Cover

Vorwort

Assalam alaikum, Hallo, Guten Tag, Servus, Grüß Gott, hi there und bonjour ;

an alle lieben Leserinnen und Leser,

die, die wahre Liebe kennenlernen wollen!

 

Ich schenke meinen Roman der ganzen Welt. Ich schenke meinen Roman denjenigen, die schon lieben und denjenigen, die auf der Suche nach der wahren Liebe sind. Ich schenke meinen Roman der Menschheit, jedem, der im „Ausland“ lebt, obwohl er schon zu Hause ist. Jedem, der die wahre Liebe sucht.

 

Dieser Roman beschreibt den Vergleich zwischen zwei Welten:

Die arabische Welt mit ihrem seelischen Hintergrund und die westliche Welt mit ihrem Sekularistischem durch den Hauptakteur (Serag), der beide Welten erlebte, durch andere Figuren und Randfiguren, die aus verschiedenen Ländern kommen, demnach aus verschiedenen Kulturen und Hintergründen stammen. Man kann den Roman nicht als Biographie kategorisieren, denn ich erzähle zwar wahre Geschichten, die ich von anderen Menschen hörte oder selber erlebte, aber in diesem Werk gibt es auch mehrere Episoden, die ich von A bis Z erfunden habe. Denn diese Geschichte ist und bleibt ein Roman! Ich stelle in diesem Buch die Vor- und Nachteile beider Kulturen dar. Dieser Vergleich, so erhoffe ich mir, bringt meine Leser einerseits zum Lachen und versetzt sie anderseits in wahre Leidenschaft. Leidenschaft für die Liebe!

 

Die Liebe, dieses menschliches Gefühl, diese einheitliche Sprache der Welt, die in den allen Botschaften erwähnt wurde.

In Moses steht:

„Und liebte Rachel. So sprach Jakob: „Ich will dir sieben Jahre um Rachel, deine jüngere Tochter, dienen.“ Laban sagte: „Es ist besser, ich gebe sie dir, als dass ich sie einem fremden Mann gebe. Bleibe bei mir!“ Also diente Jakob um Rachel sieben Jahre, und sie kamen ihm wie ein paar Tage vor, so sehr liebte er sie“...

 

Korinther 13:4-5

„Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu“...

 

Der Prophet Mohamed (Gott segne ihn und schenke ihm heil) sagt:

„Es wird nichts besser als die Ehe gesehen für die Paare, die einander lieben.”

Shih Aljamie von Al Albani...

 

Der Hauptakteur ist ein 26-jähriger Ägypter, der nach Deutschland auswanderte. Er erlebt schöne und schwere Zeiten. Er suchte das Glück einmal in den Augen einer Frau und einmal in einem neuen Job. Auf seiner Reise sammelt er viele Geschichten, die für ihn interessanter als das gesuchte Glück selbst waren. Seine Vergangenheit in Ägypten konnte er nie vergessen, sie tritt ab und zu sehr deutlich vor seine Augen. Seine Gefühle und Gedanken sind die Brücke zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit. Sein gebrochenes Herz ist die Brücke zwischen Osten und Westen. Er bereut es nicht, dass er jetzt mit gebrochenem Herzen seine Geschichte schreibt, weil er ohne diese Erfahrung nicht er selbst wäre.

 

William Shakespeare

,,O,mächtige Liebe, die in gewissem Sinn das Tier zum Menschen macht.“

 

 

20.12.2019

Landshut, Süddeutschland

 

 

1. Träume sind Schäume

 

Am 02.02.2019 fand ich im Internet eine günstige Fahrt von München nach Berlin, hin und zurück. Wir trafen uns vor dem Bahnhof um 8:00 Uhr früh. Der Fahrer war Dr. Francesco Matteo, ein netter Italiener. Er war etwa 50 Jahre alt. Als er mich sah, war er total ernst, kontrollierte meinen Pass und meine Niederlassungserlaubnis, als ob er ein Polizist wäre. Danach hatte er auf einmal sehr gute Laune. Die Musik war ziemlich laut; er sang auch die ganze Zeit mit:

,, Lasciatemi cantare                                                                       

 „Lasst mich singen

con la Chitarra in mano                                                         

mit der Gitarre in der Hand

Lasciatemi cantare

Lasst mich singen,

Lo sono L’italiano               

Ich bin Italiener

Buongiorno Italia gli spaghetti al dente               

Guten Tag, Italien, der Spaghetti al dente

e un partigano come Presidente               

Und einem Partisanen als Präsident

con l’autoradio sempre nella mano destra

Mit dem Autoradio immer zur Rechten

e un canarino sopra la finestra               

Und einem Kanarienvogel oberhalb des Fensters

Buongirno Italia con I tuoi artisti               

Guten Tag, Italien, mit deinen Künstlern,

Con troppa America sui manifesti               

Mit zu viel Amerika auf Plakaten,

Con le Cansoni con amore con il cuore               

Mit Liebesliedern zum Herzen

Con piu donne sempre meno suore”               

Mit immer mehr Frauen, immer weniger Nonnen.“

 

Seine Stimme war viel rauer als Toto Cutugno. Ich musste das gleiche Lied ein zweites Mal mithören. Diesmal sang ich statt „sono L‘ Italiano, sono egiziano“, „Ich bin Ägypter, ich bin Italiener.“

Plötzlich machte er die Musik aus und fragte mich auf Italienisch, ob ich seine Sprache denn könnte? Ich verstand ihn, antwortete aber nicht. Er beobachtete mich die ganze Zeit hinter seiner Brille und sagte mir dann: „Du siehst italienisch aus. Deine Haare, deine Nase, dein Akzent; Und: Du hast eine Geschichte hinter dir.“

Ich lachte laut und erinnerte mich an viele ähnliche Aussagen von verschiedenen Bekannten: Eine alte Frau etwa, die bis heute denkt, dass ich Spanier bin; Oder ein kleines Kind, welches dachte, dass ich aus Griechenland komme; sowie zahllose Menschen, die denken wie Dr. Francesco, dass ich Italiener sei, weil ich eben meine kurzen italienischen Sätze akzentfrei ausspreche.

 

Als wir in Berlin ankamen, war Dr. Francesco fix und fertig.

Ich : ,,Bis übermorgen. Ciao.“

Dr. Francesco: „Bis morgen.“

Ich : „Nein, übermorgen! ,,dopo domani‘‘.

Dr. Francesco: „Ich war mir sicher, dass Sie Italienisch können.“

Ich: „Ciao. Und vergessen Sie nicht: ,,dopo domani.“

 

Wir vereinbarten noch, dass wir vom Alexanderplatz abfahren.

