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Das Leben ist ein großes Theaterstück

Als ich früher Theater lernte, sagte mir eine Regisseurin, die uns unterrichtete: „Gut zu spielen, bedeutet, dass du nicht spielst. Jeder lügt und falls man lacht, wenn man lügt oder man durcheinander wirkt, wird einem nicht geglaubt werden.“

Bei einem Besuch in Berlin übernachtete ich in einem Hostel mitten in der Stadt. Als ich ins Zimmer reinkam, sah ich eine junge Frau und einen alten Mann. Wir lernten einander kennen.

Sie sagte, dass sie für drei Tage hier bleiben müsste, weil sie Arbeit hat. Ihr Freund komme erst übermorgen nach Berlin, dann würden sie zusammen nach Frankfurt fahren. Als wir gerade sprachen, kam ein hübscher Junge zu uns ins Zimmer. Er hatte auch ein Bett im Zimmer. Er stellte sich vor und sagte, dass er Italiener ist. Ich legte mich recht bald ins Bett, denn nach acht Stunden im Bus war ich total müde. Der Italiener ging sofort raus. Eine Minute danach rief die junge Frau ihren Freund an und sagte ihm, dass sie ihn vermisst, weil sie zum ersten Mal seit zwei Jahren alleine reiste. Sie war richtig traurig. Ich wollte mitweinen, weil ihre Gefühle wirklich ehrlich waren.

„So ist die Frau und so ist die wahre Liebe“, sagte ich.

Die junge Frau ging raus. Ich war müde und wollte eigentlich schlafen. Ich hatte aber Hunger, und dachte sofort an den Dönerladen gegenüber der U-Bahn-Station. Nur wegen meinem Hunger stand ich noch mal auf. Vor der Rezeption saß die junge Frau mit dem Italiener. Ich ging und aß meinen Dönerteller in der Osloerstraße. Dort isst man den allerbesten Döner in Deutschland. Danach ging ich zu einem Obstladen gegenüber. Ich kaufte eine Flasche Wasser und saß auf der Straße, ich hatte Pantoffeln an. Es interessierte mich nicht, wie ich aussah. Ich wollte mich wie ein Kind fühlen. Ich trank nur die Hälfte der Flasche aus. Da ich sie nicht tragen wollte, gab ich sie einem alten, armen Mann.

Ich wollte nichts tragen. Ich wollte frei sein. Ich wollte die Welt umarmen.

Ich wollte die Luft küssen. Ich war einfach glücklich.

Plötzlich fuhr mich jemand mit dem Fahrrad an. Ich wollte, dass das Leben mich umarmt und nicht ein Fahrrad. Der alte Mann entschuldigte sich, dass er mich anfuhr und ich entschuldigte mich, weil ich unachtsam war.

Ich erlaubte dieser Situation nicht, mich zu ärgern oder meine innere Freude zu klauen. Manchmal muss man dumme Sachen tun, um diese Freude zu bekommen oder zu erhalten.

Ich ging zum Hostel zurück. Die junge Frau saß immer noch mit dem Italiener vor der Rezeption. Sie hielt ihren Kopf auf ihre Hände gestützt. Sie hatte immer noch Tränen in den Augen. Wer weiß, vielleicht erzählte er ihr die Geschichte von dem Wolf und den sieben jungen Geißlein. Vielleicht war er, als ich kam, an dieser Stelle, wo der Wolf die sieben jungen Geißlein fraß.

Ich lag wieder im Bett und schlief für eine Stunde, dann hörte ich etwas und wurde wach. Als ich schaute, lag die „treue“, junge Frau mit dem Italiener zusammen in seinem Bett.

Noch vor zwei Stunden vermisste sie ihren Freund und jetzt war sie mit einem anderen im Bett.

Ich dachte an die sogenannte Liebe, die Sehnsucht nach ihrem Freund und an die Tränen.

Wie kann man überhaupt irgend einer Frau nach solch einer Situation noch vertrauen?

Man darf natürlich nicht alle Leute in einen Topf werfen, aber solche Leute leben mit uns und man kann nicht ignorieren, dass man heutzutage am einfachsten betrogen wird.

In einer ägyptischen Komödie sagte ein Mann zu seinem Kumpel: „Du sollst keiner Frau vertrauen. Nur einer Frau darfst du vertrauen - ,, Deiner Mutter“. Und wenn dein Vater sich von ihr scheiden lässt, hör auf, ihr zu vertrauen.“

Einen Tag später kam der Freund der Frau. Der Italiener war immer noch mit uns zusammen im Raum. Für mich war erstaunlich, dass in der darauffolgenden Zeit, ihr Freund mit ihr kein einziges Mal im Bett war. Der Italiener war eine Chance, die nicht jeden Tag kam, ihr Freund blieb so oder so.

