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Fersan

Es gibt aber trotzdem Geschichten, die man glauben kann. Zum Beispiel die Geschichte, die ich von Fersan hörte, wie sie nach Deutschland kamen. Sie bezahlten viel Geld für einen Todesschlepper, der sie hierher brachte. Sie kamen mit einem Boot. Eines Mittags hörten sie auf einmal riesige Wellen. Am Anfang dachten sie, dass das Boot nicht sinken wird. Jeder hatte seinen Koran mitgebracht und fing an, ein bisschen vom Koran zu rezitieren.

 

Fersan: „Unsere Tränen und unser Ruf: „O Allah, O Allah“, war lauter als die riesen Wellen. Die Geldtaschen wurden alle ins Meer geschmissen. Wir brachten sie mit, weil wir dachten, dass sie nicht so schwer sind. In diesem Moment war ein Stück Holz viel teurer als ein Schloss.“

Während er sprach, fing er an, zu weinen. Er zitterte. Ich bat ihn, dass er nicht weiter erzählt.

Er war aber beharrlich und berichtete weiter:

 

„Es war ein unbeschreiblicher Moment, als meine Frau, meine Söhne und ich ins Wasser sprangen. Meine drei Söhne waren Schwimmprofis. Nach 10 Minuten im Wasser vereinbarten wir, dass wir noch zehn Minuten warten und falls wir keine Rettung bekommen, müssen sie ihre Mutter und mich hier zurücklassen und versuchen irgendwohin zu schwimmen. Natürlich war das die allerschwerste Entscheidung, die ich je in meinem Leben traf. Nach zehn Minuten wollten meine Kinder uns dann aber nicht verlassen. Ich fing an, sie zu schimpfen und zu schlagen. Sie weinten, damit ich nicht weggehe. Sie hörten mir nicht zu und versprachen mir, dass sie in einer Stunde schwimmen werden. Zum Glück sah uns aber bald ein Hubschrauber vom Roten Kreuz und half uns. Da kamen meine Kinder nah zu uns geschwommen und wir umarmten uns im Wasser. Als die anderen Hubschrauber und schließlich ein Schiff kamen, stiegen wir alle ein. Was komisch war, dass mein Sohn lachte. Auf einmal schrie er: „Wir sind noch am Leben, wir werden nicht von den Fischen gefressen.“ Sein Lachen unter Tränen, erweckten in mir das Gefühl, dass er den Verstand verloren hatte. Er sprang auf einmal wieder ins Wasser und schwamm sehr schnell fort, bis ich ihn nicht mehr sah. Ich schrie seine Geschwister an: „Bringt euren Bruder!“ Seine Geschwister sprangen ins Wasser und schwammen hinter ihm her. Das Schiff wollte fahren. Ich weinte und sprach mit den Leuten, dass wir kurz warten. Es wurde langsam dunkel. Der Fregattenkapitän war schließlich dafür, dass wir noch ein wenig warten. Sie kamen zurück, aber sie kamen nicht zu dritt, sondern zu viert. Mein Sohn hatte zuvor nämlich einen jungen Mann gesehen, der weit weg im Wasser trieb. Sie retteten ihn und kamen mit ihm zurück. Dieser Junge besucht uns bis heute und sagt immer wieder, dass mein Sohn der Grund ist, dass er noch am Leben ist.“

 

Ich konnte meine Tränen nicht halten, weil er mir seine Geschichte mit so viel Emotionen erzählte. Ich hatte das Gefühl, dass ich alles sehe. Ich hatte sogar das Gefühl, dass das Wasser kalt ist. Ich fing an zu zittern, obwohl ich nicht dort war. Ich hatte das Gefühl, dass ich einer von seinen drei Söhnen bin. Ich hatte das Gefühl, dass ich dieser junge Mann war und endlich die Chance hatte, zu leben. Ich wollte sogar beten und Gott danken, dass ich immer noch am Leben bin.

Fersan meinte: „Ich bin erstaunt, dass die Syrer hier immer noch streiten, dass Frauen ihre Männer hier verlassen wollen, obwohl in Syrien noch alles in Ordnung war? Wieso tun sie sich das an und vergessen, dass sie kurz vor dem Sterben waren?“

Zwischen diesem guten Mann, seiner guten Familie und den so reichen Leuten, die reicher als Onassis sind und vor allem, die nichts zu tun haben, außer schlecht über die anderen zu erzählen; bleibt man erstaunt über die Unterschiede innerhalb eines Volkes. Dann sagt man, sie sind nicht alle gleich.

Es wäre bestimmt schön, wenn alle Menschen gut sind.