Fünf Stunden vor dem vereinbarten Termin war ich in meinem Lieblingscafe` am Alexanderplatz. Ich wollte, wie üblich, dort ein bisschen schreiben. An diesem Tag hatte ich aber Fieber, Kopfschmerzen und einen schrecklichen Husten. Ich fing dennoch an zu schreiben. Während ich das so tat, entdeckte ich, dass ich mein Portmonee und meinen Pass verloren hatte. Zum Glück hatte ich auch noch Geld in meinem Rucksack. Ich bezahlte und ging sofort zur Polizei. Dort erstatte ich Anzeige, danach ging ich umgehend zum gleichen Cafe`zurück. Doch je mehr die Zeit verging, desto schlimmer erging es mir auch. In dem Cafe` wusch ich mir erstmal mein Gesicht mit kaltem Wasser; danach fühlte ich mich ein wenig besser. Wie üblich, trug ich aus reiner Paranoia, viele verschiedene der wichtigsten Papiere ganz nah bei mir in meiner Hosentasche. Vor dem Spiegel des Toilettenraumes versuchte ich mit zittrigen Händen diese zu sortieren, um sie sicher in meinem Rucksack zu verwahren. Doch ich war zu nervös, irgendetwas, ich kann mich nicht mehr erinnern, was genau, lenkte mich ab -ich vergaß alles auf dem Brett.

Mein Temperament war hochgekocht, ich zitterte immer noch. Nun müsste ich eigentlich in Berlin bleiben; trotzdem wollte ich dies aber keine Minute länger.

Als Dr. Francesco kam, sah dieser auch ganz anderes aus. Zum Glück verlangte er heute nicht meine Niederlassungserlaubnis zu sehen. Er hatte nicht mal gemerkt, dass ich krank bin. Unterwegs zitterte ich weiter. Plötzlich zeigte er sein Mitleid und sagte auf einmal, dass er „pieseln“ möchte. Das wollte ich auch! Definitiv! Doch dann wurde ich bewusstlos. Ich war wirklich kurz ohnmächtig. Als ich wieder aufwachte, fragte Dr. Francesco, ob ich etwas gegessen hatte heute. Ich nickte, doch er fuhr trotzdem mit mir zu einem Restaurant.

Dort aßen wir zusammen und er fragte mich, wer Valentina ist.

 

Dr. Francesco: „Wer bist du? Als Du anfangen wolltest zu erzählen, sagtest du ,,Valentina“. Danach wurdest du ohnmächtig. Ich hätte einen Krankenwagen anrufen sollen, aber ich half dir, weil ich deine Geschichte hören will. Ich bin Psychiater und seit unserer ersten Begegnung denke ich an dich. Deine Augen geben mir Rätsel auf, dein Blick, deine Stimme. Du könntest ein einzigartiger Schauspieler sein, wenn du möchtest.“

 

Ich war die ganze Zeit sprachlos. Er wusste sehr viel von mir.

Hatte ich auch von der Filmregisseurin erzählt?

Hatte ich ihm gesagt, dass ich viele Angebote in Berlin oder in Kairo ablehnte?

Valentina; wieso denke ich noch an sie?

Er unterbrach meine Gedanken und fragte mich wieder: „Wer bist du?“

Ich: „Was möchten Sie genau wissen?“

Dr. Francesco: „Wer ist Valentina?“

Ich: „Valentina ist....“

Dr. Francesco: „Halt! Ich möchte alles wissen! Alles von deiner Geschichte, seitdem du hier in Deutschland gelandet bist.“

 

2 Abschied vom Osten

 

Am 16.03.2013, am Flughafen Kairo, fing die Geschichte an. Mit Tränen in den Augen verabschiedete ich mich von meiner Familie. An diesem Tag ging es mir gar nicht gut, obwohl ich eigentlich glücklich sein sollte, weil ich mir endlich meinen Traum erfüllen konnte.

In einer Stunde musste ich zum ersten Mal fliegen. An das Fliegen dachte ich wie die Beduinen denken: ,,Wie kann ein Stückchen Eisen am Himmel fliegen?!“

Natürlich sah ich schon oft Bilder von Flugzeugen, aber trotzdem konnte ich diese Vorstellung für mich noch nie real in Kraft treten lassen. Ich hatte Angst und je mehr Zeit verging, desto größer wurde diese.

Ich fing an zu zittern und wollte in diesem Moment wirklich auf meine ganzen Träume verzichten. ,,Mein Gott, ich will nicht fliegen“, sagte ich mir; Eine Angst, wie diese, hatte ich noch nie erlebt. Auf der anderen Seite war ich aber trotzdem hoffnungsvoll und glücklich, weil ich endlich das Land von Goethe, Schiller und Lessing besuchen sollte. Als Absolvent der Germanistik sollte sich jeder an meiner Stelle darauf freuen.

Ich hatte meine eigene Vorstellung von Deutschland, dass diese aber nichts mit der Realität zu tun hatte, würde ich bald feststellen müssen.

Ich war genau wie die meisten Ausländer, die noch nie Europa besucht hatten. Deswegen starben und sterben immer noch viele. Sie suchen die schöne neue Welt auf illegalen, gefährlichen Fahrten in kleinen Booten nach Italien oder Spanien und verlieren dabei ihr Leben. Meist waren diese EU-Länder nur die erste Station, die sie auf ihrem Weg nach Deutschland anstrebten. Denn wie die meisten, so dachte auch ich, dass es dort Geld regnet. Willkommen in Deutschland, wo man nichts braucht, außer das Geld auf der Straße aufzusammeln.

 

Keiner fragt in Ägypten, was man in Deutschland arbeitet. Hauptsache ,,Du lebst in Deutschland''.

Dieses Gespräch wiederholt sich oft, wenn man auf Besuch in Ägypten ist.

Der Ägypter: „Komm lass uns eine Firma gründen! Ich habe sehr gute Ideen.”

Der Besucher: „Wie viel Geld hast du für diese Firma?”

Der Ägypter: „Geld?! Ich habe gar kein Geld.”

Der Besucher: „Und wie möchtest du mit mir eine Firma gründen, wenn du gar kein Geld hast?”

Der Ägypter: „Ich gebe dir meine wertvollen, tollen Ideen.”

Der Besucher: „Ich habe aber auch kein Geld.”

Der Ägypter: „Ja, ja, ja. Du möchtest wohl lieber alleine arbeiten und verdienen, okay. Ich nehme nur 10%.“

Der Besucher: „Ich bin aber nicht von dem Team Höhle der Löwen.

