort aufrichtigen Herzens gehorchen. Er ist nicht nur in den Versammlungen der Gemeinde gegenwärtig, sondern wo immer sich seine Jünger in seinem Namen versammeln, wie wenige es auch sein mögen, da wird er ebenfalls sein. Er sagt: „Wenn zwei unter euch eins werden auf Erden, worum sie bitten wollen, das soll ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel.“ Matthäus 18,19. Jesus spricht von „meinem Vater im Himmel“, weil er seine Jünger daran erinnern möchte, daß er durch sein Menschsein zwar mit ihnen verbunden ist, an ihren Versuchungen teilhat und mit ihren Leiden mitempfindet, daß jedoch seine Gottheit ihn zugleich mit dem Thron des Unendlichen verbindet. Welch herrliche Verheißung! Die himmlischen Wesen vereinen sich voller Mitgefühl mit den Menschen und wirken für die Errettung der Verlorenen. Die Macht des Himmels vereinigt sich mit den Fähigkeiten der Menschen, um Seelen für Christus zu gewinnen.

 

Kapitel 49: Auf dem Laubhüttenfest


Auf der Grundlage von Johannes 7,1-15; Johannes 7,37-39.


Dreimal jährlich sollten sich die Juden in Jerusalem versammeln, um den anzubeten, der ihnen aus der Wolkensäule heraus diese Weisung gegeben hatte. Während der Babylonischen Gefangenschaft konnten sie diesem göttlichen Gebot nicht nachkommen; seit sie aber wieder in ihrem Heimatland wohnten, nahmen sie die ihnen verordneten Gedächtnistage sehr ernst. Gott wollte, daß diese jährlich wiederkehrenden Feste das Volk Israel an ihn erinnerten; aber mit wenigen Ausnahmen hatten die Priester und Führer des Volkes diesen Zweck vergessen. Christus, der diese Zusammenkünfte des ganzen Volkes verordnet hatte und auch deren Bedeutung verstand, bezeugte nun, daß sie ihren Sinn verloren hatten.


Das Laubhüttenfest beschloß die Reihe der jährlichen Feste. Gottes Wunsch war es gewesen, daß Israel in dieser Zeit über seine Güte und Gnade nachdenken sollte. Das ganze Land hatte in reichstem Maße seinen Schutz und Segen genossen; Tag und Nacht war seine fürsorgende Hand spürbar gewesen, und stets hatte er Sonnenschein und Regen für Saat und Ernte gegeben. In den Tälern und Ebenen Judas war die Ernte eingebracht worden. Die Oliven waren gepflückt und das kostbare Öl in Schläuche gefüllt. Die Palme hatte ihre Frucht geliefert, und die roten Weintrauben waren in der Kelter getreten worden. Sieben Tage dauerte das Laubhüttenfest, zu dessen Feier die Bewohner des ganzen Landes, ja sogar viele aus anderen Ländern, nach Jerusalem kamen. Alle erschienen sie, von nah und fern, und trugen Zeichen der Freude in den Händen; alt und jung, reich und arm, jeder kam mit einer Gabe des Dankes als Opfer für den, der das Jahr mit seiner Güte gekrönt hatte und der das Land ließ „triefen von Fett“. Psalm 65,12 (Bruns). Alles, was Auge und Herz erfreuen konnte, wurde in die Stadt gebracht, so daß Jerusalem aussah wie ein schöner Garten.