Zurück unterwegs von Berlin nach München rief mich Sarah an und sagte mir, dass sie für mich eine Überraschung hat; ich müsste mich aber allerspätestens morgen mit ihr bei Suzanne treffen.

Am nächsten Tag fuhr ich nach Marzling und ich sah Sarah wieder mit ihrem Freund auf der Brücke. Ich hoffte, dass sie ein besseres Schicksal als meins haben werden.

Ich musste wieder an Valentina denken. Sarah fragte mich, ob ich schon Bachelor der Germanistik bin?

,,JA“, antwortete ich. Da sagte sie, dass ich einen Zusatzqualifizierungskurs besuchen müsste, und danach dürfte ich hier in Deutschland Deutsch als Zweitsprache unterrichten. Ich dachte, dass diese Frau halluzinierte. Ich bin Ausländer. Warum erlaubt Deutschland mir zu unterrichten? Ich bin kein Muttersprachler und werde nie Muttersprachler sein.

Ich kann zwar Deutsch und unterrichtete auch ein paar Freunde in Ägypten. Sie sagten, dass ich toll bin, aber trotzdem blieb die Idee für mich komisch.

Sarah fand das toll.

 

Zum zweiten Mal träumte eine Frau für mich. Früher war es die Schwester meines besten Freundes, die davon träumte, dass ich Germanistik studiere und jetzt träumt eine andere Frau, dass ich als Deutschlehrer arbeite. Warum träumten sie große Träume, die nicht jeder erreichen kann? Sarah meinte, dass sie in dem Kurs schon entdecken werden, ob ich fähig bin oder nicht. Und falls ich nicht gut bin, werden sie mir das Unterrichten ohnehin nicht erlauben.

,,Ich sehe in deinen Augen den Glanz der Herausforderung, Romantik, Stärke und Intelligenz. Deine Augen und vor allem deine Stimme, wenn du leise sprichst. Oh mein Gott! Keine Frau kann dem widerstehen“, sagte Sarah.

Da wurde ich rot. Ich war nicht gewohnt, dass eine Frau so offensiv mit mir flirtet.

 

Ich wollte einfach das Thema wechseln, als ob ich vor ihrer Liebe fliehen würde.

 

Sie fragte mich, ob ich 1500,-Euro habe. Ich hatte natürlich nicht soviel Geld. Sarah fand das schade, weil sie in ihrem Plan für mich wirklich eine Karriere sah.

 

Unterstützung aus Ägypten

Am Abend erzählte ich meinem Vater davon. Ich machte mich ein wenig lustig über Sarahs Idee, aber er fand sie toll und war richtig begeistert. Mit einem Freund schickte er mir 1500,-Euro nach Deutschland. Ein Euro kostete damals fast 20 ägyptische Pfund. Das war viel Geld, es war eine neue Herausforderung für mich. Es sieht vielleicht so aus, als ob ich mein ganzes Leben kämpfen würde, um unmögliche Träume möglich zu machen.

Ich musste viel lernen. Die pädagogische Seite des Kurses war für mich neu und sehr schwer, weil ich in diese Richtung noch nie studierte. Im Gegensatz zur deutschen Sprache, die der Kurs beinhaltete; das kannte ich bereits.

Ich hatte Angst, dass ich es nicht schaffen würde, deshalb machte ich mir einen kleinen Plan. Das war kein Kurs, den man einfach nur  besuchen muss. Man musste am Ende ein Portfolio schreiben, das von einer Professorin bewertet wurde. Ich zahlte das Geld in zwei Raten. Zuerst zahlte ich 700,-Euro und dachte, wenn ich merke, dass ich es nicht schaffen werde, dann würde ich einfach den Rest des Geldes meinem Vater wieder zurück schicken. Falls ich es aber leicht und machbar finde, werde ich die zweite Raten zahlen.

Christian, mein Lehrer, kam ursprünglich aus Ungarn. Er half mir oft. Nach einer Woche sagte ich ihm, dass ich nicht weiter machen würde, weil ich das alles zu schwer für mich fand.

Er hatte aber eine andere Meinung. Er sagte mir unter vier Augen, dass ich seiner Meinung nach der Beste wäre. Er erzählte mir, dass die Ausländer am besten in diesem Bereich sind und nicht die Deutschen, weil diese  alles als selbstverständlich nehmen. Das Verb kommt am Ende, weil das Verb am Ende kommen muss. Sie versuchen, es zu erklären, aber ihnen fehlt die Erfahrung von einem Lerner. „Du hast als Lernender alle diese Stufen erlebt. Es war für dich nicht selbstverständlich, dass das Verb am Ende im Infinitiv oder konjugiert kommt“ , sagte Christian.

Christian hatte Recht und ich war plötzlich total überzeugt. Ich mag ihn sehr und hoffe, dass

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Tag der Veröffentlichung: 08.05.2020
ISBN: 978-3-7487-4007-0

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