Der Ägypter: ,,Hää! Was sagst du? Welche Löwen? Ich habe doch keinen Zoo erwähnt. Das Leben im Ausland lässt viele halluzinieren.“

 

Es ist sinnlos, zu versuchen, diesem Ägypter zu erklären, dass man in Deutschland für Krankenversicherung, Steuer usw. zahlen muss.

Selbst der schlaue Ägypter weiß nicht, zu welcher Klasse man gehört . Es ist ein Schock für viele, dass es hier arme Leute gibt.

 

Ich war früher genauso wie dieser Ägypter, der keine Ahnung von Deutschland hatte.

In den Golfländern verdient man bestimmt viel mehr als hier in Europa, aber dort musste man im Gegenzug dafür auf seine Menschenwürde verzichten. Das Problem liegt daran, dass man dort leider als Ägypter,  Indischer oder Bengale regelrecht versklavt wird. Dort gibt es ein dummes System namens ,,Kafil”. Das bedeutet nichts anderes als, dass eine bestimmte Person für dich verantwortlich ist, solange du dort arbeitest. Diese Person ist meistens dein Arbeitgeber. Sie darf deinen Pass bei sich behalten.

Das bedeutet, man lebt dort nicht frei. Man darf auch nicht zu jeder Zeit fliegen.

Mein Cousin lebte in einem von diesen Ländern und natürlich war auch sein Pass bei seinem ,,Kafil‘‘. Der Arme stritt mit seinem Kafil, der Kafil schimpfte mit ihm. Mein Cousin schimpfte zurück, was der Kafil nicht erwartete. Sichtlich geschockt, sagte er zu ihm: „Du wirst Ägypten nie wieder sehen, weil du hier beerdigt wirst.“

In seiner Angst schlug ihn mein Cousin, band ihn an einem Stuhl fest, gab ihm eine schallende Ohrfeige und sagte zu ihm: „In einer Woche bin ich wieder in Ägypten.“

Mein Cousin kaufte sich einen Wassertanker, indem es ein kleines Boot gab. Dort hinein lud er Essen und Getränke. Er versteckte sich in dem Tanker auf einem großen Schiff und als sie in Jordanien ankamen, erzählte er den ihn abfangenden Polizisten von seiner Geschichte. Er konnte seine Mutter anrufen und sie darum bitten, ihm seinen Ausweis zu schicken.

 

Eine Woche danach wurde er nach Ägypten abgeschoben.

Und das meinte ich: Nicht nur bei meinem Cousin war es so; Viele ägyptische Bürger erlebten solche Schwierigkeiten in den Golfländern. Es gibt so viele Ausländer, die jeden Tag schlimme Situationen in diesen Ländern erfahren müssen. Die Bewohner der Golfstaaten sind stinkreich geworden und sehen deshalb viele der anderen als Sklaven. Diese Hochnäsigkeit lässt viele Ägypter davon träumen, lieber in Europa zu leben.

 

Es gibt noch einen anderen berühmten, gewichtigen Grund, dass die meisten Araber eine falsche Vorstellung mit hohen Erwartungen von Europa haben: Der ägyptische Film ,,Der schwarze Tiger'', der in meinem Heimatland oft im Fernsehen gezeigt wurde.

Es geht um einen ägyptischen Analphabeten, der nach Deutschland kommt. Er findet dort eine Arbeit in einer großen Fabrik, obwohl er kein Wort Deutsch kann. Schnell lernt er eine hübsche Frau kennen, die ihn liebt und ihm Deutsch beibringt. Später erst lernte ich, dass sie ihm im Film falsches Deutsch beibrachte. So sagt sie im Film beispielsweise ,,Tase” statt ,,Nase”. Deshalb bringt mich dieser Film mit meinen heutigen Deutsch-kenntnissen immer zum Lachen. Früher habe ich ihn anders gesehen.

Am Ende heiratet der Ägypter Helga. Er bekommt von ihr ein süßes Kind und besitzt eine große Firma. Jeder Araber träumt von Helga und dem schnellen Erfolg.

Und keiner fragt sich: Wie viele Helgas gibt es in Deutschland?!

Nach fast sieben Jahren in Deutschland habe ich keine einzige Helga kennengelernt. Ich empfehle allen Ar-abern diesen Film nie wieder anzuschauen, weil der Schauspieler die einzige Helga schon geheiratet hatte.

 

Zurück am Flughafen.

Kurz vor dem Abflug saßen wir in einem Warteraum. Neben mir saß eine alte Dame. Sie fing plötzlich an zu weinen und ich fragte mich innerlich: „Oh mein Gott. Hat sie etwa auch Angst vorm Fliegen?”

 

Ich fragte sie: „Haben Sie auch Angst vorm Fliegen?”

Die alte Dame lächelte mit Tränen in den Augen: „Nein, ich habe gar keine Angst vorm Fliegen. Meine einzige Tochter hat einen Ägypter geheiratet und beide haben sich entschieden, dass sie für immer in Ägypten bleiben wollen.”

Ich: „Wenn sie aus Liebe geheiratet haben, wird sie bestimmt ihre Heimat in seinen Augen finden und er findet bestimmt seine in ihren Armen. Glauben Sie mir, die beste Heimat ist, wo man sich glücklich fühlt.”

Die alte Dame lächelte wieder: „Bist du ein Dichter?“

Ich: „Nein, bin ich nicht, aber wenn ich dieses schöne Lächeln noch Mal sehe, würde ich gerne Gedichte schreiben.”

Die alte Dame: „Kein Wunder, dass meine Tochter diesen Ägypter über alles liebt, wenn alle Ägypter so sind.”

Ich: „Danke für`s Kompliment!“

 

Es ging los. Wir mussten jetzt fliegen. Neben mir in der Maschine saß eine nette Familie, ein Vater mit seinen beiden Kindern. Sie waren fast 11 und 13 Jahre alt. Ich fing an, den Koran vor mich hin zu rezitieren, weil ich mir dachte, dass ich in ein paar Minuten sterben würde. Die Familie bekam jedoch offensichtlich Angst, dass ich die Maschine in wenigen Minuten bombardieren würde. Ich fragte sie, ob sie alle das gleiche, komische Gefühl wie ich, in den Ohren hätten. Daraufhin lachten die Kinder laut und der Vater war plötzlich sehr nett und fragte mich, ob ich zum ersten Mal fliege?

Ich : ,,Ja.”

Der Vater: ,,Das ist ganz normal. Aber woher können Sie so gut Deutsch?”

Ich: „Ich bin Bachelor der Germanistik.”

