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Prolog

In der Nacht, in der die ganze Geschichte begann, war es sternenklar über den Ebenen von Agetan. Der Mond war noch nicht aufgegangen, aber die Sterne reichten aus, um die Steinquader an der Ritualstätte zu beleuchten. Die Anwesenden hatten zusätzlich dazu noch ein paar Fackeln entzündet, aber das Licht reichte nicht aus, um ihre Gesichter zu beleuchten, die von den Schatten ihrer Kapuzenumhänge verdeckt wurden. „Möge die Zusammenkunft der Acht beginnen“, sprach die Gestalt in der Mitte der Versammelten. Die acht Wesen, die sich in dieser Nacht versammelt hatten, waren die jeweils mächtigsten Magier ihrer jeweiligen Völker und der dadurch repräsentierten Elemente. Das Licht und die Dunkelheit standen umgeben von Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser. Raven, der die Versammlung für eröffnet erklärt hatte, stand in der Mitte zwischen dem Licht und der Dunkelheit und stellte als Mitglied des Ordens der Lunaria den Ausgleich zwischen allen anderen Elementen dar. In solchen Zirkeln beratschlagten seit jeher die Vertreter der einzelnen Rassen die Vorkommnisse und Pläne eines jeden der durch sie vertretenen Völker. Schon vor langer Zeit hatten sie erkannt, dass das Wohlergehen eines jeden Volkes von dem Wohlergehen aller Völker abhing. Und so wurde damals dieser Zirkel geschaffen um ein neutrales Forum für den Meinungsaustausch und die Beratung zu schaffen.

Doch in dieser Nacht sollten sich die Dinge anders entwickeln. Plötzlich durchdrangen Lichtblitze die Schutzbeschwörungen der Magier. Die äußeren fünf Magier waren die ersten, die von den Angriffen erfasst wurden. Zum Entsetzen der drei Verbliebenen verwandelten sich ihre Freunde langsam in Statuen. Doch bevor sie auch nur reagieren konnten, wurden auch schon Licht und Dunkelheit von den umherfliegenden Zaubern erfasst und versteinerten. In diesem Moment wurde Raven von einem hellen Licht erfasst und verschwand, gerade noch rechtzeitig. Die Männer, die nun aus ihrer Deckung traten, hatten zwar nicht alle acht versteinern können, dennoch hatten sie eines der letzten Hindernisse beseitigt und konnten nun anfangen das agetanische Reich nach ihren Vorstellungen umzugestalten.

Kapitel 1 - Die Neue

„O’Malley, AUFWACHEN“ brüllte der Lehrer dem schlafenden Jungen ins Ohr. Der angesprochene Rotschopf zuckte vor Schreck hoch und blinzelte sich die Müdigkeit aus seinen grauen Augen. Wieder so ein bescheuerter Traum von Steinquadern und grellen Lichtern in der Nacht. „Wenn du schon alles weißt, dann nenne mir doch bitte die 3 Asimov‘schen Gesetze der Robotik.“ „Fiesling“ dachte sich Radgar, aber zu seinem Glück wusste er die Antwort. „ Erstens darf ein Roboter einem Menschen keinen Schaden zufügen oder zulassen, dass ein Mensch zu Schaden kommt. Zweitens muss ein Roboter Befehlen von Menschen gehorchen wenn dadurch Regel eins nicht verletzt wird und drittens muss sich ein Roboter schützen solange nicht Regel eins oder zwei verletzt werden“, leierte Radgar die Gesetze herunter. „ Na gut, noch mal davongekommen“ gab der Lehrer sichtlich widerwillig zu. „Wenn Sie das nächste Mal in meinem Unterricht einschlafen, können Sie sich auf einen Verweis gefasst machen. Dieses Mal belasse ich es bei einem Eintrag im Klassenbuch.“ Der Lehrer drehte sich um und ging wieder zwischen den Tischreihen nach vorne zur Tafel, wobei er weiter die Fakten aus der Geschichte der Informatik herunterrasselte, während die Klasse eifrig damit beschäftigt war die Daten zu notieren. Zehn Minuten später rettete das Pausenklingeln Radgar davor den angekündigten Verweis zu kassieren. „Hey Ralf!“, ertönte es kaum, dass er aus dem Klassenzimmer getreten war. Der so angesprochene Radgar lächelte. Sein Freund Toni war der Einzige, der sich nicht an den Spitznamen seines Freundes hielt und ihn lieber bei seinem richtigen Vornamen rief. Wegen seiner rot-blonden Haare hatte ihm ein Oberschüler vor Jahren den Namen Radgar verpasst, als er noch ein Frischling auf der Schule war und sie ihn abziehen wollten. Ralf wollte sich das eigentlich nicht gefallen lassen, doch er hatte einen Blackout. Als er wieder zu sich kam, lagen die Oberschüler um ihn herum am Boden, alle mit mehr oder weniger leichten Verletzungen. Dadurch und durch seine athletische Figur blieb der Name an ihm haften. Mittlerweile war er selbst einer dieser Oberschüler, direkt in den Vorbereitungen fürs Abitur. „Was gibt es Toni?“ Sein Freund hatte wegen seiner schmalen Statur kaum Probleme sich durch die Schülermengen zu Radgar durchzukämpfen. „Dass du beim alten Scheiwe wieder eingepennt bist sieht dir zwar ähnlich, hätte dir aber nicht passieren dürfen. Der Typ hat dich auf dem Kieker.“ Grinsend klopfte Toni seinem Freund auf die Schulter und beide machten sich auf den Weg zur Schulkantine. „Was war denn letzte Nacht los, dass du wieder so müde bist?“ „Keine Ahnung.“ „Vielleicht solltest du mal damit zum Arzt.“ „Quatsch, was soll der denn machen?“ „Auch wieder wahr...“ „Diese Quacksalber können das Problem auch nicht lösen“ wisperte es auf einmal dicht an Radgar‘s Ohr. „Was?“ fragte Radgar und sah sich erschrocken um. „Toni! Hast du das gehört?“ „Was gehört?“ „Ach, nichts, war wohl nur Einbildung“ „Du solltest vielleicht doch mal zum Arzt dich durchchecken lassen. Wenn du nun schon anfängst Stimmen zu hören kann mit dir was nicht stimmen.“ Leicht verunsichert versuchte Radgar sich zu beruhigen. Er konnte Toni nicht erzählen, dass er diese Stimme nicht zum ersten Mal gehört hatte, genauso wie er diesen Traum nicht zum ersten Mal hatte. Er träumte schon seit einer ganzen Weile von dieser Welt. In seinen Träumen flog er über weite Ebenen, scheinbar endlose Meere und riesige Gebirgsketten, bevölkert von Wesen, die sich nur ein Fantasieschreiberling ausdenken konnte. Und obwohl er sicher war, dass er diese Gegenden noch nie gesehen hatte, konnte er sich nicht des Eindrucks erwehren, dass ihm diese Gegenden vertraut waren, so als wenn er schon einmal dagewesen wäre. Aber das konnte er Toni nicht erzählen, er würde ihn für verrückt erklären.

„Hey Radgar, die Neue!“ sagte Toni in dem Moment und riss Radgar mit einem Stoß in die Rippen aus seinen Überlegungen. Die neuste Mitschülerin, deutlich erkennbar an ihrem platinblonden Haarzopf, versuchte gerade an einer Gruppe von Schulrüpeln vorbei in die Kantine zu kommen. Ihre schlanke, aber gut gebaute Gestalt hatte anscheinend die Aufmerksamkeit des Anführers erregt. Jetzt wurde sie von einem der Jungs am Arm gepackt und zur Seite gezogen. Radgar schnaubte einmal und ging entschlossen auf die Gruppe zu. Er kannte diese Art von „starken Jungs“, wie es sie anscheinend überall gab. Große Klappe, nichts dahinter. „Hey Süße, wie wär‘s mit uns beiden?“ fragte der Anführer der kleinen Gruppe gerade. Die Neue klammerte mit sich mit beiden Händen an den Trageriemen ihrer Tasche fest als hätte sie Angst, dass einer der Schläger sie ihr wegnehmen könnte. Dabei schaute sie sich wie ein scheues Tier nach einer Gelegenheit zur Flucht um. „Seht ihr nicht, dass sie nichts mit euch zu tun haben will? Lasst sie gefälligst in Ruhe!“ Der Angesprochene wollte schon herumfahren und dem Störenfried eine runterhauen als er bemerkte wer ihn da zurechtgewiesen hatte. „Was willst du, O’Malley? Siehst du nicht das ich mich gerade mit der Kleinen unterhalte?“ Der Schläger war vorsichtig, er wusste das Radgar zwar nicht sonderlich muskulös aussah, aber trotzdem selbst den muskelbepackten Sportlehrer beim Bankdrücken in seine Schranken wies. Andererseits war Radgar dafür bekannt, dass er seine Gegner schonte und keine übertriebene Härte anwendete wenn er sich mal prügelte. Trotz allem war da noch die Sache, die ihm seinen Spitznamen eingebracht hatte. „Sie sieht aber nicht so aus als ob sie sich mit dir unterhalten will, also lass sie in Ruhe und verschwinde!“ Radgar‘s Tonfall machte deutlich, dass ihm das Verhalten seiner Mitschüler nicht gefiel. „Oder was?“ erwiderte der Möchtegernschläger trotzig. Radgar zögerte nicht lange. Schneller als sein Gegenüber sehen konnte, schlug er mit der Faust zu. Er ließ sie nur wenige Zentimeter vor dem Gesicht des Schlägers anhalten, doch es reichte aus, dass sein Gegner vor Schreck zurückzuckte und sich fast auf den Hintern setzte. „Verschwindet hier“ sagte Radgar mit einem Kopfnicken an die Gruppe gerichtet. Der Rädelsführer rappelte sich auf und zischte: „Diesmal hast du gewonnen, aber wir erwischen dich noch. Irgendwann!“ Dann drehte er sich um und zog mit seinen Kumpanen ab. „Du weißt ja wo du mich findest, wenn dir mal der Sinn nach einer Tracht Prügel steht“ rief Radgar ihm noch hinterher. Nach dem es nun in seiner Nähe wieder sicher war gesellte sich Toni wieder zu seinem Kumpel. Er war zwar ein guter Freund, aber für Prügeleien war nicht unbedingt geboren. „Tut mir leid wegen der Trottel. Ich bin Ralf O’Malley, werde aber Radgar genannt, das ist Toni“ stellte er sich dem Mädchen mit einem Kopfnicken und einem Fingerzeig auf seinen Freund vor. „Danke, ich bin Anyi“ Die anfängliche Schüchternheit schien verschwunden zu sein, aber eine scheinbar schüchterne Errötung ihrer Wangen blieb bestehen. Sie reichte Radgar zum Dank die Hand, als Radgar sie aber berührte geschah es wieder. Er sah sich selbst am Rand einer tiefen Schlucht im Schatten einer Kiefer stehen. Tief unter ihm toste ein Fluss durch die Schlucht. Knapp über der Wasseroberfläche war ein Steg errichtet, auf dem sich einzelne oder Gruppen von Reisenden in beide Richtungen bewegten. Auf der anderen Seite der Schlucht sah er nichts als Wald den ganzen Berg hinauf. Die Schlucht machte gerade einen Knick vor ihm und in einiger Entfernung bog sie sich noch einmal, so dass er ihr Ende nicht sehen konnte. Ein kleiner Bach wurde zu einem kleinen Wasserfall, dessen Wasser sich in einem leichten Nebel verteilte, bevor es sich mit dem Strom am Grund der Schlucht vereinigte. In der Nähe des Knicks entdeckte er außerdem eine kleine gezimmerte Plattform mit einigen Wachposten drauf. Als er sich umdrehte sah er, dass jemand neben ihm hockte. Die Frau trug einen Umhang aus einem kiefergrünen Stoff, doch konnte Radgar erkennen das die Innenseite eher blaugrün gefärbt war. Gerade drehte die Frau ihr Gesicht in seine Richtung und Radgar erschrak. Diese Frau hatte das gleiche Gesicht wie Anyi, doch das war nicht der Grund warum er sich so erschreckte. Diese Frau war eine Elfe. Zu mindestens hätte er sich so eine Elfe vorgestellt. Das platinblonde Haar war zu einem Zopf gebunden und von einem Stirnband festgehalten. Die Ohren liefen spitz zu, und nahe der Spitzen saßen mit Perlen verzierte Ohrstecker. Die Augen waren mandelförmig, leicht schräg stehend und von einem so hellen und eisigen Blau das so schien als ob sie aus sich selbst heraus leuchteten.

Bevor noch irgendwas anderes geschehen konnte, war er zurück in der Schule umgeben von seinen lärmenden Mitschülern und immer noch Anyi’s Hand haltend. Es waren anscheinend nur wenige Sekundenbruchteile vergangen. Verstört riss er sich los und stolperte zurück. Durch ihren musternden Gesichtsausdruck endgültig in Panik versetzt fiel ihm nichts anderes ein als zu flüchten, wobei er einige der Frischlinge fast über den Haufen rannte. Toni war viel zu verblüfft um sofort zu reagieren. Als er sich nach Anyi umdrehte sah sie Radgar noch kurz mit einem nachdenklichem Gesichtsausdruck nach und ging dann in die entgegengesetzte Richtung davon. Kopfschüttelnd machte Toni sich auf die Suche nach seinem Freund.

Kapitel 2 - Seltsame Begegnungen

Der Rest des Tages verlief für Radgar ganz und gar nicht gut. Wegen dem Vorfall mit Anyi konnte er sich in dem darauf folgenden Unterricht gar nicht konzentrieren und versiebte einen recht wichtigen Test. Auf dem Weg von der Schule nach Hause war er dann entsprechend verärgert. Toni, der die Stimmungen seines Freundes recht gut kannte, hielt aus diesem Grund einen spürbaren Sicherheitsabstand zu seinem Freund. Plötzlich stand Anyi vor ihnen. „Was willst du?“ blaffte Radgar sie gleich an. „Mit dir über die Schlucht reden“, gab sie in demselben Tonfall zurück. Toni der die Welt nicht mehr verstand, trat verwirrt zwischen die beiden und sagte „Hör mal, ich weiß zwar nicht von welcher Schlucht du da sprichst, aber es ist besser, wenn du dich im Moment von Ralf fernhältst. Seit heute Mittag ist seine Stimmung im Keller.“ „Halt dich da raus, Kleiner!“ schnauzte sie ihn an. „Das ist eine Sache zwischen Radgar und mir.“ „Also hör mal!“, wollte Toni gerade widersprechen, da legte Radgar ihm seine Hand auf die Schulter und gab ihm mit einem Wink zu verstehen, dass er sich da raus halten sollte. „Ok, ich gehe, aber ihr solltet euch mal echt überlegen was ihr hier treibt.“ Kopfschüttelnd ließ er seinen Freund stehen, warf im Vorbeigehen noch einen verwirrten Blick auf Anyi und verschwand um die nächste Hausecke. Radgar wartete bis sein Freund außer Sicht war „Also? Was willst du von mir?“ „Du hast mich am Rand einer Schlucht stehen sehen als sich unsere Hände berührten, nicht wahr? Und ich sah nicht so aus wie du mich jetzt hier siehst!“ Radgar war leicht verunsichert, aber er versuchte es sich nicht anmerken zu lassen. „Und wenn?“ „Wie, >und wenn?<?“ „Was ist wenn es so gewesen wäre? Vielleicht habe ich ja auch nichts gesehen.“ „Dann wärst du weder so davon gestürmt noch würdest du versuchen dich jetzt rauszureden. Außerdem hättest du deinen kleinen Freund nicht weggeschickt.“ „Und du hast meine Frage nach dem Warum noch nicht beantwortet. Was bedeutet es, wenn ich dieses Bild gesehen hätte?“ „Es würde bedeuten, dass du in großer Gefahr sein könntest.“ „“Und was für eine Gefahr sollte das sein? Und was für eine Rolle spielst du überhaupt bei dieser Sache?“ So langsam machte es Radgar nervös, wie dieses Gespräch verlief. „In dir schlummert eine große Kraft, und es gibt Wesen, die dich damit als eine Bedrohung für ihre Pläne ansehen werden. Aus diesem Grund werden sie versuchen dich zu vernichten, bevor du dir deiner Kräfte bewusst wirst oder sie gar kontrollieren kannst.“ „Hör doch auf. Was für Kräfte sollen das denn bitte sein?“ „So was wie das was du mit dem Idioten heute Mittag gemacht hast. Diese Schnelligkeit und der Schlag mit dem du ihn zurückgestoßen hast. Das erreicht ein normaler Mensch nicht so ohne weiteres. Und was ich über deinen Kampf zu deinen Neulingszeiten gehört habe, bestätigt meine Einschätzung noch zusätzlich. Und dann ist da noch die Sache mit der Schlucht.“ „Du glaubst diesen Schwachsinn wirklich, hab ich recht? “ Radgar war immer noch recht skeptisch, wenn auch nicht mehr so sehr wie er es zu Beginn war. Was sie da sagte hatte schon etwas Wahres. So konnte er sich zum Beispiel an nichts erinnern, was mit der Schlägerei zusammenhing. Toni hatte ihm nur erzählen können, dass die anderen ihn zwar verprügeln wollten, er aber so schnell war, dass die ihn kaum treffen konnten. Nach weniger als einer Minute hatte er drei Oberschüler KO geschlagen und dabei noch ein paar Knochen angebrochen. Vorhin war es dann wieder so ähnlich. Es war gewesen, als ob ein anderer seinen Körper übernommen hätte und er nur zusehen konnte. Diese kleinen Details hatte er immer mit einem Schulterzucken abgetan, wenn er von Toni oder anderen gefragt wurde wie er etwas geschafft hatte. „Du scheinst dir langsam darüber klar zu werden, dass ich dir die Wahrheit erzähle.“ „Hör zu, Anyi. Ich weiß nicht was du dir da zusammenfantasierst, ich weiß auch nicht wie du das mit der Schlucht gemacht hast, aber lass dir gesagt sein, dass ich mich nur ungern verarschen lasse. Ich gebe zu, deine Geschichte passt zu den Fakten, sie ist aber dennoch zu unglaubwürdig und zu ungenau. Und nun entschuldige mich bitte, ich hab heute noch mehr zu tun als mit einer merkwürdigen Mitschülerin zu quatschen.“ Radgar ging an Anyi vorbei ohne sie auch nur anzusehen. „Sie werden dich jagen!“ rief sie noch, als er gerade an ihr vorbei war. Obwohl Radgar kurz zögerte, konnte er dem Drang sich noch einmal zu ihr umzudrehen und sie zu fragen widerstehen. Hätte er es getan, hätte er gesehen das Anyi ihm mit einem leicht verärgertem Gesichtsausdruck hinterher starrte. Als er um die Ecke bog, sah er Toni im Schatten des Gebäudes hocken und ihn breit angrinsen. „Hast du uns belauscht?“ „Nein, aber ich wollte eigentlich den Kampf sehen.“ „Was für einen Kampf?“ „Du warst heute Mittag zu sehr auf die Schläger konzentriert, aber als du den einen zu Boden geschickt hast, hatte sie sich mit einem recht beeindruckenden Ohrfeige von dem einen losgerissen. So wie ihr beide vorhin geladen wart, dachte ich, dass es zu einem beeindruckenden Kampf kommen würde.“ „Nimm dieses dreckige Grinsen aus dem Gesicht, sonst wisch ich es dir weg.“ Wie bei einem Lichtschalter erlosch das Grinsen, das Toni bis dahin zur Schau gestellt hatte. „Entschuldige. Was wollte sie denn überhaupt von dir?“ „Ach nur ein wenig sinnloses Gelaber. Ich will nicht darüber reden, klar?“ „Ok, dann lassen wir die Verrückte einfach reden und verschwinden.“ Sie machten sich auf den Weg, ohne zu bemerken, dass sie beobachtet wurden.

Später am Abend machte sich Radgar auf zu seiner abendlichen Laufrunde. Er hatte es sich zur Gewohnheit werden lassen am Abend kurz nach Sonnenuntergang durch den nahegelegenen Park zu laufen. Dabei konnte er am besten den Kopf frei bekommen. Er war noch nicht weit gekommen, als er merkte dass dicht hinter ihm ein anderer Läufer war. Das beunruhigte ihn aber nicht. Er war selten der einzige Läufer abends im Park. Plötzlich traten ein Stück voraus drei Gestalten aus den Büschen auf den Weg. Jeder hatte einen Baseballschläger oder eine ähnliche Schlagwaffe in der Hand. Da sie ihm den Weg versperrten blieb er ein paar Meter vor ihnen stehen. In diesem Moment brach der Mond zwischen den Wolken hervor und er erkannte sie. Es waren drei der Schläger von heute Mittag. Radgar machte gerade einen halben Schritt zurück, als dicht hinter ihm noch drei Gestalten zwischen den Büschen herkamen und ihm den Weg abschnitten. Auch diese kleine Gruppe bestand aus den Schlägern aus der Schule. Auch sie hatten jeder eine Schlagwaffe in der Hand. Der Mittlere war der Typ den er mit seinem angedeuteten Faustschlag zu Boden geschickt hatte. „Ich sagte doch, dass wir dich erwischen werden, O’Malley. Jetzt wird abgerechnet.“ „Ja, das sagtest du. Dann komm doch her und zeige mir was du so drauf hast.“

Kapitel 3 - Nachts im Park

Der Schläger ließ sich nicht lange bitten. Mit beiden Händen hob er das Metallrohr und wollte damit Radgars Schulter treffen. Doch dieser wich im letzten Moment nach links aus, so dass das Rohr vor seinem Körper vorbei nach unten pfiff. Nach einer leichten Drehung auf dem linken Fuß zog er sein Knie nach oben. Es landete am unteren Ende des Brustbeines, woraufhin dem Schläger mit einem pfeifenden Geräusch die Luft aus den Lungen getrieben wurde und selbiger zusammenklappte. Das war für die anderen das Zeichen, sich an der Schlägerei zu beteiligen. „Hinter dir“, wisperte es wieder in Radgars Ohr. Doch bevor er sich wundern konnte, musste er sich auf die drei Schläger hinter sich konzentrieren. Von links kam ein Schlag, doch Radgar gelang es ihn abzufangen. Er drehte sich in den Angreifer hinein, so dass er direkt vor ihm stand. Geschickt hebelte er den Arm über die Schulter und warf den verblüfften Rowdy auf den nächsten. Die beiden krachten zusammen und wurden durch den Schwung des Wurfes in die Büsche befördert. Bevor sich Radgar aber darüber freuen konnte, musste er schon den nächsten Angreifer stellen. Noch immer von der Drehung des Wurfes in Schwung gebracht, traf er mit einem Fuß den dritten der Wegelagerer an der Schulter. Dieser schrie vor Schmerz auf und ließ seine Waffe fallen. Als Radgar sich aufrichtete und sich zu den beiden verbliebenen Gegnern umdrehte, warfen die sich kurz einen Blick zu. Ihr eigentliches Opfer hatte in weniger als einer Minute ihre vier Freunde besiegt ohne auch nur einen Treffer abzubekommen. Sie ließen ihre Schläger fallen und machten sich davon. Nachdem Radgar sich davon überzeugt hatte, dass es seine „Opfer“ nicht zu schlimm erwischt hatte, machte er sich auf um seine Laufrunde zu beenden.

Wieder hörte er dicht hinter sich diese Schritte. Vielleicht lag es an der Prügelei und dem dabei ausgeschütteten Adrenalin, aber er konnte das Gefühl nicht loswerden, dass es sich dieses Mal um etwas Bedrohlicheres handelte als um ein paar einfache Möchtegern-Türsteher. Was auch immer das war, dieses Mal wollte er es genau wissen. Dass er beobachtet wurde stand für ihn außer Frage. Als der Weg ein Stückchen weiter an eine dichtbewachsene Kreuzung kam, sah er seine Chance. Die Pflanzen an den Ecken versperrten die Sicht auf den anderen Weg und als Radgar um die Ecke bog, blieb er keinen Schritt danach stehen und drehte sich um. Doch der Verfolger schien etwas geahnt zu haben, denn auch die Geräusche seiner Schritte verstummten sofort. Nun wurde es Radgar zu bunt. Mit zwei Schritten war er wieder auf der Kreuzung und sah den Weg entlang, den er eben noch entlanggelaufen war. Der Weg war leer. Verwirrt schaute Radgar sich um. Nirgendwo gab es einen Hinweis darauf, dass sich jemand versteckte, die regelmäßigen Laternen warfen zwar nur einen orangenen Schimmer auf den Weg, aber ihr Licht reichte aus um zu erkennen ob sich da jemand versteckte oder nicht. Es kostete Radgar alle Selbstbeherrschung sich wieder umzudrehen und weiterzulaufen, anstatt in Panik aus dem Park zu fliehen. Was war nur mit ihm los? So nervös war er noch nie gewesen. Kaum war er wieder unterwegs, da erklangen die im Kies knirschenden Schritte hinter ihm. Radgar fing an schneller zu laufen, aber auch sein Verfolger passte seine Geschwindigkeit der von Radgar an. Der oder die Unbekannte schien Radgar nur beobachten zu wollen. Aber warum? Und warum gerade ihn? Noch seltsamer erschien es ihm, dass ausgerechnet jetzt dieser Schlägertrupp ihm aufgelauert hatte. Radgar konnte auf diese Fragen keine Antworten finden. Als der Weg über eine Wiese führte, wo außer den regelmäßigen Laternen nichts stand, sah Radgar seine Chance. Erst wurde er langsamer, dann blieb er ganz stehen. Halb erwartete er, als er sich umdrehte, den Weg wieder verlassen zu sehen. Doch dieses Mal stand da eine Gestalt auf dem Weg.

„Zeig dich!“ rief er. Langsam kam die Frau auf ihn zu. Dass es sich bei seinem Verfolger um eine Frau handelte war für Radgar nun klar, als er sah wie sie sich ihm näherte. Dieser wiegende Gang konnte nur einer Frau gehören. Und er behielt Recht. Es war eine Frau die da in das Laternenlicht trat, doch so eine hatte Radgar noch nie gesehen. Sie wirkte wie ein realgewordener feuchter Traum. Die langen schlanken Beine steckten in kniehohen geschnürten Lederstiefeln, der kurze lederne Rock war schon fast zu kurz. Die bauchfreie Korsage lag eng an und ließ tief blicken. Dazu diese kurze Lederjacke. Ihre hüftlangen, schwarzen Haare umspielten ihre Figur wie ein körpereigener Umhang. Das Gesicht kam ihm irgendwie bekannt vor, aber er war sich sicher, dass er sich erinnern könnte, wenn er so einer Frau schon einmal begegnet wäre. „Hallo, Kleiner“ sagte die unbekannte Schönheit mit einem schnurrenden Unterton zu Radgar. „Hä?“ „Ach komm schon. Glaubst du ernsthaft, mich mit dieser Masche täuschen zu können?“ Das Lächeln, das ihre Lippen umspielten hätte durchaus verführerisch wirken können, wenn es bis in ihre Augen gereicht hätte. Außerdem war Radgar viel zu nervös um darauf zu achten. „Hören Sie, Lady! Ich weiß nicht was Sie von mir wollen. Also lassen Sie mich bitte in Ruhe.“ Radgar versuchte sich seine Verwirrung nicht anmerken zu lassen, doch es schien diese Frau zu amüsieren. „HAHAHAHA“, lachte die Frau mit sichtbar gespielter Verzweiflung. „Diese..“ Plötzlich schrie von irgendwoher eine Frau „RADGAR!“. Verwirrt schauten die Fremde und Radgar den Weg entlang. Schneller als Radgar es für möglich gehalten hätte stürmte Anyi auf die beiden zu. „Anyi?“ Nun war Radgar endgültig verwirrt. Die Unbekannte schien eher verärgert. „Was willst du Lunaria denn hier?“ fragte die Fremde. Als sie noch drei Meter von der Fremden entfernt war kam Anyi leicht schlitternd zum Stehen „Ich will, dass du dich von dem Jungen fernhältst. Er weiß von nichts“ fuhr Anyi die Fremde an. „Und das soll ich dir glauben?“ „Ja, dass sollst du! Verschwinde wieder nach Agetan und lass dich hier nie wieder blicken!“ „Und wenn ich das nicht tue? Willst du Lunaria mich daran hindern zu tun weshalb ich hergekommen bin?“ Ein ernster Gesichtsausdruck trat auf Anyi’s Gesicht. „Genau das werde ich“, sagte sie entschlossen.

Radgar verstand die Welt nicht mehr. Das Ganze konnte doch nur ein schlechter Scherz sein. Wer war diese Frau? Bevor er aber auch nur eine Frage aussprechen konnte, bevor er auch nur einen klaren Gedanken fassen konnte, ging der Kampf auch schon los. Anyi hob die Arme, legte die Handflächen aneinander und als sie die Hände wieder auseinanderzog, hatte sie auf einmal einen langen Stab in den Händen. Das eine Ende fest in beiden Händen ließ sie ihn nach unten schnellen, direkt auf den Kopf der Unbekannten. Diese hatte auf ein Mal zwei lange Dolche in den Händen. Die Klingen über ihrem Kopf gekreuzt parierte sie den Schlag von Anyi und wich zur Seite aus. Anyi nutzte die Gelegenheit und brachte sich zwischen ihre Gegnerin und Radgar. Dieser kurze Schlagabtausch ließ Radgar aus seiner Schreckstarre erwachen. „Es ist Zeit, Rufe mich“ flüsterte da wieder diese Stimme in seinem Hinterkopf. Obwohl er keine Ahnung hatte warum, legte er seine Handflächen aneinander und konzentrierte sich. In seinen Gedanken sah er ein Schwert vor sich, und als er seine Hände wieder auseinander zog, bildete sich das Schwert mit einer leichten eisblauen Aura zwischen seinen Händen. Nachdem es sich vollständig materialisiert hatte, ergriff er das Schwert, woraufhin der Knauf und einige seltsame Symbole auf der Klinge aufleuchteten. Auch wenn Radgar keine Ahnung von Schwertern hatte sah er, dass dieses Schwert in seiner Hand ein wahres Meisterstück war. Die einschneidige Klinge war knapp zwei Finger breit und vielleicht etwas länger als einen halben Meter. An der Spitze verjüngte es sich zu einer gleichmäßigen Spitze. Die Parierstange war leicht zur Schwertspitze hin geschwungen und endete in einer kleinen Abrundung. Der Griff endete in einem leicht eiförmigen Knauf, der von innen heraus schwach pulsierend glühte. Radgar war noch ganz von dem Schwert fasziniert, als er wieder dieses Wispern hörte: „Pass auf!“ Da klirrte auch schon ein Wurfmesser gegen die Klinge, prallte ab und verschwand in der Dunkelheit. Er sah auf zu den beiden kampfbereiten Frauen. Anyi starrte ihn verblüfft an, die Fremde hatte einen eher hasserfüllten Gesichtsausdruck. Radgar konnte das Lächeln nicht zurückhalten, das sich auf seine Gesichtszüge stahl. Er konzentrierte sich wieder und fuhr mit dem Zeige- und Mittelfinger der linken Hand an der flachen Seite der Klinge entlang. Die Symbole, die er dabei berührte fingen in einem sanften Grün an zu leuchten. Als Radgar’s Finger an dem dritten Symbol angelangt waren, brach von der Parierstange des Schwertes ein grüner Lichtbogen hervor, der die gesamte Klinge umgab. Die Unbekannte verzog darauf hin wütend das Gesicht und stieß einen fauchenden Laut aus. Dabei verzogen sich ihre Gesichtszüge zu einer katzenartigen Fratze. Sie drehte sich um und floh mit riesigen Sprüngen in die Dunkelheit. Anyi aber ging sofort auf ein Knie runter, den Stab vor sich auf die am Boden liegenden Hände gelegt, den Kopf gesenkt. „Glaubt Ihr mir jetzt, dass Ihr in Gefahr seid?“ fragte sie ihn. Ihr ganzes Gehabe wirkte auf einmal ergeben, schon fast unterwürfig, doch Radgar war noch zu verwirrt von den Ereignissen der letzten Minuten um es zu bemerken oder gar darauf einzugehen. Immer noch das grünlich leuchtende Schwert in der Hand ging er auf Anyi zu. „Kannst du mir endlich erklären was zur Hölle hier los ist? Wer war diese Frau? Was habe ich da gerade gemacht? Wo kommt dieses Schwert her? Wer bist du überhaupt?“ Anyi griff an ihren Gürtel und holte eine Schwertscheide hervor, die sie Radgar darbot. Dieser zögerte kurz, doch dann nahm er die Scheide an und steckte das Schwert ein. „Ich werde Euch alles erklären, aber nicht hier. Bitte kommt mit mir, Mylord.“

Kapitel 4 - Erste Erklärungsversuche

Radgar folgte Anyi durch den Park zu ihrem Haus. Das Schwert hielt er immer noch in seiner rechten Hand. Obwohl sie ein recht hohes Tempo an den Tag legte, konnte Radgar ohne viel Mühe mit ihr mithalten. Seltsamerweise kam er dabei auch kein bisschen außer Puste. Alle Versuche von Radgar, ihr noch ein paar Informationen zu entlocken, wurden von Anyi immer wieder abgeblockt. Durch dieses Verhalten wurde Radgar mehr und mehr verunsichert. Nach nicht einmal fünf Minuten kamen sie zu einer kleinen Wohnung in einem Mietshaus. Hier erwartete Radgar die nächste Überraschung. Es gab nicht ein Möbelstück in der ganzen Wohnung. In der Küche stapelten sich ein paar Schulbücher auf der Ablage, aber sonst gab es nicht einmal einen Stuhl zum setzen. „Lebst du alleine hier?“ „Ja“, antwortete sie über die Schulter. „Und was ist mit deinen Eltern?“ „Das werdet Ihr gleich verstehen“, sagte Anyi und holte wie aus dem Nichts ein großes Kissen hervor, das sie auf den Boden in der Mitte des Raumes platzierte. „Bitte setzt Euch.“ Nachdem Radgar es sich auf dem Kissen bequem gemacht hatte, kniete Anyi ihm sich gegenüber auf den nackten Boden. „Mylord, ich werde euch nun alles erklären, bitte hört mir bis zum Ende zu.“ Radgar seufzte leicht und wappnete sich.

Mit leiser Stimme begann Anyi zu erzählen. „Ich komme aus einer Welt mit dem Namen Agetan. Wie Ihr in den Bildern Eurer Träume und Visionen gesehen habt, ist sie dieser Welt recht ähnlich, wenn auch technologisch nicht weit fortgeschritten. Sie wird von verschiedensten Rassen und Kulturen bewohnt. Auch von Menschen, aber ich weiß von keinem der eine Verbindung zur Erde hat. Die Handlungen eines jeden Bewohners unserer Welt werden von sieben Elementen bestimmt. In der Vision in der Schule habt Ihr gesehen, dass ich als Elfe geboren wurde. Für gewöhnlich ist meine Rasse dem Licht zugeordnet, aber die Zugehörigkeit zu einem Element wird nicht nur durch die Rasse oder Kultur bestimmt. In der Vergangenheit gab es immer wieder Kriege zwischen den Elementen. Aus diesem Grund wurde vor langer Zeit der Orden der Lunaria gegründet. Die Mitglieder des Ordens verpflichten sich dem Erhalt der sieben Elemente, wobei ihre Autorität von den Oberhäuptern aller anderen Rassen anerkannt wird. Die Frau von vorhin heißt Ak’Sun und gehört in Wahrheit zum Volk der Gaora’Su. Sie ist eine Söldnerin, die für ihre Hinterlist und Heimtücke bekannt ist.“

Radgar schwirrte schon der Kopf von dieser Geschichte. Und noch immer war nicht geklärt, was das Ganze mit ihm zu tun hatte. Doch Anyi fuhr schon fort mit ihrer Geschichte: „Regelmäßig kommt es zu lokalem Zirkeltreffen in den einzelnen Gebieten von Agetan. Bei diesen Treffen kommen die Magier eines jeden Elements zusammen. Sie werden immer von einem Mitglied des Ordens der Lunaria geleitet und dienen dazu, um die Vorhaben eines jeden Volkes in der Region zu besprechen und so den Frieden zu bewahren. Vor ein paar Jahren wurde eines der Zirkeltreffen von Unbekannten angegriffen und die Elementarmagier in Statuen verwandelt. Mein Meister Raven war der Vertreter des Ordens, er verschwand bei dieser Attacke spurlos.“

In diesem Moment schreckte Radgar hoch. „Und nun glauben diese Ak’Sun und du, dass ich ein solcher Magier bin?“ Radgar war zu geschockt um über die möglichen Konsequenzen nachzudenken. „Alles was ich und somit wahrscheinlich auch Ak’Sun wissen ist, dass Eure Aura ungewöhnlich mächtig ist für jemanden von dieser Welt. Wenn man euch nach Agetan holen würde, würdet ihr dort zu großer Macht gelangen. Um sicher zu gehen habe ich kleine Tests arrangiert.“ Als Radgar das hörte platzte ihm fast der Kragen. „Soll das heißen, dass du diese Ak’Sun auf mich angesetzt hast?“ Seine Wut war deutlich spürbar. „Nein Mylord. Ich habe nur diese Schlägerangriffe arrangiert. Als Ak’Sun vorhin im Park aufgetaucht war hatte ich Angst um euch und wollte euch zur Hilfe kommen. Doch als ihr dieses Schwert gerufen hattet, habe ich meinen Fehler erkannt, genauso wie Ak’Sun.“ Sie zog das Schwert aus der Scheide und reichte es Radgar auf den Handflächen. „Dieses Schwert gehörte einst einem der Gründer des Ordens. Seit dem Tod des Ratsmitgliedes Runac Malloy war es niemandem sonst gelungen es zu rufen. Aber wer immer dieses Schwert besitzt, hat einen Anspruch auf einen Sitz im Rat des Ordens“ Das verwirrte Radgar nun. Er nahm ihr das Schwert aus der Hand und fragte: „Was meinst du mit >rufen<?“ „Wenn in Agetan ein Magier eine bestimmte Stufe der Ausbildung gemeistert hat, ist er in der Lage einen Gegenstand herzustellen und ihn auf sich zu prägen. Von diesem Moment an ist der Magier in der Lage, diesen Gegenstand jederzeit durch einen Zauber zu sich zu rufen. Dass Ihr dieses Schwert zu euch rufen konntet ohne es vorher auf Euch zu prägen ist eigentlich unmöglich. Doch ihr habt es geschafft. Deswegen werde ich euch von nun an Eure ergebene Dienerin sein. Bitte akzeptiert mich.“ Mit diesen Worten senkte Anyi ihre Stirn bis auf den Boden, die Arme Radgar entgegengestreckt, die linke Handfläche nach oben, die rechte nach unten zeigend. Wieder einmal wusste Radgar was er in einer solchen Situation zu tun hatte, und auch das es für beide Seiten bindend war, wenn er dieses Ritual abschloss. Auch wenn ihm nicht wohl war bei dem Gedanken, Anyi zu seiner Dienerin zu machen, umschloss er ihre linke Hand mit beiden Händen und sagte: „Ich akzeptiere dich.“

Immer noch etwas verunsichert wegen der Ereignisse dieser Nacht wusste Radgar nicht was er nun tun sollte. „Nun erklär mir bitte wie es weitergeht.“ Darauf erhob sie sich wieder und lächelte Radgar etwas scheu an. Sie hatte wieder ihre wahre Gestalt angenommen, so wie Radgar sie auch in der Vision gesehen hatte. Schmale, spitze Ohren, die Augen mandelförmig, die Wangenknochen etwas nach oben verschoben und auch mit einem etwas schmaleren Gesicht. Auch ihre Stimme hatte sich verändert. „Da Ihr Eure Kräfte noch nicht bewusst kontrollieren könnt, werde ich Euch zuerst die Kontrolle über selbige lehren. Wenn Ihr sie soweit kontrollieren könnt, dass Ihr sie ohne Risiko nutzen könnt, wäre es mir eine Ehre Euch nach Agetan zu geleiten, damit Ihr den Euch zustehenden Platz im Orden einnehmen könnt. Leider wird Euer Erscheinen in Agetan nicht überall wohlwollend betrachtet werden. Zu meiner eigenen Schande muss ich gestehen, dass der Orden mit der Zeit immer korrupter geworden ist, und Euer Erscheinen wird die machtgierigen Ordensmitglieder um ihren Einfluss bringen. Ich konnte es einfach nicht mehr mit ansehen, wie einige Ordensmitglieder ihre Macht missbrauchten und fing an nachzuforschen. Mein alter Lehrer Raven konnte Beweise sammeln um die Rädelsführer zu entlarven, doch bevor er es im Magierzirkel bekanntgeben konnte, wurde das Treffen angegriffen und er verschwand spurlos. Auf der Suche nach seiner Aura gelangte ich in diese Welt, und als ich Eure Aura war nahm, bin ich in die Rolle der menschlichen Schülerin geschlüpft und habe Euch beobachtet bis ich mir ganz sicher sein konnte.“ Radgar war klar, dass er keine andere Wahl hatte. „Dann ist es besser, wenn wir morgen nach der Schule mit dem Training beginnen. Ich muss nun zurück nach Hause, sonst gibt es noch Stress mit meiner Mutter“, sagte er mit einem leichten Seufzen. „Wie Ihr wünscht Mylord.“ Anyi schien sich zwar damit nicht wirklich wohl zu fühlen, aber sie schien auch die Notwendigkeit dieser Maßnahmen zu verstehen.

Kapitel 5 - Kleine Schwierigkeiten

Als Radgar kurz darauf wieder nach Hause kam, war er froh, dass seine sonst so überfürsorgliche Mutter ihn dieses Mal nicht an der Haustür erwartete. Er hätte keine Ahnung, wie er ihr das Schwert erklären sollte. Er hängte den Schwertgurt über den Knauf seiner Schranktür, machte sich bettfertig und war eigentlich noch viel zu aufgeregt um zu schlafen, doch wie üblich nach dem Lauftraining fielen ihm bald die Augen zu.

Wo war er auf einmal? Rund um ihn herum war nur Dunkelheit. Doch halt, da war ein dünner Lichtschimmer vor ihm. „Endlich sehen wir uns, Ragil“, wisperte es in seinem Kopf. Er erkannte die Stimme wieder, es war dieselbe Stimme, die er seit Jahren immer wieder hörte. „Wer bist du? Was bist du? Und warum nennst du mich Ragil?“ fragte Radgar diesen Lichtschimmer vor sich. „Ich bin das, was von einer Seele übrigbleibt wenn man einen Gegenstand geprägt hat und stirbt.“ wisperte die Stimme mit einem leichten Bedauern. Ein Bild des Schwertes blitzte vor Radgar‘s geistigem Auge auf, dazu ein Name. „Du bist das Schwert, Tsao“ sagte Radgar an den Lichtschimmer gerichtet. „Das ist richtig. Bisher konnte ich immer nur kurzzeitig mit dir in Kontakt treten, aber nachdem du mich gerufen hast, können wir endlich frei miteinander reden. Was den Namen angeht, so ist das der Namen den dir deine Eltern gegeben hatten, bevor du in diese Welt kamst“ „Dann stimmt es also? Du hast mir ins Ohr geflüstert und mir diese Träume geschickt? Mir dieses Wissen zugeflüstert?“ Radgar wurde leicht panisch. „Ja und nein. Ich habe immer spüren können was in deiner Umgebung passiert und wollte dir helfen. Die Visionen von Agetan, die du hattest, sind Erinnerungen von denen ich auch nicht weiß, woher du sie hast. Ich habe Jahre darauf gewartet, das du mich endlich zu dich rufst.“ Radgar’s Panik wandelte zu Verwirrung. „Was meinst du damit? Woher wusstest du von mir?“ „Radgar, wie du von Anyi weißt, schlummern in dir riesige Kräfte. Kräfte die sowohl Agetan als auch deine Welt entweder retten, oder ins Verderben stürzen können. Diese Kräfte habe ich seit deiner Geburt spüren können“ „Und woher habe ich diese Kräfte?“ „Das weiß ich auch nicht, aber in dir schlummert diese Macht und du solltest die nutzen.“ Radgar war immer noch irritiert. „Wirst du mir zeigen was ich wissen muss?“ „Ja das werde ich. Aber jetzt solltest du aufwachen, sonst verschläfst du noch.“ „Hä?“ Nun war Radgar endgültig verwirrt. Doch bevor er auch nur fragen konnte, spürte er wie etwas auf seinem Bauch landete und schreckte aus dem Schlaf hoch.

Durch die plötzliche Aufwärtsbewegung hochgeschleudert landeten die Klamotten am Fußende seines Bettes. „Aufstehen du Schlafmütze. Nicht dass du schon wieder zu spät zu Schule kommst“, rief seine Mutter noch, bevor sie seine Zimmertür wieder geräuschvoll ins Schloss fallen ließ. Radgar brauchte einen Moment um sich zu sammeln. Alles kam ihn wie ein wirrer Traum vor, doch da fiel sein Blick auf das Schwert, das immer noch an der Schranktür hing. „Es war also kein Traum“, murmelte er zu sich selbst. „Nein das war es ganz und gar nicht.“ Die Belustigung in Tsao’s Stimme war deutlich zu hören. Also stand Radgar auf und machte sich fertig für die Schule. Er öffnete die Tür und wäre beinahe mit Anyi zusammengestoßen, die gerade im Begriff war zu klopfen. „Guten Morgen Mylord“ begrüßte sie ihn mit einer leichten Verbeugung. Radgar fuhr ein leichter Schreck durch die Glieder. „Guten Morgen Anyi. Kannst du bitte wenigstens in der Öffentlichkeit dieses untertänige Dienerinnenverhalten ablegen?“ „Es ziemt sich nicht, aber wenn das ein Befehl ist, werde ich gehorchen, Mylord.“ Radgar war etwas erleichtert. „In diesem Fall ist es ein Befehl. Wenn du in der Öffentlichkeit und vor allem in der Schule derartig untertänig als meine Dienerin auftrittst, kann das zu unangenehmer Aufmerksamkeit, Fragen und Gerüchten führen, die ich lieber vermeiden will, verstanden?“ Anyi wirkte leicht verzweifelt durch die Erklärung, aber sie musste die Wünsche ihres Meisters respektieren und erfüllen. Als Radgar sich zur Schule aufmachte, folgte sie ihm immer mit ein paar Schritten Abstand, bereit zur Stelle zur sein, wenn er sie benötigen sollte.