Es war nicht nur ein Erntedankfest, sondern sollte vor allem eine Gedächtnisfeier sein für Gottes schützende Fürsorge in der Wüste. Zum Gedenken an das Zeltleben wohnten die Juden während der sieben Tage in Lauben oder Hütten aus grünen Zweigen, die auf den Straßen, in den Tempelhöfen und auf den Dächern errichtet wurden. Sogar die Hügel und Täler rings um Jerusalem waren mit „Laubhütten“ bedeckt und schienen von Menschen zu wimmeln. Mit geistlichen Liedern und Dankgebeten feierten die Juden dieses Fest. Der große Versöhnungstag, der kurz vorher begangen worden war, hatte nach dem allgemeinen Bekenntnis der Sünden Frieden mit dem Himmel in die Herzen gebracht und damit den Weg zu diesem frohen Fest vorbereitet. „Danket dem Herrn; denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich“ (Psalm 106,1), so tönte es weit und breit, während der Klang der verschiedensten Musikinstrumente, vermischt mit Hosianna-Rufen, den frohlockenden Jubel begleitete. Der Tempel war der Mittelpunkt dieser allgemeinen Freude. Hier entfaltete sich aller Glanz der Opferzeremonien. Auf den Marmortreppen des Tempels stehend, führte der Levitenchor den Gesang an; die anbetende Menge bewegte im gleichen Takt Palmen- und Myrtenzweige hin und her und wiederholte mit lauter Stimme den Kehrreim des Liedes. Immer mehr Andächtige nahmen diesen Gesang auf, und immer weiter drang der Schall dieser Klänge, bis er Stadt und Umgebung mit dem Lobe Gottes füllte.


Bei Dunkelheit erleuchtete künstliches Licht den Tempel mit seinen Vorhöfen. Musik und das Schwenken der Palmzweige, die Hosianna-Rufe der gewaltigen Volksmenge, über die sich das Licht der hängenden Lampen ergoß, die Pracht der priesterlichen Gewänder und das Feierliche des Gottesdienstes vereinigten sich zu einem Erleben, das die Menge tief beeindruckte. Am nachhaltigsten aber war die Wirkung jenes Augenblickes, in dem eines Ereignisses gedacht wurde, das sich während der Wüstenwanderung abgespielt hatte.


Beim ersten Morgengrauen ließen die Priester einen langen, gellenden Ton aus ihren silbernen Posaunen erschallen; die antwortenden Trompetentöne und die Freudenrufe des Volkes, die über Berge und Täler hallten, begrüßten den Festtag. Ein Priester füllte eine silberne Kanne mit Wasser aus der Quelle Siloah und stieg unter dem Schall der Posaunen langsamen, feierlichen Schrittes mit der hocherhobenen Kanne die Stufen des Tempels hinauf; dazu sang er die Psalmworte. „Nun stehen unsere Füße in deinen Toren, Jerusalem.“ Psalm 122,2.


Der Priester trug die Kanne mit dem heiligen Wasser zum Altar, der in der Mitte des Priesterhofes stand und auf dem sich zwei silberne Schalen befanden. Ein anderer Priester füllte die eine Schale mit dem Wasser aus der Siloahquelle, während die zweite Schale von einem dritten Priester mit Wein gefüllt wurde. Nun flossen Wasser und Wein zusammen durch eine Röhre in den Kidron und von hier weiter in das Tote Meer. Diese Darstellung des geweihten Wassers versinnbildete den Quell, der auf Gottes Befehl dem Felsen entsprang, um den Durst Israels in der Wüste zu stillen. Während dieser Handlung sang die Menge: „Gott der Herr ist meine Stärke ... Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen.“ Jesaja 12,23.


Als Josephs Söhne sich vorbereiteten, das Laubhüttenfest in Jerusalem zu besuchen, bemerkten sie zu ihrem Erstaunen, daß Jesus selbst keinen Anteil an den Vorkehrungen zu nehmen schien. Ihre Besorgnis war um so größer, da Christus seit der Heilung am Teich Bethesda zu keinem der großen jüdischen Feste nach Jerusalem gekommen war; er hatte sich in seiner Tätigkeit ganz auf Galiläa beschränkt, um unnötige Reibereien mit dem Hohen Rat in Jerusalem zu vermeiden. Die scheinbare Vernachlässigung der gottesdienstlichen Zusammenkünfte in der Hauptstadt und die offene Feindschaft der Priester und Rabbiner gegen Christus beunruhigten seine Umgebung sehr. Von dieser Unruhe blieben auch die Jünger und die nächsten Verwandten nicht verschont. Der Herr hatte oft über den Segen des Gehorsams gegenüber dem Gesetz gesprochen; um so erstaunlicher war es nun, daß er selbst den von Gott eingesetzten Festen gleichgültig gegenüberzustehen schien. Sein Umgang mit Zöllnern und anderen verdächtigen Leuten, die Mißachtung der rabbinischen Verordnungen und die Freiheit, mit der er die altüberlieferten Satzungen über den Sabbat behandelte, brachten ihn in Gegensatz zu der jüdischen Führungsschicht und ließen manche Frage aufkommen. Seine Brüder hielten es für einen Fehler, daß er sich von den einflußreichen und bedeutenden Männern des Volkes lossagte. Sie glaubten, daß jene Männer im Recht sein müßten, und sie hielten es für tadelnswert, daß Jesus sich im Gegensatz zu jenen befand. Anderseits hatten sie jedoch sein makelloses Leben beobachten können, und wenn sie auch nicht seine Jünger wurden, so war sein Wirken nicht ohne tiefen Eindruck auf sie geblieben. Seine Beliebtheit in Galiläa befriedigte ihren Ehrgeiz, und sie hofften immer noch, daß er einen Beweis seiner Macht geben werde, der auch die Pharisäer davon überzeugen mußte, daß er der war, der er zu sein beanspruchte. Was, wenn er wirklich der Messias wäre? Diese Vorstellung erfüllte sie mit stolzer Genugtuung.