Der Vater: „Warum haben Sie Germanistik studiert, wenn ich fragen darf?”

Ich: „Damit ich hier in einer Maschine voller Angst sterbe. Das ist eine lange Geschichte.”

Nach Stunden  und einer nie enden wollenden Ewigkeit, landete das Flugzeug endlich  in Berlin. Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich Schnee.  In Ägypten kennt man Schnee nur im Kühlschrank.

Als ich ausstieg, war es sehr kalt. Eine solche Kälte hatte ich noch nie gespürt. Die U-Bahn war zum Glück ganz in der Nähe vom Flughafen, aber wo war der Ticketverkäufer?

Ich wollte eine Fahrkarte kaufen und  suchte und suchte. Aber es gab hier eben keinen Verkäufer, wie bei uns in Kairo.

Da fiel mir wieder ,,Der Schwarze Tiger“ ein:

Es regnet hier Geld. In einem reichen Land wie Deutschland musste doch alles kostenlos sein, und natürlich würde ich keinen Schaffner finden. Warum mache ich mir also Gedanken?! Ich liebe Deutschland.

Blühe deutsches Vaterland!- und nicht Mutterland. Zum Glück lautet die Nationalhymne Deutschlands so. Weil wir als Kinder dieses Lied lernten: ,,Ägypten ist meine Mutter und ihr Nil ist mein Blut.“ Es ist schwer vorstellbar, dass man zwei Mütter hat, aber ein Vater und eine Mutter zu haben, ist doch sinnvoll.

Meine Wohnung in Berlin war klein aber fein. Der Tag war lang und ich war sehr müde, deswegen ging ich sofort ins Bett.

 

Wie ich bereits erwähnte, sieht die Realität leider immer anderes aus. Frisch gelandet in Deutschland, musste ich mir nun eine Arbeit suchen, aber was hatte ich hier für Möglichkeiten? Ich studierte Germanistik. Ich kann Deutsch. Es ist aber kein großer Vorteil, wenn man in Deutschland Deutsch kann. Jeder kann Deutsch, sogar die Hunde bellen hier auf Deutsch. Während ich in einer Moschee betete, lernte ich einen Syrer kennen, der hier seit 25 Jahren lebt. Er schlug mir vor, mich bei Burger King zu vermitteln. Solch eine Arbeit habe ich mir nie vorgestellt, musste es aber akzeptieren, weil ich keine andere Wahl hatte.

Der Syrer nahm mich gleich mit, doch Herr Schmidt, der Chef, war nicht da. Über eine Stunde haben wir gewartet, bis er endlich kam.

,,Heute ist dein erster Tag in der Probezeit, danach werde ich entscheiden, ob du weiter arbeiten darfst oder nicht“, sagte Herr Schmidt.

Herr Schmidt: „Kannst du Zwiebeln schneiden?”

Ich: „Ja, natürlich.”

 

,,Ich kann Goethe-Gedichte und Zitate analysieren. Ich kann dir die Theorien des Theaters erklären. Ich kann dir auch die ägyptische Geschichte von vor 3000 Jahren bis jetzt erzählen, das interessiert bestimmt hier keine Sau“, sagte ich mir innerlich. Ich war 26 Jahre alt, hatte studiert und verschiedene Fortbildungen in verschieden Bereichen gemacht. Ich tat immer das Beste, um ein leichtes, schönes Leben zu haben.

Nun musste ich entdecken, dass mein Studium mir nicht hilft und dass Zwiebeln schneiden viel wichtiger ist, als alles, was ich vorher machte. In diesem Moment erinnerte ich mich an einen Satz, den ich in der Prüfung im zweiten Studienjahr als Antwort schrieb. Die Aufgabe war: „Beschreiben Sie bitte die Philosophie von Schiller in einem Satz!“

Meine ideale Antwort war. DAS LEBEN, WIE ES IST UND DAS LEBEN, WIE ES SEIN SOLL.

Ich wollte studieren. Es ist aber immer so, wenn die theoretischen Ideen in Kraft treten, dann erlebt man einen Schock. Diesmal traten die Ideen nicht in Kraft, sondern in die Küche. Und ich wollte auch arbeiten.

So lebte ich also das Leben, wie es ist. Ich begann die Zwiebeln zu schneiden, kurz danach fing ich an zu weinen. Vielleicht auch, weil ich das alles so in Deutschland nicht erwartete.

Ganz ehrlich, so langsam erwartete ich nichts mehr. Gar nichts, weder gut noch schlecht. Ich hatte einfach keinen Plan. Ich weinte, weil ich viel Weinen wollte. Zwiebeln schneiden war für mich eine Chance zu weinen, ohne mich zu schämen. In Ägypten darf der Mann nicht weinen. Ein Mann muss immer stark sein.

 

Larissa, ein 19-jähriges Mädchen, beobachtete mich die ganze Zeit.

Larissa: „Ich glaube, du hast das noch nie gemacht. Ich kann dir gern helfen.”

Ich: „Nein, Danke.”

Ich wollte einfach weiter weinen, deshalb verweigerte ich ihr Angebot.

Sie wiederholte sich aber noch Mal: „Ich kann dir helfen.”

Ich: „Danke!”

Larissa: „Danke “ja” oder Danke “nein”?

Ich: „Wenn man in Ägypten ist, sagt man Danke und schweigt. Das bedeutet: Danke “nein”.

 

„Danke “ja” oder Danke “nein”? Diese Frage wird oft gestellt an viele Araber, wenn sie beispielsweise gefragt werden, ob sie was Essen möchten. Die Antwort „Danke“ ist für die Deutschen nicht einzuordnen.

Larissa: „Okay!”

Ich: „Warte bitte. Okay, zeig mir bitte, wie das gemacht wird!”

Ich ging auf Abstand.

Larissa: „Hey du! Du musst lernen, wie du am besten und am schnellsten Zwiebeln schneidest.”

Sie guckte auf mein Namensschild: „ Seragel....el...el din“.

Ich: „Du hast Recht. Der Name ist kompliziert. Meine Eltern und meine Freunde nennen mich Serag. Du darfst auch Serag sagen.”

Larissa: „Woher kommst du, Serag?”

Ich: „Ich komme aus Ägypten.”

Larissa: „Ich bin halb Amerikanerin, halb Deutsche. Wie alt bist du?”

Ich: „27 Jahre alt.”

Larissa: „Ich bin 19, und du?”

Ich: Ich bin.....”

 

Die Schichtleiterin unterbrach uns.

,,Herr Fayed. Was machen Sie hier?“

Ich: „Ich, ich ... “

Larissa: „Ich wollte ihm zeigen, wie er Zwiebeln schneidet.”

