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Ein Nikolaus für Holger

 

Fröstelnd zog Holger die Schultern zusammen und schlug den Mantelkragen hoch. Ein eisiger Wind trieb ihm die Schneeflocken ins Gesicht und ließ das kristallene Geriesel auf dem Gehweg hin und her tanzen. Ende November und dann solch ein Wetter. Seufzend schaute er auf die Uhr der Kirche, die in einiger Entfernung zu sehen war. Erst knapp halb vier und trotzdem war es schon ziemlich dunkel. In den Geschäften waren bereits alle Lichter angeschaltet und die Schaufenster kündigten mit glitzernden und funkelnden Dekorationen das bevorstehende Weihnachtsfest an.

 

An der Ecke des großen Kaufhauses sah Holger einen Mann sitzen. Als er näherkam, erkannte er, dass es sich um denselben Typen handelte, den er bereits seit Wochen montags, mittwochs und freitags dort bemerkt hatte. Wieder hockte er an die Wand gepresst da, hatte eine Dose vor sich stehen und hoffte auf Spenden von mitleidigen Passanten. Wie jedes Mal wollte Holger einige Münzen in den metallenen Becher fallen lassen, da registrierte er, dass die Gesichtsfarbe des um Almosen Bettelnden deutlich anders war als sonst. Normalerweise wirkte sie eher grau, doch an diesem Tag schien sein Antlitz förmlich zu glühen, die Augen glänzten zudem fiebrig, und noch während Holger überlegte, ob er etwas tun konnte, ließ ein Hustenanfall den sehr schmalen und etwas mitgenommenen Körper förmlich erzittern. Es kam Holger so vor, als ob der Mann überhaupt nicht mehr aufhören konnte und es klang, als ob er sich die Lunge aus dem Leib husten wollte. Immer wieder krümmte er sich und rutschte dabei weiter gen Boden.

 

Endlich klang der Anfall ab und der so heftig Gepeinigte rang schwer keuchend nach Luft. Holger beugte sich zu ihm hinunter und schaute sich zum ersten Mal die komplette Gestalt ein wenig genauer an. Der Kerl sah eigentlich gar nicht schlecht aus. Ein wenig schmutzig war er und er duftete auch nicht gerade nach Rosen, doch seine Gesichtszüge oberhalb des Bartbewuchses wirkten sehr ebenmäßig, die Nase war schmal und fast edel zu nennen, die Stirn war glatt und die Lippen wirkten durchaus sinnlich. Verdammt, was machte eine Sahneschnitte wie diese eigentlich hier auf der Straße, warum hatte dieser Mensch kein Zuhause, sondern saß bettelnd und scheinbar krank in der Kälte?

 

Die Augen des auf dem Boden Liegenden schienen durch Holger hindurchzusehen, obwohl es den Anschein hatte, als ob ein Funke des Erkennens in ihnen aufflackerte – nur für einen Moment, als Holger sich über ihn neigte, um ihm zu helfen, erneut eine aufrechte Sitzposition einzunehmen. Doch kaum hatte Holger ein paar Euro in die Dose geworfen und sich zum Gehen gewandt, da sackte die an die Wand gelehnte, aufs Heftigste zitternde Person einfach zusammen. Hart schlug sie mit dem Kopf auf dem Boden auf, der Atem ging flach, die Augen waren geschlossen, und eine plötzlich eingetretene, tiefe Bewusstlosigkeit umfing den jungen Mann.

 

Erschrocken drehte sich Holger um, zückte sein Handy und rief einen Krankenwagen, der bereits Minuten später zur Stelle war. Die Sanitäter legten den Ohnmächtigen auf die Krankentrage, luden selbige ein und schlossen die Fahrzeugtüren. Holger half ihnen schnell, die Habseligkeiten des Mannes einzusammeln, erkundigte sich, wohin er nun gebracht werden sollte, und schaute schließlich dem mit Blaulicht und Martinshorn abfahrenden Auto einen Augenblick lang nach.

 

Nachdenklich setzte er seinen Heimweg fort. Er hatte beinahe ein schlechtes Gewissen, dass ihn zuhause eine gepflegte große Wohnung erwartete, die er ganz allein bewohnte, während es Menschen gab, die, aus welchen Gründen auch immer, keine Bleibe hatten. Natürlich wusste er, dass alle Bedürftigen einen Unterschlupf erhalten konnten, doch ihm war ebenso klar – nach allem, was er gelesen und gehört hatte – dass manche es trotzdem eher vorzogen, auf der Straße zu bleiben, statt sich mit vielen anderen eine Unterkunft teilen zu müssen.

 

Als er seine Haustür aufgeschlossen und es sich wenig später auf der Couch im Wohnzimmer gemütlich gemacht hatte, tauchte das Gesicht des offensichtlich Obdachlosen schemenhaft vor seinem inneren Auge auf. Der Mann hatte irgendwie stolze Gesichtszüge, das war ihm vorhin zum ersten Mal bewusst aufgefallen. Seiner Kleidung hatte man zudem ansehen können, dass er ziemlich sicher schon bessere Tage erlebt hatte. Was mochte ihn auf die Straße getrieben haben, so jung, wie er scheinbar war? Holger schätzte ihn auf höchstens fünfundzwanzig, maximal ein oder zwei Jahre mehr. Gleich am nächsten Tag würde er sich in der Klinik nach ihm erkundigen. Es war schließlich Wochenende und er hatte den ganzen Tag Zeit.