Dieser Gedanke wurde mit der Zeit immer stärker in ihnen, so daß sie jetzt Christus drängten, nach Jerusalem zu gehen. „Zieh doch fort von hier und geh nach Judäa, damit deine Jünger dort deine Werke sehen, die du tust! Denn keiner, der in der Öffentlichkeit etwas gelten will, tut seine Werke im verborgenen. Wenn du also solche Dinge tun kannst, so offenbare dich der Welt!“ Johannes 7,34 (Bruns). Das „Wenn“ drückte Zweifel und Unglaube aus. Seine Brüder hielten ihn für feige und schwächlich. Wenn er davon überzeugt wäre, der Messias zu sein, warum dann diese merkwürdige Zurückhaltung und Tatenlosigkeit? Besäße er wirklich solche Macht, warum ging er dann nicht kühn nach Jerusalem, um seine Ansprüche geltend zu machen? Warum vollbrachte er nicht auch in Jerusalem solche wunderbaren Werke, wie man von ihm aus Galiläa berichtete? Versteck dich nicht in einsamen Provinzen, sagten sie, sondern laß deine machtvollen Taten zum Nutzen der ungebildeten Bauern und Fischer geschehen. Stelle dich in der Hauptstadt vor, sichere dir den Beistand der Priester und Oberen und einige das Volk durch die Schaffung des neuen Reiches.


Die Brüder Jesu urteilten aus selbstsüchtigen Beweggründen, die man so oft in den Herzen derer findet, die sich aus Ehrgeiz immer in den Vordergrund drängen. Dieser Geist beherrschte die Welt. Sie ärgerten sich ferner darüber, daß Christus nicht einen irdischen Thron suchte, sondern sich als das Brot des Lebens bezeichnete. Sehr enttäuscht waren sie, als so viele seiner Jünger ihn verließen. Sie selbst wandten sich von ihm ab, um dem Kreuz zu entfliehen. Und doch mußten sie sich eingestehen, daß seine Werke ihn als Gesandten Gottes offenbaren.


„Da spricht Jesus zu ihnen: Meine Zeit ist noch nicht da; eure Zeit aber ist allewege. Die Welt kann euch nicht hassen. Mich aber hasset sie, denn ich bezeuge ihr, daß ihre Werke böse sind. Gehet ihr hinauf auf das Fest! Ich will noch nicht hinaufgehen auf dieses Fest, denn meine Zeit ist noch nicht erfüllt. Da er aber das zu ihnen gesagt, blieb er in Galiläa.“ Johannes 7,6-9. Seine Brüder hatten im Befehlston zu ihm gesprochen und ihm vorgeschrieben, welchen Weg er einschlagen sollte. Er jedoch ließ ihren Vorwurf auf sie zurückfallen, wobei er sie nicht seinen selbstverleugnenden Jüngern, sondern der Welt zuordnete. „Die Welt kann euch nicht hassen“, sagte er. „Mich aber hasset sie, denn ich bezeuge ihr, daß ihre Werke böse sind.“ Die Welt haßt jene nicht, die ihr geistesverwandt sind, sondern liebt sie als ihr Eigentum.