Ich: „Ja, genau, ich wollte lernen, wie ich Zwiebeln am besten schnell schneide.”

Ich erfuhr erst später, dass die Schichtleiterin Larissas Mutter ist.

Larissas Mutter: „Herr Fayed, komm bitte mit. Ich rede mit dir jetzt nicht als Schichtleiterin, sondern als Mutter. Meine Tochter ist noch jung und sie ist vor allem vergeben.”

Ich: „Ich habe mit ihr gar nichts versuchen wollen.”

Larissas Mutter: „Ich wollte dich auch nur warnen. Das war alles.”

 

Ganz ehrlich. Ich wusste nicht, warum sie so etwas sagte.

Ein paar Tage später sagte sie mir dann plötzlich, dass sie mich sympathisch findet und sie hätte auch nichts gegen mich, aber sie wüsste, dass ihre Tochter mit mir nie glücklich sein würde.

 

Herr Nickermann, ein 28-Jähriger, war der aller-schlimmste Schichtleiter, mit dem ich je arbeitete. Nach einer Pause bat er mich einmal darum, dass ich Cola von dem einen Lager zu einem anderen Lager transportiere. Danach sollte ich die Cola wieder zum gleichen Lager zurückbringen. Damals wusste ich noch nicht, warum er das machte, mich so schikanierte? Seine Blicke waren nicht normal, aber wieso mochte er mich denn nicht? - Weil ich Ausländer bin?! Die meisten hier waren Ausländer. Es musste einen anderen Grund geben. Er brauchte mich nur zu sehen, um wütend zu werden.

Nach einer Woche sagte mir Scharif, ein Arbeitskollege aus dem Libanon, dass Nickermann Larissas Freund war und er wohl spürte, dass es zwischen uns etwas gibt, obwohl es von meiner Seite so rein gar nichts gab. Herr Nickermann war ein wirkliches Problem auf der Arbeit für mich gewesen. So musste ich jeden Tag die Reinigung alleine machen; Und ich fragte mich oft: „Ist das Deutschland?” Das Leben war so hart und viele Menschen so kalt. Durch meine Arbeit als deutscher Reiseleiter in Ägypten hatte ich viele nette und sympathische Deutsche kennengelernt. Doch waren die Deutschen vielleicht nur im Urlaub so nett und sympathisch.

Werde ich, wie Kafka, alleine leiden und alleine im Ausland sterben? Ich möchte nach Ägypten.

 

 

3. Ich glaubte, dass Deutschland nichts für mich war

Warum hatte ich dieses melancholische Gefühl gegenüber der Zukunft? Kafka ist nicht der einzige deutschsprachige Schriftsteller. Warum habe ich nicht an David Safier gedacht, der ,,Plötzlich Shakespeare“ schrieb. Nickermann oder Mecker-Mann, wie ich ihn insgeheim nannte, repräsentiert nicht das ganze deutsche Volk. Ich muss einfach wieder positiv denken.

 

Doppelmoral ist eine internationale Fabrik.

 

Ich hatte in den letzten Tagen keine Lust mehr, den Fernseher anzumachen. Ganz ehrlich: Dumme Programme gibt es überall, nicht nur in Deutschland, gerade auch bei uns in der arabischen Welt. In Ägypten, wenn ein Ansager ein erfolgreiches Programm haben möchte, dann ist das ganz einfach; Dafür gibt es ein ganz einfaches Rezept: Man nehme einen absurden Ansager, der nicht charismatisch ist. Dieser, plus Superstar, plus blöde Fragen, plus blöde Antworten, ergeben ein erfolgreiches Interview:

 

Ansager: „Welche Farbe liebst du am meisten?”

Superstar: „Blau.”

Ansager: „Wie fühlst du dich, wenn du etwas Blaues siehst?

Der Superstar findet keine Antwort, schweigt ein bisschen und sagt schließlich: ,,Schön!“

Ansager: „Was ist schön daran?”

Superstar: „Ein schönes Gefühl, meine ich.”

Ansager: „Und wie findest du die blaue Farbe, wenn du allein bist? Was spricht die Farbe zu deiner Seele?”

Der Superstar versteht nur Bahnhof.

Hauptsache, die Worte sind tiefgründig, wie z.B. Geheimnisse, die das Herz und die Seele berühren. So wie eine kleine Kritzelei, die von den anderen nicht verstanden wird, aber von einem richtigen Künstler. Dieser Satz rettet sie, falls sie etwas nicht verstehen. Das Problem liegt schon bei dir, weil du kein Künstler bist und falls du ein Künstler bist, dann liegt es auch an dir, weil du kein RICHTIGER Künstler bist.

 

Der Fernseher widerspiegelt die Kultur eines Volkes, und ganz ehrlich, ich glaube, dass die meisten Menschen heutzutage eine Doppelmoral haben. Das erste TV-Programm, das ich in Deutschland anschaute, war der ,,Bachelor''. Ein hübscher Mann aus Griechenland sucht die Liebe seines Lebens, aber wie?

Er verbringt seine Zeit mit verschiedenen Frauen und am Ende muss er sich für eine entscheiden. Wird die wahre Liebe wirklich so gefunden?!

Wenn ich eine Frau fragen würde: „Akzeptierst du, dass dein Freund jetzt die Zeit mit einer anderen Frau verbringt, während du weißt, dass er etwas von ihr will?”

Die Antwort wäre: „Keine normale Frau wird das akzeptieren.”

Viele Frauen finden genau das aber toll, solange sie diese Sendung anschauen.

Solche Gespräche werden zwischen Frauen, während des Drehs geführt.

- ,,Ja, er soll sich für Sara entscheiden“

- ,,Nein, er soll sich für Klara entscheiden. Er ist doch blöd und hat keine Ahnung vom Leben. Klara ist voll süüüüüüüüüüüüß.“

- Schade Marmelade, er hat sich für Sandra entschieden. Ende aus, Micky Maus.

Eine Stunde später wird von den Rechten der Frau in einem TV-Programm gesprochen.

Es wird immer kritisiert, dass die Frau schlecht in der arabischen Welt behandelt wird. Was ist aber, wenn die Frau wie eine Ware dargestellt wird und ein Mann kommt, um eine auszuwählen?! Der Mann darf seine Gefühle zu der Frau ausprobieren und geht danach mit einer anderen seine Gefühle ausprobieren. Ist das gut und normal, weil der Mann ein Europäer ist mit blonden Haaren und blauen Augen? Das ist doch akzeptabel, solange das ganze skurrile Szenario von keinem Araber kommt, dann ist alles in Ordnung. Wenn von Nichtmuslimen, Menschen in Gaza getötet werden, dann wird die ganze Welt Augen und Ohren verschließen, aber wenn Muslime, Franzosen töten, muss man sie als Terroristen bezeichnen...