Vor der Schule angekommen hielt Radgar erst einmal Ausschau nach Toni, für gewöhnlich trafen sie sich immer vor der Schule um dann gemeinsam in den Unterricht zu gehen. Nach kurzer Zeit entdeckte er seinen Freund an den Zaun gelehnt auf ihn wartend. „Guten Morgen Toni.“ „Moin Ralf, wollen wa rein?“ fragte Toni mit einem Kopfnicken in Richtung Schule. Kurz fiel sein Blick auf Anyi, die sich mit gesenktem Kopf im Hintergrund hielt, doch er runzelte nur kurz die Stirn. Auf dem Weg durchs Gebäude schielte er immer wieder über die Schulter. Nach einer Zeit lehnte er sich zu Radgar und flüsterte: „Du sag mal, was ist da zwischen dir und der neuen? Gestern geht ihr beide euch noch fast an die Gurgel und heute schleicht sie dir hinterher wie ein treudoofer Dackel.“ Genauso verschwörerisch beugte sich Radgar zu seinem Freund und antwortete: „Wenn du mir versprichst deinen Mund zu halten werde ich dir die Geschichte erzählen, auch wenn du sie wahrscheinlich nicht glauben würdest.“ „Ok, ich werd darauf zurückkommen.“ sagte Toni und verzog das Gesicht zu einem süffisanten Grinsen. „Du solltest ihm vielleicht nicht alles erzählen.“ Wisperte die vertraute Stimme in Radgar‘s Ohr. „Tsao? Wie..“ Radgar war derartig verschreckt, das er kaum einen klaren Gedanken fassen konnte. „Ich sagte dir doch, dass wir jederzeit miteinander in Verbindung treten können, nachdem du mich nun zum ersten Mal gerufen hast.“ Radgar holte einmal tief Luft um seine Nerven zu beruhigen. „Hey, Ralf. Alles in Ordnung mit dir?“ Toni stieß seinen Freund mit dem Ellenbogen an. „Ja ja, geht schon.“ Radgar schüttelte den Kopf. „Mensch. Muss ja wirklich ´ne tolle Nacht gewesen sein, wenn du allein bei dem Gedanken daran so weg trittst.“ Immer noch grinste Toni über das Verhalten seines Freundes. Nach der Schule machten sich Toni und Radgar, nach wie vor verfolgt von Anyi, auf dem Weg nach Hause. Dabei erzählte Radgar Toni, dass er am Vorabend zufällig beim Lauftraining mitbekommen hatte, wie einige Typen Anyi überwältigt hatten und ihr an die Wäsche wollten. Nachdem er die Typen verjagt hatte, so spann Radgar die Geschichte weiter, sei Anyi der Ansicht gewesen, dass sie in seiner Schuld stehen würde, und das sie ihm von nun an helfen werde bis diese Schuld beglichen sei. Es überraschte Toni zwar ein wenig, weil die Geschichte nicht das war, was er erwartet hatte. Andererseits wirkte Anyi exotisch genug, um diese Geschichte zu unterstreichen. Er vermutete, dass es noch mehr gab, doch als er Radgar versuchte zu bedrängen passierte es. Plötzlich stand Anyi dicht hinter Toni auch wenn sie ihn um einen halben Kopf überragte, so hielt sie ihm ohne Mühe einen Dolch von unten an den Kehlkopf. „Hör auf so respektlos zu sein, du kleiner Wicht. Sonst war es das letzte was du in deinem kümmerlichen Leben getan hast“, flüsterte sie Toni in sein Ohr. Toni erbleichte. Radgar brauchte einen Moment um sich von seinem Schreck zu erholen, aber es dauerte wirklich nur einen Sekundenbruchteil bis er reagierte. „Lass ihn los Anyi!“ befahl er. Die angesprochene schaute kurz zu ihm, warf dann noch einen verächtlichen Blick auf Toni, nahm aber den Dolch von seiner Kehle und ließ ihn los. „Bitte entschuldigt, aber ich konnte diese Respektlosigkeiten nicht mehr mit ansehen.“ Radgar nickte ihr einmal zu als Zeichen, dass er sie verstanden hatte und wandte sich an Toni. „Bitte entschuldige, aber wie du merkst nimmt sie ihre selbstauferlegten Pflichten sehr ernst. Ich werde dafür sorgen müssen, dass sie da etwas lockerer wird. Es ist wohl besser, wenn wir uns hier verabschieden.“ Toni wirkte zwar erschreckt und noch skeptischer als vorher, aber er gab sich scheinbar mit dieser Erklärung zufrieden. Nachdem sich die beiden getrennt hatten, schloss Anyi wieder etwas zu Radgar auf. „Hör mir gut zu Anyi.“ Radgar’s mühsam kontrollierte Wut war deutlich aus seiner Stimme heraus zu hören. Anyi setzte zu einer Erwiderung an, doch Radgar kam ihr zuvor. „Ich hatte dir heute Morgen gesagt, dass du in der Öffentlichkeit dich nicht so verhalten sollst. Ich bin durchaus in der Lage derartige Kleinigkeiten zu regeln, und die Leute würden anfangen unangenehme Fragen zu stellen, wenn du auf einmal anfängst für mich zu handeln. Besonders wenn du es auf diese Art und Weise tust.“ „Wie Ihr wünscht Mylord.“ Anyi schien die Zurechtweisung zu akzeptieren, auch wenn es ihr spürbar nicht zu schmeckte. Viel versöhnlicher fragte Radgar daraufhin: „Also Anyi, wo willst du mir beibringen, wie ich meine Kräfte beherrschen kann?“ „Bitte folgt mir“, sagte sie und setzte sich wieder mit einem recht hohen Tempo an die Spitze. Als die beiden kurz darauf bei Anyi’s Wohnung ankamen, fiel Radgar wieder die fehlende Einrichtung auf. „Wohnst du wirklich hier? Brauchst du keine Möbel oder ähnliches?“ „Ich brauche keine Möbel, da ich mich bisher ganz und gar der Suche gewidmet hatte. Was ich brauchte hatte ich mir temporär erschaffen“, antwortete sie in einem erklärenden Tonfall. „Bitte setzt Euch Mylord.“ „Wie wirst du mich die Kontrolle lehren?“ „Ich werde Euch zuerst zeigen, wie Ihr Euren geistigen Raum betreten könnt. Habt Ihr das einmal geschafft, werde ich Euch Übungen zeigen, die Ihr dann ohne meine Hilfe erledigen könnt.“ Anyi hatte ihre eigentliche Gestalt angenommen und sich wieder vor Radgar hingekniet, doch dieses Mal so dicht, das ihre Knie sich fast berührten. „Was ist dieser >geistige Raum<?“ fragte Radgar. „Es ist nur dem Namen nach ein Raum. Ihr könnt Euch in eine Gedankenwelt bringen, in der alles von Eurem Willen abhängt. Dort könnt Ihr die Zeit so weit beeinflussen, dass sie für Euch schneller oder langsamer verläuft. In dem Ihr das tut, könnt Ihr Dinge, für die Ihr normaler Weise durch wiederholen eine Stunde braucht um sie zu lernen, dort in nur ein paar Minuten lernen. Ich werde Euch nun mit in meinen geistigen Raum nehmen, dort kann ich Euch die notwendigen Sachen lehren, damit Ihr Euren eigenen geistigen Raum erschaffen und betreten könnt.“ Mit diesen Worten legte sie ihre Fingerspitzen an Radgar‘s Schläfen. „Bitte entspannt Euch und schließt die Augen.“ Radgar kämpfte sein Unbehagen nieder, schloss die Augen und atmete langsam aus. Das erste, was Radgar bemerkte war der leichte Duft nach Tannennadeln der scheinbar von Anyi ausging, doch dann passierte es. Sein Gleichgewichtssinn schien auf einmal verrückt zu spielen. Obwohl er spürte wie sich seine Knie nicht vom Boden lösten, fühlte er sich auf einmal wie in einer Achterbahn. Er wollte die Augen öffnen, doch trotzdem sah er nur tiefste Dunkelheit um sich herum. Wieder ein Ruck vom Gleichgewichtssinn, ein kleiner Lichtblitz kam in sein Blickfeld und schien sich ihm schnell zu nähern. Der Lichtpunkt wurde immer größer und nahm die Form einer Kugel an. Radgar fing an leichte Panik zu empfinden, was wenn ihn diese Kugel zerquetschen würde? In dem Moment schien ihn die Kugel zu erreichen und alles um ihn herum wurde weiß.

Kapitel 6 - Training

Das erste was Radgar am nächsten Morgen fühlte waren höllische Kopfschmerzen. Als er versuchte blinzelnd die Augen öffnen, kniff er sie sich gleich wieder zu, das gedämpfte Sonnenlicht war einfach zu grell. „Gut nur das Samstag ist“, dachte er bei sich. Da klopfte es auch schon an die Tür. „Frühstück“ rief seine Mutter „Beeil dich, du hast Besuch.“ Das weckte Radgar schlagartig. Wer würde ihn so früh am Samstag besuchen? Toni war es sicher nicht, der schlief wenn er konnte bis zum Mittag durch. Während Radgar sich aus seinem Bett kämpfte musste er noch einmal an den vergangenen Abend denken. Das ganze Training hatte ihn aber geistig derartig angestrengt, das er nach gerademal einer Stunde das Training abbrechen musste. Als er dann nach Hause kam, war er dann nur noch unter die Dusche gewesen und danach in Bett gefallen, zu müde um sich auch nur noch Gedanken übers Wochenende zu machen. Irgendwie befürchtete er dass es Anyi war, die schon draußen vor der Tür auf ihn warten würde um das Training vom Vortag wieder aufzunehmen. Sie hatte ihm gezeigt, wie er seinen eigenen geistigen Raum erschuf und wie er darin üben konnte ohne das er oder andere durch Unfälle Schaden nehmen konnten, aber sie hatte ihm noch nicht gezeigt, was für Kräfte er nun angeblich besaß oder einsetzten konnte. Als er sich angezogen hatte und in die Küche kam sah er, dass er Recht gehabt hatte mit seiner Vermutung. Neben seiner Mutter saß Anyi am Frühstückstisch und lächelte ihn scheu an. Seine Mutter hatte das zögern bemerkt und sagte: „Deine Freundin hier stand schon die ganze Zeit draußen vor der Tür und schien auf jemanden zu warten, und als ich vom Bäcker wiederkam und sie gefragt hatte zu wem sie wollte meinte sie >zu Radgar< und da habe ich sie hereingebeten. Hättest dir wirklich den Wecker stellen können wenn ihr beide euch verabredet.“ „Wir hatten eigentlich keine genaue Uhrzeit ausgemacht als wir gestern miteinander gesprochen haben“, erwiderte Radgar als er sich ein Brötchen nahm und anfing es zu essen. Aber so einfach ließ sich seine Mutter abspeisen. „Und was habt ihr heute vor?“ Bevor Radgar sich eine überzeugende Lüge ausdenken konnte, er konnte ja seiner Mutter schlecht sagen das Anyi ihm Magie beibringt, sprang selbige ein. „Ich bin erst vor kurzem hier her gezogen, und Radgar hatte sich angeboten, mir ein bisschen die Stadt zu zeigen.“ Radgar und seine Mutter sahen sie erstaunt an, doch bevor der prüfende Blick seiner Mutter sich auf ihren Sohn richtete konnte er seine Fassung zurückgewinnen und setzte eine möglichst neutrale Miene auf. „Schau mich nicht so an“, sagte er als er aus den Augenwinkeln zu ihr herüber schielte, ganz so als wollte er sagen „Es klingt unglaublich, aber es ist wahr. Und nun lass uns in Ruhe.“ Sie verstand den Wink mit dem Zaunpfahl, auch wenn ihr anzusehen war, dass sie am liebsten noch mehr Fragen gestellt hätte. Doch sie zuckte nur mit den Schultern und setzte ein amüsiertes Lächeln auf. Nach dem Frühstück zogen Anyi und Radgar los. „Wieder zu dir?“ fragte Radgar nachdem er die Haustür hinter sich geschlossen hatte. „Nein, wir werden in den Park gehen. Ich muss erst genau wissen wie gut Ihr seid, daher werden wir einige Übungen machen. Außerdem muss ich mir einen Überblick darüber machen wie gut Ihr kämpfen könnt.“ „Ist der Park dafür nicht etwas zu öffentlich?“ „Ich werde schon eine ruhige Stelle finden, wo wir ungestört sind“ antwortete Anyi mit einem verschwörerischen Lächeln im Gesicht.

Als die beiden kurz darauf den Park erreichten, führte Anyi sie zu einer kleinen Gruppe von Büschen. „Und das nennst du ruhig?“ fragte Radgar als er sich zweifelnd umsah. „Ich habe heute Morgen eine Barriere um dieses Stück errichtet, diejenigen die sich außerhalb der Barriere befinden können nicht sehen, was im inneren passiert.“ Mit diesen Worten blickte sie sich noch einmal kurz um und verschwand mit einem Schritt in der Illusion. Kurz zögerte Radgar, doch dann machte er einen Schritt zur Seite und betrat die Barriere. Im Inneren war das Licht gedämpft, als wäre das ganze Areal von einer Kuppel bläulichen Glases umgeben. Trotzdem waren die Geräusche von außerhalb, das Lachen der spielenden Kinder, das singen der Vögel, noch immer deutlich zu hören. In den kurzgeschnittenen Rasen waren einige fremdartige Symbole eingekratzt, aber irgendwie waren sie Radgar vertraut. Er ging in die Hocke um eines näher zu betrachten. „Diese Symbole hier…“ begann er fragend und sah sich nach Anyi um, doch weiter kam er nicht. Anyi war hochgesprungen und hätte ihn mit ihrem Tritt beinahe seitlich am Kopf getroffen, doch Radgar schaffte es um Haaresbreite den Kopf einzuziehen. Er war sich sogar sicher, dass er ihren Fuß über seine Haare streichen gespürt hatte. Mit einem Sprung zur Seite und einer Rollbewegung kam er wieder auf die Beine, doch Anyi war ihm gefolgt und stand nun wieder direkt vor ihm. Sie zielte mit einem rechten Haken auf seine Niere, doch mit einer schnellen Bewegung des Unterarmes gelang es Radgar ihren Schlag nach außen abzuleiten. Er ließ seinen linken Arm an ihrem entlang gleiten und versuchte mit einer Rotation einen Hebel anzusetzen und sie so festzuhalten, doch sie zog ihren Arm schneller zurück und setzte einen erneuten Faustschlag auf sein Gesicht an, dieses Mal mit der linken Faust. Doch auch dieses Mal schaffte es Radgar den Schlag abzublocken. Mittlerweile hatten seine Instinkte und Reflexe die Oberhand gewonnen. Er setzte seinerseits zu einem Stoß mit dem Knie in ihre Magengrube an, doch Anyi machte einen kleinen Hopser und fing mit den Händen sein Bein ab. So ließ sie sich von der Kraft des Trittes von ihm wegstoßen, nur um auf der anderen Seite des Kreises wieder zu landen und eine Abwehrhaltung einzunehmen. In diesem Moment fiel Radgar auf, dass sie wieder zu ihrer Elfengestalt gewechselt war, doch er zwang sich davon nicht ablenken zu lassen. Mit langsamen Schritten umkreisten beide die Mitte ihrer kleinen Arena, immer darauf bedacht sich nicht die kleinste Bewegung des Gegners entgehen zu lassen. Radgar war zwar immer noch verwirrt, warum sie ihn so plötzlich angegriffen hatte, aber ihm wurde klar, dass Anyi ihn hier hergebracht hatte um seine Kampffähigkeiten zu testen. Also sollte sie auch seine Fähigkeiten zu sehen bekommen. Langsam wurden die Kreise, die beide zogen, enger. Schon bald standen sich die beiden Kontrahenten nur noch wenige Meter voneinander entfernt. Dann ging es wieder Schlag auf Schlag. Angriff, Block, Finte, Ausweichen, die Bewegungen gingen fließend ineinander über, ohne das sich einer der beiden einen Treffer landen konnte. Doch Anyi fing schon nach wenigen Schlägen an ihr Tempo zu erhöhen. Noch konnte sich Radgar anpassen, doch ihm war klar, dass er der Elfe unterlegen war was Tempo und wahrscheinlich auch Ausdauer anging. Radgar machte einen kleinen Sprung rückwärts, doch er kam bei der Landung ins straucheln und landete auf dem Rücken. Anyi schien die Gelegenheit nutzen zu wollen. Sie hob ihr Bein so hoch das ihr Fuß über ihrem Kopf war und wollte selbigen mit aller Wucht auf Radgar‘s Brustkorb herniederfahren lassen. Aber so einfach war es nicht. Mit einer geschickten Beinschere fegte Radgar Anyi ihr Standbein unter dem Körper weg und Anyi schlug nach einer kleinen Drehung hart auf dem Bauch auf. Schon war Radgar über ihr und hielt sie mit seinen Knien am Boden fest. „War es das mit der Kampfübung?“ fragte er sie schwer atmend. Auch Anyi schien erst mal Luft zu holen, bevor sie in der Lage war auf seine Frage zu antworten. „Ja, Mylord.“ Radgar stand auf und bot ihr seine Hand zur Hilfe an. Nachdem sie sich aufgerappelt hatte, standen beide erst noch schwer atmend da. „Ihr seid besser als ich gehofft hatte Mylord, doch es fehlt Euch noch an Schnelligkeit und Ausdauer. Beides werdet Ihr im Laufe des Trainings erlangen. Kommen wir nun zu Euren magischen Fertigkeiten.“ Mit diesen Worten holte sie einen Kristallanhänger aus ihrer Robe und hielt ihn Radgar hin. Dieser nahm den Anhänger entgegen und beobachtete wie sich das Licht in den Facetten reflektierte. Der Kristall war eine fünfseitige Säule, deren Enden sich jeweils zu einer Spitze verjüngten. Auf jeder der Flächen des geraden Abschnittes war eine andere Rune eingraviert, es waren die gleichen Symbole wie Radgar sie auf Tsao gesehen hatte. „Diese Kristalle sind Visualisierer. Sie zeigen uns für welches der Elemente Ihr eine natürliche Neigung besitzt und wie stark Eure Kräfte in diesen Elementen im Vergleich zu den anderen sind. Die Kombination der Elemente ermöglicht Euch dann das Wirken gewisser Zauber. Diese Barriere hier ist hauptsächlich ein Licht-Zauber. Das Licht das von außerhalb der Kuppel hinein dringt, wird durchgelassen weshalb wir sehen können was außerhalb passiert, aber das Licht von hier drinnen nach außen geworfen wird, also das von den Oberflächen reflektierte Licht wird aufgefangen. Außerdem wird das Licht in gewisser Weise um die äußere Wand herumgeleitet, so dass Dinge gesehen werden, die normalerweise durch die Kuppel verborgen sind. Das Ganze ist aber nicht perfekt, ein leichtes flimmern kann unbewusst aus den Augenwinkeln wahrgenommen werden.“ „Und wie hilft mir dieser Visualisierer nun?“ „Erinnert Ihr Euch daran, wie ihr euer Schwert gerufen habt? Dabei habt Ihr auf Eure inneren Kräfte zugegriffen. Umschließt den Kristall mit beiden Händen und versucht es noch einmal. Diese Kristalle reagieren auf den kleinsten Hauch von magischen Kräften. Die einzelnen Flächen werden sich entsprechend Eurer Veranlagung verfärben.“ Sie holte einen weiteren Kristall hervor und zeigte ihn Radgar. Bei diesem Kristall war die eine Spitze in einem klaren Weiß gehalten, außerdem waren die Längsseiten in verschiedenen Farben gehalten, wobei das Grün und das Blau am kräftigsten waren. Die untere Spitze war Farblos. „Dieser Kristall zeigt, dass meine Stärken in den Elementen Licht“ Sie zeigte auf die weiße Spitze, „ Wasser“ der Finger wanderte zum blauen Streifen, „ und Holz liegen.“ Ihr Finger blieb auf dem grünen Abschnitt liegen. „Die anderen Elemente sind Feuer, Erde, Metall und Dunkelheit. Das sind die 7 Elemente, die unser Leben in Agetan bestimmen.“

Kapitel 7 - Elementares

Radgar hatte keinen Schimmer was passieren würde, doch als er den Kristall in die Hand nahm spürte er ein leichtes vibrieren aus dem Kristall kommen. Er öffnete die Hand und sah, wie sich die vorher farblosen Flächen langsam verfärbten. Eine Spitze strahlte auf einmal in einem hellen Weiß, während die andere eine obsidianische Schwärze annahm. Die anderen Flächen auf dem geraden Stück färbten sich reihum in grün, rot, braun, silbern und blau. Jede dieser Farben schien einmal ihre gesamten möglichen Nuancen wieder zu spiegeln und schien sich auch ständig zu verändern. Das Vibrieren wurde immer stärker, ein leichtes Brummen war zu hören. Plötzlich stieg eine dünne Rauchsäule von dem Kristall auf. Vor Schreck ließ Radgar den Kristall fallen, gerade noch rechtzeitig bevor dieser mit einem leisen Knack zerplatzte. Stirnrunzelnd bückte sich Anyi und hob die Überreste auf, die wieder ihren farblosen Zustand angenommen hatten, doch da lösten sich die einzelnen Splitter in Rauch auf. „Seltsam. Diese Reaktion habe ich bisher noch nie erlebt. Ich habe davon gehört, das bei manchen die Visualisierer nicht in der Lage sind die genauen Elemente zu bestimmen, aber dabei zerplatzen sie eigentlich nicht.“
„Was bedeutet das jetzt genau?“
„Das bedeutet, dass Euch noch keine Beschränkungen durch die Elemente auferlegt sind. Ihr könnt euch jedes der Elemente aussuchen und Euch darauf spezialisieren. Ich glaube das liegt daran, dass ihr bisher noch nie mit der agetanischen Magie in Kontakt gekommen seid.“
„Und wie genau wirken nun diese verschiedenen Elemente?“
„In Agetan stehen die einzelnen Elemente miteinander in Verbindung. Hier auf der Erde wird es durch die asiatische Lehre des Feng Shui ähnlich erklärt. Fünf der Elemente bilden einen Kreislauf, während die beiden verbliebenden Elemente Gegensätze sind. Die Elemente des Kreislaufes sind Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser in dieser Reihenfolge, die beiden verbleibenden sind Licht und Dunkelheit. Im Kreislauf ist es so, dass ein Element das jeweils nächste verstärkt, während es das übernächste schwächt. So wird das Holz beispielsweise vom Wasser verstärkt, so wie die Pflanzen Wasser zum Wachsen brauchen. Gleichzeitig nährt es das Feuer, welches es verbrennt und dadurch unterstützt. Aber auch das Metall schwächt das Holz, da zum Beispiel eine Axt das Holz zerteilt. Gleichzeitig schwächt das Holz die Erde, indem es seine feste Struktur auflockert und die Dichte herabsetzt. So wird das Gleichgewicht unter diesen 5 Elementen bewahrt. Aus diesem Grund ist Ak’Sun vor ein paar Tagen geflüchtet. Die Gaora‘Su haben in der Regel eine Stärke im Erdelement und ihr habt dem Schwert eine Holzaura gegeben.“ „Und wie spielen Licht und Dunkelheit da hinein?“ „Sie beeinflussen sich nur gegenseitig und ergänzen die Nuancen. Aber in Kombination mit einem der Kreiselemente können sie diese verstärken.“ „Und wie genau wirken die einzelnen Elemente nun?“ „Das Holz wirkt sich auf alles Pflanzliche aus. Mit seiner Hilfe kann man das Wachstum der Pflanzen beeinflussen, zum Beispiel die Wachstumsrate oder die Form wie ein Baum wächst. Feuer beeinflusst sämtliche Hitze oder Kälte beinhaltende Prozesse. So kann man zum Beispiel ein Feuer entfachen oder Dinge einfrieren lassen in dem man Hitze zuführt oder entzieht. Mit der Erdmagie kann man den Boden beeinflussen, ihn verdichten, umformen oder lockerer machen, was sich beim Bau von Gebäuden oder bei der Feldarbeit verwenden lässt. Die Magie des Metallelements wirkt sich auf alle Schmiedearbeiten aus, entsprechende Meister fertigen die besten Metallgegenstände aller Art, eben alltägliche Sachen wie Werkzeug, aber auch Waffen und Rüstungen für Soldaten. Das Wasser schließlich beeinflusst einfach alles was irgendwie mit fließenden Strömungen zu tun hat, also angefangen bei Flussläufen bis hin zu den Blutkreisläufen in einem lebenden Körper. Wassermagier gehören zu den besten Heilern in ganz Agetan. Licht und Dunkelheit beeinflussen dabei alle Dinge, die von diesen Bereichen nicht abgedeckt werden und unterstützen dabei die anderen fünf Elemente. Außerdem ist es mit ihrer Hilfe möglich das Licht oder die Schatten zu beeinflussen, je nachdem welches der beiden Elemente man verwendet. Aber nie kann das Licht die Dunkelheit vernichten oder umgekehrt, jedenfalls nicht ohne sich selbst dabei ebenso mit zu vernichten.“ „Das bedeutet, dass du dich auf Pflanzen und Heilen spezialisiert hast, richtig?“ fragte Radgar nachdem er sich die Erklärung durch den Kopf hatte gehen lassen. „Für Wasser und Holz habe ich die stärksten Neigungen, aber das heißt nicht, dass ich mich darauf spezialisiert habe. Man kann auch die Magie der Elemente erlernen für die man keine Neigungen hat, nur ist es dann wesentlich schwerer die Zauber zu erlernen, sie anzuwenden und aufrecht zu erhalten. Und natürlich sind die Zauber dann auch nie so stark, wie sie es bei jemandem wären der eine Neigung zu diesem Element hat.“ Radgar dachte noch einmal an seinen zersplitterten Visualisierer. „Was passiert normalerweise wenn ein Visualisierer nicht in der Lage ist die Neigungen festzulegen?“ „Dann bleibt er für gewöhnlich farblos, solche Menschen haben in der Regel keinerlei magische Veranlagungen. Aber Eurer hatte sich verfärbt. Noch dazu waren die Farben in einer Intensität, die ich bisher noch nie gesehen habe. Ich weiß nicht was das zu bedeuten hat. Aber es gibt noch andere Möglichkeiten festzustellen, was Euch für Elemente liegen. Wenn ein neues Mitglied im Lunaria-Orden aufgenommen wird, erhält es eine Grundausbildung in jedem Element. Diese Techniken werde ich Euch lehren. Je nachdem wie Ihr mit den einzelnen Techniken zurechtkommt, werden wir in etwa einschätzen können wie Ihr zu dem einzelnem Element steht. Aber zuerst müsst Ihr lernen Eure Kräfte zu steuern.“ Anyi setzte sich im Schneidersitz in die Mitte der Zeichnungen und deutete Radgar es ihr gleichzutun. Nachdem sich Radgar gesetzt hatte zeigte sie ihm eine Handhaltung die es ihm erleichtern sollte sich zu konzentrieren. „Die magische Energie wird von zwei Faktoren beeinflusst. Zum einen ist da Eure körperliche Kraft, die Energie Eurer Muskeln, Eurer Ausdauer und Eurer Belastbarkeit. Zum anderen Eure geistige Kraft, wie Willensstärke, schnelles Denken oder Wissen. Diese beiden sind ständig in Eurem Körper vorhanden, können aber durch äußere Einflüsse oder Eure Handlungen beeinflusst werden. Schließt die Augen und stellt Euch nun vor das Eure Energie in Eurem Körper zirkuliert wie Euer Blut. Versucht Euch vorzustellen, wie die Energie von Eurem Körper in Eure Arme fließt und wie sie sich zwischen den Handflächen sammelt.“ Radgar versuchte Anyi‘s Anweisungen Folge zu leisten, doch er kam sich dabei leicht dämlich vor, weil er zuerst keine Veränderungen spürte. Radgar wusste nicht, wie lange er so da saß, doch dann spürte etwas. Es war nur sehr leicht. Ein zartes kribbeln auf den Handflächen, als wenn die Handflächen eingeschlafen wären. Er öffnete die Augen und sah, dass sich eine leichte Aura um seine Handflächen gebildet hatte. Diese schimmerte leicht und veränderte ständig ihre Farbe. „Sehr gut, Ihr habt nun Eure Energie gebündelt.“ Sie zögerte kurz und runzelte nachdenklich die Stirn. „Seltsam, normalerweise besitzt die Aura eine Tönung des bevorzugten Elements und wechselt nicht ständig die Farbe. Könnte es sein das...“ murmelte sie wie im Selbstgespräch. Radgar war noch viel zu fasziniert von dieser leichten Aura die seine Hände umgab, als dass er darauf achtete was Anyi sagte. Einer plötzlichen Eingebung folgend konzentrierte er sich und die Aura löste sich von seiner Haut, um sich zwischen seinen Händen mehr und mehr zu verdichten, bis er eine ungefähr walnussgroße Kugel zwischen den Fingern schweben hatte. Als Radgar die Hände weiter auseinander nahm blieb die Kugel über seiner rechten Hand in der Schwebe. Noch immer wechselte sie immer wieder zwischen den fünf Farben des Elementarkreises hin und her, wobei sie in den Übergängen ein tiefes Schwarz oder ein blendendes Weiß annahm. Er konzentrierte sich noch einmal etwas woraufhin die Kugel anschwoll und die Form des zerplatzten Visualisierers annahm. Das Gebilde hörte auf seine Farbe zu verändern, stattdessen sammelte sie sich jede einzelnen Farben an der richtigen Stelle. Das Ganze sah nun haargenau so aus wie der Kristall bevor dieser zerplatzt war, angefangen bei der Form bis hin zu dem Farbspiel und den Runen auf der Oberfläche. Radgar zog seine Konzentration zurück und merkte wie der materialisierte Kristall auf seiner Handfläche landete. Als er wieder zu Anyi schaute, musste er beinahe auflachen. Sie starrte auf den Kristall in seiner Hand, ihr erstaunt-sprachloser Gesichtsausdruck dabei sah einfach zu komisch aus.

Kapitel 8 - Erneutes Treffen

„Was hast du, Anyi?“ Radgar konnte sich das breite grinsen einfach nicht verkneifen als der die weit aufgerissenen Augen der Elfe sah. Die Angesprochene brauchte einen Moment um sich zu sammeln und stotterte am Anfang sogar noch ein wenig. „Das, das … ist nicht möglich.“ Sie griff nach dem Kristall auf Radgar‘s Hand und prüfte ihn genauestens. „Wisst ihr was ihr da gerade getan habt?“ „Nein, ich hatte nur auf einmal so ein Gefühl was ich tun musste und wollte es einfach mal ausprobieren.“ Anyi hielt mit der Begutachtung des Kristalles inne und sah Radgar ernst an. „Für gewöhnlich sammelt ein Magiekundiger seine Kraft in den Händen und zeichnet dann dem gewünschtem Zauber entsprechend Runen um einen Zauber zu wirken. Aber habe ich noch nie davon gehört, dass ein fester Gegenstand aus reiner Energie geschaffen wurde. Eigentlich sollte das hier nur eine Illusion sein, ist es aber nicht. Ein geprägter Gegenstand ist es auch nicht. Die Prägung eines Gegenstandes auf eine Person wird bisher immer während des Herstellungsprozesses durchgeführt, indem der Magier beim herstellen seine Hände mit der Aura umschließt und so die Aura auf den Gegenstand abfärbt. Aber Visualisierer werden hergestellt, in dem diese Kristalle von Nichtmagiern normal abgebaut und dann geschliffen werden.“ Anyi schien mehr und mehr verwirrt zu sein. Radgar nahm ihr den Kristall wieder ab und klopfte ihr auf die Schulter. „Vielleicht wissen ja deine Leute in Agetan, warum dass alles möglich ist.“ Radgar runzelte kurz die Stirn. „Seltsam, ich bin mir sicher, dass ich solche Kristalle schon einmal gesehen habe. Sie kommen mir vertraut vor.“ Anyi schaute ihn verwirrt an. „Ihr habt einen Visualisierer gesehen? Das passt nicht zusammen. Es ist genauso wie die Sache mit dem Schwert. Warum konntet Ihr das rufen?“ „Tsao“ murmelte Radgar. Als er an das Schwert dachte, blitzte der Kristall in seiner Faust einmal auf, und Radgar hielt nicht mehr den Kristall, sondern das Schwert in der Hand. „Wohou“ entfuhr es Radgar und auch Anyi machte einen kurzen Sprung zurück. Sie starrte Radgar nun endgültig verwirrt an. Dieser starrte auf die Waffe in seiner Hand, etwas war anders.

Der Visualisierer war nun ein Teil des Schwertes, er war nahe des Heftes in die Klinge eingearbeitet und schimmerte noch immer in allen sieben Farben. Die Klinge war nun zweischneidig und die Symbole auf der flachen Seite der Klinge waren nun durch ein kompliziert wirkendes Rankenmuster miteinander verbunden, welches sich noch auf den Schneiden fortsetzte und beide Seiten miteinander verband. Auch der Knauf hatte sich verändert. Als ob die Schale abgeplatzt wäre, schimmerte nun ein in fünf filigranen Metallbändern gefasster Kristall am Ende des leicht verlängerten Griffes. „Du hast dich verändert.“ stellte Radgar an Tsao gerichtet fest. „Das war ich nicht, ich weiß auch nicht wie das passiert ist,“ antwortete die Flüsterstimme Tsao’s in Radgar‘s Kopf. „Wenn selbst du es nicht weißt, dann bin ich verloren,“ sagte Radgar mit einem leichten schmunzeln. „Mit wem redet ihr da, Mylord?“ kam es von Anyi. Ihre Stirn war leicht gerunzelt und sie hatte fragend den Kopf schief gelegt. Sie schien etwas am Verstand ihres >Meisters< zu zweifeln. „Sie kann unsere Unterhaltung nicht hören?“ fragte Radgar das Schwert, nur das er dieses Mal die Frage nicht aussprach. „Nein kann sie nicht, und ich würde es bevorzugen wenn sie auch vorerst nichts vorerst von unserer Verbindung erfährt.“
„Vertraust du ihr nicht? Durch ihren Schwur ist sie an unsere Anweisungen gebunden“
„Ja, aber je weniger von dieser unserer Eigenheit wissen desto besser.“
„Okay, wenn du es wünschst.“
Radgar blickte von dem Schwert in seiner Hand zu Anyi und erwiderte „Ich habe mit dem Schwert gesprochen. Es sah anders aus als ich es das erste Mal gerufen hatte.“ „Seid Ihr Euch da sicher? Für mich sieht es genauso aus wie vorher.“ „Sieht sie das alles nicht?“ fragte Radgar in Gedanken. „Anscheinend nicht“ antwortete die körperlose Stimme Tsao’s in Radgar‘s Kopf. „Kann auch sein dass ich mich täusche, ich habe es ja nur in jener Nacht kurz gesehen.“ „Mag sein.“ Anyi schien nicht recht überzeugt zu sein, sie schaute Radgar und das Schwert mit leicht misstrauischer Miene an. „Was habt ihr gesagt als ihr das Schwert gerufen habt?“ „Ich sagte Tsao. Das ist der Name des Schwertes.“ Verdutzt weiteten sich die Augen von Anyi. „Woher kennt Ihr diesen Namen?“ „Äääh. Du hattest ihn genannt als du mir nach dem Zusammentreffen mit Ak’Sun alles erklärt hattest“, stotterte Radgar mit einem leichten Unbehagen in der Stimme. Ihm war nicht wohl dabei Anyi anzulügen. Diese legte den Kopf leicht schräg und verengte die Augenlieder, bis ihre Augen wirklich nur noch Schlitze waren. Doch zu Radgar‘s Erleichterung drehte sie sich um und fixierte ihn nicht weiter mit diesem durchdringenden Blick.

„Wenn Ihr das Schwert schon einmal gerufen habt, sollten wir vielleicht als nächstes testen wie gut Ihr damit umgehen könnt. VERTEIDIGT EUCH!“ Die letzten zwei Wörter rief sie, während sie sich schnell umdrehte und in der Drehung ihren Stab erscheinen ließ. Radgar konnte gerade noch Tsao hochreißen und dem Schlag ausweichen. Da geschah es wieder. Radgar’s Körper schien zu wissen, was er zu tun hatte. Die Komplizierten Manöver, die Notwendig waren um Anyi’s Angriffe zu kontern und seinerseits anzugreifen kamen wie von selbst. Auch wenn Anyi durch den Stab eine größere Reichweite hatte als Radgar, so gelang es ihm doch sie mehr und mehr unter Druck zu setzen und sie zurück zu drängen. Block, Schlag, Konterangriff. Die Hiebe, die die beiden austauschten folgten immer schneller aufeinander. Doch es nützte alles nichts. Schnell war Anyi an den Rand der Barriere gedrängt und konnte sich nur noch mit einem hohen Sprung über Radgar weg davor schützen, aus dem Kreis gedrängt zu werden. Als Radgar sich umdrehte sah er gerade noch, wie sie ihren Stab auflöste und sich zu ihm umdrehte. „Genug, Mylord. Ihr seid zu gut für mich. Ich kann Euch mit der Waffe nichts mehr beibringen. Ihr...“ Weiter kam sie nicht mehr. Radgar bemerkte noch eine Bewegung aus den Augenwinkeln und hörte ein lautes Klirren. Anyi schrie laut auf, sank auf die Knie und hielt sich den Kopf als die Barriere in tausende Scherben zersprang und die Dunkelheit der Nacht die beiden umfing. Radgar wunderte sich noch einen Moment wie lange sie scheinbar schon in der Barriere waren, als auf einmal Ak’Sun vor den beiden stand. Doch diesmal war sie nicht alleine. Radgar konnte drei kuttentragende Gestalten ausmachen, die sich nun langsam von ihrer Seite lösten und ihn und Anyi einkreisten. „Na sieh mal einer, an was wir da gefunden haben. Steck das Schwert weg Kleiner, dann passiert euch beiden nichts.“ Ak’Sun sagte das zwar in einem recht forschen und nicht unfreundlichem Ton, aber Radgar konnte sich denken, dass sie sich nicht an ihre Aussage halten würde, auch wenn er tun würde was sie verlangte. Er warf einen nervösen Seitenblick auf Anyi, die sich langsam vom Boden aufrappelte. „Werde ich dich wieder genauso leicht rufen können wie zuvor?“ richtete er seine Gedankenstimme an das Schwert. „Ich weiß es nicht. Ich weiß ja noch nicht einmal wie es dir beim ersten Mal gelungen ist“, kam die gewisperte Antwort. Radgar atmete einmal tief ein und stellte sich gerade hin. Das Schwert in seiner Hand leuchtete einmal kurz auf und verschwand daraufhin. Verwundert stellte Radgar fest, das auch der Visualisierer weg war. Doch bevor er sich darum Sorgen machen konnte trat Anyi zu ihm und stellte sich schützend zwischen ihn und Ak’Sun. „Was willst du dieses Mal von uns, Diebin?“ „Och komm, derartige niveaulose Beleidigungen sind doch unter unserer Würde, Fentai. Beim letzten Mal wollte ich mir den Kleinen da nur genauer ansehen, dieses Mal ist der Auftrag ein anderer.“ Sie zuckte einmal mit dem Kinn und aus dem Erdreich schossen auf einmal Ranken hervor, die sich an den Beinen von Radgar und Anyi hochschlängelten und sie fesselten. Gleichzeitig leuchtete über ihr ein kleines Werlicht auf, das die ganze Szenerie in ein gespenstisches kaltes Licht tauchte. Auch eine neue Barriere schien sich gebildet zu haben, denn der Schein des Werlichtes spiegelte sich nicht in der Umgebung. Panisch versuchte Radgar sich zu befreien, doch die Ranken schnürten sich immer fester um seine Gelenke und machten irgendwann jede Bewegung unmöglich so dass er fast hingefallen wäre, wenn die Ranken ihn nicht derartig an den Boden gefesselt hätten. „Hört auf zu zappeln, Ihr schafft es doch nicht Euch aus dieser Pflanze zu befreien,“ sagte Anyi zu ihm. „Hör auf die Kleine. Aus meiner Rankenfalle ist noch niemand entkommen“ schnaubte es aus der Kuttenhaube rechts von Radgar. Die Gestalt hob die Arme und warf die Haube zurück. Ein ebenmäßiges und stolz wirkendes Gesicht kam zum Vorschein, mit gelblichen Augen und dunkelbraunem Bart und Haupthaar. „Reev“ zischte Anyi zwischen den Zähnen hervor. Der angesprochene nickte kurz zur Bestätigung. „Dann sind die anderen beiden sicher ChouZa“, sie blickte nach links, wo eine schuppige, klauenartige Hand einen schmalen, kahlen Kopf enthüllte, „und Grom.“ Ihr Blick ging über die Schulter, wo die kleinste Gestalt sich gerade seiner Kapuze entledigte und einen ziemlichen Bart hervorbrachte. „Es ist schön euch wiederzusehen, Anyi Fentai“ ,sagte Reev mit ruhiger Stimme. „Mylord, dies sind drei ehrlose Banditen aus Agetan“ stellte Anyi mit deutlicher Verachtung in der Stimme die drei Fremden vor. „Aber, meine liebe. Wir sind doch keine Banditen, wir sind Söldner“, verbesserte Reev sie und hob tadelnd den Finger. „Und im Moment stehen wir lediglich im Kontrakt mit jemandem, der sicherstellen will, dass unser liebes Miezekätzchen hier Erfolg hat“ sagte er mit einer Geste in Richtung Ak’Sun. Das ließ Radgar aufhorchen. „Was meint er mit Miezekätzchen?“ fragte er Anyi. „Die Gaora’Su sind eine Rasse humanoider Katzen. Reev ist ein Zentaur, Grom ein Zwerg und ChouZa ist ein SoZu, ein Volk was hauptsächlich im Wasser lebt. Sie haben, genauso wie ich auch, eine menschliche Gestalt angenommen um weniger aufzufallen.“ „Aber darauf können wir ja nun verzichten, nachdem wir hier ja ungestört sind.“ sagte Reev. Seine Gestalt verschwamm kurz, wurde größer und verformte sich. Als er wieder erkennbar war sah Radgar einen waschechten Zentauren vor sich. Der Pferdekörper hatte ein ebenmäßig braunes Fell, die Haare reichten nun seinen ganzen muskelösen Oberkörper hinab. Verblüfft ruckte sein Blick nach links, wo er in die liedlosen Augen einer bleichen Schuppengestalt starrte. Zwischen den Fingern von ChouZa waren nun auch Schwimmhäute zu sehen. Als er sich von dem Anblick loseisen konnte und hinter sich sah, bemerkte er das Grom sich keinen Deut verändert zu haben schien. Oder war er sogar geschrumpft? Radgar war sich nicht sicher. Er richtete seine Aufmerksamkeit wieder nach vorne und verstand warum Reev Ak’Sun als >Miezekätzchen< bezeichnet hatte. Ihr Gesicht hatte definitiv was katzenartiges, nur fehlten die Schnurrhaare. Auch ihre Hände hatten sich in Katzenpranken verwandelt, auch wenn sie nach wie vor Daumen besaß. Ihre Stiefel waren verschwunden, stattdessen konnte Radgar kräftige Tatzen aus den Hosenbeinen ragen sehen. Trotz ihrer offensichtlichen Katzengestalt besaß sie immer noch eine unverkennbare erotische Ausstrahlung.

Kapitel 9 - Schockmomente

Radgar riss seinen Blick von Ak’Sun los und blickte zu Reev. Durch seine Verwandlung war sein Umhang aufgegangen und auf dessen muskelbepackter Brust sah Radgar einen schimmernden Visualisierer. Der grüne Streifen leuchtete heller als alle anderen, woran Radgar erkannte, dass bei ihm das Holz das dominanteste Element war. Das erklärte auch die Stärke dieser Ranken. „Beruhige dich Ragil“ wisperte die Stimme von Tsao durch seinen Geist. „In dem Moment, in dem du mich rufst, werden diese Pflanzen in Flammen aufgehen. Vertraue mir.“ „Kannst du auch Anyi befreien?“ „Ja, aber sie sollte besser darauf gefasst sein.“ Radgar beugte sich vor und flüsterte „Anyi, schließ die Augen so fest du kannst.“ Anyi ruckte leicht den Kopf zu ihm. „Was habt Ihr vor Mylord?“ „Ja“ tönte Ak’Sun misstrauisch „Was hast du vor, Kleiner?“ Scheinbar hatten ihre feinen Katzenohren genau gehört was Radgar Anyi mitteilen wollte. „Vertrau mir“, wisperte er noch Anyi zu, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder auf Reev richtete. Dieser musterte den kleinen Menschen vor ihm mit einem Hauch von Misstrauen. „Ihr seid Söldner, besteht da die Möglichkeit, dass wir uns auch anderweitig einigen können?“ Der Zentaur sah Radgar einen Moment lang skeptisch an, dann spuckte er angewidert zur Seite aus. „Ich werde mal so tun als ob ich das nicht gehört habe. Wir Söldner sind einer langen Tradition verpflichtet. Wenn sich ein Auftraggeber nicht darauf verlassen kann dass ein Söldner seinem Vertrag nachkommt, kann dieser Söldner seinen Beruf an den Nagel hängen, weil ihn niemand mehr anheuern wird“ erwiderte Reev mit spürbarer Verachtung. „Dann nicht“ antwortete Radgar und zuckte mit den Schultern. „Einen Versuch war es allemal wert. Leider muss ich euch sagen, das ihr euch mit euren Ranken täuscht.“ Die Augen von Reev weiteten sich kurz vor Überraschung, doch bevor er irgendwas unternehmen konnte atmete Radgar tief ein. Ein paar der Rankenstränge zerrissen mit einem leichten Knallen, wodurch es ihm gelang eine Hand frei zu bekommen. Als Radgar dann die eben eingezogene Luft ausatmete dachte er wieder an das Schwert und sammelte noch einmal seine Energie in der nun freien Hand. Es blitzte wieder kurz auf und Radgar hielt wieder das Schwert in der Hand. Das Feuersegment an dem Visualisierer pulsierte einmal kurz und die Ranken, die Radgar und Anyi festhielten, lösten sich in einer kurzen Stichflamme in Rauch und Asche auf. Anyi war auf etwas derartiges nicht wirklich vorbereitet und fiel, plötzlich des Halts beraubt, auf die Knie. Radgar dagegen hatte keine Probleme. Er riss Tsao in die Höhe und ließ seine Energie in die Schwertspitze fließen. Daraufhin bildete sich eine kleine Lichtkugel an der Schwertspitze, die mit einem hellen Blitz explodierte. Ak’Sun und ihre Kumpane schrien gequält auf und versuchten ihre Augen vor den plötzlichen Helligkeit zu schützen. Radgar nutzte die Gelegenheit, drehte sich um und schlug mit der flachen Seite des Schwertes gegen die Schläfe des Zwerges. Dieser ächzte auf und ging zu Boden. Dann sprang er leicht nach oben und schlug mit dem Schwertknauf gegen Reev‘s Kinnlade, doch um ganz sicher zu gehen schlug er ihm auch noch mit der flachen Hand auf den menschlichen Brustkorb. Der Zentaur gab ein leichtes Grunzen von sich und krachte mit einem lauten Gepolter zur Seite. Doch Reev war nur angeschlagen, aber noch nicht besiegt. Er richtete sich wieder auf und legte die beiden Hände aneinander. Als er sie wieder auseinanderzog rief er einen langen Speer herbei. Diesen ließ er schräg über seinem Kopf kreisen und wollte Radgar durch einen schnellen Hieb auf den Kopf außer Gefecht setzten. Doch dieser tauchte unter dem Speer durch und schwang sich mit einem schnellen Sprung auf den Pferderücken des Zentauren. Reev versuchte sich aufzubäumen und Radgar abzuwerfen, doch der griff mit seiner freien Hand in die Mähne und schaffte es sich festzuhalten. Er setzte die Spitze seines Schwertes an Reev‘s Rücken an und rief: „Halt still du Maultier, sonst war es das für dich.“ Reev erstarrte als er die Klinge in seinem Kreuz spürte und ging vorsichtig auf die Knie. „Schlaf gut“ knurrte Radgar und schickte den Zentauren mit der flachen Schwertseite gegen die Schläfe in das Reich der Träume. Als Radgar sich daraufhin zu Anyi umdrehte sah er gerade noch wie sie ihren Stab Ak’Sun mit einem seitlichen Schwinger über die Rübe zog, woraufhin auch der Katzenlady die Lichter ausgingen, ChouZa lag schon bewusstlos am Boden. Als Ak’Sun auf den Boden aufschlug erzitterte auch die Barriere und löste sich auf, genauso wie das Werlicht. Anyi drehte sich zu Radgar um. Als sie sah, dass Reev und Grom ebenfalls außer Gefecht gesetzt waren, entspannte sie sich etwas. „Wie habt Ihr das gemacht?“ fragte sie leicht außer Atem. „Was meinst du?“ „Nicht nur das Ihr diese Ranken sprengen konntet, das verbrennen der Ranken und das mit dem Lichtblitz sollte, so wie Ihr es gemacht habt, eigentlich nicht möglich sein. Ich versteh es nicht. Wer seid Ihr? Was seid Ihr?“ Ihre Verwirrung war ihr deutlich anzusehen. Doch ihre Mine spiegelte sich auf Radgar‘s Gesicht, er war genauso ratlos. Ihm war das ganze sowieso suspekt. Er verstand nicht warum gerade er diese Sachen konnte. Was verband ihn mit Agetan, mit Tsao, mit Anyi und ihrem Orden der Lunaria? Plötzlich ertönte ein Klatschen aus der Dunkelheit hinter Radgar und eine Gestalt schälte sich aus den Schatten.

„Ich wusste, dass du es schaffst, Liebling.“ Der Angesprochene und seine Dienerin fuhren herum, die Waffen verteidigungsbereit erhoben. „Lass das Ding sinken mein Junge, oder willst du mich damit aufschlitzen?“ Radgar traute seinen Ohren nicht. Er hatte ja schon viel erlebt in den letzten Tagen, aber das konnte nun doch nicht wahr sein. Das durfte einfach nicht wahr sein. „Mutter?“ stieß er ungläubig hervor als er mit ansah wie sich seine Mutter aus dem Dunkel hervortrat und eine kleine Lichtkugel auf ihrer Handfläche erscheinen ließ. „Du bist stark geworden. Aber noch nicht stark genug um in Zapora zu bestehen. Und mach den Mund zu, sonst werden die Milchzähne sauer.“ Radgar verstand die Welt nicht mehr. Ihm drehte sich alles und er fiel erst einmal auf seine vier Buchstaben, mit offen stehendem Mund den Blick immer noch starr auf seine Mutter gerichtet. Diese kam mit langsamen Schritten auf ihn zu. „Mylord“ rief Anyi als sie den dumpfen Aufprall hörte und sich neben Radgar auf die Knie fallen ließ. „Wa.. Was… Was ist hier los?“ brachte Radgar stammelnd hervor. „Ich werde dir alles erklären“, sagte Grace O’Malley, als sie neben ihm in die Hocke ging. Sie vollführte eine kompliziert erscheinende Handbewegung und die Barriere erschien wieder. Doch dazu noch eine zweite kleinere, welche die nur die drei umschloss. Radgar starrte seine Mutter weiter ungläubig an. Wieso konnte sie die Magie benutzen? Woher wusste sie wie man damit umging? In dem Moment veränderte sich das Aussehen seiner Mutter. Ihre Haut wurde bleich, so als ob sie niemals die Sonne gesehen hätte, ihr rötliches Haar wurde rabenschwarz, und ihre Wangenknochen verschoben sich leicht nach oben. Das ganze Gesicht wurde schmaler und die Augen wurden stellten sich leicht schräg. Dazu veränderten sie ihre Farbe von Braun zu einem extrem blassen Blau. Sie sah Anyi in ihrer Elfengestalt recht ähnlich, abgesehen von den farblichen Unterschieden. Bevor Radgar auch nur einen Ton rausbringen konnte beantwortete sie seine Frage „Ja ich bin kein Mensch, ich bin eine Dunkelelfe aus Agetan und nein, ich bin nicht deine leibliche Mutter.“ Ihre Stimme war nun wie das Rascheln des Windes in einem Blätterhaufen. „Ich war deinen Eltern auf die gleiche Weise verpflichtet wie es Anyi nun dir gegenüber ist. Sie gaben dich in meine Obhut um sicherzustellen, dass du unbeschadet aufwachsen kannst. Sie wollten dich vor den Gefahren bewahren, als sie ihre Macht in Zapora verloren. Ihre Gegner hätten nicht gezögert dich umzubringen um ihre Macht zu sichern. Davor wollten sie dich bewahren. Also schickten sie uns beide durch ein Portal hier her, nachdem sie dafür gesorgt hatten, dass die hiesigen Behörden uns keinen Ärger machen würden.“ Radgar konnte die Frau nur weiter anstarren, die ihm sein gesamtes Leben lang eine Mutter gewesen war, und doch hatte sie ihn angelogen. Er ließ sich nach hinten fallen und lag lang ausgestreckt auf dem Boden, die Hände vor dem Gesicht und wollte nur noch, dass alles aufhörte. Es war einfach zu viel für ihn. Erst das alles mit Anyi, dann der Angriff durch Ak’Sun und ihre Kumpanen und nun war auch noch seine eigene Mutter aus Agetan. Und dabei war diese Frau noch nicht einmal seine Mutter. Das alles und die Erschöpfungen des Abends waren zu viel für ihn. Um ihn wurde alles schwarz, als er sich der Ohnmacht hingab.