 

*

 

Nach einer etwas unruhigen Nacht, in der Holger dauernd wach wurde, weil er an den Vorfall des vorherigen Abends denken musste, machte er sich am frühen Nachmittag auf den Weg zum Krankenhaus. Unterwegs besorgte er statt der obligatorischen Blumen ein paar Sachen, von denen er meinte, dass sie dem Kranken sicher nützlicher sein könnten. Nicht nur eine gut gefüllte Kulturtasche, sondern auch einen warmen Pullover sowie einen Schal nebst Mütze und Handschuhen ließ er sich von der Verkäuferin des Kaufhauses einpacken. Er war zwar ein wenig unsicher, ob er damit nicht zu viel des Guten tat, andererseits wollte er dem Unbekannten gerne helfen, und wenn auch nur mit diesen Utensilien. Hoffentlich wies er sie nicht aus falschem Stolz zurück.

 

Im Krankenhaus wollte man ihm zunächst natürlich keine Auskunft geben. Erst nachdem Holger der diensthabenden Schwester an der Aufnahme den gestrigen Vorfall geschildert hatte, ließ sie sich erweichen.

 

„Na gut, weil Sie so nett und ja beinahe sein Lebensretter sind. Er heißt Nikolaus Schauenburg und liegt auf der Männerstation für Inneres und Chirurgie, Zimmer 312 im dritten Stock.“

 

Holger durchzuckte es, dieser Name war ihm nicht unbekannt. Mit einer Annika Schauenburg war er zur Schule gegangen, und die Schauenburgs waren in dieser Stadt ziemlich bekannt, der Familie gehörte eine relativ große Fleischwarenfabrik. Wenn er sich recht erinnerte, hatte Annika einen Bruder gehabt, der ungefähr zwei Jahre jünger war als sie selbst. Aus irgendwelchen Gründen hatte man den Jungen allerdings in ein Internat gesteckt, statt ihn das örtliche Gymnasium besuchen zu lassen, deshalb hatte er ihn nie gesehen und konnte ihn folglich auch nicht erkennen. Zudem war er selber erst mit knapp sechzehn in diese Stadt gezogen, nachdem seine Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren und seine Großeltern ihn aufgenommen hatten. Das würde sogar seine Vermutung bestätigen, was das Alter anging, demnach musste dieser Nikolaus tatsächlich um die sechsundzwanzig sein.

 

„Der junge Mann hatte ja ziemliches Glück, dass Sie für seine rechtzeitige Einlieferung gesorgt haben. Aus seiner fiebrigen Bronchitis hätte durchaus eine Lungenentzündung werden können. Das wiederum hätte  dramatisch enden können, denn die Verhältnisse, in denen der Mann zu leben scheint, sind ja offensichtlich eher bescheiden bis schlecht. Es war definitiv ziemlich knapp.“

 

Während die Schwester Holger das unter dem Siegel der Verschwiegenheit erzählte, warf sie sich ordentlich in Pose, was diesem natürlich nicht verborgen blieb und ihm daraufhin ein leichtes Schmunzeln entlockte. Schade, dass er so gar nichts mit Frauen anfangen konnte, denn diese junge Dame war sicher nach normalen Maßstäben durchaus attraktiv zu nennen, nur leider … eben nicht für ihn.

 

„Vielen Dank, ich werde mal schauen, ob ich ihn finde“, dankte Holger ihr mit einem Lächeln und drehte sich in Richtung Fahrstuhl.

 

„Wahrscheinlich ist Herr Schauenburg noch nicht ansprechbar, er hat immerhin einige Medikamente erhalten. Bitte bleiben Sie daher nicht zu lange bei ihm, er braucht absolute Ruhe“, rief ihm die Schwester halblaut hinterher.

 

Holger nickte ihr freundlich zu, dann schlossen sich die Fahrstuhltüren und er glitt nach oben.

 

Das richtige Zimmer war schnell gefunden und wie vorausgesagt, schlief Nikolaus Schauenburg tief und fest. Sein Gesicht war nicht mehr so stark gerötet und auch seine Atmung war deutlich gleichmäßiger als am Vortag. Leise verließ Holger nach einem Augenblick das Zimmer und suchte die Stationsschwester.

 

„Entschuldigen Sie bitte, ich wollte eigentlich zu Herrn Schauenburg, der ist aber leider noch nicht wach. Würden Sie ihm bitte diese Sachen hier übergeben?“

 

„Gerne, aber … mit wem habe ich das Vergnügen? Sind Sie ein Verwandter des Patienten?“, entgegnete die Angesprochene freundlich, wobei sie Holger von oben bis unten musterte.

 

„Nein, nicht verwandt, doch ich habe ihn gestern quasi gefunden. Und da es auf mich den Eindruck machte, als wäre er mit irdischen Gütern nicht gerade gesegnet, dachte ich, ein paar warme Sachen und einige Pflegeprodukte könnte er sicher besser gebrauchen als Blumen oder Schokolade. Wenn er wach ist, richten Sie ihm doch bitte aus, dass ich morgen wieder vorbeischaue, ja?“

 

„Verraten Sie mir denn nun wenigstens Ihren Namen?“, kam es lächelnd von der jungen Frau, wobei sie die Sachen inspizierte und anerkennend nickte. „Das ist wirklich gut, Mütze und Schal hatte er nämlich nicht dabei.“

 

„Oh, entschuldigen Sie bitte. Mein Name ist Holger von Hartten. Ich danke Ihnen sehr. Bis morgen, Schwester.“

 

„Rebecca, ich bin Schwester Rebecca oder auch kurz Becky. Ich richte es ihm aus, sobald er ansprechbar ist, versprochen. Bis morgen, Herr von Hartten.“

 

Mit einem Winken verließ Holger die Station, enterte den Fahrstuhl und strebte anschließend dem Ausgang entgegen.

 

*

 

Am nächsten Tag versuchte er im Krankenhaus erneut sein Glück. Das war ihm jedoch nicht hold, denn auch bei diesem Besuch traf er Nikolaus nur schlafend an. Holger suchte nach Schwester Becky und fand sie im Schwesternzimmer.

 

„Guten Tag, Schwester Rebecca. Schade, ich habe Herrn Schauenburg auch dieses Mal nicht sprechen können. Wann wird er denn endlich aufwachen?“, begann er die Unterhaltung.