 

Nach diesem Programm schaute ich leicht verstört etwas anderes an. Dort wurde über Döner gesprochen und wie ich fand, auch gute Fragen gestellt. Zum Beispiel: Woher kommt das Fleisch?- Es wurde ein krankes Pferd gezeigt, das zitterte und kaum stehen konnte. Das Pferd wurde getötet und daraus Dönerfleisch gemacht. Oh mein Gott, wie viele Pferde hatte ich bis jetzt gegessen?

 

Nach der Anschauung hatte ich zu meinem eigenen Entsetzen tatsächlich noch Hunger. Ich wohnte damals in der Nähe vom Nauner Platz. Hier gab es viele Dönerläden. In einem davon hatte ich genau diese Doppelmoral wieder gesehen, deshalb sage ich: „Doppelmoral ist doch eine menschliche Fabrik.”

In diesem besagtem Dönerladen gab es Alkohol und zwei Automaten. Die Frage, die sich jetzt stellt, ist: ,,Ist Alkohol erlaubt(Halal) und Schweinefleisch (Haram) verboten?! Meine Antwort: Beide sind im Islam verboten.

War der Besitzer des Dönerladens etwa halb Muslim halb Nichtmuslim? Ich glaube, er würde auf Alkohol und die Automaten Halal schreiben, wenn das ihm mehr Geld bringen würde.

Die Frage, welche sich mir stellte: ,,Warum soll ich glauben, dass dieser Mann Rindfleisch verkauft?“

Die Antwort, die ich mir gab: Es interessiert ihn schlichtweg nicht, ob das Halal oder nicht Halal ist. Ich bin mir sicher, er hat nichts dagegen, Hunde- und Katzenfleisch zu verkaufen, wenn er damit mehr Geld verdient.

Ich hatte viel über das böse Kapital gelesen, aber hier kann man es klar erleben.

 

Doppelmoral befindet sich überall, nicht nur in Deutschland, wo der Millionär die Frauen wie die Socken wechselt und eine Stunde danach wird über die Rechte der Frau gesprochen. Bei uns in Ägypten haben wir eine andere Form von Doppelmoral. Zum Beispiel, wenn der Vater hört, dass seine Tochter in einer Beziehung mit einem Mann ist, dann sieht er das als Schande an und vielleicht tötet er sie sogar. Falls ihr Bruder aber in einer Beziehung mit einer Frau ist, sieht die Situation ganz anders aus. Es tut mir leid, das zu sagen, dass die meisten so sind.

 

Als ich im ersten Studienjahr war, hatte ich einen Mitbewohner, der ein großes Herz hatte. Er war in keiner wahren Beziehung, weil das in Ägypten ohne Ehe verboten ist. Nicht nur bei den Muslimen, sondern auch bei den Christen ist das so in unserem Land.

Amgad war ein 20-Jähriger, total verliebter Junge. Als wir die neue Wohnung in Hadaiek El Kobba in Kairo gemietet hatten, gab es zwei Nachbarinnen, die im im gleichen Alter wie wir waren. Sehr hübsch waren sie nicht. Amgad nannte sie die Spatzen. Sie waren fast die ganze Zeit auf dem Balkon. Also war Amgad auch fast die ganze Zeit auf unserem Balkon, natürlich nur wegen ihnen. Ihr Vater kam eines Tages zu uns und stritt böse mit uns allen, weil er dachte, dass wir mit seinen Töchtern anbandeln wollten. Sein Sohn jedoch war in einer Beziehung mit einer Frau in der Straße gleich hinter uns. Damit hatte der Vater aber scheinbar gar kein Problem. Diese verrückte Doppelmoral-Gesellschaft hatte mir noch nie gefallen. Ich hatte immer empfunden, falls etwas erlaubt ist, dann muss das für jeden erlaubt sein.

Die meisten Menschen besitzen aber überall diese Doppelmoral. Sie glauben nur, was sie glauben wollen und sehen nur, was sie sehen wollen...

 

 

4- Die Liebe öffnet die Türen

Ganz ehrlich, ich hasste diese Arbeit, aber ich musste natürlich wieder dorthin gehen.  Wenigstens waren die Arbeitskollegen ein schöner Vorteil. Die meisten, die bei Burger King arbeiten, sind Ausländer, die aus ganz verschiedenen Ländern kommen. Als ich ein Kind war, träumte ich davon, die ganze Welt zu besuchen. Länder bedeuten für mich nicht nur die Straßen und die Häuser, sondern vielmehr die Menschen. Und diese bestehen auch nicht nur aus Körpern, sondern aus einer Seele und einem Charakter. Ich finde, die Seele kann man nie beschreiben oder definieren. Und der Charakter bildet sich aus vielen Sachen: Erziehung, Religion und Sitten. Sitten und Traditionen sind ein großer Teil der Erziehung.

,,Andere Länder, andere Sitten''- das bedeutet für mich sehr viel. Wenn ich die Sitten der  Menschen kenne, gibt es mir das Gefühl, als hätte ich ihre Länder schon besucht.

 

Also war ich wieder auf der Arbeit. Hier in der Küche gab es nicht nur warme Pommes, sondern auch warme Geschichten von Sara, Fadia, Sandra und Maria. In einer Pause lernte ich Alexandra kennen. Es gab ein kleines Zimmer im Keller als Pausenraum, da haben wir immer zu zweit, manchmal zu dritt, gesessen und gegessen. Mehr als drei Personen durften nie gleichzeitig Pause machen. Alexandra erzählte mir aus ihrem Leben. Sie kam aus Russland und ich mochte den russischen Akzent.

 

Ich erzähle euch jetzt, akzentfrei, die Geschichte von Alexandra:

Alexandra war eine 23-jährige Frau aus Russland und sie hatte einen russischen Freund. Das Problem bestand aber darin, dass er nicht nach Deutschland kommen durfte, weil er kein nötiges Visum besaß. Sie liebte ihn und trotzdem war sie auf der Suche, weil sie keine Kraft mehr hatte. Sie kann nicht mehr für diese Liebe kämpfen, sagte sie. Dann nenne ich das aber keine Liebe. Wenn ich jemanden liebe, würde ich für diese Person sterben. Nicht einmal das Beste wäre gut genug, weil die wahre Liebe, die wahre Heimat bedeutet. Das ist keine Entscheidung, die man trifft, sondern eine Reaktion, die ohne Willen des Menschen passiert. Es ist genauso wie Herzklopfen. Man kann nie sagen, ich möchte, dass mein Herz nicht mehr klopft. Das passiert nur, wenn man stirbt und genauso ist die Liebe.