Kapitel 10 - Wahrheiten und Pläne

Gil… Ragil… Ragil.“ Der Ruf drang immer stärker durch die Dunkelheit. Radgar erkannte die Stimme nicht, aber sie kam ihm vertraut vor. „Wer bist du?“ Fragte er in die ihn umgebende Dunkelheit. „Hörst du mich endlich wieder, kleiner Langschläfer? Ich dachte schon du würdest gar nicht mehr zu dir kommen. Aber wach jetzt noch nicht auf, wir müssen reden ohne dass die Elfen was davon mitbekommen.“ Da erkannte Radgar die Stimme. Es war die Stimme von Tsao. „Was willst du denn mit mir bereden? Willst du mir auch noch erzählen das du kein Schwert sondern in Wahrheit ein Buttermesser bist?“ „Den Sarkasmus kannst du dir sparen Junge. Aber ich muss dir gestehen dass ich nicht ganz ehrlich zu dir gewesen bin. Ich weiß warum du mich rufen konntest obwohl du mich nicht geprägt hast. Ich weiß warum es dir möglich ist Magie auf eine Weise zu wirken die für Anyi unvorstellbar ist und auch warum sich mein Erscheinungsbild nur in deinen Augen verändert hat. Nur konnte ich bisher noch nicht darüber reden. Du hättest es mir nicht geglaubt. Aber nach der Offenbarung von GraSha wirst du mir nun vielleicht geneigt sein mir zu glauben wenn ich dir alles erzähle.“ „Dann fang mal an, Buttermesser.“ „Die Träume, die du in letzter Zeit hattest habe ich dir geschickt. Ich wollte dir zeigen wie Agetan früher aussah, in seiner Blütezeit. Doch seit dem Zwischenfall, bei dem Meister Raven verschwand haben sich die Dinge drastisch verschlechtert. Der Orden der Lunaria unterdrückt die einst freien Völker mit eiserner Hand. Sie verlangen hohe Abgaben auf den Handel und tun nicht mehr das, wofür der Orden ursprünglich gegründet wurde. Wenn jemand versucht gegen sie vorzugehen wird derjenige getötet und seine Familie hat Glück wenn sie auf der Straße landet. Allerdings kann es auch passieren, dass sie in die Sklaverei verkauft werden, um so die Schulden zu begleichen die sie durch die zusätzlichen hohen Geldstrafen machen.“ „Schön und gut, aber was hat das Ganze mit mir zu tun?“ sprach Radgar aus, was ihn im Moment am meisten beschäftigte. „Wie GraSha schon sagte ist die Stadt Zapora ein gefährliches Pflaster für Kinder. Es kann schnell passieren dass jemand umgebracht wird, nur weil er jemand anderes schief angesehen hat. Dein Vater beauftragte mich vor seinem Tod damit, für deinen Schutz zu sorgen und darüber zu wachen, dass du zu jemandem heranwächst der dem Ganzen einen Riegel vorschiebt.“ Dieser letzte Satz erschüttere Radgar. Sein Vater war tot? „Wer bist du?“ war das erste was er herausbringen konnte. „Ich bin Tsao. Dereinst der beste Schwertmeister Agetans und Mitbegründer des Ordens der Lunaria. Dieses Schwert, dem ich vor meinen eigenen Tod meine gesamte mir innewohnende Kraft eingeflößt habe, wurde seitdem immer in meiner Familie vom Träger an das erstgeborene Kind weitergegeben. Dabei hat sich das Äußere des Schwertes immer dem Kampfstil des jeweiligen Trägers angepasst, während der Träger aus allen Erfahrungen der Vorbesitzer schöpfen konnte. Das ist auch der Grund warum du mit dem Schwert so gut gegen Anyi angekommen bist, obwohl sie um einiges schneller und geschickter ist als du. An dieser Stelle kommt die gesammelte Erfahrung von fast tausend Jahren Waffenkampf ins Spiel.“ „Und wie kommt es das du auf mich geprägt bist? Das sollte doch eigentlich nicht möglich sein.“ „Anyi konnte es nicht wissen, weil dieses Wissen streng geheim gehalten wurde innerhalb der Familie. Aber bei der Übergabe des Schwertes wird ein Ritual durchgeführt, bei der die Prägung eines Gegenstandes von einem Träger auf einen anderen übertragen wird. Ich zeige dir was damals geschehen ist.“

Vor Radgar‘s innerem Auge tauchten plötzlich Bilder auf. Er ging in eine runde Kammer, an deren Wänden die sieben Elementsymbole im Fackelschein schimmerten. In der Mitte des Raumes stand eine Frau mit einem schlafendem Kind in den Armen, ein Neugeborenes. Er spürte, wie er Tsao über die Schulter aus der Scheide zog und es mit der Spitze nach unten vor sich hielt. Aber Tsao unterschied sich von dem Schwert, das Radgar zuerst beschworen hatte. Diese Version war ein großes Breitschwert, wuchtig, schwer, mit fast anderthalb Metern Klinge und einem langgezogenem Griff. Eine tiefe Männerstimme fing an einen Uralten Text zu rezitieren. Die Frau hob eine Hand des Neugeborenen und stach mit einer kleinen Nadel in die Handfläche. Das Kind erwachte fing an zu schreien, während die Frau etwas Blut von der Handfläche auf die Klinge tropfen ließ. Plötzlich veränderte sich der Blickwinkel. Radgar verspürte einen stechenden Schmerz in der linken Hand, sah auf einmal von unten in das Gesicht der Frau und das Schwert direkt neben sich. Die Frau summte beruhigend, während sie die Hand des Säuglings in ihre nahm. Mit einem kurzen Aufleuchten in den Handflächen verebbte der Schmerz. Radgar blinzelte und sah die Frau an. Sie war hübsch. Das zarte Gesicht wurde von schwarzen Haaren eingerahmt, während die blaugrünen Augen voller Liebe und Zärtlichkeit auf das Kind hinunterblickten. „Mutter!“ Durchfuhr es Radgar. Als er den Kopf ein Stück drehte, sah er das Gesicht des Mannes, der das Schwert in seinen Händen hielt. Das rote Haar war kurz frisiert, das Gesicht glatt rasiert und die braunen Augen blickten ihn streng, aber auch gütig an. „Vater…“ Runac Malloy blickte noch einmal kurz zu seinem Son, dann wandte er seinen Kopf ein Stück. „GraSha?“ „Ja Mylord?“ hörte Radgar eine säuselnde Stimme fragen. „Nimm Ragil und warte vor dem Portalkreis auf uns.“ „Wie Ihr wünscht.“ Radgar sah, wie seine Ziehmutter ihn seiner Mutter abnahm und mit ihm auf dem Arm einen langen Flur entlang lief. Nach kurzer Zeit, zumindest kam es Radgar so vor, blieb sie in einer großen, halbkugelförmigen Halle stehen. Auch hier brannten an der Wand in regelmäßigen Abständen Fackeln in Halterungen, doch ihr Licht reichte nicht aus um die ganze Halle zu erleuchten. Kurz darauf kamen Radgar‘s Eltern durch den Gang in die Halle, beide machten einen sehr besorgten Eindruck. „Bist du sicher Schatz? Kann es denn keinen anderen Weg geben?“ fragte die Frau. Ihr liefen ein paar Tränen über das flehend dreinblickende Gesicht. „Leider ja. Ich bin mir sicher, dass es nicht lange dauern wird bis er versucht ihn umzubringen. Wir müssen ihn in Sicherheit bringen.“ Mit diesen Worten ging er an eine Stelle am Rand der Halle und stellte das Schwert auf die Spitze auf den Boden. Dort wo die Schwertspitze den Boden berührte brachen auf einmal gleißende Blitze aus dem Boden hervor, die über die in den Boden eingebrannten Linien zuckten und in der Mitte öffnete sich knapp über dem Boden ein Portal. GraSha wollte gerade mit dem Kind auf dem Arm durch das Portal treten, als von dem Durchgang her ein donnern her dröhnte. Radgar sah noch eine Flammensäule durch den Durchgang fegen, doch da sprang GraSha auch schon durch das Portal und die Halle geriet außer Sicht.

Dadurch, dass er dich mit GraSha in diese Welt geschickt hatte, stellte er auch sicher, dass dir niemand Schaden zufügen konnte um an mich zu kommen. Das Portal versiegelte sich gleich nachdem du hindurch warst.“ „Wie ging es danach weiter?“

Diesmal waren die Bilder anders. Radgar konnte nichts wirklich sehen. Vielmehr spürte er was nun passierte. Die gesamte Umgebung war schwarz, die Gestalt von Runac war nur als schwach beleuchteter Umriss zu erkennen. Er packte Tsao am Griff und stellte sich seinen Gegnern. Diese waren mehr oder weniger stark als Silhouette erkennbar. Kaum einer von ihnen konnte den Hieben von Runac etwas entgegensetzen. Doch das Glück hielt nicht lange. Während Runac gerade einen Angriff parierte, schob sich ein weiterer Schatten hinter ihn und stach zu. Der Dolch drang tief in den Rücken von Runac ein. Dieser zuckte zusammen und versuchte den hinterhältigen Angreifer zu erschlagen, doch seine Gegner nutzen den Moment und schlugen ebenfalls zu. Drei andere Klingen durchschlugen seine Brust und Tsao viel aus seiner Hand. Nach ein paar Minuten wurde Tsao vom Boden aufgehoben. Die Aura, die ihn nun hielt, war die des Mannes, der von hinten zugeschlagen hatte.

Dieser Mann hat mich anschließend an sich genommen und versuchte seit dem die Führung des Ordens an sich zu binden, doch seine Kräfte waren schwächer als meine, und so konnte ich ihn davon abhalten sich meiner zu bemächtigen.“ Radgar sah sich das Bild des Mannes genau an. „Also hat dieser Mann meinen Vater umgebracht?“ „Ja das hat er.“ „Was ist mit meiner Mutter? Ich meine, mit meiner leiblichen Mutter?“ „Das weiß ich nicht.“ „Dann werde ich es herausfinden. Und ich werde diesem Mörder das geben, was er verdient hat.“ „Das wird aber nicht so einfach. Dieser Mann ist mittlerweile das Oberhaupt der Lunaria, und bevor du ihm gegenübertreten kannst, musst du erst einmal einige andere Probleme lösen. Du bist noch zu schwach um dich gegen den gesamten Orden zu stellen. Denn auch wenn das Oberhaupt magisch nicht sehr stark ist, unter denjenigen die ihm treu ergeben sind, gibt es einige extrem mächtige Krieger.“ „Wirst du mir trotzdem helfen? Wirst du mich lehren was ich wissen muss um gegen diese Schweine zu bestehen und in Agetan wieder Frieden einkehren zu lassen?“ „Ja das werde ich.“ „Und wie kommt das mit meiner Magie? Warum ist mein Visualisierer zerplatzt? Wie gelang es mir einen Visualisierer aus dem Nichts zu erschaffen?“ So langsam verstand Radgar die Zusammenhänge und begann zu erahnen was ihn noch alles erwarten würde. „Warum dein Visualisierer zerplatzt ist kann ich dir nicht sagen. Aber die Sache mit deinen Elementen kann ich dir erklären. In Agetan ist es so, dass beide Elternteile ihre magischen Veranlagungen an ihr Kind weitergeben. Je nachdem wie die Kombination und die Stärken sind erbt das Kind die Veranlagungen der Eltern in einem entsprechend verstärktem oder geschwächtem Maße. In deinem Fall war es so, dass deine Eltern sich perfekt ergänzten, wodurch deine Elemente perfekt ausgewogen sind. Bei mir war es damals nicht anderes, was auch einer der Gründe ist warum wir beide so frei mit einander kommunizieren können. Dein Vater dagegen musste sich jedes Mal stark konzentrieren um ein vages Gefühl für das zu bekommen was ich empfinde.“ Der Gedanken daran schien Tsao zu amüsieren, denn den in der Stimme schwang ein leicht erheiterter Unterton mit. „Was ist daran so witzig?“ „Er hat des Öfteren versucht sich mit mir zu beraten und dass er mich nicht verstanden hat, hat für einige recht denkwürdige Verzweiflungs- und Wutausbrüche gesorgt.“ Plötzlich durchflutete ein Orkan an Bildern Radgar‘s Geist. Er sah einen seinen Vater in einigen zum Großteil recht komischen Situationen, mal fast verzweifelt in Tränen ausgebrochen, mal vor Wut derartig rot angelaufen im Gesicht ,dass jede Tomate neidisch geworden wäre. „Ich werde dir helfen, Agetan wieder zu dem zu machen, was ich aus meiner Erinnerung kenne. Und ich bin mir sicher, dass ich da nicht der einzige sein werde. Anyi hat dir bereits die Treue geschworen, und ich denke auch GraSha, Ak‘Sun und Reev und seine Gruppe könnten sich dazu bereit erklären dir zu helfen.“ Derartig bestärkt dachte Radgar noch einmal darüber nach was er wusste und fasste einen Entschluss. „Ich gehe nach Agetan. Sobald wie möglich. Ich werde in Zapora aufräumen und diesem Schwein seine gerechte Strafe zukommen lassen. Ich werde herausfinden was mit meiner Mutter geschehen ist und wenn sie noch lebt, werde ich sie finden.“ „Gut gesprochen. Dann wach jetzt auf und sprich als erstes mit deinen beiden Elfen, sie scheinen sich langsam Sorgen um dich zu machen.“

Radgar schlug die Augen auf. Doch er konnte nicht viel außer zwei Schatten erkennen, die sich über ihn beugten. Hoch über ihn strahlte die Sonne. „Er ist aufgewacht“, erklang Anyi‘s Stimme rechts von ihm. „Ganz langsam Kleiner“, kam die Flüsterstimme seiner Ziehmutter von links. Als er den Kopf hob und sich umsah bemerkte er, dass sie immer noch im Park waren, eingeschlossen in die zwei Barrieren die GraSha erschaffen hatte. Ak’Sun, Reev, Grom und ChouZa waren zwischen den beiden Barrieren gefangen und kauerten in einer Ecke beisammen und beobachten die Geschehnisse in der inneren Barriere. „Hier. Trinkt das.“ Anyi führte Radgar einen Trinkschlauch an die Lippen. Dieser nahm ein paar zögerliche Schlucke, dann richtete er sich weiter auf und betrachtete das Schwert, das neben ihm auf dem Boden lag. „Ich gehe nach Agetan. Aber erst muss ich stärker werden.“ sagte er mit fester Bestimmtheit in der Stimme. „Und das wirst du“, antwortete GraSha und legte ihm seine Hand auf den Rücken. „Und ich werde Euch begleiten, Mylord“ sagte Anyi und verneigte sich leicht vor ihm.

Kapitel 11 - Eine Entscheidung mit Folgen

Radgar stand wackelig auf und klopfte sich den Dreck von der Hose und auch Anyi und Grace erhoben sich. „Würdest du bitte diese Barriere auflösen Ma?“ Trotz allem was er nun wusste, widerstrebte es Radgar diese Frau im Inneren nicht als seine Mutter anzusehen. Auch wenn sie ihn nicht geboren hatte, so war sie doch die letzten anderthalb Jahrzehnte seine Mutter gewesen. „Wenn du meinst, Junge“ gab Grace zurück und mit einem Fingerschnippen löste sich die Innere Barriere, welche die drei von Ak’Sun, Reev, Grom und ChouZa getrennt hatte, auf. Die vier hatten scheinbar versucht aus der äußeren Barriere auszubrechen, doch die Magie von Grace war zu stark gewesen. Nun hockten sie wieder in ihrer menschlichen Tarngestalt auf dem Boden und warteten. Grom und Ak’Sun blickten beide finster drein als die innere Barriere sich auflöste, Reev dagegen schien zwar nervös, blieb aber ruhig. Nur ChouZa starrte Anyi mit einem hassverzerrten Gesicht an, als würde er ihr am liebsten die Kehle aufschneiden. Nachdem die innere Barriere sich aufgelöst hatte, erhob sich Reev und stellte sich vor die Anderen. Doch Radgar drehte sich einfach nur um und machte sich auf den Weg aus der Barriere. „Was soll das werden?“ rief Reev ihm hinterher. „Nichts ist nun. Ihr habt keine Chance gegen mich. Wir hätten euch leicht töten können, und egal wie ihr euch anstrengt, ihr werdet uns nie besiegen können. Und da ihr keine Bedrohung für uns seid, hab ich kein Problem damit euch laufen zu lassen. Ob ihr hier bleibt, oder ob ihr nach Agetan zurückkehrt, ist euch ...“ „Ist das Euer Ernst, Mylord?“ platzte Anyi dazwischen. „Diese vier haben versucht Euch zu töten.“ Sie schien nicht glauben zu können, was Radgar von sich gab. Als er nicht auf ihren Einwand reagierte, versuchte sie ihn am Arm zu packen, doch Grace schnappte ihr Handgelenk und hinderte sie so daran. Als Anyi der Frau ins Gesicht sah, bemerke sie darin etwas, dass ihr klar machte, dass sie dabei war ihre Befugnisse zu überschreiten. „Bitte verzeiht Mylord, es stand mir nicht zu Eure Handlungen zu kritisieren.“ Sie senkte den Kopf und trat wieder einen Schritt zurück. Radgar, der während dieser kurzen Unterbrechung nicht den Blick von Anyi und Reev genommen hatte, nickte nur fast unmerklich. Da ergriff Reev das Wort. „Die Kleine hat recht. Warum willst du uns einfach laufen lassen? Wir könnten wiederkommen?“ Radgar drehte sich um und ging an Anyi und Grace vorbei auf die Barriere zu. Grace schnippte noch einmal. Während sich auch die äußere Barriere auflöste blieb Radgar noch mal stehen und sagte über die Schulter: „Das werdet ihr nicht.“

Die drei verließen den Park und machten sich auf den Weg wieder nach Hause. Dort angekommen gingen sie erst in die Küche und begannen mit den Vorbereitungen für ein spätes Frühstück. Als die drei dann am Tisch saßen und zu essen begannen, wandte sich Radgar an seine Ziehmutter. „Seit wann weißt du es?“ Grace sah Anyi kurz an und zog dann einen Visualisierer hervor. Bei diesem war nur die schwarze Spitze gefärbt. Radgar’s Augen weiteten sich als er den Kristall sah. „Als ich dir gestern früh deine Wäsche in den Schrank räumen wollte, konnte ich das Schwert am Türgriff sehen. Das hat mich derartig aus dem Konzept gebracht, dass ich dir die Wäsche stattdessen aufs Bett geworfen habe.“ Ihr Blick schweifte zu Anyi. „Als sie dann auch noch vor der Tür stand war mir alles klar.“ „Und woher wusstet ihr, dass ich aus Agetan stamme?“ fragte Anyi. „Es gibt doch auch in dieser Welt Menschen mit latenten elementaren Kräften.“ Grace schmunzelte bei dieser Frage. „Es stimmt, es gibt solche Menschen. Aber ohne eine Ausbildung, oder einen einschneidenden Faktor von außen sind diese Menschen nicht in der Lage ihre Fähigkeiten zu nutzen. Bei dir habe ich nicht nur den Kristall gesehen, sondern auch gespürt, dass du eine gute Ausbildung erhalten hast.“ Radgar starrte seine Mutter an. „Warum hast du sie dann zum Frühstück eingeladen und nichts gesagt?“ Grace senkte den Blick und schaute etwas schuldbewusst drein. „Ich musste sichergehen. Ich wusste nicht, wer Anyi war, und auch nicht was sie mit dir vor hatte. Darum habe ich euch gestern unauffällig beobachtet.“ „Ihr konntet uns sehen?“ warf Anyi dazwischen. „Naja, dein Tarnungsschild war nicht schlecht, aber es gibt Mittel und Wege sie zu umgehen. Man muss nur wissen wie.“ „Und als dann Ak`Sun und die anderen aufgetaucht sind?“ Grace schmunzelte. „Ich wollte sehen wie ihr euch gegen diese vier schlagen würdet. Und das habt ihr sehr gut. Ich war überrascht wie du dich aus den Schlingpflanzen befreien konntest. Tsao ist wirklich ein guter Lehrer.“ Diesmal schreckte Anyi hoch und blickte zwischen Radgar und Grace hin und her. „Bitte verzeiht mir, aber woher kennt ihr den Namen des Schwertes? In welchem Verhältnis steht ihr zum Orden?“ Einen Moment lang schauten sich Radgar und Grace an, dann fragte sie Radgar: „Hast du es ihr nicht gesagt?“ Er schmunzelte leicht und erwiderte „Ich wusste es bis vorhin auch nicht besser.“ Das löste bei Grace ein prustendes Gelächter aus. Während Anyi verwirrt starrte, musste Radgar sich sehr anstrengen um nicht in das Gelächter einzusteigen. Nachdem sich Grace etwas beruhigt hatte, trank sie erst einen Schluck Wasser und sagte: „Du hast echt keine Ahnung wer dieser Junge ist?“ Immer noch verwirrt runzelte Anyi die Stirn und deutete auf das Schwert. „Ich wusste es nicht genau, aber das Schwert war mir Zeichen genug.“ Grace schüttelte den Kopf. „Anyi. Bevor ich dir genauer erklären kann wer wir sind, muss ich wissen wie die Dinge in Zapora und im Rest von Agetan stehen. Ich weiß mittlerweile, dass du zum Orden gehörst, sonst würdest du das Schwert nicht kennen. Bitte erzähle mir was sich in den letzten Jahren in Agetan getan hat. Wie du dir sicher denken kannst war, habe ich seit dem ich mit Radgar hier bin nicht sehr viel mitbekommen. Danach werde ich euch beiden alle eure Fragen beantworten die ich kann.“ Anyi holte einmal tief Luft und begann dann zu erzählen.

Kapitel 12 - Vergangenes

„Ich bin vor etwa vierzig Jahren dem Orden der Lunaria beigetreten. Damals hatte man meine Elemente geprüft und festgestellt, dass ich alle Bedingungen für eine Aufnahme erfüllte. Ich wurde Meister Raven als Lehrling anvertraut und habe unter ihm meine Ausbildung in Wenalaniea, einer kleinen Stadt am südlichen Rand des Großen Waldes absolviert. Als ich nach fünf Jahren meine Ausbildung beendet hatte, blieb ich bei Meister Raven als seine Assistentin. In dieser Zeit führte ich hauptsächlich Botengänge für ihn aus wenn er selbst zu beschäftigt war um selbst die Sachen zu erledigen. In diesen zehn Jahren half ich ihm auch das Recht durchzusetzen, wobei ich dann das erste Mal mit Ak’Sun und ihren drei Kumpanen zusammenstieß. Dann kam es vor mittlerweile sechsundzwanzig Jahren zu diesem Zwischenfall. Eines der Zirkeltreffen wurde angegriffen. Die Bewohner eines nahen Dorfes sagten, dass sie am Morgen nach dem Treffen zum Steinkreis gingen. Dort fanden sie die Statuen der sieben Elementarmagier. Nur von Meister Raven, der als Vertreter des Ordens das Treffen leiten sollte war keine Spur zu finden. Im Orden kam es im Laufe der nächsten zehn Jahren immer wieder zu Säuberungsaktionen von verdächtigen Elementen, wie es offiziell genannt wurde. In Wahrheit wurden alle, die den Triumvirat unbequem waren, unter Anklage gestellt und eingekerkert. Sonderbestimmungen wurden erlassen und nie zurückgenommen, sogar einige rechtmäßige Herrscher der einzelnen Völker wurden entmachtet. Ich selbst hatte Glück das ich einige gute Freunde gewonnen habe während der Ausbildung. Sie und ein paar Freunde von Meister Raven halfen mir gerade noch rechtzeitig vor Gata Chaòlu in den Untergrund entkommen. Seit dem habe ich versucht Herauszufinden was mit Meister Raven passiert ist.“

Als Anyi kurz innehielt um einen Schluck zu trinken, wandte Radgar sich an seine Mutter. „Ist das der Grund warum mein Vater mich mit dir zusammen hierher geschickt hatte? Diese Säuberungen?“ Grace schaute bedrückt zu ihm und versuchte ein Lächeln. „Nein, das passierte alles lange nachdem wir hier her gekommen sind.“ „Aber wie ist das Möglich? Wir sind doch noch keine 25 Jahre hier, oder?“ Ohne auf Radgar‘s Verwirrung zu achten, wandte sich Grace an Anyi. „Anyi, wie lange bist du in etwa schon hier?“ „Ungefähr ein Jahr, warum fragt ihr?“ Grace verzog den Mundwinkel. „Das werde ich später erklären. Bitte beende deine Geschichte erst für uns.“ Anyi zog erst fragend die Augenbrauen hoch, doch zuckte sie nur mit den Schultern und fuhr dann mit ihrer Geschichte fort.

„Viel bleibt nicht mehr zu erzählen. Ich konnte anfangs nur wenig über den Verbleib von Meister Raven herausfinden. Zuerst hatte ich gedacht, dass sein Verschwinden mit dem Zirkeltreffen zusammenhängen würde, doch ich wusste von keinem Tagesordnungspunkt, der von Bedeutung gewesen wäre. Ich wusste auch sonst nichts was diesen Angriff erklären könnte. Mit der Zeit fand ich ein paar Bauern aus der Gegend des Überfalls. Sie sagten mir, dass sie in der Nacht einen hellen Lichtblitz gesehen hatten, obwohl der Himmel sternenklar war. Aber da sie wussten, dass dort das Zirkeltreffen stattfindet, haben sie sich nichts weiter dabei gedacht. Die Art und Weise wie sie den Blitz gesehen hatten, weckte in mir den Verdacht, dass es sich um einen Portalzauber gehandelt haben musste. Also fing ich an die Unterlagen, die ich vor der Gata Chaòlu in Sicherheit bringen konnte zu durchsuchen und fand Hinweise auf die Erde. Danach begann ich mit meinen Vorbereitungen für eine Reise hier her. Meine Freunde halfen mir, und so kam ich vor ungefähr einem Jahr hier her. Seitdem suche ich hier auf der Erde nach Hinweisen auf Meister Raven, doch ich stattdessen fand ich euch. Und den Rest kennt ihr.“

Sie ließ sich auf dem Stuhl gegen die Lehne fallen und trank noch einen Schluck Wasser. Radgar blickte von Anyi zu Grace. Sie wirkte Nachdenklich, ganz so als müsste erst mal verdauen was sie eben gehört hatte. Als sie seinen fragenden Blick bemerkte, beugte sie sich auf dem Tisch vor und lächelte Anyi an. „Ich danke dir, dass du so geduldig warst und uns deine Geschichte erzählt hast. Ich bin eine Dunkelelfe aus dem Clan der Cru’Es. Dieser Clan war seit der Gründung der Lunaria in den Diensten des Ordens. Ich für meinen Teil habe, als für mich die Zeit kam, ganz ähnlich wie du bei Ralf einem Ratsmitglied meine Dienste angetragen. Ich diente seiner Familie schon eine lange Zeit und als Ralf’s Mutter schwanger wurde, wurde ich zur Amme des Kindes bestimmt. Doch Zapora ist kein guter Ort um ein Kind aufzuziehen, weswegen er und ich kurz nach seiner Geburt hierhergeschickt wurden. Es stimmt schon das wir zwar noch keine 25 Jahre hier sind, aber die Zeit hat hier einen anderen Verlauf als in Agetan. In agetanischer Zeitrechnung sind wir von dort vor fast fünfzig Jahren verschwunden, Anyi hat sich vor etwas mehr als drei Jahren von ihren dortigen Freunden verabschiedet.“ Als sie das hörte, wanderten Anyi’s Augenbrauen sehr weit nach oben, aber auch Radgar war sehr überrascht. Er hätte nicht gedacht, dass es einen derartigen unterschied geben würde. Grace schmunzelte einmal wegen der erstaunten Gesichter, doch sie wurde schnell wieder ernst und fuhr mit ihrer Erklärung fort. „Die Unruhen in den einzelnen Völkern waren damals noch sehr unterschwellig, aber die Politik des Ordens bereitete meinem Meister sehr viele schlaflose Nächte. Er hatte Angst um Ralf und auch das er nie erwachsen werden könnte. Er schickte uns beide hier her, wo ich Ralf auf sein Erbe vorbereiten sollte wenn er zwölf Jahre alt war. Doch vor acht Jahren erschien ein Bote und berichtete das die Familie ausgelöscht sei und die Unruhen immer schlimmer wurden.“ Nun war es an Grace einen Moment inne zu halten. „Es war wirklich auf den letzten Drücker.“ Diesmal ergriff Radgar das Wort. „Vater schaffte es gerade noch das Portal zu versiegeln und unsere Spuren zu verwischen, als das Haus angegriffen wurde. Er stellte sich den Eindringlingen allein entgegen, konnte sie aber nicht besiegen. Er starb mit diesem Schwert in der Hand.“ Bei diesen Worten legte er Tsao vor sich auf den Tisch. „Woher wisst ihr das Mylord? Bis vor drei Tagen wusstet ihr doch gar nichts über Agetan, den Orden oder sonst irgendwas. Und nun erzählt ihr von Dingen die sich kurz nach eurer Geburt ereigneten als währt ihr dabei gewesen, wo ihr doch in Wahrheit hier wart. Wie ist das Möglich?“

Grace beugte sich etwas vor. „Anyi, was weißt du über dieses Schwert?“ „Ich weiß, dass es die Führerschaft des Ordens symbolisiert, und seit der Gründung immer von einem Triumvir getragen wurde. Aber da es von einem der Gründer stammt, war seit dem niemand in der Lage es zu rufen oder seine Kräfte zu wecken.“ Radgar gab seiner Ziehmutter ein Zeichen. „Dieses Schwert trägt den Namen Tsao und wurde von einem Gründer des Ordens geschmiedet. Bis zum Tod meines Vaters befand es sich im Besitz meiner Familie. Durch einen Zauber wurde die Prägung immer von einem Träger zum nächsten weitergegeben. Deswegen konnte ich es Rufen, denn es war bereits auf mich geprägt. Und mit jeder vergangenen Prägung übertrugen sich auch wissen und können von einem Träger auf den Nächsten. Die vielen verschiedenen Energien, die die einzelnen Träger des Schwertes durch ihre Zauber und durch das Schwert fließen ließen und die damit verbundenen Erfahrungen, stehen somit auch mir zur Verfügung.“

Anyi schaute mit einem gedankenverlorenen Gesichtsausdruck auf den Tisch. Mittlerweile hatten sie aufgegessen und begannen die Reste wegzuräumen. „Das erklärt viel von dem was bisher geschehen ist, aber was ich immer noch nicht verstehe Mylord, ist warum der Visualisierer bei Euch zerplatzt ist. Das ist bisher noch nie passiert. Noch dazu, dass Ihr einen aus dem Nichts heraus erschaffen habt. Ich verstehe es einfach nicht.“ Graces Kopf ruckte zu Radgar herum. „Was soll das heißen du hast einen Visualisierer aus dem Nichts heraus geschaffen?“ Radgar griff in seine Tasche, holte den Visualisierer hervor und übergab ihn an seine Ziehmutter. „Als mir Anyi gezeigt hatte wie ich meine Energien im Körper steuere hatte ich eine kleine Energiekugel in der Hand. Dann hatte ich eine Eingebung und das ist das Ergebnis.“ Grace betrachtete den Visualisierer ganz genau und murmelte dann „Das ist seltsam. Obwohl dieser Visualisierer eindeutig auf dich zutrifft kann ich doch keine Energie mehr von dir wahrnehmen. Ich hab auch noch nie gehört, dass jemand seine magische Energie materialisieren konnte. Hat Tsao irgendwas darüber gesagt?“ Grace gab Radgar seinen Visualisierer zurück, wobei sich der Visualisierer auflöste als Radgar ihn mit der Hand umschloss. „Nein, er weiß auch nicht warum das so ist. Zu mindestens will er nichts zugeben.“ „Wie geht es jetzt weiter?“ fragte Anyi. „In zwei Wochen beginnen die Ferien, die ideale Gelegenheit wenn Radgar bis dahin die Grundlagen der agetanischen Magie gelernt hat“, kam es von Grace, die mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck zur Decke starrte. „Die Gelegenheit wofür?“ hakte Anyi nach. Dieses Mal antwortete Radgar, dem sein schelmisches Grinsen nicht aus dem Gesicht verschwinden wollte. „Ich hatte es doch vorhin schon gesagt. Ich werde nach Agetan gehen. Die Ferien wären ein idealer Zeitpunkt für mich für eine kurze Zeit nach Agetan zu gehen, da ich dann unauffällig verschwinden kann, ohne dass viele Fragen gestellt werden. Und wenn ich es schaffe in vor Ende der Ferien wieder zurückzukommen wird mich hier niemand vermissen.“ „Warum willst du überhaupt noch einmal zurückkommen?“ fragte Grace den Jungen. „Ich weiß nicht, ich wollte mir nur die Option offen halten.“

So gingen die Diskussionen noch bis zum Mittag weiter. Nach einem leichten Mittagessen setzten sich Radgar, Grace und Anyi wieder zusammen an den Küchentisch. „Bevor du nach Agetan reist, solltest du etwas mehr über dieses Land erfahren in dem du geboren wurdest“, fing Grace an zu erzählen. „Das Reich Agetan umfasst, soweit es bekannt ist, einen grob kreisförmigen Kontinent mit weiten, fruchtbaren Ebenen im Zentrum, auf denen die meist menschlichen Bauern ihre Felder bestellen und ihr Vieh grasen lassen. Es gibt immer wieder kleine Gebirgszüge, an deren Rändern es tiefe Wälder gibt. In diesen Wäldern leben vorwiegend die Zentauren. Die größte Bergkette ist das Eisengürtelgebirge, welches halbkreisförmig von nördlichstem Punkt der Ebenen zu dem südlichsten Punkt entlang der gesamten Ostgrenze verläuft und auf diese Weise die Ebenen vom Codilianischen Meer abgrenzt. In diesen Bergen leben die meisten Zwerge in ihren abgelegenen Felsenstädten, die sie aus den Bergen heraus gemeißelt haben. Das Gebirge fällt an der Küste steil ab, so dass es keine Möglichkeit eines Hafens gibt. Im Nordosten gibt es schier endlose Wälder, in denen viele Elfenstädte liegen. Im Nordwesten ist das Land von großen Seen und Sümpfen bedeckt, in denen die SoZu ihre Heimat haben, während die Gaora’Su eher die warmen und schon fast wüstenartigen Bereiche im Süden der Ebenen bevorzugen. Die Draga schließlich leben ebenfalls im Eisengürtel, aber während die Zwerge im nördlichen Teil siedeln, haben sie ihre Heimat in der südlichen Hälfte, in dem es wesentlich mehr vulkanische Aktivität gibt.

Zapora ist eine ursprünglich von den Gaora’Su und Zwergen errichtete Stadt in einem riesigen Höhlenkomplex. Sie ist die einzige Direktverbindung zwischen den Ebenen und dem Meer. Von den Ebenen her muss man durch eine lange tiefe Schlucht um zu den Eingängen der Stadt zu kommen. Es gibt auch Bereiche in der Stadt die einen Durchbruch zum Meer haben, aber nur bei Ebbe oder Flut dicht genug an der Wasseroberfläche liegen dass sie sich zum be- oder entladen von Handelsschiffen eignen. In dieser Stadt hat der Orden der Lunaria seinen Hauptsitz, was die Stadt de Facto zur Hauptstadt des Reiches macht. Deswegen hat Zapora eine derartige Bedeutung. Aber offiziell sind die einzelnen Völker immer noch unabhängig voneinander und werden jedes auf seine Art und Weise regiert.“ Grace machte eine Pause um am Herd einen Kessel mit Wasser aufzusetzen. Radgar streckte den Arm aus und ließ Tsao in seiner Hand erscheinen. Das Schwert hatte noch immer seine neue Gestalt angenommen, doch dieses Mal weiteten sich Anyi’s Augen. Radgar bemerkte es aus den Augenwinkeln. „Ich hatte doch gesagt, dass sich das Schwert verändert hatte, erinnerst du dich?“ „Ja Mylord, aber ich konnte es nicht glauben als Ihr es mir erzählt habt.“ Grace schaltete gerade den Herd aus und wollte den Tee aufgießen, als die Türklingel läutete.

Kapitel 13 - Erste Nachspiele

Radgar war leicht angespannt, als er zur Tür ging und öffnete. Die Ereignisse der vergangenen Nacht steckten ihm immer noch in den Knochen. Doch vor der Tür stand kein weiterer Attentäter, sondern Toni. „Ralf, wo warst du denn gestern? Wir wollten doch endlich mal gegen Duriel antreten.“ Radgar war erst einen Moment verwirrt, doch dann fiel es ihm wieder ein. Er und Toni wollten in dem Onlinespiel gegen einen der Zwischengegner kämpfen. Durch die ganze Sache hatte er das vollkommen vergessen. „Tschuldige Toni, mir war was dazwischen gekommen.“ „Schon Ok, ne Nachricht wär nur nett gewesen. Erreichbar warste nämlich auch nicht.“ „Ja, ich war unterwegs und hatte mein Handy hier liegen gelassen.“ „Wie auch immer, kommst du mit? Ein paar der Jungs wollen im Park Fußball spielen.“ Radgar dachte kurz nach, zumindest tat er so als ob. „Nee lass mal. Ich hab noch ein wenig zu tun. Vielleicht nächste Woche.“ „Na gut, wir sehen uns dann morgen.“ „Bis morgen Toni.“ sagte Radgar und schloss die Tür. „Warum bist du nicht mitgegangen?“ fragte seine Mutter als er wieder in die Küche zurückkam. „Ich weiß auch nicht, irgendwie war mir nicht danach. Außerdem würdet ihr beide sonst was aushecken wenn ich euch nun alleine lasse.“ „Damit würden wir nicht warten bis du weg bist, ich wollte mit Anyi einen Trainingsplan für dich ausarbeiten, es gibt noch vieles was du lernen musst“ kam es als Antwort von seiner Mutter. Radgar verdrehte die Augen und ließ ein Stöhnen hören. „So nicht junger Mann. Wenn dir das nicht passt, hättest du deine Kräfte nie erwecken dürfen.“ drohte seine Mutter mit dem großen Küchenmesser in der Hand, aber der ernste Ton und das gefuchtelte Messer verloren bei dem Grinsen in ihrem Gesicht jede Wirkung. Der Rest des Tages verlief ziemlich eintönig. Grace bestand darauf, dass Radgar alles über die einzelnen politischen Gruppierungen in Agetan, von den einzelnen Stämmen und jedem der Völker lernte was es zu lernen gab. Die Veränderungen der letzten fünfzig Jahre, die sie aufgrund ihrer Abwesenheit nicht wissen konnte, wurden von Anyi beigesteuert. So erfuhr Radgar auch, dass ein jeder Mensch in dieser Welt die agetanische Magie nutzen könnte, wenn sie bei ihm nur entfesselt werden könne. Dies ist in der Vergangenheit schon öfter vorgekommen, zum Beispiel bei Nahtoderfahrungen oder anderen starken psychischen Belastungen. Auch solche Ereignisse wie spontane Selbstentzündungen, Menschen mit einem grünen Daumen oder ähnliches waren auch passende Beispiele dafür.

Am Montagmorgen fing dann die Schule wieder an, auch wenn Radgar so gar keine Lust darauf hatte. Anyi war mittlerweile in das Gästezimmer eingezogen, was Radgar eigentlich so gar nicht recht war. Denn kaum als er sich auf den Weg in die Schule machte, lief er auch schon Toni über den Weg. „Da bist du ja, Ralf. Haste alles geschafft ge..“ in diesem Moment bemerkte er Anyi und ihm fiel die Dolchschneide an seinem Hals wieder ein. Ihm blieb das Wort fast buchstäblich im Halse stecken blieb. Er deutete Radgar näher zu kommen und raunte ihm zu. „Hast die Kleine ja immer noch im Schlepp. Haste am Wochenende keine Möglichkeit gehabt, dass sie ihre Schuld abbezahlen kann?“ Radgar musste bei der Wortwahl einmal schnauben und sah seinen Freund mit einer Mischung aus Verwirrung und Abscheu an. „Hör zu Toni. Die Sache mit Anyi ist komplexer, als du auch nur ahnen kannst, und du weißt sehr genau, dass ich auf diese Form von >Gefälligkeiten< auf die du anspielst absolut nicht stehe“ erwiderte Radgar in einem Tonfall der mehr als klar machte, dass er dieses Thema nun als beendet betrachtete. Toni zuckte etwas zusammen, als er Radgar’s Blick auffing. Nur selten hatte er seinen Freund mit so einem Gesichtsausdruck erlebt, und es ging nie gut für die Personen aus, die dieses Warnsignal auf die leichte Schulter genommen hatten. „Ist ja gut, brauchst deswegen nicht gleich auszurasten.“ versuchte er ihn zu beschwichtigen, doch als Radgar ein fröhlich scheinendes Lächeln aufsetzte und weiterging als sei nie was geschehen, machte das Toni noch nervöser. Er schaute sich kurz zu Anyi um, doch sie starrte ihn nur kurz an und ging dann weiter, ohne ihn auch nur zu beachten. „Wenn Blicke töten könnten“ murmelte Toni noch kurz vor sich hin, doch dann beeilte er sich Radgar einzuholen. In der Schule gab es dann die nächste Überraschung. Bevor Radgar in das Klassenzimmer kam, bemerkte er wie der Lehrer auf ihn zu kam. „O’Malley, warten Sie.“ Verdutzt blieb Radgar vor dem Klassenzimmer stehen. Als der Lehrer ihn erreicht hatte sagte dieser „Der Direktor will mit Ihnen reden, Sie sollen gleich zu ihm kommen.“ Radgar bedeutete Anyi in die Klasse zu gehen machte sich auf den Weg zum Direktorat. Dort angekommen wurde er ohne zu zögern von der Vorzimmerdame durch gewunken. In dem Raum hielten sich neben dem Direktor noch zwei uniformierte Polizeibeamte auf. Radgar sollte sich auf einen Stuhl setzen und sah sich nun dem Schuldirektor gegenüber, die beiden Polizisten im Rücken. Der Vertrauenslehrer war ebenfalls anwesend. „Was soll der ganze Zirkus?“ fragte sich Radgar in Gedanken. „Ralf O’Malley“, sagte der Direktor mit einer unheilvollen Stimmlage. „Vergangenen Donnerstag kam es zwischen dir und einigen Mitschülern zu einer Prügelei hier in den Gängen. Da dabei keine ernsthaften Verletzungen aufgetreten sind und es sich auch keiner der Beteiligten bei uns beschwert hatte, wollten wir das Ganze auf sich beruhen lassen. Nun ist es aber am Abend desselben Tages zu einem Zwischenfall im Park gekommen, bei dem deine Gegner bei dieser ersten Schlägerei ernsthaft verletzt wurden. Passanten fanden sie mehr durch Zufall am Freitagmorgen bewusstlos. Nun sind sie gestern Abend wieder zu Bewusstsein gekommen und haben einstimmig dich als Täter benannt. Was hast du zu dieser Anschuldigung zu sagen?“ Radgar machte es sich auf dem alten Holzstuhl möglichst bequem. Er hatte schon was Ernsthaftes befürchtet, aber dass diese Idioten nun versuchten ihm den Schwarzen Peter zuzuschieben war ja nicht anders zu erwarten gewesen. „Was haben sie denn gesagt ist passiert? Ich bin am Donnerstagabend wie üblich kurz nach Einbruch der Dunkelheit durch besagten Park gejoggt. An einer Stelle versperrten mir dann so ein paar Typen den Weg, wollten sich für die Abreibung am Vormittag rächen und sind mit Eisenrohren und Baseballschlägern und was weiß ich nicht noch allem auf mich losgegangen. Ich hab mich nur verteidigt.“ Was kurz darauf noch alles passiert war verschwieg er lieber. Der Direktor blickte einmal an Radgar vorbei zu einem der Zivilpolizisten rüber, dieser nickte einmal kaum merklich. „Also gut, du darfst wieder in die Klasse gehen.“ Radgar erhob sich von dem Stuhl und ging aus dem Büro. Zurück im Vorzimmer fragte er die Sekretärin, ob sie genaueres wüsste. Doch sie konnte ihm auch keine näheren Auskünfte geben. Nachdem er sich im Klassenzimmer hingesetzt hatte, wollte Toni natürlich genau wissen was los war, aber Radgar winkte ab und ließ sich dann den langweiligen Unterrichtsstoff über sich ergehen. Doch in Gedanken war er schon bei seinem Sondertraining.

Nach der Schule machten sich Radgar und Anyi gleich auf den Weg zu ihm nach Hause, doch Radgar konnte nicht das Gefühl abschütteln, dass er beobachtet wurde. Nur war es diese Mal nicht so schlimm wie beim letzten Mal, als sowohl Anyi als auch Ak’Sun ihn beobachtet hatten. Kaum in der Wohnung angekommen stand ihm aber schon die nächste Überraschung bevor. Ak’Sun, Reev, Grom und ChouZa saßen in ihrer menschlichen Tarngestalt in der Küche und unterhielten sich mit Grace. „Was wollt ihr denn hier?“ fragte Radgar kaum dass er durch die Küchentür kam. „Bleib ruhig Kleiner. Wir wollen weder dir noch deinen Leuten etwas tun.“ kam es von Reev bevor Grace einen Ton rausbringen konnte. „Und um deine Frage zu beantworten: Wir sind hier, weil nachgedacht haben. Und wir sind zu dem Schluss gekommen, dass es vielleicht eine ganz angenehme Abwechslung sein könnte auf der Seite des Rechts, und nicht auf der des Geldes zu stehen.“ Anyi trat neben Radgar in die Küche und verzog angewidert das Gesicht. Aber bevor sie etwas sagen konnte, hob Radgar seine Hand. „Was meinst du damit?“ Ak’Sun verzog auch das Gesicht. „Bilde dir nichts ein, Lunaria. Wir machen das nicht aus Freundlichkeit und Demut weil ihr uns besiegt habt. Aber ihr habt uns nicht getötet, und so ungern ich es auch zugebe, unsere Ehre gebietet es uns das wir euch nun unterstützen.“ Radgar grinste gequält und sagte „Na das kann ja heiter werden.“

Kapitel 14 - Noch mehr Probleme

„Und was heißt das nun im Detail?“ richtete Radgar die Frage an Reev, der ihn über seine verschränkten Hände hinweg ansah. Grace antwortete dieses Mal. „Das bedeutet, dass diese vier uns bei deinem Training helfen werden. Zwar kommst du schon sehr gut gegen sie an, aber nur im Kampf Mann gegen Mann. Du musst noch lernen wie man sich gegen die verschiedenen Zauber zur Wehr setzt, ohne dich dabei auf Tsao zu verlassen. Auch können sie dir besser die Aspekte ihrer Elemente erklären als ich oder Anyi es jemals könnten.“ Radgar nickte bei der Argumentation, doch etwas störte ihn noch. „Ak’Sun? Warum warst du überhaupt hinter mir her?“ Die Katzendame verzog das Gesicht. „Vor fünf Jahren wurde ich von einem Typen angeheuert das ich die Elfe ausfindig mache. Außerdem sollte ich bei der Gelegenheit alle noch vorhandenen Verbindungen von ihr zum Orden ausfindig machen und Bericht erstatten. Ich habe ein paar Monate gebraucht um Fentai zu finden, aber danach habe ich sie immer im Auge gehabt. Als sie hier her gekommen ist, musste ich erst einmal Rücksprache halten, weshalb ich ein paar Tage später ebenfalls hier her gekommen. Ich hab dann wider ein wenig gebraucht um sie zu finden, und als sie dann auf euch aufmerksam wurde, wollte ich mir ebenfalls meine Meinung von euch bilden. Als ihr dann dieses Schwert gerufen hattet, habe ich das an meinen Auftraggeber gemeldet, der wollte euch dann sofort aus dem Weg geräumt haben. Da habe ich dann Reev und die anderen dazu geholt. Ich wollte nicht riskieren das ich wieder den Rückzug antreten muss. Und dann habt ihr uns besiegt. Unser Boss wird darüber nicht sehr erfreut sein.“ Sie ließ die Schultern etwas hängen und sah zu Radgar und Anyi hinüber.