 

„Guten Tag, Herr von Hartten. Herr Schauenburg war zwischendurch nur sehr kurz einmal wach, doch zumindest Ihre Grüße konnte ich ihm bestellen.“

 

„Wenn er erneut ansprechbar sein sollte, würden Sie ihm bitte ausrichten, dass ich erst am Samstag wieder herkommen kann? Leider muss ich die ganze Woche beruflich unterwegs sein und das quer durchs Land. Früher schaffe ich es einfach nicht.“

 

„Natürlich richte ich das aus. Ich werde ihm auch erzählen, dass Sie die schönen Sachen vorbeigebracht haben, obwohl Sie ihn doch gar nicht kennen. Das finde ich im Übrigen sehr großzügig von Ihnen.“

 

„Wissen Sie, Schwester, ich habe einfach das Glück, finanziell unabhängig zu sein, was man von Herrn Schauenburg sicher nicht behaupten kann. Ich würde ihm gerne auch weiterhin helfen, nur dazu müsste ich mich wenigstens einmal mit ihm unterhalten können.“

 

„Na, ich denke, am Samstag müsste das klappen, wir päppeln ihn schon hoch.“

 

„Danke Schwester! Auf Wiedersehen und haben Sie eine schöne Woche.“

 

Mit diesen Worten verabschiedete sich Holger und verließ die Klinik, wobei ihn plötzlich ein eigenartiges Gefühl beschlich, das er sich partout nicht erklären konnte. Ihm war, als würde sich etwas ankündigen wollen, er wusste bloß nicht, was. 

 

*

 

Einige Tage später bewahrheitete sich seine Ahnung. Nikolaus war gegangen. Er hatte sich aus dem Krankenhaus auf eigene Gefahr entlassen lassen und war verschwunden. Als Holger samstags auf die Station kam und das Zimmer betrat, fand er das Bett leer vor. Schwester Rebecca, die er daraufhin aufsuchte, um zu fragen, wohin man Nikolaus Schauenburg verlegt hatte, klärte ihn über die Entscheidung des Patienten auf.

 

„Das war ganz eigenartig, Herr von Hartten. Nachdem er endlich komplett fieberfrei und ansprechbar war, habe ich alles ausgerichtet, was Sie mir aufgetragen hatten. Auch, dass Sie ihn gefunden haben, dass die Kulturtasche und die warme Kleidung von Ihnen stammen und dass Sie gerne mit ihm sprechen wollten. Daraufhin wurde er sehr ruhig und nachdenklich. Die nächsten zwei Tage schien er viel zu überlegen, ließ sich Papier und Stift geben und gestern bat er schließlich um seine Entlassung. Da er so weit wiederhergestellt war und die volle Verantwortung für sein Tun übernehmen wollte, hatten wir keinerlei Handhabe, ihn festzuhalten. Das hier soll ich Ihnen von ihm geben. Bitte schön.“

 

Mit diesen Worten händigte sie ihm eine Tüte und einen Brief aus. Holger dankte ihr leise, nahm die Sachen an sich und ging langsamen Schrittes den Flur entlang zum Fahrstuhl.

 

Erst als er zuhause war, schaute er nach, was ihm da mitgegeben worden war. Was er entdeckte, stimmte ihn ein wenig traurig, war es doch die Kulturtasche, die er für Nikolaus gekauft hatte. Nur die warmen Sachen schien er behalten zu haben.

 

Einen Augenblick lang sah er ein wenig traurig auf das zurückgegebene Geschenk, dann öffnete er den Umschlag und zog mehrere eng beschriebene Blätter heraus. Die ausladende Schrift auf den Bögen war weich und schwungvoll, die Buchstaben waren jedoch klar und gut lesbar. Holger überlegte kurz, stand auf und holte sich aus der Küche eine Flasche guten Rotwein und ein Glas, marschierte damit ins Wohnzimmer und machte es sich auf der Couch gemütlich. Nachdem er einen Schluck des roten Getränks genossen hatte, begann er zu lesen.

 

Sehr geehrter Herr von Hartten,

 

zunächst möchte ich mich bei Ihnen dafür bedanken, dass Sie mich sozusagen gerettet haben. Obwohl ich mir anfänglich nicht ganz sicher war, ob Sie damit der Welt wirklich einen Dienst erwiesen haben. Wissen Sie, wenn man niemanden mehr hat, zu dem man gehen kann und für den es sich zu leben lohnt, dann sehnt man hin und wieder ein schnelles Ende herbei. Doch andererseits ist natürlich jeder Tag auf der Erde ein Geschenk, und deshalb habe ich mich heute endgültig entschlossen, mein Leben so weit wieder in den Griff zu bekommen, dass ich niemals mehr in eine solche Situation kommen kann. Doch vorher möchte ich Ihnen erklären, warum Sie mich so vorgefunden haben. Nicht, dass ich irgendjemandem Rechenschaft schuldig wäre, aber es ist mir ein Bedürfnis, wenigstens einmal mein Herz auszuschütten, auch wenn es nur schriftlich ist. Es ist natürlich möglich, dass Sie diesen Brief jetzt gar nicht weiterlesen mögen, für mich bedeutet es trotzdem eine große Erleichterung, ihn schreiben zu können.

 

Übrigens, als die Schwester mir Ihren Namen nannte, wusste ich sofort, warum Sie mir ein kleines bisschen bekannt vorkamen. ­Ich meine damit die letzten Wochen, wenn die meisten Passanten vorbeihasteten und nur Sie wirklich jedes Mal eine Kleinigkeit in meine Dose geworfen haben. Von Hartten lautete nämlich der Name eines Klassenkameraden meiner Schwester hier am örtlichen Gymnasium. Nein, wir sind uns nie begegnet, ich habe allerdings ein Foto gesehen, im Abibuch von Annika. Dort waren Sie abgelichtet, einmal allein und natürlich auch mit allen anderen. Sie haben sich in den letzten Jahren offensichtlich nur wenig verändert, nun endlich weiß ich, warum Sie mir ein wenig vertraut waren.

