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Der Verkäufer der Liebe

Dr. Francesco: „Wie hast du die Zeit in Marzling verbracht?“

Ich: „Marzling ist ein ruhiges, schönes Dorf. Ich ging immer spazieren. Bei einem Spaziergang landete ich vor einem großen Spielplatz. Ich sah nur einen Jungen, der mit dem Ball alleine spielte. Mit gebrochenem Deutsch rief er: „Hallo, du spielen mit mir.“

Ich näherte mich ihm.

Er: „Ich Griechenlaand koommen. Linus. Du?“

Er war die ganze Zeit ziemlich laut, als ob er mich rufen würde.

Ich: „Serag aus Ägypten.“

Wir haben oft das Gefühl, dass uns keiner hört und versuchen aus der Einsamkeit und der Stille herauszubrechen. Vielleicht rief Linus deshalb auch so laut.

 

Wir spielten Fußball zusammen, danach erzählte er mir, dass es hier auch eine ägyptische Frau gibt. Er sah sie ab und zu und sie hat wohl einen deutschen Freund. Ich war erstaunt und fragte mich innerlich: „Eine ägyptische Frau in Marzling?! Unglaublich. Ich bin der einzige Araber in diesem Dorf, sowie ich weiß.“

 

Linus: „Hey, woran denkst du? Du bist ein sehr guter Spieler.“

 

Er meinte, dass ich mit der Mannschaft hier spielen solle. Damals war ich über 28 Jahre alt und betrachtete meine aktive Sportlerzeit eigentlich als vorbei. Trotzdem wollte ich es versuchen. Ich ging um 14:00 Uhr zum Training. Der Trainer war sehr nett mit mir und hatte nichts dagegen, dass ich ein Mitglied der Mannschaft werde. Ich fand das unglaublich schön und freundlich. Das merkte der Trainer in meinen Augen.

 

Flash back.

Als ich 18 Jahre alt war, ging ich zum Stadion in meiner kleinen Stadt. Ich wollte ein berühmter Fußballer werden; Welcher Junge will das nicht!? Der Trainer dort wollte mich aber noch nicht mal prüfen. Erstens, weil ich eine Brille trug. Darauf konterte ich, dass der holländische Fußballer Edgar Davids auch eine Brille trug. Da lachte er über mich und sagte: „Okay, gehe und spiele doch in Holland. Wir sind hier in Ägypten, nicht in Holland.“

Der Trainer: „Und wie alt bist du?“

Ich: „18 Jahre.“

Der Trainer lachte wieder: „Dann gehe doch nach Holland. Du bist zu alt, um ein Fußballer zu werden.“

Ich ging und war damals sehr traurig.

 

Hier in Deutschland waren meine Möglichkeiten viel besser, obwohl ich viel älter war. Dieser Trainer damals hatte mein Herz richtig gebrochen! Vielleicht gab er mir auch den einzigen Grund, dass ich mich später, mit 23 Jahren, einer Laser-Operation an den Augen unterzog. Ich trug zwar zu dem Zeitpunkt keine Brille mehr, war aber schon viel älter geworden. Ich bin überzeugt: Hätte ich Brille getragen, hätte der deutsche Trainer mich trotzdem akzeptiert, da es durchaus erlaubt ist zu spielen, wenn man eine spezielle Sportbrille trägt. Auch gibt es in jeder Altersstufe eine eigene Mannschaft, die auch über 50-Jährige mitmachen lässt. Und davon war ich noch weit entfernt.

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In diesem Moment erinnerte ich mich an ein Zitat von Ahmad Zwail, dem ägytptischen Nobelpreisträger in Chemie: ,,Die Westler sind nicht von Geburt an ein Genie und wir sind nicht vom Geburt an dumm. Sie unterstützen den Dummen, bis er erfolgreich wird und wir deprimieren den Erfolgreichen, bis er scheitert.“

 

Der Trainer meinte, dass ich ein guter Fußballer bin. Ein großer Teil dieses Sports besteht darin, dass du ein guter Schauspieler bist. Was macht ein Schauspieler?- Er überzeugt den Zuschauer, seinen Charakter zu kennen, nicht ihn, den Schauspieler. Der Rolle, welche er spielt, fühlen wir uns nah. Und so ist Fußball auch. Der Fußballer soll den Gegner überzeugen, dass er rechts mit dem Ball rennen möchte und geht dann links an ihm vorbei. Er soll den Torhüter davon überzeugen, dass er rechts schießt, obwohl er links schießen wird.