Letztere ergriff nun das Wort. „Sie hat nicht ganz Unrecht Mylord. Aber wir haben noch ein anderes Problem“, sagte Anyi, die nun wieder dicht hinter Radgar stand. „Was willst du uns damit unterstellen, du kleine Lunaria? Das wir nicht vertrauenswürdig sind? Wie sieht es denn mit deiner geteilten Loyalität aus?“ brauste Ak’Sun auf. Sie setzte zu einer längeren Schimpftriade an, doch Reev brachte sie mit einer knappen Handgeste zum Schweigen, was sie ihm mit einen finsterem Blick und einigem Grummeln quittierte. An diesem Punkt mischte sich Grace in den Streit mit ein. „Anyi’s Loyalität gegenüber Radgar steht außer Frage. Da er das rechtmäßige Oberhaupt des Ordens ist, ist Anyi’s Schwur auf den Orden auch an Radgar bindend. Das andere Problem auf das sie anspielt ist glaube ich dein Verfolger“, fügte sie an Radgar gewandt zu. „Du meinst die Polizei, oder? Ich hab bemerkt wie sie mich seit der Schule nicht mehr aus den Augen lassen.“ „Wenn es nur die Polizei ist, dann haben wir kein Problem, die hiesigen Ordnungshüter sind ja nicht magiebegabt. Aber da draußen versteht sich einer auf Magie, und das ist es was mir Sorgen macht.“Ak’Sun ging ans Fenster und schaute hinaus. Nach einer kurzen Zeit drehte sie sich um und sagte: „Dann werde ich mich mal da draußen etwas umsehen. Wer auch immer der Typ ist, mir wird er nicht so leicht entkommen.“ Während Ak'Sun die Küche und das Haus durch den Hinterausgang verließ, stellte sich Radgar zu seiner Mutter. „Sage mal, diese Kraftfelder, die ihr im Park benutzt habt, brauchen die irgendeine Form der Vorbereitung? Mir war aufgefallen, dass sie alle denselben Umkreis hatten.“ Grace drehte sich zu ihm um und sagte leicht verwirrt, „Dass die Kraftfelder alle die gleiche räumliche Ausbreitung hatten lag an den Symbolen die Anyi in den Boden geritzt hatte. Wie du weißt, ist die agetanische Magie an ihre Symbole gebunden. Wenn man einen dauerhafteren Zauber wirken will, muss man die Symbole irgendwie manifestieren. Macht man das nicht, würde der Schild nur für einen Sekundenbruchteil aufrechterhalten bleiben. Aber ob ein Schild nur eine Sekunde oder eine Stunde aufrechterhalten wird spielt für den Beschwörer keine Rolle. Problematisch wird es erst, wenn das Kraftfeld einer Belastung ausgesetzt wird. Wenn der Anwender keine zusätzliche Energie hinein fließen lässt, bricht der Schild zusammen. Aber warum willst du das ausgerechnet jetzt wissen?“ „Mir kam da gerade ein Gedanke. Wenn man ein solchen Schild um sich herum erzeugen könnte, könnte man ungesehen dieses Haus verlassen nicht wahr?“ Diesmal antwortete Reev auf seine Frage, „Damit hast du recht, diese Verkleidungen die wir im Moment tragen sind das Ergebnis solcher Kraftfelder. Sie verändern unser äußeres Erscheinungsbild und sorgen auch dafür das unseren körperlichen Besonderheiten nicht mit unserer Umwelt kollidieren. Aber dazu braucht es speziell vorbereitete magische Gegenstände wie diesen Armreif hier.“ Bei diesen Worten deutete er auf eines der Lederbänder, die er um beide Handgelenke trug. Auf diesen Bändern waren filigrane Metallstreifen eingearbeitet, die ein verschlungenes Muster bildeten. Zwischen die Metallstreifen waren an einigen Stellen bunte Steine eingesetzt, die bei genauerem hinsehen ein leicht pulsierendes Glühen abstrahlten. Während Radgar die Armbänder genauer betrachtete fielen ihm auf das die Muster denen auf Tsao‘s Schneide sehr ähnlich wahren. „Warum fragt Ihr das auf einmal Mylord?“ mischte sich Anyi in die Unterhaltung ein. „Mir kam gerade eine Idee. Wenn diese Barrieren verbergen können was in ihrem inneren liegt, und wenn sie nicht an einen Ort gebunden sind, könnte man sie dazu verwenden ungesehen überall hinzugelangen. Wenn man diese Form der Barrieren jederzeit und überall erschaffen könnte, wären die Polizisten da draußen kein Problem.“ „Aber, “ warf Grace ein, „selbst wenn du durch eine Barriere getarnt bist, ist es für einen Magiebegabten mit einer entsprechenden Ausbildung kein Problem das Kraftfeld zu erkennen. Zwar könnte man nicht erkennen was sich in der Barriere befindet, aber man könnte zumindest erkennen, dass sich da ein Kraftfeld bewegt. Und dann würden sie misstrauisch werden und das Kraftfeld angreifen.“ „Wahrscheinlich ist es genau das was Ak’Sun gerade macht, sie rennt in einem blockendem Kraftfeld draußen herum.“ murmelte ChouZa mit vor Verachtung triefender Stimme. „ChouZa.“ warf Reev mit einem beruhigen Tonfall ein. „Nur weil sie gerne unabhängig arbeitet heißt das nicht, dass sie unzuverlässig ist. Und wenn der Typ da draußen wirklich ein Spion des Ordens ist, kann sie auf sich aufpassen.“ „Oder uns alle verraten. Ich traue dieser Katze nicht“, kam es dieses Mal von Grom.

Plötzlich ertönte ein schauerliches Klirren durch die geöffneten Fenster in die Küche. „Diese verrückte Katze!“ brüllte Reev in das abklingende Klirren. „Sie wird doch nicht…“ Weiter kam er nicht, denn nun begann auch der Boden leicht zu beben als ein heller Blitz den Himmel draußen vor dem Fenster erhellte. Ohne noch weiter zu zögern sprangen Grom, Reev und ChouZa auf und rannten auf die Eingangstür zu. Auch Radgar, Anyi und Grace beeilten sich aus dem Haus zu kommen, um nachzusehen was da draußen los war.

Als die kleine Gruppe vor dem Haus ankam, staunten sie nicht schlecht. Das Haus der O’Malley’s befand sich am Rand eines kleinen Kreises, in dem die Zufahrtsstraße endete. In der Mitte dieses Kreises standen sich Ak’Sun und ein Mann gegenüber, beide kampfbereit mit erhobenen Waffen und voll konzentriert. Doch während Ak’Sun nur ihre Dolche hatte, hielt der Mann zwei leicht geschwungene Krummschwerter in der Hand. Die beiden standen gut fünf Meter voneinander entfernt, doch Ak’Sun‘s Haltung machte deutlich, dass sie von dem Unbekannten bereits verletzt worden war. Radgar wollte schon auf den Kreis zustürmen, doch Grace hielt ihn zurück. Wortlos ließ sie ein kleines Messer in ihrer Hand erscheinen und warf es weit über die beiden Kämpfenden hinweg. Es klirrte noch einmal, ein Blitz leuchtete um das Messer auf und es flog in einem hohen Bogen davon. „Die beiden sind von einem Schild umgeben. Wenn du versuchst da einzugreifen, wirst du einen starken Schlag getroffen.“ kommentierte Grace das Ergebnis. Innerhalb der Barriere wurde der Unbekannte durch das Aufblitzen auf seine Zuschauer aufmerksam und sagte etwas zu Ak'Sun, was die anderen aber nicht hören konnten. Sie fauchte ihn daraufhin einmal wütend an, was den Unbekannten aber nur zum Lachen reizte. Radgar schaute einmal die anderen an, und bemerkte das sowohl Grace als auch Reev, Grom und ChouZa ziemlich finster dreinblickten. „Was ist denn los?“ fragte er. „Das ist der Typ der uns angeworben hat. Ak’Sun meinte das er euch unbedingt Tod sehen will, und da wir nicht geliefert haben, will er es anscheinend nun selbst in die Hand nehmen. Und uns will er wohl gleich dazu entsorgen.“ sagte Reev mit einen wütendem Schnauben. „Es kommt noch besser“, sagte Grace. „Es überrascht mich nicht, dass er erst euch Söldner angeheuert hat und es nun selbst versucht. Das passt zu ihm.“ „Du kennst ihn?“ fragten Radgar und Reev simultan. „Ich sollte ihn kennen, der Typ ist mein missratener kleiner Bruder.

Kapitel 15 - Gewitterwolken

„Er ist WAS?“ rief die ganze Gruppe um Grace aus. Diese blieb ruhig und verzog den Mundwinkel zu einer Schnute. „Er ist mein kleiner Bruder, CenRo Cru’Es. Er hat sich schon sehr früh einen schlechten Ruf erarbeitet, selbst unter uns Dunkelelfen. Er hatte noch nie irgendwelches Ehrgefühl besessen, und es ist ihm egal was passiert, solange er nur seinen größten Vorteil daraus ziehen kann. Er liebt es Intrigen zu entwickeln und sich am Ende am Leid der Unschuldigen zu ergötzen.“ „Hab ich das richtig verstanden? Das ist CenRo Cru‘Es?“ fragte Reev mit Entsetzen in der Stimme. „Ja“, Grace wirke erstaunt. „Habt ihr nicht gewusst wer euch angeheuert hat?“ „Nein“, gab Reev zu, „ChouZa hatte mit ihm verhandelt, aber..“ „Er hatte sein Gesicht nicht gezeigt und auch keine Namen genannt.“ zischte ChouZa dazwischen. Auch er schien erschüttert über die Identität des Auftraggebers. „was für einen Unterschied macht es wer er ist?“ fragte Radgar verwirrt. Dieses Mal antwortete Grom ihm. „Weil wir dann nie für ihn gearbeitet hätten. Angeblich hat es noch Niemand überlebt für ihn zu Arbeiten. Aber sein Gesicht ist nie bekannt geworden. Ich hätte nie gedacht, dass er derjenige ist der uns angeheuert hat.“

Im Bannkreis ging der Kampf zwischen Ak'Sun und CenRo immer noch mit unverminderter Härte weiter. Beide kämpften mit je einer Waffe pro Hand, doch CenRo hatte einen leichten Vorteil in der Reichweite. Das wurde von Ak'Sun durch ihre Schnelligkeit und Flinkheit zwar etwas ausgeglichen, aber nicht so sehr als dass sie dadurch eine gleichwertige Chance gehabt hätte. Es war deutlich, dass CenRo nur mit ihr spielte. Er parierte ihre Angriffe schnell und schon so früh, dass Ak'Sun mit ihren Dolchen nie auch nur in seine Nähe kam. Trotz allem gab sie nicht auf. Das mochte auch an den Spöttereien liegen, die ihr ihr Gegner entgegen schleuderte wenn einer ihrer Angriffe ins Leere ging. „Kannst du nicht irgendwas gegen dieses Feld machen?“ fragte Radgar seine Ziehmutter. Er verstand es nicht, waren sie die einzigen die bemerkten was auf dem Platz vor sich ging? Aus den anderen Häusern war keiner heraus gekommen um nachzusehen was da vor sich ging. Aber das konnte nicht mehr lange so bleiben. Irgendwann musste jemand aus dem Fenster schauen. Grace stand mit zusammengekniffenen Augen neben ihm und musterte das Feld eingehend. „Lass mich mal was versuchen“ sagte sie und ging am Rand des Feldes entlang. Sie schaute dabei immer suchend auf den Boden und fand scheinbar schnell was sie gesucht hatte. Sie ging in die Hocke, ließ wieder das kleine Messer in ihrer Hand erscheinen und stach damit in den Boden. Blitze zuckten über die Oberfläche des Energiefeldes und es löste sich mit einem Klirren auf. Gleichzeitig schrie CenRo auf und sank auf ein Knie, während Ak’Sun sich zurückzog. „CenRo“ rief Grace laut aus. „Dein Spiel ist aus.“ Derartig angesprochen rappelte sich der Dunkelelf auf und wich erst ein paar Schritte zurück bevor er sich nach Grace umdrehte. Diese hatte ihre menschliche Tarnform abgelegt und ging nun sichtlich wütend auf ihren Bruder zu. Die Ablenkung nutzend verteilten sich ChouZa, Grom und Reev langsam und vorsichtig, um den gemeinsamen Feind einzukesseln. „GraSha? Wieso lebst du noch?“ wurde sie von ihrem sichtlich erschrockenem Bruder gefragt. „Das sollte ich eigentlich dich fragen. Ich dachte ich hätte dich bei unserem letzten Treffen das Arbeiten ausgeredet. Du weißt genau, dass du mich nicht besiegen kannst, also mach das du wegkommst. Die Kleinkatze gehört jetzt zu mir.“ „Es ist meine Sache was ich hier mache. Halt du dich da raus oder Vater muss wieder eine Beerdigung abhalten.“ Darauf brach Grace in schallendes Gelächter aus. „Du konntest mich doch noch nie besiegen, selbst wenn ich von einem deiner Möchtegernschläger festgehalten wurde. Und hier gibt es dieses Mal noch fünf weitere Leute, gegen die du ankommen müsstest. Willst du nicht lieber den Schwanz einklemmen und wie der feige Hund, der du bist, zurück zu deinem Herrchen rennen?“ CenRo blickte sich gehetzt um und bemerkte zum ersten Mal, dass die anderen ihm jeglichen Fluchtweg abschnitten. Dann fiel sein Blick auf Radgar und ein hinterhältiges Grinsen stahl sich auf sein Gesicht. Er richtete sich auf und drehte sich wieder zu seiner Schwester um. „Du warst schon immer so würgreizend rechthaberisch, Lästerschwein. Doch du vergisst da eine Sache. Ich stehe unter seinem Schutz, ihr könnt mir gar nichts.“ Grace lachte wieder, und das Grinsen ihres Bruders wurde leicht unsicher. „Denkst du ernsthaft, dass er dir dein Versagen verzeihen wird? Wenn er erfährt, das du es wieder nicht geschafft hast, was ist sein Schutz dann noch wert?“ Gehetzt blickte CenRo sich im Kreis um, doch dann schien er aufzugeben. Er hob die Arme, aber dann schleuderte er mit einer blitzschnellen Drehung etwas auf Radgar. Doch dieser war wachsam und hatte Tsao noch während CenRo sich zu ihm drehte gerufen. Es gelang ihm die Wurfmesser abzublocken, doch CenRo nutzte die Sekunde der Ablenkung und stürmte auf Grom zu. Dieser hob zwar seine Axt in Bereitschaft, aber CenRo sprang einfach über ihn hinweg und verschwand mit Höchstgeschwindigkeit. Anyi wollte zwar schon zu einer Verfolgung ansetzen, doch Grace rief sie zurück. Sie kannte ihren Bruder einfach zu gut, als dass sie darauf reingefallen wäre. Sie war sich sicher, dass er sie auf seiner Flucht irgendwelche Hindernisse oder Fallen locken würde.

Als sie wieder reingegangen waren meinte Radgar „Das war also Onkel CenRo.“ und an Tsao gewandt: „War er nicht einer der Männer die meinen Vater angegriffen haben?“ „Ja, Er war dabei.“ „Dann wird er dafür bezahlen.“ Doch in dem Moment wurde seine Aufmerksamkeit von Ak’Sun abgelenkt. Sie wurde von Reev gestützt in die Küche gebracht. Ihr linker Oberschenkel war weit aufgerissen und sie zitterte am ganzen Körper. Grace wies Reev an sie auf den Küchentisch zu legen und holte den Verbandskasten unter der Spüle hervor. Sie säuberte mit einen fachmännischem Geschick die Wunde und legte einen Druckverband an. Danach mischte sie einige Kräuter in einem Steinmörser zusammen und zerrieb sie. Diese Mischung kippte sie in ein Glas und füllte es mit Wasser auf. „Trink das. So wie ich meinen Bruder kenne waren seine Klingen vergiftet, und es ist besser wenn du zur Sicherheit ein bisschen was dagegen zu dir nimmst, solange du noch in der Lage dazu bist.“ Ak’Sun richtete sich zittrig etwas auf, doch „Danke“ war alles was die Katzenfrau von sich geben konnte bevor sie das Gebräu mit einem Zug leerte. Daraufhin legte sie sich wieder hin und legte den Handrücken auf ihre Stirn. Radgar sah von Ak’Sun zu Grace und fragte „Du kennst deinen Bruder besser als wir anderen, womit müssen wir als nächstes rechnen? Wird er uns nochmal angreifen?“ „Das glaube ich kaum. Er ist zwar ein guter Kämpfer, aber er ist feige. Er greift bevorzugt aus dem Hinterhalt an wenn er weiß, dass er sein Opfer schnell besiegen kann. Er wird nun wahrscheinlich erst einmal Kontakt zu seinem Chef aufnehmen und ihm alles berichten. Die Informationen die er sammeln konnte sind für die Gegenseite bestimmt sehr wertvoll. Sie wissen, dass das Schwert weg ist, sie wissen wem ich zuletzt gedient habe und auch, dass wir beide damals entkommen konnten. Wir müssen nun schnell handeln. Das nächste Mal werden wir ihn nicht so einfach loswerden.“

Kapitel 16 - Letzte Vorbereitungen

Die ersten Tage nach diesem unerfreulichen Zwischenfall verliefen noch ruhig. Zwar ging von nun an niemand mehr allein aus dem Haus, aber CenRo ließ sich nicht mehr blicken. Nur Radgar war alles andere als begeistert von der neuen Regelung. An Anyi hätte er sich gewöhnen können, das ihn aber nun auch noch seine Mutter und einer der Söldner zur Schule begleitete und von dort abholte war schon fast peinlich. Ganz zu schweigen das er das Ganze gegenüber Toni nicht erklären konnte und dieser dementsprechend genervt war. Einzig Positive war, dass es Ak’Sun nach ein paar Tagen wieder besser zu gehen schien, zu mindestens konnte sie sich wieder einigermaßen im Haus bewegen ohne das sie alle drei Schritte zusammenbrach. Die Schnittwunde an ihrem Oberschenkel schien sich wegen der Gifte nur schwer schließen zu wollen und auch so war sie ständig zittrig und so sehr geschwächt das sie nur wenig machen konnte, außer die Kräuterbrühen zu sich zu nehmen die Grace ihr in regelmäßigen Abständen verabreichte. Aber so war es ihr zu mindestens möglich Radgar während der Nacht theoretischen Unterricht über Agetan zu geben, was sich nicht besonders gut auf seine Stimmung ausübte. Tagsüber den Unterricht in der Schule, am Nachmittag das Kampftraining in einer speziellen Schildkuppel hinterm Haus, und am Abend dann theoretisches über Agetan. Bei diesem Unterricht lernte Radgar unter anderem das Runenalphabet und die Bedeutung der einzelnen Elemente für die Magie der einzelnen Völker, aber auch wie er einen Zauber wirken konnte. Wie er dabei erfuhr brauchte es eigentlich mehr als eine Zeichnung der entsprechenden Rune und die Freisetzung der eigenen Energie. Am Freitag kam es dann zur Überraschung.

Wie die ganze Woche schon wurde Radgar von Anyi, Grace und Reev zur Schule begleitet, doch dieses Mal verabschiedeten sie sich nicht am Schultor sondern gingen mit in das Gebäude. Als Radgar seine Mutter fragend anblicke meinte sie nur „Ich muss mal kurz mit deinem Rektor was besprechen“ und ging in Richtung Rektorat. Als Radgar dann zur dritten Unterrichtsstunde sich in die Klasse setzte kam der Lehrer in die Klasse und meinte zuerst „O’Malley, der Direx will Sie sehen, Fentai, Sie ebenfalls.“ Radgar schaute einmal verwirrt zu Anyi, packte dann aber schnell zusammen und ging mit ihr zusammen zum Büro des Direktors. Bevor er aber das Klassenzimmer verließ bemerkte er noch Toni, wie er ihm wissend zu grinste. Wahrscheinlich dachte er, dass die beiden gemeinsam auf der Toilette erwischt worden waren. Der Weg vom Unterrichtsraum zum Direktorat war schnell hinter sich gebracht. Die Vorzimmerdame blickte nur kurz von ihrem Computer auf und winkte sie gleich durch. In dem Büro saß der Direktor wie üblich hinter seinem schweren Holzschreibtisch, aber auf den Besucherstühlen saßen Reev und Grace. „Bitte schließen Sie die Tür Frau Fentai.“ sagte der Direktor und deutete dann auf die beiden freien Stühle. Während die beiden sich hinsetzten, stand der Direktor auf und kam mit zwei Papieren in der Hand um den Schreibtisch herum. „Da mir Ihre Eltern mitgeteilt haben, dass Sie aus persönlichen Gründen diese Woche schon wegfahren müssen, haben wir Ihre Zeugnisse bereits fertig gemacht und entlassen Sie hiermit aus dieser Klassenstufe.“ Er überreichte Radgar als auch Anyi ein Blatt Papier, ihr jeweiligen Zeugnisse. Nach einem flüchtigen Blick drauf gab er das Zeugnis an seine Mutter weiter, Anyi gab ihres an Reev. Die beiden warfen ebenfalls einen flüchtigen Blick drauf und gaben es dann zurück. Während Anyi und Radgar die Giftblätter einsteckten erhoben sich die beiden „Erziehungsberechtigten“ und bedankten sich beim Direktor mit einem Händedruck. Dieser geleitete sie noch bis zur Bürotür und wünschte ihnen viel Spaß in den Ferien. Als die vier sich wieder auf den Weg nach Hause machten wurden sie neugierig von den anderen Schülern aus den Klassen beobachtet. Als Radgar sich am Tor noch einmal umdrehte bemerkte er wie ihn Toni durch das Fenster hinterher starrte. Er hob zum Gruß noch die Hand und bemerkte Tonis Antwort darauf, musste sich dann aber beeilen da die anderen schon auf ihn warteten. Während des Heimweges schwiegen die vier, nur eine kurze Bemerkung, dass sie darüber reden würden wenn sie zu Hause angekommen seien. Als das dann auch endlich der Fall war gesellten sich in der Küche auch die übrigen Gruppenmitglieder dazu. Radgar sah seine Ziehmutter fragend an, während die wie üblich einen Tee aufsetzte. Als sie sich umdrehte musterte sie ihn erst einen Moment, dann sah sie aus dem Fenster. „Es wird hier langsam zu gefährlich für dich. Es wird Zeit das wir uns nach Agetan aufmachen“, sagte sie mit Sorgenfalten auf der Stirn. „Was meinst du mit zu gefährlich? CenRo hat sich doch nicht mehr blicken lassen, oder?“ „Doch. Er hat in dieser Woche das Haus ausspioniert und dabei die Signalgeber ausgelöst. Diese Signalgeber reagieren auf Spuren von Agetanischer Magie. Du bist hier nicht mehr sicher, und in Agetan können wir leichter untertauchen als hier. Darum hab ich heute mit deinem Direktor gesprochen ob du nicht schon eine Woche früher aus der Schule kommen kannst, es gäbe da einen dringenden Fall in der Familie, der geklärt werden muss. Reev ist als Anyi’s Vater aufgetreten um das gleiche für sie zu erreichen.“ Radgar fühlte sich überrumpelt. Wieder wurden Entscheidungen getroffen, ohne dass man ihn einbezog. „Und wann geht es nun los?“ „Heute Abend. Der Bannkreis ist schon fertig, wir wollen nur noch ein paar letzte Vorbereitungen treffen.“ antwortete Reev dieses Mal. „Du solltest nachher bei Toni anrufen und dich von ihm verabschieden, vielleicht wird das eine Reise ohne Wiederkehr.“ warf Grace noch ein. Als ob alles gesagt worden wäre löste sich die Versammlung in der Küche auf und ließ einen leicht verwirrten und sichtbar in sich zusammengesunkenen Radgar zurück. Einzig Anyi blieb auf ihrem Stuhl sitzen und blickte ihn leicht mitleidig an. Sie stand auf, trat dicht an Radgar heran, und ging neben ihm in die Hocke, ihr Gesicht nun auf gleicher Höhe wie seines, nur ein kurzes Stück voneinander entfernt. „Nun wo es so weit ist, fällt es Euch schwer Euch zu verabschieden, ist es nicht so, Mylord?“ „Es ist nicht, dass es nun so plötzlich geht. Was mich stört ist dass sie mal wieder Dinge vor mir geheim gehalten haben, dass sie einfach über meinen Kopf entschieden haben ohne, ohne mich vorher zu fragen oder was zu sagen. Ich mein ja nur, angeblich werde ich das neue Oberhaupt des Ordens, wie soll das dann erst werden wenn ich es dann wirklich bin?“ Anyi warf einen Blick zur Küchentür und runzelte die Stirn. „Falls es Euch beruhigt, auch mir haben sie nichts von alledem erzählt.“ Radgar blickte auf und sah wie ihr Gesicht einen leicht sorgenvollen Zug um die Augenwinkel entwickelte. „Mag ja sein, aber ich bin derjenige, den CenRo und seine Auftraggeber tot sehen wollen. Ich bin derjenige, von dem alles abhängen wird. Was ist wenn ich nicht stark genug bin für das alles?“ Anyi’s Kopf ruckte zu ihm herum. Täuschte es ihn, oder sah er da einen Hauch von Wut in ihren Augen? „So dürft Ihr nicht denken. Ich weiß, dass es schwer erscheinen mag, wenn nicht gar unmöglich, aber Ihr dürft nicht daran zweifeln. Das Ihr Tsao rufen könnt, dass Ihr dem Angriff damals überlebt habt, dass alles kann nicht geschehen sein ohne, dass es Euch bestimmt ist Großes zu vollbringen. Und vergesst nicht die Sache mit dem Visualisierer. Noch nie habe ich auch nur davon gehört, dass jemand zu etwas in der Lage wäre wie Ihr es wart.“ Während Anyi auf Radgar einsprach und versuchte ihm Mut zu machen sah sie ihm eindringlich in die Augen. Endlich sah sie diesen Funken wieder aufblitzen, den sie schon bei ihrer ersten Begegnung in der Schule gesehen hatte. „Du hast recht Anyi“ sagte Radgar und atmete tief ein und aus. Danach drückte er das Kreuz durch und richtete sich wieder auf. „Ich sollte hier nicht derartige Gedanken haben. Ich muss mich zusammenreißen und das durchstehen.“ Als er sich erhob und sie seinem Beispiel folgte, legte er ihr noch einmal die Hand auf die Schulter, sah ihr in die Augen und sagte „Danke, Anyi. Und nun sollte ich wirklich meine Sachen packen, man kann ja nie wissen was einen wirklich erwarten wird.“ Mit diesen Worten ging er aus der Küche raus und schnappte sich im vorbeigehen noch das tragbare Telefon aus der Halterung am Türrahmen.

Kapitel 17 - Die Reise beginnt

Als am Abend alles bereit zu sein schien, traf die Gruppe sich im Garten. Radgar hatte einen Rucksack mit Sachen gepackt von denen er dachte dass er sie brauchen könne, doch Grace hatte sie ihm erklärt, dass er keine Anziehsachen oder ähnliches mitnehmen würde, weil er mit seinen normalen Klamotten einfach zu leicht auffallen würde. Stattdessen hatte sie ihm ein Bündel mit einer dunklen Stoffhose, einem einfachem grauem Hemd und einem dünnem graugrünem Reiseumhang gegeben und gebeten die Sachen anzuziehen. Als er damit fertig war gab sie ihm noch ein paar einfache Lederstiefel und noch ein paar andere Kleinigkeiten. Nachdem er sich selbst im Spiegel begutachtet hatte gewann er den Eindruck, dass er genauso gut als Waldläufer durchgehen könne. Er richtete den Dolch an seiner rechten Hüfte aus und verließ sein Zimmer. Im Garten standen die anderen bereits beisammen um einen in den Boden gekratzten Bannkreis.

Die Gruppe stellte sich am Rand des Kreises auf und Grace begann die Beschwörung. Erst war es nur ein kleiner Lichtfunken, doch die Kugel wurde rasch und pulsierend größer. Als sie ungefähr die Größe eines Sitzballes hatte, bemerkte Radgar aus den Augenwinkeln eine Bewegung am Gartentor. Als er hinsah, merkte er wie sich das Tor öffnete und Toni auf den Hof kommen. Radgar sah zu Anyi, die den Neuankömmling ebenfalls bemerkt hatte. Sie deutete Radgar ruhig zu bleiben. Tatsächlich schien Toni weder die Gruppe noch die helle Lichtkugel mitten im Garten zu bemerken. Da wurde es Radgar klar, dass wieder jemand ein Tarnschild erzeugt hatte. Toni schlich einmal um das Haus und sah in die Fenster, doch durch die Heruntergelassenen Jalousien konnte er natürlich nicht ins Haus sehen. Er wandte sich schon wieder in Richtung Tor, als dieses aufgestoßen wurde und CenRo im Durchgang stand. Toni blieb irritiert stehen, und auch CenRo musterte den Jungen einen Moment. Doch dann schaute er zu dem Schild hinüber und fing an zu Grinsen. Erschrocken blickte Radgar wieder zu Anyi, diese Nickte nur und ließ ihren Bogen erscheinen, während Radgar auf CenRo losstürmte. Dieser sah seinen Gegner mit gezogenem Schwert aus dem Schild auftauchen und ließ seine Tarnung fallen. Außerdem rief seinerseits seine Zwilingsschwerter. Bei dem Anblick konnte Toni erst einmal nur starren und merkte gar nicht das Radgar von hinten auf ihn zugerannt kam. CenRo sprang auf Toni zu, der endlich aus seiner Schreckensstarre erwachte und rückwärts stolperte. Als Radgar an Toni vorbeirannte, traf Tsao`s flache Seite auf Tonis Kniekehle, woraufhin dieser rückwärts einklappte und hinfiel. CenRo sprang hoch versuchte Toni mit einem von oben geführtem Schlag zu treffen, doch Radgar wehrte den Schlag gekonnt ab. Mit einem seitlich geführten Tritt revanchierte Radgar sich und traf den Dunkelelfen an der Schulter. Derartig aus dem Gleichgewicht gebracht segelte CenRo zur Seite, wo er seinen Sturz mit einer Rolle abfing. Radgar packte Toni an der Schulter, zog ihn wieder schnell auf die Beine und stieß ihn in Richtung des Bannkreises. CenRo wollte den beiden folgen, aber ein Pfeilhagel aus dem inneren der Barriere zwang ihn wieder in die Defensive. Radgar schob Toni weiter zum Bannkreis. Endlich konnte Toni wieder seine Gedanken ordnen. „Verdammt Ralf, was ist hier los?“ „Keine Zeit für lange Reden, lauf einfach.“ Sagte dieser und schob seinen Freund in die Barriere. Als er ebenfalls durch die Barriere trat, sah Radgar wie das Portal fast bereit war. Toni war angesichts des plötzlichen Umgebungswechsels wieder sprachlos. „Wir haben keine Zeit für so etwas Mylord. Wir müssen den Trottel mitnehmen.“ Rief Anyi angespannt, während sie weiterhin einen Pfeil nach dem anderen auf CenRo feuerte. Das Portal hatte die ungefähre Größe eines Smarts angenommen und die Beschwörer konnten wieder etwas von ihrer Umgebung wahrnehmen. Mit einem schnellen Blick erfasste Grace die Situation und rief ihrerseits einen Bogen. „Ist nicht mehr zu ändern Junge“ rief sie Radgar zu und fing an ebenfalls auf ihren Bruder zu schießen. „Nimm Toni und Anyi und sieh zu das ihr durchs Portal kommt, wir treffen uns auf der anderen Seite.“ Radgar nickte ihr einmal zu, schnappte sich sein Bündel und Griff nach Tonis Arm. „Tut mir leid Alter, sieht so aus als ob du uns auf diesem Trip begleiten würdest.“ Mit diesen Worten trat er auf die Kugel zu und sprang hinein. Toni zog er dabei hinter sich her. Anyi folgte den beiden dicht hinterher. Während Grace ihren Bruder mit dem Bogen beschäftigt hielt sprangen auch Reev, Ak‘Sun, Grom und ChouZa in die Kugel. Nachdem sie sichergestellt hatte, dass alle durch waren und das Portal sich gerade wieder schloss, sprang auch Grace in die Kugel, die sich daraufhin immer mehr verkleinerte und schließlich verschwand.

Irgendwas zwickte Radgar in die Nase. Durch den Reiz endgültig bei Besinnung schreckte er hoch und sah sich blinzelnd um. Er lag in einem Wald auf einer kleinen Lichtung, sein Rucksack dicht neben ihm und direkt dahinter saß eine kleine Eidechse. Ihr schlanker, gerade mal unterarmlanger Körper passte sich mit seiner bräunlichen Färbung gut an den mit Tannennadeln übersäten Boden an. Ledrige Hautspannte sich um ihren Hals und an ihren Vorderbeinen, entlang der Wirbelsäule konnte Radgar einen flachen Rückenkamm erkennen. Die Echse hob ihren flachen Kopf und blickte Radgar mit ihren lidlosen Augen an. Da hörte Radgar ein stöhnen hinter sich. Als er sich umblickte sah er auf der anderen Seite der Lichtung Toni liegen. Die anderen konnte er nicht sehen, aber da die Lichtung in einer Senke lag konnte er auch nicht sehr weit sehen. Da fiel ihm alles wieder ein, die Vorbereitungen auf die Reise, das Versammeln am Portal, Tonis auftauchen und der Angriff von CenRo. Nachdem er in diese Portalkugel gesprungen war, hatte er sich wie in einer riesigen weißen Röhrenrutsche gefühlt, nur das es scheinbar kein Ende nehmen wollte. Und dann war die Röhre auf einmal weg und er fiel. Er fiel von weit oben auf eine Landschaft hinunter. Er konnte eine Gebirgskette sehen die nicht sehr weit entfernt war, kam aber dem Wald, der den Ausläufer des Gebirges bedeckte immer näher. Radgar geriet in Panik und hatte geschrien, etwas hinter sich hatte er auch Toni schreien gehört, aber kurz bevor sie aufschlugen, war er dann in Ohnmacht gefallen. Langsam rappelte Radgar sich auf und ging zu seinem Freund hinüber. Dieser lag auf dem Bauch und fing an zu grummeln als Radgar ihn auf den Rücken drehte. Langsam blinzelnd schlug er die Augen auf und sah Radgar an. „Ouu. Ich fühle mich als ob mich ne Horde Rugbyspieler erwischt hätte. Was ist passiert?“ „Wir haben eine kleine Reise gemacht, bleib erst einmal noch liegen, ich schau mich mal eben um ob ich die anderen irgendwo finden kann.“ Radgar ging zurück zu seinem Rucksack, wo die kleine Echse immer noch saß und ihn beobachtete. Er holte seine Decke aus seinem Rucksack und legte die Toni unter den Kopf. Nachdem er sich wieder umgedreht hatte sah er wie die Eidechse in den Rucksack hineinkroch und scheinbar etwas suchte. Radgar griff vorsichtig in die eine Seitentasche und holte eine Minisalami heraus. Davon brach er ein Stück ab und legte es neben den Rucksack. Prompt lugte der flache Kopf aus dem Rucksack und die Echse stürzte sich auf das abgerissene Stück Fleisch. Radgar nutzte die Gelegenheit, schulterte den Rucksack und machte sich auf den Weg den aus der Senke auf die nächste Hügelkuppe. Dort angekommen konnte er schon etwas weiter sehen, aber die ganze Gegend war sehr unübersichtlich von kleinen Hügeln und Senken übersät, doch in Richtung Westen schien das Gelände generell anzusteigen. Plötzlich landete etwas auf seinem Rucksack, und bevor er nachsehen konnte spürte er wie sich kleine Klauenfüße in seiner Schulter festkrallten. Radgar drehte leicht den Kopf und sah die Eidechse, die aufmerksam den Wald vor ihm beobachte. Radgar schaute in dieselbe Richtung und sah plötzlich Anyi zwischen den Bäumen auf ihn zugelaufen kommen.

Kapitel 18 - Neue Probleme

Von der Notwendigkeit ihrer Tarnung befreit, bewegte sich Anyi in ihrer natürlichen Gestalt und Umgebung mit einer für Radgar nur schwer begreifbaren Leichtigkeit. Schnell hatte sie die Distanz überbrückt, blieb aber plötzlich stehen und starrte Radgar an. Ihre schon ohnehin blasse Haut wurde noch weißer. „Mylord, seid ganz vorsichtig.“ Leichte Panik schwang in ihrer Stimme mit. „Warum?“ fragte Radgar mit einem Stirnrunzeln. Er spürte wie sich der Druck der Klauen der Echse auf seiner Schulter leicht verstärkte. Anyi‘s Blick löste sich nicht für einen Moment von der Echse auf Radgar‘s Schulter als sie langsam nach ihrem Kristall griff. „Bitte erschreckt nicht, aber ihr habt eine Silias auf der Schulter. Macht keine ruckartigen Bewegungen.“ Trotz der Warnung fuhr ein leichter Schreck durch Radgar. Er zwang sich ruhig Luft zu holen und drehte leicht den Kopf zu der Seite auf der die Echse saß. Diese machte gar keinen so bedrohlichen Eindruck, blickte aber unverwandt Anyi an als warte sie darauf, dass die Elfe etwas tat. Als Anyi ihren Kristall ergriff fauchte die Echse plötzlich auf. Ihr Rückenkamm richtete sich etwas auf und wechselte in ein knalliges Rot. Sofort ließ Anyi wieder ihren Kristall los, woraufhin sich die Echse wieder zu beruhigen schien. Vorsichtig hob Radgar eine Hand und hielt sie der Echse vor. Diese stupste einmal mit ihrer Schnauze gegen die Handfläche und krabbelte dann auf die Hand und den Arm entlang, wo sie sich umdrehte und wartete. Anyi atmete mit einem zischenden Geräusch ein und starrte weiter wie gebannt auf die Echse, während diese sich von Radgar auf die Erde setzen ließ. Sie blickte noch einmal zu ihm hinauf und flitzte dann den nächsten Baum hoch. Anyi trat vorsichtig näher und behielt den Baum im Blick „Ich habe noch nie gesehen, dass sich eine Silias so verhält. Normalerweise flüchten sie, wenn man sich ihnen nähert.“ Radgar nickte nur. „Toni liegt dahinten in der Kuhle und ist etwas angeschlagen von der Landung. Ich wollte nur einmal nachsehen ob ich einen von euch finde.“ „Dann lasst uns besser mal nach ihm sehen. Nicht dass er von einer Silias gebissen wird.“ Radgar drehte sich um und ging zurück in die Kuhle, in der er Toni zurückgelassen hatte. „Wo sind wir hier, Anyi?“ „Wir sind ungefähr drei Tagesreisen nordöstlich von Chadum, in den Ausläufern des Eisengürtels.“ „Gut, dann dürften wir keine Probleme haben zum Treffpunkt zu gelangen.“

Toni lag noch in derselben Haltung da wie Radgar ihn verlassen hatte, und diesmal war weit und breit keine Silias zu sehen. Während Anyi vorsichtig den schlafenden Toni untersuchte musste Radgar zurückdenken als Grace und Anyi ihm von der Tierwelt hier in Agetan erzählten. Er sah sich selbst am Küchentisch sitzen und Grace zuhören, während Anyi ihm in einem Buch Schaubilder zeigte. „Silias sind verhältnismäßig kleine und sehr scheue Eidechsen. Anders als hiesige Reptilien sind sie aber keine Kalt-, sondern Warmblüter, weshalb sie auch in Gegenden mit eher gemäßigtem Klima überleben können. Das Problem ist dass sie sehr giftig sind und dazu neigen schnell zuzubeißen wenn man ihnen zu einem ungünstigen Zeitpunkt begegnet. Da sie aber sehr scheu sind, ist es eher unwahrscheinlich, dass man einem Exemplar dieser Gattung begegnet.“ In diesem Moment brachte ein stöhnen Radgar wieder in die Wirklichkeit zurück. Toni war wieder aufgewacht und richtete sich gerade leicht auf. „So Alter, du bist mir immer noch ein paar Erklärungen schuldig.“ „Ja ich weiß. Und die sollst du nun auch bekommen.“ Und so gab Radgar Toni einen groben Überblick über die gesamte Situation, wobei er nur ihre langfristigen Pläne nicht erwähnte. Wie zu erwarten wollte Toni das Ganze zuerst nicht glauben, aber solche unwiderlegbaren Tatsachen wie ihr derzeitiger Aufenthaltsort und Anyi’s Aussehen ließen dann doch keinen Zweifel an Radgar‘s Geschichte. In der Zeit, in der Radgar Toni die ganze Sache erklärte, erholte sich dieser zusehends und als Radgar seine Geschichte beendet hatte, waren die drei bereit aufzubrechen. Sie packten ihre Sachen zusammen und marschierten los. Den kleinen Schatten, der sie aus den Büschen heraus beobachtete, bemerkte keiner von ihnen.

Auch wenn sie gegen Abend durch das Portal gegangen waren, so stand die agetanische Sonne noch hoch am Himmel als sie aufbrachen. Anyi gab das Tempo vor, in dem sie zügigen Schrittes voran marschierte und sich immer mal wieder umdrehte um zu sehen wo Toni und Radgar blieben. Radgar hatte zwar weniger Probleme damit ihr Tempo zu halten, aber Toni machte der Gewaltmarsch doch mächtig zu schaffen, auch wenn er im Gegensatz zu den anderen keinerlei Gepäck mit sich führte. Andererseits war er ja auch nicht auf diese Reise vorbereit worden, oder es gar gewohnt sich so fortzubewegen. Dass er bei jeder sich bietenden Gelegenheit innehielt und Anyi angaffte, gab ihm aber genug Motivation um an ihr dranzubleiben und so einen guten Blick auf die Elfe zu haben. Radgar, dem das Ganze natürlich nicht entging, machte sich leichte Sorgen um seinen Freund. Es war in der Vergangenheit nie eine gute Idee gewesen die Elfe wütend zu machen. Andererseits ging er davon aus, dass Toni die Begegnung mit Anyi’s Dolch auch noch gut im Gedächtnis war. Als sie auf diese Art und Weise ein paar Stunden marschiert waren, bat Toni dann um eine Pause, woraufhin Anyi ihm versprach dass sie bald an einen zum Rasten geeigneten Ort kommen würden. Tatsächlich dauerte es doch nochmal gut zwei Stunden bis die Gruppe an einen kleinen Bach ankam. Toni ließ sich sogleich auf einem etwas größeren Stein nieder und beklagte sich lauthals über diese Malträtierung und seine Fußschmerzen. „Ich weiß gar nicht was du dich so aufregst.“ meinte Radgar mit einem amüsierten Grinsen. „Ich mein, selbst du müsstest doch wissen, dass Elfen ein etwas anders Zeit und Dringlichkeitsgefühl als wir Menschen haben, oder?“ Darauf warf ihn Toni nur einen finsteren Blick zu und zog sich die Schuhe aus um seine Füße zu in dem Bach zu kühlen. Anyi hatte unterdessen ihren und Radgar‘s Trinkschlauch neu gefüllt und holte nun ein kleines Päckchen mit Keksen aus ihrem Rucksack. Radgar griff begeistert zu und knabberte an seinem Stück Gebäck, doch Toni begutachtete misstrauisch den ihm dargereichten Teigbrocken. Er wollte schon nach dem ganzen Päckchen greifen, da sagte Anyi: „Du solltest vorsichtig sein mit diesem Gebäck. Ich habe sie selbst nach einem Rezept meiner Familie gemacht und es ist nicht ratsam zu viele von ihnen auf einmal zu essen.“ Das war zu viel für Toni. Bevor er es sich auch nur ansatzweise überlegen konnte, was Anyi ich damit hatte sagen wollen griff er nach der Packung, riss sie auf und mampfte ein Gebäckstück nach dem nächsten. Doch nach dem zweiten Stück stutze er. Mit einer unwahrscheinlichen Geschwindigkeit lief sein Gesicht rot an und er schnappte nach Luft. Er ließ die Packung fallen und ließ sich in den Bach fallen. Blasen stiegen an seinem Kopf empor, während er versuchte so viel Wasser in seinen Rachen zu bringen wie es ihm möglich war. Anyi hob die am Boden liegende Gebäckstücke auf und verstaute sie wieder in ihrem Rucksack. Als Toni sich hustend und spuckend wieder aufrichtete grinste sie ihn spöttisch an und bemerkte nur, dass sie ihn ja gewarnt hatte. Toni wollte schon eine wütende Erwiderung geben, doch da fiel sein Blick auf Radgar. Sein Freund hatte seinen Keks fertig gegessen und starrte konzentriert in die Richtung aus der sie gekommen waren. Auch Anyi fiel das auf und sie schaute sich um. Dabei ließ sie wieder ihren Bogen erscheinen und legte einen Pfeil an. Toni schaute sich verwirrt um, konnte aber beim besten Willen nichts entdecken. Noch bevor er fragen konnte was los sei, spürte er einen harten Schlag zwischen den Schulterblättern und taumelte nach vorne. Dabei verfing sich sein Fuß in einer Baumwurzel und er schlug mit einem Aufschrei der Länge nach hin. Von dem Schrei alarmiert fuhren Radgar und Anyi zu ihm herum und währen beinahe ebenfalls von hinten attackiert worden. Doch Anyi machte einen Schritt zur Seite, während Radgar blitzschnell in die Hocke ging und den Kopf einzog. So wurden die beiden nicht wie Toni von den herabschwingenden Steinen getroffen, die an Seilen befestigt aus den Baumspitzen herab gependelt kamen. Leider war die Gefahr dadurch noch nicht vorbei. Mit lautem Kampfgeheul ließen sich mehrere Gestalten aus den Baumkronen fallen. Alles was Radgar erkennen konnte waren kleine Wesen mit langen Armen, die mit Holzspeeren und Keulen bewaffnet waren. Die Gesichter wurden durch seltsam bemalte Masken verborgen. Daran war ein dichtes, langhaariges Fell befestigt, das diesen Kriegern wie ein Umhang den Rücken bedeckte und an der Taille durch einen Lederriemen festgehalten wurde. Schnell waren die drei von fast zwei Dutzend dieser Baumkämpfer umzingelt.

