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In einer kleinen Gasse änderte sich mein Leben

Am Flughafen Hurghada war ich Kundenbetreuer bei einer großen touristischen Agentur. Zu meinen Aufgaben gehörte im wesentlichen Betreuung. Wann immer jemand seinen Koffer oder seine Frau verliert, sollte ich mich darum kümmern. Manchmal fand ich den Koffer am Flughafen und manchmal nicht, weil sie versehentlich zu einem anderen Flughafen transportiert wurden.

An diesem einen Tag fand ich keinen Koffer, sondern eine Frau:

Eine halbe Stunde vor meiner Pause kam eine blonde Frau zu mir und gab mir einen Zettel. Dieser Zettel veränderte mein ganzes Leben. Ohne ihn wäre ich jetzt nicht in Deutschland und hätte vor allem diese ganze Geschichte nicht erlebt. Auf diesem Zettel stand in etwas komischem Arabisch geschrieben: ,,Ich bin der Vater des Mädchens. Ich bitte Sie darum, dass meine Tochter eine Stunde bei Ihnen bleibt, weil ich von Frankfurt erst später losfliegen kann.“

 

Ich besorgte diesem Mädchen ein Visum  und sagte ihr, dass sie an einem Tisch warten müsse. Falls jemand sie belästigen würde, sollte sie mir einfach Bescheid geben. Kaum zehn Minuten später kam sie zu mir und sagte mir, dass ein paar Kollegen sie störten. Sie wollten ihre Nummer haben, sie gab ihnen aber eine falsche und kam direkt zu mir. Sie musste kurz bei mir warten, bis ich mit ihr zu den Kollegen gehen konnte. Ich sprach mit ihnen, und sie entschuldigten sich bei ihr. Danach bestellte ich Essen und lud sie dazu ein. Sie schien aber gar keinen Hunger zu haben, sondern saß mir einfach nur stumm gegenüber und beobachtete mich die ganze Zeit.

,,Ich heiße Maria” , sagte sie.

„Und ich heiße Serag.“

Maria: „Darf ich mich neben dich setzen?“

„Sehr gern“, sagte ich. Während ich ihr Lächeln beobachtete, fiel ein Stück Leber auf meine Hose. Sie guckte die Flecken an und lachte.

Ich: „Wie alt bist du?“

Maria: „Nein, das verrate ich dir nicht, weil ich dich zuerst fragen wollte. Wie alt bist du?“

Ich: „26.“

Maria: „Und ich bin 23.“

Sie meinte, dass sie ehrlich sei, obwohl ich sie gar nicht gefragt hatte, ob sie lügt oder nicht.

Maria: „Darf ich ein Foto mit dir machen?“

Ich: „Ich bin aber nicht Leonardo DiCaprio.“

 

Ich arbeitete seit Jahren mit Touristen zusammen, aber keine der Frauen wollte je ein Foto von mir machen.

 

Maria: „Ich möchte aber unbedingt ein Foto mit dir machen, auch wenn du kein Leonardo DiCaprio bist.“

Ich war nicht gerade begeistert, weil auf meiner Hose ein verdammter Fleck war.

Dieses Foto hatte ich Jahre lang auf meinem Handy. Erst vor einem Jahr löschte ich es. Wahrscheinlich weil ich sie vergessen wollte.

Dr. Francesco: „Den Fleck oder die Frau?“

Ich: „Beides.“

Dr. Francesco: „Erzähl doch weiter, was hast du mit Maria gemacht?“

 

Kurz bevor ich ging, sagte sie mir: ,,Darf ich deine Handynummer haben?”

Ich: „Ja, natürlich. 01233225566.“

 

Liebe Leserinnen, lieber Leser, rufen Sie diese Nummer nicht an, sie ist ohnehin nicht mehr verfügbar.

 

Schon nach einer Stunde rief sie mich an:

Maria: „Hallo, hör mir zu! Ich kann nicht lange sprechen.“

Sie sprach leise: „Ich möchte dich heiraten und mit dir in Deutschland leben.“

Als ich den Satz hörte, lachte ich laut.

Maria: „Hör zu! Ich meine es ernst.”