 

Doch nun zu meiner Geschichte, natürlich nur, wenn Sie wollen. Wie Ihnen vielleicht bekannt ist, gehören meiner Familie die Schauenburg Fleischwerke. Und wie könnte es anders sein, so war mein Vater von jeher davon überzeugt, dass ich eines Tages in seine Fußstapfen treten sollte. Das allerdings konnte ich mir schon als kleiner Junge nicht vorstellen und je älter ich wurde, umso mehr verabscheute ich den Gedanken, dafür Verantwortung tragen zu müssen, dass Tiere brutal geschlachtet werden, nachdem sie endlos durch die Lande gekarrt worden sind. Als ich meinem Vater das erklärte und mich noch dazu als Vegetarier outete, rastete er völlig aus. Nachdem er mich windelweich geprügelt hatte, wurde ich eiligst in ein Internat verfrachtet, wo man mir beibringen sollte, was meine Pflicht wäre und wie dankbar ich für eine solche Chance zu sein hätte.

 

Glauben Sie mir bitte, wenn ich sage, es war die Hölle. Ich weiß nicht, ob Sie sich vorstellen können, wie das ist, wenn man als Jugendlicher mitten in der Pubertät plötzlich immer wieder gedemütigt und für kleinste Vergehen bestraft wird. Nun denn, die Geschichte ging natürlich weiter. Meine Mutter ließ sich ein gutes Jahr später von meinem Vater scheiden, er allerdings schaffte es, sich das Sorgerecht zu sichern und meine Mutter hatte nicht die Kraft, sich gegen ihn zu wehren. Die hatte sie nie, schon als ich abgeschoben werden sollte, erstickte er ihre Einwände mit ein paar Ohrfeigen und sperrte sie einfach zuhause ein. Das Ende vom Lied war, dass meine Mutter nach der endgültigen Trennung das Land verließ, ohne eine Anschrift zu hinterlassen. Bis heute weiß ich nicht einmal, ob sie noch am Leben ist.

 

Meine Schwester konnte sich übrigens auch kaum gegen meinen Vater behaupten. Ich bin mir nicht sicher, aber ich befürchte, dass er sie nach dem Weggang unserer Mutter missbraucht hat, beweisen kann ich es natürlich nicht. Meine Schwester schweigt zu dem Thema, oder besser gesagt, wir haben uns seit Jahren weder gesehen noch gesprochen.

 

Eskaliert ist die Sache endgültig, als ich meinem Vater mit siebzehn einen Brief schrieb und ihm erklärte, dass ich mich endgültig gegen seine Firma entschieden hätte und dass er außerdem von mir niemals Enkelkinder erwarten dürfte, weil ich mir aus Frauen in dieser Hinsicht nichts machen würde. Als direkte Reaktion darauf ließ er mich in ein anderes Internat bringen, um mir – wie er es auszudrücken beliebte – die „Flausen“ austreiben zu lassen. In diesem Institut wurde tatsächlich versucht, Homosexualität mit Gebeten zu bekämpfen und unterstützend fand mindestens einmal pro Woche eine körperliche Züchtigung statt. Muss ich wirklich erwähnen, dass es dabei um ein katholisches Internat handelte? Sicher nicht, oder?

 

Wie dem auch sei, mit dem Tag meiner Volljährigkeit habe ich das Institut verlassen und versucht, mit Unterstützung einer entfernten Verwandten mein Abitur zu machen, was mir glücklicherweise recht gut gelungen ist. Anschließend bekam ich sogar eine Ausbildungsstelle als Grafiker, was mir deutlich gelegen kam, denn zur Kunst im weitesten Sinne fühlte ich mich von jeher hingezogen.

 

Kaum hatte ich meine Ausbildung beendet, lernte ich ihn kennen – meinen Traummann Marvin. Mit zweiundzwanzig zog ich zu ihm, mit dreiundzwanzig wurde ich sein Ehemann – und mit fünfundzwanzig sein Witwer. Ein Unfall, wie er jeden Tag vorkommen kann, doch mir riss es das Herz schier aus der Brust. Ich fühlte mich, als sei ich gleich mitgestorben.

 

Das alles ist jetzt in etwa Jahr her. Wie in Trance erlebte ich die Zeit danach, die Beerdigung und das ganze Drum und Dran. In meinem Zustand konnte ich meiner Arbeit nicht mehr nachgehen, sodass kam, was kommen musste. Ich verlor meinen Job, und weil ich weiterhin nicht klar denken konnte, versäumte ich alles, was man hätte tun müssen, wenn so etwas passiert. Ich konnte irgendwann die Miete nicht mehr zahlen und musste ausziehen. Die Möbel unterlagen dem Vermieterpfandrecht. Mir blieben nur ein paar Habseligkeiten, von denen ich einige bei meiner Tante unterbringen konnte. In eine Einrichtung für Nichtsesshafte wollte ich um keinen Preis und beschloss, es einfach mal zu versuchen und meinen Lebensunterhalt mit Betteln zu verdienen.

 

Übernachtet habe ich überall und nirgends. Mehr als einmal wurde ich verscheucht oder hatte nicht einmal eine einzige Mahlzeit am Tag. Trotzdem fühlte ich mich anfangs nicht einmal unwohl, so frei und niemandem Rechenschaft schuldig zu sein. Doch als die Tage kürzer und die Nächte kälter wurden, da beschlich mich hin und wieder schon Angst. Aber vor allem war ich einsam.