Kapitel 19 - Erste Bekanntschaften

Radgar betrachtete den ihm am nächsten stehenden Krieger neugierig, ohne dabei aber die anderen in seinem Sichtfeld außer Acht zu lassen. Das Muster einer Maske zeigte ein verschlungenes Muster aus Linien und Wirbeln, ohne dabei allerdings einen Sinn für ihn zu machen. Plötzlich sprang der fremde Krieger vor und griff Radgar mit seinem Speer an. Dieser machte einen schnellen Schritt zur Seite Packte den Speer hinter der Steinspitze und zog ihn weiter. Während sein Gegner, durch die Wucht mitgerissen, an ihm vorbeistolperte, rief Radgar Tsao in seine Hand und gab dem Krieger mit der flachen Seite einen kräftigen Schlag auf den Hinterkopf. Dieser gab noch einen grunzenden Laut von sich und schlug wie ein gefällter Baum der Länge nach hin. Doch Radgar‘s Freude währte nur kurz. Das aufschlagen ihres Gefährten als Signal nehmend, sprangen nun vier der maskierten Krieger vor und griffen Radgar an. Anyi wurde sogar von fünf Kriegern angegriffen. Die übrigen Krieger bildeten unterdessen einen Ring um die kämpfenden. Toni lag immer noch scheinbar bewusstlos am Flussufer. Auch wenn Radgar sehr damit beschäftigt war, seine eigenen Angreifer abzuwehren, so konnte er doch noch aus den Augenwinkeln sehen, dass Anyi ihren Bogen wieder hat verschwinden lassen. Stattdessen kämpfte sie mit demselben Stab, mit dem sie auch schon damals im Park gegen Ak’Sun angetreten war. Radgar schaffte es, die Speerstöße seiner Gegner abzuwehren, doch rückten sie ihm immer mehr auf die Pelle und schnell hatten sie ihn eingekreist. Egal was er versuchte, er konnte einfach nicht aus dem Ring entkommen. Wenn er versuchte, sich zwischen zwei Gegnern hindurch zu drängen, hielten ihn die beiden mit ihren Speeren auf, während die anderen beiden ihn von hinten angriffen. Und bei einem direkten Angriff wurde er gleich von drei Seiten angegriffen. So kam er nicht aus dieser Umklammerung heraus. Der nächste Speerstoß gegen ihn. Einem instinktiven Einfall folgend lenkte Radgar den Speer nach links ab und rannte an dem Speer auf dessen Besitzer zu. In dem Moment als von rechts der nächste Stoß auf ihn zu kam ließ er sich fallen und rollte so unter dem zweiten Speer hindurch. Ohne anzuhalten ließ er Tsao verschwinden und packte beim wieder hoch kommen beide nun über Kreuz hängende Speere. Da er sich nun außerhalb des Speerkreises befand, machte er schnell einen Sprung rückwärts, um aus dem Angriffsbereich der beiden verblieben Gegner zu kommen. Dieser Sprung kam keinen Augenblick zu früh, denn so verfehlte ihn der von rechts kommende Speerhieb nur um Haaresbreite. Schnell versuchten ihn die Krieger wieder einzukreisen, doch diesmal sprang Radgar schnell zur Seite und versuchte zu Anyi und Toni zu kommen. Dass er dabei einen Baum noch zwischen sich und seine vier Gegner brachte half schon. Anyi konnte ihre Gegnerzahl mittlerweile auf drei reduzieren, doch als sich Radgar ihr nähern wollte, bekam er plötzlich einen Schlag ins Kreuz. Ohne dass er etwas davon mitbekommen hatte, war noch ein Baumstamm an einem Seil aus der Baumkrone herabgeschwungen. Durch die Wucht des Aufpralles nach vorne geschleudert, schlug Radgar noch einmal auf dem Boden auf und überschlug sich sogar noch, bevor er auf dem Rücken liegen blieb. Sofort waren seine vier Gegner heran und wollten gerade ihre Speere auf ihn niederstoßen, als aus der Baumkrone ein lautes, zischendes Fauchen zu hören war. Der Blick der fremden Krieger ruckte nach oben, doch da flitzte schon ein kleiner Schatten über ihre Köpfe. Radgar, zwar noch immer etwas benommen von dem Schlag, hörte einen dumpfen Aufprall neben seinem Kopf. Noch während er versuchte seinen Kopf zu heben um zu sehen was da los war, krabbelte auf einmal etwas über seine Schulter auf seinen Brustkorb. Endlich klärte sich sein Blick und er sah eine Silias auf seinem Oberkörper sitzen, ihren den Halskragen drohend aufgebläht und den Rückenkamm in einem hellen Rot erleuchtet zischte sie laut die fremden Krieger an. Diese sprangen einen Schritt zurück. Plötzlich ertönte ein Ruf und ein weiterer Krieger ließ sich von oben aus dem Blätterwerk fallen. Als dieser Ruf ertönte lösten sich Anyi‘s Gegner aus dem Kampf und nahmen eine kniende Haltung an. Anyi nutzte diese Gelegenheit um zu Radgar zu laufen, doch stoppte sie abrupt als sie die Silias erblickte. Sie kniete sich stattdessen mit etwas Abstand neben Radgar. Dieser neu hinzugekommene Krieger war anders als die anderen. Zwar trug auch er die seltsam gemusterte Maske mit dem Tierfellüberhang, aber zusätzlich dazu trug er auch eine Halskette mit verschiedenen Anhängseln. Er strahlte dabei eine schon fast greifbare Autorität aus. Nun trat er vor und begann mit einer ziemlichen gutturalen und kehligen Sprache zu sprechen. Anyi erhob sich, ließ ihren Stab verschwinden und antwortete ihm in derselben Sprache. Dabei deutete sie vermehrt auf Radgar, und auch ein paar Mal auf den am Boden liegenden Toni. Der Krieger hörte ihr scheinbar aufmerksam zu. Nachdem Anyi fertig war, drehte er sich zu seinen Kriegern um und rief etwas in seiner Sprache zu. Diese standen dann auf und bis auf einer rannten alle in verschiedene Richtungen in den Wald hinein. Endgültig verwirrt wandte richtete sich Radgar leicht auf, wobei die Silias ihren Kragen wieder glatt machte, sich umdrehte und ihm auf die Schulter krabbelte. „Was ist hier los?“ fragte Radgar, als die Elfe sich ihm vorsichtig näherte und die Eidechse beobachtete. „Das sind Krieger eines Waldvolkes. Dieser letzte Krieger hat seinen Männern befohlen uns von nun an in Ruhe zu lassen, da ihr anscheinend unter dem Schutz der Geister steht. Dann wollte er wissen wer wir sind und was wir hier wollen. Ich sagte ihm, dass wir Reisende sind, die keinen anderen Wunsch haben als friedlich zur nächsten Menschensiedlung zu gelangen. Er gibt uns einen Führer mit, der uns den Weg zeigen und beobachten soll.“ Mit diesen Worten erhob sie sich und ging zu ihrem Gepäck und nahm einen der Wasserbeutel auf. Diesen leerte sie über Tonis Gesicht. Das kalte Wasser platschte über sein Gesicht und er kam lauthals prustend wieder zu sich. Verwirrt schaute er auf, doch Anyi hatte sich schon wieder abgewandt und füllte den Wasserbeutel wieder mit Wasser aus dem Bach. Als Radgar sich erhob, krabbelte die Silias von seinem Bauch auf seine Schulter, wo sie sich um seinen Nacken legte. Radgar’s neues Anhängsel erregte natürlich sofort Tonis Aufmerksamkeit, doch Anyi trieb sie zur Eile an, ihre Sachen zusammen zu suchen. Der fremde Krieger beobachtete die Unternehmungen der drei eine Weile, doch nicht lange danach waren sie alle abmarschbereit. Als sie alle ihre Rucksäcke geschultert hatten und sich zu ihm umdrehten, zeigte er in Richtung Süden und fing an in die Richtung zu laufen. Dieses Mal schlugen die vier ein fast noch zügigeres Tempo an als am Vormittag, sehr zum Unmut von Toni. Doch er schaffte es nicht sich zu beschweren. Das konnte aber auch daran liegen, dass er nie rechtzeitig zu Luft kam, wenn er nahe genug an die anderen herangekommen war. Auf diese Weise verging der Nachmittag des Tages, und als sie sich dann endlich für einen Nachtlagerplatz entschieden hatten, ließ sich Toni demonstrativ auf einen Stein fallen und streckte schwer atmend alle viere von sich. Nachdem er sich wieder einigermaßen erholt hatte und sich umsah, merkte er das Radgar Anyi und der fremde Krieger bereits begonnen hatten ihre Nachtlager fertigzumachen. Während Anyi sich um eine Schlafstelle für sich und Radgar kümmerte, half Radgar dem Krieger eine Feuerstelle vorzubereiten, in dem sie eine kreisförmige Furche in den Boden zogen und etwas Holz in der Mitte aufschichteten. Toni stand auf und ging zu Anyi hinüber, die ihn erst einmal ignorierte. Doch bevor Toni etwas sagen konnte, war das Feuer im Kreis entfacht. Die Furche hatten sie mit Wasser aus dem nahen Bach gefüllt. Als Toni sich das Feuer genauer ansah, musste er stutzen. Statt das dort aufgeschichtete Holz zu verbrennen, schien das Holz noch während des Verbrennens nachzuwachsen. Ratlos blickte er sich zu Radgar um, doch dieser grinste ihn nur an und deutete seinem Freund, den Rucksack herzuholen, denn er auf dem Stein hatte liegengelassen. Als Toni mit dem Rucksack zurückkam, hatten Radgar und Anyi bereits begonnen ein leichtes Abendessen zuzubereiten. Toni lief bei dem Geruch des leicht am Feuer bratenden Fleisches das Wasser im Mund zusammen, doch die Erinnerung an die Kekse machten ihn vorsichtig, als Anyi ihm eines der Stücke auf einem sauberen Stück Rinde hinüberreichte. Die Drei unterhielten sich nicht lange nach dem Essen und schliefen schnell danach ein.

Kapitel 20 - Verständigungsprobleme

Am nächsten Morgen wurde Radgar von einem Gewicht geweckt, das sich auf einmal auf seine Brust gelegt hatte. Vorsichtig öffnet er seine Augen einen Spalt breit. Auf seinem Brustkorb saß wieder die Silias, und betrachtete ihn interessiert. Als er die Augen daraufhin ganz öffnete, blieb die Echse ganz ruhig sitzen. Langsam und vorsichtig begann Radgar sich zu strecken und nach den anderen umzusehen. Die Sonne kroch gerade über den Horizont und die Vögel begannen ihr morgendliches Lied. Anyi saß in ihre Decken gehüllt im Schneidersitz vor dem noch brennenden Feuer, ihre Augen halb geschlossen und meditierte. Toni lag noch in seine Decken vergraben auf der anderen Seite des Feuers. Der fremde Waldkrieger war nicht zu sehen, aber Radgar hätte auch nicht erwartet ihn einfach zu bemerken. Vorsichtig richtete er seinen Oberkörper auf und stützte sich auf seine Arme. Die Silias krabbelte auf seinen Schoß, wo sie es sich bequem machte. Radgar schloss kurz die Augen und konzentrierte sich. „Tsao?“ fragte er in Gedanken „Ja?“ „Kannst du mir etwas zu dieser Silias sagen? Soweit ich weiß ist ja ein derartiges Verhalten nicht gerade typisch für diese Echsen.“ Es dauerte einen Augenblick, bis das Schwert wieder antwortete. „Ich kann dir da nicht weiterhelfen, aber es scheint mir von dieser Eidechse keine Gefahr aus zu gehen. Achte einfach darauf, dass du dich nicht ausversehen an ihre Giftstacheln kommst.“ „Ok, wenn du meinst.“ Radgar öffnete wieder die Augen und sah die Silias an. Diese betrachtete ihn ihrerseits, wobei sie ihren Schwanz ruhig hin und her schwenkte. Radgar wollte gerade mit der Hand über den Kopf streichen, als ein Geräusch von oben seine Aufmerksamkeit auf die Baumkronen lenkte. Er konnte da oben gerade noch einen Schatten erkennen, da landete der Waldkrieger schon neben ihm auf dem Boden. Er ging neben Radgar in die Hocke und schaute zu der Silias, die immer noch auf Radgars Schoß saß und nun auch zu ihm blickte. Er sprach Radgar an, doch da er wieder diese seltsam klingende Sprache seines Volkes verwendete, konnte Radgar ihn nicht verstehen. Die Silias hingegen schien ihn zu verstehen, denn sie krabbelte auf Radgars Schulter und fauchte den Waldkrieger einmal kurz an. Dieser machte einen kleinen Schritt rückwärts und blieb dann wieder in der Hocke. Dieses leise Fauchen brachte Anyi aus ihrer Meditationstrance und sie drehte sich nun auch zu Radgar um. Als sie erkannte, dass ihr Meister wach war und der Krieger ihn beobachtete, erhob sie sich und kam auf die beiden zu. „Kannst du bitte übersetzen was er gerade gesagt hatte?“ fragte Radgar die Elfe.. Anyi wandte sich an den Krieger und wollte ihn gerade ansprechen, hielt dann aber inne. „Das kann ich nicht, Mylord.“ „Warum das nicht? Gestern konntest du es doch noch.“ erwiderte Radgar leicht verwirrt. „Das war wegen diesem Amuletts“, antwortete sie ihm und deutete auf einen kleines rundes Amulett, welches in ihrer linken Unterarmmanschette eingearbeitet war. Noch während Radgar die verschnörkelten Linien betrachtete, welche die Metallstreben bildeten, fuhr Anyi mit ihrer Erklärung fort. „Dieser Zauber ermöglicht es einem die Sprache zu verstehen und zu verwenden, die von den Lebewesen um einen herum verwendet werden. Unser Begleiter ist allerdings mittels eines Naturzaubers, der in seine Maske eingearbeitet ist, gegen die Wirkung des Amuletts abgeschirmt.“ Als er das hörte musste Radgar stutzen. „Und warum hat es dann gestern funktioniert?“ fragte er mit gerunzelter Stirn. Ihm war eingefallen, dass auch seine Mutter auch einmal so ein Amulett an ihrer Kleidung zu hängen hatte, als sie einen Urlaub in Frankreich gemacht haben. „Erinnert ihr euch, dass die Maske eines jeden Kriegers ein anderes Muster aufwies? Soweit ich weiß sind es diese Muster, welche die Magie eines einzelnen Kriegers ausmachen. Die Maske unseres Begleiters ist so gestaltet, dass er nur sehr schwer von fremden Zaubern beeinflusst wird. Ihr Anführer wollte wohl nicht das sein Aufpasser von uns mittels Illusionen getäuscht wird.“ „Aber als die anderen noch hier waren konntest du durch diesen Talisman ihre Sprache sprechen.“ „Genau. Es ist nicht so einfach diese Talismane zu verwenden wenn in Reichweite viele verschiedene Sprachen gesprochen werden. Auf der Erde bin ich in einigen Städten fast verrückt geworden, weil der Zauber so viele verschiedene Sprachen erfasst hatte. Es erfordert dann ein großes Maß an Konzentration, eine einzige Sprache zu sprechen und nicht ständig zwischen den Sprachen hin und her zu springen. Auch ist es besser wenn man eine Sprache richtig lernt, als sich auf diese Amulette zu verlassen, wie sich gerade zeigt.“ Mit diesen Worten erhob sich Anyi und ging zu dem noch schlafenden Toni hinüber. Während Radgar aufstand und seine Sachen zusammenpackte, stieß Anyi mit ihrem Fuß gegen Tonis Beine um ihn aufzuwecken. Der Krieger zog sich wieder auf einen Baum zurück, wurde aber nicht von der Silias aus den Augen gelassen. Diese machte es sich auf Radgar‘s Schulter bequem und krallte sich im Stoff seines Hemdes fest. Mittlerweile hatte Anyi es geschafft Toni wachzutreten, worüber dieser sich aber gleich wieder mit lauter Stimme beklagte. Doch es half alles nichts, er musste aufstehen, die Sachen zusammenpacken und weitermarschieren. Der zweite Tag verlief ruhig, wenn man von Toni’s ewigem Genörgel einmal absah. Die Silias machte immer noch keine Anstalten sich von Radgar lösen zu wollen, und so langsam gewöhnten sich Anyi und die Eidechse aneinander. Nur der Waldkrieger wurde weiterhin von der Silias angefaucht.

Als sie am zweiten Tag gegen Abend auf eine Lichtung kamen, stand dort bereits ein weiterer Waldkrieger und erwartete sie mit einem bereits für vier Leute hergerichteten Lager. Radgar erkannte das Muster auf der Maske als das des Anführers vom Vortag. Er spürte einen leichten Klauendruck auf seiner Schulter als die Silias sich von seiner Schulter löste und auf den nächsten Baum verschwand. Ihr Begleiter stellte sich vor den neuen Fremden und begrüßte ihn, während Radgar, Anyi und Toni ihre Taschen abstellten. Dass Toni gleich neben seiner Tasche zusammensank, wurde von den anderen schon gar nicht mehr bemerkt. Radgar‘s und Anyi’s Aufmerksamkeit lag eher auf den bisher fremden Waldkrieger. Dieser hatte einen kurzen Bericht von seinem Untergebenen bekommen und stellte sich nun vor Radgar und Anyi hin. „Ich bin QuaRé und im Namen der Shu heiße ich euch hier Willkommen“, kam es plötzlich in klar artikuliertem Deutsch unter der Maske hervor. Radgar riss vor erstaunen die Augen auf und warf einen schnellen Blick zu Anyi hinüber, die ihn zwar auch etwas verwirrt anschaute, aber dann ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Krieger richtete. Radgar wand sich wieder QuaRé zu und nickte einmal. „Im Namen meiner Freunde bedanke ich mich für eure Gastfreundschaft und eure Hilfe bei unserer Reise.“ Während Radgar die Maske des Kriegers betrachtete, fiel ihm am Rand ein kleines Muster auf. QuaRé war das nicht entgangen. Mit dem Finger tippte er auf die Stelle und sagte „Ja ihr habt richtig gesehen“. Er deutete Radgar und Anyi sich zu setzten, während er selbst sich im Schneidersitz auf die andere Seite des Feuers setzte. „Meine Maske ist ebenfalls mit diesem Zauber ausgestattet. Ihr habt eine sehr merkwürdige Sprache. Bitte verratet mir doch, wo Ihr herkommt, und wieso ein Waldgeist Euch vertraut.“ Radgar und Anyi setzten sich auf die andere Seite des Feuers und sahen sich kurz an. Mit einem Kopfnicken gab Radgar Anyi zu verstehen, dass sie die Frage beantworten soll. Sie erzählte daraufhin die Tarngeschichte, die sie ein paar Tage vorher mit den anderen abgesprochen haben. Nur Tonis Rolle wurde Improvisiert. Anyi beschrieb, wie sie vom südlichem Rand des Eisengürtelgebirges mit einem Portalzauber in dieses Waldgebiet gekommen sind und dass sie nun auf dem Weg nach Chadum seien, wo sie sich mit den anderen aus der Reisegruppe treffen wollten. Nachdem Anyi geendet hatte, blickte QuaRé von ihr zu Radgar. Dieser atmete noch einmal tief durch. „Ich vermute mit Waldgeist meint Ihr die Silias, die mich seit ich hier bin begleitet?“ fragte er QuaRé. Dieser betrachtete ihn durch seine Maske und nickte nur einmal zur Antwort. Als Radgar tief einatmete und sich auf sein Gegenüber konzentrierte, geschah auf einmal etwas Seltsames. Radgar spürte wie QuaRé sich Sorgen über die Zukunft seines Volkes machte. Der Orden war sich zwar noch nicht völlig der Existenz der Shu bewusst, aber er wusste das sich in diesen Wäldern ein Volk verbarg, das sich seiner Kontrolle entzog. Und er war sehr daran interessiert, dass sich dieser Umstand möglichst bald änderte. Schon seit Jahren sammelten sich immer wieder fremde Krieger an den Waldrändern und versuchten die Shu zu finden. All diese Informationen wurden Radgar mit einem Schlag bewusst, aber es war ein anderes Gefühl als wenn Tsao ihn an seinem Wissen teilhaben ließ. Er atmete keuchend aus, als ihm auf einmal klar wurde dass er seit dem tiefen Einatmen die Luft angehalten hatte und sein Kopf sackte auf seinen Brustkorb. Nachdem er seinen Kopf wieder heben konnte, hörte er ein leises Rascheln aus den Baumspitzen über ihnen und die Silias ließ sich mit Hilfe ihrer Flughäute kreisend auf seiner Schulter nieder. QuaRé setzte sich gerade hin und betrachtete die Silias eingehend, doch die ignorierte ihn und krabbelte lieber Radgar auf den Schoß, wo sie sich zusammenrollte.

Kapitel 21 - Neue Freunde

Als Radgar wieder zu QuaRé hochblickte, hatte dieser seinen Blick noch auf die Silias auf Radgar‘s Schoß gerichtet. Radgar wollte gerade etwas sagen, da viel ihm etwas auf. Er hätte beinahe auf in der Sprache der Shu geantwortet, auch wenn er diese Sprache erst zweimal gehört hatte. Doch er war sich sicher, dass er kein Amulett bei sich trug. „Tsao? Wieso kann ich Shu?“ fragte er mit leichter Panik. „Das weiß ich nicht. Genauso wenig wie ich dir sagen kann was dieser Gedankenstoß gerade war, von mir kam der nicht!“ Immer noch beunruhigt und mit leicht gerunzelter Stirn wandte sich Radgar wieder an QuaRé, dieses Mal sprach er wirklich in der Sprache der Shu. „Bitte entschuldigt, werter Qin.“ Der Kopf von QuaRé ruckte nach oben als er Radgar so hörte, und auch Anyi zuckte zusammen, als ihr Meister die seltsame Sprache der Shu benutzte. Doch Radgar fuhr unbeirrt fort. „Ich weiß nicht warum diese Silias so anhänglich ist. Sie begleitet mich seit ich hier im Norden angekommen bin.“ QuaRé schwieg und starrte Radgar durch die Sehschlitze seiner Maske an. Nach einem kurzen Augenblick „Wieso kannst du unsere Sprache sprechen? Ich sehe den Sprachzauber nirgendwo an dir und HoKu zu folge konntest du unsere Sprache bisher auch nicht.“ Das Misstrauen in seiner Stimme war unüberhörbar, und beim Klang der Stimme ruckte der Kopf der Silias hoch. Radgar verfiel wieder ins Deutsche. „Ich weiß auch nicht warum es mir auf einmal möglich ist. Aber seit ich dir hier gegenüber sitze, weiß ich sehr viel über dein Volk. Ich weiß wer Ihr seid, Qin QuaRé. Ich weiß welchen Gefahren Ihr Euch glaubt gegenüber zu stehen, und ich weiß von Euren Wachposten, die uns umzingelt haben.“ Bei dieser Aussage ruckte der Blick von Anyi von Radgar‘s Hinterkopf nach oben in die Baumspitzen, und da sah sie die von Radgar erwähnten Bogenschützen sitzen. Als sie wieder zu Radgar blickte, sah sie dass er zur Silias auf seinem Schoß schaute und sanft mit der Hand über den breiten Kopf fuhr. Er schien sich von den Bogenschützen aus irgendeinem Grund nicht aus der Ruhe bringen, was Anyi etwas beunruhigte. Aber sie war nicht die einzige, die durch das Verhalten von Radgar verwirrt wurde. QuaRé war durch diesen Fremden verunsichert. Woher konnte er ihre Sprache? Woher wusste er von den Kriegern die sich um sie herum versteckt hatten? Nicht zu vergessen, dass diese Silias so zutraulich zu ihm wahr, wo ihre Art sonst sehr scheu und Fremden gegenüber äußerst aggressiv war. Und obwohl er von der Gefahr wusste, blieb er entspannt sitzen und schien sich gar nicht darum zu kümmern. Die Elfe auf der anderen Seite schien sichtlich beunruhigt zu sein, aber sie schien sich an ihrem Meister ein Vorbild zu nehmen und beruhigte sich. „Wenn ihr euch der Situation so sehr bewusst bist, sollte euch auch klar sein, dass es töricht währe, mit uns einen Kampf anzufangen.“ Grollte QuaRé Radgar an. „Ich weiß, dass Ihr mir im Bezug auf die Silias die Wahrheit gesagt habt, aber ich weiß auch, dass das Spitzohr nicht die Wahrheit gesagt hat. Woher kommt Ihr, wenn nicht aus dem Süden? Wer seid Ihr? Und was wollt Ihr hier im Wald der Shu? Überlegt Euch eure Antworten gut.“ Radgar ließ sich von den Drohungen des Shu-Kriegers nicht aus der Ruhe bringen. Betont langsam hob er den Kopf und sah QuaRé fest ins Gesicht. Die Silias richtete sich ihrerseits auf und kletterte auf seine Schulter. „Ich habe keine Absicht Euch anzulügen. Aber Ihr werdet verstehen müssen das es Dinge gibt die ich Euch nicht erklären kann. Zum einen sind das Dinge von denen ich selbst nicht weiß warum sie geschehen. Dinge wie die Geschichte mit der Silias. Zum anderen sind es Dinge die geheim bleiben müssen. Meine Identität oder die meiner Begleiter oder unsere Ziele. Ich kann euch aber versichern, das wir dem Volk der Shu keinen Schaden zufügen wollen.“ QuaRé schien einen Moment über diese Antwort nachzudenken, doch dem Krieger HoKu wurde das alles zu viel. Er verließ seinen Platz an der Seite von QuaRé und machte einen Schritt auf Radgar zu. Laut brüllte er „Wer glaubst du wer du bist? Beantworte gefälligst die Frage, oder du bist schneller tot, als du Schwächling mit dem kleinen Finger zucken kannst.“ Der Krieger stand zwar ursprünglich hinter QuaRé, doch durch seinen kleinen Schritt nach vorne stand er nun leicht vor ihm. QuaRé wollte gerade seine Hand heben, als so einiges gleichzeitig geschah. Die Silias sprang mit einem lauten Zischen von Radgar‘s Schulter nach oben, wo sie ihre Flughäute aufspannte und in die Baumkronen flog, während Radgar seinen Oberkörper mit Wucht nach hinten fallen ließ. Zeitgleich stieß er seine Hüfte mit seinen Füßen vom Boden ab, nur um einen Sekundenbruchteil später die Beine wieder an den Oberkörper zu ziehen. Seine Hände hatte er blitzschnell nach am Kopf vorbei nach hinten gerichtet. Derartig in Bewegung versetzt gelang ihm ein der Rückwärtssalto aus dem sitzen heraus ganz einfach und er landete auf den Händen und leicht versetzten Füßen, wie als wenn er gerade losrennen wollte. Doch anstatt zu sprinten sprang er auf den überraschten Krieger zu, stieß ihn zu Boden und landete auf seinem Brustkorb. HoKu konnte nur noch einen überraschten Schrei ausstoßen, bevor er die Spitze von Tsao an seinem Kehlkopf spürte. Geschockt legte er seine Arme auf ausgestreckt auf den Boden. Radgar blickte zu QuaRé, der fing auf einmal schallend an zu lachen. Bei seinem Gelächter entspannten sich die Bogenschützen in den Bäumen und Toni schrak hoch. Er war sofort eingedöst, kaum dass er sich auf dem Waldboden hingesetzt hatte. Auch Radgar entspannte sich. Nachdem er aufgestanden war bot er seinem Opfer eine Hand zum aufhelfen an, doch HoKu kniff die Augen zusammen und rappelte sich selbst auf. Nachdem sich QuaRé wieder beruhigt hatte, winkte er einem Krieger, der bis dahin im Unterholz verborgen war. Dieser verbeugte sich knapp und verschwand über einen Pfad im Wald. QuaRé seinerseits drehte sich wieder zu Radgar zurück. „Deine Antworten sind gut Fremder. Und was noch wichtiger ist, du sagst die Wahrheit. Ich habe dich gestern im Kampf beobachtet, und auch das eben war deutlicher als Worte. Was der unvorsichtige Bursche hier noch nicht gelernt hat ist, dass jemand Schwach ist wenn er sich zurückhält. Ihr zwei“, er zeigte auf Radgar und Anyi, „ ihr habt euch gestern zurückgehalten. Drei meiner besten Krieger wurden außer Gefecht gesetzt ohne sie zu töten. Ein unerfahrener Jüngling hätte sie dabei schwer verletzt und sich und seine Freunde noch mehr in Gefahr gebracht. Ihr habt eure Nachteile mehr als mit eurem können mehr als ausgeglichen. Wenn ihr wirklich gewollt hättet, hättet ihr euch mit Leichtigkeit den Weg freikämpfen können, wie ihr gerade gezeigt habt. Aber das habt ihr nicht. Ihr habt gezeigt, dass ihr Ehre besitzt. Heute Nacht werdet ihr Gäste der Shu sein, und morgen werden wir euch so weit wie es geht nach Chadum eskortieren. Ihr solltet in der Lage sein morgen Abend dort anzukommen.“ Mittlerweile tauchte der Krieger zwischen den Baumstämmen wieder auf, doch diesmal war er in Begleitung von anderen. Jeder von ihnen trug eine große Schale mit Essen, die sie um die Feuerstelle herum aufstellten. Die Krieger, die bisher auf den Bäumen ausgeharrt hatten, kletterten auch hinunter und gesellten sich zu der Gruppe. Toni setzte sich schnell vor eine der Platten mit dem Essen, und so langsam entwickelte sich eine lockerleichte Atmosphäre. Irgendwoher kamen auch noch ein paar Musiker, die auf Trommeln ein paar der Stammestänze aufspielten. Alles in allem endete der Abend in einem fröhlichen, kleinen Fest, in dem Radgar, Anyi und Toni sich mit dem Stamm der Shu anfreundeten. Nur einer war davon nicht begeistert. Der Krieger HoKu betrachtete die ganze Sache misstrauisch, und machte sich recht früh in die Dunkelheit davon.

Kapitel 22 - Chadum

„He Col, beeil dich mal etwas mit dem Gemüse. Die Leute werden bald da sein.“ brüllte der dicke Wirt seinen Küchenjungen über die Schulter an. „Es ist doch jeden Tag das gleiche mit dem Jungen,“ grummelte er den Bierkrug an, den er gerade mit einem Tuch versuchte sauber zu machen. Die Sonne stand schon recht niedrig, und bald würden die Feldarbeiter von den umliegenden Feldern zu ihm in die Taverne strömen um dort bei einem guten Krug Bier oder dem Eintopf ihren harten Arbeitstag zu mindestens für ein paar Stunden zu vergessen. Wenn der Bursche nur endlich das Gemüse für den Eintopf fertig kriegen würde. Ohne Gemüse kein Eintopf, ohne Essen auf dem Tisch hungrige und wütende Kundschaft. Der Wirt schüttelte betrübt den Kopf, stellte den Krug wieder aufs Regalbord und griff nach dem nächsten in dem Waschzuber. Als er auch den geputzt hatte, wollte er sich gerade wieder über seinen Küchenjungen aufregen, als sich die Tür öffnete. Gegen das von draußen scheinende Licht konnte er im ersten Moment zwar nicht erkennen wer da in seine Gaststube kam, aber für seine übliche Kundschaft war es noch zu früh. Aber er brauchte auch nicht lange zu warten. Drei Gestalten betraten den Schankraum und blieben knapp hinter der Tür stehen. Alle drei trugen graue, bis zum Boden reichende Kapuzenumhänge, die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen und die Umhänge möglichst weit geschlossen. Der zuletzt Eingetretene schloss die Tür wieder, während die anderen beiden zu ihm an die Theke traten. Als die vorderste Gestallt ihre Kapuze abnahm, öffnete sich ihr Umhang ein Stück und dem Wirt fuhr ein leichter Schreck in die Glieder. Diese Frau war eine Elfe. Doch es war nicht das, was den Wirt erschreckte. Selbst in einem kleinen Ort wie diesem gab es ein paar elfische Bewohner. Doch diese Elfe trug das Amulett der Lunaria um den Hals. Das konnte nur Ärger bedeuten, soviel war dem Wirt klar. „Ich und meine Diener brauchen eine Unterkunft für eine Nacht, sowie eine warme Mahlzeit heute Abend und Proviant für ein paar Tage morgen früh“, sagte sie mit ihrer melodischen Stimme. Doch all die Lieblichkeit konnte den Befehlston und die Geringschätzung darin nicht verbergen. Der Wirt erschauerte, legte den Krug zu Seite und verbeugte sich rasch. „Wie Ihr wünscht, Mylady. Wenn Ihr euch einen Moment setzten würdet, werde ich alles Nötige veranlassen.“ Die Elfe nickte einmal kurz und der Wirt stellte seinen Krug ab und machte sich in die Küche davon. Als er an der Schwenktür noch einmal zurück in den Schankraum schaute, sah er wie sich die Elfe an eine der Tischgruppen setzte. Ihre zwei Begleiter waren ihr ohne ein Wort zu sagen gefolgt. Der junge Mann, der die Tür geschlossen hatte, nahm auch seine Kapuze ab und stellte den großen Rucksack auf einen der freien Stühle. Er strich sich seine kurzen schwarzen Haare aus dem Gesicht wollte sich gerade auf einen der anderen Stühle fallen lassen, als die Elfe ihn anzischte. Daraufhin erhob er sich und stellte sich mit einem deutlichem Missfallen neben ihr hin. Kopfschüttelnd machte der Wirt sich daran nach seinem Küchenjungen zu sehen und ihm neue Aufgaben zu geben. „Seltsam,“ dachte er bei sich, „Irgendwie kommt diese Elfe mir bekannt vor. Aber wo hab ich sie nur schon einmal gesehen?“

Diese hatte mittlerweile einen kleinen Zauber gewirkt, der es eventuellen Lauschern unmöglich machen würde ihrer Tätigkeit nachzugehen. Sie blickte zu dem Mann zu ihrer linken auf und sah, wie dieser die Stirn runzelte. „Stimmt irgendetwas nicht, Mylord?“ fragte sie ihn. „Musstest du diesen Wirt so behandeln?“ Er drehte leicht den Kopf und blickte in die Richtung Küche. „Wir wissen nicht wie die derzeitige Lage ist. Wenn der Orden wirklich nach dir oder mir sucht, wird sich der Wirt vielleicht wenig geneigt sein uns zu helfen, wenn du ihn so mies behandelst.“ Anyi senkte ihren Kopf als sie Radgar‘s Blick auswich. „Ich musste ihn so behandeln. Die Elfen gelten den Menschen gegenüber als arrogant und hochnäsig, und die Mitglieder des Ordens noch mehr. Wenn wir die erwarteten Rollen nicht spielen, werden wir Verdacht erregen.“ Ihr Blick ruckte zu Toni. „Dass er sich einfach so zu mir an den Tisch setzten wollte, ist dem Wirt schon aufgefallen. Wenn wir nicht aufpassen, werden wir schneller erkannt als uns lieb sein kann.“ Toni sah sich im Schankraum um und meinte: „Was meinst du mit erkannt? Hier ist doch niemand.“ Anyi fixierte ihn mit ihrem Blick und erwiderte: „Du Torfkopf hast es vielleicht nicht mitbekommen, aber die Lunaria haben in überall ihre Informanten. Wenn wir wegen deinem Verhalten als Fremde erkannt werden, wird der Orden davon erfahren. Es ist ja nicht umsonst so, dass ich die Herrin von euch beiden spiele. Unter normalen Umständen wäre es vollkommen undenkbar das Mylord sich als mein Leibwächter ausgeben muss.“ Radgar wollte noch etwas dazu sagen, doch in dem Moment kam der Wirt wieder in die Schankstube zurück. Er ging wieder hinter die Theke und begann wieder mit dem Waschen seiner Krüge. Dabei hatte er ein wachsames Auge auf seine Gäste. Radgar missfiel die Art, wie er zu ihnen herüber schaute und ging an den Tresen. Als er seine Hände auf selbigen legte, wurden sein weinroter Wappenrock und der Schwertgurt mit dem Kurzschwert sichtbar. Er deutete dem Wirt näher zu kommen, und dieser beugte sich leicht zu ihm über die Theke. „Hört zu Wirt“, sagte Radgar in einem leisen und warnenden Tonfall. „Es wäre besser für Euch, wenn Ihr meine Herrin nicht so anstarren würdet. Sie ist im Moment nicht in bester Stimmung.“ Für einen Moment schien der Wirt seine Zurückhaltung zu vergessen. „Wollt Ihr mir Drohen?“ Der Wirt legte seinen Krug aufs Bord und stemmte seine Hände auf die Theke. „Ich will Euch nur warnen“, antwortete Radgar. „ Jemand wie Ihr sollte wissen, dass mit einer wütenden Lunaria nicht zu spaßen ist.“ Der Wirt schien nicht überzeugt zu sein. „Was meint ihr mit -Jemand wie ich-? Wollt ihr mir etwas unterstellen?“ „Nein, aber ich dachte mir, dass ihr wisst, welchen Ärger eine verstimmte Lunaria verursachen kann.“ Der Wirt wich dem eindringlichem Blick Radgar`s aus und nickte einmal. Radgar hingegen drehte sich wieder um und ging zum Tisch zurück. Nach ein paar Minuten sahen sie dann wie ein Junge aus der Küche kam und dem Wirt einmal zunickte. Dieser legte seinen Krug beiseite und kam dann zu der kleinen Gruppe. Radgar stellte sich ihm demonstrativ in den Weg. Mit einer Verbeugung sagte der Wirt: „Mylady, wir haben Euer Zimmer für Euch hergerichtet, wenn Ihr wünscht, kann ich Euch Euer Abendessen dorthin bringen lassen sobald es fertig ist.“ Anyi drehte leicht den Kopf in seine Richtung, dann erhob sie sich und trat zu dem Wirt. Mit einem Wink deutete sie ihm das er voran gehen sollte. Der Wirt drehte sich um und führte Anyi und Radgar die Treppe hinauf in ein kleines Zimmer. In diesem Zimmer standen ein kleiner Tisch mit einem Stuhl und ein schmales Bett mit einer Strohmatratze. „Ich will morgen in aller Frühe weiterreisen. Meine Diener sollen ein Zimmer nebenan bekommen.“ Mit einem Wink ihrer Hand entließ Anyi den Wirt und deutete auch Radgar zu gehen. „Wie Mylady wünschen“, sagte der Wirt und schritt mit einer Verbeugung aus dem Zimmer. Radgar folgte ihm auf den Gang hinaus. Nachdem er die Tür zu dem Zimmer geschlossen hatte stellte er sich demonstrativ davor. „Bitte deutet meinem Kameraden doch, dass er auch hier herauf kommen soll wenn Ihr wieder in die Schankstube hinuntergeht.“ Der Wirt nickte nur und machte sich dann wieder auf die Treppe runter. Kurz darauf kam Toni schwer schnaufend herauf. Nachdem er den schweren Rucksack auf dem Boden abgestellt hatte, funkelte er Radgar leicht wütend an und ließ sich neben dem Rucksack auf den Boden gleiten. Radgar streckte die Hand nach dem Rucksack aus und warf ihn sich über die Schulter, doch bevor er etwas sagen konnte, kam der Küchenjunge mit einem Bündel die Treppe herauf. Er stutzte kurz beim Anblick der zwei Gäste, doch dann lief er schnell an ihnen vorbei und verschwand in der nächsten Tür. Als er kurz darauf wieder hervorkam wandte er sich an Radgar. „Ich habe das Zimmer hergerichtet. Wünscht Ihr Eure Mahlzeit ebenfalls hier oben einzunehmen?“ „Wir werden hier oben essen. Und kannst du bitte zu dem Essen etwas rohes Geflügel packen?“ „Jawohl Herr, wie ihr wünscht.“ Der Küchenjunge war sichtlich verwirrt. Aber schnell besann er sich wieder seiner Aufgaben und verschwand die Treppe herunter. Radgar hingegen drehte sich nur einfach um und verschwand kurz in dem Zimmer, wo er den Rucksack abstellte. Toni konnte sich auch endlich aufrappeln und folgte ihm in das Zimmer, wo er sich rückwärts auf das einzige Bett fallen ließ. "Wenn du willst, kannst du das Bett verwenden, ich werd es mir woanders bequem machen." Toni grummelte nur etwas, doch Radgar war wieder zur Tür hinaus.

Kapital 23 - Verraten

Es dauerte nicht eine Stunde, bis der Wirt in Begleitung seines Küchenjungen die Treppe hinaufstieg. Beide trugen schwer an den Schalen und Schüsseln. Der Wirt stellte seine Ladung auf eine kleine Kommode, die im Flur stand und deutete gegenüber Radgar eine Verbeugung an. „Ich habe hier das bestellte Essen. Wenn es der hohen Frau genehm ist.“ Radgar nickte einmal und klopfte an die Tür von Anyi’s Zimmer. Als diese ihr Ok gab, öffnete Radgar die Tür und ließ den Wirt hinein. Nachdem er seine Ladung vor Anyi abgestellt hatte, verbeugte er sich noch einmal und ging wieder aus dem Zimmer. Sein Küchenjunge hatte mittlerweile seinen Teil der Lasten in das Zimmer von Radgar und Toni gebracht und kam ebenfalls gerade raus. Nachdem die beiden sich wieder aus dem Staub gemacht hatten, ging Radgar wieder zu Toni ins Zimmer. Dieser war schon dabei die Schalen zu sortieren und sich an seinem Eintopf zu bedienen. Die Silias kroch aus Radgar’s Ärmel hinaus und auf die Schale mit dem rohen Hühnerfleisch zu, doch blieb dann davor stehen und fauchte laut das Fleisch an. Radgar machte das stutzig, und gerade als er Toni ansprechen wollte, fiel dem seine Schale aus der Hand. Der Eintopf verteilte sich auf dem Boden, während Tonis Kopf auf den Tisch plumpste. Ein leichtes, immer stärker werdendes Schnarchen war dann das einzige, was Toni von sich gab. Zu diesem Schnarchen mischte sich langsam der Klang von Stiefeln im Gleichschritt. Radgar’s Gedanken rasten. Er stand auf und ging so leise wie möglich zur Tür. Vorsichtig öffnete er diese und sah hinaus. Der Flur war leer, also schlich er zu Anyi ins Zimmer. Dort musste er feststellen, dass die Elfe ebenfalls betäubt auf ihrem Stuhl saß. Bevor er aber auch nur irgendwas tun konnte, hörte er wie draußen Befehle gebrüllt wurden. Schwere Stiefelschritte stapften unten durch die Gaststube und wieder wurde etwas Gebrüllt. Als letzten Ausweg lief Radgar zum Fenster und schaute hinaus. Draußen begann das Vordach, welches einmal um das Wirtshaus herumlief. Es war sehr flach, aber draußen waren die Soldaten zu sehen, wie sie vor dem Gasthaus Wache standen. Die Schweren Stiefelschritte kamen nun die Treppe hinauf, so blieb Radgar erst einmal keine andere Wahl, als aus dem Fenster auf das Dach zu klettern. Draußen sah er, dass am Nebengebäude ein Fenster offenstand, das er mit einem Sprung vom Dach aus erreichen könnte. Ohne lange zu überlegen nahm er Anlauf und sprang. Zu seinem Glück sah in dem Moment keine der Wachen vor dem Gasthaus nach Oben, und so flog er durch das Fenster. Reflexartig kugelte er sich zusammen, und es gelang ihm sich recht akrobatisch abzurollen. Pech war nur, das er dabei eine Magd umriss, die gerade in dem Zimmer stand und Wäsche in einen Schrank räumte. Sie keuchte einmal auf, als sie von Radgar umgerissen wurde unter ihm liegen blieb. Blitzschnell hielt er ihr den Mund zu und konnte so gerade noch einen Schrei von ihr unterdrücken. Es folgte ein kurzes Handgemenge, doch endlich schaffte es Radgar die Magd am Boden fest- und ihr den Mund zuzuhalten. Dann hielt er kurz inne und sah sich mit gehetztem Blick um, lauschte auf die Soldaten draußen und die Geräusche im Haus. Als er wieder zur Magd schaute, sah er ihre Panik in den Augen. Sie war noch sehr jung, vielleicht nur ein zwei Jahre jünger als er selbst. „Ich will dir nichts tun. Aber wenn du schreist, muss ich dir wieder den Mund schließen. Ich werde jetzt langsam meine Hand wegnehmen und aufstehen. Wenn du still bleibst, werde ich gleich gehen und weder dir noch jemand anderem wird etwas geschehen. Verstanden?“ Auch wenn die Panik nicht erlosch, so weiteten sich die Augen kurz, als hätte sie Radgar erkannt. Trotzdem nickte sie ein paarmal ruckartig. Langsam nahm Radgar die Hand weg. Die Magd blieb ruhig liegen, zwar immer noch angsterfüllt, aber ihre Panik schien sich etwas gemindert zu haben. Weiterhin sehr langsam erhob sich Radgar und ging neben ihr in die Hocke. „Wer ist noch im Haus?“ fragte er die Magd. „Nur die Herrin und drei Bedienstete“, sagte diese mit schwacher Stimme. „Ihr seid einer der Verräter?“ „Was? “ „Ihr gehört doch zu der Elfe, die vom Orden wegen Verrats gesucht wird. Euer Bild war auch auf dem Steckbrief.“ Radgar fluchte einmal mit zusammengebissenen Zähnen. Er schlich zu dem Fenster und versuchte vorsichtig hinauszusehen. Draußen waren ein paar Soldaten damit beschäftigt, Anyi und Toni aus dem Wirtshaus zu tragen, während ein Mann mit einem Lederhelm mit dem Wirt sprach. Dieser war sichtlich nervös, was aber weniger an dem Hauptmann lag, sondern scheinbar an einem dritten. Als der dritte sich leicht umdrehte, erkannte Radgar, dass er Insignien auf der Uniform trug. Als er das Symbol erkannte, zuckte er von dem Fenster weg. Mit violetter Farbe war das Symbol des Ordens auf die Brust der Uniform gemalt. Für einen kurzen Augenblick war er wieder in der heimischen Küche und hörte seiner Ziehmutter zu.

Der Orden verfügt nicht nur über besondere magische Kräfte, er hat auch einen starken weltlichen Arm. Die Wachmannschaften des Ordens haben als Erkennungsmerkmal das Wappen des Ordens auf der Uniform. Unter diesen Gruppen sind die Gata Chaòlu die Gefährlichste. Sie sind die Inquisitoren des Ordens und verfügen über weitreichende Kenntnisse über Verhör und Foltermethoden. Sie sind einzig dem Triumvirat unterstellt und versuchen all jene ausfindig zu machen, die sich gegen den Orden stellen.“

Ein scharren ließ Radgar wieder aufblicken. Die Magd hatte sich erhoben und hielt ein kleines Seil in der Hand. Ein Klingelzug, schoss es Radgar durch den Kopf. Bevor er auch nur einen Moment überlegen konnte, hörte er schon Schritte auf dem Flur. Ohne viel zu überlegen stellte Radgar einen Fuß auf das Fensterbrett und sprang mit all seiner Kraft zurück auf das Vordach des Wirtshauses. Doch die Schindeln rutschten weg und er stolperte. Dieses Mal wurde er nicht nur vom Boden aus gehört, nein er rutschte auch noch vom Dach und fiel auf die Erde. Durch den Sturz benommen wollte Radgar sich gerade aufraffen, als ihm auch schon eine Speerspitze auf die Brust gedrückt wurde. Einer der Soldaten hielt ihm am Boden, während sein Kamerad loslief um den Kommandeur zu holen. Dieser ließ nicht lange auf sich warten. Mit finster dreinblickendem Gesicht betrachtete er den im Dreck liegenden Radgar. „Entwaffnet ihn und dann Sperrt ihn zu den anderen.“ Die Wachen zerrten Radgar auf die Füße und klopften ihn kurz ab. Während sie ihn danach zu dem abführten, gesellte sich der Inquisitor zu ihnen. „Na da schau her. Wohl versucht übers Dach zu flüchten wie?“ Radgar musste erst einmal schlucken bevor er antworten konnte. „Ich bin nur ein Wächter. Diese Elfe hat mich angeheuert, damit ich sie vor dem Viehzeug des Waldes beschütze. Ich hatte keine Ahnung wer sie ist, ehrlich“ Radgar versuchte sein bestes, den verängstigten Schwertkämpfer zu spielen, doch der Inquisitor verzog nur höhnisch das Gesicht. „Ein Wachmann ohne Waffen, der noch grün hinter den Ohren ist und sein Mündel beim kleinsten Anzeichen von Gefahr in Stich lässt? Für so etwas haben wir keine Verwendung, außer in den Steinbrüchen. Hatte er noch was Interessantes bei sich?“ fragte er die beiden eskortierenden Wachen. Als diese aber verneinten wandte er sich enttäuscht ab. Die Soldaten führten Radgar vor das Gasthaus, wo ein Pferdewagen mit Holzkäfig stand. In diesem lagen bereits Toni und Anyi, beide noch bewusstlos und mit an den Käfig gefesselten Händen. Während Radgar‘s Hände ebenfalls an die Käfigwände gefesselt wurden, sammelten sich immer mehr Bewohner des Dorfes um den Käfigwagen. Von seinem Platz aus sah er in der Menge auch den Wirt stehen. Dem Mann war sichtlich unwohl bei dem sich ihm bietenden Anblick. Radgar hatte aber kaum Mitleid mit dem Mann, der sie wissentlich in die Falle geführt hatte. Als der Wagen ruckte und losfuhr, konnte Radgar auch die Magd aus dem Nachbarhaus entdecken, wie sie zu dem Wirt lief und ihm ihre Hand an den Arm legte. Da legte der Wirt seinerseits den Arm um sie und beide sahen den Wagen hinterher. Der Wirt sagte noch irgendwas zu ihr, woraufhin sie kurz nickte und davoneilte. Dann bog der Wagen um die Ecke und rumpelte die Straße lang, umringt von den Soldaten des Trupps, und vom Dorfplatz war nichts mehr zu sehen. „Versuch erst gar keine Dummheiten Bursche“, kam es vom Kutschbock. Der Inquisitor hatte darauf Platz genommen und drehte sich leicht zu seiner Beute herum. „Wir wissen ganz genau wie man euch Verräter und Scharlatane unschädlich macht. Solange eure Hände gefesselt sind, könnt ihr keinerlei Magie wirken“, sagte er und fing dreckig an zu lachen. Radgar setzte eine möglichst resignierte Miene auf, wusste aber schon was er machen würde wenn der geeignete Zeitpunkt gekommen wäre.

Kapitel 24 - Vom Regen…

Der Wagen rumpelte eine halbe Stunde den Feldweg entlang als der Trupp an einen Waldrand kam. Mittlerweile war die Sonne hinter den Bergrücken gesunken. Das ganze Tal lag nun im Halbschatten der Berge rundherum und der Hauptmann befahl das entzünden der Fackeln. Nachdem diese ausgeteilt waren und die Umgebung in ihr rötliches Licht tauchten, bewegte der Tross sich weiter. Der Weg führte in Serpentinen einen Hang hinauf und endete dann abrupt. Der Tross hatte ein kleines Plateau erreicht, das den Scheitelpunkt des Passes aus dem Tal markierte. Während links von ihnen eine Steile Felsklippe einen wunderbaren Ausblick auf das Tal freigab, thronte vor ihnen auf eben dieser Klippe eine kleine, aber trutzig wirkende Festung, die mit dem Rücken an eine andere Felswand gebaut war. Zur rechten Seite war eine steile Felswand, und der Weg führte dicht an der Festung vorbei und verschwand wieder in der Schlucht. Das Plateau war nicht sehr groß, und so dauerte es nicht lange bis der Wagen durch das Tor rumpelte. Im Innern waren ein paar Häuser zu sehen, die meisten waren einfache Blockhütten, doch das Haupthaus war aus massivem Stein erbaut und erinnerte eher an einen Burgfried als an ein Haus. Während die Wachsoldaten sich aufteilten und verschiedene Gebäude ansteuerten, fuhr der Wagen direkt zu dem Haupthaus und hielt davor an. „Willkommen auf Ganoir“, sagte der Hauptmann mit einem gemeinen Grinsen. Radgar wurde in das Haus geführt, durch eine Tür und eine lange Wendeltreppe hinunter in den Keller. An den Wänden sah Radgar verschiedene Reliefzeichnungen im Gestein, die ihn an irgendetwas erinnerten. Leider konnte er nicht einordnen woher ihm die Zeichnungen bekannt vorkamen. Scheinbar nachträglich waren mehrere Metallgitter in das Gestein getrieben worden. In einen der Käfige wurde er gestoßen, während Anyi und Toni beide in je eine der Nebenzellen getragen wurden. Nachdem alle drei an eisernen Ringen an die Wand gefesselt waren, wurden sie allein gelassen.