Die Welt war für Christus kein Ort der Bequemlichkeit und Selbsterhöhung; er wartete auch auf keine Gelegenheit, um von ihr Macht und Ehre zu erhaschen — sie konnte ihn nicht in dieser Weise belohnen. Die Erde war der Platz, an den Gott der Vater ihn gestellt hatte. Hier war sein Arbeitsfeld. Er war dahingegeben worden, damit die Welt das Leben haben möge und er für die gefallenen Menschen den großen Erlösungsplan zur Ausführung bringe. Aber den Gang der Geschehnisse, die auf ihn zueilten, noch mehr beschleunigen, das durfte er nicht. Jedes Ereignis seines Wirkens hatte seine vorgesehene Zeit, die er geduldig abwarten mußte. Er wußte wohl, daß er den Haß der ganzen Welt tragen und daß sein aufopferndes Ringen schmachvollen Tod ernten würde, aber es war nicht des Vaters Wille, sich vor der Zeit seinen Feinden auszuliefern.


Von Jerusalem aus hatten sich Jesu Wundertaten überall im Lande herumgesprochen und waren bis zu den verstreut lebenden Juden gedrungen. Obgleich er schon seit Monaten nicht mehr an den Festen teilgenommen hatte, fand sich sein Name in aller Munde. Ein großer Teil der Festbesucher aus allen Teilen der damaligen Welt war in der festen Hoffnung in Jerusalem erschienen, Jesus hier zu sehen. Schon zu Beginn des Festes fragten sie nach ihm. Auch die Pharisäer und Obersten warteten auf sein Erscheinen und hofften auf eine Gelegenheit, ihn endlich verurteilen zu können. Eifrig forschten sie überall: „Wo ist der?“ Johannes 7,11. Aber niemand wußte es. Viele Juden beschäftigten sich in Gedanken unaufhörlich mit Jesus. Nur die Furcht vor den Priestern und Obersten hinderte sie, ihn als den Messias auszurufen und sich zu ihm zu bekennen. Heimlich unterhielt man sich über ihn, und während viele ihn als den von Gott Gesandten verteidigten, brandmarkten andere ihn als Betrüger.


Inzwischen war Jesus in aller Stille nach Jerusalem gekommen. Er hatte einsame Wege gewählt, um den zahllosen Reisenden zu entgehen, die aus allen Himmelsrichtungen der Heiligen Stadt zuströmten. Hätte er sich irgendeiner Karawane angeschlossen, wäre die allgemeine Aufmerksamkeit bei seinem Einzug in die Stadt zu groß gewesen. Er aber wußte, daß eine für ihn veranstaltete Kundgebung des Volkes der Obrigkeit den erwünschten Anlaß gegeben hätte, gegen ihn einzuschreiten. Um dies zu vermeiden, hatte er einen einsamen Reiseweg gewählt.


Mitten in der Festwoche, als die Erregung bezüglich seiner Person den Höhepunkt erreicht hatte, betrat Jesus den Tempelhof. Im Volke hatte man bereits behauptet, er wage es nicht, sich in die Gewalt der Priester und Obersten zu begeben, da er nicht zum Fest erschienen sei. Nun war man überrascht. Der Lärm des Festes verstummte — alle bewunderten die königliche Anmut und Würde seines Auftretens und seinen Mut, sich angesichts seiner mächtigen Feinde, die ihm nach dem Leben trachteten, so frei zu zeigen.


So stand Jesus im Brennpunkt der Aufmerksamkeit aller, die im Tempel waren. Er redete zu ihnen, wie noch nie ein Mensch zu ihnen geredet hatte. Seine Worte bewiesen eine Kenntnis des Gesetzes und der jüdischen Einrichtungen, des Opferdienstes und der Lehren der Propheten, welche die der Priester und Rabbiner weit übertraf. Er durchbrach die Schranken des starren Formenwesens und der Überlieferungen; die Zukunft schien ihm enthüllt. Mit der Bestimmtheit eines Menschen, der das Unsichtbare wahrnimmt, sprach er von irdischen und himmlischen, von menschlichen und göttlichen Dingen. Seine Worte waren sehr klar und überzeugend. Wie in Kapernaum wunderte sich das Volk über die Kraft seiner Lehre, „denn er predigte in Vollmacht“. Lukas 4,32. In immer wieder anderen Schilderungen warnte er seine Hörer vor dem Unheil, das alle jene heimsuchen würde, welche die Segnungen verwerfen, die zu bringen er gekommen war. Daß er von Gott kam, hatte er ihnen auf jede mögliche Art bewiesen, und er hatte alles getan, um sie zur Reue zu bewegen. Er wäre nicht von seinem eigenen Volk verworfen und umgebracht worden, wenn er es vor der Schuld einer solchen Tat hätte bewahren können.