Ich wusste, dass das keine wahre Liebe war. Die Menschen suchen die ganze Zeit diese einzige, große Liebe und nennen dann aber jede Beziehung ,,Liebe”, in der Hoffnung, dass dies wirklich erwachsen wird. Es gibt natürlich auch andere Menschen, die daran glauben, dass ihnen die wahre Liebe nur einmal im Leben begegnet. Sie glauben oft, dass sie diese wahre Liebe niemals finden werden.  Und so passiert es oft, dass sie ihre Herzen zumachen. Vielleicht begegnen sie sogar der wahren Liebe, aber erkennen diese einfach nicht. Aus Angst, wieder enttäuscht zu werden, haben sie ihre Augen zu gemacht. Es passiert aber oft, dass sie das später erkennen.

Es gibt auch Menschen, die auf die wahre Liebe warten, obwohl sie gar kein Herz haben. Sie sind eigentlich nicht bereit, zu lieben, weil sie mit Problemen oder mit Kleinigkeiten beschäftigt sind. Durch meine zahllosen Geschichten, die ich hörte von Männern und Frauen, kann ich die Liebe jetzt so kategorisieren.

 

Alexandra hatte es mit Herrn Schmidt versucht aber Herr Schmidt liebt Larissa. Larissa sagte nach einem Monat, dass sie mich liebt aber ich war zu dieser Zeit nicht in der Lage daran zu denken. Ich war mit meinem neuen Leben total beschäftigt. Vielleicht aber war Larissa die Frau meines Lebens, die wahre Liebe, die einfach zur falschen Zeit kam.

 

Meine Wohnung war zu teuer für mich, deswegen musste ich mir eine andere Bleibe suchen. Ich fragte jeden, den ich kannte und endlich sagte mir mein algerischer Arbeitskollege eines Tages, dass er eine alte Frau kennt, die mir dabei bestimmt helfen könnte. Sie mochte uns Araber sehr. In ihrem Block wohnten viele dieser Nationalität. Es gab dort wohl einen Tunesier, sehr alt geworden und mit dem Wunsch in seinem Heimatland zu sterben.

Die ganze Geschichte hatte mich nicht interessiert. Ob er in Tunesien stirbt oder in der Goethestraße, das war mir gleich. Die Araber reden einfach viel. Das ist höchstens ein Vorteil, wenn ein Autor neue Ideen für seine Geschichten braucht.

 

Die Wohnung war richtig toll. Das einzige Problem war mein ägyptischer Nachbar. Ein 70-jähriger Rentner, der tagein tagaus von 10:00 Uhr bis 20:00 Uhr vor dem Haus saß. Er hatte nichts anderes zu tun, außer die Nachbarn und seine arme Frau zu kritisieren. Keiner hatte wirklich Zeit noch Lust, um mit ihm zu sprechen. Er behauptete, er hätte bei Mercedes gearbeitet und trotzdem war sein altes Auto ein BMW. Ich war aus Höflichkeit gezwungen, ihm jeden Tag für eine Stunde zuzuhören. Er redete stets um den heißen Brei herum, weil er einfach länger sprechen wollte. Selbst seine vier Söhne wollten nicht mehr mit ihm leben. Sie konnten ihn einfach nicht mehr ertragen. Als ich ihn kennenlernte, sagte er, ohne dass ich ihn fragte: „Ich bin großzügig. Ich könnte so reich werden. Weißt du, warum ich nicht so reich bin? Weil ich mein Geld stets zum Fenster raus warf.”

Er behauptete, dass er fünf Häuser in Ägypten hätte. Seine vier Kinder lebten aber, wie bereits gesagt, nicht mehr bei ihm. Drei von ihnen waren mit einer ägyptischen Frauen verheiratet; ihre Ehen waren aber erfolglos. Nur einer war mit einer deutschen Frau verheiratet. Diese Frau war sein geliebter Engel. Er meinte, dass er sie so liebt, weil sie einen ruhigen Charakter hat und wenig isst. Und dies sei der Grund, dass derjenige Sohn schnell reich geworden war. Als ich das hörte, fragte ich mich innerlich: „Was für ein Vorteil ist das, dass sie nicht viel isst?!” Einen geizigeren Menschen wie ihn, sah ich noch nie im Leben. Er sprach von dieser Frau, als ob er ein Auto beschreibt, dass wenig Öl verbraucht.

Seine Frau war mit ihm gar nicht glücklich, sie kam aus Süd-Ägypten. Es ist bekannt, dass die Frauen in Süd-Ägypten ein bisschen stärker als andere Frauen in Ägypten sind. Es ist aber eine Schande, wenn die Frau geschieden ist. Ich denke, das war der einzige Grund, warum sie noch immer mit ihm lebte. Jeden Tag stritten sie laut. Er stand vor der Tür und bat seine Frau darum, dass sie die Tür aufmacht. Er bat sie, während er sich selbst schimpfte, dass er sie von Süd-Ägypten nach Deutschland brachte. Er bereute, dass er sie geheiratet hatte. Beide sagen, wir sind zusammen alt geworden. Es gibt keine Zeit mehr, dass wir unser Leben anderes leben. Es ist einfach zu spät. Sie lebten zusammen getreu dem Prinzip ,, Lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach.“

 

Er hatte keinen, mit dem er reden konnte, deswegen benutzte er einen Trick. Er hatte sein Auto zu einem günstigen Preis im Internet eingestellt. Und jeden Tag kamen arme Leute, die das Auto kaufen wollten. Seine Antwort war immer: „Ich muss zu erst meinen Sohn fragen, vielleicht möchte er das Auto kaufen. Er rief mich gerade vor fünf Minuten an und sagte, dass er es vielleicht kaufen würde.“ Dieses Spiel spielte er jedes Mal, nachdem er die Leute kennenlernte und mit ihnen lange sprach. Alle zwei Tage sah ich Leute, die mit ihm über sein altes Auto debattierten.