Ich: „Okay, um wie viel Uhr möchtest du mich denn heiraten?“

Maria: „Ich wiederhole: Ich meine es ernst.”

Ich: „Du bist echt verrückt.“

Maria: „Ich habe dir gesagt, ich kann nicht lange sprechen. Ich rufe dich später an.“

Ich: „Okay.“

 

Nach zehn Minuten rief mich die gleiche Nummer an. Es war diesmal aber nicht Maria, sondern ihr Vater.

Der Vater: „Bitte vergiss meine Tochter, sie ist nichts für dich. Ich weiß, woran du denkst. Vergiss es, dass du sie heiratest, damit du durch diese Ehe deutsche Papiere bekommst. Ich werde das nie erlauben.“

Ich wusste nicht, ob ich antworten sollte oder nicht. Ich schaute das Handy an. Ich wollte sicher sein, dass das alles real ist. Das war doch kein Traum. Es gibt ja Träume, bei denen man nichts versteht. Das war einer von denen.

Ich: „Hör mir zu, deine Tochter rief mich an und nicht ich sie. Ich...“

Der Vater schimpfte: „Das interessiert mich alles überhaupt gar nicht. Bitte lösche ihre Nummer einfach und ich lösche deine Nummer. Das ist alles, was ich will.”

Ich: „Okay, mache ich. Aber hör mir bitte kurz zu! Ich habe seit Jahren eine Zulassung von der Universität Bamberg, trotzdem wollte ich nicht nach Deutschland kommen. Ich hätte also ohne Frau nach Deutschland gehen können, aber ich wollte es nicht.“

Der Vater: „Das interessiert mich alles überhaupt gar nicht.“

Ich: „Ich verspreche es dir, dass ich die Nummer jetzt sofort lösche.“

Der Vater: „Vielen Dank und Tschüs!“

Ich: „Tschüs.“

Ich löschte die Nummer, wie versprochen, aber das Schicksal hat immer das letzte Wort. Ich dachte, dass ich Maria nie wiedersehe.

 

Eine Stunde später ging ich mit einem Kollegen auf die Arbeit. Wir liefen durch eine dunkle Gasse. Keine Menschenseele weit und breit. Ich hatte so ein beklommenes Gefühl in meinem Herzen, - Es konnte nicht nur an dieser dunklen Gasse liegen, denn ich hatte keine Angst in meinem Leben vor irgend etwas... Aber ich hatte wohl eine Vorahnung, dass diese Gasse ein Ort mit Seele war.

,,Ich denke, ich sehe heute sehr gut aus. Es gibt sogar eine Frau, die mich beobachtete“, sagte der Kollege. Ich schmunzelte innerlich über diesen Satz, als ich sie plötzlich laut rufen hörte: ,,Serag.”

Maria`s Vater war bei ihr. Ich sagte ihm absichtlich auf Deutsch: ,,Deine Tochter rief mich an und nicht ich sie.”

 

Sie wurde ganz rot, was mir aber egal war. Bis zu diesem Moment empfand ich noch keine Liebe in meinem Herzen. Maria war zwar schon verliebt in mich, aber sie war wie ein Teenager.

Der Unterschied zwischen ihr, Paulina und Mia, bestand darin, dass es sich für mich so anfühlte, als könnte es mit ihr klappen. Mit den anderen war das meiner Meinung nach fast unmöglich.

 

Maria: „Warum hast du mich nicht angerufen? Ich habe geduscht und fand danach keine Nummern mehr in meinem Handy. Alle waren gelöscht.“

Inzwischen sprach ich mit ihnen auf Deutsch, obwohl der Vater Ägypter ist.

„Dein Vater sagte mir, dass ich deine Nummer löschen muss. Ich wünsche euch noch einen schönen Abend,“ sagte ich und wollte weiter laufen.

Maria: ,,Warte!”

Sie zog mein Handy aus meiner Hand und sagte: ,,Lösche meine Nummer nie wieder, egal was du von mir oder von meinem Vater hörst. Auch nicht, wenn ich dir das selber sage.”

Ich: „Maria...“

Maria: „Sag nichts und hör mir zu! Ich fliege nach Alexandria mit

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Tag der Veröffentlichung: 15.04.2020
ISBN: 978-3-7487-3623-3

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