 

 

Wenn jeder von Politik spricht

Ein anderer Teilnehmer war Palästinenser und diese Landsleute sind vollkommen nett. Viele von ihnen mögen Ägypten als Land aber viele von ihnen betrachten die Ägypter auch als Verräter. Sie glauben, dass Ägypten verantwortlich dafür ist, dass sie staatenlos sind. 1973 führte Mohammad Anwar As Sadat (Friedensnobelpreisträger) einen Krieg gegen Israel. Er gewann seinen Kampf und befreite Sinai. Er schlug vor, dass Arafat, der Palästinenser Präsident, zur Friedensverhandlung kommt. Viele Araber sahen Sadat damals als Verräter, doch meiner Meinung nach war er es nicht. Sie sprachen oberflächlich und sagten, dass er auch bis Tel Aviv kommen könnte, um Jerusalem zu befreien. Das stimmt aber so nicht, weil die USA anfing, Israel zu helfen. Mohammed Anwar As Sadat war realistisch, er wusste schon, dass er gegen Israel kämpfen und gewinnen könnte, aber gegen die USA war es unmöglich. Er war ein sehr guter "Leser", etwas, was den meisten Arabern heutzutage fehlt.

 

Saddam Hussein kämpfte gegen die USA und was war das Ergebnis? - „Er verlor sein Land, sein Volk und vor allem sich selbst.“ Warum? - Weil er nach arabischer Sicht mutig war. Alle Araber sehen Saddam Hussein immer noch als Helden. Ob er ein Held war oder nicht, das interessiert mich nicht, was mich interessiert, ist, dass der Irak vor seiner Kriegsentscheidung eines der reichsten und schönsten Länder war. Es war ein Traum vieler Arabern, dass sie einen Arbeitsplatz im Irak finden. Ein Iraker lebte wirklich wie ein König und jetzt sind sie auf der ganzen Welt verstreut als Flüchtlinge. Sadat konnte sich selbst, sein Land und sein Volk vor diesem Schicksal retten.

Arafat, der Palästinenser Präsident, sagte einmal in einem Interview: „Wir sind das Volk der Mächtigen.“ Seit diesem Tag sagt fast jeder Palästinenser diesen Satz. Ich weiß nicht, warum sie mächtig sein sollen, wenn sie aus dem einzigen, besetzten Land auf der ganzen Welt stammen. Kein Volk wird gequält wie sie. Sie reisen überall mit staatenlosen Ausweisen und Pässen.

Und unter den Araber sagen sie mit lauter Stimme: „Wir sind die Mächtigen.“

Ich frage mich, was habt ihr auf der internationalen Ebene getan oder was hat der Sprecher dieses Satzes auf persönlicher Ebene getan, damit er so laut schreit und sagt, dass ihr die Mächtigen seid?

Ich habe nichts gegen sie als Menschen, aber viel gegen ihr Verhalten und ihre Gedanken. Die Ägypter sind auch nicht so toll. Sie sagen die ganze Zeit, wir sind die Pharaonen, wir haben die Pyramiden gebaut. Das haben doch aber unsere Vorfahren vollbracht. Was haben wir getan?- Das ist hier die Frage. Wenn ich sowas von einem Ägypter höre, sage ich ihm: ,,Okay, du sagst mir, ,,Wir haben die Pyramiden gebaut“ , dann sag mir bitte erst mal, wer seid IHR? Zweitens: Wie habt ihr sie denn erbaut, wenn du mit dabei warst? Sprich doch genauer und sag SIE, nicht WIR - ,,Sie haben die Pyramiden gebaut.“

Ich habe nichts gegen die Araber, weil ich selber arabisches Blut habe. Ich sage das als Kritik, denn durch Kritik kann man sich selbst verbessern. Die Mächtigen, die denken, dass sie schon mächtig sind, werden nie etwas tun, um erfolgreich zu werden, weil sie denken, dass sie es schon sind.

 

Die Ägypter werden auch nie erfolgreich, solange sie denken, dass sie die allerbeste Zivilisation schon erschaffen haben und dafür brauchen sie nun nichts mehr tun. Die Syrer, die gelogen haben und meinten, dass sie Firmen und Fabriken hatten und ihre Lüge selbst noch glaubten, müssen zuerst wach werden. Ich diskutiere mit ihnen nicht lange, ob das eine Lüge oder keine Lüge ist. Ich sage aber indirekt, wir sind hier in Deutschland in einem armen Land, und weil wir arm sind und für die ganze Welt exportieren, wird man hier nicht einfach reich werden. Dafür muss man das leichte, gute, tolle, perfekte Leben in Syrien vergessen und hier sich bemühen, um leben zu können.

Sowas sage ich nicht jedem, sondern denjenigen, die die ganze Zeit über das tolle Leben in Syrien sprechen und dass sie ein leichtes, schönes Leben hier erwartet haben. Aber ein schönes Leben gibt es nur, wenn man es selber dazu macht.

 

 

Ein Herz kann lieben, solange wir atmen

Dr. Francesco: ,,Und hattest du

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Tag der Veröffentlichung: 01.06.2020
ISBN: 978-3-7487-4403-0

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