Nach geraumer Zeit wurde die Tür zum Kerker wieder geöffnet und der Inquisitor trat in Begleitung einer Gaora’Su und einigen Wachen in den Raum. Einer der Wachen nahm zwei Stühle von der Wand und stellte sie vor den Käfigwänden gegenüber auf. Radgar entging nicht, dass die Stühle nun auf dem Rand eines in die Bodensteine eingeritzten Kreises standen. Die Gaora’Su setzte sich auf den ersten, während der Hauptmann auf Radgar deutete. Zwei der Soldaten schlossen die Käfig Tür auf und lösten Radgar‘s Fesseln von der Wandbefestigung. Danach setzten sie ihn auf den zweiten Stuhl und fesselten ihm die Hände auf den Rücken. „Was habt ihr vor?“ „Ich werde dich befragen.“ Schnurrte die Gaora’Su zur Antwort. Und da legte sie ihm auch schon den Zeige- und Mittelfinger jeder Hand an die Schläfe und schloss die Augen. Zuerst spürte Radgar nichts, doch dann merkte er wie etwas versuchte in seine Gedanken einzudringen. Er schloss seinerseits die Augen und sah die Gaora‘Su in der schwarzen Welt seines Geistes vor ihm stehen. Verächtlich schaute sie ihn an. „Denkst du Wicht wirklich, du könntest mir Widerstand leisten?“ Ihre Gestalt kam näher. „Denkst du, du könntest einfach so in meine Gedanken schauen?“ fragte Radgar zurück. Laut fauchend rannte die Gaora’Su auf Radgar zu und prallte plötzlich zurück, so als ob sie gegen eine unsichtbare Wand gelaufen wäre. Nun Griff Radgar seinerseits an und fegte durch ihren Geist wie eine riesige Tsunamiwelle. Vor seinem geistigen Auge sah er die Katzenfrau auf den Boden kauern und ein schwaches und ängstliches „Mau“ von sich zu geben, bevor Radgar in ihren Geist eindrang. Ihre aus seiner Sicht armseligen Verteidigungsversuche wischte er schon fast mit einem Fingerschnippen bei Seite. Radgar griff sich die Informationen aus ihrem Geist die er wollte. Danach schlug er ihr geistiges Ich bewusstlos. Ein ersticktes Keuchen war in der realen Welt zu hören, als die Gaora’Su ihren Kopf zurückwarf und die Hände von Radgar’s Schläfen zuckten. Sie zuckte ein paarmal und brach dann auf ihrem Stuhl zusammen. Der Inquisitor starrte verblüfft seine Verhörspezialistin an, doch ein Lichtblitz hinter Radgar ließ ihn zu seinem Gefangenen herumdrehen. Noch mitten in der Drehung krachte aber schon Tsao’s Klinge gegen seine Schläfe und er fiel wie ein nasser Mehlsack bewusstlos zusammen. Nun waren nur noch drei Wachen und die apathische Frau im Kerker. Schnell sprang Radgar auf den nächsten zu und rammte ihm sein Knie in den Magen. Der Wachmann keuchte einmal und sank dann auch zu Boden. Noch während er sich zu dem Nächsten umdrehte, hörte Radgar ein leises „klong“ von der dritten Wache kommen. Anyi hatte diesem Wachmann von hinten durch die Käfigstäbe gegriffen und hielt ihn mit dem Arm um den Hals am Gitter fest. Die dritte Wache schaffte es gerade mal noch ihren Speer zu senken, aber Radgar fegte die Speerspitze beiseite und schickte auch diese Wache ins Reich der Träume. „Wieso bist du wach?“ fragte Radgar Anyi, während er die Wachen nach dem Zellenschlüssel durchsuchte. „Ich war nie wirklich betäubt. Als ich was essen wollte, habe ich eine kleine Notiz unter der Schale bemerkt. Da stand drauf das ein Schlafmittel im Essen sei und das die Gata Chaòlu bald hier sein werde. Also hab ich mich durch einen Zauber in eine kurzfristige Scheinbetäubung versetzt. Diese hatte aufgehört zu wirken, als wir aus Chadum weggebracht wurden. Ich hab mich dann einfach nur weiter schlafend gestellt, weil ich auf eine Chance warten wollte. Als das Verhör beginnen sollte, haben alle nur auf Euch geachtet und ich konnte mich von den Seilen befreien.“ Mittlerweile hatte Radgar den Schlüssel gefunden und Anyi‘s Zellentür geöffnet. Gemeinsam packten sie die KO-geschlagenen hoch und legten sie in die Zellen, jedoch nicht ohne sie dort zu fesseln und zu knebeln. Zweien der Wachen zogen sie außerdem die Wappenröcke aus, um sich wenigstens eine leichte Verkleidung zuzulegen. Danach machten sie sich auf den Weg nach draußen, Toni trugen sie dabei zwischen sich. Draußen auf dem Hauptplatz versuchten sie gerade Toni in den Käfigwagen zu legen, als auf einmal der Hauptmann, der ihren Verhaftungstrupp geleitet hatte um die Gebäudeecke trat. Er erkannte Toni und kam näher. Als er Radgar und Anyi sah, zog er schnelle eine Pfeife hervor und gab Alarm. Schnell wurde das Signal weitergegeben und die ganze Festung in Alarmbereitschaft versetzt. Die drei Ausbrecher konnten kaum so schnell reagieren wie sie wieder umzingelt waren. Zwei der Soldaten wurde in den Kerker geschickt um zu kontrollieren was da unten passiert ist. Es dauerte nicht al zu lang bis die beiden wiederkamen, dieses Mal mit dem Inquisitor zwischen ihnen. Der Gute war noch nicht wieder bei Bewusstsein, aber nachdem ihm einer der Soldaten einen Eimer Wasser über den Kopf goss, kam er prustend und schnaubend wieder zu sich. Erst schaute er sich verwirrt um, doch dann fiel sein Blick auf Radgar und prompt lief er rot an. Lauthals forderte er, dass die drei sorgfältigst gefesselt und dann in die Minen abtransportiert werden sollten. Der Hauptmann der Soldaten gab noch zu bedenken, dass sie noch keine Befehle aus Zapora erhalten haben, aber davon wollte der Inquisitor in seiner Wut nichts hören.

Unter schwerster Bewachung wurden die drei wieder in den Käfigwagen gesteckt, jedoch nicht ohne dass man ihnen metallene Fesseln anlegte. Als der Wagen wieder losrumpelte, wurde er diesmal von einer ziemlich starken Eskorte begleitet. Der selbstgefällige Inquisitor saß mit einem behelfsmäßigen Verband um den Kopf auf dem Kutschbock und feixte über die Hilflosigkeit seiner Gefangenen. Es war ihm anzusehen, dass er das Elend seiner jungen Gefangenen genoss. Der Weg führte bald durch einen Wald, doch das beunruhigte den Gata Chaòlu Offizier in keinster Weise. „Herr Hauptmann, warum bringen wir diese Kinder eigentlich zur Mine?“ fragte ihn sein Adjutant. Glucksend antwortete dieser: „Ja, warum eigentlich? Wir könnten sie auch einfach an einen Baum binden und ihnen die Sehnen durchschneiden. Dann könnten sich die wilden Tie… “ Weiter kam er nicht, denn auf einmal steckten ihm je ein Pfeil in Kehle und Brust. Fast geräuschlos sackte er auf seinem Sitz zusammen, als von oben ein Schatten auf den Kutschbock fiel. Dieser Schatten trat den Kutscher und den toten Inquisitor vom Kutschbock und schnappte sich die Zügel. Noch während der Kutscher mit einem lauten Schrei seitlich vom Karren fiel, brachen vereinzelte Soldaten zusammen und klammerten sich an ihre Beine. Auch sie hatten Pfeile drin stecken. Die Gestalt auf dem Kutschbock ließ die Zügel schnalzen und trieb die Pferde an. Der Wagen machte einen Ruck nach vorne und brauste den dunklen Waldweg entlang, bevor die meisten Soldaten auch nur ihre Waffen ziehen konnten. Trotz der unbequemen Fahrt kam Radgar nicht umher, den unbekannten Wagenlenker zu bewundern. Trotz des nächtlichen Dunkel des Waldes fand er in dem Höllentempo seinen Weg. Es dauerte nicht lange bis er bremste und die Pferde langsam zum stehen kommen ließ. „Die ham wa schön ausjetrickst, nich wa, men Jung‘?“ gluckste er als er sich zu Radgar umdrehte. Dieser war immer noch etwas zu überrascht um erst einmal zu reagieren. „Wer sind Sie?“ war das erste, was er sagen konnte. Während der Fremde um den Wagen herumging sprach er mit seiner knarrenden Stimme weiter mehr zu sich als zu Radgar „Recht hat er, der Jung. hab mik no nich vorjestellt. Ik bin de olle Ko‘in, un mene Ufjabe wa es diesen Wajen hier zu klaun.“ „Das reicht Korin.“ Tönte es auf einmal aus dem Wald heraus. „Erst müssen wir wissen, ob unsere Gäste wirklich die sind die sie vorgeben zu sein.“ Hinter dem Wagen schälten sich drei Schatten aus der Dunkelheit. Zwei der Gestalten waren mit Bögen bewaffnet, der Mann in der Mitte ging zu Korin hinüber und stellte sich vor die Käfigtür. Im schwachen Mondlicht blitzte kurz etwas auf, und mit einem metallischen Klirren sprang das Vorhängeschloss auf. Der mit Korin Angesprochene machte sich an der Tür zu schaffen und öffnete sie für den Dazugekommenen. Dieser kletterte in den Käfig, griff in eine seiner Manteltaschen und förderte einen schwach leuchtenden Kristall hervor. Damit beleuchtete er nacheinander die drei gefesselten. Auf Toni warf er nur einen flüchtigen Blick, bei Anyi hielt er schon kurz inne, aber bei Radgar war er so erstaunt, dass er einfach innehielt. „Wer bist du?“ fragte er. Radgar kniff die Augen zusammen, das Licht des Kristalls blendete ihn. Die Stimme des Fremden hatte einen vertrauten Klang, aber er konnte ihn nicht einordnen. Trotzig schaute er hoch zu dem Vermummten, konnte aber wegen des Kristalles nichts erkennen. Plötzlich verlosch der Kristall und der Fremde sprang wieder aus dem Wagen. „Behaltet sie gefesselt, verbindet ihnen die Augen und dann nichts wie weg hier. Wir befragen sie in der Hütte.“ Sagte er zu Korin. Der so angesprochene machte sich gleich daran, Toni und Anyi entsprechend zu verschnüren, danach wandte er sich Radgar zu. „Ik hab zwa kene ahnung wat hier los is, ‚ber ik hab det Spitzohr noch nie so nervös jesehn, also mach mir kenen ärger men Jung. ‚S könnt dat letzte sein, wat du jetan hast.“, beschwor er diesen, als er ihm die Handschellen vom Käfig löste und sie zusammenband. Dann zog er aus seinem Umhang einen langen Stoffstreifen, mit dem er Radgar die Augen verband.

Kapitel 25 - … In die Traufe

Lange Zeit sah Radgar nur den Stoff der Augenbinde. Er spürte wie er gepackt und vorwärts geschoben wurde. Die drei gefangenen stolperten zwischen ihren neuen Wachen durch den dunkeln Wald. Ihre Wachmänner quittierten jede Frage mit einem antreibenden Stoß, so dass die drei es bald aufgaben sie zu fragen wer sie sind und was sie von ihnen wollten. So schien die kleine Gruppe stundenlang durch den Wald zu stiefeln, bis ihnen ohne Vorwarnung die Augenbinden abgenommen wurden. Sie standen am Rand einer großen Lichtung, und sahen gerade noch wie die Fackeln gelöscht wurden. Der Boden bestand hier aus fast blankem Fels, nur an einigen Stellen mit einem Flecken Moos bedeckt. Der Vollmond brach gerade durch die Wolkendecke und beleuchtete eine Hütte aus dunklem Holz, die mitten auf dieser Lichtung stand. Der Anführer des kleinen Trupps ging zu der Tür und klopfte an. Fast Augenblicklich wurde die Tür aufgerissen und er verschwand in dem dunklen Viereck. Bevor Radgar fragen konnte was nun passieren würde, wurde auch er zur Tür geführt, durchgestoßen, stolperte über die Bodenschwelle und schlug der Länge nach auf dem Boden hin. Gerade wollte er sich fluchend umdrehen, da wurde er von zwei kräftigen Klauen gepackt und schwungvoll weiter in die Hütte gezogen. Das reichte aus um ihn ein Stück auf dem Boden entlang zu schleifen, doch da kam er wieder plötzlich um stehen, als er mit den Kopf an die nächsten Wand stieß. Durch den Schein des Mondes sah er noch wie Anyi und Toni ebenfalls durch die Tür gestoßen wurden. Danach beleuchtete nur das Mondlicht die Silhouetten der letzten beiden Männer, bevor die Tür wieder zugestoßen wurde. Sofort wurden im inneren der Hütte Öllampen entzündet, und die plötzliche Helligkeit zwang Radgar die Augen zusammen zu kneifen. Als er sie wieder vorsichtig öffnete sah er neben den Männern, die sie aus dem Wagen befreit hatten noch einen sehr kräftig gebauten Gaora‘Su, der sich leise mit dem Anführer unterhielt. Als letzterer seine Kapuze abnahm kam ein elfisches Gesicht zum Vorschein. Als die beiden ihre Unterhaltung beendet hatten, kamen sie zu Radgar herüber und gingen neben ihm in die Hocke. Der Gaora´Su packte Radgar am Kragen und setzte ihn aufrecht an die Wand. „So Kleiner, nu erzähl mal.“ Sagte der Anführer des Überfallkommandos. „Was soll ich euch erzählen?“ Erwiderte dieser und setzte eine Unschuldsmiene auf. „Der Orden sucht dich. Und das mit einem massigen Aufwand. Nicht nur die Gata Chaòlu ist mit vollem Einsatz dabei, es gibt auch eine Belohnung für Hinweise. Und die ist geradezu obszön mal unter uns gesagt. Dein Glück das wir hier nicht gerade Freunde des Ordens sind. Aber wir machen das auch nicht aus purer Selbstlosigkeit. Wir wollen wissen warum du so begehrt bist. Also fangen wir am besten damit an Warum du gesucht wirst.“ „Ich danke euch für meine Rettung, und die meiner Freunde, aber ich weiß nicht warum der Orden mich sucht. Und solange ich nicht weiß wer ihr seid, werde ich euch mit Sicherheit nicht sagen wer ich bin.“ „Nun gut Kleiner, wenn du nicht willst.“ Grollte der Gaora´Su. Er kniete sich vor Radgar hin und legte seine Finger an Radgar`s Schläfen. „Auf ein Neues“ dachte sich Radgar und wappnete sich auf das Eindringen des fremden Geistes.

Doch bevor der Fremde seine Pfoten an Radgar‘s Schläfe legen konnte, klopfte es wieder rhythmisch an der Tür. Die Fremden schauten sich verwundert an und zogen leise ihre Waffen. Schnell wurden die Lampen in dem Raum gedimmt und unter Abdeckungen verborgen. Ein leises Pfeifen war von draußen zu hören, bevor die Tür geöffnet wurde. Radgar konnte nur zwei Gestalten erkennen, bevor die Tür wieder zugemacht wurde. Da er diesmal wusste was geschehen würde war er darauf vorbereitet, als die Lampen das Zimmer wieder erhellten. Die Eingetretenen trugen lange Umhänge, die Gesichter in den Kapuzen verborgen. Aber trotzdem ahnte Radgar schon, wer einer der beiden war. „Was macht ihr denn hier?“ fragte der Gaora`Su mit seiner grollenden Stimme. „Reg dich ab, mein Großer.“ Sagte die erste Gestalt und griff sich an ihre Kapuze. Als Ak`Sun ihre Kapuze zurückwarf, wandelte sich auch ihr äußeres von ihrer menschlichen Tarnung zu ihrem wahren Aussehen. Ihr Blick glitt über die in der Hütte Anwesenden und blieb bei Radgar hängen. Ihre Augen weiteten sich für einen Moment, dann fuhr sie zu dem Elfen herum. „Du spitzohriger Schwachkopf!“ fuhr sie den Elfen an. Dieser zuckte zurück, Verwirrung breitete sich auf seinem Gesicht aus und er blickte von Ak`Sun zu Radgar. Sie blickte auch zu Radgar und sagte „Und ihr Mylord? Wie lange wollt ihr da noch so herumliegen?“ Radgar stieß ein hörbares Seufzen aus. Ein Licht flackerte kurz hinter seinem Rücken auf und Radgar massierte sich seine Handgelenke, bevor er sich aufrichtete. Als er von dem Gaora`Su zu dem vermeintlichem Anführer schaute, musste er sich sehr anstrengen nicht in lautes Gelächter auszubrechen, so ungläubig und dämlich schauten die beiden aus der Wäsche. Doch der Riesenkater fing sich sehr schnell wieder und wollte Radgar packen. Ak`Sun rief „Nein Gulak!“ und bewegte ihren Arm als wollte sie ihn zurückhalten, aber da war es schon zu spät. Doch gerade als der Angreifer Radgar packen wollte, verschwand dieser, und sein Angreifer landete mit einem Krachen kopfüber an er Wand, wo er dran herunter glitt und dann wie in einem missglücktem Kopfstand liegenblieb. Radgar drehte sich wieder zu Ak’Sun um. Doch schnell stoppte er seine Drehung, als er eine Schwertspitze auf der Schulter spürte. Der schweigsame Anführer hatte seine Waffe gezogen und sie dort hingelegt. Bevor aber wieder irgendwer reagieren konnte, schlug Radgar das Schwert mit Tsao beiseite, ließ seine Schneide an der Klinge seines Gegenübers entlang gleiten und schlug dem Mann das Schwert aus der Hand. Das Schwert wirbelte nach oben und Radgar sandte seinen Gegner mit einem Handballenstoß gegen die Brust gegen die nächste Bretterwand. Das wieder nach unten fallende Schwert wurde von Radgar geschickt aus der Luft gefischt. Ak’Sun seufzte und sagte dann: „Ich wollte euch noch warnen, aber gegen den Jungen kommt ihr nicht an.“ Der als Gulak angesprochene Riesenkater fauchte unterdrückt und kämpfte sich wieder auf die Beine, und auch der Andere rappelte sich wieder auf. Leicht missmutig schauten sie zu Radgar, während dieser Anyi und Toni die Fesseln durchschnitt. „Hättest du vielleicht mal die Güte mir zu erklären was hier los ist?“ wandte sich der Riesenkater grollend an Ak’Sun. „Erst verschwindest du monatelang ohne Nachricht, dann wird ohne Vorwarnung die Gata Chaòlu in volle Alarmbereitschaft versetzt und drei Fremde geben sich als Gesandte des Ordens aus.“ Ak`Sun zuckte nur kurz mit den Schultern. „Der graue Schlächter hatte Reev’s Gruppe und mich angeheuert den Jungen auszuschalten, aber wie du gemerkt hast, ist er etwas stärker als er aussieht.“ Ein schiefes Grinsen erschien auf dem Katzengesicht. „Er hat uns alle zusammen ausgeschaltet. Die Elfe ist sein Schoßhündchen und auch nicht ohne, also solltest du sie besser nicht auf die Probe stellen.“ Ihr Blick wanderte von Anyi zu Toni. „Was den Kleinen angeht, der ist aus Versehen hier. Er ist gerade in dem Moment mit dem Schlächter im Nacken aufgetaucht, als wir das Portal für die Rückreise errichtet hatten, da mussten wir ihn mitnehmen. Reicht dir das, Fânlien?“ Der Angesprochene nickte einmal kurz und sah zu Radgar. „Kurz vor Sonnenuntergang bekamen wir eine Nachricht aus Chadum, das dort die Gata Chaòlu ziemlich für Aufregung sorgt und das sie drei gefährliche Verräter festgenommen habe. Wir haben daraufhin Ganoir beobachtet. Erst ist ein Gefangenentransporter angekommen, ein paar Stunden später gab es einen ziemlichen Aufruhr, und kurz darauf wurden die drei mit einer Eskorte Richtung Minen gekarrt. Da das eine günstige Gelegenheit war, haben wir den Konvoi abgefangen. Erst nachdem wir den Wachen erst einmal entkommen waren, habe ich mir die drei genauer angesehen. Bei dem Jungen bekam ich auf einmal ein komisches Gefühl, deswegen haben wir sie mitgenommen. Da er uns aber nichts über sich erzählen wollte, wollten wir gerade sicherstellen das sie keine Spitzel des Ordens sind.“ An Radgar gewandt fügte er hinzu: „Wenn es Stimmt was Ak’Sun sagt, warum habt ihr dann nichts gesagt, das hätte uns viel Ärger erspart.“ „Weil wir nicht wussten wer ihr seid. Abgesehen von dem Inquisitor gab es bei eurer Befreiungsaktion keine schweren Verletzungen. Das ganze hätte auch ein Trick sein können um Informationen aus uns rauszuholen. Und auch jetzt würde ich lieber nichts zu meiner Person sagen, genauso wenig wie meine Begleiter.“ Bei dem letzten Satz wurden Gulak‘s Augen wieder schmale Schlitze. Drohend zeigte er auf Radgar und knurrte: „Hör mal zu du kleiner Wicht. Ohne uns wärst du schon fast in den Minen, und dann währe es vorbei mit euch. Zeig gefälligst etwas Dankbarkeit und Respekt wenn du nicht willst das ich..“ „Das reicht Gulak!“ fuhr Fânlien dazwischen. „Es war ein langer Tag und wir sind alle etwas angespannt. Wie wäre es wenn wir uns erst mal hinlegen und die Nacht drüber schlafen?“ Gulak knurrte einmal und blickte von Radgar zu Fânlien und zurück. Doch dann schnaubte er nur und ging in eine Ecke der Hütte. Radgar, Anyi und Toni machten es sich in einer Ecke gemütlich, wobei sie misstrauisch von Gulak beobachtet wurden.

Kapitel 26 - Ins Gestein

Radgar träumte wieder von den agetanischen Weiten. Die Sonne versteckte sich noch hinterm Horizont, schickte aber schon ihr Licht voraus, was dem Himmel einen stahlgrauen Farbton verlieh. Er flog über einen tiefen Wald daher, nur an einigen Stellen konnte er durch das dichte Blätterdach einen Blick auf den Boden erhaschen, aber das wenige Tageslicht reichte nicht aus um zu erkennen was da unten vor sich ging. Radgar spürte wie sich der Gleitflug dem Ende näherte und steuerte einen aus dem Blätterdach herausragenden Ast an. Geschickt landete er darauf und begann hinabzuklettern. Am Rande seines Bewusstseins nahm er war, dass er dabei auf allen vieren den Baum entlang kletterte. Schnell gewöhnten sich die Augen an das Zwielicht des Waldes. Unter dem Baum war eine kleine Gruppe von Männern versammelt, zusammengekauert hinter einem dichten Buschwerk. Die meisten waren Soldaten mit schwerer Kettenrüstung und Speeren, aber der eine trug nur eine leichte Lederrüstung und eine Lederkappe. Aber unübersehbar prangte das Zeichen der Gata Chaòlu auf der Brust. Immer wieder sah er durch die Bäume in Richtung Norden. Als Radgar ebenfalls in die Richtung sah, konnte er durch die Bäume in einiger Entfernung eine Lichtung erspähen. Schnell spähte er wieder durch den Wald und entdeckte noch mehr solcher Gruppen, die langsam einen Kreis um diese Lichtung bildeten. Von Baum zu Baum gleitend, näherte er sich der Lichtung. Kurz vor der Lichtung bemerkte er dann einen Wachposten auf einem Ast sitzen. Dieser Wachposten war einer der Bogenschützen, die ihn letzte Nacht aus dem Gefangenentransporter befreit hatten. Als Radgar dann zur Lichtung blickte, sah er die kleine Holzhütte in deren Mitte stehen, in der er sich gerade befand. Radgar fauchte einmal laut auf, zuckte dann mit seinem richtigem Körper zusammen und wachte auf. Er war wieder in der Holzhütte. Drinnen war es noch ziemlich dunkel, bis auf eine waren am Vorabend alle Öllampen ausgemacht worden, und die eine war so stark gedämmt worden, das es gerade mal ausreichte um ein paar dunkle Konturen zu erkennen. Die restlichen Bewohner schliefen alle noch, zusammengekauert in ihren Decken entlang der Wände. Leise erhob er sich, tastete sich zu Anyi rüber und hielt ihr den Mund zu. Dadurch wachte sie erschrocken auf, doch als sie bemerkte das es Radgar war der sie weckte, beruhigte sie sich sofort wieder. Radgar gestikulierte ihr das sie ruhig sein und mit ihm mitkommen soll. Schnell stand sie auf und folgte Radgar in die Mitte der Hütte, wo er ihr schnell und leise von seinem Traum erzählte. Als er fragte, ob es eine Möglichkeit gäbe das Ganze zu überprüfen, ohne einen Angriff zu provozieren, ging sie an eine der Wände und ritzte mit einem Messer einen kleinen Magiekreis in das Holz. „Dieser Zauber beugt das Licht, das durch die Ritzen im Holz sickert und projiziert das was außen zu sehen ist auf die Oberfläche des Kreises.“ Flüsterte sie ihm leise zu. Als sie schließlich Energie in den Magiekreis fließen ließ, erschien das Bild der Lichtung auf der Oberfläche des Kreises. Wie es Radgar geträumt hatte, war die Dämmerung gerade an anbrechen. Er konnte sogar eine der Wachen im Baum erspähen, doch noch während er genauer hinsah, wurde der Wachposten auf einmal von etwas am Kopf getroffen und viel vom Baum. Unten wurde er von drei Soldaten mit einem Netz aufgefangen, schnell verschnürt und in den Wald geschleppt.

Schnell drehte Anyi sich um und stolperte durch die Hütte zu Fânlien. Nachdem sie ihn geweckt und von dem Hinterhalt erzählt hatte, trat auch er an das magische Siegel und schaute hinaus. Er erspähte sofort die nun verwaisten Ausgucke und die lauernden Soldaten im Unterholz. Schnell weckte sie nacheinander die anderen Bewohner der Hütte und machten wieder mehr Licht. Nachdem alle wach waren, wurde schnell die Situation erklärt. Ein leises aber eindringliches Gefluche war von den verschiedenen Leuten zu hören, aber Fânlien ließ sich davon nicht beeindrucken und gab schnell Befehle aus. Radgar, Anyi und Toni wurde befohlen in einer Ecke einen Moment zu warten und sich bereit zu halten, während Gulak begann in der Hütte Lampenöl zu verteilen. Ak’Sun begann mit einem Messer einen Bannkreis in die Tür zu ritzen, der einen Feuerball erzeugen sollte sobald der verriegelnde Querbalken nicht mehr mit dem Siegel verbunden war. Während der Rest hastig die in der Hütte verteilte Ausrüstung zusammenpackte, hockte Fânlien sich hin und begann ein am Boden befindliches Bannsiegel zu aktivieren. Ein Teil des Holzbodens klappte daraufhin auf und gab den Blick auf eine Steintreppe frei. Mit einem Wink deutete er Radgar und den anderen die Treppe hinunter zu steigen und gab ihnen noch mehrere Öllampen mit, nachdem Gulak und Ak’Sun ihre Vorbereitungen beendet hatten, schlossen sie sich der Gruppe an. Als letzter verschwand Fânlien durch die Falltür. Am Ende der Steintreppe befand sich ein großer Raum, der scheinbar als Lagerraum genutzt wurde. Hier ging Fânlien an die Rückwand und drückte einen Pergamentbogen mit einem Magiekreis an den Stein. Ein leises Scharren war zu hören, als ein Teil der Wand nach hinten klappte und den Blick auf einen Tunnel frei gab. Der Gang schien aus dem Felsen heraus gefräst zu sein, die Wände waren glatt und ohne große Unebenheiten. Auf ein Zeichen von Fânlien schulterten alle ihre Rucksäcke und gingen in den Tunnel hinein, wobei jeder zweite zusätzlich eine der Öllampen trug. Nachdem die ganze Gruppe im Tunnel verschwunden war, legte Fânlien im Inneren erneut das Pergament an die Steinwand, woraufhin sich der Eingang wieder verschloss. Schnell eilte die Gruppe den Gang entlang, nach ein paar Minuten hörten sie hinter sich ein dumpfes Rumoren. „Jetzt ist die Hütte gestürmt worden.“ Sagte Ak’Sun zu Radgar. „Und was ist wenn sie den Tunnel finden?“ fragte Anyi dazwischen. „Das werden sie nicht. In dem Moment, wie die Hütte hochgegangen ist, wurde der Tunnel mittels eines Mechanismus versperrt und mit Magie versiegelt. Wenn jemand nicht weiß wo genau er welche Magiekreise anbringen muss, kann er ewig suchen.“ „Ruhe jetzt und weiter.“ Zischte Fânlien hinter ihnen und trieb sie weiter zur Eile an.

Die Reise durch den Gang schien sich endlos hinzuziehen. Ohne einen Hinweis von außerhalb verlor Radgar schnell die Orientierung und das Zeitgefühl. Der Gang war groß genug um darin aufrecht zu stehen, und breit genug um sich bequem darin fortzubewegen, auch wenn Gulak als einziger den Kopf etwas einziehen musste. Die erste Zeit ging der Gang leicht bergab, und die Gruppe beeilte sich voranzukommen. Sehr bald wandelte sich der umgebende Untergrund von dem Felsen zu hartem Erdreich, aber das tat der Geradlinigkeit des Tunnels keinen abriss. Dann wurde der Tunnel wieder eben und führte die Gruppe immer weiter. Eine Ewigkeit später, wie es Radgar schien, mündete der Gang endlich in einem größeren Raum. Hier waren wieder einige Kisten an den Wänden entlang aufgereiht, und am gegenüberliegenden Ende ragte eine Leiter durch ein Loch in der Decke. Die Decke und die Wände waren mit Holzbrettern und Bohlen abgestützt, der Boden mit Steinen und Erde ausgelegt. Die Gruppe begann es sich auf den Kisten bequem zu machen, als Fânlien ein weiteres Pergament hervorholte und es neben der Leiter an die Wand drückte. Daraufhin leuchtete ein kleiner Kristall auf, der in der Decke eingefasst war. „Und was nun?“ fragte Radgar in die Runde. „Nun werden wir uns mal ganz genau unterhalten, mein Kleiner.“ Sagte Fânlien und gab zwei seiner Leute ein Zeichen. Diese sprangen vor und schnappten sich Toni. Bevor Radgar oder Anyi reagieren konnten, überwältigten die beiden den verwirrten Jungen und hielten ihm eine Klinge an den Hals. „Wenn du oder deine kleine Dienerin auch nur das kleinste bisschen Widerstand leistest, werden meine Männer deinen kleinen Freund die Kehle aufschneiden.“ Machte Fânlien Radgar klar. Während dieser seinen Wutimpulsen Einhalt gebot, baute Ak’Sun sich vor dem Elfen auf und fauchte mit zu Schlitzen verengten Augen: „Was fällt dir ein Fânlien? Wenn dieser Junge nicht gewesen wär, wären wir alle nun tot. Oder schlimmer noch, Gefangene der Gata Chaòlu. Was soll das alles also?“ Der Elf blieb von der wütenden Katzendame unbeeindruckt. „Wir wissen nichts über die drei. Wir haben nur dein Wort das sie nicht für den Orden arbeiten. Und das du hast zuletzt auch für den Orden gearbeitet.“ Ak`Sun’s Augen wurden noch schmaler, doch sie schnaubte nur und stellte sich neben Anyi. Verächtlich fixierte sie den Elfen „Na schön du spitzohriger Sturkopf. Tu was du nicht lassen kannst. Aber komm danach nicht an und heul dich aus wenn er dir den Arsch versohlt hat.“

Fânlien trat daraufhin zu Radgar und legte ihm seine Fingerspitzen an die Schläfen. Da Radgar dem Elf nicht einfach freie Hand lassen wollte, hatte er schon eine starke Wand um seinen Geist errichtet. Fânlien war aber nicht so unvorsichtig wie die Verhörspezialistin aus Ganoir, sondern er tastete sich behutsam vor bis er auf die Barriere stieß. Ein wütender Gesichtsausdruck ließ für einen Moment seine Gesichtszüge entgleisen als ihm klar wurde wie stark die Barriere war. „Willst du, dass wir deinen Freund umbringen? Denn genau das wird geschehen wenn du mich nicht in deinen Geist lässt.“ Sandte der Elf über ihre geistige Verbindung. „Ihr könnt es ja versuchen.“ Sandte Radgar zurück und griff nun seinerseits den Elfen an. Wie schon die Gaora`Su in Ganoir versuchte der Elf den geistigen Angriff abzuwehren, aber Radgar’s Denkweise und Taktik waren zu fremd für ihn, als das er ihm effektiv etwas entgegenzusetzen hatte. Schnell überwältigte er den Elfen und lähmte ihn, damit nach außen hin keine verräterischen Anzeichen drangen. Fânlien war klar, dass er keine Chance hatte, trotzdem wollte er nicht kampflos aufgeben. „Was willst du?“ fragte er „Ich will, wie du auch, auf Nummer sicher gehen. Also frage ich dich, wer bist du? Und woher weißt du das Ak`Sun für den Orden arbeitet?“ Im Geiste schnaubte Fânlien einmal. Doch dann begannen Bilder durch seinen Geist zu jagen, während er weitererzählte. „Mein Name ist Fânlien. Ich bin in einem kleinen Ort am Rand der Elfenwälder geboren worden und hatte bis vor ungefähr fünfundzwanzig Jahren ein ziemlich unbeschwertes Leben. Klar, der Orden war damals schon ein Haufen selbstsüchtiger alter Männer, aber sie hielten sich zurück. Dann kam eines Nachts die Gata Chaòlu mit Soldaten. Sie trieben die Dorfbewohner zusammen und beschuldigten uns des Verrats am Orden und den Angriff auf irgend so ein Zirkeltreffen. Sie…“ Dem Elfen versagte die Stimme als er daran zurückdachte. Stattdessen zeigten die Bilder nun die Überreste eines niedergebrannten Hauses und einer Menge verkohlter Leichen. „Als das Geschrei durch das Dorf drang, versteckte ich mich schnell. In meinem Zimmer gab es eine lose Bodendiele mit einem Hohlraum, in dem ich mich als Kind gerne versteckte wenn ich nicht gefunden werden wollte. Nachdem die Soldaten unser Haus durchsucht und geplündert hatten, kroch ich aus meinem Versteck und sah was sie den anderen Dorfbewohnern angetan hatten. Ich wollte sie beerdigen, doch dann hörte ich noch einige Soldaten durch das Dorf streifen. Ich nahm die Beine in die Hand und floh.“ Verbittert wandte sich die geistige Gestalt des Elfen ab. Radgar ließ seinen geistigen Griff nun los, achtete aber auch darauf, dass die Verbindung weiterhin bestand. Als sich der Druck auf den Elfen löste, wandelte sich die Verbitterung auf seinem Gesicht in Verwirrung. „Du hast mir etwas gezeigt das dir nicht sehr leicht gefallen ist. Diese Erinnerung war schmerzhaft und nichts was ich sagen oder tun kann wird etwas daran ändern. Alles was ich dir versprechen kann ist, da ich alles in meiner Macht tun werde um derartiges in Zukunft zu verhindern.“ Fânlien betrachtete Radgar misstrauisch. „Diese Aussage kostet dich eine Antwort, und ich will sie jetzt von dir hören. Wer bist du? Warum glaubst du das du den Orden verändern kannst?“ Radgar grinste kurz. „Schau her und staune.“ Mit diesen Worten verschwand Radgar aus Fânlien’s Gedankenwelt. Als der Elf seine Augen wieder öffnete, sah er das Radgar einen Schritt zurück gemacht hatte. „Was ist los Fânlien? Können wir dem Bengel trauen“ wollte Gulak wissen, „Ja, wut it nu mit de Jung‘?“ kam es von Korin, doch Fânlien beachtete sie nicht. Stattdessen schaute er Radgar aus schmalen Augen an. „Dann zeig es mir!“ forderte er Radgar auf. Dieser sagte kein Wort, sondern hob einfach nur die rechte Hand und ließ Tsao erscheinen. Doch diesmal nicht in seiner schlichten Gestalt, wie es die Widerstandskämpfer am Abend zuvor gesehen hatten, sondern mit dem wirklichen Aussehen, so dass man es als das erkennen konnte was es war. Der Visualisierer im Knauf pulsierte in den verschiedenen Farben, und entlang der Klinge glitten Funken. Radgar‘s Stimme donnerte durch die kleine Kammer, als er seine Herkunft verkündete „Mein Name ist Radgar Malloy, und dieses Schwert gibt mir das Recht derartige Behauptungen aufzustellen“

Kapitel 27 - Die Katze ist aus dem Sack

Als Radgar nach dieser kleinen Offenbarung in die Runde schaute, musste er sich erst einmal kurz abwenden, um bei den verblüfft schauenden Gesichtern nicht ins lachen zu geraten. Tonys Selbstbeherrschung waren da weniger ausgeprägt, er prustete lauthals los bei dem Anblick der sich ihm bot. Anyi und Ak`Sun sahen sich an und grinsten einfach nur breit. Die fünf Widerstandskämpfer standen mit vor Überraschung weit geöffneten Augen da und die Kinnlade baumelte fast weit genug unten, dass man ihnen einen Apfel in einem Stück in den Rachen hätte schieben können. Radgar ließ Tsao wieder verschwinden, und Fânlien bekam seine Gesichtszüge als erstes wieder unter Kontrolle. Als er sich gerade vor Radgar hinknien wollte, brüllte Gulak laut auf und stürmte in blinder Wut auf Radgar zu. Doch er kam nicht weit. Mit der ihr typischen Gewandtheit war es diesmal Ak’Sun, die ihm ein Bein stellte. Und so brauchte Radgar diesmal nur einen Schritt zur Seite machen, als der Riesenkater an ihm vorbeistolperte und einen seiner Kameraden umriss, die immer noch Toni festhielten. Toni nutze den Moment und befreite sich aus der Umklammerung des Verbliebenen. Anyi und Ak’Sun zerrten den Riesenkater von seinem Kammeraden und hielten ihn am Boden fest. Als Radgar sich wieder zu Fânlien umdrehte, war dieser noch etwas bleicher als üblich, fasste sich aber schnell. Trotzdem sprach Fassungslosigkeit aus seiner Stimme. „Sagtest du Malloy? Das kann nicht sein. Die Malloy sind tot, allesamt“ Radgar ließ Tsao wieder verschwinden und meinte nur „Und das sollen die Menschen auch weiterhin denken.“ Dann wandte er sich wieder Gulak zu. „Und was ist dein Problem mit mir?“ Der Gaora’Su lag auf dem Bauch, während die beiden Damen auf seinen Schulterblättern hockten. Ein dumpfes Knurren entrang seiner Kehle. „Ich lasse nicht zu, dass ein Milchbubi wie du den Namen der Malloy in den Dreck zieht. Diese Familie ging mit Runac Malloy unter, vor über fünfzig Jahren. Das Schwert ist eine gelungene Fälschung, aber mehr auch nicht.“ Er versuchte sich wieder zu befreien und aufzustehen, aber er schaffte es nicht sich auch nur einen Zentimeter zu bewegen. Radgar ging vor ihm in die Hocke und gab Anyi und Ak`Sun ein Zeichen. Die erhoben sich und hoben Gulak auf die Knie. Doch stellten sie sich hinter ihn und legten ihm eine Klinge in den Rücken. Radgar sah Gulak mit ernsthaftem Blick in die Augen. „Runac Malloy war mein Vater. Unmittelbar nach meiner Geburt schickte er mich zusammen mit meiner Amme auf die Erde, seine letzte Handlung bevor er von den Verrätern angegriffen wurde. Dort verläuft die Zeit anders als hier, weshalb für mich nur sechszehn Jahre vergangen sind. Du magst meine Geschichte nicht glauben, aber das erwarte ich auch nicht. Solange wie du mir glauben kannst das ich nicht für das Triumvirat arbeite.“ Um seine letzten Worte noch zu unterstreichen zog er seinen Dolch und rammte ihn in den Boden. Fânlien trat nun hinter Radgar und beugte sich zu ihm herunter. „Bitte verzeiht meinem Kameraden, Eure Lordschaft. Der Name Malloy hat einiges Gewicht bei uns Ausgestoßenen und Frevel werden nicht leicht verziehen. Ich für meinen Teil habe keine Zweifel an euren Worten.“ „Ist gut Fânlien,“ gab Radgar mit einem Kopfnicken zu verstehen. „Aber bitte posaunt meine Identität nicht hinaus, wenn bekannt werden würde wer ich bin, würde es hier von Agenten der Gata Chaòlu nur so wimmeln. Wie lange müssen wir uns noch hier unten Verkriechen?“ Fânlien erhob sich wieder und ging zur Leiter. „Wir können mit dieser Leiter sofort weiter Richtung Oberfläche.“ Mit einer leichten Verbeugung kletterte der Elf leichtfüßig die Leiter hinauf. Radgar schnappte sich sein Gepäck und ergriff als zweiter die Sprossen der Leiter. Auch die anderen kletterten die Leiter hinauf, wobei Gulak den Abschluss bildete. Es dauerte eine Weile, bis Radgar endlich von oben wieder einen schwachen Lichtschimmer sah. Und kurz darauf griff er statt zur nächsten Sprosse ins Leere, doch eine kräftige Hand griff nach seinem Arm und half ihm aus dem Schacht. Der Kellerraum war nur spärlich beleuchtet, aber neben Fânlien konnte Radgar noch einen weiteren Mann im Zimmer ausmachen. Es dauerte einen Moment, dann wusste er auch woher er diesen Mann kannte. Die Schürze war verschwunden, doch unverkennbar stand ihm nun der Wirt aus Chadum gegenüber. Er verbeugte sich leicht und sagte „Mylord, es ist mir eine Ehre Euch in meinem Haus begrüßen zu dürfen. Ich bitte für den Hinterhalt, den ich Euch im Auftrag der Gata Chaòlu stellen musste, um Verzeihung.“ Während Fânlien Anyi und den anderen durch die Falltür half, erklärte er die Situation. „Der gute Meltheuser wird von der Gata Chaòlu überwacht. Er bekam die Anweisung Euch zu betäuben und so den Zugriff zu ermöglichen. Da er aber dachte, dass sie hier,“ er zog Anyi aus dem Schacht, „die wirklich Gesuchte war, hat er nur sie vorgewarnt.“ Der Wirt Meltheuser meldete sich wieder zu Wort. „Als die Gata Chaòlu Euch abführte, schickte ich meine Elise zu Fânlien um ihn vorzuwarnen. Ich bitte Euch untertänigst um Verzeihung, Eure Lordschaft.“ „Es ist gut Meltheuser,“ sagte Radgar und klopfte dem dicken Wirt auf die Schulter. „Ich weiß, dass Ihr keine andere Wahl hattet.“ Dankbar schaute der Wirt Radgar an und wandte sich dann wieder zu Anyi. „Ich kenne Euch. Ihr seid doch die Gehilfin vom Magister Raven, Anyi, richtig?“ Anyi nickte einmal mit dem Kopf als Eingeständnis „Ihr habt Euch nicht verändert, Meltheuser.“ Dann lächelte sie und schloss den Wirt in ihre Arme. Dieser wandte sich nun wieder Radgar zu. „Mylord, Ihr müsst es leider noch einen Moment hier unten aushalten. Der Ortsvorsteher berichtet der Gata Chaòlu, und sein Neffe ist mein Stallbursche. Gebt mir etwas Zeit, dann gebe ich Euch Bescheid wenn die Luft rein ist.“ Mit diesen Worten drehte er sich um und verschwand eine schmale Treppe hinauf. Radgar und die Widerstandskämpfer machten es sich im Keller bequem. „Irgendetwas stimmt hier nicht.“ wisperte die Stimme von Tsao durch Radgar’s Gedanken. „Was meinst du?“ fragte Radgar zurück. „Ich weiß nicht, aber irgendwie ist das Ganze merkwürdig. Irgendwie ist der Meltheuser an zu vielem beteiligt.“ Radgar dachte über die Zweifel seines Gefährten nach. Er sah zu Fânlien rüber, der neben Anyi saß und sich mit ihr leise unterhielt. „Fânlien?“ Der angesprochene ruckte hoch. „Ja Mylord?“ „ Woher wusste Meltheuser, dass wir hier auftauchen würden?“ „Der Beleuchtungszauber da unten bezieht seine Energie aus einem Kristall hier oben. Wenn er aktiviert wird, bekommt man das hier oben mit.“ „Und gibt es noch andere Zauber zwischen hier oben und da unten?“ fragte Anyi, die offenbar begriffen hatte worauf Radgar hinaus wollte. „Ja, es gibt noch eine Möglichkeit, dass man über den einen Kristall den anderen belauschen kann. Daher wusste er auch wann genau wir hier im Keller auftauchen würden und konnte rechtzeitig die Falltür für uns frei räumen.“ „Also ist es möglich, dass noch andere gehört haben was dort unten besprochen wurde?“ „Ja, aber warum wollt ihr das wissen? Meltheuser würde nie so unvorsichtig sein und den anderen Kristall unbeaufsichtigt lassen.“ „Ich weiß auch nicht, aber mein Freund hat das Gefühl das irgendetwas nicht stimmt.“ Mit diesen Worten setzte er sich im Schneidersitz auf eine der Kisten und versuchte das bisher geschehene einzuordnen. Die anderen verteilten sich in dem Kellerraum. Doch seine Gedanken waren zu unruhig und seine Überlegungen drehten sich im Kreis. Also schloss er seine Augen und fing an seine Atmung mit Übungen zu beruhigen, die ihm seine Mutter beim Training gezeigt hatte. Mit seiner Atmung beruhigten sich auch seine Gedanken und er ließ seine Sinne seine Umgebung wahrnehmen. Er hörte die Leute um ihn herum leise miteinander reden. Ak`Sun erzählte Gulak von ihren Erlebnissen in Radgar’s Welt, Anyi ließ sich von Fânlien von den neusten Ereignisse in den Elfenstätten erzählen, und Toni ließ sich von Korin von Agetan erzählen. Radgar konzentrierte sich auf seine Atmung und blendete nach und nach die Geräusche seiner Umgebung aus seinem Geist aus. Er ließ seine Gedanken ein wenig abschweifen, wobei ihm auffiel das er irgendwas am Rande seiner Wahrnehmung spürte. Radgar konzentrierte sich auf das Gefühl und langsam verdichtete sich diese Präsenz zu einem Körper. Einem deutlich weiblichen Körper, der jeden Mann zum fantasieren anregen würde. Mit langem Haar, schrägen Augen und spitzen Ohren. Anyi! schoss es ihm durch den Kopf. Er sah ihre Erscheinung so deutlich, als ob sie im Flutlicht nackt vor ihm gestanden hätte. Und nicht nur das. Er konnte auch erkennen wie sich ihre Energien im Körper bewegten, wie sich ihr Körper auf eine Bewegung vorbereitete bevor er sie vollzog. Vor Schreck zuckte er zusammen und keuchte auf. Er hörte ein paar eilige Schritte und als er die Augen öffnete sah er das Anyi vor sich stehen und ihn besorgt anschauen. „Was habt Ihr, Mylord?“ Erschrocken sah er sich im Keller um. Die anderen sahen ihn verwirrt an, doch keiner machte Anstalten etwas zu unternehmen. Radgar spürte wie ihm das Blut ins Gesicht schoss. „Hast du das gespürt?“ Anyi sah ihn verwirrt an. „Nein, was meint Ihr?“ Radgar‘s Gedanken rasten. Er hatte diese Elfe gerade gesehen als ob sie nackt wäre. Wenn er ihr das sagte, brachte sie ihn um. „Es ist nichts, ich dachte ich hätte gespürt wie diese Kiste angefangen hätte zu erzittern, wie bei einem Erdbeben.“ Anyi sah in leicht skeptisch an. „Es ist nichts,“ versuchte er die Elfe zu beruhigen. Er brachte sogar ein schwaches Lächeln zustande. Anyi betrachtete ihn mit gerunzelter Stirn, doch sie ging wieder zurück zu Fânlien und setzte sich zu ihm. Radgar brauchte einen Moment um sich wieder zu beruhigen. Er schloss die Augen und begann seine Atmung zu beruhigen, aber immer wieder blitzte das Bild der Elfe in seinen Gedanken auf. Schließlich schaffte er es sich so weit zu beruhigen, dass er sich wieder auf dieses Gespür konzentrieren konnte. Dieses Mal bemerkte er nicht nur die Präsenz von Anyi, sondern auch von Fânlien, Ak`Sun und Gulak. „Das ist ihre magische Ausstrahlung“ erkannte er, denn er konnte weder Toni noch Korin erspüren. Dafür spürte er hier und da kleine Flecken in seiner Umgebung. Es waren kleine Zauberkristalle, die hier und da verborgen waren, um bei Aktivierung verschiedene Zauber zu ermöglichen. Einer der Zauber erregte seine Neugier. Zwei Kristalle waren in die Treppe eingearbeitet, was ihm doch etwas seltsam vorkam. Und so stand er auf und näherte sich vorsichtig der Treppe. Die Kristalle waren dicht am Rand der jeweils ersten und letzten Treppenstufe eingearbeitet. Er betrachtete die Zauber, konzentrierte sich mit seinem magischen Sinnen darauf und erkannte, dass diese Zauber das Knarren der Treppenstufe so laut verstärkten, das es keinem gelingen würde, sich unbemerkt über diese Treppe zu bewegen, wenn er nichts davon wusste. Außerdem schienen sie bei Aktivierung eine schwache Strahlung auszusenden, die mit Sicherheit irgendwo wie ein Signal aufgefangen werden konnte. Er hörte Schritte hinter sich. Als er sich umdrehte sah er Anyi, die neben ihm in die Hocke ging. „Was habt Ihr, Mylord?“ „Ich hab nur gerade diesen Zauber begutachtet. Eine raffinierte kleine Falle.“ „Was für einen Zauber meint Ihr?“ Anyi war sichtlich verwirrt. „Na den hier.“ Sagte Radgar und löste vorsichtig das Brett. Als der Kristall zum Vorschein kam, weiteten sich Anyi’s Augen. Auch sie untersuchte den Kristall. „Ihr habt Recht, das ist eine sehr geschickte Falle. Aber woher wusstet Ihr, dass der Kristall hier ist?“ Radgar spürte wieder wie ihm das Blut in den Kopf schoss, als er daran dachte wie er dieses Gespür entdeckt hatte. „Zufall“ wiegelte er ab. Anyi schaute wieder etwas skeptisch drein, doch mit einem schnellen Seitenblick auf Fânlien und den anderen gab er ihr zu verstehen, dass er jetzt nicht darüber reden wollte. Da spürte er auf einmal ein Kribbeln im Nacken. Er konnte nicht erkennen was das bedeutete, also konzentrierte er sich wieder auf seine magischen Sinne. Er konnte nichts wahrnehmen außerhalb des Kellerraumes. Aber dafür drangen leise Schreie an sein Ohr. Sie kamen von oben. Gerade als er den Kopf zur oberen Kellertür drehte wurde diese aufgerissen und ein Trupp Soldaten stürmte die Treppe hinunter. Radgar sprang von der Treppe weg, genauso wie Anyi. Die anderen sprangen auf und zogen ihre Waffen, doch die Soldaten versperrten ihnen den Weg über die Treppe. Fânlien zog die Falltür auf, doch von unten kamen ihnen auch Soldaten und Speerspitzen entgegen. Die kleine Gruppe saß in der Falle, buchstäblich mit dem Rücken zur Wand. „Ich will die Verräter lebend haben. Vor allem die Elfe und die Bengel.“ tönte eine laute Stimme von der Treppe. Langsam kam ein weiterer Mann die Treppe herunter. Wieder waren es die Insignien der Gata Chaòlu, die die Rüstung des Hauptmannes zierten. „Der Meister wird sehr zufrieden sein. Die Verräterin Fentai, und der letzte Malloy in meinem Gewahrsam. Noch dazu diese räuberischen Aufrührer. Ja, ich denke er wird sehr zufrieden sein.“ Mit einem hämischen Grinsen trat CenRo Cru’Es in das Laternenlicht.