 

Wissen Sie Holger (ich nenne Sie jetzt einfach mal so), es ist nicht schlimm, nichts Materielles zu haben, aber keinen Menschen, das ist grausam. Ich danke Ihnen, dass Sie mir ein wenig Glauben an die Menschheit zurückgegeben haben. Mein Vater wollte von mir nichts mehr wissen, weil ich ja missraten war, meine Schwester lebt mittlerweile zeitweise in einer Pflegeeinrichtung wegen ihrer Depressionen (das weiß ich von meiner Tante), wo meine Mutter steckt, ist mir unbekannt, und die Liebe meines Lebens ist tot. Doch Sie, Holger, haben mir geholfen. Nicht nur mit den Münzen, nein, Sie haben sich gekümmert, Sorgen gemacht, haben uneigennützig Zeit investiert und mich nicht einfach ignoriert oder gar verhöhnt, wie so viele es in der letzten Zeit getan haben.

 

Ich wünschte, ich könnte Ihnen meine Dankbarkeit irgendwie beweisen, denn ich weiß plötzlich, dass es für mich nicht zu spät ist. Hoffentlich nimmt mich meine Tante noch einmal für ein paar Wochen auf, bis ich wieder Fuß gefasst habe. Nichts auf der Welt bringt mir meinen Marvin zurück und er hätte ganz sicher nicht gewollt, dass ich ihm so schnell folge, wie es offensichtlich nur dank Ihres Eingreifens nicht geschehen ist.

 

Die Kulturtasche möchte ich Ihnen zurückgeben, das ist alles viel zu teuer für mich, aber die warmen Sachen, für die sage ich Ihnen tausend Dank. Meine Tante wohnt ein paar Kilometer außerhalb, und weil mir das Fahrgeld fehlt, werde ich wohl zu Fuß gehen müssen. Da kommen mir Schal, Mütze, Handschuhe und Pullover sehr zupass.

 

Wissen Sie, ich habe ein ziemlich schlechtes Gewissen, weil ich Ihnen Ihre kostbare Zeit gestohlen habe, allein das Lesen dieses Briefes ist eigentlich schon zu viel verlangt. Und doch, sollten wir uns noch einmal über den Weg laufen, dann hoffentlich unter günstigeren Umständen. Ich würde Sie bei der Gelegenheit gerne zu einem Kaffee einladen, das heißt, wenn Sie sich mit einem missratenen schwulen Witwer, der auf der Straße gelebt hat, sehen lassen mögen.

 

Nochmals vielen Dank für alles. Mögen alle Engel im Himmel auf Sie achten und Ihnen immer zur Seite stehen.

 

Mit tiefster Hochachtung und auf ewig in Ihrer Schuld stehend

 

Ihr Nikolaus (Nik) Schauenburg

 

Bewegt ließ Holger den Brief sinken, die Blätter in seiner Hand zitterten leicht, so sehr hatte ihn dieses persönliche Geständnis eines für ihn eigentlich völlig Fremden mitgenommen. Mehrfach hatten sich beim Lesen Tränen in seine Augen gedrängt, die er nur mit Mühe daran hindern konnte, über seine Wangen hinabzurinnen. Nachdenklich saß er da und ließ das eben Erfahrene sacken. Manche Menschen hatten einfach ein verdammt mieses Karma. Ein junger Mann, dem man nichts vorwerfen konnte außer absoluter Ehrlichkeit, was seine Einstellung und Gefühle anging, wurde genau dafür von der eigenen Familie ignoriert, verstoßen und verlassen. Tiefes Mitgefühl machte sich erneut in Holger breit und bedauernd schaute er noch einmal auf die letzten Zeilen des Briefes. Hoffentlich klappte alles so, wie sich der Schreiber der Zeilen das erhoffte. Holger drückte innerlich die Daumen, dass die ihm unbekannte Tante dem jungen Mann ein weiteres Mal helfen konnte. Er sandte zudem ein kleines Stoßgebet gen Himmel, dass sich wirklich einmal die Gelegenheit ergeben möge, Nikolaus von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen und ein paar Worte mit wechseln zu können.

 

Seufzend schob er die vielen Blätter sorgfältig zusammen, faltete sie und schob sie zurück in den Umschlag, ganz vorsichtig, als wären sie besonders kostbar. Sehr lange konnte er später in der Nacht nicht einschlafen. Ständig wanderten seine Gedanken zu Nikolaus Schauenburg und er hoffte, dass auch ihm ein Engel helfend zur Seite stehen möge.

 

*

 

Zwei Wochen waren ins Land gezogen. Es war der Montag nach dem vierten Advent und übermorgen würde bereits Heiligabend sein. Holger schlug auf seinem Heimweg wie jeden Tag die Route durch die Stadt ein. Er liebte es, nach Feierabend zu Fuß nach Hause zu gehen. Mit dem Auto zu fahren lohnte sich für die kurze Strecke nicht und außerdem war es ohnehin gesünder, sich ab und zu an der frischen Luft zu bewegen. Insgeheim hielt er jedoch nach einem bestimmten jungen Mann Ausschau, auch wenn er sich sagte, dass der sicher nicht erneut an der Ecke des Kaufhauses sitzen würde. Vorausgesetzt, alles hatte einigermaßen so geklappt, wie es geplant gewesen war. Irgendwie dachte er fast täglich an Nikolaus, wenngleich er sich selbst dafür schalt, denn wohin sollte das führen? In eine unerfüllte Liebe, weil das Zielobjekt nicht auffindbar war?

 

Plötzlich blieb Holger wie angewurzelt stehen. Er glaubte, in den Menschenmassen Nikolaus’ Gesicht entdeckt zu haben. Oder narrte ihn seine Fantasie, hatte da einfach der Wunsch die Oberhand gewonnen? Rasch eilte er der Gestalt durch die Menge hinterher, verlor sie jedoch an der nächsten Ecke aus den Augen. Enttäuscht verlangsamte er seine Schritte, schlich mit hängenden Schultern weiter über den ziemlich glatten Bürgersteig, bis er das Gewühl hinter sich gelassen hatte und das Haus, in dem er wohnte, bereits in Sichtweite war. Hier war es komischerweise menschenleer, um diese Zeit eher ungewöhnlich.