Fußball hatte mich nicht so interessiert, wie die Geschichte von Linus Vater, denn die fand ich eindeutig interessanter.

 

Linus versuchte mit mir auf Deutsch zu sprechen. Er mischte Deutsch und Englisch oft. Er kam nach Deutschland, weil seine Eltern hier eine Pizzeria haben. Er wollte aber eigentlich lieber in Griechenland bei seinem Opa bleiben. Als er ankam, wollte er wirklich nicht in Deutschland bleibe; Jetzt ist er endlich tatsächlich angekommen und davon überzeugt, dass er hier bleiben möchte. Mit seinen Eltern wollte er aber nicht zusammen arbeiten. Linus Vater, er hieß Nikola, kontrollierte und kritisierte ihn die ganze Zeit. Er meinte, dass sein Sohn noch nie erfolgreich war. Linus war ein lustiger, netter Junge.

 

Einmal verabredete ich mich mit Linus vor der Pizzeria zu treffen, damit wir zusammen mit seinen Freunden in München Fußball spielen. Die Pizzeria war leer. Ich kam ein bisschen früher und bis auf Linus Vater und einer Putzfrau, war niemand im Laden. Mein Treffpunkt mit Linus war vor der Pizzeria; Ich fand das aber eine gute Chance, Linus Vater kennen zu lernen, beziehungsweise den Diktator, der für Linus alles entschied.

Nikola sprach mit mir über seinen Sohn und meinte, dass er nur das Beste für ihn will und er weiß, dass Linus nicht dumm ist, sondern faul. Er würde am liebsten schnell reich werden und mit wenig Arbeit, viel Geld verdienen. Nikola glaubte aber nicht daran, dass so etwas jemals klappen wird, weil jeder, der wenig arbeitet und viel verdient, immer eine lange Geschichte hinter sich hat.

 

Ein Professor an der Uni verdient viel. Nicht weil er ein paar Stunden spricht, sondern weil er viele Bücher über viele Jahre lang las. Ein Geschäftsmann verdient viel, weil er viele schlechte Erfahrungen in diesem Feld erlebte. Er lernte schmerzlich aus seinen eigenen Fehlern, damit er heute gut verdient. Und diese Generation will im Lotto gewinnen, oder bei einer Fernsehsendung anrufen und viel Geld erspielen.

„Ich möchte, dass Linus das Leben versteht und wenn er wirklich erfolgreich werden möchte, wird er das auch schaffen. Das hat dann aber nichts zu tun damit, ob er schlau oder dumm ist, sondern wie viele Stunden er hart arbeitet, und ob er diese Arbeit mit Liebe macht oder eben nicht. Ich war selber gar nicht erfolgreich, aber ich dachte damals, dass ist schon alles in Ordnung so; Bis zu diesem Tag, an dem ich mir selber vor dem Spiegel beichtete, dass ich nicht erfolgreich war.“

Nikola war erregt, während er das sagte.

 

Nicola: „Weißt du, was ich damals gearbeitet habe?“

Ich : „Was?“

Nikola: „Ich war ein erfolgreicher Schriftsteller meiner Meinung nach.“

Ich fragte ihn, ob es von ihm Romane oder Geschichten gibt. Da lachte er und meinte, dass er Briefeschreiber war. Ich wunderte mich: ,, Briefeschreiber?!“.

Nikola: „Hör zu, Habibi.1 Es gab einmal einen Mann, der den ganzen Tag in einem Cafe` in Athen saß. Dieser Mann war ich und das Cafe` war gegenüber der Schule. Für die Schüler war ich Cupido, der ,,Gott der Liebe”. Kennst du ihn?“

Ich: „Persönlich nicht, aber ich hörte von ihm.“

Nikola: „Ich schrieb für die Schüler Liebesbriefe. Ein langer Brief kostete

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Tag der Veröffentlichung: 03.05.2020
ISBN: 978-3-7487-3930-2

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