Kapitel 28 - Fremde Ohren

Ein lautes Fauchen war von Ak’Sun zu hören, doch bevor sie sich durch die Speerwand stürzen konnte, packte Gulak sie an den Schultern und hielt sie fest. Radgar bemerkte wie Korin auch Fânlien festhalten musste, da der Elf ansonsten eine ähnliche Dummheit begangen hätte. Leichenblass und Hasserfühlt starrte der Elf CenRo an. Er selbst schaute zu dem Dunkelelfen hinüber. CenRo betrachtete die kleine Gruppe, und als sein Blick auf Radgar fiel, brach er ein hämisches Grinsen auf sein bisher reserviertes Gesicht. „Soso, der kleine Malloy. So sehen wir uns wieder.“ Das Grinsen wurde breiter. Er genoss den Moment sichtlich. Radgar dachte fieberhaft nach. Sie saßen in der Falle, weder über die Kellertreppe, noch durch den geheimen Tunnel konnten sie entkommen. Doch da erinnerte er sich, dass es noch einen Zauber direkt hinter ihm gab. Wenn er doch nur lange genug für Verwirrung stiften könnte. Er blickte zu Ak`Sun. Sie und Anyi waren die einzigen, die bei einer ähnlichen Situation dabei waren. Er musste es riskieren. Gleichmütig hob er die Arme, als ob er sich ergeben wollte und trat einen Schritt zurück an die Wand. „Ak’Sun?“ Die Katzendame wandte sich mit wutverzerrtem Gesicht zu ihm um „Ja?“ knurrte sie zurück. „Das erinnert mich an damals im Park, als wir uns zum zweiten Mal getroffen haben. Dich nicht?“ Ak’Sun brauchte einen Moment doch als sich ihre Augen kurz weiteten war Radgar klar, dass sie Verstanden hatte worauf er hinaus wollte. Ein kurzer Seitenblick auf Anyi zeigte ihm, dass sie ebenfalls verstanden hatte. Und so wandte Radgar sich wieder CenRo zu. Dieser schien auch zu begreifen, dass irgendetwas vor sich ging. Gerade wollte er seinen Leuten eine Warnung zurufen, als Tsao wieder in Radgar’s Hand erschien und wieder ein blendend helles Licht an der Schwertspitze erstrahlte. Die Soldaten und CenRo waren derartig geblendet das sie nichts tun konnten. Verwirrte Rufe und Schmerzensschreie erfüllten den Keller und ein deutliches hölzernes Knarren und gepolter war zu hören. Als das Licht verlosch und die verbliebenen wieder etwas erkennen konnten, lagen drei Soldaten verwundet auf dem Boden, die Tür nach Draußen und zum Tunnel war offen und von den ehemals Gefangenen fehlte jede Spur. Wütend packte CenRo seinen nächsten Untergebenen am Kragen und brüllte „Hinterher, fangt das Pack wieder ein oder euch geht es dreckiger als ihnen sobald wir sie haben. Ich binde euch bei Ebbe an die Wasserlinie und lasse euch ersaufen wenn ihr versagt.“ Die Soldaten bemühten sich auf die Beine zu kommen und stolperten die Treppe hinauf, doch da fanden sie keine Spuren mehr. CenRo verließ den Keller und schloss die Tür hinter sich, ohne auch nur noch einmal zurückzuschauen oder sich genauer umzusehen. Und so entging ihm die frische Schleifspur, die sich auf dem Boden zeigte an der Stelle, wo seine Gefangenen sich gerade doch befunden hatten.

Denn Radgar und der Rest waren keineswegs über die Kellertreppe geflohen. Auch durch den Tunnel nicht. Als Radgar das grelle Licht erstrahlen ließ, waren Ak’Sun und Anyi schnell vorgesprungen und verwundeten die Soldaten. Die anderen waren von dem Licht auch überrascht, aber da Radgar hinter ihnen stand, wurden sie nicht geblendet. Die anderen wollten schon durch die geschlagene Bresche fliehen, doch Ak`Sun und Anyi hielten sie zurück. Sie machten alle reichlich Lärm. Radgar legte seine Hand auf die Holzvertäfelung hinter sich, woraufhin sich geräuschlos die Wand öffnete und einen kleinen, geheimen Raum offenbarte. Während Ak’Sun die Rebellen in den Raum bugsierte, löste Anyi noch die Geräuschfalle an der Treppe aus, bevor sie zu den anderen in den Raum flüchtete. Radgar ließ die Tür sich wieder schließen und schlüpfte im letzten Moment durch den Türspalt, während er das Licht abrupt erlöschen ließ. Nun saß die Gruppe in der kleinen Kammer und wartete gespannt, ob die List gelang oder nicht. Es war stockdunkel in dem geheimen Raum, und nur das gepresste atmen des ein oder anderen war zu hören. Radgar entschied sich das Risiko einzugehen und machte ein wenig Licht. Die anderen zuckten erschrocken zusammen, aber Radgar schaffte es, den Lichtfunken soweit runter zu dimmen, dass es nicht mehr blendete. Unsicher sahen sich die versteckten an, kauerten sich in ihrer Angst zusammen und hofften, dass sie nicht wieder gefunden wurden. In der kleinen Kammer reihten sich verschiedene Kisten. Ein paar der Rebellen kauerten sich auf diese Kisten nieder und schauten gebannt auf die Tür. Als sie CenRo’s Geschrei hörten, ging ihnen nach und nach auf, dass sie vorerst in Sicherheit waren. Das erleichterte Grinsen wurde auf den Gesichtern immer breiter, bis schließlich der ein oder andere sich ein Stück Mantel vor den Mund pressen musste, um nicht lauthals loszulachen. Während sie noch warteten, schlich sich Fânlien zu Radgar hin. Anyi und Ak`Sun hatten sich schon neben ihn gesetzt. Sie beugten sich dichter ran, als Fânlien Radgar im Flüsterton fragte: „Woher wusstet Ihr von diesem Keller? Nicht einmal wir wussten davon.“ Radgar musste grinsen als er daran zurückdachte, aber nach einem Seitenblick auf Anyi schoss ihm das Blut wieder in den Kopf. „Ich kann es nicht erklären, aber ich konnte auf einmal spüren, dass sich da ein Kristall hinter der Vertäfelung befand. Auch, dass er ein Türöffner ist.“ Fânlien blicke sehr überrascht aus der Wäsche. Ak`Sun und Anyi waren nicht weniger überrascht, aber sie kannten es nicht mehr anders von Radgar. Anyi dachte an den Kristall, den er aus dem Nichts erschaffen hatte. Ak’Sun daran wie er sich immer wieder aus seinen Fesseln befreien konnte. Radgar konnte nur schwer ein breites Grinsen verkneifen. Aber er wurde schlagartig wieder ernst. „Du kennst CenRo, hab ich recht?“ Fânlien schluckte einmal und nickte. „Ja, er war damals der leitende Gata Chaòlu Agent, als mein Dorf angegriffen wurde. Ich hab ihn damals durchs ganze Dorf seine Anschuldigungen brüllen gehört. Glaubt mir, diese Stimme würde ich nie vergessen.“ Der Elf erschauderte sichtbar, als er sich zum zweiten Mal an diesen Tag erinnerte. Radgar wollte gerade etwas tröstendes sagen, da öffnete sich die Tür zum Keller.

Gerade noch rechtzeitig ließ Radgar das Licht verlöschen. Meltheuser stand im Keller mit einer Laterne in der Hand und spähte vorsichtig in sein Versteck hinein. Als er sah, dass die gesamte Gruppe in seinem Schmugglerversteckt hockte, grinste er kurz und trat zur Seite. Die Rebellen, Radgar, Anyi und Toni kamen aus dem Versteck raus. „Ich hätte nie gedacht, dass Ihr es schaffen würdet den kleinen Spinner derartig auf die Palme zu bringen.“ Danach wurde das Grinsen noch breiter. „Wo sind sie jetzt?“ fragte Fânlien den Wirt. „Sie sind ausgeschwärmt und durchkämmen die Umgebung. Ihr solltet noch einen Moment hier bleiben bevor ihr euch raus wagt.“ „Das klingt gut. Aber du bleibst diesmal hier“ sagte Radgar dem Wirt. Dieser schaute verdutzt drein, doch dann wurde sein Ärger sichtbar. „Was meint Ihr? Glaubt Ihr das ich Euch an die verraten werde?“ Fânlien blickte unruhig zwischen Radgar und Meltheuser hin und her. „Mylord,“ warf er ein. „Ich kenne Meltheuser seit Jahren. Er steht loyal zu unseren Bemühungen gegen den Orden.“ Radgar ließ sich davon nicht beeindrucken. „Mag sein, aber er verschwindet nach oben und kurz darauf stürmt CenRo hier rein. Und er wusste, dass Anyi, Toni und ich hier sein würden. Irgendwer hat es ihm gesteckt.“ Meltheuser wurde sichtbar panisch bei diesen Worten. „Habt Ihr den Verstand verloren?“ presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Ich riskiere hier meine Existenz, in dem ich Euch hier verstecke.“ Meltheuser war es anzusehen, dass er nur mit Mühe seine Stimme gesenkt hielt. Radgar schloss für einen Moment die Augen und konzentrierte sich auf Meltheuser. Und wirklich, da war etwas. Der Wirt hatte keine magische Ausstrahlung, aber an seiner Gürtelschließe war ein Zauber. Radgar öffnete die Augen und starrte Meltheuser in die Augen. Die Wut war immer noch deutlich in dessen Gesicht erkennbar, aber blitzte da ein Hauch von Nervosität in den Augen auf? „Legt Euren Gürtel ab,“ verlangte Radgar. Der Blick des Wirtes blitzte an Radgar vorbei, bevor er übertrieben entrüstet schnaubte. „Was wollt Ihr mit meinem Gürtel? Wollt Ihr mich demütigen, in dem ich die Hose verliere?“ Bevor Radgar etwas sagen konnte schnellte Anyi vor. „Der Herr hat verlangt deinen Gürtel zu sehen“ stieß sie hervor und griff nach der Gürtelschließe und zog mit einem Ruck dem dicken Wirt den Gürtel aus der Hose. Sie reichte Radgar den Ledergürtel, woraufhin dieser die Schließe untersuchte. Auf der Innenseite war wieder ein Kristall angebracht. Radgar zeigte Fânlien den Kristall, ließ den Gürtel auf den Boden fallen und zerstörte mit einem beherzten Tritt den Kristall und den da innewohnenden Zauber. Meltheuser war bleich geworden als das vorbei war. Wieder blickte er an Radgar vorbei, taumelte rückwärts und setzte sich auf eine der Lagertruhen. „Das kann nicht wahr sein?“ flüsterte er kaum hörbar in den Kellerraum. Gulak wollte sich auf den Wirt stürzen, aber Ak`Sun hielt ihn zurück. Radgar sagte nichts mehr sondern deutete auf die Falltür, durch die sie keine zwei Stunden vorher in diesen Keller geklettert waren. Anyi sprang hinzu und zog sie auf. Schweigend beeilte sich die Gruppe durch die Luke zu kommen. Fânlien war der letzte, und mit einem vorgefertigten Pergament versiegelte er die Luke, nachdem er sie hinter sich geschlossen hatte. Von oberhalb war das Poltern schwerer Schritte schwerer Stiefel zu hören, dann wurde an der Klappe gerüttelt, doch die Falltür blieb verschlossen.

Kapitel 29 - Aus dem Maulwurfshügel

Schnell stieg die Gruppe weiter nach unten. In der Kaverne angekommen sah Radgar, wie einige von ihnen bereits die Öllampen wieder entzündet hatten. Einer nach den anderen ließ sich auf die abgestellten Kisten sinken. Fânlien versiegelte mit einem neuen Zauber den Schacht, durch den sie gerade hinabgestiegen waren. Lange Zeit sagte niemand etwas, dann ergriff Fânlien als erster das Wort. „Ich hätte nie gedacht das Meltheuser uns verraten würde. Und nun sitzen wir hier in der Falle.“ Bestürzt über das Geschehene sackte er auf seiner Kiste zusammen und vergrub das Gesicht in den Händen. Auch die anderen Rebellen wirkten niedergeschlagen. „Wieso sitzen wir hier in der Falle?“ fragte Toni in die Runde. „Weil wir nicht nach da oben können, “ grollte Gulak aus seiner Ecke, „und zur Lichtung können wir auch nicht, weil der Ausgang sicher bewacht wird. Die Gata Chaòlu muss die Siegel überwunden haben um uns im Keller aufzulauern. Und nicht mehr lange, und sie werden einen Weg gefunden haben eines der Siegel zu überwinden, die dieses Loch hier umgeben. Und dann haben sie uns.“ Betretenes Schweigen machte sich breit. „Was denkst du dazu? Können wir es riskieren, wieder zurück nach oben zu klettern?“ Fragte Radgar Tsao. „Ich weiß nicht. Es fühlt sich immer noch etwas falsch an an unserer Situation.“ Drang die gewisperte Antwort in Radgars Geist. „Kannst du mittlerweile genauer sagen was sich falsch anfühlt?“ „Nein, aber ich hatte den Eindruck, dass Meltheuser vor irgendjemandem aus unserer Gruppe Angst hatte. Ich würde vorsichtig sein, wem du hier was erzählst. Das gleiche gilt für deine Freunde.“ „Da hast du wohl Recht. Ich frag mich nur wie wir uns Sicherheit verschaffen können.“ Radgar spürte auf einmal ein vertrautes Grummeln in der Magengrube. Da wurde ihm bewusst, dass sie seit dem gestrigen Abend nichts gegessen hatten. Mittlerweile musste es Mittag sein. Er ging zu seinem Rucksack und holte etwas von dem Proviant heraus. Auch die anderen begannen lustlos zu essen, zu niedergeschlagen waren sie von den Ereignissen, denen sie in den letzten Stunden ausgesetzt waren. Danach blickte er sich in der Kaverne um. Lange konnten sie hier nicht bleiben, das war allen hier klar, aber ohne einen Ausweg konnten sie nur zurück in die Gefangenschaft gehen. Wenn es nur einen anderen Ausweg geben würde. Einen Ausweg. Plötzlich viel es Radgar wie Schuppen von den Augen. Hier war alles von Stein und Schutzsiegeln umgeben, aber im Gang war nur Erde. Was wenn sie einen zusätzlichen Gang gruben? Einen der woanders rauskam als CenRo erwarten würde. Radgar sprang auf, schnappte sich eine der Lampen und rannte in den Gang hinein. Die anderen sahen sich verwundert an. Anyi und Ak`Sun sahen sich kurz stirnrunzelnd an und liefen dann hinterher. Nach ein paar hundert Metern gingen die Wände wieder von Stein in Erde über. An diesem Punkt hielt Radgar an und stellte die Lampe ab. „Ak`Sun, dein Element ist doch die Erde, nicht wahr?“ „Ja Mylord, warum fragt Ihr?“ „Kannst du einen Zauber zum stabilisieren des Erdreiches wirken?“ Ak`Suns Augen leuchteten im Laternenschein auf, als sie verstand worauf Radgar hinaus wollte. „Mit Leichtigkeit.“ Mit einem Grinsen trat sie an die Tunnelwand und zückte ihren Dolch. Während sie einen Magiekreis in die Erde ritzte wandte sich Radgar an Anyi. „Geh zurück und geb den anderen Bescheid, wir verschwinden hier.“ Anyi nickte nur kurz und rannte durch den Tunnel zurück. Kurz darauf kam sie wieder zurück, mit ihrem Gepäck und den anderen dicht hinter sich. Ak’Sun hatte inzwischen ihre Vorbereitungen abgeschlossen. Sie und Radgar traten an den Magiekreis und ließen ihre Energien auf das Gewebe wirken. Die eingeritzten Zeichnungen leuchteten kurz auf, bevor sie sich in die Erde gruben. Von der Mitte des Kreises aus begann sich die Erde zum Rand hin zu schieben. So bildete sich langsam ein runder Gang, der in einer sanften Biegung langsam nach oben führte, gerade groß genug zum gebückt durchgehen. „Schnell, der Durchgang wird sich nach kurzer Zeit wieder schließen.“ Kam es von Ak`Sun, als diese ihren Rucksack schulterte und den Gang betrat. Radgar folgte ihr dicht und der Rest brauchte auch keine zweite Aufforderung. Immer wieder mussten sie anhalten und den Zauber erneuern, aber schon bald erreichten sie die Oberfläche. Das erste Anzeichen waren die ganzen Wurzeln, die mehr und mehr am Tunnelrand zu sehen waren. Dann brach plötzlich ein Lichtstrahl durch das Erdreich, und die Öffnung vergrößerte sich zu einem Ausgang. Leichtfüßig sprang Ak`Sun aus dem Tunnel und streckte sich genüsslich. Als Radgar seinen Kopf aus dem Erdloch steckte sah er, dass sie sich am Waldrand befanden. Durch das Unterholz konnte er die Felder erkennen, die Chadum umgeben hatten. Und hinter den Feldern sah er auch Chadum selbst. Radgar kletterte aus dem Erdloch, und schätzte den Stand der Sonne, es war erst ein, höchstens zwei Stunden nach Mittag. Ein jeder, der aus dem übergroßen Maulwurfshügel geklettert kam, sog erst einmal tief und gierig die frische Waldluft ein. Zu lange hatten sie seit der Flucht unter der Erde verbringen müssen. „So weit so gut.“ Sagte Fânlien nach einem kurzen Moment. „Was nun?“ Von ihrem Maulwurfshügel war nur noch ein kleiner Wall im Wald zu sehen, nachdem sich der Gang am Ende wieder geschlossen hatte. „Können sie, wenn sie in die Kaverne kommen, feststellen wohin wir gegangen sind?“ Fragte Radgar Ak`Sun. Diese zuckte mit den Achseln und sagte, „Ich weiß es nicht. Das kommt darauf an wie fein ihr Magiegespür ist. Es ist durchaus möglich, dass sie es bis hierher verfolgen können. Aber das sollte einige Zeit dauern.“ Radgar nickte. „Dann sollten wir keine unnötige Zeit verlieren.“ Sagte er noch und schulterte seinen Rucksack erneut. Die anderen taten es ihm gleich. „Und wohin nun?“ fragte Gulak. „Am besten wäre es, wenn wir uns so schnell wie möglich aus der Gegend verziehen würden, “ sagte Radgar, „aber die Gata Chaòlu überwacht die Wege sicher schon. Wir könnten uns querfeldein schlagen, aber dann kämen wir nur langsam voran.“ „Egal wie wir uns entscheiden, wir sollten erst einmal weg von hier.“ Warf Anyi ein und deute mit dem Zeigefinger auf den Boden. „Sie hat recht Leute, also Abmarsch.“ Gab Fânlien das Kommando und marschierte in den Wald hinein. „Immer nur Gelatsche, ich bin doch keine Wanderheuschrecke.“ Fing Toni an zu maulen, aber als Radgar ihm auf die Schultern klopfte grinste er ihn an und ging zielstrebig hinter Fânlien her.

Fânlien führte die Gruppe mit einem straffen Tempo am Waldrand entlang, bis sie einen Weg erreichten, die an dieser Stelle aus dem Wald kam. Die Sonne war mittlerweile ein gutes Stück weitergewandert, aber bis zur Dämmerung waren es noch ein paar Stunden. „Diese Straße führt von Chadum aus an Ganoir vorbei ins Landesinnere. Einen anderen Weg gibt es nicht, wenn wir nicht riskieren wollen uns jeden Knochen zu brechen. Chadum ist die letzte Ortschaft auf dieser Straße, weil dahinter in den Wäldern das Gebiet der Shu beginnt. In diesem Tal gibt es nur das Dorf und ein paar Minen, und der einzige Weg aus dieser Gegend führt an Ganoir vorbei. Wir sollten noch bis zur Nacht warten, bis wir versuchen uns an Ganoir vorbei zu schleichen.“ Radgar nickte einmal. „Dann sollten wir aber ein gutes Stück weg von der Straße, nicht das eine Patrouille uns findet.“ Sagte er noch, bevor sich die Gruppe ins Unterholz schlich. Nicht sehr weit von der Straße fanden sie eine kleine Senke, in der sie von der Straße aus zwar nicht gesehen wurden, aber die Straße gut im Blick hatten. Dort ließen sie sich erst einmal nieder. Die total erschöpften Gruppenmitglieder nutzten die Gelegenheit für eine kalte Mahlzeit. Ein Feuer wagten sie wegen der Nähe zur Straße nicht zu machen. Während die anderen beim Essen waren, kam Anyi zu Radgar herüber, der am hinteren Rand saß und so einen leichten Blick auf die Straße hatte. „Mylord, ich möchte Euch danken.“ Radgar nahm diese Aussage mit einem einfachen Kopfnicken hin. „Ohne euch währen wir heute dreimal in Gefangenschaft geraten. Und dann die Sache mit Meltheuser.“ Anyi stockte kurz. „Nach der Sache mit dem Schlafmittel dachte ich er wäre auf unserer Seite. Uns so zu verraten.“ Enttäuscht ließ die Elfe die Schultern sinken und schaute zu Boden. „Ich bin mir nicht sicher ob Meltheuser uns verraten hat.“ Gestand Radgar ihr. Sie schaute Radgar verwirrt an. „Wie meint ihr das?“ Radgar senkte die Stimme. „Ich meine, dass etwas komisch war daran, wie Meltheuser reagiert hatte. Versteh mich nicht falsch, er hat uns verraten. Aber ich glaube nicht das er allein an all diesen Zwischenfällen schuld ist.“ „Wollt ihr andeuten, das einer von uns..?“ Anyi blickte sich in der Senke um. Die anderen Mitglieder der kleinen Flüchtlingsgruppe kauerten sich am Boden zusammen, still und leise durch die Erschöpfung des Tages. Kaum einer sagte etwas, jeder schien seinen eigenen Gedanken nachzuhängen. Als Anyi wieder zu Radgar blickte, sah sie, dass auch er sorgenvoll die Stirn gerunzelt hatte. Er erwiderte ihren Blick und nickte. „Ja Anyi, ich fürchte wir haben einen Verräter unter uns. Bitte sag Ak’Sun und Toni Bescheid, aber so dass die anderen nichts mitbekommen. Solange wir nicht wissen wer uns verraten hat, dürfen wir keinen von ihnen Vertrauen.“ Anyi nickte nur schnell und schlich los. Radgar schaute nach oben, in ein paar Stunden würde die Nacht hereingebrochen sein, und dann würden sie versuchen aus der Gegend zu verschwinden. Hoffentlich gelang ihnen die Flucht aus diesem Tal.

Kapitel 30 - Befreiung

Die Nacht ließ nicht so lange auf sich warten. Es dauerte wirklich nur ein paar Stunden bis die Sonne den Horizont berührte, und keine Stunde danach war sie auch schon untergegangen. Im Licht der letzten Sonnenstrahlen packte die Gruppe ihr Gepäck zusammen. Anyi hatte inzwischen von Ak`Sun von Radgar‘s Befürchtungen erzählt, und er hatte Toni beiseite genommen und ihn ermahnt nicht zu viel zu erzählen. Toni hat zwar nicht ganz verstanden warum, aber er hatte auch angemerkt, dass er ja sowieso kaum eine Ahnung hatte hier vor sich ging.

Als die Gruppe aufbrechen wollte, kam Korin zurück zur Kuhle. Er hatte die Straße im Auge behalten, um auf eventuelle Patrouillen zu achten. „Da kommt e‘ne große Gruppe de Straße lang. Sieht so us als ob se ‚Jefangene dabe hätten.“ Fânlien schaute zu Radgar, und als dieser nickte, deutete der Elf wieder auf die Straße und Korin lief wieder zum Waldrand. „Achtung Leute, es kann sein das wir gleich noch eine Gelegenheit haben uns eine Tarnung zu verschaffen.“ Daraufhin machten sich die verbliebenen Widerstandskämpfer zum Kampf bereit. Ak’Sun und Gulak sprangen zusammen mit dem Elfen schnell über die Straße, um den Hinterhalt von zwei Seiten möglich zu machen. Toni wurde zusammen mit dem Gepäck in der Senke zurückgelassen. Schnell kam die Gruppe auf der Straße in Sicht. Drei Menschen und ein Zwerg wurden von rund zwölf schwer bewaffneten Soldaten eskortiert. Die vordersten zwei hatten wegen der Dunkelheit Fackeln entzündet und beleuchteten den Weg. Hinter diesen Beiden folgte ein einzelner Offizier, unverkennbar CenRo, dicht gefolgt von wieder 2 Wachen. Danach kamen die Gefangenen, Die Ketten, die sie an den Füßen und Handgelenken hatten, klimperten und rasselten im Takt der Rüstungen der Wärter. Sie waren links und rechts von je zwei Wachen umgeben. Hinter ihnen gingen noch einmal 4 Wachen. Als die Gefangenen auf Höhe von Anyi waren, keuchte sie leise auf. „Mylord, seht doch.“ Zischte sie „Ja, ich hab sie auch erkannt. Das sind Reev, Grom, Meltheuser, seine Nichte. Was geht hier vor?“ Doch für diese Frage hatten sie keine Zeit. Mit einem lauten Fauchen stürzten Ak`Sun und Gulak aus dem Unterholz vor, während sich die mittleren Wachen eher wie ein Nadelkissen fühlen mussten, so wie plötzlich Pfeile in ihre Seiten gespickt wurden. Ak`Sun stürzte sich auf die Vorderen vier, während Gulak die hinteren vier Beschäftigten. In ihrer Natürlichen Reaktion drehten sich die Wachen gerade ihren Angreifern zu. Das ausnutzend, stürzten Anyi und Korin sich ihrerseits auf die Vor- und Nachhut. CenRo zuckte kurz bei dem Schrei zusammen, doch konnte er noch seine Schwerter ziehen. Es gelang ihnen die Wachen von Hinten zu erwischen und sie schnell kampfunfähig zu machen. Radgar zögerte noch einen Sekundenbruchteil, doch dann ließ auch er Tsao in seiner Hand erscheinen und machte sich daran, seine Gegner anzugreifen. Den ersten rammte er seine Schulter ins Kreuz, woraufhin dieser nach vorne stolperte und dabei auf Grom landete. Der Zwerg überwand seine Überraschung schnell, entwand der bewusstlosen wache den Schlüssel und machte sich daran die Fesseln zu lösen, die ihn und Reev zusammenbanden. Als er sich befreit hatte, griff auch er in den Kampf ein. Dafür ließ er seine ehemaligen Fesselinstrumente sehr schnell um sich wirbeln. Es war dem Zwerg anzusehen, dass er mit Kettenwaffen umgehen konnte. Reev bekam noch den Schlüssel zugeworfen, doch der Zentaur schlug sie mit dem Handrücken in Richtung Meltheuser weiter. Die Luft um ihn herum verschwamm kurz und die Ketten sprengten sich, als er seine wahre Gestallt wieder annahm. Die Wache hinter ihm war viel zu verdutzt als das sie reagieren konnte, bevor sie seine Hinterhufe vor die Brust bekam. Derartig in Schwung gebracht, riss er auch noch seinen Hintermann zu Boden, bevor er mit lautem Scheppern ein paar Meter weiter hinten liegen blieb und sich nicht mehr rührte. Gulak, der auf einmal keinen Gegner mehr vor sich hatte, stürzte sich auf die hinterste Wache, die nicht mehr wusste gegen welchen Gegner sie sich verteidigen sollte. Als Radgar sich nach seinem Bodycheck zur Spitze der Karawane wandte sah er, das CenRo versuchte abzuhauen. Ak`Sun hatte nicht, wie sie scheinbar gehofft hatte, die beiden Wachen schnell genug ausschalten können. Seine restlichen Soldaten im Stich lassend, war der Dunkelelf die Flucht nach vorne angetreten, kaum dass er Ak`Sun im schwachen Fackelschein erkannt hatte. Ohne großes Zögern startete Radgar hinter der flüchtenden Gestallt her. Der Dunkelelf legte ein hohes Tempo vor und hatte etwas Vorsprung, aber Radgar war schon immer ein guter Läufer gewesen. Aber die Dunkelheit machte ihm mehr zu schaffen als dem Dunkelelfen. Von seiner Ziehmutter wusste er, dass sein Gegner über eine ausgezeichnete Nachtsicht verfügte. Trotzdem dauerte es nicht lange, bis er dicht genug an CenRo herankam um ihn zum Anhalten zu bewegen. Er holte mit dem Arm aus, stoppte abrupt ab und schleuderte seinem Ziehonkel Tsao hinterher. Dieses wirbelte durch die Luft und traf den flüchtenden an der Hacke. Durch den Schmerz aus dem Gleichgewicht gebracht stolperte CenRo, landete unsanft auf seinem Gesicht und rutschte noch ein paar Meter über den Boden. Keuchend und fluchend kam er wieder auf die Knie, während Radgar sich mit dem Näherkommen Zeit ließ. Anstatt sich nach Tsao zu bücken rief er es direkt mit seiner Magie wieder in seine Hand. CenRo hielt sich unterdessen mit schmerzverzerrtem Gesicht den Fuß, den Tsao’s Klinge beinahe abgetrennt hatte. Der Schweiß glitzerte leicht in dem geringen Licht der Sterne und des Mondes, als seine Handfläche auch kurz aufleuchtete. Danach stand er zitternd auf, das Gesicht nun vor Wut verzehrt. „Das Bezahlst du mir, Bengel!“

Nur eine Ahnung ließ Radgar Tsao hochreißen. Er spürte, wie etwas an die Klinge klirrte, ein heller Lichtblitz leuchtete auf, dann sah er nichts mehr. Radgar taumelte zurück. Was auch immer Tsao getroffen hatte, es war in einem Lichtblitz explodiert und hatte ihn geblendet. Immer noch verwirrt nahm er mit dem Schwert in der Hand eine Verteidigungsstellung ein und lauschte auf seinen Gegner. Während des Trainings hatten seine Mutter und die Anderen ihn des Öfteren mit verbundenen Augen Kämpfen lassen, um sein Kampfgespür zu verfeinern. Und so konzentrierte sich Radgar auf seine Umgebung und versuchte CenRo an seinen Geräuschen zu finden. Doch der Dunkelelf war zu gut, als das ihm ein derartiger Fehler unterlaufen würde. Aber Radgar beruhigte seine Atmung und konzentrierte sich auf seine magischen Sinne. Gerade noch rechtzeitig erkannte er so den schnellen Stich seines Gegners. Ohne sein neu entdecktes Talent hätte CenRo Radgar seinen Dolch in die linke Niere geschlagen. So konnte er aber noch rechtzeitig einen Schritt nach hinten machen. CenRo wurde durch seinen eigenen Schwung mitgerissen und krachte mit seiner Nase gegen Radgar‘s Ellenbogen, den dieser leicht in die Richtung des Dunkelelfen zucken ließ. Mit einem hässlichen Knacken flog der Kopf des Dunkelelfen zurück. Radgar setzte mit einem von unten geführtem Schwinger von unten nach und Schnitt die Kleidung vom linken Knie zur rechten Schulter auf. Mit einem heulenden Aufschrei landete der vermeintliche Attentäter auf dem Hosenboden. Er stützte sich auf seine Ellbogen und wollte wieder fliehen, doch bevor er sich wieder aufrappeln konnte, war Radgar über ihm. Ein Tritt gegen den Kopf traf den Dunkelelfen und ließ ihn wieder zu Boden sacken. Stöhnend lag der sonst großspurige Dunkelelf auf dem Boden, während Radgar ihm die Schwertspitze an die Kehle setzte. CenRo zuckte zusammen als er das kalte Metall an seinem Hals spürte und blickte Radgar hasserfüllt an. „Na los du kleiner Stinker, bring es zu Ende.“ Seine Augen verengten sich zu Schlitzen. „Oder traust du dich nicht?“ Radgar zögerte. CenRo hatte für seine Taten gewiss den Tot verdient, keiner würde ihm einen Vorwurf machen. Einige würden ihm vielleicht gratulieren. Aber Radgar war nicht der Typ der einfach einen Wehrlosen tötete. Bevor er eine Entscheidung treffen konnte hörte er unmittelbar hinter sich ein Rascheln. Kleine Krallenpfoten griffen in seine Beine und er spürte ein vertrautes Kribbeln. Dann krabbelte die Silias an seinem Bein hoch und ließ sich auf seiner Schulter nieder. Radgar spürte einen weiteren Energiestoß, wie damals bei dem Treffen mit dem Shu QuaRé. Plötzlich überlagerte sich seine magische Wahrnehmung mit einem anderen Bild. Er sah CenRo vor sich liegen, aber aus einem leicht anderen Blickwinkel und mit einem etwas anderen Farbspektrum als gewöhnlich. Radgar verstand was los war. Er konnte irgendwie durch die Augen der Silias sehen. CenRo lag immer noch vor ihm, starrte ihn hasserfühlt an und bewegte keinen Muskel. Durch seine magische Wahrnehmung konnte Radgar erkennen, dass CenRo’s Magie zu seinen Wunden strömte. Zwar nur langsam um kein verräterisches Leuchten zu erzeugen, aber stetig heilten seine Wunden. In der Rate würde es noch eine Weile dauern bis der Dunkelelf flüchten könnte, aber allzu lange Durfte Radgar nicht mehr warten. „Steh auf!“ befahl Radgar und nahm das Schwert ein Stück zurück. Fluchend und unter schmerzhaftem Stöhnen rappelte sich der geschlagene auf. Radgar hielt die ganze Zeit über das Schwert bereit, falls sein nun Gefangener irgendwelche Tricks versuchen sollte. Er deutete CenRo an wieder die Straße zurückzugehen und langsam setzte sich dieser humpelnd in Bewegung.

Kapitel 31 – Planschmiede

Der Rückweg gestaltete sich als sehr kurz und unkompliziert. Als sie sich dem Ort des Überfalls näherten, wurde Radgar aber vorsichtig, da er nicht wusste wie der Kampf um seine Freunde ausgegangen war. Aber die Sorgen erwiesen sich als unbegründet. Nicht weit von dem eigenen kleinen Kampfschauplatz entfernt kam ihnen Anyi entgegengelaufen. Sie hatte ein kleines Werlicht geschaffen, mit dessen Hilfe sie den Boden nach Spuren absuchte. Als sie CenRo sah, ging sie sofort in Kampfstellung, doch dann erkannte sie die Situation. Sichtlich erleichtert ging sie auf Radgar zu. „Ich bin froh Euch zu sehen, Mylord. Wir konnten die Gefangenen befreien. Fânlien versteckt sich im Moment mit ihnen in der Nähe. Ich bin los um nach euch zu sehen. Geht es euch gut?“ In dem Moment beleuchtete das Werlicht Radgar’s Gesicht und Anyi zuckte zusammen. Seine Sehkraft war zwar mittlerweile wieder fast in Ordnung, aber sein Gesicht schien noch Spuren von dem Blendsatz zu zeigen. „Bei mir ist wieder alles in Ordnung, er hat versucht mich zu blenden bevor er mich ausweiden wollte. Aber das hat nicht ganz geklappt.“ Anyi nickte und holte etwas Seil hervor, mit dem sie CenRo die Arme auf den Rücken band. Dazu überprüfte sie außerdem seine Arme auf gefährliche Gegenstände, damit er sich nicht befreien konnte. So ging es für das Dreiergespann dann weiter die Straße hinunter und kurz vor dem Überfallort in den Wald, wo die restliche Gruppe sich in der Senke versammelt hatte und die Verwundeten versorgte. Als die Drei in Sicht kamen, sprangen Ak’Sun, Fânlien und Grom auf und wollten sich auf CenRo stürzen, doch Radgar trat zwischen sie. „Ich bin froh, dass ihr ihn habt, Mylord.“ Fing Fânlien an, doch wurde er dann schnell von Radgar unterbrochen. „CenRo ist mein Gefangener!“ stellte er unumwunden fest. Als Fânlien aufbegehren wollte, schnitt ihm Radgar noch vor dem ersten Ton das Wort ab. „Das heißt“, fuhr er energisch fort, „von euch rührt ihn keiner an. Wir werden nicht auf sein Niveau herabsinken, sondern ihn festhalten bis er vor ein Gericht gestellt werden kann. Habe ich mich klar ausgedrückt?“ Streng schaute er jedem der um sich stehenden in die Augen, und ein jeder nickte. Auch wenn der ein oder andere dabei ziemlich zerknirscht war.

Also wurde CenRo an einen der Bäume gebunden, geknebelt und mit einer Binde über Augen und Ohren. In der Mitte der Senke brannte nun ein kleines Feuer, und die Widerstandskämpfer und die Befreiten hockten sich drum herum um sich zu beratschlagen. Grom ergriff als erster das Wort. „Wir haben den Dunkelelfen, und Ganoir ahnt noch nichts von uns. Das ist die Gelegenheit um sie zu überraschen. Wenn wir schnell und geschickt vorgehen, können wir die Festung und somit dieses ganze Tal vom Orden befreien.“ Gulak schnaubte einmal laut auf. „Und wie sollen wir das ganze Anstellen? Wir sind elf Leute, von denen zwei nicht einmal richtig kämpfen können. Und das gegen einen Außenposten mit über fünfzig Mann Besatzung? Außerdem kommen wir erst gar nicht an die Festung ran. Die sehen uns doch schon vom weiten kommen wenn wir den Weg hoch zum Pass steigen. Und selbst wenn wir es schaffen, wie sollen wir mit so wenigen die Festung halten? Der Orden hätte sie mit einem Fingerschnippen zurückerobert und wir hätten unseren Hals für nichts und wieder nichts riskiert.“ Grom funkelte Gulak wütend an. „Fest steht“, warf Fânlien ein, „dass wir nicht hierbleiben können. Ganoir liegt am Scheitelpunkt des einzigen Passes, der aus diesem Tal hinausführt. Sobald der Orden spitzkriegt was hier los ist muss er nur den Pass bei Ganoir dicht machen und draußen genügend Soldaten versammeln um das Tal richtig abzusuchen. Ewig verstecken können wir uns nicht, und was etwas derartiges für die Bewohner on Chadum bedeutet brauche ich nicht zu sagen.“ Während Grom und Gulak resigniert die Köpfe nach unten sackten, funkelte bei dieser Feststellung Elise ihren Onkel böse an. Dieser spürte ihren Blick und senkte den seinen, sagte aber nichts. Daraufhin wandte sie trotzig den Kopf ab und starrte in die Flammen. Diese wortlose Verständigung war zwar nur kurz, blieb aber nicht unbemerkt.

Die Silias auf Radgar’s Schulter sandte ihm wieder ein Bild von dem Geschehenen. Radgar hatte immer noch Schwierigkeiten, seine eigene Wahrnehmung mit der der Silias in Einklang zu bringen, aber das minderte nicht sein verstehen für das, was die kleine Echse ihm zu Zeigen hatte. „So wie es aussieht haben wir drei Möglichkeiten.“ Sagte er in die Runde. „Erstens bleiben wir hier und verstecken uns. Dann würde uns über kurz oder lang der Orden finden. Zweitens versuchen wir Ganoir zu erobern, aber dazu sind wir zu wenige. Die Dritte Möglichkeit ist, dass wir uns versuchen an der Festung vorbei zu schleichen und zu den Ebenen entkommen. Das ist zwar schwierig, aber nicht Unmöglich.“ Reev horchte auf. „Und wie sollen wir das anstellen? Von der Festung aus hat man einen Uneingeschränkten Blick auf den Pass. Dort ungesehen Durchzukommen ist nicht möglich.“ Bevor Radgar darauf antworten konnte, ergriff Anyi das Wort. „Wir können zum Beispiel von den überfallenen Soldaten und unserem lieben Gefangenen die Uniformen nehmen und uns als Soldaten auf Patrouille oder beim Gefangenentransport ausgeben. Ich für meinen Teil würde lieber das versuchen, als einen Selbstmordangriff zu starten oder mich wie eine Maus in der Spalte zu verkriechen.“ Reihum nickten bei diesen Worten die Zuhörer zustimmend, nur Meltheuser wirkte wenig begeistert. „Wir sollen von hier fortgehen? Das kann ich nicht, der Gasthof ist alles was ich habe.“ Ak`Sun räusperte sich. „Hört zu, Meltheuser. Entweder ihr kommt mit uns, oder ihr bleibt, versteckt euch und hofft, dass wir vorher mit dem Orden fertig sind bevor er euch gefunden hat. Die Wahl liegt bei euch.“ Radgar beugte sich leicht vor und stützte seine Ellenbogen auf die Knie. „Wir werden niemanden Zwingen mit uns zu kommen. Für die Nacht sind wir hier erstmal sicher, morgen werden wir dann die nötigen Vorbereitungen treffen und in der nächsten Nacht werden diejenigen die es wollen aus diesem Tal verschwinden.“ Mit diesen Worten stand Radgar auf und deutete Ak`Sun und Anyi zu sich. Er sprach kurz mit ihnen und wandte nahm dann Meltheuser zur Seite.

Dem Wirt war es sichtlich unangenehm mit Radgar allein zu sprechen. Er betrachtete lieber seine Schuhspitzen, als dem Jungen in die Augen zu sehen. „Was kann ich für euch tun, Mylord?“ „Du kannst mir sagen was zwischen dir, deiner Nichte und dem Orden vorgefallen ist. Warum wurdet ihr beide festgesetzt?“ Der dicke Wirt blickte einmal scheu zu Radgar. „Kurz nachdem ihr in den Tunnel geflohen seid, ist CenRo wieder in den Keller gestürmt. Er wollte euch durch den Tunnel folgen, schaffte es aber nicht. Daraufhin ließ er mich in Ketten legen. Als wir wieder nach oben kamen, stand da Elise. Sie sah den Zorn in seinen Augen und fragte was los sei. Er bekam einen Wutanfall, schlug sie und ließ sie ebenfalls in Ketten legen. Sie hat anscheinend viel für ihn empfunden und sich von ihm einlullen lassen, und gibt mir nun die Schuld das es zwischen ihnen nicht geklappt hat. Als ob dieser Schlächter etwas anderes für eine einfache Menschenmagd empfinden könnte als Verachtung. Aber das will sie einfach nicht einsehen. Und nun sind wir auch noch auf der Flucht vor dem Orden und wissen nicht wie es weitergehen soll.“ Seufzend blickte der Wirt zu seiner Nichte, die ihn aber ignorierte. „Gebt ihr etwas Zeit. Sie wird schon noch verstehen das es so besser ist.“ Versuchte Radgar den Gastwirt zu beruhigen. Dieser lächelte nur kläglich und ging zu seinem Schlafplatz. Während Radgar zu seinem ging, kam Anyi zu ihm und reichte ihm ein kleines Stück Stoff. Radgar warf einen kurzen Blick drauf und bedankte sich, dann legte er sich hin betrachtete den Sternenhimmel mit hinter dem Kopf verschränkten Armen. Die Silias ließ sich auf seiner Brust nieder und rollte sich für einen Moment ein, bevor sie aufsprang und auf den nächsten Baum flitzte.

Kapitel 32 – Unter Beobachtung

Es wurde noch ausgeknobelt wer welche Wache halten sollte, und so langsam legten sich alle außer Grom schlafen. Der Zwerg hatte die erste Wache bekommen und setzte sich seinerseits ans Feuer. Aus seinem Gepäck holte er ein Stück Holz hervor und sein Messer, und begann an dem Holz herum zu schnitzen. Auch Radgar machte irgendwann die Augen zu. Diesmal hatte er einen recht traumlosen Schlaf. Oder zu mindestens konnte er sich nach dem wach werden nicht mehr an den Traum erinnern. Und das Erwachen kam schneller als er gedacht hätte. Er hatte das Gefühl gerade erst die Augen zugemacht zu haben, da wurde er mit einem Schulterrütteln geweckt. Anyi hockte neben ihm. „Ist etwas los?“ „Nein Mylord, aber es ist nun eure Wache.“ Radgar nickte als Zeichen das er verstanden hatte. Während Anyi sich in ihre Decke einwickelte stand Radgar auf und ging im Kreis um das Lager herum. Sein Kreislauf kam langsam wieder in Schwung. Radgar betrachtete den Himmel. Ein leichter grauer Schleier deutete den baldigen Beginn eines sonnigen und wolkenlosen Tages an. Ein leises Rascheln hinter ihm ließ ihn herumfahren. Hinter ihm war nichts zu sehen. Und doch war Radgar als sei da irgendwas gewesen. Er konzentrierte sich auf seine magischen Sinne und da sah er es. Eine entfernt menschlich aussehende Gestalt stand am oberen Rand der Senke. Sein Körper war in schwarze Stoffbahnen gehüllt, der wie eine dichte Nebelwolke von seinen Schultern hingen. Das Gesicht war unter einer Kapuze und einem Schleier verborgen. Mehr konnte Radgar nicht erkennen. Es kostete ihn auch einiges an Überwindung sich seitlich von der Gestalt abzuwenden und seine Runde um die Feuerstelle fortzusetzen, anstatt den Fremden unverhohlen anzustarren. Nachdem er das gegenüber liegende Ende der Senke erreicht hatte, kletterte er die Schräge nach oben. Immer noch wandte er der Gestalt den Rücken zu und tat so, als wolle er sich erleichtern. In Wahrheit sammelte er verborgen seine Energien.