 

Ganz in Gedanken versunken hatte Holger weder registriert, dass es heftig zu schneien begonnen hatte, noch achtete er auf den Weg. Bei einem unachtsamen Schritt rutschte er daher auf einer unter dem frisch gefallenen Schnee nicht sichtbaren Pfütze aus, verlor das Gleichgewicht, spürte einen stechenden Schmerz in seinem rechten Bein und schlug schließlich hart mit dem Kopf auf die gefrorene Erde auf. Bewusstlos blieb er liegen, der Schnee fiel auf ihn herab und deckte ihn gleichsam zu.

 

*

 

Als Holger zu sich kam und die Augen öffnete, sah er eine weiße Decke über sich und sein Bein, dass in einer Art Schlinge an einem Haken hing und hochgehalten wurde. Was war passiert? Hatte er einen Unfall gehabt? Sein Kopf dröhnte und das Denken fiel ihm schwer. Schmerzvoll seufzend schloss er seine Lider und war gleich darauf wieder eingeschlafen.

 

„Herr von Hartten, wollen Sie denn überhaupt nicht mehr wach werden?“

 

Eine ihm bekannte Stimme drang wie durch eine dicke Watteschicht tröpfelnd in Holgers Bewusstsein. Vorsichtig blinzelte er und sah in ein Gesicht, das ihm ebenfalls vertraut war, er konnte jedoch nicht genau zuordnen, um wen es sich bei der Sprecherin handelte.

 

„Na endlich, es wurde ja auch langsam mal Zeit, dass Sie uns mit ihrer vollen Anwesenheit beehren, Herr von Hartten. Können Sie mich verstehen? Falls ja, bitte nicken Sie oder geben Sie mir ein Zeichen.“

 

Gehorsam nickte Holger und so allmählich dämmerte ihm, wer da zu ihm sprach.

 

„Schwester Becky, richtig?“, krächzte er und blickte die weibliche Person, die sich über ihn beugte, fragend an. „Warum bin ich hier und wie spät ist es?“

 

„Schön, dass Sie wieder bei uns sind und mich sogar erkannt haben. Sie sind gestern draußen auf einem eisglatten Gehweg ausgerutscht, dabei haben sie sich eine leichte Gehirnerschütterung und einen Kapselbandanriss am rechten Sprunggelenk zugezogen. Nichts wirklich Dramatisches, doch ein paar Tage werden Sie wohl bei uns bleiben müssen.“

 

„Gestern? Das heißt, heute ist bereits der Dreiundzwanzigste und ich muss Heiligabend hier im Krankenhaus verbringen?“, grummelte Holger und rollte mit den Augen. „Was für ein Mist!“

 

„Na, so schlimm wird es schon nicht werden. Wir werden es unseren Patienten so nett wie möglich machen, versprochen. Haben Sie denn jemanden, dem Sie zugesagt haben, morgen zu erscheinen? Oder sollen wir irgendwen benachrichtigen? In Ihren Papieren war nichts Derartiges zu finden“, sprach Schwester Becky beruhigend auf Holger ein.

 

„Nein, das ist es nicht. Ich lebe allein und es muss auch keiner darüber informiert werden, dass ich hier bin. Nur … wer ist schon gern ausgerechnet zu Weihnachten in einer Klinik? Eigentlich wollte ich schön essen gehen und das an allen drei Tagen. Ein Theaterstück wollte ich mir ansehen und der Besuch des Mitternachtsgottesdienstes an Heiligabend war ebenfalls geplant. Na ja, das kann ich wohl alles knicken. Meinen Sie, dass ich wenigstens Silvester zuhause begehen kann? Dass ich mit einem Humpelfuß keinen Ball besuchen kann, ist mir natürlich klar, doch ich würde wenigstens einmal mit einem Glas Sekt auf das neue Jahr anstoßen, selbst wenn es als Einzelperson schwierig ist, Gläser zum Klingen zu bringen.“

 

„Wie wäre es denn, wenn ich mich zum Heben des zweiten Glases zur Verfügung stellen würde?“, ertönte plötzlich eine Stimme. „Ich hätte Zeit und noch nichts vor.“

 

„Hallo Herr Schauenburg“, begrüßte Schwester Becky den Mann, der da unverhofft im Türrahmen stand, während Holger staunend nur „Nikolaus?“ fragen konnte.

 

„Selbiger in Person … wohlauf und wieder komplett gesund. Schön, dass Sie sich noch an mich erinnern, Schwester, und ja, ich bin es, der Nikolaus oder auch kurz Nik genannt.“

 

Grinsend näherte Nikolaus sich den beiden, die ihm freundlich entgegensahen, Schwester Becky lächelnd und Holger mit staunenden und ungläubigen Augen.

 

„Ich glaube, ich gehe dann mal“, verabschiedete sich Becky und wandte sich zum Gehen. „Jetzt haben Sie ja jemanden zur Unterhaltung. Der Arzt wird später noch einmal nach Ihnen sehen. Das Bein muss erstmal so bleiben, damit die starke Schwellung besser abklingen kann und wir endlich eine vernünftige Röntgenaufnahme machen können. Essen gibt es gegen achtzehn Uhr, ich hoffe, Sie halten noch so lange durch.“

 

„Passt schon Schwester, ich bin kein Vielfraß. Gehen Sie nur, ich denke, wir werden uns sicher gut verstehen“, entgegnete Holger, wobei er Nik ansah, der auch sofort zustimmend nickte.

 

„Ja klar, wir kommen schon zurecht“, bestätigte er Holgers Worte.