Alle wunderten sich über seine tiefe Kenntnis des Gesetzes und der Propheten. Man fragte sich: „Wie kennt dieser die Schrift, obwohl er sie doch nicht gelernt hat?“ Johannes 7,15. Bisher wurde niemand als Religionslehrer anerkannt und geachtet, der nicht die Schule der Rabbiner besucht hatte; darum waren auch Johannes der Täufer und Jesus als Unwissende abgetan worden. Die diese beiden jedoch hörten, waren erstaunt über deren Schriftkenntnis, die sie auf keiner Schule erworben hatten. Menschen waren nicht ihre Lehrer gewesen, sondern Gott im Himmel hatte sie beide gelehrt. Von ihm hatten sie höchste Weisheit und alle Erkenntnis empfangen. Die Wirkung seiner Rede im Hof des Tempels ließ seine Zuhörer wie gebannt vor ihm stehen; selbst die eifrigsten Gegner Jesu sahen sich außerstande, ihm Schaden zuzufügen. Für den Augenblick hatten sie alles andere vergessen. Täglich lehrte der Heiland nun das Volk, bis zum „letzten Tage des Festes, der am herrlichsten war“. Johannes 7,37 (Jubiläumsbibel). Als am Morgen dieses Tages das Volk von den anstrengenden Festlichkeiten ermüdet war, erhob Jesus seine Stimme, daß sie in alle Vorhöfe drang, und rief:


„Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von des Leibe werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“ Johannes 7,3738. Die innere Verfassung der Juden verlieh dieser Aufforderung besonderen Nachdruck. Sie waren eingespannt gewesen in des Festes Pracht und Glanz; Farbe und Licht hatten ihre Augen geblendet, und ihre Ohren hatten in den harmonischsten Klängen geschwelgt; für alles war gesorgt gewesen, nur die Bedürfnisse des Geistes waren in all diesen Zeremonien zu kurz gekommen, und den Durst der Seele nach dem Ewigen hatte man nicht gestillt. Da erreichte sie die Einladung Jesu, zu ihm zu kommen und aus dem Lebensbrunnen das Wasser zu trinken, das in das ewige Leben quillt.


Die Priester hatten gerade an diesem Morgen jene Handlung vorgenommen, die an das Schlagen des Felsens in der Wüste erinnerte. Dieser Felsen war ein Sinnbild auf den, durch dessen Erlösungsopfer lebendige Ströme des Heils allen Durstigen zufließen würden. Christi Worte waren das Wasser des Lebens. Im Beisein der großen Menge ließ er sich schlagen, damit das Wasser des Lebens in die Welt fließen konnte. Satan beabsichtigte durch den Angriff auf Jesus, den Fürsten des Lebens zu überwinden; aber da floß aus dem geschlagenen Felsen lebendiges Wasser. Als Jesus zu den Versammelten sprach, erschütterten sie seine Worte so sehr, daß sie wie die Samariterin ausrufen wollten: „Herr, gib mir solches Wasser, auf daß mich nicht dürste!“ Johannes 4,15.


Der Heiland kannte die seelischen Bedürfnisse des Volkes und wußte, daß weder Pracht noch Reichtum und Ehre das Herz befriedigen konnten. „Wen da dürstet, der komme zu mir!“ Alle sind willkommen — ob arm oder reich, hoch oder niedrig vor der Welt, bei dem Herrn sind alle gleich herzlich willkommen! Er verheißt durch sein Wort, das beladene Gemüt zu befreien, die Betrübten zu trösten und den Niedergeschlagenen und Verzweifelten neue Hoffnung zu geben. Viele von denen, die Jesus zuhörten, trauert