Als er der Meinung war bereit zu sein, drehte er sich blitzschnell um. Noch immer stand die Figur dort drüben und beobachtete ihn. Während Radgar sich umdrehte, warf er sein Schwert, das er mit einem Teil seiner Energien gerufen hatte. Kurz bevor Tsao sein Ziel aber gefunden hatte, verschwand es wieder. Die Gestalt war vor Schreck zurückgestolpert und wollte die Arme zum Schutz vor dem Schlag heben, doch der Schlag kam nicht. Stattdessen war Radgar auf seinen Gegner zugesprungen. Um die Distanz zwischen den beiden schnell zu überbrücken, nutzte er einen Trick, den ihn Ak’Sun beim Training gelehrt hatte. Er kanalisierte einen Teil seiner Energie an den Fußsohlen. Diese Energiemenge ließ er dann während des Absprunges frei und wurde dadurch vorwärts geschleudert. Durch diesen Schub schoss er wie eine Kanonenkugel über die Senke auf die Gestalt zu, während diese noch damit rechnete von Tsao getroffen zu werden. Kurz bevor das Schwert aber die Gestalt erreichte, rief Radgar es wieder zu sich und hieb stattdessen selbst nach der Schulter. Sein Gegner, durch den Schwertwurf und die nach oben gerissenen Arme abgelenkt, bemerkte den Schlag fast zu spät. Gerade noch rechtzeitig warf sie sich zurück, wobei sie mit den Füßen an einer Wurzel hängen blieb und langgestreckt auf dem Boden landete. Zu mindestens sollte sie das. Während die Gestalt den Boden berührte, verschwand sie einfach mit einem leisen Krachen. Wie von einem Wind erfasste Nebelschleier zerstob die Gestalt. Eine kleine Stichflamme züngelte an etwas hoch und verlosch gleich wieder. Nichts deutete darauf hin das eben noch jemand hier gewesen war. Während Radgar sich verwirrt umsah, schreckte auch Anyi aus ihrem leichten Schlaf auf. Schon der verstärkte Sprung hatte sie geweckt, aber erst bei dem Krachen war sie richtig wach. Mit wenigen Sätzen war sie die Böschung hochgerannt und stellte sich neben Radgar, ihren Kampfstab fest in den Händen. „Was ist los, Mylord?“ fragte sie ihren sich immer noch hektisch umsehenden Herrn. „Hier war gerade eine Gestalt, ganz in schwarzen Fetzen gehüllt und getarnt. Ich wollte ihn angreifen und festhalten, aber er ist gestolpert. Als er auf dem Boden aufschlug, verschwand die Figur einfach. Anyi sah Radgar skeptisch an. Er konnte auch nicht ganz glauben was er gerade gesagt hatte. Im Boden gab es keine Fußabdrücke, am Schwert keine Blutspuren und an den Wurzeln war auch nichts zu erkennen. Und doch, als Anyi sich bückte, fand sie zwischen den Gräsern und Kiefernadeln ein kleines Häufchen Asche. Sie machte Radgar darauf aufmerksam und ihm fiel die kleine Flamme wieder ein, die kurz aufgelodert war. Dies mussten die Überreste dieser Flamme sein.

Als sich die beiden wieder dem Lager zuwandten, sahen sie Elise und Ak’Sun aus den Büschen treten. Was die beiden aber alarmierte war nicht Tatsache, dass die Wirtsnichte unbemerkt in den Wald geschlichen war, sondern das Ak’Sun sie gefesselt vor sich her führte. Während das Mädchen stumm vor sich hin weinte, humpelte die Gaora’Su hinter ihr her. Ein rötlicher Fleck breitete sich auf ihrem Oberschenkel aus. Dazu hielt sie ihren Arm in einem seltsamen Winkel. Die vier trafen sich in der Mitte der Senke. Ak’Sun stieß das Mädchen auf ihr Lager, wo sie auf einer Attrappe aus Decken zum Liegen kam. Mit einem Nicken forderte Radgar die Katzendame auf zu berichten. „Mylord, Ihr hattet recht mit Eurer Befürchtung.“ Ihrem sonst stolzen Gesicht war die Verbitterung deutlich anzusehen. „Das Morgengrauen setzte gerade ein, da kam das Mädchen zu CenRo geschlichen. Ich konnte sehen wie sie ihm die Fesseln durchschnitt und ihm dabei leise etwas zuflüsterte. Ich wollte gerade dazwischen gehen, doch der Dreckskerl hatte schon eine Hand frei. Er packte sie und schleuderte sie mit aller Kraft mir entgegen, wodurch wir beide hinfielen. Während ich mich aufrappelte, befreite er sich endgültig. Er warf mir das Messer entgegen und traf mich am Oberschenkel. Während ich versuchte Aufzustehen trat er mich noch einmal nieder. Sie wollte sich auch erheben, wurde aber von ihm noch einmal geschlagen und danach beschimpft. Wie sie nur je ernsthaft daran glauben könne das er sich ernsthaft für sie interessieren würde. Er wollte gerade weiter machen mit seinem sadistischen Ich-schlitz-dich-auf-Spielchen, als er über uns eine Silias Fauchen hörte. Er überlegte es sich wohl daraufhin anders und rannte in den Wald hinein. Ich habe mir bei der Geschichte den Arm angeknackst und konnte ihn leider nicht aufhalten.“ Nun brannte ihr Gesicht deutlich vor Scham über ihre eigene Unfähigkeit. Sie wagte es nicht Radgar in die Augen zu sehen, musste er doch wegen ihres Versagens scher enttäuscht von ihr sein. Doch Radgar fasste sie nur an beiden Schultern und umarmte sie. „Den Feigling werden wir uns noch ein andermal schnappen, mir ist es wichtig das euch beiden erstmal nichts passiert ist.“ Radgar wandte sich an Anyi. „Kümmere dich um die Wunden, wir müssen schnell weg von hier.“ Anyi nickte und beschwor ihre Heilende Magie hervor. Radgar unterdessen griff sich den Topfdeckel und schlug ein paar Mal darauf. Die noch Schlafenden Gruppenmitglieder fuhren derartig geweckt nach oben, der ein oder andere hatte seine Waffe in der Hand kaum das er auf den Beinen stand. „RUHE!“ brüllte Radgar, bevor sich groß Verwirrung breit machen konnte. „Wir haben ein Problem. CenRo ist geflohen.“ Die Widerstandskämpfer blickten sich fassungslos an. „Wie und warum werden wir später erklären, jetzt müssen wir erstmal weg von hier. Gulak, Grom, Ihr rennt zur Straße und holt uns die Uniformen von den Gefallenen Soldaten. Möglichst eine passende für jeden von uns. “ Der Zwerg und der Kater nickten und rannten los. „Korin, Toni, ihr räumt die Vorräte und Decken zusammen und verpackt alles so gut ihr könnt. Kein Zwischenfuttern, wir müssen schleunigst hier weg.“ Die beiden machten sich brummelnd an die Arbeit. „Fânlien, du unterstützt Anyi, Ak’Sun muss fit sein wenn wir aufbrechen.“ Der Elf rannte zu der Katzendame und ließ sich ihren Arm zeigen. „Reev.“ Der Zentaur blickte Radgar fragend an. „Wir brauchen eine Rankenkuppel über diese Senke, damit man nicht sehen kann ob noch jemand hier ist. Schaffst du das?“ Reev runzelte kurz die Stirn, dann nickte er. Radgar nickte ebenfalls und sagte „Dann fang gleich an.“ Nachdem er allen eine Aufgabe gegeben hatte wandte Radgar sich Meltheuser zu. Dieser hatte sich neben seine gefesselte und immer noch flennende Nichte gesetzt und versuchte sie zu beruhigen. Radgar ging neben den beiden in die Hocke. „Und nun zu euch beiden.“ Radgar‘s mühsam unterdrückte Wut war wohl deutlich herauszuhören, denn Elise blieb das Schluchzen im Halse stecken. Mit angstvoll geweiteten Augen blickte sie zu Radgar, ihrem Onkel standen die Sorgen tief ins Gesicht geschrieben. „Mylord,“ begann er zu stottern. „Bitte verzeiht meiner Nichte. Sie…“ Radgar schnitt ihm mit einer Handbewegung das Wort ab. „Ich verstehe warum du das getan hast. Aber ich muss wissen ob du auch in Zukunft hinter meinem Ziehonkel her schmachten wirst.“ Elise schluchzte noch einmal, dann schluckte sie und sah Radgar fest in die Augen. „Dieses Schwein wollte mich umbringen. Ich habe alles getan worum er mich gebeten hat, habe meinen Onkel hintergangen und alles zerstört was wir uns in Chadum aufgebaut haben. Und dieser Dreckskerl hätte mich umgebracht.“ Sie schluckte noch einmal, ihr Blick festigte sich. „Ihr könnt mir glauben Mylord, das einzige wobei ich dem Scheißkerl helfen werde ist seine Verabredungen in der nächsten Welt einzuhalten.“ An der Entschlossenheit in ihrem Blick war kein Zweifel, und so wandte sich Radgar von ihr ab um zu sehen wie weit die anderen waren.

Kapitel 33 – In die Berge

Während der kurzen Unterhaltung war das Lager schon fast abgebaut. Gulak und Grom kamen auch schon zurück und schleppten jeder einige Uniformteile mit sich. Diese wurden noch schnell auf das übrige Gepäck verteilt und die Gruppe machte sich auf den Weg. Die Festung Ganoir und der Pass lagen im südwestlichen Teil des Tales, somit gab Radgar erst einmal eine westliche Richtung vor auf die Berge zu. Dadurch schlugen sie einen Bogen um die Festung, aber aus dem Tal würden sie so trotzdem nicht kommen. Das Gelände stieg rasch an, während der Wald etwas lichter wurde. Meltheuser und Elise schauten sich nervös um, und auch Fânlien, Gulak und Korin schienen sich immer weniger wohl zu fühlen. Nach zwei Stunden machten sie eine kurze Rast. Während die Gruppe einen kurzes Frühstück einnahm, erzählte Radgar das Ak’Sun zufällig mitbekommen hatte wie CenRo versucht hatte sich zu befreien. Bevor Radgar dazugekommen sei habe der Gefangene Ak’Sun verwundet, aber als Radgar dazukam ist er geflüchtet. Die Geschichte mit dem unheimlichen Beobachter und Elises Beteiligung an den Abenteuern des Morgens ließ er aber weg. Nachdem er geendet hatte begann er sich selbst an seinem Proviant zu bedienen. Fânlien nutzte die Gelegenheit um seinen Gedanken Luft zu machen. „Mylord, ich verstehe warum wir nun Ganoir meiden müssen, aber wir müssen aufpassen. Ihr wisst es vielleicht nicht, aber wir nähern uns langsam Shu-Gebiet.“ Radgar schluckte noch in Ruhe den Bissen hinunter den er gerade im Mund hatte, dann sah er zu dem Elfen hinüber. „Bist du deswegen so nervös?“ Der Elf zuckte mit den Achseln. „Noch nicht, aber wenn die Shu uns erwischen können wir uns auf eine Menge Ärger gefasst machen.“ Radgar nickte einmal als Zeichen das er verstanden hatte, doch so ganz beruhigend schien das nicht zu sein. Bevor sich aber noch jemand dazu äußern konnte, landete eine Silias mitten im Kreis. Außer Radgar, Toni und Anyi, die dieses Verhalten schon kannten, schreckten alle anderen zurück. Was bei Gulak dazu führte das er sein Gleichgewicht verlor und wild mit den Armen ruderte, aber trotzdem von seiner Sitzgelegenheit auf den Boden plumpste. Radgar konnte sich eines grinsen nicht erwehren. Während die Echse an ihm hochkletterte und Er das scheinbar für vollkommen normal empfand, starrten die anderen ihn entsetzt an. Am Abend zuvor hatte die Silias sich in seinem Kragen versteckt, weshalb sie von den Anderen nicht bemerkt wurde. Während die Echse sich auf seiner Schulter niederließ, fand zwischen den beiden eine stumme Zwiesprache statt. Radgar gab ihr etwas von seinem Essen, und sehr zum Entsetzen wie auch zum Erstaunen der meisten seiner Reisegefährten fraß ihm die sonst aggressive und unberechenbare Silias aus der Hand. Radgar schaute in die Runde und musste noch breiter Grinsen.

Grom war schließlich der erste der sich räusperte. „Das ist ein interessantes Schoßtier das ihr da habt, Mylord.“ Radgar schaute zu dem Zwerg hinüber. „Hast du etwas gegen tierische Gesellschaft?“ Grom’s Gesichtsausdruck verfinsterte sich. „Mir behagt es nur nicht eines dieser Viecher so nah zu haben, das ist alles.“ Bei dem Wort Viecher hob die Silias ihren Kopf und fauchte Grom an. Radgar streichelte ihren Hals um sie zu beruhigen. „Dieses Viech, “ die Verachtung Radgar’s für diese Bezeichnung war klar herauszuhören, „hat mir schon öfters geholfen seit ich hier bin. Sie ist auch der Grund, warum uns die Shu in Ruhe lassen, obwohl wir bereits seit fast einer Stunde auf ihrem Gebiet sind. Also solltest du ihr mit Respekt und Vorsicht begegnest, dann wird sie dir auch nichts tun.“ Diese nebenbei erbrachte Eröffnung sorgte wieder für Erstaunen unter den Gruppenmitgliedern. Fânlien blickte nachdenklich drein und wandte sich an Radgar. „Dann habt Ihr eine Verabredung mit den Shu getroffen?“ Radgar bejahte. „Aber wann? Gestern Abend noch wart ihr dafür, dass wir uns an Ganoir vorbeischleichen. Wollt ihr euch nun doch in den Wäldern verstecken?“ Radgar lehnte sich zurück an den Baum unter dem er saß und dachte nach. Wie viel konnte er dem Elfen anvertrauen? Er entschied sich ihm die Wahrheit zu erzählen, oder zu mindestens einen Teil davon. „Wir sind den Shu kurz nach unserer Ankunft hier begegnet, da sind wir nämlich mitten in ihren Wäldern gelandet. Durch einen Zufall in Form von Sil konnten wir sie davon überzeugen, dass wir keine Gefahr für sie darstellen. Eines ihrer Ratsmitglieder versicherte uns das wir ihm jederzeit willkommen währen. Gestern Abend habe ich Sil mit einer Nachricht zu ihm geschickt, als Vorsichtsmaßnahme. Die Shu gewähren uns Zugang zu einem sicheren Versteck. Sobald wir da sind werden wir uns überlegen wie es nun weitergeht.“ Während Fânlien diese Erklärung zu akzeptieren schien, fiel es Korin deutlich schwerer das zu akzeptieren. „Lass di von de Jung nich‘ enlulln Fânlien.“ Wandte er sich an seinen Chef. „De fürt un no all ins Verderbn, det sach ik di. Erst lässt er det dunkle Spitzohr enkommn, nu will er wejn so ene verfluchte Echs zu diese Waldmenschn. Von do is do no nie ener zurüch jekehrt. Bestimmt hat er ne Abmachung mit de Oden un de Shu. Er führt uns da’in, de Shu erledign uns un de Oden kann det janze Tal unterdrückn. Un de Shu wedn in ruh jelassen.“ „Korin.“ Brummte Gulak seinen Kammeraden beruhigend an. „Was du da sagst ergibt keinen Sinn. Wenn er uns wirklich an den Orden ausliefern gewollt hätte, hätte er uns gestern einfach im Keller verhaften lassen sollen. Du hast nur so einen verdammten Schiss vor den Shu, weil du jede noch so erfundene Geistergeschichte von ihnen ernst nimmst.“ Korin schaute zu dem Katzenmann auf und warf ihm einen finsteren Blick zu. „Du hat ja kene Ahnung, du Jungspund. Du wesst nich wat de Shu fü Monster sin, Gu’ak, du wesst es net. De hätn kene Skrupel dich auszuweden und fü de Wölf lijen zu lassen.“ Der sonst zum Scherzen aufgelegte Krieger war sichtlich den Tränen nah.

Radgar erhob sich. Sil sprang von seiner Schulter auf den Baum an dem er gesessen hatte und verschwand im Blätterdach. Während Korin immer mehr zu schluchzen anfing wurde er von Gulak sanft an den Schultern festgehalten. Radgar legte sanft seine Hand auf Korin’s Arm. „Korin,“ begann er mit ruhiger Stimme. „Ich weiß nicht was für Erfahrungen mit den Shu gemacht hast. Aber ich bitte dich mir zu vertrauen. Uns wird von den Shu keine Gefahr drohen.“ Korin sah Radgar mit leicht verquollenen Augen an. Doch dann klärte sich sein Blick. „Also jut. Ik vertrau euch, M‘lord.“ Sagte er unter schlucken „ Aber det heßt net, dat ik denen vertrau.“ So langsam beruhigte sich Korin wieder, und schon bald darauf konnte die Gruppe weiterziehen.

Kurz darauf wurde das Gelände immer steiler, so dass die Gruppe bald gezwungen war im Gänsemarsch einem Wildpfad zu folgen, der sich seitlich entlang der Schräge den Hang entlang nach oben schlängelte. Die Bäume standen nun nicht mehr so dicht wie weiter unter ihnen, aber trotzdem boten sie genug Schutz um nicht von weitem gesehen zu werden. Außerdem konnte man an ihren Wurzeln immer mal wieder eine kurze Rast machen ohne Angst haben zu müssen den Hang wieder hinunter zu rutschen. Schon nach ein paar Stunden näherte sich die Gruppe einem Gebirgsbach, der rauschend sich seinen Weg in das Tal bahnte. Zielstrebig hielt Radgar auf den Wasserfall zu, der ihren Pfad kreuzte. Als sie durch die Öffnung an der Seite vom Wasserfall traten, staunte jeder aus der Gruppe nicht schlecht. Hinter dem Wasservorhang öffnete sich eine gut drei Meter hohe, halbkreisförmige Öffnung im Fels, die nach hinten langsam schmaler und niedriger wurde. Über den Lärm des Wasserfalls hinweg erklärte Radgar den anderen, dass sie sich erstmal in dieser Höhle lagern würden. Zu diesem Zweck führte er sie weiter nach hinten. Dort, im schummrigen Licht, dass durch den Wasserfall fiel, tastete er sich an den Felsen entlang. Schließlich fand er was er gesucht hatte. Nach einem leichten Druck schob sich ein Teil der Wand zur Seite und ein Eingang in eine weite Kammer öffnete sich. Nachdem sie alle durch waren, verschloss er den Durchgang wieder. Der Lärm des Wasserfalls war danach nicht mehr so stark, und der Boden war trocken. In der Mitte befand sich eine in den Stein gehauene kleine Kuhle, und in der einen Ecke fand die Gruppe genug Holz und Reisig für ein kleines Lagerfeuer. Im Licht von ein paar heraufbeschworenen Werlichtern ließen sich die Gruppenmitglieder müde um die Feuerstelle fallen. Das Feuer wurde entzündet, und die Gruppe bereitete ein kleines Mittagsmahl zu. Sorgenvoll betrachtete Anyi den Rauch, denn auch wenn die Kammer an sich trocken war, so war es unmöglich, dass das Holz bei der Nähe zum Wasserfall trocken blieb. Dementsprechend stark qualmte das Feuer, während der Rauch durch eine Spalte in der Decke abzog. Radgar bemerkte ihren besorgten Blick, doch konnte er sie durch eine Geste wieder beruhigen.

Kapitel 34 – Beratungen

Während des Mittagessens war die Gruppe nicht sehr gesprächig. Leider hatte das Essen nicht gerade eine fördernde Wirkung auf die Stimmung. Radgar sah es den anderen an, dass sie durch die Flucht von CenRo jegliche Hoffnung verloren hatten, heil aus dem Tal zu kommen. Außerdem dachte der ein oder andere sicher mit Unbehagen an das bevorstehende Treffen mit den Shu.

Nachdem er seine Ration aufgegessen hatte, trat er aus der verschlossenen Tür in die erste Höhle und stellte sich an den Wasserfall. Es wunderte ihn nicht, das Anyi auf einmal neben ihm auftauchte. Zwar konnte er die leisen Schritte der Elfe durch das Rauschen des Wasserfalles nicht hören, aber sein Magiegespür wurde dafür immer feiner. „Ich denke hier können wir ungehört miteinander reden.“ Anyi zuckte zusammen. Sie war sich nicht bewusst gewesen das sie ihre Anwesenheit verraten hätte. „Mylord, darf ich offen mit euch sprechen?“ Radgar blickte weiterhin durch den Wasservorhang, aber Anyi verstand sein Schweigen als Zustimmung. „Ihr wisst, dass ich nie vor den anderen so sprechen würde, also verzeiht mir bitte meine Worte. Aber ich Verstehe die Dinge einfach nicht mehr.“ Radgar bemerkte so etwas wie einen leicht flehenden Unterton. „Was hat es mit dieser Silias auf sich? Woher wusstet ihr, dass jemand CenRo befreien würde? Wie habt ihr von diesem Platz erfahren? Und woher wusstet ihr, dass ich hinter euch stehe. Oder die Sache im Keller, als ihr die Kristalle entdeckt habt.“ Sie sah vom Wasservorhang zu Radgar’s Gesicht und drehte sich leicht um ihm in die Augen zu sehen. Radgar wandte sich von dem verwässerten Ausblick ab und drehte sich ebenfalls zu ihr um. „Ich weiß nicht wie genau es passiert ist. Toni und ich sind dicht beieinander gelandet als wir hier her gekommen sind. Als ich wach wurde, saß Sil einfach neben mir. Ich habe ihr zur Ablenkung etwas zu fressen gegeben, weiter weiß ich nichts. Seit dem Abend, an dem wir QuaRé kennen gelernt haben, empfange ich immer wieder Gedanken und Eindrücke von ihr. Die Möglichkeit von CenRo`s Flucht, dieser Ort, der Angriff auf die Waldhütte. Sie erzählt mir von diesen Sachen.“ Anyi sah Radgar leicht zweifelnd an. Sie setzte zu einer Bemerkung an, doch Radgar bemerkte das nicht. „Das ist noch nicht alles. Ich kann auch irgendwie die Magie von anderen sehen.“ Anyi’s spiegelte ihre Verwirrung wieder. „Was meint ihr mit ‚Sehen‘?“ Radgar schloss die Augen und schaute drehte den Kopf wieder zum Wasserfall. „Anders kann ich es nicht beschreiben. Ich sehe nicht richtig, nicht mit den Augen. Aber wenn ich mich konzentriere, kann ich magische Energien sehen. Selbst jetzt sehe ich die magischen Kräfte, die durch deinen Körper strömen, wie sie sich konzentrieren wenn du oder andere Magie wirken. Im Kampf mit CenRo konnte ich sogar erkennen welche Formen von Magie er wirken würde noch während er seine Kräfte sammelte.“ Radgar sah wieder zu Anyi hin. Die Elfe hatte einen sehr ungläubigen Gesichtsausdruck. „A… Aber… Aber das ist doch vollkommen unmöglich.“ stotterte sie. „Es ist zwar möglich mit einem Suchzauber bestimmte magische Formen aufzuspüren, aber das gilt nur für bereits gewirkte Magie. Ich habe noch nie von einem Fall gehört, dass jemand ungebundene Magie erspüren konnte. Erst recht nicht das es ohne einen entsprechenden Zauber funktioniert hat.“ Anyi’s Stirn legte sich in Falten als sie scharf nachdachte. Schließlich atmete sie ein paar Mal tief durch und schaute dann wieder mit Sorge in den Augen zu Radgar. „Ich muss Euch gestehen, Ihr macht mir Angst. Aber ich kenne euch, und ich vertraue euch. Was aber viel wichtiger ist, Mylord, Ihr dürft den anderen gegenüber kein Wort davon erzählen. Manchem seid Ihr jetzt schon unheimlich wegen eurer Verbindung zu den Shu und der Silias.“ Sie trat an Radgar heran und legte ihm die Hand auf dem Arm. „Ich werde nun wieder rein gehen. Bitte achtet sehr genau darauf, wie viel von Euren Fähigkeiten Ihr Preis gebt.“ Radgar nickte einmal bei ihren Worten und Anyi ging wieder in die Höhle. Radgar suchte sich einen trocknen Platz am Höhlenrand setzte sich hin und fing an nachzudenken.

Im Laufe der nächsten Stunde kam jeder der Gruppe kurz einmal raus um sich ein bisschen am Wasserfall zu erfrischen, aber keiner setzte sich zu Radgar, oder sprach ihn an. Ob es daran lag was er seit dem Wecken gesagt oder getan hatte, oder ob Anyi die anderen gebeten hatte ihn in Ruhe zu lassen war ihm einerlei. Er musste nachdenken. CenRo wusste nun wie sie geplant hatten aus dem Tal zu entkommen. Diese List würde also nicht funktionieren, sicher war das Tal bereits abgeriegelt. Sich durch die Felsen graben, wie sie es bei ihrer Flucht aus dem Keller getan haben, würde auch nicht gehen. Das Gestein war zu dick und zu dicht als das sie das genauso machen könnten, selbst mit zwei Erdelementen. Über die Berge klettern würde auch nicht gehen, sie waren unpassierbar. Nach ein paar Stunden kam Sil über den Pfad in die Höhle gekrochen. Die Echse krabbelte zu Radgar und setzte sich auf seinen Schoß. Sie hob ihren Kopf und als Radgar ihr in die Augen sah, sah er wieder den Pfad zu der Höhle vor sich. Nur dieses Mal sah er auch QuaRé und einen weiteren Shu auf dem Pfad stehen Die Bilder waren durchdrungen von einer unausgesprochenen Frage. Sie standen da und schienen zu warten. Über ihre geistige Verbindung signalisierte Radgar Sil sein Einverständnis, und die Echse huschte zurück zu dem Durchgang. Radgar stand auf und ging in die Höhle zu den anderen. Zehn Augenpaare sahen ihn an als er eintrat. „Die Shu sind da.“ Sagte er schlicht, bevor er sich wieder umdrehte und in die erste Höhle zurückging. Dort kniete er sich auf den Höhlenboden und wartete. Er bemerkte wie sich Anyi, Fânlien, Korin und Ak`Sun neben ihn setzten. QuaRé betrat in Begleitung zweier Krieger die Höhle. Alle drei legten demonstrativ ihre Waffen am Eingang ab und knieten sich ebenfalls Radgar gegenüber. Radgar und QuaRé verneigten sich knapp voreinander.

„Ihr habt ein großes Problem, Geisterfreund.“ Begann QuaRé das Gespräch. Er sprach die Gemeinsprache mit schwerem Akzent. „Das ist uns bekannt, ehrwürdiger Qin.“ Erwiderte Radgar. „Wir haben viele Probleme, aber eines verbindet die Shu mit uns.“ QuaRé nickte einmal mit Bedacht. „Die Festung Ganoir und das dunkele Spitzohr. Unsere Späher haben uns berichtet, wie es heute Morgen aus eurer Gefangenschaft geflohen ist.“ Radgar senkte kurz den Kopf. „Wir mussten daraufhin hierher kommen. CenRo hatte mitbekommen, wie wir die Wachen in der Festung überlisten wollten.“ QuaRé nickte wieder. „Wir können euch leider nicht bei einem Kampf gegen die Festung beistehen. Auch verstecken können wir euch nicht auf ewig. Im Rat wurde der Vorschlag gemacht euch an die Festung zu übergeben. So…“ „DU VERLOJENES STÜCK BAUMDRECK.“ Brüllte Korin dazwischen. Er wollte aufspringen, doch Radgar und Ak’Sun hielten ihn zurück. Während des kurzen Gerangels brüllte Korin Beleidigungen und Anschuldigungen hinaus. Doch gegen Radgar und Ak’Sun kam er nicht an. Nach ein paar Minuten hatte er sich zu mindestens so weit beruhigt, dass er wieder auf Radgar’s Beruhigungen und Einwände reagierte. Die drei Shu hatten die kurze Unterbrechung mit ruhiger Miene verfolgt. Nachdem sich Korin wieder zähneknirschend und knurrend hingesetzt hatte, wandte sich Radgar wieder an QuaRé. „Vergebt meinem Gefährten, ehrwürdiger Qin. Es gab in letzter Zeit einiges an Verrat und Grund zum Misstrauen. Ich weiß das ihr nicht für eine Auslieferung entschieden habt, sonst wären Soldaten gekommen und nicht Ihr. Aber wie hat der Rat dann entschieden?“ QuaRé lächelte Verständnisvoll bevor er zu einer Antwort ansetzte. „Ihr beweist wieder eure Scharfsinnigkeit, Geisterfreund. Der Rat hat entschieden, dass es nicht in unserem Interesse ist, euch der Festung auszuliefern. Sie würden uns doch nicht in Ruhe lassen, ob wir euch ausliefern oder nicht. Aber Ihr befindet euch in einer verzwickten Lage.“ „Und was schlagt ihr vor?“ „Unsere Späher haben berichtet, dass vor einer Stunde ein großes Kontingent an Soldaten die Festung verlassen hat. Sie haben sich aufgeteilt um sowohl zu den drei Minen als auch in die Siedlung zu gelangen. Die Festung selbst riegelt im Moment den Pass ab. Es gibt für euch keine Möglichkeit aus dem Tal zu entkommen oder euch lange verstecken. Auch wenn es einigen von euch schwer fallen wird, wir sind eure einzige Chance in dieser Situation. Wir können euch Wege zeigen, die einzig den Shu bekannt sind.“ „Und was würdet ihr von uns als Gegenleistung verlangen?“ fragte Radgar. Ihm war diese plötzliche Großzügigkeit suspekt. QuaRé lächelte noch immer. „Die Gegenleistungen wird euch keine zusätzliche Mühe kosten. Denn der Weg, den wir euch anbieten, ist nicht ohne Risiko. Er endet an einem Ort, an dem dereinst eine unserer Siedlungen lag. Nur wurden wir vor sehr langer Zeit von dort vertrieben.“ Fânlien beugte sich ein Stück vor. „Und was macht diesen Ort so gefährlich?“ Als die Shu noch an diesem Ort wohnten, nannten wir ihn QinKo, den Sitz des Rates. Heute heißt er Ganoir, der Nordsitz.“

Kapitel 35 – Der Weg nach QinKo

Fânlien und Korin blieb bei diesen Worten der Mund offen stehen, und auch Ak’Sun und Anyi wirkten erstaunt. Radgar dagegen wurde nachdenklich. „Ik lebe nu schon men janzes Leben hier in disem Tal. Dat is dat erste mal dat ik davo hör dat die Festung mal de Shu jehört hat.“ Platzte es aus Korin raus, nachdem dieser endlich seine Sprache wiedergefunden hatte. QuaRé schüttelte leicht den Kopf. „Nicht die Festung gehörte uns. Die Festung wurde auf den Überresten unserer Siedlung gebaut. Aber die Katakomben sind noch immer da.“ Radgar setzte sich mit einem Ruck wieder gerade hin. „Das war es also! Ich wusste das mir die Muster bekannt vorkamen.“ QuaRé und die anderen blickten Radgar erstaunt an. „Anyi, erinnerst du dich an die Muster an den Wänden im Kerker?“ Anyi runzelte kurz die Stirn, dann weiteten sich ihre Augen als sie erkannte worauf Radgar hinauswollte. Sie sah wieder auf die Masken der Shu. „Ihr habt Recht, Mylord. Die Muster waren denen auf den Masken sehr ähnlich. Aber die Höhle endete in dem Kerker.“ Radgar blickte von ihr zu QuaRé. „Ich bin mir sicher, dass es da irgendwo einen weiteren Durchgang gibt. Einer der irgendwo anders hinführt. Und diesen Geheimgang wollt ihr uns nehmen lassen, habe ich Recht?“ QuaRé nickte einmal mit Bedacht. „Wenn wir euch durch unsere alten Hallen führen, würdet ihr im Inneren der Festung herauskommen. Soweit wir wissen, hat der Orden nie die Zugänge zu unseren restlichen Höhlen gefunden. Eure Chancen stehen also nicht so schlecht.“ Radgar blickte einmal an seiner linken und rechte entlang zu den anderen. Korin wirkte immer noch sehr skeptisch, Fânlien und Ak’Sun sahen sich beunruhigt an, während Anyi mehr gedankenversunken als besorgt wirkte. „Werter QuaRé. Ihr habt uns eine Menge zum Nachdenken gegeben. Wir müssen das erst einmal unter uns beratschlagen, dann werden wir Euch unsere Entscheidung mitteilen.“ Noch einmal verbeugten sich QuaRé und Radgar voreinander, bevor die beiden Gruppen aufstanden. Während die Widerstandskämpfer in die andere Höhle zurückgingen, blieben die Shu an dem Durchgang stehen.

Nachdem sich alle um das Feuer gesetzt haben, erzählte Radgar in kürze von dem Gespräch mit den Shu. „Ich für meinen Teil werde es darauf ankommen lassen. Auch wenn die Festung vielleicht nicht erobert werden kann, so können wir auf diesem Weg vielleicht aus diesem Tal kommen.“ beendete Radgar seine Zusammenfassung. „Seid ihr euch sicher, dass ihr den Shu trauen könnt, Mylord?“ gab Fânlien zu bedenken. „Es könnte sich um eine Falle handeln.“ Demonstrativ stellte sich Anyi hinter Radgar. „Ich glaube nicht, dass die Shu uns derartig in eine Falle locken würden. Das würde nicht ihrem Wesen entsprechen.“ „Nit ihrm Wesen?“ Polterte Korin dazwischen. „Die Masknkerle massakrirn dich sobald du ihnen den Rückn zukerst. Die werdn noch unser Unterjang sein, ich sachs euch.“ „Korin, beruhige dich bitte.“ Brummte Reev in seinen Bart. „Ich glaube auch, dass die Shu zu ihrem Wort stehen.“ Gulak beugte sich vor und kam einem erneuten Wutausbruch von Korin zuvor. „Du denkst also, dass ein jeder hier sein Leben in die Hände dieser Waldmenschen legen soll? Was ist wenn sie uns an den Orden verraten?“ „Dann währen nicht sie hier aufgetaucht,“ gab Radgar zu bedenken, „sondern die Soldaten.“ „Wärn se nich.“ Spuckte Korin aus. „So hättn se uns ers noch na Ganoir bringn müssn, so könnse janz in Ruhe da sitz nun auf un warten.“ „Mir ist das Ganze auch nicht geheuer.“ Gab Meltheuser kleinlaut zu. Nervös blickte er zum Durchgang nach draußen. „Aber was für eine Wahl haben wir?“ Elise trat seitlich an ihren Onkel und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Eine Sache dürfen wir bei der ganzen Schwarzmalerei aber auch nicht vergessen. Vielleicht haben wir doch noch eine Chance die Soldaten auf unsere Seite zu ziehen. So wie sich dieser dreckige Dunkelelf aufführt, dürfte er bei den Soldaten nicht sehr beliebt sein.“ Ak’Sun lies an dieser Stelle ein leises Schnurren hören, während sie sich zu Anyi gesellte. „Da hast du Recht. Wenn wir es schaffen, uns unbemerkt in die Festung zu schleichen und diesen stinkenden Wechselbalg festzusetzen, könnten wir es schaffen. Und wenn nicht, können wir ihn immer noch als Geisel einsetzen.“

Radgar schaute bei diesen Worten in die Runde. Gulak und Fânlien wirkten noch etwas Skeptisch, doch dem Plan durchaus aufgeschlossen, während Meltheuser und Korin so wirkten als würden sie am liebsten zurück nach Chadum rennen als den Shu in den Berg zu folgen. Toni nickte ihm wiederum zustimmend zu, genauso wie auch Anyi und Ak’Sun. Auch Elise und Reev schienen mit dem Plan sich nach Ganoir zu schleichen einverstanden. Als Radgar’s Blick schließlich bei Grom ankam, bemerkte er wie dieser ihn argwöhnisch musterte. Als er den Zwerg fragend ansah, brummte dieser und baute sich finster dreinblickend vor Radgar auf. Die eine Hand stemmte er in die Hüfte, den Zeigefinger der anderen bohrte er fast Radgar in die Schulter. „Ihr habt euch zu einem riskanten Zug hinreißen lassen, von Leuten bei denen ihr keine Ahnung habt was sie vorhaben Und ihr habt euch mit siebenmal verfluchtem Drachenzeug eingelassen.“ Dabei funkelte er die Silias an. „Aber ihr habt den Schneid und die Kühnheit die Sache durchzuziehen und genug Glück das es funktionieren kann. Außerdem wäre es Unverantwortlich von mir euch allein in einen Fremden Stollen ziehen zu lassen. Ich werde euch begleiten.“ Bei diesen Worten kam in seinem Bart ein breites Lächeln zum Vorschein. Auch Anyi lächelte den Zwerg dankbar an. Doch Grom beachtete sie nicht, er funkelte noch einmal finster zu der Silias und wandte sich seinen Sachen zu um sie zusammen zu packen. Radgar schaute noch einmal zu Korin und Meltheuser. Die beiden wirkten immer noch nicht überzeugt. Radgar verließ seinen Platz und ging vor den beiden in die Hocke. „Wenn es euch beiden so wenig behagt, dann könnt ihr auch in der Nähe des Passes warten. Ihr werdet es ja mitbekommen, wenn wir Erfolg haben und könnt dann zur Festung kommen.“ Korin sah kurz zum Wirt hinüber, der nickte einmal und ließ dann den Kopf sacken. „Nei, M‘lord, wie werdn euch nich allein lassn. Wir wedn euch bejleitn.“ Auf einmal grinste Korin. „Un sei es nu um euch zu sagen Ik habs euch doch jesagt.“

Auch der Rest der Gruppe begann seine Sachen zusammen zu suchen, während Radgar kurz nach draußen ging um den Shu ihre Entscheidung mitzuteilen. Als er wieder zu QuaRé trat richtete sich der Älteste auf. „Wir haben Beschlossen euer Angebot anzunehmen.“ QuaRé nickte einmal. „In dem Fall müsst ihr euch beeilen. Der nächste Eingang zu unseren Heiligen Hallen ist ein gutes Stück entfernt.“ „Meine Gefährten packen bereits unsere Sachen zusammen, wir sind gleich abmarschbereit.“ Wie aufs Stichwort kam in dem Moment Anyi aus der hinteren Höhle getreten und reichte Radgar seinen Rucksack. Dieser setzte ihn auf und wartete nun auf den Rest der Gruppe, bevor er sich zusammen mit QuaRé an der Spitze auf den Weg machte.

Der Shu führte sie an der Felswand entlang in Richtung des Passes. Die meiste Zeit mussten sie dabei wieder im Gänsemarsch laufen, da die Hänge zu steil waren als das zwei Personen nebeneinander her gehen könnten. Nach vielleicht einer halben Stunde endete der Pfad in einer kleinen Schlucht, die von steilen Felswänden umgeben war und eher einem kleinen Riss im Felsen glich. Doch der erste Eindruck täuschte. Hinter dem schmalen Eingang verbreiterte sich die Höhle rasch und im Schein der angezündeten Fackel wurde ein in den Fels gehauener Gang erkennbar. Die drei Shu verteilten Fackeln an ihre Gäste und so machten sie sich auf in den Fels hinein.

Kapitel 36 - Die Verbannten

Hinter dem Felsspalt war zunächst nur eine kleine Höhle, doch an der Rückwand war ein kompliziertes Rankenmuster in die Wand eingraviert. QuaRé ging an diese Wand und reichte die Fackel an einen seiner Begleiter weiter. Danach legte er seine Hände auf zwei runde, glatte Flächen und begann ein tiefkehliges Summen anzustimmen. Tief im Berg schien etwas mit einem vibrieren auf das Summen zu antworten, und schnell breitete sich zwischen QuaRé’s Händen ein Riss aus. Wie zwei Türflügel schwang die Wand nach innen auf und gab den Blick auf einen im Dunkeln verschwindenden Gang frei. Nachdem er sich seine Fackel zurückgeben gelassen hatte, winkte der Stammesälteste dem Rest der Gruppe ihm zu folgen und trat in den Gang. Kaum war der letzte durch die Türen getreten, fielen diese mit einem leichten Knirschen wieder zu. Radgar schaute zu Anyi, bei der sich ein leichtes Unbehagen deutlich auf dem Gesicht abzeichnete. Doch als sie seinen Blick bemerkte, lächelte sie scheu und wandte sich, wie auch die anderen, den vor ihr liegenden Weg zu. Der erste Raum öffnete sich zu einer großen Hohle, an deren Wänden sich im Schein der Fackeln die eingemeißelten Fresken wie ein Vorhang aus Schlangen zu bewegen schienen Grom legte interessiert seine Hand auf die Steinwand und strich gerade zärtlich darüber. "Diese Arbeiten ist uralt." Der Zwerg blickte zu QuaRé und verneigte sich vor ihm. "Bisher kannte man nur belächelte über die Fähigkeiten eures Volkes bei meinesgleichen. Selbst ich habe sie früher immer belächelt und arrogant abgetan, aber dies beweist wie falsch ich lag. Ich schäme mich für meine früheren Worte und bitte euch um Verzeihung." Die Ehrfurcht, die ihn beim Anblick der Fresken ergriffen hatte, schwang deutlich in dieser Entschuldigung mit. Der Shu schien unter seiner Maske zu lächeln, als er die Verneigung erwiderte. "Wie wir euch schon gesagt haben, sind dies besondere Zeiten. Wir hoffen, dass ihr dies als Zeichen unseres Vertrauens versteht." Der Zwerg erhob sich wieder "Bitte verzeiht mein Misstrauen, ehrwürdiger Weiser." QuaRé nickte einmal und so ging die Gruppe immer weiter in den Fels hinein.

Während die Gruppe den Pfad durch das Höhlenlabyrinth folgte, kamen sie immer wieder an Hinterlassenschaften der früheren Bewohner vorbei. Nicht nur die quasi allgegenwärtigen Fresken und Reliefs, sondern auch Reste von Krügen oder Körben, wo früher etwas gelagert wurde. Dabei wandelte sich das Aussehen der Höhlen immer mal wieder. In einigen standen ganze Wälder aus Tropfsteinen, wo an den Stalagmiten und Stalagtiten Moose und Flechten unterschiedlichster Arten gedeihen konnten. Vereinzelt lies ein kleines Loch im Boden einen Blick in eine riesige, mit Wasser gefüllte Kaverne zu, in der sich das Wasser sammelte und die Quellen der umliegenden Täler speiste. Das ständige scharren, klirren und klappern ihrer Kleidung und der Ausrüstung sorgte zusammen mit den gemurmelten Unterhaltungen für ein gespenstisches Echo. Diese Geräuschkulisse sorgte zusammen mit den häufigen Resten von Lagerstätten für eine Gänsehaut innerhalb der Gruppe, selbst bei den drei Shu. Einzig Grom schien sich hier unten wohl zu fühlen, im Schein seiner Fackel betrachtete er interessiert das Gestein das sie alle umgab.

"Ich kriege hier eine Gänsehaut" grollte Gulak, als sie nach vieleicht einer halben Stunde wieder an einem verlassenen Lagerplatz vorbei kamen. Ak’Sun legte dem Riesenkater eine Hand auf die Schulter und schnurrte: "Ich wusste gar nicht, das du so abergläubisch bist." Fânlien drehte sich zu den beiden um. "Ich fühle mich hier auch etwas unbehaglich. Es ist als ob die, die hier gelagert haben, eben erst weggegangen wären." Er hockte sich neben eine der Feuerstellen und hielt seine Hand über die Glut. Plötzlich stutzte er. Mit gerunzelter Stirn senkte er seine Hand in die Glut und zog sie blitzschnell mit einem Fluch auf dem Lippen wieder zurück. "Die Glut ist noch warm. Diese Feuerstelle ist noch nicht lange erloschen." Rief er als er wieder aufsprang und sein Schwert zog. Bei dem Ausruf drehte sich QuaRé blitzschnell herum und kam zur Feuerstelle gelaufen. Er legte seinen Rucksack ab, reichte die Fackel an Fânlien weiter und begann die Umgebung des Feuers zu begutachten. Nach ein paar Augenblicken richtete er sich wieder auf und wandte sich leise in der Sprache der Shu an seine Gefährten. "Was ist hier los?" Fragte Anyi leise, als sie an Radgar herantrat. "Ich kann nicht alles verstehen, aber QuaRé ist beunruhigt wegen dieses Lagers. Bisher war er der Meinung, dass niemand in den Höhlen sei, aber es waren eindeutig Shu hier gewesen. Er beauftragt die Beiden zurück zu gehen und den anderen Ältesten Bericht zu erstatten. Ich glaub er erwartet Ärger.“ Beunruhigt blickte Anyi sich in der Höhle um, als die Beiden Shu sich umdrehten und in die Dunkelheit verschwanden. QuaRé wandte sich zu der Gruppe wieder um. "Von nun an müssen wir leise und vorsichtig sein. Ich weiß zwar nicht wie das geschehen ist, aber hier unten war jemand. Die Schutzkreise am Eingang waren zwar unangetastet, aber es könnte sein, das jemand einen anderen Weg gefunden hat." Gulak und Ak’Sun tauschten einen beunruhigten Blick, und auch die anderen waren sichtlich beunruhigt. QuaRé deutete allen ihm zu folgen. Mit einem stummen Gedanken bat Radgar die Silias verstärkt auf ihre Umgebung zu achten, bevor er sich der Gruppe anschloss.

Auch wenn die Gruppe sich nun bemühte keine unnötigen Geräusche zu machen, schallte das Echo ihrer Schritte doch deutlich voraus. Das böse Omen der Lagerstelle verstärkte nun bei allen das flaue Gefühl. Einzig und allein Grom ließ sich davon scheinbar nicht beeindrucken, der Zwerg war unter Tage in seinem Element. Radgar war erstaunt, dass weder die Stiefel noch das Kettenhemd des Zwerges das leiseste Geräusch machten, als er immer ein kleines Stück vorausschlich und die Lage peilte. Radgar brachte Sil dazu, getrennt von Grom und der Gruppe die Umgebung zu überwachen. Radgar indes suchte immer wieder einmal sein Auragespür nach fremden, aber er fand nichts. Das ihm Sil aber eindrücke sehr frische spuren übermittelte, lies ihn sich wieder einmal fragen, wo die Grenzen dieser Fähigkeit lagen, und ob es für andere die Möglichkeit gab dieses Gespür wahrzunehmen und sich davor zu schützen. Das QuaRé neben ihn trat riss ihn wieder aus seinen Gedanken. "Geisterfreund“, begann er in der Sprache der Shu, "seht euch vor. Wir werden vieleicht verfolgt." "Woher wisst ihr das?" Antwortete Radgar in derselben Sprache "Ich spüre schon seit einiger Zeit das wir beobachtet werden. Eigentlich hätten wir unsere Verfolger am Tor der Ahnen abschütteln müssen, doch dieses verlassene Lager beunruhigt mich." " Das ist mir nicht entgangen. Aber warum beunruhigt euch das so sehr?" "Nur mein Volk kennt die Zugänge in diese Höhlen, und nur die Mitglieder des Rates wissen um die Wege die Türen zu öffnen. Aber zu meinem Bedauern muss ich sagen, das einige wenige meines Volkes sich aus Machtgier und Verblendung beim Einfall des Ordens in unser Tal sich mit dem Eindringling verbündet hatten. Sie wurden aus unserem Volk verbannt und fristen nun ein Dasein als Verbannte. Ich fürchte, dass sie einen Weg in diese Höhlen gefunden haben und uns irgendwo auflauern werden." "Dann laufen wir in eine Falle?" Geschockt von der Neuigkeit blieb Radgar stehen. Die Anderen blickten sie erschrocken an. Als Radgar ihren Blick bemerkte, viel ihm erst auf das er den letzten Satz in Deutsch gesagt hatte, was mit Ausnahme von Elise alle anderen verstanden hatten. Diese blickte verwirrt drein als die anderen nach dem Aufschrei zu ihren Waffen griffen. Fânlien, Grom und Gulak richteten ihre auf QuaRé, während die anderen einen Abwehrkreis bildeten. QuaRé hob beschwichtigend die Hände. "Das wollte ich damit nicht sagen. Der Orden weiß zwar von den Verbannten, doch als sie ihren Wert verloren, wurden auch sie genauso vertrieben. Nichts hat darauf hingedeutet, das sich das geändert hat, aber wir müssen vorsichtig sein. Sie werden uns vieleicht auflauern, oder im ungünstigsten Moment die Soldaten auf uns aufmerksam machen. Aber das halte ich für unwahrscheinlich." Bevor jemand etwas sagen konnte kam Grom wieder zurück. "Wir haben ein Problem. Da vorne befindet sich eine große Höhle mit einer Art Siedlung. " "Und was ist das Problem?" Fragte Fânlien. "Das will ich dir sagen: am anderen Ende der Höhle sitzt ein Posten des Ordens wache."



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Tag der Veröffentlichung: 01.03.2011

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Widmung:
Für meine Emi, und für meine Lyka. Danke das ihr beide mich auf diesem Weg begleitet habt

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