Alle seine Kleider hatte er vom Flohmarkt. Sein Hut, seine Schuhe und seine Sonnenbrille, die er sogar in der Nacht trug; Auch seine Zigarre, die er gar nicht anzündete, weil er kein Raucher war. Einmal bot ihm jemand von denen, die das Auto kaufen wollten, Feuer an. Da behauptete er, dass er versuchen wollte mit dem Rauchen aufzuhören, deshalb zündet er die Zigarre nicht an. An einem anderen Tag wollte seine Frau einmal nicht die Tür aufmachen. Er war so laut, dass ich den ganzen Streit von A bis Z hörte, obwohl ich ihn nicht hören wollte. Ich öffnete die Tür, weil ich einkaufen gehen musste. Ich traf ihn unterwegs zum Keller. Ich sagte ihm, dass er heute bei mir schlafen dürfe. Und morgen würden sie sich sicherlich, wie immer, versöhnen. Zu meiner Überraschung fand ich heraus, dass er oft im Keller schlief. Dort unten hatte er eine Decke, eine Matratze und Millionen sinnlose Sachen, die er immer vom Flohmarkt kaufte. Er meinte, dass seine Frau diese Sachen nicht zu Hause haben wollte, obwohl er sie antik fand. Auch meiner Meinung nach waren das keine Antiquitäten, sondern einfach nur Müll.

Seine Frau hatte sich integriert und sprach viel besser Deutsch als er. Die Kinder waren schon Deutsche, sie konnten überhaupt gar kein Arabisch. Dieser Nachbar lebte in Deutschland wie ein Ägypter in seinem eigenen Dorf. Aus der Geschichte mit seiner Frau habe ich etwas Wichtiges gelernt: „Es ist nie zu spät.“

 

Sie leben heute immer noch in Berlin. Über sieben Jahre sind jetzt schon vergangen seit unserem Kennenlernen und sie leben immer noch in Streit. Jeden Tag schreien, jeden Tag ohne Pause, sie rauben sich gegenseitig ihre Nerven und jedes Mal sagen sie am Ende des Streits ,,Es ist jetzt zu spät.” Man weiß aber nie, wie lange man lebt. Vielleicht ist es früh, vielleicht ist es aber auch die richtige Zeit, dass man eine richtige Entscheidung trifft.

Wenn man gesund ist, dann ist alles andere deine Entscheidung, ob du glücklich oder im Elend lebst: Armut beginnt schon im Kopf. Deine positiven Gedanken alleine können dich zum Glück führen, wenn du das Handtuch nicht wirfst.

 

Mitten in der Nacht teilte ich einmal ein Foto von mir vor dem Brandenburger Tor auf Facebook. Viele Freunde kommentierten es. Es gab darunter auch einen einzigen Kommentar, der mein ganzes Leben änderte.

 

Der Kommentar war: „Bist du in Berlin, oder ist das Photoshop?'' Das kommentierte Laura. Laura war eine 30-jährige Anwältin aus Freising. Ich unterrichtete sie in Ägyptisch-Arabisch. Wir mochten uns sehr. Ich erzählte ihr daraufhin, dass ich zurück nach Ägypten möchte. Es war hier nicht so schön, wie ich es mir erhofft hatte. Ich habe mir Deutschland ganz anderes vorgestellt: Schön, sauber und ruhig. In Berlin würde ich Hochdeutsch hören, so dachte ich. Leider war es nicht so. In der U-Bahnstation findet man Bettler, Obdachlose, und vor allem Raucher, die ihre Zigaretten einfach in die U-Bahn schmeißen. Natürlich nicht überall, aber in manchen Stationen ganz besonders, wie „Hermannsplatz“ beispielsweise.

Laura schrieb mir: „Das ist nicht Deutschland. Komm doch nach Bayern. Es ist hier total anders.”

 

Ein Paar Tage davor hatte ich mein Portmonee in der U-Bahn liegen lassen. Im Fundbüro in Berlin fand ich alles wieder, außer das Geld. Als ich mein Portmonee verlor, erinnerte ich mich an eine ähnliche Situation; Der Unterschied war der kulturelle Hintergrund.

 

Flashback

Unsere Nachbarin damals in Ägypten erlag einem Diebstahl bei sich zu Hause. Ihr gesamter Goldschmuck wurde gestohlen. Sie wollte zu diesem Fall den Spiegel befragen; Natürlich meine ich hier nicht die in Deutschland bekannte Zeitung, sondern einen Spiegel, durch dessen man mittels Magie seine Sachen wieder finden konnte. Damals war ich ein fünfjähriges Kind und die Nachbarin hatte mich zu ihren Zwecken von meiner Mutter geliehen, als ob ich ein 5-Euro-Schein wäre. Der Glaube war nämlich, dass nur ein Kind das Gold im Spiegel sehen könnte, aber ein Mann oder eine Frau könne es nicht. Ich habe damals nichts von alledem verstanden. Alles, was ich wusste, war, dass der Scheich mich wollte. Kannte er mich? Und warum mich und nicht meinen Bruder? Dies waren alles Fragen, die in meinem Kopf schweiften.

Die Scheichs, zwei unsympathische Männer, wurden im ganzen Land stets herbeigerufen, wenn es um die Magie des Spiegels ging.  Meiner Meinung nach waren sie aber bloß Schwindler und Betrüger. Man nannte sie Scheichs, denn so werden alle islamischen Gelehrten genannt. Was für mich aber gleich komisch war, war der offensichtliche Umstand, dass einer von beiden Christ war: Ich sah das Kreuz auf seinem Handgelenk tätowiert.

 

Die meisten  Christen in Ägypten tragen ein tätowiertes Kreuz auf ihrem Handgelenk; Wenn auch nicht alle, aber sehr viele, lassen solch ein Kreuz als Zeichen bereits bei ihren Kindern tätowieren. Im Falle der beiden Scheichs vereinten sich Christen und Muslime; Aber sie machten ihr Heimatland damit nicht  besser, sondern förderten nur Ignoranz und Rückständigkeit. So kenne ich beispielsweise Muslime, die nie in die Kirchen gehen würden, wenn ein christlicher Freund gestorben ist. Warum er das nicht tut? Weil es in der Kirche Kreuze gibt und wir Muslime glauben nicht, dass Jesus Christus gekreuzigt wurde. Der gleiche Muslim geht aber zur Kirche, wenn solche Männer ihn überzeugen, dass er von dem Teufel besessen sei. Dann macht ein sogenannter Bischof das Kreuz auf sein Gesicht und sagt: „Im Namen des Kreuzes.” - Diesen Satz sprechen Christen bei uns in Ägypten ganz häufig, wenn sie ängstlich sind.

 

Unsere oberflächliche Nachbarin begann mit ihr-en ,,Duaa” Gebeten, sie betete darum, dass Gott beiden Betrügern

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Tag der Veröffentlichung: 27.06.2020
ISBN: 978-3-7487-4758-1

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