 

Kaum war die Schwester verschwunden, platzte es auch schon aus Holger heraus.

 

„Woher wusstest du, dass ich hier bin? Bist du Hellseher oder so etwas in der Art?“

 

In seiner Verblüffung bemerkte Holger nicht einmal, dass er das vertrauliche Du benutzte, obwohl er mit Nikolaus an diesem Tag zum ersten Mal sprach.

 

„Nö, bin ich nicht. Damit könnte ich mein Geld sicher leichter verdienen als mit dem, was ich gelernt habe. Apropos Geld, ich habe tatsächlich ab dem zweiten Januar wieder einen Job, nur falls es dich interessiert.“

 

Nik wählte ebenfalls die vertraute Anrede, so als würden sie sich schon seit Ewigkeiten kennen. Strahlend sah er in Holgers Augen, in denen sofort echte Freude zu erkennen war, als er erfasste, was Nik ihm da soeben erzählt hatte.

 

„Mensch, das ist ja klasse. Hat das mit deiner Tante denn alles geklappt? Allerdings hast du mir meine Frage noch nicht beantwortet. Hat das Krankenhaus das öffentlich auf Facebook gepostet, dass ich hier liege oder gar eine ganzseitige Anzeige in der großen Zeitung mit den vier Buchstaben geschaltet?“

 

„Nee“, kicherte Nik, bevor er losprustete und sich die Lachtränen aus den Augen wischte. „Du bist ja eine echte Ulknudel, das gefällt mir. Die meisten Menschen sind so schrecklich verbissen, dass sie zum Lachen garantiert in den Keller gehen.“

 

Gleich danach wurde er wieder ernst.

 

„Aber der Reihe nach. Das mit meiner Tante war überhaupt kein Problem, ganz im Gegenteil. Sie hat sich sogar richtig gefreut, mich wieder um sich zu haben. Auch mein alter Chef ist bereit, mir eine zweite Chance zu geben.“

 

Nik machte eine kleine Pause. Holger hing förmlich an seinen Lippen, die jetzt, nur noch von einem gepflegten Dreitagebart umrahmt, weitaus sinnlicher wirkten, als er sie in seinen Träumen immer vor sich sah. Plötzlich hörte er sein Herz überlaut schlagen und spürte eine nie gekannte Zärtlichkeit für den ihm gegenübersitzenden jungen Mann. Am liebsten hätte er ihm sanft über die Wange gestrichen, doch das konnte er erstens ja nicht so einfach tun und zweitens war er zurzeit nicht einmal in der Lage, sich richtig aufzusetzen, geschweige denn ordentlich bewegen. Also begnügte er sich damit, Nik zu mustern und seiner Stimme zu lauschen, die dermaßen samtig klang, dass er sich einen Augenblick lang wünschte, sie würde ihm etwas Nettes ins Ohr flüstern.

 

„Hat man dir nicht gesagt, was überhaupt passiert ist und wie du hierher gekommen bist?“

 

Neugierig sah Nik zu Holger, stellte fest, dass er eigentlich sehr viel attraktiver war, als das alte Abifoto hatte vermuten lassen, und wartete auf dessen Antwort.

 

„Nein, ich war ja gerade erst wach geworden, kurz bevor du ins Zimmer hereingeschneit bist. Alles, was ich weiß, ist, dass ich wohl ausgerutscht bin und jetzt sowohl einen kaputten Fuß sowie einen leicht lädierten Kopf habe.“

 

„Dann erzähle ich dir mal, was ich darüber weiß. Also … ich ging gestern durch die Stadt und wollte sehen, was ich meiner Tante als Kleinigkeit zu Weihnachten schenken könnte. Ein paar Euro habe ich mir zwischenzeitlich auf dem Weihnachtsmarkt verdient, sodass es mir ein Bedürfnis ist, ihr eine kleine Freude zu machen, verstehst du?“

 

„Ja klar“, antwortete Holger. „Bloß weiß ich gerade wirklich nicht, was das mit meinem Ausrutscher zu tun hat. Wobei ich tatsächlich gestern glaubte, dich in den Menschenmassen entdeckt zu haben. Habe ich mich also doch nicht geirrt.“

 

„Kann schon sein. Also weiter im Text. Nachdem ich fündig geworden war, wollte ich nach Hause, das heißt, zu meiner Tante ins Nachbardorf. Leider war mir der Bus gerade vor der Nase weggefahren, deshalb machte ich mich zu Fuß auf den Weg. Sieben Kilometer sind gut zu schaffen, mittlerweile bin ich ja wieder gesund und voll belastbar. Als ich in die Nebenstraße einbog, die als Schleichweg ebenfalls in das Dorf führt, nur eben durch den Wald, sah ich eine Gestalt auf der Erde liegen, kurz vor den letzten Häusern. Sie war völlig mit Schnee bedeckt und ich war doppelt erschrocken, als ich feststellen musste, dass es sich um dich handelte. Ich bin schnell zum nächsten Haus gerannt und habe einen Krankenwagen rufen lassen. Auf meine Nachfrage, wohin man dich bringen würde, sagte man mir, dass sie dich ins St. Bonifatius einliefern würden. So einfach ist das.“

 

Mit großen Augen und leicht offenem Mund starrte Holger Nik an. Er konnte es kaum fassen, dass sich das Schicksal auf diese Art und Weise wiederholt haben sollte. Auf der anderen Seite … er hatte sich so sehr gewünscht, Nik einmal gegenüberstehen und in die Augen sehen zu können. Okay, jetzt lag er zwar, doch das andere hatte sich erfüllt. Er musste einmal kräftig schlucken, bevor er etwas erwidern konnte.

 

„Das ist der Hammer. Du hast mich also gefunden und hierher verfrachten lassen. Das ist fast ein wenig unheimlich, meinst du, das ist Zufall oder …?“

 

„Oder was? Schicksal? Ja vielleicht. Zumindest scheint es, als wenn wir uns einfach noch einmal über den Weg laufen sollten.“

 

„Na ja, laufen ist grad nicht wirklich toll, aber … sag mal, hast du das vorhin ernst gemeint, das mit Silvester?“

 

„Ich sage nie etwas, was ich nicht auch so meine. Weißt du, man hat mich schon manchmal für meine Ehrlichkeit ziemlich hart bestraft … ich meine …“

 

„Ich erinnere mich an deinen Brief, du musst nichts weiter erzählen. Mehr als einmal habe ich ihn gelesen und mich gefragt, warum du es so schwer hattest, nur weil du eben nicht den Vorstellungen deines Vaters entsprochen hast. Meine Eltern haben mein Coming-out ganz locker weggesteckt und meine Großeltern ebenso.“

 

„Wie jetzt, Coming-out? Nun sag bloß noch, du bist …“, kam es beinahe fassungslos von Nik und Holger nickte bestätigend.

 

„Jepp, gut erraten, ich bin schwul.“

 

„Wow, das ist irre. Ich meine, so muss ich dir nichts weiter erklären. Sag mal, bist du denn nicht liiert oder etwas in der Art? Wegen Silvester, meine ich. Du sagtest doch, du würdest alleine anstoßen, bloß … ein gut aussehender Mann wie du, der sollte doch eigentlich nur mit dem Finger schnippen müssen.“

 

Grinsend schüttelte Holger den Kopf über Niks hastig hervorgestoßene Worte.

 

„Nö, bislang völlig unbemannt. Mister Right war einfach noch nicht in Sicht, cruisen liegt mir nicht und unter einem so dringenden Samenstau, dass ich mir jemanden kaufen müsste, leide ich definitiv nicht.“

 

„Und keine Verwandten oder gute Freunde? Nichts, gar nichts? Ich meine, ich hab das alles nicht, aber du? Zumindest waren die Sachen, die du mir geschenkt hattest, nicht gerade vom Grabbeltisch. Also gehe ich davon aus, dass du aus guten Verhältnissen kommst und dann hat man doch auch Freunde, oder?“

 

Gespannt wartete Nik auf Holgers Antwort, er konnte seinen Blick dabei nicht von dessen Lippen lösen.

 

„Verwandte habe ich leider überhaupt keine. Meine Eltern leben schon recht lange nicht mehr, meine Großeltern sind seit vier beziehungsweise drei Jahren ebenfalls tot. Geschwister existieren nicht. Was die Freunde angeht, der Einzige, der diese Bezeichnung verdient, ist vor einigen Monaten mit seiner Familie ausgewandert und ist deshalb nicht mal eben besuchbar. Wir werden natürlich zum Jahreswechsel telefonieren, nur anstoßen klappt so nicht wirklich. Und was die guten Verhältnisse angeht, die habe ich mir mit sehr viel Fleiß selbst erarbeitet. Du siehst, ich müsste an Silvester ein Glas in die linke und eins in die rechte Hand nehmen, wenn ich richtig anstoßen will. Klingt nicht sehr aufregend, oder?“ 

 

Mit leuchtenden Augen schaute Nik Holger an, für einen etwas längeren Moment versanken ihre Blicke förmlich ineinander, bis Holger erneut zu sprechen begann.

 

„Jetzt machen wir es offiziell. Hiermit bitte ich dich, an Silvester mein Gast zu sein. Kommst du?“

 

„Nun ja, fangen wir mit dem Erscheinen an“, konterte Nik schnell und registrierte, dass Holger daraufhin eine leichte Röte in die Wangen schoss.

 

„Was hast du eigentlich in deiner Tasche, die du die ganze Zeit krampfhaft festhältst?“, wollte Holger wissen und versuchte auf die Art, die leichte Befangenheit, die ihn bei Niks Worten erfasst hatte, zu überspielen.

 

„Erinnerst du dich, dass ich in meinem Brief geschrieben hatte, ich würde dich gerne zu einem Kaffee einladen, wenn wir uns noch einmal über den Weg laufen würden? Nun, ich denke, laufen ist gerade nicht so prickelnd bei dir … zumindest für eine Weile, deshalb habe ich davon eine Thermoskanne voll mitgebracht und natürlich zwei Becher. Hoffentlich brauchst du weder Milch noch Zucker, daran habe ich nämlich leider nicht gedacht.“

 

Holger schaute Nik eine Weile sprachlos an, dann jedoch fing er an zu grinsen, was nach und nach in ein leises Lachen überging und sich schließlich zu einem regelrechten Gackern steigerte.

 

„Du bist einfach herrlich. Na los, her mit dem Zeugs, ich verdurste hier fast. Und schwarz trinke ich ihn ohnehin, immerhin will ich ja schön werden.“

 

„Wie, noch schöner?“, prustete nun auch Nik und kümmerte sich rasch darum, dass die beiden Becher eine Füllung bekamen.

 

Die Schwester, die auf dem Flur das Gackern der beiden hörte, öffnete leise die Tür und schloss sie nach einem kurzen Augenblick wieder. Hier war sie zurzeit völlig überflüssig. Holger und Nik schienen sich ausnehmend gut zu unterhalten und so, wie es ihr zumindest vorkam, bahnte sich zwischen den beiden sogar etwas an. Sie war lange genug auf der Männerstation tätig, um zu merken, wenn die Herren der Schöpfung nicht auf die weiblichen Reize ihrer Kolleginnen reagierten. Lächelnd eilte sie in Richtung Schwesternzimmer davon, dabei schoss ihr durch den Kopf, dass Weihnachtsengel scheinbar manchmal auch einen Tag zu früh erscheinen und durchaus einen Dreitagebart haben konnten.

 

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Texte: Textrechte bei der Autorin
Bildmaterialien: www.pixabay,com
Tag der Veröffentlichung: 13.12.2015

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